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Else Feldmann – Der Schrei, den niemand hört!

Trauerspiel aus dem Ghetto in vier Akten

Grundlage dieser Ausgabe ist die Transkription von Eckart Früh. Sie wurde überarbeitet.
Eckart Früh schreibt: [Der Schrei, den niemand hört! ist] ... das einzige Theaterstück, das von Else Feldmann überliefert ist. Herbert Exenberger hat es entdeckt, mir Kopien zur Verfügung gestellt, mithin ermöglicht, es abzuschreiben und an eine kleine Öffentlichkeit zu bringen. Dafür sei ihm auch an dieser Stelle herzllich gedankt.
Transkription nach dem Typoskript, das im Wiener Theatermuseum aufbewahrt wird. Striche des Regisseurs wurden dabei ignoriert, die des Zensors durch eckige Klammern kenntlich gemacht und mit dem Exemplar des Niederösterreichischen Landesarchivs verglichen. Schreibfehler habe ich ohne weiteres verbessert, die übermäßige Verwendung von Ruf-, von Gedankenstrichen, den ebenso gedanken- wie gefühlvollen drei Punkten auf ein vertretbares Maß reduziert.



Personen

Frau Geize M a r k s t e i n , Kramhändlerin

P a m e l a , ihre Tochter

Daniel S c h e f e r , umherziehender Händler

Emanuel F e u e r , Kaufmann

T h e r e s e

Bertha G e s t r i g

Leon W o t t i c h

Benzion Leib F l e c k , Uhrmacher und Edelsteinhändler

Frau F l e c k

H a n n a : ihr Kind

S i m o n : ihr Kind

Adrian B a n i n , Student

R o s a l i n d e , ein junges Mädchen

Herr B r o w n

Frau B r o w n

Erste Arbeiterfrau

Zweite Arbeiterfrau

S c h m e i e r , Agent

O r t der H a n d l u n g: Ghettoviertel in der Großstadt. Z e i t: Gegenwart




1. Akt

Das Innere des Kramladens von Frau Markstein in der kleinen, engen, winkligen Gasse. Ganz im Hintergrund rechts, von einem Kattunvorhange bedeckt, eine Tür, die in das Studierzimmer, das gleichzeitig Schlaf- und Wohnraum des Studenten Adrian Banin ist, führt. Im Laden, der fünfeckig ist, befinden sich große Stellagen, die mit allerlei Waren angefüllt sind. In einer Ecke ein großer altmodischer Schreibtisch über dem Schreibtisch ein Fächerregal, in dem Papiere, Schriften unter Namensregister liegen. Am Schreibtisch eine Stehlampe, Schreibutensilien, ein paar Fotografien von gleichgiltigen Menschen. In der Mitte des Ladens ein Verkaufspult an der Seite ein Tisch mit Stühlen, eine Nähmaschine, ein altes, schadhaftes Ledersofa. Schief links befindet sich eine Tür, die offen steht und in das Wohnzimmer der Markstein führt. Der Raum ist von einer Gasflamme erleuchtet. Ganz im Vordergrund befindet sich die Tür des Ladens von der Gasse aus. Es ist Herbst. Spätnachmittag.

Pamela liegt auf dem Sofa; über sie ist eine Decke gebreitet. Sie liest in einem hübsch gebundenen, roten Buch. Sie ist 15 Jahre, klein, schlank, feingliedrig mit einem vollen, blassen Gesicht, schönen dunklen Augen. Das Haar trägt sie noch ein wenig nach Kinderart, kurz, offen, unordentlich, mit einem Band gebunden. Sie trägt ein lichtes Flanellkleid, das bis zu den Schuhen reicht, schwarze Trägerschürze. Es wird die Ladentür geöffnet und ein Frauenkopf blickt hinein, dann wird sie geschlossen, gleich darauf wieder geöffnet; ein Klingelzug setzt sich dabei in Bewegung. Pamela ist aufmerksam geworden, hebt den Oberkörper und sieht nach der Tür; nachdem die Tür wieder geschlossen ist, legt sie sich zurück, bleibt aber doch lauschend. Da wird wieder geöffnet.


PAMELA: Ist wer da? Ist wer da? Ja? Was wünschen Sie?


BERTHA GESTRIG (erscheint in der Tür; sie ist ein recht erbärmliches, großes, mageres Mädchen von 34 Jahren in einem abgetragenen hellbraunen Kleid mit kurzem Jackett, einem Hut mit einem großen, grellen Vogelkopf; in der Hand trägt sie ein Körbchen.): Ist die Frau da?


PAMELA: Nein, meine Mutter ist nicht zu Hause. (Sie setzt sich auf, behält aber das Buch in der Hand.)


BERTHA (mit großer Erregung in der Stimme): Dann komme ich später!


PAMELA: Gut!


BERTHA: Wie lang sie bleiben kann, wissen Sie nicht?


PAMELA: Das weiß ich nicht; bei einer Geschäftsfrau kann man das nie wissen, nicht wahr?


BERTHA: Könnt' ich vielleicht hier warten?


PAMELA (verdrießlich): Wenn Sie warten wollen! Aber sicher ist das nicht, wann sie kommt.


BERTHA (wischt sich den Schweiß): Könnt' ich mich vielleicht einen Moment niedersetzen?

( Pamela springt vom Sofa auf, schiebt einen Stuhl herbei, den sie zuerst abräumt. Bertha setzt sich schwerfällig nieder, der wacklige Stuhl droht zusammenzubrechen.)


PAMELA: O weh, der Stuhl ist etwas gebrechlich erlauben Sie einmal! (Lehnt den Stuhl an die Wand.) So, jetzt können Sie sitzen. Der stammt noch von Mutters erstem Mann; mit dem hat er sie immer gehauen.


BERTHA (hat aus dem Körbchen eine Stickerei genommen und fängt an zu arbeiten): Er sie?


PAMELA: Sie ihn doch nicht! Ein Mann ist immer stärker als eine Frau!


BERTHA: Aber schlagen lassen! Nein, sie hätt' sich wehren sollen!


PAMELA: Wie konnte sie sich denn wehren, wenn er bei ihr steht und sie so mit beiden Fäusten drischt.


BERTHA (immer in großer Erregung): Ah, sie konnt' ja davonlaufen, sich verstecken ...


PAMELA: Ja, wohin denn? Er war ja ganz vollgesoffen ...


BERTHA: Ah, die Kerls ...


PAMELA (lachend): Jetzt ist er ja schon längst unter der Erde, da haben wir von ihm schön Ruh'! (Mit einem Seufzer:) Ich bin nur froh, daß ich nicht von dem bin!


BERTHA (sieht sie an, legt die Arbeit zusammen): Das eine wollt' ich noch fertig machen, dann hab' ich von dem auch ein Dutzend.


PAMELA: Wozu brauchen Sie soviel Deckerln?


BERTHA (weinerlich): Wie fragen Sie? Meine Ausstattung! Meine schönen Handarbeiten! Alles mit der Hand! Aber jetzt arbeit' ich gar nichts mehr! (Schließt die Arbeit ab, fährt wild auf, weinend, schreiend.) Manchmal könnt' man schon so einen Kerl zusammenschlagen. (Indem sie zur Ladentür hinausläuft:) Ich komm' schon später.


PAMELA (sieht ihr kopfschüttelnd nach): Was hat denn die? (Sie schleicht sich an Adrians Tür, horcht eine Weile, klopft dann an.) Herr Adrian! ... Adrian! (Stampft auf, stärker:) Adrian! So kommen Sie doch heraus!

(Hinter geschlossener Tür eine tiefe Stimme.)


ADRIAN: Nicht stören!


PAMELA (nachäffend): Nicht stören ... Adrian!


ADRIAN (tritt auf die Schwelle, läßt die Tür weit offen. Er ist ein großer, schlanker, blonder junger Mensch mit einem edelschönen, bartlosen Gesicht.): Was willst du?


PAMELA (neben ihm): Adrian! (Blickt in sein Zimmer:) Was ist das da auf dem Tisch?


ADRIAN: Ein Revolver ist das.


PAMELA: Wirklich? Ich dachte, nur ein Spielzeug ...


ADRIAN: Ein Spielzeug nein ein Spielzeug ist das nicht! Nun laß mich ihn erst verwahren.


PAMELA: Sie haben einen Revolver, einen geladenen nein, das ist herrlich herrlich! ... Adrian!


ADRIAN: Was willst du?


PAMELA (zitternd): Küß mich! Schnell, ist niemand da!


ADRIAN: Was hast du auf einmal, Mädel?


PAMELA (sieht sich nach allen Seiten um, mehr flüsternd): Die Mutter ist nicht da – und wenn sie kommt wird sie mich höchstens schlagen; soll sie mich schlagen ...

(Adrian, die Türschnalle in der Hand, blickt sie wortlos an.)


PAMELA (immer erregter): Warum küßt du mich nicht? Hier ist mein Mund! Ich finde keine Ruhe, wenn ich weiß, du sitzest drinnen! Wie du ist keiner! Ich liebe dich! (Lächelt ein wenig verlegen.) Schau, was hab' ich jetzt gesagt?

(Adrian sieht sie wortlos an.)


PAMELA (mit leidenschaftlichem Trotz): Warum küßt du mich nicht? Bin ich dir zu häßlich? ... 1[warte ... (sie nestelt an ihrem Kleid.)


ADRIAN: Was tust du?


PAMELA: Ich will, daß du mich ganz siehst!]


ADRIAN (schiebt sie sanft zurück, mehr bittend, nicht schroff): Geh, ich hab' anderes im Kopf! (Schließt hinter sich zu.)


PAMELA (weicht nicht von seiner Tür): Adrian!

(Emanuel Feuer kommt nach einer Weile. Er ist etwas über dreißig eher klein, untersetzt, stämmig, dunkles Haupthaar, kurzer schwarzer Vollbart mit aufdringlicher Eleganz gekleidet, schwere, goldene Uhrkette; aber er hat Momente, wo alte Unarten durchbrechen, z. B. auf den Boden zu spucken, laut zu gähnen, sich zu räkeln, zu räuspern, überhaupt spuckt er viel.)


FEUER (in der Türe): Die Mutter nicht da?

(Pamela zuckt die Achseln, ohne ihn anzusehen.)


FEUER (kommt ins Zimmer): Nu warum antwortest du nit anständig?


PAMELA: Sagen Sie mir nicht du!


FEUER (probiert einige Waren auf ihre Güte, indem er sie zwischen den Fingern reibt): Äh, seit wann denn?


PAMELA: Seit heut'!


FEUER: Hast du etwas ä Namenstag?


PAMELA: Nichts hab' ich.


FEUER (langt in die Stellage nach einem Stück Tuch): Das kann man doch nehmen, was?


PAMELA: Zum Schuh putzen?


FEUER: Jawohl, mei Kind!


PAMELA: Lassen Sie anschaun! (Reißt ihm den Fleck weg.)


FEUER: Nu was machst du?


PAMELA: Sie werden ja ein Schnupftüchel haben, nehmen Sie das!


FEUER: Du bist ä unverschämtes Mädel!


PAMELA (wirtschaftet herum): Nichts wie Schmutz bringen die Leut' herein! Alle essen bei uns Nachtmahl. (Setzt sich zum Schreibtisch und malt etwas auf ein Blatt Papier.)


FEUER: Wo ist die Mutter hingegangen?


PAMELA (nach einer Pause): Weiß ich's?


FEUER: Aha du bist nix gelaunt jetzt weiß ich's hast gewiß mit'n Pracker gekriegt!


PAMELA: Ha-ha, da lach' ich!


FEUER: Gassenmädel!


PAMELA: Ha-ha!


FEUER: Wie sie sich herstellt! Heut', morgen wirst du dir einen suchen! Ein ganzes klanes Weiberl bist du scho meiner Seel'! Du kannst einen scho heiß machen. Mechst mir einen Kuß geben?


PAMELA: Ha-ha!


FEUER: Nu, was soll das heißen: ha.ha? (Hält sie bei beiden Händen.)


PAMELA (wild): Wenn Sie mich nicht loslassen, spring' ich augenblicklich an Ihnen an und kratz' Ihnen die Augen heraus!


FEUER: Meinst du, klane Katz?

(Frau Geize Markstein kommt. Sie ist eine große, dicke Person von vielleicht 50 Jahren, sieht aber wie 60 aus, mit grauem, struppigem Haar unter einem dunkelroten Wolltuch, Brillengläser, die sie meist auf der Stirne trägt; großes, grobes, bleiches Gesicht. Ihr Rücken ist stark gewölbt. Bekleidet ist sie mit einem alten, vielfach geflickten, bunten Rock und ebensolcher Jacke. Beim Kommen schält sie sich aus mehreren Tüchern los. Sie geht in großen Filzschuhen umher, immer mit schweren, wuchtigen Schritten.)


PAMELA: Mutter! Er soll mich loslassen!

(Feuer läßt sie sofort los, steckt die Hände in die Hosentaschen und geht auf und ab.)


PAMELA: Sie ekelhafter Kerl! Äh! (Reckt ihm die Zunge heraus.)


GEIZE: Machen Sie ka große Freundschaft mit der da, die is dann frech! Marsch, setz dich hinter die Pult und stick die Monogrammer!


PAMELA: Mutter ich möcht' lieber ich hab' Kopfweh!


GEIZE: Kopfweh? Faul wirst du sein!


PAMELA: Nein ich hab' wirklich Kopfweh!


GEIZE: Nu laß gehen, mei Kindleben, leg dich ä bißl nieder! (Bettet sie am Sofa.) So! (Küßt sie.)


PAMELA (wendet sich ab): Nicht!


GEIZE: Mir scheint, vor dei' eigener Mutter ekelt's dir! ... Ich sag' Ihnen, Herr Feuer de Kinder! Ich hab' nur die ane Gott sei Dank! Aber Sorgen macht sie mir für zehn!


FEUER: Nu, was gibt's Neues, Frau Markstein?


GEIZE: Neues? Ich hätt' was für Sie!


FEUER: Etwas mit Geld?


GEIZE: Nu, ich wer' mich doch nix trauen, Ihnen ohne Geld zu kommen!


FEUER: Is sie scheen?


GEIZE: Das is wieder ä andere Frag'! Sie is nix scheen, sie is nix mies!

(Pamela lacht.)


GEIZE: Du leg dich auf's Ohr! Du hast nix zuzuhören, wenn ma von so was red'!


PAMELA: Recht hast du, Mutter. Eine soll er kriegen, die schiech2 ist wie Satan!


GEIZE: Was sagen Sie zu dem Mädel? Man muß lachen ieber ihr. Wissen Sie, was sie neulich gesagt hat? Ich soll ihr auch ä Mann verschaffen; ihr liegt nix dran, sie heirat' scho heut', wie Sie sie ansehen!


FEUER: Nu warum nit? Wenn sich grad gut trifft!


GEIZE: Aber gehen Sie, so ä Kind, was nit amal noch recht weiß ...


FEUER (lacht): Reden Sie sich nix ein, die?


PAMELA: Geh Mutter, laß dich nicht auslachen!


FEUER: Nu sehen Sie, da hab'n Sie's!


GEIZE: Is es auch ä Wunder? Was sie da alles vor sich hört und sieht, den ganzen Tag, und wie sie zu all'n die Augen aufreißt!


PAMELA: Bei uns essen alle Nachtmahl!


GEIZE: Ich wart' nur, bis ich soviel hab', daß ich mich zurückziehen kann in's Privatleben.


FEUER: Geh'n Sie, Sie können ohne Geschäft leben?


GEIZE: Da haben Sie recht! ... Also jetzt das wird Sie doch nix interessieren Tachles! Akt Feuer Pamela, mei Kind, wo is Akt Feuer?


PAMELA: Unter F 2 wart' – unter F 3 3 oder 2.


GEIZE: Ich hab' scho Akt Feuer da wär' ä Mädl mit Geld. 31 Jahr'.


FEUER: Wenn Sie sagen 31!


GEIZE: Ich soll so Glück haben, schwör' ich Ihnen bei mei' einzigen Kind!


PAMELA: Schwör' nicht bei mir!


GEIZE: Du leg' Dich auf's Ohr und hör' nit zu!


FEUER: Wieviel Geld hat sie?


GEIZE: Es is da ä Haus.


FEUER (schlägt die Hand nach abwärts): Äh!


GEIZE: Schuldenfrei no wenn ich Ihnen garantier'! Dazu sind da vier Kinder nu warten Sie; der Alte leidet an Krebs!


PAMELA: Brrr -


FEUER: Der kann noch ä scheene paar Jahr' leben!


GEIZE: Dann is da Bargeld!


FEUER: Hören Sie, wo steht das Haus?


GEIZE: Das wär' in Pohrlitz!


FEUER: Porlitz nix hast ä Häusele in Porlitz, wo's hereinregnet, na na, Frau!


GEIZE: Nu also, Sie müssen ja nit! Es Mädl wird wirklich kriegen ä Mann ich hab'sogar scho was für ihr!


FEUER: Ja, wie gesagt, Frau Geize, da müssen Sie sich schon ä bißl mehr anstrengen!


GEIZE: Ich wer' Ihnen was sagen! Wollen Sie ein sehr reiches Mädl, ä scheenes Mädl, ä junges Mädl?


FEUER: Ja.


GEIZE: Nu ja, aber sie schreibt da haben Sie, auch aus der Provinz nur sehr gebildeten, musikalischen ...


FEUER: Hm, hm gebildet bin ich, warum nicht?


GEIZE: Aber musikalisch will sie auch!


FEUER: Äh was!

(Pamela lacht hell auf.)


FEUER: Ich wer' heut' wirklich nix mehr Piano erlernen.

(Pamela lacht stärker.)


GEIZE: Wirst du ruh' g sein!


FEUER: Frau Markstein, hab'n Sie scho gehört, die Hanna Fleck kommt zurück?


GEIZE: Wer sagt's? Ja, ich hab' auch was gehört.


FEUER: Nu is aus die ganze Herrlichkeit!


PAMELA (springt auf, lebhaft): Der Simon hat neulich ein Bild hergebracht zum Herrn Adrian -


GEIZE: Von ihr ein Bild?


PAMELA: Ja, von Hanna Fleck! Schön! In einem Kleid aus Spitzen, das müssen echte Spitzen sein – und Pelz Gott, ist die schön! Und fein!


GEIZE: Sobald er ä Fürst is ...


FEUER: Nu und auf amal is ganz aus?


GEIZE: Amal muß so etwas ä Ende nehmen! Haben Sie geglaubt, auf ewig?


FEUER: Also es is ganz aus?


GEIZE: Ich weiß nit, ich hab' nur gehört, sie kommt zurück.


FEUER: Frau Markstein, wissen Sie, was ich tu', wenn die Hanna Fleck zurückkommt? Ich nimm sie mir zur Geliebten! Werden Sie mir dabei helfen?


GEIZE: Was kann ich Ihnen dabei helfen?


FEUER: Sie gehen ä paar Mal hin und sagen auf mich Gutes! In ihrer Gegenwart; in Hannas Gegenwart, wenn sie scho da is! Sie sagen, ä hübscher, junger Mann, der Feuer!

(Pamela lacht.)


FEUER: Ä feiner Mann, ä stattlicher Mann und ä sehr reicher Mann! Sagen Sie nur, sehr reicher Mann! Machen Sie mich ihr recht interessant bei de Weiber muß man glänzen! Werden Sie sehen, was Sie von mir kriegen. Hab' ich mich scho ämal lumpen lassen?


GEIZE: Ich wer' mei Möglichstes tun, aber Aussicht haben Sie wenig, sag' ich Ihnen gleich!


FEUER: Ich geh'sogar noch weiter lassen Sie so ä bißl, ä klanes bißl durchschimmern es könnt' nicht ganz ausgeschlossen sein die Heirat ... verstehen Sie mich?


GEIZE: Ich wer' mei Möglichstes tun, aber Aussicht haben Sie wenig, sag' ich Ihnen noch amal.


FEUER (wirft sich in die Brust): Bin ich ihr zu wenig?


GEIZE: Nein, nit das! Aber weiß ich? Es heißt, sie hat den noch immer gern!


PAMELA: Mutter, ihren Verführer?


GEIZE: Sei still!


PAMELA: Nein Mutter, sag, mit dem sie zwei Jahr' gelebt hat?


GEIZE: Ja, und gib ä Ruh'! Was man von mir alles verlangt! Jetzt fang' ich scho an müd' zu werden von meine Geschäfte.

(Pamela denkt nach. Schefer kommt. Hagerer, ältlicher Mann, ärmlich gekleidet, mit einem Pack auf dem Rücken.)


SCHEFER: Gut'n Tag, Frau Geize! Wie geht's? Und Ihnen Herr Feuer? Was is? Wie geh'n die Geschäfte?


GEIZE: Es könnt' uns alle noch geholfen wer'n, meinen Sie nit auch?


SCHEFER (legt den Pack ab): Nu ja! Ich glaub's!


FEUER: Was will man sagen, ich bin mit dem zufrieden, was ich geworden bin.

(Simon Fleck kommt, Bücher unter dem Arm, geht nach scheuem Gruß in Adrians Stube. Er ist siebzehnjährig, hochaufgeschossen, schmal, blaß, still, mit glühenden Augen.)


FEUER: Zu so ein' Kredit, wie ich's gebracht hab', was, Frau Markstein?


GEIZE: Jetzt sollen Sie nur noch heiraten! Aber scho in Ernst!


FEUER: Es wär' scho gut. Ich will Ihnen nur was sagen! Sehen Sie, ich fass' mir ein' Entschluß von Fleck die Tochter nehm' ich ohne Geld! Nu, sagen Sie noch, ich bin ka Idealist? Nu, Schefer, was sagen Sie dazu?

(Schefer stopft sich die Pfeife, stößt unartikulierte Laute aus.)


GEIZE: Ja, die Fräul'n Johanna! Die!


PAMELA: Die nimmt Sie nicht!


GEIZE: Lassen Sie sie reden!


FEUER (aufgebracht): Alles was recht is ich versteh' kane solchen Spaß!


GEIZE: Aber lassen Sie sie reden, soll sie haben ihre Freud'!


SCHEFER (räumt aus seiner Tasche ein paar Kleinigkeiten heraus): Geize, Sie haben doch nix dagegen, wenn ich ma heut' ä Nachtmahl zu Ihner bring'; das Bier zahl' ich.


GEIZE (geht in den Wohnraum. Schefer begleitet sie): Aber ja ...


PAMELA: Mir scheint, mir scheint, das will mein dritter Vater werden! Dann aber pfui! Und nie putzt er sich die Schuh' ab ich muß den Staub einschlucken. Sie werfen auch die Zigarettenstummel weg wo sie stehen. Manche Männer sind wirklich wie die Schweine! (Mehr zu sich.) Und alle sind so bärtig und so schwarz ... Ah ein Junger! Reiner! Schöner! Blonder!

(Geize kommt zurück, hinter ihr Schefer.)


FEUER: Bist du besessen? Frau Markstein, mit dem Mädel is nit ganz richtig!


PAMELA (wirft sich auf das Sofa): Mutter, nicht so auftrampfen mit Deine schwere Tritt'!


GEIZE: Mir scheint, du wirst noch amal froh sein, du wirst sie hören, die schwere Tritt'!

(Kleine Pause. Pamela drückt den Kopf in's Sofakissen, hält sich mit beiden Händen die Ohren zu. Feuer geht auf und ab, raucht und spuckt. Schefer steht neben Geize, die Eßsachen aus Paketen nimmt und sie auf ein Tablett legt.)


SCHEFER: Nu, meinen Sie, es wär' ä schlechte Idee?


GEIZE: Was soll ä schlechte Idee sein?


SCHEFER (unsicher): Wenn ma zusammenziehen möchten!


PAMELA (richtet sich jäh auf): Dann lauf' ich dir auf und davon! Du brauchst keinen Mann mehr!


GEIZE: Hören Sie nix auf ihr!


PAMELA (außer sich, schreit): Hast du nicht genug gehabt an zwei besoffenen Männern?


GEIZE: Scho gut! Sei ruhig! ... Eins sag' ich Ihnen aber: ich brauch' ä Mann, der mich erhalt', nit, den ich erhalten soll! So mein' ich's und so sag' ich's!


FEUER (leise zu Schefer): Ma soll sich so was gut überlegen!


SCHEFER: Ich wer' Ihnen was sagen, Herr Feuer, ich bin heut' 62 Jahre alt. Von meine drei Söhne is einer dort und einer dort; die möchten mir am liebsten selber noch in der Taschen liegen! Was hab' ich noch für ä Hoffnung? 62 Jahre bin ich alt ...


FEUER: Eben, weil Sie ka junger Windbeutel sind, sollen Sie sich's überlegen!


GEIZE (zu Pamela, die mit dem halben Oberkörper am Tisch liegt und malt): Was malst Du da?


PAMELA (antwortet nicht sogleich, zieht erst noch ein paar Pinselstriche, ist fertig, steht auf, hält ein Stück dickes Papier in die Höhe): So das kommt über die Türe, beim Eingang daß jeder sehen kann!


GEIZE (schiebt ihre Brillengläser auf die Nase): Was is das?


PAMELA (liest): Bitte die Schuhe abzuputzen! Es wird ersucht, nicht auf die Erde zu spucken! Wegen Erkrankungsgefahr! Es sollte noch stehen: Wer sich Nachtmahl mitbringt, soll sein Papier wieder mitnehmen -, das geht nimmer herauf ...


GEIZE: Nu, was sagt man zu den Mädl! (Sie schiebt die Brillengläser wieder auf die Stirn.) Wo kommt das hin?


PAMELA: Über die Türe! (Holt sich aus dem Nebenraum eine Leiter, klettert hinauf und schlägt oben mit zwei Nägeln den Bogen an.)

(Bertha Gestrig kommt und kann nicht gleich herein.)


PAMELA (schiebt mit den Füßen die Leiter zu Seite): Mutter, da ist die Frau wieder!


GEIZE: Was für eine Frau, mei Kind?


BERTHA: Fräulein, nicht Frau!


PAMELA: Die früher nach dir gefragt hat!


GEIZE: Womit kann ich Ihnen dienen?


BERTHA: Wohnt hier ein Herr Wottich?


GEIZE: Bei mir nicht!


BERTHA (mit vor Kummer und Angst aufgerissenen Augen und kreischender, brüchiger Stimme): Er wohnt also nicht hier?


GEIZE: Wohnen nicht!


BERTHA: Aber er ist oft da? Er hält sich da auf? So sprechen Sie doch!


GEIZE: Nu nu tun sich erst ä bißl ausschnaufen, Sie können ja nimmer weiter Fräul'n.


BERTHA: Um welche Zeit ist er da?


GEIZE: Er nachtmahlt da gewöhnlich, so um 7 Uhr.


BERTHA (schreit): Er nachtmahlt? Der Hund der Hund!


GEIZE: Eins sag' ich Ihnen Fräul'n, Sie können ja im Recht sein


BERTHA (immer heftiger): Ich im Recht?


GEIZE: Ich weiß mir wollen Sie die dreckigen Mannsbilder erklären? Mei' liebes Fräul'n, ich hab' zwei besoffene Männer gehabt nit umsonst schau ich so aus!


BERTHA (schluchzt in ihr Taschentuch): Ich komm' schon später wieder ...


GEIZE: Skandal dürfen Sie mir keinen machen in meiner Wohnung, sag' ich Ihnen gleich!


BERTHA (schreiendim Hinauseilen): Der Hund! Der Hund!


GEIZE: Kinder, das is sei' Braut, was er sitzen lassen hat, das Jüngel, das lausige!


FEUER: Sie könnt'sei' Mutter sein!


GEIZE: Hat das ä Verstand? Ich sag' immer: gescheit muß ä Mann sein in der Heirat; is er da nix gescheit, dann is er überhaupt nix gescheit!

(Pamela kichert.)


FEUER (leise zu Schefer): Nu, sind Sie gescheit? Sind mir aner gescheit?


PAMELA: Der Herr Feuer und der Herr Schefer sind Idealisten! Zu uns kommen überhaupt lauter Idealisten! Nämlich von rückwärts!


FEUER: Nu hörst du, Mädel, von wo hast du die Ausdrücke?


PAMELA: Hahahaha!


FEUER: Von dem Blonden, Jungen, Reinen?


PAMELA (jauchzend): Ja!


FEUER: Geize, geb'n Sie acht auf'n Mädel! Ä Unglück is bald geschehen!


GEIZE: Und wer wird achtgeben auf ihr, wenn ich nix mehr bin?


PAMELA: Wenn jemand meine Tugend angreifen will, bekommt meine Mutter Todesgedanken. (Führt Feuer und Schefer vor die Türe.) Hier meine Herren, lesen Sie sich das gefälligst einmal durch!

(Therese und Wottich kommen. Therese ist ein nicht mehr ganz junges, aber sauberes, nett gekleidetes Mädchen. Wottich ist ein mittelgroßer, hagerer Jüngling mit kleinem Bärtchen, fettig glänzendem Scheitel, zierliches, sonst aber gänzlich bedeutungsloses Gesicht. Er ist in einem nagelneuen Anzug, den er mit Geckenmanieren trägt. Ein Schnupftuchzipfel hängt zur Tasche heraus. Verlegenheitslächeln.)


WOTTICH: So, komm nur herein, Therese!

(Geize bedeutet Schefer und Feuer, sie sollen schweigen.)


WOTTICH (stellt vor): Hier Frau Markstein bring' ich Ihnen jemand die Herren gestatten Herr Feuer, Herr Schefer! (Großartig:) Meine liebe Freundin, Therese! (Sie lassen sich am Tisch nieder.)


THERESE: Da führst du mich her?!


WOTTICH: Liebe Therese, du bist schon wieder unzufrieden!


THERESE (streift ihre Handschuhe ab): Na, ich dank' schön!


WOTTICH: Schau, liebes Kind, ich hab' dir ja erzählt, wie gemütlich es da oft ist. Siehst, das ist der Alte, der komische Kerl!


THERESE: ... und die Alte!


WOTTICH: Du, nein, auf die lass' ich nichts kommen, vor dem Weib hab' ich Respekt!


THERESE: No ja für's Gemütliche bin ich gar nicht so! Warum willst nicht lieber in ein Lokal gehen, in ein Varietee? Was interessiert mich denn das?


WOTTICH (nimmt Pakete aus seinen Taschen): Na wart', wenn wir erst ausgepackt haben, wird sich deine Stimmung heben. (Er entnimmt dem Paket Käse, Wurst und einige Delikatessen.)


PAMELA: Pardon, Herr Wittich, darf ich bitten einen Augenblick! (Führt ihn vor die Tür, daß er das Schild lese.)


WOTTICH: Ah so ...


FEUER: Hören Sie, Herr Wottich, Sie sehen aus wie ein junger Graf!


WOTTICH: So? Wirklich? Entschuldigen Sie, meine Dame wartet.


GEIZE: Beschreien Sie ihn nur nix!

(Wottich und Therese essen.)


WOTTICH: Nun, Liebchen, wird es gemütlich. (Er legt den Arm um sie.) Hier fühl' ich mich so recht sicher.

(Geize bereitet am Pult für sich, Pamela, Feuer und Schefer das Nachtmahl mit zwei Flaschen Bier.)


WOTTICH (zu Therese): Das ist mein zweites Heim!


THERESE: Weißt, mir ist es da zu familiär zu viel Dingsda, Juden ...


WOTTICH: Bitte, schimpf' nicht auf die Juden!


THERESE: Ah so!


GEIZE (horcht halb zu): Wart's, der wer' ich scho geben, auf die Juden schimpfen! (Laut:) Fräul'n Therese, für Ihnen hätt' ich was.


THERESE (essend): Was denn?


GEIZE: Eine Nähmaschine, die sollen Sie sich kaufen!


WOTTICH: Vielleicht bis nächsten Monat.


GEIZE (rasch): A wo is die dann scho? Um 50 Kronen können Sie sie haben! Da kriegen Sie ä Stückl, unter Brüder 200 Kronen wert ...


THERESE: No gut. Leon meinst nicht? Es kommt drauf an, was mein Bräutigam sagt.


GEIZE: So, Ihr Bräutigam?


THERESE (sieht sie an): Ja freilich!


WOTTICH: Geh iß; eine Bowle wäre da gut dazu, nicht?


GEIZE: Aufgewachsen is er bei Bowles! Den muß wieder amal der Kopf gewaschen wern! (Sie essen. Pamela steht auf; es zieht sie zu Adrians Tür. Sie steht und lauscht.)


GEIZE: Horch nit, Pamela, das gehört sich nicht!


FEUER (schreit): Pamela, horch nit an Herrn Adrians Tür!


PAMELA (läuft von der Türe weg): Sie Ekelhafter!

(Rosalinde kommt. Ein Mann trägt ihr einen Koffer nach. Er stellt ihn vor der Türe nieder, sie entlohnt ihn, er geht fort. Sie ist ein hübsches, heiteres Mädchen in einem dunklen Kleid, weißer Schürze und Jacke.)


GEIZE (springt bei ihrem Eintritt auf): Großer Gott, wer is das? Rosalinde! Scho wieder weg vom Platz?


ROSALINDE (setzt sich lachend auf's Verkaufspult): Ich hab' Ihnen ja gleich gesagt, ich wer's dort nicht lange aushalten!


GEIZE: Ich hab' Ihnen wieder aber gesagt, gehen Sie so lang' nix weg von dort, bis ma Ihnen kündigt!


ROSALINDE: Aber gehn S', das is ja nix; den ganzen Tag bei so ein' schreienden, klein' Kind zu sein und abends mit zwei Hund' spazieren gehen! Ich mag Hund' nit! Soll mit ihnen spazieren gehen, wer sie mag! Und kleine Kinder mag ich scho gar nit!


GEIZE: Was heißt das, Sie magen nit!? Wenn Sie Kindermädel sind. Was soll ich mit Ihnen anfangen? Kochen kennen Sie nit, waschen kennen Sie nit, nähen kennen Sie nit ... jetzt kann ich Sie wieder haben am Genack , bis ich wieder für Ihnen was find'!


ROSALINDE: Sie müssen sich nicht so beeilen. Ich will mich jetzt wieder ein bißl ausruhen.


GEIZE: Ausruh'n will sie sich acht Täg' war sie am Platz!


FEUER: Wie viel Plätz' haben Sie scho gehabt?


GEIZE: Etwa 18.


ROSALINDE: Was Ihnen einfallt! 24! Ja, ich liebe die Abwechslung. Jetzt wird wieder ein paar Wochen nur getanzt!


FEUER: Getanzt? Was getanzt?


ROSALINDE: Walzer, Polka kommen S', probieren wir's! (Zerrt ihn herum, summt dabei. Er hopst ungeschickt mit, sie läßt ihn los.) Na, mit Ihnen is nix. Sie sind zu dick. Das is nix für'n Tanz. Zum Tanz muß man schön zierlich sein. Immer zierlich, das ist die Hauptsache; so hab' ich's gern. (Singt und tanzt umher.) Jung und schlank sein und sein Leben genießen, lustig sein heut' dich, morgen ein' andern küssen ...

(Adrian öffnet die Türe, sieht einen Augenblick hinein, schließt wieder.)


ROSALINDE: Wer ist der hübsche, junge Herr? (Schreit auf.) Ich bin verliebt!


GEIZE: Sie fangen scho wieder an, sich narrisch zu machen?


ROSALINDE: Aber Mamele, Mamele!


GEIZE: Gehen Sie, holen Sie sich aus'n Kammerl das eiserne Bett, wenn Sie heut' schlafen wollen da!


ROSALINDE: Aber gehen S', jetzt is noch viel zu früh zu schlafen. Ich komm' gleich! Im Kammerl? Pamela, gehst mit, ich erzähl' dir was!


PAMELA (steht lauernd vor Adrians Tür): Ich bin nicht neugierig.


ROSALINDE: Ah neugierig bist du nicht, du willst nur alles wissen! Du, Pamela!


GEIZE (streng zu Pamela): Verkehr' mir nit mit der, hörst du?

(Pamela antwortet nicht.)


SCHEFER: Da haben Sie sich wieder was Scheenes aufgehalst an der ...


FEUER: Ich möcht' mich gleich einquartieren bei Ihnen.


GEIZE: Reden Sie nit vor dem Kind da!


FEUER: Nu, was is dabei?


ADRIAN (erscheint auf der Schwelle, verabschiedet sich von Simon Fleck): Kannst du alles tragen, Simon? ; (Erblickt Rosalinde; langer Blick.)

(Simon, der mit Büchern beladen ist, fällt ein Buch aus der Hand. Rosalinde springt herzu, hebt es auf.)


ROSALINDE: Sie verlieren aber alles. So, da haben Sie!


SIMON: Danke, Fräulein!


ADRIAN (sieht sie lächelnd an): O, ich danke Fräulein! Es ist dir vielleicht zu schwer. Nimm weniger!


SIMON: Es wird schon gehen.

(Adrian geht in seine Stube.)


PAMELA (in der Türe zu Simon): Was trägst du da?


SIMON: Ach, Bücher!


PAMELA: Darf ich sehen?


SIMON: Ein anderes Mal! (Läuft scheu fort.)


PAMELA (mehr zu sich): Wenn ich ein Bub wäre, daß ich sein Freund sein könnte! So wie der kleine Simon.


GEIZE: Was redst du da zusamm', Mädl, ich seh' scho, du gehst mir zu müßig herum. Arbeit gibt's genug, aber finden wirst du dir nie eine!

(Adrian im breitkrempigen Hut, verschließt seine Türe und geht fort.)


PAMELA: Es ist so schön, faul zu sein!


GEIZE: Mit der Faulheit kommt ma nix weit.


SCHEFER: Lassen Sie mich gehn mit'n Fleiß! Hauptsach' is ä bißl Glück!


GEIZE: Na, ich sag' wieder: Gott sagt, Mensch helf der, helf' ich der auch!


SCHEFER: Das sin so die alte Sachen aus die früherigen Zeiten, das hat mei' Großmutter gern gesagt.


GEIZE: Meine auch. Na, ich sag nur, ma muß tüchtig und fleißig und arbeitsam sein! Der rechte Dalles 3 kommt nit von Gott!


FEUER: Da haben Sie recht.


GEIZE: Da heut' jetzt, wie ich weg war, hat mir der Weg 200 Kronen eingetragen. Hab' ich gehört, es will aner sei' Kaffeehaus verkaufen, hab' ich so lang' ausgeschaut nach ä Käufer, bis ich richtig an' erwischt hab. Aber wieso, manen Sie? Der hat noch gestern so wenig ä Ahnung gehabt, daß er a Kaffeehaus kaufen wird, wie Sie daß Sie heut' was soll ich sagen kurz und gut ich hab' gewußt: da is Geld!


FEUER: Nu, mit Geld zu kaufen, is ka große Kunst, mei' liebe Frau Markstein!


GEIZE: Ma muß eben tüchtig sein! Mensch helf der, helf' ich der auch! Gehn Sie herein sich schlafen legen, Rosa! Pamela, mei' Kind, gehn ma schlafen. Ä so ä unruh' gen Schlaf hat das Mädl, plauscht und plauscht die ganze Nacht weckt mich auf ich schrei'sie an: Meschuggene, Meschuggene!4


THERESE (spricht laut): Nein, weißt Leon, in der Küche möcht' ich gern alles weiß oder weiß mit blau! Frau Markstein, was ist schöner für eine Kücheneinrichtung, ganz weiß oder weiß mit blau? (Spricht gleich weiter mit Wottich.)


GEIZE (leise): Oi weh! Weiß mit blau! Wenn ma an' es Aug' herausschlagt, hat ma weiß mit blau.


FEUER: Gehn Sie, Frau Geize, sagen Sie ihm!


GEIZE: Na, na, er soll nur kriegen sei' Teil.


ROSALINDE (zu Geize): Wir werden nämlich Ihre Kundschaft. Die Kücheneinrichtung nehmen wir bei Ihnen auf Abzahlung. (Spricht gleich weiter mit Wottich.)


GEIZE: Nehmen Sie?


BERTHA (kommt): Ist er da? (Stürmt auf Wottich zu, schlägt ihn mit dem Arbeitskörbchen.) Du Hund! Du Hund, du elendiger! (Spuckt ihn an.) Sofort ziehst du die Hosen aus, mein' Anzug sofort!


ROSALINDE (lacht laut. Zu Wottich): No, zieh'n S' die Hosen aus!


BERTHA: Sofort die Hosen her! Meine Hosen! Mein Anzug!


WOTTICH: Ich kann mich doch nicht vor alle ausziehen!


BERTHA: Du ziehst dich aus vorwärts! (Reißt ihm den Rock herunter und nimmt ihn an sich.) Mein Eigentum! (Im Hinausgehen:) Du Hund, ich wird' dir zeigen, mit mein' Anzug, was ich bezahlt hab', wirst du dich unterhalten!


GEIZE (sagt leise): Nicht hinschau'n! (Und wie sie weg ist, nach einem Augenblick größter Totenstille, laut:) Nu also, es war nit so arg! Das war ihr gutes Recht, sobald der Anzug ihr gehört. (Zu den andern, leisen) Sie hat ihm den Anzug gekauft, daß er mit ihr spazieren gehen soll, nit mit der andern!


THERESE (stochert gleichzeitig in ihren Zähnen herum): Du hast dich benommen wie ein Mann! Geh, steh nicht so blöd da! Ja, ja! (Steht auf, zieht die Jacke an, spuckt ihn an, geht weg. Wie sie an Geize vorbeikommt:) Sie alte Hex'! Sie Knusperhäuschen! (Ab).


GEIZE (will aufstehen und ihr nacheilen): Oi, wenn ich de erwisch, alle Haar' reiß ich ihr aus!


ROSALINDE: So was, Knusperhäuschen hat sie gesagt. Wissen Sie, was die meint, aus Hänsl und Gretl die Hexe.

(Pamela geht ruhig zu Wottich, spuckt ihm direkt in's Gesicht, geht dann ebenso ruhig in's Nebenzimmer.)


GEIZE (schreit): Pamela!


FEUER (zu Wottich, nachdem alle eine Weile perplex dastehen): Vor allem, lieber Freund, wischen Sie sich ab!

( Wottich wischt sich mechanisch ab.)


FEUER: So! Haben Sie einen Überrock?

(Wottich schüttelt den Kopf.)


FEUER: Da haben Sie! Ich borg' Ihnen mein'. Ich hol'n mir dann von Ihnen! In Zukunft gehen Sie nie ohne Überrock; ma kann nie wissen, wie a Tag endigt!


WOTTICH (zieht sich Feuers Überrock an, der ihm viel zu groß und zu weit ist; sagt verlegen:) Adjöh! (Geht.)


FEUER: Sie, der tut sich noch was an, vor Schand'!


GEIZE: Aber gehn Sie weg! Wer weiß, wie viel Weiber dem noch heut' in's Gesicht spucken wer'n, ohne Geld, wie er is! (Kreischt:) Pamela! (Reißt die Tür des Nebenzimmers auf.) Da kommst du her!


PAMELA: Geh, Mutter, schrei nicht so, unerträglich für die Ohren!

(Rosalinde geht unbändig lachend hinein.)


GEIZE: Is dir scho wieder unerträglich? Jetzt sag, was hast du zu spucken?


PAMELA: Laß mich in Ruh'! Ich weiß nicht!


SCHEFER: Eine scheene Manier, das! Hab'n Sie gesehn, wer das tut?


PAMELA: Ich wollt'sehen, wie das ist.


SCHEFER: Da geht ma her und spuckt ä Mensch herunter? Schämen Sie sich, als ä junge Person!


PAMELA (weint los): Ich kann nicht gut sein! Mir ist auch niemand gut. (Weint heftiger.) So kann ich auch mit niemand gut sein!


GEIZE: Geh herein und zieh dich aus und leg dich in's Bett!

(Pamela ab.)


GEIZE: Oi, mei einziges, goldenes Kind! Mei süße Seel'!


SCHEFER: De Fratzen!


GEIZE (zu Rosalinde): Gehen Sie herein zu ihr! Und hören Sie auf mit dem Gelächter Sie haben auch nix zu lachen!


ROSALINDE: Ich bereu's nicht. Bei der Frau Markstein kann man in einem Abend mehr Interessantes sehn als auf meine Plätze in zwei Jahr'! (Ab.)


SCHEFER: Also, es Kabinett hab'n Sie noch immer vermiet'?


GEIZE: Nu ja.


SCHEFER: Noch immer den Student?


FEUER: Es soll aner sein, was solche Umtriebe hat!


GEIZE (erschreckt): Bitt Ihnen, erzähl'n Sie das nur nix weiter!


SCHEFER: A Anarchist, was?


GEIZE: Hör'n Sie mich an! Er hat mir gesagt: Frau Markstein, was immer Sie bei mir seh'n, haben Sie ka Angst! Er is Anarchist aber tun, tut er kanen was! Ich weiß nit, wie er das genannt hat!


FEUER: Der klane Fleck besucht'n!


GEIZE: Das sind die besten Freunde. Sie, so was von Freundschaft hab' ich noch nit geseh'n. Ieberhaupt das is Ihnen ä junger Mann zum Küssen!


FEUER: Machen Sie Schefer nix eifersüchtig!


SCHEFER: Geh'n Sie ma weg mit de Dummheiten!


FEUER: Sehn Sie, da hab'n Sie's, das is ä Mann und das is ä Weib, wenn ä Mann weiß, es is aus, so weiß er, es is aus. Schluß mit'n Jubel! Aber de Weiber, für de gibt es ka Grenz'!

(Schefer und Geize grinsen.)


FEUER: Nu, hab' ich recht oder nit?


GEIZE (lachend, klopft Feuer auf die Schulter): Sie sind ä schlechter Mensch!


FEUER: Nu wer'n mir aber auch gehen! (Er macht sich zurecht.) Ja, jetzt beginnt erst das Leben der jungen Männer! Ich bitt'sie, was soll ma machen so allan?


SCHEFER (mit einem Seufzer): Ich geh' auch ham, kriech' in mei Bett herein – und schlaf' bis in der Früh dann wieder aufsteh'n ein Pinkel 5 nehmen und geh'n früh weg abends in mei Bett herein!

(Geize räumt herum.)


SCHEFER (leise zu Feuer): Ich kann nix einig wer'n mit mir, es fallt ma doch zu schwer!


FEUER (ebenso): Ma soll sich nix von zwa Iebel das größere nehmen! (Laut:) Kommen Sie, Schefer! Gute Nacht, Frau Markstein!


SCHEFER: Gute Nacht, Frau Geize!


GEIZE: Gute Nacht! Gute Nacht!


FEUER: Und die wer'n doch hinschau'n!


GEIZE: Ja, ja zu Fleck, ja ...

(Feuer und Schefer ab.)


GEIZE (legt Waren zusammen, ordnet Verschiedenes; sie öffnet leise, behutsam die Tür des Wohnzimmers, spricht hinein): Bist im Bett? Pamela? Sie schlaft scho ;(schließt leise die Tür.) Kaner is gut zu ihr!

(Adrian kommt, eine Mappe unter dem Arm.)


GEIZE: Ah, heut' scho so zeitlich zu Haus?

(Adrian sperrt die Türe seines Zimmers auf.)


GEIZE (holt die Stehlampe, füllt sie): So hoffentlich kommen Sie heut' aus!


ADRIAN: Füllen Sie sie nur ganz an! Ihre Tochter schläft wohl schon?


GEIZE: Die schlaft wie ä Stein. Wenn ma in dem Alter nit schlafen soll!


ADRIAN: Ja, freilich.


GEIZE: Ieberhaupt, wenn sie weint, da schlaft sie dann wie gewiegt.


ADRIAN: Geweint hat sie? Wissen Sie, Frau Markstein, nicht zu strenge mit ihr sein!

(Die Lampe ist gefüllt und angezündet; Geize trägt sie hinein.)


GEIZE: Ich weiß ma scho ka Rat mehr ...


ADRIAN: Ja entschuldigen Sie, ich muß arbeiten. (Ab.)


GEIZE: Nu ja, nu ja, ich geh' scho schlafen gute Nacht! (Seufzt schwer; dreht die Gasflamme ab, zieht sich die Schuhe von den Füßen, geht leise hinein. Es klopft.)


ADRIAN (kommt aus seiner Stube, öffnet): Du bist es, Simon? Weshalb kommst du?


SIMON: Ich kann nicht schlafen. Es ist so schauerlich bei uns weißt du es war schon wieder Streit schau, ich hab' geweint ...


ADRIAN (wischt ihm mit seinem Taschentuch die Tränen ab): Was auch bei euch für Zustände sind!


SIMON: Ja, du, was wir für eine schreckliche Familie sind! Ein Fluch liegt auf uns.


ADRIAN: Na, Simon, geh, vielleicht versuchst du doch zu schlafen! Du wirst mir ja sonst ganz kraftlos!


SIMON: Nein, für heut' ist es schon wieder aus ...


ADRIAN: So arg war's? Wer hat denn wieder angefangen?


SIMON: Niemand.


ADRIAN: Warum war dann der Streit?


SIMON: Niemand ist schuld. Wegen nichts aber schau, wegen Hanna ... Mir tut es so weh, wenn sie sich streiten! – und meine Schwester, die ich so lieb hab', und die Eltern fallen so übereinander her, wie die Tiere!


ADRIAN: Also, deine Schwester kommt morgen, Simon?


SIMON: Ja, aber ich kann mich nicht freuen.


ADRIAN: Warum?


SIMON: Der Vater sagt, zu uns darf sie nicht, weil sie mit einem Fürsten vor zwei Jahren davongegangen ist, und hat die ganze Zeit nichts von sich hören lassen.


ADRIAN: So? Und jetzt kommt sie zurück?


SIMON: Ja.


ADRIAN: Morgen?


SIMON: Morgen mit dem Schnellzug. Sie hat telegrafiert. Und deshalb streiten sie, weil Vater sie nicht aufnehmen will.


ADRIAN: Und deine Mutter?


SIMON: Mutter hat sie ja gerufen!


ADRIAN: Ach so.


SIMON: Ja, vor ein paar Monaten, wie sie schon lang nicht mehr glücklich war, hat sie es Mutter geschrieben, und da hat Mutter sie gerufen nachher ist sie noch lange geblieben. Morgen erst kommt sie mit dem Schnellzug ja!


ADRIAN: Freust du dich nicht, daß deine Schwester kommt?


SIMON: Seit mein Bruder tot ist, kann ich mich über nichts mehr freuen – und weißt du, was das Schreckliche ist, daß nur ich allein es weiß.


ADRIAN: Dein Vater weiß es auch nicht?


SIMON: Der darf's doch nicht wissen, sonst möchte' er's auch Mutter sagen aber wenn Hanna kommt, Hanna sag' ich's.


ADRIAN: Du armer Kerl, dieses Geheimnis ist viel zu schwer für deine jungen, schwachen Schultern.


SIMON: Am liebsten ist mir der Schlaf. Dann weiß ich von nichts und muß an nichts denken.


ADRIAN: Du armer Kerl!


SIMON: Ich werde jetzt keine Nacht ruhig schlafen können, weil Hanna kommt. Es ist schrecklich, wenn man nicht schlafen kann! Ich freu' mich so auf den Schlaf – und dann kann ich keinen finden ...


ADRIAN: Na geh, Simon geh!


SIMON: Für heute ist's schon wieder aus. Schau, ich muß weinen.


ADRIAN (wischt ihm mit seinem Taschentuch die Augen): Simon! Wenn du Mut hättest fort sollst du fort fort!


SIMON: Wenn ich Mut hätte!


ADRIAN: Fort sollst du, Simon! Na, geh jetzt, wir werden darüber sprechen.


SIMON (auf der Schwelle): Danke, Adrian, wenn ich fort sollte, dann hätte meine Mutter drei Söhne in der Fremde!


ADRIAN: Wieso drei?


SIMON: Der Jakob, der eine Frau hat, ist doch weg ...


ADRIAN: Wer ist der zweite?


SIMON: Der zweite wäre ich!


ADRIAN: Der dritte?


SIMON: Der Heinrich, der gestorben ist drei Söhne in der Fremde ...

(Vorhang.)





2. Akt

Zimmer bei Fleck. Großer, düsterer Raum, zwei Eingänge schief seitwärts, einer an der Schmalseite; rückwärts ein ziemlich breites, aber niedriges Fenster mit einfachen, dunklen Tuchvorhängen. In der Mitte ein großer, runder Tisch mit abgenützter Decke darauf, Stühle herum. In einer Ecke an der Schmalseite längs der Wand ein sehr schönes, prunkvolles, goldigglänzendes Metallbett mit allerlei Verzierungen. Daneben ein altes, wackliges Tischchen, davor ein schadhaftes Ripssofa mit Überdecke, ein schöner, großer Spiegelschrank, ein eiserner Ofen mit einem langen Rohr.

Frau Fleck sitzt beim Tisch mit einer Flickarbeit. Sie ist eine mittelgroße, schwächliche Frau mit einem kleinen, ganz und gar verrunzelten Gesicht in einem billigen, dunklen Kleid. Emanuel Feuer ihr gegenüber. Seinen Hut hält er auf den Knien, ebenso seinen Stock, während sein Winterrock auf einem Stuhl liegt. Frau Fleck bemüht sich vergebens, den Zwirn durch die Nadel zu ziehen.



FEUER (steht auf, geht an's Fenster, steckt die Hände in die Hosentaschen, fährt sich dann ein paar Mal rasch hintereinander durch's Haar, steckt dann wieder die Hände in die Taschen): Soviel ist sicher, Frau Fleck, ich bin heut' ä gemachter Mann! Wenn ich mir heut' ä Weib nimm, weiß ich, ich kann sie ernähren. ; (Nachdem Frau Fleck schweigt:) Nu, is es nit wahr? (Er geht auf und ab, beide Hände in die Taschen vergraben, bleibt nach einer Weile vor Frau Fleck stehen.)


FRAU FLECK: Es is wahr ä Weib kann bei Ihnen leben.


FEUER: Ich frag' nix nach Geld, nach ä Reichtum auf was ich schau', is die Familie. Ich sag' Ihnen, das Weib, das ich mir amal nimm, muß aus einer anständigen, grundehrlichen Familie sein. Ich muß wissen, was ich an ihr hab'! Und selber muß sie makellos sein! Ä, so rein wie ä wie ä weißes Hemd! Nu sagen Sie mir, Frau Fleck, wenn ma kane andern Ansprüche macht als wie die Anständigkeit, ä bißl das Häusliche, ä bißl scheen soll sie sein ka auffallende Scheenheit brauch' ich nix sagen Sie, kann ein Mann wie ich das verlangen?


FRAU FLECK: Ob Sie's verlangen können!


FEUER (fährt fort, auf und ab zu gehen): Ich hab' heut' ä Kredit! Ä Kredit! In der Gassen bring' ich das nix unter, was ma mir heut' borgt! Woher kommt das? Weil ich zwei Jahr', zwei volle Jahr' Kassa gekauft hab'.


FRAU FLECK (mit einem Anlauf, als wollte sie etwas sagen): Herr Feuer ...


FEUER: Haben Sie etwas gesagt?


FRAU FLECK: Ob man Ihnen borgt!


FEUER: Glauben Sie, ich brauch'sie? Ich kauf' ganze Konkursmassen! Sie, wenn Sie haben Geld in der Taschen, da – und kommen zu gedrückte Leut'! Geschenkt, halb umsonst! (Geht noch einige Male um den Tisch herum, setzt sich ihr dann gegenüber. Nach einer Weile:) Hm, hm wie geht es Ihrem Sohn Jakob?


FRAU FLECK (erbost): Der, was mit dem Weib zusamm' is? Ich weiß nit. Ich hab' ihn scho ä Jahr nit gesehn. Wie kann es gehn ein Kind, was so handelt gegen eine Mutter?


FEUER: Und so ä Mutter! Vom Vater red' ich scho nix ...


FRAU FLECK (in aufsteigendem Gram): Das Weib sekiert6 ihn gute Zeiten hat er bei der Person er hat ja nit anders wollen! Sind Sie so an' Kind gewachsen? (Es erschüttert sie neue Angst.) Von mei Heinrich hab' ich scho lang ka' Brief!


FEUER (erbleicht, schreckt zusammen): Wie lang' scho nicht?


FRAU FLECK: Gestern war's 14 Tag'!


FEUER: Nu, acht Tag' dauert's gut, bis ä Brief hergeht. (Gezwungen, sorglos:) Sie werden morgen oder übermorgen einen haben.


FRAU FLECK: Sechs Tag nur, sechs! Ä so weit, gar ä so weit is er!


FEUER: Nu, was wollen Sie, glauben Sie, ich bin wenig herumgekommen? Mit zwei Gulden in der Tasch' bin ich zu Fuß gegangen von Preßburg nach Hamburg.


FRAU FLECK: Alles noch nix Amerika! (Aufgebracht:) Das haben sie von ihm! Er is immer so herumgewandert in der Welt. Bei kein' einzigen Kind, wenn es auf die Welt gekommen is, war er da. Das Herumwandern haben sie alle nur von ihm! Mei kleiner Simon möcht' nach Schangai Schangö, wie es heißt. Auf die Teefelder möcht' er arbeiten, sagt er.


FEUER: Treiben Sie ihm das nur gleich aus!


FRAU FLECK (mit einem schweren Seufzer): Es zieht mich in die unbestimmte Ferne, Mutterl, sagt er. (In tiefer Bekümmernis, sich wie hilfesuchend umsehend:) Können Sie da etwas machen? Sie können sich ä heranwachsendes Kind nit am Leib anbinden.


FEUER: Na, das kann ma wieder nit.


FRAU FLECK: Und jetzt kommt meine Hanna zurück, man weiß nit, an wem man erst denken soll! Bin froh, wenn ich mich einmal mit jemand ausreden kann. Man red'sich gern vom Herz herunter! Sie kommen zu uns, Sie sind ä Freund von uns. Sie hab'n ä Teilnahme, ein menschlich fühlend Herz Gott soll geben mei Hanni soll amal ä so ein' Mann finden, wie Sie einer sind!


FEUER (zögernd): Ich wer' Ihnen was sagen, Frau Fleck ich hätt' Ihre Tochter ja ganz gern geheiratet.


FRAU FLECK (wohlgefällig lächelnd): Ä scheen' Mädel doch!


FEUER: Ja, ein recht liebes Mädel, ich bin ihr so gut!


FRAU FLECK (freudig): Gehn Sie, Herr Feuer, wirklich?


FEUER: Mein Wort! Aber sehn Sie, Frau Fleck, was ich Ihnen früher gesagt hab' wenn die zwei Jahre nit wären.


FRAU FLECK (schweigt betroffen. Nach einer Weile): Ich, als Mutter hab' ihr verzieh'n. Sie hat ihr' Dummheit gemacht ich hab' auch mei Dummheit gemacht wer macht nit amal im Leben seine Dummheiten? Ich kann doch nit, es Kind kommt bitterelend vor mei Tür, ich kann doch nit vor ihr die Tür zuschlagen!?


FEUER: Nu ja, das sag' ich ja nit.


FRAU FLECK: Fleck hätt's getan.


FEUER: Fleck is ein Unmensch!


FRAU FLECK (wieder losklagend): An alldem is er schuld! Daß mei Hanni in die Händ' von ä gewissenlosen Schuften gefallen is, daß mei Heinrich nach Amerika is, daß mei Jakob mit ä liederlichen Person zusammen is, und jetzt wieder mei klaner Simon.


FEUER: Und bei alldem ich kann verzeihn Sie mir, Frau Fleck ich kann nit klug daraus wer'n, woher dieser schauderhafte Haß kommt.


FRAU FLECK: Na? Se wissen nix? Hab' ich Ihnen noch nit erzählt? Ja, mir scheint, ich hab' Ihnen scho erzählt ...


FEUER: Na, mir nit.


FRAU FLECK: Ich hab' Ihnen nit gesagt, daß wir seit der Hochzeit Feinde sind? Das war äso: mei Vater und mei Mutter war'n die bösesten, geizigsten Menschen von der Welt ausgerufen waren sie im Ort wie die schwarzen Küh' nix wegen was anders, das Sie vielleicht meinen, wie bloß wegen den, ka Geld hab'n sie wollen auslassen.


FEUER: Nu ja, das versteh' ich ...


FRAU FLECK: Also wollten sie mich verheiraten ohne ä Mitgift. Geld haben sie aber gehabt dabei unter der Haut. Is gekommen Fleck. Is ihm versprochen wor'n 500 Gulden bar und 500 Gulden ä Wechsel am Tag der Hochzeit. Gut, wir haben geheiratet. Er hat nix geseh'n ka Geld, er hat nix geseh'n ka Wechsel, so wie Sie hab'n nix geseh'n!


FEUER: Und deswegen also?


FRAU FLECK: Deswegen is es ganze Unglück. Vom Tag der Hochzeit , 28 Jahr' schlepp' ich das mit mir herum.


FEUER: Und die Kinder aber? (Er bleibt vor ihr stehen, sieht sie an mit heraufgschobenem Kinn.)


FRAU FLECK: Ich weiß, was Sie meinen. [Glauben Sie, er is zu mir gekommen aus Lieb'? Er ist zu mir gekommen ...]


FEUER: Ä so? Ich versteh' scho.


FRAU FLECK: ... Ich seh' wirklich nix mehr, Herr Feuer, ich muß die Lampe richten gehn.


FEUER: Also heut' kommt Ihre Tochter Hanna zurück?


FRAU FLECK: In einer Stund' muß sie da sein ich bin so –, ich weiß nit, was mir is! Bleiben Sie da, Herr Feuer, Sie müssen sie in Schutz nehmen vor ihm.


FEUER: Ja, ja natürlich oder wissen Sie was? Ich komm' doch lieber morgen, wenn Sie schon ausgesöhnt sind. Bei solche Familiensachen ...


FRAU FLECK: Warten Sie, ich hol' die Lampe. (Ab.)

(Simon kommt.)


SIMON: Ist die Mutter da, Herr Feuer?


FEUER: Sie ist die Lampe holen.


SIMON: Herr Feuer, Sie müssen heute schreiben.


FEUER: Glaubst du, heute?


SIMON: Sie jammert schon wieder arg, kein Brief von Heinrich den ganzen Tag geht das so. Sie müssen unbedingt heut' schreiben!


FEUER: Nu gut, dann werd' ich.


SIMON: Noch ein Unglück steht uns bevor. Eine Familie Brown is aus Amerika zurückgekehrt; passen Sie auf, die werden herkommen. Sie waren dabei, wie Heinrich gestorben ist. Um Gottes willen, wenn ich nicht da bin, während sie kommen, und kommen werden sie bestimmt!


FEUER: Weißt du was, Simon? Such du selbst die Familie auf!


SIMON: Wenn sie aber, während ich hingehe, kommen?


FEUER: Also, man muß das verhüten!


SIMON: Ich hab'solche Angst, sie könnt's erfahren. Bitte, wenn Sie sie aufsuchen wollten! Und alles sagen Sie wissen ja, alles!


FEUER: Aber ja, ich werd' hingehen.


SIMON: Vielleicht bitten Sie sie darum, überhaupt nicht zu kommen; es wäre furchtbar!


FEUER: Aber ja, gut!


SIMON: Sie befreien mich da von einer großen Qual.


FEUER: Noch heut' werd' ich hingehen no, hörst du!


SIMON: Herr Feuer, ich hätte gern, wenn Sie zuerst geschrieben hätten, dann ist wieder 14 Tage Ruhe!


FEUER: Gut, ich setze mich gleich hin. Gib mir Papier! (Setzt sich auf's Fenster.)


SIMON (bringt Tinte, Feder und Papier herbei): So bevor sie kommt. (Sieht ängstlich auf die Tür.)


FEUER: Was soll ich schreiben?


SIMON: Er ist gesund. (Schaudert bei jedem Wort zusammen.) Es geht ihm gut. (Zuckt zusammen.)


FEUER (sieht ihn an): Daran muß man sich gewöhnen. Kommt alles vor im menschlichen Leben.


SIMON (wie träumend): Mit seinem Chef ist er sehr zufrieden ...


FEUER (wiederholtschreibend): ... sehr zufrieden ...


SIMON (hat sich ganz hineingeträumt): Er ist umgezogen ... in eine neue Wohnung, die Fenster gehen in einen Park ... er fährt Rad ... eine alte Wirtschafterin hält er sich, die ihm die Mahlzeiten bereitet ... eine sehr brave, ehrliche Person ... nur ist sie leider etwas schwerhörig ... unbedeutend. (Kehrt zur Wirklichkeit zurück.) Machen Sie ihn noch ein bißl schön, ja?


FEUER (schreibt): Verlaß dich nur!

(Frau Fleck kommt behutsam herein, tut so, als suche sie etwas; macht sich an den Vorhängen zu schaffen, die sie auf- und zuzieht.)


FRAU FLECK: Was schreiben Sie, Herr Feuer?


FEUER: Etwas ä Rechnung.


FRAU FLECK: Du bist da, Simon? 14 Tag' is scho von Heinrich ka Brief ... was is das? (Ringt die Hände.) Oj, meine Kinder, was wird das wieder sein? Ich habe böse Ahnungen, wenn ich das Zucken in mei Herz hab', dann geht was vor!


FEUER: Jammern Sie nur nicht gleich so! Was wird es denn sein? Nichts! Sie glauben immer, es geht was vor!


FRAU FLECK: Bei uns!


SIMON: Er wird schon wieder schreiben.


FRAU FLECK (geht jammernd herum): Wenn er nur nit gar ä so weit wär', gar ä so weit! (Ab.)


SIMON (leise): Sind Sie fertig?


FEUER: Fertig bin ich; die Adresse?


SIMON: Da haben Sie eine abgestempelte Marke. (Nimmt eine Marke aus der Lade): Da hab' ich Vorrat für Heinrichs Briefe.

(Feuer klebt die Marke an.)


SIMON: Verstecken Sie! (Immer mit ängstlichem Blick nach der Tür.) Geben Sie her; sie soll ihn gleich haben, damit sie sich nicht länger Sorgen macht! Schreiben Sie nur indessen ruhig weiter an Ihren Rechnungen. (Er läuft zur Tür; man hört stark klingeln.)


FRAU FLECK (kommt aus dem Nebenzimmer): Es kommt wer?


FEUER: Ihre Tochter wird's sein!

(Simon kommt zurück.)


FRAU FLECK (blinzelt nach der Türe): Wer? Ist sie's?


SIMON (hält lächelnd den Brief hoch): Der Briefträger! Na siehst du, Mutter, du jammerst gleich!


FRAU FLECK: Laß mich sehn! (Betrachtet den Brief. Simon steht abgewandt.) Großer Gott, ich dank' dir! (Freudig.) Siehst du, momentan is mir besser gewor'n im Herz ... Nu, du weißt doch, ich kann nit lesen, ich seh' nix. Les vor!


SIMON: Vielleicht, wenn du zum Licht rückst ... Er schreibt ja groß und deutlich.


FRAU FLECK: Du komm' und les mir!


SIMON (öffnet den Brief und liest mit einem kalten Zittern in der Stimme): Liebste Mutter! Euern Brief habe ich erhalten; es freut mich, Euch alle wohl zu wissen, auch ich bin gesund. Mit meinem Chef bin ich sehr zufrieden. Vorige Woche habe ich meine Wohnung verändert; ich wohne jetzt Chersey-City Chamberlainstreet ...


FRAU FLECK: Wie heißt es?


SIMON: Chamberlainstreet. Street ist Gasse.

lang=EN-US


FRAU FLECK: Ich weiß, les weiter!

(Simon stockt, hält den Brief in der Hand, sieht Frau Fleck an, wankt, stützt sich.)


FRAU FLECK: Was ist dir?


SIMON: Auf einmal so Schwindel ...


FRAU FLECK: Schwindel hast du? Setz dich! Ä Glas kaltes Wasser? (Läuft ratlos umher.) Ganz bleich bist du, wie bleich er is ...


SIMON: Laß nur, Mutter!


FRAU FLECK: Leg dich auf's Sofa!

(Simon legt sich auf's Sofa. Fleck kommt. Reißt plötzlich mit roher Gewalt die Tür auf, als wollte er jemand bei etwas Unrechtem ertappen und sieht sich nach allen Seiten um. Er ist ein großer, hagerer Mann, etwas über 50. Den Hals trägt er stark vorgebeugt, was seinem Aussehen etwas Tückisches, Verschlagenes gibt. Seine Gesichtsfarbe spielt ins Gelbbraune, die Augen sind tiefliegend, umstanden mit buschigen, über die Stirn zusammengewachsenen Augenbrauen. Der tiefschwarze Schnurrbart hängt nach abwärts. Das Haupthaar ist lang, fettig, unordentlich und stark ergraut. Sein Anzug ist abgetragen und fleckig. Er trägt eine Art Sportkappe tief in die Stirn gedrückt. Eine Gewohnheit, die Schultern hochzuziehen und den Kopf weit vorzubeugen.)


FRAU FLECK (hat bei seinem Eintritt rasch den Brief in ihrem Kleid versteckt. Leise zu Simon): Lauf davon, daß er dich nicht sieht! (Simon verschwindet unbemerkt.)


FLECK (zu Frau Fleck): Der Vagabund nicht da?


FRAU FLECK: Er ist schon hinübergegangen.


FLECK: Ich hab'n nicht gesehn!


FRAU FLECK: Er is scho drüben.


FLECK: Wo wird er drüben sein? Das Gewölb' is zugesperrt; ich hab'n Schlüssel. So macht er mir's. Schick' ich'n ä Weg, bleibt er zwei Stund' aus.


FRAU FLECK (scheu, mit zitternder Freude): Von Heinrich ä Brief! (Hält ihm den Brief hin.)


FLECK (schaut darauf, nimmt ihn ihr aus der Hand, liest): Liebste Mutter ...


FRAU FLECK: An mich denkt er ...


FLECK (wirft den Brief auf den Tisch): Halt' dir'n!


FRAU FLECK: Willst'n nit lesen?


FLECK (barsch): Na. Geht mich nix an. (Er steht eine Weile, nimmt dann doch den Brief an sich, steckt ihn in seine Tasche.)


FRAU FLECK (scheu, zaghaft, gehässig, bittend): Es ist halb sieben, sie wird gleich da sein. Geh in dein Gewölb'. Sie wird müd'sein, sie soll heut' schlafen, morgen kannst du ihr noch alles sagen.


FLECK: Hier ist kein Morgen für ihr. Ich hab' keine Tochter, so wer' ich zu ihr reden – und dann hinaus mit ihr und weh dir, wenn du dich auf ihre Seite stellst!


FRAU FLECK: Es is mei Kind!


FLECK: Was heißt Kind?


FRAU FLECK: Was stehst du da? Geh in dein Gewölb'! Geh!


FLECK: Ich wart'...


FRAU FLECK (außer sich): Wozu wart'st du?


FLECK (fest und hart): Ich wart'. Hier kommt sie nicht herein durch diese Türe nicht!


FRAU FLECK: Geh, Unmensch! Wenn du sie nicht sehen willst aber dann geh laß mich allein auf sie warten!


FLECK: Ich wart' hier hier werd' ich stehn, und wenn sie kommt, werd' ich mich hier vor die Tür stellen und werd' zu ihr sagen: von hier schau, daß du fortkommst! Da ist kein Platz für dich! Du könntest jetzt sein die Ehefrau von ein' reichen achtbaren Mann. Du hast das ausgeschlagen und nicht nach meinem Willen gehandelt jetzt geh weiter! Hast dich herumgetrieben zwei Jahre lang, was weiß ich, wo überall. Weiß ich, wie oft du dich betrunken durch die Lokale hast geschleppt (lachend) jetzt kommt sie daher, die Fräul'n Geliebte von ein' Herr Fürst!


FRAU FLECK (schreit): Hör auf!


FLECK: Sie hat mich ja so bitterlich gekränkt, daß ich weinen könnt' alle Tag' und alle Nächt', daß sie is schlecht gewor'n. Ma hat ä Tochter sie is scheen, sie is klug sie is dazu geschaffen, einem das Glück ins Haus zu bringen und sie geht hin und verfallt dem bösen Geist.


FRAU FLECK: Dann war es der böse Geist.


FLECK: Dann soll sie bleiben beim bösen Geist!


HANNA (öffnet in diesem Augenblick die Tür, steht auf der Schwelle. Sie ist ein großes, schönes Mädchen von 26 Jahren in einer schwarzen Samttoilette mit Jacke und einem schwarzen Pelzbarett. In der Hand trägt sie eine ziemlich schwere Reisenhandtasche aus dunklem Leder. Tritt langsam und zögernd nach kurzem Gruß ein, durchforscht mit einem kurzen, stechenden Blick die Anwesenden, kehrt sich dann ab und fragt mit müder Stimme: Darf ich mich setzen?


FRAU FLECK: Ja, ja, setz dich. Du bist ja müd'?

(Hanna hält ihre Hand hin, die erst niemand nehmen will, dann von Frau Fleck flüchtig ergriffen wird. Sie sieht ihr tief in die Augen.)


FRAU FLECK: Da bist du ja!

(Hanna setzt sich, stellt die Reisetasche neben sich auf den Tisch. Fleck steht umgewendet, die Hände am Rücken, beim Fenster.)


HANNA: Ja, da bin ich ... Wo sind alle?


FRAU FLECK (mit einem Seufzer): Einer dort, einer dort, sie werden schon kommen, dich begrüßen.


HANNA (freudig): So? Ja?


FRAU FLECK: Gewiß! Der Simon war grad da!


HANNA: Wo ist er?


FRAU FLECK: Beim Vater im Geschäft arbeit' er.


FLECK (geht mit ein paar harten Schritten zu Hanna, stellt sich drohend vor sie hin): Also was willst du? Warum bist du gekommen?


HANNA: Ich wollt' euch sehen einmal dann möchte' ich ein wenig ruhen ...


FRAU FLECK: Du bist müd'?


HANNA: Die Eisenbahnfahrt das Rädergerassel liegt mir noch im Kopf.


FLECK: Du kannst da nicht ausruhen!

(Frau Fleck hält ihn zurück.)


HANNA: Laß, Mutter! Es ist nicht nötig, daß ihr meinetwegen streitet! Ich bleib' nicht lang'. Also es ist nicht der Mühe wert ...


FRAU FLECK: Hanna, ich hab' mich scho gewöhnt daran, dich weg zu wissen. Solang' ich gewußt hab', es geht dir gut und du bist glücklich, war ich auch zufrieden ja, zufrieden. Seit ich dich aber nimmer glücklich weiß, möcht' ich dich am liebsten ganz bei mir haben. Du bleibst!


FLECK: Nu gut; wir wer'n ja sehn, wer da zu befehlen hat! (Geht auf und ab, dann zur Tür, wo er stehen bleibt.)


HANNA (steht auf, geht zu ihm): Soll ich fortgehn?


FLECK: Wozu bist du gekommen? In Paris is ja schöner als da!


HANNA: Soll ich wieder gehn?


FLECK (wendet sich ab, ohne zu antworten. Im Abgehen zu Frau Fleck): Glaubst du, sie is ä große Dame? Ä Fetzen is sie, ä angemalter! (Ab. Schlägt die Türe zu.)

(Hanna setzt sich, legt den Kopf auf die verschränkten Arme.)


FRAU FLECK: Bist du vielleicht krank?


HANNA: Nein, nur müde, ziemlich müde.


FRAU FLECK: So, dein Bett steht noch auf demselben Platz. Weißt du, was? du ziehst dich aus, legst dich ins Bett, ich mach' dir einen recht heißen Tee, den trinkst du im Bett, ich setz' mich zu dir, dann erzählst du mir alles.


HANNA: Nein, laß Mutter, später dann später, jetzt nicht! Ich muß dir erst sagen du hast geglaubt, daß er ein Fürst ist und daß seine vornehmen Verwandten mich nicht wollen, deshalb bin ich zurückgekehrt ...


FRAU FLECK: Das hast du mir geschrieben.


HANNA: Ja, aber es ist anders. Vornehme Angehörige hat er überhaupt nicht weil er gar kein Fürst ist!


FRAU FLECK: Kein Fürst! Mein Gott! Kein Fürst ist er! Was denn?


HANNA: Nichts weiter als ein Falschspieler – und alles, was dazu gehört.


FRAU FLECK (verzweifelt): Großer Gott kein Fürst?


HANNA: Du hörst doch schon: kein Fürst!


FRAU FLECK: Und wo ist er jetzt? (Sieht ängstlich nach der Tür.)


HANNA: Hab' keine Angst, er kommt nicht hierher!


FRAU FLECK: Schäm' dich! Das tust du mir an! Mit so einen hast du dich herumgetrieben zwei Jahr' lang.


HANNA: Mutter ich hab's ja nicht gewußt, woher hätt' ich das wissen sollen?


FRAU FLECK: An sein' ganzen Tun und Treiben ist dir nichts aufgefallen? Wie?


HANNA: Nein. Er war mir gegenüber immer sehr korrekt die erste Zeit.


FRAU FLECK: Die erste Zeit!


HANNA: Und dann, wie ich's erfuhr, konnt' ich nicht mehr zurück! Du weißt, es hat begonnen als Abenteuer, gleichzeitig ist dann aber eine Gemeinschaft geworden mit Liebe und Treue.


FRAU FLECK: Was, Treue? Hätt' er dich vielleicht geheiratet?


HANNA: Das konnte er nicht.


FRAU FLECK: So? Das ist Treue, wenn ein Mann einem heiratet. Das ist die einzige Treue!


HANNA: Er konnt's nicht. Weil er Weib und Kind hatte.


FRAU FLECK: So, Hanna so? Das auch noch!


HANNA: So, jetzt fällst du über mich her, nicht wahr? Weil er kein Fürst ist! Ich hab' ganz aufrichtig mit dir sprechen wollen, ganz offen, aber man kann das nicht. Es ist dann immer etwas, wenn man alles sagen will, was einen tief beschämt.


FRAU FLECK: Das, was du sagst, kann mein Kopf nicht fassen.


HANNA: Ja, Mutter, du hast einen ehrlichen Mann bekommen, da kannst du das freilich nicht fassen.


FRAU FLECK: Nu sag mir noch ...


HANNA: Ja, übrigens gut, du sollst es wissen er hatte auch eine Geliebte.


FRAU FLECK: Außer dir?


HANNA: Ja freilich außer mir. Die kommen beide zu mir an einem Tag, die Frau mit den beiden Kindern und die Geliebte. Wie die Sache eben aufgekommen ist, es stand ja in den Zeitungen, von da an war es aus zwischen uns. Es wäre so auch aus gewesen, denn er hat Zuchthaus bekommen fünf Jahre!


FRAU FLECK: Großmächtiger Gott!


HANNA: Ja. Noch was muß ich dir sagen ich bin nämlich geflüchtet.


FRAU FLECK: Was? Wirst du denn auch?


HANNA: Ich war eben seine Gefährtin. Verbrecherin war ich keine bloß, ich war seine Repräsentantin, sein Dekorum hat er's genannt. Er brauchte mich, daß ich in den Spielsälen herumsaß und die eleganten Spieler anlockte. Mutter, was habe ich da alles gesehen! Was für eine Welt, so ganz anders wie hier, wie wenn's nicht dasselbe Dasein wäre! Und jetzt bin ich wieder da. Wie kommt mir das alles vor! Diese Stube Mutter, du mit deinem Sorgengesicht. Wie ist diese Welt anders, von der ich komme, und wie ist sie doch wieder ähnlich mit deinem Sorgengesicht.


FRAU FLECK: Also zu guter Letzt war er ein gemeiner Schwindler, weiter nichts! Siehst du, wenn du hier geblieben wärst und den reichen achtbaren Menschen genommen hätt'st, den der Vater für dich gehabt hat, hätt'st du dein Glück gemacht ...


HANNA (schreit): Deshalb bin ich ja fort! Weil mir der Gedanke unausstehlich war, einem Mann zugeführt zu werden wie die Kuh dem Stier.


FRAU FLECK: Warum hab' ich mich nit widersetzt, wie man mir dein' Vater gebracht hat!


HANNA: Ich war jung!


FRAU FLECK: Ich war auch jung! Glaubst du's nicht?


HANNA: Bist du vielleicht glücklich geworden, kannst du das sagen?


FRAU FLECK: Bist du's geworden?


HANNA: Nein, ich auch nicht!


FRAU FLECK: Was wirst du jetzt anfangen?


HANNA: Eine Stelle werd' ich mir suchen. Vielleicht als französische Lehrerin oder Reisebegleiterin es muß eben wieder etwas anderes beginnen. Ich bin kein Mensch, der verzagt! Hier gedenke ich übrigens nicht zu bleiben, bloß ein bis zwei Tage, ein wenig ausruhen. Ich hätte das ja im Hotel gerade so gut können, aber ich hab' nicht die Mittel – und dann wollte ich euch wiedersehen. Besonders dich und Simon, meinen kleinen Simon ...


FRAU FLECK: Der is nicht mehr klein. In zwei Jahren kann mit einem Menschen viel geschehen.


HANNA: Mutter, was ist's mit den andern, mit Jakob und Heinrich?


FRAU FLECK: Heinrich is in Amerika.


HANNA: Was? In Amerika?


FRAU FLECK: Es geht ihm gut. Ich hab' erst heut' einen Brief von ihm bekommen. Er ist dort in Stellung.


HANNA: Und Jakob?


FRAU FLECK: Jakob hat sich mit ein' Frauenzimmer zusammengetan, mit keinem guten, kannst du dir denken. Eine von der Gassen.


HANNA: Jakob war immer mehr für die Gasse er haßte das Haus. (Steht auf, geht an's Fenster.) Das Haus war aber auch danach, daß man es hassen mußte.


FRAU FLECK: Ich hab' alle meine Kinder verloren.


HANNA: Bis auf Simon.


FRAU FLECK: Simon hab' ich am meisten verloren. Ihr seid alle gleich. Alle wollt ihr fort fort ...

(Simon kommt.)


HANNA: Sieh! Da ist er ja. (Umarmung.) Bist du ein großer, großer Junge!


SIMON: Du bist schön, Hanna!


HANNA: Ja?


FRAU FLECK: Ich geh dir dein Bett machen. ( Verschwindet im Hintergrund.)


SIMON: Dich sollte mein Freund sehen! Adrian sollte dich sehen!


FRAU FLECK: Ich mach' dir dein altes Bett! (Ab.)


HANNA: Ja, Mutter, mein altes Bett. Das alte Bett und die alten Träume!

(Simon sieht Hanna bewundernd an.)


HANNA: Simon, wie geht es dir?


SIMON: Ach mir ...


HANNA: Was für ein Freund ist das?


SIMON (hastig): Er ist etwas Großes, etwas Besonderes! Ich hab'so vieles von ihm gelernt er wird etwas ganz Großes einmal sein, vielleicht ein Führer von Menschen. Weißt du, was er anstrebt? Daß jeder einzelne Mensch geschützt werde, auch der ärmste, gerade der ärmste, und daß keine rohe Macht mehr gegen den Schwachen ist.


HANNA: Das ist dein Freund? Dann hat die Mutter recht mit dem, was sie sagt.


SIMON: Hanna, bleibst du jetzt immer bei uns. Darfst du dableiben?


HANNA (geht umher): Nein, dableiben werde ich nicht, auf keinen Fall!


SIMON: Aber meinen Freund mußt du kennenlernen! Ich hab' ihm von dir erzählt. Er weiß auch, daß du heute gekommen bist. Als du das Bild schicktest, hab' ich es ihm gezeigt.


HANNA: Wo kann man ihn denn sehen, deinen Freund?


SIMON: Morgen. Komme morgen in Vaters Geschäft nachmittags bin ich allein dort dann kommt Adrian. Ja? Kommst du?


HANNA: Simon ja! Ich werde kommen.


SIMON: Komme bestimmt!


HANNA: Ganz gewiß!

(Simon will fort.)


HANNA: Was, du willst schon gehen?


SIMON: Ich hab' einen Weg.


HANNA: Was für einen Weg?


SIMON: Ja, Hanna, das kann ich dir nur schwer sagen.


HANNA: Sag mir's!


SIMON: Es ist nicht recht von mir, dir das gerade jetzt zu sagen, wo du ohnehin genug dich abquälst!


HANNA: Sag's nur!


SIMON: Es ist nämlich Heinrich in Amerika gestorben ...


HANNA: Was sagst du Heinrich gestorben?


SIMON: Ja, am Malariafieber. Und ich bewahre das Geheimnis. Vater darf es nicht erfahren, sonst sagt er es Mutter – und Mutter soll es nie wissen!


HANNA: Heinrich gestorben!


SIMON: Wir schreiben fingierte Briefe, Emanuel Feuer und ich. Alle vier Wochen bekommt Mutter so einen Brief.


HANNA: Das ist recht von dir, daß du ihr das nicht sagst, du mein tapferer Junge!


SIMON: Ja siehst du, drum muß ich auch jetzt weg, denn es sind zwei Leute da. die wissen, daß Heinrich gestorben ist, und ich fürchte, sie könnten kommen und es ihr sagen ganz roh und gemein es ihr einfach sagen. Darum muß ich die Leute aufsuchen.


HANNA: Bleib doch, geh morgen, heute können sie nicht mehr kommen. Es ist spät. Heinrich ist also tot?


SIMON: Ja, Hanna. Erinnerst du dich noch an Heinrich?


HANNA: Ja, ja; genau.


SIMON: Ich kann mir kein Bild von ihm machen. Oft quäl' ich mich damit ab, wie er ausgeschaut haben mag; ich kann nicht. Es ist mir ganz aus dem Sinn, wie wenn er nie mein Bruder gewesen wäre.


HANNA: Mein Gott, Simon, wie du doch bist!


SIMON: Aber erinnerst du dich, wie er immer sagte, als ich noch jünger war und ihn bat, mit mir vom Himmel zu sprechen er glaubte daran, daß unser Lachen auf dieser Erde nicht beendet ist – und ich sagte, nein, wenn man tot ist, ist man tot für immer ... Du, Hanna, nicht wahr, jetzt würde er mir erzählen können, wie es eigentlich ist?


HANNA: Ja, jetzt schon.


SIMON: Du, Hanna, aber schau es wäre doch sehr schrecklich, wenn man dann nicht ewig schlafen könnte, schrecklich wäre es, wenn man dann wieder aufgeweckt würde, nochmals zu leben!


HANNA (träumerisch): Wenn es aber ein schöneres Leben wäre?


SIMON (plötzlich kalt): Nichtsein ist schöner!

(Pamela kommt in einem dunklen, kurzen Kleid und Jacke. Gleichzeitig vom andern Eingang Frau Fleck.)


PAMELA: Ah, da seid ihr ja alle beisammen; die Mutter schickt mich um das Paket.


FRAU FLECK: Ich dank' dir schön, ich hab's noch nicht herausgesucht.


PAMELA: 's hat Zeit!


HANNA (kramt in einer Lade): Was treibst du immer, Pamela?


PAMELA: Ich? Langweilen! Ärgern mit meiner Mutter ... (Zu Simon:) Deinen Freund, Simon, den kann ich nicht leiden. Ich wär' froh, wenn er von uns ausziehen möcht'! Ich könnt' ganz gut für mich die Stube brauchen.


FRAU FLECK: Wenn dei' Mutter so viel Miete auf sich nehmen könnt'!


PAMELA: Ja, wie meine Mutter schon ist! Ach, was! Ich wart' nur noch ein Jahr, dann geh' ich doch fort!


FRAU FLECK: Da hat ma's, das geht auch scho fort! (Ab in's Nebenzimmer.)


PAMELA: Das Leben ist hier fad!


HANNA (setzt sich auf's Sofa): Komm her, Pamela, komm her, Simon!


PAMELA: Ach, Sie sind wunderschön! (Macht sich an Hannas Locken zu schaffen.) Wissen Sie, warum ich hergelaufen bin? Ich hab' mir nur eine Ausrede gemacht ich komm' um das Paket ich glaube, ich hab' den Feuer vorher zu Ihnen kommen gesehen.


HANNA: Nun, Pamela ...


PAMELA: Den sollen Sie nicht zum Mann nehmen!


HANNA: Du hast recht, mein Kind! Ich kenn' den, das ist ein Ekel!


FRAU FLECK (in der Türe): Hanna, ma soll die Leut' nit wegstoßen, nur weglehnen! Der Mann kann uns noch viel helfen, der kann noch unser Messias wer'n!


HANNA: Der unser Messias? Der Mensch riecht ja übel von lauter zusammengestohlener Wohlanständigkeit! Nein, Mutter, mach dir keine Illusionen!


FRAU FLECK: Wie Gott will, mei Kind! (Ab.)


PAMELA: ... und ich bin noch so gelaufen, ich hab' geglaubt, ich komm' zu spät.


HANNA: Du liebes Kind! Pamela, ich glaube, du wirst noch einmal ein sehr hübsches Mädel!


PAMELA: Ach nein, ich bleib' schon so klein!


HANNA: Du wirst schon wachsen! So wie der Simon, der wächst jede Nacht um einen halben Meter. Ich glaube, den zieht wer aus!


PAMELA: Gott, ich hab' eine Angst, daß ich so klein und so häßlich bleib'! Und schauen Sie, wenn ich dann alt bin und meine Mutter tot und ich ganz allein auf der Welt steh', so ein kleines, altes, verhutzeltes Weiberl, dem die Kinder nachlaufen nein, da möchte' ich gleich lieber tot sein!


HANNA: Schau, du bist doch erst fünfzehn, da hast du noch zehn Jahre Zeit zum Wachsen!


PAMELA: Nein, ich weiß; weil mein Vater ein Trunkenbold war. Ja, ja, so ist's ...


SIMON (mit tiefem Aufseufzen): Das Leben ist so traurig!


PAMELA (fastgleichzeitig): So traurig ist das Leben!

(Es ist eine Weile ganz still.)


HANNA: Kinder, Kinder! Ich ängstige mich vor euren alten Gesichtern! (Reckt sich plötzlich in die Höhe.) Es ist ja gar nicht wahr, Kinder! Das Leben kann schön, herrlich und strahlend sein!

(Simon und Pamela blicken lange auf Hanna.)


HANNA: Geh, Pamela, erzähl' etwas! Du weiß ja immer so viele Geschichten!


PAMELA: Nein, erzählen Sie! Sie müssen viel Schöneres wissen! (Hastig:) Jetzt muß ich es Ihnen aber sagen. Ich war so neugierig, Sie zu sehen. Sie waren ja doch in Paris?!


HANNA: Ja, Pamela. Paris ist sehr schön, sehr lustig, dort solltest du einmal hin!


PAMELA: Ach, ich komme mein Lebtag nicht nach Paris!


HANNA: Wer weiß!


PAMELA: Nein, nein, ich bin so klein und häßlich! Paris stell' ich mir so vor: Dort sind die allerschönsten und die allerglücklichsten Menschen und es sind dort lauter reiche, feine Herren Kavaliere, und jeder hat eine Geliebte und das sind wieder wunderschöne Damen, groß und schlank majestätisch ganz wie Sie! Aber Kinder, schmutzige, barfüßige wie hier und häßliche alte Weiber gibt es dort nicht!


SIMON: Geh, Pamela, du redest Unsinn!


PAMELA (in visionärer Schwärmerei): Es soll dort ein Palast sein riesengroß wo die ganze Nacht bis in den hellen Tag hinein getanzt wird; wo es so hell ist, wie wenn man mitten in der Sonne steht, und eine Musik, so schön und so laut, daß sie die ganze Nacht durchdröhnt und alle Menschen herbeiströmen müssen und tanzen, unaufhörlich tanzen ...

(Vorhang.)





3. Akt

Die Bühne ist geteilt. Man sieht einen schmalen Streifen der Gasse. Am Pflaster liegen Schneemassen, teilweise geschmolzen. Man sieht das spitz zulaufende Gäßchen hinunter, in dem sich Gewölbe an Gewölbe reiht. In der Mitte ist der Laden Flecks. Vor demselben steht eine Straßenlaterne, in welcher auch am Tag ein dumpfes Licht flackert. Ein Schild mit folgender Inschrift fällt ins Auge: »Benzion Leib Fleck, Uhrmacher. Reparaturen nur siebzig Kreuzer ein Jahr Garantier Edelsteine werden zu den höchsten Preisen gekauft!« Im Laden selbst, der ein kleiner, dreieckiger Raum ist, mit einer Glastür von der Gasse und einem Auslagefenster versehen, steht vorne, dicht beim Fenster ein Arbeitstischchen mit Stuhl; rückwärts ebensolches Tischchen mit Stuhl. Von der Decke herab eine Petroleumlampe, die gegenwärtig nicht brennt, hingegen befindet sich auf jedem Tischchen ein kleines, brennendes Lämpchen. Im Auslagenfenster liegen Uhren, Ringe, Ketten, Gold- und Silbersachen frei, eine eiserne Kasse. Die beiden Arbeitstische sowie noch ein schmaler, langer Tisch sind über und über mit Werkzeug bedeckt. Pendel und Wanduhren hängen an den Wänden. In der Mitte des Ladens und quer steht ein schmales, kleines Pult, auf demselben liegen Wecker, Spieluhren und allerlei Uhrenbestandteile; es surrt, summt und tickt. Manchmal läuft ein Wecker ab, eine Spieluhr spielt ein Stück einer Melodie, es immer leiser wiederholend. Vor der Tür treiben sich spielende Kinder herum, die von vorübergehenden Erwachsenen fortgescheucht werden. Manchmal kommen verwegen aussehende Burschen, bleiben stehen, gucken durch die Ladentür und gehen weiter. Die Vorhänge des Ladens jedoch haben sich mehr schattenhaft zu gestalten.

Fleck sitzt beim Tisch vorne in voller Tätigkeit. Simon sitzt beim rückwärtigen Tisch, die Lupe im Auge, langsam und nachdenklich am Räderwerk einer Uhr hantierend.



ERSTE ARBEITERFRAU (tritt ein): Gu'n Tag! Ich komm' um die Uhr; is fertig?


FLECK (ohne seine Arbeit zu lassen): Was für Uhr war das?


ARBEITERFRAU: Der Spielwecker.


FLECK: Der is net fertig!


ARBEITERFRAU: Sie haben's aber versprochen; wenn mein Mann in der Früh in der Arbeit soll, is er das Stückl von der Uhr gewöhnt.


FLECK: Die Uhr können Sie hab'n am Abend; sie muß erst ausprobiert wer'n.


ARBEITERFRAU: No gut. Am Abend muß ich sie haben, wenn nicht, kommt mein Mann. (Ab.)


FLECK (geht ihr nach, drohend): Nu, was is, wenn er kommt?

(Fleck und Simon arbeiten.)


FLECK: Was is mit den Wecker? Bring'n her!

(Simon nimmt einen Wecker vom Pult.)


FLECK: Zieh'n auf!

(Simon zieht den Wecker auf, der knarrend einige Takte spielt.)


FLECK (sieht den Wecker an, gibt ihn Simon): Spiralfeder gebrochen; ä neue Spiralfeder und ausputzen! (Arbeitet weiter, spricht dabei.) Schlaft! die ganze Zeit schlaft er. Rühr' ich mich auf ä Minut' heraus, wird er lesen, studieren! Wird kommen das Studentl, wird'n Kopf voll plauschen von die Künst' und Vergnügen. Der Faulenzer, der was nur die Zeit totschlagt, grad wie sei Freund, das Studentl. Kommt dann ä Kunde, is nix fertig; wart' alles auf mir! Wart, du wirst di scho ... ich wer' dich vor die Türe setzen. Schau, was du dir kannst um die Studiererei kaufen. Ich brauch' ka Faulenzer da sitzen hab'n!


ZWEITE ARBEITERFRAU (bleibt in der Tür stehen, ruft herein): Was ärgern S' Ihner denn scho wieder, Herr Fleck?


FLECK: Mit den Lausbub, mit den nixnutzigen.


ARBEITERFRAU: No, no er is ganz a braver Bua. Wenn der meinige a so wär'!


FLECK: Ihnen gesagt!7 Also, möchten Sie die Ketten nehmen?


ARBEITERFRAU: Ich möcht'sie scho kaufen ... aber was glauben S' denn, vierzig Gulden?


FLECK: Ich wer' Ihnen was sagen: schaun Sie heut' am Abend her! Da krieg' ich was Feines!


ARBEITERFRAU: Neu? Billig?


FLECK: Achtzehn Karat ... billig!


ARBEITERFRAU: No gut adjeh! (Ab.)


FLECK: Die wird derleben! Achtzehn Karat ... wirst de putzen und herrichten de alte Ketten aus'n Versatzamt. Drauf steht zwölf Gulden, wird sie geben dreißig Gulden!


AGENT SCHMEIER (kommt): Guten Tag, Herr Fleck ich bring' was.


FLECK: Lassen Sie sehn!


SCHMEIER: Behutsam, lassen Sie keinen fallen! (Packt aus.) FLECK: Wer, ich? So ungeschickt bin ich Ihnen auf einmal?


SCHMEIER: Nu, nu Sehn Sie sich an ein Glanz, ein Feuer! Von der Baronin sind sie!


FLECK: Was für ä Baronin?


SCHMEIER: Baronin Fingeisen!


FLECK: Ä, die alte Fingeisen scho wieder?


SCHMEIER: Ja, sie ist etwas in der Klemme.


FLECK:Sie, der alte Fingeisen, die Exelenz muß ä Jud sein!


SCHMEIER: Es kann sein, er ist getauft!


FLECK (betrachtet tändelnd die Steine): Nu also, sie brecht langsam die Steine heraus aus'n Familienschmuck und laßt sich dafür falsche einsetzen. Sie, Schmeier, die Steine sind nix, da hab'n Sie sie!


SCHMEIER: Aber bester Herr Fleck!


FLECK: Ich hab' ka Zeit was meinen Sie, ich wer' mich herstellen mit falsche Steine? Gehn Sie damit zu ä andern. Ich geb' der Frau Baronin ka Pojaz8 ab! Es werden scho die ersten Steiner sein, die falschen für die echten mir scheint, sie kennt sich selber nix mehr aus.


SCHMEIER: Herr Fleck, ich bitt'sie, sie braucht dringend Geld. Sie sollen ihr dafür etwas geben. Fünfzig Gulden muß sie unbedingt haben!


FLECK: Gehn Sie, lassen Sie sich nix auslachen!


SCHMEIER: Nu – unter uns gesagt es is nix so arg mit den Steinen. Ein paar sind drunter, was einen Wert hab'n. Da hab'n Sie wollen, das letzte Mal!


FLECK: Gott soll mich behüten!


SCHMEIER: Seien Sie kein Narr! Ich will mir's nicht mit Ihnen verderben. Es ist ja auch mein Interesse, so gut wie Ihres!


FLECK: Nu gut, machen Sie nix so viel Geschichten; ich kann für den nix fünfzig Gulden geben.


SCHMEIER: Nu, was wollen Sie geben?


FLECK: Was? Gar nix!


SCHMEIER: O, o , o, (kratzt sich den Hinterkopf) und ich muß ihr dafür fünfzig Gulden auftreiben ... Schaun Sie einmal, Herr Fleck, wenn Sie ihr so das Geld vorstrecken, ist sie Ihnen nicht gut dafür? Die Baronin Fingeisen?


FLECK: Na, is mir nit gut! Wer sagt Ihnen, daß sie mir gut ist? Garantieren Sie für ihr?


SCHMEIER: Ich?


FLECK: Nu also! Ich hab' nix mei Geld anzulegen bei Baroninnen Fingeisen.


SCHMEIER: Der Sohn von ihr wird heiraten die Tochter von ein' schwerreichen Kohlenbesitzer.


FLECK: Nu, lassen Sie mich aus! Erst muß ich den Trauschein sehn! Ich glaub' nur, was ich seh'!


SCHMEIER: Ach, sind Sie schwerfällig da! Haben Sie das dazu! (Zieht aus seiner Tasche ein Schmuckstück hervor.)


FLECK (greift gierig danach): Was?


SCHMEIER: Da hab'n Sie! Na, mit samt die Steine fünfzig Gulden!


FLECK (nimmt aus der Kassa): Da! (Zählt ihm vor.)


SCHMEIER (hastig): Gut, geben Sie! (Ab.)


FLECK (zu Simon): Bist ä so ä niederträchtiger Hund! Wenn de möchst aufpassen wollen, wie ma macht Geschäfte! Aber na! Wenn so was vorkommt, schaut er weg oder er schaut in ä Buch hinein! Draußen is scho das Studentl auf der Paß! Geh' ich weg, kommt er herein ... Du, merk' dir's, das Studentl wird noch dei Schochet!9 Die schlechte Gesellschaft!


FEUER (kommt): Was hab'n Sie scho wieder?


FLECK (zieht unterm Sitz Simons ein aufgeschlagenes Buch hervor, hält es Feuer hin): Was ist das?


FEUER (liest): Befreiung der Deutschen von der römischen Herrschaft durch den Sieg des Arminius über Varus im Teuteburger Walde!


FLECK: Mit solchem Unsinn füllt er sich sei Kopf an! Was hab'n Sie in der Schul' gelernt? Wie?


FEUER: Ich? (Lacht.)


FLECK: Nu, was hab'n Sie gelernt?


FEUER: Ich weiß! Is herumgegangen der Lehrer im Zimmer, hat gefragt: Was hast du heut' gegessen? Was hast du heut' gegessen? Was hast du heut' gegessen? bis alle an der Reih' waren oder das war das Rechnen: Oder er is herumgegangen und hat zu einen gesagt: du schreib' auf: du bis ins Dorf gegangen Vieh kaufen um vierzig Gulden, dann bist du zurückgekommen, bist hungrig gewor'n, hast dir gekauft ä Stück Speck schreib' auf fünfzehn dann bist du vorbeigekommen vor ä Schenk' hast dir geben lassen ä halbe Schnaps zwanzig so, das rechn' jetzt zusamm'!


FLECK: Nu sehn Sie – und dabei sind Sie gewor'n der große Kaufmann! Was machen Sie mit so ä Jung?


FEUER: Es is ä Gfrett ...10


FLECK: Sie, nehmen Sie sich in Ihner Lebtag ka Weib! Nu ja, meschugge wer'n Sie sein! Ka Weib und kane Kinder! Das Beste is, der Mensch bleibt allein!


FEUER: Nu hör'n Se, ma wird aber alt und schwach mit der Zeit!


FLECK: Hab' ich mei Erspartes auf meine alten Tag'. Geb' ich Geld her, pflegt ma mich. Sie, Feuer, wissen Sie, was die Leut' um Geld alles tun? Kurz alles!


FEUER: Was heißt? Ob ich weiß!


FLECK: Nu also! Hab'n Sie Geld, hab'n Sie alles! Die Flausen, die Narrischkeiten, äh ...


FEUER (nach einer Weile): Hm hm wie gehn die Geschäfte?


FLECK: Lausig. Ich wer' die Uhrmacherei aufgeb'n; den Jung', den meinen, setz' ich vor die Tür. Geschäft verkauf' ich. Ich mach' meine Geschäften scho in die Kaffeehäuser! Ich wer' verdienen ä so auch! Brauch' zu zahlen Zins, Beleuchtung; daß mir ä Taugenichts herumsitzt, der was'n lieben Herrgott 'n Tag wegstehlt und mir es Geld aus der Taschen ...


FEUER: Nu, nu, nu ...


FLECK: Sehn Sie, wie er schaut!


FEUER: Nu?

(Simon sieht von seiner Arbeit stumm auf Fleck, ohne die Augen von ihm wenden zu können, trinkt gleichsam alle Schmähreden in sich ein. Sein Gesicht ist tief bleich; auf seiner Stirn ist kalter Schweiß.)


FLECK: Nu, was schaust du? Arbeit', schau nit! Es Geschäft verkauf' ich; vielleicht kommt Ihnen aner vor.


FEUER: Das hab'n Sie scho öfter gesagt. Da wär' Ihner Herz ä Narr! (Leise:) Sie wollen en Jungen erschrecken.


FLECK: Na, na!


FEUER (nach einer Weile): Was macht Ihner ältester Sohn, der Jakob? Schreibt er Ihnen amal?


FLECK (roh): Was schreiben? Wem soll er schreiben? Wer braucht sein Schreiben? Der andere is in Amerika. Dafür is mir die Tochter zurückgekommen.


FEUER: Vielleicht schau' ich zu Ihner Weib, Nachmittag!


FLECK (ironisch): Lassen Sie mir sie schön grüßen!

(Feuer ab.)


FLECK (zu Simon): Du, hörst du, zwei Taschenuhren hast du da. Da leg' ich sie her! Ich geh' zu Schwefel ins Kaffeehaus ... arbeit! (Geht ab.)


ADRIAN (kommt): Der Alte weg?


SIMON: Ja!


ADRIAN: Warum kamst du gestern abends nicht? Wir hatten doch verabredet, zusammenzukommen, um über Wanderpläne zu sprechen?


SIMON: Du sagtest zu mir, nur wenn ich Kraft und Mut in mir fühle ...


ADRIAN: Soll ich mir dein gestriges Nichtkommen dahin deuten ...


SIMON: Ich fühle nicht Kraft und Mut in mir. Schau, mit dem Mut ist es so: entweder man hat ihn oder man hat ihn nicht.


ADRIAN: Ja, dann hast du mir einen Schmerz bereitet, denn dann muß ich von dir Abschied nehmen.


SIMON: Nein, Adrian! Meine Schwester ist gekommen.


ADRIAN: So? Ich reise morgen.


SIMON: Du willst?


ADRIAN: Ich gehe zunächst nach der Schweiz. Dort werde ich am Kongreß von einer Tribüne herab zu vielen Menschen sprechen, so wie ich sonst immer zu dir sprach.


SIMON: Ist das gefährlich?


ADRIAN: Gefährlich ist unser ganzes Leben!


SIMON: Und wenn man dich einfängt?


ADRIAN: Da muß man mich erst finden. Ich werde unter drei verschiedenen Namen reisen. Schade, ich hätte es mir schön gedacht, wir zwei!


SIMON: Ich denke an die weinenden Augen meiner Mutter.


ADRIAN (mit erhobener, aber weicher Stimme): Was? Daran denkst du? Willst du eine Larve bleiben all dein Leben lang?


SIMON: Ich kann nicht hassen wie du.


ADRIAN: Und wer dich haßt?


SIMON: Denn kann ich nicht wieder hassen!


ADRIAN: Und wer Schmutz, Schmach, Elend und Gemeinheit auf dich wirft – und wenn es dein eigener Vater wäre?


SIMON: Ich kann in dem, was ein Mensch Böses tut, keine Schuld sehen; ich kann es nicht!


ADRIAN: Dann bist du nicht lebensfähig! Willst du dich dein Leben lang treten lassen?


SIMON: Ich bin ein zu schwacher, leidender Mensch. Wenn ich groß wäre, groß und herrlich wie du! Hassen kann ich nicht! Vieles konntest du mich lehren, das nicht!


ADRIAN: Dann habe ich mich an dich vergebens verschwendet!


SIMON: Nicht vergebens. Eins hast du doch erreicht: ich kann nicht mehr an Gott glauben. Früher dachte ich mir, seinen Gott müsse jeder in sich tragen; den könne einem niemand nehmen! Und dann merkte ich eines Nachts, als ich mich vom Lager erhob in einer tiefen Angst und beten wollte, Gott anrufen da war Gott nicht mehr in mir. Und ich konnte nur ins Dunkle starren da merkte ich, daß einem von den Menschen auch Gott genommen werden kann ...


ADRIAN: Und welchen Weg hat dich das Erlebnis in jener Nacht geführt?


SIMON: Das kann ich dir nicht sagen, Adrian. Ich kann nicht hassen und ich bin zu schwach, um zu lieben.


ADRIAN: Geh mit mir! Du sollst auf unseren Wanderungen werden wie ein Mensch aus Eisen!


SIMON: Und meiner Mutter Tränen?


ADRIAN: Mit den Gefühlen räum' auf! Damit mußt du beginnen!


SIMON: Adrian, ich hab' dich auch weich gesehn ...


ADRIAN: Natürlich! Glaubtest du, ich sei kein Mensch?


SIMON: Ja! (Wie von einem Rausch ergriffen:) Dann geh' ich mit dir! Dann wollen wir zusammen gehen, ja?


ADRIAN: Du mußt stark werden, wenn du kannst. Bis Konstanz reichen unsere Mittel. In Konstanz treffen wir mit meinen reichen Freunden zusammen, dem großen Erik Sörensen, der gibt uns eine Menge Geld.


SIMON: Eine Menge Geld werden wir haben! Ich kann, ich glaube, ich werde können ...


ADRIAN: Ja, Simon, nimm dich zusammen! (Er sieht aus der Türe.) Sieh da, Rosalinde! Hat sie mich schon gesehen?


SIMON: Was meinst du?


ADRIAN (sieht lächelnd zu Simon auf): Na, Simon! Sich das Weib versagen, wäre ja Blödheit ebenso wie es Blödheit wäre, dem Weibe ein ganzes Leben zu opfern. (Sieht an ihm herab; nach einer Weile:) Ich werde für dich Kleider kaufen.


SIMON (freudig): Ich habe ein Paar neue Stiefel.


ADRIAN: Sieh, das ist recht! Heute abends packen wir unsere Rucksäcke – und vergiß nicht, ohne Abschied!


SIMON: Ach, was denkst du von mir! Bin ich ein Kind?


ADRIAN: Na, dann ist's recht!


SIMON: Und jetzt kommt der Frühling, nicht? 's wird schöne Wandertage geben. Sag, Adrian, ich möchte aber sehr weit! Die Schweiz ist wohl nicht so weit?


ADRIAN: Drauf kommt's nicht an. Die Freiheit ist alles!


SIMON (ekstatisch): Du, ich möchte aber sehr weit!


ADRIAN: Das wirst du ja!


SIMON: Recht sehr weit, Adrian! (Reckt die Arme.)


ADRIAN: Ja!


SIMON: Und wenn ich müde werden sollte, machen wir's wie die Soldaten. Wir singen ein Lied, dann läßt sich's besser marschieren. Ja?


ADRIAN: Ja, Simon!


SIMON: Ja! Ich habe immer gedacht, du seist arm.


ADRIAN: Ich bin nicht arm, Simon.

(Hanna kommt.)


SIMON (eilt ihr freudig entgegen): Sieh, Adrian, das ist Hanna!


ADRIAN (verbeugt sich tief): Sie sind Simons Schwester? Ich habe viel Schönes von Ihnen gehört.


HANNA: Schönes wohl kaum. Man sagt, ich bin eine Verlorene.


ADRIAN: Ich suche die Verlorenen!


HANNA: Wirklich? Wieso?


ADRIAN: Ich, ich sehe darin etwas Geniales, wenn ein Mädchen mit einem Mann davongeht aber ich weiß nein, es ist ja Unsinn!


HANNA: Was meinen Sie?


ADRIAN: Das ist aber bitterböse.


HANNA: Ja wieso, ich versteh'sie nicht!


ADRIAN (nahe bei ihr, stürmisch): Ich hätte Ihnen früher begegnen sollen!


HANNA: Das ist nicht meine Schuld aber ich dachte (mit Betonung), Sie suchen die Verlorenen?


ADRIAN: Was für ein lichtes, schönes Weib!


SIMON: Nicht wahr? Sieht sie nicht aus wie die Göttin des Lichtes? Adrian, wenn ich mir alle Menschen schlafend denke, eine Stadt voll schlafender Menschen, wenn Hanna durch die Straßen schreitet, es müßten alle erwachen!


ADRIAN: Ich hätte Ihnen früher begegnen sollen!


HANNA: Ist es wahr, Sie wollen ein Führer werden? Sie werden öffentliche Reden halten?


ADRIAN: Jawohl! Der Kampf um die Menschenrechte ist unser Losungswort.


HANNA: Wohin wollen Sie?


ADRIAN: Wo wir frei sind, zunächst nach der Schweiz.


HANNA: In die Schweiz kann man flüchten, dort wird man nicht gesucht?


ADRIAN: Gewiß nicht.


HANNA: Wann wollen Sie fort?


ADRIAN: Der große Sörensen bringt seine Schar er und ich sind die Führer. Nun soll auch Simon dazu.


SIMON: Hörst du, Hanna, der große Sörensen, Adrian und ich!


ADRIAN: Kommt nicht dein Vater?


HANNA: Warum wollen Sie forteilen vor meinem Vater? Bleiben Sie und sagen Sie ihm, was Sie ihm zu sagen haben! Fangen Sie hier an!


ADRIAN: Das geht nicht; hier ist nicht der Boden; das muß von einem andern Land kommen.


HANNA: Von der Schweiz?


ADRIAN: Es muß nicht gerade die Schweiz sein.


HANNA: Aber Ihr erster Weg führt Sie hin?


ADRIAN: Mein erster Weg. Jawohl!


HANNA: Sagen Sie, hätten Sie für mich dort vielleicht irgendeine Verwendung?


ADRIAN: Hanna, Sie möchten eine von den Unsrigen werden?


HANNA: Möchten Sie also erlauben, daß ich mitgehe?


ADRIAN: Mit tausend Freuden!


SIMON: Du gehst mit?


HANNA: Ja, ich gehe mit.


ADRIAN: Wie ich Sie brauche! Gleich als ich Sie erblickte, da fühlte ich es: in Ihrem Atem ist die Kraft einer unendlichen Beglückerin. Wie ich Sie brauche für mein Werk, meine Mission! Wenn die Menschen unseren Worten nicht folgen, dann folgen Sie Ihrer Schönheit! Sie sind nicht umsonst zurückgekehrt, ich wartete auf Sie!


HANNA: Ich suche eine neue Tätigkeit – und eine neue Liebe. Nur so kann man sich retten!


ADRIAN: Hanna, wenn zwei Menschen wie wir einander begegnen, so muß es ein Fest werden!


HANNA: Ich habe noch ein ganzes Herz zu verschenken. Ich stehe da und bin bereit; meine Hand zuckt nicht, meine Lippen beben nicht; ich sehe jedem gerade ins Auge!


ADRIAN (sieht sie an, geht dann ganz nahe zu ihr): Ich sehe, wie Ihre Augen sich verschleiern, jetzt schließen sie sich langsam. Hanna, was ist das?


HANNA: Adrian! (Sinkt ihm an die Brust, macht sich dann frei.) Ja, Adrian, ich gehe mit. ;(Geht eilig fort.)


ADRIAN (steht einen Augenblick nachdenklich): Simon, sage Hanna, ich muß sie heute noch sehen.


SIMON: Wann sehen w i r uns?


ADRIAN: Morgen früh.


SIMON: Nicht wie gewöhnlich, daß ich nachts bei dir anklopfe?


ADRIAN (zerstreut): Ja klopfe an wie immer!


SIMON: Zieh'n wir morgen früh fort?


ADRIAN: Ja.


SIMON: Ich auch?


ADRIAN: Du auch, gewiß! Nun wird doch alles anders, wie ich's gedacht, Simon! So märchenhaft schön wird alles! Auf Wiedersehn, Simon! (Ab.) (Simon läuft im Kreise herum, macht wilde Freudensprünge, streckt die Arme, als wollte er seine Kraft erproben. Nach einer Weile kommt Rosalinde.)


SIMON: Soeben ging mein Freund.


ROSALINDE: Wissen Sie, daß ich sehr verliebt in Ihren Freund bin? Sie sind ganz allein?


SIMON (verlegen): Das weiß ich nicht; warum sagen Sie es ihm nicht?


ROSALINDE (lachend): Er wird's wohl wissen!


SIMON (in unbändiger Freude): Wir, Fräulein, mein Freund und ich, ziehen morgen in die Welt. Den Rucksack am Rücken, werden wir marschieren und ein Lied singen.

(Rosalinde sieht ihn fragend an.)


SIMON: Ja, ja.


ROSALINDE: Ja, freilich! Sie müssen bei Ihrem Vater bleiben!


SIMON: Wer sagt Ihnen, daß ich so ein Junge bin?


ROSALINDE (frech): Womit wollen Sie mir beweisen, daß Sie ein Mann sind? Haben Sie schon einmal ein Mädel im Arm gehabt?

(Simon schweigt.)


ROSALINDE (dreist): Na alsdann, dann wissen Sie nichts! Dann sind Sie ein Junge! 0pt(Sie setzt sich.)


SIMON: Was soll ich sagen, wenn der Vater kommt und Sie sind da?


ROSALINDE: Da sagen Sie, ich will einen Ring kaufen.


SIMON: Wie Sie gleich eine Ausrede wissen! (Macht sich bei den Ringen zu schaffen.)


ROSALINDE: Das sind prachtvolle Sachen.


SIMON: Ja.


ROSALINDE: Sie, geben Sie acht auf mich, daß ich nichts stehle!


SIMON: Aber Fräulein!


ROSALINDE: Ist Ihnen niemals eingefallen, etwas zu stehlen no, etwas, das Sie gern haben wollen?


SIMON: Nein, Fräulein, für so einen Menschen dürfen Sie mich nicht halten!


ROSALINDE: Mich schon!

(Simon sieht sie an.)


ROSALINDE: Na schauen Sie einmal! Wenn ich keine Stelle hab', nicht? Das Geld geht so schön langsam zur Neige. Da kommt es wohl auch vor, daß ich hie und da eine Semmel stiehl ...


SIMON: Da möchte ich doch lieber gleich auf die Semmel verzichten an Ihrer Stelle.


ROSALINDE: Ah, das glaubt man bloß. Hunger tut weh!


SIMON: Jetzt denken Sie aber, wenn man Sie erwischt hätt'?


ROSALINDE: Hätt' ich ruhig gesagt, ich hab' nichts gestohlen. Sie, das macht sich wie von selbst. Sie gehen in's Kaffeehaus, essen so viele Semmeln, bis Sie keinen Hunger mehr haben und zahlen dann bloß eine. Wie von selbst ist das. Beim Kleinen fängt man an. Ja, Sie haben mir schon von klein auf gesagt, daß nichts Rechtes aus mir wird!


SIMON: Das ist aber sehr traurig, nicht?


ROSALINDE: Hm, hm wann kommt der Alte zurück?


SIMON: In einer Stunde vielleicht.


ROSALINDE: Na, dann hat's Zeit! Sie sagen ja nicht, daß ich da war.


SIMON: Nein, Fräulein.


ROSALINDE: Ich leist' Ihnen halt ein bißl Gesellschaft. (Setzt sich.)


SIMON: Das ist lieb, Fräulein.


ROSALINDE: Sagen Sie mir doch nicht immer Fräulein! Rosalinde! Oder ganz einfach, kurz und bündig: Rosl! (Näher an ihm.) Sie, mit Ihnen möchte' ich mir ganz gern was anfangen!

[SIMON: Was wollen Sie anfangen?


ROSALINDE: No, ich hätt' ganz gern so einen unschuldigen, jungen Menschen ...


SIMON: Ja? ( Verlegen.) Wie ist das?


ROSALINDE: No, ein Mädel, das einen Schatz hat; sie hat ihn gern und er schenkt ihr dafür was.


SIMON: Was?


ROSALINDE: No, ich bin halt das Mädel und Sie sind der Schatz! Möchten Sie ein Mädel haben?]


SIMON (nachdenklich): Sie sagten doch aber, Sie wären in meinen Freund verliebt!


ROSALINDE: Aha, weiß er's eh und stellt sich so! So einer! Alsdann wollen Sie, ja? Ich kann mich ja auch in Sie verlieben!


SIMON: Wie machen Sie das?


ROSALINDE: [Ich werde Sie die Liebe lehren], ja?


SIMON: Da muß ich Ihnen aber zuerst etwas schenken. Suchen Sie sich von hier einen Ring aus!


ROSALINDE: O nein, o nein; das Geschäft gehört ja nicht Ihnen!


SIMON (tippt sich auf den Kopf): Ja, aber morgen früh reisen wir fort, mein Freund und ich.


ROSALINDE: [Zwischen heut' und morgen früh liegt eine lange Nacht.]


SIMON: Heute, wenn bei uns alles schläft, steh' ich auf und komme zu meinem Freund!


ROSALINDE: Und wenn Sie von ihm gehen, dann erwart' ich Sie, ja?


SIMON (rasch, gierig) Ja!


ROSALINDE: Bestimmt?


SIMON: Bestimmt!


ROSALINDE (plötzlich, unvermittelt): Sie könnten mir aber wirklich vielleicht doch etwas ... (blickt nach der Auslage.)


SIMON: Suchen Sie sich aus ...


ROSALINDE: Ich wäre also sehr für diesen Ring. (Nimmt einen Ring aus der Auslage, steckt ihn an.) Doch hübsch, was? Ist das ein Smaragd?


SIMON: Nein, das ist ein Opal einer von den billigeren 300 Gulden!


ROSALINDE: O, so teuer! Ich gäbe dafür keine 300 Gulden. Aber warten Sie, das ist ein schöner (greift nach einem anderen, reißt die Etikette davon ab, wirft es weg, steckt auch diesen Ring an.) So, das brauch' ich nicht.


SIMON: Sie wollen sich den Ring für diesen umtauschen?


ROSALINDE: Nein, ich behalte lieber alle beide. Alle zwei gefallen mir.


SIMON (abwehrend): Ja, aber ...


ROSALINDE (umarmt ihn): Du! Andere Männer haben ihre Geliebten viel lieber als du!


SIMON: Nein!


ROSALINDE: Was, nein!


SIMON: Lieber nicht! Nein, nicht lieber als ich dich!


ROSALINDE (lacht): Ja so!


SIMON: Lach' nicht so, nicht so lachen!


ROSALINDE: Ich soll nicht lachen? Also, ich werd' traurig sein! So! Du willst also eine traurige Geliebte? (Lacht wild auf; an seinem Halse.) Du Dummer! Ich hör' etwas klopfen. Ist's dein Herz oder meines?


SIMON: Ja? (Zeigt auf seinen Hals.) Hier hab' ich Herzklopfen.


ROSALINDE: An der Gurgel? Was ist denn jetzt das? Hast du das schon öfter gehabt?


SIMON: Nein, noch nie! Vielleicht hab' ich das Herz nicht am rechten Fleck. Ich hab' es da! Fühl einmal! (Schreit auf.) Ja, du hast ein Herz! Laß mich noch einmal dein Herz fühlen ja laß es mich fühlen, ja, ja, bitte, bitte!


ROSALINDE (roh, schrill): Nein, nein, nein! Jetzt weißt du, daß ich eines hab', damit basta! Reden wir jetzt von den Ringen, ja? (Lieb.) Dann wieder weiter von den Herzen und diesen Sachen ...


SIMON: Behalte die Ringe! Ja, ich schenke sie dir, als Brautschmuck ...


ROSALINDE (lacht): Du Dummer! So sei doch ruhiger, laß uns doch vernünftig sprechen! Na, so einer! Gleich so stürmisch! Du schreckst mich ja!


SIMON: Verzeih, du machst mich so glücklich!


ROSALINDE: Na ja! Aber nicht so, so wild! Ich weiß gar nicht, wie du mir vorkommst!


SIMON: Wie komm' ich dir denn vor? Wie denn?


ROSALINDE: Laß das! Da, hier oben, in der ersten Reih'sind einige nette Sachen. Kann ich davon was haben?


SIMON: Ja, welche? Welche denn? Rasch!


ROSALINDE: Der Alte kommt doch jetzt noch nicht?


SIMON: Nein, erst später.


ROSALINDE: Warum zitterst du dann? Ja, hast du das kalte Fieber? Eine Brosche! Diese hier, ja?


SIMON: Die ist schöner, teurer!


ROSALINDE: Nein, warum gleich die? Diese kleinste, die allerkleinste, damit du nicht sagen kannst, ich bin unbescheiden! So, vielleicht noch dies Armband, oder dies?


SIMON: Diese also nicht?


ROSALINDE: Ja doch! Und als letztes noch diesen kleinen ...

(Fleck kommt, steht in der Türe und lacht in seiner Art. Rosalinde stößt einen kleinen Schrei aus, entwindet sich katzenartig, geschmeidig Simons Armen und ist im Augenblick zur Tür hinaus. Simon steht mit den geöffneten, freigewordenen Armen bleich und zitternd da.)


FLECK (sieht bedächtig in die Auslage): Solche Sachen machst du? Wo sind die Ringe aus der Auslage? Die diamantenen und brillantenen Ringe? Das Bracelet? Die Broschen?

(Simon sucht mechanisch umher.)


FLECK: Wo sind die Ringe? Dieb! (Er nimmt ein großes Stück Holz und schlägt ihn damit.) Dieb, wo hast du die Ringe?

(Simon steht kerzengerade, sieht ihm starr in die Augen und lässt sich schlagen. Fleck läßt ab von ihm, schüttelt die Faust, wendet sich ab. Simon stürzt laut weinend nieder.)


FLECK: Weg mit dir! Kommst du mir noch einmal unter die Augen, schlag' ich dich nieder wie einen Hund!

(Simon erhebt sich, wankt zur Tür.)


FLECK (wirft ihm seine Mütze nach): So, da! Ich geh' jetzt die polizeiliche Anzeige machen!

(Simon ab.)


FLECK: Geh, wohin du willst! (Er zieht sich an.)

(Herr und Frau Brown kommen, flüsternd im Eingang miteinander.)


HERR BROWN: Es wird schon da sein.


FRAU BROWN: Da ist ja nicht.


HERR BROWN: Aber ja! Aber freilich! Ich sag', es ist da! Ach, Herr, sind Sie der Uhrenhändler Fleck?


FLECK: Wer sind Sie?


FRAU BROWN: Wir? Herr Fleck, kennen Sie uns nicht? Brown!


FLECK: Was wollen Sie? Wer?


HERR BROWN: Brown!


FLECK: Ah, aus Amerika zurück? (Macht Licht, hängt seinen Rock über einen Stuhl.) Wie ist es Ihnen ergangen?


FRAU BROWN: Ach, bester Herr Fleck, wir hätten nie hin sollen, wir haben auch kein Glück dort gehabt ...


HERR BROWN: Nein, nein ... (schüttelt den Kopf.) Kein Glück!


FLECK: So, so ... (Kleine Pause.)


HERR BROWN: Sie sind meine einzige Hoffnung. Helfen Sie uns!


FRAU BROWN: Die weite Reise haben wir gemacht beide waren wir seekrank ...


HERR BROWN: Ich hab' geglaubt, meine Frau kommt nicht mehr auf.


FLECK: Wären Sie drüben geblieben!


HERR BROWN: Wir wären verhungert!


FLECK: Warum sind andere reich geworden?


HERR BROWN: Andere? Man weiß nur immer, daß andere reich geworden sind dort. Sie, das ist ein Schwindel. Es ist nur alles so groß, so großartig! Aber das Elend ist dasselbe!

Man sieht, wie Menschen täglich verhungern, täglich Menschen sterben müssen. Und überall Menschen Menschen Menschen! In den Irrenhäusern, in den Spitälern, in den Strafanstalten Menschen ...


FRAU BROWN: Wir haben alles mögliche ergriffen, nichts wollte gelingen.


FLECK: Ich kann Ihnen nicht helfen, ganz umsonst!


HERR BROWN: Wir sind von Amerika zurückgekommen. Denken Sie, über das große Meer, weil ich zu meiner Frau sagte, der Fleck, mein alter Freund, der mit mir in Indien war, der mit mir unterm freien Himmel genächtet hat, mit dem ich mich hundertmal in Lebensgefahr befunden hab', der wird mir helfen! Der oder keiner!


FRAU BROWN: Es war seine einzige, letzte Hoffnung!


FLECK: Frau Brown, reden Sie nit so daher!


HERR BROWN: Sie hat recht bei Gott!


FLECK: Was wollen Sie von mir! Halten Sie mich vielleicht für ein' reichen Mann?


HERR BROWN: Nehmen Sie mich zu Ihnen ins Geschäft!


FLECK: Zu der Uhrmacherei brauch' ich niemand. Ich wird' allein fertig. Es is nix zu tun!


HERR BROWN: Nein, nicht nur zur Uhrmacherei Sie handeln mit Edelsteinen. Ich will dasselbe Geschäft anfangen. Strecken Sie mir vor ein kleines Kapital?


FLECK: Was? Ganz bloß sind Sie? Brown, wie oft sind Sie scho zugrund' gegangen!


HERR BROWN: Ja!


FRAU BROWN: Er wird Ihnen abzahlen er ist ein ehrlicher Mensch, nur leider zu ehrlich!


FLECK: Ich kann Ihnen nicht helfen ich kann mir nicht helfen ich hab' eine Familie! Ich kann Ihnen nicht helfen! Ich kann nicht, lassen Sie mich in Ruh', Herr Brown! Ich hab' mir das sauer erworben. Ich hab' noch kein' guten Tag gehabt in mei' Leben! Sie, ich, ich ... (lacht bitter.) Ich soll Ihnen helfen? Sie, ich? Gehn Sie fort gehn Sie!


HERR BROWN: Herr Fleck, wir haben uns die Behandlung bei Ihnen nicht verdient.


FRAU BROWN: Sie scheinen nicht zu wissen, was Sie einem alten Freund schuldig sind, der ins Elend geraten ist. Wir könnten Ihretwegen sterben! Da haben wir unsere Pflicht anders aufgefaßt, Ihrem armen Sohn gegenüber! Wir haben ihn nicht verlassen bis zuletzt!


FLECK (hastig): Was ist's mit mei Sohn?


HERR BROWN (zu Frau Brown leise): Schweig, kein Wort; er weiß nichts!


FLECK: Was is?


HERR BROWN: Nichts, nichts!


FLECK: Reden Sie, was is?


HERR BROWN: Wir wissen nichts.


FRAU BROWN: Nein, keine Idee!


FLECK (schreit): Lügen Sie mich nicht an!


HERR BROWN: Sie sind auch ein schwergeprüfter Mensch und Vater!


FRAU BROWN (zu Brown): Es ist vielleicht nicht recht, wenn wir länger schweigen.

Wenigstens soll er ihn beweinen!


FLECK: Reden Sie! Was? Was is mit mei' Sohn?


FRAU BROWN (bestürzt): Ja, wissen Sie nichts?


FLECK: Was is?


FRAU BROWN: Er ist ja, leider ...


FLECK: Was is?


HERR BROWN: Ihr Sohn lebt nicht mehr.


FLECK (lacht schrill): Das is nit wahr was erzählen Sie mir da? (Zieht den Brief aus der Tasche.) Da! Gestern ist er gekommen: Liebste Mutter! ...


FRAU BROWN: Das ist nicht seine Schrift! Verstellt ...


HERR BROWN: Schweig!

(Fleck geht zum Licht, betrachtet den Brief, nickt ein paar Mal mit dem Kopf.)


HERR BROWN (zu Frau Brown): Du, wir haben da ein Unrecht getan.


FRAU BROWN: Na hörst du, Brown mei Kopf zerspringt mir!


FLECK (starr, leise, die Augen auf dem Brief): Ich ahn’ scho, wie es is. Getäuscht hat man mich! (In einem sonderbaren Singsang:) O, o, o was is gescheh'n?


FRAU BROWN (leise): Komm, Brown, gehen wir!


FLECK (sieht wild umher): Sie wissen bestimmt, daß er tot is? Wann?


HERR BROWN: Es is schon gut vier Monate.


FLECK (mit weitaufgerissenen Augen und nickendem Kopf): Hm, hm, hm ...


FRAU BROWN: Jetzt mußt du schon die Wahrheit sagen!


FLECK: Was war es?


FRAU BROWN: Krank is er geworden.


HERR BROWN: Malariafieber.


FLECK: Wieso?


HERR BROWN: Wieso kriegt man eine Krankheit?


FRAU BROWN: Es ist an der Luft gelegen. Das Klima hat er nicht vertragen.


HERR BROWN: Vier Wochen hat er im Krankenhaus gelegen wir haben ihn besucht. Wir waren die letzten Stunden bei ihm ...


FLECK: Hat er was von mir gesprochen?


FRAU BROWN: Nein! Von der Mutter, ja! Und da hat er einmal geweint wie ein kleines Kind. Heimweh hat er gehabt, wenn er zum Bewußtsein gekommen ist.


FLECK: Und von mir gar nichts vom Vater?


FRAU BROWN: Nein. Mutter hab' ich ihn ein paarmal sagen gehört. Aber, daß Sie das nicht wissen wir haben doch gleich, er war nicht einmal kalt, das Telegramm weggeschickt; ist es wahr, Brown?


FLECK: Das hat Simon gekriegt und hat es verschwiegen! Also tot is er! Das Fieber hat er gekriegt. Ich hab' ihn fortgejagt mit einem Fluch weggetrieben hab' ich'n drum haben Sie'n gehört nur sagen, Mutter tot is er ...

(Herr und Frau Brown wollen sich still auf den Weg machen.)


FLECK: Gehn Sie scho? Sie, Herr Brown, hab'n Sie nit mei'simon geseh'n? Nu? den hab'n Sie nit geseh'n? Von wo sind Sie gekommen?


HERR BROWN: Wann, Herr?


FLECK: Nu, wie Sie hereingekommen sind! Is Ihnen nit ä Jung' begegnet ä schwarzes, langes Burscherl bloßköpfig mit verweinten Augen und ... Haben Sie nit so einen laufen geseh'n?


FRAU BROWN: Nein.


FLECK: Das war doch mei Simon, mei Simon!

(Herr und Frau Brown ab.)


FLECK: Nu, schaun Sie nit ich bin nit verruckt mei Simon wo is er hingelaufen? (Schreit es heraus.) Hat ihn niemand geseh'n? ... Mei Simon ...

(Vorhang.)





4. Akt

Zimmer bei Markstein wie im ersten Akt. Es ist noch früh am Morgen des darauffolgenden Tages, bei aufdämmerndem Tag. Auf dem Sofa liegt, ganz von Decken und Tüchern verhüllt und völlig unsichtbar, Rosalinde. Auf der Erde, unweit davon, liegt vollständig angekleidet und schlafend Simon. Adrian öffnet die Tür seiner Stube, kommt mit Hanna heraus. Sie halten sich eng umschlungen.



ADRIAN: Hab' Dank, Geliebte! Du Geliebte!


HANNA: Du Geliebter! (Befreit sich.)


ADRIAN: Ich weiß nicht mehr Hanna du hast mich irritiert. Dinge, die mir noch gestern so wichtig erschienen, sind heute so klein. Ich weiß nichts mehr ich will nichts mehr als dich.


HANNA: Du hast mich errettet. Du bist so stark!


ADRIAN: Du bist so schön! Was soll nur aus uns werden?


HANNA: Wir müssen zusammenbleiben, fühlst du es nicht, daß wir einander brauchen? Ich dich und du mich? Ich gehe mit dir, wie wir besprochen haben!


ADRIAN: Zu Sörensen?


HANNA: Wohin du willst. Wo es Arbeit gibt. Arbeit und Liebe! Ich brauche ein ganzes, volles Glück, um mich zu entfalten, sonst muß ich zugrunde gehn ...


ADRIAN (umarmt sie): Du! (Gibt sie frei.) Nun müssen wir uns fertig machen! Zwei Stunden haben wir bloß mehr.


HANNA: Geht Simon mit?


ADRIAN: Ja, Simon geht mit; er wird gleich da sein.


HANNA: Simon soll also mit?


ADRIAN: Ich hab' es ihm versprochen. Er kommt in Sörensens Lager.


HANNA: Jetzt geh' ich meinen Eltern zum zweitenmal davon ... Es ist ebenso wie damals. Das Leben ist ein Rausch. Was auch kommen mag, ich stehe da und trinke mit den Augen, mit den Lippen.


ADRIAN: Es schaudert mich, wenn ich daran denke, du hättest mir verloren gehen können. Sag, Hanna, bist du nicht schon gestern früh hier gestanden? War es denn wirklich nicht schon länger ...


HANNA: Was wußtest du gestern früh von mir?


ADRIAN: Nein, wirklich nichts!


HANNA: Sieh, ein neuer Tag beginnt, ein neues Leben! (Reicht ihm beide Hände.) Wie schön ist es auf der Welt! ... Nun geh' ich rasch nach Hause, ausgerüstet komm' ich her und bring den Simon mit. (Ab.)


ADRIAN (erblickt den schlafenden Simon, rüttelt ihn wach, hebt ihn von der Erde auf): Simon, was machst du hier? Wie kommst du hieher?


SIMON (erwacht, greift sich an den Kopf, stammelt): Ach weh!


ADRIAN: Was hast du getan, Simon? Auf der Erde hast du geschlafen? Wolltest du zu mir?

(Simon schüttelt den Kopf.)


ADRIAN: Was ist's mit dir, Simon? (Rüttelt ihn.)


SIMON: Ich habe Böses getan, Schlechtes ... ich hatte ... [ein Mädchen ...]


ADRIAN: Du träumst. Wach auf!


SIMON: Ich träume?


ADRIAN: Wir wollen ja heute abreisen, hast du's schon vergessen?


SIMON: Wohin soll ich? Ich bin elend. (Schreiend und sich an Adrian klammernd:) Ich hab'solche Angst vor dem, was mit mir geschehen wird!


ADRIAN: Es gibt keine Angst; schau, es wird Tag hell die Sonne kommt.


SIMON: Ich habe Angst – und wenn die Sonne noch so hell scheint, ich habe Angst!


ADRIAN: Deine Schwester und ich können dir nichts sein?


SIMON: Niemand. Ich bin allein und ich weiß nicht, wohin.


ADRIAN: Du gehst mit uns! Mit Hanna und mir. Weißt du's denn nicht mehr?


SIMON: Ich kann nicht!


ADRIAN: Simon! Weit, Simon, weit von hier zu Seen, Wäldern und Bergen und Menschen.


SIMON: Ich kann nicht!


ADRIAN: Gestern wolltest du doch!


SIMON: Gestern ja, aber heute ... Ich bin ein Dieb. Ich hab' gestohlen. Und ich hab'so etwas Schlechtes getan, so etwas Schlechtes. Vater wird gleich da sein, mich suchen. Mutter wird weinen – und niemand wird ihr die Briefe schreiben von Heinrich – und ich möchte so gerne bei meiner Mutter bleiben und auf ihrem Schoß schlafen, knien am Boden und den Kopf in ihren Schoß legen und schlafen.


ADRIAN: Du bist noch schlafbefangen. Jetzt höre meinen Rat! Geh hinein, tauche den Kopf in das frische, kalte Wasser! Drinnen findest du auch deine ganze Ausrüstung, die ich für dich vorbereitet habe. Zieh die festen, genagelten Schuhe an, den Lodenanzug, den Hut mit dem Gamsbart setz' auf – und ein frisches, fröhliches Gesicht will ich sehen, wie es zum Wandern gehört! Ich gehe nur rasch eine Depesche aufgeben, Sörensen melden, daß wir kommen. (Ab.)


SIMON (wankt in Adrians Stube): Ich lass' niemand ein außer dir! (Ab.)

(Geize, im unordentlichen Morgenanzug, stürzt herein. Rosalinde kommt aus Decken und Tüchern zum Vorschein.)


GEIZE: Was is da geschehn?


ROSALINDE: Ich weiß nicht. Vielleicht auf der Gasse ... (kommt schlaftrunken zum Vorschein, springt auf, ordnet sich.)


GEIZE: [Sie brauchen zwei Schlafstellen in einer Nacht? Drinnen legen Sie sich am Abend nieder, da kommen Sie in der Früh zum Vorschein?] Aha, was is heut' Nacht da geschehn? Sie, Sie hab'n heut' das letzte Mal da geschlafen ich hab' ka so ä Haus! Daß Sie's wissen! Bei einer erwachsenen Tochter, so was führ' ich mir nicht ein! Ich hab' mich bis heut' anständig durchgebracht, ich will's auch weiter!


ROSALINDE (kichert): Wenn Sie wüßten, wer ich von heut' an bin, möchten Sie mich gern da schlafen lassen!


GEIZE: Wer sind Sie scho?


ROSALINDE: Ich bin seit heute eine noble Dame. Ja, ja, da schaun S' her, da zeig' ich Ihnen was! Da ist einmal ein Kleid pure Seide, bitte sehr! Gestern am Abend alles gekauft!


GEIZE (hascht danach): Gott soll mir no helfen, wie es Seide ist!


ROSALINDE: So, das trag' ich jetzt. (Zieht das Kleid an.) So, der Hut gehört auch dazu und der Mantel gehört auch dazu. So, jetzt das – und das (legt Schmuck an.) Wie gefall' ich Ihnen?


GEIZE: Ist das echt?


ROSALINDE: Beleidigen Sie mich nicht, ja? (Nimmt aus einem Etui ein Lorgnon, hält es an die Augen.) Haben Sie Respekt? Von nun an werd' immer nur so zu sehen sein! Schaun S', so haben's immer meine Gnädigen gemacht: Sie heißen? Rosalinde Nemecek.

– Können Sie kochen? Ja. Waschen? Ja. Bügeln? Ja. Haben Sie Kinder lieb? Ja.

– Haben Sie einen Schatz? Nein. Hat Ihre Mutter ein Kind gehabt? Nein? Also, meine verehrten Gnädigen, auf Nimmerwiedersehen!


GEIZE: Was ist mit Ihnen? Werden Sie mir jetzt zahlen, was Sie mir schuldig sind? Gestern haben Sie von dem noch nix erwähnt. Sie waren mir etwas zu lustig. (Läuft zur Tür. Ruft hinein:) Pamela, schau dir an die Rosl, was aus der is gewor'n!


ROSALINDE (im Abgehen, lachend): Aber natürlich, ich komm' ja noch zurück. Was glauben Sie denn? Bin ich Ihnen nicht gut? Ich hab' ja einen Fürsten zum Verehrer! Wenn ich will, kann ich sogar einen Großfürsten bekommen! Auf alle Fälle lass' ich meine alten Kleider da. Im Koffer sind sie. Habe die Ehre, empfehle mich! (Ab.)


SCHEFER (in der Türe): Wer war das?


GEIZE: Haben Sie sie nicht erkannt? Rosalinde.


SCHEFER: Was is mit der gescheh'n?


GEIZE: Weiß ich? Das Mädl is etwas ä Hex'! Nu, es wird sich scho herausstellen. Der trau' ich alles zu.


SCHEFER: Scheene Leut' halten Sie sich!


GEIZE: Hören Sie auf mit de Moralpredigten! Von de scheenen Leut' lebt man. Mir wär' auch lieber, ich möchte’ scho von den ganzen Gesindel nix wissen. Ich könnt’ schön allein leben zusamm' mit mei' Kind aber warten Sie nur noch ä kurze Zeit! Wir werden dann auch andere Leut' werden. Pamela weiß gar nix, was für ä scheenes Leben noch auf ihr wart'! Nur noch den Feuer, das wird das letzte Geschäft sein, das ich mach', und dann is aus. Dann wird die Buden zugesperrt!


SCHEFER: Nu, Frau Geize?


GEIZE: Was meinen Sie? Äh, ich bin nix gut gelaunt. Ä Traum hab' ich heut' Nacht gehabt. Meine zwei verstorbenen Männer haben mich gepackt der ane an der, der andere an der andern Hand – und haben sie mich in ä Gruben geschmissen ...


SCHEFER: Nu, setzen Sie in der Lotterie! Wird gut sein dazu!


GEIZE: Noch hab' ich ka Ruh' von sie! Ich war froh, wie der Tag da war von dem Traum ...


SCHEFER: Setzen Sie in der Lotterie! Vielleicht bringt sie Ihnen Glück! Adje!


GEIZE (geht zum Nebenraum, öffnet die Türe und spricht hinein): Pamela, mei Kind, steh auf! (Ab.)


SCHEFER (in der Tür, grüßt jemand auf der Gasse): Gu'n Morgen!


FEUER (bleibt in der Tür stehen): Wie geht's? Wie geht's? Nu, was is? In aller Früh' auf Freiersfüßen? Nu, wer'n Sie sie heiraten?


SCHEFER: Heiraten! Ich bin froh, ich leb'! (Beide ab.)


GEIZE (ruft zur Tür hinein): Steh auf, Pamela! A so, du bist scho auf?


BERTHA (einen Einkaufskorb im Arm, kommt am Arme Wottichs): Im Vorbeigehen, Frau ;letter-spacing:0pt;font-style:normalMarkstein, wir müssen Ihnen auch einen Besuch machen.


GEIZE: Nu, sind Sie jetzt zufrieden?


BERTHA: Das glaub' ich! Am ersten tritt mein Mann die neue Stelle an.


GEIZE: Nu, glauben Sie, es is endlich was Dauerndes?


WOTTICH: Wer kann das wissen?


GEIZE: Zeit wär's scho!


BERTHA: Ach, mein Leon wird schon fleißig sein, gelt ja?


WOTTICH: Ich muß jetzt!


GEIZE: Das hätten Sie sich nix träumen lassen, vorgestern, was?


BERTHA: Was einem bestimmt ist, ist einem bestimmt! Da kann man nichts machen!


WOTTICH (ernsthaft): Da nutzt einem nix!


GEIZE: Nu schaun Sie nur dazu, daß Sie dort bleiben!


WOTTICH: Ja, hoffentlich!


BERTHA: Er muß jetzt. Zu uns sollten Sie kommen, wenn alle gestickten Deckerln ausgebreitet sind!


WOTTICH: Alles ihre Handarbeiten.


GEIZE: Nu, sehen Sie!


PAMELA (kommt aus dem Nebenzimmer. Sie ist erst halb angekleidet in einem langen schwarzen Kittel): Ah da ist ja das Pärchen!


GEIZE: Du bleib' im Winkel! Du hast dich einmal sehr unschön benommen!


WOTTICH: Ach, lassen Sie doch!


BERTHA: Wir gehen einkaufen auf dem Markt. Vielleicht schau' ich am Retourweg wieder her.

GEIZE: Schön,schön!

( Wottich und Bertha ab.)


PAMELA: Na weißt du!


GEIZE: Was? Ein ganz schönes Paar!


PAMELA: Ich hätt' ihn am liebsten wieder angespuckt alle zwei!


GEIZE: Das wirst du dir vergehen lassen!


PAMELA: Ich weiß nicht.

(Geize geht in den Nebenraum, kommt gleich darauf wieder.)


PAMELA: Pfui! Pfui! Pfui! Wie ekelhaft ist das Leben! Was hast denn du heut' Nacht so gestöhnt?


GEIZE: Ä h so ä Traum!


PAMELA: Da freu' ich mich schon immer, wenn du träumst! Wo ist das Mädel?


GEIZE: Was weiß ich, wo die sich herumtreibt! Du, die hätt'st du sehn sollen, wie sie elegant ist weggegangen.


PAMELA: Ist er schon fort?


GEIZE: Der is scho fort um sechs Uhr. Der Simon war da; dann sind sie glaub' ich alle zwei fortgegangen. Ich hab'sie gehört, hab'n sie erst geplauscht ä Ewigkeit alle zwei ...


PAMELA (versucht Adrians Türe zu öffnen): Abgesperrt!


GEIZE: Nu, was wirst du machen?


PAMELA: Ich? Anziehen werd' ich mich.


GEIZE: Ja, geh, mach' dich ä bißl sauber!


PAMELA: Nein, das ist unerhört!


GEIZE: Was ist unerhört?


PAMELA: Dieses Pärchen. Pfui!


GEIZE: Mich wundert scho gar nix mehr, was immer geschieht.


PAMELA: Das ist man könnt' vor Ekel ...


GEIZE: Sie hat ämal ä Mann! Ä Mann is er! Nu is sie glücklich! Geht's wie immer, sie hat ämal ä Mann!


PAMELA (sieht auf die Gasse): Du, Mutter, also, meiner Seel', dort lauft die Hanna Fleck!


GEIZE: Laß mich mit deine Betrachtungen! Zieh dich an, du mußt was besorgen!


PAMELA (gelangweilt): Was?


GEIZE: Wolle und Futterstoff und Garn Verschiedenes ein Haarnetz kannst du mir mitbringen, aber ein billiges. Für meine Haar'.

(Feuer kommt.)


FEUER: Guten Morgen, Frau Markstein!


GEIZE (nickt ihm mit dem Kopf einen Gruß zu.): Wohin?


FEUER: Zur Börs', Papiere kaufen.


GEIZE: Spielen Sie jetzt auch auf der Börs'?


FEUER: Warum soll ich nit spielen auf der Börs'? Hören Sie, was sagen Sie dazu? Warum soll ich nit auf der Börs' spielen? (Achselzuckend.) Es paßt mir grad auf ämal, ich spiel' auf der Börs'!


GEIZE: Ä so. Sie meinen, einer, der in einem Glück hat, hat in allem Glück!?


FEUER: Ja, unberufen! Ich wer' mir, Gott sei Dank, in kurzer Zeit wer'n Sie hören: Der

Feuer hat sich ä Haus gekauft!


GEIZE: So, so. (Geht ins Nebenzimmer.)


PAMELA (in einer Entfernung von Feuer): Sie, Herr Feuer!


FEUER: Nu, was willst du, mei Schatzerl? Ich weiß, was du mir sagen willst.


PAMELA: Na, was?


FEUER: Du liebst mich!


PAMELA: Nein! Ganz dasselbe wollt' ich sagen!


FEUER: Siehst du, mei Kinderl! Krieg' ich also ä Kuß?


PAMELA: Eben wollt' ich Ihnen einen geben.


FEUER: Nu, komm, mei'süßes! Komm! (Willzu ihr.)


PAMELA (entwischt ihm): Warten Sie, warten Sie ä bisserl, nur ä klanes bisserl! (Bewirft ihn mit großen Stoffresten und allerlei Kram.)


FEUER: Was machst du da mit mir? Was is dir da wieder eingefallen? Kinderei das! (Böse.) Du, ich werd' Dir schenken ä Wurstel, so ä klan' Wurstel zum Spielen!


PAMELA (wild, halb lachend, halb schreiend): Ich brauch' keinen Wurstel!


GEIZE (kommt zurück): Also ein Haus wollen Sie sich kaufen? Geben Sie uns dann eine Portierstelle?


FEUER (im Abgehen): Vielleicht ... Adjeh!


PAMELA (ruft ihm gereizt nach): Sie können so reich sein wie Rothschild für mich sind

Sie ein schmutziger, durch und durch schmieriger ...


GEIZE (hält sie zurück): Jetzt halt' du aber dei' loses Maul!


PAMELA: Und wenn ich nicht will? (Stellt sich trotzig vor sie hin.)


GEIZE: Hast scho recht! Ä große Kunst, mit der alten Mutter frech zu sein!

(Pamela dreht sich um, geht in einen Winkel.)


GEIZE: Wenn du freundlicher wärst schau andere Mädel an! Geschenke über Geschenke könntest du von ihnen haben!


PAMELA: Ich brauch' dem seine Geschenke nicht! Überhaupt laß mich in Ruh'!


GEIZE: Nu, nu schau, schau!


PAMELA: Ja, in Ruh'sollt ihr mich lassen!


GEIZE: Wer kümmert sich scho um dich?


PAMELA: Na alsdann! (Kauert sich nieder, schlingt die Arme um die Knie.)


GEIZE: Nu, sitz nix so zausig herum! Heut' hast wieder dei' Tag!


PAMELA: Du hast ihn!


GEIZE: Ma zieht sich an. Ä junges Mädel zieht sich gleich in der Früh'sauber an und bleibt so den ganzen Tag. An mir brauchst du dir ka Beispiel nehmen, ich bin ä alte Hex' ich hab' zu viel ausgestanden in mei' Leben. Ich bin herumgeschleift wor'n an die Haar' mit die Füß' bin ich getreten wor'n. An mir nimm dir ka Beispiel! Wie ich ausschau!


PAMELA (fällt ihr plötzlich, leidenschaftlich aufschluchzend um den Hals): Mutter!


GEIZE (schiebt sie sanft von sich): Nu, es is scho recht; mach' du mir ä Freud'! Zieh' dich an!


PAMELA (tief aufseufzend): Ist das lästig!

(Geize ihre Rührung verbergend, sieht auf die Gasse.)


PAMELA: Jeden Morgen waschen anziehen meine zottigen Haare zusammenbinden jeden Morgen ...


GEIZE (angestrengt auf die Gasse blickend): Du hast recht, die Hanna Fleck lauf herum in der Gassen wie besessen.

(Pamela steht vor dem Spiegel, ohne hineinzusehen, bürstet ihr kurzes Haar, bindet es dann mit einem Band nach Kinderart.)


HANNA (stürzt in die Tür herein): Wo ist Simon?

(Adrian gleich hinter ihr.)


GEIZE . Wir wissen's kaner!


ADRIAN: Aber er blieb doch hier, als ich fortging! Er sollte hier warten!


GEIZE: Niemand hat ihn fortgehen gesehen.


HANNA: Zu Hause war er auch nicht.


ADRIAN: Da gibt es nur eins: er ist drinnen!


PAMELA (im wilden Triumph): Dasselbe sag' ich auch!


ADRIAN (an der Tür, weich und leise): Simon, ich bin's! (Untersucht das Schloß.) Natürlich steckt der Schlüssel von innen. (Ruft nochmals. Stärken) Simon! Schläfst du? (Alle stehen bleich und zitternd. Geize faßt Pamela an der Hand, diese macht sich aber los.)


ADRIAN (steht starr, sinnt, schlägt sich dann wie im jähen Erkennen auf die Stirn, wirft Hut und Mantelkragen ab; sagt zu Geize): Bringen Sie eine Hacke! 11

(Geize geht ins Nebenzimmer.)


ADRIAN (zu Hanna): Setz dich! (Führt sie zu einem Stuhl, sieht Pamela an, die zitternd mit aufgerissenen Augen zu ihm aufblickt.)

(Geize bringt eine Hacke. Adrian hackt zweimal auf die Türe los, ohne Erfolg.)


PAMELA (stürzt auf ihn zu, erfaßt seine Hand): St...

(Geize bringt ein Stemmeisen. Adrian versucht damit die Tür aus den Angeln zu heben; nach einigen vergeblichen Versuchen reicht Geize ihm die Hacke. Während er die Hacke ansetzt, hält Pamela sich die Ohren zu, bleibt aber am selben Platz, während Geize und Hanna der Ausgangstür zuwanken. Auf den ersten Schlag kracht die Tür ein. Adrian geht hinein. Man sieht Simon auf der Erde zusammengekauert sitzen.)


ADRIAN: Simon, steh auf, komm heraus! Er lebt! Natürlich lebt er! So da habt ihr ihn!

(Kommt mit Simon heraus, den er zur Hälfte trägt.) Na, Simon!


SIMON (bleich, schlaff, mit starrem Blick): Laßt mich! (Kauert sich zusammen.)


ADRIAN (streng): Was soll geschehen? Kommst du mit? Wie?


SIMON: Mit?


ADRIAN: Da ist Hanna!


SIMON (leise, lallend): Ich hab' Angst ...


ADRIAN: Wovor denn?


SIMON Vor ... (starrt vor sich hin.) Es ist so dunkel (mit der Gebärde des Abscheus und des Fürchtens:) ekle Tiere kriechen an mich heran.


HANNA: Simon!


SIMON: Die eklen Tiere, die auf mir kriechen!


PAMELA (schreit auf): Schaff ihn hinaus, Mutter!


GEIZE: Was heißt das, in aller Früh' in ein fremdes Haus kommen, ä Krawall machen sich da herlegen?

(Simon stöhnt überlaut.)


GEIZE: Ja!


HANNA: Komm nach Hause, Simon! (Simon schreit auf.) Mutter sucht dich. (Simon weint.)


GEIZE: Lassen Sie'n ausweinen, das wird'n gut tun! Nur ausweinen soll er sich. Dann gehen Sie mit ihm zu Haus'.

(Simon schaut auf.)


GEIZE: Sehn Sie, er is scho ä bißl ruhiger! Aber gefallen tut er mir nit, mei' Traum! Geh, mei' Kind, geh ä bißl hinein!


PAMELA: Laß mich doch!


SIMON (zu Adrian in einem plötzlichen Einfall): Wo ist dein Hut?


ADRIAN: Mein Hut?


SIMON: Dein Hut mit dem Gamsbart!


ADRIAN: Drinnen im Schrank.


SIMON: Leih mir den Schlüssel!


ADRIAN: Wozu?


SIMON: Ich will dir den größeren Gamsbart geben für deinen Hut!


ADRIAN: Sie sind ja beide gleich.


SIMON: Nein, mein Gamsbart ist schöner, buschiger!


ADRIAN: Wenn es sonst nichts ist! (Gibt ihm den Schlüssel. Simon geht in Adrians Stube.)


HANNA: Laß ihn nicht allein!


ADRIAN: Ah mein Revolver!

(Frau Fleck kommt, hinter ihr Fleck. Simon und Adrian stürmen ins Zimmer, schreien durcheinander.)


ADRIAN: Den Revolver her! Gib her!


SIMON: Ich hab' keinen!


ADRIAN: Da hast du ihn! Her, sag ich! Her! (Sie kommen ringend heraus.)


FRAU FLECK: Simon!


FLECK (still für sich): Der lebt! Der lebt! (Sieht sich um nach ihm.)


ADRIAN: Diesmal hab' ich ihn gerettet. (Leise zu Hanna.) Er ist trotzdem verloren, er ist trotzdem eine Leiche! Eine lebende Leiche! Sieh, er hat sich schon bläulich verfärbt.


HANNA: Seine Augen sind verglast.


PAMELA: Lebt er?


SIMON (schreit auf): Ich kann nicht leben!


FLECK (beugt sich auf Simon herab): Sei mei'sohn! Mei' guter Sohn!


FRAU FLECK (bei Simon): Mein Kind!


SIMON (wendet sich ab, stürzt auf Hanna und Adrian zu): Ihr, Ihr Schurken!


FLECK: Sei mein gutes Kind! Du bist mir noch geblieben! Ich will arbeiten für dich. Will ich nicht alles für dich tun?


FRAU FLECK: Und ich?


SIMON: Ich habe dich bestohlen!


FLECK: Sie muß alles zurückgeben!


SIMON: Sie gibt nichts zurück. Ich hab' gestohlen und ihr's geschenkt, Mutter!


FLECK: Und wenn sie nichts zurückgibt, macht's auch nix; werd' ich's nur verlieren.

(Fleck und Frau Fleck führen und stützen ihn.)


SIMON: Ihr quält mich, laßt mich los!


FRAU FLECK: Komm, der liebe Gott wird dir helfen!


SIMON: Ihr seid zwei Mühlsteine zwischen denen ich zermalmt werde.


FLECK: Gott wird uns helfen! Komm, Simon! Komm nach Hause!

(Fleck und Frau Fleck führen ihn fort.)


SIMON (im Abgehen, reißt sich los): Ich kann nicht! (Stürmt davon.)

(Fleck und Frau Fleck hinter ihm her. Adrian geht zu Frau Markstein, spricht leise mit ihr, gibt ihr Geld.)


GEIZE (zieht Pamela ins Zimmer): Komm herein! Totenbleich bist du!


PAMELA (die Hände auf dem Rücken, neben Hanna): Wohin?


HANNA: Auf die Wanderschaft, Pamela.


PAMELA: Allein?


HANNA: Nein, mit Adrian.


PAMELA (schreit): Nein, das dürfen Sie nicht!


HANNA: Pa–mela! Das arme, unglückliche Kind, Adrian!


ADRIAN: Ja; die arme Pamela, dieses arme unglückliche Kind! Ich kann ihr nicht helfen!

(Hanna geht zu Geize, spricht mit ihr.)


PAMELA: Du willst fort mit ihr? (Stürzt zu seinen Füßen nieder.) Ich hab' dich ja so lieb! Ich hab' dich ja so lieb!


ADRIAN (nimmt sie auf seine Arme, trägt sie ins Zimmer.) So, da haben Sie Ihre Tochter geben Sie acht auf sie!

(Geize nimmt Pamela an sich, die Türe schließt sich.)


ADRIAN (geht in seine Stube, kommt angezogen mit zwei Reisetaschen): Nun, Hanna! Wären wir soweit! Hast du noch deinen Mut?


HANNA: Ich habe den Mut der Verzweifelten:


ADRIAN: Was wir hier zurücklassen, sind Leichen, alles Leichen. Morgen geht uns die Sonne einer neuen Welt auf. Komm!

(Vorhang.)




1 Passagen in eckigen Klammern wurden vom Zensor gestrichen.

2 häßlich.

3 Armut (jidd.)

4 Verrückte (jidd.)

5 Bündel.

6 ärgert, quält.

7 So einen wünsche ich Ihnen!

8 Bajazzo, Possenreißer, Narr (jidd.)

9 autorisierter jüdischer Schlachter.

10 Ärger, Unannehmlichkeit, Schererei.

11 Beil.