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L. v. Erlburg – Das Geisterschloß

Novellette

Aus: Deutscher Hausschatz in Wort und Bild für das Jahr 1873 zur Unterhaltung uind Belehrung, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg, New York, Cincinnati, 1873



Der Eilzug brauste in die Halle ein.

»Alles aussteigen!« – ertönte der Ruf von Waggon zu Waggon – die Thüren wurden geöffnet – in bunter Menge ergossen die Reisenden sich auf den Perron.

In einem Wagen zweiter Klasse drängte sich ein junger, schöner Mann in eleganter Reisekleidung ungeduldig an den Mitinhabern vorüber, und sprang mit unverkennbarer Hast von dem hohen Tritt herunter.

Ein Bediente in ganz neuer Livree kam eilfertig auf ihn zu, den Tressenhut ehrerbietig in der Hand. »Eine Droschke, gnädiger Herr?« fragte er.

»Nicht doch«, war die Antwort. »Meine Füße tragen mich schneller! Bringe die Sachen in den Hof von England, und nimm dort Wohnung!«

Er wandte sich ab mit diesen Worten, und verschwand im Gewühl – der Bediente begab sich, mit unzufriedenem Kopfschütteln, an den Gepäckwaggon, die Reise-Effekten seines Herrn in Empfang zu nehmen.

Dieser durcheilte unterdessen die Straßen mit einer Hast, die seine Behauptung, er werde sein Ziel auf diese Weise schneller erreichen, als wenn er sich dem guten Willen der Droschkenführer und ihrer abgetriebenen Gäule anvertraute, zur Wahrheit zu machen versprach. Vor einem großen Hause von sehr herrschaftlichem Ansehen – in einer der fashionabelsten Straßen der Neustadt, blieb er stehen, und überflog mit raschem Blick die lange Fensterreihe des ersten Stockwerks.

Doch kein lebendes Wesen wurde hinter den glänzenden Spiegelscheiben sichtbar, die von schweren, dunkelfarbigen Damastvorhängen zudem fast ganz verhüllt waren. Der Ankömmling verweilte nicht lang bei der fruchtlosen Rekognoszirung, sondern eilte die drei oder vier Stufen hinaus, die zur Eingangsthür führten, und setzte mit einem raschen und kräftigen Zuge die Hausglocke in lautschallende Bewegung.

Gleich darauf wurde eins der Fenster im Erdgeschoß hastig aufgerissen, und ein ältlicher Mann in behaglicher Haustracht streckte den Kopf heraus, neugierig nach dem Fremden hinspähend. Dieser aber bemerkte ihn nicht – er hatte sich nach der entgegengesetzten Seite gewendet, und horchte mit dem Lächeln freudiger Erwartung auf die Schritte, die von Innen sich näherten. Gleich darauf ging die Thüre auf – der junge Mann verschwand im Dunkel des Flurs, während der alte Herr seinen Lauscherposten so eilig verließ, daß er darüber vergaß, das Fenster wieder zu schließen.

Etwa um die nämliche Zeit, als der Zug ankam, saß in einem kleinen, aber mit ausgesuchter Eleganz eingerichteten Gemache desselben Hauses, ein junges Mädchen an einem zierlichen Schreibtisch von Akajouholz, der so mit den verschiedenartigsten Rippsachen überladen war, daß kaum für die kleinste Form von Briefpapier ein genügendes Plätzchen übrig blieb. Ein sehr kleines Blättchen war es denn auch, welches vor der jungen Dame lag – und die erste Seite desselben war zudem fast zur Hälfte ausgefüllt durch eine kunstreiche Malerei von Rosen und Vergißmeinnicht, zwischen denen das glänzende Gefieder fliegender Tauben hervorleuchtete, die als pflichtgetreue Boten die denkbar kleinste Form von Briefen zwischen den vergoldeten Duodezschnäbelchen trugen.

Unter eine dunkelglühende Centifolie, auf einen lose hängenden Vergißmeinnichtstengel, schrieb die junge Dame die Ueberschrift ihres Briefes; und man sah es ihrem hübschen, vom holdesten Lächeln verklärten Gesichtchen an, daß der Name, den sie mit leichter Hand zwischen die Blumen bettete, ein Name sein müße, der ihr theuer war.

»Mein geliebter Edmund«, schrieb sie –dann aber legte sie die Feder hin, und betrachtete mit innigem Blicke die drei Worte.

»Da steht es«, sagte sie leise, »mein Edmund – mein Geliebter! O du lieber Edmund! Wie kann ich einfältig Mädchen nur wagen, Dir zu schreiben, Du Hochbegabter!! Ja, wenn ich's auszudrücken verstände, wie ich's fühle und denke! Aber Dein Herz wird in den schlichten Worten schon finden, was mein Herz Dir sagen möchte, und nicht zu sagen weiß – und was doch Alles mit dem einen Wort gesagt ist: ich liebe Dich!« –

Sie ergriff von Neuem die goldene Feder – da wurde die Thüre halb geöffnet. Der kokett aufgeputzte Kopf einer Zofe schob sich durch die Spalte.

»Fräulein Anna«, sagte sie eilfertig, »die Mama läßt bitten, augenblicklich zu ihr zu kommen. Die Schneiderin ist da, und die Putzmacherin mit den Spitzen, und die Näherin mit dem fertigen Leinenzeug.

Und der Tapezier läßt anfragen, ob Sie die Meubelstoffe schon ausgewählt – die Arbeit dränge ihn!«

Ein Schatten flog über Annas liebliche Züge. Sie legte die eingetauchte Feder hin, und erhob sich mit einem ungeduldigen Seufzer, dem Rufe Folge zu leisten.

»Ueber alle diese Anstalten!« rief sie –»ich möchte wohl wissen, ob es andern jungen Mädchen eben so geht, wenn sie Braut sind! Bestellungen, Einkäufe, Anproben, stundenlange Berathungen über Stoffe und Meubel – es ist zum Verzweifeln! Und über all dem komme ich fast nicht dazu, mein Glück zu fühlen, so recht von Herzen zu empfinden!«

»Ich hätte gedacht«, erwiderte die Zofe verwundert, »das sei gerade das größte Glück im Brautstand, so recht aus dem Vollen die neue Einrichtung, die kostbaren Toilletten besorgen zu können.« –

»Geh' mir mit einem so prosaischen Glück!« sagte das Fräulein, vor Unwillen erröthend.

Sie trat mit diesen Worten in das Morgenzimmer ihrer Mutter – die Zofe aber ging schmollend weiter.

»Ist ihr die kostbare Ausstattung so zur Last,« sagte sie höhnisch, »ich würde sie ihr sehr gern abnehmen – ohne deßhalb auf den Bräutigam Ansprüche zu machen. Da ist mir mein Anton viel lieber, wie so ein Dichter, der selbst verkehrt ist, und Jedermann verkehrt macht, der mit ihm zu thun hat!« –

Die Frau Commerzienräthin Golding empfing ihre Tochter, von einem Schwarm von Putz- und Kleiderkünstlerinen umgeben. Reiche Prachtgewänder, kostbare Spitzengarnituren, Modeartikel aller Art, wurden dem jungen Mädchen vorgelegt und angepaßt – sie sollte prüfen und wählen, anordnen und entscheiden. Ihre sichtbare Gleichgiltigkeit erregte den heftigen Unwillen der Commerzienräthin.

»Habe ich darum so viel auf Deine Erziehung gewendet«, rief sie, »um jetzt in Deinen eignen Angelegenheiten nicht die geringste Hilfe an Dir zu haben?! Die ganze Last ruht allein auf mir!«

»Aber, liebe Mutter«, wandte das Fräulein schüchtern ein, »warum auch betreibst Du das Alles so großartig? – Edmunds einfacher Sinn verlangt keine solche Pracht, und da wir den größten Theil des Jahres auf dem Lande zubringen werden, so« –

»Auf dem Lande?!« fiel die Mutter heftig ein. »Glaubt der Herr Baron etwa, ich lasse das Haus in der Stadt darum mit so enormen Kosten neu herrichten, um meine einzige Tochter in seinem alten Eulennest verbauern zu sehen?« –

In dem nebenan liegenden Salon wurden Stimmen laut – die Stimme des Commerzienraths, freudig erregt, und noch eine – eine geliebte Stimme.

»Edmund«, rief Anna jubelnd.

Der kostbare Spitzenmantel, den die Modistin ihr um die Schultern gehängt, glitt auf den Boden – das junge Mädchen flog hinaus, den Ersehnten zu begrüßen. –

Es hatte harte Kämpfe gekostet, bis die Liebe des jungen Paares in den geschützten Hafen eines glücklichen Brautstands hatte einlaufen können. Dem reichen Commerzienrath Golding lag nichts ferner, als die Absicht, sein einziges Kind, den Abgott seiner Augen, die Erbin seiner Millionen – dem jungen Dichter zur Frau zu geben, der außerdem gar nichts war – als ein guter und edler Mensch – und ein armer Baron. Der Mann der nüchternen Realität konnte es dem »überspannten Schwärmer« nicht verzeihen, daß er die vielversprechende diplomatische Carriere, kurz nachdem er dieselbe betreten, wieder aufgegeben hatte, um ganz und ungehindert seinen schriftstellerischen Bestrebungen seine Kräfte und seine Zeit widmen zu können. Es änderte auch nichts an seinem Unwillen, als des Dichters Name, schon nach seinen ersten Versuchen, ruhmvoll genannt, ja den Besten beigezählt wurde.

»Das Alles hängt von hunderterlei Zufälligkeiten ab«, sagte er. »Von der wechselnden Gunst des Publikums vor Allem von dem guten Willen der Verleger – von der unberechenbaren Launenhaftigkeit des Literaten selbst! Darauf hin kann man kein Haus begründen – das ist nichts Solides, keine feste Grundlage!«

»Aber, Papa«, wandte Anna ein, »es gibt keinen Menschen in der Welt, glaube ich, Dich selbst etwa ausgenommen, der so wenig launenhaft wäre, als Edmund Wilden.«

»Das beliebt Dir zu sagen«, rief er hitzig. »Wofür hat er denn studirt, wenn er nun doch nicht Gesandter werden will? Das ist der größte Beweis von Launenhaftigkeit! An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen, sagt die Schrift – und kurz und gut ich verbiete Dir hiemit auf's Allerbestimmteste, ferner noch mit einem einzigen Gedanken an den Baron Wilden zu denken!« –

Dabei war es geblieben – bis auf das Denken! Das läßt sich nicht so kurz und gut verbieten – und Anna dachte des Geliebten mit unwandelbarer Treue, und mit der unerschütterlichen Zuversicht, daß über kurz oder lang »etwas geschehen« müsse, wodurch des Vaters Herz erweicht, und die Erfüllung ihrer Wünsche ermöglicht würde.

Es geschah denn auch etwas. –

Ein Vetter Edmunds, der Inhaber der weitläufigen Besitzungen der Familie, ein kinderloser Wittwer, in den besten Jahren, im Begriffe, eine zweite Ehe zu schließen – starb an einem Herzschlage. – Edmund aber war der gesetzliche und unbestrittene Erbe. – Der Dichter, für den bei der Theilung der Erde nichts übrig geblieben der bisher nur in den lustigen Höhen der Phantasie sein unbegränztes Reich beherrscht – er trat durch diesen Todesfall plötzlich in den Besitz eines kolossalen Vermögens.

Reiche Ländereien, ausgedehnte Forsten, Burgen und Schlösser waren ihm zugefallen – und das Kapitalvermögen, das der verstorbene Freiherr hinterlassen –- überstieg bei Weitem die Meinung, die man seither im Publikum von dessen Reichthum gehegt hatte.

Nun war allerdings, auch vom realen Gesichtspunkt des Papa Golding aus, gegen den Freier nichts mehr einzuwenden und die Verlobung wurde mit Sang und Klang gefeiert – die Hochzeit sollte stattfinden, sobald die schickliche Trauerzeit um den Erblasser vorüber sein würde.

Die beiden Liebenden waren überglücklich – doch wurde ihre Glückseligkeit bald getrübt durch die vielfachen Anforderungen, mit denen die nüchterne Wirklichkeit dem hohen Fluge ihrer Empfindungen hindernd und störend in den Weg trat.

Da gab es auf den Gütern des Barons Anordnungen zu treffen, neue Einrichtungen ins Leben zu rufen, Rechtsfragen zu schlichten, das Auge des Herrn über dem Thun Und Treiben der Untergebenen offen zu halten. Und während dessen stellte Annas Mutter die strenge Anforderung an das poetische Töchterlein, sich um die Einzelheiten der reichen Ausstattung eingehend zu bekümmern.

Und so – statt in liebenden Herzensergüssen einander nach Wunsch und Neigung gegenseitig anzuschwärmen, waren die beiden jungen Leute während des kurzen Brautstands meist getrennt, und mit Dingen beschäftigt, auf welche sie von der Höhe ihrer idealen Gefühlswelt mit kaum verhehlter Geringschätzung herunter blickten.

Endlich aber war auch das überstanden die Trauerzeit zu Ende, und von sehnsüchtiger Liebe getrieben eilte der Bräutigam in die Stadt, um der Geliebten zu melden, daß in Schloß Wildenfels Alles bereits sei, die Herrin zu empfangen.

»Und was Sie dabei noch etwa übersehen haben dürften, lieber Sohn«, mischte die Commerzienräthin sich mit hausmütterlichem Eifer ein, »das kann ich ja nachholen, während Ihr auf der Brautreise seid.«

»Sie sind sehr gütig, liebe Mama«, fiel Edmund ein, »aber« –

»Denn«, fuhr sie unbeirrt fort, »Ihr geht ja doch selbstverständlich nicht von hier aus direkt nach Schloß Wildenfels. Die Gelegenheit dürfte nicht leicht ein zweites Mal so günstig sein für Anna, um wenigstens Wien und Paris zu sehen.«

»Ich richte mich darin selbstverständlich ganz nach Annas Wünschen«, sagte er freundlich. –

»Ach, Mama«, rief das junge Mädchen, »ich habe ganz andere Wünsche! Nach Paris zu reisen, ist am Ende keine so große Kunst – ich aber möchte« –

»Was möchtest Du, mein geliebtes Leben?« fragte er zärtlich, da sie inne hielt.

Die Mutter wurde in diesem Augenblick abgerufen, um in ihrem Kabinet einen Besuch zu empfangen. Anna wartete, bis sie hinausgegangen war, und sagte dann bittend, indem sie ihre kleine Hand auf den Arm des Freundes legte:

»Ich möchte Deine Geisterburg sehen, lieber Edmund, von der Du mir so viel erzählt hast!«

»Die alte Burg?« rief er verwundert, und fügte ein wenig verlegen hinzu: »ich fürchte nur, Du wirst Dich etwas enttäuscht finden dort. Ich selbst war niemals dort, und so viel ich weiß, ist das alte Haus, welches eigentlich die Ginsterburg heißt, meist nur zu wirthschaftlichen Zwecken seit einer Reihe von Jahren benutzt worden.

»Aber die schaurige Geistergeschichte« –

»Je nun, es gehen allerdings in der dortigen Gegend verschiedene unheimliche Gerüchte über das alte Gemäuer unter den Landleuten. Im Uebrigen« –

»Höre, Edmund«, unterbrach sie ihn, und zog ihre Hand von seinem Arm zurück – »hast Du die Geschichte damals etwa bloß erfunden?«

»Erfunden nicht«, erwiderte er, indem er die entweichende Hand ergriff und an die Lippen zog, »nur ausgeschmückt, wie ich es gerade in den Roman brauchte, den ich unter der Feder hatte. Es war zu verlockend, in deinen beweglichen Zügen den Eindruck im Voraus zu belauschen, den meine Schauergeschichte auf die »wohlgeneigten« Leserinen machen würde. Du hast damals, ohne es zu ahnen, die Zuversicht auf mein Talent bedeutend in mir erhöht.« –

»Es war aber eigentlich abscheulich von Dir, Edmund!«

»Laß dieß aufrichtige Bekenntniß meine Buße sein!«

»Nicht wahr, jener Roman ist noch nicht erschienen?«

»Er liegt vielmehr noch unvollendet in meinem Pulte.«

»Dann müssen wir jedenfalls die Burg besuchen«, rief sie lebhaft. Vielleicht fallen Dir, an Ort und Stelle, noch mehr solche Geschichten ein. Etwa von einer Nonne, die eingemauert worden ist, und nun im Grabe keine Ruhe finden kann.« –

»Oder von einem Jesuiten«, unterbrach er sie, »der aus Habgier und Herrschsucht etwa den Brunnen im Schloßhof mit Ciankala vergiftete, wodurch eine Rindviehseuche entstand, an welcher alle Bewohner des Schlosses elendiglich zu Grund gegangen sind.« –

»Gabs denn damals schon Jesuiten?« fragte sie verwundert.

»Bewahre, nein, auch keine Ciankala«, erwiderte er, »aber das thut nichts. Wenns nur gegen die Jesuiten geht, darf man sich schon etwelche historische Schnitzer erlauben.

Das ist die alte Geschichte, mein Lieb, die ewig neu bleibt!«

»Die Geschichte von den Jesuiten?«

»Die Geschichte des Kampfes, den die jetzige Zeit gegen die Jesuiten, und überhaupt gegen die Kirche führt, und die nur ein Kapital ist in der Geschichte des Streites, der seit Anbeginn der Welt zwischen Gut und Bös, zwischen dem Reiche der Finsterniß und dein Reiche Gottes besteht!«

Das junge Mädchen sah eine Weile sinnend vor sich nieder. Dann reichte sie dem Freunde lebhaft die Hand, und rief mit hell aufleuchtendem Blick:

»Wir wollen fest stehen auf der guten Seite, Edmund!«

»Das wollen wir«, erwiderte er, die schlanken Finger, wie zum feierlichen Versprechen, ergreifend, »das wollen wir, meine Anna, so Gott uns helfe!« –

Wenige Tage später wurde die Vermählung des jungen Paares mit allem Glanze gefeiert, welchen der Reichthum und die bevorzugte Lebensstellung desselben, vorzüglich aber die prachtliebende Eitelkeit der Frau Commerzienräthin erheischte.

Dieß prunkvolle Auftreten war allerdings nur wenig nach dem Geschmacke der Liebenden; indessen fügten sie sich mit der liebenswürdigsten Unterwürfigkeit in Alles, was über sie beschlossen wurde – bis zu dem Augenblicke, wo des Barons rasche Pferde ihn und sein junges Weib dem elterlichen Hause entführten.

Nun aber wurde das Reiseprogramm, das ihnen die Mutter vorgezeichnet, vollständig umgestossen. Statt nach Paris und Wien ging die Reise ins hohe Gebirg. Dort wollten sie, in lang ersehnter Freiheit, Berge und Thäler durchstreifen, an den schönsten Stellen nach Belieben verweilen, und dann, auf dem Heimwege nach Schloß Wildenfels, ihrem künftigen Wohnsitze, das in wilder Einsamkeit gelegne Bergschlößchen, die Ginsterburg oder, wie Anna hartnäckig sagte, Geisterburg, besuchen.

Die junge Frau freute sich mit der Neugier eines Kindes auf diesen Besuch. So sehr ihr Gemahl es sich hatte angelegen sein lassen, den Eindruck zu verwischen, den seine damalige Erzählung auf ihre erregbare Phantasie gemacht, so vermochte sie es doch nicht über sich, den Begriff des Geheimnißvollen und selbst Schauerlichen von dem Gedanken an die so lange vernachläßigte Besitzung zu trennen, und bestand sogar darauf, unangemeldet dorthin zu kommen, damit nicht etwa die Anstalten, die der Verwalter des Gutes zu ihrem Empfang treffen würde, diesen Eindruck verwischen möchten.

Das herrlichste Sommerwettter begünstigte ihren Aufenthalt im Gebirge. Die Natur erschloß sich vor ihren empfänglichen Seelen, in ihrer wilden und großartigen Pracht.

Auf dem Gipfel des lang ersehnten Glückes, im Vollgenuß der Jugend – in erhobener Einsamkeit mit dem geliebtesten Wesen allein – vergaß der Dichter für den Moment fast die heiße Geisterschlacht, die in den Niederungen geschlagen ward – und in die, mit Schrift und Wort, männlich einzugreifen, er für seinen ehrendsten Beruf, seine unerläßliche Pflicht erkannt.

Die Lieder, die in diesen glückseligen Feierwochen seines Lebens den Saiten seiner Harfe entströmten, würden selbst die übelwollendste Censur ungefährdet passirt haben.

Kein politischer oder satyrischer Mißton störte ihre reine Harmonie – sie klangen nur Liebe – und feierten in rauschenden Akkorden die gewaltige Schönheit der Riesen des Gebirgs.

Und endlich ging's nach der Geisterburg! –

Es war eine mühselige Fahrt dahin.

Zwischen himmelhohen Felswänden mußte der Wagen sich durchwinden – häufig fast versperrt durch große Steine, die von der Höhe herabgestürzt waren – oder ausgehöhlt von den übergetretenen Wassern eines wilden Gießbachs.

Endlich verengte sich die Straße zu einem schmalen Pfade, der steil aufwärts führte, einen hohen Berg hinan, auf dessen Rücken ein weitgedehnter Tannenforst dunkelte, während am Fuße einige armselige Hütten, von kümmerlich bebauten Feldern umgeben, eine Art von Dörfchen bildeten.

Der Kutscher hielt die keuchenden Pferde an, und trat an den Schlag.

»Ew. Gnaden verzeihen«, sagte er, »aber da können die armen Thiere den Wagen nicht hinauf bringen.«

Edmund sprang heraus – der erste Blick überzeugte ihn, daß der Mann Recht habe mit seiner Behauptung.

»Führt kein andrer Weg nach der Ginsterburg?« fragte er einige Weiber, die mit ihren kleinen Kindern auf den Armen, die fremden Reisenden neugierig von ferne umstanden.

»Von hier aus nicht«, war die Antwort – »der Fahrweg führt dort hinauf.« Sie zeigten nach der Richtung des Waldes.

»Wie· weit ist das Schloß von hier noch entfernt?«

»Eine gute Stunde, Herr!«

»Und das ist der einzige Weg?«

Die Weiber sahen einander, einfältig lachend, an, und nickten, ohne zu antworten.

Der Baron wandte sich zu seiner Frau.

»Wir sind leider irre gefahren«, sagte er. »Getraust du dich, den Berg zu Fuß zu ersteigen?«

Anna war sogleich dazu bereit.

»Wir haben ja höhere Berge erstiegen«, sagte sie freundlich, mit leichtem Fuß aus dem Wagen springend.

Der Kutscher erhielt die Weisung, wo möglich im Dorfe ein Unterkommen für die Nacht, für sich und seine Pferde zu suchen, und am nächsten Morgen einen Wegweiser zu nehmen, der ihn nach dem Schlosse bringe.

»Können wir den Fußweg also von hier aus nicht verfehlen?« fragte der Freiherr dann, indem er seiner Gemahlin den Arm bot. Eine der Bäuerinen kam näher herbei.

»Zuerst geht es gerade aus«, belehrte sie ihn, »dann rechts abwärts, durch's Ginsterburger Thal, dann links in den Wald, dann kommt ein Kreuzweg –

»Auf dem ein Meilenzeiger steht«, fiel Anna belustigt ein.

»Es hat einer da gestanden«, sagte die Frau mürrisch, »aber der Sturm hat ihn im vorigen Herbst umgeworfen, und ein neuer ist noch nicht da. Wozu auch? Wir wissen den Weg, und Fremde kommen für gewöhnlich nicht her.«

»Es scheinen da sehr primitive Zustände zu herrschen,« sagte Edmund halb laut. Er bereute jetzt, daß er Anna nachgegeben, und ihre Ankunft nicht dem Verwalter wenigstens gemeldet hatte. Welchen Empfang konnte er, unter diesen Umständen, für die zarte und verwöhnte junge Frau erwarten?

Sie aber schlug fröhlich in die Hände, und rief:

»Das ist herrlich, Edmund! Ein Kreuzweg mitten im Walde, auf dem kein, so gewiß prosaischer, Meilenzeiger steht! Da kann ja die weiße Frau gar nicht umhin, munter voran – und stützte sich nur an den abschüßigsten Stellen auf die Hand ihres Mannes – mehr aus freundlicher Rücksicht, seine dargebotene Hilfe nicht zurückzuweisen, als weil sie derselben bedurfte.

Eine Weile ging es dann durch ein enges Wiesenthal, das von beiden Seiten von bewaldeten Höhen umgeben war. Ein kleiner, schnell fließender Bach trieb hier eine Mühle, deren eintöniges Geklapper allein die tiefe Stille unterbrach. Der Müllerbursche, welcher neugierig und verwundert aus dem oberen Mühlenfenster den fremden Erscheinungen nachblickte, war das einzige menschliche Wesen, welches ihnen, seitdem sie das Dörfchen verlassen, sichtbar geworden war.

Etwa hundert Schritte weiter wandte der Pfad sich wieder nach links, zuerst durch niederes Gebüsch, und dann, sich mehr und mehr hebend, in den Hochwald.

Tiefe, feierliche Stille umgab die jungen Wanderer – nur der Orgelton des Windes in, den Tannenwipfeln brauste hoch über ihren Häuptern dahin.

»Wenn hier Geister hausen«, sagte Anna leise, »so meine ich, es könnten nur gute Geister sein – in dieser Stille, in diesem hehren Waldesfrieden!«

»Uns wenigstens«, erwiderte Edmund, und zog ihre zarte Gestalt näher an, sich, »werden keine bösen Geister etwas anhaben können! Wo treue Liebe wohnt, entfliehen die Dämonen!«

Sie standen auf dem Kreuzwege. Tonerl ging rasch voran, gerade aus, indem er hier und da die überhängenden Baumzweige abbrach oder das überwuchernde Brombeergestrüppe aus dem, offenbar wenig betretenen Pfade, hinwegräumte.

Der Wald wurde lichter – einzelne Strahlen der Abendsonne fielen durch die Bäume, und zeichneten schräge Schatten auf den moosigen Grund. Hoch in den Wipfeln ertönte das Abendlied der gefiederten Sänger des Waldes in hundert verschiedenen Weisen – keine störte oder beirrte die andre.

Der Boden, den die Wanderer betraten, wurde härter und steiniger. Große Felsblöcke, vom Regen nach und nach abgerundet, mit dichtem Moos überkleidet, lagen einzeln hier und da, wie von Titanenhand dahin geworfen. Es waren wie die Vorposten einer imposanten Felsmasse, von regellos übereinander gethürmten Blöcken, die mit wildem Gestrüpp und dichtem Epheugeschlinge fast ganz verdeckt waren, während oben auf dem Gipfel ein Paar junge Tannen ihre zähen Wurzeln in den Felsen gedrängt hatten, und aus der dünnen Moosschichte, die den harten Stein bedeckte, eine kümmerliche Nahrung zogen.

»Das sieht ja aus wie ein Hünengrab,« rief Edmund überrascht. Tonerl aber eilte vorüber, so sehr er konnte, ohne zu antworten. Erst als sie eine Strecke weiter gegangen, blieb er stehen und holte tief Athem.

»Das ist der unheimlichste Platz im ganzen Walde«, sagte er, »Niemand, der nicht muß, geht nach Dunkelwerden hierher.«

»Was gibt es denn so Fürchterliches hier?« fragte Anna rasch. »Pflegt etwa wirklich die weiße Frau an dieser Stelle zu erscheinen?«

»Die weiße Frau wäre am Ende das Aergste nicht«, erwiderte Tonerl mit bedenklichem Kopfschütteln. »Schwarze Waldteufel sind es vielmehr, die da ihr Wesen treiben.«

»Waldtenfel!?« rief der Baron laut auflachend – – aber der Bursche unterbrach ihn.

»Lacht nicht, Herr«, bat er, sich scheu umblickend, »hier noch nicht!!«

Er ging eilig noch einige Schritte weiter – hier machte der Pfad eine Biegung, die ihnen die Felsengruppe und ihre nächste Umgebung aus den Augen brachte.

»Es war früher da oben ein beliebter Weideplatz«, erzählte er nun, gemächlich vor dem jungen Paare hergehend. »Das Vieh liebte die saftigen Waldkräuter fast mehr, wie das Wiesengras. Aber – eh man sich's versah, war ein junges Lamm von der Herde verschwunden, und dann wieder eins kein Mensch wußte, wohin sie gekommen waren – der Schäfer selbst so wenig, wie die Andern«.

»Das läßt aber weit eher auf Raubthiere schließen«, warf Edmund ein, »als auf Gespenster!«

»So glaubten sie auch im Dorfe lange Zeit, Herr! Ein paar junge Bursche wollten einen Wolf gesehen haben, und sie zogen in hellen Haufen hinaus – wer ihn schießen würde, dem war eine gute Belohnung versprochen – ja – es hat sich was! Kein Wolf weit und breit –- am nächsten Tage aber fehlte wieder ein Lamm. Seitdem wird das Vieh nicht mehr daher auf die Weide gebracht.«

»Das ist vernünftig,« sagte Anna.

»Eine Zeitlang war es nun ruhig«, erzählte der Bursche weiter, »und die ganze Sache gerieth nach und nach in Vergessenheit, bis in diesem Frühjahr ein paar Kinder aus dem Dorfe, die im Walde Erdbeeren und Brombeeren suchten, von einer schwarzen Gestalt verfolgt wurden, die Hörner aus dem Kopfe hatte, und aus dem Munde Feuer spie. Die armen Kinder liefen, was sie konnten, und schrieen um Hilfe – da kamen ein paar Bauern, die in der Nähe Streusel suchten, herbei, und der Waldgeist verschwand. Mein Vetter war mit dabei, Herr, und hat ihn noch deutlich geseh'n, wie er in die Erde versunken ist – gerade neben dem Steinhaufen.

Aber dort ist die Geisterburg!«

Sie standen am Rande des Hochwaldes.

Vor ihnen zog der Weg sich thalwärts durch niedres Gebüsch, und auf der gegenüber liegenden Höhe ragten, im rothen Glanze des westlichen Himmels, die halbverfallenen Zinnen eines altergrauen Gemäuers.

Von träumerischem Sinnen befangen, schaute Anna hinüber, während ihr Gemahl dem Burschen befahl, voraus zu laufen, und ihre Ankunft dem Inspector zu melden.

»Wie findest du das Alles, mein Lieb?« wandte sich Edmund, als sie allein waren, zu seiner Frau. Sie fuhr empor, wie erwachend.

»Das Waldgespenst des guten Toner!«, sagte sie lächelnd, »ist mir, ehrlich gestanden, etwas zu grell ausgeputzt, um den Eindruck des Geisterhaften zu erregen; aber dort – ich meine, jene verfallenden Mauern müßten manch schöne Mär zu erzählen wissen, von Liebe und Leid und edlen ritterlichen Thaten, deren Schauplatz sie in längt verklungenen Tagen gewesen sein mögen.«

»O meine holde Muse«, rief er, sie umfassend, aus, »wer von uns Beiden ist nun das eigentliche Dichterherz? Du träumst Poesie und Ritterthum, während ich, höchst prosaisch, an den vollkommenen Mangel jeder Bequemlichkeit dachte, der dich, in dieser Burg meiner Ahnen, empfangen wird«.

»Und an dich selbst hast du dabei nicht gedacht, Edmund?«

»Wahrhaftig nicht – es ist mir nur um dich!«

»Dann war auch der Gedanke nicht prosaisch, mein Geliebter! Die Liebe gab ihn dir ein – und die Liebe ist in alleweg die höchste Poesie!«

»Und das höchste Glück, meine Anna!«

Im Schloßhofe rannte Alles durcheinander, wie ein aufgescheuchter Ameisenschwarm. Der gute Tonerl war mit seiner Meldung wie eine Bombe in das friedliche Einerlei des ländlichen Betriebs gefallen – die Frau Inspektorin wußte sich in der Ueberraschung nicht zu helfen, und schickte Knechte und Mägde nach verschiedenen Orten mit den verschiedensten Aufträgen aus.

Der Inspektor selbst war der Einzige, der den Kopf nicht verlor. Er trat den Ankömmlingen am Hofthor mit höflichem Gruße entgegen – und damit war für ihn die erste Verlegenheit auch schon überwunden. Die beiden jungen, schönen Gestalten, die so einfach und prunklos, ohne Dienerschaft und Begleitung, Hand in Hand, wie fröhliche Kinder, unter dem düstern Thorweg erschienen, sahen nicht aus, als wären besonders heroische Ansprüche von ihnen zu befürchten. –

Auf der andern Seite fühlte sich Edmund von der biedern, gutmüthigen Art des Inspektors, der nur wenig älter sein mochte, als er selbst, sogleich sympathisch angezogen. Anna aber hatte ihre besonderes Freude an dem schönen Hunde, der Jenem wie sein Schatten, auf jedem Schritte folgte; – ein riesiges, schlank gebautes Thier, mit klugen, treuen Augen – von der edlen Raçe, die dort im Gebirge heimisch ist.

Die Frau Inspektorin tischte für den Abend auf, was ihre Küche vermochte, und ihre anfängliche Befangenheit verlor sich bald, als sie sah, wie die Ankömmlinge, mit dem guten Appetit der Jugend und vollkommenen Gesundheit, der ländlichen Mahlzeit zusprachen. Die Wohnung der Familie lag in einem Seitenflügel des Schlosses, dem einzigen Theile desselben, der noch eigentlich bewohnbar war. Im obern Stock befanden sich einige nothdürftig eingerichtete Gastzimmer, die den jungen Reisenden angewiesen wurden.

Am nächsten Morgen gingen sie, völlig ausgeruht und neugestärkt, in Begleitung des Inspektors daran, das alte Gebäude in allen seinen Einzelnheiten zu betrachten.

Anna fand sich ein wenig enttäuscht von dem, was sie sah. Große, leere Räume, meist zu verfallen, um annähernd einer behaglichen Wohnung zu gleichen, und nicht verfallen genug, um von dem romantischen Reiz einer völligen Ruine umwoben zu sein.

»Ich hatte mir das Alles ganz anders vorgestellt«, sagte sie, ein wenig kleinlaut.

»Das Beste habe ich der Frau Baronin für zuletzt aufbehalten,« erwiderte der Inspektor. Er führte sie mit diesen Worten einen engen Gang hinunter.

»Wo haben sie denn ihren Tristan gelassen?« fragte die junge Frau, als ihr Führer vor einer schmalen Spitzbogenthür stehen blieb, die mit Schlössern und Riegeln sorglich zugesperrt war.

»Das ist eine seltsame Geschichte«, erwiderte er, unter seinen Schlüsseln suchend, »der Hund ist auf unbegreifliche Weise verschwunden.«

»Das prachtvolle Thier?« fiel der Baron erschrocken ein, »wie kann das zugegangen sein?«

»Ich erlaubte dem Burschen, der· Sie hergeführt, den Hund als Schutz und Begleitung mitzunehmen, da er eine abergläubige Angst davor hatte, allein durch den Wald, beim dunkelnden Abend, zurück zu gehen, und sich doch nicht bewegen ließ, hier oben zu übernachten. Unterwegs ist ihm der Hund entkommen; er weiß nicht, wie. Alles Rufen und Suchen war vergeblich  – dabei will er klägliches Geheul aus dem Innern des Berges gehört haben – kurz, der arme Kerl liegt zu Hause krank vor Angst und Entsetzen, und mein Tristan ist fort! Es thut mir sehr leid.«

»Haben sie denn Niemand ausgeschickt, ihn zu suchen?«

»Ich war sogar selbst mit einem Knechte vor Tagesanbruch im Walde. – Nirgends eine Spur! Ich will jetzt den Verlust öffentlich bekannt machen – habe indessen nur wenig Hoffnung auf Erfolg.«

Er öffnete die Thüre – die beiden Gatten traten in ein noch völlig erhaltenes, achteckiges Gemach, mit hohen, gothischen Fenstern. An den Wänden hingen lebensgroße Bilder von Herren und Frauen in der Tracht des Mittelalters.

»Also hier ist der Ahnensaal verborgen«, rief Edmund überrascht, »den ich in Schloß Wildenfels vergeblich suchte! Waren die Bilder immer hier, Herr Inspektor?«

»Kann nicht dienen, Herr Baron«, erwiderte dieser. »Ich selbst bin erst seit etwa zwei Jahren hier, und fand Alles so vor, wie es jetzt ist. Im Inventar sind diese Portraits als Ahnenbilder von hohem Werthe angegeben.«

Anna stand vor einem weiblichen Bilde in Lebensgröße, das sie unwiderstehlich anzog. Eine Nonne in dem weißen Ordenskleid der Dominikanerinnen – der schwarze Schleier beschattete ein Gesicht von fast überirdischer Schönheit – der verklärte Blick der großen, dunklen Augen schien an nichts Irischem haften zu können. Oben in der Ecke war das Familienwappen der Wilden angebracht.

»So schön«, – sagte die junge Frau leise und träumerisch, »und doch entsagte sie der Liebe« –

»Der irdischen«, fiel Edmund ein. »Sie war besser, als wir – sie opferte die Erstlinge ihres Herzens der himmlischen Liebe auf – wir wollen durch die irdische Liebe zur himmlischen emporsteigen!«

»Können Sie mir etwas Näheres sagen«, fragte der Baron den Inspektor, während sie eine enge, steinerne Wendeltreppe hinunterstiegen, die in das Erdgeschoß führte, »über die Entstehung der spuckhaften Gerüchte, die diesen Ort für die umwohnende Bevölkerung so unheimlich machen?«

»Näheres nicht«, war die Antwort, »mir scheint aber, der selige Herr Baron, Ihr Onkel, und mein Vorgänger hier im Dienste, haben zusammen das Meiste dazu beigetragen. Sie sind Beide todt – man soll den Verstorbenen nichts Uebles nachsagen – aber sie waren Beide große Spirituisten. Klopfgeister und redende Tische spielten eine große Rolle – und sie glaubten Beide den Orakeln mehr als der Kirche.«

»Das pflegt so zu gehen«, schaltete Edmund ein – »wo der Glaube entschwindet, hat der Aberglaube freies Feld.«

»Es soll hier in alten Zeiten«, fuhr Jener fort, »ein Brudermord verübt, und ein großer Schatz vergraben worden sein. Den wollten sie entdecken, mit Hilfe der Geister.«

»Schatzgräberei?!« rief der Baron verächtlich.

»Nun, gnädiger Herr«, lachte der Inspektor, »so übel wäre es nicht!«

»Gott bewahre – das sind dunkle Geschichten«, rief Jener. »Die Geister der Tiefe beschwören, um einen Schatz zu gewinnen, der obendrein durch Brudermord befleckt ist – der Schatz mag ruhen und die Geister schlafen – nicht wahr, Anna?«

»Gewiß, lieber Edmund – wenn es nicht etwa arme Seelen sind, denen man helfen könnte durch Gebet und das heilige Meßopfer«, erwiderte sie.

Der Inspektor führte sie im Erdgeschoß in einen großen Saal, der in früheren Zeiten als Bibliothek gedient haben mochte, wie die Spuren von hohen und breiten Repositarien zeigten, die an der dunkelfarbigen Ledertapete hie und da zurückgeblieben waren. Einzelne alterthümliche Waffenstücke hingen zwischen den Fenstern – lange Spieße, nach Art der schweizerischen Morgensterne, lehnten in einer Ecke – das Merkwürdigste aber, was dem Freiherrn auffiel, war eine ganz vollständige Ritterrüstung von schwarzem Eisen, die auf dem weit vorspringenden Sims des ungewöhnlich breiten und tiefen Kamines stand. Das Visir des Helmes war geschlossen – als Helmzier war das Wappenthier des Hauses, ein springender Hirsch, in Gold getrieben, angebracht, und das ganze Wappen, ebenfalls in Gold, in erhabener Arbeit, schmückte den großen, schwarzen Eisenschild.

»Das ist ja eine meisterhaste, kostbare Arbeit«, rief Edmund, der ein leidenschaftlicher Liebhaber und Kenner von derartigen Alterthümern war, »aber warum steht das schwere Prachtstück auf dem Kaminsims? Welchen Eindruck müßte es auf jeden Eintretenden machen, wenn ihm der schwarze Ritter, dort an der Wand, der Thüre gegenüber, gleichsam zum Willkomm entgegen träte!«

»Ich habe mir nirgends erlaubt, etwas zu ändern«, erwiderte der Inspektor. »Zudem aber – und das ist das Merkwürdigste dabei – ist die Gestalt nicht von der Stelle zu bewegen. Wir versuchten es, behufs der Säuberung – denn es war Alles von Spinngeweben und Staub überzogen –vermochten aber nicht, sie nur um ein Haarbreit zu verrücken.«

Der Baron schüttelte verwundert und im höchsten Grade interessirt, den Kopf.

»Sollte Mauerwerk unter dem Eisenkleid stecken?« rief er, das hohe Kamin von allen Seiten durchspähend. Er klopfte an die Figur, so weit er reichen konnte – es klang ihm dumpf und hohl entgegen.

»Das muß ich näher untersuchen«, rief er. »Lieber Inspektor, bitte, lassen Sie mir eine Leiter bringen!«

Die Leiter kam, er stieg hinauf, der Inspektor hielt sie unten fest, während Anna zwischen Neugier und einem unbestimmten Gefühl von Furcht getheilt, daneben stand!

Edmund untersuchte die Gestalt genau – er war in dem Moment ganz Archäologe.

»Alles fest«, sagte er, »aber seltsam, – die einzelnen Stücke der Rüstung sind aneinander geschmiedet!« der Inspektor lachte.

»Weiß wohl«, sagte er.

Der Baron stieg von dem Sims wieder auf die Leiter, und untersuchte die Eisenfüße noch einmal. Plötzlich schrie er laut auf, und zugleich ließ sich, wie aus dem Innern der Erde kommend ein Knarren und Stöhnen vernehmen, wie wenn rostige Angeln und Winden sich drehen. «

»Der rechte Sporn ist eine Schraube«, rief Edmund herunter, »bitte, halten Sie fest, bester Inspektor!«

Er drehte mit großer Anstrengung weiter – das Getöse nahm zu, und jetzt that die Rückwand des Kamins sich langsam auseinander – eine Höhle that sich auf, in der nichts sichtbar war, als undurchdringliche Finsterniß. Die Schraube stand – Edmund sprang herunter. «

»Komm weg von hier«, sagte Anna, bleich und bebend.

»Und wenn es mein Leben kostet«, rief er, »ich muß da hinein. Bitte, eine Laterne, oder besser noch, eine tüchtige Kienfackel, Herr Inspektor« –

 Dieser war schon draußen – Anna faßte sich schnell – »Jch gehe mit Dir«, sagte sie.

»Du willst?« rief er erfreut, fügte aber gleich darauf ein wenig bedenklich hinzu, »vielleicht wäre es aber doch besser« –

»Ich gehe mit Dir«, wiederholte sie, und trat an den Eingang der Höhle. Sie war noch bleich, aber zitterte nicht mehr. Der Inspektor kam mit zwei brennenden Kienbüscheln, die an lange Stöcke befestigt waren, zurück. Edmund ergriff die eine dieser improvisirten Fackeln und trat in die Höhle, dicht hinter ihm trat Anna hinein – der Inspektor mit der andern Fackel beschloß den Zug.

Ein Gang, nur eben breit genug für eine Person – zog sich, mit mähliger Senkung, innerhalb der Mauern fort. Die Luft war feucht und kalt, so daß die beiden Fackeln nur ein trübes Licht verbreiteten. An einigen Stellen tönte das Geräusch der Außenwelt gedämpft, wie aus weiter Ferne, zu ihnen – woraus der Freiherr schloß, daß in den Wänden über ihnen, hier und da kleine Oeffnungen angebracht sein müßten – wahrscheinlich um etwas Luft herein zu lassen. Sie gingen mit großer Vorsicht weiter. Etwas Dunkles huschte vor Edmunds Füßen vorbei, wie er sich bückte, mit seiner Fackel darnach zu leuchten, war es eine riesige Kröte, die ihn mit ihren boshaften Augen anstierte.

Der Raum verengte sich noch mehr – die Luft wurde schwerer – die obersten Stufen einer Treppe wurden sichtbar. Edmund blieb stehen.

»Geh' lieber zurück mit dem Inspektor«, sagte er zu seiner Frau, »und erwarte mich droben«.

»Nicht um die ganze Welt«, erwiderte sie, seine Hand ergreifend – »vorwärts!« – Sie stiegen hinab.

Die Treppe hatte, nach etwa dreißig Stufen, einen Absatz und machte dann eine scharfe Wendung. Als sie auf der zweiten Treppe noch einige Stufen hinabgestiegen, drang von ferne, von unten, ein heulender Ton zu ihnen. Sie blieben stehen und sahen einander an – bei dem ungewissen Licht erschien eins dem andern leichenblaß.

»Willst Du zurück?« fragte Edmund noch einmal seine Anna – er fühlte, wie ihre Hand in der seinen zitterte. Aber die kleine Frau überwand mit einer braven Anstrengung die weibliche Schwäche, und sagte noch einmal: »Vorwärts!«

Die Treppe ging nun gerade aus – sie stiegen langsam, vorsichtig, die feuchten schlüpfrigen Stufen hinunter.

Da heulte es wieder – näher und deutlicher – und dem lauten Aufschrei folgte ein klägliches Winseln.

»Tristan«, schrie der Inspektor laut auf, »das war mein Tristan! da unten muß er irgendwo stecken!«

Es war, als ob der Hund die kommende Hilfe ahne – er heulte und schrie nun unausgesetzt – es klang immer näher – und vor diesen Naturlauten entwichen die Schauer der Geisterfurcht – sie drangen rascher vor in die unheimliche Tiefe, und kamen endlich am Fuße der Treppe an.

Hier aber war Alles zu. Unter ihnen eine niedre Wölbung – das Geheul aber erklang dicht vor ihnen.

»Wo in aller Welt steckt das arme Thier?« rief Edmund.

Der Inspektor tastete an der Wand herum – plötzlich fuhr er zurück – seine Hand hatte etwas Kaltes und Feuchtes berührt, als er aber schnell hinleuchtete, war es Tristans Nase, die sich da herein drängte.

»Wo du durch kannst«, rief der erfreute Mann, »da kommen Menschenhände auch durch!«

Es fand sich, daß in der Ecke ein Spalt in dem Mauerwerk war, der nur durch lose aufgeschüttete Steine ausgefüllt worden.

Die beiden Männer gingen mit vereinter Anstrengung daran, dieselben weg zu räumen – Anna hielt die Fackeln, und der kluge Hund, der schnell begriffen, um was es sich handelte, half von jenseits durch Kratzen und Scharren getreulich mit. So entstand eine Oeffnung, durch die sich Edmunds und Annas geschmeidige Gestalten leicht, der etwas derbere Inspektor mit einiger Mühe, hindurch wanden. Draußen begrüßte Tristan seine Retter, laut heulend, mit wilden Freudensprüngen.

Sie fanden sich in einer niedern, aber ziemlich geräumigen Höhle. Auf der Seite, die der Treppe, auf welcher sie herabgestiegen, gegenüber lag, zeigte sich eine thürförmige, schmale Oeffnung, die in einen Gang führte, gerade so eng, wie der, welcher sie hieher geführt. Edmund nahm mit Recht an, daß dieser zweite Gang die Fortsetzung des ersten sein, und irgendwo in's Freie führen müsse. Es drängte ihn, hinaus zu kommen, um Annas willen, da die Luft in der Höhle so dick war, daß sie kaum zu athmen verstattete – der Inspektor hingegen verweilte noch mit dem Hunde, um eine nähere Besichtigung des unterirdischen Raumes vorzunehmen.

Der Gang, den die jungen Gatten nun betraten, führte zuerst langsam und mählig, dann immer steiler und rascher aufwärts, und war häufig von vorspringenden Felsenecken noch mehr verengt. Sie klommen mühsam weiter, das Licht der Fackeln brannte trüber, – die Kienspäne waren bis auf einen kleinen Rest aufgezehrt.

Hinter ihnen wurde bald der Inspektor vernehmbar, der, ihnen keuchend, so eilfertig als der abschüssige, schlüpfrige Boden gestattete, nachkletterte – und endlich rief Anna: »da ist Licht!«

Trüb und grau blickte der Tag durch eine Felsenspalte herein – mit frischem Muthe kletterten sie weiter – und nun erquickend berührte ein frischer Luftzug ihre erhitzten Stirnen, – und ein heller Sonnenstrahl zeichnete wehende Zweige und Blätter auf ihren Weg. Noch einige Schritte und sie standen am Eingang – nur durch einen dichten Vorhang von Schlinggewächsen von der Außenwelt getrennt.

Der Hund durchbrach denselben zuerst – hinter ihm machten die beiden Männer den Weg für Anna frei – und nun fanden sie sich, heraustretend, am Fuß der Felsengruppe, die Edmund für ein Hünengrab angesehen. Mit einem tiefgefühlten: »Gott sei Dank!« – begrüßten sie das heitere Licht des Tages.

»In der Höhle«, sagte der Inspektor, »scheinen Zigeuner gelagert zu haben – wann? – ist freilich unerfindbar. Ich fand eine Feuerstelle mit halbverkohlten Bränden, einen Bratspieß, Knochen und mehrere Stücke Lammfell.«

»Das waren also die Waldteufel des guten Tonerl!«, rief Anna, – »aber welche Bestimmung mag der geheime Gang ursprünglich gehabt haben?«

»Die Burg war offenbar befestigt«, versetzte Edmund, »und der Gang mag als Rettungsweg und Zuflucht bei Belagerungen gedient – der Felsengrund des Baues aber den spätern Einsturz der unterirdischen Arbeit gehindert haben.«

»So wäre also Alles ganz natürlich erklärt?«

»Für uns, ja, liebes Herz! Aber mich dünkt, man solle etwas thun, um dem umwohnenden Landvolk seine abergläubischen Befürchtungen zu benehmen, und die verfehmte Stelle den Leuten wieder zugänglich zu machen.

»Die Höhle würde einen prächtigen Eiskeller geben«, meinte der Inspektor.

»Einen Eiskeller?!« rief Anna verächtlich. Ihr Gemahl sah sie lächelnd an – die Beiden hatten offenbar einen und denselben Gedanken.

»Etwas so ganz – Häusliches hatte ich nicht im Sinne« – sagte er. »Ich meine vielmehr, man soll den Eingang schließen, indem man ein kleines Waldkapellchen darüber baut – ein schlichtes Bethäuschen, wie sie im Spessart und in Franken häufig mitten im Walde anzutreffen sind – wo das arme Landvolk, von des Tages Last und Hitze heimkehrend, einen Ruhepunkt fände, um seine Seele vor Nacht noch zu erquicken durch ein andächtiges Gebet zur lieben Mutter Gottes, unter deren Anrufung das Kapellchen errichtet würde.«

»Und damit«, fiel Anna freudig ein, »würde gleichsam die ganze Gegend unter den Schutz der Mutter Gottes gestellt!«

»Der Königin der himmlischen Heerschaaren«, fügte er bei. »Und um den Leuten recht anschaulich zu machen, daß sie unter diesem Schutze sicher wohnen können, schreiben wir über den Eingang den Schlachtruf des heil. Erzengels Michael, womit er den Drachen einst besiegte: »Wer ist wie Gott!«