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Carit Etlar – Zwei Striche

Novelle

Carit Etlar, Zwei Striche, Unbekannte/r ÜbersetzerIn, Aus: Novellenschatz des Auslandes, Herausgegeben von Paul Heyse, Zwölfter Band, Rudolph Oldenbourg Verlag, München, o. J., S. 255ff.



Eines Tages im Juli 1737 kam ein Reiter in scharfem Trab durch Engelholm's Hauptstraße und hielt vor dem Gasthause. Hier klopfte er mit dem Stiele seiner Peitsche ans Fenster und rief den Wirth. Es sammelte sich eine Menge Volks um ihn, denn er sprach laut, während er vom Pferde stieg und demselben durch einen Stalljungen Brot und Wasser geben ließ. Dann wandte er sich an den Wirth und verlangte, daß man ihm einen Führer nach Boarp schaffen solle, aber schnell, denn er habe Eile und seine Sendung sei von großer Wichtigkeit. Der Führer solle natürlich beritten sein, und es sei einerlei, was es koste.

Die Kleidung des Reiters bezeichnete ihn als den Diener eines vornehmen Herrn. Außerdem trug er eine Silberplatte auf dem linken Arme, auf der ein geschlossener Helm mit einer Grafenkrone darüber abgebildet war. Seine bestaubte Kleidung und das ermattete, schnaufende Pferd zeigten, daß er denselben Tag schon eine lange, beschwerliche Reise gemacht hatte. Der Wirth begann nun, ihn nach bestem Vermögen auszufragen, und der Reiter erzählte in demselben prahlenden Tone, daß er von Graf Cronhjelm auf Flodstad mit einem Auftrage an des Grafen Tochter, Baronin Ankarstjerna, gesandt sei; der alte Herr sei plötzlich sehr krank geworden und verlange, daß die Baronin so bald als möglich zu ihm komme. Er versicherte dem Wirthe, daß er vom frühen Morgen an geritten sei, ohne sich so viel Zeit zu gönnen, nur das Geringste zu genießen, und daß er nur geruht habe, wenn das Pferd nicht mehr fort konnte; er wolle auch dabei bleiben, zu hungern und zu dursten, bis er die Baronin gefunden und seine Botschaft ausgerichtet habe. Trotz dieser feierlichen Versicherung ließ der Wirth einen gedeckten Tisch draußen auf die Treppe bringen, holte selbst eine große Flasche mit Branntwein und forderte den Reiter auf, etwas Stärkendes zu genießen, nur so lange, bis das Pferd sein Futter verzehrt habe und wieder zu Kräften gekommen sei. Es kostete nicht viel Ueberredungskünste, um den fügsamen Diener zu bewegen, sein Gelübde zu brechen. Da er den Branntwein in dem großen Glase perlen sah, schüttelte er erst mit dem Kopfe und versicherte, er sei ein treuer Diener, der das Wohl seiner Herrschaft über alles Andere setze, dann lächelte er, nahm das Glas und leerte es auf des kranken Grafen Gesundheit. Nachdem die Versuchung einmal überwunden war, ging es mit dem zweiten Glase besser, das dritte schenkte er sich selbst ein und setzte sich draußen vor der Thüre auf die Bank, an die Seite des Wirthes. Nun begann er eine Menge kleiner amüsanter Geschichten von dem alten Grafen zu erzählen: derselbe sei ungeheuer reich und habe unten in seinem Keller ganze Kisten voll Gold- und Silbergeld; doch habe er immer nur einer seiner vielen Töchter einen anständigen Anzug gegeben, daß sie sich zwischen andern Leuten sehen lassen konnte, die anderen mußten sich versteckt halten und sich helfen, so gut sie konnten. Sobald es ihm geglückt war, die eine Auserwählte verlobt zu haben, putzte er die nächste, führte sie in die Welt ein und so weiter. Die jüngste von Graf Cronhjelm's Töchtern hieß Regina Katharina. Jung, hübsch und reich hatte sie viele Bewerber; unter diesen wählte sie Baron Claes Ankarstjerna, einen Sohn des Freiherrn zu Knutstrop. Von diesem Herrn wußte der Reiter besonders viel zu erzählen. Der Baron war Rittmeister bei den Dragonern und lernte die junge Gräfin kennen, während sie sich Winters über bei Verwandten in Stockholm aufhielt. Er selbst war nach der Hauptstadt gekommen, um eine ansehnliche Erbschaft für ein paar Fräulein Boije, Töchter seiner Schwester, zu erheben. Der Baron war ein fröhlicher, lebenslustiger Herr, er erhob das Geld und verbrauchte es selbst; das einzige, was seine Nichten von der ganzen reichen Erbschaft erhielten, war ein schönes großes Siegel mit ihres Vaters Wappen. Baron Claes führte ein lustiges Leben in Stockholm, gab sich für einen reichen Gutsbesitzer aus Skaane aus, hielt um Fräulein Cronhjelm an und bekam ihr Jawort. Da der alte Graf sich nähere Auskunft über seine Verhältnisse ausbat, legte er ein nicht ganz echtes Document seines älteren Halbbruders vor, in welchem er als Mitbesitzer von dessen sämmtlichen Besitzungen dargestellt war. Die Hochzeit wurde mit großer Bracht gefeiert. Tags darauf bekam er das mütterliche Erbe der jungen Baronin mit 60000 Mark Silbermünze ausbezahlt und lebte nun eine Zeit lang in Herrlichkeit und Freuden in Stockholm. Da er endlich den Bitten seiner Gattin nachgab und nach seinen vielen Gütern reisen wollte, ward ihm, wie es heißt, die Thür von seinen zahlreichen Gläubigern verboten und er gezwungen, ihnen Alles, was er schuldete, zu bezahlen. Dazu brauchte er den Rest der 60000 Mark, und so zog die Herrschaft nach Skaane. Als sie nach Engelholm kamen, verlangte die Baronin weiter zu reisen, sie wolle direct nach ihrem Gute; Claes warf sich ihr zu Füßen und gestand, daß er weder Güter hätte, noch sie in eine andere Wohnung führen könne, als in das kleine Mansardenzimmer, das sie im Gasthofe bewohnten; aber das war auf einen Monat gemiethet, und so hatten sie ja fürs Erste keine Noth.

Der Wirth hatte diese Erzählung mit steigender Aufmerksamkeit angehört. Als des Wirthshauses in Engelholm erwähnt wurde, lächelte er zufrieden und unterbrach den Diener mit der Bemerkung, es sei bei ihm gewesen, wo die junge Herrschaft vor fünfzehn Jahren gewohnt habe. Er konnte sich ihrer deutlich erinnern. Die Baronin war so schön, so bleich vor Kummer. Sie saß fast den ganzen Tag, den Kopf in die Hand gestützt, und weinte und sah aus dem kleinen Fenster in den Hof. Der Baron tröstete sie, und wenn er dessen müde war, ging er im Zimmer auf und ab und pfiff. Ward die Zeit ihnen gar zu lang, so spielten sie Karten. Dies war ihre Beschäftigung, bis der Herr auf Knutstorp Baron Claes so viel Geld lieh, daß er Boarp, ein kleines Gut in der Ostseegegend, kaufen konnte. Dahin zogen sie, und dort starb der Baron im nächsten Winter. Er hinterließ die Baronin, tief darniedergebeugt durch seinen Tod, und eine kleine Tochter Maria Cornelia. Die Baronin führte seitdem ein stilles, einförmiges Leben; sie, die im Beginn ihrer Ehe mit Allem umgeben war, was Pracht und Verschwendung hervorbringen können, mußte nun, um ihr Leben zu fristen, an der geringsten Arbeit in Boarp theilnehmen. Zuletzt legte sie eine Branntweinbrennerei an und griff mit eigenen Händen zu.

Unter solchen Erzählungen war es Abend geworden. Die Sonne ging unter, und der Diener saß noch unter dem Ueberbau vor der Treppe. Er hatte seinen Rock ausgezogen und am Gitter aufgehängt, er trank und stieß mit dem Führer an, der längst gekommen war und sein Pferd auf der Straße angebunden hatte. Der Wirth stand hinter ihnen, immer mit der Flasche in der Hand; Sobald die Gläser geleert waren, füllte er sie von Neuem und schrieb einen Kreidestrich an die Wand, der Rechnung wegen, zuweilen schrieb er auch zwei, dafür mußte er einstehen. Der Diener kümmerte sich nur wenig um die Rechnung, er war seelenvergnügt und sang lustige Lieder, zum Vergnügen der Nachbarn und Straßenjungen, die sich draußen versammelt hatten. Ab und zu hielt er mit Singen inne, sah zu dem Wirthe auf und sagte, daß es Nichts nützen könne, ihn zu fragen, ob sein Herr auf ehrliche Weise zu seinem Gelde gekommen sei, denn er antworte nicht darauf. Erst am Abend erinnerte ihn der Wirth daran, daß es spät sei und daß er nun bald genöthigt würde, die Thür zu schließen; es sei gewiß das Beste, wenn er sich jetzt auf den Weg nach Boarp machte. Der Diener stand auf, half dem Wirthe die vielen Striche zählen und bezahlte auf Heller und Pfennig. Dann versuchte er zu Pferde zu steigen, aber das ging nicht, er fiel immer wieder herab. Nah einigen vergeblichen Versuchen entschloß er sich endlich, einen Wagen zu nehmen, band sein und des Führers Pferd hinter demselben fest und ließ sich von den Umstehenden hinaushelfen. Als sie im Begriff waren, fortzufahren, hielt er den Kutscher zurück, wandte sich an die Zuschauer und versicherte laut, es könne nichts nützen, ihn zu fragen, ob sein Herr, Graf Cronhjelm, auf ehrliche Weise zu seinem vielen Gelde gekommen sei, denn er würde es ihnen nicht sagen. Dann schlang er seinen Arm um des Führers Hals, und so fuhren sie zur Stadt hinaus. Beide singend und jubelnd, um der Baronin zu melden, daß ihr Vater am Tode liege.

Etwas vor Tagesanbruch kamen sie nach Boarp. Der Diener war sanft eingeschlummert und lag auf einem Bündel Stroh hinten im Wagen, der Führer hatte eine Pferdedecke über ihn gebreitet und weckte ihn, ehe er dieselbe fortnahm. Die Sonne war noch nicht am Horizonte, als sie in Boarp einfuhren. Alles in der Nähe schlief, nur vom Walde herüber klang dann und wann ein langgezogenes, klägliches Geheul; das war der Vielfraß oder Wolf, der von seiner nächtlichen Jagd zurückkehrend, das Dickicht suchte, um gleichfalls zu schlafen. Nur von einem hohen, schwarzen Schornstein, der über die Boarp umgebenden Bäume hervorragte, stieg ein dunkler Rauch empor und zeigte, daß man dort schon in Thätigkeit sei. Als der Wagen auf den Hof fuhr, trat eine ältere Frau unter die Brennereithür. Sie trug ein Tuch über dem Kopf, eine blaugewürfelte Schürze und aufgesteckte Aermel, die zwei weiße Arme sehen ließen. Das war Frau Baronin Ankarstjerna, die ihre tägliche Arbeit in der Brennerei verrichtete.

Als sie die Nachricht von ihres Vaters Krankheit, welche der Diener bis in die kleinsten Einzelheiten schilderte, empfangen hatte, stand sie einen Augenblick und sann nach, dann strich sie ihre Kleiderärmel herunter, rief die Arbeiter des Gutes zusammen, gab Jedem die nöthigen Befehle, und darauf ging sie ins Haus und kleidete sich um; eine halbe Stunde später saß sie auf dem Wagen, der den Diener und seine Botschaft gebracht hatte, und fuhr nach Flodstad. Die Baronin war eine energische und kluge Dame, sie wußte, was sie wollte, und verstand die Umstände zu benutzen.

Auf dieser Reise hatte der Diener seinen Platz beim Kutscher. Die Baronin saß hinten im Wagen auf einem Bündel Stroh, das mit einer Decke bedeckt war. Der Bauernwagen, auf dem sie fuhren, war armselig, die Pferde auch. Jedesmal, wenn sie an einen Hügel kamen, sprang der Kutscher ab, ging zur Seite des Fahrwerks mit dem Munde schnalzend oder einige kräftige Flüche ausstoßend, je nachdem er glaubte, daß das Eine oder das Andere am besten dazu dienen könne, die keuchenden mageren Pferde zu ermuntern; war der Hügel sehr steil, dann stiegen sowohl der Kutscher wie der Diener ab und halfen nachschieben. Zuweilen ging auch etwas am Wagen oder Geschirr entzwei, aber das war man gewohnt und half sich, so gut man konnte, mit einem Seil oder einem Stück Schnur. So ging es fort. Ab und an wandte sich der Diener an die gnädige Frau, die still und bleich auf ihrem Platze saß, ganz versunken in ihre eigenen Gedanken, und versicherte sie, er sei ein treuer, eifriger Diener, der Tag und Nacht gereis't sei, ohne sich auf dem ganzen langen Wege so viel Zeit zu gönnen, etwas zu essen oder zu trinken, solche Eile habe er gehabt, seinen Auftrag auszurichten. Die Baronin schien seine Versicherungen mit großer Aufmerksamkeit anzuhören, aber es gefiel ihm nicht recht, daß sie ihn mit ihren großen dunklen Augen so fest ansah und daß sie zu Allem, was er sagte, schwieg.

So setzten sie die Reise von Ort zu Ort fort, ohne anderen Aufenthalt als den, den das Fahrwerk verursachte. Auf einer der letzten Stationen ließ sich die Baronin endlich in ein Gespräch mit dem Diener ein, der bereits seine ganze Beredsamkeit, aufgeboten hatte und nun nicht mehr wußte, wovon er reden sollte. Der Gegenstand des Gespräches war folgender:

Baron Claes Ankarstjerna hatte, wie schon erwähnt, eine Tochter Maria Cornelia hinterlassen. Sechzehn Jahre nach seinem Tode war aus dem Kinde ein erwachsenes Mädchen geworden, frisch und hinreißend schön, das verjüngte Bild der Mutter. Sie hatte fast ihr ganzes Leben auf Boarp zugebracht und war dort, so gut es die beschränkten Verhältnisse erlaubten, erzogen worden. Im letzten Winter sandte der Vater der Baronin einen Brief mit der Bitte, daß sie ihn in Flodstad besuchen möge. Maria Cornelia reis'te im November, ärmlich ausgesteuert mit den veränderten Kleidern ihrer Mutter, den Resten früherer Herrlichkeit, die angeschafft waren, als noch von des Barons Reichthum und seinen vielen Gütern die Rede war, zu ihrem Großvater. Mit der Briefpost ging es damals ungefähr, wie mit der Personenbeförderung, beide ließen viel zu wünschen übrig. Die Baronin Ankarstjerna hatte daher in längerer Zeit nichts von ihrem Kinde gehört; seinetwegen ließ sie sich jetzt mit dem Diener in ein Gespräch ein. Er wußte von Allem Bescheid; daheim bei dem alten Grafen verrichtete er zugleich den Dienst eines Jägers, Gärtners, einer Stafette oder was sonst gerade nothwendig war. Die junge Baronesse kannte er sehr gut, sie war so freundlich, so herablassend gegen Alle, das ganze Haus vergötterte sie, sie ging und sang und trällerte den ganzen Tag, spielte mit dem alten Grafen Karten, und wenn das Wetter gut war, ritt sie nach Vesteraasen. Oftmals kam sie auch in die Gesindestube und sah nach den Leuten; und wenn sie dann sah, daß die Haushälterin, die alte Frau Martha von Sandvigen, die Butter allzu dünn aufs Brot gestrichen hatte, so bewog sie dieselbe, es ihnen besser zu geben. Frau Martha meinte, dünne Butter sei gut genug für die Leute, aber die junge Baronesse sagte, ein wenig Käse oder Fisch dazu könne auch nicht schaden, und so ging es nach ihrem Kopfe. Die Frau Martha von Sandvigen schilderte er als eine Jesabel, deren gleichen es im ganzen Reihe nicht gebe, sie gehe und rassele mit ihrem Schlüsselbunde und brumme, so lang Tag sei; allezeit wolle sie sparen, jeden Schilling drehe sie zweimal um, ehe sie ihn ausgebe, aber das freue den alten Grafen, denn was sie den Leuten abspare, gehe in seine eigene Tasche. Mit der Herrschaft springe sie ebenso um wie mit den Leuten. Habe sie erst ja gesagt, so helfe es nichts, daß der alte Graf nein sage. Nur ein Mensch beuge sich nicht vor ihr, das sei Herr Valter Ramel, Lieutenant in der Leibgarde, der in der letzten Zeit häufig mit des Grafen jüngstem Sohn nach Flodstad komme. Er könne von Frau Martha bekommen, was er wolle; sie sei seine Amme gewesen, ehe sie zu dem alten Grafen kam, behaupteten Einige; Andere sagten, sie sei eine gewöhnliche Fischfrau in Gothenburg gewesen. Jedesmal wenn sie Herrn Ramel ansah, flog ein Lächeln über ihre harten Züge, für ihn war Nichts zu gut. Aber es gab noch Jemand, der lächelte, wenn Lieutenant Ramel angeritten kam, das war die junge Baronesse. Deßhalb hatte Frau Martha dieselbe so gern, und die Drei hielten allzeit zusammen. Anfangs kam Herr Valter Ramel einmal wöchentlich, von Sonnabend Morgen bis Montag Abend, dann auch am Mittwoch und zuletzt fast einen um den andern Tag. Jedesmal hatte er das Eine oder das Andere in seinem Reisesack, was nicht vertragen konnte, daß man es drückte, bald eine alberne Blume in einer steifen Papierdüte, bald ein Schächtelchen mit Garnwickeln, bald eine Reitpeitsche von hellgelbem Leder, die pfiff, wenn man in das dicke Ende blies. Alles das sollte die junge Baronesse haben. Sie stand oben am Thurmfenster und sah weit ins Land hinaus und klatschte in die kleinen weißen Hände, wenn sie einen Reiter in blauem Mantel mit weißen Schnüren unten auf dem Wege erblickte.

So erzählte der Diener, als ihm die Gelegenheit zum Reden geboten wurde. Es war so behaglich mit der Baronin zu sprechen; sie unterbrach ihn nicht und schien Alles, was er sagte, mit einem wohlwollenden Lächeln und der tiefsten Aufmerksamkeit anzuhören. Erst als der Diener anfing, von dem jungen Gardelieutenant zu erzählen, veränderten sich ihre Mienen; sie zog die Augenbrauen zusammen, ward bleich und unterbrach plötzlich den Diener mit der Frage, was der Graf dazu sage. Der Diener betrachtete sie fest und aufmerksam, dann antwortete er, die gnädige Frau könne ihn um Alles fragen, was sie wissen wolle, aber von seinem Herrn, dem Grafen, erzähle er nichts. Er sei ein treuer, zuverlässiger Diener, und der Wirth in Engelheim habe ihn den Abend zuvor geplagt und gequält, daß er ihm sagen möge, ob Se. Gnaden, der Graf, sein vieles Geld ehrlich erworben habe, aber er habe die Hand auf den Mund gelegt und nichts gesagt.

Fahr zu, rief die Baronin dem Fuhrmann zu, so schnell als deine Pferde laufen können.

Von nun an ging die Reise schneller, aber die gnädige Frau ließ sich mit dem treuen Diener nicht mehr ins Gespräch ein.

Gegen Abend, näherte man sich Flodstad. Die Baronin erkannte die Heimath ihrer Kinderjahre, doch kam die Gegend ihr so fremd vor. Hügel und Thäler waren dieselben, der Fluß schlängelte sich wie sonst zwischen den Steinblöcken, aber sie vermißte die großen Wälder, die mächtigen Tannen und Eichen, welche früher die Gegend geziert hatten. Große Strecken derselben waren abgehauen und lagen aufgestapelt am Wege, überall sah man Haufen vertrockneter Aeste und Kronen; zwischen den nackten Wurzelstöcken war dann und wann ein Wachholderbeerstrauch oder eine dünnstämmige Birke emporgeschossen, das war Alles, was übrig war. Der Diener hatte längst bemerkt, wie überrascht sie über die Oede und Zerstörung war, die sie umgab; nun erklärte er ihr, daß der gnädige Herr die letzten Jahre dazu benutzt habe, alle seine Wälder fällen zu lassen, und dann habe er die Stämme verkauft. Das fand er sehr vernünftig, denn während die Bäume standen und wuchsen, brachten sie keinen Nutzen, aber als sie gefällt waren, brachten sie bei der Auction, die der gnädige Herr darüber hielt, viel Geld ein.

Die Baronin betrachtete die Bauernhöfe, an denen sie vorüberkamen. Alles zeigte Spuren von Verfall und Armuth; die Felder waren schlecht bestellt, die Stakete, die man in Skaane aus gespaltenen Fichtenstämmen verfertigt, umgefallen, die Bewohner sahen sorgenvoll und leidend aus. Der Diener erzählte, die Bauern müßten strenge Arbeit für das Gut verrichten, außerdem pflege der gnädige Herr in den lehren Jahren ihre Abgaben bei jedem Termin etwas zu erhöhen. Sie klagten und jammerten und sagten, sie könnten die vielen Abgaben nicht entrichten, aber dann werde ihnen der Vogt auf den Hals geschickt, der sie pfände, denn der gnädige Herr wolle sein Geld haben.

Die Baronin trieb den Kutscher wieder an; der Wagen fuhr stets hurtiger, Die Pferde stöhnten. Da sie sich dem Thiergarten vor dem Schlosse näherten, ging die Achse in Stücke. Es begann bereits dunkel zu werden, aber es war nur noch ein kurzes Stück Weges zurückzulegen; die Baronin ließ den Diener bei dem Wagen zurückbleiben und ging den Fußpfad durch den Wald zum Schlosse.

Da oben saßen zur selben Zeit drei Personen in der einen großen Fensternische des Wohnzimmers. Die eine war ein junges Mädchen in einem schwarzen, abgetragenen Seidenkleide, die andere eine alte Frau, groß, mager, mit einer gebogenen Nase und mit einer enganschließenden Mütze, unter welcher hervor zwei Locken dichten, dunkelgrauen Haares auf die Stirn fielen. Es war Frau Martha von Sandvigen, von der der Diener gesprochen hatte. Das junge Mädchen an ihrer Seite war Baronesse Maria Cornelia. Die dritte Person war Volker Ramel, Lieutenant im Leibregiment, ein junger Mann von mildem, gutmüthigem Aeußern, mit einem seinen Schnurrbart und auffallend schönem, lockigem Haar. Cornelia hatte ihr Haupt auf die Schulter der Haushälterin gelegt, ihre eine Hand ruhte in Frau Martha's Hand, die andere hielt Valter in seinen beiden Händen, während er mit ihr sprach. Ihre Unterhaltung ward leise geführt; denn die Thür zum nächsten Zimmer stand offen, und da lag der alte Graf Cronhjelm, eine leichenblasse, abgezehrte Gestalt, krank und stöhnend, in einem großen Bette mit rothen Gardinen. Sein jüngster Sohn saß am Kopfende und wachte. Die Abendsonne schien ins Fenster, ihr Schein fiel auf die weichen, lieblichen Züge der jungen Baronesse und verlieh ihren dunkeln Augen einen doppelten Glanz, während sie dieselben fest auf Valter heftete und zu dem, was er sagte, lächelte. Es lag so viel Glück und Vertrauen in diesen großen, dunkeln Augen, so viel tiefe, innerliche Liebe, ein Ausdruck, den sie niemals wieder verloren. Er sprach von der Zukunft und entfaltete Bilder voll Schönheit und Frieden vor der Lauschenden, und der sanfte Ton seiner Stimme, das Treuherzige in seinen blauen Augen gelobte noch Mehr als seine Worte, Frau Martha saß und bewegte das Haupt hin und her, wie es stets ihre Gewohnheit war; dazu sang sie, wenn sie ging, zwei bis drei Töne, stets dieselben. Das Alter hatte ihre Züge noch nicht erschlafft; sie hatte ein festes, willenstarkes Gesicht; es war ein Zug von Energie in den beiden tiefen Falten über den Augen, von Strenge in dem zusammengekniffenen Mund, der von Leiden und Enttäuschungen erzählte, dabei aber auch von der Kraft, dieselben zu tragen. Auch sie lächelte über das, was Herr Valter erzählte, aber es sah aus, als müsse sie sich dazu zwingen; es war das Lächeln der reiferen Jahre, weniger zuversichtlich, mehr zweifelnd.

Aber was wird meine Mutter dazu sagen? rief plötzlich Maria Cornelia aus, sie, die nichts ahnt, die so streng ist, und die mich nur schwer verstehen kann!

Sie wird dasselbe sagen wie Frau Martha, entgegnete Ramel mit voller Zuversicht. Die Frau Baronin wird über unsere Verbindung lächeln und wünschen, daß sie zum Segen für uns sein möge.

Nein, das wird sie niemals, antwortete eine kalte, feste Stimme von der andern Seite des Zimmers, und in der offenen Thür sahen sie eine Dame stehen, die unbemerkt Zeugin dessen war, was sie gesprochen hatten. Wer redet hier in meinem Namen? fuhr sie fort und trat streng und majestätisch, mit erhobenem Haupte, tiefer ins Zimmer. Sprecht! Ich befehle es. Ich bin die Baronin Ankarstjerna. Welche Sprache wagt man an meine Tochter zu richten?

Maria Cornelia stieß einen unterdrückten Schrei aus und warf sich der Baronin zu Füßen. Lieutenant Ramel stand mit einer tiefen, ehrfurchtsvollen Verbeugung auf und stammelte einige Worte, die Niemand verstehen konnte, denn die Stimme versagte ihm. Frau Martha von Sandvigen hatte sich ebenfalls erhoben und stand der Baronin gerade gegenüber, sie fest und durchdringend betrachtend, indem sie sagte:

Gnädige Frau! Im nächsten Zimmer liegt Ihr Vater und ringt mit dem Tode. Er hat den ganzen Nachmittag nach Ihnen verlangt. Wir können das Andere morgen besprechen.

Ich habe nichts zu besprechen, weder mit Ihnen, noch mit jenem Herrn, antwortete die Baronin. Komm, Kind, führe mich zu meinem Vater. – Und ohne die Haushälterin oder Lieutenant Ramel eines Blickes zu würdigen, nahm sie die Hand ihrer Tochter und ging mit ihr in das Krankenzimmer.

Man hatte nach einem zweiten Arzte geschickt, der sich bald darauf einfand. Als er den Kranken untersucht hatte, zuckte er die Schultern, flüsterte dem jungen Grafen einige Worte zu und setzte sich in die Ecke zu seinem Collegen. Ihre Kunst vermochte nichts gegen die Macht, die hier an die Thür klopfte: daß war der Tod. Die Nacht kam, Graf Cronhjelm zog an den Bettlaken und bewegte seine mageren Finger um einander. Als die Baronin zu ihm trat, erkannte er sie gleich. Er richtete sich auf, reichte ihr die Hand und sagte langsam und gleichgültig: Na, bist du da! Dann legte er sich zurück, und es schien, als ob er nicht mehr an sie denke. Das Licht brannte hinter zwei großen Schirmen. Die Baronin saß am Bette und ließ ihre Blicke durch das Zimmer schweifen, das ihr seit ihrer Kindheit bekannt war. Alles darin zeugte von Verfall und Unordnung. Alte Ledertapeten die einmal mit Blumen und vergoldeten Schnörkeln bemalt gewesen waren, hingen zerrissen an den Wänden, die Fenster waren gesprungen und mit Papierstreifen zugeklebt, Bündel getrockneter Samenstengel verschiedener Gartengewächse hingen zwischen Kleidungsstücken und bestäubten Jagdgeräthen. Es war dunkel und öde in diesem Zimmer, und das alte Himmelbett mit den rothen verbliebenen Gardinen voll Spinneweben und mit hier und da abgerissenen Fransen diente nicht dazu, dasselbe behaglicher zu machen. In der Ecke stand eine große Stubenuhr in dunkelm Holzgehäuse, mit einem ausgestopften Vogel oben darauf. Der einförmige Schlag des Perpendikels war der einzige Laut, der die Stille unterbrach.

Nach Mitternacht ward der alte Graf schwächer. Zu derselben Zeit schien sich seiner eine wunderbare Unruhe zu bemächtigen; er richtete sich auf, sah sich um, flüsterte einige Worte und sank wieder zurück. Das wiederholte sich mehrmals, endlich rief er aus: Gustav und Regina, wo seid ihr? Ich will mit euch sprechen, laßt uns allein!

Die Aerzte gingen. Der Graf folgte ihnen mit den Augen und lauschte, bis sie die Thür geschlossen hatten. Darauf legte er sich eine Zeit lang ruhig hin und schien sich zu bedenken; nach und nach begann eine fürchterliche Blässe sein Antlitz zu bedecken, aber er lächelte doch, als er flüsterte:

Kommt zu mir, noch näher, es wird so dunkel. Ich bin ein reicher Mann, Kinder! – Ich habe viel Geld zusammengespart – mehr als ihr glaubt – du sollst nicht länger darben, meine arme Regina! – Ich habe das Geld wohl verwahrt – meine Obligationen auch – Niemand weiß wo. – Kommt näher, so will ich es euch zuflüstern. – Ich habe es versteckt unter den – Gott sei mir Sünder gnädig! –

Der Graf hatte die Worte mit leiser, fast unhörbarer Stimme gesprochen, und während Sohn und Tochter sich über sein Bett beugten, stieß er einen tiefen Seufzer aus, griff mit beiden Händen in die Luft, seine Lippen fuhren fort, sich zu bewegen, aber man hörte keinen Laut, seine Augen wurden glasartig, er sank zurück und war todt. – –

Drei Tage später klopfte Frau Martha Morgens an die Thür der Baronin und trat zu derselben ein. In Anbetracht dieses Besuches hatte sie ein schwarzes Band um ihre leinene Mütze geschlungen, ein zweites mit einem Bernsteinherzen um den Hals gebunden und mit einem dritten, etwas breiteren, ihre Schürze verziert; übrigens trug sie ein dunkles Kleid. Ihr Haar war etwas mehr sichtbar, als gewöhnlich, und fiel in zwei großen grauen Locken mitten auf die Stirn. Als sie ins Zimmer trat, verneigte sie sich tief, räusperte sich und sagte:

Ich möchte mit der Frau Baronin über etwas sprechen und bitte deßhalb um Entschuldigung, daß ich so früh komme.

Mit diesen Worten setzte sie sich in einen Lehnstuhl, der vor dem Tische stand.

Die Baronin Ankarstjerna saß auf dem Sopha; da sie sah, daß die Haushälterin sich setzte, stand sie auf und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen. Die alte Frau mißverstand diese Bewegung und wollte sich ebenfalls erheben, aber die Baronin machte ein Zeichen mit der Hand und sagte:

Bleibt nur sitzen, wenn Euch das bequemer ist. Ich habe Euch keinen Stuhl geboten, denn ich bin gewohnt, daß die Dienstboten stehend mit mir reden.

Ich habe so lange in Ihres Vaters Dienste gehen und stehen müssen, daß ich zuletzt müde davon geworden bin, erwiderte Frau Martha.

Ich hoffe, Graf Cronhjelm hat Euch dafür bezahlt, sprach die Baronin.

Nächste Martini werden es vierzehn Jahre, seit er mir zuletzt meinen Lohn auszahlte, war die Antwort, aber ich habe meinen Lohn nicht von ihm verlangt und komme auch jetzt nicht, um denselben zu fordern.

Sprecht! Was habt Ihr mir zu sagen?

Es ist wegen des Verhältnisses der jungen Baronesse zu Lieutenant Ramel, was Euer Gnaden neulich Abend entdeckten. Ja gewiß, sie haben unrichtig gehandelt; ich habe ihnen gesagt: nehmt euch bei der Hand, geht gleich zur Frau Baronin, erzählt, daß ihr euch in Zucht und Ehren liebt, und bittet um ihren Segen. Aber, gnädige Frau, wo ist die Leidenschaft, die erst bei der Klugheit in die Lehre geht, oder die Jugend, die nicht fehlte? Lassen Sie uns milde sein. Lieutenant Ramel ist nun abgereis't. Er wagte es nicht, Ihnen seinen Herzenswunsch in diesen Tagen auszusprechen. Er fand es unpassend. Ich komme an seiner Stelle, Ihre Vergebung zu erbitten und Ihnen Alles zu erzählen.

Ich weiß Alles, was ich zu wissen wünsche, antwortete die Baronin, und ich werde dafür Sorge tragen, daß meine Tochter in diesem Fall meiner Vergebung nicht weiter bedarf.

Euer Gnaden denken also daran, sie zu trennen? sagte Frau Martha ängstlich.

Die Baronin schwieg einen Augenblick, während sie die Haushälterin mit unbeschreiblichem Hohn lächelnd vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete.

Wer ist dieser Lieutenant Ramel? fragte sie.

Eines ehrenhaften Kriegers Sohn, Sein Vater folgte dem verstorbenen König auf allen seinen Zügen und kämpfte für sein Vaterland, bis sie ihn auf dem Schlachtfelde begruben. Seine Mutter – von ihr weiß ich nichts.

Seine Mutter war wahrscheinlich eine sehr achtbare Bürgersfrau, die gesalzene Fische oder dergleichen in Bergen's Straßen feilbot, antwortete die Baronin. Ich zweifle nicht an dem ehrenwerthen Stande dieses Herrn; er ist nur nicht der Gemahl, den ich meiner Tochter wünsche.

Er liebt sie doch so innig.

Das glaube ich, da Ihr es sagt. Ich finde selbst, daß die Baronesse einnehmende Eigenschaften besitzt. Sie ist jung, von vornehmer Geburt und nun, nach des Grafen Tode, eine der reichsten Partieen in Schweden. Nicht wahr? das letzte ist nicht ganz ohne Bedeutung in den Augen ihres Anbeters?

Ich weiß es nicht, erwiderte die alte Frau. Aber Euer Gnaden haben in dieser Beziehung vielleicht Erfahrung?

Es würde überflüssig und Zeitverschwendung sein, wollte ich Euch über diesen Punkt eine Beichte ablegen; Frau Martha kann nur davon überzeugt sein, daß ich es verstehe, die Früchte meiner Erfahrungen zu benutzen. Laßt uns damit dieses Gespräch endigen. So viel ich weiß, ist Euer Platz in der Küche, im Keller und der Speisekammer, nicht hier. Ich schätze Eure Tüchtigkeit als Haushälterin, dahingegen trage ich Bedenken. Euch zur Vertrauten und Rathgeberin zu machen.

Frau Martha war während dieses peinlichen Gespräches vor dem Tische sitzen geblieben. Die Adern schwollen an ihrer Stirn; ihre Lippen zitierten und bebten krampfhaft unter all diesen Demüthigungen, aber sie bezwang sich und schwieg. Sie nahm eine kleine Scheere auf und drehte sie hin und her, während sie ihr Haupt vor dem scharfen, schonungslosen Blick, den die Baronin auf sie heftete, senkte. Als dieselbe von der Mutter des jungen Mannes sprach, ritzte sie mit der Spitze der Scheere einen tiefen Strich in die Tischplatte und als jene die Absicht des Freiers auf die reiche Erbin andeutete, einen zweiten.

Was thut Ihr da? fragte die Baronin.

Das will ich Ihnen sagen, erwiderte die Haushälterin. Euer Gnaden haben mir heute alles Bittere und Kränkende gesagt, was Sie wußten. Ich habe es aufgeschrieben, damit wir Beide uns daran erinnern. Nun gehe ich, wie Sie verlangen, Frau Baronin. Merken Sie sich nur diese zwei Striche. Der Tag wird kommen, wo alle Ihre Thränen nicht im Stande sind, dieselben zu verwischen, wenn Sie es auch noch so sehr wünschen sollten.

Wenn Sie wünschen, daß ich verstehen soll, was Sie meinen, so erklären Sie sich deutlich, sagte Frau Ankarstjerna.

Ich meine, daß Sie den Tag erleben werden, wo die Leute die reiche Erbin arm finden werden im Vergleich zu einem Freier wie Lieutenant Ramel; und ein anderer Tag, wo Sie nach dem Rathe der achtbaren Bürgersfrau verlangen werden, die in den Straßen von Bergen gesalzenen Fisch oder dergleichen verkaufte. Erinnern Sie sich dann dieser zwei Striche.

Damit warf Frau Martha von Sandvigen die Scheere auf den Tisch, verneigte sich tief vor der Baronin und ging.

Einige Tage darauf ward Graf Cronhjelm mit all dem Pomp und all der Pracht, die einem vornehmen Edelmann und vorigen Reichsrath, mit anderen Worten, einem reichen Mann gebühren, begraben. Der Sarg war mit schwarzem Sammt überzogen, mit Silber beschlagen und ganz mit Kränzen bedeckt; eine unzählige Menschenmenge folgte vom Schlosse zur Kirche. Es ging hier wie beim Begräbniß so mancher Großen dieser Erde; es war Ueberfluß an Allem, nur Mangel an wahren Thränen. Der Graf hatte niemals verstanden, sich die Neigung Anderer zu erwerben, nicht einmal diejenige seiner eigenen Kinder. Niemand trauerte um ihn, Niemand vermißte ihn.

Am Tage nach dem Begräbniß war die ganze Familie auf Flodstad versammelt. Des Grafen Schubfächer wurden geöffnet, man wollte seine Schätze theilen. Aber wunderbarerweise fand man nichts. Kissen und Schränke waren leer. Unter dem Kopfkissen des Verstorbenen fand man einen großen verrosteten Schlüssel. Niemand wußte, wozu derselbe gehörte. In den Schiebladen lagen einige alte Spangen und Knöpfe, in einer mit Eisen beschlagenen Kiste, zwischen einer Menge bezahlter Rechnungen, ein kalbslederner Beutel mit Kupferschillingen aus Karl's XV. Zeit. Das war Alles. Anfangs lächelten die Erben. Man betrachtete das Ganze wie einen Scherz; Jedermann wußte ja, daß der Graf ungeheuer reich war; aber es vergingen Tage unter fruchtlosem Suchen, der Scherz ward zum Ernste. Die Leute auf dem Gute erzählten, es gehe ein heimlicher Gang von des Grafen Zimmer nach dem Keller; den Gang fand man, auch den Keller, aber er war leer. Man sah sich zuletzt genöthigt, die Dienstboten auszufragen. Jeder von ihnen wußte etwas zu erzählen; der eine berichtete, daß der selige Graf sein Geld immer in Gold umgewechselt hatte, der zweite fügte hinzu, der gnädige Herr, habe streng darauf gesehen, daß Alle zeitig zu Bette gingen, und gescholten, wenn Licht gebrannt ward, weil er gern allein sein wollte. Schlich dann Jemand an die Saalthüre, so konnte man deutlich hören, daß er drinnen saß und sein Geld zählte und das währte oft bis zum Morgen.

Frau Martha ward auch verhört. Sie kam in dem dunkeln Kleider mit der enganschließenden Mütze über dem grauen Haar und dem großen, rasselnden Schlüsselbunde an der Seite. Ihr Ausdruck war streng und ernst, noch strenger als gewöhnlich, als sie sich in dem großen Kreise vornehmer Herren und Damen umsah, die sie alle freundlich anblickten und ihr zulächelten. Die Baronin Ankarstjerna stand auf und wollte ihr einen Stuhl bieten, aber sie machte eine abwehrende Bewegung und sagte:

Lassen Sie das gut sein. Ihre Dienstboten pflegen ja zu stehen, wenn Sie mit ihnen reden. War es nicht so, gnädige Frau?

Die anwesende Obrigkeitsperson entwickelte nun mit allem Ernste, den die Sache erforderte, weßhalb man Frau Martha habe rufen lassen – das wußte sie nun recht gut im Voraus – und fragte sie aus und forderte sie auf, alle die Erklärungen zu geben, zu denen sie im Stande sei, Frau Martha ließ ihn ausreden, ohne ihn zu unterbrechen, ihre ernsten, strengen Augen waren unterdessen auf die Baronin gerichtet.

Als der Mann fertig war und die gespannteste Erwartung sich in Aller Mienen ausprägte, fuhr ein spöttisches Lächeln über der Alten Gesicht; sie schüttelte das Haupt und sagte:

Mein Platz ist unten in der Küche, nicht im Saale; ich bin des verstorbenen Herrn Grafen Haushälterin gewesen, nicht seine Rathgeberin; ich weiß von Nichts.

Mit diesen Worten verneigte sich Frau Martha tief und ehrerbietig vor der ganzen Gesellschaft und ging.

Habt Ihr uns auch Alles gesagt? fragte die Baronin sie Abends, als sie in Haushaltungsangelegenheiten zu ihr kam.

Ja, gnädige Frau, antwortete Martha, den Andern habe ich Alles gesagt, was sie angeht. Für Sie habe ich noch etwas hinzuzufügen.

Was ist das? rief die Baronin schnell.

Euer Gnaden kann von heute ab den einen Strich dort auswischen. Sie brauchen sich nur noch des einen zu erinnern.

Es ward gesucht und wieder gesucht, aber ohne allen Nutzen. Das Geld war fort und blieb fort und kam nicht an das Tageslicht, man fand auch im ganzen Hause kein Schloß, zu dem der alte, verrostete Schlüssel paßte.

Eines Tages entdeckten die Erben in einer Schieblade ein Taschenbuch, in welchem einige Zeilen andeuteten, daß der Graf zu verschiedenen Zeiten bedeutende Summen in der schwedischen Bank angelegt hatte, aber um selbst unbekannt zu bleiben, unter dem Namen Lars Lunta, Da hatte man endlich eine Spur, der man folgen konnte. Man wandte sich an die Bank und bat um Erklärungen. Die Sache war in Richtigkeit, die Gelder waren eingezahlt und konnten auch erhoben werden, sobald man das »Depositionsdocument«, wie es in der Handelssprache heißt, einreichte. Nun ward wieder gesucht, es war kein noch so verborgener Raum, keine noch so kleine Schieblade, die man ununtersucht ließ; sie konnte ja das wichtige Document enthalten. Aber es ging mit der Obligation wie mit dem baaren Gelde; sie war verschwunden. Niemand konnte Auskunft darüber geben.

So verging ein Monat; nun sollte des Grafen Nachlaß verauctionirt werden. Alles war aufgeschrieben und noch einmal untersucht; aber mit der frühern Erfolglosigkeit.

Zwei Tage vor der Auction kam ein Reiter in blauem Mantel mit weißen Schnüren auf den Hof geritten. Maria Cornelia hatte den Kopf gegen das Fensterkreuz gestützt, ihre Augen waren voller Thränen, während sie einen Namen an das Fenster schrieb, und ihre zärtlichsten Gedanken eilten über Berg und Thal zu dem, der den Namen trug. Die Baronin saß am Tische und stierte auf die zwei Striche, sie schien ganz in Gedanken versunken. Da sah Maria Cornelia den Reiter, ein strahlendes Lächeln verklärte ihre Züge, und Alles vergessend, rief sie aus:

Da ist er!

Wer? fragte die Baronin verwundert.

Maria Cornelia versuchte ihren Fehler wieder gut zu machen, indem sie sagte: Da kommt ein Herr geritten.

Vermuthlich will der Herr mich sprechen, sagte die Baronin kalt. Geh in dein Zimmer.

Oh, Mutter, Mutter, rief das junge Mädchen und schlang beide Arme um den Hals der Baronin, sei mild, sei gütig, es gilt mein Lebensglück!

Glaubst du, daß soviel auf dem Spiele steht? fragte die Baronin mit ihrer früheren Kälte, und sie küßte ihr weinendes Kind auf die Stirn und bat es, das Zimmer zu verlassen.

Die junge Baronesse ging, aber nicht auf ihr Zimmer. Draußen vor der Thür stand sie still, kniete nieder, streckte die Hände empor und flüsterte einige Worte, die nur sie selbst und Gott hörte. Dann stand sie auf, beugte sich so nahe wie möglich gegen die Thür und lauschte mit klopfendem Herzen auf das leise Gespräch in ihrer Mutter Zimmer.

Der Reiter war Valter Ramel. Als er zur Baronin ins Zimmer trat, blieb er einen Augenblick stehen und athmete mühsam. Sie bemerkte beim ersten Blick seine Unsicherheit und Verwirrung, es lag ein solcher Ausdruck von Schmerz und Bitte in seinen Augen, seine weiche, zitternde Stimme schien sie aufzufordern, ihm zu helfen.

Ich bin Volker Ramel, sagte er, und ich habe Sie erzürnt, da wir uns das erste Mal sahen. Ich komme, Sie zu fragen, ob es gar keine Gnade für mich giebt? O, beurtheilen Sie mich nicht nach meinen Worten! In diesem Augenblicke kann ich kaum sprechen, ich kann nur schlecht ausdrücken, was ich meine. Vor einem Monat flüchtete ich vor Ihnen, das war feige, aber Ihr Vater lag im Sterben, und vor einem Monat war Ihre Tochter die reichste Erbin in Schweden. Jetzt ist sie, wie ich höre, wieder arm; das hat mir Muth eingeflößt, denn nun ist der Abgrund, der uns trennt, minder tief; vielleicht blüht jetzt mein Glück. Oh, gnädige Frau, fuhr er fort und trat mit gefaltenen Händen dicht vor sie hin, wenn Sie wüßten, wie ich sie liebe, wie froh und glücklich ich gewesen bin, seit dies Gefühl mich ergriff. Sie falten Ihre Stirn, aber Sie glauben mir doch, denn die Wahrheit dessen, was ich sage, muß in jeder Miene meines Gesichtes zu lesen sein. – Giebt es gar keine Hoffnung für mich? – O, sagen Sie nicht nein, wenden Sie sich nicht fort! Die Leute erzählen von Ihnen, daß Sie selbst einmal innig geliebt haben, und daß Sie diese Liebe in Noth und Entbehrungen treu bewahrt haben. Sie müssen es also wissen, was es heißt, einem Andern mit Herz und Seele anzugehören. Geben Sie mir Erlaubniß, Ihre Tochter zu lieben, glauben Sie mir, ich werde ein guter, liebevoller Sohn sein. Ihre Tochter und ich werden Sie auf den Händen tragen und Ihnen alle Sorgen erleichtern.

Als er dies gesagt hatte, schwieg er; seine Augen leuchteten von Ehrlichkeit und Wahrheit; die Thränen liefen von seinen Wangen herab.

Wer und was sind Sie? fragte die Baronin.

Ich bin so gut wie Nichts, sagte er und lächelte wehmüthig. Ohne sie werde ich noch weniger sein, denn ich werde zu Grunde gehen – ja, das werde ich mit ihr wird etwas Großes und Rechtes aus mir werden. Sie werden sehen, daß ich danach streben werde, dies Ziel zu erreichen.

Wäre es da nicht früh genug, mit Ihrer wunderlichen Bitte zu kommen, sobald Sie dies Ziel erreicht haben? fragte die Baronin.

Weßhalb sollen wir warten und weßhalb soll sie meinetwegen in Sorge sein? Sie wissen nicht, daß sie mich ebenso innig liebt, wie ich sie; wenn Sie uns zürnen und uns Ihre Einwilligung verweigern, gehen wir Beide zu Grunde. – Weil ich arm bin, kann meine Hoffnung ja nicht vergeblich sein, denn Ihr Bruder sagt, Sie seien auch nicht reich; auch aus Familienrücksichten werden Sie mich nicht abweisen, denn mein Geschlecht ist so gut wie das Ihre.

Wirklich? sagte die Baronin spöttisch.

Meine Mutter war Ihres Gatten Nichte.

Was soll das heißen?

Meine Mutter war ein Fräulein Boije; durch einen unglücklichen Zufall verlor sie Alles, was sie besaß, und mußte streng arbeiten, um mir eine Existenz zu schaffen.

Fräulein Boije? wiederholte die Baronin verwundert und versank in Gedanken. Dieser Name rief eine Menge dunkler Erinnerungen bei ihr wach. Für zwei Fräulein Boije sollte ihr Gemahl eine Erbschaft erheben, als er nach Stockholm kam; ihnen sandte er statt des Capitals einen Abdruck des großen Familienwappens in rothem Siegellack.

Fräulein Boije! wiederholte sie.

Sie haben sie gewiß nicht gekannt, sagte Ramel. Sie lebten still und unbeachtet in einem Winkel des Landes, wo sie ihre Armuth und .ihre getäuschten Hoffnungen verbargen. Sie suchten Niemandes Umgang, ihre Klagen machten Niemand Vorwürfe, sie sprachen dieselben nicht einmal aus.

Ja, ich habe sie gekannt, sagte die Baronin. Mein Gemahl war ihr Vormund und vielleicht Schuld an ihrem Unglück.

Davon weiß ich Nichts, erwiderte Ramel mit gesenkten Augen.

Ja, gewiß wissen Sie es, äußerte Frau Ankarstjerna. Sie sagen nicht die Wahrheit!

Meine Mutter hat es zum wenigsten niemals erwähnt, sagte Ramel, und außerdem ist, es so lange her, daß es vergessen ist.

Weßhalb schlagen Sie Ihre Augen nieder, Herr Valter Ramel! – Sehen Sie mich an und antworten Sie mir: ist Frau Martha von Sandvigen ein Fräulein Boije!

Valter Ramel sah nicht auf, er nickte nur mit dem Haupte und antwortete beinah flüsternd: Ja, Frau Martha ist ein Fräulein Boije!

Die Baronin saß still und schwieg, dann erhob sie sich und sagte kurz und heftig: Sie haben eine sehr ungelegene Zeit gewählt, um mir Ihre Bitte vorzutragen. Sehen Sie das nicht ein?

Ich bin jeden Abend hier vor dem Schlosse gewesen, erwiderte er, ich wagte jedoch nicht, hereinzukommen. Aber ich habe seit jenem Abend Ihre Tochter weder gesehen noch gesprochen, gnädige Frau. Nun konnte ich es nicht länger aushalten.

Sie sind ein großes Kind, antwortete die Baronin, und dieser Umstand könnte mich abschrecken, Ihnen meine Tochter anzuvertrauen. Doch will ich mir überlegen, was Sie gesagt haben; jedenfalls werde ich Ihnen antworten, ehe wir abreisen.

Sagen Sie nur ein Wort, sagte er und kniete, vor ihr nieder, nur ein einziges Wort, was mir Hoffnung einflößen kann.

Gehen Sie, war die Antwort, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe.

Der nächste Tag verging in Geschäftigkeit. Die Baronin ließ sich nicht sehen. Sie saß mit aufgestütztem Haupte in ihrem Zimmer, und wenn Maria Cornelia es furchtsam versuchte, ein Gespräch anzuknüpfen, um etwas über das, was ihrem Herzen zunächst lag, zu erfahren, sagte die Mutter:

Laß mich in Ruhe, mein Kind, ich habe über Etwas nachzudenken.

Die Leute lachten und lärmten in den Zimmern, sie trugen die Möbel in den großen Saal. Dort ging der Auctionarius herum, ein alter Mann mit grüner Brille, und kleisterte Nummern auf all die Sachen, die den nächsten Tag verkauft werden sollten. So verging der Tag.

Gegen Abend, als die Leute fort waren, ging die Baronin in den Saal.

Noch einmal untersuchte sie jedes Möbel, jede Schublade, in der Hoffnung. Lars Lunta's Obligation zu finden; vergebens. Da sank sie auf einen Stuhl, verbarg das Gesicht in den Händen und brach in heftiges Weinen aus.

Alle Hoffnung war verschwunden, alle die lichten Bilder der letzten Zeit versanken. Sie war wieder die arme Mutter, für welche die Zukunft kein anderes Licht hatte, als das, welches aus der Brennerei zu Boarp schien. Aus diesen traurigen Gedanken ward sie dadurch geweckt, daß sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Als sie aufsah, fiel ihr Blick auf Martha, die finsterer als je vor ihr stand.

Haben Ihre Gnaden die Documente gefunden? fragte sie.

Nein, antwortete! die Baronin.

Wie steht es da mit der großen Erbschaft und all dem Reichthum, den der selige Reichsrath hinterlassen hat?

Es wird gehen, wie es früher gegangen ist; ich habe zwanzig Jahre ohne denselben gelebt und helfe mir wohl auch fernerhin. Sprechen wir nicht mehr davon.

Frau Martha schwieg, ihr Gesicht veränderte sich in diesem Augenblicke wunderbar und zeigte Spuren eines starken Seelenkampfes. Warten Sie einen Augenblick, sagte sie, ich habe noch Etwas zu sagen.

Sie ging und zog einen alten gepolsterten Lehnsessel hervor.

Da wir zuletzt zusammen sprachen, wollten Sie mir keinen Stuhl bieten, weil das gegen den Respect sei. Heute Abend biete ich Ihnen einen.

Was soll das heißen?

Das ist Ihres Vetters alter Ruhesessel, stecken Sie die Hand unter den Ueberzug und sehen Sie, was Sie finden.

Die Baronin gehorchte. Sie fand ein vollgeschriebenes Buch und ein zusammengelegtes Stück Papier, sie öffnete es und stieß einen lauten Jubelruf aus. Es waren Lars Lunta's Documente.

Sehen Sie, sagte Frau Martha mit derselben Ruhe und Kälte wie früher. Nun haben wir über Nichts mehr zu sprechen. Morgen reisen Sie Ihres Weges und ich des meinen; dies war das Einzige, was mir noch zu thun übrig blieb. Ich gebe, Andere nehmen; so ist es stets gewesen.

Sie wollte gehen, aber die Baronin versperrte ihr den Weg.

Herr Valter Ramel war gestern hier, sagte sie; wissen Sie es, Frau Martha?

Ja, und Euer Gnaden haben ihn fortgejagt, wie mich neulich. Ich weiß es.

Herr Ramel hat mir gesagt, wer er ist und was er wünscht; zufällig sprach er auch von seiner Mutter.

Das hätte er unterlassen sollen.

Weßhalb? Er sprach, wie es sich für einen guten, liebevollen Sohn gebührt. Sie kennen ihn ja; Leute wie er haben das Herz auf der Zunge. Er vertraute mir, daß seine Mutter seinetwegen gekämpft, gelitten und entbehrt habe.

Das thut wohl jede rechtschaffene Mutter, antwortete die alte Frau.

Ja, darin haben Sie Recht. Ich habe auch für mein Kind gekämpft und gearbeitet, diese zwei Hände haben ihr, als mir keine andere Wahl übrig blieb, Nahrung geschafft. Können Sie sich darüber wundern, daß ich über das Glück dieses Kindes wache, und daß ich mich weigere, es einer unsicheren, zweifelhaften Zukunft entgegengehen zu lassen?

Was wollen Sie denn von mir?

Als Herr Valter von seiner Mutter sprach, nannte er zwei Fräulein Boije. Er sagte, sie hätten sich in Vieles finden müssen und hätten viel entbehrt, seit ihrer Mutter Bruder ihnen Alles raubte, was sie besaßen. Ihrer Mutter Bruder war mein Gatte, das wissen Sie wohl?

Das hätte Valter nicht sagen sollen, äußerte Frau Martha schnell. Ich selbst habe niemals mit ihm darüber gesprochen, darauf können Sie sich verlassen.

Das weiß ich, sagte die Baronin. Aber deßhalb, ergriff mich das, was er sagte, nicht weniger, und ich erinnerte mich daran, daß wir eigentlich Schuld daran sind, daß Sie ein halbes Menschenalter in Sorge und Entbehrungen verlebt haben.

Lassen Sie uns nicht davon reden, sagte Frau Martha, – und da sie ihr Haupt erhob, sah die Baronin, daß ihre Augen feucht waren. Was meiner Mutter Bruder gegen mich und meine Schwester verbrochen hat, haben wir ihm jüngst verziehen. Er war damals jung und unerfahren.

Die Baronin schlang beide Arme um ihren Hals und flüsterte:

Arme Martha Boije! Wie viel haben Sie leiden müssen!

Nicht soviel, wie Sie glauben, erwiderte die alte Frau. Ich hatte einen treuen Mann, und als er starb, meinen Knaben. Für ihn hielt ich Alles aus. Ja, ich habe in Bergen's Straßen gesalzenen Fisch verkauft, so gut wie Sie, Frau Baronin, in der Brennerei zu Boarp gearbeitet haben. Wenn nur die Sache, für die man wirkt, gut ist, so schändet die Arbeit nicht. Aber was meinen Sie mit alledem? fragte sie nach einiger Zeit.

Ich will nicht, daß der Väter Sünden an den Kindern heimgesucht werden sollen, antwortete Frau Ankarstjerna freudig und lächelnd. Ich reiche Ihnen deßhalb meine Hand, Frau Martha Ramel, und gebe meine Tochter Ihrem Sohne, der sie von mir erbat.

Das wollen Sie? – stammelte die Haushälterin.

Ja; wischen Sie jetzt nur noch den zweiten Strich dort aus. Wir brauchen uns an nichts mehr zu erinnern. Die reiche Erbin ist ja arm gewesen.

Er ist ausgewischt, gnädige Frau. Als Sie vorhin von den armen Fräulein Boije sprachen, fielen meine Thränen darauf, ich kann ihn nicht mehr sehen.

Denselben Abend saßen Valter Ramel und Maria Cornelia Hand in Hand in dem großen Saale. Sie sagten nicht viel, aber ihr Lächeln und ihre strahlenden Blicke sprachen. Frau Martha stand am Fenster und sah sie an. Nun war sie wieder die Alte. Augenscheinlich kalt und ruhig, Herrin über jeden Blick, jede Miene. Die Baronin unterbrach das lange Schweigen und sagte:

Weißt du, wer es ist, mein Kind, der dein Glück geschaffen hat, dem du Alles zu danken hast? Sie ist es, die ihr ganzes Leben für Andere gearbeitet hat, die ihren Namen und ihren Stand verborgen hielt, sowie das Unrecht, das sie erduldete.

Laßt die Todten ruhen, sagte die alte Frau sanft, und preßte die Hände der Baronin in ihre eigenen, während ein glückliches, erhabenes Lächeln ihre Züge verklärte.