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Gertrud Franke-Schievelbein – Der große Versöhner.

Novelle

Aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.


Offenen Auges lag er da. Stundenlang hatte er sich nicht geregt.

Sie saß an seinem Bett und wartete, daß der letzte Funken eines Lebens erlöschen sollte, das seit Jahren nichts mehr war, als ein bloßes Hinvegetieren.

Sie kauerte im Lehnstuhl in jenem wohltätig dumpfen Zustand, den ein Übermaß von Erschöpfung endlich erzeugt.

Das Gefühl der Zeit war ihr verloren gegangen, wie das Bewußtsein ihrer seltsamen Lage: den Tod eines Menschen erwarten müssen – seit zwei Tagen! Sie hörte in der stillen Mainacht die Uhren schlagen und zählte nicht einmal mehr die Schläge. Was kam’s auf eine halbe Stunde, eine ganze, ein paar an in ihrem verfuschten Leben!

Endlich aber rang sich doch etwas wie ein Gedanke durch den Nebel in ihrem Kopf. Ob sie ihm noch einmal das Stärkungsmittel einflößte, das der Arzt verschrieben hatte?

Sie blickte auf. Er lag noch immer mit weit offnen Augen da. Sie ergriff seine Hand – kalt. Sie fühlte sein Herz – still. Sie neigte sich nieder zu seinem Munde. Kein Hauch – tot!

Jetzt wurde es plötzlich furchtbar klar in ihr. Sie nahm die Lampe und leuchtete in sein Gesicht. Die gebrochenen Augen starrten sie an. Sie legte die Rechte darauf und drückte die Lider herab. Aber eine Eiseskälte drang ihr durch den Arm herauf bis zum Herzen. Tot! Sie war Witwe! Sechsundzwanzig Jahre – und Witwe!

Sie hätte nun wohl das schlafende Haus in Aufruhr bringen, die Kinder, die Dienstboten wecken müssen. Aber sie dachte nicht daran. Laß sie schlafen! Der Tote brauchte nichts und niemand mehr. Gesellschaft hatte er auch. Sie konnte nicht daran denken, zu ruhen. Allerlei war zu tun. Nachdem sie jahrelang keinen anderen Gedanken gehabt hatte, als ihn, seine Bedürfnisse, seine Pflege, tat sich mit diesem Ereignis eine andere Welt vor ihr auf. Es strömte nur alles so auf sie herein: die Kinder erziehn, die Geschäfte führen, Mann sein, nachdem sie so lange eine willenlose, gefesselte Sklavin gewesen! Heute nacht noch die ersten traurigen Pflichten –  endlose Briefe, Anzeigen ...

Merkwürdig, wie ruhig sie war. Sie wunderte sich selber. Vor einem Jahr, als ihr treuer, kleiner Hund starb, hatte sie heiße Tränen geweint. Jetzt regte sich nicht das leiseste Gefühl in ihr, kein Schmerz, keine Freude über die Erlösung – seine und ihre – keine Reue, daß sie verlernt hatte, ihn zu lieben.

Konnte es etwas Grausameres geben als ihr Schicksal? Einen Gott herabstürzen sehn aus seiner Höhe ... ihn zum Teufel werden und allmählich tiefer, immer tiefer sinken sehen? Und immer an ihn geschmiedet zu bleiben, schweigend seine raffinierten Quälereien, die Ausbrüche seiner Wut, sein wahnsinniges Hadern mit dem Geschick, das ihn mitten im blühenden Leben zerschmetterte, geduldig zu ertragen! –  Nur ein Augenblick – ein Sturz mit dem Pferde auf der Jagd – hatte aus dem kräftigen Manne einen Krüppel gemacht. Hätte er ihn getötet – was wäre ihr erspart geblieben! Aber daß sie diese Verwandlung mit durchleben mußte in vier langen Jahren, mit ihren endlosen Stunden, ihren ewiglangen Tagen! Und dabei alles in sich zusammenbrechen zu fühlen, was gut und hoch ist: den Glauben an ein Festes, Ewiges im Menschen, das irdischen Leiden widersteht – den Glauben an Gott und Welt und Menschen und Glück!

Sie setzte sich an den Schreibtisch und begann, die notwendigen Briefe zu schreiben. Da fehlte ihr die Adresse eines Verwandten. Sie wußte, die mußte in einem seiner Briefe angegeben sein, und mechanisch kramte sie in den Fächern des Schreibtisches herum. Allerlei kam ihr in die Hände; auch die wenigen Liebesbriefe aus der Brautzeit und ein kleines Heft, eine Art Tagebuch, das sie als junge Frau geführt hatte, und das mit jenem Unglückstage abbrach.

Durch das weit offne Fenster drang der laue Atem der Mainacht, die in all ihrer schweigenden Pracht über dem Garten lag. Eine Nachtigall, durch den Lichtschein angelockt, schluchzte dicht neben dem Fenster im Fliedergebüsch, das den Duft seiner lila Dolden fast betäubend ins Zimmer hereinsandte. Am dunklen Himmel funkelten die Sterne, und tief unten gegen den Horizont wetterleuchtete es aus einer schwarzen Wolkenwand, die höher und höher stieg.

Sie starrte hinaus und hörte mit ihrem erkalteten Herzen das Liebeslocken des kleinen Vogels. Wie heiß, wie inbrünstig, wie aus aller Kraft er jubelte und klagte! Diese Töne, und die weichen, duftigen Luftwellen, die ihr um die heiße Stirn wehten, das geheimnisvolle Weben der Nacht –  alles verwirrte ihr die Gedanken. Die Feder sank ihr leise aus der Hand. Ihr war’s, als löse sie sich auf im All, als schmelze sie mit der dunklen Nacht draußen zu einem unendlichen, empfindungslosen Stück Natur zusammen.

Bis auf einmal ein scharfer Luftzug durchs Fenster fuhr und sie von Kopf bis Fuß durchfröstelte. Die Lampe war erloschen. Drüben im Westen hatte die schwarze Wand die Sternbilder verschluckt, und kalte, blaue Blitze fuhren unablässig draus hervor. Und schon begann ein fahles Grau über die Welt heraufzukriechen.

Hatte sie geschlafen? Das alte Tagebuch lag noch vor ihr aufgeschlagen. Wo war sie denn? Was tat sie hier, im Morgengrauen? ... Ach ja – diese Nacht! In der sie Witwe geworden war ...

Sie wollte sich erheben, um die Lampe wieder anzuzünden. In der Dunkelheit überkam sie doch ein leises Grauen vor der Gesellschaft des stummen Genossen.

Da war’s ihr, als höre sie ein schwaches Geräusch von der Wand her, an der sein Bett stand. Ihr Herz schlug plötzlich schneller. Sie bohrte ihre Augen in die Dunkelheit und unterschied nur mühsam die Umrisse des Lagers. Aber als sie länger hinblickte, meinte sie, dort etwas sich regen zu sehn.

Sie horchte gespannt hin. Ein leiser, klagender Hauch ertönte, wie aus weiter Ferne kommend – ihr Name: »Maria!«

Seit Jahren hatte der Kranke nur mühsam gestammelt. Die Lähmung war so weit vorgeschritten gewesen, daß er nur noch die Finger hatte bewegen können. Was bedeutete das? Lebte er? Oder standen die Toten auf?

Mit einem namenlosen Entsetzen durchfuhr es sie. Sie wollte aufschreien, aber sie brachte keinen Ton heraus. Sie wäre aus dem Fenster gesprungen, aber es war, als hätten ihre Füße im Boden Wurzel geschlagen. Und so, willenlos, geknebelt von Grauen, fühlte sie mehr, als daß sie’s sah, wie etwas herankam, näher und näher, ein Schatten, eine Gestalt.

Und jetzt bemerkte sie auch einen blassen Schein, wie von einem menschlichen Gesicht, alles schemenhaft im Dämmergrau, nur die Augen lebend, als ginge die Helligkeit von ihnen aus, die das Antlitz sichtbar machte.

Das waren ja die Augen, die sie einst gekannt hatte, die guten, klugen, liebevollen Augen ihres Mannes, die sie in den ersten glücklichen Jahren ihrer Ehe geliebt hatte und die sie später oft in fast tückischer Wut angestarrt, oder in teuflischer Freude, wenn seine Bosheit ihr abgestumpftes Gefühl doch einmal getroffen. ...

Ihr Grauen, keiner Steigerung mehr fähig, war plötzlich verschwunden. Sie hatte öfter gelesen, daß auch die Todesangst im Augenblick der höchsten Gefahr vorübergeht und einer großen, erwartungsvollen Ruhe Platz macht. Diese Ruhe, eine höhere Stufe menschlichen Empfindens, als sie bisher je erreicht, durchdrang sie wohltuend, befreiend. Sie empfand nichts mehr von Furcht, von Haß und Bitterkeit. Ihr war, als stände sie schon über dem Leben. Sie fühlte nur eine große Wißbegierde: daß ein Toter aufstand und redete, wie ging das zu? Und ruhig fragte sie: »Wo kommst du her?«

Er antwortete – doch war es ein seltsames Sichverständigen, direkt von Seele zu Seele; sie wußte, was er meinte, ohne daß er Worte bildete.

»Ich war ja immer hier, Maria. Hast du es nicht gewußt?«

»Aber du bist doch gestorben diese Nacht?«

Er schüttelte den Kopf. Ein Lächeln schien um seinen Mund zu spielen. »Ich bin nicht tot. Du meinst den andern, den armen Gesellen da.«

Es war etwas heller geworden. In dem kalten, fahlen Grau, das das Zimmer wie mit Spinngeweben verhängte, sah sie die Gestalt vor sich deutlicher. Sie folgte der Weisung seiner Hand. Ja, dort hinten im Bett lag starr und unbeweglich der Tote, dem sie heute nacht die Augen zugedrückt hatte.

»Und wer bist du?« fragte sie voll Staunen.

»Der, den du einst geliebt hast.«

Sie konnte es nicht fassen. »Und ich glaubte, daß ich dich nun immer hassen würde.«

»Jener dort, der da reglos liegt, dem magst du mit Recht gram gewesen sein. Aber er geht ja hinweg, und ich bleibe. Denn ich bin ewig, wie das Leben und die Liebe ewig sind in der Welt.«

»Das hab’ ich auch einmal geglaubt. Aber der da drüben hat es mich anders gelehrt. Sage, wo war seine Liebe, als er mich peinigte?«

»Ach, schilt den armen Tropf dort nicht, Maria! Wo war denn deine Liebe in diesen Jahren? Wo war sie heute nacht, als du ihm kalt und hart den letzten Dienst tatest?«

Bei dem milden Vorwurf in seinen Worten sank sie in sich zusammen.

Und er trat näher auf sie zu und beugte sich über sie. »Komm,« sagte er, das Tagebuch heranziehend, »das lesen wir einmal gemeinsam.«

Und nun schlug er’s auf, und sie blickten zusammen hinein. Es war heller geworden und wurde von Augenblick zu Augenblick mehr Tag. Und seltsam, wie lebendig sich alles, was sie las, wieder vor ihr abspielte. Wie auf einer Bühne! Und doch war sie die Hauptperson der Handlung und durchlebte ein warmes, herzerquickendes Stück Menschenleben.

Wie sie einander begegnet waren und sich gefunden hatten ... Die kurze, selige Brautzeit, dann die ersten Ehejahre, voll von süßvertraulichem Glück, jeder Tag ein neues Wunder. Die Kinder kamen. Es gab Schmerz und Angst. Marias Leben hing an einem seidnen Faden und, sie erinnerte sich, wie’s ihm ans Herz griff. Damals hatte ihre Mutter gesagt: »Das darfst du ihm nie vergessen.« Und sie hatte es doch wie mit einem Schwamm aus ihrem Gedächtnis gelöscht!

Dann die süßen, kleinen Bilder aus der Kinderstube, die liebevoll von ihr festgehalten waren: der erste Zahn, das erste Wort, der erste Schritt. Und wie er seinen Buben damals hatte auf seinen Schultern reiten lassen und ihm immer der unermüdlichste Spielgefährte gewesen war. Dann abends, wenn das kleine Volk glücklich ins Bett gesteckt war, die trauliche Plauderstunde auf der Veranda, oder im Winter am Kamin.

Der kleine Kreis erweiterte sich, Freunde und Gutsnachbarn stellten sich ein. Wie stolz war sie da über das Ansehn, das ihr Mann in der ganzen Gegend genoß! Die arg verwirtschaftete väterliche Scholle, die er hatte übernehmen müssen, kam unter seinem energischen Regiment schnell empor. Wie fühlte sie sich sicher und geborgen in seinem Schutz! Beide waren jung, gesund, sie liebten sich rein und innig – ihr Glück schien ihnen verbürgt bis in die fernsten Jahre.

Und da, an einem Herbsttag, die verhängnisvolle Jagd! Das fröhliche Getümmel im Haus, die Menge Gäste. Ihr Mann der heiterste, liebenswürdigste Wirt. Sie hatte alle Hände voll zu tun und stand deshalb früher auf als sonst.

Es war ein wundervoller Morgen, noch alles voll Nebel; aber die Sonne mußte bald herauskommen. Die Fenster standen offen.

Auf dem Hof regte sich frisches Leben. Die laute Stimme des Inspektors kommandierte die Knechte und Mägde. Die Wagen, die zum Rübenholen aufs Feld sollten, rumpelten über das Pflaster. Die Pferde wieherten in die herbe Morgenluft hinein. In den Ställen ab und zu ein dumpfes, behagliches Brüllen der Rinder.

Ihr Mann stand neben ihr im grünen Jagdrock. Sie füllte ihm vorsorglich die Feldflasche, damit er nicht ganz erfröre, wenn er stundenlang auf dem Anstand war. Und sie neckten sich.

Sie merkte es wohl, wie gut sie ihm heut’ gefiel in ihrem hellen Morgenkleid. Er kam gar nicht los. Sie gab ihm noch übermütig einen Schlag und erschrak fast, als es an die Tür klopfte. Ein Diener meldete, daß der Fuchs bereit stände. »Adieu, Mieze!« –  »Adieu, Kurt, und Weidmannsheil!«

Er schlang seine Arme um ihren Leib und küßte sie auf den Mund, warm, fest, lang. Dann ging er zur Tür, stark und kräftig, daß die Dielen dröhnten, nickte ihr noch einmal zu und verschwand.

Sie setzte sich nieder und sann und lächelte. Auf ihrem Munde brannte noch sein Kuß. Wie gut er war, dachte sie, ganz versunken in ihr Glück. Und mit halbem Ohr hörte sie auf das Hufgeklapper, das Geschwätz, all die alltäglichen bekannten Geräusche, die vom Hof her durchs offne Fenster drangen. ...

Plötzlich fuhr sie mit einem Ruck empor. Wirr und verschlafen blickte sie um sich. Sie mußte wohl noch einmal eingenickt sein, nachdem Kurt gegangen war.

Aber da brannte doch vor ihr die Lampe noch – und da lagen die Briefe mit der Todesanzeige, da lag das offne Tagebuch, in dem sie gelesen.

Ein kalter, rosiger Schimmer erfüllte das Zimmer: Morgenröte! Die Nachtigall war verstummt, aber die Tagessänger, Buchfink, Meise, Grasmücke schmetterten ihr Frühkonzert. Und alles voll Tau, voll frischen Lebens – und der Flieder duftete. ...

Es war auf einmal alles so anders in ihr. Ihr Herz groß und weit und ganz voll Liebe. Sie glaubte seinen Abschiedskuß noch immer auf ihren Lippen zu fühlen. Wie eingehüllt war sie in seine Zärtlichkeit.

Und ruhig erhob sie sich jetzt, ging zum Bette des Toten und schaute und schaute, mit gefalteten Händen, auf ihn hinab. Von frühergrautem Haar umrahmt, lag das wachsblasse Antlitz in den weißen Kissen, die hohe Stirn, die festgeschlossnen Lider, der ernste Mund – alles, was sie einst geliebt hatte, fand sie auf einmal wieder.

Sie wußte es nicht, daß ihr die Tränen über die Wangen liefen. Nur fühlte sie, wie die Brust ihr leichter und freier wurde. Und in ihrem Ohr klangen die Worte des geheimnisvollen, nächtlichen Gastes nach: »Er geht hinweg, aber ich bleibe. Denn ich bin ewig.«