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Karl Federn – Irrwege

Novelle

Aus: Karl Federn, Zwei Novellen, Verlag der Gebrüder Paetel, Berlin, 1899


Meinem Freunde
Paul Neff
zugeeignet.



Nah' ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Hölderlin.




»Das Schicksal kennt keine Irrwege und keine Abwege; der Pfad, auf dem es einen Menschen führt, ist für diesen der einzige Weg, um zum Ziele zu gelangen.« An diesen Satz, den mir einmal ein Freund in ein Buch schrieb, mußte ich denken, als ich vor einem Jahre in einer französischen Zeitung Mittheilungen las, die die Geschichte eines Lebens in mir auftauchen ließen. Es ist das Leben eines Menschen, das, obgleich seine Curve jetzt von mir entfernt und wie weggewendet ist, mir vielleicht besser bekannt ist als irgend eines, es wäre denn mein eigenes.

Ich habe ihn von Jugend auf gekannt, an seinen wichtigsten Erlebnissen habe ich Theil genommen und durch lange Zeit bin ich sein nächster und einziger Vertrauter gewesen.

Und an einem bestimmten Tage hat er mir alle feine Tagebücher und geheimsten Schriften gesandt und Worte des heiligen Augustinus, sowie eigene Worte darüber geschrieben, die ich später an ihrem Orte mittheilen werde; Tagebücher, in denen die geheimsten und subtilsten Empfindungen verzeichnet sind, wie sie das Gedächtniß selbst nicht bewahrt, und die ich bei jeder Zeile des Folgenden benutzt habe.

Die Tagebücher selbst mitzutheilen, schien mir unthunlich, erstens, weil sie oft sehr lückenhaft und unklar sind, dann, weil auf jeder Seite Reflexionen, Bemerkungen über Personen, die belanglos scheinen, und langwierige Betrachtungen über Kunst und Kunstwerke den Zusammenhang stören,

Und wenn ich nun die Geschichte eines Menschen erzähle, als ob ich in das geheimste Räderwerk seines Innern hätte blicken können, – wie ich es ja thatsächlich bis zu einem gewissen Grade konnte – so bin ich mir doch sehr wohl bewußt, daß kein Mensch einen anderen kennt und daß mir die »Seele seiner Seele« nach allem wie mit einem Schleier verborgen bleibt. Er selbst hat mir einmal gestanden, daß auch er an sich selber nie heran können, daß seine letzten impulsivsten Regungen, daß seine Handlungen ihn stets überrascht hätten, daß sein eigenstes Ich ihm immer wie mit einem Schleier verborgen gewesen. Es sei ihm immer gewesen, als ob er von einer Galerie auf das Theater der Welt geschaut und sich plötzlich zu seinem Erstaunen selbst unter den Schauspielern oder, wie er sagte, »Marionetten« befunden hätte, wie es einem oft im Traume geschieht – und so habe auch das Leben immer etwas Traumhaftes für ihn gehabt.

Jedenfalls werde ich auch dort, wo ich Dinge erzähle, die ich nicht selbst gesehen, fast nichts verändern und nur dos mittheilen, was ich von ihm erfahren, und auch wenn ich in der dritten Person spreche, soviel möglich in seinen eigenen Worten.



I.

Ich habe ihn schon als Knaben kennen gelernt, bin aber erst später mit ihm befreundet worden. Sein Zimmer hing voll von Zeichnungen und Aquarellen; am liebsten aber formte er Figuren aus Wachs und Thon. Wenn ihm aber nicht gleich gelang, was er wollte, so ließ er es sein und rührte Monate lang keinen Pinsel und keinen Thon an. In solchen Zeiten that er nichts als lesen und verschlang alle Bücher ohne Wahl, die ihm in den Weg kamen. Schon als Knabe war er stundenlang versteckt auf dem Hausboden gelegen und hatte Romane gelesen, die ihm verboten waren. Dann schwand das wirkliche Leben aus seinen Gedanken, und er lebte nur mehr in seiner Phantasie und begehrte nach Wolken und Sternen. Dann lebte jeder Gegenstand in seinem Zimmer, und in die Landschaftsbilder dichtete er Romane hinein; die Wachsfiguren, die er formte, wurden die Vorsteher der einzelnen Regionen des Zimmers, die alte Uhr wurde ein Geist, und der Briefbeschwerer, der auf dem Schreibtisch der Mutter stand, ein schwarzer, aus Holz geschnitzter Hund, war sein Vertreter, wenn er nicht da war, der alles bewachte. In die Tischplatten schnitzte er Gesichter, die aufpassen sollten; jedes Buch und jeder Federstiel war ein Lebendiges und hatte ein Schicksal – und das nicht, als er noch ein kleines Kind, sondern als er schon ein großer Junge war. Aber er sprach nicht davon.

Seine Mutter nahm ihm einen Zeichenlehrer. Er folgte dem Lehrer nicht und lernte nichts bei ihm, und der Lehrer sagte, er habe kein wirkliches Talent und keine Ausdauer. Der Hausarzt, der der Rathgeber der Mutter war, auf den sie am meisten hörte, sagte: »Ein wirkliches Talent bricht sich Bahn. Und die meisten Künstler leiden daran, daß sie zu wenig allgemeine Bildung haben. Lassen Sie ihn zunächst studiren.« Er sagte auch: »Das Erste ist die Pflicht und die Möglichkeit zu erwerben. L'art de vaincre est perdu sans l'art de subsister. Wollen Sie, daß er das Kunstproletariat vermehre?«

So ließ er sich denn von Mutter und Vormund bestimmen, das Gymnasium zu absolviren. Er lernte ebenso leicht als ungern und war ein sehr mittelmäßiger Schüler. Als er die Matura gemacht hatte, hatte er mit seinem Onkel und Vormund, dem Hofrath Drechsler, eine stürmische Auseinandersetzung, aber der Hofrath blieb Sieger, und Hugo studirte Jus.

Er fand jetzt Freude daran, sich elegant zu kleiden und in Gesellschaft zu gehen. Collegien besuchte er nicht und am studentischen Leben nahm er nicht Theil. Das Haus, in dem er seine gesellschaftlichen Sporen verdiente, war das seiner Tante Drechsler. In jeder Familie, in jedem geselligen Kreise gibt es einen Stern erster Größe, der oft in einer anderen Region gar keinen Schein hätte, der aber in seiner Sphäre als bedeutender Mensch, als schöne Frau, als geistreicher Redner oder als vorzügliches gesellschaftliches Talent gilt. Bei seinen Verwandten spielte Hugo eine Zeit lang diese Rolle; er wurde von ihnen bewundert und gefürchtet. Seine Cousinen hielten ihn für ein Genie und sahen mit scheuer Ehrfurcht zu ihm empor. Er hatte auch eine sehr hohe Meinung von sich selbst und den wenigen seinesgleichen und sah auf die »misera, plebs tribuens« der übrigen Menschen souverän herab. Intim verkehrte er nur mit mir und mit Georg Ramberg, der in den ersten Jahren sein Ideal war und dem er sich soviel möglich nachbildete. Vielleicht hat gerade das die beiden nachher so sehr entfremdet. Von Ramberg hatte er eine kalte, sarkastische Art zu sprechen angenommen, mit der er wie mit einem Panzer seine scheue, weiche, jedem Eindrucke phantastisch hingegebene Seele schützte. Er war überhaupt nicht mittheilsam, und alle waren der Ansicht, daß er correct, glücklich und sicher seines Weges gehe, ein exemplarischer Kaiserlich Königlicher Beamter sein werde, für dessen Carriere der Hofrath, der ein Mann von Einfluß war, Sorge zu tragen versprach.

Da plötzlich eines Tages, noch vor der ersten Staatsprüfung, sattelte er zum allgemeinen Erstaunen um und wurde Archäolog. Den Vorstellungen der Mutter und des Vormundes setzte er diesmal ein kaltes »Sic volo!« entgegen. Er stritt nicht, aber er that, was er wollte.

Etwas Traulicheres als den kleinen Familienkreis bei seiner Mutter konnte ich mir nicht denken. Die kleinen Zimmer, die weißen Spitzenvorhänge, die alten Möbel und Bilder, das Porträt des Kaisers Joseph in weißer und rother Uniform, das vom Urgroßvater, einem höheren Beamten, herrührte, die kleine, auf Kupfer gemalte Madonna mit dem eigenthümlichen Gesichtsausdruck, und inmitten des alten Zeugs immer frische Blumen und die noch junge, schöne Frau in ihrem schwarzen Kleid und der schwarzen Spitzenhaube, die sie beständig trug, mit dem freundlichen und stillen Wesen, die hübschen, fein erzogenen Jungen, – es konnte nichts bürgerlicheres und behaglicheres geben. Ich war überzeugt, daß auch das Familienleben nirgends inniger sein konnte und daß häßliche Worte und häßliche Empfindungen in diesem Hause auch nicht eine Minute möglich waren.

Es war nicht so. Das Skelett saß auch hier am Tische und mochte seine knöcherne Existenz aus der Vergangenheit, die mir so schön und vornehm hinter diesem Hause zu schweben schien, herüber geschleppt haben. Die Ehe der Mutter war ohne Liebe geschlossen worden, und zwischen den Brüdern war von Kindheit an wenig Zuneigung. Der Aeltere kam übrigens bald in eine Kadettenschule und war wenig zu Hause. Aber auch zwischen der Mutter und Hugo war aus nichtigen Anfängen eine schmerzliche Entfremdung entstanden, die begonnen hatte, als er als Schulknabe aus Gott weiß was für thorichtem point d'honneur unzärtlich geworden war, die zunahm, als er in fremde Gedanken- und Gefühlskreise trat und sich jenen kalten, autoritären Ton angewöhnte, der ihn so unbeliebt machte. Es war ein Leid für beide, und beide schlossen es in sich, aber die Brücke zu einander fanden sie nicht mehr. Die Folge war, daß er sich überall wohler fühlte als zu Hause, wo er mit einem Gefühl von Schuld und Unverstandensein umherging, ohne diese Empfindung anderwärts los werden zu können, und daß er in sich ein Verlangen nach einer Welt voll Liebe trug, die er nicht entdecken und dort, wo sie ihm offen stand, nicht ergreifen konnte, weil er sie ja selbst verlassen hatte.

Ich hatte damals und später den Verdacht, daß der Uebertritt zur Archäologie für ihn nur ein weitschweifiger Rückweg zur Kunst war, weil er das Zeichnen, das er nun energisch wieder aufnahm, hier als nothwendig für seine Studien und Arbeitspläne erklären konnte. Er hatte beständig Einfälle und Ideen, aber nichts wurde vollendet. Ein junger Künstler, dem er seine Sachen zeigte, sagte ihm einmal: »Ich glaube, daß Sie sehr viel Talent haben, mehr als die meisten, die an die Akademie laufen, denn ich hab' noch nie gesehen, daß einer, der eigentlich nie recht gelernt hat, so viel zusammen bringt. Aber Sie haben keine eigenen Augen, Sie sehen nicht die Natur, Sie sehen, was die andern gemacht haben, Sie könnten in jedem Styl arbeiten! Wenn das Schicksal Ihnen gut ist, so sticht es Ihnen den Staar – und dann werden Sie Künstler werden; aber das ist eine Krankheit, die selten geheilt wird!« In Hugo wechselten Wuth, Zerknirschung und Unglauben; keine Technik, das hätte er gerne zugegeben, aber keine Originalität! – Und zuletzt wurde wieder alles vernichtet, was begonnen war. – Eine solche Scene ist mir besonders in Erinnerung geblieben, die in Seewalchen am Attersee spielte, und die zeigte, wie das Urtheil jenes Mannes, so sehr er sich dagegen gewehrt hatte, in ihm nachwirkte. Wir saßen im Garten beisammen, der an einem Abhang lag, und hatten die Aussicht über Wiesen und gelbe Getreidefelder auf den sonnigen blauen See hinaus; ein kleines Thonmodell Hugo's, eine händeringende Nymphe darstellend, stand im Gras; es war recht hübsch und wurde viel bewundert; auch ich lobte es, und er, der fühlte, daß meine Bewunderung nicht voll war, sagte heftig: »Du verstehst doch besser, daß das die reine Galanteriewaare ist; es ist ganz hübsch und ganz unoriginell, solche Körper, solche Gesichter, solche Stellungen waren zu hunderten da, es ist armselige, elende Dilettantenarbeit, die ich nicht sehen mag, – geh, zertritt es!«, rief er seinem Bruder zu. Robert, der hinter ihm stand, trat sofort mit dem schweren, benagelten Bergschuh auf das Figürchen, und es war wirklich peinlich, den zerquetschten Tonleib zu sehen, während das Köpfchen und die feinen Füße und Hände unverletzt geblieben waren; es war als ginge etwas lebendiges zu Grunde und winde sich in Schmerzen vor uns.

»Wie roh Du bist!« sagte Hugo, sich mit unsäglicher Verachtung von seinem Bruder abwendend. Der andere wurde dunkelroth, murmelte etwas wie »Zuckerbubi, nervöses!« und ging ins Haus. . . . Dieselbe Empfindung hatte Hugo seinen Gedichten gegenüber, seiner Musik, seinen Zeichnungen, und das Gefühl, das seine künstlerische Begabung keine schöpferische sei, sondern ihn nur zu Genuß und Kritik befähigte, machte ihn tief unglücklich. »Mir graut vor meiner Vielseitigkeit,« sagte er mir einmal, »«wen der Herr erwählt, den will er ganz» . . . . und wen er nicht ganz nimmt, wen er nicht losreißt von allen Menschen, wem er nicht alle fremd macht« . . . . er schwieg, ich wußte nicht, worauf er hinaus wollte, ich sagte nur von ähnlichen Gedanken ergriffen »Ja. So ist es.« »Nun«, rief er, »was soll ich dann sagen? . . . mich hat er von allem losgerissen, hat mir alle Menschen fremde gemacht, – aber erwählt hat er mich nicht!« »Alle Zeit« schrieb er in sein Tagebuch, »hab' ich nach der Göttin getrachtet, und die Wolke umarmt!«

Seinen neuen Beruf betrieb er nur das erste Halbjahr mit Eifer. Dann ging er weder in Collegien noch ins Seminar, verlor immer mehr die Lust daran, und an eine Prüfung war gar nicht zu denken. Ja, mit der Zeit ward er ein Hasser der Archäologie, die er eine »Kunstmörderin« nannte. – Vorwürfe von Mutter und Vormund stellten sich ein, das Vermögen war gering, was sollte geschehen, wenn Hugo nie anfing, etwas zu verdienen? wenn er im Gegentheil für seine künstlerischen Liebhabereien und persönlichen Bedürfnisse so viel brauchte wie bisher? Die Mutter sparte verzweifelt, und Robert, der Lieutenant geworden und in einer kleinen Garnison in Mähren stationirt war, schrieb über Hugos Unthätigkeit und Verschwendungssucht erbitterte Briefe. Hugo erklärte zuletzt, er werde seinen Antheil nicht mehr überschreiten, und verbat sich ähnliche Erörterungen, die Zukunft sei seine Sorge. Aber die Dinge gewannen ein unbarmherziges Aussehen, und sein Leben wurde immer unsteter und zerfahrener.

Niemals und zu niemandem sprach Hugo über Frauen und seine etwaigen Beziehungen zu ihnen. Man erzählte natürlich alles mögliche, und manches mag vorgekommen sein, was seine Verstimmung vermehrte.

Alles dies, die nach Wochen von Müßiggang manchmal übermäßig vermehrte Arbeit, ein sehr unregelmäßiges Leben machten ihn zuletzt sichtlich nervös und leidend; er konnte plötzlich nicht mehr studiren, ja nicht lesen, nicht schlafen, nicht essen; es war ein heißer Sommer, und die Mutter und er waren der Ersparnisse halber in der Stadt geblieben; jetzt drängte ihn die Mutter, aufs Land zu gehen; der Arzt rieth zu einer Kaltwassercur; aber davon wollte er nichts hören; aufs Land gehen und Bewegung machen, schien ihm genug, und so reiste er Anfangs August in einen Luftcurort in den Alpen ab.



II.

Es war ein heißer Sommernachmittag; der Zug trug ihn durch dunkle Waldthäler, am Himmel standen schwere Gewitterwolken, und wiederholt hatte er das Gefühl, als ob er seinem Schicksal entgegenführe. Als er ankam, war es beinahe Nacht, der volle Mond stand schon leuchtend am Himmel und warf seine schweren, sammetartigen Schatten – den leichten Koffer in der Hand, ging Hugo vom Bahnhof, durch die stillen Wiesen, an den stillen verschlossenen Hausthüren der spärlichen kleinen Bauernhäuser vorüber dem Gasthof zu. Da verbrachte er die Nacht und quartirte sich am nächsten Tage in einem kleinen Bauernhäuschen ein, das vom Ort etwa zehn Minuten entfernt war und eine erfrischende Aussicht auf wunderbares Wiesengrün und Wälder auf der einen, auf das rasche, dunkle Wasser des Bachs und die waldige Bergwand dahinter auf der anderen Seite bot.

Es war ihm wirklich unbeschreiblich wohl, und die einsamen Spaziergänge der ersten Tage entzückten ihn; er las fast nichts, denn das strengte ihn an, und fand, daß Hindämmern der gesündeste und seligste Zustand sei. Am dritten Tag aber fühlte er, daß er zu viel denke, und daß er sich zu langweilen anfing. Das »ungelebte Leben« quälte ihn. Der Abwechslung wegen suchte er den Doctor auf und consultirte ihn. Der Doctor, ein schlanker, hochgewachsener Mann von etwa vierzig Jahren, mit einem kalten Faunsgesicht, schrieb ihm wie allen nerven- und magenleidenden Städtern, die er verachtete, nichts als eine natürliche Lebensweise vor: Schlaf und Bewegung und einfache Nahrung, keine Arbeit, keine geistigen Getränke, keinen Tabak. Er lud Hugo zum Kaffee auf der Terrasse ein und machte ihn mit den Anwesenden bekannt.

Es war da neben dem Doctor der sociale Regent des Ortes und der Gesellschaft ein pensionirter Major mit braunem Bart, großer Glatze und lautem Wesen; neben ihm verschwand völlig ein alter polnischer Graf, der an beginnender Paralyse litt und so trotz seines Titels keinen Einfluß gewinnen konnte. Dann war da ein jüdischer Bankdirector aus Dresden mit Frau und Kindern, Gouvernante und Hofmeister, eine nervöse, magere, schwarzhaarige Dame aus Olmütz – wie es Ebner schien, die interessanteste der Gesellschaft – ein kleines, altes Fräulein mit grauen Haaren, das an Migräne litt, und gar nicht anwesend zu sein schien, ein junger Mann mit Zwicker, schwarzem Schnurrbart und süffisantem Gesicht, den Hugo nicht zu bemerken geruhte, und noch zwei oder drei andere, die er ganz vergaß. Er kam gelangweilt nach Hause, ging aber doch am anderen Abend wieder hin und traf einen Theil der Gesellschaft beisammen. Das Gespräch drehte sich hauptsächlich um einen neu angekommenen Gast, eine junge Frau aus Wien, die sehr schön, sehr unglücklich verheirathet und in Folge dessen nervenleidend sein sollte.

Am nächsten Vormittag traf er den Major, der ihn zu seinem Aerger nicht mehr losließ. Sie gingen dem Bach entlang, die Straße hinauf. »Sehen Sie, das ist unser neuer Star,« sagte der Major plötzlich, »Frau Director Greleutner . . .« Hugo sah auf und sah jenseits des Baches im Garten eine Frau, die in ihm auf den ersten Blick die eine Empfindung hervorrief: »Das soll der Star sein!« Sie trug ein gelbliches Leinenkleid und hatte einen blauen Tuchkragen darüber geworfen, und schien Hugo vor allem viel zu stark zu sein; vielleicht kam das aber nur daher, daß sie die Hände in die Hüften gestützt hatte, so daß der Kragen über die Ellbogen fiel. Das Haar war unbedeckt und blond, das Profil, soweit er es sehen konnte, keineswegs fehlerlos. Hugo nahm sich vor, ihr aus dem Wege zu gehen; aber er hatte die Rechnung ohne den regierenden Major gemacht, der ihn zu einer Billardpartie haben wollte, und ohne den Doctor, der eben vorbeikam und ihn einlud, seine Pfirsiche zu versuchen. Hugo war schon im Begriff, mit der kalten Höflichkeit, die er so gut eingeübt hatte, alles abzulehnen und fortzugehen, als die Dame sich umwendete und ihn betrachtete. Man hatte ihr offenbar von ihm erzählt und sie auf ihn aufmerksam gemacht. Sei es, daß ein leises Gefühl ihm schmeichelte, die Aufmerksamkeit des »Stars« auf sich gezogen zu haben, sei es, daß das Gesicht der Dame, voll gesehen, ihn anzog, – kurz, er nahm an und folgte dem Doctor in seinen Garten, den scherzweise so genannten »Kurpark«.

Hugo wurde vorgestellt und nahm mit den Anderen Platz. Er konnte sie jetzt aufmerksam betrachten. Ihr Gesicht hatte, obgleich blaß, einen kräftigen, eher bräunlichen Teint und große Züge; es war länglich, mit rundem Kinn und vollen Wangen, einer etwas breiten Nase und einem sehr schönen, nicht kleinen Mund mit hellen, weißen Zähnen. Sie hatte große, dunkle Augen, eine prachtvolle Stirn und Schläfe und eine Last goldblonden Haares. Das ganze Gesicht schien weniger für den Maler als für den Bildhauer geschaffen, so groß und kraftvoll waren die Züge; der Ausdruck aber war matt, und die Augen träumerisch. Auch die Gestalt war wohlgeformt, – der erste Eindruck hatte ihn getäuscht. Was aber Hugo für sie einnahm, war nicht das; er konnte sie keineswegs schön finden. Was ihn einnahm, das war ihre Stimme, eine unendlich weiche, klagende, einschmeichelnde Stimme. Gleich beim ersten Ton fühlte er sich ergriffen; es war wie ein plötzliches Vogelsingen in einer kahlen Gegend. Das Haus, der Garten, die Menschen erschienen ihm nicht mehr reizlos.

Das Gespräch war langweilig: über Spaziergänge und Krankheiten, bis Hugo den Doctor nach psychologischen Beobachtungen an seinen Patienten fragte, und der Doctor, auf sein Lieblingsgebiet gebracht, von Unbekannten und Namenlosen seltsame Geschichten erzählte und die Frauen im Kreise ansah, die ihm gebannt zuhörten. Es war offenbar nicht nur der Arzt, es war auch der Faun, der erzählte. Hugo sprach davon, was der Künstler aus solchen geheimen Gebieten der menschlichen Seele verwerthen könnte . . . Plötzlich stand die Fremde auf und sagte, wie es schien, halb liebenswürdig und halb mit Spott: »Das Gespräch ist zwar sehr interessant, aber ich muß leider gehen und Briefe schreiben. Ich hoffe, Sie gehen heute Abend mit uns, wenn wir spazieren gehen,« sagte sie zu Hugo gewendet, und ging.

Hugo erschien pünktlich. Er ging neben Frau Greleutner und sprach mit ihr über hundert Dinge.

»Warum sind Sie eigentlich hier?« fragte sie ihn.

»Ich war übermüdet.«

»Von Arbeit?«

»Von der Arbeit – vom Leben – ich weiß nicht . . .«

»Sie . . . vom Leben schon ermüdet?« sagte sie mit einem Anflug von Spott.

»O nein,« sagte Hugo, »ich will gar nicht blasirt thun. Obgleich ich ja gewiß nichts dafür könnte, wenn es so wäre. Es fehlt mir vielleicht garnichts.«

»Was arbeiten Sie?« fragte sie.

»Ach Gott, gnädige Frau, alles mögliche und bringe nichts zu Stande. Vielleicht ist das meine ganze Nervosität!«

»Man ist schon gut daran, wenn man überhaupt eine Arbeit hat, und etwas, was man erreichen will,« sagte sie . . . Nein, sehen Sie, diese Wolken!« unterbrach sie sich. »Sieht's nicht aus wie die Feenschlösser aus Tausend und eine Nacht?« Es war wirklich wie ein rothsilberner Strom, der an riesigen, grauen Thürmen vorbeifloß.

»Kennen Sie die Tausend und eine Nacht in der echten Ausgabe? Haben Sie sie gern?«

»Alles was Orient ist. Es ist berauschend farbig.«

»Ja,« sagte Hugo, »so müßte man das Leben nehmen, wie die Menschen in diesen Märchen; alles genießen und jede Gefahr laufen. Wir schaudern vor dem Abenteuer, weil es gefährlich ist und weil es erniedert. Wir fürchten uns vor den Fallthüren und vor den Pfützen des Lebens. Diese Menschen gehen durch eine fremde Stadt oder durch die nächtlichen Straßen von Bagdad – auf einmal winkt eine Thür, sie hören Musik, hören Mädchen singen, und sie gehen hinein. Ein Teppich ist bereitet, Sklavinnen grüßen sie, eine schöne Frau empfängt sie, die sie nie gesehen haben; sie setzen sich zu Tisch, sie sind garnicht verwundert, sie umarmen das Weib, – – und dann öffnet sich eine Fallthür und sie versinken in tiefe Kerker, oder ein schwarzer Sklave kommt mit einem Krummschwert und schlägt ihnen den Kopf ab, oder ein Geist verwandelt sie in ein ekliges Thier. Es sind alles Symbole. Sie pflücken das Glück und werden vom Unglück gepflückt. Wir sind aus der gemäßigten Zone. Wir wissen das alles auch, aber wir leben wie die Eunuchen, die alles sehen und nichts genießen können!«

Sie hörte ihm eifrig zu. »Und doch sind alle diese Märchen uns fremde,« sagte sie zuletzt. »Ich habe sie ja gern, sehr gern, aber ich lese doch die modernen Sachen lieber.«

»Ja, weil sie uns unser eigenes Leben zeigen.«

»Ja, Ibsen und all' das, was die Leute in Wien verrückt nennen, gerade das gefällt mir.«

Sie sprachen fort. Ihre Stimme, die keiner ähnlich war, die Hugo je gehört hatte, gab allem, was sie sagte, einen bezwingenden Reiz. Auf der Höhe des Hügels angelangt, als der Weg sich wieder heimwärts wendete, sagte sie zu ihm: »Nun wollen wir auch die Uebrigen ins Gespräch ziehen; ist es Ihnen recht?« Und erst in diesem Augenblick wurde er die Existenz der Anderen wieder gewahr und ließ sie mitleidig mild auch an dem unbekannten Genusse Theil nehmen, den er empfunden hatte.

Am Abend dieses Tages hatte Hugo keinen anderen Gedanken, als den nächsten Gang ins Dorf . . . am dritten aber wußte er klar, daß er leidenschaftlich, unsagbar, rasend in die blonde Frau verliebt war. An diesem Tage brach das ganze mühsam aufgeführte Gebäude seiner Selbstbeherrschung zusammen. Ein neues Leben war angebrochen – hier war die Welt und sonst nirgends. Wo sie sich aufhielt, ob in den Gärten, auf den Feldern, ob hinter den Wänden ihres Hauses, – dort brannte die Flamme seines Lebens. Die weiche Stimme, die er vernahm, war der Laut, den die Natur gefunden hatte, um sein ganzes Wesen in Aufregung zu bringen; und die träumerischen, dunklen, großen, irren Augen waren Leben oder Tod spendend, Frühling oder Winter, je nachdem sie ihm begegneten, – und sie begegneten ihm fast immer freundlich, gerade so wie die Stimme ihn immer gleich lieblich nach allem fragte, was er denke, lese, plane, die Landschaft mit ihm besprach und die Wolken, die am Himmel so seltsam leuchtende Gestalten nehmen, die sie immer interessirten, und die Bücher, die sie gelesen, und die Menschen, die sie umgaben; und zum ersten Male schien es ihm nicht schwer und peinlich, sein Empfinden und Denken auszusprechen, sondern ganz natürlich – er fühlte vielmehr, daß er es nicht genug that, gehemmt und stockend, er hatte sich gern weit mehr offenbart, als er vermochte. Es war ihm jetzt, als ob er nie das sagte, was er sagen wollte, und seine eigene Seele ihm beständig entschlüpfte, die er so gern in seine Worte legen wollte. Sie hingegen mied es, von sich zu sprechen. Aber wenn sie nie von sich sprach und er nicht den Weg fand, sie über ihr eigenes Wesen und Schicksal zu befragen, kannte er sie doch gut mit den geschärften Intuitionen der Liebe. Freilich, jeder fand sie schön, er begriff nicht, daß er es einen Augenblick nicht gefunden hatte. Jeder fand sie gut, sie hatte eine so stille Art, den Leidenden mit ihrer wunderbaren Stimme Wohlthuendes zu sagen; die Anmuth ihrer Bewegungen, wenn sie ohne zu sprechen Hülfe leistete, wo man sie brauchen konnte, beruhigte die Aufgeregten. Wie sie ein verirrtes, kleines, schmutziges Bauernkind, das sie auf einem Spaziergang fanden, und das mit seinem unbeholfenen Mündlein sich nicht zurechtzufinden vermochte, während die Anderen beriethen, was zu thun sei, ruhig auf die Arme nahm und ins Dorf trug; wie sie in einem Gehöft dem durch irgend eine Verschlingung der Kette gequälten Hund, der rastlos heulend hin und her sprang und dem niemand nahe gehen wollte, die Kette löste, so that sie immer in der gleichen stillen Weise für Andere, was ihnen noth war. Ihr Schweigen, wenn sie etwas mißbilligte, was einer der Gesellschaft sprach oder that, genügte, es abzustellen, und ihr Lachen entzückte Alle. Der Major wurde leiser, wenn sie zugegen war, der Doctor wärmer und bescheidener, und der gelähmte Pole lebendiger. Und Alle hatten ein unbestimmtes Mitleid mit ihr, wie mit einem schönen Geschöpf, das aus einer elfischen Welt sich unter sie verirrt hatte und nie, nie mehr den Weg in ihre eigentliche Heimath finden würde. Einer aber war überwältigt und kam sich vor wie ein kalter, irrender Stern, der ohne Wärme und ohne Leben bisher durch todte Finsternisse seine traurigen Bahnen gezogen war und in dessen Nähe mit ungeheurer Attraction eine Sonne getreten war, die ihn mit Strahlen und Gluthen überschüttete und für immer um sie zu kreisen zwang.

Jeden Morgen, wenn er aufgestanden war – meist spät, weil er die Zeit verschlafen wollte, in der er sie nicht sehen konnte, und wenn er gefrühstückt und gebadet hatte – ging er hinauf an den Wiesen mit dem weidenden Vieh vorüber und durch die Felsschlucht, die ihm wie ein geheimnißvolles Thor zu einem andern Reich vorkam. In der Allee oder im Garten des Arztes war er sicher, sie zu treffen, dann saßen sie, oder machten zusammen einen kleinen Spaziergang. Sie war immer in ihrem chamoisfarbenen Leinenkleid mit dem weißen Matrosenkragen, der den schönen Hals frei ließ; den Sonnenschirm in der Hand, mit dem sie gern spielte, ging sie mit gesenktem, träumenden Haupt, plaudernd oder schweigend neben ihm her. Mittags bei Tische sah er sie wieder und Abends wurde ein Spaziergang in größerer Gesellschaft gemacht; aber die Gesellschaft existirte gar nicht, sie bildete sich das nur ein, und Hugo begriff nicht, daß er Gesichter sah und Worte hörte, die so gänzlich überflüssig waren – dann aß man gemeinsam, und immer, wenn irgend möglich, saß Hugo an ihrer Seite oder ihr gegenüber. Die ganze übrige Zeit war ein seliges Warten oder ein tiefer Schlaf, der wie ein Augenblick vorüber war; das Beisammensein ein seliges Genießen. Seit vier Tagen war das so und schien eine Ewigkeit; es war ein entzückendes Sichdahintragen lassen auf weichen, warmen, sonnenbeschienenen Wellen eines unendlichen Meeres, ein leichtes Schwimmen mit geschlossenen Augen über einer ungeheuren, aber nicht bewußten und süßen Gefahr – es war von selbst so gekommen und mußte so sein, er machte sich keinerlei Gedanken darüber, und es schien auch ganz unnöthig, zu denken; Zukunft, Pläne, Wünsche, alles das war nicht, der Augenblick nahm und gab alles. Da am fünften Tag, sagte sie nach dem Kaffee:

»Nun müssen wir auf die Station gehen, heute kommt mein Mann.«

Sie sagte das ganz ruhig, als etwas von selbst verständliches, während Hugo zu Muthe war, als fiele er plötzlich aus den Höhen purpurner Abendwolken, über denen er lebte, mit rasender Schnelle, Abgründe tief, bis auf die harte, wirkliche Erde herab. . . .

»Heute kommt mein Mann.« Jetzt fiel ihm zum ersten Mal ein, was er doch von Anfang an wußte, daß sie verheirathet war, daß sie Kinder hatte; es war unbegreiflich vernichtend! – noch mehr, daß jetzt ein merkwürdiger Mensch kommen sollte, der der Gatte dieses Weibes war! Er wußte gar nicht, wie er sie in Gedanken bezeichnen sollte, sie war ein wunderbares Traumwesen, das da war, um die geheimnißvolle Liebeswelt, nach der er sich stets gesehnt hatte, für ihn zu verkörpern, und sie verkörperte sie, indem sie da war, indem sie ging, oder stand, oder sprach, . . . . ein Meer von Lust überwältigte ihn, wenn er sie reden hörte, eine eigene Liebesluft wogte über den Hügeln – und in alles das war plötzlich etwas verfinsterndes, gemeines, räuberisches eingetreten, etwas, das er haßte und nicht kannte, und dem er nicht beizukommen wußte.

In diesen unklaren verstörten Empfindungen ging er, unfähig sich von ihr zu trennen, unfähig zu sprechen, mit ihr der Station zu, einem gelb gestrichenen Gebäude, das aussah wie die Bahnhöfe in Oesterreich meist aussehen – gelb, einfach, amtlich, mit den rothgrünen Blättern des wilden Weines über dem braunen Schutzdach. Sie standen nur eine kurze Zeit schweigend in der Dämmerung, unter dem beständigen Klingeln der Signalglocke, bis der Zug hereintoste und dampfte, und einige Herren ausstiegen und ihre Frauen begrüßten, darunter auch ein dicker Herr in einem Havelock, der Antonien die Hand reichte, sie leicht auf die Wange küßte, und fragte, was es neues gebe? Sie fragte nach den Kindern, dann stellte sie den Doctor vor, der sich gleichfalls eingefunden hatte, und andere, und zuletzt sagte der Doctor:

»Erlauben Sie . . . . Herr Hugo Ebner. . . . Herr Kaiserlicher Rath Director Greleutner.«

Hugo sah den Herrn, der ihm ruhig die Hand reichte, aufmerksam an; er war ziemlich groß und stark, hatte einen kahlen Kopf und einen dichten schwarzbraunen Bart, trug einen Zwicker in Horn gefaßt an einem breiten schwarzen Bande; er sprach leise und mit leicht wienerischem Accent. Seine Frau nannte ihn »Michi.« Hugo fühlte sich merkwürdig beruhigt. Diese zwei Menschen, das fühlte er, waren nicht wirklich Mann und Weib, sie gehörten nicht zusammen! sie interessirte sich für ihn zweifellos nur wider Willen, und weil sie mußte, dieser Mensch hatte keinen Zutritt in die Traumsphäre, in der ihr Geist lebte, und in die er so rasch Eingang gefunden hatte, in der er die Bilder und Stimmungen seiner eigenen Phantastik wiedergefunden hatte – der ging meilenfern an den Rändern ihres Wesens vorbei; und er fühlte auch, daß dieser »Spießbürger« ihn nichts angehe, daß er ihn ignoriren werde und müsse – – nur ein leichtes befleckendes Unbehagen blieb.

Sonntag Vormittag sah er Antonien nicht. Das Ehepaar erschien nicht im Gasthaus zum Mittagstisch; des Abends wurde der Spaziergang wie sonst gemacht, der Director war ein Fremder mehr, nur noch störender und lästiger als die anderen, obgleich er gescheidt und verbindlich sprach. Dennoch athmete Hugo auf, als er am Montag Morgen zeitlich Frühe wieder abgereist war.

Furchtbar schnell änderte sich jetzt alles, in dem Maße, als Hugo sich seiner Lage bewußt zu werden anfing. – Scheinbar freilich blieb alles gleich, er kam wie vorher unwiderstehlich angezogen, und unbeschreiblich war die Qual und die Leere, wenn irgend etwas, ein Unwohlsein, eine Beschäftigung sie abhielt, Vormittags oder Abends mit ihm zu gehen, mit ihm, denn wer sonst mitging, zählte nicht. All seine Zurückhaltung war verloren, vergessen – er war wie ein kleines Stück weichen Eisens, das ein ungeheurer Magnet angezogen hatte und mit sich nahm. Er hatte keine Rücksicht, er kam zu ihr, er sprach mit ihr, oder für sie, er sah und hörte nur sie . . . und in dem Augenblick, wo sie fortgegangen war, empfahl auch er sich und ging; einen Augenblick länger zu bleiben, wenn Antonie nicht mehr da war, schien ihm nicht nur unnöthig, sondern unmöglich. Und die Folge war, daß sich rasch eine anfangs unmerkliche, später sehr klare Feindseligkeit gegen ihn unter den andern zeigte; alle fühlten sich von ihm verletzt, die Frauen, weil er ihnen keinerlei Aufmerksamkeit zeigte, die Männer, weil er sie gar nicht sah; den Major verdroß es, daß er jede Einladung zu einer Billardpartie zurückwies; außerdem bemühten der Major, der Doctor, der Hofmeister, der süffisante junge Mann mit dem schwarzen Schnurrbart, selbst der paralytische Graf, alle sich um die schöne Frau und fühlten eine gewisse Eifersucht auf ihn; die Frauen begannen sich zu scandalisiren, daß er einer verheiratheten Frau so offen »den Hof machte« und ihr nicht von der Seite wich, nicht bei Tische, nicht im Garten, nicht auf den Spaziergängen. Was über ihn gesprochen wurde, hörte er freilich nicht, aber er fühlte es; er fühlte, daß man ihn nicht gerne kommen sah, ihm nicht gerne Platz machte, daß er frühe kommen mußte, wenn er den Sessel neben ihr noch frei finden wollte, daß man ihn nicht aufforderte, wenn Ausflüge geplant wurden; und er, der sonst die leiseste Unhöflichkeit geahndet hatte, achtete geflissentlich nicht darauf.

Er brauchte nicht zu sorgen, wenn niemand ihn einlud, sie verständigte ihn rechtzeitig von jeder geplanten Unternehmung und wenn die andern kalt und feindselig von ihm getreten waren, so entschädigte ihn eine letzte Kopfwendung und ein Blick, der sagte: Ich bin Ihnen gut und freue mich, wenn Sie kommen. Aber gleichzeitig erkannte er, wie sehr er bereits verstört war von dieser Empfindung, wie er jeden Halt verloren hatte, wenn die Menschen es überhaupt wagten, ihm so zu begegnen.

Er merkte auch, daß sie sich nicht ungestraft mißachten ließen; er entdeckte, daß eine unwillkürliche Organisation sich unter ihnen gebildet hatte, und daß Menschen, die er verachten und ignoriren wollte, die Macht hatten, ihm weh zu thun und ihm zu schaden. Der Major lud die Gesellschaft in seine Villa und ihn nicht mit; zu Hugos Freude sagte Antonie das zweite Mal ab, und er hatte sie fast für sich allein, aber das erste Mal hatte er geschäumt und doch nichts thun können. Der Doctor schien jedesmal überrascht, ihn in seinem Garten zu sehen, der paralytische Pole übersah sogar seinen Gruß, und selbst das Fräulein, das einst gar nicht vorhanden zu sein schien, gewann auf einmal nur zu viel Bedeutung durch ihre übermäßige Güte, denn sie schloß mit Antonien Freundschaft und ging der »armen leidenden Frau« nicht von der Seite, besonders nicht, wenn Hugo zugegen war.

Was Antoniens Leiden eigentlich war, wußte Hugo nicht; sie selbst hatte, als er sie einmal direct fragte, geantwortet: »Ein kranker Wille, sonst nichts.« Jedenfalls aber war sie in der letzten Zeit aufgeregter und nervöser geworden und blieb oft auf ihrem Zimmer. – Freitag Nachmittag hatten sie zusammen Nietzsche gelesen; sie waren auf dem Balcon im Hause des Doctors gesessen und hatten gemeinsam ins Buch gesehen, ihr Haar seine Wange gestreift . . . . bis die Abendröthe sie vom Buche abzog und die Abenddämmerung sie zu schließen zwang. Als er ihr jetzt die Fortsetzung antrug, lehnte sie ab. Hugo fühlte, daß er mit ihr sprechen müsse, – aber er fand keinen Augenblick mehr, wo er sie allein sah. Noch schlimmer, er entdeckte, daß sie sich zu wundern begann, daß sie nicht begriff, wie er sich von diesen Menschen ein so beleidigendes Benehmen gefallen lassen konnte, daß sie ihn vielleicht für zahm und feige hielt. Keine Frau kann ruhig ansehen, daß ein Mensch, der irgendwie gezeigt hat, daß er auf sie Anspruch erhebt, erniedrigt werde und diese Erniedrigung duldet. Und Hugo wußte nicht, wie das Dilemma lösen . . . . ein Auftritt mit diesen Menschen, die er verachtete und haßte, diesen Ketten, die sich an sie hingen und sie einschlossen, – und er hatte keine Gelegenheit mehr, sie zu sehen – auch fand er nirgends greifbares, und was schließlich konnte er nervösen Frauen und kränklichen alten Herren thun oder sagen? Er begriff nicht, wie Antonie in ihrer Mitte bleiben und ihnen gut sein konnte; bisher hatte er darin einen Beweis ihrer grenzenlosen Lieblichkeit und Milde gesehen, jetzt sagte er sich bitter: »in der That ein kranker Wille« . . . . aber wenn sie Menschen gut blieb, die sich gegen ihn stellten, dann liebte sie ihn wohl nicht . . . . dieser Zweifel kam ihm plötzlich erschreckend zum ersten Mal . . . . er mußte sprechen und Klarheit haben.

In diesem Zustand von Qual und Wuth verbrachte er ein paar Tage, des Abends trank er übermäßig viel Bier, um dann zwei oder drei Stunden schweren Schlafs zu finden, und dann zu erwachen und Stunden lang in gleich ohnmächtigem Zorn und Sehnsucht bis zum Morgen dazuliegen und sich umherzuwerfen. – Die drei Wochen, die er ausbleiben sollte, liefen ab, er hatte gehört, daß auch sie nur mehr kurze Zeit bleiben werde. Alles zwang ihn zu reden – aber nicht nur, daß er keine Gelegenheit fand, er fürchtete sich auch: das Uebermaß der Empfindung erstickte ihn, er wußte gar nicht mehr zu sprechen, er ging jetzt meist schweigend, mit gepreßten Lippen und tobendem Blut neben ihr; er war hölzern, unbeholfen, traurig geworden . . . . fühlte sie es denn nicht? –

Er saß im anderen Reiche, so nannte er das kleine grüne Thal, in dem er wohnte – durch das Felsenthor kam er hinüber in das verzauberte Gebiet, wo sie herrschte und die Leidenschaft, die er innerlich jede Nacht herübertrug. Er saß vor dem offenen Fenster und zeichnete. Schon all die Tage suchte er, so oft er zu Hause saß, unzählige Male ihr Bild aus dem Gedächtniß zu entwerfen, aber immer war ein fremdes entfernt ähnliches Gesicht entstanden. Am Abend vorher hatte er sie im Garten des Doctors wirklich gezeichnet – sie war, als er kam, mit Fräulein Wohlbeck am Gartentisch gesessen und hatte ein Album vor sich, er hatte sich neben sie gesetzt und von gleichgültigen Dingen zu reden begonnen, da hatte sie, während er sprach, schweigend eine Photographie aus dem Album genommen und vor ihn gelegt; und als er gestand, daß er keine Ahnung habe, wer das sei, da hatte sie fast übermüthig gelacht und gesagt: »wirklich? – das bin ich! das war ich als sechzehnjähriges Mädchen!« Darauf hatte er sie zu zeichnen begonnen, und sie ließ es lächelnd, ja fast freudig zu; während Fräulein Wohlbeck ihre Entrüstung durch schweigendes, unerbittliches Sticken an ihrer Arbeit irgendwie zum Ausdruck brachte; jeder Stich war ein Urtheil. Nie hatte Hugo soviel unsichtbare, lebendige Fäden von ihr zu ihm, von ihm zu ihr gleiten gefühlt, als jetzt, wo sein Stift ihren Formen nachging – – – nur das Fräulein saß da wie die Norne und schnitt die Fäden durch, die ihn hinüberzogen. Zuletzt hatte er sich eine neuere Photographie von ihr ausgebeten, um die Zeichnung zu Hause ausbessern zu können. Die Augen der alten Dame wichen nicht von dem Bild, als er es in seine Brieftasche steckte.

»Sie bringen die Photographie doch morgen zurück?« sagte sie zuletzt, unfähig sich zu beherrschen.

»Gewiß, Fräulein, wenn die gnädige Frau es wünscht!« sagte er halb wüthend, halb belustigt.

»Ja, bringen Sie sie dann«, sagte Antonie in gleichgültigem Ton. –

Nun besserte er die Zeichnung aus und fixirte sie – und schrieb darunter in seiner kleinen, zierlichen Handschrift folgendes Sonett:


»Ich trug ein Bild von dannen in der Seele,
Geheimnißvoll dem Urbild abgespiegelt.
Das alle Sinne in mir aufgewiegelt.
So daß ich mich in Angst und Hoffnung quäle!

Hier bring' ich's noch einmal – sieh', ich verhehle
Des Herzens Sturm nicht mehr, der ungezügelt
Mich hin zum Urbild reißt, von Lust beflügelt.
Das ich zum Götterbilde mir erwähle.

Und wie die Frommen einst und jetzt noch pflegen
In Herzenswünschen Bilder ihrer Leiden,
Aus Wachs geformt auf den Altar zu legen.

So bring' auch ich das Bildniß dir bescheiden.
Von meiner Qual, die Heil'ge zu bewegen:
Laß, Herrin, mich nicht in Verzweiflung scheiden!«


Am Abend gab er ihr Bild und Gedicht mit Büchern, die er ihr zum Lesen brachte, sorgfältig verpackt, und sah, wie sie das Paket auf ihr Zimmer nahm.

Bis zum nächsten Vormittag mußte er warten. Und wie hellseherisch begann er zum ersten Mal das ganze Verhältniß zu übersehen und sich alle Consequenzen vorzustellen. Er verstand sie so gut, sie und ihr ganzes Schicksal, so wenig sie davon erzählt hatte. Das Mädchenhafte, Ungewisse, Träumerische an ihr nach einer achtjährigen Ehe, die keine war; das unaufgeweckte, schlummernde Leben, das er erwecken wollte; dieser dicke Herr, der ganz Behäbigkeit, Vernunft und Sparkassendirector war, die junge Frau ganz Poesie und Mystik – – es war ja klar, daß da eine Ehe nicht möglich war, – unmöglich und unsittlich. – Sie bedurfte eines Menschen, der ihre Träume mitträumen und sie auf die Höhen des Lebens führen konnte, und er zweifelte keinen Augenblick, daß er dazu bestimmt war, sowie auch er selbst und sein ganzes Wesen bisher eine arme unfruchtbare Knospe gewesen, wie sie selber, und daß jetzt Staub- und Fruchtblüthe einander entgegenstrebten. Er jubelte auf bei dem Gedanken, daß sie sich nun finden mußten, ja schon gefunden hatten, denn was bedeutete die ungeheure Freude, die in ihm war, anderes? Er zweifelte garnicht, daß die Liebe dieser Frau ihn zum großen Künstler, zu etwas Unerhörtem, Gewaltigem machen mußte. Vielleicht konnte sie sich scheiden lassen und er sie heirathen; daß sie um vier Jahre älter war, hatte garnichts zu sagen. Und ihre Kinder, die sie bald liebte, die bald ihr lästig waren? – – – Er verstand das sehr gut, das war die größte Schwierigkeit, aber auch die mußte sich lösen lassen. Er war bereit, wenn er acht Tage mit ihr leben dürfte, sich nachher hinrichten, sich lebenslang einkerkern zu lassen. Und wenn sie nicht wollte? – Im Augenblick, wo er an diese Möglichkeit dachte, floß es wie eine dunkle, kalte, stechende Wolke um ihn, die ihm die Augen schwer machte und die Brust beklemmte . . . Und in diesem Jagen und Toben der Gedanken und Empfindungen verbrachte er den Abend und die Nacht – was er eigentlich gethan, wo er gewesen, daran konnte er sich nachher nie erinnern.

Gegen Morgen war er nach Hause gekommen und erschöpft eingeschlafen, um halb neun schon wieder aufgewacht und ging ins Dorf. Wie oft er diesen Weg nun schon bei Tag und Nacht und bei jedem Wetter und in jeder Stimmung gemacht hatte! Unerträglich lang erschien er ihm heute. Dennoch kam er viel zu früh.

Im Garten saßen der Major, der Hofmeister und der Banquier in politischen Gesprächen über Bismarcks Entlassung. Dann erschien Fräulein Wohlbeck, bei deren Anblick Hugo wild wurde. Endlich sah er Antonien langsam die Balcontreppe herabkommen. Sie begrüßte Alle und reichte auch ihm die Hand wie gewöhnlich. Sie hielt ein Papier in der Hand und warf es auf einen Tisch, der weiter rechts stand, und sagte: »Ich habe Ihnen etwas zurückzugeben, Herr Ebner; ich danke!«

Die Bewegung war entscheidend. Etwas Tödtlicheres, Oederes, Unerträglicheres als den Sommertag, die Laube, den Garten und die ruhig sprechenden Menschen hatte Hugo nie gekannt. Er stand rasch auf, empfahl sich und ging. »Er müsse sogleich nach Hause!« Er war noch keine vier Minuten gegangen, als er fühlte, daß auch das nicht möglich war. Und plötzlich kehrte er in die Laube zurück und fragte, ob er nicht seine Brieftasche vergessen. Er suchte gewissenhaft, obgleich er sie in der Brusttasche fühlte; die Anderen halfen gleichmüthig, – nur Fräulein Wohlbeck betrachtete ihn aufmerksam und spöttisch. Sie wurde indessen abgerufen; auch der Banquier ging; und Hugo saß am Tisch Antonien gegenüber; rechts saß der Major und links der Hofmeister. Ihre großen Augen blickten verstört und vermieden, ihn anzusehen, während er den Blick auf sie heftete. Der Major erzählte Geschichten aus dem Garnisonsleben und aus dem bosnischen Feldzug, der Hofmeister von seiner Universitätszeit; nur er und sie sprachen kaum ein Wort, sondern saßen gebannt einander gegenüber und fühlten, fühlten beide die lastende Schwere der Entscheidung, den Trennungsausspruch, der sie dennoch zusammenhielt, denn bis zum Mittag saßen beide noch da, keinen Augenblick allein, obgleich er und sicherlich auch sie sich beständig fortwünschten aus der Pein dieses Gegenübersitzens.

Es war aus – aus – aus, und er konnte nach Wien fahren. Daß er sich von all den Leuten noch verabschieden mußte, war gräßlich. Schon Vormittag hatte er gesagt, daß er wahrscheinlich morgen reisen werde. Aber er saß in seinem Zimmer und entschloß sich nicht, zu packen. Der Abend kam, und zum ersten Mal ging er nicht in den Ort, sondern saß im Vorgarten und starrte zum Wald hinüber, der herausfordernd grün und warm in der Abendsonne vor ihm lag.

Da schollen Stimmen, und er hörte einen leisen Gesang . . . Es war Antonie, die den Anderen vorausging, hinter ihr der Major, Fräulein Wohlbeck, die schwarzhaarige, nervöse Dame, und der Hofmeister. Er stand auf und grüßte. Warum ging sie hier vorüber? . . .

»Gehen Sie heute nicht mit uns?« fragte Antonie über den Zaun herüber.

»Wie Sie befehlen, gnädige Frau!« erwiderte er, während Erstaunen und Glück in ihm kämpften, und nahm Hut und Stock und ging mit.

»Haben Sie Ihre Brieftasche wiedergefunden?« begrüßte ihn Fräulein Wohlbeck.

»»Ja, mein Fräulein,« versetzte er höflich; »sie war in meiner Tasche.«

»Und Sie reisen also morgen?« setzte sie hinzu.

»Ich weiß es noch nicht bestimmt,« antwortete Hugo, »das hängt noch von Vielem ab.«

Sie waren im Wald angekommen, und er eilte mit ihr voraus.

»Ich habe noch Bilder und Gedichte, gnädige Frau,« sagte er; »darf ich sie Ihnen bringen?«

»Ja, wenn sie einen anderen Inhalt haben, als das heutige. Das hat mich nicht interessirt!«

Also Friedensschluß bei Aufrechthaltung des status quo! Hoffnung und Qual wie vorher. – Wenn ich ein Mann bin, lasse ich mir das nicht bieten, dachte er. Sie sprachen über die Kinder, über den Wald, die Bäume und was sich im Gespräch am Wege jagt, und jedes Wort von ihm war eine Liebeserklärung und jedes Wort von ihr ein Dulden seiner Huldigung, ohne sie zu ermuntern. Die Sonne ging unter. Man setzte sich auf einen gefallenen Baumstamm am Rand des Bergwaldes und sah in die Dämmerung hinaus. Er saß vor ihr im Gras – und es war ihm, als müsse er ihre Füße küssen . . . Da kam Fräulein Wohlbeck:

»Wird Ihnen nicht kühl, Antonie?« fragte sie. »Nehmen Sie doch Ihr Tuch um!«

Alles blieb beim Alten, wenigstens für die nächsten Tage, denn die ganze Tragikomödie währte überhaupt drei Wochen. Am nächsten Samstag kam der Director wieder. Vorher war Hugo mit Antonien spazieren gegangen und hatte auf dem Wege düster geschwiegen; sie hingegen war auffallend heiter.

»Ich will den ganzen Nietzsche haben und dann, was von den alten Indern übersetzt ist!« sagte sie zu ihrem Mann. »Das will ich!«

»Ja, Du sollst sie bekommen,« sagte der Director achselzuckend, wie man einem Mädchen Puppen verspricht. »Du hast ja schon viel von dem Zeug gelesen.«

»Ja, das ist wahr!« sagte sie mit dem Ton eines kleinen Kindes, das eine seltsame Geschichte bekräftigen will.

»Aber sehr weise bist Du davon nicht geworden!« sagte der Director.

»Ich hab' halt keine Anlagen zur Weisheit!« sagte Antonie. »Aber hier, der Herr Ebner, das ist ein Weiser, gewiß!«

Im Garten fanden sie die Herren auf der Wiese. Der Hofmeister und seine Zöglinge, sowie der junge Mann mit dem Zwicker schlugen Purzelbäume.

»Michi, Michi, bitte. Du auch!« rief Antonie schmeichelnd.

Der Sparkassendirector wandte mißbilligend das Haupt. Im nächsten Augenblick war Hugo auf dem Rasen und schlug einen Purzelbaum.

»Bravo!« rief Antonie lachend und klatschte in die Hände.

Hugo wurde brennend roth, und es that ihm furchtbar leid, es gethan zu haben. – Der Mond kam herauf, und man nachtmahlte im Garten unter den Bäumen. Tische wurden zusammengeschoben, Gartenlampen angezündet; unzählige Mücken schwärmten um die Gläser, krochen in sie hinein, fielen todt auf das weiße Tischtuch, in die Schüsseln, in die Salzfässer, in die Trinkgläser . . . Man war ungewöhnlich munter: der Major erzählte Kasernenwitze, – nur Hugo saß schweigsam, und wenn ihn jemand ansprach, antwortete er ungeschickt und verwirrt. Er war's nicht mehr . . . er war's nicht mehr . . . und eine ungeschlachte Wuth begann in ihm aufzusteigen, eine Lust, all' diesen Menschen haßerfüllte Grobheiten zu sagen; aber er gehörte da einfach nicht hinein, er war nicht in seinem Milieu, und sie auch nicht – sie gehörte zu ihm.

Unterdessen sprach der kaiserliche Rath freundlich mit ihm über die Pariser Weltausstellung und die Betheiligung der österreichischen Industrie. Eine Lampe ging aus; das dichte Laub der großen Linde, unter der sie saßen, begann im Nachtwind zu rauschen, einzelne Blätter fielen auf den Tisch nieder; wie wenn alles dunkel würde, war es ihm, als ob Schleier auf Schleier vor seinen Augen und Ohren sich senken würden; und in dem Dunkel schwebte ihm gegenüber ein Gesicht, das sinnend auf ihn und seinen Tischnachbar blickte.

Man stand von der Tafel auf – er und sie und ihr Mann gingen durch die Kastanienallee jenseits des Gartens den einen der Hügel hinauf, auf denen die Häuser des Ortes verstreut lagen. Die Bäume waren noch jung und die Allee ärmlich; aber über den dichteren Obstgärten an den Häusern stand der Mond und verschönerte alles, sowohl was er mit seinem Licht übergoß, als das, was er in seine Schatten hüllte. Sie gingen alle drei schweigend. Plötzlich blieb Antonie stehen und hielt sich mit beiden nach rückwärts gebogenen Armen an einem Gartenzaun. Sie sah in die Höhe, wortlos, als suche auch sie nervös gepeinigt die Lösung von Räthseln in dem Dunkel über ihr. Irgend etwas ging in ihr vor, was sie nicht aussprechen konnte. All' die Tage hindurch hatte Hugo beobachtet, daß sie wie ein hülfloses Kind in einer fremden Umgebung mit etwas rang.

Während ihr Mann sie betroffen ansah, fühlte Hugo, daß diese Seele, deren leiseste Schwingungen er mitempfand, dennoch undurchsichtig vor ihm verborgen war. Er sah die zerrissenen Wolken am Horizont über dem Hügel wie ein böses Meer, und im Geist sah er darauf zwei Schiffbrüchige auf Brettern schwimmen, die nach einander die Hände ausstreckten, ohne sich erreichen zu können.

Der folgende Abend war noch eigenthümlicher; es war kühl, und das Nachtmahl wurde in der Wirthsstube genommen, die kleine städtische Colonie saß immer an einer langen Tafel beisammen. Zum Major waren Gäste gekommen, ein alter Oberst und dessen Sohn; als Hugo eintrat, saß der junge Mann am Tisch; zwischen ihm und dem Major war ein Platz frei. Hugo wollte sich setzen.

»Pardon, der Platz ist besetzt,« sagte der Major, kurz. Gerade gegenüber war gleichfalls ein Sitz frei; als Hugo hinkam, sagte Fräulein Wohlbeck: »Hier wird wohl die Frau Rath Platz nehmen.«

»Sobald sie kommt, werde ich ihr sogleich Platz machen«, sagte er böse und setzte sich. Sie kam auch wenige Minuten später und ging gleichfalls auf den freien Sessel neben dem Major zu.

»Pardon, Gnädige, der Platz ist besetzt,« sagte der junge Mann, der ihn für seinen Vater halten wollte.

Die Dame hob den Kopf und sah die Gesellschaft an; war das eine Demonstration gegen sie?

»Herr Ebner,« sagte sie laut »wollen Sie die Güte haben, mir Gesellschaft zu leisten? ich werde allein nachtmahlen.«

Innerlich halb verrückt vor Freude, daß sie dieser »Plebs« endlich den Rücken kehrte, stand er auf, verbeugte sich kalt gegen die Tafel und unter der Consternation der ganzen Tischgesellschaft begleitete er sie hinaus, und sie soupirten mit einander im Garten, leider nicht allein, denn der Doctor, der eben von einer Fahrt zurückkam, setzte sich zu ihnen. Nach dem Essen ging sie mit Hugo bis zum Gartenthor, und hier sagte sie ihm:

»Ich reise in den nächsten Tagen ab und dürfte im October zurückkommen; es ist vielleicht besser, wenn Sie nicht mehr herkommen. Sie sollten ja eigentlich auch schon fort sein. Wenn Sie mich in Wien besuchen wollen, ich wohne« – und sie sagte ihm ihre Adresse.

»Gnädige Frau,« sagte Hugo, »wenn Sie auf den Inseln des Todes wohnen würden, ich würde hinkommen.«

»Auf den Inseln des Todes wohne ich nicht, und möchte ich nicht wohnen,« gab sie zur Antwort, indem sie sich umsah, da er unwillkürlich lauter gesprochen hatte, »aber kommen Sie in Wien gewiß zu mir. Auf Wiedersehen.« –

Er sah sie noch am nächsten Vormittag; sie saß auf der Bank vor dem Hause, als er vorüberkam, wie fröstelnd im leichten Wind.

»Wie ein Herbsttag ist es heute,« sagte sie; »nur noch ein paar Wochen, dann ist's Herbst, und die Blumen sind alle fort.«

»Auch im Herbst gibt's Blumen, gnädige Frau,« sagte der Hofmeister tröstlich, »Astern, Georginen . . .« Hugo wunderte sich, daß er nicht die lateinischen Namen nannte.

»Das sind traurige Blumen,« sagte Antonie in einem Ton, den Hugo nie vergessen konnte. Er ging nicht mit auf den Bahnhof, als sie mit ihrem Mann, der sie zu holen gekommen war, fortfuhr; und einen Tag später reiste auch er ab.



III.

Er blieb in Wien scheinbar mit Studien beschäftigt, in Wirklichkeit ganz unthätig. Seine Mutter sah mit Sorgen, daß er blaß und trüb, wie er gegangen war, zurückkam. Aber er haßte nichts so sehr, als wenn man ihn ängstlich nach seinem Befinden fragte, und gab vor, sich völlig wohl zu fühlen, Antonie hatte ihn nicht aufgefordert, ihr zu schreiben, er wußte nicht, wo sie war, und eine seltsame Erschlaffung seines übermäßig aufgeregten Gemüths trat ein. Das Bild Antoniens entschwand ihm, wie ein ferner Vogel, den man einen Augenblick gehört zu haben glaubt. Wie man nach einem Erdstoß, nach einem unerwarteten Blitzschlag sich fragt, ob er wirklich gewesen, so wußte er nicht, ob diese wenigen Tage ungeheurer Liebesbewegung wirklich hinter ihm lagen oder nicht. »Wenn ich sie nie wiedersehe, kann ich sie vergessen« begann er zu fühlen. Der Herbst schritt vor, kalt aber licht, ohne Wolken: die Häuser Wiens verhüllten das Sterben in der Natur. Hugo mied seine Bekannten, er versaß die Zeit in seinem Zimmer oder im Kaffeehause.

Eines Tages, im October, da es zu dämmern begann und er in die grauen Straßen hinausstarrte, durchfuhr es ihn plötzlich mit eigenthümlicher Gewißheit, Antonie müsse bereits in Wien sein; und augenblicklich nahm er Hut und Ueberzieher vom Haken und ging vom Kaffeehaus geradewegs nach ihrer Wohnung. Sie war wirklich am Tag vorher angekommen und war zu Hause. Sie trug ein graues, enganliegendes Straßenkleid und schien in dieser einfach eleganten Toilette noch viel schöner, als er sie auf dem Lande gesehen hatte. Sie empfing ihn, sichtlich erfreut über sein Kommen, entschuldigte die Unordnung in der Wohnung, zeigte ihm ihre beiden Mädchen, für die er sofort eine heftige Zärtlichkeit empfand, während er sich sonst um Kinder nicht viel zu kümmern pflegte, lachte mit ihm über die Tischgesellschaft in E . . ., und forderte ihn auf, recht bald wiederzukommen. Sie hatten gesprochen, als ob nie etwas zwischen ihnen vorgefallen wäre; aber Hugo ging, wieder ganz und gar in den alten Zauber gehüllt, und er fühlte, daß jetzt erst die Entscheidung kommen müsse – und er fühlte sich wie ein weit zurückgeschlagener Feind, der den Feldzug und Angriff von neuem beginnen mußte.

Drei oder vier Tage nach seinem Besuch traf er sie hinter der Stefanskirche vor einem Laden stehend. Sie ward sehr roth, als er sie grüßte und ansprach, und sagte sogleich, daß sie ihren Mann abholen gehe, und ob er sie begleiten wolle. Auf dem Graben trat der Director pünktlich zur Minute aus einem Bankgebäude und begrüßte beide mit seiner gewöhnlichen leisen Art. Er hatte garnichts von der Jovialität des Wieners, und besonders im Verkehr mit seiner Frau war er doppelt ernst; auf seinem ganzen Wesen lag derselbe Druck wie auf dem ihren, und das war das Einzige, was beide Gatten gemeinsam hatten. Hugo hatte sich in die unvermeidlichen Beziehungen zu ihm gefügt, und mit sich beschlossen, seine Existenz, so weit als möglich, zu vergessen; eigentlich hatte er Mitleid mit ihm. – – – – – – – – – – –

Viel später erst und in sehr eigenthümlicher Form schrieb er seine Erinnerungen an die geschilderten Wochen nieder. Dort aber, wo zum ersten Mal von Antonien die Rede ist, da heißt es: »Und weil ich jetzt mein Tagebuch, dieses Heft, von Anfang an nachlas und finde, daß ich über Frauen, die mich interessirten, so viel geschrieben habe und über sie noch garnichts, so muß ein Wort hierher: Sie ist das herrlichste Weib, das es gibt, das ich je gesehen, steht über meinem Urtheil und über meinen Worten!«

In dieser Empfindung, in dieser vollkommenen Hingabe seines ganzen Wesens lebte und hoffte er, – gefangen, bewegungslos, wie ein Fisch im Netz, der erschöpft das Werfen aufgegeben hat und wie todt im seichten Wasser liegt.

An jenem Tage, an dem er Herrn und Frau Greleutner auf der Straße getroffen hatte, hatte er gefragt, wann er sie wieder besuchen könne, und sie hatte geantwortet: »Wie wäre es, wenn Sie an jedem Mittwoch zu uns kämen?«

Von da an zählte die Woche einen seligen Tag oder vielmehr ein paar selige Stunden und sechs Ewigkeiten unerträglicher Erwartung,

Als er zum ersten Mal kam, war sie noch nicht zu Hause. Er trat ins Kinderzimmer, wo die beiden kleinen Mädchen auf der Erde saßen und aus kleinen Häusern und Bäumen eine Stadt gebaut hatten. Er setzte sich zu ihnen und spielte mit ihnen, bis sie kam. Sie hatte hinterlassen, daß sie erst spät zurück sein werde; aber sie kam nach einer halben Stunde erhitzt und eilig. Als sie beisammen saßen, trat oft ein beklemmendes Schweigen ein, und sie sah vor sich hin, während er ein Stück Papier zu winzigen Stückchen zerriß, bis der eine oder der andere ein nichtssagendes Wort fand, das Gespräch wieder aufzunehmen. – Gegen sechs Uhr trat für Hugo ein peinlicher Kampf ein. Wenn irgend möglich, wollte er es vermeiden, dem Director zu begegnen, und konnte sich doch nicht entschließen, fortzulaufen, ehe er kam; – als ob er ihn zu fliehen hätte. Kam dann der Rath wirklich, so mußte er bleiben; aber alles war gestört. Dann gab es im Gespräch unangenehme Mißklänge, – unangenehm für Hugo, selbst wenn er und Antonie sich fanden und der Director isolirt blieb.

Am zweiten Mittwoch empfing sie ihn heiterer als gewöhnlich, denn immer lag dieselbe anmuthige weiche Müdigkeit einer im tiefsten Gemüth leidenden und resignirten Frau über ihr. Selten war sie zu irgend einer Anspielung auf ihr Schicksal zu bringen. Er war im tiefsten überzeugt, daß ihr die Liebe fehle, und hatte sicherlich Recht, – aber welche Kämpfe in ihr waren, welche Rolle er in diesen Kämpfen spielte, sie verrieth es nicht, und so wenig sie ihre Neigung für ihn verhehlte, so sehr hatte sie bisher jeder Annäherung zu entgehen gewußt. Das war es gerade, was ihn rasend machte. Heute antwortete sie auf die Frage: wie sie sich befinde, mit der er sie stets begrüßte: »O, sehr gut, so gut, daß ich mich weltlichen Vergnügungen ergeben und tanzen werde, – ja, das ist wahr!« und sie fragte ihn sogleich, ob er auch zu einer Tanzerei kommen wolle, die irgend ein Verein veranstaltete. Sie müsse einer Freundin zu Liebe hingehen; ihr Mann wolle absolut nicht mit, und sie müsse sich doch Tänzer und Gesellschaft sichern. Er sagte natürlich sogleich zu, und sie begann fröhlich vor sich hin zu summen. Dann verstummten beide. Sie brachte Cigaretten, er zündete eine an und ging im Zimmer auf und ab. Plötzlich stand auch sie auf und trat gerade vor ihn hin und sah ihm in die Augen. Und er begann am ganzen Leibe zu zittern, ihm ward schwindlig, und er konnte kein Wort sprechen, keine Bewegung machen; nur sie ansehen . . . und eine Minute später war der geheimnißvolle Augenblick vorbei. Sie setzte sich nieder, schob die Füße vors Feuer, und er fragte, ob sie das neue Bild von Munkacsy schon gesehen hätte, und er hielt einen ganzen Vortrag über das Gemälde, immer fühlend, daß er ganz anderes denke, daß er von ganz anderem reden wollte sie sah unverwandt ins Feuer.

Jetzt läutete es, und Fräulein Wohlbeck trat ein, ihm bitter süß zulächelnd. Nach ein paar gleichgültigen Worten nahm er Abschied und rannte in den kalten winterlichen Herbstabend hinaus, Fiebergluth in sich und das schwerlastende Gefühl, daß er einen unwiederbringlichen Augenblick versäumt hatte.

Jahre später, als ich ihm die Vita nuova vorlas, mit der ich mich eben zu beschäftigen begann, wurde er blaß und aufgeregt und sagte zuletzt: »Das Buch kann niemand so verstehen wie ich, denn das habe ich empfunden, diese völlige Vernichtung durch die bloße Gegenwart der Geliebten . . .« Und ich mußte noch einmal lesen: ». . . Und wenn das allerlieblichste Weib grüßte, da stand die Liebe nicht etwa im Wege, daß sie die schier unerträgliche Seligkeit verfinstert hätte, sondern gleichsam durch ein Uebermaß der Wonne wuchs sie so, daß mein Leib, der ganz ihren Geboten unterworfen war, sich oft nur wie etwas Schweres und Lebloses bewegte.« – »Ja, ja!« sagte Hugo leise. – Und als wir zum fünfzehnten Kapitel kamen, wiederholte er: »Wenn ich die Kräfte meines Geistes nicht verlieren würde und unbefangen genug bliebe, um ihr antworten zu können . . . Das ist wunderbar! Was für Narren sind die, die da glauben, daß das an ein bloßes Ideal gerichtet sein könnte!«

Jener Ballabend fand in einem kleinen Hotelsaal statt, und Hugo wußte nachher nur, daß er ihn in unbeschreiblicher Aufregung verbracht, daß er sich an nichts erinnern konnte, als an den Saal und das Licht und viele blaue und rosa und cremefarbene Kleider, und an eine herrliche Gestalt in weißem Kleid mit entblößtem Hals und Nacken und einer Krone von leuchtendem goldenen Haar, der seine Augen zitternd folgten, die er beim Tanzen umschlungen hielt, bei der er bei Tische saß, wieder ohne sich an ein Wort erinnern zu können, das er mit ihr gesprochen, und die ihm beim Abschied beide Hände entgegenstreckte und in die seinen legte.

Da er fühlte, daß er nie würde sprechen können, daß er vollkommen und immer mehr gelähmt war, wenn er bei ihr saß, so that er, obwohl er fühlte und wußte, daß es verkehrt war, wieder dasselbe wie im Sommer; er hatte in einem Antiquariat eine wunderhübsche kleine Ausgabe des Parcival in weißem Ledereinband gefunden; vorn war ein kleiner Stich, in der sentimentalen Manier der sechziger Jahre, den Ritter auf seinem Streitroß mit gesenktem Speer darstellend, wie er zu der Gralburg, die hoch auf unersteiglichem, waldbewachsenen Fels liegt, hinaufsieht. Hugo klebte vorsichtig ein weißes Blatt in gleichem Format ein, auf das er folgende Verse geschrieben hatte:


I

Parcival im Narrenkleide
Zog er durch die Lande hin.
Und es trug von Leid zu Leide
Ihn sein reiner Thorensinn.

Doch am schlimmsten, als die Blüthe
Allen Heiles er geschaut
Und, obgleich's im Herzen glühte.
Keine Frage sich getraut.

Ach, so zieh' auch ich im Leide
Heute auf des Thoren Spur,
Steh' vor dir im Narrenkleide,
Königin Couduiramur!

Hab' der wundersamen Labe
Heiliges Gefäß geschaut –
Und ich Hab', ein tumper Knabe
Nicht zu fragen mich getraut.

Was das Leid sei, wie die Heilung
Ob nicht ich der Königssohn,
Zitternd vor der Uebereilung
Schwieg ich – und verlor den Thron!?

II.

Aber nach der Buße Jahren
Kam desselben Wegs gefahren
Neu begnadet, Parcival,
Und auch ich will wiederkehren
Werben um der Tafel Ehren,
Stellen mich zur Ritterwahl!

Blut im Schneefeld seh' ich glühen,
Und die Sinne mir entziehen,
Seh' dich, Herrin, überall –
Neu will ich die Frage wagen.
Wissen, ob mir nochmals tagen
'Darf im Licht der heil'ge Gral!?


Zwei Tage darauf lag er im Bett und schlief schwer und tief, nach bis drei Uhr Morgens in Qual und Zweifel durchwachter Nacht – plötzlich traf ihn ein fürchterlicher Schlag auf die Brust, so daß er mit wahrem Todesschrecken aus dem Schlaf emporfuhr. Es war ein kleines Paket, das sein Bruder, der lachend, den Säbel an der Seite, die Cigarre im Mund, ins Zimmer getreten war, ihm aufs Bett geworfen hatte. Hugo erkannte sofort, daß es der »Parcival« war, und wußte genug. Als er es öffnete, fand er in dem Buch einen Zettel mit folgenden Worten:

»Sie sind wahnsinnig. Ich empfinde für Sie nicht das, was Sie erwarten und verlangen. Sie zerstören die Freundschaft, die mir Freude machte. Leben Sie wohl, viel Glück auf Ihren Weg und vergessen Sie – Antonie G.«

Es war wieder wie ein plötzlicher Druck, wie das Auslöschen eines Lichts, und er schob sich wie in einem Krampf über die Kissen, Einen Augenblick dachte er daran sich zu tödten. Dann glaubte er ihr nicht. Es kam etwas, wie ein sieghaftes Gefühl. Er sperrte das Buch und den Brief ein, übergoß sich mit kaltem Wasser und kleidete sich an, alles wie im Traum. Dann nahm er das Blatt wieder hervor, und suchte einen Sinn zwischen den Zeilen. Auf seinem Tisch lag ein Heft mit lateinischen Kirchenliedern, er schlug es mechanisch auf und las das »Stabat, mater« mit inniger Erregung. Einen Augenblick fühlte er »Jesus lebt und tröstet.« Dann aber war es sogleich wieder anders, und er beschloß zu ihr zu gehen und, da er fürchten mußte, nicht vorgelassen zu werden, schrieb er auf eine Karte: »Liebe, hochverehrte gnädige Frau. Erlauben Sie mir ein paar Worte; ich werde ganz ruhig, ganz vernünftig sprechen, ich kann mich beherrschen, aber thun Sie mir aus Güte nicht mehr weh, als unbedingt nöthig ist.« Auf das Couvert schrieb er mit verstellter Schrift, damit Sie es sicherlich öffne. Während er schrieb, erfolgte in seiner nächsten Nähe ein furchtbares Rasseln und Poltern, das wie mit einer Detonation schloß, dann Klirren von fallendem Glas und Steinen, Lärm, und vor seinen Fenstern stieg eine Staubwolke auf. Von einem Neubau gegenüber war ein Teil eingestürzt, und zwei Arbeiter waren verschüttet. Hugo merkte es kaum, sondern schrieb zu Ende, ohne auch nur aufzusehen. Er hat mir das als besten Beweis seiner wahnsinnigen Aufregung bezeichnet. Auf der Straße wogte eine Menschenmenge, Polizisten ersuchten die Leute, sich zu zerstreuen – Hugo drängte sich durch, ohne einen Augenblick anzuhalten, und ging nach Antoniens Hause.

»Die gnädige Frau ist seit gestern zu Bett,« berichtete das Dienstmädchen.

»Das macht nichts, geben Sie ihr die Karte, und sagen Sie, man wartet auf Antwort, sagen Sie gar nicht, daß ich selber da bin.«

Das Mädchen kam wieder: »Die gnädige Frau steht auf.«

Man führte ihn in den Salon, die beiden kleinen Mädchen eilten zu ihm herein, und er scherzte mit ihnen, so gut es gehen wollte. Sie kam in einem weiß und rosa gestreiften Wollschlafrock, und hatte in Eile einen dunkeln Pelzkragen umgeworfen, da das Zimmer noch ungeheizt war; er saß anderthalb Stunden bei ihr – die Dienstmädchen, die Gouvernante der Kinder gingen durch und machten erstaunte Gesichter – und er sprach Liebe, Liebe . . . . und sie hörte offenbar nicht ungern zu, versprach ihm, den Verkehr fortzusetzen, »falls er nicht mehr davon sprechen wolle.« Zuletzt sagte sie ihm nebenbei, daß sie am nächsten Tag in ein Concert im Saal Bösendorfer gehe, und er erklärte sogleich, daß er auch hinkommen werde.

»Ist das ein entsetzliches Spiel der Raffinirtheit,« fragte er sich selbst, »oder höchste kindliche Reinheit und Güte und völlige Naivetät – oder bin ich so naiv?« Er wollte sie umarmen und küssen und wagte es doch nicht, nur ihre Hände küßte er heftig. Er ging fort, halb zerschmettert halb glücklich. »Cœur de femme – éternelle énigme,« sagte er vor sich hin, »ein unerfahrenes Kind mit der höchsten Intelligenz, deren ein Weib fähig ist, ein schönes Wunder, das mich zu Tode martert, und ohne das ich nicht leben kann.« Aber über allem thronte der eine wonnige Gedanke, daß er sie morgen sehen sollte.

Am andern Tag gegen Abend brachte ein Dienstmann ein Billet von ihr: »Ich kann heute nicht ins Concert kommen, bin noch zu unwohl, erwarte Sie nächsten Mittwoch, Antonie.« Er fühlte aufs allertiefste, daß sie ihn liebte; vielleicht noch nicht genug, dachte er.

Da er für diesen Abend enttäuscht war, ging er vom Concertsaal ins Kaffeehaus, in dem Carl Skrava, ich und Professor Gneiß, der Musiker, saßen. Er war lange nicht dagewesen. Wir begrüßten ihn und fanden, daß er sehr schlecht aussah. Mir ist der Abend vornehmlich deshalb in Erinnerung geblieben, weil zwischen Gneiß und Hugo merkwürdiger Weise ein Gespräch über die Liebe entstand: »Kein Verhältniß zwischen Mann und Weib kann ohne Cynismus sein,« sagte der Professor; »das idealste und gemeinste Liebesverhältniß ist immer eins und dasselbe – was Sie ideal nennen, nenn' ich nur raffinirt, das ist alles Zuthat.«

»Ja, so wie der Apoll und der Gorilla eins und dasselbe sind,« sagte Hugo.

»Es ist begreiflich,« sagte Gneiß, »daß Sie als verliebter Mensch so sprechen, in zwanzig Jahren werden Sie anders reden.« Ich sah Hugo an – war er jetzt Fachmann oder nur befangen?

Als er Mittwoch kam, traf er zu seinem hellen Aerger noch anderen Besuch, Verwandte von ihr, aber sein Aerger hielt nicht an; sie sagte »heute wollen wir ernsteres nehmen als den Parcival« und brachte Hans Huckebein, den Unglücksraben, und las ihn, mit ihm zusammen ins Buch sehend, vor, komisch wie ein Kind die Reime betonend, und lachte hell; und immer heller, glücklicher ward ihr leises Lachen, er fühlte, das galt nicht mehr dem Raben und der ungeschlachten Lustigkeit der Verse; es war ein Band des geheimen Glücks, das auch er empfand, und das sie so vor den andern zum Ausdruck brachte, ohne daß sie es verstehen konnten. Er liebte ihr Lachen mehr als alles andere, sie warf mit so eigentümlicher Bewegung das Haupt zurück und senkte es wieder anmuthig nach vorn, wobei die wunderbare Rundung des Kinnes und die schönen Zähne recht sichtbar wurden; ebenso berauschend anmuthig neigte sie den Kopf, wenn sie grüßte und ihm einen letzten Blick zuwarf; als er diesmal fortging, ließ sie ihre Verwandten allein im Zimmer und folgte ihm auf die Treppe und sah ihm nach, als er hinabeilte.

Nie war er so glücklich, wie in diesen Tagen. Er ging in Träumen höchster Seligkeit. Ein paar Tage später wäre er beinahe verunglückt, da er in einer dunkeln Straße mit einem Handwagen zusammenstieß, zu Boden geworfen wurde, und sich mit heftigen Schmerzen, die ihm den Athem benahmen, nach Haus schleppte. Er konnte kaum essen und legte sich sogleich zu Bett. Auf dem Tisch neben ihm stand eine Schale mit Visitenkarten und Briefen, darunter viele Ballkarten, die er erhielt. Sein Blick fiel auf eine Karte zum Juristenball für denselben Abend, die Theodor Hoffmeister, der im Comité war, ihm geschickt hatte.

»Ja, wenn sie dort wäre,« dachte er. Das war aber unmöglich, denn seit Jahren war sie auf keinem Ball gewesen; das eine kleine Kränzchen schien darum so ein Ereigniß. Und doch durchfuhr es ihn wieder, wie damals, als er ihre Ankunft in Wien errathen hatte, mit solcher Gewißheit, sie müsse dort sein, so unwiderstehlich, daß er aus dem Bett aufstand, sich mühsam ankleidete, auf die Straße hinkte, einen Wagen nahm und zu den Sophiensälen fuhr.

Als er im Saale sich durch die Menge drängte, wußte er bereits, welche Narrheit sein Kommen gewesen war; der menschengefüllte Raum war unerträglich öde; er ließ sich bis in die Mitte des Saales schieben, begrüßte Bekannte, die sich aus der Masse lösten und zufällig an ihn gedrängt wurden. Die Musik fiel eben mit einem Walzer ein, und vor dem Stoßen und Drängen der Paare zu den rothen Stufensitzen am Rande weichend, kam er gerade vor Hoffmeister zu stehen, der ihm sagte:

»Hübsch, daß Du gekommen bist; gerade hat eine Dame nach Dir gefragt.«

»So? wer?« fragte Hugo gleichgültig,

»Eine Frau Reuterer,«

»Ich kenn' sie nicht.«

»Nein, ich irr' mich, Greleutner, sie hätte ja Patroneß sein sollen, hat aber nicht wollen.«

Hugo mußte seine ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um ihn zu Ende anzuhören, und sich ruhig sagen zu lassen, wo Theodor die Dame gesprochen. Dann durchsuchte er den Saal und alle Räume, bis er sie in einem der Seitengänge mit ihrem Mann und andern Leuten an einem Tische sitzen sah und sich zu ihr setzte.

»Was haben Sie die ganze Zeit gemacht?« fragte sie ihn.

»Die Tage gezählt,« sagte er leise,

»Wie schrecklich!« erwiderte sie.

»Geh, Tony, reich dem Herrn Ebner das Glas!« sagte der Director, und als Hugo ihr froh zutrank, sagte er:

»Sie scheinen ja sehr gut aufgelegt!«

»Ja, ich habe auch eben ein Wunder erlebt,« erwiderte Hugo.

»Ein Wunder?« sagte Antonie, »bitte, erzählen Sie.«

»Diese merkwürdigen jungen Leute erleben sogar Wunder,« sagte der Director, »Tony, glaubst Du an Wunder?« –

»Jedenfalls nicht, daß Du je an eins glauben wirst, aber erzählen Sie doch.«

»Jetzt nicht, gnädige Frau,« sagte Hugo, »aber ich werde es Ihnen gewiß erzählen, und es wird Sie sehr interessiren.«

Antonie tanzte nicht und Hugo blieb am Tisch, bis alle aufstanden, um noch einen Rundgang zu machen.

Als Hugo sich von den andern trennte, hatte die Pause eben begonnen, der Saal war fast leer, die Leute alle in der Restauration, und Hugo blieb auf den Stufen, die zur Conditorei führten, stehen und starrte vor sich hin. Da sah er Antonie und ihren Mann mitten durch den Saal auf sich zukommen, und ihre Gestalt vergrößerte sich vor seinen starren Augen, und der Saal schien kleiner, die Palmen und die rothen Decorationen der Estrade schlossen sich um ihre Figur wie ein Rahmen, in dem sie riesengroß und still auf ihn zukam; dieses Bild, das schwüle Licht, ihre merkwürdigen Augen, mit denen sie auf ihn sah, vergaß er nicht mehr. Es war wie eine Vision, ein Sinnbild, wie sie die ganze Welt aus seinem Gesichtskreise verdrängt hatte – er sah sie als die Liebesgöttin überwältigend groß, heranschwebend – und hatte nicht in der That, wie es im neuen Leben heißt, der Geist der Liebe ihre Gestalt angenommen, um in seinem Uebermuth durch sie ihn zu beherrschen? Als sie wirklich kam, wich er, sich verbeugend zur Seite. Sie verließen den Ball, und auch Hugo, der in dem Augenblick, wo sie fort war, wieder heftige Schmerzen fühlte, fuhr nach Hause,

In Hugo's Brust war ein rasendes Verlangen wieder erwacht, und zu warten und sich weiter in den Schlingen zu winden, die ihn so lieblich und unbarmherzig festhielten, war ihm unmöglich. Auch war er von dem ganzen unnatürlichen Verlauf der Dinge zerstört. Seit Monaten hatte er keine Zeile gearbeitet, keinen Strich gezeichnet, seit Wochen schlief er nicht, ohne Brom zu nehmen; zuletzt hatte Brom nichts mehr genutzt, und er hatte mit Morphium begonnen. Er hat mir erzählt, daß, um seiner Mutter, die ihn scheu und ängstlich beobachtete, seinen Zustand zu verbergen, er oft, wenn er mit ihr in einem Zimmer war und in der rastlosen Qual der Gedanken unaufhörlich auf- und niederging, wenn er auf sie zuging, sein Gesicht zum Lächeln zwang, und sowie er in entgegengesetzter Richtung schritt, sich die gepreßten Züge wieder zur Trauer lösten. Auch sein Tagebuch aus dieser Zeit ist charakteristisch genug. Es liegt neben mir, und ich schreibe fast aufs Geradewohl einige Stellen heraus:

»Freitag, den 7. Februar 1890. So kann's nicht fortgehen – so werd' ich wahnsinnig! – Wagt' ich nur, ihr zu schreiben! Fürchte, der Brief fällt in fremde Hand; hass' auch das Schreiben. Kann auch jetzt nicht hingehen. D. stört mich, und alle scheinen Aufpasser. D.'s Ruhe und Höflichkeit widerwärtiger als alles! – Warum quält mich das Geheimniß dieser Ehe so, das crude Geheimniß, das mir so offenbar ist? Ich darf nicht dran denken, ohne in sinnlose Wuth zu gerathen. Es ist ja so was gewöhnliches – aber daß gerade sie, empfindend rein und gut wie sie ist, die duftigste, zarteste, schüchternste Mädchenseele, die sie gewesen sein muß, dieses häßliche, feierliche, gemeine Opfer durchgemacht hat. –

Dienstag, den 11. Februar. Es ist endlich Dienstag und Nachts geworden. In der vergangenen Nacht bin ich fünfmal mit der wilden Freude aufgewacht, es sei schon Mittwoch, um mich enttäuscht wieder hinzulegen. –

Mittwoch, den 12. Februar. Warum bin ich so glücklich? Nur weil ich drei Stunden bei ihr war? Voll rasenden Verlangens und doch so bescheiden? Nur die erste Stunde war ich allein mit ihr und sprach nichts als von meiner Liebe. – Ich glaub' ihr nicht! Ich glaub' ihr nicht! Ich verstehe sie ganz gut. Sobald sie nur mit einem Wort gesteht, zugibt, möglich macht, verliert sie sich ganz – davor zittert sie, möchte mich behalten, und sich nicht verlieren, ist halb glücklich, weil sie sich geliebt weiß, und glaubt, es könne so bleiben. Das kann es aber nicht. – Sünde? Unrecht? Ich will kein Unrecht. Im Interesse der Gesellschaft mag sein, was will. Ich hab' nicht für die Gesellschaft zu sorgen. Unsittlich ist, was jetzt ist. Der Leib der Frau ist des Mannes, den sie liebt, nicht des, der sie gekauft hat, das ist greuliche Simonie!

Samstag, den 15. Februar. Trotz doppelter Dosis Morphiums schlief ich nicht oder elend; ging unaufhörlich im Traum durch Wälder, Sümpfe, Ballsäle, Wasser – endlos – endlos. Heut nahm ich einen Wagen und ließ ihn zwei Stunden an der Ecke der Straße halten, um sie fortgehen zu sehen und mit ihr sprechen zu können. Umsonst! Pferde, Kutscher und ich fast erfroren. Bin mir selbst lächerlich! Das Experiment zu auffällig, um wiederholt zu werden. – – –«

Er fühlte recht gut, daß er verkehrte Wege ging, daß sie, im Kampf mit sich selbst und dem, was sie für ihre Pflicht hielt, ihm Nein sagen würde, so oft er ihr die Möglichkeit dazu ließ, daß es eines Sturmes bedurfte, um sie an sich zu reißen. Als er sich aber entschloß, ein Ende zu machen, da wußte er, daß sein Entschluß nichts anderes war, als der Wein für den, der sich einen Rausch antrinkt, um ein Verbrechen zu begehen, zu dem er eigentlich nicht den Muth hat, und dem der Rausch Hand und Kopf unsicher macht.

Er wußte, daß sie an bestimmten Tagen zu ihrer Mutter ging, – die er nie gesehen hatte – und schon das ein oder andere Mal hatte er sie auf dem Heimweg getroffen und begleitet. Er traf sie wiederum an einem stürmischen winterlichen Abend; sie wollte mit der Tramway fahren, aber er bat sie, zu gehen. Er sah so verändert aus, daß sie ihn fragte, was ihm sei.

»Sie wissen es ja, gnädige Frau!« gab er zur Antwort.

»Ach so!« sagte sie.

»Ich weiß nicht, was in Ihnen vorgeht, Antonie,« sagte Hugo; »aber entweder Sie belügen sich und mich, oder Sie haben an mir gehandelt, wie nur die frivolsten und grausamsten Frauen handeln!«

Sie blieb stehen. »Ich weiß nicht, warum Sie dann durchaus mit mir verkehren wollen?«

»Sie wissen sehr wohl, daß ich nicht anders kann!«

»Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen?«

»Sie wissen es recht gut!«

»Ich bin zu alt für solche Scherze und Gespräche!«

»Zu alt?!« – Hugo lachte, aber in Wuth über sich und sie und das immer erneuerte Spiel, aus dem er nicht herausfand.

Der Wind strich tosend durch die Straße und riß ihr fast den Hut vom Kopf. Nur wenige Leute gingen eilig vorüber, die Laternen flackerten und klirrten. – Sie gingen schweigend neben einander her. Sie waren vor dem Hause angekommen, in dem sie wohnte. Ehe sie aus der finsteren Straße in den erleuchteten Thorweg trat, blieb sie stehen und sah vor sich hin.

»Ich habe Sie wahnsinnig lieb, Antonie!« sagte Hugo plötzlich.

»Nein, nein,« sagte sie zurücktretend, »bitte nicht; sonst muß ich Sie wieder bitten, nicht mehr zu mir zu kommen!«

Er stieß fast einen Schrei aus und hielt sich krampfhaft zurück; er fühlte, daß er Lust hatte, sie zu schlagen, gerade so wie in seine Arme zu nehmen und wild zu küssen. Sie sah ihn erschreckt und ängstlich an, dann reichte sie ihm zögernd die Hand, drückte die seine heftig, sah ihm noch einmal voll und warm in die Augen und eilte dann rasch ins Haus.

Fünf oder sechs Tage später erhielt er eine Karte von ihr, auf der stand:

»Ich bitte Sie nun ernstlich in meinem und Ihrem Interesse, nicht mehr zu mir zu kommen!« – So lange hatte sie zu ihrem Entschluß gebraucht. Wieder zwei Tage später schickte sie ihm die Bücher zurück, die er ihr geliehen hatte. Auf der Visitenkarte, die sie mitsendete, stand: »Mit herzlichstem, innigem Dank!«

Durch Wochen schlenderte er einsam in den frühlingshellen, für ihn verödeten Gassen umher. Einmal sah er sie und grüßte sie. Sie dankte mit ihrem alten, anmuthigen Nicken freundlich und traurig. Ihr Gesicht war vergrämt und verstört. Sein Zorn löste sich in Mitleid.

Er ging wieder auf die Universität und hörte Vorlesungen, das heißt, er hörte summende Laute, – im Kopf eine rastlose Leere, ein ewiges Fallen von Sand, Sand, Sand, wie in der Uhr des Todes.

Eines Tages ging er wieder aus seiner Wohnung der Universität zu: aber auf der Ringstraße angekommen, ging er rechts zur Oper, anstatt links an den Museen vorüber, – ging, ohne zu wollen oder zu denken, unwiderstehlich fort, bis zu ihrem Haus, in den dritten Stock hinauf, läutete, ging geradewegs ins Zimmer und stand vor ihr. Sie war zum Fortgehen angekleidet; das kleinere der beiden Mädchen stand auf einem Sessel, und die Gouvernante knöpfte ihm den weißen Mantel zu. Als er eintrat, jubelte das Kind auf: »Elly, Elly, Onkel Hu ist da!« – Elly, die größere, stürmte aus dem Nebenzimmer herein und hing sich an seine Hand.

»Gehen Sie mit den Kindern voraus, Fräulein!« sagte Antonie. »Ich komme gleich nach!«

Als sie allein waren, verstummten beide. Dann begann Hugo zu sprechen, leidenschaftlich und flehentlich.

»Bitten Sie doch nicht so!« sagte Antonie. –

»Was soll ich denn thun! Drohen? womit?«

Sie kamen zu keinem Ende, standen vor einander mit zitternden Knien. In den offenen Fenstern standen große Gläser mit Flieder, der Frühlingswind strich durch sie herein und verbreitete den Duft im ganzen Zimmer; es war alles hell und luftig und sonnig, ein Hohn des Lebens auf diese Menschen, in denen kein Frühling gedieh. Er fühlte, daß alles vergebens und verfehlt sei, daß er nicht anders, sie nicht anders konnte, daß irgend etwas Unüberwindliches zwei Menschen, die zueinander strebten und zueinander gehörten, von einander fernhielt – und er brach die ausgestreckten Hände an dem unsichtbaren Widerstand. – Sie setzte sich aufs Sopha mit vorgebeugtem Oberkörper, legte die Hände mit verschränkten Fingern über die Knie und sah zu Boden. Er sah auf sie und an ihrem blonden Kopf vorüber zu den Fliederbüschen im Fenster, durch das der Lärm der Straße hereintönte. Seine Aufregung wich einer tödtlichen Traurigkeit. Draußen läutete es, und der Director trat ein.

»Und so hatte ich zum Schluß, ehe ich fortging, noch einmal eine Scene der alten Comödie zu spielen«, erzählte Hugo mir.

Am andern Tag schrieb ihm Antonie: »Lieber Hugo, es geht mir mehr zu Herzen, als Sie denken. Aber es kann nicht anders sein. Ich bin leidend und müßte flüchten, wenn Sie mich durch weitere Angriffe verstören. Ich zittere am ganzen Körper, indem ich dies schreibe. Aber ich kann nach meiner Empfindung nicht anders handeln, und das muß entscheiden. Sie werden dieses Elend vergessen und mich auch. Das wünscht Ihnen

Antonie G.«

Viel später sagte ich einmal zu ihm: »Entweder hast Du Dich kläglich benommen, oder sie hat sich schändlich benommen,« da fuhr er auf und sagte: »Wenn Du das kläglich nennen willst, was mir noch immer als der Höhepunkt meines Lebens erscheint, bloß weil es mich überwältigte, so hast Du vielleicht Recht, aber sie war mir gegenüber unschuldig wie ein Kind in spielender ahnungsloser Grausamkeit. Sie hat genug zu tragen – damals und gewiß auch jetzt noch. Sie kann aus den Schlingen des Schicksals und ihres Wesens auch nicht heraus. Sie ist auf dieser Sandbank ihrer Ehe festgefahren und müd' geworden; sie kann das Boot nicht flott machen, und ins Wasser zu springen, dazu hat sie nicht den Muth. Und ich, der ich sie dazu gedrängt habe, ich hab' sie nicht dazu bringen können, es mit mir zu wagen. Ich hätte mich wie ein Meergott stellen müssen, dem die Wasser ein Spiel sind, ich hätte sie aus dem Boot heben müssen und mit mir nehmen, ob sie wollte oder nicht. Statt dessen hab' ich geschnappt und gekeucht, wie einer, dem's selbst nicht geheuer ist, und den Augenblick hab' ich versäumt. Und das ist das klägliche. Aber wer sich das Sündigen angewöhnt hat, der geht an seiner ersten Tugend zu Grund. Einmal hab' ich meinen Empfindungen nachgegeben, einmal hab' ich mich enthüllt und mich als Mensch gezeigt, mit all meinen Fehlern, weil ich sie nicht durch Posen hab' betrügen wollen. Und sie hat das nicht verstanden und nicht erkannt, welche Huldigung, welches Vertrauen darin gelegen ist, und sie hat das Vertrauen verloren. Und heut' glaub' ich, daß kein Weib der Welt es anders gemacht hätte, alle lieben ein Phantasiebild, und alle wollen, daß man ihnen imponirt, und wie leicht und wie gemein die Trics sind, mit denen man ihnen imponirt, das ahnen sie nicht und wollen es gar nicht ahnen. Genug davon.«

Das war Hugo's Meinung, und so legte er sich die Sache zurecht.



IV.

Der Sand in der Uhr des Todes lief weiter, und anderes als Sand schien das verrinnende Leben ihm nicht zu bringen. Er lebte in völliger Apathie; die Frühlingsmonate und der Sommer gingen über ihn hin, und der Winter kam wieder und der Sommer und ein zweiter Winter . . . ihm war es, als sei er in einen Sumpf gerathen und stäke fest, mit halbem Leibe zu Stein geworden, wie der verhexte König in Tausendundeiner Nacht, dem allnächtlich die Frau erscheint, die er liebte, und ihn geißelt. Er ging später wieder in Gesellschaft, er kam ins Kaffeehaus und schien der alte, förmlich und höflich, spöttisch wie vorher, nur etwas Kaltes und Trauriges lag über ihm. Niemand außer mir kannte die vorgegangene Episode. Es war, als ob er eine Seitenthür auf dem Gang seines Lebens geöffnet, und enttäuscht und arm wieder aus ihr getreten wäre, aber Niemand hatte ihn dabei gesehen. Wenn ihn seine Niederlage beschämte und quälte, er sagte und zeigte es nicht, er war eher noch hochmüthiger als vorher.

Im ersten Herbst kehrte er zur Juristerei zurück. »Der Dilettantismus hat ein Ende,« sagte er, als er eines Abends zu mir kam und sich rathen ließ, welche Bücher er vornehmen sollte. Mit dem öden Studium verbrachte er wirklich oder scheinbar die nächsten zwei Jahre. Die ihn nicht leiden mochten, oder die seine Pläne mißbilligt hatten, triumphirten. Der Hofrath sagte:

»So stößt man sich die Hörner ab: ich hab' es ja voraus gewußt, daß er zu den Fleischtöpfen Aegyptens zurückkehren wird; aber die kostbare Zeit, die verloren gegangen, hätte erspart werden können.«

Georg Ramberg hielt schon seit langem nichts mehr von ihm, seine vielen Talente hatte er von jeher ein Feuerwerk, und seine frühreife Begabung eine »geistige beauté du Diable« genannt. –

Die Verzweiflung an sich und seinem Können sowie an der Liebesmacht seiner Persönlichkeit, die sich seiner bemächtigt hatte, trieb ihn verdrossen in sich selbst zurück und schloß ihn wie eine dunkle Wand von den andern Menschen ab; was in jenen Jahren in seiner Seele vorging und was aus dem Chaos von düsteren Träumen, das ihn erfüllte, hervorwuchs – in das alles hat er auch mich nie einen Blick werfen lassen.

Aber eines Tages, als ich zu ihm kam, fand ich ihn im Kittel und gerade beschäftigt, die vom feuchten Thon klebrigen Hände zu waschen. Also war die alte Lust doch nicht erloschen. Er hatte durchgesetzt, daß die Mutter ihm einen Raum im Erdgeschoß zur Werkstatt einräumte; aber Niemandem hatte er davon gesagt; und erst nach einigem Sträuben führte er mich hinab. Das Atelier lag im Hof, und der stieß an einen Garten; Licht hatte er genug. Auf einem der Drehstöcke stand eine in Tücher gehüllte Büste, die er mir nicht zeigte. Dagegen wies er mir verschiedene Güsse nach Modellen, die er in der letzten Zeit gemacht. Ich sah die Sachen an und fragte ihn, wie lang er schon wieder arbeitete, und er gestand, daß er fast die ganze Zeit die lichtesten Stunden des Tags im Atelier verbrachte, und nur hie und da ein paar Wochen Anläufe nahm, für die Prüfungen zu studiren, daß er auf die Universität nur gehe, um Anatomie zu lernen.

Ich fragte ihn, ob die vielen Gipsabgüsse nicht sehr kostspielig seien?

»Die mache ich selbst«, sagte er, »ich kann es schon ganz gut; wenn ich Talent hätte, so daß ich daran denken könnte, größere Sachen auszuführen, ich würde auch den Metallguß und die Steinmetzarbeit selbst lernen.«

Ich fragte: »Ich bin wohl kein Sachverständiger, aber die Sachen sind gewiß nicht schlecht. Und zum ersten Mal glaub' ich, daß Du ein ernstliches Talent hast.«

»Du verstehst wirklich nichts«, sagte er. »Das heißt, ja, sicher, ich habe Talent, das ist ja gar keine Frage, und mehr als viele; aber es ist keinen Groschen werth. Schau, mit dem Talent ist's so: Zwischen dem Laien und dem Künstler ist ein Himmel, und wer hinauf will, muß ungeheure Flügel haben. Wenn einer ein paar Fledermausflügel hat, oder ein bißchen flattern kann, wie die Hühner, so kommt er schon so viel höher als die, die gar nicht können, daß die Leute schreien: So ein Talent! Und sie haben Recht, so lang' er mit den Kriechern und Gehern gemessen wird, das Huhn ist ja auch ein Vogel; wenn aber der Vergleich unter den Fliegern selbst anfängt, dann, dann heißt's »hie Rhodus, hie vola!« Und ich habe keine solchen Flügel – da schau her, das bin ich.« Und er zeigte mir einen Gipsguß nach einem offenbar unfertigen Modell: auf einem unzugänglichen Felsblock stand ein geflügelter Genius mit einem Kranz, mit dem Ausdruck halb von sieghafter Ruhe und halb auch von Hohn, mit einem Lächeln, das viel sagte, oder viel sagen sollte – unten stand ein nackter Mensch, der gierig hinaufstarrte und mit der rechten in die Höhe nach dem Kranz langte, mit der linken eine unbeholfene Bewegung nach dem Rücken machte, wo er zwei kärgliche Flügelstumpfe hatte, die ihn nicht vom Boden heben. Die Figuren waren nicht ganz fußgroß,

»Glaubst Du nicht, daß die Flügel wachsen können?« sagte ich.

»Glaubst Du nicht, daß aus Fledermäusen bei guter Kost Falken werden?« erwiderte er. »Schau, wenn ich das könnte,« – er wies auf die Gruppe – »so hätte ich doch wenigstens einer wahren Empfindung Ausdruck gegeben, und es wäre vielleicht was; aber ich bring's nicht zusammen, die Composition ist nicht gelungen!«

Er erklärte mir, warum die Composition verfehlt sei.

»Wenn ich Du wäre,« sagte ich, »ich würfe alles zum Teufel und ginge in ein Atelier und lernte die Technik ordentlich, – ich würd's halt probiren. Ich werd's sicher so machen. Und wenn Du zu Grund gehst, was liegt denn schließlich daran? Dein Karma mußt Du so und so erfüllen.«

»Wenn Du den Muth hast, so thu's,« sagte er, »ich hab' ihn nicht mehr, – ich hab' ja Ideen genug. Jesus, wenn ich das ausführen könnte, was ich sehe! wenn ich die Augen schließe, besonders vor dem Einschlafen, da seh' ich alles so deutlich vor mir; jeder Form könnte ich nachfahren, jeder Linie, jedem Muskel – aber wenn ich hier steh' vor meinem Thon, dann geht's nicht.«

»Ich hab' immer gehört,« sagte ich ärgerlich, »daß zum Können Lernen gehört, und daß ein Mensch nicht damit anfangen kann, geistreiche Entwürfe auszuführen, wie Du, sondern daß er lernen muß, Haare zu modelliren und Zehen und Nasen, und ich weiß nicht was alles, bis ihm das ein Spiel ist, und mir scheint, es fehlt Dir einfach die Geduld. Auf Deine Ideen geb' ich Dir keinen Pfennig!«

Er schwieg und zeigte mir eine andere Skizze. Ein nackter Mann, ähnlich wie ein Adorant, auf ein Knie gebeugt, sah mit einem halb und einem ganz erhobenen Arm zum Himmel empor, und solch' eine gierige Sehnsucht, solch' eine vorwurfsvolle Verzweiflung, solch' ein Schrei lag in der ganzen Haltung, daß es der Schrift auf der Platte: »De profundis clamavi ad te« kaum bedurft hätte.

»Ich müßte noch hinzu setzen,« sagte er: »Et tu me non exaudivisti!«

»Hugo,« sagte ich, »wenn das gelingt, so ist es ein Meisterwerk!«

»Es gelingt aber nicht. Du siehst, was ich will; aber es ist nicht das, was ich will!«

Es war ganz dämmerig geworden. Er setzte sich halb auf einen Drehstock, warf die Cigarette weg und legte die Hände in den Schoß. Vor sich hinstarrend, sagte er:

»Denke Dir eine riesenhafte Scene, ungeheure Räume bis zum dunklen Himmel hinauf; dort zieht sich eine weite Decke, einzelne Flimmer leuchten durch, wen Er dahin heben will, der ›wandelt droben im Licht‹, wie die seligen Genien, wenige Auserwählte – unten ist eine weite Landschaft und rund herum enge Pforten, durch die immer neue Kindlein hereindrängen; hier ist grauer Tag, da drängen und hasten und leben die Menschen und ziehen müd und verfallen, verträumt, armselig durch andere Pforten wieder hinaus, und wie sie hinaustreten, fallen sie ins Grab, und etwas Spukhaftes, das hinter jeder Pforte sitzt, wirft den Deckel zu. Das sind die Armen, che mai non fur vivi . . . ganz, ganz entfernt an den Rändern sind dunkle Gebirgsmassen mit zackigen, schroffen Spitzen und Gräben, Abgründe, in denen eisige Wasser über feuchte Grottensteine rieseln, umgeben von Sümpfen und grauen Meeren. Dort in der äußersten Ferne und Tiefe ringen die, denen Er keine Gunst erweisen will, die sich aus der Landschaft verirrt haben. Dort kämpfen sie ermattend mit den Wogen, treiben auf der trostlosen grauen Fläche, oder die ganz Verstoßenen kriechen in jenen unheimlichen einsamen Tiefen. Einige sind da, die klettern immer wieder empor, reißen sich die Hände an den Steinen blutig und lassen doch nicht ab, – und so einen, der um die Ränder des Lebens irrt, der sich auf einem Platze niederwirft und hinaufschreit, weil er sieht, daß doch alles umsonst ist, so einen hab' ich darstellen wollen!«

Ich sah die Skizze noch einmal an. »Ich lege vielleicht Deinen Gedanken hinein,« sagte ich; »etwas davon ist drin, aber es müßte noch mehr Action und Ausdruck sein, daran liegt ja alles.«

»Was für ein gescheidtes Kind Du bist!« sagte er höhnisch, mich beim Kinn nehmend. Es ward immer dunkler und kaum mehr möglich zu sehen. Er zündete das Gas an, und jetzt sah der kahle Raum mit dem befleckten Bretterboden, mit den weißen Wänden und den vielen weißen Figuren so hoffnungslos und öde aus, daß wir beide stumm wurden, bis er das Licht wieder ausdrehte und wir auf sein Zimmer gingen.

Ich ging dann bald fort und hatte ein eigentümlich peinliches Gefühl; ich sah einmal einen Vogel, einen Hänfling, in einem Vogelhaus mit einem rothen Wollherz spielen, das man an einem Faden hineingehängt, und sich mit dem Hals im Faden verfangen; er bemühte sich vergeblich, sich heraus zu winden und schlug mit den Flügeln; wie man aber mit der Hand nach ihm griff, fürchtete er sich noch mehr, und floh nach der andern Seite und drohte sich zu erwürgen – so, oder wie wenn man ein auf glattem Pflaster gestürztes Pferd um sich schlagen und sich bemühen sieht, sich aufzurichten, und ihm nicht helfen kann, so war mein Gefühl.

Ich konnte mir recht gut vorstellen, daß er allein im dunkeln Zimmer, nachdem ich fortgegangen, sich zur Erde werfen, und wie der Verirrte in seiner Figur die Hände zum Himmel strecken mochte und ausrufen: Herr! Herr! de profundis clamavi ad te!



V.

Es gibt Augenblicke im Leben eines Menschen, in welchen plötzlich die Schleier sich von den Dingen zu heben scheinen und er seine Lage klarer übersieht als je vorher; einen Augenblick später verwirrt sich alles wieder und wird dunkel, und dennoch lebt man mit einem ganz veränderten Bewußtsein und Bilde des eigenen Lebens fort. Besonders kommen Momente, in denen er sich klar wird über sein Verhältnis zu den andern Menschen, wo, wie mit einem Schlage lang angesammelte Massen von Abneigung und Haß irgendwie von allen Seiten fühlbar werden und drohen, oder umgekehrt eine Fülle aufgespeicherter Liebes- und Sympathieempfindungen von allen Seiten zu Tage treten, und der Mensch entdeckt, das ganze Goldlager allenthalben, und wo er es nie vermuthet, für ihn bereit stehen.

Ueber seine Beziehungen zu den Menschen hatte Hugo nie viel nachgedacht. Er war im glücklichen Selbstbewußtsein aufgewachsen, der Verkehr mit seinen wenigen Freunden hatte ihm genügt, Demüthigungen und Zurücksetzungen hatte er so gut wie nie erfahren; Mädchen und Frauen gegenüber war er allerdings lange ein wenig schüchtern geblieben, hatte dies aber wie so viel anderes unter der Maske seines correcten Benehmens gut zu verbergen gewußt, und hatte in der heimlichen träumenden Erwartung eines ungeheuren Liebesereignisses sie eigentlich verachtet.

Als das Bild seiner Sehnsucht in der Gestalt Antoniens in sein Leben getreten und wieder daraus gewichen war, fror es ihn plötzlich in der Welt, und er erkannte die Abgründe, die ihn von Allen trennten und von allen Seiten umgaben.

»Daß auch wir bei aller Freundschaft uns im tiefsten nicht kennen und nicht verstehen,« schrieb er mir einmal, »daß wir nur hie und da uns ein Seil zuwerfen und vom Andern fassen lassen, um zu wissen, daß wir nicht allein in der Welt sind, daß aber nie und nimmer Einer den Andern zu sich ziehen kann, das ist nur die letzte Erkenntniß aus einer ganzen Reihe bitterer Thatsachen, die ich eigentlich immer wußte.«

Die Hoffnungen rings um sich hatte er enttäuscht, und seine Verwandten und »Freunde« ließen ihn das bei allem guten Ton irgendwie fühlen. Ramberg hatte ihm geradezu eine Gerichtsrede gehalten und ihn endlich aufgefordert, die »Scheindinge« abzuthun und eine nüchterne und wahrhafte Existenz zu führen, Hugo aber hatte sich dergleichen Predigten für die Zukunft aufs ernstlichste verbeten, und sie kamen damit auf immer auseinander. –

Ja, seine Mutter liebte ihn, und ebenso die jüngere Schwester der Mutter und deren Gatte, die einzigen Verwandten, die ihm zusagten, und für die er geradeso wie für die Mutter das Sorgenkind war, aber er war dort angekommen, wo diese Sorgen und diese Liebe ihm eine beschämende Last würden – und es war ihm als ob er in Wüsten fliehen müßte, um der Vereinsamung unter den Menschen zu entgehen.

Dazu kam ein dumpfes Gefühl, daß die werthvollsten und lebendigsten Keime in seinem Gemüth, daß die heißeste Quelle der vollen Entfaltung des Menschen durch jenes sterile Liebeserlebniß verkümmert seien, dazu kam das vergebliche Ringen mit der Kunst, und die immer wieder und immer stärker sich aufdringende verzweifelnde Ahnung, daß auch aus diesem Paradiese eines Tags die Erkenntniß und der unerbittliche Engel, der die Erkenntniß vollzieht und bestraft, ihn vertreiben würden – – – daß es ihm nie vergönnt sein würde, zu gestalten, was er schaute . . . und so zog er sich wirklich innerlich in eine Wüste zurück und zog eine Wüste um sich her in seinen Beziehungen zu allen Menschen, wie, ein fliehender Barbarenstamm die Gegend um sich verheert und wüste legt.

Und trotzdem, wenn er Monate lang das Atelier geflohen und über den Büchern gebrütet hatte, dann kamen wieder Zeiten, wo er in Gesellschaft und auf Bälle ging, nein, Nacht für Nacht sich hindrängte, und als ich ihn einmal fragte, was das bedeuten sollte, gab er zur Antwort: »Ich gehe auf die Feste der Capulets!«

Erst verstand ich ihn nicht. Dann dachte ich: »Man findet keine Julia, wenn man sie sucht.« Aber ich fühlte wohl das Feuer heimlicher Sehnsucht aus seinen Worten brennen. Und doch mußte es ihm bei den Capulets geglückt sein, denn eines Tages, im Sommer 1892, den er mit seiner Mutter im Salzkammergut verbrachte, während ich in Wien in der Kanzlei war, erhielt ich einen Brief von ihm, an dem mir zum ersten Mal auffiel, wie viel größer und freier seine Schriftzüge geworden waren. Aber der Inhalt war so überraschend, daß ich sogleich an die Schrift vergaß. Er schrieb:

 

»Lieber Freund! Ich theile Dir vor Allen Andern mit, daß ich mich gestern mit Camilla von Mohr verlobt habe. Ich weiß nicht, ob Du sie kennst; sie ist ein schönes und liebes Geschöpf. – Ich lasse die Todten ihre Todten begraben – das Leben hat neue Blüthen zu treiben begonnen. Herzliche Grüße von

Deinem Hugo.«

 

Das war wohl eine Ueberraschung, denn ich hatte den heimlichen Verdacht gehabt, daß Hugo nur deshalb an den See gegangen war, an dem die Villa Frau von Mohrs lag, weil Antonie zwei Stunden davon zum Sommeraufenthalt wohnte und er ihr zu begegnen hoffte und fürchtete. Ich kannte Fräulein von Mohr. Ich hatte sie einmal in Gesellschaft getroffen. Sie war eine vollendete junge Dame, ein Muster von wohlerzogener Eleganz; sie hatte damals ganz klug gesprochen, aber nichts, was mir einen individuellen Eindruck gemacht hätte. Ich erinnerte mich ihres eleganten, lichten Kleides, in dem sie sich graziös und vornehm bewegte. Aber da unter jedem Kleide und unter der größten Wohlerzogenheit ein nackter Mensch, ein halbes Thier steckt, und da fast niemand ein junges Mädchen kennen kann, zerbrach ich mir den Kopf, wie sich wohl das Verhältniß zwischen dieser jungen Lady und Hugo mit seiner verbitterten, von den Erinnerungen an Antonie zerwühlten Seele gestalten sollte – wie es überhaupt möglich geworden war.

Drei Wochen später war Hugo in Wien. Er sah gut aus, war sehr ernst und ruhiger als in den vergangenen Jahren, in denen er entweder ganz apathisch oder unnatürlich angeregt und hohnvoll gewesen war. Als er wieder fortfuhr, trat auch ich meinen Urlaub an. Ich besuchte meine Eltern, die den Sommer in der Schweiz verbrachten, und Hugo lud mich dringend ein, wenn ich auf dem Rückweg ins Salzkammergut käme, ihn ja gewiß zu besuchen. Eigene Angelegenheiten führten mich nach Aussee und an den Wolfgangsee, der Umweg war nicht groß, und es fehlte mir nicht an Interesse und Neugier.

Ich wußte, daß Frau von Mohr die Wittwe eines hohen Beamten und sehr vermögend war. Das mochte Hugo die Heirath erleichtern; bei der Verlobung sprach es gewiß nicht mit, obgleich es natürlich allgemein angenommen wurde.

Wie es dazu gekommen, das hatte er mir in Wien erzählt. Er kannte Camilla schon lange, und sie war ihm immer sympathisch gewesen und er offenbar auch ihr. Er hatte sie bei Drechslers kennen gelernt und sie jetzt in Gmunden, wo sie sich mit ihrer Mutter eine Zeit lang aufgehalten, täglich gesehen und gesprochen. Ihr ganzes Wesen war so ruhig, klar und bestimmt, wie er, der ewig Unruhvolle, gern hätte sein wollen. Sie hatte eine wunderbare, wenn auch nicht sehr starke Mezzo-Sopranstimme, und wenn sie das Weidenlied Ophelio's oder Schubert-Lieder im Salon der Drechsler'schen Villa sang, von den Palmen und Blumen, die hinter dem Clavier standen, in ihrer Mädchen-Schönheit umrahmt, und er an die Wand gegenüber gelehnt, lauschte, waren seine Sinne von Tönen und vom Anblick zugleich berauscht, – und dann tönte das Beifallsklatschen; nur Hugo klatschte nicht, sein Gesicht und sein Ausdruck sagten mehr. Sie aber verbeugte sich mit einem leichten Lächeln und fragte ihn um sein Urtheil und was sie jetzt singen sollte.

Wenn sie auf dem See fuhren und sie ruderte oder Segel und Steuer hielt, dann freute er sich an ihrem Muth und an ihrer graziösen Kraft; sie lernte bei ihm englisch rudern, denn in diesem Sport war er Meister, und wenn er mit ihr und ihrer Mutter ausfuhr und sie am Abend in der Nähe von Traunkirchen waren, der See in schwarzen, violetten und leuchtenden rothen und grünen Farben die Sonnenstreifen widerspiegelte, und auf der einen Seite groß und röthlich der Traunstein über düsterem Wasser stand, auf der anderen die grünumbuschten Ufer in einem freundlichen Rosenlicht lagen, wie eine wahre Zaubergrenze sie umschlossen, und er trunken auf die wie ein dunkler Glasfluß leuchtende, irisirende, funkensprühende Fläche unter ihrem Ruder blickte und dann berauscht die Augen wieder zu ihrem Gesicht erhob, da antwortete ihm aus ihren Augen ein ruhiger, freudiger Blick und ein stillerer, aber gleicher Genuß der Pracht und Wärme um sie her.

Wenn er einmal aussprach, was er schaute, dann sagte die Mutter mit ihrer vornehmen Stimme, die ihn an das Rauschen von Seide erinnerte: »Sie sind ja ein halber Künstler, Herr Ebner, und genießen das noch mehr als wir!« und Camilla sah achtungsvoll zu ihm empor. Er aber fühlte sich einen Augenblick aus der Stimmung gerissen, es war, als ob ihn irgendwo ein feiner Stich getroffen hätte, – sogleich aber war alles wieder herrlich wie vorher. Den Ausschlag gab aber etwas Geheimnißvolles und Sonderbares, ein Ereigniß, das keines war.

»Eines Tages,« so erzählte er mir, »habe er geträumt, daß er sich mit Camilla verlobt und sie dann verlassen hätte, und sie hätte darüber so furchtbar geweint. An demselben Tage traf er sie, und von der Traumstimmung noch immer seltsam gerührt, sprach er mit ihr intimer, inniger, als bisher – und im Laufe des Tages sei ihm klar geworden,« sagte er, »daß dieses schöne, fein empfindende Geschöpf die Ruhe sei, nach der seine Seele suchte. Obgleich in einiger Aufregung, habe er nichts von jenem tödtlichen Ersticken gefühlt, das ihn Antonien gegenüber immer gelähmt hatte, sondern mit gewohnter Selbstbeherrschung habe er ihr am nächsten Tage ruhig gesagt, daß er sie sehr lieb gewonnen habe, ja, daß sie ihm unentbehrlich geworden sei, und ob sie sein Weib werden wolle, – und sie hätte, ihn ruhig und fest mit den schönen Augen ansehend, leise ›Ja‹! geantwortet, ihm die Hand gereicht und ihn zu ihrer Mutter geführt, die sehr erfreut schien. – »Alles vorschriftsmäßig!« fügte er lächelnd hinzu. Sein ganzes Wesen sei darauf wie aus langer Erstarrung gelöst gewesen, weder eine wilde, jubelnde Freude, noch irgend welche Reue oder Beklemmung hätten ihn erfüllt; nur eine süße, zarte, traumhaft glückliche Empfindung, ein Gefühl, daß etwas Geheimnißreiches, dem er näherkommen und das er an sich ziehen müsse, in sein Leben eingetreten sei. Ihm sei zu Muthe, wie dem Prinzen im Märchen, der sich nach dem Bilde in eine Prinzessin verliebt und sie nun, da er das Bild länger anstarrt, aus dem Bilde hervortreten und seine Braut werden sieht, weil das Märchengesetz es so will. Und das war Liebe und Brautstand und Hochzeit. »Ich hoffe nur,« schloß er, »ich komme Dir nicht ganz so vor, wie die anderen Bourgeois, wenn sie Bräutigam werden. Mir wenigstens ist immer vorgekommen, als ob Männer, die sich verlobt haben, einen Zug von liebenswürdiger, manchmal auch von unliebenswürdiger Dummheit bekämen. Aber ich hoffe, ich bin immun!«

Die Hochzeit, das wünschte Frau von Mohr, sollte noch verschoben werden, bis Hugo wenigstens das Doctorat gemacht hätte oder in ein Amt eingetreten wäre. Das konnte noch über ein Jahr dauern. Er war ja erst fünfundzwanzig Jahre alt und Camilla zwanzig.

»Mit der Kunst ist's also wirklich und ganz zu Ende?« fragte ich ihn.

Er verzog das Gesicht. »Ich gestehe Dir offen, daß ich schließlich doch noch lieber schöne, lebendige Kinder, als solche verunglückte geistige zeugen möchte! Vielleicht hab' ich einen Sohn, der eines der Talente ganz hat, zu denen in mir nur die Keime stecken!«

Alles das ging mir durch den Kopf, als ich von der Station dem ziemlich entfernten See zuschritt. Ich mußte durch ein enges Waldthal, das sich am See plötzlich wieder erweiterte. Der Wald stieg von den Berghängen bis dicht zur Straße hinab; am Bahnhof, am See und an der Straße hob sich, bald höher, bald tiefer gelegen, weiß oder röthlich eine Villa aus dem tiefen Grün der Bäume, deren Fenster in der Abendsonne blitzten und leuchteten. In der Nähe des Sees wich der Wald zurück, und die Straße ging in eine Allee hoher, dunkler Kastanienbäume über. Ein hohes Gitterthor zwischen Pfeilern, auf denen steinerne Amphoren standen, trug die Nummer, die ich suchte. – Als ich läutete, kam ein sehr sauber gekleidetes Stubenmädchen in weißer Schürze, mit weißem Häubchen, mir zu öffnen, und im Park fand ich die mächtigen, domartigen hohen Bäume, Eichen, Linden und riesige Kastanien wieder, die sich wirklich wie ein Märchendunkel um das Haus schlossen. Hugo empfing mich in der Thür und entschuldigte sich, daß er mich, ich weiß nicht aus welchem Grunde, nicht am Bahnhof hat erwarten können.

Ich kann von Camilla ganz anders sprechen als von Antonien, mit der ich nie ein Wort gewechselt, die ich nur einmal im Leben flüchtig gesehen hatte (und zwar im ebenverflossenen Winter im Deutschen Volkstheater; sie saß im Parquet, Hugo der neben mir in der ersten Balconreihe saß, zeigte sie mir; und von dem Augenblick, wo er sie gesehen hatte, war er ganz verstört und auf dem Heimweg redete er beständig und zusammenhangslos wie ein Fiebernder; so hallte der Eindruck noch nach).

Camilla war für ein Mädchen sehr groß, eben so groß wie Hugo, wenn nicht um einen Gedanken größer; schlank mit dunkelbraunem Haar, einem feingeschnittenen kleinen Mund und blauen Augen, ihre meist gesenkten Lider gaben ihr etwas Träumerisches, das gar nicht in ihrem Wesen lag; sie war klar, einfach und thätig. Was mich aber an ihr störte, war eine gewisse Leidenschaftslosigkeit, ihre Worte waren kühl wie ihre Gebärden; sie begegnete Hugo nicht anders als mir, hörte ihm aufmerksam zu, wenn er sprach; wenn er ein Buch lobte, erklärte sie, sie würde es lesen; wenn er etwas heiteres sagte, lächelte sie, und wenn er ging oder kam, bot sie ihm willig den Mund zum Kuß, aber alles ohne jede Spur von Coquetterie, von Zärtlichkeit, von Erregung, so daß ich mich fragte: ist das die Ruhe des sicheren Liebesbewußtseins, oder die eines kühlen Temperaments? Und ich glaubte zu bemerken, daß Hugo ab und zu rasche Blicke auf sie warf, Blicke unzufriedener Erwartung, als ob ihr Benehmen, das seinen Form-Principien so sehr entsprach, ihn verstimmte. Es war aber ein Unterschied in seiner Ruhe und der ihren, der sich im unruhigen Leuchten seiner Augen verrieth.

Vorher hatte ich zwei scheinbar sehr unbedeutende Scenen beobachtet, die mir einen eigenthümlichen Eindruck hinterließen. Camilla pflegte täglich zwei bis drei längere Briefe an Verwandte und Freundinnen zu schreiben. Hugo verlangte diese Briefe nicht zu sehen, aber einmal zeigte sie ihm einen aus freien Stücken, – vielleicht weil er ihr gefiel, vielleicht nur, weil er gerade dazu kam. Hugo las ihn und gab ihn schweigend zurück. Sie begann einen zweiten Brief. Plötzlich sagte Hugo ungeduldig:

»Diese Geist- und Zeitverschwendung ist mir eigentlich unbegreiflich. Wie kann man liebe Worte an flache Menschen wegwerfen?«

Camilla sagte: »Diese Briefe machen mir eine kleine Mühe und den Anderen Freude; es wäre unrecht, wenn ich sie aufgeben würde.«

»Sehr tugendhaft!« sagte Hugo. »Aber da Du diesen Menschen doch in Wirklichkeit nichts zu sagen hast, so kommen mir diese Pensionatsergüsse sehr überflüssig vor. Du verschenkst Glasperlen und falschen Schmuck, und niemand hat was davon!«

Sie war verletzt. Sie gestand nicht, daß sie an diesen Briefen, die ihr gefielen, eine gewisse Schaffensfreude empfunden hatte, die nun freilich vorbei war. Aber sie gab es nicht auf.

»Wie kann man so conventionell sein?« fragte Hugo.

»Ich armes Mädchen bin nun einmal nicht so ungewöhnlich und originell!« erwiderte sie.

»Sie sind es vielleicht mehr, als Sie wissen, nur in anderen Dingen!« sagte ich zu ihr, Balsam auf die verletzte Eitelkeit träufelnd.

»Styl-Aufgaben sind ja sehr nützlich,« sagte Hugo, »von dieser Seite habe ich die Sache noch nicht angesehen. Wir hören eben nicht auf, uns zu bilden. Vielleicht gelingt es Ihnen auch, mich noch zu bilden, mein Fräulein!«

»Einen Spötter bilden – schwere Aufgabe!« Das Gespräch wurde Scherz, aber sie schrieb hartnäckig weiter. Und mir fiel wieder auf, daß auch sie unnachgiebig war, wie er, wenn auch vielleicht in anderer Weise. Seine Unnachgiebigkeit lag nur in den psychischen Bedürfnissen seines Wesens. Laune oder Eigensinn kannte er nicht.

Dies war am Morgen nach meiner Ankunft gewesen. Am selben Nachmittag fuhren wir in einem Boot über den See; wir wollten bei irgend einem Hohlweg landen, der durch den Bergwald zu einer Aussicht führte. – Camilla und ich ruderten, Hugo saß am Steuer ihr gegenüber. Sie trug ein elfenbeinweißes Ruderkleid mit einem Matrosenkragen und mit blauen Randstreifen; die Aermel hatte sie bis zum Ellenbogen hinaufgestreift, so daß die schönen, weißen Arme frei wurden. Ihre anmuthigen, kraftvollen Bewegungen waren ein Vergnügen zu sehen. Es war eine glühende Nachmittagshitze, die, von der steilen Felswand zurückgeworfen, lastend und stechend auf uns niederfiel; das andere Ufer und ein breiter Streifen des Sees lagen in dunklem Schatten, rings um den Kahn hatte das Wasser nur ein hartes, graues Glitzern. Wir wurden alle Drei durstig, und Camilla erinnerte sich, daß irgendwo am Ufer eine Quelle sein müsse. Sie fand die Stelle, und wir stiegen aus. Die Quelle sprang, nicht recht zugänglich, zwischen feuchten, mosigen Steinen in ein kleines erdiges Becken. Wir hatten kein Trinkglas und schöpften mit der hohlen Hand. Plötzlich sagte Hugo:

»Wenn Du mir Deinen Schuh gibst, so trink' ich daraus, wie die Ritter es gethan haben!«

Sie lachte und fand das närrisch und wies ihre nägelbeschlagenen Stiefelchen, die den kleinen festen Fuß umspannten. Hugo und ich hatten getrunken, der Boden um die Quelle war durchnäßt und aufgeweicht, und Camilla wollte mit ihrem lichten Kleid nicht auf die Erde knieen, und konnte, von ihrem Mieder gehemmt, sich nicht so über den Stein hinabbeugen, wie wir es gethan. Da schöpfte Hugo das Wasser in seine festgeschlossene Hand und führte sie, während die hellen, kalten Tropfen zwischen seinen Fingern zur Erde tropften, schnell zu ihrem Mund – sie aber dankte; war es, daß seine Hände ihr vom Rudern verschwitzt schienen, kurz, sie wollte nicht. Hugo wurde dunkelroth und sagte nach einem Augenblick:

»Also dann schau, ich steig' da hinab und leg' meine Jacke auf den Stein, und Du setzt Dich darauf, und ich nehm' Dich in die Arme und halte Dich, und Du kannst ruhig den Mund ans Wasser legen und trinken, ohne Dein Kleid in Gefahr zu bringen; – Karl schaut weg, wenn's Dir nicht recht ist!« setzte er bereits höhnisch hinzu.

Sie lachte und wollte nicht.

»Im Kampf zwischen Durst und Kleid und Sittsamkeit siegen natürlich die letzteren!« sagte Hugo, als wir zum Boot zurückgingen, ohne daß Camilla getrunken hatte.

Das alles schien freilich kein Grund zu solcher Verstimmung, wie Hugo sie zeigte. Während des ganzen Weges sprach er kein Wort, und Camilla auch nicht; auch ich sprach nicht viel und es war nicht eben gemüthlich. Als wir die Höhe erreicht hatten, sahen wir schweigend auf das todtenstille, dunkelgrüne Wasser hinab. Mir war's, als fühlte ich, wie in dieser zitternden Luft die feindseligen und doch sehnsüchtigen Ströme zwischen beiden tobten. Auch auf dem Heimwege sprachen sie nicht. Als wir in dem immer breiter gewordenen Schatten der jenseitigen Berge nach Hause ruderten und ich Camilla zum Singen aufforderte, sagte Hugo:

»Nur um Gotteswillen nichts Verfängliches!« – und Camilla sang gar nicht.

Beim Nachtmahl gaben sich beide vor der Mutter sehr heiter, als ob nichts vorgefallen wäre, und was ich bemerkt hatte, waren ja auch die allerunbedeutendsten Dinge gewesen, aber wie die St. Elmsfunken verriethen sie eine gefährliche Spannung der Atmosphäre.

Am folgenden Morgen schienen sie ganz ausgesöhnt. Vielleicht hatte eine Auseinandersetzung stattgefunden, und aus den Gesprächen, die ich mit Hugo hatte, merkte ich wohl, daß er hoffte, ihr Wesen an sich zu reißen und umzugestalten, das eine zu feine bürgerliche Erziehung, wie er meinte, verbildet hatte.

Die Abende im Clavierzimmer der Villa, wenn das Tischtuch aus rosenfarbener, goldgestickter Seide auf dem Mahagonitisch lag und die Lampe ihren Schein auf all' die elegante Behaglichkeit warf, die die drei Menschen umgab, wenn Frau von Mohr im Fauteuil saß und las und die Kinder plaudern ließ, oder alle drei plauderten, da fühlte er manchmal, daß dieses Milieu, das ihn in seiner schönen Vornehmheit als Gast entzückt hatte, jetzt, wo er dazu gehörte, ihm den Athem benahm. Unter Hugo's distinguirter Höflichkeit, die Hoffmeister einmal die eines Marquis des »Ancien Régîme« nannte, lag ein natürlicher, leidenschaftlicher Mensch, der diese Formen aus Vorliebe dafür und zur Abwehr alles Brutalen und Unschönen um sich gezogen hatte. Aber die Formen auch in den Gründen des Lebens wiederzufinden, wo er nur Feuer und Leben und Natur verlangte, das war der Form zu viel!

Hugo hatte einen Abscheu vor großen Hochzeiten und Festlichkeiten überhaupt und hatte den Wunsch ausgesprochen, im allerkleinsten Kreise ohne irgend welche Einladungen die Trauung zu vollziehen. Frau von Mohr meinte, daß sie das ihren Freunden und Verwandten nicht thun könne, daß sie sehr für ein stilles, einfaches Leben sei, aber daß es gerade bei solchen Festen, die ja dem Bau der Familie gewidmet seien, sich zieme, die Familie zu versammeln und zur Betheiligung einzuladen.

»Ich hasse Familien!« sagte Hugo und wurde groß angesehen.

»Wir können darüber ja noch reden, wir haben ja noch Zeit,« meinte Frau von Mohr lächelnd, und damit schloß diese Erörterung jedesmal.

Camilla nahm kaum daran Theil, fand aber das, was ihre Mama sprach, natürlicher. Sie war, das sah ich wohl, von Bewunderung für Hugo durchdrungen; sie hielt ihn sicherlich für den begabtesten, jetzt vermutlich auch für den hübschesten Menschen, den sie je gesehen; aber sie fand viele seiner Ideen überspannt und sonderbar. Seine seltsamen Wünsche und die manchmal ausbrechende Leidenschaft, die er vor ihr nicht verbarg, wie vor anderen Menschen, erschreckte sie, und sie trug sich gerade so wie er mit der geheimen Hoffnung, daß dies Auswüchse seien, die schwinden würden. Sie hatte eine Abneigung gegen alles »Verrückte« und wollte die Dinge gern, wie sie selbst sagte, in klarer, freundlicher Vormittagsbeleuchtung sehen.

Ich aber fragte mich, als ich heimfuhr: Worin finden sich diese zwei Menschen, ausgenommen in ihrem gemeinsamen Wohlgefallen an allem Eleganten, beim Clavier und beim Tennisspiel?

Am Tag nach meiner Abreise fuhr Hugo von vielen, vielleicht ähnlichen Gedanken verfolgt, allein über den See und stieg am anderen Ufer empor, um sich auszutoben und klar zu werden. Er kletterte in einer Rinne hinauf, bis er den Serpentinenweg wieder erreichte. Im Nachmittagsschatten setzte er sich auf eine Bank und versuchte zu denken. War er am Ende wieder fehlgegangen, war er von dem jammerhaften Weg, der ihm nun seit Jahren vorgeschrieben schien, unbotmäßig abgewichen, und über den Zaun in Gärten gestiegen, die ihm verboten waren? Und trieb es ihn schon wieder zurück? Zwischen den Zweigen in den Sonnenstrahlen schwebte Camilla's Bild – wie schön war sie, wenn sie nicht Dinge sprach, die ihn reizten, wenn sie die Worte redete, die er ihr gab! Wie seltsam waren die Berührungsbahnen der Menschen – wie sonderbar die Veränderung vom ersten Eindruck mit der wachsenden Intimität, wie wunderlich der Gestaltenwechsel, jede Woche hatte er eine andere vor sich, als in der früheren. Hugo erschrak fast vor den Blicken, die er in sein Verhältniß zu seiner Braut warf, und er zeichnete mit der Spitze seines Stocks im Sand Gesichter und Linien. Es war ihm, als ob das Phantom des Mädchens an seiner Seite auf der Bank säße und die Arme um seinen Hals schlänge und sagte: »Laß die Thorheiten und die Grübeleien, wir lieben uns . . . .« und er küßte das Luftbild und erschrak wieder, war es nicht wirklich ein Luftbild, ein Phantom, das er küssen wollte? Aber mochte es sein wie immer, zurück in die graue trostlose Einsamkeit, die hinter ihm lag, das war unmöglich. –

Er sprang auf und eilte weiter, höher hinauf. Es ward steiler und kein Denken möglich. Die sinkende Sonne brannte auf die Steine und Kräuter, die Büsche waren gelblichgrün – jetzt ging er, lief er beinahe über den Bergrücken, einen Augenblick konnte er links unter sich das im Abend dunkelnde Wasser sehen, dann führte ihn eine Biegung des Wegs nach der andern Seite, andere Seen blinkten in der Ferne auf wie weißgraue, silberglänzende Flecken, – ungeheuer wogte der Luftraum über ihm, weit über dämmernde Bergketten und Thäler ins Hügelland hinaus – seine Brust dehnte sich, seine Glieder durchrieselte ein wonnevolles Gefühl geschmeidiger Kraft, und er sprang von Stein zu Stein den sanft ansteigenden Bergrücken hinan; aber gleich schnell mit ihm huschte die Dämmerung hinauf, und im Walde, in den er wieder eintrat, war sie schon vor ihm angekommen, und hatte sich warm und schwül und dunkel darin bequem gemacht.

Als er nach weiterem dreiviertelstündigen Steigen über den nadelbedeckten Boden, aus dem die Baumwurzeln quollen wie graue im Kriechen erstarrte Schlangen, auf der Höhe stand, da war nur mehr der letzte glatte Streifen des fliehenden Lichts am westlichen Horizont zu sehen, und es wehte gewaltig um ihn. Der Himmel war von breiten grauen Wolken durchschnitten, die unabsehbar lange sich hinzogen, zwischen denen er grünlich schimmernd hervorsah, und die sich im Südwesten düster vereinten. Hie und da funkelten Lichter in der Tiefe, auf einem fernen Bergrücken loderte eine Flamme auf, vielleicht die eines Köhlers, vielleicht einer brennenden Hütte, vielleicht ein Luftfeuer übermüthiger Menschen. Die Bäume auf den Berg- und Felsenvorsprüngen unter ihm sahen wie drohende Riesen herauf, und zwei einsame Fichten, die unfern von ihm standen, lehnten sich wie frierend an einander.

Hugo warf sich auf den steinichten Boden, auf dem nur spärliches Gras und Heidelbeeren und Rhododendron wuchsen, aber beide blüthen- und fruchtlos. Einen Augenblick vorher hatte er all die reichen Formationen der Erde – all die Zacken und Knollen und weitgedehnten Rücken, all die Bastionen und Gräben, die Kuppeln und Riesenbilder, deren Contouren der Abend phantastisch vollendete, noch klar überschauen können und gedacht: »Der Herr Gott ist sicher ein Plastiker, – dann erst ein Maler,« fügte er hinzu. Sonderbare Gesichter, groß wie die Bergwände, blickten von allen Seiten nach ihm, der Wald unter ihm war wie das schwarze sammetartige Fell einer riesigen schlummernden Katze – – jetzt aber schob sich ein grauer, fast winterlicher Nebel über alle Thäler und Wasser und alle tiefergelegenen Hügelzüge, er war allein über einem Meer. In seiner Seele war nur der Jubel der Stimmung. War es der Bildhauer Alexanders des Großen, der den Berg Athos zu einem Coloß ausmeißeln wollte, der auf der einen Hand eine Stadt hielt? – Riesige Figuren saßen kaum verhüllt in den Wolken und unten in den Felsen im Nebel; der Wind strich über ihm hin wie heftige Athemzüge der schwer träumenden Erde; eine ungeheure Gestalt, den halben Himmel füllend, den geschwungenen Hammer in Händen jagte in dem Gewitter von Südwest herüber. Aber in sich sah er schon wieder ganz andere Bilder. Seine Finger krümmten sich, als fühlte er den Thon zwischen ihnen. War es möglich, daß das, was ihn so bis in die innersten Tiefen seiner Seele erschütterte und durchglühte, und bis in die Fingerspitzen zuckte, etwas fremdes, ihm verschlossenes, nur außen zugängliches sein sollte? Und während er sich wieder zurückwarf und ganz auf dem Rücken ausstreckte, und die kühlen Luftwogen über sein Gesicht streichen und sein Haar verwirren ließ, schloß er die Augen und träumte. Galerien und leuchtende Zimmer stiegen vor ihm auf – Gestalten und Gruppen, Erinnerungen und Neues! Ja, können! Und ein Gedanke kam ihm, toll, und doch von athemloser Bedeutung! ob Camilla ihm als Modell dienen könnte, ihr Körper mußte unvergleichlich sein, eine Amazone wollte er modelliren, . . . auch das Gesicht paßte, wenn sie ein wenig gereizt war, oder kalt . . vor seinem Aug' ward die Figur mit allen Einzelheiten. Im nächsten Augenblick mußte er hell lachen – mit diesem Vorschlag hätte er Camilla und ihrer Mutter kommen sollen!

»Bitte, ich bin ja ein sehr anständiger Mensch, ein Jurist und werde Beamter,« – sagte er fast laut, »wir passen sehr gut für einander.« Er sah nach Osten, wo seinem Aug' nicht erreichbar, hinter der vorgeschobenen Wand das Thal und der See und das Haus lag, in dem sie jetzt sicherlich an ihn dachte, – er warf die Lippen auf, von der andern Seite, nicht von dort, wo sein Lieb' wohnte, waren die Visionen gekommen, und sie hatten Etwas in ihm zurückgelassen, das vernehmlich nach Freiheit rief.

Er ging bis hart an den Felsrand vor und sah in die Schlucht hinab; der Wind faßte ihn so stark von rückwärts, daß er aus Furcht Schwindel zu bekommen und zu fallen, sich auf die Knie und Hände niederließ, mit der Linken einen Stamm faßte, und hinab sah; und wie der Wind unter ihm in den Wäldern und Schluchten heulte, faßte ihn eine wilde Lust, als müßte er mit, und er schrie laut jauchzend in die Tiefe hinab. »Pan! Pan!« schrie er. In ihm aber sprach es verwegen und selbstbewußt: »Ich Menschlein kann auch was!«

Als er aber zurück zu den Fichten gekommen war, da sprach die zweite Stimme bereits wieder höhnend: »Ja, schwatzen, träumen, sich einbilden, das kann jeder, aber hier in den Strunk mit dem Messer einen Waldteufel zu schnitzen, daß jeder Vorübergehende sich bekreuzigen müßte – thu's, wenn Du's kannst.« –

Zum Versuch war es jedenfalls schon zu finster. Er knöpfte die Lodenjacke zu und begann an den Heimweg zu denken. Die Wolken hingen tief und drohend, – der Wind raste mit jähen Stößen über die Platte, und Hugo begann es plötzlich zu grauen, als er statt des Strunks bereits den spukhaften Kerl, den er aus ihm hatte machen wollen, vor sich kauern sah. Mit einem Sprung war er im Wald, und bald geschickt springend und laufend, bald vorsichtig kletternd, jagte er hinab und über den Kamm zurück, dem Waldweg zu. Schon war alles schwarz und dunkel, schon fiel der Regen in großen Tropfen, der Wind ließ nach und ein noch entfernter, aber beständiger Donner rollte über den Bergen. –

Hugo hatte einige Sorge, den Eingang zum Waldweg zu verfehlen; als er ihn fand, ging es wieder leicht laufend, die Hände vorgehalten, um nicht an Bäume zu stoßen, die Füße im Springen nach den Wurzeln tastend, die Serpentinen hinab. Der Regen fiel jetzt in Strömen, der Donner war über ihm, und das aufzuckende Licht flammte über seinen Weg. Immer vorsichtiger und langsamer mußte er gehen, und zu einem Abstieg, der sonst fünfviertel Stunden währte, brauchte er über zwei. Als er sein Boot am finstern Ufer erreichte, fand er es voll Wasser, und mit großer Mühe gelang es ihm, es ans Land zu ziehen, es umzustürzen und zu leeren. Seine Kleider waren triefend naß, sein Haar verklebt, aber er selbst voll Lust und Freudigkeit, als er es über das nächtliche Wasser mit schnellen Schlägen nach Hause trieb. – –

In dem Hause, dessen Fenster er herüberleuchten sah, war man um ihn in Sorge. Camilla ging auf und ab und machte sich Vorwürfe, denn sie fühlte, daß er ihretwegen verstimmt und an diesem Nachmittag fortgeeilt war; der Sturm machte ihr Angst. Und plötzlich mit einer holden Eingebung suchte sie ihr Tagebuch und riß alle Blätter, auf denen sie irgend eine Klage gegen Hugo geschrieben, heraus und warf sie in den Kamin, in dem ihre Mutter des kühleren Abends wegen ein leichtes Feuer hatte anzünden lassen. Andere Papiere folgten: Briefe von Freundinnen, die er nicht leiden mochte, – und jedes neue Opfer schien ihr Hugo zurückzuführen. Und als endlich nach Mitternacht seine helle Stimme draußen erscholl, sprang sie ihm entgegen, warf die Arme um seinen Hals und küßte ihn und erzählte ihm leise und eifrig, wie bange ihr um ihn gewesen war.

Am nächsten Morgen stand sie zeitig auf. Hugo kam, sie zu holen, und wie zu einer Versöhnungsfeier gingen sie mit einander fort, kletterten durch das thauige Gras und die erfrischten Blumen an den Felsenbergen hinauf, unter frohen Gesprächen und Hand in Hand, über die Wiesen des Sattels, und auf der anderen Seite auf gewundenen Wegen an der Bergwand wieder zum See hinab. Unten lösten sie ein Boot, um heimzufahren. Als sie einstiegen, erklärte Camilla eben, daß, was sie anlangte, kein Mensch bei ihrer Hochzeit sein solle, sie verlange nach niemandem. Als sie am Gasthof vorbeiruderten, in dem Hugo wohnte, rief plötzlich eine tiefe Männerstimme von der Terrasse ein frohes: »Hugo! – Ebnerus!« herüber, und aufsehend, sahen sie zwei Personen am Geländer stehen: einen breitschulterigen Mann mit braunem Vollbart und eine große, schlanke, schwarzhaarige Frau mit einem breiten, unmodischen Strohhut, die ihnen winkten.

»Oh, jetzt wirst Du einmal unter Menschen kommen,« sagte Hugo, schnell zum Ufer wendend und an den steinernen Stufen anlegend. Er machte sie mit seinem Freunde Albert Wagner und Frau Johanna Leitner-Rittek bekannt, – »meine Braut, Fräulein von Mohr!«

Während sogleich ein eifriges Gespräch über Reisen und Musik, Politik und Oeconomie und Literatur begann, fragte sich Camilla, in welchem Verhältnisse diese zwei Menschen zu Hugo und unter einander stehen mochten; alle drei sagten sich »Du«, und Hugo hatte doch kein Wort von ihrer Verwandtschaft gesprochen.

Die Dame wendete sich an Camilla und sprach warm und freundlich mit ihr; aber Camilla blieb kühl und empfand, daß an dieser Frau etwas sei, was Hugo besser gefiel und ihn mehr interessirte, als ihr eigenes Wesen, und das verstimmte sie.

»Wie lange bleibt Ihr hier?« fragte Hugo, »und wie gut, daß Ihr in demselben Gasthause wohnt wie ich!«

»Freilich,« sagte der Andere, »wir haben Deinen Namen schon im Fremdenbuch gelesen.«

»Jetzt müssen wir aber tüchtige Partien mit einander machen,« sagte die Dame; »das Fräulein ist sicher so gut zu Fuß, wie sie rudert! Wie freue ich mich, Sie kennen zu lernen.«

»Meine Mama wird sich sehr freuen, wenn Sie ihr das Vergnügen machen wollen!« sagte Camilla steif. In demselben Moment bemerkte sie, daß Albert und Johanna und Hugo schnell fragende Blicke wechselten, daß Johanna ein wenig erröthete, während Hugo verlegen und Albert zornig lächelte.

»Ich möchte manches mit Dir sprechen,« sagte Hugo zu Albert.

Von diesem Augenblick an stockte das Gespräch. Camilla fand, daß Mama sie bereits erwarte; Hugo nahm Abschied und stieg mit ihr ins Boot.

»Auf Wiedersehen heute Abend!« sagte er. »Seid Ihr noch immer solche Nachtvögel? Ich komme gegen halb elf Uhr.«

»Wer sind diese Leute?« fragte Camilla im Boot mit ihrem ladyhaftesten Ausdruck.

»Diese Leute gehören zu meinen nächsten Freunden,« sagte Hugo hochfahrend, »und ich würde mich sehr freuen, wenn sie auch mit Dir befreundet würden; es sind Menschen, durch die jeder nur gewinnen kann!«

»Ich werde mich bemühen, zu gewinnen!« sagte Camilla verletzt.

Hugo bereute seine Ausdrucksweise sofort und wollte etwas Freundliches sagen, als Camilla fragte:

»Sind sie Geschwister? Sie sehen einander nicht ähnlich.«

»Nein,« sagte Hugo, »sie sind gar nicht verwandt.«

»Aber sie dutzen sich ja und reisen mit einander, wie es scheint.«

»Sie ist seine Freundin,« sagte Hugo rauh, »oder, wenn Dir der Ausdruck lieber ist, seine Geliebte!«

Camilla wurde dunkelroth und sprach kein Wort. Hugo begann zu erklären:

»Johanna sei sehr jung an einen Mann verheirathet worden, mit dem sie sehr unglücklich gelebt hatte, bis sie Albert Wagner kennen gelernt und beide sich in einander verliebt hatten. Da es in Oesterreich für katholische Ehen keine Trennung gibt, hätte sie ihn nicht heirathen können; so sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als mit ihm fortzugehen. Kinder habe sie nicht gehabt, und ihr Mann habe sie nie verdient; es sei also nichts im Wege gestanden . . .«

Camilla antwortete nicht, und als er einige Augenblicke später, nachdem er wieder einige Tacte gerudert und aufs Wasser geschaut hatte, nach ihr blickte, sah er, daß sie weinte.

»Warum weinst Du, Camilla, aus Mitleid mit diesen zwei Menschen oder aus Bewunderung für sie, die der Liebe alles geopfert hat? Denn bei ihrem ersten Mann hatte sie allen Reichthum, und jetzt sind sie beide arm, wie die Feldmäuse in einem zu langen Winter . . .«

Da sie immer nicht antwortete, fragte er heftig:

»Willst Du morgen mit ihnen und mir einen Ausflug machen, um sie näher kennen zu lernen? Ich sage Dir ja, daß sie zu den wunderbarsten Menschen gehören, die ich kenne; – thu's mir zu Liebe, Camilla, Du kennst ja vom Leben nichts, als Formeln, die man Dir beigebracht hat . . .«

Camilla antwortete nicht, und so schwieg auch er, ärgerlich über sie und sich selbst, und ruderte schweigend fort, bis sie zum Landungsplatz kamen.

Das Mittagmahl war nicht sehr heiter, und auch Frau von Mohr merkte sogleich, daß etwas vorgefallen sei: nach Tische wurde Hugo, da Camilla einem Gespräch mit ihm allein auswich, ungeduldig und empfahl sich. »Er habe Freunde getroffen, die er aufsuchen müsse.« Er kehrte ins Gasthaus am See zurück, aber Albert und Johanna waren bereits fort und wollten erst gegen Abend zurückkommen, und so blieb er allein mit seinem Aerger und mit seinen Zweifeln.

Er entschuldigte Camilla vor sich selbst; da, während er sich noch zurechtlegte, was er ihr sagen wollte, wurde ihm ein Telegramm gebracht. Seine Mutter, die bei seiner Tante Drechsler in Gmunden zu Gast war, war erkrankt. »Nicht gefährlich« stand wohl in der Depesche, aber das Telegramm bewies, daß man besorgt war! Er schickte die Depesche zu Mohr's, schrieb zwei Zeilen an Albert und hinterließ, daß er am nächsten Abend zurückkommen oder schreiben werde; zum Abschied nehmen hatte er, wenn er den Zug noch erreichen wollte, nicht mehr Zeit.

Er fand seine Mutter thatsächlich nicht in Gefahr; aber matt und sehr froh, daß er sogleich zu ihr geeilt war; sie hatte einen asthmatischen Anfall und in Folge dessen einen heftigen Schreck gehabt und ihn rufen lassen; in seiner schmerzlichen Stimmung war er zärtlich und aufmerksamer gegen sie als seit langem, und dieser Besuch war für lange Zeit eine frohe Erinnerung für die alte Frau. Sie, war ohnedies glücklich über seine Verlobung und fragte viel nach Camilla, die sie kannte und die ihr gefiel, und er bemühte sich, unbefangen zu antworten.

Als Hugo zurückfuhr, mußte er die Station bei Tage passiren, wo Antonie wohnte, und, in ungewöhnlicher Erregung zum Coupéfenster hinaussehend – er war schon viermal an dem Ort vorübergefahren – sah er sie diesmal wirklich zum Bahnhof gehen, nicht allein, mit zwei andern Frauen, die er nicht kannte; die beiden Kinder sprangen vor ihr hin, sie selbst ging mit ihrem langsamen Schritt einer traurigen verbannten Königin über die Wiesen – ihm aber zog das Herz sich krampfhaft zusammen, er schlug unwillkürlich an die Scheiben des auf dieser Seite geschlossenen Fensters, ihm war als ob er es zerschlagen müßte; aber Niemand sah ihn, nur die Mitreisenden im Coupé sahen nach ihm auf – und schon war alles vorüber; das Geleise machte eine Biegung, und er konnte sie nicht mehr sehen.

Es war nicht das erste Mal nach ihrer Trennung, daß er sie wiedersah; einmal hatte er sie auf der Straße getroffen; sie waren erst an einander vorübergegangen, dann umgekehrt und während ihm die Knie zitterten, hatte sie ihn gefragt, was er thue, und er sie, wie es ihr gehe, und beim Fortgehen hatte sie heftig seine Hand gedrückt. Als er ihr dann ein zweites Mal im Künstlerhaus begegnet, war sie ihm sichtlich ausgewichen und hatte auf seinen Gruß nur mit einem kalten Blick und Nicken erwidert – damals war er mit solch einem Gefühl aufschäumenden Hasses gegen dieses Weib, das sein Leben zerstört hatte, nach Hause gekommen, daß er ihre Briefe, ihre Photographien und die Umrisse, die er von ihr gezeichnet hatte, zerriß und ins Feuer warf. Er wollte nicht mehr an sie erinnert sein.

Nun hatte er sie zum dritten Mal gesehen; er strich sich über die Stirn und Schläfen; es war ihm zu Muth, wie in den Elfen- und Zwergmärchen, wo die Menschen, die durch den Ring des linken Arms über die Schulter geschaut, die Vergangenheit wiederfinden.



VI.

Er traf zur Jausenzeit wieder in der Villa Mohr ein, wurde freundlich empfangen und sorglich nach dem Befinden seiner »lieben, lieben Mutter« gefragt. Camilla fragte ihn, ob ihm Wild zum Abendessen recht sei, der Jäger habe ein Reh geschickt, kurz sie war auffallend häuslich; sobald der Kaffee genommen war, verschwand sie aus dem Zimmer.

»Ich wünschte mit Ihnen zu reden, lieber Hugo!« begann Frau von Mohr, und Hugo sagte, »bitte, liebe Mama!« und setzte sich mehr ihr gegenüber. Frau von Mohr war eine Dame, »aber was man eine Dame nennt,« wie unser alter Fechtmeister sagte, schön, groß, majestätisch, mit schneeweißem Haar und einem runden feinen blühenden Gesicht, von bezaubernder Liebenswürdigkeit im Sprechen und unerschütterlicher Sicherheit in ihren Meinungen, in ihrem Handeln und in ihren Worten. Sie hatte mit ihrem Mann, den sie früh verloren, in glücklichster Ehe gelebt, und obgleich so viel Glück durch seinen Tod zerstört worden war, hatte sie doch in der Kraft und Lebensfrische, die ihr eigen war, eine gewisse ruhige Heiterkeit gewahrt; wie denn ihr ganzes Wesen gerade wie das ihrer schönen schlanken Tochter so recht zu den stillen vornehmen Zimmern der einsamen Villa und zu den hohen uralten Bäumen des Parks paßte, deren dichtes Laub sie wie eine schützende Wolke von dem Staub und Lärm und Leben der Straße abschloß.

»Lieber Hugo,« sagte sie, »ich weiß, daß Sie ein geistreicher Mensch sind und über manche Dinge anders, vielleicht tiefer denken als unser eins. Aber wenn man mit gewöhnlichen Menschen zu thun hat, muß man mit ihren gewöhnlichen Empfindungen und Traditionen rechnen, besonders wenn man es mit einem Kinde wie Camilla zu thun hat; denn Camilla ist noch ein Kind, ein Kind, auf das seine Erziehung großen Einfluß ausgeübt hat. –

Sie haben mir gestern Camilla sehr aufgeregt; Sie haben sie in eine Gesellschaft gebracht, die ja sehr interessant sein mag, aber für ein so junges Mädchen denn doch nicht paßte, und Sie haben ihr dann Dinge ein wenig offen herausgesagt, die zu hören für ein so junges Mädchen auch nicht passend war; Sie sind sonst so tactvoll und verständig, lieber Hugo, daß ich mich darüber wirklich verwundere, – Sie sind ein so reifer Mensch als ob Sie viel, viel älter wären – so wurde ich denn ganz überrascht, daß Sie nicht bedachten, wie sehr das, was Sie sagten und thaten, Camilla verletzen mußte.«

Bei all ihrer Güte und Vornehmheit hatte Frau von Mohr durch beständige Selbstbeherrschung und das Sprechen im Salon eine stets lächelnde Liebenswürdigkeit im Ausdruck angenommen, die ihr, wenn sie tadelte oder ernstlich widersprach, einen gezwungenen Ausdruck verlieh, wie ihn fast alle Leute von Welt mit der Zeit annehmen, und der mir verdrießlich war. Hugo, der sein wirkliches Wesen selbst vor allen Leuten maskirte, hätte vielleicht kein Recht gehabt, ihr das übel zu nehmen, dennoch reizte es ihn jetzt.

»Die Gesellschaft, von der Sie sprechen, Mama,« sagte er sehr ehrerbietig und sehr bestimmt, »und in die ich Camilla geführt habe, sind zwei Menschen, die zu meinen nächsten Freunden gehören, zu denen, die ich am höchsten schätze, und auf deren Freundschaft ich stolz bin. Ich begreife, daß ich einen Fehler begangen habe, indem ich Camilla nicht vorbereitet, und ihre kindischen Vorurtheile in einer geschickteren Weise geklärt habe – aber in der Sache selbst kann ich nichts Unrechtes sehen.«

»Lieber Hugo«, sagte die alte Dame immer mit der gleichen Freundlichkeit, »ein Junggesell hat viel Verbindungen, die ein Ehemann aufgeben muß. . .«

»Ich werde meine Freunde nie aufgeben!« unterbrach Hugo.

Frau von Mohr hob die Stimme ein wenig, um zu betonen, daß er sie unterbrochen hatte, und wiederholte: ». . . die ein verheiratheter Mann aufgeben muß. Wenn ich das sage, so meine ich natürlich nicht, daß Sie Ihre Freunde, zum Beispiel Herrn Doctor Wagner, der ein sehr tüchtiger und fähiger Mensch sein mag, im Stich lassen sollen; das hat damit nichts zu thun. Sie sind noch unverheirathet und manche Feinheiten des socialen Lebens sind Ihren Blicken entgangen. Die Stellung, die ein Mensch in Gesellschaft einnimmt, zeigt sich am meisten darin, wie man seiner Frau entgegenkommt, – wie aber sollen Andere Ihre Frau anerkennen und ihr die gebührende Aufmerksamkeit erweisen, wenn Sie das nicht thun, wenn Sie im Umgang für sie nicht wählerisch sind?«

Hugo schwieg. Er fühlte, daß er hier nichts ausrichten werde. Endlich sagte er:

»Ich kann nur wiederholen, gnädige Frau,« – unwillkürlich sagte er wieder »gnädige Frau« statt »Mama« – »daß ich sehr wählerisch bin, daß diese zwei Menschen ausgewählte Menschen sind, nicht nur mein Freund Wagner, sondern insbesondere auch Frau Leitner-Rittek, insbesondere auch sie . . .« – er wollte eben sagen: »daß ich wünsche, daß sie und Camilla Freundinnen werden,« aber er unterdrückte diesen Satz, dessen Wirkung er voraus empfand, und sagte: »Es ist doch unmöglich, gnädige Frau, daß ein Mensch von Ihrer Vornehmheit und Güte zu denen gehört, die den Stein aufheben und die Frau verurtheilen . . .« – »wie der übrige gesellschaftliche Pöbel« – wollte er noch sagen, aber er unterbrach sich und schwieg.

»Ich verurtheile niemanden,« sagte Frau von Mohr, »und ich hebe keinen Stein auf; ich verstehe, daß es schreckliche Situationen gibt und daß man zu extremen Schritten gedrängt sein kann, aber dann hat man eben den Schritt über den Boden der Gesellschaft hinaus gemacht. Und so wenig ich solche Menschen verurtheile, so wenig erlaube ich mir, sie freizusprechen, und ich muß mit den Menschen, die zu so Schrecklichem gekommen sind, nicht gerade in meinem Hause verkehren. Tout comprendre, c'est tout pardonner, aber ich muß nicht jeden, dem ich verzeihe, zu meinem Freunde machen.«

Hugo schwieg wieder eine Zeit lang und sagte dann: »Ich will darüber nicht streiten, gnädige Frau, ich glaube, unsere Anschauungen sind auf diesem Gebiete so verschieden, daß wir zu gar keinem gemeinsamen Ende kommen können, und ich werde von Ihnen nie verlangen, daß Sie Frau Rittek in Ihrem Hause empfangen; aber etwas anderes ist's mit Camilla, die meine Kameradin werden soll, und die bei aller Freiheit, die ich ihr immer gewahren werde, neben mir nicht gut in entgegengesetzter Richtung gehen kann.«

»Wenn Camilla Ihre Frau sein wird, lieber Hugo, dann werden Sie das mit ihr ausmachen; und ich bin überzeugt, daß Sie sie nie zu etwas zwingen werden, was ihrer Natur widerstrebt, und daß die Ueberzeugung in solchen Conflicten Recht behalten wird. Aber so lange Camilla in meinem Hause ist, so bitte ich Sie sehr, gerade im Interesse unseres und ihres Friedens solche Versuche zu unterlassen. – Seien Sie mir nicht böse, lieber Hugo,« sagte sie herzlich, »und thun Sie es mir zu Liebe; ich erkenne Ihre Menschlichkeit an, auch wo sie sich meiner Ansicht nach auf falschen Wegen befindet. Wissen Sie, die Männer sind alle sehr milde den Fehltritten anderer Frauen gegenüber, wenn aber die eigene Frau oder Schwester etwas ähnliches sich zu Schulden kommen ließe, Gott gnade ihr! Und es ist nur billig, daß Sie der Frau, von der Sie mit so viel Strenge fordern, auch eine gewisse Strenge gestatten.«

»Ich habe keine Schwester,« sagte Hugo lebhaft, »aber meine Frau ist frei, und wenn sie tausendmal mir angetraut wäre, – an dem Tage, wo Camilla mich nicht mehr liebt, ist sie nicht mehr meine Frau, und kann thun, was ihr beliebt!«

»Sie sind ja ein netter Schwiegersohn,« sagte Frau von Mohr, immer noch lächelnd, »Sie sind ja ein Anhänger der freien Liebe und der wilden Ehen – nur gut, daß wir Zeit haben und, «leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen!» Und so erschrecken mich auch Ihre modernen Theorien nicht so. Das wird sich schon alles ausgleichen; Sie sind zum Glück ein sehr ordentlicher Mensch. Nur erschrecken Sie mir Camilla nicht gleich; wenn sie Ihre Frau und reif sein wird, dann können Sie ihr ja Ihre Theorien vortragen, und sie wird über das alles sich Gedanken machen können. Aber in Ihrem eigenen Interesse, stoßen Sie sie jetzt nicht vor den Kopf – sie ist ein sehr reiner und festwilliger Mensch, und wenn Sie sie verwirren, so nimmt sie das tiefer, als Sie wollen und glauben.«

Hugo fühlte wohl, daß dies das Klügste wäre, aber er empfand auch eine geheime Angst, daß er dieselbe Härte und enge Kälte, die er in der Mutter fand, in der Tochter wiederbegegnen könnte, und dann war es zu spät, und darum, so schlimm es werden konnte, mußte er mit Camilla sprechen.

»Uebrigens,« sagte Frau von Mohr plötzlich, »gibt es doch manches, was sich gegen diese sehr interessante Dame einwenden ließe; ein Verhältniß hinter dem Rücken des Mannes ist etwas Niedriges, besonders, wenn der Geliebte ein Freund und Schüler des Mannes ist, wie dieser Herr Wagner es war.«

Hugo erinnerte sich eines Streites, den er über dieselbe Frau mit seiner Tante Drechsler gehabt hatte. Damals war er ganz anders ins Zeug gegangen. Als die Hofräthin entrüstet ausrief: »Eine Frau, die mit einem Mann ein Verhältniß gehabt hat!« hatte Hugo lässig geantwortet: »Als ob Du, Tante, nie ein Verhältniß mit einem Manne gehabt hättest . . .!« Die Hofräthin wäre beinahe in Ohnmacht gefallen: »Was? ich? ich? ist der Bub närrisch?« keuchte sie. »Na ja, er war zufällig mit Dir verheirathet! was ist denn da der Unterschied?« Die Tante wußte nicht, ob sie sich ärgern oder den Witz gut finden sollte.

Jetzt sagte er nur: »Wenn Sie erlauben, Mama, so brechen wir dieses Thema ab; ich verspreche Ihnen soviel, daß ich Camilla jedenfalls nicht wider ihren Willen mit irgend jemandem zusammenbringen werde, weder jetzt noch später. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

Frau von Mohr sah ihn lächelnd und freundlich an: »Also vergessen wir diese Sache. – Und nun gehen Sie zu Camilla und versöhnen Sie sie!«

Dahin ging er auch mit beklommenem Herzen. Sie saß in ihrem Zimmer und that, als ob sie lese; als er eintrat, sah sie ihn gespannt an.

»Camilla,« sagte er, »ich habe mit Dir zu sprechen!«

»Oh,« sagte sie mit gezwungener Heiterkeit, »wichtige Dinge, mein Herr?«

»Sehr wichtige Dinge. Deine Mutter hat mich gebeten, Dich mit meinen Freunden am See nicht mehr zusammenzubringen, und ich habe es ihr auch versprochen, es nicht ohne Deine Einwilligung zu thun. Ich werde diese Einwilligung weder ertrotzen noch erbitten; ich will nur versuchen, Dir zu erklären, warum ich sie wünsche. . .«

Er fühlte die ganze Zeit, daß er töricht handelte, daß er von einem unreifen Baum Früchte verlangte, aber ihn peinigte die Furcht, der Baum könne überhaupt ganz anderer Art und steriler sein, als die Anmuth der Blüthen ihm vorgespiegelt hatte, und er fühlte noch eins: wenn er geliebt wurde, mußte er überzeugen.

»Wenn ich Dir sage, daß Dir über viele Dinge unrichtige, unmenschliche Ansichten beigebracht worden sind, harte Ansichten, die Deiner nicht würdig sind, wirst Du nicht versuchen, auf mich einzugehen, wenigstens aus meine Gründe zu achten, um selbst gerechter und milder zu sein?«

»Ich weiß schon, was Du meinst, aber,« sagte sie mit einem Ausdruck des Widerwillens, »ich mag mit gewissen Menschen nichts zu thun haben.«

»Zu diesen Menschen,« sagte Hugo langsam, »gehöre ich selbst, und wer diese Menschen verwirft, verwirft auch mich, wer mit ihnen nichts zu thun haben will, der will auch mit mir nichts zu thun haben.«

»Wenn Du diese Menschen so viel lieber hast als mich . . .« begann Camilla.

»Bitte, Camilla,« unterbrach er sie, »verdrehe doch nicht, was ich sage; ich habe Dich tausendmal lieber als sie . . . aber sieh doch einmal den Dingen ins Aug' – das hast Du ja nie in Deinem Leben gethan, ihr werdet ja alle das gerade Gegentheil gelehrt. Du verlangst von mir, daß ich meine Freunde verleugne, Du darfst das thun, Du hast ein Recht dazu – aber erst wenn Du sie kennst, Du kennst sie ja gar nicht. Ich sage Dir noch einmal, ich bin so wie sie, ich würde jeden Augenblick so wie sie handeln, und ich erwarte, weil ich Dich schätze, daß auch Du so handeln würdest?«

Camilla konnte ihn vor Schreck, Staunen, Empörung kaum ansehen; »ich, so handeln?!«

»Ja, sag' mir Camilla, wenn Du mich nicht heirathen könntest, weil irgend jemand, ein Mensch, sagen wir Deine Mutter, oder das Gesetz, oder ein Mann, mit dem Du zufällig verheirathet bist, Dich daran hindern würde, würdest Du nicht doch mit mir kommen? würdest Du mich verlassen? würdest Du's?«

»Das verstehe ich nicht,« sagte Camilla, »für solche Dinge bin ich nicht gescheidt genug, aber das weiß ich, daß, wenn ich mit einem Mann verheirathet wäre, ihn nicht verlassen würde, weil das nicht sein darf. Wozu heirathe ich denn, wenn ich jemanden wieder verlassen soll?«

»Oh, Du Kind, Du Kind!« rief Hugo verzweifelnd, »hör' doch, hast Du mich lieb, weil Du mich heirathest, oder heirathest Du mich, weil Du mich lieb hast?«

»Das ist mir wieder zu subtil,« sagte Camilla, »das verstehe ich nicht.«

»Ich glaube, Du verstehst es wirklich nicht,« sagte Hugo traurig vor ihr stehen bleibend, »und Du weißt gar nicht, wie schrecklich das ist . . . ich glaube, ich könnte bis morgen mit Dir reden; und daß wir so reden, beweist schon, daß ich Recht habe.«

»Du hast gar nicht Recht,« sagte sie, »und ich weiß eigentlich gar nicht, was Du willst?«

»Wenn ich morgen fort müßte, unbedingt, weil man mich hier tödten oder einsperren würde, wenn wir in Rußland wären, und ich würde nach Sibirien geschickt, würdest Du mit mir kommen, oder nicht, ob Du meine Frau bist oder nicht. . .«

»Nein, solch' eine Phantasie!« sagte sie und versuchte zu lachen.

»Verstehst Du denn nicht, was ich meine, Camilla?« rief er, den Arm um sie schlingend und sie fest an sich drückend – »ich meine, ob Du fühlst, daß Du zu mir gehörst, mit Deinem ganzen Wesen, mit Deinem Leib . . . ob denn das einen Unterschied macht, daß Du in der Kirche schon für meine Frau erklärt worden bist oder nicht. An dem Tag, wo wir erkannt haben, daß wir zu einander gehören, gehören wir auch einander, oder nie . . . wenn Dich nicht alles, alles zu mir zieht, so will ich Dich gar nicht . . .« sagte er sie loslassend – »wenn Du tausendmal verheirathet wärst, von jedem Menschen würd' ich Dich wegreißen, wenn Du mich liebtest, aber jetzt kann ich Dich nicht einmal von Deinen Kindersachen wegreißen. Ich hab' Unrecht. Jetzt will ich Dir die Wahrheit sagen, wir haben beide von einander eine ganz falsche Vorstellung. Ich will keine elegante Hausfrau, ich will ein Weib, das zu mir gehört . . . ich werde Dir die ganze Wahrheit sagen: ich habe vor Dir eine Frau geliebt, eine verheirathete Frau, und ich hätte alles gethan, was der Albert Wagner gethan hat, wenn es möglich gewesen wäre – aber es war unmöglich, und ich bin daran beinahe zu Grunde gegangen. – Ein paar Jahre später hab' ich Dich getroffen, und hab' Dich geliebt und gehofft, Du wirst mich verstehen, und die Menschen verstehen, unter die ich Dich bringen muß – – – denn, so lieb ich Dich und Deine Mutter hab', die Grundsätze, in denen Du erzogen bist, halte ich für unerhört schlecht, verderblich, erstickend, falsch – – –«

Wieder fühlte er, daß er verkehrt und zu heftig redete, daß ein ganz anderes Vorgehen nöthig war, aber dasselbe Gefühl der Fatalität riß ihn fort: wenn sie mich versteht, so versteht sie mich in jedem Fall, die Worte sind ja nur Kleider um einen Conflict zweier Wesen, die sich entweder einen können oder nicht. Ihr Gesicht glühte:

»Sprich nicht so, Du meinst Mama!«

»Deine Mama ist nicht Schuld daran, und ich klage sie nicht an. Aber ich will kein verkrüppeltes Geschöpf zur Frau und mich nicht verkrüppeln lassen!«

»Hugo, Hugo!« sagte sie. Sie war ganz weiß.

»Du mußt wählen, Camilla!« sagte er, »willst Du meine Freunde, die Du verurtheilst, ohne sie zu kennen, mit mir kennen lernen und mich sehen, wie ich bin, und auf das eingehen, was ich bin. oder willst Du nicht? Dann gehen wir auseinander, ehe es zu spät ist.«

»Laß mich,« sagte sie; »ich muß zu Mama, Sie soll das schlichten!«

»O, Jesus! Du rufst schon wieder die Mama, – Nein,« sagte er und faßte ihren Arm, »Du mußt entscheiden, nicht die Mama; – wenn Du jetzt fortgehst, so ist alles aus!« sagte er entschlossen.

Sie sah ihn an. »Ich wäre gern Deine Frau geworden, – aber wenn Du nicht willst. –«

Er fühlte, daß er den Fuß über den Rubicon gesetzt hatte . . . »Nein, so will ich nicht!« sagte er und lehnte sich an den Schreibtisch.

Sie stürzte hinaus.

Er wartete einen Augenblick. Dann ging er ins Vorzimmer, nahm seinen Hut und verließ das Haus.

Als er unter den hohen Bäumen dahin schritt, unter denen eine erstickende Schwüle lag, als das Gitter sich hinter ihm schloß und er schnell und ohne aufzusehen, über die stäubende Straße ans Seeufer kam, empfand er wieder eine Art Befreiung.

Wie kühl sie geblieben war. Ein dummes, einfaches Mädel hätte ihn mit Zärtlichkeiten zu gewinnen gesucht. Sie hatte ihn angehört und mit ihren verständigen, kalten Augen angesehen, steif wie ein Bild aus einem Modejournal. Er wiederholte diesen Vergleich, der seinem Zorn gefiel. Er drang in die Vergangenheit zurück, in die ersten Tage, die ihm so lieblich und wohlthuend gewesen waren. Aber was ihn damals als Ruhe und Klarheit an ihr entzückt hatte, erschien ihm jetzt als Leblosigkeit, die Einfachheit ihrer Erzählungen aus ihrer Kindheit schien ihm jetzt Banalität – und er wurde vermuthlich ebenso ungerecht gegen sie, wie er sie früher zu hoch erhoben hatte. Er ging mit schnellen Schritten dem Seeufer entlang oder warf sich auf Augenblicke ins Gras und sah auf das dunkelnde Wasser hinaus, und siegreich und qualvoll stieg vor ihm ein Bild herauf, das er jüngst wiedergesehen hatte, das Bild Antoniens. Bei ihr war jedes Wort voll Zauber, voll Innigkeit gewesen, und das unbedeutendste, was sie sprach, hatte Schätze verrathen, wie grauer Rauch und schwache sprühende Funken eine heimliche Gluth. Sie war »das Märchen«, und den Zauber, der ihm von ihr geblieben war, hatte er um Camilla zu breiten versucht. Aber in ihr Reich führte kein Weg mehr – einmal hätte er ihn gehen können, und da hatte er ihn verfehlt.

Er ging ins Gasthaus und bestellte sein Abendessen. Er saß noch hinbrütend am Tisch, als Albert und Johanna auf die Terrasse traten. Sie waren roth und fröhlich und müde; sie hatten acht Stunden Wegs hinter sich.

»Was haben Sie denn?« sagte Johanna zu ihm. »Sie sehen ja gar nicht wie ein glücklicher Bräutigam aus!«

»Ich bin es nicht mehr!« sagte Hugo,

Beide sahen sich betroffen an. Johanna warf ihrem Freund einen raschen Blick zu, als wollte sie ihn an etwas erinnern, was sie früher gesprochen hatte. Eine Zeit lang schwiegen sie, endlich sagte Albert:

»Solche Stürme gehen vielleicht vorüber.«

»Lassen wir's,« sagte Hugo. »Sprechen wir von etwas anderem!«

Anfangs ward von nichts anderem gesprochen, aber nachdem er gegessen und mehr noch getrunken hatte, kam eine unnatürliche Lustigkeit über ihn, die die Anderen mit fortriß, und sie verbrachten einen merkwürdig animirten Abend. Als er auf sein Zimmer ging, fühlte er sich leicht und klar, und in der geistigen Erregung, die noch in ihm zitterte, setzte er sich sogleich nieder und schrieb zwei längere Briefe, einen an Frau von Mohr, einen an Camilla selbst: Er nahm den Irrthum und die Schuld auf sich und suchte zu erklären, daß er nicht anders konnte. Als er fertig war, trat er ans Fenster. – »Wieder ein Traum vorbei!« sagte er vor sich hin, »wann kommt der Morgen?«

Der kam draußen bereits, bleich und grau und traurig. Hugo hatte bis drei Uhr geschrieben. Am andern Tage packte er und schloß sich Albert und Johanna auf ihrer Fußpartie an, die ihn noch drei Wochen durchs Gebirge führte. Spät erst erfuhr er, in welche Verzweiflung sein Brief Camilla gestürzt hatte, und wie sie bereute, ihm nicht gefolgt zu haben. Aber ihm nach seinem Absagebrief zu schreiben, dazu war sie zu stolz.



VII.

Er kam nach Wien zurück, Geist und Leib von ungestümer Energie und Lebensdrang erfüllt. In seiner Erinnerung war über allem jene Nacht in den Höhen, die ihm das Gefühl der Freiheit lind des künstlerischen Berufes wiedergegeben; und daß er die Kraft gefunden, sich aus den gefährlichen blumenhaften Fesseln, aus dem Garten der Schneekönigin, wie er es einmal ausdrückte, zu befreien, gab ihm die Gewißheit, daß etwas in ihm war, stärker als er selbst und stärker als die Ereignisse, das ihn immer wieder auf den Weg zurücktrieb, den er so oft begehrlich verlassen – die Fatalität des eigenen Wesens, von dem keiner sich lösen, dem keiner entgehen kann.

Die Worte, die ich ihm einmal gesagt: »Wenn Du zu Grunde gehst, was liegt daran, was ist ein Mensch, daß er es nicht versuchen sollte?« hallten jetzt in ihm nach. Er that, was ich, der ich sicherlich kein Sachverständiger auf diesen Gebieten bin, ihm damals gerathen, und trat in das Atelier Breyers als Schüler ein. Als er zum ersten Mal hinkam und erklärte: er wolle hier Schüler werden, sah der Professor den eleganten, dandyhaft gekleideten jungen Mann mißtrauisch an und sagte mürrisch:

»Was wollen's denn? Was können's denn? Haben's denn ein Talent?«

Als Hugo zwei kleine Probeskizzen, die er mitgebracht, aus dem Papier wickelte: einen weiblichen Kopf und einen aus Holz geschnitzten Waldteufel, sagte er viel freundlicher:

»Das is schon was: aber können thun's noch nichts, das dürfen's Ihnen nicht einbilden!« und nahm ihn augenblicklich auf. »Und an andern Kittel müssen's anziehen – um den war schad!« sagte er ironisch.

Aber durch solche Bemerkungen ließ Hugo sich nicht anfechten. Vom Momente des ersten Lichts bis zur Dämmerung arbeitete er in den immer kürzer werdenden Tagen mit unermüdlicher Geduld – Hände, Haare, Actstudien, was immer der Lehrer vorschlug, und er lernte gewiß viel bei Breyer und doch zeigte sich wieder, was er so oft erfahren, daß er bei keinem Lehrer wirklich lernen konnte; er folgte ein paar Monate »wie ein russischer Soldat,« dann nicht mehr – und der Professor schmollte, zankte, während Hugo mit schweigender Eigenwilligkeit modellirte, was er wollte. Der Zustand wurde immer unleidlicher.

»Fangen's nicht so viel an! So weit sind's noch nicht. Sie wollen alleweil zu geistreich sein! Zu viel Anecdote, zu wenig Form!« sagte der Professor.

Und Hugo sagte:

»Das weiß ich auch; aber auf den Schulwegen komm' ich nicht weiter – ich muß meine Sachen machen, was mir einfällt und wie ich es sehe; und wenn's ein Dreck nach dem andern wird – einmal wird schon was d'raus werden!«

»So eingebildet wie Sie war noch niemand!« sagte Breyer einmal, als er irgend einen großen Entwurf trotz des Widerspruchs des Professors in Angriff nahm.

»Ich will ja nicht ausstellen, Herr Professor!« gab Hugo zur Antwort. Manchmal fühlte er sich noch immer das typische Bild der Ohnmacht, aber er arbeitete fort, mit zusammengekniffenen Lippen, trotz des unerquicklichen Verhältnisses zu seinem Lehrer, hart und mitleidslos gegen sich selbst und unbekümmert um die Andern.

Alle Zweifel, alle Erinnerungen kämpfte er nieder und gab ihnen keine Stimme in seinem Gemüth, die Vergangenheit war todt und begraben.

Aber die Geister vergangener Stunden kommen nie wirklich zur Ruhe. An jeder Wegecke können die unruhigen Verfolger wieder auftauchen. Auch sollte Hugo bald sehen und fühlte es zum Theil. schon, daß jeder neue Plan seine Gefahren und Verluste mit sich bringt, daß immer neue vampyrische Wünsche an der Stelle der alten aufflattern, und daß, was immer einer im Leben über Bord geworfen, immer ein Theil seines Wesens mit verloren gegangen ist. Die Intensität seines Innenlebens, die ihn nie mit mehrerem zugleich haushalten ließ, war vielleicht nur mir völlig erkennbar.

Wenn er liebte, war für ihn nichts anderes mehr auf der Welt; Leben, Kunst, Beruf, Schranken, Verwandte, alles war vergessen – wenn er arbeitete, arbeitete er sich fast zu Tode, und wenn er der Arbeit überdrüssig war, verzettelte er Monate mit müßigem Träumen und Brüten oder mit leerer Zeitvergeudung.

Und die Vergangenheit, die keinen los läßt, kam ihm wieder einmal plötzlich in ihrer ganzen drückenden Schwere zum Bewußtsein und löste all die Teufelchen, die unter seinen correcten Formen schlummerten, von der Kette.

Er war in Znaim bei seinen Verwandten zur Erholung, als ich folgenden Brief von ihm bekam:

L. K. Meine unvergeßliche Freundin Camilla hat sich bereits getröstet. Sie und vermuthlich mehr noch ihre Frau Mama fanden das offenbar nöthig, um, nachdem ich sie so schnöde und leichtsinnig verlassen, das Selbstgefühl der Familie aufrecht zu erhalten. Der künftige Herr und Gemahl ist der Sohn des Financiers v. W., gegen den heute nichts mehr vorliegt, da er paralytisch und in Folge dessen ehrlich geworden ist. Seine Tochter hat sogar einen Grafen (W.-D.) geheirathet. Er ist einer von jenen Menschen, mit denen ich mich nicht bekannt machen würde, und wenn ich zwanzig Jahre mit ihm allein auf einer wüsten Insel leben müßte. Aber meine ci-devant Braut, die in so peinlicher Reinlichkeit aufgezogen ist, daß die Begegnung mit J. L. R. sie bereits befleckte, dachte offenbar, daß man auch über seine Vorzüge triumphiren können müsse. Insbesondere wenn's die Mama sagt. Oder er gefällt ihr. Es ist ein sogenannter hübscher Mensch.

Der Gedanke an diesen meinen Remplaçant im Hochzeitsbett ist mir unsagbar widerlich. Daß ich nicht die spanische Etiquette beanspruchen kann, nach der ein Weib, das der König berührte, keines anderen mehr sein durfte, sondern ins Kloster mußte! Uebrigens habe ich alle Ursache, vergnügt und fidel zu sein, denn im Laufe einer Woche haben mir Antonie, ja Antonie, und Camilla und noch eine Dame, die in meinem Leben eine – ganz verschiedene – Rolle gespielt hat, theils geschrieben, theils sagen lassen, daß sie meiner ohne Groll und in Freundschaft gedenken, und daß mein Schicksal ihnen sehr am Herzen liegt! Hab' ich nicht Grund, wie Virgil zu Dante, zu mir selbst zu sagen:


»Was zagst Du noch, was zauderst Du zu gehen,
Nachdem drei also beneidete Frauen
Um Dich besorgt sind in des Himmels Höhen?«


Zu gehen hab' ich auch Lust, und zwar den Weg alles Fleisches. Ich kann Dir nicht sagen, wie es mir vor allen Menschen – Deine werthe und intelligente Person natürlich ausgenommen – ekelt; ich hätte Lust, auf die Welt zu sp . . .

Die Atmosphäre hier ist Provinz – Provinz – zehn Jahre selbst hinter Wien zurück – anfangs hab' ich ausgeruht, wie ein Rind auf der Weide; jetzt aber wär' ich schon gern wieder bei der Arbeit, und weiß doch, daß, sobald ich nach der Stadt komme, all' die alten Misèren wieder angehen.

Addio

Hugo.«

Wie einer, der auf dem glänzenden Strome der Jugend voll von Hoffnungen dahin schwamm und den der Strom verrathen und in Sümpfe getragen hat, wo nur geiles, schlammiges Unkraut gedeiht, so kam er auf die Wege einer trübseligen Lust, die ja für Viele alltägliche Speise ist, zu der aber Menschen seiner Art nur dann gelangen, wenn sie im Labyrinth des Lebens völlig in die Irre gegangen sind.

Nie sah ich ihn ohne Weib, wo immer ich ihm begegnete. Ob er im Salon bei irgend einer jungen Frau saß und ihr angelegentlich den Hof machte, ob in einem Nachtcafé mit geschminkten Frauenzimmern, ob auf der Straße allein flüchtig mit irgend einer Verschleierten vorübergehend – er war nie allein und nie unter Männern. Er hatte begonnen, was ein Franzose la carrière des alcôves et de l'égout nannte. Ramberg, der eine Vorliebe für mathematische Gleichnisse hatte, hatte schon lange vorher von ihm gesagt: »Er ist eine Function mit einer einzigen Variabeln, die Weib heißt ohne Konstante. Wenn er Talent hätte, so könnte er aus seiner Sexualität was machen, er hat aber weder Talent noch Kraft!« Jedenfalls wurden die eingesetzten Werthe immer geringer, und er schien auf dem besten Wege, sich zu Grunde zu richten.

Er war kein Mensch, mit dem man über ihn selbst sprechen, dem man rathen durfte, wenn er nicht damit begann. Er versicherte Jeden, der es hören wollte, daß er sich nie wohler befunden hätte. Einmal gingen wir gegen Mitternacht aus einer Gesellschaft mit einander fort und in eine Weinstube. Eine hübsche, braunhaarige Kellnerin begrüßte ihn vertraulich und setzte sich zu uns. »Nur keine Zärtlichkeiten vor dem Publikum, Irma,« sagte Hugo; »ich habe mir schon wiederholt erlaubt, Dich darauf aufmerksam zu machen, wie unfein das ist!«

Ich weiß nicht, auf welche Bemerkung meinerseits das Mädchen von ihm sagte: »Er darf das thun; er ist doch netter als alle Anderen!« Gleich darauf wurde sie abberufen. Herren an einem anderen Tische wollten mit ihr scherzen; aber sie wies sie ärgerlich ab und sah wiederholt ängstlich nach Hugo herüber.

»All' diese Weiber,« sagte Hugo, »sind unglaublich sentimental, wenn eine Gelegenheit dazu da ist. Alle finden, daß ich ein »guter Mensch« bin. Das ist doch hübsch. Ich habe also endlich einen Kreis gefunden, in dem meine Charaktervorzüge anerkannt werden!«

Er sprach heiser und hastig, erschreckend verschieden von seiner ruhigen, beherrschten Sprechweise von einst. Er trank viel und rasch, wie Alle, die keine eigentlichen Trinker sind. Das Mädchen kam wieder und trank mit uns, und noch eine zweite weit minder hübsche. Hugo wurde immer angeregter, und sein Gespräch sprühend, die Mädchen lachten, ohne zu verstehen, wie er sie und sich selbst verhöhnte. Bei alledem lag über der ganzen »Orgie« etwas so trauriges und fahles und ödes, daß ich jeden Augenblick gern aufgestanden und fortgegangen wäre.

»Wie ist's nur möglich – möglich?« fragte ich ihn.

»Ich kann nicht anders,« antwortete er; »und jetzt lüg' ich niemanden mehr an und niemand mich. Wir haben das häßliche Thier erkannt, das in uns steckt, und verleugnen es nicht mehr: «Psyche, das Seelchen, ist's mit ihren Flügeln; rupf' sie ihr aus, so ist's ein ekler Wurm!» Die Flügel sind schon lange beim Teufel.

Und Du, gelernt hab' ich – gelernt! Ein Bild möcht' ich malen, wenn ich malen könnte – eine »Impudicitia«; keine Schlange, kein Skorpion, kein Symbol dürfte darauf sein, – nichts als die nackte Gestalt, und auch da keine grobe Geste, an sich müßte es die Unzucht sein, im Aug' muß es liegen und in den Lippen und im ganzen Leib – (hier sagte er eine Menge technischer, malerischer Details, die ich vergessen), – das Geheime und Beschämende, das Tragische darin, gräßlich abstoßend muß es sein und doch mit jener merkwürdigen Anziehung, die sie für so Viele hat! . . . Für mich hat sie's nicht! Glaub' das nicht! Es ist ein elendes Surrogat! »D'être seul je suis las, enfin.« Ich werde Dir etwas sagen, was tief symbolisch ist,« Er sprach ganz leise: »Einmal hab' ich eine nackte Figur von ihr modelliren wollen, von ihr, Du weißt, wen ich meine, – und das Mädel, das jetzt bei uns gesessen ist, – die hat so ungefähr ihre Gestalt, – die wollt' ich Modell sitzen lassen. Sie ist ein liebes Ding und war schon mehrmals mein Modell, aber gerade dazu, gerade dazu – das ging nicht – höllisch war es!«

Es war gegen drei Uhr und wir die letzten Gäste im Lokal. Die beiden Mädchen sprachen leise mit einander, und als Hugo seinen Winterrock nahm, nahm auch Irma zögernd ihre Jacke und sah fragend nach ihm. Er sah nicht nach ihr, und wir gingen.

Wir standen draußen in der kalten, trübseligen Nacht. Er nahm einen Einspänner, führte mich aber nicht zuerst in meine Wohnung, sondern mit nach Mariahilf in sein Haus. »Er werde mir etwas zeigen.« Er führte mich über den Hof in die kleine Werkstatt, die er noch immer benutzte, wenn er allein arbeiten wollte. Er sperrte auf und zündete das Gas an, nahm die Tücher von einer Büste, in der ich sogleich Antonie erkannte. Während ich sie noch betrachtete – sie war ganz unfertig, und das ging über mein Verständniß – öffnete er einen großen Holzschrank und zeigte mir eine Menge von Skizzen in Wachs und Gips, alle dasselbe Porträt, nicht einmal, nicht zehnmal, nein, zwanzig und mehrere Male, in den verschiedensten Auffassungen und Stellungen und mit jedem erdenkbaren Ausdruck versucht. Ich dachte: Was ist diesem Weibe, ohne daß sie es ahnt, hier für ein Triumph bereitet, – wie hat sie die Seele dieses Mannes an sich gerissen!

»Sie soll mein Geschöpf sein,« sagte er, »mein Thon, das Werk meiner Hände! Wenn ich ein großer Bildhauer würde, sie müßte lebensgroß in Marmor werden und müßte das Höchste sein, was je ein Mensch geschaffen, da hülfe ihr kein Wehren und kein Fliehen, sie müßte als mein Geschöpf in die Ewigkeit hinüber!

Gestern hab' ich sie gesehen. Sie ist nicht mehr, was sie war; sie sieht müde und gealtert aus. Ich bin neben ihr gesessen und habe mit ihr gesprochen, als spräche ich mit dem Schatten des Menschen, den ich am meisten geliebt habe. Wir waren in großer Gesellschaft. Es war gräßlich!

Jetzt im Wagen hab' ich mir gedacht, ich könnte ihr durch Dich etwas sagen lassen. Aber nein, es ist doch gleichgültig, ob zwei, die ertrinken, sich noch etwas übers Wasser zuschreien!«

»Was sprichst denn Du vom Ertrinken? . . .«

»Fürs Leben, nicht für die Kunst, nur fürs Leben; da bin ich schon ertrunken und unterm Wasser, in ein Amphib verwandelt; in der Luft und für die Menschen ein Thier, hier herunten Herr und Liebling der Nixen – werd' es wenigstens sein. Wenn daraus was geworden sein wird,« – er wies auf die Büste – »dann bin ich frei – jetzt bring' ich's noch nicht zu stand'.«

»Wenn Du so weiter lebst, wirst Du nie was zu Stande bringen. Man kann nicht drei Intoricationen zugleich durchmachen und aushalten.«

»Was weißt denn Du, was mir noth thut? was weiß denn ein Mensch vom andern. Ich sag' Dir mehr als jedem, – die Wahrheit sag' ich Dir doch nicht!«

»Man weiß von den Menschen nichts und kennt sie doch!« sagte ich – ich erinnerte mich dessen, was Ramberg von ihm gesagt, ich wiederholte ihm das Bild und erklärte es ihm.

Er lachte. »Nun, und wenn die Variable Null wird?«

»Dann muß auch die Function Null werden!« gab ich fast erschreckend zur Antwort.

»No siehst Du,« sagte er ruhig, »wir sind eben Alle was anderes, als das, was die Anderen kennen, als das, was wir selbst glauben und was wir vor uns und den Anderen spielen, ob wir wollen oder nicht. Das ist nicht sehr neu. Aber wem es zum ersten Mal bewußt wird mit allen Consequenzen, der erlebt einen Todesschreck, wie einer, der sich selbst sieht – – – oder wie in einem ekelhaften Traum, den ich einmal geträumt hab': Ich war unter vielen Menschen, die plötzlich alle bemalte Pappe waren, und sie waren naß und klebrig, und die Farben lösten sich von ihnen, so daß sie ganz papierweiß wurden, dabei aber bewegten sie sich fort und sprachen und lachten widerwärtig und fuhren mir mit ihren feuchten Armen an meinem Leib herum. Und plötzlich sah ich, daß auch ich nur aus Pappe war und daß meine Glieder und mein Leib hohl waren und Schnüre in ihnen waren, die irgend jemand zog, und ich mußte mich danach bewegen, und jeder Ruck that mir entsetzlich weh, besonders wenn ich die Augen bewegen mußte, – weißt Du, so wie der Gabillon als Cyclop die Augen mit einer Schnur rollt . . . . es war gräßlich! Wir sind Marionetten des Schicksals, und ich bin nicht mehr so dumm, mich darüber zu ärgern, wie der große Acteur, der hinter und in uns steckt, zieht. – Und jetzt bin ich furchtbar schläfrig. Gute Nacht!«



VIII.

Im Frühjahr ging er von Breyer fort. Sie vertrugen sich gar nicht mehr, und er behauptete, daß der Lehrer ihn nur hemme. – Während er seine Arbeiten alle preisgab und über ihren Unwerth verzweifelte, hatte er im Tiefsten eine ungeheure Meinung von seinem Beruf und nur Verachtung für die anderen Künstler, mit denen er fast gar nicht verkehrte und die er sämmtlich Dilettanten, allenfalls »gute Dilettanten« nannte, auch solche, die in Wien einen Namen hatten. Während er selbst schülerhaftes Zeug schuf, war seine Vorstellung von dem, was zu schaffen war, so ungeheuer, daß er niemanden als Meister gelten ließ.

Im März stellte er im Künstlerhaus zwei Arbeiten aus. Breyer selbst hatte es gewünscht. Das eine war ein Relief in Gips: »Die trauernden Charitinnen«, das in der Composition auffallend, vielleicht absichtlich an die Aldobrandinische Hochzeit erinnerte – nur waren die Gestalten verschieden und bewegter. Der Bräutigam, den ein kleiner Eros hereinführte und ein anderer zurückhielt, war ältlich und unschön; die Braut, deren Züge entfernt an Antonie erinnerten, saß trübe und schmerzlich auf ihrem Lager. Am Kopfende des Bettes stand Hymen und fachte seine Fackel an, während rechts die Charitinnen trauervoll nach dem Lager blickten. Besser als dieses Relief gefiel eine kleine Marmorgruppe »Amor und Psyche« in ganz eigenthümlicher Auffassung: Ein Amor, der zu Tode erschrocken auf die vor ihm liegende Psyche blickt, die mit gebrochenen Flügeln trostlos zu ihm hinaufstarrt.

Die Arbeiten wurden anerkennend erwähnt, aber zu antikisirend gefunden. Hugo ärgerte sich, so oft er das hörte.

»Wer nicht einsieht, daß Gedanken und die Darstellung modern sind und nur das Costüm antik, der ist eben dem Costüm aufgesessen und versteht nichts. Uebrigens pfeif' ich ihnen auf ihre Abneigung gegen die Antike, pfeif' allerdings auch auf die Arbeiten. Es ist Lehrwerk, keine Meisterstücke, aber schließlich muß man einmal anfangen.«

Er miethete ein Atelier weit draußen am Rande des Wiener Waldes, eine Stunde von der inneren Stadt. Dort wohnte er und arbeitete von vier Uhr Morgens an, ließ sich das Essen aus einem nahen Gasthause bringen und ging vor acht zu Bette. Sein Bruder war kurz vorher nach Wien versetzt worden, hatte geheirathet und war in das Haus zur Mutter gezogen, und für Hugo wäre kein Platz geblieben.

Ich kam oft zu ihm hinaus und mußte ihm den Homer und andere Griechen in der Uebersetzung vorlesen. Er arbeitete an einem »Achilles am Meer«. Das Modell war in halber Lebensgröße; der Heros saß nackt und ohne Waffe auf einem Felsstück, den Kopf schwermüthig auf den linken Arm gestützt, den rechten halb erhoben, eine Muschel zu seinen Füßen, und leicht herangekräuselte Wellen deuteten das Meer an. Motiv der Stimmung waren die Verse:

 

»Mutter, da Du mich nur zu kurzem Leben geboren,
Ehre hätte mir doch der Olympier sollen verleihen,
Der hochdonnernde Zeus! nun hat er mich gar nicht geachtet!«


»Die ganze Mischung von Gott und Kind, die das Genie macht, muß darin sein, wenn ich's anerkennen soll!« sagte ich.

Er nickte lässig und arbeitete fort. Es ward dämmerig, der Duft der Bäume und Wiesen kam herein. Er setzte das Barett auf, das er, wenn's kühler ward, im Atelier gern trug, und ging mit mir auf den Balkon hinaus.

»Die Ungeduld, wenn einmal was im Werden ist,« sagte er, »ist unerträglich. Mein Kopf ist voll von Entwürfen, zu einem einzigen brauchte ich ein halbes Jahr zur Ausführung, und weiß nicht sicher, ob's was wird, – der Künstler ist eben Vater und Mutter zugleich: die Zeugung ist ein wonnevoller Moment, dann aber kommt das schwere und gefährliche Tragen und Ausreifen der Frucht.«

Als der Achill fertig war, lud er mich und einige Freunde ein, ihn anzusehen; er bat um Urtheil und Tadel. Bei mancher Schönheit lag etwas Unbefriedigendes, Unfreies möchte ich sagen, in der Figur; dabei hatte er im Drang, nur ja nicht »Canovahaft weich« zu sein, die Muskulatur übertrieben. »Butter!« nannte er Figuren, deren Modellirung ihm zu weich war, – und er war ins Entgegengesetzte gerathen, aber nur dies eine Mal. Eine der anwesenden Damen, Frau Görz, sagte offen, was ihr nicht genügte; dann meinte sie: »Ich muß Sie um Verzeihung bitten, Sie haben da Monate gearbeitet, und ich stelle mich eine Viertelstunde bequem her und sage alles mögliche Herbe – –  wenn ich Ihnen weh thue . . .«

»Keineswegs!« sagte Hugo. »Wenn Sie mir sagen würden, daß ich kein Talent habe, würde ich heute nicht zerknirscht sein, sondern lachen und denken, Sie können nicht sehen; wenn Sie aber mein Werk angreifen, so hör' ich und bin stumm und suche zu lernen. Wenn ein Baum eine Frucht herabwirft und die Menschen sagen, sie könnte besser sein, – wie lächerlich, wenn der Baum verletzt antworten oder sein Blühen bereuen würde! Er wird neue Frucht geben und wieder Früchte, so lange Leben in ihm ist, und wird sagen: »Nehmt und schimpft!« Und die, die gar nicht einmal aufgehoben werden, sondern am Boden liegen bleiben, sind gerade die, die zu neuer Saat aufgehen. So will auch ich thun, so lang' ihr mir das bißchen Erde und Wasser zum Leben lasset.«

Nach dem Achill formte er einen Eros, eine nackte Jünglingsgestalt in anschreitender Haltung, in zweidrittel der Lebensgröße, mit einem herrlichen schlanken Körper mit herben Formen, der Kopf ephebisch schön, aber gar nicht griechisch, schwer zu charakterisiren und mit drohendem, unbarmherzigen Gesichtsausdruck. In der linken Hand hielt er einen Pfeil, dessen Spitze eine Flamme war, und in der rechten eine Maske. Diese Maske war dasselbe Gesicht, das des Gottes, nur ebenso süß und lieblich im Ausdruck, als es oben hart und tödlich war. Sieghaft, unerbittlich und groß war die Haltung des Ganzen. Auf dem Sockel standen als Inschrift die Verse aus dem Chor der Antigone:


»Dir entrinnt der Unsterblichen keiner
Und keiner der Menschen, der Söhne des Tags,
Und wen Du ergriffen, der raset!«


An der Platte hob sich ängstlich eine kleine Eidechse mit Schwimmfüßen und einem Menschenkopf. Dies wurde, später, als die Statue in Marmor ausgeführt und ausgestellt wurde, für eine Marotte gehalten.

Dies geschah aber viel später. Im Herbst ging er nach Italien und übersiedelte dann gänzlich nach Paris.

Er hatte seine Bücher und Modelle und andere Sachen bereits gepackt, zum Theil schon fortgeschickt, als er noch einmal zu mir kam.

»Ich bringe Dir die Vergangenheit,« sagte er. Es waren seine Tagebücher, Schriften und Briefe, ein beträchtliches, wohlversiegeltes Paket, und darüber hatte er die Worte des heiligen Augustinus geschrieben: »Dies ist die große Macht des Gedächtnisses, übergewaltig mein Gott, ein geheimes Heiligthum, weit und grenzenlos« und mit eigenen Worten fortgefahren: »eine höllische Marter, o Herr, ein Brandmahl und eine Kette und das schlimmste von allen Gefängnissen der Seele.«

»Thu' damit, was Du willst,« sagte er, »lies sie, verbrenne sie, verarbeite sie; aber ich will nichts mehr davon wissen!«

Er küßte mich zum Abschied, und zum ersten Mal sah ich ihn zärtlich; er war es als junger Mensch nicht gewesen, und jetzt waren seine Züge hart und furchig geworden; er war kaum neunundzwanzig Jahre alt und sah aus wie fünfunddreißig.

Vor zwei Jahren sah ich die Reproductionen der Werke, die er ausgestellt, im Figaro illustré: es war der Eros und das endlich gewaltig herausgearbeitete »De Profundis«. Der Erfolg war ein sehr großer; man zählte beide Statuen zu den besten des Salons. Später schickte er mir auch die Photographien.

Im vorigen Jahre überraschte er mit zwei Gemälden, die gleichfalls Aufsehen erregten. Das eine hieß: »La prostituée«, das andere, das in München zuerst erschien: »Pan im Gewitter«, – aber mehr als beide und als alles frühere ward die Büste einer jungen Frau bewundert, die er »La reine triste« nannte und deren Züge ich kannte, noch ehe ich die Photographie gesehen.

»Das Gedächtniß ist auch ein Schacht und ein Acker,« dachte ich mir »und ob er die Freiheit nun wohl gefunden hat?«