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Else Feldmann – Löwenzahn

Eine Kindheit

Else Feldmann, Löwenzahn, Rikola-Verlag, Wien, Berlin, Leipzig, München, 1921



Ach, wie sind hingeschwunden
Mir alle meine Jahr'.
Hab' ich mein Leben geträumet?
Oder ist es wahr?
Walther von der Vogelweide.




Eines Tages brachte mein Vater viele Silbergulden nach Hause. Morgens, als ich mit ihm über die Stiege ging, wo die Tochter der Hausbesorgerin fegte, sagte er: Mariedl, heute abends bekommen Sie bestimmt die ganze Miete. Sie sah ihn blöde an, lächelte grinsend und sagte: Ist's wahr?

Auch Herrn Fliegelmann, dem Greisler, wurde die Schuld bezahlt. Er war wieder freundlich mit uns und ich durfte das Kaninchen, das hinter der Tür in einem Korbe lag, wieder streicheln.

Es dauerte noch eine Zeitlang und mein Vater ging jeden Morgen fort; in einem neuen Anzug, Überrock und Handschuhen; nachmittags kam er nach Hause, aß und ging wieder; wenn er abends nach Hause kam, schliefen wir schon.

Ein paar Tage war Mutter bei uns geblieben. Dann kam ein älteres, blondes Mädchen, Ploni hieß sie, die blieb bei uns. Sie kannte Zauberspiele, wußte schöne Geschichten zu erzählen und von Pappe konnte sie ein Haus machen, mit wirklichen Fenstern aus Glas. Sie bereitete uns das Mahl, sie wusch und kämmte uns. Auch Kleider nähte sie für uns. Sie war gut und hatte uns gern; wir sie auch.

Es kamen kühle Märztage.

Wo die Sonne nicht hinschien, war es unangenehm kalt.

Jeden Nachmittag gingen wir mit Ploni spazieren. Sie hatte ihre Hände noch in einem Muff stecken, doch überließ sie ihn bald Johanna, die auch an der Sonne fror; und die Leute sahen auf das kleine Mädchen mit dem großen Muff.

Mein Bruder und ich gingen voraus, während meine Schwester sich von Ploni ihre Lebensgeschichte erzählen ließ. Täglich gingen wir über den Stubenring, blieben vor der Kaserne stehen und sahen den Soldaten bei der Abrichtung zu; dann gingen wir noch ein Stückchen hinauf bis zur Pallas Athene, dann zurück nach Hause. Ploni wollte es so.

Wegen Johanna, deren Bein schmerzte, mußten wir sehr langsam gehen, öfter auch auf einer Bank rasten. Ploni tat dies gewöhnlich gegenüber der Kaserne; dann sagte sie zu Johanna, während sie aufseufzte: der Meine war auch beim Militär.

Johanna fragte: Wo ist er jetzt? Und Ploni sagte: Weit weg, bei den Ulanen.

Johanna fragte beharrlich: Aber wo ist er?

Und Ploni sagte: Ah, weiß der Teufel.

Am Abend, wenn wir mit Ploni allein bei der Lampe saßen, erzählte sie uns Geschichten von Räubern. Sie kannte nur solche; jeden Abend eine, sagte sie, und wenn wir sie bestürmten, noch eine, sagte sie, sie kenne im ganzen vierzig Geschichten von Räubern, da könne sie immer bloß eine erzählen, sonst, wenn wir auf einmal alle hören wollten, wisse sie dann nichts mehr. Wenn sie die eine Geschichte erzählt hatte, sang sie ein gar trauriges Lied von einer schönen Gärtnersfrau, das hatte sehr viele Strophen, und wenn sie bei der vorletzten war, kamen gewöhnlich Vater und Mutter. Wir schlichen später zu ihr in die Küche und baten sie noch um die letzte Strophe; sie sang sie uns leise vor.

Wir liebten Ploni sehr. Sie tat uns nie etwas zuleide. Nur manchmal, wenn sie einen halben Nachmittag saß und einen Brief schrieb, wenn Regenwetter war, und sie dann einige Tage auf Antwort wartete und keine erhielt, wurde sie schweigsam und sprach den ganzen Tag kein Wort mit uns.

In der Nacht mußte sie wohl weinen, wenn sie in der schmalen, stockfinsteren, winkligen Küche auf ihrem Strohsack lag, denn in der Früh hatte sie rote, verschwollene Augen und Wangen.

Des Abends kamen Leute zu uns, die wir früher nie gesehen hatten. Sie sprachen von Geschäften, wir mußten dann bei Ploni in der Küche bleiben.

Einmal kam ganz ungewohnterweise an einem Vormittag mein Vater mit einem Herrn, der einem Bilde glich, das Vater in einer Schublade mit anderen Photographien und Schriftstücken aufbewahrt hatte.

Mutter war fort, Johanna in der Schule. Vater nahm mich auf die eine Schulter, meinen Bruder auf die andere und sagte: Das sind zwei meiner Kinder. Und zu uns sagte er: Das ist Wahlmann, mein Jugendfreund.

Ploni kam ins Zimmer. Wahlmann glaubte, es wäre unsere Mutter und verbeugte sich tief. Vater sagte: Was fällt dir ein. Er nahm aus seiner Brieftasche ein Bild heraus und zeigte es Wahlmann; der sah es lange an und sagte: Das kleine Mädchen gleicht ihr; dann sah er wieder das Bild noch länger als früher an und sagte, indem er die Augen schloß: Schön! Du bist ein glücklicher Mensch. Dieses schlanke junge Mädchen mit dem lieben Gesicht ist also deine Frau und das sind deine Kinder?

Vater sagte ja und ließ uns von seiner Schulter zur Erde herab.

Wahlmann küßte erst mich, dann meinen Bruder auf die Stirn. Wir guckten ihn fortwährend an, einen solchen Menschen hatten wir noch nicht gesehen. Er hatte einen großen Kopf mit langem, schwarzlockigem Haar, in dem schon einige weiße Fäden waren. Ein glattrasiertes Gesicht und eine tiefe Stimme. Seine Kleidung war hochgeschlossen, schwarz und fein; der schmale Rand des weißen Kragens war das einzig Helle an ihm.

Er sah sich in unserm Zimmer um und sagte: Reich bist du nicht geworden, das seh' ich, aber du bist ein glücklicher Mann.

Vater fragte ihn: Und du? Er lächelte traurig, spielte mit seinem Spazierstock und sagte: Ich bin noch immer der alte Müßiggänger, der Wanderer ohne Heimat.

Abends hörte ich, wie Vater zu Mutter sagte: Er spricht noch immer in großen Worten; er ist ein Idealist, er wird zugrunde gehen.

Meine Mutter sagte: Ein armer Teufel ist er; er hat kein Heim und keinen Menschen.

Aber Vater widersprach ihr: Wenn er trinkt, ist er glücklich; auch spielt er, er wettet bei den Pferderennen, er muß immer im Rausch sein.

Mutter hatte eine Idee: Wir laden ihn öfter ein.

Darüber war Vater froh. Er sagte, er habe plötzlich ein großes Verlangen nach diesem Genossen früherer Tage. Er schrieb ihm, allein er kam nicht. Vater sagte: So ist er, dieser Mensch, plötzlich wie in die Erde verschwunden. So war es an unserm Verlobungsabend. Ich lade ihn ein, er verspricht zu kommen, wir warten – vergebens. Es vergehen Jahre, man hört, man sieht nichts von ihm. Einmal plötzlich, man kommt aus einer Haustür, man öffnet einen Laden, man steht auf einer Brücke und wen sieht man? Wahlmann. Und er hat sich nicht verändert, immer derselbe Kopf, schwarz und fein, nur daß die weißen Haare sich vermehrt haben.

Ich saß in meinem Winkel und träumte, und auf einmal stand Wahlmann vor mir, wie eine Gestalt aus Plonis Geschichten.


*


Wir saßen lauschend da, wenn Ploni uns erzählte. Sie hielt schon bei der zweiunddreißigsten Räubergeschichte; nun hatte sie nur noch acht. Mein Bruder sagte: Wenn Sie keine mehr wissen, dann denken Sie sich eine aus.

Ploni lachte und sagte: Es waren alle nur ausgedacht. Johanna sagte ernsthaft, das könne sie auch, Märchen erdichten. Sie saß da, ihr schiefes Köpflein in die hohle Hand geschmiegt, bis zum Kinn in Verbänden und sie erzählte uns ein Märchen von einem Wald und von einem Riesen; es war aber nicht Rübezahl.

Ploni fragte sie: Hast du denn auch schon einmal einen richtigen Wald gesehen?

Nein, das hatte Johanna nicht. Ploni sagte: Warte, bis du groß bist. Mein Bruder fragte: Was ist dann?

Dann kommt man vielleicht schon ein wenig herum und da sieht man gewiß auch einen Wald.

Johanna sagte: Wenn ich groß werde . . .

Wir alle wurden still und es wurde uns mühsam zu atmen.

Und Johanna sagte leise vor sich hin wie zu sich selbst: Alle Kinder werden groß.

Die Worte sprach sie einzeln und zuversichtlich aus, aber ihre Stirn war beschattet wie von einer großen Hand.

Ploni sagte und es war, als sähe auch sie die große Hand: Alle nicht, manche müssen sterben.

Johanna war ganz schweigsam und still.

Und Ploni erzählte von einem kleinen Mädchen, bei dem sie einmal war. Das Kind war lustig und sprang den ganzen Tag herum, es bekam alles von seinen Eltern, was es sich nur wünschte. Eines Abends wurde es krank, fieberte heftig und in der Frühe lag es tot auf seinem Bett.

Mein Bruder fragte: Was ist das: tot?

Und Johanna sagte: Ich weiß es; ein Engel kommt und trägt einem die Seele fort; der Körper aber wird eingegraben und später von den Würmern aufgefressen.

Mein Bruder fragte: Ich auch? und du und Marianne?

Johanna sagte: Ja, wir alle.

Und Ploni?

Auch Ploni.

Johannas Gesicht war ganz gelb, wie es aus den weißen Verbänden hervorsah. Im Zimmer roch es nach Ölfarbe und Karbol. Gedämpft hörte man durch das geschlossene Fenster den Lärm der nahen Straße. Unten stritten zwei Weiber. Ein leiser Schnürlregen klatschte an die Fensterscheiben und das flimmernde Licht der Laterne spiegelte sich in den Wassertropfen zu Tausenden von Strahlen. Die Kerze war herabgebrannt und auf einmal erlosch sie.

In der Dunkelheit hatte sich von jeder Seite eine Hand in meine gelegt. Die eine war warm und hatte dünne Fingerlein; sie gehörte meinem Bruder, die andere fühlte sich eiskalt an und feucht und wie Leder; es war die Hand meiner Schwester. Die warmen Finger hielt ich fest, die kalte Hand schüttelte ich ab; sie hatte mich wie ein Grauen erfaßt.

Johanna sagte nichts, aber ihre Hand, die früher wärmend die meine gesucht, hatte sich zurückgezogen. Ich konnte Johanna nicht sehen, aber ich wußte, daß ihre Augen in der Finsternis sich in die meinen bohrten, und daß sie glänzten von ungeweinten, erstarrten Tränen . . .


*


Es kamen ein paar wunderbare sonnige Frühherbsttage.

Um diese Zeit war es am schönsten im Prater. Ploni liebte die weiten Wege in den Auen. Johanna kam nicht mit, weil sie immer gleich müde wurde. Sie blieb zu Hause und wollte Figuren zeichnen. Sie war wieder kräftiger, aber sie mußte geschont werden; die feuchte Luft der Herbstdämmerung wäre nicht gut für sie gewesen.

Ploni führte uns jedesmal neue Wege. Wir fragten: Waren wir hier schon? Nein, hier wart ihr noch nicht.

Hinauf in die Wildnis des Praters, am Saume der großen Feuerwerkwiese und dann hinüber kreuz und quer durch die Krieau beim toten Wasser vorbei. Die rotbraunen Kastanien bedeckten den Boden und gestorbenes Laub, vom Winde zerweht.

Über die Wiesen zog der bläuliche Abendnebel. Im Teiche quakten die Frösche. Wir gingen über einen Steg und waren beim Tiergarten.

Fernher aus dem Walde tönte eine Stimme, Locki daher! . . . woher? . . . daher! . . .

Wir wußten nicht, sprach man zu einem Menschen oder zu einem Hunde.

Ploni nahm uns unter ihren weiten Radmantel und wir schlossen im Gehen die Augen.


*


Am nächsten Tage wollte ich nicht wieder mitgehen. Es war mir bange vor Plonis einsamen Wegen. Auch wäre ich einen Tag gerne zu Hause geblieben, hätte beim Fenster gesessen und hinausgeblickt und gedacht: wie schön wird es jetzt in den Praterauen sein! Vielleicht, wenn es der Zufall will, könnte man auf ein Reh stoßen.

Ein Stück des Weges war ich mit Ploni und meinem Bruder Alexander gegangen, dann drehte ich mich um und lief zurück nach Hause.

Johanna lag in ihrem Bette und schlief. Unter der Decke hervor sahen ihre Füße. Sie hatte Strümpfe an und ein blaugestreiftes Barchentkleid.

Im Nebenzimmer, das wir das schöne Zimmer nannten, hörte ich sprechen. Dieses Zimmer war mit dem unsrigen durch einen Korridor verbunden. Wir durften nur selten hinein. In der Frühe, gleich wenn Ploni aufstand, mußte sie aufräumen, dann wurde die Tür versperrt.

Ich stand und lauschte.

Das war ja meine Mutter, die sprach. Auch die andere Stimme kam mir bekannt vor. Ich schlich mich heran und guckte durch einen Spalt in der Tür ins Zimmer. Wie war es schön da drinnen: die grünen Vorhänge und der Teppich und der samtene Schlafdiwan. Beim Fenster, hinter geschlossenen Vorhängen standen meine Mutter und – Wahlmann, der Jugendfreund meines Vaters. Er stand groß und schlank neben meiner Mutter, die ihm grade bis zur Schulter reichte. Er war sehr fein gekleidet, ganz schwarz. Sein Zylinderhut und sein Spazierstock mit Elfenbeingriff lagen auf dem Tisch, daneben die Handschuhe aus braunem Leder mit gelben Knöpfen.

Auf seinem Arm lag die Hand meiner Mutter. Aber es sah aus, als hätte nicht sie, sondern er sie dort hingelegt. Meine Mutter hatte ein dunkelgraues, hochgeschlossenes Kleid an. Sie sah ganz klein neben ihm aus; unter dem Rocksaum sahen ihre Füße hervor. Die braunen Haare hingen ihr in die Wangen; sie war so süß, daß ich sie gern geküßt hätte.

Aber jetzt sagte er etwas und atemlos lauschte ich. Ihn verstand ich nicht; er sprach sehr leise. Aber Mutter hörte ich sagen, indem sie den Kopf zurückbog: Ich bin neunundzwanzig Jahre.

Er sagte: Und ich über vierzig.

Mutter sagte: Ja, mein Mann ist ebenso alt.

Ich hatte keine Lust, länger zuzuhören, denn er sprach sehr leise, und ich konnte es nicht mehr mit ansehen, wie er Mutters Hand hielt. Ich lief über den Korridor in die Küche und schrie laut, wie in Feuersgefahr: Mama! Mama!

Im Augenblick war Mutter bei mir. Sie war blaß vor Schrecken: Aber Kind, sagte sie.

Mama, ich bin Ploni davongelaufen; ich möchte lieber zu Hause bleiben.

Gut, komm zu Johanna; ich bleibe heute bei euch.

Sie küßte uns lange und blieb bei uns.

Ich nahm mir vor, von dem, was ich gesehen hatte, niemand zu erzählen. Als ich am nächsten Morgen erwachte, glaubte ich, ich hätte das Ganze nur geträumt. Und je mehr Tage vergingen, desto sicherer wußte ich es . . . einen Zylinderhut . . . braune Handschuhe mit gelben Knöpfen . . .

Einmal aber, ich sah grade aus dem Fenster. Wer stand drüben? Mein Vater mit Wahlmann, seinem Jugendfreund.

Heute hatte dieser einen dunkelbraunen Überrock an und trug einen Regenschirm. Aber was hatte er an den Händen? Dieselben braunen Handschuhe mit den gelben Knöpfen, die ich schon einmal gesehen hatte.

Aber zu uns kam er niemals wieder. Lange noch dachte ich, ich hätte das Ganze nur geträumt . . .

Dann dachte ich nicht mehr daran, denn es kam etwas anderes, es kam die Schule.

Eines Morgens stand Ploni an meinem Bett, um mich zu wecken. Sie sagte: Nun steh rasch auf, es ist Zeit.

Ich mußte meine verschlafenen Augen mit dem kalten Wasser waschen. Meine Locken wurden glatt gebürstet; ich zog ein blaues Matrosenkleid an. Ploni führte mich zur Schule. Ich kam in ein großes Zimmer mit Bänken, in denen schon viele kleine Mädchen saßen. Die meisten waren schon gut Freund, hielten sich an den Händen. Ich drückte mich fest in Plonis Arm. Aber da erschreckte mich ein lautes und langes Läuten.

Ploni sagte: Nun muß ich gehen, und machte sich von mir los. Da kam eine große Angst über mich, ich klammerte mich an sie und heulte und schrie fürchterlich. Da fingen auch andere Kinder zu weinen an. Ploni war auf einmal fort.

Mit dem Verhallen des Klingelzeichens trat eine alte, große, magere Frau ein. Sie trug ein schwarz-grünlich verschossenes Kleid und große Filzschuhe an den Füßen; am Arme baumelte ihr ein riesiger Beutel. Sie hatte eine glatte, enge Frisur mit einem abstehenden Dreher; und sie hatte auch ein vorstehendes oberes Gebiß. Das Fürchterlichste aber waren ihre Augen, wenn sie die Brille herunternahm, um sie zu putzen. Ihre Stimme war rauh und sehr laut, sie erschreckte uns damit. Ich habe sie niemals freundlich gesehen; nie hat sie gelächelt. Ich war immer froh, wenn ich wieder zu Hause war. Schreckhaft war es anzuhören, wenn sie ein Lesestück Silbe für Silbe vorsprach, jedes Wort einförmig betonend. Es hörte sich an wie eine Trauerklage.

Hob ein Kind die Hand in die Höhe, schrie sie es an: Was, hinaus willst du? Geh zu Hause! Kam ihr dann eine »verdächtig« vor, ging sie hin, führte sie auf die Treppe, und alle mußten sie auslachen wegen ihres nassen Kleidchens. Da aber im Laufe des Jahres alle drangekommen waren, brauchte sich keine mehr vor der andern zu schämen.

Sie gab uns Namen: Du mit dem häßlichen Gesicht! Du mit der schmutzigen Nase! Du mit dem zerrissenen Ärmel! Zu mir sagte sie: Du Schlafmütze, morgen bring dir ein Kissen mit!

Ich litt in dieser Zeit an einer entsetzlichen Schlafsucht. Kaum war ich eine Stunde in der Schule, quälte es mich schon, daß ich den Kopf auf die Bank legen mußte und in tiefen Schlaf versank. Dann kam die Lehrerin unhörbar auf ihren Filzsohlen und weckte mich, indem sie mich mit kaltem Wasser begoß.

Diese Schlafsucht dauerte die ersten Jahre meiner Schulzeit und hat mir viel Leid und Kummer gebracht.

Es war ein Jammer, daß ich keine Freundin finden konnte und immer so allein herumstehen mußte. Es schien, daß ich allen überflüssig war. Meine Eltern hatten ihre schweren Sorgen um die Erhaltung der Familie und sie hatten Johanna, die krank war, und Alexander, der laut und fröhlich durch das Haus sprang und Ploni, die ihnen half; dann hatten sie noch sich selbst.

Von meinem Bruder trennte mich sein allzu lautes Geschrei, von meiner Schwester ihre allzu große Stille. Ploni war gut, aber sie befreite sich von mir, wo sie nur konnte; und mir war so bang vor ihren traurigen Liedern.

Wenn die Schule aus war, gingen die Mädchen paarweise, auch mehr, plaudernd, lachend. Im Winter warfen sie Schneeball, im Sommer gings durch den grünen Park; sie haschten einander, während die breiten Strohhüte ihnen den Nacken hinabrutschten.

Dann ging ich die Häuserreihe entlang, immer an der Wand und sah ihnen zu; an Tagen, wo Johanna zu Hause bleiben mußte, ging ich allein den Weg.

Ich konnte keine Freundin finden. Oft nahm ich mir vor: Morgen frage ich die oder die, ob sie meine Freundin sein möchte. Jede wäre mir gleich recht gewesen.

Da war ein Mädchen, das über die anderen hinausragte. Es wurde in der Klasse viel von ihr gesprochen und einmal kam der Herr Oberlehrer und sagte: Hauer, sage zu Hause, es soll deine Mutter kommen. Martha Hauer versäumte in jeder Woche viermal die Schule, und man hatte erfahren, daß sie beim Opernballet mitwirkte. Es war ihre Mutter gekommen und hatte erklärt, sie nähme sie nicht aus der Oper, lieber nähme sie sie aus der Schule. Martha war ein reizendes Kind mit einem weißen Engelsgesicht.

Zwei Tage, nachdem ihre Mutter da war und alle nur von Martha Hauer sprachen, redete ich sie auf der Straße an: Möchtest du vielleicht meine Freundin sein; ich mag dich gern leiden.

Martha Hauer lächelte eigentümlich und sagte: Aber geh, ich hab' ganz andere Freundinnen.

Ich fragte: Wen hast du?

Ach alle. Die Primaballerina und die in der zweiten Quadrille und das ganze Corps de ballet und erst die Tänzer! Einen solchen Berg Bonbons habe ich zu Hause.

Ich konnte nichts sagen vor Staunen, ich sah sie nur an. Dann sagte sie mir Adjö, sie müsse jetzt sofort nach Hause, denn um zwei Uhr wäre die Probe, wo sie in einem roten Gazekleid als Teufelin um die Primaballerina zu tanzen habe.

Martha Hauer als Teufelin in der großen Oper! Mein Kopf konnte das nicht fassen. Ein paarmal suchte ich noch in ihre Nähe zu gelangen, ob sie mir wieder von der Ballerina erzählen würde – ich wäre schon darüber sehr froh gewesen – aber es kam nicht vor; Martha Hauer sprach nie wieder ein Wort zu mir.

Olga Welt gefiel mir, weil sie Überschuhe und ein samtenes Kleid trug und weil sie zugleich lachen und weinen konnte. Sie war auch fast immer lustig, und sie war die einzige, über die unsere Lehrerin eine Sekunde lang gelacht hatte. Ich hätte mich gern mit Olga Welt befreundet, doch wie ich zu ihr ging und mit ihr sprechen wollte, sagte sie, sie möchte ganz gern meine Freundin sein, doch erlaube es ihre Mama nicht, daß sie mit armen Kindern verkehre. Sie ging immer mit Grete Hupfeld und Klara Martin; die hatten gleichfalls Überschuhe und im Frühling, wenn es geregnet hatte, kamen sie in schottischen Mänteln.

Ich ging noch am selben Tage zu Ploni in die Küche und fragte: Ploni, bin ich ein armes Kind?

Freilich bist du ein armes Kind.

Warum, Ploni?

Weil deine Eltern kein Geld haben.

Ja, das begriff ich.

Ich warb nun nicht mehr um Olga Welt und hatte auch nicht mehr den Mut, eine andere zu fragen, sondern ging fortan allein, die Wand entlang.

Ich nahm mir vor, fleißiger zu sein als alle anderen. Aber es ging mir sehr schwer; am schwersten ging es mit dem Schreiben und mit dem Rechnen. Und wenn die Lehrerin fragte: Sind alle fertig mit dem Satz? sagten alle ja, nur ich war noch nicht fertig. Dann kam sie und sagte: Leg' einmal die Hände auf die Bank! und schlug mit dem Lineal darauf: zwei-, drei-, viermal fest – so, sagte sie, hast du genug? Wie aus Holz sind deine Finger.

Die Mädchen lachten. Die Lehrerin hatte ihrem Zorn Luft gemacht, war wieder ruhig, nahm die Brille ab, um sie zu putzen, und es kamen ihre schrecklichen Augen zum Vorschein. Ich saß da mit meinen hölzernen, geschlagenen Fingern. O wie war mir so bange!


*


Dann kam ein Jubel, Jubel ohnegleichen. Wir zogen aus dem Hause fort, in ein anderes Haus. Die Fenster gingen in einen Lichthof. Da gab es Katzen; braune, schwarze, schneeweiße mit Glasperlenaugen; die schrien morgens wie kleine Kinder; dann wurde ein Tisch in den Hof gebracht; die zwei Kürschnergehilfen legten einen Pelz hin und klopften ihn mit einem Rohrstock im Takte. Dann kamen die Kinder aus dem Trödlerladen im Hofe mit ihrer häßlichen alten Bulldogge Drotschke, die aussah, als hätte sie Brillen, und unserer Lehrerin überhaupt sehr ähnlich war.

Drotschke! rief ich hinunter und warf ihm einen Stein zu.

Drotschke bellte; er war immer voll Verdruß. Schnapp mich! da hast mich! rief ich. Dann kam Milka, das Mädel des Trödlers, schwarzhaarig, bloßfüßig, mit ihrem Bruder Lorenz, dem Galgenstrick, wie sein Vater ihn nannte, und riefen hinauf: Komm 'runter, komm 'runter, wir gehen zur Donau, Pudelscheren zuschauen.

Ich rief: Wer geht?

Sie schrie hinauf: Du, nimm deinen Bruder mit, ich meinen und Drotschke.

Ja, ich komme.

Und ich ging vom Fenster weg.

In dem Augenblick hörte ich, wie Ploni zu meinen Eltern sagte: Aber bitte – ich trag' die Ohrringe und die Brosche hinein; vier Gulden bekomme ich darauf. Was glauben Sie, die Kinder müssen wieder einmal ein warmes Essen kriegen . . .

Von unten herauf rief es: Komm!

Die schwarze, bloßfüßige Milka schrie: Komm 'runter! Komm 'runter.

Ich komme! ich komme! jubelte ich.


*


Und so wurde Milka meine Freundin. Freilich war sie ein arges Mädel und sie erzählte mir, sie habe beim Kaufmann Äpfel gestohlen, als er sich einen Augenblick umgedreht hatte, um einer Frau auf einen Gulden herauszugeben.

Aber was tat's? Ich hatte eine Freundin! Milka hatte einen trunksüchtigen Vater; ihre Mutter handelte mit Dienstboten, alten Kleidern und Juwelen. Die Kinder wurden oft heftig beschimpft und geprügelt und bekamen nichts zu essen; das war die Erziehung. Aber sie waren bereits so verkommen, daß sie sich nichts mehr daraus machten und Lorenz fing schon an, seine Mutter zurückzuschlagen. Doch was Freundschaft ist, wußten sie allein. Oft hörte man ein fürchterliches Geschrei unten im Laden.

Nun geht wieder alles drunter und drüber, sagten die Leute. Man sollte dem Menschen die zwei Kinder wegnehmen.

Was, Kinder! sagte einer – fertige Verbrecher. Bei dem Vater kein Wunder!

Nachher saßen Milka, Lorenz und Drotschke auf einem Handwagen, alle drei verprügelt und verheult, schmutzig, schwarz, mit bösen, wie vergifteten Gesichtern.

Mit ein paar Sprüngen war ich unten bei ihnen.

Warum habt ihr so geschrien? fragte ich sie.

Ach, der Hund hat uns geprügelt, sagte Lorenz.

Welcher? Dieser?

Nein, sagte Milka, unser Vater; der da ist Drotschke, unser Freund. Aber kommt, jetzt wollen wir zu den Pudelscherern, hol' ihn unterdessen der Teufel.

Und alle jagten wir mit schallendem Gelächter davon; es war wie ein Indianergeheul.

Auf der Wiese bei der Donau war es kühl und luftig. Das Wasser rauschte heran, blau, grün, und man sah die Fische mit den kleinen Wellen dahinziehen.

In unserer Nähe saßen alle möglichen Leute, und viele, viele Gassenbuben, alle barfuß und zerlumpt. Auch ein Fischer mit der Angel war da. Ringsherum, bis zur Mauer hinauf, bis zu den kleinen Steinen waren gelbe Blumen. O wie wunderbar sie glänzten auf der schmutzigen Erde, mitten in Mist und Butterbrotpapier. Ich pflückte sie behutsam, ich hielt sie in meinen Händen, ich sah sie an; wie schön sie waren! ich band sie zu einem kleinen Strauß, um sie Ploni mitzubringen.

Bis weit hinauf zur andern Brücke saßen am Ufer die Pudelscherer. Leute kamen mit Hunden und die Scherer hatten alle Hände voll zu tun. Wenn die Hunde fertig waren, tauchten sie unter, man warf ihnen Steine und Stöcke zu, die brachten sie wieder aus dem Wasser heraus. Es war ein lustiges und reges Leben.

Mein Bruder machte es wie Lorenz, zog Schuhe und Strümpfe aus und machte es sich so gemütlich, als wenn er dort der Herr gewesen wäre. Ich hätte mir nicht Schuhe und Strümpfe ausziehen mögen! Im sumpfigen Grase lag ich. Meine Augen suchten die Höhe, am Himmel die Wolken, die weißen, klaren, von rußigen Schloten häßlich geschwärzt und verfinstert. Vom Kai her, jenseits des Ufers kamen die Stimmen von Menschen und mengten sich mit den leise rauschenden Wellen des Flusses; dazwischen klang das zarte Geklingel der Pferdebahn.

Die schwarze Milka hatte mir ihr junges Diebsgesicht zugewendet und ihren Arm vertraulich um meine Schulter gelegt. Ist es nicht gut hier, besser als zu Hause?

Ja, Milka, ja.

Wenn am Kai die ersten Lichter aufblitzten, gingen wir nach Hause. Milka lachte allen Vorübergehenden frech ins Gesicht, nachdem sie sie vorher scharf angeblickt hatte, mit ihren großen, traurigen Augen, als wollte sie sagen: Ha – Ihr! – Ihr! – Im Hausflur reichte sie uns zum Abschied die Hand. Leb wohl! und morgen kommt ihr wieder!

Ja, ja.

Und ihre Vagabundengestalten verschwanden mit Drotschke, der Bulldogge, hinter der Tür, die in den Lichthof führte.

Oben gab ich Ploni die Blumen: Schauen Sie, was ich Ihnen mitgebracht habe.

Ploni war ärgerlich auf uns, weil wir mit den Gassenkindern gingen, sie hatte es uns schon einmal verboten, und weil sie keine Zeit hatte, mit uns zu gehen, sollten wir warten. Wir wollten nicht warten und trieben uns lieber herum.

Ploni! sagte ich von ganzem Herzen, und hielt ihr die Blumen hin – ich wollte, daß sie wieder gut war – sie aber klatschte mir auf die Hand: Wirf das weg, sagte sie, Pfui.

Warum? – ich weinte – es sind ja Blumen.

Pfui, das sind keine Blumen, das ist Unkraut. So ein Unkraut wie ihr – ihr seid ja unter die Gassenkinder gegangen.

Aber es sind ja Blumen, sagte ich.

Das pflückt man nicht. Es ist Löwenzahn, wirf es weg.

Und sie nahm den lieben, lieben Löwenzahn und warf ihn aus dem Fenster in den Lichthof zu Drotschke.

Aber Ploni war nicht lange böse. Es war noch nicht Abend, als sie wieder lieb mit uns war und auch wegen Milka sagte sie nichts mehr.


*


Ein Glück kommt selten allein. In derselben Woche schloß ich mit einem Mädchen aus der Klasse, Annerl Neuber, Freundschaft. Sie wohn­te bei ihrer Tante, einer Wäscherin; ihre Eltern waren Förstersleute auf dem Lande.

Es fing damit an, daß ich ihr meine Frühstücksemmel gab, da sie ihre daheim vergessen hatte. Wir gingen zusammen nach Hause und sprachen über allerlei, über die Lehrer und über die Schülerinnen. Annerl erzählte, daß sie zum Beispiel von Toni Grippa schauderhafte Geschichten wisse; wenn die Lehrerin es erführe, gäbe es für Toni Grippa eine Sittennote.

Freilich wollte ich es gerne wissen, was es von Toni Grippa für Geschichten gäbe. Doch Annerl sagte, nein, ein andermal, morgen, übermorgen!

Ich verschenkte an Annerl Federhalter, Tintenwischer, ich brachte ihr von Johanna, die ohnehin krank zu Bette lag und sie nicht brauchte, Notizbücher mit Bleistiften und fast täglich gab ich ihr meine Frühstücksemmel.

Einmal war Annerl zu uns gekommen. Aber Ploni flüsterte mir zu, es wäre besser, wenn jetzt niemand Fremder zu uns käme.

Ich fragte, warum, Ploni?

So.

Da ging halt ich zu Annerl. Jedesmal stand ihre Tante am Waschtrog oder beim Bügelbrett.

Annerl mußte sich selbst den Kaffee auf dem Spirituskocher wärmen. Die Tante packte unterdessen den Korb voll Wäsche und Annerl sagte zu mir: Du, fass' da an, und ich da. Ich faßte an. Wir mußten in verschiedene Gassen gehen, die Wäsche abliefern.

Wenn du Trinkgeld kriegst, rief ihr die Tante nach, vernasch' es nicht, in die Sparbüchse kommt es.

Wir gingen die Gasse hinunter.

Ich kann nicht mehr, Annerl, sagte ich.

Aber, sagte sie, der Korb wird ohnehin bald leer. –

Ich bekam Schwielen an den Händen und ich hustete von der Anstrengung.

Einmal sah mich zufällig meine Mutter, als ich den schweren Korb trug. Sie war sehr böse und zerrte mich an der Hand weg von Annerl. Zu Hause halte ich ein Mädchen, damit sie für euch arbeitet, und du, dummes Kind, trägst schwere Körbe! Nie wieder sollst du das tun.

Ich dachte nach: Freilich war es entsetzlich, bei jedem Wetter die Stöße mit Wäsche zu tragen, daß man oft glaubte, man könne nicht weiter – trotzdem Annerls Tante zu uns gesagt hatte, das stärke die »Muschkulatur«.

Aber wie war es wieder herrlich, wenn man zu Milka sagen konnte: Nein, heute kann ich leider mit dir nicht gehen, denn ich bin bei meiner Freundin Annerl eingeladen. Ebenso wie es herrlich war, zu Annerl zu sagen: Leider – heute gehe ich mit meiner Freundin Milka spazieren.

Gewöhnlich ging ich dann mit keiner, blieb zu Hause und sah aus dem Fenster in den Lichthof hinab und dachte: Ja, ich habe zwei Freundinnen, die eine hat eine Bulldogge und wird täglich geprügelt, die andere muß zu den Leuten die Wäsche tragen und die Trinkgelder in die Sparbüchse geben.


*


Johanna sagte zu mir: Bleibst du auch einmal zu Hause? Ja, sagte ich, heute haben meine Freundinnen eben keine Zeit.

Johanna sah mich trüb an: Dann lärmt ihr immer so, wenn ihr kommt und weckt mich auf; immer mit so lautem Geschrei kommt ihr und erschreckt mich.

Alexander lärmt.

Nein, du, ihr beide; du am meisten. Ich erkenne deine Stimme.

Nun ja – vielleicht – wir unterhalten uns immer so gut.

Johanna zog die Decke über den Kopf. Laß mich, ich will nichts hören. Geh fort von da.

Warum sprach ich von Unterhaltung? Wir hatten uns noch nicht ein einziges Mal unterhalten . . .

Annerl wollte nichts ausplauschen, von dem, was sie über Toni Grippa wußte. Sie sagte: Morgen! Aber morgen bekam sie wieder meine Frühstücksemmel und nichts erzählte sie.

Bis ich es einmal doch erfuhr . . .

Es war nach acht Uhr. Der Unterricht hatte schon begonnen. Es herrschte eine merkwürdige Unruhe in der Klasse. Rechenstunde war und die Lehrerin schrieb an die Tafel. Auf einmal nahm sie die Brille herunter und starrte mit ihren schrecklichen Augen in die Richtung, wo Nora Hadik saß. Nora Hadik war das bravste Mädchen in der Klasse.

Jetzt hatte sie den Kopf in den Arm vergraben und ein ganz heißes, ganz unglückliches Weinen schüttelte sie. Aller Augen und aller Aufmerksamkeit waren auf sie gerichtet.

Hadik, steh auf, sprach die Lehrerin.

Nora Hadik vergrub nur noch mehr ihren Kopf.

Bitte, sie weint, rief es im Chor.

Da ging die Lehrerin zu ihr und sagte noch einmal: Steh auf! Kopf in die Höh'.

Sie stand nicht auf.

Die Lehrerin sagte zu einem Mädchen: Hole den Herrn Oberlehrer aus der Kanzlei.

Der Herr Oberlehrer kam.

Schaun Sie, was Nora Hadik macht, sie trotzt.

Der Herr Oberlehrer sagte in scharfem Befehlston: Du, komm einmal heraus, was gibt es denn?

Und über Nora Hadiks Lippen stürzten die hinausgeschluchzten Worte: Bitte, Herr Oberlehrer, Toni Grippa hat erzählt, wieso es käme, daß die kleinen Kinder auf die Welt kommen.

Eine Minute tiefsten Schweigens.

Nora Hadik hatte sich wieder niedergesetzt und ihre Augen versteckt, ihr ganzes rotflammendes Gesicht versteckt.

Der Herr Oberlehrer sah die Lehrerin an; die Lehrerin sah Toni Grippa an.

Das Gesicht des Herrn Oberlehrers war von einer milden und freundlichen Helle, wie wenn es ein Sonnenstrahl getroffen hätte, mitten in tiefer Arbeit.

Die Blicke der Lehrerin waren voll Haß, wie wenn man sagt: Hund, abscheulicher! Scheusal!

Die Mädchen sahen abwechselnd auf den Herrn Oberlehrer, auf die Lehrerin, auf Toni Grippa und auf Nora Hadik.

Ich blickte Annerl Neuber spöttisch an: Siehst du, jetzt weiß ich es, auch ohne daß du es mir sagst. Ich wußte nichts.

Der Herr Oberlehrer sagte streng: Grippa, du bekommst eine Sittennote, und dein Vater soll kommen, nicht deine Mutter, dein Vater.

Ich hab' keinen Vater.

Dann soll dein Vormund zu mir kommen.

Ja, bitte.

Die Lehrerin sagte beim Hinausbegleiten: Ein total verdorbenes Geschöpf!

Der Herr Oberlehrer strich mit seiner weißen Hand über sein graues Haar und rückte an seinem goldgefaßten Zwicker. Dann reichte er der Lehrerin die Hand und sagte: Lassen Sie es, Fräulein. Und leiser sagte er: Man muß der Sache keinen großen Wert beilegen, vielleicht plappert sie nur nach, was sie zufällig gehört hat.

Da machte die Lehrerin ein zorniges Gesicht: Sie irren sich, darin liegt System.

Der Herr Oberlehrer sagte: Nun, ich will nichts Böses glauben.

Es war ihm vor kurzer Zeit ein junger Sohn gestorben, eine junge Tochter hatte nach Brasilien geheiratet.

Die Lehrerin hatte keinen Sohn und keine Tochter.

Als der Herr Oberlehrer die Tür hinter sich geschlossen hatte, sagte sie zu Toni Grippa: Du wirst noch extra nachsitzen, verderbte Kreatur.

Und zu Nora Hadik sagte sie: Du stellst dich in die Ecke für eine halbe Stunde.

Es war ein Ereignis, daß Nora Hadik draußenstehen mußte, denn sie war ein sehr braves Mädchen. Als Nora Hadik fünf Minuten gestanden hatte, sagte sie weinend: Bitte, ich kann nicht so lange stehen, ich habe ein wehes Knie. Und sie schob ihren Rock hinauf, zog den Strumpf herab und zeigte ihr wehes Knie.

Da schrie die Lehrerin auf: Was, dein Knie zeigst du her, du ungezogenes Mädchen. Du wärst imstande gewesen, auch dem Herrn Oberlehrer dein Knie zu zeigen, wenn zehn Minuten vorbei sind, kannst du dich setzen.

Und die Lehrerin sagte zum Schluß, daß keine mir mit Toni Grippa ein Wort spricht.

Ich erzählte alles Ploni und Johanna.

Ploni sagte: Ja, so werden die Kinder in der Schule verdorben.

Johanna sagte: Warum verdorben? und ist es vielleicht etwas Böses, wenn sie ihr Knie herzeigt; das Knie gehört doch ebensogut zu ihr, wie ihre Hand, Körper ist Körper. Ich wollte, ich wäre schön . . .

Ich weiß nicht, was Johanna jetzt dachte, sie wiederholte traurig: Man muß schön sein!

Ploni sagte: Dann ist man es immer für die anderen, und die machen einen unglücklich.

Johanna nickte, sie dachte nach.

Ja, es mag sein . . .

Und sie sah mich an, todtraurig, voll unendlichen Kummers und Grams, so klein und jung sie noch war . . .

Ploni sagte plötzlich zu uns: Kinder, ich muß euch etwas sagen. Ich werde nur noch ein paar Tage bei euch sein können; vielleicht bleibe ich noch bis Sonntag.

Was, Ploni?

Ich muß fortgehen, Kinder.

Ploni . . .

Ja, Kinder.

Nein, Ploni, nein; Sie machen einen Scherz, einen dummen, kleinen Scherz.

Nein, Kinder, Kinder, nein.

Ich dachte im Augenblick: Gut, ich habe Milka und ich habe Annerl.

Und Johanna dachte: Dann habe ich niemand.

Ploni, warum?

Ich hab' bei euch keine Zukunft.

. . . Zukunft?

Ja, ich muß sehen, daß ich wo unterkomme. Ich bin nicht mehr jung.

Meine Schwester schaute mit ihren kranken, tränenlosen Augen ins Leere.

Sie wollen von uns fort? fragte sie.

Ich will nicht, ich muß. Euer Vater hat es mir heute gesagt. Wenn ich wo bin, vielleicht kann ich euch helfen, und ich werd' euch auch besuchen . . .

Ich dachte: Ich habe Annerl und Milka und auch Milkas Bruder, könnte man sagen, und Drotschke.

Johanna dachte: . . . niemand . . .

Ploni sagte: Wie andere Dienstmädchen Sonntags auf den Tanzplatz gehen oder ins Wirtshaus, so werde ich jeden freien Sonntag zu euch kommen.

Warum nur, Ploni? Warum?

Ich habe nichts mehr. Ich muß mir wieder etwas verdienen.

Wir sprachen nicht mehr darüber und dachten nicht mehr daran. Als aber der Sonntag herankam, wurde uns das Herz schwer. Meine Mutter wirtschaftete herum und sagte zu Vater: Jetzt möchte ich sie schon am liebsten fort haben, es ist mir so peinlich, daß wir ihr nichts geben können. Und Vater sagte: Es ist auch wegen der Kinder; sie sind so sehr an sie gewöhnt, sie werden weinen. Wenn es erst glücklich vorüber wäre!

Gegen Mittag bekam ich Herzklopfen vor Erwartung. Nun dachte ich nicht mehr an Annerl und nicht mehr an Milka; ich dachte nur immer: Ploni geht.

Johanna wollte allein sein, still sitzen und schweigen.

Mein Bruder Alexander sprang um Ploni herum, die ihr schwarzes Trauerkleid mit Benzin putzte.

Mutter kam ins Zimmer, machte heftig die Tür zu und sagte: Nun putzt sie seit einer Stunde an ihrem Kleid. Es ist peinlich, daß sie so fortgehen muß, ohne daß wir ihr das geringste geben können.

Es war ein kalter, frostiger Apriltag. Und doch blieb es schon so lange hell. Den ganzen Tag diese Helle.

Ich dachte: Morgen ist wieder ein Schultag, wie wird es sein, wenn ich mittags nach Hause komme?

Und in derselben Minute sagte meine Mutter: Siehst du, wenn du morgen aus der Schule nach Hause kommst, ist Ploni nicht mehr da. Ist es dir sehr leid?

O ja, Mama.

Mir scheint, ihr habt Ploni lieber als mich?

Nein, aber wir haben sie sehr lieb.

Ihr möchtet wohl gern, daß sie dableiben soll?

Johanna rief laut: Ja, Mama.

Es geht nicht, Kinder – leider . . .

Ploni sagte zu Johanna: Warte, ich werde dir dein Bett machen; erst werde ich es gut lüften, dann werde ich es dir gut machen, recht gut.

Mutter wurde ärgerlich: Lassen Sie, Ploni, ich kann das auch. Richten Sie einstweilen Ihre Sachen zusammen.

Ploni räumte ihren Koffer ein. Wir standen schweigend dabei und sahen zu. Sie sperrte eine Kassette auf und ließ uns hineingucken: ein paar Photographien, ein Gebetbuch, ein Rosenkranz (noch von der Firmung), getrocknete Blumen und ein Tüllschleier.

Wir fragten: Was ist das? was ist das?

Ah, neugierige Katzen, verbrennen sich die Pratzen . . .

Nein, Ploni, die Bilder . . .

Also, das sind meine Eltern – gewesen – das mein Bruder, mein anderer Bruder, so – und jetzt nichts mehr . . .

Und Ploni legte ihre Hände wie segnend über die Kassette.

Aber dieser, Ploni, der Soldat?

. . . Auch ein Bruder . . .

Nein, Sie haben nur zwei Brüder.

Gut, dann hab' ich nur zwei Brüder, der ist wer anderer . . .

Wo sind die alle hin, Ploni.

Die alle sind tot.

Tot?

Ja, tot, tot, tot.

Und heute Ploni – wo werden Sie heute Nacht schlafen?

Bei andern fremden Leuten.

Immer bei fremden Leuten?

Ja, immer bei fremden Leuten.

Wir wollten es nicht glauben, aber auf einmal stand Ploni vor uns in ihrem schwarzen Trauerkleid, küßte uns, sagte uns Lebewohl und war fort.

Gegen Abend kamen zwei Dienstmänner und holten ihren großen Koffer ab und die Schachtel, wo ihre Pelzmütze, ihr Muff und ihr Sommerhut aufbewahrt lagen.

Wir saßen traurig da und sahen die Wände an und suchten Ploni mit unseren traurigen Herzen und glaubten, jetzt und jetzt müßten wir eine wohlbekannte Stimme hören: Kinder, eine Räubergeschichte, aber eine ganz neue. Es war nichts . . . Mein Vater stand in der Küche und kochte Kaffee und meine Mutter nähte und nähte bis in den grauenden Morgen . . .

Über Nacht war heimlich der Frühling gekommen. Es war der Tag, an dem die gelben Blumen auf allen Wiesen und Grasplätzen der Stadt wieder da waren: Guten Morgen! guten Morgen! wir sind da! Wo die Schwalben, wieder heimgekehrt, über Vorstadthöfe dahinzogen, in denen ein alter Brunnen plätscherte und arme Kinder sich im Reigen drehten, während ein Leierkasten spielte:


. . . Du meine Wonne
Du all mein Glück, meine Lust
Gedenke mein . . .


Wir sind da! Guten Tag! guten Tag! zwitscherten die Schwalben über den Dächern.

In der Schule war Gesangstunde. Durch die geöffneten Fenster kamen die Sonnenstrahlen herein. In den Bänken saßen die Schulmädchen, blank und froh und ließen ihre genäschigen und geschwätzigen Mündchen nicht ruhen.

Mir war es tief betrübt zumute. Mittags war mir das Weinen nahe. Ich konnte nicht essen. Ich war krank vor Sehnsucht nach Ploni. Mutter schimpfte, nannte mich ein schlechtes Kind und war böse auf mich; als es aussah, als ob ich trotzte, bekam ich ein paar Schläge. Ich hätte meine Mutter so gerne um Verzeihung gebeten und in ihrem Schoße aus Traurigkeit geweint, allein, etwas war in mir, das mich mürrisch und bitter werden ließ und ich ging fort, meiner Mutter den Rücken zugekehrt und ohne sie zu küssen.

Um drei Uhr ging unsere Lehrerin fort und der Herr Oberlehrer kam mit seiner Geige. Er stimmte die Geige. Er fuhr sich, wie es seine Gewohnheit war, einige Male mit der Hand über das Haar, sah mit seinen freundlichen Augen über die Klasse und sagte: Alle aufstehen! wir wollen singen. Eichendorff.


Wem Gott will rechte Gunst erweisen –
Den schickt er in die weite Welt.


Ich konnte nicht mitsingen, ich war bedrückt, ich wußte nicht, was es war. Tränen lagen wie ein Schleier vor meinen Augen.

Ein Mädchen flüsterte an mir vorüber: Warum singst du nicht mit, ich werde es sagen . . .

Da sang ich mit.


. . . Was sollt' ich nicht mit ihnen singen,
Aus voller Kehl' und frischer Brust.


Jetzt packte es mich und ich mußte laut weinen.

Der Herr Oberlehrer kam zu mir: Warum weinst du?

Meine Mutter ist böse auf mich.

Laß das Singen. Zieh dich an, geh nach Hause und bitte deine Mutter um Verzeihung.

Als ich aber nach Hause kam, konnte ich nicht mehr weinen; ich konnte auch nicht bitten. Ich trank meine Milch, setzte mich in die Fensterecke und sah in den Lichthof hinab, bis es dunkel geworden war.


*


Einmal um die Abendstunde klopfte es; ich öffnete die Tür, und Ploni stand da mit einem kleinen Jungen an der Hand.

Ploni sagte: Nur auf einen Augenblick, liebe Kinder, so lange? Ich lief ins Zimmer: Johanna, Alexander, Ploni ist da. Mama, Ploni ist da.

Ploni sagte: Nur auf einen Augenblick, liebe Kinder, ich muß in die Apotheke gehen, die Frau ist krank. Darum werde ich auch keinen Ausgang haben, einige Wochen. Und leiser sagte sie: Ich werde schon immer schauen, daß ich mir einen Augenblick stehle.

Meine Mutter fragte: Wie geht es Ihnen?

Nun danke, ganz gut, die Kinder sind sehr lieb und anhänglich; dort ist es wieder die Frau, die immer liegt.

Mein Vater sagte: Sie haben schon so ein Glück. Und Johanna meinte: Jetzt müssen Sie wieder andere Kinder lieb haben.

Ploni zeigte auf den kleinen Jungen, den sie an der Hand hielt: Ist es nicht lieb und herzig? Man kann nicht anders, man muß ihn lieb haben. Wie sagst du immer, Paul?

Paul stellte sich auf die Fußspitzen, schlug seine Arme um Plonis Hals: Meine Ploni!

Wir schluckten an unseren Tränen.

Johanna sagte: Jeder kann sie »meine Ploni« nennen!

Ploni sagte: Ach, er ist so ein armes Kind, seine Mutter ist immer krank.

Ich sagte: Auch Johanna ist immer krank. Der kleine Junge fing an zu weinen.

Ploni nahm ihn unter ihren Mantel, so wie sie früher immer uns genommen hatte, und sagte: Er fürchtet sich, wir müssen gehen.

Mein Vater rief Ploni nach, als sie schon an der Treppe war: Sobald sich etwas bei uns zum Bessern wendet, bekommen Sie alles zurück.

Es ist schon recht, ich bin nicht deswegen gekommen, rief Ploni hinauf . . .


*


Nun blieb mein Vater wieder alle Tage bei uns. Seine schwarzen Haare waren in den letzten Monaten grau geworden. Er sah ziemlich verfallen aus. Hauptsächlich aus Kummer über Johannas schwere, unheilbare Krankheit, aber auch wegen anderer Dinge. Gekleidet ging er jetzt immer wie ein Arbeiter, der aus der Arbeit kommt. Er war ohne Stelle.

Am liebsten war ihm nachmittags der Schlaf; da legte er sich aufs Bett und schlief bis fünf, bis halb sechs. Wenn wir lärmten, war er sehr erzürnt, er sagte: Kinder, die ihren Vater im Schlafe stören, sucht Gott heim; aber Kinder, die sich still verhalten, finden einen großen Schatz.

Wir ließen ihn deshalb schlafen, so lange er wollte, oft bis in den Abend hinein.

Mutter kam und saß bei Johanna, küßte sie immer und immer, gab ihr, was sie hatte und blieb bei ihr, bis ihr die Augen vor Müdigkeit zufielen. Und Tränen liefen ihr über die Wangen.

Oft schrie Johanna mitten in der Nacht, angstvoll und gräßlich, wie man um Hilfe schreit. Wir wachten davon auf, schliefen aber gleich wieder ein; die Schreie verhallten im Dunkel.

Meine Mutter sagte dann in der Frühe, ehe sie fortging: Ach wie müde und schläfrig bin ich; welch eine Nacht! . . .

Meine Freundin Milka sah ich selten; sie mußte hart arbeiten. Manchmal fuhr sie mit einem Handwagen alte Kleider abholen. Drotschke war vorgespannt und half ihr ziehen.

Ich fragte sie: Milka, gehst du nicht mehr zur Donau?

Sie sagte: Nein, aber in die Donau werde ich gehen; pass' auf, einmal ziehen sie mich von dort heraus.

Warum willst du in die Donau gehen, Milka?

Weil man immer nur Schläge kriegt und geschimpft wird; sonst nichts, als Schläge und Schimpfen. Und sie zeigte mir Striemen auf Armen und Schultern – und sie heulte laut und war ganz verschmiert im Gesicht.

Aber ich werde mich schon rächen, sagte sie und weinte.

Sie sah ganz verwildert und verwahrlost aus.

Es werden noch viele ihr Leben lang an mich denken, so will ich mich rächen für alles . . .

Ich konnte Milka nicht ganz verstehen; ich erschrak vor ihrem bösen Gesicht, und mir tat ihr armes Weinen weh. Aber gleichzeitig fühlte ich, daß ich ein Kind war, und sie mir in vielem voraus.

Ein paar Wochen später, an einem wunderbaren Maimorgen, als ich zur Schule ging, stand Milka im Hausflur; sie sah schon recht wie ein erwachsenes Mädchen aus, in dem langen und engen, schwarzen Kleid und mit dem hochroten Baumwoll-Sonnenschirm; sie hatte schwarze, hohe Stiefel. Es war das erstemal, daß ich Milka in ordentlichen Schuhen sah. Sie war gar nicht so häßlich; sie war sogar recht hübsch mit der hohen Frisur und dem rein gewaschenen Hals.

Ich habe auf dich gewartet, um dir Lebewohl zu sagen.

Wohin gehst du, Milka?

Ich weiß es noch nicht wohin? aber jedenfalls fort. Vielleicht in eine kleine Stadt, vielleicht in eine große.

Und, Milka, was wirst du dort machen?

Arbeiten – ich geh' in Dienst.

Wie Ploni?

So – oder – vielleicht hab' ich Glück!

Ich ergriff ihre Hand: Milka, ich wünsche dir Glück.

Ich dir auch.

Leb' wohl, ich muß jetzt zur Schule und auf – Wiedersehen – sehen wir uns noch einmal wieder?

Milka sah mich schief von der Seite an, wie es ihre Gewohnheit war – sie konnte einem nie ins Gesicht sehen – dann lachte sie höhnisch, ihr eigentümliches, freches und trauriges Lachen. Noch einmal drehte sie sich um und rief mir zu: Ob wir uns wiedersehen? – vielleicht, vielleicht auch nicht.

In diesem Augenblick liebte ich Milka, wie ich nie vorher jemand geliebt hatte. Ich sah ihr lange nach, wie sie dahinging, schön und stark in ihrem schwarzen Kleid und mit dem roten Schirm, eins geworden mit dem jungen Maimorgen.

Wie die Tollkirsche im Walde, dachte ich, von der wir gelernt haben – sie blüht und sieht prächtig aus, sie blüht und blüht und alles Blühen ist Gift und jemand kommt und muß daran sterben.

Und doch sah ich ihr stolz und glücklich nach und freute mich ganz heimlich auf die Zeit, wo ich so dahingehen würde – in einem ebensolchen schwarzen Kleid, mit einem leuchtendroten Schirm, dem jungen Maitag entgegen . . .

Nun hatte ich Milka verloren. Noch einige Wochen, und Annerl Neuber fuhr zu ihren Eltern, den Förstersleuten aufs Land.


*


Täglich ein paar Stunden brachte Johanna außerhalb des Bettes zu; dann gab es keinen glücklicheren Menschen als sie. Sie zeichnete, sie nähte, oder sie erzählte selbsterfundene Geschichten oder sie sprach mit Vater und Mutter von ernsten Dingen.

Auf der Klinik hatte der Professor ihre Behandlung übernommen; er sagte, er müsse sie retten. Er hatte meinen Vater zu sich in die Wohnung eingeladen und zu ihm gesagt, man dürfe dieses Kind nicht zugrunde gehen lassen.

Mein Vater rief nur immerfort: Sie wollen sie retten? Sie wollen sie gesund machen? Und er hatte sich vor dem Professor auf die Knie geworfen.

Aber was tun Sie, lieber Herr, hatte der Professor gesagt. Fassen Sie sich und sagen Sie Ihrer Frau, es ist möglich – wohlgemerkt – aber noch nicht gewiß! Jedenfalls wird es langwierig werden – auf Jahre hinaus man müßte auch das Kind vorher kräftigen, denn es ist nicht gut ernährt. Wir werden sie für wenigstens ein halbes Jahr nach dem Süden schicken; wenn sie sich erholt haben wird, möchte ich mit der eigentlichen Behandlung beginnen. Der Fall erregt meine Aufmerksamkeit und das Schicksal des armen Kindes geht mir nahe.

Und da mein Vater in Tränen ausgebrochen war: Ich verspreche Ihnen, ich will mein möglichstes tun, allein, bedenken Sie, man sagt zwar, ich sei groß, aber ein Gott bin ich nicht.

Meine Eltern waren durch die Botschaft wie verjüngt, eine Freude, ein Taumel hatte sie ergriffen.

Nur Johanna schüttelte ernsthaft ihren gesenkten Kopf. Was soll mit mir geschehen? Sie konnte nicht mehr ganz gut hören und mußte immer zweimal fragen.

Du sollst nach Italien reisen, der Herr Professor schickt dich hin.

Nein, nein, nein – niemals. Ihr dürft mich nicht fortschicken.

Mein Bruder fragte: Muß man da übers Meer?

Natürlich, übers Adriatische Meer.

Nein, nein, schrie Johanna, dann sterbe ich auf dem Schiff, und sie werfen mich ins Wasser.

Nein, rief nun auch meine Mutter, wir geben sie nicht her. –

Bald darauf ging mein Vater wieder zum Professor, und als er zurückkam, sagte er: Wenn sie aber doch gesund wird in Italien?

Nein, nein, nein.

Eine andere Hilfe gibt es nicht. Sie braucht Pflege, Nahrung, Luft, den Sand des Meeres.

Ein kurzes, düsteres Schweigen und dann ein gedrücktes Ja aus dem Munde meiner Mutter.

Und gleich darauf ein helles, wie erlöstes Ja; das hatte meine Schwester gesprochen.

Johanna wollte also.

Ich werde es morgen dem Professor sagen, daß wir zustimmen.

Seither war Johanna verändert. Stundenlang konnte sie sitzen und die Landkarte anschauen – der Isonzo, das Meer, sagte sie leise, verträumt.

Eine junge Frau, vom Hause nebenan, die Frau des Papierhändlers Bär, bei dem wir unsere Schreibhefte kauften, hatte davon gehört, daß Johanna fortreisen sollte. Sie kam zu uns hinauf und fragte in der Küche meinen Vater: Wo ist das Kind, welches nach Italien reist? Vater führte sie ins Zimmer. Johanna saß und zeichnete mit Bleistift ein Meer und über dem Meer wilde Vögel – bis in den Himmel fliegen diese Vögel.

Nun, und du, fliegst du nicht mit ihnen, fragte die Frau.

Nein, ich nicht – aber da hier auf dem Meer ist ein Schiff und darin sitze ich.

So, das ist also das Schiff. Wie heißest du? Nicht wahr, Johanna? Johanna, möchtest du gern ein schönes Buch?

Ja.

Ehe du fortgehst, bekommst du von mir ein schönes Buch.

Johannas bleiches Gesicht strahlte. Ein schönes Buch bekomme ich. Die Leute sind so gut zu mir. Italien, wo immer die Sonne scheint und der Himmel blau ist! Und dort soll ich gesund werden! Wie ein Märchen ist alles, wie ein Traum.

Alle freuten sich darüber, daß Johanna nach Italien reisen sollte, um dort Genesung zu finden, nur mein Vater hatte ein kummervolles, gealtertes Gesicht.


*


Und dann kam der Tag.

Wir wurden früh in die Schule geschickt. Mutter kämmte Johannas dünne, schwarze Haare, die ihr wie kleine Schlangen übers gebeugte Hälschen hingen.

Sagt Johanna Lebewohl, nehmt Abschied!

Johanna küßte mich mit kalten Lippen, sah mich schmerzlich an und sagte: Bleibe brav! Vergiß mich nicht.

Es war mir unangenehm, alles, das Ganze. Der kalte Kuß und das: bleibe brav – und das frühe Aufstehen und daß Vater herumging und sich jeden Augenblick wo versteckte, um zu weinen, und Mutter dann leise verschwiegen sagte: Weine doch nicht, die Zeit wird schnell vergehen.

O, Mutter war immer die Tapfere.

Als wir mittags nach Hause kamen, saßen meine Eltern beim kalten Herd, ein trauerndes Paar.

Wie war es? fragten wir.

Mein Vater sagte mit einem Gesicht, das froh sein sollte und wie das versteinerte Unglück aussah: Sie ist weg, abgereist, wir waren auf dem Bahnhof. Johanna wurde von zwei Klosterschwestern in Empfang genommen. Die eine heißt Schwester Pia und ist noch jung. Es waren noch viele Kinder. Manche sahen jämmerlich aus.

Meine Mutter sagte: Unsere Johanna war die schönste.

Sie werden sie alle lieb haben, sagte Vater, denn sie ist ein Engel. – Aber eines habe ich doch vergessen, ich hätte die Schwester darauf aufmerksam machen sollen, daß Johanna in der Nacht erwacht, Vater, Mutter ruft und daß man ihr dann Wasser zu trinken geben und das Licht brennen lassen muß.

Und mein Vater brach in Weinen aus. Mutter sagte: Denk doch an die Kinder! Deine Augen werden ganz rot, was soll ich anfangen, wenn du fortwährend weinst.

Nun baten auch wir: Vater, sei doch ruhig. Nicht weinen. Johanna wird gewiß gesund werden.

Es war ein Glück, daß schwere Sorgen und Nöte meine Eltern von ihrem quälenden Denken um Johanna zeitweise abhielten. Wir hatten nicht mehr das Notwendigste. Meine Mutter arbeitete wie ein Zugtier, dem ein roher Kutscher immer noch neue Lasten auflegt, obwohl es fast zusammenbricht, aber dann zieht es schließlich doch.

Mein Vater lag, wenn er mit der häuslichen Arbeit fertig war, in einem halbwachen Zustande auf dem Bett, träumte, schlief oder sang Heimatlieder, bei denen einem das Herz weh tat. Manchmal raffte er sich auf und erzählte uns aus vergangenen Tagen. Ich konnte nicht genug davon hören.

Nur etwas Wirkliches! sagte ich, wenn es auch nicht schön ist. Während mein Bruder lieber etwas Erlogenes hören wollte, wenn es nur schön war.

Einmal kam ich spät aus der Turnstunde nach Hause. Es war ein Tag Ende Sommers, ein feuchter trüber Dämmerabend. Die Laternen wurden früher angezündet, schon wehte ein kühler Wind – nur die Gassenbuben trieben sich noch in Scharen herum, wie in der schönsten Zeit.

Mutter war noch nicht aus ihrer Arbeit zu Hause.

Ich trank meinen Kaffee, aß mein Stück Brot und setzte mich ans offene Fenster, um noch beim letzten Licht meine Schularbeiten zu schreiben. Während ich saß und schrieb, kam langsam die Dunkelheit ins Zimmer. Ich konnte nichts mehr sehen – ich spürte den kalten Abendwind, der durch die Straßen wehte.

Über unsern Schubladkasten war heute eine weiße Decke gebreitet. Dort hatte Vater schon mittags zwei Kerzen in Messingleuchtern hingestellt. Jetzt ging er und zündete die Kerzen an. Er selbst setzte sich daneben, den Kopf in den Händen vergraben, versunken.

Ich schlich mich von der einen Seite, mein Bruder von der andern an ihn heran: . . . Vater . . .

Ja – das seid ihr. Ihr seid da – Alexander und du Marianne.

Vater sprich mit uns. Warum sagst du nichts? Warum brennen die Lichter?

Heute ist der Jahrestag, der Tag, an dem meine Mutter und meine einzige Schwester gestorben sind.

An der Cholera, nicht wahr?

Ja, an der Cholera.

Wie war es?

. . . Es war im Jahre 1873, als von Rußland und Polen die Cholera, wo sie überwintert hatte, zu uns kam. Die Menschen fielen wie heruntergeschossene Vögel und blieben am Wege liegen. Täglich neue Kranke, täglich neue Tote. Es war ein Heulen und Wehklagen im ganzen Lande.

Miksa, ein junger Bauer, der Stärkste, der Schönste, der am lustigsten lachen, am besten tanzen konnte, ihn traf es zuerst; beim Heueinführen. Aufzuckend stürzte er nieder; es war die raschere Art. Bald war es aus mit ihm. In der Nacht warf man ihn in die Kalkgrube hinunter, sieben Fuß tief. Seine Mutter ging hinter den schwarzen vermummten Männern, die ihn trugen, und sang Klagelieber und die alten Weiber kamen herbei und sangen mit: O Miksa, du Leuchtstern meines Lebens, mein schöner, rotwangiger, schwarzlockiger Bursch! O Miksa, Leuchtstern, warum mußtest du mir so früh verloschen – stimmten die Klageweiber im Chor ein, während der Zug sich durch die nächtlichen Felder bewegte, zur Grube hin. So raffte die Seuche junge, lebensvolle Menschen dahin, ehe sie daran gedacht. Es starben ganze Familien aus. – Wir hatten eine alte Kuhmagd, Tot Clary; die rauchte aus einer langen Pfeife und trug immer eine Flasche Schnaps bei sich. Sie erkrankte und wurde nach ein paar Tagen wieder gesund. Sie hatte zu viel Branntwein getrunken, da hatte die Cholera keine Macht. Ja – nun brach sie auch über uns herein. Mittags saßen wir noch beisammen unter dem Baum im Hofe – einer Linde, die mein Vater bei meiner Geburt gepflanzt hatte. Man unterhielt sich leise, denn Kranke und Sterbende lagen an allen Ecken herum. Mein Vater war Jäger und selten zu Hause. Darum liebten wir Brüder Mutter und Schwester über alles. Wohin gehst du, meine süßeste Seele, fragte mich Mutter. Korn einführen, Korn, teuerstes Herz meines Herzens.

Grüße Anica, meine Schwester, den Engel, die Rose. Sage ihr, daß ich ihrer gedenke in Liebe, wo ich auch bin.

Gehe hin und segne dich Gott, Teuerster. – Teuerste, lebe wohl; Mütterchen, lebe wohl!


– – – – – – – – – – – – – – –


Es mußte ein Schweigen bleiben, denn die Sterbenden lagen überall herum. Der Boden war weiß bespritzt mit Kalk. Gegen Nachmittag wurde meine Mutter bleich und mußte sich hinlegen. Eine Stunde später fiel die junge Anica hin.

Ich saß allein, bei den zwei geliebten Menschen; in meiner einen Hand die Hand meiner Mutter, in meiner andern die Hand meiner Schwester. Wenn der Schmerz sie packte, preßten sie mich, krallten sich in meine Hand, daß mir das Bewußtsein verging.

Ich war allein und sah das Teuerste, das ich hatte, sterben.

Als die Sonne unterging, verlangte Anita zu trinken.

Meine Mutter sang leise das »Choleralied« (ein Lied, das Erkrankte sangen, in dem sie Abschied von ihren Lieben nahmen). Was wird denn mein Heinrich sagen? Was wird denn mein Lujo sagen?

Heinrich und Lujo, meine beiden Brüder, die damals an der rumänischen Grenze in Garnison lagen.

Meine Mutter sah sich im Zimmer um und fiel dann zurück. Da waren die Augen schon gebrochen. Noch in der letzten Minute hatte sie zum Lager der sterbenden Tochter hingesehen, zu den zwei Söhnen in der Fremde und zu mir, ihrem ältesten, verlassensten. Anica wollte Wasser, immer Wasser.

Danke, sagte sie und reichte mir das leere Glas. Siehe, nun liegt sie still und der Friede ist bei ihr. Und ich kann nicht einmal weinen, aber beten werde ich für sie.

Und so traf sie meuchlings das Sterben, mitten im Gebet für die tote Mutter.

Abends, als die Leute vom Felde heimkehrten, lag auch sie still und kalt.

Ich ging zu meinem Vater, der in der Stube auf dem Bett lag und schlief, und rüttelte ihn, daß er erwache. Es war vergeblich.

Wenn er von der Jagd kam, schlief er zwei Tage und zwei Nächte und nichts war imstande, ihn zu wecken.

Indessen kamen schon die Männer mit der Bahre, hinter ihnen der Zug der Klageweiber. Und sie trugen meine Mutter und meine Schwester hinaus.

Allein ging ich hinter ihnen durch die nächtlichen Felder bis zur Kalkgrube; dort warf man die geliebten Körper hinab und schickte eine Schichte Kalk nach.

Die Vermummten machten schnelle Arbeit. Wie die Henker waren es die Letzten, die dieses Geschäft versahen. Die leeren Bahren auf den Schultern, Pechfackeln in den Händen trotteten sie voran, der Zug der Klageweiber hinter ihnen, andere Tote zu holen.

Ich stand und sah in die Grube hinab. Fledermäuse flogen über meinen Kopf, hoch oben, in den Lüften kreiste ein Geier. Fernher leuchtete das Kornfeld auf, der goldene Segen.

Jetzt kam der Geier zur Erde geflogen und ließ sich vor mir nieder; ich sah ihn an: Tier, einsames, trauriges Tier . . .

Der Geier erhob sich und schwang sich empor in die Lüfte. Wohin? rief ich ihm nach.

Und ich sah in das Grab hinein. Teuerste Seelen. Anica, Mütterchen. Hier liegt ihr unten und ich stehe oben – einsamer Mensch. Allein ging ich nach Hause.

Mein Vater schlief noch immer. Tot Clary lag im Stall in Krämpfen, neben sich die Tabakpfeife und die Schnapsflasche.

In der Gesindestube saßen die Leute beisammen und heulten laut um die gute Frau und um das schöne Fräulein.

Ich ging ins Feld hinaus, Kartoffeln ausgraben. Es war eine kühle Sommernacht wie heute. Der Himmel tiefschwarz mit weißdemantenen Sternen.

Übers Feld ging der Totengräber, die Knochen und Schädel einzusammeln, die überall aus der Erde hervorkamen, und er sang seine Weise.


Das war einmal eine schöne Frau,
Wer wird sie jetzt erkennen?
– – – – – – – – –
Arm und reich, sind alle gleich,
Müßt wohnen in meiner Hütte . . .


Ich nahm die Kartoffeln aus der schwarzen Erde, tat sie in den Sack hinein, ging damit nach Hause und kochte eine Suppe. Dann weckte ich mit vieler Mühe meinen Vater und setzte ihm die Suppe vor, daß er esse. Denn wenn er nach vielstündigem Schlafe erwachte, war er wie ein hungriger Wolf und man konnte nicht eher mit ihm reden, als bis er gesättigt war.

Ich setzte mich dem Vater gegenüber auf die Bank und wartete, bis er die erste Schüssel voll dampfender Suppe gegessen hatte. In mir war eine erstarrte Ruhe – kalt – eiskalt.

Auf dem hohen tönernen Ofen brannte ein Kienlicht.

Ich wartete, bis sich der Vater sattgegessen hatte. War er auch manchmal roh und vom Jagdleben verwildert, so tat er mir jetzt doch leid, wo ich zu ihm sprechen mußte, Mensch zu Mensch.

Vater! – Ich sagte es so leise, daß er mich kaum hören konnte – ich wollte versuchen, ob ich noch sprechen konnte. Er streckte die Beine von sich, dehnte seinen starken Leib – da wußte ich, jetzt kommt die Pfeife.

Warum ist es so still im Hause? Wer heult unten? Warum sitzt du selbst und glotzt? Geh, rufe die Mutter, rufe Anica – her mit ihnen, Leben, Wein . . .

Vater, sie sind nicht mehr da.

Rufe sie, sage ich dir.

Wenn ich sie auch rufe, wenn ich sie rufe hundertmal, wenn ich sie rufe tausendmal, wenn ich sie rufe alle Jahre, Tag und Nacht, sie hören mich nicht.

Da sprang der Vater auf und lief aus der Stube, um sie zu suchen und auf einmal hörte ich ein Geheul und Jammergeschrei, wie wenn die wilden Tiere nachts aus ihren Höhlen kommen. Quer über dem Boden lag der riesige Körper meines Vaters, das bärtige Gesicht auf die Dielen gepreßt. Er weinte. Es war das erstemal, daß ich meinen Vater weinen sah.

Ich dachte: im Leben haben sie oft genug deinetwegen, Erbarmungsloser, geweint, meine sanfte Mutter, meine schöne, zarte Schwester.

Ich ließ ihn liegen und ging hinein, um an meine beiden Brüder zu schreiben.

Am Tage schlief ich schwer und unruhig, und in den Nächten wachte ich, auf dem Boden kauernd und horchte, wenn sie an den Fenstern vorbeigingen zur Kalkgrube, Fackeln in den Händen, und der heisere Gesang der Klageweiber mein Herz erschreckte. Ich saß und starrte in die dunkle Nacht hinaus, in dies rätselhafte Leben. Meine Augen brannten.

In der fünften Nacht klopfte es ans Fenster, Lujo stand draußen. Ich konnte ihn zuerst nicht erkennen; nur seine Stimme: Bruderherz, mach' auf. Ist es wahr, die Mutter ist nicht mehr da? Ich öffnete ihm und fiel ihm um den Hals und unsere Tränen flossen zusammen.

Wochenlang kam ich nicht aus den Kleidern, ich irrte herum, ich aß nicht, ich weinte nur immer. Bis eines Tages der Doktor kam und sagte, ich müßte sofort das Land verlassen, und in die Stadt ziehen, wo ich Zerstreuung fände, sonst würde ich erblinden. So verkauften wir denn, was wir besaßen, jeder bekam seinen Anteil und ich reiste in die große Stadt.

– – – – – – – – – – – – – – –


*


Plötzlich sahen wir Mutter, die eben ins Zimmer getreten war.

Wir zitterten, es war uns kalt, wir hatten Angst und waren glücklich, ach, so glücklich, daß Mutter bei uns war.

Was hast du den Kindern wieder erzählt? Sieh doch ihre bleichen Gesichter. Ihr meine lieben Kleinen, womit hat euch der Vater wieder geängstigt und gequält?

Vater hat uns nicht gequält, sagte ich, er hat uns von der Cholera erzählt; von seiner Mutter und Schwester, die an einem Tage starben.

Mein Bruder schluchzte heftig, ohne Tränen. Denke, Mama, an einem Tage hat Vater seine Mutter und Schwester verloren. Mittags waren sie noch alle beisammen . . .

Mutter stand in der Küche am Herd und kochte; die Flammen schlugen hell auf und beleuchteten grell ihr abgespanntes, vom vielen Nachtwachen verfallenes Gesicht, das aber noch immer schön war; nur der jugendliche Anhauch war jetzt ganz fortgewischt. Sie sagte mit einer müden und verdrießlichen Stimme: Hätte ich gewußt, daß euer Vater ein so unglücklicher Mensch ist, ich hätte ihn nicht geheiratet, denn das Unglück, das in ihm ist, hat er auf die ganze Familie übertragen.

Als sie dieses gesagt hatte, sah sie sich erschrocken um. Ich glaube, es hat Mutter leid getan. Und trotzdem sagte sie noch: Ja, ja, in der Jugend ist man dumm; dann bereut man. Und ich fühlte es, sie wollte eigentlich etwas ganz anderes sagen: Teuerster. Geliebtester. Ihr meine geliebten Menschen.

Wir bekamen Milch und Honigbrote. Mein Vater stand am Fenster, den Kopf an die Scheiben gelehnt. Der abgetragene Anzug hing an seiner hageren Gestalt. Sein Kopf war grau. Ja, er hatte nun so lange keine Stelle. Mein Herz verblutete bei dem Anblick.

Meine Mutter sagte mit einer Stimme, in der die ganze Zärtlichkeit ihrer Seele lag: Komm doch her zum Abendessen.

Vater stand unbeweglich am Fenster.

Da ging Mutter zu ihm. Und sie bat ihn um Verzeihung für die Worte, von vorhin, diese bösen, dummen Worte, die sie nicht hatte sagen wollen, nie – nie.

Vater sah sie an: Aber mir ist es jetzt klar geworden, jetzt, als ich dastand, während ihr am Tisch saßet. Ich habe dich unglücklich gemacht und ich habe meine Kinder unglücklich gemacht, weil ich selbst ein Unglücklicher bin. Die sollten lieber einsam bleiben. Wie Tot Clary im Stall liegen bei ihrer Flasche – einsam leben – einsam sterben.

Weiter ließ ihn Mutter nicht sprechen. Sie legte die Arme um seinen Hals und sah ihm in die Augen. Lieber, deshalb bin ich ja auf der Welt. Dich lieb zu haben immer, was auch kommen mag – dich lieb zu haben.

Und es war ein wunderbares Geschehen: meine Mutter hatte wieder ihr junges Gesicht.

Wir gingen zu Bette. Ich konnte lange nicht einschlafen, so bewegt war ich. Bald wurde das Licht ausgelöscht.

Ich hörte im Nebenzimmer ein Atmen, Flüstern und Weinen . . . Dich lieb zu haben in allem Leid – in aller Not, dich lieb zu haben . . .

In dieser Zeit machte mein Bruder die Aufnahmsprüfung ins Gymnasium; er war noch nicht zehn Jahre alt und die Leute sagten: so ein kleiner Gymnasiast.

Vater kam nach Hause und erzählte uns: Zuerst war die schriftliche Prüfung, da ging es gut. Aber dann bei der mündlichen! Da fallen die meisten durch, sagte man mir. Ich kann euch nicht beschreiben, wie mir war, als der Professor die Hefte einsammeln ging. Ich dachte, also jetzt entscheidet das Los über meinen Sohn. In welches Leben wird er nun treten. Dann aber war es ein Jubel. Der Professor trat aufs Podium, nahm die Liste zur Hand und las laut: als erster mit Auszeichnung bestanden: Alexander . . .


*


In dieser Nacht saß Mutter an der Nähmaschine und nähte für meinen Bruder Samthose und Bluse.

Mein kleiner Student muß ein Samtgewand tragen wie die reichen Knaben, sagte Mutter.

Mutter kaufte antiquarische Bücher; jeden Tag einige. Ein Lateinbuch, eine deutsche Literaturgeschichte, eine Physik.

Alexander murrte: Es geht nicht an, Mama, man muß alle Bücher auf einmal haben; die anderen haben sie auch.

In der Nacht ging Mutter nicht schlafen, und am nächsten Tage erhielt mein Bruder noch seine Mathematik und das Geographiebuch. – Jetzt lerne, daß aus dir etwas wird! Werde ein Arzt und mach' die Kranken gesund.

Ich werde lieber Jus studieren, Mama; bei uns in der Klasse studieren alle Jus.

Dann studiere Jus, nur werde ein braver, ordentlicher Mensch.


*


An einem Sonntagnachmittag vor Weihnachten nahm Mutter mich mit nach Mariahilf. Mein Bruder mußte zu Hause bleiben und lernen. Er ging im Zimmer auf und ab in der blauen Samthose und der Bluse mit dem weißen Schiller-Kragen, das dunkle Haar schon ganz studentisch aus der Stirn gestrichen; die Arme auf dem Rücken verschränkt, in den schmalen Knabenhänden das Buch: alauda – die Lerche – puella das Mädchen stella – der Stern.

Abends wollte er den zweiten punischen Krieg lernen.

Wir gingen die lange Mariahilfer Straße herunter bis zum Bahnhof. Dort war das Geschäft, für das Mutter arbeitete. Ich war schon so groß, daß ich ganz bequem meinen Arm in den meiner Mutter legen konnte. Es war herrlich, so zu gehen. Wie wenn zwei Freunde dahergehen, so war es.

Mama, ich bin schon groß, sagte ich.

Ja, du wirst bald ein großes Mädchen sein.

Vom Turm der Mariahilfer Kirche schlug es fünf. Die Leute gingen zur Abendmesse. Alte Weiblein mit trockenen, dürren Händen und andächtigen Bettlergesichtern, glichen sie den verwitterten Heiligen aus Stein an den Kirchenwänden.

Aus dem Abendnebel heraus erglänzte ein transparentes Schild. Siehst du, da ist es, sagte meine Mutter. Wir stiegen zwei Stock hoch und kamen in den Arbeitssaal. Der Werkführer nahm meiner Mutter die Arbeit ab, prüfte sie genau, schimpfte und warf ihr einiges zurück.

Ich sah, wie meiner Mutter eine Flamme ins Gesicht schlug und wie sie an der zitternden Lippe biß.

Ein junger Mann mit sanften grauen Augen kam aus dem Kontor und sah zu, wie der Werkführer die Arbeit übernahm. – Lassen Sie es diesmal noch hingehen, bat er für meine Mutter, strich sich das blonde Bärtchen, lächelte und ging hinein.

Da könnte jeder kommen. Sie können lange reden das übernehme ich, das bekommen Sie zurück – abzüglich des Arbeitslohnes. Das Ganze ist aufzutrennen und neu zu machen.

Es tat mir weh, wie meine Mutter in dem beleuchteten Saale stand und ausgezankt wurde.

Mama, sagte ich auf der Treppe, zeig' mir dein Gesicht.

Da sah sie mich an und lächelte unter Tränen: Du kleine Besorgte!

Unten übergab meine Mutter bei der Kasse die Anweisung und bekam ihren Arbeitslohn ausbezahlt.

Mama, sagte ich im Gewühl der Straße, wie kommt es nur? am Tage läufst du herum, nachts, wenn andere schlafen, arbeitest du, immer bist du gut, nie böse. Du gibst dir gewiß Mühe mit der Arbeit und machst keine Fehler. Warum dürfen also diese häßlichen Menschen dich kränken?

Wie könnte ich dir das erklären, mein Kind; es ist eben so; ich weiß selbst nicht, warum.

Ist es schlecht, Mutter, wenn man sich für das Böse, das einem die Leute tun, rächt?

Woher weißt du so etwas?

Von der schwarzen Milka, die immer Prügel bekam.

Ich sehe, Kind, du fängst an, groß zu werden.

Ist es schlecht, Mutter?

Ich weiß es nicht, ich habe niemals an so etwas gedacht.

Meine Mutter sagte nach einer Weile: Hallo, wir haben Geld, ich will dich zum Zuckerbäcker führen.

Wir wollten über die Straße gehen, da sprang ein Herr aus einem Omnibus und kam auf uns zugeschritten. Es war Wahlmann, der Jugendfreund meines Vaters. Als meine Mutter ihn bemerkte, wollte sie rasch abbiegen; aber er hielt sie am Arm fest:

Mir entrinnen Sie nicht. Sie wollten mir also aus dem Wege gehen?

Nein, wir wollen in ein Café, etwas abseits vom großen Lärm.

Wir bogen in eine Seitengasse der Mariahilfer Straße ein.

Es muß ein komischer Anblick gewesen sein, die einfache Gestalt meiner Mutter, ich ärmliches Kind und der große elegante Herr in Pelz und Zylinder.

Im Café war es warm und licht. Ich saß beim Ofen und bekam Schokolade und ein Witzblatt in die Hand.

Wahlmann und meine Mutter sprachen leise miteinander. Ich hörte, wie er sagte:

Nun haben wir doch unser Rendezvous, wenn auch nach fünf Jahren.

Mein Mutter sagte: Ich wußte damals nicht, wen ich mehr liebte, Sie oder meinen Mann.

Wahrscheinlich Ihren Mann, sonst wären Sie gekommen.

Ja, in Sie war ich nur verliebt, aber meinen Mann, den liebte ich. Und mehr als alles liebte ich meine Kinder.

Wahlmann sagte: Ich glaube Ihnen, die Frauen sind manchmal so eigen, wenn sie lieben. Er trank seinen Kognak und sagte: Ich hatte geglaubt, es würde diesmal ein Wendepunkt. – Basta – und er klopfte mit seinem Spazierstock auf den Boden.

Meine Mutter trank ihren Kaffee. Ihre Augen glänzten nicht mehr wie früher. Ruhig sah sie ihn an, ruhig sprach sie: Da sehen Sie einmal, wie groß meine Tochter schon ist; meine andere Tochter ist in Italien, mein Sohn besucht das Gymnasium.

Ja, sagte er, die Zeit geht hin. Und so geht mir das Leben mit allen Herrlichkeiten verloren. Manchmal träume ich, ich werde alt, ja, und das ist mein schwerster Traum.

Der Kopf meiner Mutter lehnte in der Nische, Schlaf lag auf ihrem Gesicht. Verwirrt blickte sie umher. Es war die plötzliche Wärme, der Duft von Rauch, Kaffee und Kognak, das machte meine Mutter so müde. Aber es waren vielleicht auch die vielen schlummerlosen Nächte, die Sorgennächte . . .

Er sagte: Müde, arme Frau, als sie in ihrem Sessel zurückgelehnt dasaß, die Augen geschlossen.

Ich dachte: Nun schläft sie da, in einem Café. Menschen kommen von der Straße, rauchen, trinken Kaffee und gehen. Am Tische sitzt Wahlmann.

Draußen begann es zu schneien. Ich hätte gerne jemand gefragt: Was soll dies alles bedeuten?

Wahlmann hatte den Kopf in die Hand gestützt und sah dem Rauch seiner Zigarette nach. Meine Mutter schlug die Augen auf. Ach, wie sie sich vergaß. Aber sie war so gräßlich müde.

Der kalte, zerronnene Straßennebel legte sich an die Fensterscheiben, machte sie undurchsichtig.

Ich sah in die Lichter hinaus. Wahlmann blickte meiner Mutter in die Augen. Ach, wären Sie doch gekommen, damals, sagte er.

Wollen wir gehen? fragte meine Mutter. Wir müssen bald zu Hause sein.

Wer ein Zuhause hätte! Er seufzte.

Wir gingen.

Dann standen wir und warteten auf die Pferdebahn. Wir hatten es eilig. Kling – kling, da kam sie heran. Wir stiegen ein. Wahlmann ging zu Fuß. Wir sahen, wie er hinter einem jungen Mädchen herging, das in weißen Pelz gekleidet war.

Mutter sagte zu mir: Nun bringe ich doch weniger nach Hause, als ich dachte; es war schon alles ausgerechnet. Drei Gulden sind es weniger – und Alexander hätte ein Paar neue Schuhe so nötig.

Mama – sieh doch dieses Schaufenster! Wie schön! Mama, wohin gehen alle diese Menschen so eilig? Was tragen sie alle, Mama?

Ich bringe weniger nach Hause – drei Gulden fehlen.

Hier Mama wären Schuhe für Alexander.

Ja, mein Kind, komm.


*


Zu Hause bei der Hängelampe am Tische saßen mein Vater und Ploni. Sie hatte ihr schwarzes Trauerkleid mit Jacke an, ihre schwarze Pelzmütze und ihr Muff lagen auf einem Stuhl.

Alexander lernte auswendig, vom zweiten punischen Krieg.

Ploni mußte etwas an Mutter bemerken, denn sie fragte: Was ist geschehen?

Mutter lächelte und sagte nichts.

Vater sagte: Ja, Ploni, was sagen Sie zu dieser Überraschung?

Ploni meinte: Ich sage nichts.

Vater zeigte auf ein Paket. Seht alle her, was Ploni gebracht hat. Jetzt schon Faschingskrapfen! Und Pulswärmer für die Kinder, Äpfel, Nüsse und gedörrte Pflaumen. Der Nikolo ist Ploni, rief ich und sprang um sie herum.

Johanna ist fort? Wie ging das zu? fragte Ploni.

Vater zeigte Ploni Johannas Briefe. Sehen sie, wie gut es ihr geht! Orangen und Zitronenhaine, Datteln und Feigen, Lorbeerbäume; denken Sie, das Meerwasser schmeckt salzig, Johanna hat es gekostet. Sie ist schon viel gesünder. Die Schwestern sind so gütig.

Aber – sagte Ploni und ergriff meinen Vater am Ärmel, – merken Sie nichts? merken Sie wirklich nichts? Das Ganze ist eingelernt. Sie muß schreiben, was ihr vorgesagt wird. Daß es ihr schlecht geht, darf sie eben nicht schreiben.

Wir alle horchten auf. Die Augen meiner Mutter weiteten sich, als wollten sie ihr aus dem Kopfe springen. Ihr Gesicht bedeckte sich mit einer grauen, papierenen Blässe.

Sie saßen noch lange beisammen und besprachen, wie es mit Johanna stand.

Ich dachte: Nun, Johanna? Sie ist doch hingereist, um gesund zu werden; wenn sie zurückkehrt, bin ich schon weit voraus in meiner Schule. Dann wird sie immer wohl und kräftig sein und dann können wir zwei gute Freunde werden.

Mein Bruder sah nicht auf vom Buch. Vor ihm lagen Faschingskrapfen, ein Paar Pulswärmer, zwei Apfel, Nüsse und gedörrte Pflaumen, er aber sah nicht auf; er wurde morgen geprüft.

Ich hätte eigentlich auch für die Schule zu tun gehabt; aber es war mir doch weit wichtiger, zuzuhören.

Meine Mutter rief, während Tränen aus ihren Augen hervorbrachen: Was glauben Sie? Johanna kommt doch zurück und dazu gesund.

Ploni seufzte schwer: Ja, wenn man es glauben könnte! Und ihr, was macht ihr ohne eure Schwester? Ist euch nicht bang?

O ja.

Aber geht. Kinder vergessen leicht.

Ich dachte: Muß sie mich wieder erinnern. Ich hatte schon so schön vergessen an Johanna und ihre Hilferufe des Nachts. Freilich hatte ich Johanna im Herzen lieb, aber ich hatte schon so schön vergessen.

Ploni setzte ihre Pelzmütze auf ihr blondes Haar und sagte: Adjö – Alexander schaut mich nicht mehr an.

Er ist in Gedanken, im Lernen vertieft, sagte meine Mutter.

Vater beugte sich übers Treppengeländer: Ploni, Sie bekommen schon alles noch einmal zurück, gedulden Sie sich nur noch eine Weile.

Danke, danke, es ist schon recht, ich bin nicht deshalb gekommen.

Drei Tage vor Weihnachten bekamen wir Bücher aus der Schülerbibliothek. Ich las damals gerne Jules Verne.

Die Lehrerin hielt ein Buch hoch: hier ist Jules Verne, Die Reise um die Erde.

Voll Freude sprang ich von meinem Sitz, streckte die Hand aus und rief atemlos: Bitte mir! Ich hatte solche Angst, ich könnte es doch nicht bekommen.

Wer hat so geschrien? fragte die Lehrerin.

Die da! und alle zeigten auf mich. So? Also du bekommst überhaupt kein Buch, weil du vorlaut bist.

Kein Buch? Es wurde schwarz vor meinen Augen. Es tanzte nur so vor mir. Rudolfine Zelenka hielt mir ein Buch hin, das sie bekommen hatte. Es war Jules Verne, Die Reise um die Erde. Gib mir das Buch, das Buch, bat ich, gib es mir!

Der Kopf schmerzte mich, ich war krank vor Gier.

Nein, sagte sie, und legte im Lächeln ihre kleinen, weißen Zähne bloß.

Alle bekamen Bücher, nur ich und noch zwei, drei bekamen keine.

Ich dachte, wenn ich mich nicht so sehr schämte, möchte ich weinen. Ich biß die Zähne zusammen und sagte zu Rudolfine Zelenka: Ich brauch' keine Bücher von da, ich hab' zu Hause schönere. Dann dachte ich den ganzen Tag darüber nach: ich hatte kein Buch bekommen. Die Reise um die Erde hatte eine andere, meine Feindin.

In der Nacht lag ich wach und fortwährend ging es mir durch den Kopf: ich habe kein Buch bekommen. Sonst wußte ich nichts. Daß ich vorlaut war, und Strafe verdiene, fiel mir nicht ein.

Am nächsten Morgen beeilte ich mich beim Anziehen nicht im geringsten.

Willst du heute nicht zur Schule? fragte mich Mutter.

O ja.

Weil du gar nicht fertig wirst.

Ich spürte, wie ich rot wurde, nahm meine Büchermappe und ging fort.

Über Nacht war starker Schneefall gewesen. Die Wege waren schlecht, glitschig, man konnte schwer vorwärts kommen. Ich ging recht langsam, obwohl man in den Straßen schon keine Schulkinder mehr sah.

Es schlug acht.

Gott sei Dank! nun war es zu spät. Eine tiefe Ruhe kam über mich. Ich nahm den Weg in den Augarten. Alles verschneit, weiß, weiß und still. Auf dem Eislaufplatz waren nur wenige Leute.

Vor seinem winzigen Häuschen saß der Invalide und sah mich kopfschüttelnd an. Sein eisengrauer Bart starrte von Eiszapfen, wie mit Stearinkerzentropfen bedeckt. Er hatte nur ein Bein; das andere hatte er bei Königgrätz verloren. An einer Schnur um den Hals hing seine Waffe: ein kleines Pfeiferl; für die Kinder, die in den Rasen liefen. Niemand fürchtete sich vor ihm. Er konnte mit seinem Stelzfuß ja nicht laufen und die Kinder waren so geschwind.

Ich ging die Allee hinauf, an dem alten Brunnen mit dem eingerosteten Becher vorbei – da war im Sommer unser Spielplatz – hier war ich unzählige Male Schnur gesprungen.

Hinauf, die efeubewachsene Wand entlang, an der Wache vorbei. Die stand soeben Habtacht! Im Schloßhof war ein Wagen vorgefahren. Der Fürst Hohenlohe stieg aus. Dann war es wieder still.

Hie und da ging ein Arbeitsmann vorüber, ein Weib, ein Eisläufer.

Ich stäubte den Schnee von einer Bank fort und setzte mich.

Ich nahm mein Frühstücksbrot heraus und begann zu essen. Gleich kamen die Raben und umschwirrten mich, die hungrigen Gesellen. Ich warf ihnen ein paar Krümchen von meinem Brot hin. Ich tat es mehr aus Neugierde und aus Langerweile. Allein alles nahmen die Spatzen fort. Ich warf immer wieder Krümchen hin. Die Raben schrien, sie ärgerten sich, denn sie bekamen nichts.

Ach was, da müßt ihr eben verhungern, dachte ich. Ich kann euch nicht helfen. Ihr bekommt nichts mehr. Ihr könnt mich lang anbetteln und kräh –kräh schreien.

Nein, ich war kein gutes Kind; mit mir war auch niemand gut. Ich spürte, wie mein Herz böse wurde.

Haha, dachte ich; jetzt müssen sie in den Bänken sitzen und lernen.

Die Apposition . . .

Was? du weißt nicht, wie man ein Mittelwort der Gegenwart bildet? Du schreibst den »Wolf auf dem Totenbette« ab und unterstreichst die Mittelwörter, vom Vater unterschrieben.

Du lieber Himmel! wie oft hatte ich den schon abgeschrieben. Wegen jeder Kleinigkeit. Bis zehn Uhr nachts saß ich oft und schrieb; die Augen fielen mir zu. Mutter sagte: ist der Wolf noch immer nicht tot?

Jetzt – wo war das alles? Fern – fern . . .

Ich überlegte, ob ich überhaupt noch einmal zur Schule gehen sollte. Es wurde mir furchtbar kalt.

Der Schnee fraß sich durch meine Schuhe. Ein eisiger Nord stieß mir die aufgewirbelten Blätterleichen ins Gesicht. Ich verließ den Augarten.

Es war erst neun Uhr. Was sollte ich noch zwei Stunden auf der Straße machen?

Es trieb mich zu unserer Schule hin. Wie alles still lag in der Gasse.

In Gedanken kam ich zu unserer Wohnung. Aus dem Hause kam meine Mutter. Lieber Gott, sie mußte mich gesehen haben. Was sollte ich tun.

Rasch schlüpfte ich in ein Haus.

Dort stand ich zusammengekauert. Fürchterlich fror es mich in den Füßen.

In einer Minute stand Mutter bei mir. Da bist du? Versteckt hast du dich? Herumtreiben tust du dich? – Sie stieß mich vor sich her.

O ich wußte nicht, welch ein Kind ich habe! Also nicht in die Schule gehen, und dich in den Straßen herumtreiben! Da wird ja was Nettes aus dir werden.

Zu Hause nahm Mutter die Rute. Du bist ja ein verlorenes Geschöpf, ein ganz verlorenes. Sie schlug mich ein paarmal, ziemlich fest auf den Rücken. Ich dachte, nun werde ich weinen können, und mein Herz erleichtern. Aber ich konnte nicht, wie sehr es auch wehtat.

Dann mußte ich in der Küche bleiben, sie sperrte ab und ging fort.

Ich war allein zu Hause.

Ich kauerte mich auf die Erde bin.

Ja, es hätte eigentlich anders sein sollen. Ich hätte sagen sollen: Sie haben mich gekränkt, Mama. Sie haben mir kein Buch gegeben, drum will ich zu den Falschen nicht mehr gehen.

Und Mutter hätte sagen sollen . . . Nein, du brauchst nicht mehr zu ihnen zu gehen. Rudolfine Zelenka ist ein abscheuliches Mädchen. Du aber bekommst von mir die schönsten Bücher, mein süßes Kind. So hätte es eigentlich sein sollen!

Es ist auch möglich, daß es noch so kommt.

O diese Schläge, wie brannten sie mir in der Seele, und dieses häßliche Wort: verlorenes Geschöpf!

Ploni – ja, Ploni hätte vielleicht auch so gesprochen – ich weiß nicht – sie hätte vielleicht nicht geschlagen – denn Ploni hat uns nie geschlagen. Aber böse wäre auch sie gewesen und auch Johanna. Johanna hätte gesagt, sie schäme sich für mich. Alexander hätte sich gefreut, wenn ich ausgezankt würde. Es gab also keinen Menschen, der einen lieb hatte.

Die Weihnachtstage brachten viel Schnee. Kristallklar fiel er des Morgens auf die Dächer, als schmutzige Masse lag er abends im Rinnstein.

Es war kalt, trostlos.

Niemand sprach freundlich mit mir. Wie in harter Strafe ging ich umher.

Wenn Mutter mich ansah, sagte sie: Geh, niemand ahnt, wie schlecht du bist. Niemand kann so ein Kind leiden.

Ich hätte gerne gesagt: O Mutter, ich bin es, sieh, ich! weißt du nicht, Mutter, ich! . . .

Aber ich ging stumm umher und dachte immerwährend: Keinen Menschen haben!

Und dann gingen alle meine wehen Gedanken zu Johanna. Die war jetzt so weit fort. Wer weiß, wann ich sie wiedersah. Und an Milka, an Ploni und Wahlmann mußte ich denken.


*


Meine Mutter war jetzt immer müde und erschöpft. Sie sagte zu Vater: Du mußt dich um etwas umsehen, mußt etwas anfangen, jetzt kommt das Ärgste.

Vater sah erstaunt auf, wie aus dem Schlaf geweckt: Ja – ich muß – ich werde – nächsten Montag – nach Neujahr.

Mutter sagte einmal fest und hart: Heute mußt du!

Vater sah erschreckt auf: Ja heute – Aber wie – auf der Straße findet man niemand. Man muß ins Café zu den alten Bekannten.

In seinem alten, abgetragenen Anzug ging er ins Café. Den Hut hatte er mit Wasser gebürstet.

Abends fragte Mutter: Nun, hast du jemand getroffen?

Nein; einmal ist zu wenig, man muß öfter gehen.

Also niemand hast du gesehen?

Ja, einen, der mich kennt, von früher her. Er war reich und ist seither noch reicher geworden.

Sagtest du ihm nicht, es gehe dir schlecht?

Was fällt dir ein? Wie könnte ich das? Versteckt habe ich mich, mir den Hut ins Gesicht gedrückt, ich habe mich geschämt, daß ich so aussehe.

Hättest du es doch versucht, ihn anzureden, vielleicht hätte er für dich eine Stelle gewußt.

Was für eine Stelle?

Irgendeine.

Es wurde ein heftiger Kampf.


*


Einmal morgens – es war bitter kalt und kein Geld für Kohle da – sagte meine Mutter: Geh zu deinem Bruder Heinrich; er ist reich, er soll uns helfen.

Mutter heizte mit alten Lappen und Papier.

Geh du zu deiner Schwester, sagte Vater; denn auch Mutter hatte eine reiche Schwester.

Nun sollst einmal du gehen, du allein.

Nein – nie – ich weiß, wie er ist.

Gut, dann sitzen wir beide da. Jetzt werfe ich das letzte Stück in den Ofen.

Mein Vater nahm seinen Hut, stellte seinen Rockkragen auf und lief fort.

Nach zwei Stunden kam er zurück.

Fünf Gulden hatte er von seinem reichen Bruder bekommen.

Ja, mein Lieber, ich kann dir nicht mehr geben, halte er gesagt. Ich muß für meinen Sohn einen Hofmeister halten, er besucht jetzt das Gymnasium. Meine Frau muß in diesem Fasching auf ein paar Bälle gehen, repräsentieren. Was glaubst du, die Toiletten, der Schmuck, wie das ins Geld geht! Und unser Klavier ist auch nicht mehr schön; ich muß es umtauschen und dreihundert Gulden daraufzahlen.

So sprach der reiche Bruder meines Vaters.

Mutter machte große, staunende Augen.

War es zu glauben, daß es Leute gab, die Bälle besuchten, ihren Kindern Hofmeister hielten und Diamanten trugen? Vielleicht ein Diadem? eine kleine Königinnenkrone? –

Mutter saß beim erkalteten Ofen und blickte nachdenklich auf die Fünfguldennote. Was zuerst damit beginnen? Zwei Gulden waren gleich aufgebraucht auf Kohle, Petroleum, Brot, Milch und kleine Schulden.

Nachmittags kam Lujo, der andere, der arme Bruder meines Vaters. Er war Lederarbeiter, hatte sein Handwerk gelernt, fand aber wegen seiner angeborenen Trägheit nur selten Verdienst. Er hatte eine Frau und vier Kinder. Die Familie wohnte in einer düsteren Hofwohnung der Armenvorstadt.

Manchmal ging mein Vater zu ihnen. Dann saßen sie bei der rauchigen Lampe, Lujo, mein Vater, die Schwägerin. Die vier Kinder lagen in zwei Betten und schliefen.

Die Schwägerin war einmal ein schönes, zartes Mädchen gewesen mit einer schweren Krone kastanienbraunen Haares. Jetzt wusch sie die Wäsche, rieb den Fußboden, darbte, tratschte mit allen Weibern und leider war es auch kein Geheimnis, daß sie sich hie und da betrank. Jetzt hatte sie ein rostrotes, aufgedunsenes Gesicht bekommen, eine schrecklich rauhe, heisere Stimme; an ihr konnte man sehen, was die Not aus einem Menschen macht. Trotzdem waren die Kinder alle stramm und schön; trotz allen Elends. Isabella, das älteste Mädchen, war ein schlankes, hellbraunes Kind, mit großen orientalischen Mandelaugen. Manche Leute sagten, ganz genau so habe ihre Mutter einmal ausgesehen. Sie kamen nie zu uns.

Nur manchmal, plötzlich in der Nacht kam Lujo. Ein Kind war erkrankt, man mußte rasch den Arzt holen, und es fehlte der Gulden. – Nur immer in der äußersten Not kam er und mein Vater gab ihm dann das Letzte hin.

Ging es uns schlecht, dann suchte mein Vater seinen Bruder auf, obwohl er wußte, daß er ihm nicht helfen konnte. Es tat ihm wohl, sich mit ihm auszusprechen. Meine Mutter sah es nicht gern, wenn Vater zu Lujo ging. Ich weiß nicht, warum: Dann saßen sie nur müßig beisammen, die zwei, und sprachen von dem Vermögen Heinrichs, ihres reichen Bruders . . .

Dem glückte immer alles; schon als Kind, erinnerst du dich, wenn alle Äpfel stahlen und Prügel bekamen, nur er kam mit heiler Haut davon, und er behielt auch die Äpfel. – Er geht mit geradem, robustem Nacken voran, während wir uns bücken und kriechen. Er sitzt im wohlig durchwärmten Zimmer und trinkt Wein, während wir frieren und Gott bitten um eine ruhige Stunde. Und doch sind wir Kinder einer Mutter. Alle hat sie uns unter ihrem Herzen getragen.

Das erzählte Vater, wenn er nachts heimkam und Mutter weckte. Ich erwachte und hörte zu.

Ich dachte: es ist dasselbe wie mit Milka. Die ging auch zerlumpt und wurde zu Hause geprügelt, während andere Kinder schottische Mäntel für den Regen hatten und ein Fräulein mit ihnen kam, das ihnen die Büchermappe nachtrug.

Aber zum Schluß hatte Milka doch einen roten Schirm, der in der Sonne leuchtete. –

An dem Tag, da mein Vater von seinem reichen Bruder fünf Gulden bekam, war er auch bei Lujo.

Nachmittags kam Lujo zu uns und sprach von einem neuen Plan. Mutter kannte Lujos Pläne, die immer zu Wasser wurden, in blauen Dunst aufgingen. Diesmal war es aber nicht nur ein Plan – sondern eine Sache, die Kopf und Fuß hatte. Er wisse, wo man Flitternadeln ins Haar, Mosaikbroschen, Perlmutterkämme und noch vieles andere billig kaufen könne – en gros. Über Land könnte man damit fahren und gute Geschäfte machen.

Mein Vater kaufte für drei Gulden ein. Es war ein ganzer Tisch voll Sachen. Messingherzchen für Wallfahrer waren dabei, versilberte Armbänder, Talismane mit giftgrünen Steinen, Schlangen als Schmuckstücke, Kröten, Eidechsen als Kinderspielzeug.

Ich hatte solche wunderbare Sachen niemals gesehen, ein ganzer Laden war es, was Vater da auspackte. Ich bat ihn, mir etwas davon zu schenken.

Er sagte: Wenn etwas übrig bleibt.

Am nächsten Morgen fuhren Vater und sein Bruder Lujo über Land.

Nachmittags kamen sie heim in bester Laune; sie hatten ein gutes Geschäft gemacht und das Doppelte für die Ware gelöst.

Mutter setzte ihnen ein Mittagessen vor. Seht ihr, nun seid ihr wackere Männer, das lob' ich mir.

Vater warf die Silbergulden auf den Tisch, daß es klirrte und klang.

Hallo, wir haben Geld, rief Mutter. Lujo erhob sich und lief nach Hause zu seiner Frau und zu seinen vier Kindern.

In mir zitterte eine kleine Ungeduld. Vor dem Schlafengehen fragte ich Vater: Für mich ist nichts übriggeblieben?

Nein, die Leute haben uns alles abgenommen.

Nächsten Tag bekam mein Vater wieder eine Warenladung und abermals klirrte er mit Silbergulden.

Da sagte Mutter: Nächstens fahre ich mit; noch besser muß es gehen. Den Kindern nehmen wir ein Mädchen.


*


Wir bekamen ein tschechisches Dienstmädchen. Sie war groß und kräftig, ein Bauerngesicht mit Blatternnarben und vorgestreckten Kiefern; sie war ziemlich häßlich, obgleich sie nicht alt war. Rosa hieß sie.

Sie schlug uns, ließ uns im Finstern und naschte von unseren Tellern. Sagt es der Mama, dann kriegt ihr noch mehr Prügel, konnte sie uns drohen.

Das Schrecklichste war ihr Gesang; ein lautes, heiseres Einerlei, ganz ohne Melodie, mehr wie eine Litanei in ihrer Muttersprache.

Mein Bruder, der schon angefangen hatte, ein kleiner Herr zu sein, wurde unter der Herrschaft Rosas wieder ein verschüchtertes, ängstliches Kind.

Er war gern mit Kameraden beisammen, und sie sprachen von Schmetterlingen, Briefmarken, Fußball, Karl May und Elektrizität.

Sie waren meist vier. Vier Freunde in der Schule und auf dem Spielplatz.

Kam mein Bruder nach Hause, schrie Rosa ihn an: Wo warst du? warte, ich werd' dir gleich deine Prügel geben.

Es kam fast nie so weit, aber sie hielt uns immer in der Drohung und machte uns ganz verschreckt.

Wenn es ihr gefiel, gab sie uns zu essen, es war meist zu wenig – und wie stiefmütterlich sie die Butter strich!


*


Einmal waren unsere Eltern am frühen Morgen weggefahren. Wir lagen noch im Halbschlummer, als sie von uns Abschied nahmen.

Der Tag verging uns mit Schule, Spiel und Plaudern. Es war ein regnerischer, trüber Tag.

Abends stellte uns Rosa das Essen hin und ging mürrisch hinaus in die Küche.

Nach einer Weile kam sie herein und schrie uns an: Geht schlafen; der Vater und die Mutter kommen heute nicht nach Hause.

Wir saßen schweigend, standen dann zusammen an das Fenster gelehnt.

Es wurde spät und wir fürchteten, daß Rosa aus der Küche kommen könnte und uns schlagen, weil wir noch auf waren.

Darum kleideten wir uns rasch aus, verlöschten die Lampe und schlüpften in unsere Betten.

Dann sprachen wir weiter, leise: Fürchtest du dich?

Nein; du?

Ja, ein bißchen.

Wovor?

Vor dem weißen Tuch dort.

Du Dumme, das ist ja mein Hemd.

Ja, aber ich fürchte mich, nimm es fort, es bewegt sich immer.

Das ist vom Wind; schau' nicht hin.

Du?

Ja?

Schläfst du?

Nein.

Wo sie jetzt sein können?

Ja!

Vielleicht haben sie sich verirrt? Oder den Zug versäumt! . . .

. . . oder noch nichts verkauft!

Ja!

Morgen werden sie bestimmt da sein!

In der Früh!

Vielleicht noch nachts!

Ja!

Wenn wir morgens erwachen, werden sie da sein!

Ich bekomme eine Flitternadel!

Wozu?

Ins Haar!

So?

Es wird ihnen doch nichts geschehen sein?

Nein!

Ich fürchte mich!

Schlafe!

Ja, gute Nacht!

Gute Nacht . . .

. . . Alexander? Wirst du immer so zu mir sein?

Wie?

Wieder reden mit mir?

Warum nicht? Gute Nacht!

Am nächsten Morgen erwachten wir, ohne daß die Eltern zurückgekehrt wären.

Rosa, was ist? fragte mein Bruder.

Ja, was glaubt ihr? Eure Eltern kommen nicht mehr. Sie lachte und ging hinaus in die Küche.

Wir sahen uns einen Augenblick lang stumm an; dann sagte ich: Und wenn sie wirklich nicht kommen! Was fangen wir an? Mein Bruder stand still mit gerunzelter Stirn. Nein! Sie müssen kommen!

Der Tag verging.

Ich hatte eine Weihnachtserzählung gelesen. Mein Bruder war im Turnunterricht, dann mit seinen Kameraden auf dem Spielplatz.

Gegen sechs Uhr kam er.

Rosa stand in der Küche beim Waschtrog und wusch die Wäsche. Der Dampf hüllte sie ein. Mit roten Armen stand sie und sang in ihrer furchtbar einförmigen Art.

Mein Bruder saß im dunklen Zimmer und pfiff.

Ich stand am Fenster und dachte an Johanna und an unsere Eltern. Wo waren sie? Warum kamen sie nicht? Mein Herz war unendlich traurig.

Das Lied, das Rosa sang, machte es, daß ich laut weinte.

Mein Bruder öffnete die Tür, daß Licht hereinkam.

Es roch nach nasser Wäsche, Seife und Terpentin. Eine Lache Schmutzwassers drang bis zu uns ins Zimmer hinein.

Wirst du gleich die Tür zumachen?

Erst bringen Sie uns die Lampe!

Du kannst warten . . .

Rosa sang erst das Lied zu Ende, dann brachte sie uns das kleine Küchenlämpchen; sich selbst behielt sie die große Lampe.

Rosa, was ist?

Ich hab' euch ja gesagt, sie kommen nicht mehr.

Was ist, Alexander?

Ja – was weiß ich?

Du, Alexander, wenn sie heute nicht kommen, dann ist etwas geschehen!

Nein, sie müssen kommen!

Es vergingen ein, zwei Stunden . . .

Wenn sie jetzt nicht kommen –

Ja – wenn sie jetzt nicht kommen –

Draußen noch immer der tschechische Gesang. Die Schmutzlache im Zimmer breitete sich immer mehr und mehr aus.

Mein Herz tat mir schrecklich weh.

Sie kommen nicht, Alexander!

Nein!

Es verging noch eine Stunde.

Wenn sie jetzt nicht kommen –

Nach ein paar Minuten ging die Tür auf. Mit einem Freudenschrei sprangen wir aus unseren Winkeln hervor: Mama, grüß' dich Gott!

Es war Fräulein Gisela, das alte Nähmädchen, das meiner Mutter manchmal bei der Arbeit half.

Ich bin nicht die Mama, sagte sie mit einem zwirnsdünnen Stimmchen. Eure Mutter hat mich beauftragt, nach euch zu schauen. Seid nur ruhig, sie wird schon kommen, geht nur ruhig zu Bett.

Wir gingen zu Bett.

Mitten in der Nacht hörte ich im Zimmer ein Geräusch; es wurde licht gemacht. Ich erwachte sofort, ich wußte: nun sind sie gekommen, aber ich tat, als schliefe ich. Sie schlafen. Alles ist in bester Ordnung, sagte Vater.

Mutter schlich sich an mein Bett heran und küßte mich leise. Da schlang ich die Arme um sie. Wo wart ihr so lang? Ihr habt uns allein gelassen.

Sei nur ruhig, wir sind wieder da. Aber ich konnte nicht ruhig sein.

Rosa kam ins Zimmer.

Ich rief laut und aufgeregt: Rosa schlägt uns, Mama.

Was? Ich schlage euch? Sag' das noch einmal!

Nein, nein, Rosa wird euch nicht schlagen.

Vater kam, nahm mich in seine Arme, herzte mich und gab mir eine Flitternadel ins Haar und eine Brosche aus Feueremail und einen großen Apfel und farbige Bleistifte und beide saßen an meinem Bett und hatten mich sehr lieb; ich aber konnte nicht ruhig sein, mein Herz tat mir zu weh.

Langsam kam der Schlaf und erlöste mich. Noch im Halbschlummer hörte ich, wie Mutter sagte: Wenn ich mit bin, geht es gleich anders.

Vater saß, den Kopf in die Hände gepreßt.

Ich muß dir gestehen, ich kann an nichts anderes denken als an unsere Johanna. Immer nur das. Darum hab' ich auch nie meine Gedanken beisammen, wo ich sie brauche.

Und sie sprachen von Johanna, lasen ihre Briefe, liebkosten jedes ihrer Worte; sie redeten sich in eine verzweifelte Trauer hinein.


*


Es kam der erste schöne Frühlingstag. Vater sagte zu uns: Ihr müßt jetzt sehr gut sein zu Mama.

Warum? fragten wir.

Weil sie leidend ist!

Was fehlt ihr?

Sie erwartet etwas – eine – Freude . . .

Und davon ist sie krank? vor lauter Freude?

Weil Johanna zurückkommt? fragte mein Bruder.

Ja, deswegen auch!

Wird denn Johanna ganz gesund sein?

Ja. Johanna ist ganz gesund!


*


Johanna sollte kommen. Ich erinnerte mich nicht mehr, wie Johanna aussah, ich konnte mir kein Bild von ihr machen, wie sehr ich mich auch bemühte. Und die letzten Tage hatte ich einen Traum, der immer bei mir war, im Schlafen und im Wachen: ein häßliches, dunkelhaariges Zwerglein, das einen tief durchschauen konnte. Es hatte ein ganz gelbes Gesichtlein und Augen wie Kohlen. Mit diesen mehr bösen und wie verzauberten Augen blickte das häßliche kleine Wesen mich fortwährend an, zupfte mich am Ärmel und mit einem hohlen Glasstimmchen sagte es kichernd: Du – du – sieh mich an! ich bin bei euch zu Gaste. Und legte mir ein eiskaltes Händchen auf die Schulter, daß mein Körper davon erstarrte. In diesem Augenblick verwandelte sich das Menschlein und wurde ein Hund, der aufrecht ging. Und doch war es kein Mensch und kein Hund. Viele Nächte kam dieses Traumgesicht zu mir und verdrängte das Bild Johannas. Ich hatte Angst vor dem Einschlafen, denn immer war es gleich wieder da.


*


Und einmal hieß es: Morgen kommt Johanna.

Vater sagte am Vorabend: Kinder, geht schlafen.

Im Zimmer brannten zwei Lampen. Es war eine Unordnung. Winzig kleine Sachen lagen herum.

Mutter saß auf dem Sofa und stöhnte und stieß kleine Schreie aus. Ihr Gesicht war hellrot.

Mama, was fehlt dir?

Nichts, Kinder, geht schlafen.

Rosa ging ein und aus und schlug jedesmal heftig mit der Tür.

Sie scheut die Arbeit, sagte Mutter mitten aus ihren Qualen heraus.

Vater sah finster drein: Sie ist schließlich eine fremde Person, was geht sie das an?

Ich war zu müde, ging zu Bett und schlief gleich ein.

Ein schrecklicher Lärm weckte mich. Die beiden Lampen brannten; Mutter saß halb entkleidet im Bett und stieß lange, wilde Schreie aus. Dann zankte Vater mit Rosa; sie sollte fortgehen, eine Frau holen. Rosa sagte, sie wolle nicht allein in der Nacht den unheimlichen Weg gehen. Da nahm Vater seinen Rock und lief fort.

Ich lag wach da und wagte nicht zu atmen und nicht zu reden. Wenn Mutter eine Minute lang ruhig war, dachte ich: Gott sei Dank, nun geht es besser. Aber im nächsten Augenblick fing es wieder an und ich dachte: Wie lange kann das ein Mensch ertragen. Ich warf mich herum auf meinem Lager und rief voll Entsetzen: Mama, was ist dir?

Rosa schrie mich an: Leg' dich aufs Ohr, du Fratz! und heimlich flüsterte sie mir zu: Ja, die Mama muß sterben. Ich schrie fast ebenso laut auf als meine Mutter. Rosa lachte. Es war darauf etwas ruhiger geworden.

Vater kehrte zurück. Ja, die Kinder können nicht dableiben, meinte er. Ich stellte mich schlafend – denn ich begann etwas zu ahnen, und es wäre mir peinlich gewesen, Vater zu fragen. Ich wurde »geweckt« und ging ohne Widerrede in die Küche, in Rosas Bett. Meinem Bruder wurde auf drei Stühlen ein Lager bereitet. In der Finsternis lag ich und streckte mich in Rosas Bett.

Alexander! rief ich leise.

Er brummte etwas: Laß mich in Ruh'. Das alles ist überhaupt zu dumm! Da sprach ich nicht mehr zu ihm und lag ganz still mit meinen heimlichen Gedanken beschäftigt.

Nach fünf Minuten kam eine fremde Person.

Es war drinnen ein Lärmen, ein Herumarbeiten, ein Geplätscher. Durch einen Türspalt drang Licht zu uns . . .

Ich fiel in tiefen Schlaf, aus dem ich erst in der Früh erwachte. Es war eine Stille ringsumher wie an einem Sonntagsmorgen. Ich war allein. Rasch sprang ich aus dem Bett und kleidete mich an. Als ich die Klinke ergriff, um die Tür ins Zimmer zu öffnen, kam einen Augenblick lang eine lähmende Angst über mich. Etwas in mir flüsterte: Jetzt! jetzt! Nachdem ich noch ein paar Minuten mit angehaltenem Atem dagestanden hatte, öffnete ich.

Auch im Zimmer tiefe Stille und Reglosigkeit. Auf dem Tische lag ein sonderbares Bündel. Ich ging hin, um es anzusehen. Da tönte mir ein menschliches Weinen daraus entgegen; ein ganz schwaches und starkes Weinen zugleich.

Meine Mutter lag mit geschlossenen Augen, totenbleich.

Ich konnte dies alles nicht recht verstehen. Mein Bruder kam lärmend herein und warf seine Mütze aufs Bett. Ich wies auf Mutter und bat ihn: Sei still! tritt leiser auf! Sprich kein Wort.

Meine Mutter kam mir wie ein fremdes Heiligtum vor, dem man sich nicht nähern durfte, ohne selbst ein frommes Herz zu haben.

Zu dem kleinen Wesen aber, das auf dem Tische lag, war im Augenblick eine so tiefe Liebe da, und als es weinte, rief ich ganz verzweifelt: Es weint.

Eine fremde Frau, die am Bette meiner Mutter saß, und die ich jetzt erst bemerkte, sagte: Laß ihn nur weinen, davon wächst die Lunge. Nun schaut euch einmal euer Brüderchen an. Die fremde Frau hielt uns das Wesen hin. Brüderchen! rief ich leise und berührte sein winziges Gesicht.

O wie lieb hatte ich das Brüderchen.

Um zehn Uhr erwachte Mutter und bat uns, zu ihr zu kommen. Wir sagten nichts. Sie sah uns nur an. Rosa kam ins Zimmer mit ihren polternden Schritten.

Mutter blickte rasch auf.

Noch nicht da! sagte Rosa.

Noch nicht? hauchte Mutter.

Die unbekannte Frau fing an zu reden . . . jetzt werdet ihr zwei Geschwister haben: euer neues Brüderchen und eure Schwester.

Meine Mutter sah voll Erwartung nach der Türe.

Die unbekannte Frau tippte mir auf die Schulter: Laßt die Mama jetzt wieder ein bißchen in Ruhe.

Wir setzten uns ans Fenster, ich auf einen kleinen Schemel. Das zweitemal schon sprach ich meinen Bruder an: Du! Johanna kommt!

Mutter hatte die Augen wieder geschlossen. Das Brüderchen bekam aus einem Fläschchen Milch. Wir sahen zu. O, es konnte seinen Mund aufmachen! welches Wunder! Es machte ein griesgrämiges Gesicht, als wäre es ihm nicht recht auf dieser Welt. Und die winzigen verschwollenen Augen hielten es nicht der Mühe wert, sich zu öffnen. Es war ein kleines, müdes Greislein, das vielleicht von weither kam, von einer vielhundertjährigen Reise – da hatte man es hergesetzt in diese Welt, und nun mußte es leben; es wurde unser Brüderchen.

Mutter erwachte und blinzelte nach der Türe. Rosa polterte herein, rannte umher . . . Noch immer nicht? Mutter schloß in Mattigkeit die Augen.

Die Unbekannte strich über ihre Schultern: Nicht so unruhig! Sie müssen sich still verhalten.

Rosa riß die Türe auf und meldete, daß sie da wären.

Da wollte sich meine Mutter aufrichten, aber sie hatte nicht die Kraft.

Bleiben Sie liegen um Jesu Christi willen! schrie die Frau und drückte meine Mutter in die Kissen. Dann ging sie mit Rosa schnell aus dem Zimmer, um etwas zu verhüten.

Mutter sah nur immer auf die Türe. In ihren Augen lag eine solche Sehnsucht.

Vater trat ein in Rock und Hut, einen kleinen Reisekoffer in der Hand, ein rotes Mäntelchen über dem Arm. Johannas rotes Mäntelchen.

Man konnte sehen, daß er sein Gesicht verbarg, als er zu Mutter ging. Es geht dir gut? fragte er und küßte sie auf die Stirn.

Mutter durchforschte sein Gesicht.

Es war ein Augenblick banger Stille. Dann konnte man sehen, wie ein Leidenszug um den andern von dem Gesicht meines Vaters auf das meiner Mutter überging. Das waren die geteilten Schmerzen.

Wo ist Johanna? fragte Mutter.

Sie ist in der Küche.

Ich erschrak. Es erschien mir so unwahrscheinlich, so gar nicht möglich, daß ich Johanna in dieser Stunde wiedersehen sollte.

Vater stand bei Mutter, strich ihr übers feuchte Haar, über die müde, seltsam jugendliche Stirn, sprach leise, liebevoll, mit schwacher Stimme.

Ich will sie sehen.

Jetzt nicht; später.

Bring sie mir, sogleich.

Denk an dein Leben.

Einerlei – wo ist Johanna?

Du kannst sie jetzt nicht sehen.

Johanna! –

Sie sieht nicht sehr gut aus.

Johanna! – ein furchtbarer Schrei.

Vater öffnete die Türe.

Komm herein, mein liebes Kind . . .


– – – – – – – – – – – –


War das Johanna? dieses kleine gelbe Zwerglein aus meinem Traum?

Mutter sah sie aufmerksam von Kopf bis zu den Füßen an; dann zog sie sie an ihr Herz.

Vater flüsterte uns zu: Seid nicht so fremd. Ihr erschreckt sonst das arme Kind.

Da ging ich hin und gab Johanna die Hand und umarmte sie und küßte sie, trotzdem ich an dem verhutzelten kleinen Wesen unsere Johanna nicht erkennen konnte.

Allein mein Herz sprach zu mir: Sei gut. Nicht prüfen, nicht kaltes Staunen. Liebe! Erbarmen! Schwester! Ich war noch so jung, aber ich fühlte deutlich diese Stimme in mir sprechen.

Johanna und Alexander begrüßten einander.

Vater sprach fortwährend sehr lebhaft, lachend, fast witzig, ohne Unterlaß redete er. Er fürchtete sich vor der ersten kleinen Stille, das wußte ich.

Richtig trat ein Augenblick des Schweigens ein.

Johanna stand über das Brüderchen gebeugt, wozu sie auf einen Stuhl steigen mußte, so klein war sie.

Ja, meiner Seel' – ein Kindelein –, sie sprach ein wenig fremdländisch, mit einer ganz andern Stimme als früher. Sie sah sich im Zimmer um, wobei sie sich ganz herumdrehen mußte, denn ihren Kopf konnte sie nicht bewegen. Ihr Körper war sehr mager, die Arme lang, wie ausgezogen; das wachsbleiche, blauädrige Gesicht mit dem spitzen Kinn war von den herrlichsten schwarzen Augen erleuchtet.

Ich sagte leise zu Alexander: Johannas Augen sind wie Sterne am Himmel; sie selbst ist wie ein Märchen, das noch niemand erzählt hat; oder wie etwas, das man träumt, nachts, wenn man schläft und alles voll Finsternis ist . . .

Mein Bruder flüsterte mir zu: Sie ist doch aber viel lustiger als früher.

Das verstehst du nicht; sie tut nur so, als ob sie lustiger wäre, damit wir nicht betrübt sind und damit wir denken: nun, die Hauptsache bleibt die Munterkeit und die gute Laune.

Mein Bruder sagte: Wollen wir sie fragen, ob sie mit uns kommen will, ich zeig' ihr meine Bücher.

Wir fragten sie.

Johanna, willst du mit uns . . .

Ja; ja.

Erst stand sie und blickte noch eine Weile auf das neue Brüderchen.

Kinder, ja, ihr müßt euch jetzt noch ein bißchen mehr bei Rosa aufhalten, bis es Mama besser geht, sagte Vater.

Zu Rosa gingen wir nicht. In einem Winkel standen wir alle drei beim Fenster.

Ja, hier wohnen wir noch immer. Unten im Lichthof ist der Kürschner und Milkas Eltern. Milka ist fort, weiß Gott, wo sie überall herumkommt, zu Hause hat man sie geschlagen, da ist sie fort. Nur ihr Bruder Lorenz und Drotschke sind noch da. Drotschke wird auch nicht lange leben, ein alter Hund, er muß schwer arbeiten, Wagen ziehen . . .

Alexander zeigte seine Bücher: Das sind die Götter Griechenlands. Überhaupt Griechenland, das ist sehr schwer; unser Professor fragt nur einmal, wenn man da nichts weiß, hat man sein Ungenügend.

Wart ihr oft spazieren?

Nein; wir waren nicht oft spazieren.

Alexander hat seine Freunde.

Und du?

Ich bin meist allein.

Johanna, Rosa ist schlecht zu uns. Sie schlägt uns und tut uns viel Böses an; leiser, sie darf nicht hören, was wir von ihr sprechen, sonst bekommt sie noch einen größeren Zorn auf uns.

Das ist schrecklich; mich darf sie nicht schlagen. Ich darf niemals von jemand angerührt werden, sonst zerbreche ich.

Ist ja nicht wahr, Johanna.

O bitte – ich hab' es einmal gehört, da sagte der Herr Primarius zu Schwester Eudoxia: Nummer 42 ist nur zusammengeleimt – Nummer 42 war ich.

Du bist doch gesund geworden, Johanna?

Ich weiß es nicht.

Rosa sagte, wir sollten nicht so laut plärren, sie bekomme Kopfweh. Und Johanna solle sofort ihr Kleid gegen ein älteres vertauschen, ob sie denn glaube, daß man ein Kaschmirkleid zu Hause trage. Johanna sagte, das sei ein Geschenk der Schwester Pia und sie wolle es darum anbehalten.

Aber Rosa machte nicht viel Geschichten, sie zog Johanna kurzerhand das Kleid aus: Wenn deine Geschwister nicht so schöne Kleider haben, brauchst du auch nicht so schöne Kleider! Sie riß an ihr herum. Johanna schrie auf:

Mich dürfen Sie nicht so reißen, ich zerbreche sonst.

Rosa mußte eine sehr harte Person sein, wenn sie mit Johannas schief gebogenem, steifem Hälschen nicht Erbarmen hatte.

Sie hob sie in die Luft. Du, ein Huhn ist schwerer als du; bist ein rechter Hascher. Rosa stellte sich vor Johanna hin und gaffte sie an.

Schauen Sie mich nicht so an!

O, ich werde dich anschauen! – Und Rosa wandte sich zu ihren Kochtöpfen auf dem Herd. Ich beruhigte Johanna: Du darfst nicht mit Rosa streiten, sonst wird sie dir Böses tun, wie uns . . .

Johanna setzte sich zu uns und erzählte uns . . . Dort war eine Schwester, Eudoxia. Sie liebte mich nicht. Sie sagte, für ein kleines Mädchen hätte ich zu allwissende Augen. Sie liebte nur die Kinder, die täglich, wenn der Priester kam, beichteten und kommunizierten.

Aber Schwester Pia, die mich lieb hatte, sagte: Du hast so träumerische Augen; du äugst immer wie ein junges Waldtier. – Ich hätte gerne gewußt, wie die sind: träumerische Augen.

. . . Erzähle mir noch mehr von Schwester Pia, bat ich Johanna.

O, wie viel wollte sie mir erzählen; Johanna strahlte.

Nicht wahr Johanna, wir wollen von jetzt an zusammen bleiben, wir drei und das Brüderchen.


*


Das Brüderchen erhielt den Namen Josef. Es blieb lange ein kränkliches, bleiches Menschlein mit faltigem Gesicht. Dann aber, nach den ersten drei Monaten wurde es ein herziges kleines Bübchen mit dicken Backen und klugen Augen. Es war so süß, es auf dem Arm zu halten, sich das warme, weiche Köpfchen an die Wange zu legen, seine zum Staunen kleinen Händchen vielmals zu küssen. Es war ein Kind, das nicht viel schlief und selten weinte. Mit wachen Blicken lag es in seiner Wiege und guckte, wenn die Sonne einmal vom Dach ins Zimmer schien.

Johanna und ich saßen an der Wiege: Brüderchen! o kleines Brüderchen! Jeden Tag schien es uns ein anderes Wunder.

Johanna sang ihm kleine italienische Liedchen vor, wie sie Savoyardenknaben singen. Ihre Stimme war nicht schön, aber rührend und es war ihre arme Seele darin.

Einmal dachte ich: Ich muß Johanna meinen Traum erzählen. Nach einer Weile überlegte ich . . . es könnte sie trübe stimmen . . . es war doch so entsetzlich – wie ein Mensch sich in einen Hund verwandelt. – Allein – trotzdem sagte ich: Johanna, ich muß dir einen Traum erzählen.

Sie hörte zu.

. . . Ja, von einem Hund, der aufrecht ging und der Hund warft du.

Johanna saß bleich da mit eingesunkener Brust und atmete schwer:

. . . Totenhund . . .

Woher weißt du das?

Ich habe ihn selbst einmal gesehen . . .

In dem Augenblick wußt' ich: das alles hatte ich schon einmal erlebt. Ich hatte diesen Traum schon einmal Johanna erzählt – vielleicht vor tausend Jahren. Damals standen wir im Walde und waren Bäume. Baum an Baum standen wir, wie wir heute stehen Kind an Kind – Menschengeschwister.

Johanna saß da, wachsbleich, lauernd und dann lächelnd und still.

In meiner Brust war eine dumpfe Reue: warum habe ich ihr gesagt, daß sie sterben muß. Sie wußte es ohnehin, aber da ich es ihr sagte, zwang ich ihre Gedanken dahin. Nun waren wir fest verbunden. Alles Fremde war von uns gefallen.

Es wunderte mich nicht, als abends vor dem Schlafengehen Johanna zu mir kam; sie kam zu mir ins Bett gekrochen und wir umschlangen uns. Wir waren allein. Johanna setzte sich im Bett auf und sagte: Sieh, wie häßlich und krank ich bin; eine Schlange oder eine Schnecke kann nicht häßlicher sein als ich. O – der Körper wird vergehen – eine Handvoll Staub wird da sein, ehe du ein großes, schönes Mädchen geworden bist – es ist darum auch einerlei, wie ich aussehe, da ich dazu bestimmt bin, zu vergehen. Aber meine Seele, die solltest du lieben.

Johanna! rief ich in unfaßbarem Leid und rückte weiter weg von ihr.


*


Johanna ging zur Schule, in dieselbe Klasse wie ich; wir saßen beisammen.


*


Es kamen Nächte, wo wir auf einem Kissen lagen, und ich liebte ihre Seele. Oft lag sie wach und flüsterte in mein Ohr. Sie erzählte von dort . . .

. . . Alles war so schön, und nicht so traurig, wie man meinen sollte, bei den vielen kranken Kindern. Hab' ich dir gezeigt, was alles in meinem Köfferchen ist: Flechtereien aus Glanzpapier, Wandkörbe, Photographierahmen und alle möglichen Handarbeiten. Alles von mir selbst gemacht. Und schöne Andenken von den Kindern und von den Schwestern und vom Herrn Primarius – das Allerschönste aber ist von Schwester Pia.

Zeig' mir das von Schwester Pia.

Einmal werd ich dir's schon zeigen.

Es ist gar nichts Großartiges – in einem kleinen Päckchen, in Seidenpapier, bloß mir ist's so viel, weil es von Schwester Pia ist.

Ich habe ein Poesiealbum, das einem fünfzehnjährigen Mädchen gehörte, das gestorben ist. Benedikt hieß sie, Klara Benedikt. In dem Album sind schöne Zeichnungen und Verse. Wir zwei waren immer beisammen – und noch eine; das war Schwester Pia. Wir waren in dem großen Park, dort hatten wir manchmal gespielt, wenn wir einen guten Tag hatten, ohne Schmerzen.

Im Schlafsaal standen unsere Betten nebeneinander, dort haben wir uns leise Geschichten erzählt. Manchmal auch von Gespenstern. Die erzählte Klara Benedikt am liebsten, dann fürchtete sie sich und Schwester Pia mußte bei ihr bleiben, bis sie eingeschlafen war. Lag ich krank, dann waren sie beide bei mir. Sie war eine Waise und man hatte sich ihrer angenommen – doch einmal sollte sie viel Geld erben. In der Anstalt wurde für sie bezahlt; sie war eine Reiche, die einzige, die keinen Freiplatz hatte. Sie konnte Gitarre spielen und dazu wunderbar singen. Manchmal spielte sie heimlich und Schwester Pia sang. Das durfte niemand wissen. Wir drei hatten viele Feinde. Weil wir uns so lieb hatten. Anfangs hatten alle Kinder Schwester Pia sehr lieb. Aber sie hatte nicht alle gleich lieb. Die häßliche Gewohnheiten hatten, unwahr waren, zankten und einander verklatschten, die konnte sie nicht lieb haben. Und alle hängten sich an sie. Schwester Pia – Schwester Pia. Und das wollte sie nicht haben . . . Ich wußte etwas: daß sie nicht viel betete und immer träumte und manchmal des Nachts spazieren ging im Park, wenn Mondschein war.

Und einmal erzählte sie mir Alles, das war später, nachdem Klara Benedikt schon tot war.

So erzählte mir Johanna jeden Abend vor dem Einschlafen.

Einmal sagte ich: Ich möchte ganz gerne dort gewesen sein! es war wohl schön!

Johanna erwiderte: O ja, schön war es manchmal aber ein andermal war es so traurig, wie wenn man schon tot wäre. Und Johanna erzählte: . . . Einmal zum Frühstück bekam ich nichts. Ich saß im Speisesaal; vor allen stand eine Schale Milchkaffee; vor mir stand nichts. Ach, du lieber Gott! dachte ich, und ein furchtbarer Schrecken ergriff mich. Die am selben Tag zur Operation kamen, erhielten kein Frühstück.

Klara Benedikt sagte: So, du bekommst nichts? Mir hat niemand etwas gesagt.

Ich blickte in ihr bleiches, vor Anteilnahme verstörtes Gesicht.

Mir auch nicht.

Nach einer Stunde kam Schwester Eudoxia mit dem Arzt, sprach leise mit ihm, beide sahen mich an, dann schob sie mich zwei Schritte vor und sagte mit ihrer rauhen, rissigen Stimme: Du kommst heute auf den Operationstisch. Es war ein sehr schöner Morgen. Im Park sangen die Vögel rings um den Springbrunnen. Wie Diamantenstaub lag Tau auf den Beeten; alle jungen Rosen waren erwacht. Die kranken Kinder spielten im Park. Die größeren saßen zusammen und stickten oder zupften Scharpie. Ich sah, wie Klara Benedikt sich zu den anderen setzte. Dann hab' ich sie niemals wieder gesehen.

Ich stand allein und dachte: Was wird jetzt mit mir geschehen? Fortlaufen wollte ich – unbemerkt in die Küche, von dort in den Gemüsegarten und davon. – Auf dem Korridor traf ich Schwester Pia. Sie nahm mich in ihre Arme: Was flatterst du so erschreckt herum? hab' keine Angst, komm mit mir.

Ich werde operiert, Schwester Pia.

Nein, nur untersucht.

. . . ich habe kein Frühstück bekommen.

Komm, mein Engel.

Sie führte mich in den Saal, zog mich aus, nahm mich auf ihre Arme und legte mich auf den Tisch. Ich sagte fortwährend: Aber Schwester Pia – das kann man ja nicht aushalten, diesen entsetzlichen Geruch. Ich ersticke in dieser Luft – laß mich doch wieder fort . . . Da gab sie mir die Maske übers Gesicht. Während ich einschlief, sagte ich immer: Adjö, Schwester Pia – Adjö Adjö . . .

Ich kam in meinem Bett auf und dann ging es mir sehr schlecht. Erst nach drei Tagen konnte ich wieder reden und Eis essen und wußte überhaupt wieder etwas von mir. Nur bewegen konnte ich mich nicht. Mein Körper lag in Verbänden und von dem starken Blutverlust war ich sehr geschwächt. Schwester Pia war bei mir. Sie pflegte mich ganz allein. Sie war so gut zu mir und hatte mich so lieb, daß ich alle meine Schmerzen vergaß und auch vergaß, daß ich nur ein zusammengestückeltes Kind war. In der Nacht faltete ich die Hände und betete: Lieber Gott, du kennst die Wege, die du uns schickst. Hier liege ich in der Fremde und bin schwer krank. Ich werde sterben und werde niemals meine Eltern und Geschwister wiedersehen. O, was wird noch alles mit mir verlassenem Kinde geschehen, und wie werde ich leiden. Aber ich will alles geduldig tragen.

Und ein andermal betete ich: Du lieber Gott im Himmel. Es ist Nacht; ich liege in dem großen Krankensaal und muß sehr große Schmerzen leiden. Gleich wird die Tür aufgehen und Schwester Eudoxia wird kommen; sie wird mir einen frischen Verband geben und wird mir sehr weh tun – aber noch schlimmer wird es sein, wenn sie sagt: Rutsch' weiter hinauf. Ich kann mich ja nicht bewegen und kann auch nicht hinaufrutschen und doch verlangt sie es von mir. Lieber Gott, gib doch, daß Schwester Pia kommt zur Nachtwache.

Und es kam Schwester Pia. Sie setzte sich an mein Bett, legte mir ihre Hand auf die Stirn und sagte zu mir: Wie gerne möchte ich die Schmerzen für dich tragen; wenn das möglich wäre. Ich fragte: Wo ist Klara Benedikt?

Da erzählte mir Schwester Pia, daß Klara Benedikt gestern an Herzschlag gestorben sei. Seit gestern abend sei sie in der Totenhalle. Es kam oft vor, daß Kinder starben – plötzlich in der Nacht. Nun war auch Klara Benedikt in der »schwarzen Halle«. Meine Freundin, die nachts immer leise mit mir geplaudert hatte und Witze erzählte und Dummheiten über Dummheiten gemacht hatte, lag in der »schwarzen Halle«. In meinem Nachtkästchen lag ihr Poesiealbum. Ich nahm es und schlug es auf und wir lasen zusammen darin, Schwester Pia und ich. Auf der ersten Seite hatte Klaras Vater geschrieben: Sei edel, hilfreich und gut. Dann ihre Mutter, ihre Lehrer, Vettern und Cousinen, ihre Bekannten und Freunde. Ein Gedicht in italienischer Sprache von der Schwester Oberin, eines vom Herrn Primarius. Alle hatten Klara Benedikt lieb gehabt. Auf einem Blatt war eine Federzeichnung mit Versen. Schwester Pia las sie mir vor:


. . . Schwalbe, liebe Schwalbe!
Warum baust du ein Nest?
Weißt du auch, ob der Liebste dein
Dich liebet treu und fest?


Schwester Pia las die Verse ein zweites Mal, still für sich, während ich mit ihrer Hand auf meiner Wange einschlief.


*


Einmal fragte ich Johanna: Wie hat diese Schwester Pia ausgesehen?

Da sagte Johanna: Sie hatte ein ganz weißes Gesicht und war erst zweiundzwanzig Jahre alt. Sie war sehr schön. Die anderen Schwe­stern wollten sie nicht und die Kinder weinten, weil sie nicht immer bei ihnen war. Mir sagte sie alles. Wenn sie traurig war, kam ich leise, daß sie mich nicht hörte, zu ihr und fragte: Schwester Pia, was hast du? Ich allein durfte ihr du sagen, wenn niemand es hörte. Sie sagte: Ach, dazu bist du noch zu klein, du kannst es nicht verstehen.

Ich antwortete: O Schwester Pia, ich kann alles verstehen!

Da sagte sie: Aber ich schwöre, daß du eines nicht verstehen kannst.

Was ist das, Schwester Pia?

Das ist die Liebe.

Da war ich freilich dumm; dumm und unwissend. Aber ich bat sie doch, mir zu erzählen, und da erzählte sie mir. Sie habe einen jungen Seminaristen sehr lieb gehabt. Sie war siebzehn Jahre alt und ging in die Klosterschule, war Novize. Abends hat er mir ein Zeichen gegeben und des Nachts kam er über die Mauer geklettert. Darauf kam ich in den Garten hinunter. Unter einem Pfeiler sind wir gestanden, von Bäumen verdeckt. Aber es war Herbst, die Bäume und Sträucher waren kahl und wir fürchteten, von der Pförtnerin entdeckt zu werden. Wir hielten uns umarmt und zitterten. Er war neunzehn Jahre alt und sollte Priester werden.

Brich dein Gelübde, bat er mich, so wie ich das meine breche. Verlasse das Kloster und werde mein; ich kann nicht Mönch werden, seit ich dich gesehen.

So trafen wir uns jede Nacht und einmal hatten wir verabredet, zu fliehen. Alles war vorbereitet; er brachte mir Knabenkleider. Als ich mich auf dem finsteren Wandelgang ankleidete, kam die alte Äbtissin, leuchtete mir mit einer Laterne ins Gesicht und schrie, und gleich waren alle Schwestern da mit der Oberin und sogar die Novizen. In den langen, weißen Nachtgewändern standen sie um mich. Ich sah sie an und lachte wie wahnsinnig und mit ausgestreckten Armen stand ich da. Die Schwester Oberin trat ganz nahe auf mich zu und sagte mit erhobener Stimme, während sie alle anblickte: Die Schwester Novize Pia Karolina hat vier Wochen Zimmergefängnis – von da ab schweren Dienst mit strenger Bewachung bei Tag und Nacht. Schwester Novize Pia, laß die Arme sinken. Dann knieten alle nieder und beteten für meine verirrte Seele.

Ich fragte Johanna: Und was ist aus ihm geworden?

Er ist damals zurück über die Mauer. Schwester Pia hat in niemals wieder gesehen. Sie wurde bald darauf versetzt ins Hospiz zum Krankenpflegedienst.

Sie sagte oft zu mir: O – ich kann nicht, ich kann nicht ruhig werden. In der Kirche, wenn sie beten, ist keine Andacht in mir. Ich halte mein Gebetbuch aufgeschlagen und ich sehe hinein und bewege die Lippen, aber ich bete nicht. – Dann drückte sie mich an sich mit ihrer jungen Kraft, daß sie mir wehe tat, und küßte mich. Sie flüsterte mir einen Vers ins Ohr. Du, sagte sie, das hat er mir einmal geschrieben, als er über die Mauer kam:

Seh' ich nicht mehr dein Auge blau,
Dann ist es für mich Nacht.
Die Welt erscheint mir düster, grau,
Kein Sternlein mir dann lacht.

O, laß mir deinen lieben Blick
In diesem Erdental,
Du bist mein allergrößtes Glück,
Vielleicht zum letzten Mal.


Ich umarmte Johanna, es war eine dunkle, unbestimmte Freude in mir.

Johanna, rief ich, das ist ja schöner als ein Märchen, das von Schwester Pia. O, erzähle mir noch mehr von ihr; ich liebe sie; ich liebe sie.

Johanna war glücklich, daß sie von Schwester Pia erzählen durfte.

Und sie erzählte, wie sie miteinander Äpfel aßen und beide von demselben Apfel abbissen und wie sie miteinander plauderten und spielten und vor den anderen fremd taten – oftmals sagte sie, wenn die anderen sie hörten: Johanna, du hast heute dein Bett schlecht gemacht, dafür mußt du eine Strafe bekommen. Und die Strafe war, daß Johanna Bonbons bekam und süße Mandarinen. In der Frühe aber, wenn alle im Waschraum waren, kam sie und machte Johannas Bett. Vor den anderen tat sie, als wäre nichts, und Johanna ging herum mit dieser heimlichen Liebe und war immer wie im süßen Traum . . . Daher kam es auch, daß sie glaubte, sie wäre ganz gesund und es nicht recht merkte, wie sie immer kleiner wurde und ihr Kopf immer schiefer und ihre Glieder immer steifer und kälter.

Manchmal auf dem Nachhauseweg zog sie mich plötzlich am Arme: Ich habe heute in der Schule nicht aufgepaßt, ich dachte an dort. Wäre ich doch immer dort geblieben. Hier fürchte ich mich, wenn ich die anderen Menschen sehe, die groß und aufrecht sind. Aber dort war es schön unter den Leidenden und Kranken. Schwester Pia sagte oft: Geh nicht zurück in dieses grausame Leben; bleibe bei uns im Hospiz auf dieser schönen, stillen Insel, hieher gehörst du.

Da fragte ich sie: Und du, Schwester Pia, wirst immer hier bleiben?

Nein, ich warte. Einmal muß er kommen, dann gehe ich mit ihm und dann soll mich kein Gott und kein Teufel halten.

Ich sagte: Aber, Schwester Pia, du hast ja deine Haare abgeschnitten.

Sie aber wurde ganz unruhig, verstört, warf die Arme in die Luft und keuchte, weil sie nicht schreien durfte. Ja, ja, ja, einmal kommt er . . .


*


So lebte Johanna dahin in den fortwährenden Erinnerungen, die an die Stelle der Märchen getreten waren.

Wenn sie über ihre Schularbeiten gebeugt saß, sagte sie plötzlich zu mir: Sieh, der Mond scheint ins Zimmer. Wenn bei uns der Mond schien, schwamm der Park in blauem und violettem Licht, der Rasen war weiß und der Springbrunnen sang. In stürmischen Nächten konnte man das Meer hören, wie es rauschte . . . oben im Krankensaal war Licht – Schwester Pia hielt die Nachtwache – durch eine Reihe weißlackierter Kinderbetten schritt sie.

Vom Turnen, Zeichnen, Singen und Handarbeiten war Johanna frei. Sie hörte und sah schlecht.

Eines Nachts setzte sie sich im Bette auf und sagte: O, wie ich langsam dahinsterben muß, und muß es trotzdem fühlen, wie schön die Welt ist. Du wirst einmal alles besitzen, dieses ganze Leben in deinen Händen halten – ich werde verschwunden sein.


*


Wenn die Tage kürzer wurden, und grauer, dunstiger Regen fiel, der Wind einem roh ins Gesicht schlug; wenn man an den Händen und an den Ohren fror; an den Straßenecken die Kastanienbrater hockten, mit ihren kleinen Laternen und feurigen Ofen, wie Gnomen, dann machte der Herbst sein bösestes Gesicht und schrie den letzten Spaziergängern zu: Nun ist's genug! jetzt wird es ernst. Marsch mit euch hinein, hinter den warmen Ofen; das Märchen klopft an die Tür.

Immer war in mir die grausige Angst vor Johannas Krankheit. Oftmals dachte ich: Wie angenehm, eine Schwester zu haben, die wie Johanna war. Man ist nicht mehr allein. Der Tag freut einen und der Abend; die Blätterranken, die man zeichnet, die Schattenbilder, die man ausschneidet, man hält sie gegen das Licht und sagt: Schau, Johanna. Und Johanna sagt: Jetzt werde ich es versuchen; und man sieht ihr zu, wie sie es macht . . . Und immer ist jemand da, der Zeit für einen hat, man fühlt das Nahesein eines Herzens und ist nicht mehr allein und verlassen und braucht nicht mehr mit sich selbst zu sprechen . . .

Mein Bruder Alexander ging an uns vorbei, ohne Freundlichkeit. Er hatte viel Herrschsucht und Gewaltsamkeit in sich. Er hatte oft Streit mit seinen Kameraden. Wenn jemand ihm etwas tat, raufte er sogleich mit ihm, auch wenn der andere stärker war; er nannte das: seine Ehre. Nie weinte er, konnte aber, wenn er zurechtgewiesen wurde, hart und nachträgerisch sein, tagelang kein Wort sprechen. Er hatte keinen glücklichen Charakter. Man mußte immer zu ihm kommen, daß er wieder gut sei und dann ließ er sich noch bitten. Aber er sah immer so nett aus mit den stets sauberen weißen Händen, dem anmutigen Knabenkopf, in der verblichenen Samtbluse, vom weißen Kragen belebt.

Wenn ich mit Johanna zur Schule ging, ging er weit weg von uns. Und es wäre doch so lieb von ihm gewesen, wenn er Johanna zur Seite gestanden wäre, um sie auf dem Schulweg zu beschützen.

Ich hatte immer große Mühe, auf Johanna achtzugeben, daß die wilden Kinder sie nicht umrannten, daß sie keinen Schneeball erwischte oder sonst etwas. Aber einmal kam doch das Schreckliche. Ich ging wie blind neben ihr her, als ein robuster Bube auf uns zulief und Johanna umwarf. Eine ganze Schar, die ihm zusah, brach bei dem Anblick in ein tolles Lachen aus. Ich sah Johanna auf dem Boden liegen und stöhnen und aus einer Kopfwunde bluten. Da warf ich mich zu ihr auf die Erde und konnte mich vor Schmerz nicht erheben, es wäre mir am liebsten gewesen, man hätte mich zertreten. Meine arme Johanna. Der Schuldiener kam und brachte eine Bahre, man trug sie nach Hause.

Die nächsten Tage ging ich wie irr herum. Ich konnte dieses Entsetzliche nicht verstehen. Immer wieder malte ich mir aus: Hier sind wir gegangen und waren froh – und sprachen miteinander, hier war noch nichts – hier auch nichts – da begann ich wegzuschauen, mich umzudrehen und da kam der Bube schon hergelaufen – an dieser Stelle war es – da floß ihr Blut.

Ich war niedergeschmettert.

Nach ein paar Tagen konnte Johanna aufstehen.

Zur Schule ging sie nicht wieder.

Am Fenster saß sie, oder beim Ofen in einem alten Lehnstuhl, den man für sie von der Bodenkammer herabgeholt hatte. An kühlen Tagen war sie in Decken eingehüllt. Sie las Tausend und eine Nacht und Maria Stuart. In einem alten Reisekoffer, den mein Vater noch aus seiner Jugend hatte, hatte man zwei Bände aus »Schillers sämtlichen Werken« gefunden: Die Räuber und Maria Stuart. Als man oben war, den Lehnstuhl zu holen, hatte man die Bücher entdeckt und heruntergebracht; die las Johanna jetzt.

Nun werde ich immer da sitzen, sagte sie.

Johanna war nicht mehr so lebhaft, sie sprach nicht mehr viel seit dem Unglücksfall und war wieder ganz versunken und traumhaft still. Besonders während der Dämmerstunden – darum spürte ich ihre Liebe doch nicht weniger und mein ganzes Herz und mein ganzes Leben waren ihr zugetan. O, ich möchte dich sanft berühren, ich möchte dich liebkosen, ich möchte weinen tagelang aus Trauer darüber, daß du dir wehgetan. Und immer sahen wir uns an und sprachen nichts – keiner konnte wissen, was der andere dachte.

So gingen die Tage hin. Es kam nichts Schönes, keine Freude, nichts.

Manchmal erwischte ich irgendwo ein Buch und verkroch mich damit; dann dachte ich: Wie froh bin ich! wie reich bin ich! Einmal las ich eine Erzählung aus dem Englischen, die mich seltsam ergriff. Ein Haus am Meere und zwei Schwestern, die in einem Saal heranwuchsen, der geschmückt war mit herrlichem geschliffenen Glas und mit Porzellan. Immer blickten die Schwestern hinaus auf die Schiffe im Hafen. Alles um sie her war Einsamkeit. Das grüne Meer und der weite blaue Himmel und nachts die Sterne. Plötzlich starb der alte Vater, man nahm ihnen das Haus. Sie blieben arm zurück. Und eines Tages fahren sie mit demselben Schiffe fort, das sie sonst immer vom Balkon ihres Hauses gesehen und dem sie zugewinkt hatten, in eine ferne, fremde Welt. Der Leuchtturmwächter aber späht vergebens nach den beiden weißen Gestalten aus, die nachts immer aneinandergeschmiegt aufs Meer hinausblickten . . . er findet sie nicht mehr . . .

So oder ähnlich war die Erzählung.


*


Einmal sagte Johanna zu mir, als ich an ihrem Bette stand und kleine Zeichnungen betrachtete:

Kannst du singen?

Ja – nein –

Weil ich dich noch nie habe singen hören; andere gesunde, frohe Mädchen singen. Warum du nicht?

O, ich singe schon manchmal, aber nicht laut. Ich spürte, wie ich rot wurde; hieß das: ich war gesund und froh, während sie krank war?

Du singst also doch?

Ja, aber nur leise für mich, daß es niemand hört, mit geschlossenem Munde. Ich summe, wie an Sommertagen die Bienen.

Auch summen habe ich dich niemals gehört.

Natürlich, das geschieht auch nur auf der Gasse, wenn Wagen fahren und ein Lärm ist und die Leute durcheinander eilen, durcheinander sprechen, dann singe ich . . . nur leise – ich erschrecke, wenn mein Mund in der Stille laut wird.

Johanna sagte: Ich will dir etwas vorsagen, das so schön ist wie auf der ganzen Welt nichts.

Ihr schiefes, müdes Köpfchen lag in den Kissen ruhig und geborgen, während sie es vor sich hinsprach:


Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Kling«, kleines Frühlingslied,
Kling' hinaus ins Weite.


Ja, das war schön.

Wußtest du, daß es ein so schönes Lied gibt?

Nein – aber nun werde ich es immer hersagen im Lärm der Straße und auch in der Stille.

Und wirst nicht mehr bange sein vor deiner eigenen Stimme?

Nein, jetzt nicht mehr.


*


Der böse, eisigkalte November war da. Die Straßen hatten noch nicht die weiße Schneeruhe. Es wehte ein roher, gewaltsamer Wind, führte tolle Wirbeltänze auf um schmutzige Kehrichtreste, Staub und Ruß und trug die Krankheiten in die Häuser.

Seit zwei Tagen litt Johanna an Husten und Bruststechen.

Am Morgen hatte der Arzt ein ernstes Gesicht gemacht. Man könne nicht wissen, was da kommen werde.

Vater und Mutter hielten die beiden Hände des Arztes und riefen mit schmerzverzogenen Gesichtern: Herr Doktor! Herr Doktor! unser teures Kind!

Der Arzt meinte: Ja, man muß abwarten; ich glaube, daß es eine Lungenentzündung wird. Dann freilich müssen Sie sich auf das Ärgste gefaßt machen. Liebe Frau – danken Sie Gott . . .

Meiner Mutter Augen hingen an dem Munde des Arztes. Was sagte er? unmöglich war es, das zu verstehen. Gott danken? wofür? Johanna war doch nicht gefährlich krank? Ah – die Augen meiner Mutter wurden rund und groß – groß und staunend und starr und dann ganz hellsichtig. Ja, sie wußte. Auf einmal wußte sie . . .

Vater stand abgewandt.


*


In der Schule begann jetzt für mich ein feines Leben. Durch Johannas lange Krankheit wurde ich allen interessant. Wie geht's? Wie geht es ihr? Kommt der Doktor zu euch? Ist es wahr, sie muß sterben?

Fortwährend wurde ich gefragt und mußte antworten. Oft stand ich in einem Kreis von Mädchen. Dann kam die Lehrerin und der Herr Oberlehrer und hörten zu, was ich von Johannas Krankenbett erzählte.

Das brachte eine eigentümliche Freude und neue Lust in mein Leben. Ich wurde froh, wenn ich reden konnte und die anderen mir zuhörten. Sie beachteten mich; früher hatten sie mich nicht beachtet. Niemand hatte mit mir gesprochen, oder wollte gern mit mir gehen, weil ich schüchtern und so still und traurig war, keine schönen Kleider hatte, keine färbigen Haarbänder, auch im Unterricht nicht gut vorwärts kam.

Wohl waren einige, die auch still waren und garstig angezogen und sogar noch schlechtere Schülerinnen als ich, und eines Tages kamen sie mit einer großen gelben Schleife im Haar, man sah sie öfter als sonst an, eine kam und plauderte, es kam die zweite und die dritte, es wurde gekichert und geklatscht und plötzlich war sie obenauf und alles drehte sich um das eine Mädchen mit der grellgelben Schleife und das blieb so, bis ein neuer Liebling kam, aus irgendwelchem Grunde, vielleicht weil der Lehrer sie angelächelt hatte, gerade sie. Eine andere wieder konnte so zärtlich weinen und der Lehrer sagte: Nimm doch die Hände vom Gesicht; und er nahm ihr selbst die Hände fort und hob ihren Kopf langsam zu sich auf und er sagte: Jetzt weg die Tränen – und alle liebten dieses Mädchen auf einmal.

Nun liebten sie mich und ich war so unerhört glücklich darüber, daß ich den Morgen kaum erwarten konnte, um zur Schule zu gehen; dort war ich jetzt am liebsten.

Nach dem Unterricht rief mich die Lehrerin zu sich und sagte mir etwas. Alle sahen auf mich. Ich war ihnen geheimnisvoll. Unten sollte ich warten, hatte sie mir gesagt. Ich wartete, und vor den Augen aller Mädchen ging ich mit unserer Lehrerin. Sie faßte nach meiner Hand. O, und alle sahen es. Daß ich da ging mit unserer Lehrerin, so vertraut. In die Konditorei gingen wir. Die Lehrerin kaufte ein großes Glas Aprikoseneingemachtes, das sollte ich für Johanna nach Hause tragen und sie herzlich grüßen.

Es war merkwürdig, daß dieses Gefühl des Stolzes und der Freude, das in diesen Tagen in meiner Brust war, mich sogleich verließ, sobald ich unsere Gasse betrat, und wenn ich zum Hause kam, war es ganz und gar verschwunden – nur die Sehnsucht nach dem nächsten Tag blieb.

Ich dachte: Jetzt kommt das andere; die Krankheit, der Schmerz, die Bangigkeit, meine zärtliche, mitleidige Liebe zu Johanna – aber morgen ist wieder ein feines Leben in der Schule.

Schon im Hausflur verdüsterte sich meine Seele.

Die bläulich geweißten Wände, welche überdies schmutzig waren, die engen Spiraltreppen, die finsteren Gänge, die sich noch durch das Schuhwerk so furchtbar kalt anfühlten; die Fenster, die in den Lichthof gingen und in den Vorhof des nächsten Hauses; die Öllämpchen, die nicht leuchteten, nur glimmten, der trostlos eisigkalte Kellerhauch, der im Stiegenhause lag, und ein Geruch von verdorbenem Fett, schmutzigen, dunstigen Kleidern, ein schrilles Getön von Kindergeheul und rohen Scheltworten, dumpfe Schläge von Männerfäusten und das ersterbende Gewinsel eines alten, räudigen Hundes – dies alles getaucht in eine Flut von Dunkelheit und moderiger Kühle.

Tür an Tür nisteten Menschen. Die Stuben waren wie die Gänge schwach erleuchtet – da lebten Menschen mit ihren Sorgen, wurden alt, wurden krank, starben, wurden geboren, Söhne wuchsen heran, Töchter . . .

In diesem Hause war Johannas Krankenstube.


*


Mit zunehmender Dämmerung begann es kalt zu werden. In der einen Hand hatte ich meine Büchermappe, in der andern das Glas mit den Früchten. Meine bloßen Hände waren rot und steif. Ich hatte fast geweint, so weh tat mir die Kälte. Dann aber dachte ich: morgen in der Schule, da werden sie mich umstehen, werden fragen: wo warst du gestern mit der Lehrerin? Wir sahen dir nach, wie du mit ihr gingst. Was habt ihr gesprochen?

Und ich werde sagen: Ach, in der Konditorei waren wir; das kommt schon manchmal vor, daß wir dort hingehen – und ich machte einen Luftsprung vor Freude und Erwartung – auf den morgigen Tag!

Und Johanna? Es wird ihr schmecken, wenn sie so etwas Gutes bekommt. Vielleicht gibt sie mir auch ein Löffelchen davon. Oder sie schläft einmal gerade recht tief, da nehm' ich schnell das Glas und koste ein wenig, den ganzen Mund voll; sicher kam ich einmal dazu. Wie schön grün und rosa diese dicke Süßigkeit da drinnen lag in dem Glas. Wie lange konnte Johanna damit auskommen? Vielleicht vier oder fünf Tage – und morgen war gewiß schon der Tag, an dem sie schlief, in den Nachmittagstunden . . .

Wie ich in den Hausflur kam, waren alle meine frohen Gedanken dahin. Das Haus nahm mir die Wärme aus dem Herzen und das Licht aus den Augen.

Bei Johanna war gerade der Arzt. Ich hörte, wie er sagte: . . . sollte es schlimmer werden, dann rufen Sie mich, aber noch vor zehn Uhr.

Meines Vaters gebeugte Gestalt sah dem Arzt nach. Mit irren Worten rief er etwas.

Meine Mutter saß beim Brüderchen. Er war heute unruhig.

Ich rief laut in überströmender Freude: Seht einmal, was die Lehrerin Johanna schickt!

Mutter sagte: Das ist schön, nur leider ist Johanna sehr krank.

Ich ging an Johannas Bett. Sie mußte heftiges Fieber haben; jetzt war ihr eben kalt. Ihr Atem war schwer und röchelnd. Ihr Gesicht war verzerrt. Manchmal warf es sie wild hin und her und es kamen Angstschreie aus ihrem Munde.

Mutter eilte an ihr Bett. Was willst du, mein liebes Kind?

Mütterchen, mir ist so kalt.

Mutter nahm alle Decken und Tücher, so daß Johannas winzige Gestalt darin verschwand wie ein Punkt.

Dumpf tönte es heraus: – Mutter, wie kalt.

Dann kam die Hitze. Mutter mußte alle Decken fortnehmen. Im Bettlaken lag Johanna und in ihren Adern sah man das Blut kochen.

Das Brüderchen weinte, ich lief hin, um es zu beruhigen; doch es hörte nicht auf. Das Brüderchen war eigensinnig und wollte nicht einschlafen, ehe man ihm »sein Lied« sang. Er war an zwei Lieder gewöhnt; wenn das eine nichts nützte, das zweite nützte bestimmt.

Vom Bett her kam Johannas flehende Stimme: . . . ich verbrenne . . .

Mutter legte kalte Tücher auf Johannas Stirne.

Mein liebes Kind – mein teures . . .

Vater sang das Brüderchen in Schlaf:


. . . Straßburg, o Straßburg,
Du wunderschöne Stadt,
Darinnen liegt begraben
So manniger Soldat . . .


Das Brüderchen wollte nicht einschlafen.


. . . Der Vater und Mutter
So schwer verlassen hat.


Das Brüderchen weinte heftiger. Vater nahm es auf den Arm, bettete es an seiner Schulter; da war es ruhig; auch Johanna lag still in den kalten Tüchern.

Diese kleine, allertiefste Stille benützte Mutter, ging ans Fenster, blickte mit gefalteten Händen zum Himmel hinauf. Ich hörte ihre fahlen Lippen kein Gebet sprechen, nur die Worte: Gott – lieber Gott! Du gütiger Vater!

Da kam das Röcheln vom Bett her: Kalt – wie kalt. Und Mutter mußte alle Decken über Johanna breiten.

Das Brüderchen, das im Lärm nicht schlafen konnte, schrie.

Ich sagte heimlich: Böses, kleines Brüderchen, wenn du wüßtest! Doch du bist noch so dumm, hast keinen Verstand. Was weißt du! Siehst nicht die bittere Not.

Vater sang leise das zweite Lied und schlummerte selbst darüber ein.


*


Mein Bruder Alexander und ich waren zu Bett gegangen. Mit wachen Augen lag ich und sah die Wand an. Bei jedem Seufzer Johannas zuckte mein Herz.

Durch eine unsichtbare Türe mußte ein Gast eingetreten sein; mit dem führte Johanna jetzt heimliche Zwiesprache . . .

. . . Warum? was . . . ich soll doch endlich zu dir kommen . . . nein . . . durchaus nicht . . . ich will nicht . . . ah . . . wie gut das ist . . . Wie dieser heiße Sommertag meine Stirne quält . . . ich bin ein kleines Mädchen . . . natürlich bin ich nur ein – Mutter . . . liebste Mama . . .

– Mutter stand an Johannas Bett, neigte sich zu ihr, sah ihre Kämpfe, hielt die Hand wie zur Abwehr . . .

Ich bin bei dir, mein teures Kind, weißt du es?

Ja – ja – alles glänzt – alles glänzt – Millionen Augen. Du bist ein Glanzpapier – eine vergoldete Nuß auf dem Weihnachtsbaum – oder ein Goldfischlein in einem Teich bist du.

Sie fiel in einen eigentümlichen Singsang.

Mutter weckte Vater. Er schüttelte den Kopf; er konnte sich nicht sogleich besinnen. Dann kam die Erinnerung. Er ging eilig fort, um den Arzt zu rufen. Johanna lag ohne Ruhe. Es war ein Lärm im Zimmer vom rasselnden Atem und Wirrsprechen.

Immer wieder ging meine Mutter zwei Schritte vom Bett ans Fenster und sah zum Himmel hinauf.

Ich fragte: Mutter, suchst du den lieben Gott? Dann fielen mir die Augen zu.

Am nächsten Morgen trank Johanna ein Gläschen Milch. Sie trank gierig, lächelte und legte sich angenehm zur Ruhe.

Eine Freude ging durch unsere Herzen.

Mutter legte mir die Hand auf die Schulter: Du bleibst heute zu Hause, damit wir alle bei ihr sind. O, da war ich froh.

Johannas Hand, die nur mehr das Skelett einer Hand war, lag in der meinen. Es erfüllte mich mit Grauen und mit Glück. Wir sprachen kaum ein Wort. Sie schlief ein paar Stunden; ich wachte an ihrem Bett.

Mutter mußte in die Fabrik, um noch rasch etwas zu verdienen.

Draußen lagen die Novembernebel, die endlosen, grauen, kalten Nebel.

Um drei Uhr nachmittag war es Abend. Die Lampe brannte, im Ofen war ein kleines Feuer. Ein schaler Geruch von Arzneien war im Zimmer.

An den Wänden entlang huschte der Schatten eines fremden Eindringlings. In kaltem Grauen ging ich umher, in Furcht und in seliger Freude, wenn Johanna lächelte, sich im Bett aufsetzte, etwas sagte, mich um etwas bat. Es gab Minuten, wo sie ganz munter war, dann jubelte mein Herz: sie wird gesund werden! Wir wollen immer gute Schwestern sein. Nie eine die andere verlassen. Und bleibt sie auch klein und schwach, wie will ich sie lieb haben!

So kämpfte ich um Johanna.

Und wenn die Hoffnung schwand, wenn das letzte Lächeln des Lebens von Johannas Munde glitt, der Schatten an den Wänden deutlicher vorbeiging, dann kam auch über mich Mattigkeit.

So kämpfte ich.

Wir alle standen an ihrem Bette, hatten den ganzen Tag kaum etwas gegessen. Das Fieber brauste heran.

Wir alle saßen und hörten ihre kleinen wundersamen Geschichten. Es war immer das Meer und Schwester Pia. Kleine Märchen wie ein allerzartestes Lied, wie der Gesang eines kleinen Vögleins am Abend, ehe es sich zur Ruhe ins Nest legt.

Johanna – kleines müdes Vöglein.

Es kam die Nacht.

Wir lagen in den Betten. Vater und Mutter wachten bei Johanna.

Johanna hatte gräßliche Atemnot.

Die Fenster auf! bat sie mit den Augen.

Es war eine Qual, ihr zuzusehen, wie sie die Luft pumpte, wie in ihren Augen das Wissen lag.

Und wieder schlief ich ein.

Mitten in der Nacht weckte mich ein leises Gespräch. Ich war im Halbschlaf. An der Wand lehnte Mutters schlummernde Gestalt. Die Lampe war heruntergebrannt. Ich hörte eine leise, verdorrte, unwirkliche Stimme. Mit klappernden Zähnen und zitternden Gliedern lag ich unter meiner Decke.

Jemand redete: . . . was willst . . . du? . . . fort . . . soll ich? nein . . . nein . . . ich geh' . . . nicht . . . mit dir . . . wohin führst du . . . mich? . . . Was willst . . . du? Vater . . . Mutter . . . sieh, oh . . . sieh . . . schwarz . . . mit . . . ihm . . . soll . . . ich . . . gehen? Laß mich . . . nur noch kurze Zeit . . . laß mich hier . . . Mama, laß mich nicht fortnehmen, o meine gute Mutter . . .

Das leise Reden blieb über eine Stunde.

Vater fragte: Wer ist es, mein Kind? Wer?

Da bekam Vater keine Antwort.

Nachdem es eine Weile still war, schlief ich ein.

Ein fahler Frühschein weckte mich.

Vor Johannas Bett brannte ein Nachtlicht. Vater und Mutter saßen angekleidet am Tisch. Mutters Haupt lag auf dem Tische. Vater blickte ins Leere. Ich stand auf. Alexander und das Brüderchen schliefen. Ich war noch müde. Der Schlaf lag mir über den Augen. Langsam ging ich an Johannas Bett. Ich sah sie nicht. Da hob ich die Decke ein wenig hoch. Ein gelbes, kleines, wächsernes Antlitz mit geschlossenen Augen lag vor mir. Ich faßte nach der Hand; die Hand fiel wie ein Stock zurück. Da packte mich ein Entsetzen, ich rannte fort, warf mich in wilder Verzweiflung zu Boden und schrie. Man mußte mich mit Wasser benetzen, damit ich zu mir kam.

Mutter schleppte sich mühsam im Zimmer umher; es war ein Wunder, daß sie nicht zusammenbrach.

Sie gab uns das Frühstück und schickte uns ins Freie.

Vater saß immer auf demselben Platz mit verwirrtem Blick, sah ins Leere und immer wieder auf das Bett, wo unter der Decke ein Körper und ein Gesicht sich abzeichneten. Von Zeit zu Zeit schluchzte er laut auf.

Mutter schickte uns auf die Straße, wir sollten ein wenig ins Freie – es war eine schlechte Luft im Zimmer – eine Verwesungsluft . . .

Ich sagte: Mama, Johanna liegt ja da. Mutter weinte laut, sie schrie – und rief Johannas Namen.

Da gingen wir rasch fort, ins Freie. Es war zu schrecklich. Wir hatten etwas durchgemacht in den letzten Stunden; wir beiden Kinder. Und wir hatten die Nacht im selben Zimmer mit einer Leiche geschlafen. Die Lebenden bei der Toten.

In der Nähe unseres Haustores standen zwei Mädchen aus unserer Klasse. Die eine lief, als sie mich sah, davon. Die andere war die rote Margit Rücker, ein Mädel von schlechtem Ruf, mit großen, fieberhaft neugierigen Augen, einem zartflaumigen, weißen Gesicht und einer unruhigen Gestalt. Sie war die Größte und die Schlimmste in der Klasse. Es gab Geschichten über sie, trotz ihrer Jugend.

Jetzt kam sie mir entgegengesprungen: Begleite mich ein Stück.

Ich ließ sogleich meinen Bruder stehen, hängte mich in Margit Rücker ein und begleitete sie ein Stück Weges. Wir kamen ins Plaudern. Sie wußte so viel. Ihre ältere Schwester war verlobt und fast täglich ging sie mit ihrem Bräutigam spazieren und ins Theater und zu ihnen kamen Sonntags immer junge Leute, Mädchen und Burschen und dann war es ein herrliches Leben. Ich fragte: Könnte ich nicht nächsten Sonntag zu euch kommen? bloß zuschauen, ich gehe gleich wieder.

Margit sagte: Ich weiß nicht, ob meine Mutter es erlaubt; ich werde sie fragen. Und sie erzählte mir noch viel von dem Treiben Sonntags, wenn sie Gäste hatten.

Ich hörte ihr zu und fand es wieder sehr angenehm, mit einer Freundin Arm in Arm zu gehen und einander alles mögliche zu erzählen. So viel Neues hatte ich wieder gehört. Wenn ich doch zu Margit kommen durfte, nur zuhören; wenn doch ihre Mutter es erlaubte! Ich spürte kaum, wie der Sturm mich zauste und mein Kleid trieb; wie es endlich anfing zu regnen und kalte Tropfen mir aufs Haar fielen. Fest an Margits Arm geschmiegt ging ich gegen den Wind. O, bitte deine Mutter, daß sie es erlaubt! stammelte ich beharrlich. Immer wieder das eine, als hätte mein ganzes Glück darin bestanden.

Vor der Auslage eines Zuckerbäckerladens blieben wir stehen. Weiße Nikolos mit langen Bischofsbärten, schreckliche Krampusse mit roten Zungen und Ruten. Das alles war recht hübsch und rotflammend. Wir standen und schauten es uns an.

Kommt zu euch der Nikolo? fragte mich Margit.

Ich erblickte im Auslagefenster Früchteneingesottenes und mußte an unsere Flasche daheim denken, die mir die Lehrerin gegeben hatte. Nun würde ich alles bekommen. Plötzlich war es mir, wie ein Stich ins Herz. Ich dachte an das Bett, wo Johanna unter einer Decke lag, still und kalt; und daß ich sie für immer verloren hatte.

Komm, es gibt noch mehr Schaufenster!

Nein, sagte ich und riß mich los. Laß mich, ich muß nach Hause.

Bleib doch, komm noch ein Stück mit mir.

Nein, nein; adieu.

Und ich lief von Margit fort.

Sie rief mich und kam mir nachgesprungen: Wie geht es deiner kranken Schwester?

Sie ist tot.

Wo liegt sie?

Zu Hause.

Ich komme heute nachmittag, sie anschauen.

. . . In der Gasse spazierte mein Bruder mit zwei Kameraden. Als ich vorüberkam, sah er zur Seite. Er zeigte auf mich, als ich ins Haustor trat. Das ist sie meine andere Schwester, hörte ich ihn sagen.

Mutter lag vor Johannas Bett.

In den ersten Nachmittagsstunden kam Onkel Lujo mit seiner Frau und seiner ältesten Tochter Isabella.

Sie trösteten meine Eltern. Die Tante verdrehte in ihrem rotverschwollenen Gesicht die Augen und wisperte meiner Mutter ins Ohr: Der liebe Gott weiß, was er tut; er braucht einen Engel, da nahm er Johanna zu sich. Sie weinte heftig in ihre große, schwarze Schürze, in deren unrechte Seite sie sich schneuzte. Sie streichelte mein Haar und nannte mich ein armes, liebes Kind. Meine Schwester wäre nun im Himmel . . . Mir war die Tante sehr zuwider mit ihrem Geschwätz.

Die kleine, hübsche Isabella stand in einer Ecke und kaute an ihren Fingernägeln. Wie es gar kein Ende nehmen wollte, und sie immer so dastand und kaute, statt ein Wort zu sprechen, fragte ich sie: Schmeckt dir der Finger gut?

Sie errötete, sah mich hochmütig an und ließ die Hand sinken.

Mein Bruder trat zwischen uns: Das geht dich gar nichts an, du machst noch viel ärgere Sachen als Nägel kauen.

Ich fragte ihn erzürnt: Was mach' ich denn für Sachen?

Er antwortete und sah dabei Isabella an: Haha, man läßt den Bruder stehen und hängt sich an eine Freundin.

Ach so, sagte ich und wandte mich ab.

Onkel Lujo, seine Frau und Isabella gingen wieder nach Hause.

Nachbarinnen, die ich früher kaum gesehen, kamen zu uns.

Alle bedauerten meine Eltern und das arme Kind, das so viel gelitten hatte und nun gut aufgehoben sei. Danken Sie unserm Herrgott, sagten alle; sie war ohnehin nicht tauglich fürs Leben. Wie wäre es, wenn sie ewig ein krankes Kind hätten?

Da schrie meine Mutter in wildem Schmerz auf: O nein – wenn ich sie nur noch hätte! Gegen Abend brachten sie den Sarg. Johanna bekam ein Armenbegräbnis.

Als die Männer dabei waren, Johanna aus dem Bett zu nehmen und in den Sarg zu legen, klopfte Margit Rücker an unsere Türe; sie hatte eine Schar Mädchen mitgebracht. Margit, atemlos vor Neugierde, flüsterte: laß mich sie sehen . . . Und die andern drängten sich hinter ihr nach.

Ich dachte an den Schmerz meiner Eltern und an meinen eigenen, verborgenen Kummer und ließ Margit nicht eintreten. Sie packte mich fest am Arm: Ich darf doch? Du kannst dafür Sonntag zu uns kommen. Sie drängte sich ins Zimmer, die andern nach. Eben vernagelten die Männer den Sarg. Meine Mutter schrie laut.

Man trug Johanna die Treppe hinunter, wir gingen hinter dem Sarg. Unten wurde er auf den schwarzen Wagen geschoben. Auf der Straße blieben die Leute stehen und sahen meinen Vater an, wie er weinte. Ein kleiner Kreis von Menschen stand herum und fragte neugierig: Was ist geschehen? Margit Rücker erzählte es allen, die es hören wollten: Ein Kind ist gestorben . . . Die Leute senkten den Kopf und gingen stumpf weiter.

Mutter stand bei Vater und stützte ihn und bat fortwährend: Sei doch ruhig, weine nicht so schrecklich. Mein Bruder hielt sein Taschentuch an die Augen. Ich stand und blickte dem Wagen nach, der mit Johanna davonfuhr in die kalten, finsteren Nebel hinaus.

Als ich den ersten Tag wieder zur Schule kam, trug ich ein schwarzes Kleid; mein Haar war mit einer schwarzen Schleife gebunden. In der Pause standen wir auf dem Korridor; die Mädchen trieben allerlei Schabernak, um mich zu belustigen. Eine schnitt Gesichter und machte einen ganzen Wurstel aus sich, so daß ich hellauf lachen mußte. Da ging gerade der Herr Oberlehrer vorbei, sah mich an und sagte: Das schwarze Haarband ist nicht alles, im Herzen muß die Trauer sein.

Da stellte ich mich in einen Winkel und weinte darüber, aus Reue, daß ich gelacht hatte. Der Herr Oberlehrer ging wieder vorüber, ich lief ihm nach, erhob die Hand, damit er mich höre. Er bedeutete mir mit einem Nicken des Kopfes, daß ich sprechen solle.

Herr Oberlehrer, ich habe die Trauer im Herzen.

Dann ist es gut! antwortete er.

In Mathematik hielten wir bei der Berechnung von Jahren, Monaten, Tagen. Eine schrieb an die Tafel. Der Herr Oberlehrer suchte ein Beispiel. Er sah in dem Katalog nach. Jemand ist geboren am 14. Dezember 1883, gestorben am 22. November 1897. Wie alt ist er geworden?

Als die Rechnung fertig war, sagte der Herr Oberlehrer: Wir haben jetzt das Alter der armen Johanna ausgerechnet: dreizehn Jahre, neun Monate und acht Tage ist sie geworden.

Die ganze Klasse sah mich an. Der Herr Oberlehrer seufzte, wischte sich die Augen und blickte zum Fenster hinaus. Draußen fiel in dichten Flocken der erste Schnee. Alle klatschten in die Hände und flüsterten mit unterdrücktem Jubel: Es schneit!


*


Zu Hause war immer dasselbe Bild. Kalt und traurig.

Nachts blieben meine Eltern auf, während wir beim Lampenlicht einschliefen. Die Nähmaschine surrte. Blaue, rote und gelbe Stoffreste lagen auf dem Boden. Am nächsten Tage ging meine Mutter fort und kam erst abends heim; wir gingen zur Schule. Vater blieb daheim beim Brüderchen.

Als mein schwarzes Kleid zerrissen war, kaufte mir Mutter ein grünes. Sie hatte ein ganzes Stück spinatgrünen Stoff sehr billig gekauft und machte mir daraus ein Kleid und eine Überjacke. Ich freute mich sehr darüber, nur die Farbe, dies saftige Grün verdroß mich ein wenig – aber ich sagte nichts.

Schon auf der Straße bemerkte ich, daß mich die Leute sonderbar ansahen, und wie ich die Klasse betrat, erhob sich ein Geschrei und Halloh. Laubfrosch! Laubfrosch! – ein unbändiges wüstes Gelächter. Zuerst versuchte ich mitzulachen; allein seit Johannas Tod war mein Herz so wehleidig geworden; ich erschrak so leicht und konnte mich schwer beruhigen.

Die Mädchen in der Klasse hatten kein Erbarmen: Laubfrosch, Laubfrosch, was gibt es für ein Wetter? schwirrte es mir um den Kopf. Eine, von der ich glaubte, daß sie die einzige sei, die mich nicht auslachte, kam zu mir, legte mir ganz freundschaftlich den Arm um die Schulter, sah mir ernsthaft in die Augen, und während ich noch dachte: Seht, eine ist doch da! fragte sie mich: Du, wird es morgen schneien? – Ich weiß es nicht. – Du mußt es wissen, du bist doch ein Laubfrosch! Da schrie ich sie wild an und tobte und schlug um mich. Damit hatte ich mir alle zu Feinden gemacht. Nun zogen sich alle von mir zurück, drückten sich weit weg und ein Gemurmel war im Schulzimmer: Pfui Laubfrosch, pfui!

Zu Hause sagte ich: Mutter ich kann in diesem Kleid nicht mehr in die Schule gehen. Es lachen mich alle aus.

Mutter sagte: Solche niederträchtige Fratzen. Trage es nur, es ist sehr hübsch.

Es ging noch ein paar Tage, dann aber ging es nicht länger. Sie hätten mich zu Tode gequält. Ich bat Mutter: Gib mir wieder mein schwarzes Kleid; ich bekam noch einen Flicken auf jeden Ärmel und an den Rock einen Streifen alten Samt angesetzt und dann hatte ich wieder Ruhe.

Da ich mit den Mädchen in der Schule in Feindschaft war, dachte ich: Nun, ich habe ja meinen Bruder; wir werden uns recht anschließen aneinander. Ich konnte nie sogleich herzlich zu ihm kommen. Ich mußte mich immer auf Umwegen an ihn heranschleichen. Meine Mutter war betrübt. Wie wird es später einmal mit euch werden? Ihr könnt euch nicht vertragen!

Ich antwortete: Ach, ich werde dahin gehen und er dorthin.

Da seufzte meine Mutter schwer.

Ja, Mama, ich kann nichts dafür, ich möchte mich schon vertragen. Aber er ist ein böser Junge; ich kann nicht immer nachgeben. Er zerreißt ja doch wieder meine Schulhefte und versteckt mir meine Bücher.

Wenn ich mit ihm zanke, schlägt er mich. Nachher möchte ich gleich wieder gut sein, er aber geht tagelang herum und schaut mich nicht an.


*


Eines Tages kam ein Mädchen zu unserer Lehrerin und meldete: Bitte, ich kann jetzt acht Tage nicht kommen, denn ich verreise.

Die Lehrerin sagte: Was, du verreisest? Das gibt es nicht.

Ja, meine Großmutter ist krank und deshalb müssen wir heimreisen. Mich kann meine Mama nicht allein hier lassen. Die Lehrerin fragte, wo denn das sei. In Braila, in Rumänien. So weit? Ja, da müsse der Herr Oberlehrer erst seine Erlaubnis geben.

Der Herr Oberlehrer gab die Erlaubnis. Am nächsten Tage kam das Mädchen nicht mehr zur Schule; sie war abgereist.

Ach, wie herrlich, es gab Kinder, die mit ihrer Mutter eine weite Reise machten. Mich hatte niemand lieb. Außer dem Brüderchen; aber das hatte noch keinen Verstand . . .

In der Turnstunde mußte ich immer wieder daran denken. Wir turnten auf dem Reck, bei demselben Lehrer, bei dem wir Mathematik hatten. Zu Margit Rücker sagte er: Nicht so wild, nicht so stürmen, Sie stoßen mir ja den Brustkorb ein. Daß Sie nie maßhalten können! Mir ging es schlecht beim Reckturnen. Ich war zu träge und zu schläfrig; ich war körperlich ungeschickt, ich konnte mich nicht allein hinaufschwingen; der Lehrer mußte das Reck halten und sagte zu mir: Kleines, ängstliches Geschöpf, nachdem er mir hinaufgeholfen hatte. Ich spürte nur die Zärtlichkeit, die in seinen Worten lag, und war drei Tage lang darüber glücklich. Doch schon in der nächsten Mathematikstunde ermahnte mich der Lehrer; klopfte mit dem Lineal auf den Tisch und schrieb mir eine schlechte Note ein. Nun war wieder alles wie früher: die grauen Wände, die Lampen mit breitem Schirm, die zwei Reihen Bänke. Oben der Heiland am Kreuze. Es läutete und man durfte nach Hause gehen.


*


Seit zwei Tagen ging ich in einem unbehaglichen Gefühl herum. Es war mir heiß und es fröstelte mich gleichzeitig, ich war müde. Abends konnte ich es nicht mehr ertragen. Als Mutter nach Hause kam, legte ich die Arme um ihren Hals: Mama, ich bin sehr krank. Ich hörte noch, wie meine Mutter aufschrie: Mein Gott, ein ganz rotes Gesicht hast du. Man brachte mich zu Bette. Ich fiel in Fieber. Was ging mit mir vor? Ich lag schwach, hilflos und in Schmerzen. Ich hörte, wie der Arzt meiner Mutter Trost zusprach: Die jungen Kräfte werden siegen. Ich hörte wie meine Mutter stöhnte. Das Augenlicht! Das Augenlicht! Ich hatte das Augenlicht verloren.

Herr Doktor, wenn das Kind blind bleibt?

Dann müssen Sie es eben ertragen, sagte der Arzt, und froh sein, daß sie überhaupt davonkommt.

Ja; ja . . .

O, wie meine Mutter weinte.

Wochen um Wochen lag ich. Endlich ging es mir besser. Ich konnte schon einen Arm bewegen, den Kopf ein wenig heben und neigen, aus einer Tasse allein Milch trinken. Eine Leichtigkeit war mir im Kopfe; mein Körper war wie mit Luft gefüllt, so leicht und frei schwebend. Ohne Sehnsucht war ich, als gäbe es nichts auf der Welt als lichtlose Ruhe und kalte Limonade mit Eisstückchen. Sehen konnte ich nichts; ich war blind.

Wer ist bei mir? fragte ich; und die schluchzende Stimme meiner Mutter antwortete: Ich.

Wer ist noch bei mir?

Ich, dein Vater.

Alexander? das Brüderchen?

Die sind bei Onkel Lujo.

Schon lange?

Seit sechs Wochen.

O, so lange?

Ja, mein liebes Kind.

Alles war wieder Ruhe und Leere und Finsternis.

Mama, werde ich nie wieder ein Buch lesen können?

O ja . . .

Ich dachte: Gut; es gibt vielleicht auch ein solches Leben: wo man still im Bette liegt und nichts sieht. Man hat schließlich ein Zimmer und die Eltern haben einen lieb; man bekommt alles. Man ist abgeschlossen von aller Feindschaft und von allem Haß.

Wenn Johanna mich sehen könnte! Jetzt hatte ich es ebenso friedlich, wie sie es im Seehospiz hatte, nur daß hier nicht das Meer war und Schwester Pia. Und andere Kinder? was hatten die? Es gab Kinder, die mißhandelt wurden von ihren Eltern; freilich, auch ich wurde mißhandelt, von meinem Bruder. Auf der Stirn hatte ich eine Schramme. Das wird ihm jetzt genug leid tun. Er wird sich in jeder Minute sagen: Jetzt liegt sie krank, meine arme Schwester, im Fieber und blind und auf ihrer Stirn ist die Schramme von damals.

Ich rief meine Mutter: Sage Alexander, daß ich ihm alles verzeihe . . .

Besser hatte ich es noch immer als zum Beispiel Milka. Die trieb sich herum, weiß Gott wo! Oder Margit Rücker, die log und ihrer Mutter, wenn diese nichts wußte, Geld aus der Börse nahm und sich dafür Stollwerck-Schokolade kaufte und Glasperlen und sich dann lieber dafür prügeln ließ; nein – lieber blind als wie Margit Rücker sein. Plötzlich trugen mich meine Gedanken fort. Wenn ich groß und alt bin, muß ich an einer Kirchenecke sitzen und betteln Leierkasten spielen. Wie die blinde Frau im Hirschenhaus. Dann wieder war es, als müßte ich wie im Traume lächeln. Daß ich nicht früher daran gedacht hatte: ich bleibe immer ein kleines Mädchen, zu Hause bei Mutter . . . Dann wird mein Bruder mich nicht mehr schlagen, denn er wird ein Mann geworden und fortgezogen sein in die Welt . . .

Wenn Johanna mich sehen könnte! Was mag im Grabe aus ihr geworden sein? Sie ist tot. Sie hat keine Schmerzen zu leiden. Ich stellte mir Johanna vor. Ihr schwarzes, seidiges Haar, das dann so steif und feucht wurde; ihre Augen, ihre leise Stimme . . . wie sie zeichnete, sang, Märchen erzählte; wie sie froh, wie sie traurig war; krank im Bette lag; und dann Abschied nahm: Adieu, vergiß mich nicht; und wie sie eines Morgens vor uns stand, so klein und bleich und alles wußte, auch daß sie sterben werde . . . Und Schwester Pia mit dem weißen Gesicht . . .


. . . Seh' ich nicht mehr dein Auge blau,
Dann ist es für mich Nacht . . .


Johanna war tot. Nichts war von ihr übrig geblieben.

Klara Benedikt war auch tot; sie hat Johanna ihr Poesiealbum geschenkt. Ich möchte nicht tot sein wie Johanna und Klara Benedikt. Ich möchte groß werden; ich möchte eine Reise machen, wie jenes Mädchen, das mit ihrer Mutter nach Rumänien fuhr. Ich möchte mir die Welt anschauen, wenn ich groß bin! . . .

Plötzlich erschrak ich und mußte laut aufschreien. Mama, ich kann nichts sehen.

Es vergingen noch ein paar Tage und ich konnte meine ersten Gehversuche machen. Auf einen Stock gestützt, tastete ich mich durchs Zimmer.

Nachmittags lag ich beim Fenster im Lehnstuhl und die Märzsonne wärmte meine Hände, die auf der Decke lagen.

In tiefem Schlafe lag ich und träumte, ich sähe wieder. Ich blicke aus dem Fenster, gehe auf die Straße und alles ist wieder wie früher. Es schneit, wir werfen Schneebällen. Ich ziele auf das feinste Mädchen – auf Maria von Raden – plumps . . .

Von der Lebhaftigkeit des Traumes erwachte ich. Ich war allein. Meine Augen waren offen und klar. Ich stieg aus dem Bett, öffnete das Fenster, sah in die Höhe, da war ja Gottes herrliche Welt. Ich schrie mit aller Kraft, daß es durchs ganze Haus hallte: Mama, ich sehe wieder! und fiel meiner ohnmächtigen Mutter jauchzend in die Arme . . .


*


Als ich mich das erstemal im Spiegel erblickte, erschrak ich: mein Haar war ausgefallen. Ich sah aus wie ein Junge.

Meine Mutter beruhigte mich; es wird rasch nachwachsen und um so schöner werden: In acht Tagen, wenn du das erstemal in die Schule gehst, kannst du es schon in die Stirn kämmen.

Nach drei Tagen erlaubte der Amtsarzt, daß meine Geschwister kämen.

Das war ein freudiges Wiedersehen.

Ich fühlte mich um Jahre älter.

Alexander und das Brüderchen konnte ich kaum erkennen, obwohl wir uns nur Wochen nicht gesehen hatten. Wie war alles verändert! Ich selbst. Die Fenster standen offen. Von draußen kam eine laue Luft ins Zimmer.

O, durch den Winter bin ich gegangen. Nun saß ich wieder auf meinem alten Platz in der Fensterecke und sah in den Lichthof hinab.

Um die Feuermauer flitzten Sonnenstrahlen. Das Brüderchen nannte meinen Namen und schmiegte sich an meine Knie. Und ich konnte dies alles sehen und fühlen. Mein Bruder saß am Tisch; er studierte. Alexander?

Was?

Nächste Woche gehen wir wieder zur Schule, freust du dich?

Eigentlich nein. Ich freue mich nicht. Es wird einen Zusammenstoß geben. Ich habe so viel versäumt.

Ja, ich auch, Alexander.

Na, bei dir ist's egal, aber bei mir!

Es tut mir leid, daß ich krank werden mußte.

Du kannst nichts dafür.

Natürlich nicht. Wie war's bei Onkel Lujo?

Eklig. Alle Tage Kartoffeln, angebrannte Milch. Die Kinder sind artig, bloß feig sind sie. Statt ehrlich boxen, stoßen sie mit den Füßen, wenn es zu was kommt. Und wenn man das kleine Mädel nur im geringsten anrührt, fängt es an zu plärren: Mut–ta – Mut–ta. Isabella schaut nachmittags zum Fenster hinaus und ruft auf die Gasse hinunter: Wart', du Lumperl, Wart', du Lumperl. Ich wollte wissen, zu wem sie das sagt: zu einem kleinen Schusterjungen, der ihr im vergangenen Winter Schnee in den Nacken warf. In ein paar Monaten wird sie tanzen lernen; dann ist sie fünfzehn Jahre alt . . .

Meine Mutter nähte für mich ein Kleid, aus leichtem hellblauen Stoff; ein Frühlingskleid. Und neue schwarze Lackhalbschuhe kaufte mir meine Mutter und neue schwarze lange Strümpfe.

Zum ersten Male nach meiner Krankheit trat ich auf die Straße. Die ungewohnte freie Luft machte es, daß ich taumelte. Ich mußte mich an jeden zweiten Laternenpfahl anlehnen. Alles war mir fremd und neu. In unserem Schulhause waren die Türen und Stiegengeländer frisch gestrichen; die Wände hatten eine neue Malerei bekommen. Die meisten Mädchen hatten ihre Winterkleider abgelegt, kamen in hellen, duftigen, kurzen Frühlingskleidern. Es war ein Summen und Schwätzen, ein klingendes und klirrendes Lachen. Auf dem Korridor standen mehrere von unseren Lehrern. Die Lehrerin rief mir zu: Da sind Sie ja wieder! und wie schön; das wunderhübsche Kleidchen.

Das Klassenzimmer war voller Sonnenschein, voll Frühling, den die Mädchen mit ihren Kleidern hereingebracht hatten.

Laute Rufe begrüßten mich – und wie es mir gehe – o, ich war umringt! ich war im Mittelpunkt! Und ich hatte das Verlangen, jeder die Hand zu reichen, jeder zuzulächeln, mit dem Kopfe zu nicken – danke – danke – nach rechts und nach links: danke. Es war so schön.

Der Lehrer sagte am Ende der Stunde zu mir: Maria von Raden wird Ihnen täglich vor Beginn des Unterrichtes erklären, wie weit wir sind; Sie können dann zu Hause alles nachholen. Maria von Raden war die erste Schülerin. Sie saß vorne, in der ersten Reihe und sprach mit niemand, außer mit ihrer Cousine, einem Mädchen, das immer weiß gekleidet war und ein Glasauge hatte. Mit diesem Mädchen ging sie stets nach Hause, wenn nicht gerade ihr Fräulein oder der Herr Major sie abholte. Für mich war Maria von Raden bis jetzt unerreichbar gewesen.

Voll ungeduldiger Neugierde wartete ich, wie es werden würde. Am selben Tage kam ich zu ihr. Bitte, erkläre mir. Sie zeigte mir scheu eine Stelle im Buch. Da – von da – bis daher – für Donnerstag – das war alles.

Ich ging zum Lehrer und verklagte sie: Dieses Mädchen kann es mir nicht deutlich genug erklären.

Der Lehrer sagte zu ihr: Meine Maria wird doch nicht stolz sein.

Seither war sie freundlicher. Vor Beginn des Unterrichtes und in den Pausen saßen wir zusammen. Sie fragte mich: Warum hast du mich verklagt?

Ich antwortete ihr, daß es mir nun leid tue, es sei nicht anders gegangen; ich konnte sie so nicht verstehen. Darauf sagte sie nichts mehr.

Wenn wir auf die Straße kamen, stand schon der Herr Major, ihr Vater, da; sie nahm seinen Arm und sie gingen. Mir winkte sie zu: Grüß dich Gott!

Sie sah es gern, wenn ich Koboldsachen trieb; ich konnte es ihr nie toll genug treiben. Einmal schleckte ich ihr zuliebe Tinte. Sie saß da, ohne die Spur eines Lächelns. Sie war nicht hübsch und nichts war lieblich an ihr; allein sie konnte alles, es schien, als ob sie den ganzen Lehrstoff auswendig wüßte. Dafür wurde sie jedesmal gelobt und außerdem war ihr Ansehen in der Schule ein großes, weil sie adelig und die Tochter eines Majors war. Langsam gewöhnte ich mich daran, daß ich mit ihr bis an die Ecke ging, wenn sie nicht erwartet wurde; das kam immer häufiger vor.

Sie erzählte mir, daß sie ein Bibliothekszimmer hätten, daß ihr Vater die Schlacht bei Pöltsch gewonnen habe, und deshalb hießen sie auch Pöltsch von Raden. – Und daß sie Sonntags immer zu Hause blieben; Sonntags gingen nur die ordinären Leute aus. Ich fragte, womit sie am Sonntag die Zeit verbrächten? Der Vater schläft, die Mutter häkelt Spitzen, sie sähe aus dem Fenster hinaus, wie die gewöhnlichen Leute in den Prater wanderten. Jeden vierten Sonntag aber komme ihr Bruder Max Nathusius aus der Wiener-Neustädter Militärakademie zu Besuch. Dann säßen sie Sonntag nachmittags und tränken Schokolade und äßen Kuchen.

Zu Hause erzählte ich: Maria Peitsch von Raden ist meine Freundin, Tochter eines Majors, der die Schlacht bei Pöltsch gewann!

Wenn sie mich nur nicht so quälen wollte. Witzige Geschichten sollte ich ihr erzählen und dazu Gesichter schneiden. Wenn es auch keine artigen Geschichten wären. Ich tröstete sie: vorläufig ginge es noch nicht an; es wäre noch zu kurze Zeit seit dem Tode meiner Schwester vergangen; später würde es damit besser werden. Doch das nützte nichts; sie fuhr fort, mich zu quälen. Einmal fragte sie mich: Kannst du einen nachmachen, der an Veitstanz leidet? Sie machte es mir vor. Es war ein häßliches Gliederverrenken und Gesichterschneiden. Niemand hätte die Musterschülerin wiedererkannt.

Auf diese Weise wollte sie alle Tage unterhalten sein. Erst wenn ich vor Erschöpfung auf die Bank hinfiel, konnte sie lachen. Ich lachte auch, aber mir schwindelte, mir war nicht wohl. Ich dachte: nun wird sie bald dieses Tanzes müde sein – und ich müßte etwas anderes erfinden. Tag und Nacht sann und grübelte ich. Was kann es noch geben? Wie wäre es, wenn ich zu lügen anfinge. – Aber ich bekam sogleich solche Angst davor, daß ich es aufgab. Ich schilderte ihr nun, wie ich mit meinem Bruder zu Hause zankte. Dann versuchte ich es auch, Einzelheiten vom Tode meiner Schwester zum besten zu geben. Wenn die anderen Mädchen uns so plaudernd beisammen sahen, mußten sie denken: welch herrliche Freundschaft! Während ich um etwas kämpfte, das meinem Herzen noch nicht die geringste Freude bereitet hatte.


*


Leonore Dunkelstein konnte am schönsten vorlesen. Sie war reizend. Sie hatte vornehme, lange Glieder, ein so stolzes, hellblondes Haupt und ihre Stimme war weich und tief. In der Gesangstunde sang sie Solo. Der Lehrer begleitete sie auf dem Harmonium. Wir alle hörten zu. Es war mir so traumhaft schön und selig in meinem Herzen, wenn ich dasaß und lauschte, wie Leonore Dunkelstein sang: Am Brunnen vor dem Tore . . . man sah den Wanderer und den Baum, man fühlte den kühlen Hauch der Nacht.

Einmal nach einer solchen Stunde reichte ich ihr plötzlich die Hand und sagte: Ich danke dir. Sie fragte mich: Warum hast du Tränen in den Augen? Hast du geweint? Ich sagte: Ja, ich habe an etwas gedacht. Du, sagte sie, willst du mit mir gehen?

O, das wollte ich.

Und auf dem Wege sagte sie: Du kannst ja ein wenig mit herauf kommen.

O, wie gerne kam ich.

Sie mußte sehr glücklich sein, denn sie hatte alles, was man sich nur wünschen konnte. Da war ihre Mutter, den Vater sah ich nicht, es hieß, er liege in seinem Arbeitszimmer auf dem Ruhebett. Es war noch eine alte Großmutter da, und Antonie, die Köchin. Und von allen wurde Leonore verwöhnt. Später bemerkte ich, daß sie auch eine Mademoiselle und eine Klavierlehrerin hatte.

Wir saßen an einem kleinen Tischchen und Leonorens Mutter bediente uns. Kaffee und Kuchen. Sie fragte mich über den Tod meiner Schwester. Da war wieder alles aufgewühlt in mir. Als ich zu Ende war, wischte sie ihre Tränen ab und ging aus dem Zimmer.

Leonore griff ein paar Akkorde, saß da, den Kopf auf die Tasten gelegt, und sagte leise: Ich könnte es nicht ertragen, wenn mir wer stürbe. Sie dachte nach und schüttelte sich.

Alle in der Klasse wußten, daß Leonorens Vater dahinsiechte . . .

Leonore saß am Klavier, ich hatte meinen Stuhl neben den ihren gerückt. Mutter und Großmutter gingen aus und ein. Es schien mir, daß sie ein wenig in Verlegenheit waren, weil ich da war. Es waren zwei grämliche, müde Gesichter, auf denen ein Kummer lag.

Abendlicht lag in dem schönen Zimmer. Zwischen den beiden dunklen Frauengestalten stand Leonore, ein weißes, junges, emporgeblühtes Menschenkind mit erwachenden Augen.


*


Leonore spielte Klavier. Es war kein anderes Licht im Zimmer als die zwei Kerzen, welche die Notenblätter erhellten. Rote, gedrehte Kerzen in silbernen Leuchtern. Einen Augenblick hatte der Lüster mit den vielen Kristallen aufgeleuchtet, dann wurde er gleich wieder verlöscht. Leonore brauchte halbes Licht zum Spielen. Ich war glücklich, in diesem schönen Zimmer zu sein und etwas so Seltsames zu erleben: wie unter den zarten Künstlerhänden aus der Stille und Dunkelheit Tongebilde hervorwuchsen. Meine Ohren, meine gierige Seele trank die Klänge und mein Herz war bewegt, da ich ruhig sein wollte.

Die ältere Frau legte sachte den Finger an den Mund: Still – sie übt.

Sie fantasiert! sagte die jüngere und ihre Blicke blieben wie schützende Schwingen auf Leonorens Scheitel liegen. Sie ging ans Fenster und sah hinauf zum Himmel, wie es meine Mutter getan, zu Hause in unserer engen, kahlen Stube, als Johanna im Bette lag . . .

Als ich aufstand, um zu gehen, sagte Frau Dunkelstein zu mir: Machen Sie uns doch öfter einen Besuch, mein Kind. Ich habe gehört, Sie sind mit Maria von Raden befreundet. Hoffentlich werden Sie auch für meine Leonore ein wenig Zeit finden.

Ich sagte rasch: Ja, wenn meine Freundin Maria mich bloß nicht immer einladen wollte!

Dann schämte ich mich, das gesagt zu haben.

Die alte Frau meinte: Sie wissen, daß Sie bei uns ebenso gern gesehen sind!

So, das wollte ich hören; deshalb hatte ich das von Maria erfunden.

In Wirklichkeit war ich noch nie bei Maria von Raden gewesen. Es war gut, daß es dunkel war und die Frauen die Lügenröte auf meinem Gesicht nicht sehen konnten.

Ich jubelte, ich hüpfte: immer, so oft ich wollte, konnte ich Leonore besuchen, und diese Musik hören. Wie Gott mich lieb haben mußte, daß er gerade mir diese Freundin schickte.


*


Mit meinem Bruder hatte es in der Schule richtig einen »Zusammenstoß« gegeben. Er sollte aus dem Gymnasium fortgeschickt werden; wenn aber die Eltern für ihn bezahlten, konnte er bleiben; aber auch dann nur, wenn er versprechen wollte, sein Betragen zu ändern und fortan fleißiger zu sein. Er ist ein »stilles Wasser« Ihr Sohn, hatte der Ordinarius gesagt; er hat es »dick hinter den Ohren«! Lassen Sie ihn doch Kaufmann werden oder Handwerker. Alle können nicht studieren.

Da waren meine Eltern wieder sehr unglücklich. Seit Johannas Tode habe ich sie nicht wieder so niedergeschlagen gesehen.

Wenn sie zahlen konnten! – Woher sollten meine Eltern das Geld nehmen? Mein Vater ging zu seinem reichen Bruder Heinrich; der gab ihm nichts. Für Luxussachen gab er nichts her – einen Sohn studieren lassen aber war ein Luxus, auf den mein Vater kein Anrecht hatte.

Vater ging auch zu seinem armen Bruder Lujo, und sie sprachen darüber . . .

Zuletzt hatte Lujo gesagt: Er wird schon noch einmal vor unsere Türe kommen, dann soll er sehen, wo er anklopft.


*


Ich erzählte Maria und Leonore von meinem Bruder, daß er aus dem Gymnasium fortkommen sollte.

Es war wieder etwas Neues. Maria war neugierig. Die nächsten Tage fragte sie immer: Ist er fort?

Ich wußte die Sache spannend zu erzählen. Jetzt war er noch dort, aber am Schluß des Semesters trat er aus, in einigen Tagen. Er sei ganz verstört, er könne es nicht ertragen, aus dem Gymnasium fortzukommen. Eine Abordnung der Schüler wäre zum Direktor gegangen, für meinen Bruder zu bitten. Er trage sich mit dem Plan, das Elternhaus zu verlassen. Die kluge Leonore sagte: Wohin will er, er hat ja kein Geld. Da wurde ich beredt. O, er wisse schon: Nach Altona; dort sucht man das ganze Jahr Schiffsjungen. Er geht zur See und wird einmal Kapitän. Das ist mehr als Doktor der Rechte! Und mich nimmt er mit auf seine Fahrten und ich werde die ganze Welt sehen.

Ob denn meine Eltern das zuließen, wollte Leonore wissen.

Das nicht; deshalb will er ja heimlich davon.

In Wahrheit dachte Alexander nicht daran – bloß einmal hatte ich die Jungen davon reden gehört.

Er war trotzig und mürrisch und schließlich verkaufte er seine Bücher und ging in die öffentliche Schule.

Dort wurde er unfreundlich aufgenommen. Aha – geschmissen –

Das verdarb ihm seine Laune nur noch mehr. Er trug jetzt ein Lodengewand mit langen Beinkleidern ohne weißen Schillerkragen. Bald vergaß er das reine Hochdeutsch und sprach Dialekt. Mit allem war er unzufrieden, zu einer Bosheit jederzeit bereit. Jetzt schimpfte er übers Gymnasium und sagte, daß er froh sei, die öde Gesellschaft losgeworden zu sein. Meine Eltern grämten sich, doch wenn sie ihn ansahen, wie hübsch und groß er wurde, verziehen sie ihm alles.

In den Ferien starb Leonorens Vater. Ich ging zu ihr, um sie in ihrer Trauer zu sehen, aber ich bekam nur die Köchin Antonie zu Gesicht.

Eine Woche später war die Wohnung leer; sie waren fortgezogen.


*


Mit einem Male trat in dem Geschick meiner Eltern eine Umwälzung ein. Mein Vater hatte einen Teilhaber gefunden, der mit ihn, an die Eröffnung eines Geschäftes ging.

Der Teilhaber gab das Geld dazu. Mein Vater hatte seine ganzen Kräfte einzusetzen, ebenso meine Mutter.


*


Wir bekamen eine neue Wohnung in einer langen, breiten Straße; gegenüber lag das Theater. Immer war eine Menschenflut auf dieser Straße und ein großer Wagenverkehr. Ein Transportwagen brachte unsere Einrichtung. Alles im Hause wurde, im Vergleich zu früher, größer, behaglicher; es war beinahe wie ein kleiner Wohlstand.

Nun hatten wir zwei große, helle Zimmer, die Fenster gingen in einen weiten Hof, er hatte drei Eingänge in verschiedene Seitengassen. In der Mitte des Hofes standen ein alter Kastanienbaum und noch ein paar kleine Bäumchen. In einiger Entfernung, hoch oben, streckte sich ein weißer, massiger Bau, das Hotel Kontinental. Vom Baume bedeckt stand ein kleines Häuschen, es war der Ankleideraum der Volkssänger, die dort jeden Abend Vorstellung gaben. Jeden Abend wurden unter den Kastanienbaum zwei braune Wirtshaustische gestellt; es kamen die Volkssänger und Volkssängerinnen und aßen hier ihr Abendessen, spielten Karten, tranken einander zu; es ging laut und geschäftig her, bis ein Läuten erklang und alle zum Spiel antreten mußten. Abend für Abend sah ich ihnen zu. Ich hatte nichts zu tun. Im verdunkelten Zimmer stand ich am offenen Fenster; die Sterne blickten herein und die halbe Mondsichel, draußen das Häuschen war beleuchtet und so stand ich gleichsam zwischen Licht und Finsternis. Über den Hof her kam eine Musik, ein wilder mexikanischer Tanz, der im Trommelwirbel erstickte.

Im Zimmer nebenan hatten meine Eltern eine Besprechung mit ihrem Teilhaber, Herrn Reiner. Da durften wir nicht hinein und mußten uns mäuschenstill verhalten. Das Geschäft war in vollem Gange; mein Vater hatte ganze Warenladungen übernommen. Er hatte Gehilfen und Austräger und radfahrende Leute.

Meine Mutter hatte sehr wenig Zeit, sich um uns zu kümmern; aber wir bekamen Kleider, Schuhe und Naschwerk, mehr als unser ganzes Leben vorher.

Fortwährend kamen Leute zu uns und da hörte ich, daß meinen Eltern ein großes Glück geschehen wäre – ohne jede Kapitalseinlage in ein Geschäft einzutreten.

Eines Tages ging Vater, sehr feierlich angezogen, in einem schwarzen Gehrock, fort. Sein graues Haar hatte wieder alten Jugendglanz bekommen; es war schwarz gefärbt.

Mittags stellte er sich vor uns hin und sagte: Wenn man euch fragt, was euer Vater ist, dann sagt: protokollierter Kaufmann. Seit heute gibt es eine Firma: Reiner & Komp.

Darauf nahm uns Vater an den Händen, sang und tanzte mit uns großen Kindern herum.

Im Oktober trat ich in einen Handelskurs ein, der täglich von drei bis sieben Uhr dauerte. Es wurde Stenographie und Buchführung und noch eine Menge anderer Gegenstände gelehrt, deren Namen auszusprechen, mir schon Angst machte. Aber ich sollte doch etwas lernen, um den kaufmännischen Beruf zu haben. Und es wurde ja auch ganz lustig; die vielen Lehrer, die vielen Mädchen. Man sagte uns »Fräulein«. Der Herr Professor begrüßte uns, wenn er das Zimmer betrat: Guten Tag, meine Damen!

Ich hatte jetzt acht Freundinnen. Abends gingen wir in einer Reihe nach Hause.

Mein Bruder Alexander besuchte dieselbe Anstalt vormittags.

Als ich die erste Woche zur neuen Schule ging, fuhr durch die Straße, langsam, im gleichen Schritt mit mir, ein seltsam aufgeputztes Gefährte: es war die letzte Pferdebahn.

Am nächsten Tage sauste stolz die elektrische Straßenbahn dahin.


*


Meine Eltern waren tagsüber nie zu Hause. Eine alte steife Person, die wenig sprach, hatte uns zu versorgen.

Es geschah nun öfter, daß ich in der Früh einen Einkaufkorb nahm und auf den Markt ging. Nur das schöne, rote und saftige Fleisch nimmst du, belehrte mich meine Mutter, und gib acht auf die Wage.

Auf der Erde saßen die Kroaten, kleine, alte, runzlige und junge, wettergebräunte, umgeben von Bergen von Zwiebeln, Kartoffeln und Rüben, Gemüse und Obst.

Von Zelt zu Zelt ging ich, sah erst einmal, was es gab, kaufte dann, solange ich einen Kreuzer hatte.

Lustig waren diese Morgeneinkäufe. Ein Gewimmel von Frauen, Dienstmädchen und Kindern wogte auf und ab. Jeder feilschte und handelte und wollte es noch billiger haben.

Ein großes, blondes Mädchen, das von einem schwarzen, zottigen Hund begleitet war, grüßte mich. Es war die Tochter unserer Hausbesorgerin, Lori.

Guten Tag, Fräulein, sagte sie, gehen Sie auch einkaufen?

Ja, sagte ich und reichte ihr herzlich die Hand. Ich freute mich, mitten in meiner Geschäftigkeit von einem großen und viel älteren Mädchen, als ich selbst war, mit einem so freundlichen Morgengruß bedacht zu sein.

Es war trotz der rauhen Jahreszeit ein recht angenehmer Tag; die Sonne schien und übergoldete alle Dinge, die jungen Dienstmädchen waren voll Lächeln und Neckerei. Lori, die Tochter der Hausbesorgerin, war selbst ein Schelm mit ihren zwinkernden, blauen Augen. Und wie nett sie in der weißen Wirtschaftsschürze aussah.

Wie fein und zierlich Sie sind, sagte Lori, Sie passen nicht auf den schmutzigen Markt.

O, das macht nichts, ich komme sehr gern hieher.

Auf einmal tippte sie mir auf die Schulter: Schauen Sie einmal die an, dort bei den Fischverkäufern. Das ist Frau Schindler vom vierten Stock, die Mutter von Alfred Schindler.

Ich blickte auf das Zelt der Fischhändler. Ach so, ich wisse nicht, wer Alfred Schindler sei? der schönste junge Mann im ganzen Haus, in der ganzen Straße, überhaupt in ganz Wien. Ob ich ihn denn noch nie gesehen hätte. Alle Mädel im Haus fliegen auf ihn. Ich solle einmal hinaufschauen zum vierten Stock, um zwei Uhr, wenn er aus dem Bureau kommt, da liege er im Fenster mit seiner langen Studentenpfeife und kokettiere mit den Mädeln.

Natürlich müsse ich achtgeben, daß es meine Frau Mama nicht merke, denn für ein so junges Mädchen, wie ich es sei, gehöre sich so etwas eigentlich nicht, aber ich solle ihr dann doch sagen, ob es noch irgendwo einen schöneren Burschen gäbe . . . Und sie lächelte mir zu, schüttelte mir freundlich die Hand und verschwand im Gedränge. Nach einer Weile sah ich, wie sie zu den Fischverkäufern schritt und Frau Schindler mit einer reizenden kleinen Verbeugung grüßte; diese erwiderte kaum.

Ich nahm mir vor, einmal zum vierten Stock hinaufzuschauen.

Die nächsten drei Tage gab ich sorgsam acht, aber nichts sah ich und dann vergaß ich es.

Die alte, steife Person, die den ganzen Tag kein Wort sprach, und wo sie stand, schlief, wurde krank und mußte ins Spital.

Wir bekamen eine Neue. Diese war eigentlich mehr eine Dame als ein Dienstmädchen. Aus Rußland war sie; sie weinte oft und schrieb oft Briefe; dafür versalzte sie die Suppe oder sie salzte sie gar nicht, und konnte nichts finden, wenn sie etwas in diesem Augenblick weggelegt hatte. Auch vergaß sie immer, die Türen zuzumachen. In der Küche wollte sie nicht essen, sondern bei Tisch. Es war köstlich, ihr zuzusehen, wie sie Messer und Gabel gebrauchte.

Meine Mutter sagte: Ich bin froh, daß wir sie haben, wenigstens lernen die Kinder feinere Sitten.

Sie hieß Nanja, aber wir nannten sie »die Russin«.

Sie sagte zu meiner Mutter: Mir können Sie die Kinder ruhig anvertrauen, Sie können hingehen, wo Sie wollen und meinetwegen die halbe Nacht wegbleiben, bei mir sind die Kinder wie im Mutterschoß aufbewahrt.

Meine Mutter meinte: Gut, das ist mir recht, daß ich jemand Verläßlichen habe, die Kinder sind jetzt schon größer.

Die Russin aber fuhr fort zu weinen und lange Briefe in ihre Heimat zu schreiben und an einem Sonntag, als meine Eltern mit Herrn Reiner und seiner Frau ausgingen, kam ein fremder Mann zu uns und Nanja verschloß sich drei Stunden lang in einem Zimmer mit ihm, dann begleitete sie ihn mit einer Kerze die Stiege hinunter und blieb noch längere Zeit fort. Als sie zurückkam, weinte sie wieder heftig, bis zur »Nachttoilette«. Da zog sie ihre Bluse aus, wusch sich mit lauwarmem Wasser, dann wusch sie sich auch die Füße sauber, dann schlüpfte sie in kleine rote Pantöffelchen, setzte sich vor den Spiegel, bestrich ihr Gesicht mit Salben, massierte sich die Stirn und den Hals. Wir schauten zu und hatten auf diese Weise keine Langeweile. Nun bestäubte sie ihr ganzes Gesicht mit einem gelblichen Mehl, das nach irgendwelchen Blumen roch, legte ihre beiden falschen, pechschwarzen Zöpfe ab, die tagsüber eine schwere, schattige Krone auf ihrem Kopfe gebildet hatten. Darüber nun lachte Alexander und stieß mich und das Brüderchen an.

Was lachst du wohl, du Bengel, schrie die Russin ihn an. Es ist mein eigenes Haar, nur ausgefallen.

Aber mein Bruder machte ein zweifelndes Gesicht, was die Russin veranlaßte, zu sagen: Ich schwöre es! . . .

Zum Schluß zog sie rehlederne Handschuhe über ihre Hände, befahl uns zu Bett zu gehen und verlöschte das Licht.

Am folgenden Tage erzählten wir Mutter, daß ein fremder Mann da war.

Mutter fragte: Nanja, ist das wahr?

Nanja schrie außer sich: Er ist ein anständiger Herr, ein feiner Herr und kommt von so weit, hat eigens die große Reise gemacht. Und da sollte sie nicht einmal ein Wort mit ihm reden dürfen? War das der Dank, daß sie wie die eigene Mutter zu uns war?

Meine Mutter wurde ganz schüchtern: Wenn er ein anständiger Mensch sei, kann er kommen, lieber wäre es Mutter freilich, er käme, wenn sie zu Hause wäre. Nanja könne ihn in das schöne Zimmer führen und die Hängelampe anzünden; warum nicht, wenn er ein anständiger Mensch sei! Wenn Nanja nur zu den Kindern gut war . . .

Der Fremde kam noch ein paarmal und immer begleitete ihn Nanja mit der Kerze – bis er eines Tages ausblieb.


*


Am Tage Mariä Empfängnis erwarteten meine Eltern abends Herrn Reiner und seine Frau und Herrn Tagal mit seiner Frau. Herr Tagal war ein Angestellter der Firma.

Es gab gebratene Hühner.

Wir bekamen im Nebenzimmer zu essen, und zwar die besten Stücke.

Drinnen tranken sie Wein.

Mein Bruder war an dem Abend überaus ungezogen; fortwährend suchte er Streit mit mir. Ich beherrschte mich so gut ich konnte, weil ich mich geschämt hätte, vor den fremden Leuten Lärm zu machen. Übrigens hatte ich eine Begebenheit aus der Schule im Kopfe – etwas von unserem französischen Lehrer.

Mein Vater kam zu uns und brachte jedem ein Gläschen Wein. Er war froher Laune. Er hatte glänzende schwarze Augen und glänzendes schwarzes Haar. Ich mußte ein bißchen nachdenken, ob denn das mein Vater sei?


*


Nanja schrieb einen langen, fast endlosen Brief, auf den manchmal ihre Tränen fielen. Ich dachte: wer hat nur immer Briefe geschrieben? Wer? und ich wußte es: Ploni. Und auf einmal war in mir ein Klingen wie von Feiertagsglocken, alle, alle Märchen wurden lebendig. Meine Seele war ein aufgeschlagenes Bilderbuch.

Alexander, rief ich.

Nun?

Erinnerst du dich noch an Ploni?

Laß mich in Ruh', ich lese.

Ich mußte zu jemandem etwas sagen, darum sagte ich zu Nanja und beugte mich zärtlich über sie – nur weil ich an Ploni dachte, sonst hatte ich es nicht getan:

Nanja, wissen Sie, wer auch immer Briefe schrieb?

Die Russin stieß mich von sich: Dumme Fratzen, nicht einmal schreiben kann man vor euch; jetzt hab' ich einen Klecks gemacht.

In mir wollte das Klingen nicht zur Ruhe kommen, und als Mutter einen Augenblick zu uns hereinkam, flüsterte ich ihr ins Ohr: Mama, kann etwas, das einmal war, vergehen und verschwinden wie ein Traum?

Mutter strich mir mit ihrer Hand über Stirn und Schläfen: Du hast ein bißchen getrunken, geh schlafen, mein Kind.

Mein Bruder saß da mit einem Buch, wahrscheinlich einem verbotenen, denn er wurde rot, sooft ich darauf sah und sagte zu mir, wenn ich näher kam: Fahr ab.

Das kleine Brüderchen malte auf der Schiefertafel die ersten Buchstaben.

Ich öffnete ein wenig die Tür: drinnen war Wärme und Licht. Am gedeckten Tisch saßen meine Eltern mit ihren Gästen. Mein Vater rauchte und meine Mutter hatte in ihrem frohen Mut sich ebenfalls eine Zigarette angezündet.

Frau Tagal, die mit ihren Stirnlöckchen aussah wie eine Französin und mit übergeschlagenen Beinen dasaß, sagte: Wie reizend Ihnen das Rauchen steht; wie ein junges Sportsmädel!

Frau Reiner war kurzsichtig und schielte, sie hatte Augengläser, die an einer schwarzen Schnur hingen; ihre Nase aber sah aus, als wollte sie immer in der Luft schnuppern, und wäre nur durch den Sitz der Augengläser gezwungen, fest zu bleiben.

Mein Vater stieß mit seinen Gästen an. Ich dachte: nun ist aller Jammer vergessen; wo sind die Tage des Hungerns und des Frierens, der kahlen Wände? – Mögen sie nie wieder kommen! . . .

Voll Liebe war mein Herz für die zwei da drinnen, die wieder fröhlich sein konnten. Und meine Liebe war wie ein Gebet. Langsam und vorsichtig schloß ich die Tür. Alexander war über seinem Schmöker eingeschlummert. Das Brüderchen lag im Bettchen und schlief. Nanja war nicht mehr im Zimmer. Die Lampe war herabgebrannt. Unten lag in einsamer Finsternis der weite Hof.


*


In der neuen Schule war es mir noch immer und trotz der mannigfachen Freundschaften etwas befremdlich. Und darum wohl, weil ich den langen Abend dort verbringen mußte, was ich ja nicht gewohnt war. Ich empfand Heimweh nach zu Hause – und ich hatte vor etwas Angst. Das war der finstere Hof, den man ganz durchschreiten mußte, um zu unserer Stiege zu gelangen. Zweimal war mir da schon etwas Seltsames begegnet.

Aus einer Wandnische, an der ich vorbeigehen mußte, war plötzlich ein Mann herausgetreten. Ohne ein Wort zu sprechen, hatte er die Arme nach mir ausgestreckt. Ich schrie und lief wie der Blitz hinaus gegen die Straße, dort wartete ich, bis jemand ins Haus ging, dann ging ich mit.

Den nächsten Tag sah ich nichts und hätte es gern vergessen, wenn nicht eine quälende Angst mich gemahnt hätte, so oft ich an diese Stelle kam, mich umzuschauen und richtig – am folgenden Tag stand er wieder dort. Noch ehe ich davonlaufen konnte, hatte er mich mit seinen Armen umfaßt, als er aber meinen Schrecken sah, mich losgelassen. Ich konnte nicht genau sehen, wie er aussah, denn er stand an der Wand und ein Strahl der Laterne, der schief auf ihn fiel, gab mir zu erkennen, daß der Mann barhaupt war, keine Haare hatte, einen kurzen spitzen Bart und häßliche Zähne. Im übrigen war er alt und verwahrlost. Seine Hände waren rauh und schmutzig. Auch roch er abscheulich nach Alkohol und Tabak.

Wie sehr auch ein lähmender Schrecken mich quälte, sagte ich doch niemand etwas davon. Ich trug ein Gefühl fortwährender Angst in mir.

Am lichten Morgen lachte ich darüber. Ich lief im großen Hof umher, das Brüderchen an der Hand, guckte in jede Ecke, in jedes Versteck. Die Nische war unter einem Schwibbogen, dort war ein Echoplätzchen; hier blieb ich stehen und rief: Wo bist du Alter? Kahlköpfiger Mann, wo bist du? Und jagte jedesmal erschreckt davon, wenn das Echo zurückkam. Und lachte in einer unbestimmten Lust und hätte mich am liebsten irgendeinem Bösen, das mit kalten Fingern nach mir griff, in die Arme geworfen. Ich wußte, daß etwas Unsichtbares um mich schlich, gegen das man sich vergebens wehrt.

Darum sprach ich auch zu niemand darüber.

Meinen Kameradinnen sagte ich mitten im fröhlichen Plaudern: Paßt auf, heute holt er mich.

Wer? fragten sie und lachten.

Ich wußte nicht, was ich antworten sollte. Ich hätte nicht sagen können, wer? Aber, als wir in der Nähe meiner Wohnung waren, bat ich, geht doch mit mir bis zur Stiege. Da gingen sie mit und es war nichts.

Waren sie einmal eigensinnig und wollten mich nicht bis zur Stiege führen, dann litt ich entsetzlich und kam oben an, atemlos, glühend, durchbebt von einem wonnigen Gefühl: er hat mich nicht bekommen. Ich bat Nanja, mich aus dem Kurs abzuholen: ein Spaziergang durch die Stadt sei doch etwas sehr Schönes vor Weihnachten. Der Vorsaal unserer Schule, wo die Leute warteten, sei geheizt und beleuchtet, da sähe sie alle unsere Lehrer herunterkommen.

Richtig wartete abends die Russin unter den anderen.

Ihr Gesicht sah zauberhaft schön aus. Ihre Augen waren eigentümlich schwarz und ihre Lippen eigentümlich rot, wie ich es sonst noch nie an ihr gesehen hatte. Über ihre Pelzmütze hatte sie einen Schleier gebunden, den sie unter dem Kinn zusammenzog.

Bei meiner früheren Freundin Leonore hatte ich ein Bild gesehen, das hieß: die Seraildame. So sah Nanja aus. Ich nahm ihren Arm.

Schaut einmal Marianne an, mit wem die geht, flüsterten die Mädchen und steckten die Köpfe zusammen.

Zuletzt hatten wir Französisch gehabt, erzählte ich Nanja. Ob sie den Franzosen nicht habe herunterkommen sehen, ein junger, großer, blonder Mann, sehr fein angezogen.

Nanja fragte gleich mit Eifer: Wie sieht er aus? Wie ist sein Gesicht?

Ich glaube, ganz hübsch und bleich.

Was für Haare?

Blond.

Nanja schrie ein wenig auf. Die Blonden, ach, die Blonden! und sie konnte nicht satt werden von meinem Erzählen.

Sie machte plötzlich eine heftige Armbewegung: genug, nichts mehr. Nun blieb sie schweigend . . .

Zu Hause nahm sie ihren Schleier vom Gesicht, voll Überraschung mußte ich sie anstaunen.

Nanja, was haben Sie mit Ihrem Gesicht gemacht?

Sie sagte geärgert: Dummer Fratz.

Mit einem feuchten Schwämmchen rieb sie ihr Gesicht ab. Und es waren wieder ihre matten und verweinten Augen da, ihr breiter, bleicher Mund und ihre eingesunkenen, gelben Wangen.

Wer weiß, wie das zuging.

Ich mußte es einigen Mädchen erzählen, die mich gierig fragten, wer die Dame sei.

Nun ja, sagten sie, eine Russin; das weißt du nicht, was sie mit ihrem Gesicht macht? Sie schminkt sich.

Einige sagten: Ich möchte mich nie schminken, wenn ich noch so häßlich wäre.

Eine sagte: Ich schon, o ja.

Ich erzählte, wie schrecklich Nanja aussah, als sie zu Hause den Schleier abgenommen hatte, wie eine Wachsfigur. Ich müßte sterben, wenn sie mich geküßt hätte mit rot gemalten Lippen . . . Mir gefällt sie viel besser in ihrer natürlichen Farbe.

Ein Mädchen, das bereits sechzehn Jahre zählte, hatte eine Vermutung bezüglich Nanja.

Wir bestürmten sie, es uns zu sagen . . .

Nach längerer Zeit endlich meinte sie, ob wir noch nie solche Weiber gesehen hätten, in gewissen Gassen . . .

Nein, keine von uns hatte so etwas gesehen.

Dann sei es gut; sie werde uns einmal dorthin fuhren, aber wehe uns, wenn wir sie verrieten.

Nein, nein, darauf könne sie rechnen. Und jede von uns leistete einen Schwur. Es wurde beschlossen, am Tage vor den großen Weihnachtsferien »die Runde« zu machen.

Ihr müßt euch aber sehr ruhig und gesittet benehmen, sonst kommen wir alle in einen Verdacht . . .

Ich war unruhig und von einer stürmischen Neugierde . . .

Einstweilen beobachtete ich Nanja. Jawohl, sie schminkte sich.

Aber wozu und warum schminkte sie sich?

Unserem Fenster gegenüber war eine Schneiderwerkstätte. Dort waren viele Mädchen beschäftigt. Eine war auch immer so rot und weiß; die mußte sich wahrscheinlich auch schminken.

Und oben wohnte eine Witwe; die hatte zwei Töchter, die sehr hübsch waren. Vielleicht war das auch nur geborgte Farbe auf ihrem Gesicht.

Ich hatte Mißtrauen gegen jedes schöne Gesicht, das ich sah.

Ich wäre froh gewesen, wenn Mutter Nanja fortgeschickt hätte. Ich hatte einen Ekel vor allem, was sie anrührte und wusch mir jedesmal, wenn sie mir nahekam, die Hände.

Abends erwartete sie mich im Vorsaal. Ich stand bei ihr, um ihr unsern Franzosen zu zeigen.

Als er herunterkam, flüsterte ich ihr zu: Das ist er.

Da sah ich, wie Nanja ihn mit ihren Augen verfolgte, so daß er sich mehrmals umdrehte und Nanja ansah.


*


An einem Tage kamen ein paar Mädchen mit einem Geschrei auf mich losgestürzt: Ha, Terrièr! Nun haben wir ihn durchschaut! Er geht mit Russinnen; ja, mit deiner Russin geht er. Wir haben es gesehen.

Im Handumdrehen wußte es die ganze Anstalt. Auf den Gängen bildeten sich Versammlungen . . .: man glaubt, er ist ein feiner Herr, mit einem Dienstmädchen geht er. Mit Mariannens Russin.

O wie war ich auf dieses Ereignis stolz; man kann sich's denken . . .

Vor der nächsten französischen Stunde schrieben sie auf die Schultafel: La Russe, la Russe est une servante, la belle Russe.

Als Terrièr das Schulzimmer betrat und auf die Tafel sah, runzelte er die Stirn, sah uns finster an und sagte scharf: Essuyiez le tableau noir!

Sonntag ging Nanja aus.

Als sie spät abends nach Hause kam und welke, schmutzig-gelbe Rosen mitgebracht hatte, fragte ich sie: Wo waren Sie mit unserem Lehrer Terrièr?

Sie sah mich überrascht an, senkte melancholisch den Kopf und sagte: Im Restaurant nächst der Oper sind wir gesessen, bei einer rotverhängten Lampe und Zigeunermusik.

Ich fragte sie: Und diese Blumen hat er Ihnen gekauft?

Sie nickte.

Ich fragte: Warum stellen Sie sie nicht ins Wasser?

Sie sagte müde: Wozu? und überhaupt braucht man das Glas.

Ich sagte: Erzählen Sie mir, wie ist er, ich möchte gerne wissen, wie er sonst ist, wenn er nicht unterrichtet?

Nanja sagte: Er ist wie alle anderen. Er möchte wenig ausgeben und viel davon haben. Er möchte sich ein paar Stunden Vergessenheit kaufen . . . wenn das möglich wäre.

Ich fragte: Was ist das, Nanja? Was meinen Sie damit?

Nanja schloß die Augen, roch an den Blumen und zerpflückte sie: So wie diese Blumen, bin ich zerpflückt, sagte sie . . .

Ich sagte: Sie Arme!

Aber ich hatte kein Mitleid mit ihr . . .

Nun hatte ich immer mit Nanja Geheimnisse. Jetzt hätte ich es nicht mehr wollen, daß sie von uns fortging.

Am letzten Tage vor den großen Weihnachtsferien machten wir mit Lina Hell »die Runde«.

Wir beginnen beim Stephansplatz, sagte sie – wir wollen überhaupt »bummeln«. Die Straßen waren ein einziger großer Jahrmarkt. Alle Menschen schienen die Häuser verlassen zu haben und hierher geeilt zu sein, um einzukaufen; alle Welt kaufte.

Es war eine schmierige, lange und enge Gasse mit niedrigen Häusern und grauen, wie erblindeten Fensterscheiben. Aus jedem Haustor kamen große und schöne, prächtig angezogene Frauenzimmer heraus. Sie waren geschminkt wie Nanja und hatten große falsche Brillanten. Sie gingen bis zur Ecke, blieben dort stehen und warteten; manche tauchten sogleich im Lichte der abendlichen Stadt unter.

Immer neue kamen aus den Haustoren, gingen, standen und warteten. In ihren Gebärden und in ihrem Gang war nebst einer großen Aufdringlichkeit eine scheue Demut, wie ein getretenes Tier sie hat.

Worauf warten sie? fragte ich Lina Hell.

Auf Männer.

Wieso?

In diesem Augenblick kam eine mit einem Mann daher.

Sie ging voraus, er blieb ein paar Schritte zurück, als schämte er sich; aber im Haustor trafen sie einander.

Lina Hell sagte: Jetzt kommt, ich werde euch noch etwas zeigen . . .

Wir gingen.

Wieder diese versteckten Gassen.

O – es war wie ein Märchen, wie ein Wunder, wie ein Traum.

Die Häuschen lagen da wie Spielzeug, mit den weißen Gardinen und Fuchsienstöcken vor den niedrigen Fenstern. In jedem Fenster lehnte ein hübsch und kindlich frisierter Mädchenkopf.

Wenn man sie aber näher betrachtete, sahen sie aus wie Nanja. Alle hatten das gleiche Gesicht . . .

Worauf warten diese Mädchen? fragte ich Lina Hell.

Auf Männer. Und jetzt kommt das Interessante. Sie führte uns vor ein Fenster. Da guckt einmal hinein, eine nach der andern, aber rasch!

Ich sah ein kleines, nettes Zimmer, einfach eingerichtet, ein paar Photographien, ein paar Bilder, ein kleines Stück Teppich, eine spanische Wand mit chinesischen Bildern darauf gemalt, eine rosig verhängte Ampel. Einen Tisch mit einem geblümten Tischtuch und zwei Lederstühlen.

Am Tisch saß ein Mann von vielleicht vierzig Jahren, mit einem blassen Gesicht. Er saß da, den Kopf in die Hände gestützt, wie in tiefem Nachdenken. Beim Ofen stand ein wunderbares Mädchen, beinahe ganz nackt.

Ich erschrak sehr.

Seht ihr, so geht es in diesen Zimmern zu, erklärte uns Lina Hell.

Das Mädchen drinnen hatte uns erblickt, kam so nackt, wie es war, ans Fenster und schlug die Läden zu.

Wir gingen noch die Gasse hinauf und dann wieder zurück.

Seht ihr, hier wohnen sie, diese »Mädchen«, da kommen die jungen Theresianisten zu ihnen.

Woher weißt du das?

Ach, das erfährt man doch mit der Zeit; ich habe es gehört.

Vor uns ging ein Mann her. Ich hatte ihm ins Gesicht geschaut und ihn erkannt: Er ist derselbe, der bei dem Mädchen war, flüsterte ich den andern zu.

Das gibt es nicht, sagten sie.

Aber warum soll es das nicht geben? fragte Lina Hell. Er war bei ihr und jetzt geht er.

Ich habe noch nie eine so hübsche Zimmerecke gesehen! sagte ich. Der glühende Ofen und die rosa verhängte Ampel, dieses wunderbare nackte Mädchen und der blasse Mann . . .

Nun ja und jetzt geht er nach Hause, in seine bürgerliche Wohnung, zu seiner bürgerlichen Frau.

Lina, schrie ich; es war unglaublich, was dieses Mädchen alles wußte.

Eine sagte: Aber ich sah doch, wie sie bei ihm stand und sein Haar streichelte und wie er ihre Hand küßte, gerade wie bei meiner Schwester, wenn sie auf einen Ball geht.

Du vergißt, daß deine Schwester nicht nackt auf einen Ball geht! . . .

Es war spät geworden, wir mußten nach Hause.

Wir waren sechs und gingen in einer Reihe die Ringstraße hinauf, wo es ruhig und still war.

Eine sagte plötzlich ernsthaft, hastig und stockend: Weiß eine von euch, was das ist: Liebe?

Ich ging am äußersten Ende und konnte nicht gut verstehen: Was, Diebe?

Nein, Liebe.

Ich ging bebend dahin, wie leicht berauscht, ich fror; ich hatte Kopfschmerzen und überhaupt ein schweres Herz . . .

Ja . . . Jemand hatte das Wort »Liebe« ausgesprochen . . .


*


Eine Reihe müßiger Tage lag vor mir, vor allem Freiheit.

Ich dachte: schließlich weiß ich ein gutes Stück mehr, und das ist gut so, angenehm einesteils, wenn diese dumme Ungewißheit von einem genommen wird. Diese Neugierde, die einen verzehrt! Ich möchte doch alles gerne wissen, wie es da zugeht im Leben. Wohl hatte ich ein beklommenes Herz, das spürte ich bei jedem Atemzug. Aber wie nennen das die erwachsenen Leute? Nennen sie es Erfahrung? O, wenn ich daran denke, wie dumm ich war, ehe ich das wußte.

Und so wäre ja alles gut gewesen, wenn nur diese Sachen Stenographie und Mathematik nicht gewesen wären. Ich konnte das nicht erlernen. Und es war doch so notwendig für das praktische Leben. Immer hörten wir: Warten Sie, wenn Sie erst einmal draußen sind im Leben! Sogar Terrièr sagte es: Hélas – vie, c'est la lutte!

Terrièr, Charles Terrièr, der sich Vergessenheit kaufte!

Die Lehrer waren gut; sie sagten nichts dazu, daß ich den »Grafen von Monte Christo« las, statt meine Schularbeiten zu machen.

Aber traurig war es doch.

Ich hätte etwas anderes lernen sollen. Das Kaufmännische interessierte mich nicht. Das waren tote Dinge, die nur da waren, um einen zu ängstigen und nachts nicht einschlafen zu lassen.


*


Am zweiten Feiertag stand Nanja am Fenster. Sie rief mich zu sich und sagte: Da, blicken Sie einmal hinunter in den Hof, da können Sie etwas sehen!

Lori, die Tochter der Hausbesorgerin auf einem Herrenrad, das ein junger, wunderschöner Mensch führte.

Im Augenblick dachte ich: O, könnte ich Lori sein und auf einem Rad sitzen!

Nanja sagte fortwährend: Was für ein schöner Mensch. Hol' mich der Kuckuck, wieder ein Blonder. Die Blonden sind mein Unglück.

Ich wollte gerne wissen, wieso die Blonden Nanjas Unglück wären.

Sie riß das Fenster auf. Ich sah mit ihr hinaus. Sie drückte mich mit ihrem scharfkantigen Ellbogen weg: So sind Sie doch nicht so aufdringlich.

Ich war ärgerlich auf Nanja: Sie sind aufdringlich.

Sie ließ mich ruhig hinaussehen.

Nanja sagte mit ihrer zerknitterten Stimme zu mir: Schauen Sie, wie sie alle gaffen.

Richtig waren alle Fenster voll Frauen. Oben in der Schneiderwerkstätte und drüben, bei der Witwe Bauer. Die Witwe Bauer erzeugte ein patentiertes Haarwasser. Bauer, Parfümerie, Kosmetik, Maniküre usw. hatte ich auf dem Schild gelesen. Ihre zwei Töchter waren rosige, tief verschleierte Mädchen; die hörte man, spät abends, wenn sie nach Hause kamen, auf Stiegen und Gängen rufen: Grüß Gott – o, grüß Gott, auf jedem Stockwerk mehrere Male, als hätten sie im Hause ein paar Dutzend Bekannte gehabt. Ihre Mutter ging auch tief verschleiert, aber in einem alten, kleinen Hut.

Ich hatte oben auf dem Hängeboden in einer alten Truhe Briefe gelesen – auf verschossenem Rosapapier. Daher wußte ich es, daß Frau Bauer ihren Mann durch die Zeitungsannonce kennengelernt hatte. Einmal hatte Herr Bauer auf einen Zettel geschrieben: Erkennungszeichen: kurze Mundpfeife, Spitzbart, Manilahut; während sie eine rote Rose im Gürtel haben und mit einem weißen Taschentuch winken sollte: auf diese Weise konnten sie sich nicht verfehlen.

Dann schrieb er, daß sie einen guten Eindruck auf ihn gemacht habe – besonders ihre Augen, und sie werde fortan sein guter Genius sein, denn er sei nicht wie andere Männer und wenn er heirate, wolle er glücklich werden – sonst bliebe er lieber allein.

Sie hinwiederum schrieb, daß ihr ein edles Gemüt und gute Behandlung über alles ginge, die Hauptsache aber wäre die Pensionierung und Altersversorgung, die er, wenn auch als kleiner Staatsbeamter sicher habe. Es wäre immerhin etwas, worauf man sich verlassen konnte . . . Und für die alten Tage hat man sein warmes Nest. In den weiteren Briefen war immer seltener die Rede von den herrlichen Augen und dem edlen Gemüt.

Ich fragte: Nanja, haben Sie die Briefe auf dem Boden gelesen?

Was für Briefe?

Die Frau Bauer an ihren Mann geschrieben hat; durch die Zeitungsannonce haben sie einander kennengelernt.

Nanja dachte eine Weile nach, dann sagte sie: Das ist ein Schwindel.

Ich sagte: Sehen Sie, und sie haben sich doch geheiratet, durch die Annonce.

Nun ja – einmal in hundert Fällen . . .

Nanja konnte es nicht unterlassen, hinunterzublicken.

Ich fragte: Ist er wirklich so schön?

Nanja rief laut: Mehr als ein Mensch, er ist ein Engel.

Nanja, schämen Sie sich nicht, so zu gaffen wie die anderen? Er könnte es bemerken, wie Sie ihn bewundern.

Drüben standen die Töchter der Frau Bauer, hinter dem Vorhang versteckt.

Wie sie wohl heißen? dachte ich; ob es Zwillingsschwestern sind, denn sie sehen ganz gleich aus.

Nanja sagte wutentbrannt: Ich könnte sie an den Schultern nehmen und schütteln, weil sie so ungeschickt ist. Sie will ja nicht Radfahren lernen, bloß ihre Beine hin und her schmeißen will sie; das möchte ihr gefallen.

Ich fühlte, wie ich glühend rot wurde. Etwas Neues. Bisher war das nur geschehen, wenn ich meiner Mutter eine Lüge gesagt hatte: Nanja, wie können Sie so etwas reden?

Nanja schrie außer sich: Da schauen Sie, da schauen Sie, jetzt fällt sie; das ist aber klug, pfui! Und sie schlug das Fenster zu.

In dem Augenblick sah der schöne, junge Mensch zu uns hinauf.

Nanja, er hat Sie gehört, rief ich ganz bestürzt.

Lori lag auf der Erde und ließ sich aufheben. Sie sah fein aus in ihrem Lodenkleid. Er sah aus wie der Hermes aus Bronze in der Kanzlei unseres Direktors.

Zwei schöne Menschen, dachte ich. Jung und fröhlich, und alle schauen ihnen zu. Gleichsam vor aller Welt sehen sie einander in die Augen.

Nanja? Wer war dagegen Nanja? eine entblätterte gelb-schmutzige Blume, unsere Schuhe putzte sie und Terrièr verbesserte die Fehler in unseren Heften und für das Geld, das er dafür bekam, kaufte er sich abends bei Zigeunermusik Vergessenheit.

Ich hätte fliehen mögen vor Ekel, weit fort, wenn Nanja bei mir war.

Ich ging fort aus ihrer Nähe, schloß mich im Zimmer ein, legte den Kopf auf den Teppich neben meinem Bett und dachte: Nanja – o, nehmt sie fort von mir. Ich mußte heiß weinen. Danach fühlte ich, wie ich ruhiger wurde, wie in mein Herz erst schüchtern, dann wie unter Jubelbrausen stürmische Zärtlichkeit einzog. Für wen? Für niemand. Für meine eigenen weinenden, brennenden Augen. Ich sprang auf und badete mein Gesicht im kalten Wasser.

Dann wurde ich ganz ruhig.


*


Es kamen Tage der Ruhelosigkeit: Bangigkeit, Gedanken, Grübeleien, die mir wie Gift ins Blut drangen.

Frau Reiner kam und sagte zu meiner Mutter: Ihre Tochter ist blaß, schicken Sie sie doch mehr spazieren, damit sie nicht bleichsüchtig wird.

Und Herr Reiner sagte: Diese jungen Mädchen sind wie seltsame Blumen. Sie sind wie Gottes zartestes Geheimnis. Sie sind kleine, weiße Engel, voll Duft und Gesang, und wenn der Abend kommt, werden sie müde, lassen die Köpfchen hängen und weinen – um nichts . . .

Meine Mutter schloß mich liebevoll in ihre Arme: Mein Kind!

Dann fragte sie, während sie meinen Kopf an ihrer Brust geborgen hielt:

Glauben Sie, daß sie hübsch wird?

Herr Reiner sagte: Es ist nicht die Hauptsache; mehr ist, daß sie ein starkes und mutiges Herz hat und Hände, die gerne nach der Pflicht greifen.

Meine Mutter sagte: Ja, darum soll sie auch einen Beruf haben.

Ich hätte aufschreien mögen: – Mutter – hilf mir – heute war er wieder da! Dieser Fremde, Grausige! Aber ich sagte nichts.

Frau Reiner erteilte ihrem Mann einen Verweis, weil er »solch ein Poet« sei.

Herr Reiner sagte zu seiner Frau: Alles zu seiner Zeit – wenn ich im Bureau bin, denke ich an Geschäfte, Rechnungen. – Aber wenn ich ein so junges Mädchen mit einem so traurigen Gesicht sehe, dann muß ich an die Veilchen im grünen Wald denken, an die Natur und an alles Schöne und Süße.

Ich hätte rufen mögen – rufen um Hilfe.

Einmal kam Frau Bauer. Sie bat, meine Mutter möge entschuldigen, sie wolle nur fragen, wo sie das Haarfärbemittel kaufe.

Meine Mutter war sehr freundlich mit Frau Bauer und nannte ihr das Geschäft. Und sie sprachen längere Zeit vom Haarfärben. Meine Mutter sagte: Mein Mann fürchtet sich vor den weißen Haaren wie vor Gespenstern . . . Und beim Geschäft! Wer nimmt einen weißhaarigen Mann? Nein, kein Mensch nimmt gern Alte – nur Junge.

Seither kam Frau Bauer manchmal zu meiner Mutter auf einen kleinen Tratsch. Einmal kamen die beiden Töchter, rotblonde, verschleierte Mädchen, und holten ihre Mutter ab. Melitta und Edith hießen sie und waren Verkäuferinnen in Parfümeriegeschäften. Ich hatte keine Achtung vor ihnen, weil ich gesehen hatte, wie sie damals hinter dem Vorhang versteckt standen.

Einmal sagte Frau Bauer: Meine Töchter kommen heute spät nach Hause; sie sind mit Herrn Alfred Schindler ins Theater gegangen.

Flugs lief ich hinaus in die Küche und erzählte es Nanja.

Nanja sagte nichts, nur ihr Gesicht verzerrte sich; sie biß sich heftig auf die Lippe. Ich beschloß, diesen Abend nicht zu Bett zu gehen und zu warten, bis sie nach Hause kämen.

Zitternd stand ich am Fenster und gab acht. Endlich sah ich im Hof einen Lichtschein. Das waren sie. In den Strümpfen, wie ich war, mit losgelösten Zöpfen und im weißen Nachtkleid ging ich mit einem Glas auf den Gang und tat, als holte ich Wasser.

Da kamen sie an mir vorbei, lachend und plaudernd alle drei – Grüß Gott – sagten die zwei Blonden zu mir. Der junge, wunderschöne Alfred Schindler trug seinen Hut in der Hand, verbeugte sich vor mir und sagte: Guten Abend, Fräulein.

Ich lief geschwind in unsere Wohnung, ich wäre beinahe umgefallen vor – Seligkeit.


*


Nanja ging seufzend umher und sagte ein über das andere Mal: Welch ein schöner Mensch.

Ich fragte: Und Terrièr?

Sie sagte: Mit ihm mach' ich Schluß.

Ich schrie sie an: Sie müssen bei unserem Lehrer Terrièr bleiben.

Wer sagt Ihnen das?

So; weil er Sie liebt. Sie müssen bei Terrièr bleiben.

Ich haßte Nanja und es zog mich trotzdem zu ihr.

Ich hätte gerne alle ihre Gedanken gewußt.


*


Die zwei Töchter der Frau Bauer, Melitta und Edith, bekamen aus der Schneiderwerkstätte im Hause neue himmelblaue Ballkleider.

Frau Bauer schickte ihr Dienstmädchen zu uns, fragen, ob meine Mutter mit mir hinaufkommen wolle, die beiden Fräulein anschauen, sie probierten.

Meine Mutter entschuldigte sich, sie hätte leider keine Zeit, es wäre der Erste, da müsse sie ihrem Mann einkassieren helfen; davon sei sie zum Umsinken müde.

Als ob ich je im Leben für dergleichen Zeit gehabt hätte, sagte meine Mutter nachher. Nanja raunte meiner Mutter zu: Sie hofft auf den jungen Schindler für ihre Töchter.

Alle zwei können ihn doch nicht heiraten, meinte Mutter.

Alle zwei nicht, aber eine.

Leise wagte ich es zu sagen: Mama, dürfte nicht ich hinaufgehen?

Wozu?

Sie anschauen, in den Ballkleidern.

Hast du nichts zu lernen?

Nein; wir haben nichts auf; darf ich also?

Gern sehe ich es nicht, wenn du aber durchaus willst, geh; aber bleib nicht zu lange.

Blitzgeschwind war ich aus dem Zimmer. Draußen, draußen bei der Tür.

Nanja kam mir nachgeschlichen und rief: Wohin laufen Sie?

Aber da war ich schon oben im vierten Stock. An einer Türe stand: Schindler; das war es nicht. Richtig, ein Stock tiefer: Bauer, Parfümerie usw . . .

Ich war ohne Atem, und gewaltig klopfte mir das Herz.

Jetzt sah ich, daß ich nur einen Schuh an meinem Fuß hatte und mein ältestes Hauskleid trug. Ich wäre gerne zurückgelaufen, um meinen zweiten Schuh. Aber ich hatte vor Nanja solche Angst.

Drinnen tanzten sie wahrscheinlich; es war ein Lärm wie von klatschenden Händen, stampfenden Füßen.

Das Dienstmädchen machte mir auf und zeigte auf eine Türe; ich öffnete langsam. In der Mitte stand Alfred Schindler und um ihn herum Melitta und Edith in ausgeschnittenen blauen Ballkleidern und die Frau aus der Schneiderwerkstätte mit allen ihren Mädchen war da.

Wollt ihr nicht einmal herumtanzen? fragte Frau Bauer; aber die Kleider zieht vorher aus, sonst verschwitzt ihr sie, noch ehe ihr auf den Ball geht.

Sie gingen ins Nebenzimmer. Der junge Schindler wollte mit hineingehen, ihnen behilflich sein. Darüber lachten die zwei ohne Ende und die Schneiderinnen kniffen einander in Verlegenheit. Frau Bauer zog ihr schmales Mündchen etwas in die Breite, wodurch ein säuerliches Lachen entstand und klapste dem jungen Schindler auf die Hand, was heißen sollte: Sie Schlimmer! ich hatte das schon bei manchen Gelegenheiten gehört und wußte es daher.

Er ging also nicht hinein und ließ die zwei sich allein ankleiden.

Ich trat an Frau Bauer heran und sagte: . . . ich bin gekommen . . . meine Mutter läßt sich entschuldigen – sie hat leider keine Zeit. – Ich bebte noch immer an allen Gliedern und mein Herz hatte noch immer nicht seinen Gleichtakt gefunden. Im Gegenteil, es klopfte immer stärker und darüber erschrak ich, denn ich wußte nicht warum.

Frau Bauer sah mich an und fragte mich: Nun, wie gefallen sie Ihnen? (Sie meinte ihre Töchter.)

Ich sagte zerstreut: Sehr schön.

Der junge Schindler stand in der Mitte des Zimmers, die Hände in den Taschen seines braunen Samtrockes, die Zigarette im Munde. Vier Paar Frauenaugen lagen auf seinem Gesicht. Mich hatte er zu grüßen vergessen.

Das eine Fräulein streckte zwischen der Tür einen nackten Arm heraus und rief: Mama, wo ist mein Hauskleid? Und da sie keine Antwort erhielt, stampfte sie mit dem Fuß: Mama, wo hat Marie mein Hauskleid hingetan? Drinnen rief ihre Schwester: Hier ist es. Dann erst verschwand der weiße, nackte Arm, den Alfred Schindler sich angesehen hatte.

In mir wühlte etwas: O, wie ist dieses Leben so furchtbar! Ich wollte, ich wäre nicht in diese fremde Wohnung gekommen. Warum hatte ich meiner Mutter nicht gehorcht.

Jetzt stand ich zitternd da, beschämt und vom Herzensgrunde überflüssig.

Ich preßte die Zähne zusammen, wie ich dort saß, in der Ecke bei der Türe, während alle andern vorne standen und sich vergnügten.

Diesen Tag muß ich mir merken, dachte ich; wenn ich hinunterkomme, schreibe ich das Datum in mein Notizbuch ein; den Tag, an dem ich am unglücklichsten war von allen Menschen. Es war eine Schande, daß ich da saß und Gespräche anhörte.

Und was mich erwartete, wenn ich hinunterkam. Nanja, die böse Nanja, die ich so eigentümlich haßte. Ich war beinahe krank von ihrer Gegenwart.

Jetzt kamen Melitta und Edith aus dem Nebenzimmer. Mein Gott, wie sie schön waren!

Ich mußte an meinen einen Schuh und an mein altes Hauskleid denken; wie ein Bettelmädchen sah ich aus. Ich mußte an Mutters Worte denken: Nie wirst du etwas auf dich halten, wie andere junge Mädchen.

Nun waren sie doch ins Nebenzimmer gegangen, die zwei mit dem jungen Schindler.

Ich dachte: jetzt lauf ich geschwind fort, ehe sie wieder hereinkommen. Ich wollte fort. Aber ich konnte nicht. Ich blieb.

Frau Bauer unterhielt sich mit den Schneiderinnen, sie fragte: Wollten Sie nicht tanzen?

Melitta kam heraus, setzte sich ans Pianino und spielte einen Strauß-Walzer, den alle mitsangen. Alle wiegten sich in den Hüften, bewegten die Köpfe im Takt.

Edith aber tanzte mit dem jungen Schindler.

Sie war nicht hübsch, aber jetzt im Tanze war sie schön. Das kleine Zimmer war voll Leben und Jubel.

Ich selbst war nicht mehr unglücklich und ich hatte nur einen Wunsch: auch zu tanzen.

Er tanzte mit der andern Schwester, dann mit den Schneiderinnen und zuletzt mit Frau Bauer. Doch Frau Bauer blieb nach den ersten paar Schritten stehen und besann sich. Ich bin doch schon zu alt. Ihre Tochter spielte den Walzer zu Ende, alle sangen:


Gibt's Sturm, gibt's Schnee,
Gibt's Sonnenschein,
Wie es auch kommt –
Ich füg' mich drein . . .


Abseits stand ein Mädchen – sie war häßlich; sie hatte nicht getanzt. Am Halse hatte sie eine große, bleiche Narbe. Sie war eine von den Schneiderinnen. Nun stand ich auf und setzte mich zu ihr. Ihre guten Augen hatten mich zu ihr hingezogen.

Wie fröhlich sie sind! sagte sie mit einer feinen und leisen Stimme. Warum tanzen Sie nicht?

Augenblicklich dachte ich: es hat mich ja niemand eingeladen.

Aber laut sagte ich: Mit dem einen Schuh? Ich habe den zweiten zu Hause vergessen.

Es wird wohl hier im Hause noch einen Schuh für Sie geben – einstweilen.

Ich sagte rasch: Ich kann ja noch nicht tanzen.

Ich hatte Angst, es könnte ein Schuh für mich gefunden werden.

Und gerade Ihnen hätte ich gerne zugeschaut, sagte das Mädchen zu mir, weil Sie noch so jung sind.

Ich hatte ein Gespräch. Ich war eifrig bemüht zu sprechen: Haben Sie gesehen, Frau Bauer tanzte, aber sie war gleich müde. Ich fühlte mich wohl bei dem guten Mädchen. Ich hätte ihr gerne noch manches erzählt. O, sie hätte mich verstanden. Eine kleine Weile überlegte ich, dann ergriff ich ihre Hand und sagte: . . . Fräulein, ich möchte – Ihnen gerne etwas anvertrauen. Und ich erzählte ihr von dem Alten, der in der Dunkelheit auf mich wartet, Tag für Tag.

Sie lächelte zuerst, dann wurde sie ernsthaft, fast traurig und sagte: Wenn Sie ihn wieder sehen, so drücken Sie rasch auf die Glocke zum Schneidersalon, dann komme ich hinunter. Ich will einmal sehen, ob es der ist, den ich meine.

Sie stand auf und sagte: Ich bin müde. In dieser Woche habe ich täglich zwölf Stunden gearbeitet.

Wir drückten uns herzlich die Hand.

Als sie fort war, fragte Frau Bauer die Prinzipalin: Was für eine große Narbe hat das arme Mädchen oben am Halse?

Und die Prinzipalin erzählte die traurige Geschichte: Vor zwei Jahren starb die Mutter des Mädchens und hat sie ganz allein in der Welt zurückgelassen. Darüber hat sie sich so sehr gekränkt, daß sie sich das Leben nehmen wollte.

Was hat sie getan? rief ich erschaudernd.

Den Hals wollte sie sich abschneiden. Nun hörten alle zu.

Ich sah den jungen Schindler an. Der junge Schindler sah Fräulein Melitta an.

Und was ist dann geschehen?

Es war ein angenehmes Ausruhen meiner Augen auf dem Gesicht des jungen Schindler, während mir das Grauen bis ins Mark kroch.

Ich hatte das erstemal gehört, daß man sich das Leben nehmen konnte.

Die Prinzipalin fuhr fort zu erzählen: Zwei Monate hat sie im Spital gelegen; mit Mühe und Not wurde sie gerettet. Ich habe sie wieder in die Werkstätte aufgenommen, sie hat wieder fleißig gearbeitet. Aber es vergeht kein Sonntag, an dem sie nicht das Grab besucht; für ihre ersparten Groschen trägt sie Veilchen und Rosen hinaus auf den Hügel.

Frau Bauer hatte auf einmal Tränen in den Augen und sagte leise der Prinzipalin ins Ohr: So kann es einmal meinen Kindern ergehen.

Da aber sprach schon Fräulein Edith: Wie kann man sich so verunstalten?

Und Fräulein Melitta sagte: Und nicht einmal von einem hohen Kragen, einer weißen Rüsche verdeckt, trägt sie die Narbe, sondern ganz frei – es ist beinahe ekelhaft . . .

Ich sagte leise, zaghaft: Aber bedenken Sie doch, daß sie sterben wollte.

Frau Bauer sagte: Ja, es ist gleichsam wie eine Buße, die sie auf sich genommen.

Ich dachte: es ist ein Opfer. Sie opfert täglich der toten Mutter, indem sie mit der häßlichen Narbe unter Menschen geht, die sie darum verabscheuen oder bemitleiden.

Es blieb eine Weile still; ich saß und träumte mit wachen Augen . . .

Auf einmal stand der junge Schindler neben mir und sagte: Und Sie tanzen nicht?

Ich wußte, daß mich alle ansahen und ich schämte mich, weil ich so rot wurde.

Ich hab' nur einen Schuh, sagte ich, und versteckte meine Füße unter meinem Rock.

Ach so! sagte der junge Schindler und sah mich lachend an.

Fräulein Edith rief herüber: Zeigen Sie her!

Ich versteckte meinen Fuß noch mehr. Ich war enttäuscht.

Die Prinzipalin setzte sich mit Frau Bauer zusammen. Sie sprachen vom Geschäft, vom Heiraten, von den verstorbenen Männern und schließlich von der eigenen Jugendzeit.

Das kleine Lehrmädchen sah begierig zur Prinzipalin hinüber; sie fing jedes Wort auf, horchte mit roten Ohren.

Die Prinzipalin sagte zu ihr: Sie können nach Hause gehen, Amalia.

Da machte sich Amalia auf, um zu gehen. Ich glaube, sie wollte noch gerne länger bleiben. Sie grüßte, man antwortete ihr kaum. Bloß ich sagte laut und freundlich: Guten Abend, Fräulein, obgleich sie kleiner war als ich. Deshalb mußte ich mich abermals schämen, weil ich ganz allein das kleine Lehrmädchen gegrüßt hatte. Es war nichts an diesem Abend. Alles ging schief. Wäre ich lieber zu Hause geblieben. Alfred Schindler stand bei den jungen Mädchen. Mich schmerzten die Augen von sehnsüchtigem Schauen.

Später stand ich im dunkeln Vorzimmer. Ich hatte mich hinausgeschlichen; ich zögerte noch ein klein wenig, hinaufzugehen. Der junge Schindler stand plötzlich neben mir und sagte: So einsam?

Ja, sagte ich.

Er fragte: Sind Sie immer so?

Ich sagte: Ja, ich bin immer so.

Da wurden wir hineingerufen.

Frau Bauer sagte: Spielt ein Pfänderspiel!

Ich dachte: was antworte ich, wenn er wieder zu mir spricht?

Wir setzten uns rings um den Tisch.

Als die Reihe an mir war, hatte ich in meiner Zerstreutheit rasch verspielt. Ein Pfand her, hieß es. Ich habe nichts. Der junge Schindler sagte: Geben Sie mir Ihren einen Schuh. Ich gab ihm den Schuh.

Alle lachten.

Ich war ein wenig glücklicher als früher. Alle gaben Pfänder her.

Zum Schluß sagte der junge Schindler: Jeder, der sein Pfand zurück haben will, muß mir einen Kuß geben.

Die zwei Schneiderinnen gaben rasche Küsse her und bekamen ihre Pfänder wieder.

Frau Bauer lächelte säuerlich, sagte: Was ist dabei? küßte ihn und bekam ihr Pfand.

Fräulein Edith wollte keinen Kuß, sie sagte, sie müsse ihr Pfand auch so bekommen.

Da aber sagte der junge Schindler: Um keinen Preis. Und nach einem langen Kampf bekam er den Kuß.

Fräulein Melitta sagte, sie wolle keinen Kuß, da möge er sich lieber das Pfand behalten, sie habe genug Schildpattnadeln.

Er sagte, nun gut, dann behalte er sie eben.

Jetzt kam er zu mir. Ich saß da und es war mir kalt und ich hatte plötzlich keinen Herzschlag und es war mir mühsam zu atmen.

Er kam und sein wunderschönes, lächelndes Gesicht lag im Schatten, und in der Hand, die er auf dem Rücken hielt, war mein Schuh. Er sagte weich und leise und beugte sich zu mir: Bekomme ich meinen Kuß?

Ich schluchzte laut: Nein! und bedeckte mein Gesicht mit den Händen.

Er sagte lächelnd: Dann behalte ich Ihren Schuh.

Ich sagte nichts, ich verbarg nur mein Gesicht noch mehr und weinte heftig.

Der junge Schindler ging umher, mit dem Schuh und der Schildpattnadel. Er lächelte und sprach: Die Nadel schenk' ich jemandem, einem reizenden Mädchen. Aber der Schuh – was fange ich mit dem kleinen Schuh hier an?

Ich rief weinend: Geben Sie mir meinen Schuh.

Ich hatte wirklich Angst, er könnte ihn mir nicht wiedergeben. Und Mutter und Nanja würden fragen: Wo ist der zweite Schuh?

Geben Sie mir einen Kuß, dann bekommen Sie Ihren Schuh!

Nein, nein!

Alle lachten, am meisten Melitta.

Die Prinzipalin empfahl sich; als sie an mir vorbeiging, sagte sie leise: Es ist ja kein Verbrechen, wenn Sie ihm den Kuß geben, so einem schönen, jungen Menschen.

Nein, nein.

Ich dachte: wie glücklich bin ich. Wer hätte das gedacht! Was geht überhaupt mit mir vor? Was habe ich für eine süße Müdigkeit in den Gliedern. Und – ich kann ja nicht atmen, ich ersticke. Was ist das für ein komisches Glück? Was für eine fremde Seligkeit?

Und ich dachte: wenn er noch einmal zu mir kommt, laufe ich davon.

Frau Bauer überredete ihre Tochter, doch keine Geschichten zu machen, um doch die Haarnadel zurückzubekommen.

Da ging Fräulein Melitta lachend zu ihm, faßte rasch seinen Kopf und küßte ihn zweimal, dann nahm sie ihre Haarnadel und steckte sie ins Haar. Und darauf war es, als ob nichts wäre.

Er fragte: Was fange ich nur mit dem kleinen Schuh an?

Ich sagte nichts, ich hörte wie im Traum.

Frau Baber bat für mich: Geben Sie ihr den Schuh, Sie sehen ja, sie weint.

Da kam er und sah mich lächelnd an und sagte: Bitte! und gab mir den Schuh. Ich schlüpfte rasch hinein, sagte gute Nacht und eilte davon.

Jetzt fielen meine Tränen. Ich war wild zornig über mich. Ich schrie mir selbst zu: Wie unglücklich bin ich! wie unglücklich bin ich! wie unglücklich!

Ich ging langsam über die Stiege und wischte mir die Tränen von den Wangen.

In der Fensternische des zweiten Stockwerkes stand »der Alte« und streckte die Arme nach mir aus. Ich schrie heftig – da hatte er mich schon in seine Arme gezogen.

Fräulein Melitta kam die Stiege heruntergelaufen . . . Was ist los? Auf einmal sagte sie sehr laut und lachend: Grüß Gott – o, grüß Gott, Herr Lauch! . . .

Sie kam zu mir: Was haben Sie? Sie sind ja beinahe gestorben.

Ich habe solche Angst.

Ja wovor denn?

Vor dem »Alten«.

Vor Herrn Lauch?

War das Herr Lauch?

Natürlich war das Herr Lauch. Herr Lauch vom dritten Stock. Kennen Sie nicht seine Frau und seine drei Jungen?

Nein, ich kannte ihn nicht.

Melitta sagte: Nun weiß ich es: er stellt Ihnen nach? Ja, er ist schon so: die ganz jungen Mädchen sind sein Sport.

Also nur ein Herr Lauch, fragte ich, nichts weiter?

Was weiter – Im Theater bläst er Flöte. Gehen Sie ruhig nach Hause. Wir werden es ihm verbieten, diesem »Alten«.

Sie führte mich bis zu unserer Tür, klingelte, Nanja stand da.

Alexander und das Brüderchen schliefen im Kabinett.

Alexander hatte auch im Schlafe sein trotziges, zänkisches Gesicht. Der kleine Josef lag da, ein hilfloses Kind mit über der Brust gefalteten, kleinen, schmalen Händen. Zum erstenmal sah ich, was für ein trauriges Gesichtlein er hatte, wie der Kerzenschein auf seinen Wangen tanzte. Mit wem hatte er diese traurige Ähnlichkeit – ach, mit Johanna. Es war spät geworden.

Ich ging in mein Kabinett, kleidete mich aus und schlüpfte ins Bett. Ich konnte nichts denken. Ich lag auf dem Rücken, die Arme im Genick und starrte ins Dunkel.

Das kleine Licht des Garderobehäuschens blinkte zum Fenster herein. Abgerissene Sätze gingen mir durch den Kopf – wie die Melodien im Baßton, die von unten heraufkamen, sooft die Saaltür sich öffnete.

Abgerissene Gedanken . . . Im Frühling wird es schön sein, wenn die zwei Bäume blühen . . . diese zwei Bäume aber sehen aus, als könnten sie nie grün sein, nur immer schwarz – und doch ist es eine Täuschung.

. . . Mein Vater hat seit den letzten Monaten ein so altes Gesicht. Ob es wahr ist, daß er an der Leber leidet. Wenn sich die schwarze Farbe von seinem Haar verwischt, steht ein Greis da . . .

Jemand ging durch den finsteren Hof und pfiff. Es entstand ein Lärm; die Volkssänger gingen nach Hause. Gute Nacht, sagte eine tiefe Stimme; das war der Kapellmeister. Nach einiger Zeit war es lautlos still.

Ich hörte samtweiche Tritte; das konnte nur Nanja sein.

Ich zog die Decke über den Kopf; jemand machte die Tür auf. Ein Lichtschein kam durch die Decke bis zu meinen Augen.

Schlafen Sie? . . . Ob Sie schlafen – da unter Ihrer Decke?

Ich fuhr wie schlaftrunken herum. Was wollen Sie?

Ich muß da wo meinen Kamm gelassen haben und meinen kleinen Handspiegel.

Und deshalb wecken Sie mich? Das muß ich Mama erzählen.

Ich werde auch erzählen, ha, ha – so manches.

Und ach – wie entsetzlich sie lachte!

Gehen Sie hinaus und lassen Sie mich schlafen.

Erst muß ich meinen Kamm finden.

Sie leuchtete mir mit der Kerze ins Gesicht.

O, wie war sie schrecklich mit ihrem balsamierten Gesicht.

Ich zog die Decke über meine Augen und blieb so, bis Nanja das Zimmer verlassen hatte.

Sie sagte noch: Ich werd's schon erzählen.

Was? Was konnte sie erzählen? Hab' ich etwas getan?

Nein – ich nicht – aber es ist mir etwas geschehen, der junge Schindler wollte einen Kuß – und ein fremder Mann hat mich umarmt.

Aber woher wußte es Nanja?

Was war denn eigentlich geschehen?

Wer weiß, was Nanja Mama erzählen wird; sicher eine Lüge.

Ich hätte nicht hinaufgehen sollen.

Man bleibt zu Hause, in seinen vier Wänden – dann kann einem nichts geschehen.

Man bleibt zu Hause mit einem Buch.

Ein Buch ist der beste Freund eines Menschen.

Was wird später sein? Wie kann man sich vor all dem Furchtbaren, das es gibt, retten?

Die Menschen sind so spöttisch. Immer, wenn einem weh im Herzen ist, lachen sie. Keiner kann treu und gut sein.

Schillers Turandot ist so schön!

Ich bin so müde und so traurig und so verzagt.

Gleich werde ich einschlafen . . .

Wenn ich Turandot wäre und er der Königssohn, dem ich das Leben rette!

O, ich könnte mein Leben für ihn geben.

. . . Fräulein Melitta war nett mit mir, aber ich kann sie nicht leiden, wahrscheinlich lacht sie über mich.

Wenn wir nächstens wieder Pfänder spielen sollten . . .


*


Am andern Morgen erwachte ich und fühlte mich krank.

Bleibe vormittag im Bett, sagte Mutter. Nanja räumte mein Kabinett auf.

Was haben Sie gestern für Unsinn getrieben bei Bauer?

Ich habe nichts getrieben.

Ja, mit Ihrem Schuh? Wie Sie rot werden! Marie hat mir alles erzählt.

Das ist eine Lüge.

Ich hielt es hier nicht aus. Ich stand auf. Nachmittag gehe ich in die Schule.


*


In den nächsten Tagen begegnete ich dem jungen Schindler zweimal. Ich sah ihn mit dem Rad über den Hof kommen, da nahm ich meine Büchermappe und ging. Im ersten Stockwerk kam er mir entgegen; er zog seinen Hut, verbeugte sich und sagte nichts. Auch ich machte eine kleine Verbeugung und sagte leise: Guten Tag . . .


*


Abend für Abend gingen wir über die stille Ringstraße nach Hause.

Die Mädchen erzählten einander kleine, lügenhafte Liebesgeschichten. Wie im Fieber sprachen sie.

Ich sagte: Ich kenne auch einen; er heißt Emil, er leiht mir Bücher.

Ich dachte: wenn ich ihnen erzähle, er ist wunderschön und trägt einen Samtrock, glauben sie es mir ja doch nicht. Darum sagte ich lieber gleich: Er ist bei der Garde, trägt einen weißen Waffenrock mit scharlachrotem Futter.

Lina Hell sagte: Die bei der Garde, das sind die Gefährlichsten.

Ich fragte: Warum gefährlich?

Na, die haben überall ihre Mädchen. Die können gar nicht sein ohne die vielen Mädchen.

Ich sagte: Der aber nicht. Dann schwieg ich beschämt.

Eine fragte: Seid ihr verlobt?

Ich wurde ganz rot. Nein, er leiht mir bloß Bücher. Und leiser sagte ich: Er wird fortreisen nach Deutschland, dann werden wir uns schreiben.

Lina Hell sagte: Aber das Allerschönste ist doch ein Student, denn aus dem wird etwas.

Ich sagte nichts mehr. Ich hätte mich am liebsten irgendwo verkrochen, so sehr schämte ich mich. Was bist du für eine Lügnerin, sagte ich zu mir, pfui, was für eine Lügnerin.


*


Einmal sagte Nanja zu mir: Gestern haben wir uns gut unterhalten beim Schuhputzen, ich und Marie.

Welche Marie?

Die von Frau Bauer. Wir haben Schuhe geputzt und der junge Herr Alfred ist bei uns gestanden und hat uns unterhalten.

Pfui, sagte ich, er ist wie Terrièr.

Er ist mir tausendmal lieber als Terrièr. Heute kommt er wieder, aber heute wird Marie oben ihre Schuhe putzen.

Da kommt er zu Ihnen allein?

Jawohl.

Ich dachte: ich werde aufstehen und an der Tür horchen, und wenn es mein Leben gilt – heute nacht.

Ich war aufgewühlt, die Augen und der Kopf schmerzten mich. Ich schämte mich rasend all der Lügen aus der letzten Zeit – was war überhaupt aus mir geworden! Ich lernte nichts mehr – es ging abwärts mit mir.

Weiß Gott, wie Fräulein Melitta über mich lachte. Wie sie abends bei der Lampe alle drei die Köpfe zusammensteckten und über mich lachten und Frau Bauer sagte: So ein armseliges, kleines Ding, kommt da mit ihrem einen Schuh . . . o, wie sie lachten . . .

Es war nicht zu ertragen, wie mich das peinigte.

Marie hatte alles erzählt. Dieses dumme böhmische Mädel.

Heute ging ich nicht zur Schule.

Der Nachmittag und der Abend vergingen.

Ich hatte meine Bücher, meine Hefte, meine Kleider in dem schmalen Kasten in Ordnung gebracht. Obenauf lagen meine »Erinnerungen«. Lauter Tand, Plunder – verschiedenfärbiges Papier. Ein anderer hätte dies alles ins Feuer geworfen . . . Nur das Poesiealbum war das einzig Wertvolle. Das aber wieder war Johannas Andenken an ihre verstorbene Freundin. Johanna hatte es mir vermacht. Ich nahm es aus der Lade heraus. Meine Hand zitterte, als ich es aufschlug.

Auf der ersten Seite stand: Meiner geliebten Tochter Klara Benedikt. Deine Mutter. Ich mußte mir wieder das Blatt mit der hübschen Federzeichnung ansehen: fliegende Vögel, hoch oben in den blauen Lüften . . .


Schwalbe, liebe Schwalbe,
Warum baust du ein Nest?
Weißt du auch, ob der Liebste dein
Dich liebet treu und fest?


Dies kleine Lied stand hier aufgeschrieben, ich hielt die Blätter mit meinen Fingern – aber wo waren Johanna und Klara Benedikt?


*


Es rückte die Nacht heran und wir gingen schlafen. Ich war allein in meinem Kabinett. Von meinem Bett aus konnte ich die Sterne sehen. Ich lag still und überlegte: wenn Ruhe ist, wenn alle schlafen, stehe ich heimlich auf und schleiche mich auf den Gang hinaus und belausche Nanja.

Ich lag unbeweglich und horchte meinen bangen Herzschlägen.

Ich dachte: jetzt geh' ich – noch einen Augenblick und dann geh' ich – noch fünf Minuten, bis ich sechzig zähle . . . ich hatte so schön warme Füße unter meiner Decke. Und es zeigte sich, daß ich eingeschlafen war, ohne Nanja belauscht zu haben.

Am andern Morgen sagte ich: Gestern wollte ich Ihnen zuschauen beim Schuhputzen, haben Sie sich wieder so gut unterhalten?

Nanja sagte: Noch besser; und sah weg von mir. Sie war sehr beweglich, sie hüpfte mehr als sie ging. Sonst schlich sie immer träge dahin.

Sie sagte nichts weiter. O, sie verschwieg es vor mir.

In der zweiten Nacht war dasselbe. Ich dachte: jetzt gehe ich; aber ich ging nicht und diesmal war ich nicht einmal darüber eingeschlafen. Ich lag wach und dachte nur: ich will es gar nicht sehen und vielleicht ist es auch nicht wahr.


*


Ein paar Tage später hörte ich in der Früh einen riesigen Lärm. Ich setzte mich auf und horchte.

Woher kam das? Vom Hof, von der Gasse? Von gegenüber? – Aus unserer Küche kam es. Es waren viele Stimmen. Mutters Stimme war dabei und Nanjas Stimme.

Ich zog rasch mein Hauskleid an und stand auf der Türschwelle . . .

Vor unserer Tür war eine »Ansammlung«.

Da war Frau Schindler in ihrer weiten, blaßlila Morgenjacke, und dem verblichenen, wie in der Wäsche ausgegangenen Gesicht; aber noch immer war sie schön, besonders die Augen. Über ihrer Frisur trug sie einen Schleier, um ihr Haar zu schützen. Sie schrie: Es ist ein Skandal. Was glaubt dieses Weibsbild?

Meine Mutter sagte: Schreien Sie nicht so, Sie wecken meine Kinder auf. Ich habe meine eigenen Sorgen; wenn Ihr Sohn sich mein Dienstmädchen in sein Zimmer nimmt, so ist das seine Sache und nicht die meine.

Aber mich bestiehlt sie, schrie Frau Schindler.

Mir blieb das Herz stehen.

Sie hat sich eingeschlichen wie eine echte Diebin. Alle vom Hause wissen, was für eine Person Sie bei sich halten. Wenn man eine ordentliche Frau ist, hält man sich nicht eine solche. – Frau Schindler schrie wie von Sinnen. – Kommt so eine dahergelaufene Person und beschmutzt mir mein Haus. Was wollen denn überhaupt alle von meinem Sohn! Das ganze Haus ist hinter ihm her.

Frau Bauer im Morgenhäubchen, Handschuhe mit gestutzten Fingerspitzen an den Händen, rief durchs Fenster: Bilden Sie sich nur nichts ein, Madame, so gut wie Sie, sind wir auch!

Es war noch ein langes und lautes Geschrei. Frau Schindler war in ihre Wohnung geeilt, und gedämpft klang das Schimpfen nach. Ich stand auf einem Fleck wie festgemauert. Ich dachte: in dieser Schande werde ich fortan leben – ganz umgeben von Schande. Mich meinte sie natürlich auch, mich und Nanja . . . uns beide Ehrlose . .

In der Küche sagte meine Mutter: Ich will nicht mit Ihnen streiten; aber Sie können gehen. Nach dem Frühstück räumen Sie die Zimmer auf – ich schreibe Ihnen Ihr Zeugnis, zahle Ihnen den Lohn und Sie gehen.

Ja, ja, sagte Nanja, ich gehe. Ich will ohnehin nicht länger in dieser Stadt bleiben. Ich fahre nach Hause, nach Odessa, dort bin ich eine gnädige Frau, brauch' mich nicht plagen für fremde Leute.

Ja, sagte Mutter, fahren Sie nach Odessa. – Und dann sagte sie: Sie können noch zu Mittag hier essen, und die Jause und das Abendessen können Sie sich einpacken und mitnehmen.

Ich bleibe bis nach drei Uhr, wenn Fräulein Marianne zur Schule geht.

Gut, dann gebe ich Ihnen also Ihren Lohn um drei.

Nanja weinte ein wenig, wischte sich behutsam mit einem feinen Taschentüchlein Augen und Nase. Mutter ging näher, um das Taschentüchlein anzusehen.

Ja, ja, sagte Mutter, wenn Sie es darauf absehen, fremde Sachen zu nehmen.

Ein armer Mensch will auch was Schönes haben, sagte Nanja. Nach einer Weile veränderte sich ihr Gesicht, sie lächelte und sagte: Wenn ich jemand gern habe, kann mir die ganze Welt gleichgültig sein.

Mutter sagte in ihrer kindlich gütigen Art: Wissen Sie, man muß doch wissen, wen man im Hause hält. Sie könnten ja ebensogut eine Räuberin und Mörderin sein!

Aber Nanja fuhr fort mit ihrem unbeirrbaren Lächeln, als höre sie es nicht: Einerlei ist mir dann die ganze Welt.

Nun ja, meinte Mutter, Sie werden schon wieder etwas finden, und ging aus der Küche.

Ja, sagte Nanja, Arbeit und ein bißchen Glück gibt's überall auf der Welt – solange noch das Lämpchen glüht.

Das hätte sie schon zur leeren Küche gesagt, wenn ich nicht dagestanden wäre und es gehört hätte . . . Um zwei Uhr verschwand ich aus dem Hause, um nicht mehr mit Nanja zusammentreffen zu müssen; ich nahm auch nicht Abschied von ihr und abends, als ich kam, war sie fort . . .

Als es dunkel war, stand ich und sah die Sterne an. Ich sah die Milchstraße und den großen Wagen. Wenn meine Eltern reich wären, möchte ich Astronomie studieren. Man müßte selbst den Frieden finden in dieser Welt des ewigen Friedens und der Einsamkeit dort oben.

Wieder ging ich zu Bette und wieder blieb ich wach liegen. Wieder war die Dunkelheit im Zimmer, nur ein blinkendes, zersprenkeltes Licht hüpfte umher, bald an der Wand, bald auf dem Boden – wie draußen der Wind ging.


*


Die ersten Maitage kamen diesmal mit Sturm und Regen, so daß die Menschen schon alle Hoffnung verloren hatten.

Und doch wartete ein jeder: Morgen? Aber morgen . . .

Endlich!

Ein Morgen so klar, so warm, so sonnig, so voll lachender Heiterkeit.

Mittags wurde es heiß.

Alle Fenster waren weit geöffnet.

Jemand spielte Klavier. Einen Walzer und wieder einen Walzer.

Die zwei Bäume blühten noch nicht, es schien dort nicht die Sonne hin.

Aber in den Ästen sang es – und wenn es auch nur Spatzen waren.

Ich dachte: – ah – heute werden alle die Schule schwänzen – da geh' ich auch. Wer mag an einem solchen Tag sich die Straußenzucht auf den Pampas anhören, oder die Nebenflüsse des Mississippi. Oder wer setzt sich hin, Briefe schreiben an die Firma N. Schüler & Komp., daß sie Herrn Robert Wettermacher dreihundert Ballen Santos-Kaffee schicke – samt Rechnung. Ich dachte, daß ich eigentlich schon genug gelernt hätte.

An diesem Tage wurde alles, was außerhalb von Schule und Haus lag, für mich begehrenswert.

Langsam ging ich in dieser freien, warmen Luft dahin und mir war so leicht und frei zumute, als hätte ich Flügel.

Spazieren ging ich.

Ich dachte: zu gehen mit diesem frohen Gefühl: der ganze Nachmittag gehört mir; zu gehen mit dieser Beschwingtheit in den Gliedern, dahinzugehen mit dem rasch schlagenden, bewegten Herzen. Mit dem ganzen Jubel und der ganzen Traurigkeit meiner Seele. Dahinzugehen wie im Traum . . . ihr Lüfte, ihr leisen Frühlingslüfte, ich schenk' euch meinen Atem . . .

. . . Und das viele Grün und der Veilchenduft in den Straßen. Maiglöckchen kamen dazu; die waren süß wie Bonbons.

Und dann die plötzliche Furcht an jeder Straßenecke; vor dem Ungewissen und Verborgenen. Und der lockende innere Befehl: suche! o du könntest etwas versäumen.

Diese gepeitschte Furcht, irgendwo etwas zu versäumen. Ich nahm den Weg zur Schule, aber meine Bücher hatte ich zu Hause gelassen.

Wie warm es plötzlich war, auf einmal war es heiß.

Gestern waren noch Schneespuren.

War es nicht, als hätte man etwas getrunken? Ja, so war es.

Aus dem Pflaster stieg Hitze auf.

Auf meinem kleinen, schwarzen Lackhut brütete die Sonne.

Mein Nacken war heiß; mein Haar war heiß. Auf der Straße zog ich meine Jacke aus und trug sie über dem Arm. Ich fing an, ein wenig zu marschieren, den Blick nach vorwärts gerichtet.

Ungefähr hundert Schritte vor mir ging ein junges Mädchen. Wer hatte die Art, den Kopf so zu neigen und so zu schweben? Sie war in düsteres Schwarz gekleidet. Ihr Kopf war blond und jung und schön, überraschend schön. Und wie groß war sie geworden – eine Dame. Ob ich sie anspreche? Ich war schon ganz nahe. Da wendete sie ihren Kopf um, ich sah ganz nahe ihr Gesicht. Ja, sie war es, ich war außer mir vor Freude. Ich lief und breitete im Laufen die Arme aus und rief: Leonore!

Und wir gingen Arm in Arm.

Ich erzählte ihr, was ich lernte und trieb. Und du, Leonore, hast du noch immer deine schöne Stimme?

Ich glaube, ja.

Sie sprach, und ihre Stimme mit dem süßen Silberklang war eigentümlich wissend und müde. Ich trete auch bald ins Leben; ich gehe in die Musikakademie.

Ich schlug staunend die Hände zusammen: Also richtig.

Ja, es kam so. Papa ist tot.

Leonorens weißes Blumengesicht im schwarzen Rahmen ihres großen Schleierhutes! dachte ich.

Erinnerst du dich noch an meinen Papa?

Ich sagte, er war ja immer im Kontor, wenn ich bei dir war.

Ja, er lag im Kontor auf dem Ruhebett und nahm Morphium gegen seine Schmerzen.

Ich sagte: Aber einmal sah ich ihn doch; er kam vom Spaziergang, im hellen Überzieher . . . er sah frisch aus.

Ja, sagte Leonore – es war ja auch ein Jahr vor seinem Tode.

Es blieb ein banges Schweigen.

Wir gingen langsam dahin.

Nun, du hast ja deine Mutter und deine Großmutter.

Das ist wahr; die Teuren.

Und du hast deine Kunst, deine schöne Stimme.

Ja, sagte Leonore stolz, ich habe meine Kunst.

Und die muß dich doch sehr glücklich machen?

Ja, sagte Leonore, meine Stimme wird immer schöner und größer und – ich singe so gern.

Und hast du nicht ein bißchen Furcht?

Ja – ich habe – sehr viel Furcht.

Du glaubst, du könntest vielleicht doch nicht so schön singen, wie es die Leute von dir erwarten?

Ja, diese Furcht habe ich auch.

Bei mir ist dasselbe. Ich fürchte, ich werde nichts können. Ich habe ja so viel anderes getan, statt zu lernen.

Wir wanderten an diesem Nachmittag in den Prater, Leonore und ich. In der lieblichen Baumwildnis der Krieau lagerten wir auf einer Wiese. Plötzlich umarmte mich Leonore und sagte tief erregt: Ich habe solche Sehnsucht nach Papa; oft packt es mich wie Raserei, eine Unruhe, daß ich laufen, fahren möchte – und wenn ich nachts daliege, so ist es, als hörte ich leise meinen Namen rufen. Aber was sonderbar ist, es ist nicht Papa, von dem ich träume, nein, es ist jemand anderer – und nach einer Weile sagte sie: – Sag es niemand, daß ich es dir anvertraut habe.

Was? fragte ich, du hast mir ja nichts anvertraut.

Ach so, sagte noch immer zitternd Leonore, du verstehst mich nicht?

Doch, ich verstehe dich!

Verstehst du mich?

Ja . . .

Nun wollen wir gehen . . .

Die lange Praterallee glich einem riesigen Festsaal. Die weißen Blüten der Kastanienbäume waren wie wunderbare Träume.

Wir gingen durch die Auen.

Die Sonne war im Untergehen. Ein schöner stiller Spätnachmittag lag über Wiesen und Bäumen.

Diese Wege kenne ich alle gut, sagte ich, wir sind sie, als wir noch klein waren, oft mit Ploni gegangen.

Wer war das?

Ploni war ein älteres Mädchen, das bei uns diente. Aber mir war sie viel mehr. – Hier, an dieser Stelle war eine Stimme aus dem Wald gekommen – Locki – daher – woher? – daher!

Von einem Menschen?

Ich weiß es nicht.

Wir setzten uns auf eine Bank am Wasser; ein großer, grünschillernder Teich mit blumigen Ufern.

Gib mir einen Bleistift und ein Blatt Papier – ich will etwas aufschreiben.

Leonore suchte in ihrer Mappe.

Ich habe kein leeres Blatt – hier hast du Mendelssohn – Lieder ohne Worte – schreib es auf die Rückseite.

Ja.

Leonore saß ganz still, sie sagte: Ich will einstweilen an etwas denken, während du schreibst.

Ich schrieb und langsam löste sich die Bangigkeit aus meinem Herzen und die Trauer und ein seliges Gefühl wie Frieden und Liebe zog in mein Herz ein.

Ich reichte Leonore das Heft: Es ist ein Gedicht . . .

Ein Gedicht?

Ja . . .


Ein stilles Weinen ist in mir
Und Abend ist.
Ich gehe durch die knospende Allee
Und Frühling ist.

Auf meine Wangen
Fallen weiße, allererste Blüten.
In meinem Haar
Spielt leis der Wind.


Das ist schön, sagte Leonore und küßte mich auf den Mund und mein Gesicht war naß von ihren Tränen.

Wann ist dir das eingefallen?

Jetzt.

Hast du schon oft ein Gedicht geschrieben?

Nein. Es ist mein erstes Gedicht.


*


Wir standen auf.

Es ist Abend, sagte Leonore.

Kleine Boote schaukelten auf dem Wasser.

Ein leeres Boot trieb ans Ufer.

Zwei andere stießen ab.

In jedem saß ein junger Mann mit einem jungen Mädchen. Die Mädchen hatten Kastanienblütenzweige im Schoße liegen.

Sie ruderten hinaus.

Ein Mädchen stand aufrecht im Boote – hob den Arm hoch und rief dem andern Boot zu: Ave!

Sei gegrüßt! war die Antwort.

Es sind Studenten, sagte Leonore.

Leonore, sagte ich, du wirst Erfolge haben, du wirst eine Künstlerin und wirst geliebt werden. Ich wünsche mir das Leben friedlich – wie dieser Abend ist. Aber das Leben ist nicht friedlich?

Nein, das Leben ist nicht friedlich . . .

Und du wirst weite Reisen machen, Leonore?

Ja, das werd' ich wohl.

Leonore, wenn man nur einmal fort könnte! Nur bis Krems! . . .

Der Abend hüllte uns ein. Aus den Gasthäusern kam Musik. Unter den elektrischen Lichtern gingen Menschen spazieren.

Auf die Wiesen senkte sich ein feiner, weißer Dunstnebel herab und deckte die vielen weißen und gelben Blumen zu.

Nun schlafen sie, sagte Leonore.

Ja, sie atmen und schlafen.

Vor einem Baume blieb ich betend stehen.

Ich sah wie im Traum über die Wiese hin.

Ich pflückte eine gelbe Blume und hielt sie in meiner Hand und sah sie an: Löwenzahn, du Blume aus der Kinderzeit!

Ich sah hinauf zur Höhe.

Der Himmel ist blau mit weißen Wolken, so weiß wie dein Gesicht, Leonore.

Schau, sagte ich – oben!

Ja, die Sterne!

Wie schön – meine Sterne!

Und meine! sagte Leonore und lächelte mild.