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Gisela Etzel – Die Lieder der Monna Lisa.

Gedichte

Gisela Etzel, Die Lieder der Monna Lisa, Georg Müller Verlag, München, 1912


Die Lieder der Monna Lisa sind entstanden in der
Zeit vom Frühjahr 1909 bis zum Frühjahr 1911.


Die Lieder der Monna Lisa von Gisela Etzel

An diesen Liedern lebt ein Geist,
Den sich ein junges Weib beschworen,
Und Glut, das atemlos gekreist,
Wird hier Musik vor deinen Ohren.

Die Zeilen drinnen sind nicht stumm,
Ein Angesicht schaut drinnen um;
Ein Sehnsuchtgeist, der Körper fand,
Ist dieses Buch in deiner Hand.

Aus totem Rahmen tritt die Frau,
Von der sonst nur die Augen leben,
Hunderte Jahre schon zur Schau, /
Dies Buch wird ihren Mund dir geben.

Die Lippe, die zu keiner Stund
Die Lust des Schweigens unterbrach,
Sie tut dir Herzensnöte kund,
Wird mehr noch als das Auge wach.

Max Dauthendey Würzburg Ostern 1911.




1.

Ich stehe oft und blicke weit ins Leere
Und suche mich und meine Sucht zu fassen:
Kein klares Bild läßt sich zusammenpassen,
Wieviel ich alles hin und wider kehre.

Die Seele singt ein ewiges Miserere
Und kann doch nicht von Tanz und Taumel lassen,
Sucht Gott zu lieben, eifert ihn zu hassen
Und lechzt zum Fall wie straffgefüllte Beere.

Ein Vorbereiten sind mir meine Tage
Auf irgendein Erleben ohnegleichen /
Einstweilen wühlen sie in Lust und Plage
Und häufen Traum auf Traum und Frag auf Frage
Und sehen tränenlos die Zeit verstreichen
Und ahnen, daß sie nichts als Tod erreichen.


2.

Zuweilen flieg ich fort in einem Schrei,
Den ich in helle Fernen sende /
Und stehe dann und presse meine Hände
Und sehne einen Gegenruf herbei:

Vielleicht daß jenseits jener blauen Höhn
Erhabene und stolze Menschen schreiten
Und voll Verlangen ihre Arme breiten,
Wenn sie den Schrei vorüberfliegen sehn . . .


3.

Ich möchte gern mit jungen Mädchen singen,
Das Kleid gerafft durch frische Wiesen springen
Und in die bunte Sonne lachen /

Doch muß ich still und züchtig schreiten
Und immer achten nicht vom Weg zu gleiten,
Den schweren Schrittes alle Frauen machen.


4.

Ja, manchmal hab ich so ein wildes Fühlen,
Das kann ich nur in Blumen kühlen,
In vielen frischen Blumen kühlen.

In Blumen muß ich dann die Stirne wühlen,
Die weiche Haut von Blatt und Blüten fühlen
Und tief in Duft und Tau die Schmerzen kühlen.



5.

Giocondo wartet, daß ich Liebe bringe /
Er geht, vom eignen Werte überzeugt,
Des Tages Gang und mattet ungebeugt.
Geschenke bringt er oft: Juwelen, Ringe

Und Tand, wie er wohl früher Frauen brachte.
Was soll das meiner Jugend? Er ist alt,
Die gabenvolle Hand so müd und kalt,
Der Schritt so schwer, der Blick so leer und sachte.

Dies alles Hab ich damals nicht gesehen,
Als er aus blassem Jugendtraum mich nahm,
So reich und prunkend an die Schwelle kam
Und um mich warb / wie könnt ichs auch verstehen?

Nun bin ich sein und kann ihm doch nichts geben
Als nur die kleine Lust, die er verlangt,
Ob er wohl fühlt, wie tief die Frage bangt:
Ist dies das ganze Glück / ist dies das Leben?


6.

Es ist nicht Sitte, daß ein Weib es wage,
In ein Sonett ihr Fühlen zu ergießen,
Sie soll sich nur dem Gatten ganz erschließen,
Nur dieser seis, dem sie die Seele klage.

Und daß ich doch nun so in Versen sage
Von Traum und Schauen, die mich ahnen ließen,
Daß vielfach köstlichere Blumen sprießen,
Als ich sie alltags so im Gürtel trage, /

Das soll nun niemand wissen, außer mir;
Es sei denn, daß sich einmal einer fände,
Der mir mit Blumen füllte beide Hände
Und froh und sicher, wie ein freies Tier,
Sich meinen starken Trieben zugesellte
Und meinen hohen Traum ins Leben stellte.


7.

Zuweilen geh ich morgens in den Garten,
Wenn noch der Tau die nackten Füße streift,
Verschlafne Vögel auf die Sonne warten
Und alles sacht dem Licht entgegenreift;

Dann trinken meine nachterfrischten Sinne
All dieses Gartens keusche Inbrunst ein,
Und freudig fühle ich, wie ich beginne
Im Unabänderlichen still zu sein.

Die Täuschungen und Wünsche schweigen alle,
Ich blühe wie die Blumen in den Tag
Und wie der Wasserstrahlen flink im Falle
Nichts als ein Sonnenblitzen spiegeln mag.


8.

Unvergleichliches Entzücken
Blüht mir auf aus buntem Strauß;
Welche Freude, ihn zu pflücken,
Sommerglück ans Herz zu drücken!
Trag ihn armevoll nach Haus.

Häufe ihn in schönstem Glase,
Klargeschliffnem Bergkristall,
Daß die sprühende Ekstase,
Satt umrahmt von grünstem Grase,
Flutet wie ein Farbenfall:

Herz und Seele ruhn in Schweigen,
Und nur einzig süße Lust,
Wie Musik aus hundert Geigen,
Klingt und schwingt den bunten Reigen
Tief in aufgeschloßner Brust;

Bis das farbig wilde Glühen
Lösend meinen Sinn berauscht
Und mir ist wie heißem frühen
Knabenjubel, der ins Glühen
Seiner eignen Sinne lauscht.


9.

Durch nächtliche Gassen welch süßes Getön,
Wie zwitschernde Vögel in Träumen,
Wie flüsternde Binsen, wie zartestes Wehn
Von Winden in knospenden Bäumen!

Ich öffne das Fenster und blicke hinaus
Und lausche mit offenen Sinnen:
Vier fröhliche Jungen marschieren vors Haus
Und lassen die Liederchen rinnen.

Gitarre, Gitarre girrt rhythmischen Klang
Und reißt an den Pforten der Seele,
Und glühend ergießt sich der fließende Sang
Aus jugendlich flehender Kehle.

Mit füllenden Freuden umfängt jeder Ton
Mein atemlos seliges Lauschen / /
Ach, ferner und ferner vertrippelt nun schon
Das Girren und Schwirren und Rauschen.



10.

Ich möchte wohl solch eines reinen Knaben
Verschwendend ersten Liebesjubel haben
Und seine glückgeschwellten Lippen küssen,
Die noch von Frauenmund und -Leib nichts wissen.

Behutsam hielte ich die volle Schale
All seiner Zärtlichkeit in scheuer Seele,
Daß nicht zu früh und nicht mit einem Male
Um seinen Reichtum ihn mein Herz bestehle.

Nur leise wollte ich von seinem Wissen,
Das unbewußt sein Sinnenfühlen leitet,
Die Schleier lösen, bis sie fallen müssen,
Und er aus Traum ins heiße Leben gleitet.

Doch dann, doch dann / ihr Ströme von Entzücken,
Wie würdet niederstürzend ihr beglücken,
Aus ewigen Quellen solche Wonnen schenken,
Daß wild zwei Seelen nur noch, ›Sterben‹ denken!



11.

Der Wegrain blüht; die goldnen Königskerzen
Umdrängen still und stolz den alten Zaun,
Und all der Malven offne Blütenherzen
Sind wie ein liebes Wunder anzuschaun.

Die Glockenblumen öffnen ihre Tüten
Und nicken, lächeln zärtlich und entzückt,
Weil lechzend tief in ihre jungen Blüten
Der blonde Falter seinen Kuß gedrückt.


12.

Komm, Knabe, komm und sieh mir in die Augen,
Die dunkel sagen, daß sie dich verstehn,
Und daß sie still mit deinen Schmerzen gehn,
Um sachte deine Seele aufzusaugen.

Um deine stumme Inbrunst einzutrinken,
Denn ach, zu werben werden nie sie satt,
Solang mein Suchen diesen Durst noch hat,
In einen Rausch von Liebe zu versinken.

So nimm dein Herz in deine beiden Hände
Und bring es mir, dann ist dein Tag nicht mehr
Ein ödes Feld und deine Nacht nicht mehr
In jenen ungemeßnen Freuden leer,
Für die kein Dichter je ein Gleichnis fände.


13.

Wie doch ein Traum so groß beglücken kann!
Bis tief in lauten Tag hinein
Begleitet mich sein Widerschein . . .
Und kamst du nun, du ferner Mann,
Nach so viel Zeit zu mir herein,
Um eine Nacht mit mir zu sein?

Denn Jahre sinds, seit mich dein Auge frug
Und deine ach so wilde Hand
Im Dunkel sich zu meiner fand
Und ich an deiner Sehnsucht trug,
Am Blick, der mir im Herzen stand,
Du fremder Mann, du Unbekannt!

Kaum eine Stunde waren wir uns nah,
Da süße Gunst sich Günste stahl /
Und mir zur Seite mein Gemahl!
Dann Jahre, daß ich nicht dich sah . . .
Und nun, so selig wie Choral,
Dein Blick, dein Mund, dein Wunsch von Stahl . . .

Nun trag ich dich in mir, geliebter Mann! /
Wie doch ein Traum so tief beglücken kann.


14.

Das Franziskanerkloster in Fiesole

Schmucklos bescheidne, wehrhaft starke Mauern,
Auf Hügelgipfel lieblich hingestellt,
Behüten sorgsam eine heilige Welt
Vor dreistem Blick von lästigen Beschauern,

Vor Lust und Lärm und Schreck und Schrei und Trauern.
Hier wirken Kunst und Andacht frohgesellt,
Von reinsten Himmeln gnadenvoll erhellt,
In denen niemals Finsternisse kauern.

Wer hier als Bruder eingeht, ist erlesen,
Wie selbst ein Tempel, ragend dazustehn.
Sein Blick wird Höhen nur und Hoheit sehn
Und der Natur geheimste Runen lesen.
Er, der vordem verweht wie Staub gewesen,
Wird wirkend nun durch Ewigkeiten gehn.


15.

Florenz ist schön, doch schöner noch ist Rom,
Und seine Männer sind besonders kühn;
Ich liebe es, wenn Kardinäle glühn,
Und sitze gerne dort im Petersdom

In fernem dunklen Winkel ganz allein,
Wenn vorn im Licht die goldnen Priester stehn
Und sich in himmlischen Ekstasen drehn
Und hoch vom Chor die Knabenstimmen schrein

Und aus dem Dunkel neben mir die Augen
Der herben jungen Mönche an mir hängen
Und ihre stummen Seelen zu mir drängen
Und gierig sind, mein Bildnis aufzusaugen /
Und mir zur Seite jener Kardinal
Die Hände krampft in ungestümer Qual.


16.

Aus meinem Teiche zieht ein schwarzer Schwan
Allein und stumm die stille Schattenbahn;
Er liebt die kleinen warmen Sonnenflecke
Und liebt das Rauschen seiner Schilfverstecke.
Wie oft auch schon aus nahem leisem Kahn
Ihm meine Augen in die Augen sahn /
Es schien ihn nichts im Innern zu berühren,
Und meine Neugier fand verschloßne Türen,
Und immer ist er ganz allein.

Ich finde, daß ihm Lionardo gleicht:
Auch er geht seinen Weg so stolz und leicht,
So stumm und schwarz und liebt es nicht, der Frauen
Allzu geschwätzigen Augengruß zu schauen.
Und seine Seele ist allein.

Ich denke oft, seh ich den schwarzen Schwan,
Daß jener diese Maske umgetan,
Um weich und lockend Leda zu bezwingen /
Dann ists, als sollt ich in die Wasser springen
Und dort, wo Schatten sich und Schilf verketten,
Mich tief in seine schwarzen Federn betten.


17.

Wie lieb ich das: auf sanft erhöhtem Sessel
In jenem seltsamen Gemach zu ruhn,
Die Hände lieblich in den Schoß zu tun
Und nichts zu schaun, als deines Auges Fessel;

Als dieses heißbelebten Auges Fragen,
Das pantherwild in meiner Seele wühlt,
Doch jede Wunde, die es rot geschlagen,
Mit sanften dunklen Mildigkeiten kühlt.

Kannst du, der Maler, wohl in mir versinken,
Wie ich, die Müßige, so ganz in dir?
O Glück, dies garnichts tun, nur immer trinken
So Zug um Zug und Blick um Blick von dir!

Und Wochen so und Monde, Tag um Tage
In jede Linie deines Wesens schaun /
So voll von dir, wie voll vom Gotte taun
Die Tränen, die zum heiligen Kelch ich trage!


18.

Die Eiche

Die große Eiche lebt starr und stumm
Ihr grünes Leben allein
Und hat mit dem bunten Blühen ringsum
Nichts gemein.

Die Vögel, die tags ihre Äste bedrängen,
Lassen kein Lied zurück,
Die Zweige, die starr ins Mondlicht hängen,
Kennen kein Glück.

Wissen nur Schwermut und eckigen Stolz
Und breites Schweben im Raum /
Fest verschlossen im harten Holz
Atmet ein Sonnentraum.


19.

Wenn ich zu meinem werten Maler gehe
Und ganz gekleidet bin, wie er es liebt,
Und wenn ich dann vor seinen Augen stehe
Und er mir lang und stumm die Hände gibt,

Mich ansieht wie ein Bild, bis ich ihm lächle
Das Lächeln, dem er unterworfen ist,
Und seinem kleinen Feuer Gluten fächle,
Mit kühlem Blick und süßer Frauenlist:

Dann fühle ich mit vielen heißen Schauern,
Daß meine Stunde nicht mehr allzufern, /
Und fürchte doch dabei mit bangem Trauern,
Daß mir ein Sklave wird aus meinem Herrn.


2O.

Von Tagen weiß ich, die wie blaue Flammen
So leicht und licht ins schwere Leben wehen /
Wie Flammen, die vom Auge kaum gesehen
Geheimnisvollem Glutenherd entstammen.

Die Tage sinds, die wie ein Auferstehen
Den kühlen Geist, den träge arbeitsamen,
In irgendeiner tiefen Lust entflammen,
In irgendeinem Finden und Verstehen:

Ein Traum der Nacht, der noch den Tag uns rötet,
Ein nahes Glück, das Melodien flötet,
Ein Fremder, der in Freundschaft zu uns findet,
Erkenntnis, die viel helle Funken zündet /
All dieses kann die blaue Flamme wecken
Und steiles Glück durch stumpfe Tage recken.


21.

Und immer wieder dieser eine Traum,
Da fest und süß dein Mund den meinen findet,
Und Seligkeit / entrückt von Zeit und Raum!

Nach solcher Nacht ist dann der Tag so voll
Wie Beere, die sich schwer dem Stiel entwindet,
Wie Samenkapsel, die zerplatzen soll.

Und dieses Tages äußres Leben geht
Wie hinter Schleiern sacht zum Abend nieder;
Nur Eines ist, das klar und leuchtend steht:

Dein Bild aus jenem tieflebendigen Traum!
Wachsehnsucht bringt es mir aus Schatten wieder
Und hält es / weit entrückt von Zeit und Raum.


22.

Ich liege auf dem Rücken hoch im Heu:
Wie anders sieht sich doch der Himmel an,
So weit und tief und auch so seltsam neu,
Als ob ein blauer Traum ihn spann.

Die Sonne hüllt ihr Gold in warmes Grau,
Hoch über mir kleinweiße Wollen stehn,
Das Abendläuten ist wie Tropfen Tau,
Die sacht und segnend niedergehn.

Und meine Seele kniet in weißem Tuch
Und betet meiner Sinne Rosenkranz,
Und meine Liebe blickt ins Andachtsbuch
Und lächelt diesem Mummenschanz.


23.

Du anmutvolle Frau, du lieb Gesicht,
Wie liegst du, Schöne, mir so tief im Sinn!
Vielleicht, weil ich wie du so leicht und licht,
Wie du so immer neu und seltsam bin.

Hellbraunes Haar um feine breite Schläfen,
Hellbraune Brauen, die wie Wächter stehn,
Daß blaue Pfeile um so sichrer träfen,
Die durch gewölbte Wimpergitter gehn.

Ein Blick voll Schalkheit und gewohnt zu siegen,
Und doch gewohntem Sieg so wenig hold,
Daß Überlegenheit mit Lächelbiegen
Im Winkel schöngeschwungner Lippen schmollt.

O freudevolles Rund der festen Brüste,
Die unter glattem Kleid geborgen ruhn,
Die Vieler Blick um Blick bewundernd küßte,
Und die so selbstverständlich sicher tun.

Wie gleichst du, schöne Frau, doch dem Opal,
Dem kreisgeschloßnen Stein, den ich besitze,
Der tausend Farben hat und jedesmal
Mir neue Flammen zeigt und buntere Blitze.


24.

Wie ist der schwere Gang der jungen Frauen
Verheißungsvoll in seiner müden Wucht,
Als hätte er von Reife, Qual und Frucht
Ein seltsames Geheimnis zu vertrauen.

Wie ihre Augen in die Ferne schauen!
Als grüße dort weither ein Kinderblick,
Als laste dumpf ein schmerzliches Geschick,
So wissend ist der Blick der jungen Frauen.

O dieses hohe Wunder zu verstehen,
Das ihren Körper dehnt und strafft und füllt,
Sucht bangend ihre Seele ihren Gott.
Fern eurem armen Lächeln, eurem Spott,
Gehn sie dahin, in Glauben eingehüllt,
Daß Gottes Engel neben ihnen stehen.


25.

In meiner Kirche, wo ich täglich bete,
Steht jedesmal, wenn zum Altar ich trete,
An naher Säule schwer ein junger Mann
Und sieht in Qual und voll Begehr mich an.

Mirandola, dies weiß ich, ist sein Name,
Er hat kein Eheweib und keine Dame,
Der er die Gaben seiner Jugend bringt
Und Sehnen flüstert oder Liebe singt.

Er hat ein Sehnen und er hat ein Lieben,
Das steht so groß in seinem Blick geschrieben,
Der Inbrunst brennend immer zu mir fleht,
Wenn ich dort kniee, er dort glühend steht.

Schön ist der Mann und stolz, aus edlem Stamme;
Und seine Liebe sengt mich wie die Flamme,
Nach der mein Herz an kaltem Herd sich sehnt,
Nach der mein Sehnen leere Arme dehnt.

O welche tiefe Lust in diesem Neuen:
Solch junges Beten schenkend zu erfreuen,
Herniedersteigen von verehrten Thronen
Und Herz an Herz den Glauben zu belohnen.


26.

In Santa Maria Novella
Da steht ein heiliges Bild,
Dem übermenschliche Gnade
Erbarmend vom Herzen quillt.

Nach Santa Maria Novella
Zum Bilde gehn viele Fraun,
Um seinem verschwiegenen Herzen
Ihr sehnendes Leid zu vertraun.

Denn wer in Maria Novella
Inbrünstig vorm Bilde liegt,
In segenerflehenden Armen
Wohl doch noch ein Kindlein wiegt.

In Santa Maria Novella
Da kniee ich Tag für Tag
Und bitte die heilige Mutter,
Daß sie mich erhören mag.

In Santa Maria Novella
Da steht er dann dunkel und stumm
Und dreht mir mit flehenden Blicken
Die Schwerter im Herzen herum.


27.

Wenn ich geschloßnen Auges dieses denke:
»Mein lieber Herr!« so ist es allemal,
Als ob ich mich in eine Flut versenke
Von namenloser blühend roter Qual.

Voll roter Qual, die hoch in Wogen brandet,
Voll roter Lust, die lauter Liebe ist /
Aus der mein Herz in Ängsten wieder landet
An ödem Strand, wo du, mein Herr, nicht bist.


28.

Du wehrst dich gegen mich? Kannst du verwehren,
Daß mein geschloßner Blick dich wirklich sieht,
Und daß, je mehr dein Wille meinen flieht,
So wilder Glut und Seele dich begehren?

Du Erdenferner! Muß ich dich belehren,
Wie siegreich Liebe gegen Liebe zieht,
Daß Wunsch von ihr wie Wirklichkeit geschieht
Und ihr Erfüllung blüht selbst im Entbehren?

Eng pressen sich die Lider: schon umfalten
Mich harte Arme / Körper wird mein Denken /
Mein Wort wird Mund und weiß sich nicht zu lenken
Und wird von deinem Mund wie Frucht gespalten:
Was Wille war, wird Werk, und schwer versenken
In mich sich deine männlichen Gewalten.


29.

Nun ich dich weg, bin ich so voll von Liedern,
Wie brünstige Vogelkehle im April,
Die wie ein ewiger Quell mit Perlentropfen
Den Frühlingsrausch der Welt bekränzen will.

Wär ich ein Gott, um jedem der Gedichte,
In die mein Herz sein schnellstes Blut ergoß,
Lebendigen Hauch der Wonne mitzugeben,
Wie sie beim Deingedenken mich durchfloß:

Du müßtest meiner Liebe unterliegen,
So hingerissen wie ein Blatt im Wind!
Wie aber sollten Verse dich besiegen,
Die nicht von Glut und Blicken purpurn sind!


30.

Und jedesmal, wenn ich von dir mich trenne,
Blieb wie viel Fühlen stumm und ungesagt!
Ach, daß sich Liebe nicht vom Munde wagt,
Die ich doch deinem Bild in mir bekenne:

Vor dem ich eine ewige Lampe brenne
Von Hingegebenheit, die sagt und fragt
Und all das Glühen auszustrahlen wagt,
Das ich von Mund zu Mund dir niemals nenne!

Kaum bist du fort, so schreien stumme Worte
Inbrünstig zu dir hin, und Tränen fallen,
Daß von den seligen Minuten allen
Nicht eine aufgetan die starre Pforte
Der herben Förmlichkeit, um von dem Leben,
Das sie verschließt, ein Ahnen dir zu geben!


31.

Nie scheint das Leben mir so fröhlich heiß,
So liebenswert und wundersam erfüllt,
Als wenn ich nah ein Abenteuer weiß,
Das neue Glut und neue Lust enthüllt.

O dieses erste Ineinanderbrennen
Von Blick in Blick: dies tiefe Schaun und Finden!
Nicht Worte sind, den jähen Sturm zu nennen,
Wenn so zwei Seelen sehnend sich verbinden:

Ein liebes Lächeln, erstes scheues Wort,
Ein Händedruck und heißer, heißer Kuß /
Die Flamme glüht und steigt und zündet fort
Und hüllt uns ganz in goldnen Überfluß.


32.

Weiße Rosen gab mir heute
Lionardo, und er fing dabei
Meine Hand wie liebe Beute,
Hielt sie fest und gab sie nicht mehr frei.

»Monna,« sprach er, »Eure Hände
Sollten immer voller Rosen sein,
Wie so schön sich dann verbände
Blume, Blatt und Duft und Elfenbein.«

»Meister,« sprach ich, »meine Hände
Ruhn jetzt aus im Schoß der Welt;
Laßt sie ruhen ohne Ende,
Wüßte nichts, das besser mir gefällt!«

Fiel sein Blick auf Hand in Händen,
Sah auf meine, sah aus seine dann/
Wars, als ob Gewölke schwänden,
Dunkle Glut sein Antlitz überspann.

Und sein Auge wurde nächtig,
Als es tief in meines sich ergoß,
Seine Stimme schwoll und grollte mächtig,
Als sie nun in Worten überfloß:

»Monna Lisa! Lisa! Monna!«
Strömte, rauschte Jubel ihm vom Mund,
»Liebe selige Madonna,
Weltenwonnen tust du lächelnd kund!«

Und ich sagte: »Euer Knabe
Rafaelo, wußte lange schon,
Daß ich Euch im Herzen habe;
Lionardo, Ihr seid kein Spion!«

O wie seine Lust entflammte!
Seine Liebe war wie rotes Erz!
Und der Flammengeist, dem er entstammte,
Riß uns auf ans Weltenherz.


33.

Wie tief und rein ist nun mein Herzerleben,
Seit Lionardos Liebe zu mir kam,
Seit er ans wilde dunkle Herz mich nahm,
Von seinem Himmel mir ein Stück zu geben!

Wohin ist Sehnen, Zagen und Erbeben?
Und Lauheit, halbe Lust und falsche Scham?
Ein scharfgeschliffnes Schwert ist nun mein Gram,
Das andachtzitternd meine Hände heben:

Das ich in Wollustschmerz ins Herz mir grabe,
In dunklen Stunden, da ich einsam bin,
Und das ich lächelnd abgegürtet habe,
Wenn ich im Liebesarm des Liebsten bin . . .
Wie Kuß und Schwert sind alle meine Stunden/
Wie Himmelsgnaden oder Höllenwunden.


34.

Mein Tag ist so von Liebe ganz beladen,
Daß ich erschauernd wie durch Wonnen gehe,
Vor Traum nichts Wirkliches mehr sehe,
Nur selig fühle heilig starke Gnaden.

O so in lindem Regen sich zu baden
Von Zärtlichkeiten, Tag um Tag genossen,
Und von Erinnern völlig eingeschlossen
Hinwandeln an der Liebe Lustgestaden /

Das ist ein Glück, als ob mit jungen Händen
Ein Gott vom Lebensbaum mir Früchte bricht,
Sie stumm und ragend reicht im Sonnenlicht,
Das uns mit tausend emsigen Strahlenbränden
/ Zwei fremde Blüten, die sich nie sonst fänden /
In Schicksalslaune eng zusammenflicht.


35.

Seit ich dich liebe, habe ich ein Fühlen,
Als trüge ich mein Herz in offnen Händen,
In das nun alle Schmerzen niederfielen,
Die sich nur je bei Liebe nahe fänden.

Und tief befangen leb ich meine Tage
Und blicke strahlend auf die Schmerzen nieder,
Die ich um dich in meinem Herzen trage,
Und küsse sie und singe ihnen Lieder

Und fühle, daß ich sacht zu Tode gehe,
Denn lange läßt sich solche Last nicht tragen:
Zu viel des Glücks, daß ich nun vor mir sehe
So ewige Lust von liebeseligen Tagen!

Ich weiß gewiß, daß solches Zudirflammen,
Wie ich jetzt fühle, nur noch Sterben kennt:
So schweres Glück fällt tief mit Leid zusammen,
Und Tod nur ist, der beides wieder trennt.


36.

Mein Leben ist so voll von dir durchdrungen,
Wie Blüte / sprüh aus hartem Kelch gesprungen /
Den ganzen Tag voll seliger Sonne ist:
Du bist in mir zu jeder Frist!

Ich gehe hin durch heiße Heiligungen,
Die niemand sieht und nur mein Herz ermißt.
O Segen dir, daß du mir Sonne bist
Auf allen Wanderungen!

Die Nähen glänzen hell, und jede Ferne
Ist heller Glanz von deiner Wesenheit /
Und daß ich auch in Dunkel gehen lerne,
In Schlucht und Graun und leere Einsamkeit,
Daß Leuchten sind durch dich in allem Leid
Und über allen Nächten Sterne /
Ist Gnade, die mit Himmelsschwingen
Mich auswärts trägt zu ewigen Dingen.


37.

Der Tag liegt mit mir betend auf den Knien,
Und seine sonnentrunknen Wünsche ziehn
So still und stetig in den Glanz empor,
Wie mein Verlangen sich in dich verlor.

Da ist kein Raunen, Rauschen und Erzittern,
Ein heißes Schweigen herrscht, wie vor Gewittern;
Ein heiliges Wissen um inbrünstige Dinge
Schlingt um den Tag und mich die gleichen Ringe:

Wir wissen beide, dieser Tag und ich,
Daß der Erfüllung voller Bogenstrich,
Noch eh der Abend geht, herniederfließt
Und unsre sehnend offnen Kelche schließt.

O linder Regen! Mit Millionen Küssen
Wirst du den Mund der Erde tränken müssen.
O lieber Freund! / doch laß michs süß verschweigen,
Wie selig meine Glieder dich umzweigen,
Wenn nach des Tages dürstend weher Stille
Auf mich herniederstürzt dein Reiz und Wille.


38.

Gleich Glockenläuten branden auf in mir
Die tausend Wogen deiner Zärtlichkeiten,
Mit denen du mich gestern überschüttet.
Heut ist es Alltag, und ich gehe hin
Mit Kleidern angetan vor aller Blicken /
Und fühlte nie doch meinen Leib so nackt,
So heißbelebt und jäh durchpulst von Glück!
Wie strahlt mein Blick, der nichts als Eines sieht:
Ein Antlitz über mir, das in Verzückung
Dies hingegebne wehe Lächeln formt,
Das wilder lockt als lauter Wollustschrei.
Wie glüht mein Mund / der nichts als Eines fühlt:
Den reinen Duft von lauter roten Rosen,
Die kühlen Tau in meine Lippen pressen.
Wie lauscht mein Ohr / und hört doch nur ein Kosen,
Als rieselten aus roten Rosen Worte
Voll fremder Glut mir über Hals und Nacken.
Wie fassen meine Hände
So liebreich heute alle Dinge an,
Als glitten sie an sanft geschwelltem Bogen
Von Hüften hin, die hart in meine Lenden
Den tiefsten Rausch, den Gott uns gab, vollenden.


39.

Komm, Geliebter, komm mit in den Wind!
Augen und Lippen, die müde sind,
Trag ich ins Stürmen hinaus.
Schließe die Schwermut ins Haus!
Siehe, ein blühender Strauß,
Wogen im Winde die reifenden Felder,
Siehe, die silbernen Ölbaumwälder
Klirren im Sturmgebraus.

Komm, komm mit mir hinaus!
Wollen in windgerüttelte Weiten,
Weit in den Wind die Arme breiten /
Komm in den Wind und hol dir den Strauß
Kühler und kosender Hände nach Haus
Und Lippen, die heiß vom Wind,
Voll erfrischender Süße sind.


40.

Wenn ich in glühender Nacht
Selig geweint und gelacht,
Lieb ich den Morgen so sehr,
Dem ich entgegengewacht.
Über die Himmel so sacht
Streckt er die Fühler mir her,
Leuchtet mir kühn ins Gesicht /
Sucht wohl, und findet doch nicht,
Lider, die müde und schwer.
Und wie er flimmert und sticht
Und mich beschüttet mit Licht,
Hält mich das Lager nicht mehr;
Spring ich empor aus der Glut,
Gebe dem Tag mich in Hut,
Schreite so heiter einher!
Der mir zur Seite geruht,
Liebster, nun schlummere gut,
Siehe, ich liebe dich sehr!
Der du in seliger Nacht,
Himmel mit mir durchwacht,
Träume zu neuer Begehr;
Denn nach verschwendeter Pracht
Bettet der Tag sich in Nacht,
Flutet wie stürmendes Meer
Neues Entzücken daher . . .


41.

Nun bin ich eine heiße Sommernacht,
In die ein Sternenregen niedersinkt,
Die reglos stumm durch dunkle Stunden wacht
Und offnen Mundes deine Sterne trinkt,

Du weiter seliger Himmel über mir!
Wie soll ich all den goldnen Segen fassen!
Wie brauner Acker lieg ich leer vor dir
Und muß von Liebe mich durchsäen lassen.

Ich bin mir nun so heilig wunderbar
Wie Kelch des Herrn in reinen Priesters Hand:
Denn auch in mir ward leiblich offenbar
Der Geist, den mein Gebet als Gott empfand.


42.

O heilige Wollust, heilig du auf Erden!
Wer ganz in dir ist, der ist gottvollkommen,
Und übermütig wach sind seine Kräfte.
Sein Blick ist küssender Mund,
Sein küssender Mund erglühender Schoß,
Sein Lächeln sagt von allen Zärtlichkeiten.
Sein Leib ist Glut und Glanz,
Und Glut und Glanz strömt aus von ihm,
Der mehr an Liebe trägt, als er behalten kann.

Ich liebe Einen / und alle lieben mich!
Ich liebe Einen / und ich weiß die Welt,
Und ihr Geheimnis ist mir aufgedeckt.
Ich bin nun eines Werdens Mittelpunkt,
Ein Sturm und Ausgang, Sehnen, Lust und Macht,
Ein rosenroter Freude Flügelschwung
Und schlanker Pfeil, der hell ins Leben schwirrt.
Ein Sieger bin ich über alles Leid:
Gestrafft die Zügel! Und mein Wagen braust,
Und seine Speichen singen Seligkeit,
Und seine Spur gräbt Runen in den Tag,
Und Herzen klopfen, die die Runen sehn.

Ich liebe Einen! / O nur dies zu denken,
Entfesselt namenloses Glück!
Was ist ein Geist, der nichts von Liebe weiß,
Was ist ein Leib, dem ihre Wollust fremd?
Ein solcher Geist ist ohne Zeugungskraft,
Ist nur ein schwacher Spiegel seiner selbst;
Ein solcher Leib ist traurig unbelebt
Und seelenlos wie blödes Meergetier.
Doch Geist, der liebt, ist jenem Urquell nahe,
Der unablässig Lebensodem braut;
Und Leib, der liebt, ist dieser Urquell selbst,
Ist Kraft und Güte, Glanz und Harmonie.
O wer am Leben krankt und seinen Sinn nicht findet,
Sich trübe nur durch Labyrinthe windet,
Der bade sich in Wollust rein,
Und heilig liebenswert wird ihm das Leben sein.


43.

In hellem Landhaus nun auf Felsenhöhe!
Weit unten liegt Florenz am Fluß gebettet
Im Tal, wo all mein Fühlen festgekettet,
Obgleich ich hier so frei und sicher stehe,

Mit festem Schritt auf Grat und Felsen gehe
Und kühn durch Wind und Wetterwolken streife,
Den Feuerstrahl aus schwarzen Himmeln greife
Und gottesgroß auf Kleines niedersetze.

Ja, groß wie Gott, und dennoch festgebunden!
Denn wie Prometheus an den Fels geschmiedet,
Brenn ich an dir mit vielen heißen Wunden,
Aus denen purpurn meine Seele siedet:
Hier oben ward ich reif, dich ganz zu sehen,
Und muß verblutend dir am Herzen stehen.


44.

Ich fühle oft, wenn ich im Schwarm der Gäste
Vedächtig durch beglänzte Säle schreite,
So wilden Wunsch nach Taten, Schrei und Weite
Und daß ich einmal diesem Zwang entgleite
Und all der Heuchelei so hohler Feste.

Dann ist es still in mir wie vor Gewittern,
Die, eh sie schön und dröhnend niedergehen,
So stumm und schwarz wie Totenwachen stehen, /
Wer aber kann die schrillen Blitze sehen,
Die tief in dunklen Wolkenschichten zittern!

Und heiter lächelnd trag ich meine Bürde
Den andern nach und scheine stillzufrieden,
Mein Sehnen aber tanzt auf Pyramiden,
Auf hohlen Menschenschädelpyramiden,
Sich frei von Lug und List und Zwang und Würde.


45.

Mit einem Ring

Mit diesem Ring, mein Freund durch sieben Jahre,
Sollst du von mir dies Eine dauernd wissen:
Ob sich auch nie mein Wesen offenbare,
Das wie verschüttet scheint von Finsternissen,

Das, dieser Gemme gleich, wie ewiger Schrei
Hilflos verhallt und sehr voll Leid gewesen /
Daß es dir dennoch tief ergeben sei
Und wurzelfest verwebt mit deinem Wesen.

Und wenn dir unbegreiflich böse scheint,
Was unbegreiflich suchend sich verzehrt /
Frag diesen Kopf, der immer tonlos weint,
Was wohl von dir sein ewiger Schrei begehrt.

Vielleicht daß seinen Mund ein Lächeln schließt
Und flüsternd Wort: gib Liebe, gib so sehr,
Daß sich ein immervoller Strom ergießt
In einer Sehnsucht immervolles Meer.


46.

Nun dünkt mich jeder Frühlingstag ein Alp,
Der schwer und saugend mir am Herzen liegt /
Nun ists, als ob ein grauser Traum mich wiegt:
Die Himmel sprühn / ich stehe außerhalb.

Zu zwei und zwei ist alles süß gebettet,
Wie Beer bei Beere hängt, so Lust bei Lust,
Und seligstes Gesetz erfüllt bewußt
Die Kreatur, die Glut in Glut verkettet.

Und du so fern! Und nah die Frühlingstage,
So unerhörter Süßigkeiten voll /
Wie schwer ich diesen Nektarbecher trage,
Den ich nur halten, doch nicht trinken soll!


47.

Ich geh an deinem Haus vorbei,
Das kalt mit blinden Fenstern blickt,
Und warte, ob nicht irgendwo
Die Liebe einen Gruß mir schickt.

Die toten Fensteraugen sehn
Wie Sphinxgesichter auf mich her
Und sind viel stummer Rätsel voll
Und sind all heißen Lebens leer.

Die Sehnsucht hält den Atem an
Und steht und lauscht und bangt und harrt,
Ob grauer Tod kein Mitleid kennt
Und ihr Verlangen freundlich narrt,

Ob nicht vielleicht wie Traum so schön,
Wie Traum so freudereich und tief,
Dein Auge grüßend nach mir schaut,
Das schon so lange mich nicht rief . . .

Ein Gassenbub höhnt zu mir auf.
Und müde gehe ich vorbei /
Ein Seufzer hebt sich schwer und fragt,
Wann wohl der Qual ein Ende sei?


48.

Sieh, ich trage meine Tage,
Immer unterwegs nach dir,
Jeder Pendelschlag ist Plage,
Jede Stunde wird zur Frage:
Wann, Geliebter, kommst du mir?

Wollt, ich fände deine Hände /
Milden Trost für wilden Traum /
Daß die Seele nach dem Ende
Still in deiner Hand sich fände,
Ewig still in ewigem Raum . . .


49.

Dein kleines Bild, das deine Hand mir malte
Und du aus Ferne liebend mir geschickt,
Ist mir nun mehr als unser Herr am Kreuze,
Zu dem ich Gnade flehend aufgeblickt;

Den ich um deinetwillen heiß beschworen,
Dem ich um dich so tief ergeben war /
Jetzt ist er meinem Herzen ganz verloren,
Dein Bild, dein Bild nur steht auf dem Altar!

Die Augen, die so tief an meinen tranken,
Die Schläfe, die mein Finger sanft berührt,
Die Brauen, die an meine Stirne sanken,
Die Lippen, die im Kuß so süß verführt . . .

Dies liebe Antlitz ist nun meine Sonne,
Die jeden leeren Tag mit Glanz erfüllt.
O Sünde! / Mehr als Christus und Madonne
Ist mir, Geliebter, dieses kleine Bild!


50.

Ich trug deinem Bilde den Frühling ins Haus,
Viel leuchtende gelbe Narzissen!
Sie tranken die Sonne so glühend beflissen,
Da brach ich die Frohen, die Seligkeit wissen,
Für dich, Geliebter, zum Strauß!

Sie tragen noch Glück, und ihr Herzchen ist voll
Von des Morgens tauigen Küssen,
Von schwärmenden, wärmenden Sonnenstrahlgüssen;
Ihre Herzen, Geliebter, sind heiß von Genüssen
Und blühen und sprühen wie toll!

Und Andacht in Händen umstell ich dein Bild
Mit dem freudedurchatmeten Garten,
Und alle Gedanken, die angstvoll genarrten,
Knien nieder davor und beten und warten,
Ob nicht dieses Licht, das dich jubelnd umhüllt,
Auch in qualdunkle Nacht meiner Einsamkeit quillt.


51.

Ich meine oft, mein Auge müßt erblinden,
Das Tag für Tag so all die Dinge sieht,
Durch die ein Hauch von deinem Wesen zieht /
All dieses sieht, doch ohne dich zu finden.

Wie wäre je solch Weh zu überwinden!
Wohin der wunde Blick im Alltag flieht,
Wohin die Seele schwebt im Weltgebiet /
Dein Geist ist überall und weiß zu binden!

Du hältst mich, wie der edle goldne Reifen
Den Finger, der in seinem Kreise lebt,
Doch sucht Erinnerung dein Bild zu greifen /
O weh dem Fluch! Es schwindet und entschwebt
Bei jedem Mühn, lebendig es zu fassen,
Und mehr und mehr seh ich dein Bild verblassen.


52.

So voller Unruh warten meine Tage
Nur immer auf die Züge deiner Hand,
Die zu mir finden aus dem fernen Land,
Dahin ich alle meine Träume trage.

Wie ich es Winden nun und Wolken sage,
Daß deine Liebe einmal bei mir stand,
Daß tief dein Mund zu meinen Lippen fand /
O dies Erinnern, das ich kaum ertrage!

Wenn ich dich denke, breiten meine Arme
Sich siegessicher einer Welt entgegen,
Ich stehe leuchtend über meinem Harme,
Und Himmel wirft auf mich den Sternenregen /
Und dennoch will es mir den Atem rauben:
Es ist zu kühn, ein neues Glück zu glauben!


53.

Und daß man letzten Endes einsam ist,
Dies dunkle Wissen, das in Tiefen lauert,
Ist wie Gespenst, das mir am Wege kauert,
Damit mein Schritt sein Mahnen nicht vergißt.

Wenn kühn der Geist erstrebte Höhen mißt,
Wenn Blick in Blick und Herz in Herz erschauert,
Ist doch dies Wissen da, das mich ummauert:
Nur atemlang ist alles Findens Frist.

O welch ein Glück, sich traumlos hinzuschenken,
In andres Dasein eingebettet sein,
Für sich nichts suchen und für sich nichts denken,
Nur blumegleich sich wurzelfest versenken
Und duftend blühn in fremdem Sonnenschein /
Nie mehr verstört / und nie, nie mehr allein!


54.

Und dennoch wacht in mir dies bange Fragen:
Was bindet mehr in unerlöster Pein?
Sich selbst getreu auf Höhen einsam sein
Und stolz des Schöpfers Dornenkrone tragen /

Und anderseits dies restlos Sich-Entsagen,
Verrinnen wie vergoßner Tropfen Wein,
In Liebe sein, doch winziges Sandkorn sein,
Und machtlos sehn, wie andre aufwärts ragen?

Ach, daß ich frage, ist viel Not und Schwäche.
Kann Wille wirksam sein, wo Zweifel bangt?
Wer weiß für mich, wohin mein Sein verlangt,
Und wo sie fließendem Flammenbäche,
Die läuternd meine Seele so durchdringen,
Daß sie vermag, das Rechte zu vollbringen?


55.

Trübe blickt das Leben
Heut zu mir herein,
Hat mir nichts zu geben,
Als Verlust und Pein.

Habe dich verloren,
Den so fest ich hielt:
Glück wird schnell geboren,
Schneller noch verspielt!

Blick und Wort und Küssen
Sind so treu wie Traum /
Wach ist nur das Müssen
Hin durch dunklen Raum.

Einsam hin durch Nächte,
Armes Leben lang;
Ehern finstre Mächte
Üben ihren Zwang:

Menschensein ist Wandern,
Rastlos und allein,
Alles Glück mit andern
Wird nur Umweg sein!


56.

Muß ich nun schlafen gehn
Mit meinen Schmerzen,
Daß deinem Herzen
Andere näher stehn,

Will ich auf Liebe
Nimmermehr bauen,
Nimmer und nimmermehr
Schwüren vertrauen.

Lechztest nach Küssen /
köchelst nun müd:
Sehnen und Müssen
Sind dir verglüht.

Alles dein Lieben
Schwand mir dahin /
Leid ist geblieben,
Gram zum Gewinn.

Schmachten und Schmerzen
Legen sich sacht
Zu meinem Herzen
Nächte um Nacht,

Steigen ins Bette
Zur Seite mir her /
Wie ich mich rette,
Weiß ich nicht mehr . . .


57.

Dies Tal, zu dem ich meine Schmerzen trug,
Das grünen Trost in müde Augen gab,
Um wildes Herz den milden Mantel schlug /
Das sei nun allen Leidens dunkles Grab.

Auch Weh hat Grenzen! Schrei und Träne sind
Mir so zerronnen wie das Glück mit dir;
Hart geht mein Auge nun in Wald und Wind
Und still mein Herz / es wurzelt nur noch hier.

Sein Wunsch reicht weiter nicht, als Sonne sehn,
Als alle Sinne voll mit Sonne trinken,
In stumpfem Frieden jene Wege gehn,
Wo fern des Todes weiße Nebel wehn
Und sanft wie liebe Mutterarme winken.


58.

Nun weiß ich dies: daß Leben Sterben heißt,
Den Tod vor Augen langsam zu ihm gehen,
Bis hoch zum Herz in Sorgenmeeren stehen,
Tief unter Wolken, die kein Glück zerreißt.

Nur hell ein Geierpaar, das stetig kreist,
Nur Raubtiergier vor müden Blicken sehen
Und Not im Sehnen, Finden und Verstehen /
So ist das Leben / ja, so ists zumeist.

Nur Auserwählten gibt es manchmal Flammen
Zu kühner Lust und wildem Tatbegehren,
Die wissen Angst und Schwermut abzuwehren
Und stehn erleuchtet über stumpfen Heeren /
Und stehn allein / und finden nie zusammen:
So gab der Tod auch ihnen sein Verdammen.


59.

Im Herbsten gibt es starre Stunden,
Die schauen mich so wissend an,
Und meine sieben Herzenswunden
Sind weit vor ihnen aufgetan.

Und bluten still und ohne Ende
Und bluten alle Schmerzen aus
Und weinen weit ins Land hinaus
Nach wildem Frühling, der ihr Leiden wende.


60.

Noch flammt der Gatten in so buntem Blühen,
Als läg er tief in süßem Sommerglück,
Noch hält die Luft viel schwülen Duft zurück,
Und Sonnenstunden gibt es noch, die glühen.

Und doch liegt alles wie in Bann gebettet,
Als sei die Welt im Schrei der Brunst erstarrt,
Als habe sie ein Zauberfluch genarrt
Und ihre Lust in Starrkrampf festgekettet.

So schön und schamlos liegt die wilde Dirne,
Die strahlend ihre letzte Gunst verschenkt
Und doch dem Wandrer tief in helle Stirne
Die Falte hoffnungsloser Schwermut senkt.


61.

Starr und staubig ziehen rings die Straßen
Durch die graue, tote Landschaft hin,
So vergrämt, als ob sie ganz vergaßen,
Daß ich hier in Glück gewandelt bin.

Ihre einst so blühend bunten Hecken
Zürnen nun so drohend dornbewehrt:
Liebe kann nicht mehr ins Grün verstecken
Kuß um Kuß, den Liebender begehrt.

Und ich recke weit die leeren Arme:
Liebes Land, wie teilst du Lust und Leid,
Trägst nun trauernd mit an meinem Harme,
Wie du glühtest meiner Seligkeit.


62.

Du Wiege meiner Schmerzen,
Du sollst nun stille stehn,
Nicht mehr mit andern Herzen
Im gleichen Takte gehn.

Du lagst in tiefen Gluten
Und manchem hohen Rausch /
Und mußt du drum verbluten,
So ists ein edler Tausch.

Laß andre weiter gehen
Zum Ziel, das keiner kennt;
Du wirst doch nie verstehen,
Wohin dein Zeiger rennt.

Das war ein Irrelaufen
Um arme Stunden Glück;
Wie schwer sie zu erkaufen,
Sie gaben nichts zurück.

Nur Eines ist gegeben,
Zu Einem hast du Macht:
Leg ab das liebe Leben
Und bette dich in Nacht.

Lösch aus die Sehnsuchtssonne
Und steh in Dunkel still,
Da keine Erdenwonne
Ein Ganzes werden will.


63.

Am Stunden noch kann meine Seele wachen
Und weit in Ferne nach dir suchen gehn,
Ein letztes Mal die Liebe anzufachen /
Nur Stunden noch, dann kommt der schwarze Nachen,
Und steinern kalt wird Dunkel mich umstehn.

Die Seligkelt, die du mit deinem Leben
In meine jungen Tage ausgegossen,
Hat ihnen solch ein volles Maß gegeben,
Daß sie in Rausch und Wollust und Erbeben
Wie randgefüllte Schalen überflossen.

Durch Jahre dir getrennt! und nur noch Stunden,
Da meine Seele weiß, daß du gewesen /
O Freude, Freude, daß ich dich gefunden!
Noch einmal schenkt die Lust an dir den Wunden,
Die mir das Leben schlug, ein froh Genesen!

Und vollbewußt bereit ich mich zum Ende:
Sag, welch ein Herz hat so sein Glück getragen?
Sag, welch ein Herz trug so durch Glanz und Blende
Sein Lieben hin zum drohenden Vollende? /
Dies sei mein Scheidegruß / dies frohe Fragen.