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Else Feldmann – Letzte Küsse

Novelle

Else Feldmann, Letzte Küsse, Aus: Arbeiter-Zeitung vom 5. März 1933, Wien, S. 18



In der Nacht, mehr gegen die Frühdämmerung, war der noch junge Maler Cribaum gestorben. Der Arzt hatte ihn bei der ersten Frühvisite um sechs Uhr gefunden. Er lag nur halb im Bett. Vielleicht hatte er sich in Atemnot erheben wollen; sein linker Arm hing über den Bettrand herab. Der Arzt ordnete an: Stillschweigen darüber. Lungenkranke glauben immer, sie müssen morgen sterben.

Um zehn Uhr vormittags rief der Arzt über den Gang, so daß es die Leichten in der Liegehalle unten hören konnten: »Vorwärts, für den Herrn Cribaum eine Mischpfeife aufs Zimmer!« Solche Witze leistete sich der Herr Doktor Kampf.

In der Liegehalle ging Fräulein Bree vorbei. Herr Orgel hob den Kopf vom Kissen, er wurde bleich von der großen Erregung über das, was er tun wollte. Er rief Fräulein Bree zu sich. Er sah sie lange an und merkte, daß sie noch nichts wußte. Er lächelte befreit, wie ein geheilter Kranker und sagte: »Wenn ich will, bekommen Sie im Augenblick weiße Lippen.«

Sie sah ihn bestürzt an, er bog sich zu ihr hin und flüsterte: »Cribaum ist tot.«

Sie schrie ein klein wenig auf wie ein Vogel und lief ins Haus.

Herr Orgel sagte zu seinem Nachbar, der im Begriff war, einzuschlafen: »Hat weiße Lippen bekommen.«

Es war durchgesickert. Todesfälle konnten niemals, wie man sich auch bemühte, geheimbleiben. Gegen Mittag wußten es die meisten Patienten, der blonde Maler Cribaum war gestorben. Nur vor denen, die vor kurzem einen Blutsturz gehabt hatten, wurde es tief verheimlicht.

Aber am begräbnistag sagte der Arzt doch: »Es sind jetzt keine Anverwandten angemeldet, wer sich wohl fühlt und fieberfrei ist, kann Nachmittag mitkommen.«

»Ich habe heute nur 37°5«, sagte ein junges Mädchen. »Darf ich?«

»Nein!« brummte der Arzt.

»Das Wetter ist ziemlich gut«, meinte das Mädchen, »er hat mich zeichnen wollen.«

Sie durfte nicht.

Fräulein Bree war nachmittags immer fieberfrei, höchstens gegen Abend 37°2.

Draußen sagte sie zu Herrn Orgel, der an der Seite mit einem Strauß weißer Blumen stand: »Ich möchte ihn noch einmal sehen. Geht das?«

»Bitten Sie einen der Sargträger in der Halle.«

Fräulein Bree sagte zu den schwarzen Männern mit der Fackel: »Kann ich ihn noch einmal sehen?«

»Es war seine beste Freundin«, sagte Herr Orgel.

Der Träger hob ein wenig den Deckel, Fräulein Bree sah hin; der Deckel klappte wieder zu.

Dann gingen sie hinter dem Sarg, zwanzig Personen – ohne das Personal –, der Doktor Kampf, sein Zimmerarzt, als Erster, in Ermangelung naher Verwandter.

Frau Engel sagte zu Fräulein Bree: »Wie sah er denn aus? Sehr verfallen?«

Fräulein Bree schüttelte den Kopf, ohne einen Laut.

Als sie fortging von der Grube, sagte Herr Orgel leise: »Einen friedlicheren Gesichtsausdruck kann es nicht geben, er ist fast schöner, als er war, die Nase nur etwas zu spitz.«

Die andern waren schon weit vor, Herr Orgel und Fräulein Bree gingen ganz langsam.

»Wie war es zuletzt?« fragte er.

»ich weiß nichts«, sagte sie. Sie sah hilflos und blaß aus.

»Das heißt – ich meine – wie hat es angefangen?«

»Was? Die Krankheit?«

»Aber nein, eure Liebschaft!«

»Es war keine Liebschaft:«

»Doch man sagt, das hat ihn so rasch fertig gemacht, sonst hätte er noch ein Jahr gelebt. Wie war es?«

Er sah sie an wie ein Hypnotiseur, sie mußte reden.

»Es war so, wir haben uns jeden Tag gesehen; einmal hat er zu mir was gesagt.«

»Was hat er gesagt?«

»Ob wir uns nicht sehen könnten – allein, ich habe ja gesagt; er hat gesagt, zu mir können Sie ruhig kommen, ich bin ungefährlich, viel zu krank. Wer weiß, habe ich gesagt, ich wollte nicht, daß er glaubt, daß er so krank sei.«

»Warum wollten Sie das nicht?«

»Weil er mir leid getan hat.«

»Oder, weil Sie ihn geliebt haben.«

»Ich weiß nicht.«

»Weiter.«

»Er sagte, kommen Sie in der Abenddämmerung, jetzt bleibt es schon lange hell.«

»Dann sind Sie gekommen. Was war dann? Ist er im Bett gelegen?«

»Nein, auf dem Ruhebett, angezogen. Ich hab' mich zu ihm gesetzt. Er hat gesagt: Wie geht es dir, Henriette? Ich hab' gesagt: Viel besser, der Arzt meint, ich werde ganz gesund, nur noch ein halbes Jahr Kur. Er hat darauf gesagt, mir geht es nicht gut; dann sind wir ruhig gewesen, haben nichts geredet. Ich habe seine blonden Haare gestreichelt, er hat meine Hand von seinem Kopf weggenommen und hat sie auf sein Herz gelegt.«

»Sie meinen auf seinen Rock oder auf sein Hemd.«

»Natürlich. Nicht mein Haar streicheln, hat er gesagt, es ist feucht und verschwitzt, nein hab' ich gesagt, es ist trocken und weich wie Seide, du hast ein liebes anmutiges Gesicht, und wenn du lächelst, ist es so schön. Ja, ja, Henriette, hat er geflüstert, was nützt Schönheit und alles miteinander.

Das hat mich traurig gemacht, daß er so traurig war, und ich hab' mich über ihn gebeugt und hab' ihn geküßt auf die Stirn, die Wangen, Schläfen und Augen. Er ist still dagelegen, fast so wie heute im Sarg, mit geschlossenen Augen und hat gelächelt.«

»Aber heute hat er nicht gelächelt«, sagt Herr Orgel rauh, »oder wie?«

»Nein, heute nicht.«

»Weiter.«

»Ich hab' ihn wieder gestreichelt und wieder Stirn und Augen geküßt, und er hat wieder nichts gesagt, wie wenn er gewartet hätte, ist er dagelegen. Dann hab' ich ihn auf den Mund geküßt, da hat er leise gesagt: Endlich. Und hat es auch ganz schwach versucht, mich zu küssen.«

»Wenn Sie einen Schwindsüchtigen im letzten Stadium auf den Mund küssen . . .«

»Es hat ihn glücklich gemacht, es hat ihm die Angst genommen.«

»Und das ist lange so gegangen?«

»Jeden Abend.«

»Sonst nichts?«

»Nein, sonst nichts, er war sehr schwach.«

Herr Orgel blieb stehen und sagte: »Und Sie glauben, daß Sie gesund werden?«

»Bestimmt, der Doktor sagt es.«

»Vielleicht hat er Ihnen nicht die Wahrheit gesagt?«

»Er sagt jedem die Wahrheit, ich fühle mich auch sehr gut.«

»So?« sagte Herr Orgel und straffte sich. »Ich werde in einem Jahr gesund sein.«

»Ich in einem halben.«

»Würden Sie auch zu mir kommen und mich küssen, Henriette?«

»Zu Ihnen? Nein, ich glaube nicht.«

»Ich würde es auch nicht wollen, denn Sie haben eine Schwindsüchtigen geküßt. Wie furchtbar müssen Sie sich angesteckt haben?«

»Aber es hat ihn glücklich gemacht.«

»Was? Wen?«

»Walter Cribaum.«

»Cribaum? Wer? Was ist das noch?«

»Ja, ich werde ganz gesund, in einem halben Jahr, der Doktor sagt jedem nur die Wahrheit.«

»Und ich in einem Jahr«, sagt Herr Orgel und schaut in die Luft.




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