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Marie Eysn - Totenbretter um Salzburg

Essay

Aus: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde, 8. Jahrgang (1898), S. 205–209


Bei einer Wanderung durch das Herzogtum Salzburg und den angrenzenden Teil von Oberbayern, einem Lande, dessen Bewohner sprachlich wie in Sitte und Brauch zu demselben Volksstamme wie die Salzburger gehören, ist es auffallend, dass sich an manchen Orten zahlreiche Totenbretter finden, während sie in den nächsten fehlen; ebenso fällt die Verschiedenheit ihrer Anbringung, Form und Bemalung auf.

Beiliegende Karte (Taf. I [fehlt leider]) soll eine Übersicht über Vorkommen und Aufstellung in diesen Gegenden geben.

Die Grenze des Totenbrettes im Salzburgischen liegt im Süden bei Zell am See-Bruck im Mittelpinzgau; sie fehlen im Ober-Pinzgau und Lungau. Im Norden fällt ihre Grenze mit jener des Herzogtums zusammen1; östlich dringen sie eine ganz kurze Strecke nach Ober-Österreich vor; nur westlich in Oberbayern setzen sie sich fort.2

Von Zell am See der Saale entlang bis zum Steinpass bei Melleck, der die östr.-bayr. Grenze bildet, sind die Bretter wagrecht an Scheunen, Zäunen und Bäumen befestigt3 und der Länge nach beschrieben. Von da an sind alle im ganzen Gebiet der Quere nach beschrieben und liegen mit wenigen Ausnahmen am Boden, an Wegen, bei Feldkapellen, Feldkreuzen oder unter alten Bäumen. Um Piding unterhalb Reichenhall sind sie zuweilen stehend, mit Pflöcken in die Erde eingerammt oder senkrecht an Bäume genagelt wie um Inzell und Krispl.4 Um Anthering findet man sie hin und wieder auf vier Pfählen befestigt, niederen Bänken gleichend.

Auch im Pinzgau sollen sie früher auf der Strasse gelegen haben, nur zu bald aber durch darüber fahrende Wagen entzwei gebrochen sein; auch hätten die Pferde durch die klappenden, weil lose auf der Strasse liegenden Bretter öfters gescheut und deshalb hätte man sie an Zäune und Scheunen festgemacht.

Im salzburgischen Flachgau liegen sie nicht nur an, sondern auch auf dem Wege, oder dienen als Brückchen über schmale Gräben, weil nach heimatlichem Brauche der Vorübergehende, noch mehr aber jener, der das Brett betritt, ein Vaterunser für das Seelenheil des Dahingeschiedenen beten soll; doch darf man auf keines der eingeschnittenen Kreuzchen treten, da es der armen Seele weh thun würde.

Wenig verschieden ist die Form der Totenbretter. Die allermeisten des ganzen Gebietes sind im obersten Drittel am breitesten und verjüngen sich nach beiden Enden (Fig. 1); im Pinzgau  herrscht  unter den neueren der länglich rechteckige Laden vor.

Aber unter den mehr als 1200 Brettern, die, einzeln oder bis 20 beisammen, auf der Karte angegeben sind, fanden sich nur zwei, welche am oberen Ende die Kopfform ausgeschnitten zeigten, von der Otto Rieder (Totenbretter im Bayrischen Walde, in Steinhausens Zeitschr. f. Kulturgesch. II) sagt, dass sie sich der menschlichen Gestalt nähern und wahrscheinlich die älteste Form zeigen (Fig. 2). Um Krispl kommt eine Übergangsform vor, die am oberen Ende einen halbkreisförmigen Ansatz zeigt.

Die älteren Bretter haben 3 Kreuzchen unter einander und die Anfangsbuchstaben des Namens des Verstorbenen eingeschnitten; die Mehrzahl aber zeigt sie mit schwarzer Ölfarbe aufgemalt und nun kommt auch das Todesjahr hinzu (Fig. 1). Schon auf den stehend oder senkrecht an Bäumen angebrachten wird Stand und Alter genannt, die Inschrift verlängert sich: noch mehr aber bei den »Leichbrettern« im Pinzgau: da sind noch Sprüche und Verse, zuweilen auch ein Heiligenbild aufgemalt, der Laden aber ist nicht mehr roh, sondern mit schwarzer, blauer oder grüner Farbe überstrichen, die Schrift weiss oder schwarz.

Wer vor kaum zwei Decennien einige Stunden von der Stadt Salzburg um Hallwang, Eugendorf, Seekirchen oder westlich, jenseits der Saale, bei Feldkirchen, Ainring, Thundorf einem Leichenzuge begegnete, sah, dass einer der Leidtragenden ein mannslanges rohes Brett trug, auf dem drei Kreuzchen und zwei Buchstaben eingeschnitten waren. Bei dem ersten Feldkreuz oder alten Baum, woran ein Heiligenbild hing, wurde Rast, die »Totenrast« gehalten, ein kurzes Gebet gesprochen und das Brett, worauf der Verstorbene während der Zeit bis zu seiner Beerdigung gelegen hatte, dort niedergelegt. Im Pinzgau, wo die Entfernung vom Gehöfte zur Kirche meist grösser ist, auch Fusswege mangeln, und der Sarg gefahren wird, wurde das Brett, worauf der Verblichene aufgebahrt worden, zuerst auf den Wagen gelegt, der Sarg darauf gestellt, und bei der Rückkehr vom Begräbnis an der Scheune, die zum Besitze der Familie des Verstorbenen gehörte, befestigt. Lag diese nicht am Kirchwege, so wurde das Brett bei dem nächsten Kreuze durch den Zaun gesteckt.

Damals musste der Tischler nach einem Todesfall zu allererst das Brett »richten«, auf das der Verstorbene aufgebahrt wurde, dann erst fertigte er den Sarg und das einfache Kreuz, das ebenso wie heute mitgetragen und auf den frischen Grabhügel gesteckt wird, bis Wohlhabendere es durch ein dauerhaftes Denkmal ersetzen.

Höchst selten wird aber jetzt noch (nur an einzelnen Orten im salzburgischen Flachgau) die Leiche auf dem Brette aufgebahrt, meist nur bei Dienstboten oder Armen. Es kommt daher im ganzen Gebiet der Tote in gar keine Berührung mit dem Brette, welches jetzt erst nach der Beerdigung gerichtet und bemalt, in den nächsten Tagen oder Wochen zwischen Trauerhaus und Kirche angebracht wird. Kommt ein Todesfall im eng geschlossenen Dorfe vor, worin sich auch die Kirche befindet, so wird es zur nächsten Kapelle oder Marter ausserhalb des Dorfes getragen, wo sich bereits Bretter von Angehörigen oder Nachbarn finden. An solchen Stellen oder unter solch alten Bäumen findet man gut erhaltene und halbvermoderte Bretter und darunter eine dichte Schicht von Mulm. Der Baum aber ist, so lange sich die Erinnerung erhält, dass Totenbretter unter ihm gelegen, ebenso vor dem Fällen geschützt, wie der vom Blitze getroffene Stamm.

Ausnahmsweise findet man an Wallfahrtsorten Totenbretter aus entfernten Orten dahingebracht, so in Maria Eck bei Ruhpolding, weil an den viel begangenen Pfaden auf zahlreichere Gebete zu Gunsten des Verblichenen zu hoffen ist.

Der Brauch »Leichbretter« hinauszulegen nimmt im Salzburgischen allmählich ab. Vor 15 Jahren fand man noch, wenig über ½ Stunde von der Stadt Salzburg entfernt auf einem Wege durch das Leopoldskroner Moor zahlreiche Totenbretter. Dieser Weg heisst heute noch Totenweg, weil früher, als die Gemeinde Moos noch keine eigene Pfarre besass, all ihre Toten auf diesem Wege zur Kirche nach Morzg getragen wurden. Heute sind sie dort verschwunden, verwittert und vermodert; es kam kein späteres mehr nach. Vor wenigen Jahren reihte sich noch im nahen Bergheim Brett an Brett den Kirchsteig hinan, jetzt sind dort nur noch karge, kaum kenntliche Reste. Das niederschlagsreiche Klima gewährt den aus weichem Holze bestehenden Brettern nur kurze Dauer, und niemals wird eins durch ein neues ersetzt.

Am linken (bayrischen) Ufer der Saale jedoch herrscht die Sitte unvermindert fort. Um Feldkirchen und Piding wird auch für jedes Kind, selbst wenn es nur wenige Stunden gelebt hat, ein Brettchen hinausgegeben, während es im Salzburgischen fast nur für Erwachsene geschieht.

Auch für das in der Ferne verstorbene Familienglied wird dort ein Brett hinausgebracht. So lautet die Inschrift eines bei Türk nächst Marzoll stehenden Brettes:

 

Seliges Andenken
an den unvergesslichen Jüngling
Kaspar Helliel
Schneiderbauerssohn von Türk
geb. den 2. Dec. 1843 gewesener Soldat
des königl. bayerischen Infanterieleibregiment
welcher zu St. Jean in den Pyrenäen an der
spanischen Grenze in Frankreich als Kriegsgefangener
den 31. Jänner 1871 starb, im 28. Jahre seines Alters.
Gott gebe ihm die ewige Ruhe.

Weil es Gottes Wille nun so wollte
Dass ich so jung im fremden Lande starb
So geb ich meinen Willen drein
Einmal muss es doch gestorben sein.

Grösstenteils ist es bäuerliche Bevölkerung, die auf den Brettern genannt wird; aber auch für Gewerbtreibende, Lehrer und Priester wird ein solches hinausgegeben, wenn sie nicht aus der Fremde stammen. Bei Piding steht eine Gruppe derselben, auf welcher ein Hufschmied, Wagner, Schneider, Grenzaufseher und deren Kinder genannt sind.

Verfolgt man wie zu Auger noch bis 1880 »die Leiche auf und mit dem Brette beerdigt wurde«5; wie vor einem Menschenalter zu Ramsau bei Berchtesgaden die in Leinwand genähte Leiche aus dem Sarge, der für alle diente, gehoben wurde und man sie vom Brette langsam in das Grab gleiten liess; wie das Brett, worauf der Tote gelegen, bei dem Leichenzug mitgetragen und vor oder nach dem Begräbnis draussen niedergelegt wurde; wie es jetzt mit Angabe von Namen, Stand, Alter u. dergl. erst nach Wochen hinauskommt, so sieht man die Wandlung des »Leichladens« zum »Gedenkbrett«.

Früher als der Tote auf dem Brette aufgebahrt wurde, durfte man nur wenige Stunden zu seiner Herstellung brauchen und schnitt nur drei Kreuzchen und zwei Buchstaben ein; jetzt wird das Brett erst nach längerer Zeit verlangt und somit ist reichliche Bemalung ermöglicht.

Auch die Anbringung desselben an Zaun und Scheune im Pinzgau dürfte auf einen örtlich zwingenden Grund zurückzuführen sein. Das Hauptthal des Mittelpinzgaues ist seiner ausgedehnten Pferde- und Rinderzucht wegen von zahlreichen hohen dichten Zäunen der Länge und Quere nach durchzogen. Der Mangel an Fusswegen drängt allen Verkehr auf die Strasse, somit auch den Leichenzug und dadurch das »Leichbrett«. Der früher angeführte Grund veranlasste sie anderwärts unterzubringen, und es war naheliegend, sie an Zaun oder Scheune zu befestigen, welche die Strasse begleiten. In den Pinzgauer Zaun ist es aber nicht möglich ein Brett senkrecht hineinzustecken, es kann nur wagrecht geschehen. Infolge der horizontalen Lage wurde es nun der Länge nach beschrieben6.

Dieselbe Ursache dürfte auch sein, dass man die Leichbretter von der schmalen sehr steilen Strasse zur Krispler Kirche weg und an die nahen Fichten gab. Da man an jenen Orten, wo das Brett bis in die neueste Zeit in Verwendung stand, alle liegend und zugleich die ältesten Formen mit einfachster Ausstattung findet, so wird wohl das liegende Brett die ursprüngliche Art der Anbringung zeigen. Otto Rieder hat in der Ztschr. für Kulturgeschichte, Bd. II, S. 58-97 (1895) »Totenbretter im bayrischen Walde mit Berücksichtigung der Totenbretter überhaupt«, und Wilhelm Hein in den Mitteil. d. Anthropolog. Gesellschaft in Wien, Bd. XXIV, S. 55 »Die geographische Verbreitung der Totenbretter« diesen Gegenstand eingehend und gründlich behandelt; letzterer hat auch das obige Gebiet besprochen.

Das Museum des Vereins für österr. Volkskunde in Wien und das Museum für Völkerkunde in Berlin besitzen Totenbretter aus dem Salzburgischen.

Auf unserer Tafel II zeigt No. 1 an einem mit Kruzifix versehenen Baume im Walde bei Ainring liegende Totenbretter, No. 2 dagegen stehende bei einem Feldkreuze in der Nähe von Piding.



Endnoten:

1 In den nahen oberöstr. Dörfern Eggelsberg, Palting, Lochen kennt man sie nicht mehr, obwohl es nach einem Todesfall heisst: N. N. liegt auf dem Brett.

2 Im Walde zwischen Holzhausen und Grabenstatt am Chiemsee sind an einer alten Bache 3 Totenbretter älterer Form befestigt, dabei aber stehen 5 mit gothischem Zierat, wie sie Wilhelm Hein in den Mitt d. Anthrop. Gesellsch. in Wien Bd. XXI, Taf. 2, No. 8 in »Totenbretter im Böhmerwalde« abgebildet hat.

3 Bei Leogang und Zell am See je einmal an einem Wohnhause.

4 Auf beiliegender Karte (Taf. I [fehlt leider]) sind die horizontal angebrachten und ebenso beschriebenen Bretter rot, die liegenden und quer beschriebenen blau, die stehenden oder senkrecht an Bäumen befestigten grün bezeichnet.

5 M. v. Chlingensperg-Berg »Das Gräberfeld von Reichenhall in Oberbayern« S. 68.

6 Eine Scheune zu St. Martin im Pinzgau zeigt neben vielen neueren horizontalen noch drei ältere Form mit zwei Buchstaben in der Quere und senkrecht angebracht.