ngiyaw-eBooks Home

Bruno Ertler – Eva - Lilith

Gedichte

Wiener Literarische Anstalt, Wien, Berlin, 1919


DEN FRAUEN MEINER WEGE

 

 

Buchsegen

 

Durch den großen Garten gehen,

Klingen hören, Leuchten sehen,

Froh bejahen, tief erleben,

Vom Erlebten freudig geben —

Wär’s auch nur mit einem Blick —

 

Das ist Glück.

 

 

 

Eva

 


Heilige! Wunderbare!

Traum meiner frühen Jahre,

erstanden zur Wirklichkeit,

mit dem Atem der Erde geweiht —

Eva —!

 

In deiner Augen umfangenden Blicken

leuchtet des blühenden Lebens Entzücken,

seiner Früchte stille Erhabenheit

und das starke Wissen um all sein Leid.

 

Herzen Weitende —

Gabenvoll Schreitende —

Ruhegesegnete — —

Selig der Gottgeliebte,

der dir begegnete. —

 

 


Gebet

 

Du hast mir, Gott, dies wilde Herz gegeben —

Du weißt, warum.

 

O mach’ es hart wie Erz

und gib mir Eisenkraft

und eine Flammenzunge,

dich zu künden

und deine Liebe.

 

Denn siehe: Dein Volk

mißhört dein Gebot

und kennet dich nicht. —

 

Höre mich, großer Gott!

Gib mir das starke Herz! —

 

 


Frühe Tage

 

Tage kommen, da es durch kahle Bäume weht

und alles in dir dem Gewaltigen offen steht —

 

und dann ist eine Nacht, zu heilig für den Schlaf,

in der dich der Herr mit flammender Geißel traf —

 

und ringend scheidet sich dir das Falsche und Echte.

Kennst du sie? Kennst du sie wohl, die Tage und Nächte?

 

 

 


Der Bettler

 

Mein Sinn ist hoch und stolz mein Herz,

Unnahbar ist mein Glaube —

Und stehe doch — ein Bettelmann —

am Wegesrand im Staube.

 

Ich habe, was ihr alle sucht

durch euer banges Leben —

und was ich von euch bitten mag,

ihr könnt es mir nicht geben.

 

Ich träum’ von einer Krone Gold

aus allem Licht der Erden —

O laß mich, Herr, ein Bettler sein,

kann ich nicht König werden!

 

 


Vorübergehen

 

Alles ist ein Vorübergehen —

Grüßen — tastendes Händereichen —

und wenn wir uns in die Augen sehen,

so ist es ein Fragen, ein Abwehr-Flehen,

halbes Begreifen — halbes Entweichen.

 

Doch ist uns das bange Wunder geschehen,

daß wir tiefer Gemeinschaft heilige Zeichen

erschauernd plötzlich an uns verstehen —

dann mögen wir wohl wie im Traume gehen

und nächtlich blühenden Bäumen gleichen.

 

Denn über Wort und Gebärde weit

ist solcher Stunde Versunkenheit —

wie Lieder, die aus der Ferne wehen

und fernhin gehen nach goldenen Reichen. —

 

 

 


Ungesagte Worte

 

Ungesagte Worte sind,

die nur Wunsch und Wahn geblieben,

wie ein ungebornes Kind,

das wir sehnend lieben —

 

Seele, welche Form nicht fand,

heiße Bäche, welche rinnen

ungetrennt und ungebannt

tief nach innen. —

 

 


Frage

 

Ich habe die Sonne gefragt:

»Was wirst du mir heute geben?«

 

Wach’ auf! Wach’ auf! Es tagt!

Schaffen sollst du und leben

und fragen nicht!

 

Ich habe die Vögel gefragt,

die mir das Taglied singen:

»Was wollt ihr mir heute bringen?«

 

Wir haben es uns erjagt

und fragen nicht.

 

Dein Auge hab’ ich gesehen

und eine Frage

zitterte tief in mir — —

 

Glaube

und frage nicht! —

 

 


Ewigkeiten

 

So beginnen Ewigkeiten — —

 

Wenn von herbstdurchbebten Bäumen

still die Blätter niedergleiten,

wenn in blauen Sehnsuchtsweiten

eines Vogels Lied verweht — —

Wenn ich tief in deinen Augen

deine reine Seele grüße

und wir dann im Sonnensinken

wortlos betend heimwärts schreiten — —

 

So beginnen Ewigkeiten. —

 

 

 


Begegnung

 

Führte zu dir mich des Zufalls Spiel,

oder war es ein Gott mit Willen und Ziel?

Ich mag nicht fragen; ich weiß es nicht.

 

Doch in meiner Stube war so viel Licht,

als wär’ von den Abendwolken allen

die rosigste just herniedergefallen,

und es war ein Klingen fern und nah’,

und eine längst verschollene Stimme war da,

die sagte und sang vertraut und leise

von Lust und Leid eine liebe Weise,

wie die Mädchen in meiner Heimat singen,

wenn sie Hand in Hand durch den Abend gingen.

 

 

 


Bitte

 

Senke mir die Rosenkrone

tief in meine Stirne. —

 

Sehnsucht ließ zu dir mich finden

und den fernen, müdgetäuschten,

lieben, dummen Kinderglauben

hast du wachgerufen —

du — —

wie zuweilen noch die Sonne

eine Apfelblüte zaubert

spät im Herbst.

 

Oh, ich weiß es: Diese vollen,

roten Tage, die nun kommen,

tragen schwer —

schwer an Lust und Weh —

ich weiß es.

 

Drücke mir der Liebe Rosenkrone

tief in meine Stirne —

tief — —

daß ich ihre Dornen fühle.

 

 


Drei Stunden

 

Drei Stunden hat der Tag;

die andern sind ein Warten,

ein langer, harter Weg

zu einem lieben Garten.

 

Drei Stunden hat mein Tag;

das andre ist leere Zeit,

aber in diesen drei Stunden

ist Glück und Ewigkeit,

 

ist Feierabendfrieden

und aller Unrast Ruh’,

Ziel alles Heimverlangens —

In diesen drei Stunden bist du —

 

 


Gesegnete Stunde

 

Wenn in die Wipfel vor dem Haus

die ersten grauen Schleier sinken

und über blauer Berge Rand

die ersten Silbersterne blinken,

 

dann wünschte ich, du wärst bei mir:

und über deine lieben Haare

streift’ ich dir leise hin und wär’

dir seltsam nah’. Und all das Wahre,

das Gute, was ich für dich hab’,

ließ’ des Begehrens Brennen schwinden

und meine Liebe würde still

den Weg zu deinem Herzen finden. —

 

 


Meer

 

Aus der Unende

nach der Unendlichkeit

ziehen die Nebelschwaden

über das ewige Meer.

 

Dunkeldrohend

senkt sich die schwarze Tiefe,

düsterschattend

hüllen mich Wolken ein.

 

Von oben her grollt des Donners Ruf —

So war es, als Gott die Welt erschuf.

 

Ein suchendes, glühendes, fernes Licht

kommt und verschwindet.

Bist du es, mächtiger Geist?

Wohlan! Hier bin ich! Hier

zwischen oben und unten,

vom Dunkel umlauert,

von deiner Stimme umdröhnt,

im schwankenden, zitternden Kahne

eine Planke vom Tode getrennt —

 

So nahe war ich dir nie!

Nun mußt du es hören,

das Weinen und Lachen,

das Jubeln und Klagen

in meiner Brust —!

 

Hier magst du mich treffen,

segnen oder verdammen —!

 

 


Stille Stunde

 

Mein Herz geht still.

Es stürmt nicht mehr

und stockt nicht mehr,

es singt ein Lied

in ruhigem Takt,

ein reiches, abendtiefes Lied,

ein Lied vom Glück.

 

Mein Herz, das rang

und zuckend litt —

es schmerzt nicht mehr,

es zittert nicht,

es singt ein Lied:

Ich hab dich lieb — du hast mich lieb — —

 

Mein Herz geht still —

 

 


Ereignis

 

Rot und heiß,

fordernd und reißend

brandest du. —

 

Glühend lockt deiner klaffenden Tiefe Grund,

und was Leben jauchzt in dir,

was in dir Sterben droht,

Aufjubeln und Versinken,

Hingeben und Sein-Vergessen.

alles —

alles windet ringende Hände aus dir.

 

Lauterkeit,

grundtiefe, todbereite, gottfordernde Wahrheit

breitet die Arme,

reckt die Brust,

spreitet die Augen weit.

 

Ungemessene Gier

nach deinen roten Wellen,

lustschauderndes Grauen

vor deiner Unnahbarkeit

greift mich

und reißt mich zu dir —

und ich bin Gott begegnet,

dem wetterzornigen Feind der Lüge. —

 

 


Föhn

 

Die Erde wittert junge Kraft

und Wettersturz und Leidenschaft,

weit ist ein Brauen und Wehen —

Die Wolken schäumen in roter Blust,

als wär’ ihnen erster Werdelust

aufwühlendes Wunder geschehen.

 

Du bist von Gott auf die Erde gestellt,

bist ohne Gedanken nur Sein und Welt

und tief in alles vermengt,

bist Berg und Sturm und Ewigkeit,

über alles erhöht, von allem befreit,

was je deinen Lauf geengt.

 

Ein Blütenquillen ist um dich her

und viel von Ahnen und Wiederkehr,

ein Horchen und zagendes Regen.

Du weitest den Blick nach den Bergen hin

und betest ein stammelndes: »Herr, ich bin!«

Und alles, alles ist Segen.

 

 


Liebesnacht

 

Es gibt keine Welt —

es gibt keinen Tod —

kein drängendes Irren mehr

und kein Morgen-Erwarten.

 

Reiner Bereitschaft zuckendes, großes »Ja!«

hüllt uns in jauchzende Brände

wollender Kraft —

und der Rausch, der aus uns aufloht,

reißt mit heilig frevelnder Gebärde

den glühenden Schöpferstab

aus der Hand Gottes

und zieht einen funkelnden Bannkreis

um unser Lager.

 

Aufschäumende, du!

Acker von Frühlingserde

unter dem ersten Pflug!

 

Sieh: Meines Denkens formender Wille

ist ein schöpfendes Dich-Gestalten

aus dem Anfang der Welt —

der reißende Schlag meiner heißen Adern

tönt das Urlied vom Garten Eden in meine Schläfen:

 

»Zwei Menschen waren allein auf aller Erde

und waren Form.

Doch da Liebe sie überfiel,

bäumte sich ihnen Lust und Schmerz

in einem begehrend feindlich umschlingenden,

in wilder Einheit endlos verklingenden

einzigen Schrei —

und sie lebten!«

 

Es gibt keine Welt —

kein Morgen mehr —

keinen Tod —

keine Frage —

nur tiefer Einheit volle Ewigkeit. —

 

 


Ferne Stunde

 

Wir werden nicht mehr oft mitsammen gehen,

was wir einander sagten, wird verwehen,

und vergessen sein, was ich und du gesehen. —

 

Aber vielleicht — ferne — fern einmal weckt dich ein Traum,

oder ein kleiner Vogel singt — oder es blüht ein Baum —

oder es ist nur ein Wehen — so — von irgendwann —

das schleicht dir ins Blut und hält deinen Herzschlag an

und vor dir steht es mit einem Male

groß und klar,

was an jubelnd bereiter Unendlichkeit,

an sorgender Liebe und lippenhart schweigendem Leid

damals um dich war. —

 

O könntest du dann noch zu mir finden,

Heilige — Reine — du —!

und bebend mir das ersehnte Wunder künden,

das uns über darbender Tage Pein,

über Zweifel und Lüge

hoch und allein

in mütterlich bergenden Armen trüge. —

 

 


Gang durch die Tiefe

 

Mich hat die Tiefe verschlungen. —

Hoch über mir

schlug das Meer des Tages zusammen

und was droben gleißt,

was flieht und jagt und lügt,

die Sonne sucht und die Sonne schändet,

ist meinen Sinnen fern

und fern meinem Herzen. —

 

Mich geleitet das summende Lied der Entrücktheit,

Melodien, die von der Ewigkeit stillen Ufern nach mir langen,

Anfang und Ende sind und den Kampf nicht kennen,

nicht Liebe haben,

nicht Sehnsucht,

keinen Haß und kein Weh,

nur des Werdens und Vergehens

unnahbare Gottesruhe. —

 

Ich wandle in ihrem rauschenden Kleide,

tief versunken,

und meine Seele fließt mit ihnen

fort in des ewigen Vaters atmende Brust. —

 

 


Abschied

 

—  —  —  —  —  —  —

und nun leb’ wohl —.

Noch einmal deine Hand —

und gelt: Du denkst an mich,

wenn’s Abend ist wie jetzt —

wie jetzt — —.

 

Es wird ja lange sein,

eh’s wieder wird wie heute,

und Tage werden sich an Tage drängen

und klingen werden sie und farbig sein und lachen —

— — dann lache mit.

 

Es wird ja lange sein —

vielleicht wird’s nimmer so wie heute —

wie heut’ — — —.

 

Leb’ wohl —

gib mir die Hand —

und denke dran —

wenn’s — Abend — wird —

Du — — —!

 

 


Nebel

 

Sie trieben mich fort in ein nebliges Land,

mir Liebe und Lenz zu verpatzen.

Ich geh’ durch den Ort, einen Stock in der Hand,

und zähle die grauen Katzen.

 

Ich wandere weit, und ich wandre allein

verlaß’ne, verlorene Strecken

und stoße den Stock in das morsche Gestein

und zähle die schwarzen Schnecken.

 

Im Herzen gerinnt mein lebendiges Blut,

wenn fröstelnd im Nebel ich walle — — —

Die Katzen und Schnecken gefallen mir gut —

Euch aber hasse ich alle.

 

 


Es war

 

Eine Stunde weiß ich,

da der Abend kam

und des Tages Glühen

mit sich nahm.

 

Blaue Augen weiß ich,

dunkelgoldnes Haar,

eine weiße Stirne

licht und klar. — —

 

Viele Stunden kamen,

viele gingen hin —

eine will mir nimmer

aus dem Sinn. —

 

 


Heimkehr

 

Und als ich wiederkam, da war es Nacht,

dein Fenster dunkel — und der Regen fiel,

ein Windhauch flüsterte im schweren Laub,

das zart erwachen wollte, als ich schied. —

 

Und du bist fort. —

 

Ich geh’ die Treppe, die ich einst mit dir

so oft gegangen, nun allein; ich steh’

allein am Fenster, das uns oft zu zweit,

wenn Regen in den Blüten war, umrahmt.

 

Ich denke viel daran, wie’s damals war

und streife leise über alles hin,

was dich berührte und was du berührt:

Das Tuch aus gelber Seide — unsre Bilder,

die blaue Vase mit den welken Blumen — —

 

Ganz leise sprech’ ich dann ein liebes Wort,

das wir einander da und dort gesagt —

und steh und horche still und bin allein —

 

Und bin allein. —

 

 


Schwere Tage

 

Schwere Tage sind.

Grau fröstelt der Himmel

und es friert dein Herz.

 

Tage wie müde Schnecken,

Tage, an denen du nur

blassen, hungernden Kindern

und feindlichen Menschen begegnest.

 

Schwere Tage sind.

Du pochst an verschlossene Türen

und niemand ist —

niemand —

der dir öffnet. —

 

 


Nachklänge

 

Nun klingt es nach

über die Gärten hin,

wo es früher still war und einsam —

ein Lied, das verweht

und voll Schönheit war. —

 

Alles, was Leben heißt,

zuckte darin

und verglühte —

Alles, was Sehnsucht ist,

rang seine Bitte darin

verschwiegen und heilig. —

 

Die Gärten lächeln und lauschen. —

 

Wolken im Abendrot: Glühende Sucht,

in kühler Reinheit ferne verschwebend —

 

Unser Bild — unser Zeichen. —

 

 


Abend

 

Hinter blauen Bergen

glüht der Abend aus.

Segen sinkt hernieder

über Baum und Haus.

 

Brennende Leidenschaften

werden ein mildes Licht,

irrender Tage Sehnen

wird zum stillen Gedicht,

 

und rings in dieser Stunde

ist allversöhnte Ruh. —

 

Der selben Gottheit Kunde

sind Wolke, Berg und du. —

 

 

 

 


Zwischenspiel

 

 

               


 

 

 

 

 

Wenn es ein Wunder gibt, so ist es dieses:

daß Gott uns beides legte in die Brust,

die Seligkeit des reinen Paradieses

und seiner Erde menschenechte Lust.

 

Und was er einte, sollen wir nicht trennen,

dem Strahl nicht fluchen, weil wir Dunkel sind;

er gab uns beides, daß wir ihn erkennen,

und nur der Kämpfer ist sein liebstes Kind. —

 

 


I.

               

In dem finsteren, freudleeren Amtslokal,

wo mein buckliger Vetter Schreiber ist,

und zwischen Paketen, Papieren und Mist

immer noch glaubt an den Sonnenstrahl,

der irgendwo ferne, irgendwann

auf ihn freundlich wartet und der ihm dann

alles lächelnd vergelten soll — —

was hätte ich dort in der Öde verloren —?

 

Ich weiß es noch: Kaum sah ich dich

in der Gruppe der blassen Mädchen stehen,

die dort ihren farblosen Alltag gehen

und mit müder Neugier herschauten auf mich

— weil ich fremd war und andere Augen habe —

da fühlte ich dich auch schon in mir. —

 

Und nun gehst du mit mir und bist immer nah’,

und ich weiß deinen Namen nicht —

doch die alte Weise ist wieder da,

die vom Glauben und Lieben spricht — —

 

Und mein armer Vetter mit der schiefen Brille

vor den weltverzeihenden, grauen Augen,

die sich so gläubig an alles Lichte saugen,

ist der tiefe Freund meiner einsamen Stille

und ahnt nicht, warum ich ihm Gutes tu’ —

 

— ich selber weiß nicht, wie es geschehen —

denn du

hast doch nur einmal —

nur einmal

ganz flüchtig nach mir gesehen. —


II.

               

Ich weiß deinen Weg — und brauche ihn gar nicht zu sehen;

denn früher einmal, vor vielen, langen

Jahren bin auch ich dort gegangen,

wo im Garten am Bach die farbigen Häuser stehen.

Im lichten Abend grüßt dich nun jedes Kind,

du lächelst und nickst nach ihnen zur Rechten und Linken

und freust dich, wie hell auf den Stangen die Glaskugeln blinken

und daß die Rosenstücke schon voller Knospen sind.

 

In deiner Kammer legst du den Hut mit dem roten Band

auf die Kommode; indes deine schmale Hand

wie im Sinnen verloren über die Haare streicht,

geht dein Blick in die Ferne, wo hinter den letzten Dächern leicht

eine zarte Wolke im Sonnenscheiden glüht.

 

Und da ist es plötzlich in dir voll Lust und Klage,

da ragst du frei und groß über deine Tage —

und bist in mir und bist in allem zugleich,

des Lebens voll — und wie eine Gottheit reich.

 

 


III.

 

Mit jedem Schritt vergingen

wir tiefer im wogenden Feld,

im Leben von tausend Dingen,

die sich in unserem Schweigen

im stummen Abendreigen

verliebter Falter fingen —

mit jedem Schritte gingen

wir weiter aus der Welt. —

 

Und haben sie verloren;

auf Traumwegen Hand in Hand

nicht Lieb’ und Treue geschworen,

nicht morgen noch gestern berufen — —

Die Schritte bauten uns Stufen,

entführten uns allen Toren —

Wir gingen der Welt verloren

und fanden eigenes Land. —

 

 


IV.

               

Ein großes Atmen ist in meinem Sein —

Alles Belebten gottvolles Regen,

alles Gewollten formender Segen —

So Bild, wie Seele — Meer, wie Uferstein.

 

Wo sich im Tanze die Lust geschwungen,

bin ich ihr jauchzend vorangesprungen,

stöhnte ein Sterben an düsterer Stätte,

stand ich als wissender Freund am Bette.

Liebesgarten und Treuetrug,

Abschiedsklage und Siegeszug —

Alles flutet in breiten Wellen,

alles grüßt mich, seinen Gesellen.

 

Und es wird mir, daß ich mich sehe,

wie ich mit offenen Armen stehe,

vom Selbst in dem Ganzen mich zu erlösen,

zu sterben um eines Windhauchs Wesen. —

 

 


V.

               

Mein Vetter las ein altes Buch

mit Gedichten vom Leben und Lieben

und hat, wo die innigsten Verse stehn,

deinen Namen dazugeschrieben.

 

Und, als er merkte, daß ich es gesehn,

da hat er mich bettelnd umschmeichelt

und suchte nach Worten — und fand sie nicht —

und hat meine Hand gestreichelt. —

 

 


VI.

               

Daß wir uns heute — heute erst fanden — —

Wie nenne ich sie mit brennenden Namen,

die es verschuldet!

Wie treff’ ich uns mit zorniger Klage,

die wir’ s geduldet!

Denn was in uns beiden heute nach Offenbarung drängt,

das hat sich vor Jahrmillionen in schaffenden Keimen vermengt.

 

Ich bin das erfüllte Umschlingen

und du das bereite Warten,

ich bin dir Sonne und Regen

und du die Erde im Garten —.

 

Durch hundert blühende Tage

und tausend Nächte voll Leid

sind wir zu Menschen geworden

mit Grauen und Seligkeit —

 

und liefen aus fremden Weiten

in eine Spitze zusammen

und lodern aus feindlichen Polen

in einiger, jauchzender Flamme —!

 

 


VII.

               

Du betest: »Lieber Vater, gib,

daß ich den Weg behalte,

und laß nicht, was mich gläubig trieb,

als Blitz und Flamme walten.

 

Gib meine wachen Sinne nicht

dem heißen Traum zur Beute —

Ach, den ich liebe, fürchte ich,

und das herrische Du! und Heute!«

 

 


VIII.

               

Wenn auf den hohen Altären

die letzten Brände verrauchen

und die großen Seltenheiten

ins Taggewohnte tauchen,

 

dann ist noch ein heißes, langes,

aufbäumendes Händefassen

und zugleich ein wissendes, banges

Verstehen und Verlassen —.

 

Da wird uns tiefes Erkennen,

daß wir selten und einsam stehn,

daß Dinge, die keiner zu nennen

vermöchte, mit uns geschehn,

 

und daß wir entbehren müssen

von des Tages breitlachendem Glück,

weil wir uns zu hoch erhoben

in einem einzigen Augenblick. —

 

 


IX.

                              

Lang war ein Schweigen

überall —

wir sahen nicht Feld und Berg,

nicht Wolken —

nur weit — weit — drüber weg

— Himmel weiß, wohin —

wo wir uns selber suchten.

 

Denn du, mein armer Vetter, und ich

verstanden es beide,

daß es schwer in uns sein mußte.

Sollt’ ich dir tragen helfen —?

Halfst du mir —?

—  —  —  —  —  —  —

Und dann hast du gesprochen —.

 

Worte umgaben ein Drängen,

verhüllten Schmerzen,

trösteten Tränen;

dann und wann

standen sie schützend

vor einem Schrei —.

 

O ja, mein Vetter, ich lebe

in dieser Worte brennendem Wesen —

Leergreifende Hände

jahrelang —

und das trutzige immer — wieder — Glauben

und das einmal — einmal — Finden — oh —

Willst du sie mir nennen,

die blitzenden, harten Juwelen

meiner unnahbaren Krone —!

—  —  —  —  —  —  —

Sieh, wie der Tag sich senkt —

es wird ein klarer Abend — —

Meine Wege führen weit.

 

Still, mein Vetter —

laß uns einander nahe weilen — —

und morgen —

morgen will ich

dein Freiwerber sein. —

 

 


X.

               

Oh, die ergebenen Frauen zu sehen,

wie sie müde mit ihren Gatten gehen —

und zu denken, daß sie vor kurzen Jahren

starke, hochfordernde Mädchen waren,

die nun alles vergaßen und alles verrieten

und nicht mehr wünschen und kaum noch bieten —

 

Und zu denken, daß du in nächster Frist

auch eine von den Gelebten bist — —

 

Und warst wie ein blühender Sang der Liebe —

 

Oh, daß doch eine das Flammenlied bliebe!

 

 


XI.

               

Ave Maria!

Gegrüßt seist du, Königin,

Mutter und Martyrin,

Liebevertraute!

 

Zu dir beten

ist außer sich stehen —

im Überweiten

willig vergehen —

 

Eigenleid bannen,

Weltsorge trinken —

ganz versinken

in deiner Hut —

 

nur eines flehen:

»Nimm dies Geschehen!

Wie du es wendest,

so ist es gut.« —

 

 


XII.

              

Die Sonne zittert im jungen Laub,

durch wehende Lüfte schwimmen

im alten Dreiklang des Feiertags

verhaltene Glockenstimmen.

 

Nun richten sie dir die Hochzeit aus

und läuten’s in alle Weiten

und führen dich mit Gepränge nach Haus

und wünschen dir glückliche Zeiten. —

—  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —

Ich steige langsam die Höhe hinan

und denke an unser Lieben —

wie es kam und lachte — und wieder verrann

und wie uns sein Bestes geblieben. —

 

Das Herz in dem weißen Birkenstamm —

das habe ich damals geschnitten — — —

Im Tal ist ein blauer Reitersmann

durch den goldenen Herbst geritten. —

 

 

 

 


Lilith

 

 

               


 

 

 

 

 

 

 

Du aber bist die Gefahr der halbwachen Stunden,

bist die erwartete Feindin, nie überwunden,

gleißende Münze der Welt für den tiefsten Verrat,

Schrei des Versinkenden, Seele verworfener Tat —

Lilith —!

 

Seit du des Knaben einfachen Schlummer gestört,

hast du ihn je und je gegen sich empört,

glühtest im Tanz um des Täufers Haupt als würgende Lust,

flackerst als roter Triumph zwischen Dolch und Brust —

Unbeseelte —

Grauenvermählte —

gärend im Blut Verspürte — —

Selig der Auserwählte,

den sein Weg dir entführte!

 

 


Narrenliebe

 

Zum Narren sprach die holde Königinne

— ein spöttisch Lächeln lag um ihren Mund,

desgleichen lächelte der Hof im Rund —:

»Sag’, Schellenohr, was hältst du von der Minne —?«

 

Der Narr, der ihr zu Füßen an den Stufen

des Thrones saß, zuckt, also angerufen,

jählings zusammen, wandte sich sodann,

sah sie aus Schattenaugen lange an

und sprach kein Wort. —

 

                                                Die schöne Königin

blickt erst auf ihn, dann da und dorten hin,

das Lächeln fiel von ihrem Angesicht,

sie wollte sprechen — und doch sprach sie nicht —

Zwei dunkle Augen brannten heiß und trunken,

und alles andre war um sie versunken. —

 

Die Damen und die Ritter rings herum

verhielten sich gleich ihrer Herrin stumm.

Ein Höflingswitz wagt schüchtern sich hervor,

allein er findet kein geneigtes Ohr.

Es räuspert sich ein ältlicher Abbe,

und die Marquise flüstert: »Eh — voyez!«

Die Damen senken ihre Augenlider,

versteckte Blicke huschen hin und wider,

und allenthalben hat man das Gefühl:

’s ist äußerst intressant — nur etwas schwül. —

 

Doch unbeweglich sieht die Königin

mit großen Augen nach dem Narren hin,

und unbeweglich, groß und heiß und starr

sieht auf die Königin der bleiche Narr. —

 

Vom Park herein schleicht einer Amsel Sang

sehnsüchtig werbend — sonnenheimatbang.

 

Der Narr steht auf; noch immer wie gebannt

hält er das Haupt der Herrin zugewandt —

dann geht er stumm und müde aus dem Saal. —

Und wie zugleich der Abendsonne Strahl

goldrot durchs hohe Bogenfenster scheint,

da hat die stolze Königin geweint. — —

 

Auf weißem Ufersand im Abendrot

fand man den jungen Narren bleich und tot. —

—  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —

Ja, schöne Königin, nun bist du’s inne:

So halten es die Narren mit der Minne.

 

 


Sternschnuppen

 

Den nachtblauen Himmel hinunter

fährt ein Stern.

Warum? In welche Weiten?

Ich wüßt’ es gern. —

 

Ich habe dem flimmernden Flüchtling

lange nachgedacht —

Er hat mein Herz hell jubeln,

er hat es ahnen gemacht.

 

Es geht wohl ein Mädchen im Walde

an fernem Ort,

Es sah den Stern und flüstert

ein scheues Wort. —

 

 


Liebelei

 

Lächelt der Sonnenschein,

schwindet der Schnee.

Warm wird dem Herze mein,

wenn ich dich seh’.

 

Weit in die Welt hinein

flattert mein Glück,

und in die Augen dein

kehrt es zurück.

 

Nimmermehr frage ich,

ob du mich liebst.

Weißt deine Tage nicht,

was du mir gibst.

 

Schäkert der Sonnenschein,

scheucht er den Schnee.

Seh’ ich dich, Mädel fein,

flieht mich das Weh. —

 

 


Osternacht

 

Silberlichte Wolkenelfen

schäkern mit dem hochbejahrten,

immer noch verliebten Mond.

 

Aus dem hohen Giebelfenster,

wo des knurrig strengen Alten

schöne Tochter unschuldweiße

Mädchenträume schlafen soll,

leuchtet ängstlich und verstohlen,

dennoch treulos unverhohlen

einer Ampel tiefes Rot.

 

Und ein frühlingsliebestoller,

großer, dicker, schwarzer Kater

überspringt die Gartenmauer. —

 

 


Frühling

 

Tage kommen frohen Schrittes

liederhell mit lichtem Blick —

leicht in reichen Geberhänden

jede Stunde trägt das Glück.

 

Tage streuen milden Segen

aus der Blütenbäume Pracht —

aus den Sonnensilberfäden

weben sie den Traum der Nacht.

 

Kind, so gehen alle Wunder

erdenher und himmelwärts —

steh’ nicht taub und drücke jede

schnelle Stunde an dein Herz!

 

 


Heimliche Liebe

 

Und wenn sie dich umschwirren

und Schmeichelworte girren

galant und zart,

wenn ihre Augen spielen

und wenn sie nach dir schielen

verliebter Art —

 

Und hat auch ihr Gekose,

so närrisch, süß und lose

dir’s angetan,

ja, wenn ich es auch wüßte,

wie mancher dich wohl küßte —

was geht’s mich an? —

 

In deinen Augen flirrt es,

ein Stäubchen Heimatlicht,

ein sonnenweit verirrtes —

Sie sehen’s nicht.

 

Und würdest du auch nimmer

die Meine sein —

dies Stäubchen Sonnenschimmer

ist dennoch mein. —

 

 


Nächtlicher Gang

 

Still ist die Nacht, die toten Gassen schweigen

und einsam hallt mein müder Schritt.

Die Sehnsucht kam und löst’ mich aus dem Reigen

und nahm mich mit.

 

Fern hör’ ich noch die hohen Geigen sinken

zum tollen Tanz,

die Menschen lachen, und die Becher klingen

beim Mummenschanz. — —

 

Die Nacht ist still; es jauchzen tausend Lieder

im Herzen mir —

und doch mir eins und immer eines wieder:

Das Lied von dir. —

 

 


Schattenriß

 

Eine feine, weiße Wolke

schwimmt im lichten Abendhimmel.

 

Dunkelschattig, zartgesondert

ragen schwarze Fichtenkronen,

Giebeldach und Zaun und Brunnen,

wie mit scharfer, schmaler Schere

sorgsam zierlich ausgeschnitten. —

 

Fern ein Windrad hebt gelassen,

wie im Traume seine Flügel,

zögernd klingt im klaren Schweigen

tief und voll das Holz am Holze. —

 

 


Spruch

 

Ist ein Tag gewesen

voller Sonnenschein —

schließ’ ihn fest in deinem

Herzen ein.

 

Wenn des Zweifels Stimme

hämisch in dir spricht,

Torheit wäre alles —

glaub’ ihr nicht!

 

Ewig lebt die Stunde,

da du rein gelacht —

Echte Sonnentage

mordet keine Nacht. —

 

 


Blüten

 

Durch die Blütenzweige

Spielmann Frühling zieht,

hell von seiner Geige

springt ein Reigenlied.

 

Und ich hab’ das Singen

dir ins Herz geküßt:

Drinnen mag es klingen,

wenn es Winter ist. —

 


Erwartung

 

Komm! Warum säumst du noch?

Sieh: Meine Lampe aus Rohr

mit gelbem Papier umspannt

glüht in der Kammer. —

Liebe, was säumst du?

 

Hörst du: Ein Einsamer singt

ferne ein einsames Lied;

Sehnsucht heißt es.

 

Draußen träumen die Blüten.

Weißt du den Flieder am Zaun?

Sieh: Ich habe die schweren

Blumentrauben voll Duft

auf unser Lager gestreut,

daß sie dich küssen. —

Komm —!

 

 


Fensterpromenade

 

Fast alle Häuser schlafen noch in der alten Gasse.

An ihren Schnörkeln und Giebeln hängt der graue, nasse

Morgennebel in boshaft träger Masse.

 

Ich weiß ja, Lilith, daß es eine Torheit ist,

in so freudloser Stunde vor deiner Türe zu stehen

und verliebt nach einem verhängten Fenster zu spähen,

wie in dummen Knabentagen — die man doch nie vergißt.

 

Ich würde auch heute noch gleich beschämt verschwinden,

wenn sich der Vorhang bewegte da oben hinter den blinden,

milchopaligen Scheiben; denn du sollst mich nicht finden,

wenn ich stumme Zwiesprach halte mit meinem Echten

und weit bin von allem Klugen, Bedachten und Rechten —.

 

Träumtest du, Lilith? Oder hast du sinnend gewacht?

Oder war mein Freund, der schöne, bei dir heute Nacht!

Und ihr küßtet euch oft — und habt über mich gelacht — —

Siehst du: nun weiß ich plötzlich, daß du mich gar nicht liebst

und dich dem andern mit der spöttischen Stirne vergibst,

denn er hebt dich in keine heiligen Himmel, gleich mir,

und betet nicht selig zu allem Reinen in dir

und wird dir nimmer sein Erstes und Letztes weihen,

wie ich getan. — Und das kannst du mir nie verzeihen. —

 

 

 


Letzte Nacht

 

Hörst du? es mahnt der laue Wind

draußen in knospenden Bäumen,

küßt in der silbernen Lenzesnacht

tausend ahnende Blüten wach —

treulos tollt er und flieht geschwind,

kennt kein Träumen und Säumen.

Doch die Knospen, sie fühlen das Glühen

des Lebenskusses und müssen blühen.

 

Hörst du? Es wirbt der Frühjahrswind:

Küss’ in der Nacht, da die Knospen sind,

in den Stunden der werdenden Lieder!

 

Hörst du? Er flieht mit der Jugendzeit —

morgen schon bin ich wie er so weit —

nimmer seh’ ich dich wieder. —

 

 


Weißt du noch?

 

Einer Lampe matter Schimmer,

Dämmerschatten rings im Raum,

Bilder aus verblühten Tagen,

einer Standuhr Ticktacktraum —

 

Und mein Haupt in deinem Schoße,

deine Hand auf meinem Haar —

und dein Herz so nah — so nahe —

 

Weißt du noch, wie’s damals war —?

 

 

 


Der Fremdling

 

Becherklingen, Farbenlichter,

lustumwunden Falsch und Wahr,

heiß vom Tanze die Gesichter

seitwärts huscht ein einig Paar. —

»Wo die hohen Tannen rauschen,

soll uns niemand heut belauschen —«

Nur ein Fremdling

streift vorüber — —

»Laß den Fremden einsam gehn —«

 

Überm Dorf die Wolken hangen,

durch die Nacht der Regen weint;

alle hält der Schlaf umfangen

leidversöhnt und liebvereint.

Die sich nächtens meiden müssen,

werden sich am Tage küssen. —

Nur ein Fenster

leuchtet müde

fremden Auges durch die Nacht.

 

Wo die fernen Berge ragen,

ahne ich ein sonnig Land,

wo ich in versunknen Tagen

alles suchte — alles fand —

und an der Erfüllung Toren

alles — alles hab’ verloren — —.

 

Meine Tage

ohne Klage

will ich fremd und einsam sein. —

 

 


Herbstgedanken

 

Einst war es so schön und so duftig drauß’,

es klang und sang über Berg und Tal

von Glück ohne Reue, von Lieb’ ohne Qual

und die Welt war ein farbiger Hochzeitstrauß,

da gaukelte Mücke und Schmetterling,

und an jeder Blume ein Käfer hing,

glitzgoldig und blitzeblau

und trank sich rauschig am Tau.

 

Wie war der Morgen so rein und reich

und der Tag so warm und der Abend so weich

und die Nacht so tief und schwer,

samtdunkel und sternenhehr.

Im weinlaubwuchernden Gartenhaus

das Windlicht löschte ein Schwärmer aus

und starb mit dem zuckenden Schein. —

Wir blieben lange allein. — —

 

Die Sonne kehrte zum Vater zurück,

Die Nebel trauern um Licht und Glück,

es fallen die Blätter fieberrot,

und die Blume ist welk und der Käfer tot —

Der Sterbewind stöhnt aus dem Norden — —

 

Wie ist das alles geworden?

 

 


Nach dem Sturm

 

Gefall’ ich dir am Ende —?

Das tut mir herzlich weh.

Laß deine lieben Hände

von mir — und geh — und geh — —.

 

Magst einen andern kosen

und mit ihm glücklich sein —

Mich harten, heimatlosen,

mich laß allein — allein —.

 

Sieh mich doch an, du Kleine:

Die Narben im Gesicht,

die Falte hier, die feine,

das kennst du nicht — noch nicht.

 

Ich kann auch gar nicht küssen,

nichts hab’ ich, was mir blieb.

Wir werden scheiden müssen — —

Ich hab’ dich lieb — zu lieb.

 

 


Der Weg

 

Am Abendhimmel standen die Sterne,

der Glocken betendes Dämmerlied

schlich sehnsuchtstraut aus träumender Ferne.

Die Grillen schrillten am Wegesrand,

zwei Menschen gingen durchs hohe Feld —

sie hielten einander an der Hand.

 

—  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —  —

 

Der Herbststurm rüttelte durch das Land,

viel gelbrote Blätter deckten den Sand,

viel Jahre waren vergangen. —

An rauhem Abend da hasteten zwei

bleich, kalt und fremd aneinander vorbei — —

 

Die Glocken ferne erklangen. —

 

 


Die Stunde

 

Schweige still und erkenne:

Niemand ist dein Genoß.

Willst du der Stunde zürnen,

weil sie vorüberfloß?

 

Hat dich ihr Licht auch verlassen,

war es doch einmal nah’.

Lerne in Demut danken,

daß ein Wunder geschah.

 

Träumen magst du und sinnen

bauen und hoffen zu zwei’n,

bald an verschlossenen Toren

wirst du verraten sein.

 

Nur in der einsamen Stunde,

wo du dich Gott offenbarst,

trauend nicht Aug’ noch Munde,

wirst du mehr als du warst.

 

 


Spruch

 

Wer einmal tief aus dem Innern geweint

und aus jubelnder Brust gelacht,

der versteht den Tag, wenn die Sonne scheint,

und die raunenden Schauer der Nacht.

 

Und wer einen Sonnenstrahl blinken sah

in Augen noch tränenfeucht —

der weiß: Es gibt keine lastende Nacht,

die nicht einem Morgen weicht. —

 

 


Nachher

 

Und daß es wieder ein Nachher gibt —!

Diese fragenden Räume und leeren Zeiten

und die plötzlich verzerrten anderen Seiten

an allem, was man um eines geliebt!

 

Daß man wieder steht an verschlossenen Pforten

und Hunger leidet im Überdruß —

Oh, daß man nachher noch leben muß

mit dem grellen Hohn in heiligen Worten!

 

Und geben muß und zum Glauben drängt,

dem stürmenden Aufwärts nie entflieht,

den Tod in der Blüte schon warten sieht,

und immer und immer sich neu verschenkt. —