ngiyaw-eBooks Home


Else Franken – Die heilige Rosalie

Skizze

Aus: Deutsche Revue, Eine Monatsschrift, Herausgegeben von Richard Fleischer, 33. Jg., 3. Band, Juli bis September 1908, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart und Leipzig, 1908



Mit Hurra und Hallo fuhren die letzten Wagen vom Hofe. Alle die Kutscher waren ein bißchen aus dem Häuschen. Immer bei Küblers. Da saß man in der großen Gesindehalle und tat sich gütlich bei Schweinebraten und starkem Bier. Heute, zur Silberhochzeit, hatte es sogar einen dampfenden Punsch gesetzt. Alle Dienstboten fühlten sich in dieser Halle wie im Lande der Phäaken.

»Jungens – gebt's acht!« dröhnte ihnen noch des alten Küblers Stimme nach.

Der Amtsrat stand in hohem Ansehen. Ein großer, breitgefügter Mann, wie geschaffen zum Arbeiten und zum Befehlen. Praktisch, scharf – dabei grundgütig. Eisengrau stand ihm das dichte Haupthaar empor, und die blitzenden, hellen Augen lagen unter vorgewölbten Jochbogen.

Vor etwa dreißig Jahren hatte er die weitausgedehnten Domänengüter übernommen – das war ein ängstliches, sorgenvolles Unternehmen gewesen. Damals war das Herrenhaus ein recht unbequemer alter Kasten, räumlich beschränkt und gründlich verwahrlost.

Heute nun hatten Amtsrats ihre Silberhochzeit gefeiert. Und der alte Kasten hatte sich im Laufe der Jahre nach allen Seiten und auch in die Höhe gereckt. Immer nach Bedarf war angebaut worden, Stückchen für Stückchen, so wie die Familie gewachsen war und der Verwaltungsapparat. Auch die im großen Stil gepflegte Gastfreundschaft forderte Raum.

Der alte Kübler stand noch immer barhaupt in der kalten, lautlosen Winternacht vor seinem Hause und ließ sein kräftig gefärbtes Gesicht von der herben Frische kühlen. Das tat ihm prächtig wohl nach der schweren Sitzung in den Festräumen.

Er stand wuchtig da mit über der Brust verschränkten Armen, sah auf dieses langgestreckte, regellos zusammengebaute Haus – und lachte vor sich hin.

Ob das nicht schöner war, dieses Symbolum eines tätigen und erfolgreichen Lebens, als die Prachtbauten der großen Architekten, die sie sich aus ihren Stilfibeln und nach tausend Vorbildern zusammenklabüserten! Denn der alte Kübler war genau so übermütig ungerecht wie alle starken Emporkömmlinge.

Er freute sich im Augenblick mit seiner ganzen herzhaften Kraft seines Lebens; und dann flatterten seine Gedanken, von den Geistern des reichlich genossenen Weines lebhaft beschwingt, zu seinem besten Freunde Arnold Diericksen, dem Vetter seiner Frau. Der hätte es doch – auf andre Manier natürlich als er selbst – genau so gut haben können, umgeben von den konzentrischen Kreisen der Familie, des Amtes und der nationalen Betätigung.

Aber nein, der irrte auf der Höhe seines Lebens allein. Gelehrtenruf, o ja; aber füllt das ganz allein ein Mannesleben! – Der Amtsrat schüttelte den Kopf. Gut, daß man Diericksen nun wenigstens einmal fest hatte, daß man ihn für ein Weilchen hegen und pflegen und sich seiner erfreuen konnte.

Er ging endlich ins Haus, durch die Diele, die durch einen weitläufigen Backsteinkamin behaglich durchwärmt war. Jagdtrophäen und die raschelnd dürren Erntekränze vom Herbst zierten die Wände. Er stieg die gebohnte, flachstufige Treppe zum Oberstock hinauf und trat oben durch die Mitteltür in den Saal.

An der lang ausgezogenen Festtafel stand Frau Käthe Kübler mit ihren zwei blonden Töchtern; der Sohn war auf einer Studienreife in Amerika. Die Damen hoben das Silbergerät und die Prunkstücke auf und reichten sie den flinken, niedlichen Stubenmädchen zu, die mit ihren großen Servierbrettern ab und zu gingen.

Die Amtsrätin, jünger als ihre etlichen vierzig Jahre, war eine stattliche, blühende Blondine mit heiteren, gütigen Augen. Das silbern schillernde Seidenkleid paßte prächtig zu ihrer gelassenen Frauenwürde.

Sie stellte rasch die schwere Fruchtschale auf den Tisch zurück, um ihre Hände frei zu bekommen. So ging sie ihrem Manne entgegen, legte beide Arme um seinen Nacken und küßte ihn herzhaft auf den Mund.

»Famos, Mutterchen –« schrie Susanna, und »nein, aber Mama!« rief erschrocken Beate. Denn die fremden Lohndiener hantierten noch in den Ecken mit den Sektkübeln und den halb und ganz geleerten Flaschen.

»He, du Grünschnabel –« rief der Vater und faßte seine Jüngste fest am Kinn, »gönnst du deinem Alten nicht die kleine Belohnung für die fünfundzwanzig Jahre Wohlverhaltens!« Damit legte er den Arm fest um die Schultern seiner Frau.

So traten sie in das Nebenzimmer, das man die Bücherei nannte, obschon die altmodischen gelben Glasschränke mehr mit Jagdwaffen und Naturalien vollgestopft waren denn mit Lesefutter. Ohne Arnold Diericksens gelegentliches Eingreifen hätte es schlimm um die eigentliche Zweckbestimmung dieser Stube ausgesehen.

»Wo habt ihr denn Diericksen gelassen?« fragte der Hausherr, verwundert, den Freund nicht bei den Seinen zu finden.

»Er ist wohl seiner Wege gegangen. Es war schon eine hübsche Dosis Menschenfreundlichkeit, die er sich für unsern Festtag abgerungen hat,« sagte die Frau. »So viele Leute wie heute sieht er sonst das ganze Jahr hindurch nicht.«

Und Susanna meinte, vielleicht werde Onkel Arnold nun seine Festgabe darbringen wollen; das habe er sich ja für den späten Abend vorbehalten.

Diericksen trat gerade ein und hielt einen großen schweren Gegenstand in beiden Armen, der mit einem weißen indischen Seidentuch überhangen war. Sie sprangen alle hinzu, aber Diericksen wollte sich nicht helfen lassen. Er stellte mit einiger Feierlichkeit seine Last auf den Mitteltisch, der von tiefen, bequemen Ledersesseln umgeben war.

Dann richtete er seine seine schmale Gelehrtengestalt auf und sah sie alle nacheinander eindringlich-freundlich an. Seine kurzsichtigen Augen, die durch scharfe, goldgefaßte Gläser blickten, verloren selten ihre Zerstreutheit. An Diericksen flogen die Erscheinungen der Außenwelt nur wie flüchtige Schemen vorbei. Erst in seinem Innern verdichteten sie sich zu Bildern und Erlebnissen. Man hätte ihn öfters für einen wirren Träumer halten können. Aber dagegen sprach denn doch das hohe Gelehrtenansehen, in dem er stand.

Merkwürdigerweise – denn er für seine Person war nicht eigentlich »fromm« – war sein Forschungsgebiet die Geschichte der Heiligen. Die rein geistigen Strömungen einer Zeit, ihre Enthusiasmen und ihre Prosternationen bis in ihre feinsten Verästelungen zu verfolgen, das lockte seinen hingebendsten Arbeitseifer. Das führte ihn oft über Länder und Meere, dahin, wo jene seltsamen Leute gewandelt waren, die selbstlos, in heiliger Inbrunst, für eine bloße Idee über den Dornenweg des Lebens und durch die dunkle Pforte des Todes geschritten waren.

Jetzt aber war Arnold Diericksen ganz bei der Sache. Sooft er erfreuen konnte, stieg er seelenfreudig aus den Bezirken seiner Traumwelt in die gesund banale Welt hernieder. Und wen hätte der allzeit Gütige lieber erfreuen mögen als seine Jugendliebe, die Base Käthchen und deren Töchter, für die er väterlich fühlte.

So drückte er sie alle, die sich lächelnd fügten, in die vier Sessel, schob sich selbst ein Hockerchen heran und zog langsam das bergende Tuch von seiner Festgabe.

Es tauchte ein seltsamer Gegenstand aus den fahlen Seidenfalten. Ganz offenbar ein Sarg aus dunkel ergrautem, mattem Silber. Auf dem geschlossenen Deckel lag ein langgestrecktes Kreuz. Rings um die Wände aber zogen sich Rosenzweige. Die schweren Rosen waren nur reliefartig aus den Flächen gehoben; die Dornenstiele aber mit ihrem reichen Geblätter hoben sich schmeidig frei von den Wänden ab. Der Meister, der dies Ornament gebildet, hatte wohl in der Fülle einer schwelgerischen Natur gelebt.

Sie schwiegen alle vier. Aber Diericksen stellte sacht den schweren Deckel auf, und nun schwebten Rosendüfte empor, schwermütig-süß, wie Rosen sie im beginnenden Sterben aushauchen. Der silberne Sarg war bis an den Rand mit Rosenblättern angefüllt.

»Sie kommen aus Palermo,« sagte Diericksen leise und richtete seinen verschleierten Blick auf die Hausfrau. Die saß in tiefem Sinnen.

»Ich weiß nicht,« sagte sie zögernd, »eine Flut von Erinnerungen steigt in mir auf, und ich finde doch nicht –«

»Diericksen,« sagte Kübler, und es lag zwischen seinen Brauen die tiefe Falte, die ihm der verbissene Kampf zwischen Schwierigkeiten und Sorgen gegraben hatte, »was hat es mit dem Rosensarg für eine Bewandtnis?«

Diericksen lächelte eigen. Er griff in seine Brusttasche und zog ein schmales, altertümliches Schmuckkästchen hervor.

Susanne und Beate rückten näher, als seine behutsamen Finger den Deckel aufspringen ließen. Es lagen zwei Schnüre mattglänzender Perlen auf dem blaßlila Samtpolster, mit zwei altmodischen Goldschlößchen.

»Die Brautkette deiner Mutter?« fragte Frau Käthe.

»Ja,« sagte Diericksen mit einem zärtlichen Blick auf die jungen, blonden Köpfe. »Seit alters ist dies die Brautkette in meiner Familie gewesen. Die Perlen waren unscheinbar geworden. Ihr wißt wohl, Perlen verblühen und sterben wie Blumen. Ich habe sie ins Meer versenken lassen, schon vor Jahren – da unten ins Tyrrhenische Meer. Nun haben sie sich erfrischt und neugerundet.« Er hielt die sanft schimmernden Schnüre mit spitzen Fingern empor. »Und nun sollen die feinen Kettchen die jungen Hälschen deiner Töchter schmücken, Cousine Käthchen.«

»Die Brautperlen?« rief Frau Käthe erschrocken.

Arnold Diericksen lächelte schwermütig.

»Es wird ja keine Braut in unserm Hause mehr geben.«

»Siehst du,« rief Kübler und haschte sich die Hand seiner Frau und hielt sie in seinen festen, zuverlässigen Händen, »das habe ich nie begriffen, Diericksen: warum bist gerade du allein geblieben, warum hast du keine Gefährtin an deiner Seite?«

»Ja, Onkel Arnold,« bat Beate innig, die Diericksens Liebling war, und sie nestelte sich das feine Perlschnürchen um ihren weißen Hals, »so ist es schön nach aller der Unruhe. Lasse uns noch ein nachdenkliches Stündchen haben. Sprich auch einmal zu uns von dir; was wissen wir eigentlich von deinem Leben?«

»Warum ich für mich allein geblieben bin, Kübler,« sagte Diericksen nachdenklich, »daran tragen zwei Wesen die Schuld, die gar wenig miteinander gemein haben, die zwei ganz verschiedenen Welten angehören. Eure liebe und schöne Mutter und – die heilige Rosalie von Palermo.«

Frau Käthe erglühte, und Kübler fragte, mit der tiefen Falte zwischen den Brauen: »Schicken wir die Mädchen nicht besser zu Bett?«

Aber die protestierten, und die Frau rief: »Was Diericksen aus seinem Leben berichtet, das lasse sie doch ruhig hören!«

»Leben,« sagte der lächelnd; »es ist nur ein stilles, geheimes Stückchen Traumleben, um das sich's handelt. Das ist nun schon so viele Jahre her – nein, ihr müßt mich nicht alle so scharf ansehen,« unterbrach sich Diericksen und rückte mit seinem Schemel weiter fort aus dem Lichtkreis der Hängelampe.

»Damals war meine Mutter schwer krank gewesen, und der Arzt schickte sie nach dem Süden. Aber weil sie so ein schmales, zartes Frauchen war, still im ganzen und ein bißchen unselbständig, so gab man ihr eine Nichte mit, ein schönes, rasches Mädchen voll Kraft und Leben – Käthe hieß die. Die tat der kranken Frau absonderlich wohl und tat auch dem stillen, versonnenen Jungen wohl, der auf ein paar Monate zu den Frauen gestoßen war. Und der war ich und wußte noch nicht recht, was anfangen mit dem kleinen Wust von Gelehrsamkeit, der sich bei regellosen Studien im Hirn angesammelt hatte.

Wir wohnten – weißt du's noch, Käthchen? – im schönsten Garten der goldenen Muschel, der Conca d'oro, wie sie die prangende Ebene um Palermo herum nennen. Bis in den Sommer hinein konnten wir in der kleinen Villa hausen, über die der Seewind strich und die im Schatten von Steineichen und Oleanderbüschen stand. Da lasen wir Dante und Ariost und betreuten unsre liebe Kranke, der es alle Tage besser ging. Die Käthe führte das kleine Hauswesen mit rascher Umsicht und feiner Güte. Aber es blieb noch viele Zeit übrig. Da stiegen wir in den Bergen herum, wo am rauhen Gewände der Saft in den Trauben kochte. Stiegen unter dem silbergrauen Gefieder der Olivenwäldchen über die Halden von Ginster, die scharf gelb in der Sonne blitzten. Und verloren uns auf halsbrechenden Ziegensteigen in blühende Einsamkeiten, über die der düfteschwere Wind strich.

Beide waren wir zum erstenmal aus der norddeutschen Kleinstadt hierher verschlagen. Uns umgab eine Atmosphäre von Poesie, wie sie schwer und eindrucksvoll auf Stätten lagert, deren Boden von einer großen Vergangenheit geweiht ist.

Ich erzählte dem Käthchen von Römern und Karthagern, von Goten und Sarazenen und Normannen, wie sie alle ihre Spuren ins Volkstum der Insel gesenkt hatten.

Dann unterbrach sie mich. Sie wollte nur die Gegenwart sehen, das springende Leben, nicht die Schatten der Vergangenheit. Die Ziegenherden in den Mulden von wildem Thymian, die braunen Dirnen, welche die Tiere molken; der Hirte auf seinem zottigen Bastardpferdchen – die Weizengarben und Maiskolben auf den Ochsenkarren, unter dem schier pathetisch blauen Himmel, ja, dafür hatte sie Sinn und Blick.

Und mitten im Genießen der paradiesischen Umwelt zog sie ihr goldenes Uehrchen aus dem Gürtel: ›Vetter, wir müssen ganz rasch zu deiner Mutter.‹ Da half dann nichts, und wären alle wilden Horden der Vergangenheit auferstanden oder alle sanften Heiligen an uns vorübergeglitten, und hätten sich alle berauschenden Düfte verhundertfacht – das Käthchen folgte dem pochenden Uehrchen und dem mahnenden Pflichtgefühl.

Mühte sich dann das strahlend blühende Mädchen um die Mutter, dann nickte die alte Frau mir zu: die halte fest! Und in mir sagte eine Stimme ›Die gewinne dir, die reicht dir die Krone des Lebens.‹

Oft schritten wir durch die schmalen, düsteren Gassen des alten Palermo. Und alles atmete Ewigkeitshauch. Zu mir redeten die Jahrhunderte, und wie eine Woge stürzte über mich das Bewußtsein der ungeheuerlich unentwirrbaren Fülle von lieblich stiller Frömmigkeit und dann wieder unerhört starrem Aberglauben, in der die einfachen Menschen hier wandeln. Hier geboren werden und sterben. Ich fühlte mich der Natur so viel näher als daheim, wo sie streiten und feilschen um den Glauben, und darüber verflüchtigt sich der Glaube, und es bleibt die nüchterne, verstandeskühle Leere der Gottabwendung.«

Der Amtsrat richtete sich stramm auf. Er hatte still, die Augen halb geschlossen, zugehört. Er wollte reden; aber die Frau griff seine Hand mit starkem Druck. Da lehnte er sich wieder in seinen Sessel zurück. Sie kannten Diericksen so von Grund aus, und keiner störte ihn. So fuhr er halblaut, wie zu sich selber redend, fort: »Und das deutsche Mädchen stand so fremdartig in ihrer lichten Jugendpracht gegen die alten Mauern und zerfallenen Torbogen. Da fiel mir zum erstenmal der große Gegensatz auf zwischen uns beiden. Sie sprach und lachte, wie sie's gewohnt war, im unbewußten Gefühle ihrer Kraft, wo ich nur hätte flüstern mögen wie ein scheuer Gast auf fremder Scholle.

Und eine absonderliche Lust am Kaufen hatte die blonde Käthe. Gingen wir durch die neuen Straßen, wo die modernen Menschen aus der großen Welt nicht viel anders leben als überall sonst, wo blanke Läden und steinerne Gewölbe für alle ihre komplizierten Bedürfnisse sorgen, da verschwand sie oft plötzlich von meiner Seite. Dann hatte sie einen schönfarbigen Seidenlappen entdeckt, eine seltsame Stickerei oder einen altertümlichen Silberlöffel. Solche Schätze trug sie dann seelenvergnügt heim. Fragte ich endlich: ›Was tust du mit all dem Tand?‹, dann sagte sie stolz: ›Das ist für meinen Hamsterkasten.‹ Denn das wißt ihr Mädchen wohl, der Hamsterkasten ist die Grundlage für die künftige Ausstattung. Ist ja auch eine heimlich hübsche Vorstellung, wenn hier, wo ein halb Jahr lang der strenge Winter herrscht, ein schönes Mädchen sacht und allmählich die Halme zusammenträgt zum künftigen Nestbau.

Aber dort – sei mir nicht böse, Cousine Käthchen –, dort schien es mir so eng; lag wohl an mir selbst, der ich noch ein ziellos versonnener Junge war.

Wie Kinder, die nach Kieseln greifen, weil die Dinger bunt und blank sind kommen mir noch heute die Menschen vor, die nach flüchtigem Besitze ringen, dieweil die Gestirne ihre ewigen Bahnen ziehen.

Aus der Heimat schrieben sie von einem unlustigen Sommer, von kalten Winden und grauen Regentagen. Da blieben wir, wo wir waren; verdämmerten die heißen Tagesstunden und genossen die wunderreine Frische der seewind-gekühlten Morgen und Abende.

Und eines Morgens, es war am zwölften Juli, gab es schon vor Tag ein ungewohntes Gelärm. Ein Menschenstrom aus den Dörfern und Flecken ringsum ergoß sich zur Stadt. Eselskarren und Ochsenfuhrwerke rollten vorbei. Das lachte, sang und jubelte an unsern Fenstern vorüber. Und alles war mit Rosen geschmückt, mit Sträußen und ganzen Gewinden. Auf den Karren lag die duftende Last, quoll über und fiel in den Staub der Straße. Von der Stadt her aber fingen die Glocken an zu läuten. In großen, schwimmenden Wogen ergossen sich die Klänge und mischten sich mit den spielenden Lüftchen, die von der See herüberkosten. Das war vielleicht der stärkste Eindruck meines ganzen Lebens.

Ich lief davon, aus dem Hause; ich dachte an kein Käthchen, die doch sonst mein Kamerad auf allen Wegen war. Lief der Menge nach, war bald eingekeilt zwischen schreienden, laufenden Menschen, die alle der Stadt zustrebten. Nicht einmal der scharfe, stechende Duft ihres Atems und ihres Schweißes kam mir zum Bewußtsein, den diese Südländer ausströmen, und der mich sonst ihre Ansammlungen mit scheuer Abneigung meiden ließ.

Was war denn nur, was begab sich da?

Ein Alter, mit lachend entblößtem Ebergebiß und mit den Bartstoppeln zweier Arbeitswochen, klärte mich auf. ›Santa Rosalia,‹ rief er mir zu, mir, in dem er mit nationaler Geringschätzung den Fremden erkannte, ›Santa Rosalia!‹ Und die andern schrien und jubelten es nach: ›Santa Rosalia, Santa Rosalia!‹

Ja so, das war ja die Schutzheilige von Palermo, und ich erinnerte mich auch, daß die machtvolle Kathedrale, diese Bekenntnisfrucht in wettergrauem, ehrfurchtgebietendem Gestein, im zwölften Jahrhundert zu ihren Ehren von einem Normannenkönig erbaut worden war. Alljährlich zeigte man dem Volke ihren Sarg, Pest und Seuchen waren gewichen, wenn das Heiligtum ans Tageslicht gehoben worden war.

Unaufhaltsam geschoben und gedrängt, waren wir auf dem Kirchplatz angelangt, als die schweren Flügel des Mittelportals sich auftaten; und getragen auf den Schultern eines ganzen Zuges weißgekleideter Nonnen, schwankte der rosenbekränzte Silbersarg in die lichte Strahlenhelle des südlichen Morgens. Und die ehernen Glockenklänge zwangen die Menschen auf ihre Knie nieder.

Die Stille dauerte aber nur sekundenlang. Dann brach betörender Jubel los, und die weißen Frauen, die den schmalen Silbersarg der Verklärten trugen, und die flachen Marmorstufen, die zu ihnen emporführten, bedeckten sich mit silberweißen und blutroten Rosen. Die Rosen flogen durch die Lüfte, von Fenstern und Ballonen und aus den zitternden Händen der erregten Menschen. Und unbegreiflich wie, aber es öffnete sich durch die kompakte Masse der Anbetenden eine schmale Gasse, und an mir vorbei schwebte der Zug der Klosterfrauen, schwankte leise das Särglein mit den starren Dornenzweigen und den morgenlichtdurchtränkten Rosenblüten.

Ich fand mich wieder an den Hängen des Monte Pellegrino; durch Sonnenglast und Wegestaub muß ich getaumelt sein, fast ohne meiner selbst bewußt zu werden.

Und ich dachte der süßen Legende nach, von der Prinzessin aus königlichem Blute, Wilhelm des Gütigen von Neapel zarter Tochter, die in den Marmorballen und Rosenhainen ihrer paradiesischen Heimat erwuchs. Die, selbst unschuldigen Herzens, rings um sich her Leidenschaften spürte, Verderbnisse, Ungeheuerlichkeiten, überall, wo sie die frommen Kinderaugen nur hinhob. Die ungezügelte Leidenschaften spürte auch bei den Priestern, denen sie die Hände zu küssen gelehrt war.

Da wurde ihr feiner Sinn verstört, daß selbst das Rieseln und Raunen im Lorbeerhain und Myrtengebüsch, daß selbst das Plätschern der Flut, das Plaudern der Quelle Unkeusches zu wispern schienen.

Und das zarte Jungfräulein, den Kinderschuhen kaum entwachsen, hüllte sich in graue Schleier und gürtete sich mit dem Strick. Barfuß erklomm sie die unwegsamen Stege des Pilgerberges und verbarg sich scheu in Grotten und Höhlen.

Man spürte ihr nach und brachte sie zurück, gab ihr Aufseher und Gespielinnen, die sie nicht aus den Augen lassen durften. Aber wie die Luft so frei und leicht durch das schmalste Spältchen streicht, so sicher wußte sie wieder zu entkommen. Ihre Augen hafteten an der Himmelsbläue und ihre Füße fanden dennoch sicheren Boden, und ein Silberwölkchen zog ihr zu Häupten und ein feines, starkes Rosengedüfte stand um sie her, wo sie ging oder ruhte.

Sie ist kinderjung gestorben. In einer Höhle des Monte Pellegrino fand man den schmalen Leichnam. Der lag unverändert auf einem Bett von Rosenblättern, die frisch blieben wie die leichte Last, die sie trugen.

Nachher kamen große Herren, Könige und Päpste, und häuften Glanz und Pracht um den Namen des seligen Jungfräuleins, das die Verderbnis der Welt nicht hatte ertragen können.«

Es blieb eine Weile ganz still. Auf Diericksens Wange blühte ein feines, blasses Rot innerlicher Erregtheit.

Der Amtsrat rückte ein weniges ungeduldig auf seinem Sitz. »Nun, und –?« fragte er endlich.

»Nun, und,« sagte Diericksen, trat aus seinem Schatteneckchen und setzte sich wieder zwischen die andern in den Umkreis des Lichtes, »und so ist es geblieben für meine ganze Lebenszeit. Die Jahre schmolzen so sacht hin unter freier, selbstbestimmter Arbeit. So ganz ergebnislos waren sie ja nicht. Und mein Herz fand sein Genügen bei meinen beiden Lieben.«

Der Amtsrat stand auf und ging wuchtig ans Fenster. Er zog den Vorhang fort, und sie sahen alle auf den nachtschwarzen Himmel und die kalten Gluten der weißen Sterne.

Dann wendete er sich und schüttelte versonnen den Kopf. Sein Blick umfaßte das teure Bild seiner Lieben, die da in der nordischen Winternacht um das düfteschwere Särglein der toten Heiligen versammelt saßen.

›Da gehen zu allen Zeiten,‹ dachte er, ›idealistische Träumer zwischen uns umher; bald Künstler, bald Märtyrer – oft beides zugleich; lassen sich genügen an bloßen Schemen und haben keinen Blick für die Güter des starken, überstarken Menschenlebens.‹

Als er aber dann die Augen seines Freundes suchte, fühlte er dessen Blick mit feinem, lächelndem Verstehen heiterer Eindringlichkeit auf sich gerichtet.

»Ueber alle Gegensätze weg, Diericksen, die Freundschaft!« Und die beiden Männer schüttelten sich die Hände.