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Hermine Frankenstein – Eine geheime Mission

Kriminalroman

Hermine Frankenstein, Eine geheime Mission, Josef Habel, Regensburg, o. J.


Erstes Kapitel

»Wer ist Ihr Freund, Lord Herbert?«

»Welchen meinen Sie? Ich bin so glücklich, ziemlich viele hier zu haben.«

»Ich hätte sagen sollen: Ihre Freunde. Ich meinte die beiden Herren, die Sie soeben verlassen haben.«

Viviane Branscombe stellte die Frage mit bewunderungswürdiger Gleichgültigkeit, obwohl sie auf die Antwort sehr gespannt war.

»Ah, Sie meinen Heathcote und seinen jungen Schützling. Ich bin nicht überrascht, daß Ihnen die beiden aufgefallen sind, denn sie gehen sehr selten in Gesellschaft, und ein neues Gesicht findet man bald heraus in unserem Kreise.«

»Besonders ein so auffallend schönes Gesicht wie das dieses Jüngling.« Miß Branscombe machte diese Bemerkung ganz unbefangen, denn ihr Gewissen war vollkommen frei von einem besonderen Interesse für den »bleichen Adonis«. Es war der ältere Mann, der ihre Aufmerksamkeit erregt hatte.

»Er ist fast lächerlich schön, nicht wahr? So viel Schönheit ist Verschwendung für einen Jüngling. Man hat das Gefühl, als müßte man ihm Mädchenkleider anziehen und die Haare lang wachsen lassen.«

»Da tun Sie ihm unrecht. – So wie er ist, könnte man ihn als Statue aufstellen und fortwährend bewundern. Aber wer ist er?«

»Wer er ist? Heathcote nennt ihn Iwan. Sein zweiter Name ist Schirikow. Er ist ein Russe und von sehr vornehmer Herkunft.«

»Wer ist Heathcote?« Sie interessierte sich nicht im entferntesten für den anderen Namen, den Lord Herbert ausgesprochen hatte.

»Heathcote ist der hochgewachsene Mann. Wir waren Schulkameraden in Eton. Er hatte später Unglück, denn er ist Reisebegleiter bei diesem jungen russischen Grafen.«

»Wirklich? Nun, ich denke, es müßte einem Vergnügen machen, der Begleiter dieses jungen Mannes zu sein, nur um ihn immer anschauen zu können. Sie müssen mir die beiden vorstellen. Ich wäre überglücklich, wenn der junge Graf mir einige Sitzungen schenken würde.«

Miß Branscombe war nämlich aus Liebhaberei Porträtmalerin.

»Das kann sofort geschehen,« antwortete Lord Herbert.

»Beeilen Sie sich nicht,« sagte sie. »Das hat Zeit, bevor ich oder die beiden Herren von hier fortgehen.«

Miß Branscombe herrschte in ihren Kreisen wie eine Königin. Sie war eine Waise, dreiundzwanzig Jahre alt, eine große Schönheit, und im Besitze einer Jahresrente von nahezu zwanzigtausend Pfund. Sie besaß auch eine gehörige Portion Energie, und das reichte hin, um ihr eine fast unbegrenzte Herrschaft über ihre Umgebung zu sichern. Dabei war sie ungewöhnlich klug und entstammte einer alten, guten Familie. Es war daher nicht zu verwundern, daß sie zahlreiche Heiratsanträge erhielt; ebensowenig, daß sie so schwer zu befriedigen war und bisher keinen ihrer Bewerber erhört hatte.

In der letzten Zeit hatte sie etwas erlebt. Ein Mann war bei drei verschiedenen Gelegenheiten mit ihr in derselben Gesellschaft gewesen und hatte nicht den Wunsch ausgesprochen, ihr vorgestellt zu werden. Vielleicht war das der Grund, warum sie wünschte, eben diesen Mann kennen zu lernen. Sein ganzes Wesen machte ihr den Eindruck von seltener Kraft; das Bewußtsein, hier jemandem begegnet zu sein, dessen Persönlichkeit stärker war als ihre eigene, jemandem, den sie nicht um ihren kleinen weißen Finger wickeln konnte, reizte sie und unterstützte ihren Wunsch, ihn kennen zu lernen. Und da es sie immer interessierte, seltsamen Dingen auf den Grund zu gehen, empfand sie den Wunsch, seinen Geist zu prüfen.

»Sie kommen hieher,« sagte Lord Herbert. »Ich will mich jetzt ihrer bemächtigen und sie vorstellen.«

Eine Minute später verbeugte sich Heathcote vor Miß Branscombe, und gleich darauf stellte er auf einen Wink Lord Herberts den jungen Mann an seiner Seite vor.

»Mein Freund Graf Iwan Schirikow.«

Heathcote hatte diese Vorstellung nicht im geringsten gewünscht. Er war daher entschlossen, sich zu entfernen, sobald die Vorstellung erfolgt war, und nur einige alltägliche Bemerkungen mit ihr zu wechseln; aber sie lächelte ihm zu – ein einziges Lächeln, das ihr Gesicht so wundersam erhellte. Sofort war er neben ihr festgehalten, wartend und hoffend, daß sie ihm, wenn er nur lange genug ausharrte, noch ein zweites solches Lächeln schenken werde. Nicht, daß er sich auf den ersten Blick in sie verliebt hätte – aber ihr Lächeln hatte ihn mit seltsamer Macht angezogen.

Der junge Russe hingegen betrachtete sie mit unverhohlener Bewunderung. Aber es war dieselbe Bewunderung, die er einem herrlichen Kunstwerke entgegengebracht hätte, und als unmittelbar darauf ein anderes Mädchen auf sie zutrat, war es dieses, dem er sofort seine Aufmerksamkeit zuwendete. Es war auch sehr hübsch, aber bis jetzt war seine größte Anziehungskraft, daß es ein erklärter Liebling Miß Branscombes war. Zarter, schlanker und weicher geformt als Viviane, besaß Flora Allerton weder die bedeutende Persönlichkeit noch die durch Kontraste so stark wirkende Schönheit ihrer älteren Freundin.

Aber Flora war die verkörperte Sanftmut und Lieblichkeit und dazu angetan, gerade den Mann zu fesseln, dem Viviane zu selbständig und eigenartig erscheinen mochte. Sie war bedeutend kleiner als Viviane, von einer ungewöhnlich zarten Gestalt, ihre Gesichtshaut fast durchsichtig weiß. Ihre großen braunen Augen hatten einen flehenden Ausdruck, als deuteten sie auf einen heimlichen Kummer, und die Zartheit ihrer Erscheinung machte auf alle einen durchaus falschen Eindruck körperlicher Schwäche. In Wirklichkeit aber war sie von heiterster Gemütsart und besaß eine ungewöhnlich kräftige, widerstandsfähige Gesundheit.

Iwan hatte sie am vergangenen Abend zum ersten Male gesehen und machte kein Hehl daraus, daß er entzückt war, ihr wieder zu begegnen.

Auch sie war darüber erfreut, aber sie empfand gleichzeitig eine gewisse Verlegenheit, weil sie es so schwer fand, ihn nicht fortwährend anzusehen, während sie miteinander sprachen. Tatsächlich fühlte jeder dasselbe Verlangen, Iwan unverwandt anzustarren, und die meisten gaben sich dieser Neigung ungeniert hin. Flora jedoch war sich bewußt, daß hinter der einfachen Bewunderung sich in ihr noch eine zweite Empfindung regte, die sie erröten und ihre großen Augen sich senken machte bei dem Gedanken, daß sie zuviel verraten haben könne. Sie hatte nie in ihrem Leben einen so vollendet schönen Menschen gesehen, wie Iwan war, und jeder, der ihn sah, war derselben Meinung und sprach sie unverhohlen aus. Bei Flora war es jedoch anders, denn sie empfand, daß sie nur zu wollen brauchte, um seine Schönheit und noch viel mehr ihr eigen zu nennen.

»Sie haben mir nicht gesagt, daß Sie heute abend hier sein werden,« sagte er leise zu ihr.

»Warum hätte ich es Ihnen sagen sollen?« meinte sie. »Sie fragten doch gar nicht danach und Sie haben mir auch nicht gesagt, daß Sie herkämen.«

»Ich wußte es bis vor kurzem selbst nicht. Ich wohne mit Mr. Heathcote zusammen und er trifft alle Vereinbarungen für uns beide.

»Nun, es ist noch so früh in der Jahreszeit, daß noch wenig Leben in unseren Kreisen ist. Dies ist auch nur eine ganz kleine Teegesellschaft. Sie werden doch natürlich die Saison in der Stadt mitmachen?«

»Ich weiß es noch nicht ganz sicher,« antwortete er. »Mr. Heathcote macht alle unsere Pläne. Sobald er findet, daß ich der englischen Sprache sicher genug bin, werden wir vielleicht nach Ostern wieder abreisen. Wenn ich dann fortgehen muß, hoffe ich, Sie vorher noch recht oft sehen zu dürfen.«

»Sie wurden soeben meiner Freundin Miß Branscombe vorgestellt, nicht wahr?« fragte sie, »und ich hoffe, daß Sie ihr nächstens einen Besuch machen werden. Sie und Mr. Heathcote, wenn das der richtige Name ihres Freundes ist. Sie wird Ihnen beiden sicherlich sehr gut gefallen. Ich bin fast täglich bei ihr, weil sie mein Porträt malt.«

»So ist Miß Branscombe eine Ihrer berühmten englischen Malerinnen?« versetzte er rasch. »Ich werde sie gewiß besuchen, während sie an Ihrem schönen Bilde arbeitet, wenn sie es erlaubt.«

»Wäre es Ihnen nicht lieb, von ihr gemalt zu werden?« fragte Flora. »Ich bin überzeugt, daß sie es wünschen wird.«

»Es wäre eine zu große Ehre für mich,« antwortete Iwan sehr ernsthaft.

»Wenn sie Sie darum ersucht, würden Sie ihr zu einem Porträt sitzen? Ich bin überzeugt, daß sie mit mir darüber spricht, und möchte wissen, was ich ihr dann sagen darf.«

»Ich sehe nicht ein, warum ich mir dieses Vergnügen nicht gestatten dürfte; aber es wird vielleicht notwendig sein, erst Mr. Heathcotes Rat einzuholen.«

Flora schaute etwas unzufrieden drein. Der Gedanke, daß er vollständig unter der Führung eines anderen Mannes sei, war ihr nicht angenehm. »Gefällt Ihnen Miß Branscombe?« fragte sie.

»Außerordentlich,« sagte er. »Es gibt wirklich viele schöne Frauen in England.«

»Ich halte sie für das schönste Mädchen, das ich jemals  gesehen habe,« sagte sie ganz offen und mit großer Herzlichkeit. Sie liebte Viviane wirklich, wenn sie auch durchaus nicht den Wunsch hatte, daß Iwan dieselbe Empfindung hegen möge.

»Ich ziehe zartere Frauenschönheiten vor,« antwortete Iwan.

»Erzählen Sie mir von den Russinnen,« begann Flora wieder mit plötzlich gesenkten Augen. »Ich habe noch nie eine gesehen. Ich kenne sehr viele Deutsche und Franzosen, aber Sie sind meine erste und einzige russische Bekanntschaft.«

Er machte einige Bemerkungen über seine Landsleute im Vergleich zu anderen Nationen.

Unterdessen hatte Miß Branscombe Lord Herbert Graham beauftragt, ihr einen anderen Freund ausfindig zu machen, obgleich sie ganz genau wußte, daß der Betreffende irgendwo am anderen Ende von London eine Vorlesung hielt, und während der Lord fort war, setzte sie ihr Gespräch mit Mr. Heathcote fort.

»Ich glaube, ich kenne einige Verwandte von Ihnen, die Leonard Heathcotes. Sie haben lange Zeit in der Nähe von Branscombe-Abtei gewohnt, verkauften aber ihre Besitzung und gingen auf Reisen. Mrs. Leonard Heathcote war von ungewöhnlich zarter Gesundheit und konnte den englischen Winter nicht ertragen.«

»Ja, ich glaube, es sind entfernte Verwandte von mir. Verleben Sie viel Zeit auf Ihrem Landsitze?«

»Ja,« entgegnete sie. »Ich liebe das Landleben und würde am liebsten ganz und gar dort wohnen, wenn es nicht so einsam wäre; aber ich bin eine gesellige Person. In der Stadt ist man nie in Verlegenheit um eine Beschäftigung; aber ich kann nicht umhin, zuzugeben, obgleich es vielleicht sehr gegen mich sprechen mag, daß ich bei Regenwetter die Tage in Branscombe-Abtei ziemlich lange finde.«

»Nun, wenn man nichts zu tun hat, wird einem die Zeit überall zu lang,« versetzte Heathcote.

»Welch scharfe Zurückweisung! » rief sie aus. »Sie betrachten mich offenbar als ein ganz überflüssiges Wesen. Nun, vielleicht haben Sie recht. Es ist wahr, daß ich mich weder der Frauenrechtlerei widme noch ein Buch geschrieben habe; aber ich finde dennoch Beschäftigung genug. Das meinte ich mit meinen Worten, und das schließt natürlich auch die Möglichkeit in sich, daß man sich bei schlechtem Wetter auf dem Lande langweilen kann.«

»Sie sollten irgend eine Lieblingsbeschäftigung haben,« versetzte er.

»O, die habe ich ja,« bekannte sie. »Ich schmiere Farben auf die Leinwand. Ich bin froh, daß Sie die Sprache auf diesen Punkt gebracht haben, weil ich den dringenden Wunsch empfand, Sie zu fragen, ob Sie glauben, daß Graf Schirikow mir einige Sitzungen gewähren würde. Man könnte ja hundert Jahre leben, ohne ein zweites Mal ein so vollendetes Modell zu finden.«

»Ja, er ist ein selten schöner Junge,« sagte Heathcote. »Aber ob er sich malen lassen will – das weiß ich nicht.«

»Ich bin überzeugt, daß er es mir nicht verweigern würde. Bitte, unterstützen Sie mich, wenn ich ihn darum ersuche. Kommen Sie morgen nachmittags beide zu mir zum Tee, und Sie sollen mein Atelier besichtigen. Ich male jetzt ein Porträt von Miß Allerton; aber das kann warten, wenn der junge Graf einwilligt, mir zu sitzen. Flora kann ich zu jeder Zeit haben, aber . . .«

»Sie wären vielleicht nicht imstande, Iwan zu jeder Zeit haben zu können.«

»Das klingt wie eine schauerliche Prophezeiung,« sagte sie, »als ob über dem Haupte des schönen Jungen ein Unheil schweben würde! Sie haben es gewiß nicht so gemeint, und ich bin auch keineswegs eine ängstliche Person, aber in Ihrer Stimme lag ein fast tragischer Ton, der mich erschreckte. Sie würden einen großartigen Schauspieler abgeben, Mr. Heathcote. Stellen Sie sich vor, wenn Sie ein ganzes Schauspielhaus so erschüttern könnten, wie Sie soeben mich erschütterten.«

»Das kann ich mir gar nicht denken, und ich muß Ihnen die Versicherung geben – damit Sie sich keiner falschen Vorstellung von mir überlassen –, daß ich ebensowenig Talent zum Schauspieler habe als zum Schornsteinfeger.«

»Ich werde Ihnen wirklich von Herzen dankbar sein, wenn Sie mir versprechen wollen, Ihren Adonis morgen zum Tee mitzubringen und ihn zu überreden, mir zu einem Porträt zu sitzen.«

Er versprach sein möglichstes zu tun, bat sie um ihre Adresse und drückte den Wunsch aus, einige ihrer Bilder sehen zu dürfen.

»Ich behalte sie niemals,« erklärte sie.

»Sie scheinen von Ihren eigenen Leistungen keine allzu hohe Meinung zu besitzen.«

»Warum sollte ich dies? Ist es denn nicht sehr unvernünftig, allzusehr von der allgemeinen Anschauung abzuweichen?«

»Das hängt ganz von der Anschauung ab. Aber was Ihre Bilder anlangt, muß ich eines sehen, selbst wenn es nur das unfertige Porträt Miß Allertons wäre, und mir ein Urteil darüber bilden, ob die Ansicht, die Sie soeben ausgesprochen haben, gerechtfertigt ist. Ist das dort nicht Miß Allerton, welche mit Iwan spricht?«

»Ja, Sie scheinen beide ganz vertieft in ihre Unterhaltung zu sein, was mich plötzlich auf eine Idee bringt. Jetzt weiß ich, was ich tun werde. Ich werde ihm ihr Bild und ihr das seinige schenken. Dadurch bin ich wenigstens sicher, daß zwei meiner Bilder aufbewahrt werden.«

»Scheint Ihnen das?« fragte er rasch. Er wendete sich um, um Flora und Iwan besser ins Auge zu fassen, dann schaute er mit etwas gefurchter Stirn Viviane wieder an.

»Unsinn,« murmelte er und fügte in plötzlichem Erkennen, daß er nicht zu sich selber spreche, hinzu: »Entschuldigen Sie dieses Wort, aber es ist Unsinn. Iwan ist noch nicht zweiundzwanzig Jahre alt und Miß Allerton fast noch ein Kind.«

»Dennoch soll es schon vorgekommen sein, daß selbst minderjährige junge Männer und Mädchen sich füreinander interessierten. Aber ich muß meine Worte vorsichtiger wählen, wenn Sie sie so unbarmherzig scharf kritisieren. Betrachten Sie alle die kleinen Vorkommnisse des Lebens mit solchem Ernste, Mr. Heathcote?«

»Ich möchte ein solches Hauptereignis im Leben eines teueren Freundes keine Kleinigkeit nennen,« antwortete er kühl.

»Auch ich würde dies nicht tun. Wie konnten Sie annehmen, daß ich mit dem, was ich sagte, wirklich etwas Ernsthaftes meinte? Ich glaube gar nicht, daß diese beiden Kinder schon einmal miteinander gesprochen haben.«

»Sie waren gestern bei Lady Wardlaw längere Zeit beisammen. Ich erinnere mich nicht, Sie dort gesehen zu haben.«

»Nein, ich speiste bei einer anderen Bekannten. Und Flora hat mir gar nicht gesagt, daß sie den Grafen Schirikow kennen gelernt hat. Das sieht etwas verdächtig aus. Ich wittere immer Unheil, wenn Kinder anfangen Geheimnisse zu haben.«

»Ich will Ihre Neckerei nicht wieder herausfordern,« meinte er mit ernstem Lächeln. »Ich habe allzu lang fern von dem gelebt, was Sie die Welt nennen, und man verlernt so leicht den oberflächlichen Ton, der dort herrscht.«

»Woher können Sie wissen, was ich die Welt nenne? Ich verstehe jedoch vollkommen, was Sie meinen; Sie brauchen es mir nicht weiter zu erklären. Aber Sie sind ganz und gar im Unrecht, wenn Sie glauben, daß die gesellschaftliche Welt mir sehr viel gilt, und ich habe einen Abscheu vor Leuten, die es niemals ernst meinen.«

Mr. Heathcote schaute sie gedankenvoll an und vergaß abermals, daß die Höflichkeit eigentlich eine rasche Antwort erfordert hätte.

Viviane war so wenig daran gewöhnt, Männer, mit denen sie sich unterhielt, in Stillschweigen versinken zu sehen, daß sie glaubte, es sei ihr nicht gelungen, ihn zu interessieren, was sie nur um so entschlossener machte, bei einer künftigen Gelegenheit seine Aufmerksamkeit doch noch zu fesseln. Jetzt jedoch sollte er nicht länger an ihrer Seite verweilen, denn sie machte Lord Herbert, der soeben von seinen fruchtlosen Forschungen zurückkehrte, an ihrer Seite Platz.

»Konnten Sie ihn nicht finden?« fragte sie sanft.

»Er ist gar nicht hier,« erwiderte Lord Herbert in gekränktem Tone, »und ich glaube, Sie haben es ganz gut gewußt.«

»Glauben Sie nie etwas Garstiges von mir,« riet sie ihm.

Lord Herbert, der von dieser Bemerkung nicht im geringsten aus der Fassung gebracht war, lächelte Heathcote zu.

»Sie sehen,« sagte er, »das Privilegium, als Miß Branscombes alter Freund zu gelten, hat auch seine kleinen Nachteile.«

»Das sehe ich wohl,« antwortete Heathcote, »aber niemand würde dieses Privilegium zurückweisen.«

Er vereinigte sich tief, als ob er sich plötzlich erinnerte, daß es nun Zeit zum Gehen für ihn sei, und wendete sich ab, Iwan zu suchen, welcher sich mit Flora Allerton in einen Nebenraum zurückgezogen hatte.

»Ich dachte, es wäre der Adonis, dessen Sie sich bemächtigen wollten?« sagte Lord Herbert etwas gekränkt. »Sie können doch unmöglich wünschen, Heathcotes Bild zu malen?«

»Natürlich nicht. Aber ich habe ihn überredet, den Grafen Schirikow zu ersuchen, mir zu sitzen. Und nun noch eines, lieber Freund, wollen Sie so gütig sein, Lady Vavasour für mich aufzusuchen? Ich möchte nach Hause fahren.«

»Ich habe diesen Abend noch keine fünf Minuten ununterbrochenen Gespräches mit Ihnen gehabt.«

»Was liegt daran? Sie kennen alle meine Ideen auswendig und ich die Ihrigen. Warum sollten wir Zeit damit verschwenden, dieselben breitzutreten? Wenn Sie mich daher nicht zu einem Streite reizen wollen, täten Sie besser, Lady Vavasour so rasch als möglich für mich zu finden.«

»Nein, streiten will ich nicht mit Ihnen durchaus nicht,« schnarrte er und ging.



Zweites Kapitel

Lady Vavasour setzte sich am nächsten Morgen um neun Uhr mit der Miene einer stillen Dulderin an den Frühstückstisch, ergriff mit einer Hand die Teekanne, als wäre ihr dies die unangenehmste aller Pflichten, und die andere Hand hielt sie vor den Mund, um ein Gähnen zu verbergen.

Sie war Viviane Branscombes bezahlte Gesellschafterin und Anstandsdame und sie wußte sehr wohl, daß sie Glück gehabt, als sie diese Stelle bekommen hatte.

»Sie scheinen noch schläfrig zu sein,« meinte Viviane. »Warum sind Sie so früh aufgestanden?«

»Weil Ihre Frühstücksstunde um neun Uhr ist,« antwortete die gewissenhafte Witwe.

»Aber Sie können doch Ihr Frühstück immer im Bett nehmen, wenn Sie noch keine Lust zum Aufstehen haben. Ich mache mir nicht das Geringste daraus, allein zu frühstücken, aber es wäre mein Tod, müßte ich bis zehn oder elf Uhr darauf warten.«

»Bitte, überreden Sie mich nicht zu einer Nachlässigkeit,« versetzte Lady Vavasour.

»Nun, ist es vielleicht ein Zeichen von allzu großer Unabhängigkeit, wenn man allein frühstückt?« fragte Viviane, nach einer Schnitte kalten Bratens greifend.

»Ach, es handelt sich nicht um das Frühstück allein,« seufzte Lady Vavasour. »Es handelt sich um das, was unmittelbar nach demselben geschieht. Sie wissen sehr gut, daß Sie von zehn Uhr an nicht mehr sicher sind, in Ruhe gelassen zu werden. Eben diejenigen Leute, die aus ganz besonderen persönlichen Gründen Sie ganz allein treffen wollen, suchen Sie zu den frühesten Stunden auf, weil sie wissen, daß ein Alleinsein mit Ihnen später am Tage noch schwerer erreichbar ist.«

»Diese Leute? Nun, wer sind sie denn?« entgegnete Viviane lachend. »Schauen Sie mich doch nicht so finster an, Lady Vav. Ich verstehe Sie und weiß, daß Sie es sehr gut mit mir meinen. Sie sind mir ja unschätzbar. Aber heute morgens kommt nur Flora Allerton, und wir wollen uns in das Atelier einschließen und niemanden vorlassen bis zum Gabelfrühstück. Daher gehen Sie doch immerhin ins Bett zurück und trachten Sie zu schlafen. Apropos, wir bleiben heute nachmittags zu Hause. Ich habe Mr. Heathcote und Graf Schirikow zum Tee geladen und Flora wird hier bleiben und mir helfen, die Herren zu unterhalten. Ich werde für niemanden außer Lord Herbert Graham zu Hause sein. Er weiß, daß ich heute nirgends hingehe, wird daher mit Bestimmtheit kommen, und er ist ein viel zu alter Bekannter, um ihn nicht zu empfangen. Ich möchte Sie daher bitten, sich seiner zu bemächtigen und ihn zu unterhalten. Ich muß die anderen jungen Leute für mich allein haben, weil ich eine äußerst wichtige Sache mit ihnen vereinbaren will.«

»Sie haben sie gestern abends zum erstenmal gesehen?« warf Lady Vavasour fragend ein. »Vorsichtshalber, verstehen Sie, kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu sagen, daß ich gestern abends einige seltsame Geschichten gehört habe, welche über diesen schönen jungen Russen im Umlaufe sind. Wäre es daher nicht geraten, sich vorher genau zu erkundigen, ehe Sie ihn und seinen Erzieher zu sich ins Haus laden?«

»Ist Mr. Heathcote sein Erzieher? Das wußte ich nicht,« versetzte Viviane. »Und was für Geschichten sind denn im Umlaufe?

»Es wird erzählt, daß kürzlich von einem abscheulichen Ausländer ein Angriff auf das Leben des Jüngeren gemacht wurde, und daß Mr. Heathcote ihn rettete. Soviel man weiß, können sowohl der Erzieher als auch der junge Graf Verbrecher, Anarchisten oder sonst etwas Schreckliches sein.«

»Sie scheinen nicht zu bedenken, daß sie, wenn dies der Fall wäre, eher dem Leben anderer Menschen gefährlich wären, als daß man Angriffe auf das ihre machte. An dieser Geschichte finde ich nur das eine schrecklich: daß ein Ausländer ein Attentat auf den jungen Russen machte.«

»Nun, ich habe nur meine Pflicht getan und versucht, für den Fall, daß Ihnen durch die Bekanntschaft mit diesen Leuten etwas Unangenehmes zustoßen sollte, Sie vor ihnen zu warnen.«

»Liebe Lady Vav, Sie bringen Ihr Leben damit zu, mich zu warnen, und ich freue mich außerordentlich, so behütet zu sein. Aber ich fürchte dennoch, daß das nicht den geringsten Nutzen haben wird. Ich werde bis an mein Lebensende leichtsinnig und unbekümmert sein. Wenn Sie eine halbwegs vernünftige Begründung für meinen heutigen Eigensinn haben wollen, will ich Ihnen sagen, daß ich die Hoffnung habe, den schönen jungen Russen auf Leinwand verewigen zu können. Stellen Sie sich mein Entzücken über die Aussicht eines solchen Modells vor.«

»Ich bin nicht imstande, Ihre künstlerische Begeisterung zu teilen,« versetzte Lady Vavasour vorsichtig. »Graf Schirikow ist sicherlich sehr schön, aber ich glaube dennoch, daß Sie etwas Näheres von ihm wissen sollten, ehe Sie ihn einladen, viele Stunden in Ihrem Atelier zu verbringen. Und dann ist ja auch noch der Erzieher da! Wer in aller Welt ist denn dieser Mr. Heathcote?«

»Er ist ein Cousin von den Leonard Heathcotes, höchst ehrsamen Leuten.

»Aber die Leute laden Mr. Heathcote doch nur ein, weil sie den Grafen haben wollen.«

»Gewiß,« versetzte Viviane kurz. »Dann muß ich ihn aus demselben Grunde einladen, wenn ich keinen besseren ausfindig machen kann.«

Flora kam sehr früh, die Sehnsucht nach einer Unterredung mit ihrer liebsten Freundin hatte ihre Schritte beschleunigt, und als Viviane ihr ihre Stellung angewiesen hatte und ihr dann kurz befahl, ihre Lippen geschlossen zu halten, war sie ganz empört.

»Aber warum mußt du gerade jetzt meinen Mund malen?« fragte sie in vorwurfsvollem Tone. »Bitte, male doch jetzt was anderes! Ich möchte so gern mit dir plaudern.«

»Ich aber will heute vormittags nur an deinem Gesichte arbeiten. Gib mir also diese halbe Stunde für deine Lippen. Ich werde dir sagen, wann du wieder sprechen darfst. Der Grund, warum ich es so eilig habe,« erklärte sie, als sie zu malen fortfuhr, »ist der, daß jemand, der dich außerordentlich zu bewundern scheint, dieses Bild heute noch sehen will, und es ginge doch nicht an, es in einem so unfertigen Stadium zu belassen.«

Flora gehorchte den empfangenen Weisungen und sagte nichts. Ihr Mund hatte einen unaussprechlich sanften, fast rührenden Ausdruck und Viviane war ganz entzückt davon.

»Meine Zunge ist schon ganz steif,« erklärte Flora, nachdem die halbe Stunde vergangen. »Wenn ich noch eine Minute geschwiegen hätte, wäre sie niemals mehr beweglich geworden, und du hättest dann meine andauernde Stummheit zu verantworten gehabt. Ich werde, so lange ich lebe, nicht mehr zu einem Porträt sitzen, ausgenommen einem Photographen. Hat Graf Schirikow dir zu sitzen versprochen? Ich sagte ihm nämlich gestern abend, daß du ihn gewiß darum ersuchen werdest.«

»Für ein so junges Frauenzimmerchen erlaubst du dir manchmal recht viel, mein liebes Kind.«

»Ich ließ ihn in dem Glauben, daß du eine sehr berühmte Malerin seiest, und er meinte, er könne die Ehre kaum erwarten, von dir gemalt zu werden.«

»Flora, du verdientest wirklich in die Kinderstube gesteckt zu werden. Glücklicherweise wird Mr. Heathcote ihn über meine Ansprüche an Berühmtheit aufklären.«

»Kommt Mr. Heathcote auch?«

»Ich glaube es,« erwiderte Viviane heuchlerisch.

»Ich möchte wissen, welches Band zwischen ihnen besteht. Graf Schirikow ist doch etwas zu alt für einen gewöhnlichen Erzieher.«

»Ich glaube nicht, daß Mr. Heathcote älter ist als dreißig Jahre. Graf Schirikow ist nahezu zweiundzwanzig alt. Sechs Jahre sind doch kein so großer Altersunterschied, und glaube ich, daß ich Mr. Heathcote auch werde einladen müssen. Wenn die beiden die Einladung annehmen, wird Lady Vavasour sicherlich fürchten, sie werde umgebracht werden. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, daß die beiden Anarchisten seien, und ich muß also noch andere Leute einladen, um der Gesellschaft einen möglichst ehrenwerten Anstrich zu geben. Während der nächsten Tage wollen wir noch einige Leute aufsuchen, damit Lady Vavasour beruhigt sein kann.«

»Gefällt dir Mr. Heathcote?« fragte Flora plötzlich.

»Wie ist es möglich, eine solche Frage über einen Menschen zu beantworten, mit dem man nur einmal gesprochen hat?«

»Mir gefällt er nicht. Ich glaube, er beherrscht den jungen Grafen Schirikow ganz unbeschränkt, und dann – du magst Lady Vavasour auslachen, soviel du willst –, aber es sind doch sehr sonderbare Geschichten im Umlaufe.«

»Wenn solche Geschichten nicht über sie im Umlaufe sind, dann sind sie es über andere Leute.«

»Der allgemeine Eindruck ist der, daß Mr. Heathcote in eine Angelegenheit verwickelt ist, in die er besser nicht verwickelt wäre.«

»Ich fürchte, daß du in deinen alten Tagen geradeso sein wirst wie Lady Vavasour! Welcher vernünftige Mensch frägt im geringsten nach einem allgemeinen Eindrucke? Wenn du eine bestimmte Tatsache bezeichnen kannst, dann ist es etwas anderes. Und warum bildest du dir denn ein, daß die Gerüchte für Mr. Heathcote unehrenhafter seien als für den Grafen Schirikow?«

»Nun, die Leute sagen, daß Mr. Heathcote sich die Herrschaft über Graf Schirikow angemaßt habe und ihn zu seinen persönlichen Zwecken in England festhalte. Es ist allgemein bekannt, daß Mr. Heathcote arm ist.«

»Ah, das ist's also,« fuhr Viviane empört auf. Die Armut ist das einzige Verbrechen, das die Welt niemandem verzeihen kann. Mr. Heathcote ist arm, deshalb ist er imstande, ausländische Grafen zu entführen, dieselben sogar zu ermorden und, der Himmel weiß, was noch alles zu tun. Von Lady Vavasour kann man nichts anderes erwarten, aber von dir hätte ich doch geglaubt, daß du mehr Verstand hättest, Flora.«

Flora konnte sich eines gewissen Gefühles der Befriedigung nicht erwehren. Es war ihr zu deutlich geworden, daß Viviane sich für Mr. Heathcote interessierte. Ehe sie noch etwas sagen konnte, fuhr ihre Freundin fort:

»Ich glaube nicht, daß sich Mr. Heathcote auch nur im geringsten darum kümmert, was die Leute von ihm denken. Ich will jedoch nicht sagen, daß all dieses törichte Geschwätz auf mich keine Wirkung hätte. Im Gegenteile. Es hat mich zu dem festen Entschlusse gebracht, mich vor der Welt als Mr. Heathcotes Freundin zu erklären.«

In den nächsten Minuten waren die beiden Mädchen vollkommen ausgesöhnt und plauderten offen und herzlich miteinander weiter.

Beim Gabelfrühstücke erschien Lady Vavasour vollkommen erfrischt. Sie erklärte, daß sie sich ungemein darauf freue, den Grafen Schirikow in der Nähe zu sehen. Auch gab sie der Hoffnung Ausdruck, daß er ihr von dem russischen Hofe werde erzählen können.

Die erwarteten Gäste trafen pünktlich um vier Uhr ein und erklärten, daß sie so zeitig gekommen wären, um das Atelier noch bei gutem Tageslichte besichtigen zu können, und so wurde vor dem Tee eine angenehme Stunde verbracht. Lord Herbert kam etwas später als die anderen und wurde unverzüglich von Lady Vavasour mit Beschlag belegt.

»Ich bitte Sie, durchaus nicht höflich zu sein,« sagte Viviane, als sie sich um das unfertige Bild Floras scharten. »Ich wünsche eine ehrliche, offene Meinung zu hören.«

»Es ist reizend,« sagte Iwan, wie er überhaupt von allem gesagt hätte, wenn es nur die geringste Ähnlichkeit mit Flora Allerton gehabt hätte.

»In technischer Beziehung ist das Bild etwas mangelhaft,« sagte Mr. Heathcote. »Die Ähnlichkeit ist recht gut; und ich glaube, das ist für einen Amateur die Hauptsache.«

Sie hatte gewünscht, daß er offen sein möge, aber daß er diesem Wunsch so rasch nachkam, verwunderte sie doch ein wenig.

»Ich danke Ihnen,« versetzte sie, ihn mit ihrem bezwingenden Lächeln anschauend. Das ist das annehmbarste Kompliment, welches mir je gezollt wurde. Ich würde Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie in Einzelheiten eingehen wollten.

»Ich selbst bin kein Maler, aber ich habe öfters längere Zeit unter Malern gelebt, und was ich mir an Kenntnissen unter ihnen erworben habe, steht Ihnen mit Freuden zu Diensten.«

Er trat mit Viviane näher an die Staffelei heran und Iwan folgte Flora nach der anderen Seite des Zimmers, wo sie miteinander eine Mappe mit Skizzen besichtigen.

»Ich wünschte,« sagte Iwan, »daß Ihre Freundin eine arme Künstlerin wäre.«

»Warum wünschen Sie etwas Abscheuliches?«

»Weil ich ihr dann den Antrag stellen dürfte, Ihr Bild zu kaufen, wenn es fertig ist.«

»Miß Branscombe verschenkt ihre Bilder immer,« erwiderte Flora in schüchternem, bedeutsamem Tone.

»Aber ich könnte es doch unmöglich wagen, ein solches Geschenk von ihr zu erbitten.«

»Ich sagte Ihnen gestern abends, daß sie gewiß wünschen werde, Ihr Porträt zu malen.«

»Aber selbst wenn dies der Fall wäre, würde doch wieder die ganze Liebenswürdigkeit auf ihrer Seite sein.«

»Sie würde es nicht in diesem Sinne auffassen. Sie wird Ihnen sehr dankbar sein, wenn Sie ihr sitzen, und ihre Dankbarkeit ist nicht bloße Formsache.«

»Dennoch könnte ich unmöglich so kühn sein, sie um dieses schöne Bild zu bitten.«

»Sie sind viel bescheidener, als es ein Engländer in diesem Falle wäre.«

»Für die entfernte Aussicht, dieses Bild von ihr zu bekommen, würde ich ihr gern einen ganzen Monat lang täglich sitzen. Glauben Sie, daß sie mich heute noch darum ersuchen wird?«

»Es würde mich sehr wundern, wenn sie es nicht täte.«

»Und werde ich Sie während dieser Sitzungen öfters sehen?«

»Fast täglich.« Sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie von seinem allzu naiven Eifer ein wenig belustigt war.

»Aber nicht wahr, Sie werden an den Tagen der Sitzungen immer kommen?« beharrte er. »Ich wäre überglücklich, wenn ich voraussetzen dürfte, daß ich Sie jedesmal sehen kann.« 

»Dann wird es sehr leicht sein, Sie glücklich zu machen,« erwiderte Flora errötend.

»Sie haben mir mit wenigen Worten wertvollen Rat erteilt,« sagte Viviane in demselben Augenblicke zu Denzil Heathcote. »Ich wünschte, meine Arbeit verdiente alle Mühe, die Sie sich damit geben. Glauben Sie, daß es sehr verwegen von mir wäre, wenn ich, obwohl ich doch nur eine armselige Stümperin bin, Graf Schirikow um einige Sitzungen bitten würde?«

»Nun, ich will den Versuch wagen.«

Sie traten zu Flora und Iwan, und Viviane redete diesen mit der ganzen seltenen Anmut an, über welche sie verfügte.

»Sagen Sie aufrichtig, ob Ihnen Miß Allertons Bild wirklich gefällt, Graf Schirikow?«

»Ich habe Miß Allerton soeben gesagt, wie entzückt ich davon bin,« antwortete er.

»Dann werden Sie mir vielleicht gestatten, auch Sie zu malen?«

»Es ist zu liebenswürdig von Ihnen, Ihre Zeit an mich zu verschwenden, und von einer Liebenswürdigkeit meinerseits kann gar keine Rede sein.«

»Nun, Sie sind sehr freundlich, die Sache so aufzufassen. Ich darf dies also als ein Versprechen betrachten? Wann wollen Sie mir die erste Sitzung gewähren? Überlegen Sie es und mittlerweile wollen wir hinübergehen, um Tee zu trinken.«

Unter heiterem Geplauder kehrten sie in den Salon zurück. Während des Tees war Viviane eine gleichmäßig liebenswürdige Wirtin für alle ihre Gäste, und als er vorüber war, unterhielt sie sich wieder mit Heathcote allein.

Aber während sie mit ihm plauderte, konnte sie sich der Empfindung nicht erwehren, daß er dem Gespräche nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenke. Auf seiner Stirn zeigten sich feine Runzeln, aber sie war überzeugt, daß dieser gedankenvolle, bekümmerte Ausdruck ihm noch nicht lange eigen sei, und die Frage, was ihn hervorgerufen haben mochte, beschäftigte sie lebhaft. Und sie fragte sich weiter, ob es ihr nicht vergönnt sein dürfte, diesen Kummer ihm zu erleichtern oder tragen zu helfen.



Drittes Kapitel

Als der junge Graf die zweite Sitzung hatte, erklärte Viviane plötzlich:

»Ich gehe nächste Woche auf das Land; aber ich möchte unsere Sitzungen nicht unterbrechen, und habe in Branscombe-Abtei ein besseres Atelier als hier. Möchten Sie alle mir nicht die Freude machen, zu mir zu kommen.

Flora und Heathcote waren vor wenigen Minuten auch im Atelier erschienen, und obgleich diese Einladung offenbar nur Iwans wegen gemacht wurde, schaute Viviane, während sie sprach, mit ihrem unwiderstehlichen Lächeln doch Heathcote bittend an. Er dankte ihr zwar mit gebührender Wärme für diese große Liebenswürdigkeit, erklärte aber, daß er sie nicht ohne vorherige Überlegung annehmen könne.

Flora empfand, daß sie vor Ärger errötete, denn sie hatte in Iwans freudestrahlendes Gesicht gesehen und es verdroß sie, zu bemerken, wie bei Heathcotes Worten seine Züge sich verfinsterten. Es lag etwas Erniedrigendes in dieser unumschränkten Abhängigkeit von dem Willen eines anderen.

Als die Sitzung vorüber war, nahm sie Iwan mit sich in den Salon, und Viviane hatte wieder Gelegenheit, allein mit Denzil Heathcote zu sprechen.

»Warum wollen Sie nicht kommen?« fragte sie plötzlich.

»Ich habe ja Ihre freundliche Einladung nicht unbedingt abgelehnt.«

»Nun, ich finde, daß Sie Zeit genug hatten, darüber nachzudenken.«

»Sie sind heute sehr hart gegen mich, Miß Branscombe. Wie kann ich Ihnen meine Reue beweisen?«

»Indem Sie sich bessern,« war ihre scherzende Erwiderung, »Versprechen Sie mir unverzüglich, mein schönes Modell nach Branscombe bringen zu wollen.«

»Ich wünsche dies ja selbst von ganzem Herzen,« sagte er, sie mit einem tiefen Blick voll Ernstes anschauend.

»Warum in aller Welt zögern Sie also?«

»Das ist es eben, was ich Ihnen nicht sagen kann.«

»Flora und ich werden mit Lady Vavasour am Mittwoch vorausgehen. Ich habe mehrere Bekannte eingeladen, welche am nächsten Samstag nachkommen und bis zum Samstag vor Ostern bleiben werden. Aber ich wünsche, daß Sie und Graf Schirikow schon am Donnerstag erscheinen, damit wir wenigstens zwei ruhige Tage zum Malen haben.«

»Sie ahnen gar nicht, wie sehr ich wünsche, Ihrer Aufforderung nachzukommen,« versicherte er.

»Darf ich dies als eine bestimmte Zusage auffassen?« fragte sie nach einer Weile, aber er war in so tiefes Nachdenken versunken, daß sie ihre Frage wiederholen mußte, ehe er dieselbe erfaßte.

»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte er. »Ich bin jetzt wirklich unartig gewesen.

»Sie sind über irgend etwas bekümmert,« versetzte sie, »und vielleicht vermehre ich Ihre Unruhe nur mit meinem Wunsche. Würden Sie vielleicht lieber nicht kommen?«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich über alles gern Ihrer Einladung folgen werde.«

Diese Worte hätten sie zufriedenstellen sollen, aber noch während er sie sprach, war sie von der Überzeugung erfüllt, daß sein Grund, kommen zu wollen, nicht das geringste mit ihrer Person zu tun hatte. Seine Augen waren auf die Staffelei geheftet, und sie wußte, daß seine Gedanken bei Iwan verweilten, der in diesem Augenblicke im Nebenzimmer mit Flora musizierte.

»Sie hängen ungemein an Graf Schirikow,« sagte Viviane, teilweise erratend, was in seinen Gedanken vorging. »Und ich glaube, er interessiert sich für Flora. Wollen Sie den beiden das kleine Vergnügen eines längeren Beisammenseins gestatten?«

»Ich habe beschlossen, Ihre so ungemein gütige Einladung anzunehmen; aber Miß Allerton hat mit dieser Entscheidung nichts zu tun. Es wäre mir sowohl um Miß Allertons als um seiner selbst willen lieber, Iwan in keine Liebesgeschichte verwickelt zu sehen.«

»Wie schrecklich geheimnisvoll! Gibt es Umstände, welche Graf Schirikow verhindern, an so etwas zu denken? Bei Flora ist es gewiß nicht der Fall; sie ist wohlhabend und persönlich doch reizend genug. Ich könnte jeden Mann, dem es gelänge, sie zu gewinnen, nur glücklich schätzen.«!

»Das würde ich auch.«

»Also, was ist es dann mit Ihrem jungen Freunde?«

»Er ist – schwächlich. Finden Sie nicht auch, daß es ein großes Unrecht ist, zwei junge Leben sich mit einander verbinden zu lassen, wenn die drohende Gefahr vorhanden ist, daß eines der beiden plötzlich erlöschen könnte?«

»Ja, gewiß. Aber Graf Schirikow scheint mir nicht so schwächlich zu sein, als Sie voraussetzen. Ich kann nicht glauben, was Sie sagen, außer er hätte ein Herzleiden.«

»Nein – aber nichts destoweniger ist sein Leben durchaus kein ungefährdetes. Ich sage Ihnen dies nur um Ihrer Freundin willen, weil ich glaube, daß es in Ihrer Macht steht, die beiden zusammenzubringen oder zu trennen.«

»Ich danke Ihnen. Ich fürchte aber, daß Ihre Vorsicht zu spät gebraucht wurde. Wenn die beiden sich schon für einander interessieren, kann ich nichts mehr dagegen tun. Und ich glaube, es wird sogar besser sein, Flora nichts zu sagen. Wenn sie sich für ihn interessiert, würde der Gedanke, daß er jung sterben könnte, ihre Neigung nur anfachen.«

»Das ist Ihre Überzeugung? Wenn Sie einen Mann wirklich liebten, könnte nichts Sie von dieser Liebe abbringen?«

»Gar nichts,« antwortete sie leise, »als eine von dem Manne selbst begangene Schändlichkeit. Wenn ich einen Mann liebte und wüßte, daß er nur noch ein Jahr zu leben habe, würde ich nichts wünschen, als dieses Jahr mit ihm zu verbringen. Und da ich selbst so fühle, wie könnte ich in Floras Liebe eingreifen wollen? Warum sprechen Sie nicht mit dem jungen Manne selbst, wenn Ihr Gewissen beunruhigt ist?

»Das ist absolut unmöglich,« antwortete er entschieden. »Es wäre grausam, ihm auch nur anzudeuten, in welcher Gefahr er schwebt. Wenn Sie es für klüger halten, nichts zu Miß Allerton zu sagen, dann möchte ich Sie bitten, auch gegen niemand anderen etwas davon zu erwähnen.«

»Es würde mir nie einfallen, etwas mir Anvertrautes weiterzusagen.«

»Ich bitte Sie vielmals um Entschuldigung,« versetzte er. »Das hätte ich wohl wissen können.«

»Warum denn? Sie kennen mich doch noch sehr wenig.«

Wie er sie anblickte, überkam ihn die Überzeugung von ihrer fraglosen Treue und Wahrhaftigkeit, und er fühlte, daß er ihr ruhig sein Leben anvertrauen könnte. Er verstand noch nicht, daß alles, was er in ihrer Gegenwart empfand, nur die Vorboten eines Gefühles waren, das sich bald zu der einzigen und größten Leidenschaft seines Lebens entfalten sollte.

Die beiden anderen verstanden einander viel besser. Sie hatten sich trotz ihrer so kurzen Bekanntschaft leidenschaftlich in einander verliebt, aber noch hatte Iwan ihr seine Liebe nicht gestanden. Hauptsächlich wohl deshalb, weil er das Versprechen gegeben hatte, nichts ohne Heathcotes Rat und Billigung zu tun, und er in diesem Falle ein gewisses Widerstreben empfand, ihm davon zu sprechen. Dieses zarte junge englische Mädchen verkörperte alles, was ihm an einem Weibe als das Holdeste und Lieblichste erschien.

»Wie werden Sie es mit den weiteren Sitzungen halten?« fragte Flora. »Werden Sie Miß Branscombes Einladung annehmen?«

»Ich werde mein möglichstes tun, Mr. Heathcote zum Mitkommen zu überreden.«

»Und wenn er sich nicht überreden läßt?« fragte sie, während ihre Finger ganz leicht über die Tasten glitten.

»Das will ich nicht hoffen,« erwiderte er. »Ich ginge so gern.«

»Warum gehen Sie denn nicht auf jeden Fall? Mr. Heathcote ist doch nicht Ihr Gebieter.«

»Nein,« meinte Iwan sanft – »er ist mein Freund.«

Sie hörte aus seinem Tone, daß er ihn liebte, aber eine plötzliche Eifersucht erwachte in ihr bei dem Gedanken, daß er, wenn er zwischen ihr und Heathcote wählen müßte, sich vielleicht für ihn – für den Freund entscheiden würde.

»Wollen Sie mir's nicht glauben, daß ich sehr wünsche, nach Branscombe-Abtei zu kommen?«

»Gar so lebhaft kann der Wunsch nicht sein, sonst würden Sie Ihre Entschließung doch nicht ganz von Mr. Heathcotes Willen abhängig machen.«

»Es geschieht nicht bloß um Mr. Heathcotes willen. Der Grund, warum ich ihm gestatte, so über meine Person zu verfügen, ist ein ganz besonderer, doch kann ich nicht davon sprechen. Es ist eine Notwendigkeit. Wollen Sie mir das glauben? Aber es scheint mir, als ob Sie Mr. Heathcote nicht recht leiden könnten, nicht wahr? Sie wissen nicht, wieviel ich ihm verdanke – sogar mein Leben. Es gibt keinen treueren Freund auf der Welt.«

»Ich will Ihnen gern glauben,« erwiderte sie, während sie ihr Spiel wieder aufnahm. »Auf jeden Fall ist er Ihr Freund, nicht der meine.« Sie schlug zwei laute Akkorde an, während Viviane, von Denzil Heathcote gefolgt, eintrat.

»Nun,« sagte sie heiter »Mr. Heathcote hat sich entschlossen zu kommen, wenn Sie Lust haben.«

»Ich bin mehr als entzückt,« rief Iwan. »Hoffentlich werden Sie meiner nicht überdrüssig geworden sein, ehe das Porträt vollendet ist.«

»Darauf will ich es ankommen lassen,« antwortete Viviane, aber das Lächeln, das ihre Worte begleitete, gehörte Heathcote.

Lord Herbert Graham erschien, um sie zu einer Matinee zu begleiten, und sie fuhren alle zusammen, so lustig, als ob keines unter ihnen Sorge und Kummer auch nur dem Namen nach kannte, in Vivianes Break fort.

Im ganzen genommen, zeigte Vivianes kleine Gesellschaft so auffallend schöne Erscheinungen, daß fast alle Operngläser im Hause in kürzester Zeit auf sie gerichtet waren.

Als sie das Theater verlassen, hatte sich ein Nebel über die Stadt gesenkt, der das Vorwärtskommen des Wagens nur sehr langsam gestattete.

Wie sie, vor Vivianes Haustür angelangt, den Wagen verließen, hob der Nebel sich ein wenig. Während sie einen Augenblick lang, ein paar Schritte von den anderen entfernt, knapp neben Iwan stand, sah sie sich plötzlich um. Sie konnte sich später nicht entsinnen, aus welchem Grunde sie gerade in diesem Moment den Kopf gewendet hatte. Tatsache war, daß sie sich umsah und am Rande des Trottoirs einen Mann gewahrte, und in seiner erhobenen Hand ein langes blitzendes Messer. Schon senkte es sich gegen Iwans Rücken; mit einem lauten Schrei drängte sie sich hinter ihn und erhielt in ihre Schulter den Stoß, unter dessen Wucht sie zu Boden sank.



Viertes Kapitel

Im nächsten Augenblicke waren alle drei Männer um Viviane beschäftigt, aber es war Heathcotes Arm, dessen Stütze sie sich bewußt ward, und sie lehnte sich an ihn, bis sie sich so weit erholt hatte, um die Stufen, die zur Haustür führten, hinaufzusteigen. Ein jeder erging sich in Fragen, was vorgefallen war, jeder, außer Heathcote, der der totenbleichen Viviane zuflüsterte, zu schweigen, während er sie fast hineintrug.

»Es ist gar nichts,« sagte sie tapfer. »Ein Taschendieb drängte sich im Nebel an uns. Wie ich mich umwendete und er sich ertappt glaubte, versuchte er mich mit einem Taschenmesser in die Schulter zu stechen.«

Sie sah, während sie sprach, Heathcote fest ins Gesicht, und in diesem Augenblicke ward er sich bewußt, daß er sie liebe.

»Hat denn niemand so viel Geistesgegenwart, um einen Arzt zu senden,« jammerte Lady Vavasour.

»Ich brauche keinen Arzt,« sagte Viviane hastig, und Heathcote erriet den Grund ihres Verbotes. Der Arzt hätte sehen müssen, daß die Wunde nicht von einem Taschenmesser herrührte.

»Laß mich dir den Mantel abnehmen, Schatz,« bat Flora, und löste ihn vorsichtig, stieß aber einen Schreckensschrei aus, wie sie den leichten Ärmel darunter von Blut durchtränkt sah.

»Liebste, du mußt schrecklich verletzt sein, das Blut strömt. Du mußt einen Arzt haben, und zwar sogleich.«

»Ich will aber nicht,« erklärte Viviane entschieden.

»Ist hier niemand, der einen Verband anlegen kann?«

»Ich kann es,« sagte Heathcote. »Wollen Sie sich mir anvertrauen?«

»Gewiß. Kommen Sie mit mir ins Studierzimmer; Lord Herbert, geben Sie Lady Vavasour ein Glas Wein. Flora willst du mir meine Jungfer herunterschicken? Und dann, bitte, geht alle und nehmt euren Tee ohne mich.«

Als die Türe des Studierzimmers sich hinter ihr und Heathcote geschlossen hatte, entfuhr ihr ein leichtes Stöhnen und sie flüsterte:

»Es muß der Blutverlust sein, der mich so schwindlig macht.«

Noch während ihrer Worte trat das Mädchen ein. Heathcote erteilte rasch seine Befehle: »Warmes Wasser, eine Karbollösung und Verbandzeug! Haben Sie Schmerzen?« fragte er, indem er sich zu Viviane neigte, während die Jungfer davoneilte.

»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu.

»Ihr Mut ist wundervoll!« sagte er. »Ich habe nie etwas Ähnliches gesehen. Was eigentlich vorfiel, müssen Sie mir aber später erst erzählen.«

Heathcote hielt den Ärmel vorsichtig in die Höhe, während die Jungfer schnitt, aber als der Ärmel sich löste, wurde am oberen Teile des Armes, knapp unter der Schulter, eine große Stichwunde sichtbar.

»Ich glaube, Sie sollten doch einen Arzt haben,« meinte er, »es ist doch kein so kleiner Stich und sollte vielleicht genäht werden.«

»Können Sie die Wunde nicht nähen? Ich glaube, ich habe irgendwo eine Wundnadel,« sagte sie ruhig.

»Das kann ich nicht, ich bin kein Arzt, und lieber hielte ich meine eigene Hand ins Feuer, als daß ich Ihren Arm mit einer Nadel durchstäche.«

Sie warf ihm einen raschen Blick zu und etwas, das sie in seinen Augen las, trieb ihr das Blut in die bleichen Wangen zurück.

»Nun gut,« sagte sie, »dann tun Sie, was Sie können. Einen Arzt will ich nicht.«

»Ich kann es aber nicht zugeben, daß Sie sich irgend einer Gefahr aussetzen.«

»Es bleibt Ihnen aber doch nichts übrig, als mir zu gehorchen. Dieser kleine Schnitt wird in ein paar Tagen zugeheilt sein, wenn Sie ihn ordentlich verbinden.«

Er biß die Zähne zusammen und verband sie, so gut er konnte, aber als er fertig war, war er blaß bis in die Lippen.

»Sie sind nicht besser als Lady Vavasour,« meinte sie und legte ihre Hand auf seinen Arm. »Sie hätten es mir sagen sollen, daß Ihnen der Anblick des Blutes peinlich ist.«

»Das ist er nicht. Aber den Gedanken, Ihnen Schmerz zu verursachen, vertrug ich nicht. War es sehr arg?«

»Nein, gewiß nicht! Ich bin sicher, daß ein Arzt mir weher getan hätte. Nun möchte ich Ihnen noch, ehe ich mein Zimmer aufsuche, genau mitteilen, was sich zutrug. Es war nämlich weder ein Taschendieb noch ein Taschenmesser im Spiele.«

»Davon war ich überzeugt. Und der Stoß galt auch nicht Ihnen?«

»Nein, er war schnurgerade gegen Graf Schirikows Rücken gezielt, und ich glaube, wenn er getroffen hätte, hätte er ihn getötet. Ich weiß nicht, warum ich mich gerade in dem Augenblicke umsah.«

»Sie warfen sich zwischen Iwan und das Messer?«

»Ich konnte nichts anders tun. Der Mann, der ihn zu treffen versuchte, verschwand dann ebenso rasch im Nebel. Glauben Sie, daß er dem Wagen vom Theater aus gefolgt war?«

»Es ist möglich,« entgegnete Heathcote. »Sie empfinden gar nicht, daß Sie etwas ganz Außergewöhnliches vollbrachten?«

»Was ich tat, hätte jeder in meiner Lage getan. Bitte, sagen Sie nichts mehr darüber. Ich muß nun hinaufgehen, um ein loses Kleid anzulegen.«

Eine Woche war vergangen. Viviane, Lady Vavasour und Flora waren nach Branscombe übergesiedelt. Heathcote kam mit seinem Schützling nach. Viviane sah noch etwas blaß aus – nach dem großen Blutverlust, war aber im übrigen munter und lustig wie sonst. – Heathcote ließ sie kaum aus den Augen – man sah dem sonst so Zurückhaltenden das Verlangen an, sie für sich allein zu haben; endlich ergab sich die Gelegenheit.

»Nun wir allein sind,« begann Heathcote, »sagen Sie mir, bitte, rasch und aufrichtig, wie Sie sich fühlen?«

»Sehen Sie das nicht?« fragte sie lachend. »Ich habe mich die vorige Woche sehr vernünftig und ruhig verhalten und dies ist nun die erfreuliche Folge.«

»Aber Ihr Arm? Ich habe Tag und Nacht daran gedacht!«

»Welch bedauerliche Zeitverschwendung! Er ist schon geheilt. Ich glaube, daß ich nicht einmal eine starke Narbe behalten werde.

»Das wäre auch schade,« meinte er. »Sie haben die schönsten Arme, die ich jemals sah.«

»Und Sie hatten doch keine Unannehmlichkeiten mehr, hoffe ich,« erwiderte sie, sein Kompliment ignorierend. »Bitte, glauben Sie nicht, daß ich etwas von Ihnen erfahren möchte, aber es wäre doch recht unmenschlich von mir, wenn ich kein Interesse für den armen Jungen empfände. Mir ist, als hätte ich ein Recht auf ihn.«

»Das ist doch ganz natürlich. Auch ich hatte einmal das Glück, sein Leben zu retten, und seitdem habe auch ich immer das Gefühl gehabt, als ob er mir angehöre.«

»Dann ist er also unser gemeinsamer Besitz.«

»Wenn Sie es gestatten, möchte ich Ihnen einiges über ihn mitteilen. Aufrichtig gestanden, lag es anfangs nicht in meiner Absicht, und ich war entschlossen, ihn unter falschem Namen hie herzubringen; aber es steht bei Ihnen, ob Sie uns behalten wollen.«

»Natürlich will ich das! Teilen Sie mir nichts mit, bitte!«

»Sie müssen mich anhören. Als Sie mich einluden, mit ihm hierher zu kommen, zögerte ich einen Augenblick, aber Ihre Einladung bot mir gerade das, was ich immer für ihn gewünscht hatte, so daß ich bereit war, Ihre Gastfreundschaft in ganz gemeiner Weise auszunützen, ohne Ihnen irgend einen Aufschluß über die Sachlage zu geben. Jetzt kann ich dies nicht mehr.«

»Warum sollten Sie das jetzt nicht mehr können? Wenn Sie glauben, daß das, was neulich vorfiel, mir irgend ein Anrecht an Ihr Vertrauen gibt, irren Sie sehr.«

»Ich glaube das allerdings, aber das ist nicht mein wahrer Beweggrund.«

»Und was wäre der?«

»Ich werde ihn Ihnen nennen, wenn die Gefahr vorüber ist. Solange sie besteht, kann ich nicht frei verfügen. Ich bin durch ein Versprechen gebunden, bis nach seinem zweiundzwanzigsten Geburtstage bei Iwan zu bleiben, und der ist am Ostersonntag. Bis dahin ist sein Leben stündlich in Gefahr. Er ist hier viel sicherer, als er es in London wäre.

»Warum haben Sie ihn nicht unter polizeilichen Schutz gestellt? Ich werde um einen Detektiv depeschieren.«

»Diese freundliche Fürsorge sieht Ihnen ähnlich! Aber mein Trachten ist, Iwan zu behüten, ohne die Sache nur im mindesten öffentlich werden zu lassen. Es gibt keinen bezahlten Helfer, dem man bei einer so wichtigen Angelegenheit zutrauen könnte, nicht für sich selbst damit Reklame zu machen. Anderseits können Sie von einem Detektiv nicht verlangen, daß er richtig vorgehe, wenn Sie ihn nicht ganz ins Vertrauen ziehen, und das wäre für Iwans Zukunft geradezu vernichtend. Ich habe über die verschiedensten Sicherheitsmaßregeln nachgedacht, und ich glaube, daß er nirgends besser aufgehoben ist als hier in Ihrem Hause. Und – auf die Gefahr hin, eingebildet zu erscheinen – möchte ich auch behaupten, daß Sie und ich zusammen als Schutz so viel wert sind wie jeder Detektiv.

»Sie schmeicheln schrecklich. Ich werde mich aber bemühen, Ihre gute Meinung zu rechtfertigen. Um aber nun zu den notwendigen Details überzugehen: Wo wünschen Sie, daß er wohnen soll? Möchten Sie sein Zimmer anstoßend an die Ihren haben, oder würden Sie ein sehr großes gemeinschaftliches Zimmer vorziehen? Ich habe Ihnen gewöhnliche, nebeneinander liegende anweisen lassen.«

»Wie fürsorglich Sie sind! Nein, lassen Sie für heute die Einteilung so wie sie ist; morgen können wir dann unter einer triftigen Ausrede einen Wechsel vornehmen.«

 

»Da können Sie gleich morgens selbst die Zimmer wählen, die Ihnen passen. Ich denke, es wird am besten sein, wenn Sie dabei bleiben, daß Iwan von schwächlicher Gesundheit ist. Dann ist es sehr leicht, etwas zu erfinden. Ich kann Ihnen natürlich nicht raten, aber mein Herz und meine Seele hängen ebenso wie Ihre an seiner Sicherheit und ich kann nicht umhin, zu bemerken, daß es schade ist, wenn Flora von der Sache nichts erfährt. Wenn sie davon wüßte, so hätte er drei intelligente und hilfsbereite Beschützer anstatt nur zwei.

»Sind Sie ihrer Gefühle für ihn so sicher?«

»Ich kenne Flora und ich bin ihrer Neigung für ihn so sicher wie der seinen für sie. Und wenn die kommenden Wochen glücklich und ohne Unfall vorüber sind, sehe ich nicht ein, warum sie nicht heiraten sollten. Selbst wenn sie meine eigene Schwester wäre, würde ich es vorziehen, daß sie alles aufs Spiel setzte, um eines großen echten Glückes willen, als sie der Alltätigkeit einer gewöhnlichen Ehe entgegengehen zu sehen.«

»Wünschen Sie also, daß Flora nichts erfahre?«

»Ich glaube nicht, daß sie sich damit begnügen würde, nur weniges zu wissen, so wie Sie es tun; sie wäre imstande, Iwan ihre Mitwissenschaft zu entdecken.«

»Sie tun ihr unrecht. Aber selbstverständlich richte ich mich ganz nach Ihren Wünschen.«

»Dann meine ich: sagen Sie vorläufig nichts. Je weniger um das Geheimnis wissen, um so besser ist es. Wenn wir annehmen können, daß sie uns nützlich sein würde, so ist noch immer Zeit, ihr die Sache mitzuteilen. Lassen wir sie also einstweilen uneingeweiht?«

»Die Entscheidung steht bei Ihnen. – Hier warten auch unsere Freunde auf uns. Sind Sie mit einer Antwort gerüstet, wenn Sie gefragt werden sollten, wie der Park, den wir eben durchschritten, Ihnen gefiel? Ich glaube, Sie haben keinen Fußbreit meines Besitzes gesehen?«

»Einstweilen werde ich ein so entzücktes Gesicht machen, als ob ich den ganzen Tag nichts getan hätte als bewundert.«

»Wie langsam ihr gegangen seid!« rief Flora. »Wir haben nur mehr Zeit, die Ruine von außen zu besichtigen, und gerade im Innern sind so entzückende Stellen.«

»Es bleiben uns noch immer elf ganze Tage,« antwortete Viviane. »Wir können wiederherkommen.«

Sie hatten ihren Rundgang eben vollendet, als ein Bedienter eine Depesche überbrachte. Sie war an Viviane adressiert.

Nachdem sie gelesen, schrieb sie mit einem leichten Stirnrunzeln ein paar Worte auf den Umschlag und wies den Diener an, die Antwort zu besorgen. Dann wendete sie sich an Heathcote.

»Die Depesche ist von Lord Herbert Graham,« sagte sie in etwas ärgerlichem Tone. »Er fragt an, ob er morgen schon kommen könne, um einen Tag mit mir allein zu sein. Er weiß nicht, daß Sie hier sind. Ich mußte ihm antworten, daß er kommen möge. Warum kann man nicht immer das tun, was man gern möchte?«

»Ein Rätsel, das ich nicht beantworten kann.«

»Lachen Sie mich nicht aus! Lord Herbert kann, wenn er in »ernsthafter Stimmung« ist, sehr unangenehm sein, und seit meinem kleinen Unfalle hat es ihm leider beliebt, sehr »ernst gestimmt« zu sein.«

»Es ist wohl, von seiner Seite wenigstens, mehr als bloß alte Freundschaft im Spiele. Es ist Ihnen wohl bekannt, daß man allgemein sagt, Sie würden ihn heiraten?«

»Glauben Sie das?« Sie hob ihre schönen Augen zu ihm empor und blickte ihn an.

»Ich glaube es nicht,« erwiderte er langsam.

»Sie müssen doch sehen, daß ich ihn nicht liebe, und das sollte Ihnen genügen.«

»Verzeihen Sie mir. Ich habe überhaupt kein Recht, zu fragen. Aber wenn Sie lieben würden . . .?«

»Wenn ich liebte und der Mann meiner Wahl wäre zu – zu stolz, um mich zu werben, dann – dann – nun dann würde ich eben warten, bis er sich eines Besseren besänne.«

»Wie meinen Sie das: zu stolz sein?« »Nun, er könnte ja arm sein und daher ein zartfühlendes Bedenken haben, ein reiches Mädchen um ihre Hand zu bitten. Solche Sachen kommen vor bei Männern, deren Stolz ihre Liebe überwiegt.

»Ein solcher Mann bin ich nicht,« entgegnete er mit Nachdruck. »Wenn ich eine Königin liebte, würde ich es sie wissen lassen. Aber mit dem Schatten unabwendbaren Unheils über uns würde ich nicht einmal einer Bettlerin zumuten, mein Weib zu werden.«

Aus Vivianes Antlitz schwand die frische, frohe Farbe. »Was meinen Sie mit dem unabwendbaren Unheil?«

»Ich will Ihnen heute abend die Erklärung geben, wenn Sie es möglich machen können, mit mir allein zu sprechen. Jetzt ist keine Zeit mehr dazu.«

Die anderen kamen wirklich sogleich herbei und Flora bemerkte Vivianes Blässe.

»Liebste, wie bleich du bist! Du hättest nicht so weit gehen sollen. Komm nun und ruhe dich aus, der Tee wird dich erfrischen.«

Lady Vavasour erwartete sie mit einer sanft gekränkten Miene, weil sie ganz gegen Heathcotes und Iwans Anwesenheit in Branscombe-Abtei war. Wenn sie eine Idee gehabt hätte, in was für gefährlichen Bahnen sich das Gespräch zwischen Heathcote und Viviane eben bewegt, wäre ihre Mißbilligung sicher grenzenlos gewesen.

»Ich will zuerst mit Kuchen anfangen. Danke sehr,« sagte Flora ruhig, und Iwan lächelte über den zurückgewiesenen Teller mit dünnen Butterbroten hin, denn es schien ihm, als ob sie gar nicht umfangreich genug wäre, um den gewählten Kuchen unterzubringen. Sie hielt eine ganz erstaunliche Mahlzeit, und Viviane schien es ihr gleich zu tun.

»Sie sollten sich bis zum Diner niederlegen,« riet Lady Vavasour, die bemerkte, daß Vivianes Farbe trotz starken Tees nicht zurückkehrte.

»O, schön, ich will es tun,« stimmte Viviane bei. »Wollen Sie alle sich unterdessen im Billardzimmer die Zeit vertreiben? Komm, Pom-Pom, ich muß Gesellschaft haben.«

»Ich habe vorhin furchtbar übertrieben,« flüsterte Heathcote ihr zu, wie sie gesenkten Blickes an ihm vorbeikam.

Aber diese Versicherung brachte ihr doch keine Erleichterung. Sie begriff, daß er, in der Angst, von ihr mißverstanden zu werden, zur Enthüllung einer Gefahr getrieben worden war, die er nun zu leugnen suchte.

Sie wollte allein sein, um diesem neuen Schrecken ins Gesicht zu sehen. Daß er sie liebte, dessen war sie nun sicher.

Noch erbebend von seinem leidenschaftlichen Händedruck, glücklich von seinem Kuß auf ihre Hand, hatte sie damals an dem denkwürdigen Abend ihrer Verwundung sich versprochen, daß sie den Mut haben wollte, keinen falschen Stolz zwischen ihn und sie treten zu lassen, und die offene Ermutigung, die sie ihm gegeben, war die Folge dieses Entschlusses gewesen. Nun aber entdeckte sie, daß es nicht falscher Stolz war, der ihm verwehrte, ihr von seiner Liebe zu sprechen, sondern der Schatten eines Unheils, das sein Leben bedrohte und dem er sie nicht auch preisgeben wollte. Wie aber konnte er das verhindern, wenn sie es trotzdem mit ihm teilen wollte?

Sie dachte nicht einen Augenblick daran, daß das Unglück vielleicht ein selbstverschuldetes sein könne. Er war ihr Ritter ohne Furcht und Tadel, in den ihr Vertrauen unbegrenzt war. Und es würde für sie Seligkeit sein, zu ihm zu stehen, was immer geschehen mochte!

Dann aber schien es ihr, als ob sie ihn schon hatte zu viel erraten lassen, und errötend bedeckte sie in ihrem einsamen Zimmer das Gesicht mit den Händen bei dem Gedanken, wie rücksichtslos sie die Hülle der Zurückhaltung von sich geworfen.

Und so würde sie vielleicht die Liebe aus ihrem Leben gleiten sehen, nur eines haltenden Wortes wegen, das sie nicht sprechen wollte? Wenn das geschähe! – Ihr ganzes Wesen empörte sich bei dem Gedanken!

Ein heißes Sehnen nach ihrer Mutter überkam sie, der Mutter, an deren Brust sie den müden Kopf hätte lehnen, deren Lippen ihr Trost und Rat gebracht hätten.

Sie trat ans Fenster und sah zu, wie der Märzwind die dürren Blätter herumjagte. Und es schien ihr, als gleiche der Wind dem Schicksal, die armen schwachen Blätter den Menschen. Sie aber wollte kein Blatt sein, willenlos vom Winde hin- und hergetrieben. Sie wollte ihr Geschick selber lenken.

Dazu aber mußte sie zuerst die Gefahr genau kennen.

Schön wollte sie sein heute abend, so schön, daß er ihr nichts würde abschlagen können, und dann wollte sie ihn bitten, ihr die Wahrheit zu sagen, und er würde ihr gehorchen müssen.

Als sie zum Diner herunterkam, trug sie ein Kleid aus blasser meergrüner Seide, ein kleiner Brillantstern war ihr einziger Schmuck.

Sie plauderte lebhaft während der Mahlzeit, und erst als sie Flora und Iwan zu einer Partie Ping-Pong ins Billardzimmer geschickt hatte und Lady Vavasour im Salon über einem Roman schlummern sah, schenkte sie ihre Aufmerksamkeit Heathcote. Sie trug ihm an, die an den Salon grenzenden Glashäuser zu besichtigen, und sie betraten zusammen die warmen, halbbeleuchteten Räume.

»Ich habe Sie hiehergeführt, um die Wahrheit zu erfahren,« sagte sie.

»Ich werde sie Ihnen sagen,« versetzte er »Ich wollte es nicht tun, aber da Sie es wünschen, soll es geschehen. Ein anderes Mal will ich Ihnen Iwans ganze Geschichte erzählen, aber jetzt werde ich Ihnen nur einen kleinen Teil davon und die Rolle, die mir selbst darin zufällt, mitteilen. Denn dieser Augenblick gehört uns beiden allein, und soll mit keinem dritten, selbst mit Iwan nicht, geteilt werden, nicht wahr?«

»Ja, er gehört uns. Und niemand kann ihn uns nehmen.«

Er streckte ihr seine Hand hin, und ohne zu zögern legte sie die ihre hinein.

»Ich liebe Sie,« sagte er und schwieg dann.

»Ich weiß es. Wie hätte ich so sprechen können, wie ich es tat, wenn ich dessen nicht sicher gewesen wäre?«

»Ich sagte, ich wolle Ihnen nichts mitteilen, bis die Gefahr vorüber, und nun spreche ich doch. Das war es, was ich meinte, als ich sagte, die Umstände hätten sich verändert, seit ich Ihre Einladung angenommen, und daß es mir nicht mehr möglich sei, Iwan in Ihr Haus zu bringen, ohne Ihnen den Grund dafür mitzuteilen. Die Liebe überkam mich sehr plötzlich.«

»Und der arme Junge war Ihnen dabei sehr unbequem. Sie hätten ihn am liebsten im Stiche gelassen.«

»Ja, das hätte ich am liebsten getan. Sie aber, – wie können Sie, der die ganze Welt zu Füßen liegt, mich lieben?« 

»Ich verlange die Welt nicht. Ich will nur Sie. Was steht noch zwischen uns?«

»Der Schatten der Dinge, auf die ich heute so unvorsichtig hinwies. Hören Sie mich an. Ich weiß, daß Iwan in Lebensgefahr schwebt, und wenn er gemordet wird, darf man nie erfahren, wer den Streich führte. Der Urheber aber ist eine in seiner Heimat hochangesehene Person, die alle Vorsichtsmaßregeln gebrauchen wird, ihre Stellung nicht zu gefährden. Wenn der Mord geschieht, wird man mich beschuldigen. Jeder unserer Schritte ist von heimlichen Schlingen bedroht. Es gibt unter den Russen die prächtigsten Menschen der Welt. Iwan ist ein Beweis davon, aber trotzdem haben sie ein verblüffendes Talent zur Intrige. Und wenn ein Russe, der die Macht dazu hat, beschließt, daß ich hier in England für den Mord an Iwan, genannt Graf Schirikow, gehängt werden soll, dann ist es so gut wie geschehen.«

»Das darf nicht sein!« rief Viviane.

Man muß immer auf das Ärgste gefaßt sein. Können Sie annehmen, daß ich, mit dieser Gefahr über meinem Haupte, es zugeben könnte, daß Ihr Name in Verbindung mit dem meinen genannt werde?«

»Gewiß nicht,« erwiderte sie lebhaft. »Das ginge nicht an. Wenn irgend etwas Schreckliches geschähe, wäre ich eine viel glaubhaftere Zeugin, wenn ich für vollkommen unparteiisch gelten könnte. Sie sagen, daß Iwan nach seinem Geburtstage außer Gefahr sein wird, und wenn er außer Gefahr ist, dann sind Sie es auch; es bleiben uns also noch elf Tage, in denen wir Vorsicht üben müssen.«

»Aber die elf Tage enthalten mehr als elf Gelegenheiten für das drohende Unheil, und wenn die Sache schlecht ausgeht, wird mein Tod noch bitterer sein durch den Gedanken, daß ich damit auch in Ihr Leben Schmerz gebracht habe.«

»Haben Sie schon vergessen, was ich Ihnen bezüglich Floras und Iwans sagte? Was ich von ihr sagte, gilt auch für mich. Es ist besser, das höchste Glück nur für einen Tag zu besitzen, als sich ein langes Leben hindurch mit einen gewöhnlichen Zufriedensein zu begnügen. Wenn Sie heute nacht stürben, würde ich bis zu meinem eigenen Tode in Trauer Ihnen treu bleiben.«

»Mein Liebling! Warum liebst du mich nur?«

»Weil du du selbst bist!« Sie sah zu ihm auf und dachte nicht mehr daran, sich ihm zu entziehen. Er nahm sie in seine Arme und bedeckte ihr holdes Gesicht mit Küssen.

»Laß uns unsere Furcht vergessen,« flüsterte sie.

»Dann müssen wir einen Zaubersegen übereinander sprechen, und der soll sein, daß wir uns zum erstenmal bei unseren Namen nennen.«

»Denzil!«

»Viviane!«

Ihre Lippen fanden sich wieder und wieder. Sie hatten Zeit und Ort – alles vergessen.



Fünftes Kapitel

»Wo waren Sie beide?« fragte Flora, als sie Denzil und Iwan am nächsten Morgen begrüßte.

»Es war herrlich,« entgegnete Denzil. »Wir haben uns große Kühnheiten erlaubt,« fuhr er, zu Viviane gewendet, fort, »und haben den entsprechenden Genuß gehabt. Wir entdecken einen reizenden kleinen See, ein kleines Boothaus und in dem Boothause ein kleines Boot, mit dem wir in den See hinausruderten. Der Appetit, den wir davon heimbrachten, dürfte auch den, welchen Miß Allerton gestern nach unserem Spaziergange entwickelte, vollkommen in den Schatten stellen.«

»Dann hoffe ich nur, daß er Ihnen durch die schreckliche Notiz, die ich eben lese, nicht verderben wird,« sagte Lady Vavasour, die damit beschäftigt war, die Morgenzeitungen zu durchblättern.

»Ihre Stadtadresse ist doch: Alexandrastraße Nr. 9, nicht wahr?«

»Ja,« erwiderte Denzil.

»Nun, in dem Hause ist vorige Nacht ein Mord geschehen. Der Gedanke, daß es einen von Ihnen hätte treffen können, ist fürchterlich. Hören Sie:

 

»Vor Schluß des Blattes erfahren wir die Nachricht eines schändlichen Verbrechens, welches im Hause Alexandrastraße Nr. 9 verübt wurde. Ein junger Mann, Bankbeamter, namens James Brown, wurde in seinem Bette ermordet gefunden. Mrs. Brown, die Hausbesitzerin, wurde durch das Geräusch zerbrechenden Glases aus dem Schlafe geweckt; sie stürzte in das Zimmer und fand ihren Sohn mit drei Stichwunden, die die Lunge und das Herz durchbohrt hatten, sterbend. In seiner Hast, zu entfliehen, hatte der Mörder das Fenster zertrümmert. Mrs. Brown gab bei der Einvernehmung an, daß ihr Sohn für gewöhnlich eine Dachkammer in dem Hause bewohnt habe; den Tag zuvor habe er sich unwohl gefühlt, und da eines ihrer besten Zimmer gerade an diesem Tage frei geworden, weil der bisherige Mieter für einige Tage aufs Land gegangen war, hatte sie ihn dort einquartiert. Mrs. Brown vermutet, daß der Einbrecher um die Abwesenheit der beiden Herren wußte und die Gelegenheit benützen wollte, etwaige Wertgegenstände zu rauben, und daß er, als er das eine Zimmer bewohnt fand, in der Angst vor Entdeckung den Bewohner niedermetzelte. Gestohlen wurde nichts, doch erklärt sich das daraus, daß der Einbrecher nach vollbrachter Tat von Schrecken ergriffen ward und schleunigst entfloh. Sonderbar ist der Umstand, daß der Mann, ehe er sich davon machte, noch das zweite, unbenützte Schlafzimmer betrat. Man fand Blutspuren sowohl an der inneren wie der äußeren Türklinke und auf der weißen Bettdecke war ein blutiger Händeabdruck sichtbar. Das Waschbecken und das Handtuch waren benützt worden, offenbar um das Blut von seinen Händen zu tilgen, aber das hätte der Mörder ebensogut im Zimmer seines Opfers tun können.

»Wie furchtbar,« rief Flora.

»Wir müssen an die arme Mrs. Brown denken,« sagte Denzil. »Sie ist ein so gutmütiges, freundliches kleines Frauenzimmer und der Bankbeamte war ihr einziger Sohn.«

»Ihr können wir nicht helfen,« meinte Viviane, »denn wir können ihr den Sohn nicht zurückgeben.«

Große Tränen füllten ihre Augen.

Eine Stunde später gingen Viviane und Denzil auf der Terrasse auf und ab.

»Sie erklären sich das tragische Ereignis anders, als Mrs. Brown es auffaßt?« fragte Viviane.

»Was wirklich geschah, ist ja klar. Der arme junge Brown, der in Iwans Bett ermordet wurde, ist einfach mit ihm verwechselt worden. Unsere  Abreise geschah eben möglichst unauffällig. Jetzt hat man davon erfahren, und diejenigen, die sich besonders für unseren Aufenthaltsort interessieren, werden ihn bald aufgestöbert haben. Die Blutspuren, die sich in meinem Zimmer fanden, waren absichtlich dort hinterlassen worden, um mir die Tat zuzuschieben. Als der Mörder dann bemerkte, daß mein Bett leer sei, ging er zurück, um sein Opfer zu identifizieren.

»Was in der Nacht geschehen mag, dafür kann man nun auch hier nicht gutstehen, aber während des Tages müßte Iwan, meiner Ansicht nach, so lange er im Hause bleibt, vollkommen sicher sein. Sie haben doch lauter alte und vertrauenswürdige Dienerschaft. Außer dem Hause dürfen wir ihn natürlich nicht aus den Augen verlieren und können nicht vorsichtig genug sein.«

 

»Am besten wäre es, wenn er einen leichten Katarrh oder etwas dergleichen bekäme, dann hätten wir die beste Ausrede, ihn im Hause zurückzuhalten.«

»Dann würden wir möglicherweise einen Arzt brauchen, sogar ein Landarzt würde einen simulierten Katarrh bald durchschauen. Und dann müssen wir mit Iwan selber rechnen. Er würde sich einfach nicht einschließen lassen. Sie wissen ja, daß er von der Größe der Gefahr, die über ihm schwebt, keinen rechten Begriff hat. Er weiß, daß sein Leben in Rußland nicht sicher war, aber alles, was ihn bis jetzt hierzulande bedrohte, faßte er als Zufall und absonderliches Zusammentreffen auf. Er ist zu jung für derlei Aufregungen und seine Nerven hielten sie vielleicht nicht aus.«

»Nun, vielleicht wäre es doch geraten, eine starke Nervenerregung zu riskieren, um ihm die Notwendigkeit der äußersten Vorsicht begreiflich zu machen? Wollen Sie nun die Zimmer im oberen Stockwerke besichtigen?«

»Gewiß, wenn es Ihnen gefällig ist. Ich habe mich für die Maus im Getäfel entschieden. Da fährt ein Einspänner vor. Erwarten Sie Lord Herbert so früh schon?«

»Nein, und er wird wohl kaum mit einem Einspänner kommen. Ich werde ihm um drei Uhr den Wagen zur Bahn entgegenschicken. Das muß meine neue Jungfer sein. Ich sagte Ihnen ja, daß meine tapfere Fanny heiraten wird. Sie verläßt mich nächsten Montag und soll vorher noch das neue Mädchen in ihrer Arbeit unterweisen. Ich möchte mit dem Mädchen sprechen. Ich sah es noch nicht, und wenn mir ein neuer Diener nicht gefällt, schicke ich ihn immer mit einer kleinen Entschädigung und dem nächsten Zuge wieder fort.«

Nach einer Viertelstunde kam sie lachend zurück.

»Wie unverläßlich diese Vermittlungsbureaus sind! Ich habe ein englisches Mädchen namens Hanna Kemp engagiert und ich bekomme eine Französin Namens Marie Laurens geschickt, die mir einen Brief der Bureauvorsteherin mitbringt, in dem sie mir mitteilt, daß Miß Kemp plötzlich erkrankt sei, und deren Freundin Mademoiselle Laurens sich antrug, sie zu vertreten. Nun bin ich vollkommen überzeugt, daß Miß Kemp nichts weniger als krank ist. Sie hat einfach einen Platz gefunden, der ihr besser zusagt.

»Zum Glück ist die Französin sehr sympathisch, was ihr Aussehen und ihre Manieren anbelangt. Ob sie von ihrer Arbeit etwas versteht oder nicht, muß Fanny entscheiden; wenn sie sich geschickt anstellt, kann sie bleiben. Warum sehen Sie mich so an? Weil ich ein solches Geschwätz vorbringe? Aufrichtig gestanden, ich traue mich nicht noch weiter über unser ernstes Thema zu sprechen, ich habe schließlich auch Nerven. Kommen Sie nun, und sehen Sie sich die Zimmer an. Ich werde Lady Vavasour bitten, mitzukommen, das wird dann so aussehen, als ob wir sie auch zu Rate zögen.«

Noch am Vormittage wagte es Lady Vavasour, ihre Stellung ernstlich zu gefährden, wie sie glaubte, indem sie Viviane bittere Vorwürfe über ihr Benehmen machte.

»Es ist nicht meine Gewohnheit, mich in Ihre Angelegenheiten einzumischen,« begann sie mit der Märtyrermiene, die sie immer aufsetzte, wenn es eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und Viviane galt, »aber ich muß Ihnen ein- für allemal sagen, daß Sie mit diesen beiden jungen Leuten viel zu viel Wesens machen. Und nicht genug damit, geben Sie sich auch noch dazu her, auf die sonderbarsten Launen der Herren einzugehen, und weisen ihnen gerade die Zimmer an, die für Sir James und Lady Brookwood bestimmt sind.«

»Aber, beste Lady Vavasour, nehmen Sie doch Vernunft an! Ich werde doch wohl in meinem eigenen Hause tun können, was mir beliebt. Ihnen kann ich es ja sagen, daß die Gesundheit des Grafen Schirikow eine viel schwächere ist, als man allgemein weiß, so daß eine ungestörte Nachtruhe für ihn geradezu Lebensbedürfnis ist; ebenso ist es notwendig, daß sein Freund jederzeit in seiner unmittelbaren Nähe ist. Deshalb müssen sie zwei aneinanderstoßende Zimmer haben.«

Lady Vavasour wendete sich schmollend ab.

»Wo werden Sie also Sir James und seine Frau unterbringen?« fragte sie dann, den Kampf wieder aufnehmend.

»Das weiß ich wirklich nicht, und es ist mir auch einerlei, aber ich habe jetzt keine Zeit und keine Lust, davon zu reden. Bitte, lassen Sie alles in Ordnung bringen.«

Die anderen drei erwarteten sie schon in ihrem Atelier; Denzil las laut vor, während Viviane eifrig malte, Iwan posierte mit Engelsgeduld und Flora ergab sich mit Eifer dem Müßiggange.

»Wenn wir nur immer so hier bleiben könnten,« flüsterte Viviane, während Denzil ihr half, ihre Geräte wegzuräumen, als die Frühstücksglocke geläutet hatte.

»Liebste, ängstige dich nicht so, vergiß nicht, wir gehen mit gefeitem Leben in den Kampf. Vertraue mir und sei glücklich, solange kein Grund zur Traurigkeit da ist.«

»Was ist Ihnen nun wieder nicht recht, Mr. Heathcote?« fragte Floras helles Stimmchen. »Wenn Mr. Heathcote etwas an dem Bilde geändert wünscht, Viviane, tu' es nicht! Das Bild wird das beste, das du jemals maltest.«

»Sie sind sehr streng mit mir, Miß Allerton,« antwortete er scherzend. »Und ich habe doch gerade für diesen Entwurf nichts als Lob bereit.«

Nach dem Gabelfrühstück schlug Viviane einen Besuch in den Stallungen vor und ersuchte Denzil und Iwan, sich Pferde für ihren Gebrauch auszusuchen, um mit Flora einen kleinen Spazierritt zu unternehmen.

»Nun, haben Sie sich für Grey Friar entschieden? Und Sie, Graf Schirikow? Miß Allerton reitet immer die Fuchsstute. Und dieses hier ist mein eigenes Leib- und Lieblingspferd.«

»Es ist eine Schönheit,« sagte Denzil, als er ihr in die Box des Rappen folgte. »Wenn ich Pferdedieb werde, mache ich mit diesem den Anfang.«

»Sie sollen ihn reiten,« sagte sie; »das heißt, wenn er es erlaubt.«

»Mich wird er schon dulden,« entgegnete Denzil, dem Pferde schmeichelnd, mit einem zärtlichen Blicke auf dessen schöne Besitzerin.

Lord Herbert Graham kam pünktlich an, aber in einem Zustande so vollkommener Erschöpfung, daß er, als Viviane eine Spazierfahrt mit ihr und Lady Vavasour vorschlug, flehentlich bat, daß Lady Vavasour allein fahren möge.

»Ich kann doch die arme Lady Vav nicht allein fahren lassen,« entgegnete Viviane.

»Warum kann denn Miß Allerton ihr nicht Gesellschaft leisten?«

»Sie ist ein unruhiges Geschöpf und kann in einem Wagen nicht stillsitzen. Sie ist mit den anderen ausgeritten.«

»Mit den anderen? Ich weiß ja gar nicht, daß noch andere Gäste da sind. Ich dachte, die Hochburgs und die Brookwoods kämen erst morgen?«

»Graf Schirikow und Mr. Heathcote sind gestern schon gekommen. Ich wollte das vielbesprochene Porträt so bald als möglich fertigbringen.«

»Sie sind beide gute Jungen,« meinte Lord Herbert.

Er fühlte sich augenblicklich angesichts der Tatsache, daß Viviane die beiden auf einen Spazierritt geschickt hatte und daheimgeblieben war, um ihn zu erwarten, außerordentlich freundschaftlich für sie gestimmt. Da er wußte, daß sie gewöhnlich nur das tat, was ihr angenehm war, setzte er natürlich voraus, daß es auch hier der Fall gewesen sei.

»Ich war sehr unglücklich um Ihretwegen,« versicherte er sie, und seine blauen Augen schauten sie schwärmerisch an.

»Nun, jetzt können Sie sich also trösten.«

»Ich werde so lange unglücklich bleiben, bis Sie einwilligen, mich glücklich zu machen.«

»Ach, Lord Herbert! Das ist zu arg! Sind Sie wirklich extra aus der Stadt herausgefahren, um mir das zu sagen? Ich begreife nicht, was Sie dazu veranlassen kann, sich immer wieder und wieder eine abschlägige Antwort zu holen. Können Sie sich nicht entschließen, mir ein lieber Freund zu sein, und all diesen Unsinn fahren zu lassen?«

»Ich kann die Hoffnung nicht ganz aufgeben, solange Sie unverheiratet sind.«

»Dann hören Sie wenigstens auf, mich zu quälen.«

»Wäre es nicht besser, wenn ich – auf das hin – heute abend wieder in die Stadt zurückkehrte?«

»Gewiß nicht! Dazu sind Sie viel zu erschöpft. Bleiben Sie und ruhen Sie aus bis nächste Woche. O, da ist endlich Lady Vavasour. Ich dachte, Sie wußten um Lord Herberts Ankunft, Lady Vav?«

»Es tut mir leid, daß ich ihn nicht früher begrüßen konnte,« sagte Lady Vavasour, die die Situation mit einem einzigen Blicke übersehen hatte.

»Ihre neue Jungfer hielt mich auf. Sie begegnete mir auf der Treppe und fragte mich um allerlei. Sie ist ein allerliebstes Geschöpfchen; wenn sie halb so geschickt ist wie einnehmend, haben Sie einen wahren Schatz gefunden.«

»Ich bin froh, daß sie Ihnen gefällt, aber bitte, verwöhnen Sie sie nicht mit Ihrer Bewunderung,« sagte Viviane, deren Laune etwas gereizt war.



Sechstes Kapitel

Als die drei Damen und die drei Herren nach dem Diner im Salon zusammenkamen, warf sich Flora auf ein kleines Sofa und rief lustig:

»Heute müssen wir uns noch recht kindisch unterhalten und Unsinn treiben, denn wenn die Brookwoods da sind, heißt es sich sehr ernsthaft benehmen.«

»Rücke nur mit dem Geburtstagsbuch heraus, Flora, ich bin überzeugt, daß du kürzlich eines geschenkt bekommen hast und nun nach einer Gelegenheit fahndest, es vollschreiben zu lassen,« sagte Viviane.

Flora bekannte, daß dies der Fall war, daß sie ein wahres Wunderwerk aus weißem Samt mit Goldbeschlägen erhalten habe und bisher noch nicht den Mut gehabt hätte, jemanden zu bitten, sich einzutragen, dann lief sie fröhlich wie ein Kind davon, es zu holen, und kehrte mit dem Geburtstagsbuche in den Salon zurück.

»Lass' uns dein wundervolles Buch besehen. Wie herrlich!« rief Viviane.

»Nicht wahr! Es braucht sich niemand zu schämen, seinen Namen in ein so prächtiges Buch einzuschreiben? Wer macht den Anfang?«

Mit einer anmutigen kleinen Bewegung wendete sie sich zu Lady Vavasour und die Dame schrieb feierlich ihren Namen auf die Seite, die das Datum ihres Geburtstages trug.

Als endlich alle sich eingetragen hatten, rückte Iwan mit dem Geständnisse heraus, daß auch er der glückliche Besitzer eines ähnlichen Buches sei, und bat die Anwesenden, sich gleichfalls mit ein paar Zeilen zu verewigen. Er eilte davon, um das Buch aus seinem Zimmer zu holen.

Zur allgemeinen Verwunderung blieb er lange Zeit fort.

»Wer hielt Sie denn so lange auf?« fragte Lady Vavasour, als er endlich mit dem Buche in der Hand und mit einem etwas zerstreuten Gesichtsausdruck wieder erschien.

»Etwas Merkwürdiges,« antwortete er treuherzig. »Ich habe eine Uhr gesucht.«

»Eine Uhr gesucht? Hängt denn keine in Ihrem Zimmer?« fragte Viviane erstaunt.

»O ja, es hängt eine dort, aber es tickte noch eine zweite, die ich nicht erspähen konnte.«

»Vielleicht war es eine Maus!« sagte Lady Vavasour mit einer boshaften Betonung, deren Stachel jedoch für die meisten Anwesenden verloren war.

»Nein, eine Maus war es nicht,« versicherte Iwan ernsthaft. »Auch nicht ein Holzwurm. Das Geräusch fiel mir sogleich auf, wie ich das Zimmer betrat, und als ich es verließ, vernahm ich es noch immer. Es klang sehr leise, aber ich habe ein außerordentlich empfindliches Gehör, und so nahm ich es ganz deutlich wahr.«

Viviane blickte Denzil bedeutungsvoll an, und dieser verstand die Botschaft ihrer Augen.

»Es muß doch so ein kleines bohrendes Insekt gewesen sein; hast du dein Stammbuch gebracht?«

Iwan bejahte und zeigte es Flora, die sich voll Interesse die in wohl einem halben Dutzend europäischer Sprachen geschriebenen Eintragungen zeigen ließ. Viviane warf einen Blick hinein, dann gebrauchte sie die ehrwürdige Ausrede eines vergessenen Taschentuches, um sich aus dem Zimmer zu entfernen, und nach zwei Minuten folgte ihr Denzil, ohne irgend eine Entschuldigung nach.

Er erreichte sie an der Türe zu Iwans Zimmer und sie betraten es Hand in Hand. Auf der Schwelle blieben sie stehen und horchten, konnten aber im ersten Moment nichts hören.

»Wir müssen die Uhr dort entfernen,« sagte Viviane, und Denzil machte sie von ihrem Haken los und trug sie in sein Zimmer. Nun horchten sie wieder und konnten endlich den kaum vernehmbaren Schlag hören, sich aber nicht erklären, woher er kam. Sie horchten die Wände ab, untersuchten die Kästen – umsonst, bis endlich Denzil zu Häupten des Bettes stehen blieb und ausrief: »Hier ist es!«

»Vielleicht kommt es unter dem Bette hervor,« meinte endlich Viviane.

Denzil stellte die Lampe auf den Boden und legte sich nieder, und unter das Bett zu schauen. Endlich stieß er einen kleinen Ausruf aus und verschwand für eine halbe Minute zur Hälfte unter dem Bette, um mit einer kleinen Schachtel, die er vorsichtig in den Händen hielt, wieder aufzutauchen.

»Da haben wir es!« rief er. »Ein Uhrwerk, eine Höllenmaschine! Wer kann sie hieher gebracht haben?«

»Berühre sie nicht!« schrie Viviane unwillkürlich auf. »Wird sie losgehen?«

»Jetzt nicht,« erwiderte er. »Es ist wahrscheinlich berechnet, wann sie explodieren wird. Jedenfalls zu einer Zeit, zu der man Iwan im Bette vermutet. Aber wie kam sie hieher?«

Viviane schauderte.

»Und ich dachte so sicher, daß er hier im Hause außer jeder Gefahr sein müsse,« klagte sie.

»Was sollen wir mit dem Ding anfangen? Es muß entfernt werden. Bitte, Denzil, bitte, lass' es mich irgendwohin hintragen, wo es kein Unheil anrichten kann.«

Er lachte hart und bitter auf.

»Was willst du damit anfangen? Darf ich dir nicht helfen?«

»Liebste, gewiß mußt du mir helfen. Du mußt mir die Haustüre öffnen und wieder hinter mir schließen. Ich werde das Ding in den Weiher werfen.«

»Dann gehe ich mit und helfe dir mit dem Boote.«

»Nein, du könntest mir dabei nicht helfen.«

»Das sagst du nur, weil du um mich besorgt bist, aber wenn eine Gefahr besteht, so will ich sie mit dir teilen.«

»Deine Gegenwart würde sie nur vermehren, denn wenn ich dich bei mir weiß, verliere ich meine Ruhe.«

»Aber zieh' wenigstens deinen Winterrock an, es ist so eisig kalt draußen.«

»Der wäre mir zu schwer. Ich werde nur rasch diesen leichten Smoking gegen einen wärmeren Rock vertauschen.«

Er entfernte sich und kam gleich darauf in einer kurzen Jagdjoppe wieder zurück.

»Es wird im Boothause ganz leicht gehen,« meinte er, »denn es ist heller Mondschein.«

Dann küßte er sie, nahm die Schachtel vorsichtig mit beiden Händen auf und bat Viviane, ihm die Tür zu öffnen und sie hinter ihm zu schließen.

Ehe sie die Stiege erreichten, kamen sie an einer Tür vorbei, die in eine Reihe unbenützter Zimmer führte, und keines von ihnen bemerkte, daß diese Türe nur angelehnt war und daß durch die schmale Spalte ein scharfes Auge sie beobachtete.

Sie drückte entschlossen die Haustüre hinter ihm zu und wendete sich zurück, um dem Haushofmeister Smith zu läuten. Sie wollte ihm sagen, daß sie sich unruhig fühle – welchen Grund sie dafür angeben sollte, wußte sie selbst noch nicht – und daß sie ihn ersuche, beim Verschließen des Hauses für die Nacht keine Vorsichtsmaßregel zum Schutze gegen Einbrecher außer acht zu lassen.

Während sie, langsam durch die Vorhalle gehend, sich noch bedachte, womit sie ihre außergewöhnliche Ängstlichkeit begründen könnte, stürzte plötzlich, ohne daß sie hätte sagen können, aus welcher Richtung, die kleine französische Jungfer auf sie zu, fiel vor ihr auf die Knie und stammelte, während sie sich mit zitternden Händen an ihr Kleid klammerte:

»O, ich fürchte mich. Das Haus ist so schrecklich groß, ich verirre mich immer! Ich habe wieder die richtige Stiege verfehlt und auf einmal kam ein Mann an mir vorbei. Als er mich sah, versteckte er sich in einem Zimmer, und ich lief, was ich konnte; suchte den großen Salon, aber ich konnte die Türe dazu nicht finden und bin hier herabgekommen.«

Viviane legte beruhigend ihren Arm um das zitternde Mädchen, das sie in seiner Angst und seiner Schwäche erbarmte. Dann drückte sie die elektrische Klingel und gleich darauf erschien Smith, der Haushofmeister.

»Smith,« sagte sie mit leiser, fester Stimme. »Es ist ein Einbrecher im Hause. Marie hat ihn gesehen und kann uns das Zimmer zeigen, in dem er sich verborgen hat. Rufen Sie rasch, aber ohne Aufsehen die Bedienten zusammen. Nehmen Sie für alle Fälle einen oder zwei Revolver mit, aber vor allem beeilen Sie sich.«

In unglaublich kurzer Zeit war Smith, gefolgt von den anderen männlichen Dienern, wieder zurück, und auf Vivianes freundliche Zusprache faßte sich Marie so weit, daß sie ganz tapfer mitkam, um das Zimmer zu bezeichnen Im ersten Stockwerke angekommen, schlug sie den Weg in den Korridor ein, in den das unbenützte Zimmer mündete, deren Tür vorhin angelehnt gewesen war. Mit einem Schauder zeigte sie die nun geschlossene Tür.

Als die Tür geöffnet wurde, kam ihnen ein kalter Luftzug entgegen, und aneinandergeschlossen betraten die Männer den Raum. Eines der Fenster stand weit offen, ein langer Strick, der im Zimmer an einen Bettfuß befestigt war, hing darüber hinaus; sonst war von dem Einbrecher keine Spur mehr zu finden.

»Da sieht man ja, was aus dem Einbrecher geworden ist, Gnädige,« sagte Smith, auf das offene Fenster weisend. »Und wir können froh sein, sicher zu wissen, daß er nicht mehr im Hause ist.«

»Es war Marie, die ihn verscheuchte,« meinte Viviane, mit einem gütigen Lächeln, aber ihr Blut erstarrte vor Schreck, denn wenn der sogenannte Einbrecher nicht mehr im Hause war, dann befand er sich draußen im Park. Oder er hatte vielleicht Denzil den Weg zum Teiche einschlagen sehen und war ihm nachgeeilt.

Mit fast übermenschlicher Anstrengung verbarg sie ihre Angst. »Es können auch mehr als nur einer gewesen sein,« sagte sie zu Smith gewendet. »Es ist doch sicherer, das ganze Haus zu durchsuchen. Und die selbe Vorsicht muß von nun an jeden Abend beobachtet werden. Ich weiß, ich kann mich verlassen, daß Sie Ihr möglichstes tun werden. Und noch etwas: Sie wissen, daß wir morgen Gäste erwarten, und ich möchte sie nicht durch Geschichten von Einbruchsversuchen beunruhigen lassen. Auch Sie, Marie sagen Sie nichts, wenn Sie wieder in das Dienerzimmer zurückkommen.«

»Ich werde schweigen wie das Grab,« versicherte Marie und entfernte sich gehorsam. Die Bedienten zerstreuten sich gleichfalls, um Vivianes Befehl gemäß noch weiter zu suchen, den Haushofmeister rief sie jedoch zurück.

»Noch eines, Smith: Mr. Heathcote begab sich vorhin auf die Terrasse. Bitte kommen Sie mit mir, um zu sehen, ob er in Sicherheit ist.«

Auf der Terrasse war niemand zu sehen.

»Wir müssen ein Stück in den Park gehen, bis wir ihn sehen,« meinte sie, die Terrassenstiege hinabgehend, und wandte sich der Richtung des Teiches zu.

Endlich, als sie schon fast den halben Weg bis zum Teiche zurückgelegt hatten, löste sich aus dem Schatten eine Gestalt, in dem Mondlichte erkannte sie Denzil, der vom Bootshause zurückkam, und sie wußte, daß er sein gefährliches Werk glücklich vollbracht habe. Zitternd und bebend eilte sie ihm entgegen.

»Guter Gott! Miß Branscombe,« rief er – zum Glück war er des ihr folgenden Haushofmeisters noch im rechten Moment gewahr geworden, »ist im Hause etwas geschehen?«

»Jetzt nicht!« erwiderte sie mit einer Heiterkeit, die sie selber staunen machte. »Aber wir hatten eine regelrechte Einbrecherjagd. Unser Wild ist uns entschlüpft, aber es befindet sich ohne Zweifel irgendwo im Park, und ich wollte Sie nicht der Gefahr aussetzen, ihm möglicherweise unbewaffnet zu begegnen.«

Während sie zum Hause zurückschritten, gab Miß Branscombe einen genauen Bericht des Vorgefallenen.

»Ist alles glücklich gegangen?« fragte sie Denzil, sobald sie allein waren.

»Prächtig. Die Sache machte sich wie von selber.«

»Wirst du nun, da eure Feinde offenbar wissen, daß ihr hier seid, fortgehen? Es würde mir schrecklich leid tun, aber wenn du es für besser finden solltest, werde ich euch nicht zurückhalten.«

»Ich finde es nicht für besser. Unser Feind hat jedenfalls seit gestern nacht seine Spione auf unserer Spur. Wir würden also überall entdeckt werden, und ich glaube, wir sind hier, in deinem Schutze, sicherer als irgendwo anders.«

»Ich glaube das auch,« sagte sie ruhig. »Nun aber müssen wir in den Salon zurückkehren, und vergiß nicht, Liebster: niemand ahnt etwas. Wenn das Geheimnis auch morgen noch eines bleibt, dann bin ich auf meine Dienerschaft, auch auf die kleine schüchterne Marie, wirklich stolz. Nun geh du zuerst hinein. Man darf nicht vermuten, daß wir beisammen waren.«

Heathcote begab sich wieder in den Salon.

»Wahrscheinlich auch wieder das Zöfchen auf der Stiege?« fragte Lord Herbert mit unschuldiger Miene bei seinem Eintritt.

»Dieser Witz dürfte bald etwas abgebraucht sein,« entgegnete Denzil.

»Ich war auf der Suche nach Iwans unsichtbarer Uhr, denn er ist gerade kein angenehmer Nachbar, wenn er des Nachts nicht schlafen kann, und ich habe mich überzeugt, daß es nichts als ein unschuldiger Holzwurm ist. Dann steckte ich mir eine Zigarre an und ging ein wenig ins Freie.«

»Wozu du diese warme Jagdjoppe anlegtest, die du, ehe du hierher zurückkamst, mit dem Smoking zu vertauschen vergaßest,« meinte Lord Herbert und seine schläfrigen Augen blitzten belustigt auf.

Sie neckten ihn, und er erwehrte sich ihres gutmütigen Spottes, und eben als er die Tür erreicht hatte, um den übersehenen Wechsel in seiner Toilette vorzunehmen, trat Viviane ein.

»Wieder Marie,« rief sie heiter, »ich bitte die ganze Gesellschaft um Entschuldigung, aber es war wirklich abermals Marie, die mir in den Weg lief und mich aufhielt.«

»In Anbetracht ihrer Rationalität ein unglaublich männerscheues junges Frauenzimmer,« sagte Lord Herbert.

»Sie scheint ihre ganze Zeit auf den Stiegen zu verbringen,« bemerkte Lady Vavasour spitzig.

»Sie verläuft sich immer wieder,« entgegnete Viviane, noch immer lachend.



Siebentes Kapitel

Am nächsten Vormittage nahm das Malen von Iwans Porträt seinen Fortgang, und da alle bei ihr im Atelier versammelt waren, fragte Viviane, wer am Nachmittage bei ihr daheim bleiben und ihr helfen wolle, ihre Gäste zu empfangen.

Alle erklärten ihre Bereitwilligkeit.

»Wie liebenswürdig von euch allen,« rief Viviane, der nur daran gelegen war, Iwan nicht aus den Augen zu verlieren.

»Iwan und ich haben heute schon frische Luft und Bewegung im Freien genug gehabt,« berichtete Denzil. »Wir waren schon vor dem Frühstücke wieder auf dem Teiche. – Er wollte es durchaus,« fügte er, zu Viviane gewendet, leise hinzu. »Er hat sich vorgenommen, jeden Morgen eine Ruderpartie zu machen.«

»Bravo! Bravo!« Lord Herbert unterbrach mit lauter Stimme das geflüsterte Gespräch. »Schieb« die Schuld nur auf andere Leute! Als ob ich dich als Luft- und Bewegungsfanatiker nicht schon seit deiner Schuljungenzeit kennen würde!«

»Das muß Ihnen allerdings unbegreiflich erscheinen, Lord Herbert,« meinte Flora, ausnahmsweise die Partei Heathcotes ergreifend, »denn Sie können gewiß nach einem halben Kilometer vor Müdigkeit nicht mehr weiter! Viviane,« mit einer raschen Bewegung wendete sie sich zu ihrer Freundin, »was werden wir mit all den Leuten anfangen in der Stunde bis zum Nachmittagstee?«

»Ping-Pong und Billard natürlicherweise. Beide sind herrliche Erfindungen für Leute, die nicht Karten spielen. Ich vergaß zu bemerken, daß die Brookwoods zwei junge Verwandte mitbringen, Ned Pendlebury, den Neffen Lord Brookwoods, und Alice Fenton, Lady Brookwoods jüngste Schwester.«

»Ich mag weder die Brookwoods noch ihre jungen Verwandten,« warf Flora ein. »Was sich mit Händen und Füßen nur immer ausüben läßt, das können sie bis zur Vollendung, und das, wozu man den Kopf braucht, können sie gar nicht.« 

»Was aber sollen die armen Leute anfangen?« fragte Denzil. »Sie können ihren Geist nicht pflegen, wenn sie keinen zu pflegen haben. Was bleibt ihnen also, um sich zu zerstreuen, übrig, als Sport und Spiele?«

»Du lieber Gott! Was für eine Vorlesung habe ich über mein unschuldiges Haupt heraufbeschworen!« rief Flora und deckte die Hände über ihre kleinen Ohren.

»Heathcote scheint offenbar der Ansicht, daß kleine unschuldige Mädchen eben kleine unschuldige Bemerkungen nicht machen sollten,« warf Lord Herbert ein.

»O Sie! Fangen Sie auch noch an! Bitte; fangen Sie nicht wieder mit der alten Geschichte an, daß Sie mich als kleines Kind auf den Armen trugen. Jetzt bin ich erwachsen und verlange, wie eine Erwachsene behandelt zu werden.«

»Tat ich das nicht?« fragte Lord Herbert mit seiner erstaunten Miene. »Wenn Sie mir nur mit gutem Beispiele vorangehen und Respekt vor meinen grauen Haaren zeigen wollten, dann würde ich mich vielleicht auch vor Ihrer außerordentlichen Jugend und Unerfahrenheit neigen.«

»Ich wollte, ich könnte Sie umbringen,« zürnte Flora.

»Ich muß gestehen,« unterbrach Viviane den Streit, »daß ihr alle miteinander ganz unglaublich töricht und kindisch seid. Graf Schirikow kann unmöglich den Ausdruck beibehalten, den ich seinem Gesichte geben möchte, wenn er euren Unsinn anhören muß. Also macht, daß ihr fortkommt.«

Trotz lauten Protestes gegen das summarische Verfahren fügten sie sich doch dem Spruche Vivianes, wie sie es immer taten. Ehe er das Zimmer verließ, warf Heathcote, hinter den anderen zurückbleibend, noch einen Blick auf sie, aber sie schenkte ihm nur ein holdes Lächeln und hielt ihn nicht zurück.

Wenn ihr Zweck, die laute Gesellschaft zu entfernen, wirklich der gewesen war, Iwans Gesichtsausdruck zu verändern, so hatte sie ihn erreicht; denn im Augenblicke war aus seinen Zügen die erzwungene Starrheit verschwunden und er sah lebhaft und erregt aus.

»Ich glaube, dies ist das erstemal, seit ich hier bin, daß ich das Glück habe, mit Ihnen allein zu sein,« begann er eifrig. »Darf ich nun sprechen, oder wird es Sie beim Malen stören?«

»Bitte, sprechen Sie,« erwiderte Viviane.

»Ich danke Ihnen. Hat Ihnen Miß Allerton gesagt, daß es mein sehnlichster Wunsch ist, das Porträt, das Sie von ihr begonnen haben, zu besitzen.«

»Ich bin froh, daß Sie mein Gepinsel nicht als Beleidigung für Floras Schönheit auffassen,« sagte sie. »Gewiß gebe ich es Ihnen und mit dem größten Vergnügen; aber wollen Sie mir nun auch erlauben, Ihr Bild Flora zu geben?«

»Wenn sie es haben will, werde ich sehr glücklich sein,« erwiderte er gesenkten Blickes.

»Ich möchte eine sehr offene Frage an Sie stellen, Graf. Wenn Sie Flora lieben, warum sagen Sie es ihr nicht?«

»Sie halten mich für schüchtern, vielleicht für feige,« entgegnete er ebenso ernst wie sie, »aber ich bin es nicht. Ich bin nur noch nicht sicher, ob ich auch das Recht habe, die Frage, ob sie meine Frau werden wolle, an Miß Allerton zu stellen. Meine Angelegenheiten sind noch zu ungeordnet.«

»Wird es lange dauern, bis Ihre Angelegenheiten sich ordnen?«

»Nicht mehr sehr lange,« entgegnete er, und sein finsteres Gesicht hellte sich auf. »Soviel darf ich Ihnen sagen, daß ich, wenn ich meinen nächsten Geburtstag erlebe, im Besitze eines sehr bedeutenden Vermögens sein werde.«

»Und Ihr Geburtstag ist wann? Morgen über acht Tage, nicht wahr?«

Er bejahte.

»Dann,« meinte Viviane, »würde ich an Ihrer Stelle dem Datum etwas vorgreifen. Glauben Sie mir, benützen Sie die erste Gelegenheit, die sich Ihnen bietet, Flora Ihr Herz zu entdecken. Ich könnte wirklich nicht länger zusehen, wie zwei reizende Kinder, denen ich gut bin, die schönste Gelegenheit versäumen, den allersüßesten Traum der Welt miteinander zu träumen. Ich bin ein Jahr älter als Sie, Iwan – ich darf Sie doch Iwan nennen, nicht wahr? – und das bedeutet, da ich ein Weib bin, soviel, als ob ich um zehn Jahr älter wäre. Ich sage Ihnen: niemand ist so jung, daß er sich auch nur einen Tag des Glückes entkommen lassen dürfte. Das klingt vielleicht etwas hochtrabend, aber handeln Sie danach.«

»Das will ich,« rief er, und seine Pose als Modell ganz vergessend, sprang er auf, faßte ihre Hand und drückte sie an seine Lippen – gerade in demselben Augenblicke, in dem Flora mit einer Anfrage Lady Vavasours die Tür öffnete.

Im nächsten Moment jedoch hatte die Tür sich wieder geschlossen, und weder Viviane noch Iwan wußten, wer sie aufgemacht hatte. Da niemand eintrat, meinte Viviane lachend zu Iwan:

»Es wird Lady Vavasour gewesen sein, und sie lief davon, weil sie dachte, sie habe uns mitten in einer Liebeserklärung überrascht. Das ist die Frühstücksglocke! Ich muß eilen, um die Spuren meiner Arbeit etwas zu vertilgen, in diesem beklecksten Zustande kann ich wahrhaftig nicht zu Tisch kommen.«

Es war kein unüberlegter plötzlicher Einfall gewesen, der Viviane veranlaßt hatte, mit Iwan zu sprechen, sondern das Ergebnis ernsthaften Nachdenkens.

Wenn das Ärgste wirklich geschehen sollte, dann sollte Flora wenigstens die schöne Erinnerung an Iwans Liebe in ihrem Herzen als heiligen Schatz hüten können. Sie empfand keine Sympathie für die Sorte Menschen, die fortwährend um Rat fragen und immer dem Rate entgegenhandeln, und sie war überzeugt, daß sie besser wußte, was Flora frommte, als sonst irgend jemand. Was Iwan anlangte, so konnte Denzil nichts einzuwenden haben, denn er hatte selbst zugegeben, daß einer Verlobung nichts anders im Wege stand als die gegenwärtige Gefahr, in der der junge Mann sich befand; wenn aber Iwan wirklich stürbe, dann würde nur Flora und nicht er den Schmerz des Verlustes erleiden. Das alles hatte sie wohl überlegt und war stolz, ihr Vorgehen von allen Gesichtspunkten aus gerechtfertigt zu sehen.

Viviane kleidete sich mit Mariens Hilfe rasch um und beantwortete ziemlich zerstreut die Flut von Fragen, die sich, mit allerliebster Bescheidenheit vorgebracht, über sie ergoß, denn Marie wollte so gern die Namen der im Hause anwesenden Personen wissen.

Wie sie das Speisezimmer betrat, wurde ihr die Botschaft übermittelt, daß Miß Allerton ihre Abwesenheit beim Gabelfrühstück eines heftigen Kopfschmerzes halber zu entschuldigen bitte.

Viviane schickte das Mädchen zurück und ließ fragen, ob Miß Allerton etwas auf ihr Zimmer serviert haben wolle. Die Antwort lautete dahin, daß Miß Allerton danke und nichts nehmen wolle; bis Nachmittag würde sie gewiß wieder ganz wohl sein.

Als Iwan bei Tische von Floras Unwohlsein erfuhr, zeigte er sein Bedauern sehr unverhohlen.

Viviane war überrascht. Flora war gerade heute morgens außergewöhnlich heiter und übermütig gewesen. Daß sie Kopfschmerzen halber eine Mahlzeit versäumte, war noch nie dagewesen, und Viviane grübelte darüber nach, ob es möglich war, daß Flora irgendwie die Wahrheit über Iwans Lage erfahren habe.

Das, was die arme Flora erfahren zu haben glaubte, war hingegen von der Wahrheit himmelweit entfernt. Sie wollte nicht weinen, sie sagte sich immer wieder, daß niemand ihr das Schreckliche anmerken dürfe, was in ihr vorging.

Sie hatte Iwan, ihren Iwan, wie sie sich berechtigt geglaubt hatte, ihn nennen zu dürfen, sich über Viviane neigen und ihre Hand küssen sehen. Sie war es zu lange gewohnt gewesen, zu sehen, wie alle Männer sich in Viviane früher oder später verliebten, als daß sie sich Iwans Bewegung hätte anders auslegen können.

Sie glaubte sogar nicht, daß Viviane sie und die anderen aus dem Atelier hinausgeschickt habe, um Iwan eine Gelegenheit zu geben, mit ihr allein zu bleiben. Sie war vollkommen überzeugt, daß ihre Freundin sehr überrascht gewesen war. Es hatte noch keiner auf die Dauer Vivianes Schönheit und Reiz widerstehen können; wie hätte sie es also von Iwan verlangen dürfen? Weil sie sich eingebildet hatte, er habe ihr sein Herz geschenkt?

Nun, auf keinen Fall hatte ihr Traum lange gedauert, und nun mußte sie es lernen, ohne ihn zu leben. Sie wußte, daß sie eine Liebe wie diese nur einmal in ihrem Leben empfinden konnte, und in all ihrem Schmerze hatte sie die Kraft, sich zu sagen, daß es so besser sei.

Iwan geliebt zu haben, schien ihr auch so ein größeres Glück, als die Liebeleien der jungen Mädchen ihres Bekanntenkreises.

Aber wissen durfte niemand um das, was ihr widerfahren war! Was Iwan gemerkt haben mochte?

Sie quälte sich damit, sich jedes Wort, jeden Blick zurückzurufen, die sie ihm geschenkt, seit sie ihn kannte, um zu prüfen, inwieweit sie sich damit verraten haben mochte, aber aus allem, was die Erinnerung an vergangene Szenen ihr wieder brachte, las sie nur, wie berechtigt sie gewesen, an seine Liebe zu ihr zu glauben.

Wie hätte er sie so ansehen, so zu ihr sprechen können, wenn er sie nicht geliebt hätte? Nein, es war kein Zweifel, ihr hatte zu Anfang sein Herz gehört. Vivianes steter Anblick, das tägliche Zusammensein mit ihr hatten den Wechsel bewirkt. Und diesen Morgen hatte er den Mut gefaßt, Viviane seine Liebe zu gestehen.

Jetzt aber stieg eine neue Furcht in ihr auf. Sie war überzeugt, daß Viviane ihn zurückgewiesen hatte – würde er nun wieder zu ihr, zu Flora, zurückkehren wollen? Sie hatte keine hohe Meinung von sich und hielt sich für ein sehr unbedeutendes Persönchen, aber bloß um den abgewiesenen Freier einer anderen – selbst Vivianes – zu trösten, dafür war sie sich zu gut.

Sie mußte trachten, sowohl ihn selbst als auch die anderen zu überzeugen, daß sie sich nichts aus ihm machte.

Und sie wollte sogleich anfangen. Dieser junge Pendlebury, der heute ankommen sollte! Der mußte herhalten, und daran lag auch weiter nichts, denn wenn sie ihn nicht für sich zu interessieren suchte, würde er doch ohne Frage bald gleichfalls ein Opfer Vivianes werden.

Sie erhob sich endlich, wusch ihr erhitztes Gesicht sorgsam mit Kölnisch Wasser, ordnete ihr schönes Haar so vorteilhaft als möglich und zog ihre Nachmittagstoilette an. Als sie fertig war und sich im Spiegel besah, war sie mit den Erfolgen ihrer Bemühungen zufrieden.

Schon vor einer Weile hatte sie Wagen vorfahren hören, all den Lärm, den die Ankunft von Gästen mit sich zu bringen pflegt. Jetzt wollte sie unten erscheinen und Viviane bei der Unterhaltung aller der schwer zu unterhaltenden Leute beistehen.



Achtes Kapitel

Wie Flora die breite Stiege herabkam, die in die große Halle mündete, schien es ihrer erregten Phantasie, als ob der weite Raum von Menschen ganz erfüllt wäre, tatsächlich jedoch hatte sich die ursprüngliche Gesellschaft gerade verdoppelt.

Noch im Hinuntergehen sah sie Iwan zu ihr hinaufsehen, und sie lächelte ihm zu. Auch Viviane hatte ihr Kommen bemerkt und ihr schenkte sie dasselbe Lächeln, wie diese zugleich mit Iwan ihr entgegentrat. Am Fuße der Treppe blieb sie stehen und versicherte den beiden heiter, daß sie sich wieder vollkommen wohl fühle, und ihr frisches, reizendes Aussehen bestätigte die Behauptung.

»Ich bewundere dich!« sagte Viviane. »Sollte es dir zu viel werden, so mußt du ohne jede Rücksicht dich entfernen.«

»Viviane, willst du mich deinem deutschen Freunde vorstellen?«

Sie wurde, ihrem Wunsche entsprechend, dem Baron Hochburg und seiner dicken Gemahlin vor gestellt. Nachdem sie ein paar artige Worte mit ihnen gewechselt, entschlüpfte sie Iwan, der sich ihr näherte, wieder und wendete sich zu den Brookwoods, die sie als alte Bekannte begrüßte.

Wie sie, sich nach dem jungen Pendlebury umsehend, suchend umherblickte, gewahrte sie Iwan, der ihr schon wieder auf den Fersen war, und glitt ihm rasch aus dem Wege. Sie war ganz überzeugt, daß Alice, der er schon vorgestellt worden war, sich lebhaft bemühen würde, ihn an ihrer Seite festzuhalten, und ihre Voraussetzung erwies sich als vollkommen richtig.

Iwan, der sehnsüchtig zu ihr hinübersah, meinte, sie noch nie so bezaubernd und reizend gesehen zu haben, und Alice Fenton nannte sie zu sich selber eine abscheuliche, widerwärtige kleine Katze.

Nach einer Weile begab sich die ganze Gesellschaft in das Billardzimmer, aber auch dort wich Ned Pendlebury nicht von Floras Seite, wollte mit niemand anderem spielen und mit niemand anderem reden als mit ihr und machte durch die unglaublich offenkundige Art seiner Bewunderung sie und sich selbst so auffallend als möglich, was mit Floras Absichten auf das wunderbarste übereinstimmte.

»Ich bewundere die Beweglichkeit und Geschicklichkeit der jungen Leute,« sagte die Baronin, die mit großem Interesse dem heftigen Ping-Pong-Kampfe zwischen Flora Allerton und dem jungen Pendlebury zusah.

»Als ich ein junges Mädchen war, wurde ich dazu angehalten, mich in der Küche zu tummeln. Die Jugend von heute hat es besser.«

»Dafür wurden Sie um so vieles nützlicher erzogen,« entgegnete Lady Vavasour. »Stellen Sie sich einmal vor, das kleine, zierliche Ding, dessen Spiel Sie so bewundern, müsse Ihren Gemahl eine Woche hindurch verköstigen.«

»Gott behüte ihn davor. Ehe die Woche zu Ende wäre, wäre er verhungert.«

»Ich war so froh, als Sie mich wegen des Kartenspieles beruhigten,« sagte unterdessen Lady Brookwood zu Viviane. »Ich wußte, Sie würden es mir nicht übel nehmen, nicht wahr, Liebste? Wie hübsch diese kleine Flora Allerton ist und wie vorzüglich sie Ping-Pong spielt.«

»Sie spielt es merkwürdig gut. Aber Ihre Schwester Alice ist ja, wie ich höre, eine Meisterspielerin; ich werde nun Mr. Heathcote auffordern, sich von ihr besiegen zu lassen.«

Sie arrangierte diese Partie aus hellem Mitleid für Iwan. Sobald er von Alice befreit war, eilte er zu Flora, die jetzt außer dem jungen Pendlebury und Lord Herbert auch noch den alten Baron Hochburg mit ihrem Geplauder unterhielt.

Als Iwan nahetrat, faßte der Baron ihn scharf ins Auge; in seine Züge kam ein forschender, suchender Ausdruck, als ob er sich zu besinnen trachte, wo er ihn schon gesehen.

Iwan machte sich, sobald er konnte, von Baron Hochburg los und benützte die Gelegenheit, um an Floras Seite den jungen Pendlebury zu vertreten, sie aber war so vertieft in das Spiel Alices und Neds, daß sie seine leisen Vorwürfe gar nicht zu vernehmen schien.

»Was geht mit Miß Allerton vor?« fragte Heathcote, der sich einen Moment hindurch allein neben Viviane befand. »Es kommt mir vor, als ob sie Iwan ausweiche. Er sieht deshalb steinunglücklich drein.«

»Ich kann Floras Benehmen auch nicht verstehen,« entgegnete Viviane. »Sie ist wie ausgewechselt. Ich kenne sie seit unserer Kindheit, aber so wie sie sich heute gibt, habe ich sie noch nie gesehen.«

»Das Meisterschaftsmädel ist auch nicht erfreut darüber,« lachte Denzil. »Ich fürchte, wir werden sehr bald diplomatische Wirren erleben.«

»Baron Hochburg scheint für Iwan besonders Interesse zu empfinden,« sprach Viviane weiter.

»Das habe ich schon bemerkt. Wer ist eigentlich dieser Baron Hochburg?«

»Der Mann seiner Frau. Sie aber ist die Freundin einer Dame, mit der ich bekannt war während meines Aufenthaltes in Dresden und die ihnen warme Empfehlung an mich mitgab.«

»Ich fange wirklich an zu fürchten, daß mein Verdacht gegen jeden Menschen, der sich Iwan nähert, nach und nach zur fixen Idee wird.«

»Ich glaube, der alte Herr ist eine sehr ehrenwerte Null,« erwiderte Viviane lächelnd und wendete sich dem alten Baron zu.

»Langweilt Sie all diese Begeisterung für kleine und große Ballen?« fragte sie lächelnd.

»Ich dachte an ganz etwas anderes,« gestand er offenherzig.

»Das ist sehr vernünftig,« meinte sie, »wenn das, was um einen vorgeht, einen nicht interessiert. Wollen Sie vielleicht das Rauchzimmer aufsuchen?«

»Ich danke, ich unterhalte mich auch hier sehr gut,« sagte er ablehnend, und während er sprach, folgten seine Blicke wieder Iwan.

»Sie bemerken, daß ich diesen jungen Apollo beobachte. Mir ist's immer, als ob ich ihm schon einmal irgendwo begegnet wäre. Ist er schon lange in England?«

»Ich weiß das wirklich nicht,« entgegnete Viviane vorsichtig. »Er ist hier bei mir, weil ich ihn male.«

»O, Sie malen? Das interessiert mich auch sehr. Ich würde mich sehr freuen, Ihr Atelier sehen zu dürfen.«

»Ich bekomme dort des Vormittags meistens den Besuch meiner Gäste.«

»Dann werde ich mir morgen auch erlauben, vorzusprechen. Es ist noch jemand im Hause, den ich zu kennen glaube, ohne zu wissen woher,« sagte er, »eine kleine Dienerin, die an mir vorbeikam, als ich aus meinem Zimmer trat. Ich möchte wissen, wer sie ist. So sieht sie aus.«

Er hatte sein Notizbuch hervorgezogen, und noch während er sprach, zeichnete er mit wenigen treffenden Strichen ein geradezu frappant ähnliches Bild von Marie.

»Wie wunderbar Sie zeichnen!« rief Viviane, die das pikante Köpfchen entzückte. »Das ist meine französische Kammerjungfer, Marie Laurens. Da sie vorgestern erst bei mir in Dienst trat, ist es sehr leicht möglich, daß Sie sie früher in einem anderen Hause sahen.«

Sie wurden von Lord Herbert unterbrochen, der des Redens nun müde war und in der Gesellschaft des Barons die Ruhe zu finden hoffte, die er ersehnte.

Flora war wieder mit Ned Pendlebury beschäftigt, und Viviane las Iwans Verzweiflung aus seinen Zügen.

»Was ist denn geschehen?« fragte sie leise.

»Was geschehen ist? Sie will nichts mehr von mir wissen! Ich bin schrecklich unglücklich.«

»Sie dürfen es nicht so tragisch nehmen,« tröstete Viviane. »Vielleicht hat Flora sich über etwas geärgert. Quälen Sie sich nicht länger, sondern benützen Sie die erste Gelegenheit, die Sie finden, um mit ihr zu sprechen. Ich werde Ihnen dazu verhelfen.«

»Sie sind wirklich mein guter Engel,« rief er entzückt.

»Bitte, bitte,« wehrte sie lachend, »gar so allumfassend ist meine Menschenliebe doch nicht. Was ich Sie fragen wollte: Sind Sie Baron Hochberg schon irgendwo einmal begegnet? Er glaubt es nämlich, ohne sich entsinnen zu können, wo es gewesen sein kann.«

Iwan schüttelte den Kopf. »Wenn ich ihn schon einmal wo getroffen hätte, würde ich mich seiner gewiß erinnert haben.«

»Das glaube ich selbst. Jetzt aber, denke ich, haben die Billard- und Ping-Pong-Partien doch schon lange genug gedauert. Ich werde die ganze Gesellschaft in den Salon führen und dann Flora hier zurückhalten, und Sie können draußen warten, bis sie mit mir allein ist.«

Sie ersuchte Lady Vavasour, mit der Baronin in den Salon zu kommen, wohin sie mit ihren übrigen Gästen nachfolgte. Nur Flora und der junge Pendlebury zögerten noch über dem Ping-Pong-Netze, und an der Tür wendete sich Viviane um, und wünschte, daß ihr ein besonderer Schlag gezeigt würde.

»Er ist gewiß furchtbar schwer, weil er sich so einfach ansieht,« meinte sie.

Ned Pendlebury unterwies Viviane mit der größten Beflissenheit, aber er hatte wenig Dank für seine Mühe, denn nachdem sie ihn verstanden hatte, bat sie: »Wollen Sie mich nun mit Flora ein paar Minuten allein lassen?«

Und er verschwand gehorsam, und ebenso gehorsam schlüpfte nach einigen Sekunden Iwan herein.

Viviane manövrierte eifrig mit ihrem Schläger.

Unter fortwährenden Belehrungen näherte sich Viviane immer mehr der Tür und huschte endlich hinaus. Im nächsten Augenblicke war Iwan aus seiner gebückten Stellung aufgeschnellt und eilte um den großen Tisch herum auf Flora zu.

»Bitte, gehen Sie nicht fort,« flehte er, als das Mädchen vor ihm zurückwich.

»Ich kann nicht mit Ihnen allein hier bleiben, das wäre ein schlechtes Beispiel für die wohlerzogene Miß Fenton,« sagte sie mit eisiger Stimme.

»Aber was ich Ihnen zu sagen habe, kann nicht warten,« drängte Iwan. »Wissen Sie vielleicht, was es ist, da Sie so entschlossen sind, mich nicht anzuhören?«

Sie blieb stehen. »Ich habe nicht die blasseste Ahnung.«

»Flora!« In seiner Stimme zitterten Liebe und Schmerz, aber Floras kleine eigensinnige Ohren waren dafür taub.

»Flora, ich liebe Sie ja so sehr!«

»Wirklich? Ich kann mir ganz genau denken, wie sehr,« gab sie mit einem kleinen bitteren Auflachen zurück.

»Sie glauben mir nicht?« rief Iwan verblüfft.

»Sie sind wirklich von einer bewundernswerten Unverfrorenheit,« sagte sie. »Sie scheinen anzunehmen, daß wir Engländerinnen vollkommene Närrinnen sind, mit denen man sich alles erlauben darf.«

»Ich verstehe Sie nicht,« entgegnete er betrübt. »Ich dachte, Sie hätten es schon lange empfunden, wie sehr ich Sie liebe.«

»Und ich kann Sie nur bedauern, wenn Sie sich einbilden, daß das Liebe sei. Sie sollten das Wort gar nicht in den Mund nehmen. Sie haben keinen Begriff davon.«

»Ich! Ich, keinen Begriff von Liebe?« schrie er auf.

»Wie wäre das anders möglich,« fragte sie spöttisch. »Sie lernen zwei Mädchen kennen, und Sie nehmen sich vor, eine der beiden zu heiraten. Da die eine bedeutend vermögender ist als die andere, so machen Sie dieser zuerst Ihren Antrag, und wie sie Sie abweist, trösten Sie sich und erklären Ihre sogenannte »Liebe« der zweite noch an demselben Tage.«

Sie schritt, ohne ihn mehr eines Blickes zu würdigen, aus dem Zimmer und trat in den Salon und Iwan blieb allein zurück, in seiner Schönheit wie die Verkörperung des Schmerzes anzusehen. Nachdem er eine Weile wie verloren auf die Tür gestarrt, die sich hinter Flora geschlossen, sank er endlich in einen Sessel und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Plötzlich vernahm Iwan das leise Rauschen von Frauenkleidern und hob sein verstörtes Gesicht. Jemand war in das Zimmer gekommen – es fiel ihm plötzlich ein, daß eine zweite Türe, die in einen Nebenraum führte, die ganze Zeit offen gestanden war – wäre es möglich – sollte Flora ihre Worte bereut haben und gütig und versöhnlich wiedergekommen sein? Bei dem Gedanken drehte er sich rasch um, aber er sah anstatt Floras zierlicher Gestalt nur die kaum minder zierliche, französische Jungfer vor sich.

»Ah, Pardon, Monsieur,« begann sie, mit ihrem lieblichen, kindlichen Stimmchen. »Ich bin unglücklich, Monsieur zu stören. Ich glaubte, das Zimmer sei leer und ich wollte gern die Spieltische sehen.«

»Nun – ich glaube nicht, daß es ein Unrecht ist, wenn Sie die Spieltische anschauen wollen,« meinte Iwan freundlich, der wie alle anderen dem eigentümlich anmutigen Wesen des Mädchens nicht widerstehen konnte.

»Monsieur hat arge Kopfschmerzen,« fragte sie teilnehmend. »Ich bitte um Verzeihung, aber es tut mir immer so schrecklich leid, jemanden von Schmerzen gequält zu sehen. Wenn Monsieur die Gnade haben wollte, es anzunehmen – ich habe immer ein Mittel gegen Migräne bei mir!«

Sie zog aus ihrer Tasche ein kleines Büchschen, öffnete es und entnahm ihm eine kleine Kapsel, die sie Iwan entgegenhielt.

Iwan nahm die Pille und dankte ihr freundlich.

Er hatte keine Spur von Migräne, aber das wollte er Marie nicht sagen, auch war es besser, sie in dem Glauben an seine Kopfschmerzen zu lassen.

Er behielt das Kügelchen in der Hand, wie er langsam das Zimmer verließ, ohne recht zu wissen, was er damit anfangen sollte, und nahm sich endlich vor, die Pille in seinem Zimmer in den Wasserkübel zu werfen.

Noch ehe er die Salontür erreicht hatte, ward sie geöffnet und Heathcote trat heraus. Wie er Iwan erblickte, änderte sich der sichtlich beunruhigte Ausdruck seiner Züge und mit heiterem Tone rief er ihm zu:

»Da bist du endlich! Ich wollte dich eben suchen.«

Iwan lächelte und entschuldigte sich flüchtig, während er Heathcote in den Salon folgte und dabei die kleine Pille mechanisch noch immer in der fest geschlossenen Hand verborgen hielt. Wie er zu den anderen trat, vergaß er alles, denn vor ihm saß Flora, hold, bezaubernd und grausam und reichte ihm eine gefüllte Teetasse. Er entnahm sie ihren kleinen weißen Fingern und dabei entglitt, ohne daß er dessen gewahr wurde, das Kügelchen seiner Hand und fiel auf den Teppich, wo es unbemerkt unter Kuchen- und Brotkrumen liegen blieb, da Vivianes kleiner Lieblingshund Pom-Pom daselbst eine ausgiebige Mahlzeit gehalten hatte.

»Nein, du bekommst keinen Bissen mehr,« sagte Viviane zu dem kleinen Bettler, der, auf den Hinterfüßen stehend bettelte. »Nicht einen Bissen, ehe du nicht die Krumen weggeputzt hast.«

Sie wies mit dem Finger auf den beschmutzten Boden und das kleine, kluge Tier begann mit dem Züngelchen eifrig die Brösel zusammenzulecken. Dann legte es sich auf Vivianes Kleid und schloß die Augen.

»Endlich einmal hat Pom-Pom genug bekommen,« meinte Lady Vavasour.

Aber noch während sie sprach, stieß das kleine Tier ein klägliches Winseln aus und sein Körper zitterte konvulsivisch. Viviane bückte sich, um den Liebling zu streicheln. Der Hund rollte sich ein paarmal in krampfhaften Zuckungen hin und her, dann schnellte er auf und fiel zurück, die kleinen Beinchen streckten sich und, mit einem letzten Blicke seiner treuen Augen auf seine Herrin, war er verendet.

»Du lieber Gott!« rief Lady Vavasour entsetzt.

»Ich wollte, ich hätte früher auf Sie gehört,« entgegnete Viviane, der die hellen Tränen über die Wangen rollten. »Ich habe meinen armen, kleinen Liebling getötet.«

»Nein, das müssen Sie nicht sagen,« tröstete Lord Herbert, »ich fürchte sehr, daß ich die Schuld trage. Ich gab ihm eben eine verzuckerte Frucht, und da er so vergnügt schmauste, gab ihm Brookwood noch mehr davon.«

»Nein, wie traurig,« rief die gutmütige Baronin weinend. »Der arme, arme, kleine Kerl!«

Jeder drückte sein Bedauern aus und suchte die bestürzte Viviane mit freundlichen Worten zu trösten, aber wie sie Heathcote ansah, bemerkte sie in seinen Zügen einen seltsamen Ausdruck.

»Lassen Sie mich ihn beiseite tragen,« sagte Denzil sanft und bückte sich, um den kleinen Körper aufzunehmen.



Neuntes Kapitel

»Es ist doch niemand krank in Branscombe-Abtei?« rief der kleine Dr. Perry eifrig. »Ich habe zwar noch nicht die Ehre gehabt, Sie zu sehen, aber ich bemerke, daß Sie in einem der Wagen aus der Abtei hergekommen sind,« fügte er mit einer artigen Verbeugung gegen Heathcote hinzu.

»Jawohl,« erwiderte Heathcote, sich vorstellend. Dann sagte er mit der allerliebenswürdigsten Miene, die er aufzusetzen imstande war: »Ich hoffe nur, Sie werden meinen Besuch nicht als eine Beleidigung ansehen, wenn Sie dessen Zweck erfahren haben. Ich möchte Sie um einen Dienst bitten, einen sehr unangenehmen Dienst, um den ich Sie als persönlichen Freundschaftsbeweis für Miß Branscombe herzlich ersuche. Miß Branscombes Lieblingshündchen ist plötzlich verendet, und sie möchte gern wissen, was seinen Tod verschuldete.«

»Ich bin Miß Branscombe sehr gern zu Diensten,« erwiderte der kleine Doktor.

Heathcote aber war ein geschulter Diplomat, und da er verstand, was in dem anderen vorging, begann er wieder. »Das Tierchen hätte natürlicherweise zu einem Tierarzte geschickt werden müssen, aber Miß Branscombe wünscht, daß man nichts von der Sache erfahre, und sie weiß, daß sie sich, wenn sie Sie darum bittet, auf Ihr Stillschweigen verlassen kann. Sie wissen, es kann nicht jeder Mensch Neckereien gut vertragen, und manche ihrer Bekannten würden, wenn sie erführen, daß sie den Hund sezieren ließ, nicht aufhören, sie damit aufzuziehen.«

Der Köder verfing. Doktor Perry war ehrgeizig, die Ehre, ein Geheimnis der Gutsherrin zu teilen, bestach ihn. Er erstrahlte wieder in heller Freude und Liebenswürdigkeit und war jetzt und jederzeit bereit, eine Untersuchung vorzunehmen.

»Ist dies der Hund?« fragte er und wies auf ein in ein Tuch geschlagenes Paket, das Heathcote im Arme trug.

»Der Hund ist vergiftet worden,« sagte Dr. Perry, nachdem er ihn einen Augenblick lang angesehen.

»Wünschen Sie noch Genaueres zu wissen?« fragte er.

»Wenn ich Sie bitten darf. Miß Branscombe möchte wissen, was für ein Gift angewendet wurde und wie stark die Dosis war.«

Nach dem Diner war Heathcote der erste der Herren, die den Salon aufsuchten, und es gelang ihm, Viviane, wenn auch nur für wenige Augenblicke, ungestört sprechen zu können. Da sie sich ihren Gästen widmen mußte, so blieb ihm nur Zeit, ihr zuzuflüstern: »Ich muß dich morgen allein sprechen, es ist dringend notwendig.«

Sie nickte. »Nach dem Gabelfrühstück wäre es ganz leicht zu veranlassen.«

»Könntest du nicht mit mir zu Fuß zur Kirche gehen.«

»Das könnte ich, wenn noch mehrere gehen wollten. Ich werde trachten, es anzuregen. Warst du nach dem Tee nicht fort?«

»Ja. Darüber möchte ich eben mit dir sprechen.«

Als Marie an diesem Abend das schöne Haar ihrer Herrin vor dem Zubettegehen bürstete, seufzte sie einige Male so auffallend, daß Viviane, obwohl sie gerade genug eigene Sorgen hatte, doch nicht umhin konnte, sie zu fragen, was für ein Kummer sie drücke.

»Ach, Mademoiselle,« war die Antwort, »ich habe nicht nur einen, ich habe zwei Kummer. Erstens wegen meines Onkels und zweitens wegen des armen kleinen Hundes. Als die Nachricht von seinem Tode hinunterkam, weinten alle im Dienerzimmer.«

»Bitte, sprechen Sie nicht davon,« entgegnete Viviane kurz. Sie bedauerte ihren niedlichen Liebling aufrichtig, und es tat ihr weh, von dem Ereignisse zu reden.

»Was ist es denn mit Ihrem Onkel?« fragte sie dann.

»Ach,« seufzte Marie wieder, den Tränen nahe. »Mein armer Onkel! Er ist ein so tüchtiger Mensch, und er verließ eine ausgezeichnete Stellung in Frankreich und nahm eine in England an. Er wollte in meiner Nähe sein, ich bin seine einzige Verwandte, und ich will einige Zeit in England bleiben, um die Sprache gründlich zu erlernen –, und nun sind die Leute, bei denen er seit kurzem war und die sehr reich schienen, plötzlich zugrunde gegangen – entflohen, nach Amerika oder sonst wohin, und mein Onkel blieb da, ohne Lohn und ohne Zeugnisse, denn sie haben, wahrscheinlich in der Eile, seine Papier mitgenommen. Natürlich wird man ihm in keinem Dienstvermittlungsbureau eine Stelle anweisen wollen, wenn er ohne Papiere kommt.

»Sie tun mir wirklich beide herzlich leid,« sagte Viviane gütig. »Ich werde nachdenken, wie man ihm helfen könnte.«

Marie war unerschöpflich in Dankesbezeigungen, wurde aber so rasch als möglich entlassen, da Viviane sich nach Ruhe und Einsamkeit sehnte.

Sie schlief wenig diese Nacht und war froh, als der Morgen endlich anbrach. Als sie fertig und vollständig angekleidet war, beschloß sie, einen Morgenspaziergang zu unternehmen. Sie fror gehörig und es fiel ihr ein, ob Iwan und Denzil bei dieser Kälte auch ihre tägliche Ruderpartie unternommen haben mochten. Um ihre Neugierde zu befriedigen, schlug sie den Weg zum Weiher ein. Aber wie sie auf dem leichtgefrorenen Wege vorwärtsschritt, kam ein seltsames Gefühl der Unruhe über sie. Immer rascher eilte sie ihrem Ziele entgegen.

Sie konnte sich nicht eher überzeugen, ob die beiden da waren oder nicht, ehe sie nicht das Boothaus erreicht hatte, da dieses ihr von der Seite, von der sie kam, den Ausblick auf den Weiher verschloß.

Als sie das Haus erreicht hatte, war sie atemlos, sowohl von ihrem raschen Gange als vor Erregung, aber zu ihrer eigenen Überraschung wich ihre Angst auch jetzt nicht, wo sie Denzil und seinen Begleiter draußen auf dem kleinen See in einem Boote erblickte.

Denzil ruderte, Iwan saß am Steuer.

Was tat Iwan jetzt? Es mußte irgend etwas geschehen sein. Er bückte sich und hatte seine Mütze abgenommen. Es kam ihr vor, als ob er damit Wasser ausschöpfe. Das kleine Boot konnte doch kein Leck erhalten haben?

Denzil ruderte nun mit aller Kraft, Iwan schöpfte unaufhörlich in großer Hast, und das Boot ging sichtbar tiefer. Es war kein Zweifel mehr, daß es im Sinken begriffen war.

Ob sie imstande waren, das Ufer noch zu erreichen? Viviane dachte nicht mehr daran, daß sie nicht gesehen sein wollte. Sie mußte da bleiben, um ihnen Hilfe zu bringen.

Vielleicht war das nicht mehr möglich; aber sie sah, daß es zu spät war, um nach dem Hause zurückzueilen.

Und sie mußte dastehen und tatenlos zusehen, wie das Boot immer tiefer ins Wasser sank. Rudern war unmöglich geworden. Denzil hatte die Ruder eingezogen, und nach seinen Bewegungen zu schließen, erklärte er Iwan, was er zu tun habe.

Mit einemmal sah sie das Boot ganz untertauchen und seine beiden Insassen im Wasser.

Wie ungeschickt Iwan war mit dem Ruder, an das er sich klammerte! Denzil half ihm so trefflich – er schwamm und stieß dabei den jungen Mann vor sich her, aber er mußte gegen so vieles ankämpfen! Sie sah sich um, ob vielleicht ein Seil da war, das sie ihm hätte zuwerfen können, aber nichts war zu finden, sie konnte doch nicht dastehen und sie ertrinken sehen!

Jetzt schien es ihr, als ob Iwans Kraft nachließe – er schloß die Augen, und Denzil war blaß bis in die Lippen, und seine Bewegungen wurden immer schwächer!

Plötzlich kam ihr ein rettender Gedanke: sie riß von der Wand des Boothauses einen Enterhaken, warf sich auf dem Stege lang ausgestreckt nieder und versuchte Iwan mit dem langen Haken zu erreichen.

Umsonst – eine kleine Spanne nur zu kurz war der Hacken.

Da trieb ein kräftiger Stoß Denzils den Bewußtlosen näher zu ihr hin und augenblicklich hatte sie den Bootshaken fest in seinen Rockkragen geschoben.

In dem Augenblicke sah Denzil auf und erblickte sie.

»Gott sei Dank,« keuchte er. »Ohne dich wäre er sicher ertrunken . . .«

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Unterdessen dehnte und streckte sich Flora in ihrem warmen Bette, nachdem die Jungfer schon zweimal an ihre Tür geklopft.

»Was, schon Aufstehenszeit, Luise? Ich bin noch so schläfrig,« murmelte sie und schloß wieder die Augen.

Sie ärgerte sich, daß Luise sie geweckt hatte, da sie nun aber wach war, mußte sie wohl aufstehen.

Aber warum machte Luise ein so sonderbares erschrecktes Gesicht? Sie setzte sich im Bette auf.

»Was ist denn geschehen?« fragte sie atemlos.

»O, etwas Schreckliches, Miß! Deshalb kam ich herein, obwohl Sie mir nicht geläutet hatten. »Es ist der junge russische Herr, Miß, der Graf. Er ist im Teiche ertrunken. Und Mr. Heathcote, der mit ihm war, kam knapp mit dem Leben davon. Es geschieht alles, um sie wieder zu sich zu bringen. Ich sah den Grafen einen Augenblick, er sah aus wie eine Figur auf einem Grabsteine! O, um Gottes willen, Miß Allerton! Werden Sie mir nur nicht ohnmächtig! O, ich wollte, ich hätte Ihnen nichts gesagt! Da liegt sie.«

Luise rang die Hände und jammerte, denn Flora lag wirklich in einer tiefen Ohnmacht da.

Nach einigen Minuten gelangte sie wieder zur Besinnung, mit dem dumpfen Bewußtsein eines schrecklichen Geschehnisses beschwert, und sah Viviane, die sich, von leidenschaftlichem Mitleide erfaßt, über sie neigte.

»Es ist nicht wahr!« waren Vivianes erste Worte. »Hörst du, mein Liebling, es ist nicht wahr! Die Dienstleute sahen ihn, wie er bewußtlos lag, Iwan lebt. In ein paar Stunden ist er wieder ganz wohl. Er ging gar nicht unter, außer für einen kurzen Augenblick, ganz zuletzt. Es fehlt ihm gar nichts, außer dem heftigen Frost, den er durch die Eiseskälte des Wassers erlitt Aber jetzt ist er im Bette, in heiße Decken gehüllt, und ich will gar nicht sagen, wieviel Whisky Lord Herbert und Sir James ihm eingegossen haben. Wir sind viel besorgter um Mr. Heathcote, er war so bemüht um Iwan, daß er für sich selber gar nichts tun ließ. Erst als Iwan wieder bei sich war und er selbst tatsächlich nicht mehr konnte, gab er nach und unterwarf sich gleichfalls den heißen Decken. Der arme Lord Herbert mußte sich endlich einmal tüchtig rühren.«

Floras Augen hatten sich wieder geschlossen und in ihren blassen Wangen stieg eine leise Röte. Jetzt war niemand da als Viviane, Luise und ein Hausmädchen, und sie flüsterte Viviane zu, daß sie die Dienerinnen fortsenden und ihnen auftragen möge, Floras Ohnmacht nicht zu erwähnen. Dann, als sie mit ihrer Freundin allein war, fragte sie mit einer Stimme, die trotz ihrer Bemühungen zitterte:

»Hat die dumme Luise Geschichten über mich im ganzen Hause herumerzählt?«

»Nein, nein,« erwiderte Viviane beruhigend.

Sie war nur sehr erschrocken und stürzte heraus, um jemanden um Hilfe zu rufen, als sie mir knapp vor deiner Tür begegnete. Dann rief ich das andere Mädchen herein, da Luise vor Schrecken ganz unbrauchbar war. Aber keine von ihnen wird etwas weiter erzählen, und selbst wenn sie es täten, ist es ja doch nur natürlich, daß man furchtbar erschrickt, wenn man ganz unerwartet die Todesnachricht eines intimen Freundes hört.«

»Gewiß war es nur natürlich, daß mir das Herz fast stillstand bei einer so furchtbar tragischen Nachricht. Dich, Viviane, brauche ich aber wohl nicht zu bitten, über meine ungeschickte Schwäche zu schweigen?«

»Wünschest du so sehr für herzlos gehalten werden?«

»Ja, würdest du so leicht bereit sein, einem Manne zu zeigen, daß er dir nicht gleichgültig sei?«

»Ich glaube nicht, daß ich mir was Besonderes daraus machen würde, wenn ich sicher wäre, daß auch ich dem Manne nicht gleichgültig bin.«

»Das ist eben hier nicht der Fall.«

»Aber, liebste Flora! Wenn jemals jemand seine Liebe offen zur Schau trug . . .«

»Wie kannst du wagen, mir so etwas zu sagen!« unterbrach sie Flora heftig. »Ich begreife, daß es dir unangenehm ist, daß ich weiß, was gestern vormittags vorfiel, aber ich kann nicht verstehen, wie du dich dazu hergeben kannst, Graf Schirikows Komödie, die er mir vorspielt, noch zu unterstützen. Er redet mir vor, daß er mich liebe, und trotzdem weiß ich, daß er dir gestern vormittags im Atelier einen Heiratsantrag machte, den du offenbar ausschlugest. Daß er das tat, finde ich vollständig begreiflich. Aber habe ich es verdient, daß er sich, als dein abgewiesener Freier, sogleich an mich wendet mit der Überzeugung besseren Erfolges?«

»Flora! Kannst du von ihm und von mir selbst so etwas wirklich glauben?«

»Ich sah ihn mit dir, ich sah ihn deine Hand küssen. Ich öffnete die Tür, und war im Begriffe einzutreten, als ich sah, was ich dir eben erzählte. Natürlich kehrte ich augenblicklich um.«

Einen Moment lang verbarg Viviane ihr Gesicht in Floras Kissen. Dann hob sie den Kopf, um ihre Lippen zuckte es noch verräterisch.

»Ach, du armes, unschuldiges Kind, ist dir nicht eingefallen, daß man einer Frau die Hand küssen kann, auch ohne in sie verliebt zu sein?«

»Nein,« gestand Flora, deren frische Farben rasch zurückkehrten, etwas verdutzt.

»Ich glaubte gestern, als ich die Tür gehen hörte,« fuhr Viviane fort, »es sei Lady Vavasour selbst gewesen, und dachte weiter gar nicht daran, da mir wirklich nichts daran lag, was sie sich denken mochte. Aber, Flora, der arme Junge hatte mir ja die ganze Zeit nur von dir vorgeschwärmt, und der Handkuß war nur der Ausdruck seiner Dankbarkeit, daß ich für seine Herzensangelegenheiten so viel Interesse zeigte. Seine Neigung zu dir wurde nie, auch nur für einen Augenblick, schwankend. Selbst wenn ich es gewünscht hätte, sein Herz zu erobern, wäre es mir nicht gelungen, ihn dir eine Sekunde lang untreu zu machen. Er teilte mir mit, daß seine Angelegenheiten sich jetzt in einem sehr ungeordneten Zustande befänden und daß er deshalb nicht das Recht zu haben glaubte, um dich anzuhalten, und ich gestattete mir, ihm den Rat zu geben, seinem Herzen zu folgen.«

Floras weiche Arme schlangen sich um Vivianes Nacken und sie verbarg ihr heißes Gesicht an der Brust der Freundin.

»Ich war ein rechtes kleines Scheusal,« schluchzte Flora.

»Ein recht dummes, kleines Mädel warst du, das ist nicht zu leugnen. Und nun darf ich wohl annehmen, daß du nichts dagegen haben wirst, wenn ich den Grafen wissen lasse, daß dir seine Rettung und sein Wohlbefinden nicht ganz gleichgültig sei?«

Flora umarmte sie schweigend, aber stürmisch.

»Bemühe dich nicht erst zum Frühstück hinunterzukommen,« meinte Viviane. »Ich lasse es dir heraufbringen.«

»Auf keinen Fall,« protestierte Flora engerisch, deren Frische und Kraft erstaunlich rasch zurückgekehrt waren. »Ich stehe sogleich auf.«

»Nun, wenn du durchaus willst, du hast aber kaum eine halbe Stunde Zeit, um dich anzukleiden. – Auf Wiedersehen, mein dummer kleiner Schatz.«



Zehntes Kapitel

Viviane bestand darauf, daß jedermann, wie immer an einem Sonntagsmorgen, zur Kirche gehen sollte. Sie war sicher, daß es Heathcotes Wunsch sein würde, daß der Begebenheit keinerlei Bedeutung beigelegt werde.

Sie selbst wollte daheim bleiben, was man von ihr als Wirtin nicht anders erwarten konnte. Auch war es ausgemacht, daß Lord Herbert zu Hause bleiben sollte, um die Pflege der beiden Patienten zu beaufsichtigen. Viviane empfand dankbar, daß sie an ihm wirklich eine zuverlässige Stütze hatte, und war froh, daß er und niemand sonst Iwans Beaufsichtigung übernehmen sollte.

Allerhand unbestimmter Verdacht erfüllte ihren Geist, aber Lord Herbert vertraute sie Denzils geheime Mission blindlings an.

Sie atmete erleichtert auf, als endlich zwei Equipagen mit den Kirchenbesuchern fortfuhren.

Sie hatte sich in ihr eigenes behagliches Boudoir zurückgezogen, und drückte sich in einen niederen Fauteuil, den sie knapp vor die lodernden Flammen geschoben hatte, in die sie gedankenvoll starrte. Aber nachdem sie kaum fünf Minuten so geruht, pochte es und sie hörte draußen Lord Herberts Stimme.

Sie sprang auf, aber ihr Empfang war nichts weniger als liebenswürdig.

»Was fällt Ihnen ein?« fragte sie mit empörter Miene. »Wenn Sie mich brauchten, hätten Sie mich doch holen lassen können. Ist etwas vorgefallen?«

»Gar nichts. Beunruhigen Sie sich nicht. Die beiden geben gegenseitig aufeinander acht. Ich komme mit einer Botschaft von Heathcote. Er bittet um eine Unterredung. Nach der außerordentlichen Wichtigkeit seines Gesichtsausdruckes muß es etwas ganz Besonderes sein. Darf ich ihm sagen, daß Sie ihn hier sprechen wollen?«

»Ja, ist er denn nicht mehr zu Bette?«

»Er befindet sich in dem gewöhnlichen Morgenanzuge,« antwortete Lord Herbert.

»Aber er gehört ins Bett, und wenn Sie nur ein halb so guter Krankenpfleger wären, als ich glaubte und Sie sich einbilden, hätten Sie ihn nicht aufstehen lassen.«

»Meine beste Miß Branscombe, ich bin ein vorzüglicher Krankenpfleger, aber durchaus kein Irrenwärter. Da Heathcote verrückt genug war, aufzustehen, konnte ich ihn nicht daran hindern. Jetzt sitzt er auf Schirikows Bett, um diesen zurückzuhalten, seinem Beispiele zu folgen.«

»So sagen Sie ihm, bitte, daß ich ihn hier erwarte.« Sie legte ihre Hand auf seinen Arm und fügte noch ernster hinzu: »Lord Herbert, ich bitte Sie inständigst, lassen Sie den Grafen Schirikow bis zur Mr. Heathcotes Rückkehr nicht einen Augenblick aus den Augen.«

»Ich verspreche Ihnen, ihn zu hüten wie den sprichwörtlichen Augapfel,« entgegnete Lord Herbert, und Viviane las aus seinem eigentümlichen Blicke, daß er aus ihren Worten mehr entnommen hatte, als die Worte an sich gesagt.

Er verließ sie, und nach ein paar Augenblicken befand sie sich mit dem Manne, den sie liebte, allein.

»Du mußt dieses Zimmer als die Hauptstadt meines Königsreichs betrachten,« sagte sie scherzend, »und hier muß mir ein jeder aufs Wort gehorchen. Hier mußt du sitzen« – sie drückte ihn in den großen Armsessel, aus dem sie eben aufgestanden. »Ich selbst setze mich hieher und werde persönlich darauf acht geben, daß meine Befehle befolgt werden.«

Sie zog einen geschnitzten Schemel nahe an seinen Fauteuil heran. Der Sitz war gerade hoch genug, daß sie ihren Kopf an seine Schulter lehnen konnte; er legte den rechten Arm um sie und ihre Hand ruhte in seiner linken.

»So – so ist's gut,« sagte sie, mit einem tiefen Aufatmen. »Wir haben noch keinen ruhigen Augenblick miteinander gehabt! O, wenn es doch schon heute über acht Tage wäre.«

»Ich wünsche mir noch was anderes: unsere Hochzeit.«

»O, ich würde mir nichts daraus machen, lange auf dich zu warten, wenn ich dich und deinen Gefährten nur in Sicherheit wüßte. Und nun erzähle mir: Was geschah eigentlich heute auf dem Teiche?«

»Ich glaube, davon weißt du mehr als ich. Was für einen Eindruck hattest du?«

»Nun, es schien mir, als ob das Boot plötzlich ein Leck bekommen habe. Jedenfalls muß es morgen gründlich untersucht werden. Fiel dir, als ihr es bestieget, irgend etwas daran auf?«

»Gar nichts. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, scheint es mir allerdings, als ob das Boot heute morgen weiter ans Land gezogen gewesen wäre, als ich es gestern zurückließ. Aber das sagt gar nichts. Das Wasser muß drei Zoll hoch im Boote gestanden haben, ehe wir es überhaupt bemerkten. Iwans Versuch, es auszuschöpfen, war einfach lächerlich. Das Boot füllte sich im Nu und glitt unter uns weg, wie du sahst.«

Viviane konnte einen leichten Schauer nicht unterdrücken.

»Wenn ihr weiter draußen im Weiher gewesen wäret,« fragte sie leise, »und Iwan das Bewußtsein verloren hätte, glaubst du, daß es dir möglich gewesen wäre, ihn und dich zu retten?«

»Ich glaube wirklich kaum, daß ich es zustande gebracht hätte.«

»Was hättest du also getan?«

»Ausgehalten, solange als möglich, und – untergegangen, wenn die Kraft mich ganz verlassen hätte.«

»Du wärest lieber mit ihm untergegangen, als ohne ihn ans Ufer geschwommen – zu mir?«

»Liebste, wozu darüber reden?«

Sie schwieg einen Augenblick, dann sagte sie leise:

»Ich glaube, ich würde dich nicht so lieben, wie ich dich liebe, wenn du anders wärst!«

»Mein geliebtes Herz! Wenn meine geheime Mission aber beendet ist, dann gibt es, solange ich lebe, nichts mehr in der Welt, das mir mehr gelten könnte als meine Liebe.«

»Daß weiß ich,« flüsterte sie und schmiegte sich fester in seinen Arm.

»Willst du wissen, wieso der arme kleine Pom-Pom seinen Tod fand?« sagte er plötzlich. »Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen, daß du dein Hündchen überfüttert hast, mein Liebling.«

»Was denn?« Ihre Finger umschlossen die seinen krampfhaft. »Was denn?«

»Gift – er verschlang so viel, daß es genügt hätte, um zwei Männer zu töten.«

»Und du glaubst, es war Iwan zugedacht? Aber wie konnte Pom-Pom zu dem Gifte gelangen? Er aß nichts, von dem nicht auch jemand anderer gegessen hätte. Es konnte unmöglich in einem der Kuchen gewesen sein.«

»Nein, aber vielleicht in den verzuckerten Früchten. Hast du bemerkt, daß Iwan sie besonders gern ißt? Es ist mir eingefallen, daß leicht ein paar davon für ihn präpariert gewesen sein könnten.«

»Das kann ich nicht glauben. Das hieße voraussetzen, daß jemand aus unserer Gesellschaft der Täter sei.«

»Ich wollte, ich wüßte Näheres über diesen Baron Hochburg,« sagte Denzil langsam.

»Weil er Iwan anstarrte? Als ich gestern mit ihm von Iwan sprach, sagte er mir ganz aufrichtig, daß ihm Iwans Gesicht sonderbar bekannt vorkäme, und er fragte mich auch, ob Iwan schon lange in England sei. Die Frage, wo er ihm schon begegnet sein konnte, beschäftigte und quälte ihn. Natürlich gab ich ihm gar keine Auskunft; aber ich zweifle wirklich nicht einen Augenblick an seiner Rechtschaffenheit. Und noch etwas spricht gegen deinen Verdacht: Er war gestern den ersten Nachmittag hier, hatte Iwan vor dem Tee erst kennen gelernt; woher hätte er also wissen können, was Iwan gern ißt und was nicht? Nein, ich bin sicher, daß er ganz harmlos ist. Ich gehe sogar so weit, zu behaupten, daß er uns in unserem heimlichen Kampfe um Iwans Leben nützlich sein könnte. Er ist klug und ein guter Beobachter. Er gefällt mir.«

»Er hat eine Verteidigerin, um die ich ihn beneide,« meinte Denzil und strich schmeichelnd mit der Hand über Vivianes schönes Haar. »Du magst recht haben. Auf jeden Fall aber haben wir einen unserer geheimen Widersacher in nächster Nähe.«

»Wäre es dir lieber, wenn die Gäste das Haus verlassen würden?

»Nein, es hätte gar keinen Sinn. Diejenigen, welche Iwans Tod beschlossen haben, lassen sich ihre Beute nicht so leicht entgehen. Die Frist wird täglich kürzer, sie fangen an, verzweifelte Mittel zu gebrauchen. Soll ich dir die Andeutungen, die ich dir über Iwans Verhältnisse einmal machte, näher ausführen? Er blieb vor fünf Jahren als Waise unter der Vormundschaft zweier Onkel zurück. Sein Vater war immens reich und hatte bestimmt, daß der ganze Besitz an Ländereien und Geld erst nach seinem zweiundzwanzigsten Geburtstage in Iwans eigene Hände übergehen sollte. Für den Fall, daß Iwan früher stürbe, sollte das ganze Vermögen seinem Onkel väterlicherseits zufallen, dem Bruder seines Vaters. Tritt Iwan jedoch die Erbschaft an, so ist es ihm vollkommen freigestellt, seinerseits für den Fall seines Todes ohne direkte Erben das Vermögen nach seinem Belieben zu vermachen, und der Bruder seines Vaters hatte wohl Ursache, anzunehmen, daß er dieser Erbe nicht sein werde.

»So wie die Sache nun steht, ist der Einsatz hoch genug, um etwas dafür zu riskieren. Mit dem letzten Restchen Vernunft, das ihm nach Abfassung dieses unseligen Testamentes noch blieb, verfügte Iwans Vater, daß ihm die freie Wahl belassen werde, bei welchem seiner beiden Onkel Iwan während der Zeit seiner Minderjährigkeit wohnen wolle, und Iwan entschied sich natürlich für seinen Onkel mütterlicherseits. Katow – Iwans zweiter Onkel, ist mein bester Freund und außerdem noch – der Gatte meiner Schwester. Er verliebte sich in meine Schwester, noch als sie in einem französischen Pensionat war, und heiratete sie von dort weg. Katows und meiner Schwester Ehe blieb kinderlos und sie hängen an Iwan, wie wenn er ihr eigener Sohn wäre. Während er nach seines Vaters Tode bei ihnen lebte, wurden einige Attentate auf sein Leben versucht. Katow führte sie auf seinen väterlichen Onkel als Urheber zurück und kam zu dem Schlusse, daß Iwan in Rußland nicht mehr sicher sei.

»Er hatte mir vor Jahren einmal einen großen Dienst erwiesen; was es war, das hat mit dieser Geschichte nichts zu tun, aber ich war derart verpflichtet, daß ich ihm nichts abschlagen konnte. Ich hätte wohl aus ganz gewöhnlicher Humanität eingewilligt, mich des Jungen anzunehmen, aber meine Verpflichtung machte das Ansuchen meines Schwagers einfach unabweisbar. Du mußt nicht glauben, daß Katow sich dadurch seiner Verantwortlichkeit entschlug, ich teile sie nur mit ihm, denn wenn unsere Gegner ihr Ziel erreichen und ich in England als Iwans Mörder gelten muß, so wird Katow in Rußland als der Anstifter der Tat gelten. Der andere Onkel ist sowohl klug als mächtig genug, um die Sache in dem Lichte erscheinen zu lassen.

»Du siehst also, daß ich um drei Leben kämpfe und um meiner Schwester Glück. Es sind zwei Jahre her, daß Katow mich kommen ließ und mir meine geheime Mission anvertraute. Ich nahm damals Iwan gleich mit mir fort und es gelang mir eine Zeitlang, mit ihm zu verschwinden, aber sein Onkel war zu schlau für mich. Im vorigen Jahre traf Iwan in Brüssel ein Unfall so verdächtiger Art, daß ich merkte, wir seien entdeckt. Daraufhin brachte ich ihn nach London. Dort hatten wir ein Abenteuer – du hast vielleicht davon gehört – noch ehe wir dich kennen lernten. Den Rest weißt du ohnedem.«

Viviane weinte leise aber bitterlich vor sich hin.

»O!« schluchzte sie, »unsere Hilflosigkeit einer so furchtbaren Entschlossenheit gegenüber ist's, die mir so entsetzlich scheint. Iwans Feinde kämpfen ebenso verzweifelt gegen ihn, als wir ihn beschützen, und sie sind stärker als wir. Wie kann es anders werden als schlecht?«

Er drückte sie tröstend an sich. »Du mußt nicht verzweifeln, mein Lieb. Bedenke, wie oft wir der Gefahr schon glücklich entkommen sind! Wenn Iwan nur die Folgen seines kalten Bades nicht so rasch überwinden würde. Ich würde viel darum geben, wenn es mir möglich wäre, ihn für die kommende Woche in seinem Zimmer eingesperrt zu halten.«

»Ich würde ihm an deiner Stelle doch so viel von der Sachlage mitteilen, daß er sich dazu verstünde.«

»Es würde nichts nützen, er würde sich trotzdem nicht dazu verstehen.«

»Auch nicht, wenn du ihn aufmerksam machst, daß die Gefahr, die ihm droht, auch gleichzeitig seine besten Freunde gefährdet?«

»Wie kann ich das? Er ist ein etwas überspannter Junge. Wenn ich das sage, würde er darauf bestehen, sich augenblicklich von mir zu trennen.«

»Glaubst du, daß er einwilligen würde, wenn Flora ihn bäte.«

»Auch das bezweifle ich, und das würde uns nötigen, Miß Allerton in unser Geheimnis einzuweihen. Aber mir scheint es, als ob sie sich erst wieder versöhnen müßten.«

»Das würde nicht lange dauern. Es war nur ein kleines Mißverständnis von Floras Seite. Sie weiß jetzt, daß sie sich geirrt hat, und du sollst ihm sogar von ihr berichten, wie innig sie sich über seine Rettung freute. Jedenfalls ist sein Unfall eine vortreffliche Ausrede, um ihn wenigstens für heute in seinem Zimmer zu halten. Wenn er dann wirklich gesund ist, mag er in Gottes Namen morgen herunterkommen, und wenn es Flora dann gelingt, ihn zu bereden, so könnte man leicht vorgeben, daß er durch zu frühes Verlassen des Bettes sich eine neue Erkältung zugezogen habe. Gestattest du mir, Flora so viel zu sagen, als mir nötig scheint? Und nun meine ich, solltest du zu Iwan zurückkehren.«

»O nein, ich gehe noch nicht. Iwan ist unter Grahams Aufsicht sehr gut aufgehoben. Haben wir denn so viele Gelegenheiten, um allein miteinander zu sein, daß wir eine versäumen dürften?«

Er hielt sie in einer langen, leidenschaftlichen Umarmung an sich gepreßt und wieder und wieder küßte er ihre roten Lippen und die wundervollen grauen Augen, aus denen ihre Liebe ihm entgegenleuchtete. Er sah bleich und angegriffen aus – in wenigen Stunden um zehn Jahre gealtert, aber sein blasses, schmales Gesicht erstrahlte so in Entzücken und Liebe, daß sogar Viviane nicht gewahr wurde, wie sehr er unter der Aufregung und dem eisigen Bade am Morgen gelitten hatte.

Nachdem er sie verlassen, ging sie den heimkehrenden Kirchenbesuchern entgegen und erzählte ihnen heiter, daß Mr. Heathcote schon wohl genug war, um aufgestanden zu sein, und daß es auch Graf Schirikow viel besser gehe. Während sie sprach, beobachtete sie verstohlen Baron Hochburg, aber der Ausdruck auf seinem fetten Gesichte war unstreitig nur der aufrichtiger Freude.

Während sie beim Gabelfrühstück saßen, erinnerte sich Viviane zufällig an Mariens Erzählung von dem Mißgeschicke ihres Onkels, und sie wendete sich an Lady Brookwood mit der Frage, ob ihr keine Familie bekannt sei, die einen Haushofmeister suche.

Lady Brookwood entdeckte nach kurzem Nachsinnen wirklich eine Dame, die ihr anvertraut hatte, daß sie einen Wechsel in ihrem Hauswesen beabsichtige.

»Fängst du ein Vermittlungsbureau an?« fragte Flora mit unschuldiger Miene.

Mit kurzen Worten erzählte Viviane die klägliche Geschichte, die Marie ihr am Abende vorher mitgeteilt.

»Das Mädchen bat Sie nicht, ihm eine Stelle in Ihrem Hause zu geben?« fragte der Baron nach kurzem Nachsinnen.

»Natürlich nicht,« entgegnete Viviane. »Ich bin überzeugt, daß er irgend eine Aushilfsstelle gar nicht annehmen würde. Marie weiß aber recht gut, daß ich mit meinem alten Smith außerordentlich zufrieden bin, sie ist ein so gutherziges und dankbares kleines Ding, daß sie glücklich sein wird über die Aussicht, die sich ihm durch Lady Brookwoods Güte bietet.«

Viviane hatte Flora mit sich in ihr Allerheiligstes genommen, um ihr dort alles das mitzuteilen, was sie für notwendig fand.

Sie setzte Flora nur auseinander, daß Iwan von dem Hasse eines rücksichtslosen Feindes verfolgt werde, und daß er, wenn er über seinen in acht Tagen fallenden Geburtstag hinaus in Sicherheit gehalten werden könne, wahrscheinlich für später außer jeder Gefahr sein werde.

»Du weißt noch mehr, als du mir sagst,« meinte Flora, die ihr kurzes Glück mit einem jähen Schlage zertrümmert sah.

»Das ist wahr,« gab Viviane zu, »aber ich habe die Empfindung, als ob ich nicht das Recht hätte, mehr zu verraten. Iwan selbst weiß davon noch weniger, als du nun weißt. Mr. Heathcote wünscht, so lange als es nur irgend angeht, die entsetzliche angstvolle Erwartung, die auf ihm selbst so schwer lastet, von Iwan fernzuhalten, aber die Gefahr wird nun zu dringend, als daß irgend jemand, der helfen könnte, uneingeweiht bleiben dürfte, und so haben wir beschlossen, auch dich davon zu verständigen, weil du ihn liebst und du daher das vollbringen kannst, was sonst niemand imstande wäre. Du kannst ihn dazu bewegen, daß er sich bewachen läßt.

»Morgen sollst du hier in diesem Zimmer mit ihm zusammentreffen. Du mußt ihm sagen, daß er sich in Gefahr befinde, und mußt es von ihm als einen Beweis seiner Liebe erbitten, daß er bis zum Ostersonntag sein Zimmer nicht verlasse.

»Bedenke nur, wie oft er seinen Verfolgern glücklich, aber auch nur um Haaresbreite entkam. Du schauderst? Aber wenn wir ihn dazu bringen, sich ganz abzuschließen und bewachen zu lassen, so können wir ihm vielleicht das Leben retten, trotz der Anstrengungen seiner geheimen Widersacher. Das von ihm zu erreichen, Flora, steht in deiner Macht.«

Flora ballte ihre kleinen Fäuste und sah ihre Freundin bleich und tränenlos an.

»Ich werde ihn retten,« sagte sie, »oder mit ihm sterben.«



Elftes Kapitel

Gegen Abend war Iwan nicht davon abzubringen, aufzustehen, wenn er auch nicht zum Diner erscheinen durfte, und da er augenscheinlich ganz wiederhergestellt war, war es auch unmöglich, ihn daran zu verhindern, am nächsten Morgen wie gewöhnlich am Frühstück teilzunehmen. Er wurde von allen Seiten überaus herzlich gegrüßt und zu seiner Rettung beglückwünscht.

»Das Boot wurde noch gestern abends hereingebracht,« teilte Ned Pendlebury etwas später seinem Onkel mit. »Die Leute erzählten, daß im Boden ein Stück von der Größe eines Talers herausgeschnitten sei. Die Frage ist nur, wieso dann das Wasser nicht gleich beim Ausfahren einzudringen begann, sondern erst, als die beiden ein gutes Stück weit hinausgefahren waren. Das Loch konnte doch nicht draußen mitten im Wasser hineingemacht werden. Die Sache sieht verteufelt verdächtig aus.«

Da es draußen in Strömen regnete und an ein Aufhören nicht zu denken war, hatte sich fast die ganze Gesellschaft im Atelier versammelt und Baron Hochburg gefiel sich in der Rolle des Kunstmäzens. Seine Gegenwart brachte jedenfalls eine weit lebhaftere Stimmung in die kleine Versammlung, als es sonst der Fall gewesen wäre, und Viviane hatte erst, als die Sitzung Iwans schon fast zu Ende war, Gelegenheit, zu bemerken, wie besonders übel Denzil aussah. Sein Antlitz war noch bleicher als sonst und er war kaum imstande, den heftigen Frost zu verbergen, der seinen Körper von Zeit zu Zeit erschauern machte.

Viviane bat ihn dringend, ihr zu gestatten, Dr. Perry holen zu lassen.

»Unter keiner Bedingung,« war seine Antwort. »Er würde mich ins Bett beordern und ich muß auf den Beinen bleiben.«

»Aber wenn auch Iwan sich wieder in eure Zimmer zurückzieht? Flora wird nach dem Gabelfrühstück in meinem Boudoir mit ihm sprechen.«

Denzil trank auf Vivianes Bitte eine Tasse heißer Suppe, vermochte aber andere Nahrung nicht hinunterzubringen. Die Folgen seines Unfalles und der Unvorsichtigkeiten, die er, nur Iwans Befinden bedenkend, sich danach hatte zuschulden kommen lassen, zeigten sich nun und er verbrachte ein paar elende Stunden fröstelnd und schauernd vor dem Feuer im Rauchzimmer.

Flora war inzwischen in Vivianes Boudoir geschickt worden, wohin Viviane selbst auch Iwan brachte.

Dieser drückte die Klinke zaghaft auf und trat leise ein – seine bitteren Erfahrungen vom Samstagnachmittag standen noch zu lebendig vor seiner Seele.

Aber Flora war durchaus nicht danach angetan, irgend etwas nur halb zu tun. Sie stand am Kamin, als er eintrat, und als er ihr nahegekommen war, begann sie:

»Ich bin froh, daß ich Sie allein sprechen kann, ich möchte Sie um Verzeihung bitten wegen meiner Ungezogenheit am Samstag. Ich bildete mir ein, daß etwas vorgefallen sei, aber ich hätte es eben gar nicht glauben dürfen. Oder ich hätte wenigstens versuchen müssen, mich von der Wahrheit meiner Annahme zu überzeugen, ehe ich Sie in so unerlaubter Weise beleidigte. Wollen Sie mir verzeihen Iwan?«

»Mein Engel! Sie – du nennst mich Iwan! Dann bist du also wirklich mein? Aber es ist ja gar nichts zu verzeihen, denn gerade deine Härte von neulich ist mir ja nur der größte Beweis, daß du mir ein wenig gut bist, Flora, du wirst mir nun nicht mehr verbieten, dir zu sagen, wie sehr ich dich liebe!«

»Wenn du mir's noch einmal sagen willst,« antwortete sie mit einem kleinen, halb schüchternen, halb neckenden Lachen, und seine Antwort war eine stürmische Umarmung.

»O, meine Süße, mein geliebter Engel, nie hätte ich zu hoffen gewagt, daß du so zu mir sprechen würdest; Flora, sag' mir, daß du mich liebst!«

»Ich liebe dich.«

»Mein holder Schatz! Wie kann ich dir danken!«

»O, ganz leicht. Es gibt wirklich etwas, um das ich dich bitten möchte, mir zuliebe zu tun, und ich muß sogar gestehen, daß ich, wenn du es mir abschlügest, beinahe wieder an deiner Liebe zu zweifeln anfangen würde.«

»O, alles, nur nicht das! Sag' mir, was es ist.«

»Etwas ganz Einfaches. Ich möchte, daß du eine Woche hindurch krank wirst und dein Zimmer nicht verläßt.«

»Nun, wenn du das willst, machst du mich glauben, daß du mich eine ganze Woche nicht sehen willst.«

»Du darfst mir nicht zürnen, wenn ich von Umständen weiß, die du mir lieber nicht anvertraut hättest. Liebster, ich kenne die Gefahr, in der du dich befindest, und nicht wahr, wenn es in deiner Macht steht, sie zu verringern, so wirst du dich nicht weigern, es zu tun? Du kannst dir ja nicht vorstellen, was für eine qualvolle Angst wir durchmachen, in jeder Stunde, in der dein teueres Leben den mörderischen Überfällen ausgesetzt ist.«

»Ich weiß nicht, wer dir von diesen Dingen sprach,« sagt er ernst. »Aber es kann doch dein Ernst nicht sein, von mir zu verlangen, ich solle mich wie ein Feigling verstecken.«

»Es ist deine Pflicht, dein Leben zu erhalten, denn du weißt, daß deine Stellung dir in Zukunft große Verantwortlichkeiten auferlegen wird. Und ich denke mir, wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich, auch ohne jeden besonderen Grund, daran festhalten, doch mein Leben nicht ohne Widerstand in die Hände meiner Feinde zu liefern.«

»Du forderst von mir, daß ich mich wie eine Maus in meinem Loche verkriechen soll.«

»Nun gut,« rief sie, mit einem plötzlichen Entschlusse, der ihr das Blut in die Wangen trieb. »Du hast die Wahl . . . . entweder du willigst in meine vollkommen und leicht zu erfüllende Bitte oder . . . du sagst mir – Lebewohl! Ich verlange von dir, daß du für eine kleine Zeit dich selbst vergißt als ein Beweis deiner Zuneigung. Wenn du es mir abschlägst, weiß ich, daß dir das, was du deine Manneswürde nennst, teurer ist als ich.«

»Nichts, nichts auf dieser Welt kann mir teurer sein als du! Ich will alles eher tun, als dich kränken oder dir Kummer machen!«

»Schön,« sagte Flora wieder, und setzte eine wichtige und weise Miene auf, die ihr sehr gut stand. »Du wirst vorgeben, du seiest zu früh aufgestanden und habest dir zu viel zugemutet, Miß Branscombe und Mr. Heathcote werden dir zureden, dich auf dein Zimmer zurückzuziehen und du wirst ihrem Rate liebenswürdig Folge leisten. Mr. Heathcote wird dir folgen, angeblich, um dich zu pflegen.«

»Ginge es nicht ebensogut, wenn ich mich in unsere Zimmer hinauf zurückzöge, um dort Heathcote zu pflegen? Er sieht so aus, als ob ihm das Bett viel notwendiger wäre als mir.«

»Das kannst du mit ihm ausmachen. Für uns handelt es sich nur darum, dich oben in euren Zimmern in Sicherheit zu wissen.«

»Gönne mir noch den heutigen Tag; morgen tue ich dann, was du willst. Sieh, wie stark es regnet und bei einem solch abscheulichen Wetter kommt gewiß auch niemand Fremder her; ich wüßte also nicht, was es für eine Gefahr sein könnte, vor der ich mich verbergen müßte. Erfülle mir nur diese eine Bitte, mein liebster Schatz, dann verspreche ich, morgen alles zu tun, was du nur willst.«

Es war schwer, so dringenden Bitten zu widerstehen, umsomehr, als Floras Herz im stillen mit ihm bat. So beschlossen sie denn, für diesen Nachmittag so lange in Vivianes Boudoir beisammen zu bleiben, bis es Zeit war, zum Tee hinunter zu gehen.

So verbrachten sie noch zwei entzückende Stunden in dem lauschigen Zimmer, bis endlich dessen rechtmäßige Besitzerin eindrang und sie darauf aufmerksam machte, daß sie sich eigentlich nicht auf einer wüsten Insel befänden, sondern mitten im zivilisierten England, und daher der Gesellschaft gegenüber auch noch Pflichten zu beachten hätten. Und die Gesellschaft verlangt eben jetzt ihren Nachmittagstee, bei dem kein zu ihr gehöriges Mitglied ohne triftigen Grund fehlen durfte.

»Ich bedaure wirklich,« sagte Viviane, »daß ich mich gezwungen sah, hereinzukommen, um euch, wie der Engel mit dem flammenden Schwerte, aus eurem Paradiese zu jagen. Es haben schon mehrere besonders wißbegierige Personen ihre Verwunderung über euer langes Verschwinden ausgesprochen, und wenn ihr nicht bald kommt, werde ich mich anstandshalber gezwungen sehen, eure Verlobung anzukünden, so wie uns vor einer kleinen Weile Lady Brookwood in feierlichster Weise mit einer Rede und Tränen der Rührung die Verlobung Miß Alice Fentons und Mr. Edward Pendleburys mitgeteilt hat. Ich freue mich nur darauf, dich sie beglückwünschen zu sehen.«

»Ich werde ihnen die allernettesten Sachen sagen, und wenn sie dann von mir und Iwan hören, werden sie aus lauter Dankbarkeit sagen, daß ich mich mit ihm verlobte, weil ich Ned nicht kriegen konnte.«

Sie lachten alle drei.

Es schwirrte während des Diners etwas wie Hochzeitsglocken in der Luft.

Sogar Heathcote, der ebenso übel aussah, als er sich leidend fühlte, kämpfte mit fast übermenschlicher Anstrengung gegen sein immer heftiger werdendes Unwohlsein.

Als das Diner vorüber war, blieben auch die Herren nicht so lange über ihrem Weine sitzen, sondern die meisten folgten den Damen sehr bald in den Salon, nur Baron Hochburg konnte der Sehnsucht nach seiner Pfeife nicht widerstehen und da er niemanden gewillt fand, ihm jetzt schon in das Rauchzimmer zu folgen, zog er sich allein dorthin zurück, um behaglich zu schmauchen.

Als Iwan den Salon betrat, stand Flora nahe bei der Glastür, und er eilte sogleich zu ihr hin, um noch ein paar Minuten des Alleinseins mit ihr zu erhaschen.

»Komm' mit mir hier herein,« bat er, nachdem die Baronin, die mit Flora geplaudert hatte, sich abgewendet.

Und er zog sie verstohlen an der Hand nach dem Gewächshause hin.

»Ich glaube, wir lassen lieber zuerst jemanden anderen das Palmenhaus aufsuchen,« entgegnete sie, ihn zurückhaltend, »ich habe ja nicht wie Alice Fenton die ganze Gesellschaft in unser Geheimnis eingeweiht und so müssen wir ein wenig vorsichtig sein. Komm ein wenig weiter weg von der Tür, damit sie sich unbeobachtet glauben, sie kommen schon näher.«

»Ich wollte, Iwan wäre so vernünftig, im Zimmer zu bleiben,« sagte einige Minuten später Viviane leise und ungeduldig zu Denzil. »Flora könnte auch Gescheiteres tun, als mit ihm ins Gewächshaus zu gehen. Sie hat ihn dazu gebracht, daß er ihr versprach, sich krank zu stellen, und nun setzen sie sich so unnötigen Gefahren aus . . . nur um eines . . .«

»Letzten Kusses wegen?« ergänzte Denzil lächelnd. »Nun, man muß ein wenig Nachsicht mit ihnen haben. Aber nichtsdestoweniger werde ich so frei sein, ihnen nachzugehen.«

»Das werde ich tun,« sagte Viviane rasch. »Du siehst so aus, als ob du dich kaum aufrecht zu halten vermöchtest.«

Unterdessen wandelten Iwan und Flora Hand in Hand auf den schmalen, von blühenden und süß duftenden Topfgewächsen umsäumten, kiesbestreuten Wegen des Palmenhauses.

»Wir müssen in den Salon zurückkehren,« sagte endlich Flora. »Ich fürchte überall eine Gefahr.«

»Dann mußt du mich zum Abschiede so küssen wie noch nie,« bettelte er.

Er neigte sich lachend über sie, und sie legte ihre feinen weißen Arme um seinen Hals: sein Rücken war der langen Glaswand des Gewächshauses zugekehrt und ihre erhobenen Augen sahen nichts auf der Welt als sein schönes teures Gesicht. Ihre Lippen fanden sich in einem langen Kusse – da – ein scharfer Knall, gleichzeitig mit dem Klirren zerbrochenen Glases, – ein kurzer Aufschrei, – und Iwan brach zusammen, in seinem Falle Flora mit sich reißend.

Denzil und Viviane waren die ersten, die herbeieilten, aber nach wenigen Augenblicken waren alle, die im Salon gewesen waren, hereingestürzt, und Dr. Perry bestätigte seinen guten Ruf als rascher, geschickter Helfer und Arzt.

Zuerst schien es, als ob sowohl Iwan als auch Flora getroffen seien, denn des jungen Mädchens blutüberströmter Körper, der bewegungslos und totenbleich dalag, glich wirklich fast einer Leiche, aber Dr. Perry beruhigte ihre entsetzten Freunde nach einer flüchtigen Untersuchung, daß es nur eine tiefe Ohnmacht war, und widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem jungen Grafen.

»Was ist denn das?« hörte Viviane jemanden neben sich fragen. Sie wendete sich hastig um und gewahrte Alice Fenton, die mit weit aufgerissenen, erschreckten Augen etwas auf dem Boden Liegendes anstarrte. Es war die Pistole, aus der der verhängnisvolle Schuß abgefeuert worden war.

Rasch bückte sie sich und hob sie auf. Die kleine Waffe war mit Silber beschlagen und der Name Denzil Heathcotes darin eingraviert. Sie erkannte sie als zu einem Paare gehörend, das Denzil immer geladen in seinem Zimmer hatte.

Das bezeugte ihr, daß die Person, die den Schuß abgegeben, sich heute abend in ihrem Hause befunden hatte. Ihr schwindelte.

Sorglich verbarg sie mit der Hand den Namen Denzil Heathcotes.



Zwölftes Kapitel

Unterdessen saß Baron Hochburg allein im Rauchzimmer und schlummerte wohl auch ein wenig, als er plötzlich zu seinem Erstaunen seine Wirtin mit einer Pistole in der erhobenen Hand vor sich stehen sah.

»Himmel!« rief er, mit schwerfällig gespieltem Erschrecken.

»Ist meine teure Miß Branscombe wahnsinnig geworden – will sie mich ermorden?«

»Es ist jetzt gerade kein glücklicher Moment, um zu scherzen, Herr Baron,« entgegnete Viviane in einem seltsamen Tone, der ihm fremd war.

»Vielleicht können Sie mir sagen, wie diese Pistole aus ihrem Futteral in Mr. Heathcotes Zimmer entfernt werden und zur Verübung eines schändlichen Attentats auf Graf Schirikow benützt werden konnte? Sie sind der einzige meiner Gäste, der zur Zeit, als der Schuß abgefeuert wurde, nicht im Salon oder im Palmenhause anwesend war.«

»So wissen Sie also, wer ich bin?« fragte er und blickte sie sehr erstaunt an. »Es ist sehr schmeichelhaft für mich, daß Sie mich so ins Vertrauen ziehen, aber ich möchte vor allem etwas über den armen Apollo hören – er ist doch nicht tot?«

»Ich danke Gott, daß er lebt,« entgegnete sie, kaum imstande, einen Ausruf des Abscheues angesichts seiner verblüffenden Kaltblütigkeit und Kühnheit zu unterdrücken. »Dr. Perry ist bei ihm, und ich habe noch nichts Näheres über seine Verwundung gehört. Sie aber, Herr Baron, hören Sie mich. Ich will Ihr Gewissen nicht anrufen, denn ich darf wohl annehmen, daß Sie überhaupt keines haben, sondern ich ersuche Sie einfach, mir zu sagen, welche Summe Ihnen Iwans Onkel versprochen hat, um den armen Jungen aus dem Leben zu räumen.«

»Aber, Teufel noch einmal,« schrie jetzt der Baron in grenzenlosem Erstaunen, »von was reden Sie denn eigentlich? Ich sage nicht gern zu einer Dame: Sie sind verrückt, aber hier bleibt mir wohl nichts anderes übrig! Glauben Sie wirklich, daß ich versucht habe, Ihren russischen Grafen zu töten – aber . . .«

Er unterbrach sich, in seiner Verwunderung und Entrüstung nach Worten suchend, und lehnte sich schwer an seinen Sessel, aus dem er vorhin aufgefahren war.

Viviane starrte ihn ihrerseits mit weit offenen Augen an; sie bezweifelte jedoch die Echtheit seiner Entrüstung und Verwunderung ein wenig. Sie war einer plötzlichen Eingebung gefolgt, als sie so überraschend vor ihn getreten war. Mit einemmal war ihr die Überzeugung gekommen, daß Denzils gegen den Baron angedeuteter Verdacht nicht ohne Grund sein mochte; seine Abwesenheit, während das Attentat verübt wurde, schien ihr auffallend, und als sie nachdachte, kam sie zu dem Schlusse, daß von allen im Hause Anwesenden er allein als mutmaßlicher Täter in Betracht kam.

Sie war sich bewußt, zu allererst ein instinktives Vertrauen zu dem Baron empfunden zu haben; aber Denzil hatte, wie sie erfahren, ganz das entgegengesetzte Gefühl gehabt. Wenn aber der Baron schuldig war, hatte sie trotzdem mit ihrer Anklage nichts gewonnen, da er fest entschlossen schien, seine Tat zu leugnen, war er hingegen unschuldig, dann hatte sie selbst einen schrecklichen Mißgriff getan.

Wieso aber hatte er es so selbstverständlich gefunden, daß sie gerade von ihm eine Aufklärung verlangte; warum hatte er vorausgesetzt, daß sie etwas von ihm wisse, was den anderen unbekannt war?

»Darf ich fragen,« sagte sie mit kalter Stimme, »was Sie eben jetzt mit den Worten meinten, daß ich wisse, wer Sie seien? Ich scheine es also nicht zu wissen, wenn ich Sie nur für den Baron Hochburg halte? Ich denke, es wird das Beste sein, wenn wir uns klar auseinandersetzen.«

»So was ist noch nicht dagewesen,« rief der alte Herr. »Erst beschuldigen sie mich eines ganz schändlichen Verbrechens, dann verlangen Sie, ich solle Ihnen meine geheime Geschichte erzählen und das alles so einfach und geradezu, als ob es sich um gleichgültige Dinge handle. Wäre es nicht ratsam, daß wir uns besser verstehen lernten?«

»Ich wünsche nichts anderes. Deshalb bitte ich Sie nochmals, mir zu erklären, was Sie damit meinten, als Sie riefen, ich wisse, wer Sie seien.«

»Wollen Sie mir gestatten mich zu setzen? Ich bin nicht mehr jung, und im Laufe der Jahre hat mein Körper meinen Beinen eine Last zugemutet, die sich manchmal nur schwer ertragen.«

Sie nahmen beide einander gegenüber Platz.

»Nun kann ich ruhig sprechen. Um Ihre Frage so kurz als möglich zu beantworten: Ich dachte, Sie erwiesen mir die Ehre, in Ihrer peinlichen Angelegenheit meinen Rat einzuholen, weil Sie irgendwie von meiner – ich darf sie wohl so nennen – geradezu genialen Veranlagung zum Detektiv gehört hatten. In jüngeren Jahren machte ich mir nämlich sowohl ein Vermögen als auch einen Namen durch eine private Auskunftei, die, das darf ich ruhig sagen, über ganz Europa informiert war. Ich habe geheime Erkundigungen über und für Könige und Königinnen eingezogen und es gab keinen Hof, über dessen private Verhältnisse ich nicht unterrichtet gewesen wäre. Meine Tätigkeit war mir jedoch mehr als bloßer Erwerb; ich liebte sie wie ein Künstler seine Kunst liebt. Und ich hoffte mein Werk bis zu meinem Lebensende fortführen zu können. Aber – der Mensch denkt, Gott lenkt. Vor zwei Jahren befiel mich eine schwere, tückische Krankheit, von der ich zwar soweit genas, die aber doch ein für mich geradezu erdrückendes Übel im Gefolge hatte. Ich verlor – mein Gedächtnis. Meine Tätigkeit war lahmgelegt; was ist ein Detektive ohne Erinnerungsvermögen?«

Der alte Baron schwieg, wie überwältigt von dem traurigen Bewußtsein, daß er seinen geliebten Beruf verloren habe. Dann hub er wieder an.

»Nun bin ich ein müßiger und daher ein unglücklicher Mensch. Meine gute Frau tröstet mich, soviel sie kann. Die Zeit, da ich mein Bestes tat, ist unwiederbringlich vorüber. Der letzte Fall aber, mit dem ich zu tun hatte, wurde mir, seit ich hier in Ihrem Hause bin, wieder in Erinnerung gebracht. Sie haben vielleicht noch nicht vergessen, daß ich am ersten Tage meines Hierseins den schönen Grafen fortwährend beobachtete. Und als Sie mich um den Grund fragten, sagte ich Ihnen, daß mir seine Züge bekannt vorkämen. In der Nacht aber kam mir plötzlich Erleuchtung. Ich entsann mich, daß ich zwar den Grafen selbst noch nie gesehen hatte, wohl aber sein Bild, das mir von einem russischen Edelmann mit Namen Katow gezeigt worden war, als er mich ersuchte, auszuforschen, wer der Urheber einiger auf das Leben des Jungen gemachter Attentate sei. Dieser Katow war sein Onkel. Ich arbeitete für ihn und brachte ihm die unumstößlichen Beweise, daß ein zweiter Onkel – eine am russischen Hofe hochangesehene Persönlichkeit – des jungen Burschen Tod herbeizuführen suche. Der Bursche hieß damals nicht Schirikow . . . sein Name war derselbe wie der des Höflings.

»Ich erzähle Ihnen dies alles, aber ich glaube, Sie wissen es eigentlich schon, denn Sie beschuldigten mich ja vorhin, das Werkzeug jenes verbrecherischen Verwandten zu sein. Nun aber soll es mich herzlich freuen, wenn es mir gelungen ist, Sie überzeugen, daß ich kein Mörder bin.«

Vivianes Glauben war von der Wahrheit seiner Geschichte vollkommen überzeugt.

»Vergeben Sie mir,« sagte sie, »ich habe mich ganz unverzeihlich benommen.«

»Das fällt mir nicht schwer,« entgegnete er lächelnd. »Ich bewundere Sie sogar; Sie haben unter schwierigen Umständen und in einem außerordentlich kurzen Zeitraume ganz merkwürdig klug und richtig gefolgert. Sie sagten sich: Dieser dicke alte Deutsche hat mich um den Grafen ausgefragt und ihn einen ganzen Abend lang angestarrt, alle meine anderen Gäste kenne ich genau, von ihm weiß ich so gut wie nichts. Er allein ist nicht im Zimmer, wie der Schuß gefeuert wird; er war seit dem Diner abwesend und hatte somit Zeit genug, die Waffe aus Mr. Heathcotes Zimmer zu nehmen. Das ist ganz erstaunlich folgerichtig überlegt. Vor allem aber bewundere ich Ihr tapferes Eindringen hier, Ihren Versuch, mich durch eine Überrumpelung zum Geständnis zu bringen. Das war famos! Ich bitte Sie nur, gänzlich über mich zu verfügen, wenn ich Ihnen mit irgend etwas dienen kann.«

»Ich danke Ihnen,« erwiderte Viviane einfach. »Sie sind sehr großmütig; die Lage ist eine zu ernste, um eine so wertvolle Unterstützung wie die Ihre nicht anzunehmen. Sie wissen schon so viel von der Geschichte des Grafen, daß ich Ihnen auch alles übrige noch ruhig mitteilen kann.«

In kurzen, klaren Worten erzählte sie nun genau alles, was sich seit ihrem ersten Bekanntwerden mit Iwan mit diesem zugetragen hatte.

»Die Sache ist schwierig,« sagte er endlich. »Das meiste, was vorfiel, weist auf eine Männerhand hin, aber Sie sagen, daß Ihre ganze Dienerschaft über jeden Verdacht erhaben sei?«

»Ja, das ist sie. Die Dienerschaft von Branscombe-Abtei bleibt immer hier, auch wenn ich nicht da bin, und keines der Leute ist weniger als ein Jahr bei mir. Meine eigene Jungfer, die Französin, ist allerdings erst seit ein paar Tagen in meinem Dienste; außerdem war gerade sie es, die uns darauf aufmerksam machte, daß ein Fremder sich im Hause befände. Sie handelte damals mit großer Geistesgegenwart und Schnelligkeit, obwohl sie so furchtbar erschrocken war. Auch hatte sie keine Idee davon, wer Iwan sei. Ist es Ihnen noch nicht wieder eingefallen, wo Sie sie schon sahen?«

»Nein. Es ist auch durchaus belanglos, daß ich mir einbildete, Ihr Mädchen schon früher irgendwo gesehen zu haben. Das kann an allen möglichen Orten gewesen sein. Es spricht jedenfalls für das Mädchen, daß es an jenem Abend, von dem Sie mir erzählen, so rasch und besonnen handelte. Trachten Sie nun in Erfahrung zu bringen, wie es den blutigen Abend zugebracht hat, und kommen Sie dann, um mir darüber zu berichten.«

Viviane ging sogleich und ließ die Pistole in Baron Hochburgs Händen zurück. Zuerst eilte sie hinauf, um sich nach Iwans Befinden zu erkundigen, und fand den Vorraum vor seinem und Heathcotes Zimmern voll von ängstlichen Fragern.

»Wer ist bei dem Grafen drinnen?«

»Dr. Perry, Mr. Heathcote und Lord Herbert. Mr. Heathcote kam vorhin zur Tür und fragte nach Ihnen, aber niemand wußte, wo Sie seien.«

»Aber um Himmels willen, warum sagten Sie das nicht gleich?« rief Viviane ärgerlich und eilte an Lady Vavasour vorüber zu der Tür von Iwans Zimmer, die ihr auf ihr leises Pochen von Heathcote geöffnet wurde.

»Ihr brauchtet mich?« fragte sie. »Wie geht es ihm?«

»Sehr schwach vor Blutverlust, der arme Junge, aber Perry legt der Verwundung selbst keine besondere Bedeutung bei. Er meint, daß sie bei einer so gesunden Konstitution, wie die Iwans es ist, in einer Woche geheilt sein dürfte. Das einzige, was er ernstlich befürchtet, ist ein Nachlaß der Kräfte.«

»Er ist sonst gar kein Schwarzseher, sondern immer geneigt, das Beste zu erwarten; wenn er also so viel sagte, Denzil, dann fürchte ich, daß er wirklich sehr besorgt ist.«

»Ich wünschte, ich könnte das verneinen, mein Liebling, aber auch ich habe gesehen, daß er ernste Befürchtungen hegt. Es ist wohl besser, die anderen einstweilen noch in Unwissenheit zu lassen.«

»Glaubst du, daß Dr. Perry eine unmittelbare Gefahr befürchtet?«

»Ja, das glaube ich. Er sagte vorhin: Wenn er die Nacht glücklich übersteht, dann habe ich alle Hoffnung. Was ich dich fragen wollte, ist, was du bezüglich der armen kleinen Flora zu tun gedenkst. Wenn er wirklich sterbend ist und sich dessen bewußt wird, wird er bestimmt nach ihr verlangen, und ich weiß, du wirst finden, daß man sie zu ihm lassen müsse. Deshalb meine ich, man sollte sie einigermaßen vorbereiten.«

»Aber ich denke, wir können uns auf Flora verlassen, sie wird ihm das Sterben nicht noch schwerer machen. Ich werde sogleich zu ihr gehen. Liebster, wir dürfen aber trotz alledem doch die Hoffnung nicht ganz verlieren.«

Sie verließ ihn mit einem warmen Händedruck; dann eilte sie geradeaus auf ihr Zimmer und läutete um Marie, aber an ihrer Stelle erschien das erste Stubenmädchen und meldete ihr, daß Marie den ganzen Abend über sehr heftigen Zahnschmerz geklagt habe, vor zwei Stunden schon das Speisezimmer der Dienerschaft verlassen habe, um sich in ihrem Zimmer niederzulegen. Vivianes Herz pochte stürmisch. War sie endlich auf einer Spur?

»Kommen Sie mit mir in Mariens Zimmer, Jane,« sagte sie und schlug den Weg nach den Dienerzimmern ein. Sie klopfte an Mariens Tür, doch keine Antwort erfolgte. Sie klopfte noch einmal, doch wieder erfolglos. Endlich drückte sie die Klinke auf und fand zu ihrem Erstaunen die Tür unversperrt.

»Kommen Sie herein,« befahl sie der Dienerin. Sie erwartete sicher, den Raum leer, den Vogel ausgeflogen zu finden. Aber sowie sie eingetreten war, sah sie alle ihre Befürchtungen widerlegt. Marie lag regungslos auf ihrem Bette, um das Gesicht ein wollenes Tuch gewickelt; auf dem Tischchen neben dem Bette stand eine brennende Lampe, eine Wasserflasche und ein geöffnetes Fläschchen mit Laudanum. Das Mädchen lag in einem schweren Schlafe der Betäubung.

»Rufen Sie Mrs. Mackham und die Köchin herauf, um Ihnen zu helfen,« befahl Viviane »Ich werde Dr. Perry herauf bitten, sobald er den Grafen Schirikow verlassen kann.«

Jane, die wirklich ein Mädchen mit gesundem Verstande war, eilte davon, um Hilfe herbeizuholen und Vivianes Anordnungen auszuführen; Viviane selbst sandte eine Botschaft an Dr. Perry und begab sich dann zurück in das Rauchzimmer, wo sie Baron Hochburg gerade so fand, wie sie ihn verlassen hatte.

Er blickte zu ihr auf mit einer unausgesprochenen Frage auf seinem klugen, guten, häßlichen Gesichte.

»Es ist entsetzlich,« sagte sie leise. »Er wird vielleicht die Nacht nicht überleben; ich muß sogleich zu meiner armen kleinen Flora, die seit heute nachmittags mit ihm verlobt ist.«

Der Baron war, wie die meisten seiner Landsleute, trotz seiner praktischen Klugheit eine weichherzige, fast sentimentale Natur und Vivianes Worte ergriffen ihn.

Dann trocknete er sich plötzlich und ohne sich dessen im geringsten zu schämen, die Augen und hub an:

»Nun zu unserer Angelegenheit. Haben Sie herausbekommen, was die französische Jungfer den ganzen Abend tat?«

»Ja, sie war fast die ganze Zeit, von argem Zahnweh befallen, in ihrem Zimmer. Es war ein Glück, daß ich sie aufsuchte; sie hat eine zu starke Dosis Laudanum zur Stillung ihrer Schmerzen genommen und ich fand sie bewußtlos auf ihrem Bette.«

»Nun, da wären wir mit ihr also fertig,« entgegnete der Baron. »Nun heißt es aufs neue zu suchen.«

»Ja, ich aber muß Sie verlassen. Um etwas möchte ich Sie noch bitten: Halten Sie diese Pistole gut versteckt. Klopfen Sie an Mr. Heathcotes Zimmertür, und wenn er Ihnen öffnet, so geben Sie sie ihm. Die Pistole sollte, meine ich, sobald als möglich wieder an ihrem Platze in ihrem Futteral sein.«

»Ich will alles nach Ihren Wünschen besorgen,« versicherte der Baron. »Gehen Sie jetzt nur zu der süßen, kleinen, bedauernswerten Flora.«

Viviane stieg wieder die Stiege hinauf, mit einem Gefühle, als ob sie dazu ausersehen sei, dem armen Kinde sein eigenes Todesurteil zu verkünden.

In Floras Zimmer kniete sie an deren Bette nieder und umschloß mit ihren schönen, starken Armen zärtlich die kleine zitternde Gestalt. Die Situation mahnte beide unwillkürlich an den Schrecken vom Sonntagmorgen; heute aber kam sie nicht mit froher Botschaft, und Flora las aus ihrem ernsten, traurigen Blicke einen Teil bitterer Kunde: »Sag' mir alles, was du weißt,«  flüsterte das arme bleiche Elfenkind. »O Viviane, muß er sterben?« 

»Es ist noch nicht möglich, sich darüber auszusprechen, mein Liebling. Dr. Perry sagt, daß alle Hoffnung für seine Wiedergenesung besteht, wenn er die Nacht überlebt. Die Gefahr liegt in seiner außerordentlichen Schwäche, und deshalb mußt du um seinetwillen – stark sein. Er kann jeden Augenblick nach dir verlangen, und wenn du zu ihm gehst, mußt du deiner selbst ganz sicher sein. Wirst du dich so sehr zusammennehmen können?«

»Ich kann alles, alles für ihn,« erwiderte Flora. »Ich glaube, ich könnte lächelnd bei ihm sitzen, während er stürbe, wenn ich wüßte, daß ihm mein Lächeln das Sterben leichter machte.«

Viviane umschloß sie fester und küßte sie mit zitternden Lippen, und Flora verstand sie.

»Es ist meine Schuld!« stöhnte Flora, »ich hätte nicht mit ihm ins Gewächshaus gehen sollen! Lass' mich eine kleine Weile allein,« bat sie dann. »Willst du mir wieder eine Botschaft bringen, wenn eine Veränderung eintritt?«

Zu ihrer Erleichterung fand Viviane, als sie in den anderen Flügel zurückkehrte, daß jemand so vernünftig und taktvoll gewesen war, die vielen Menschen, die sich dort versammelt hatten, aus dem Vorzimmer, das zu Heathcotes und Iwans Zimmer führte, wegzuschicken.

»Ich wollte eben herauskommen, als geklopft wurde,« sagte Denzil, der ihr aufmachte. »Er verlangt nach Miß Allerton.«

»Geht es – zu Ende?« hauchte Viviane, und ein heftiges Zittern überfiel sie.

»Wir fürchten es,« war Denzils leise, traurige Antwort, »obwohl Dr. Perry nicht alle Hoffnung aufgeben will. Darf ich ihm sagen, daß sie kommt?«

»Ja. Sie weiß alles. Ein Trost noch: Wenn Baron Hochburg heraufkommen sollte, so kannst du ihm vollkommen vertrauen. Alles andere werde ich dir später erklären.«

Flora hatte eine so rasche Wiederkehr Vivianes nicht erwartet und suchte mit entsetztem Blicke die ihren.

»So . . bald . . so bald schon?« flüsterte sie.

»Er verlangt nach dir,« antwortete Viviane sanft, und strich leise mit der Hand über das braunlockige Haar des Mädchens. »Aber Dr. Perry sagt, daß wir noch immer hoffen dürfen.«

Sie wollten sie umfassen, aber Flora richtete sich auf und ging festen Schrittes zur Tür. Ihre Augen brannten fieberhaft in dem todbleichen Gesichte, aber wie Viviane sie ansah, war sie überzeugt, daß Flora stark bleiben werde. Flora ging auf die Tür zu Iwans Zimmern zu. Im nächsten Augenblicke ward sie eingelassen, und es gab für sie nichts auf der Welt, nichts war da, als das bleiche Antlitz dort auf den weißen Kissen, und wie sie die großen Augen daraus so sehnsüchtig ihr entgegenblicken sah – lächelte sie ihm tapfer zu. Dann kniete sie neben ihm nieder, küßte seine Stirn, und seine Hand zwischen die ihren nehmend, streichelte sie sie leise.

Er sah sie an und versuchte zu sprechen, aber sie verschloß seine Lippen mit den ihren.

»Du darfst nicht reden,« sagte sie, »wie du es versuchst, gehe ich wieder fort. Du mußt ganz, ganz stille liegen und dich freuen, daß wir zusammen sind. Gehorsam schloß er die Augen, nachdem er sie mit einem dankbaren Lächeln angesehen hatte.

»Liebling . . .«

»Schlaf', Geliebter,« wiederholte sie und schmiegte ihre weiche, kühle Wange an die seine. »Ich bleibe bei dir, solange du schläfst. Denke an nichts – schlummere nur ruhig ein.«

Sie flüsterte ihm zärtliche Worte ins Ohr, leiser und immer leiser, dann horchte sie ängstlich auf seine Atemzüge, die nach und nach ruhiger, gleichmäßiger und tiefer wurden, und Dr. Perry, der an der anderen Seite des Bettes stand und von Zeit zu Zeit seine Finger an Iwans Puls legte, lächelte endlich zufrieden.



Dreizehntes Kapitel

Mitternacht war längst vorüber, als Viviane in den Salon zurückkehrte und ihre dort versammelten Gäste bewog, zu Bette zu gehen.

Ob sie nun wollten oder nicht, sie trieb sie mit lauter Freundlichkeiten zur Tür hinaus, und als sie endlich nacheinander in ihre verschiedenen Gemächer verschwunden waren, wendete sie sich zur Baronin Hochburg mit der ganzen anmutigen Liebenswürdigkeit, die ihr Wesen kennzeichnete, und ergriff deren Hand.

»Sie müssen wissen, daß Ihr lieber Gatte noch immer im Rauchzimmer ist und daß ich nun zu ihm gehe, um mich mit ihm zu besprechen. Er war so gütig, mir seine Hilfe zuzusagen.

Die Baronin schüttelte traurig den Kopf.

»Er wird Ihnen nicht helfen können,« seufzte sie mit betrübter Miene. »Er hat all seine Kunst verloren; die einfachsten Dinge entgehen ihm. Mein armer, guter Mann! Und er war so außerordentlich geschickt! Es kann ja sein, daß er für eine kurze Zeit wieder ein wenig zu arbeiten im stande ist, aber verlassen kann man sich darauf eben nicht mehr. Gehen Sie jetzt nur zu ihm; ich bleibe hier und erwarte Sie. Ich könnte unmöglich schlafen heute nacht.«

Viviane küßte sie dankbar und schickte sich an, dem Baron in dem stillen Rauchzimmer ihren dritten Besuch in dieser Nacht zu machen.

»Sie sahen Mr. Heathcote?« fragte sie, da sie bemerkte, daß die Pistole verschwunden war.

»Ja,« erwiderte er. »Die Waffe ist jetzt wieder in ihrem Futteral. Außerdem habe ich mir eine Theorie zurechtgelegt. Setzen Sie sich und hören Sie mir zu. Wir sind beide darüber einig, nicht wahr, daß alle die Dinge, die sich bis jetzt begaben, nur von einer Person ausgeführt werden konnten, die freien Zutritt zu ihrem Hause hatte? Habe ich recht?

»Nun ist allerdings möglich, daß keiner von den Hausbewohnern alle diese Dinge selbst verübte, aber es ist vollkommen klar, daß doch einer der Hausbewohner so weit bestochen wurde, um dem eigentlichen Täter Zutritt zu verschaffen. Derjenige aber, in dessen Hand die Fäden der Intrige zusammenlaufen, scheut keinen auch noch so hohen Preis. Ist in Ihrem Haushalte nicht eine Person, der die Verwahrung sämtlicher Schlüssel und die Sicherung sämtlicher Eingänge in das Haus obliegt?«

»Sie meinen den Haushofmeister, meinen alten Smith? Nein, ihn möchte ich von meiner ganzen Dienerschaft zuallerletzt verdächtigen. Er war schon zu Lebzeiten meines Vaters hier und genießt mein größtes Vertrauen.«

»Ich verstehe. Nun ist aber gerade eine solche Vertrauensstellung für denjenigen, der dem geheimnisvollen Täter die Unterstützung angedeihen läßt, unumgänglich notwendig. Die Worte mögen Ihnen, meine liebe junge Dame, sehr zynisch klingen, aber leider hat meine Erfahrung mich gelehrt, daß sehr wenige Menschen gänzlich unbestechlich sind. Ich will es Ihnen gern glauben, daß es Sie schmerzt, von einem Diener, den Sie so lange Zeit hindurch für durchaus treu und anhänglich hielten, lieblos zu denken, aber im Detektivdienst darf es keine vorgefaßten Meinungen geben.

»Sie müßten es über sich gewinnen können, Ihre allerbesten Freunde – sagen wir Miß Allerton oder Mr. Heathcote – zu beargwöhnen. Solchen Anforderungen gegenüber muß Ihnen die Frage nach der Schuld oder Unschuld eines Dieners doch sicherlich keine allzuschwere scheinen. Ich habe die ganze Nacht lange und tief nachgedacht und bin zu dem Resultat gekommen, daß sich durch meine Theorie alles leicht erklären läßt. Ich bin der Ansicht, daß es das beste wäre, den Haushofmeister sogleich hieher kommen zu lassen und ihm einige ganz einfache und gewiß leicht erklärliche Fragen über die nächtliche Sicherung des Hauses vorzulegen.«

Nun gut,« entgegnete Viviane. »Ich bin gern dazu bereit. Nur möchte ich dazu lieber mit Ihnen in den Salon zurückkehren, in dem sich jetzt niemand mehr befindet als die Frau Baronin. Ich glaube, die Unterredung würde so weniger den Eindruck eines Verhörs machen. Hoffentlich ist Smith nicht schon zu Bette gegangen.«

»Wo schläft er?« fragte der Baron.

»In einem absonderlichen kleinen Zimmer, ganz am Ende des Dienerschaftsflügels, das er immer bewohnte und nicht aufgeben will, obwohl es nichts weniger als bequem ist. Kommen Sie, wenn der arme Alte wirklich vernommen werden soll, so wollen wir keine Zeit verlieren.«

Sie begaben sich in den Salon und Viviane läutete; aber noch ehe es möglich war, daß jemand ihrem Läuten hätte Folge leisten können, erschien ein erregter Bedienter, offenbar, um eine üble Nachricht zu überbringen.

»Ich läutete Smith,« sagte Viviane.

»Ich hörte die Glocke nicht, Gnädige,« erklärte der Diener; »ich eilte herbei, um zu melden, daß Mr. Smith einen Unfall erlitten hat. Er glitt auf den Stufen, die zu seinem Zimmer führen, aus, und er fürchtet, daß er den Fuß gebrochen habe. Miß Mackham läßt bitten, ob Dr. Perry nicht zu ihm kommen kann.«

»Ich werde selbst Dr. Perry benachrichtigen.«

Sie ging hinauf und trat so leise ein, daß sogar die Wächter an Iwans Bett ihres Kommens erst gewahr wurden, als sie sie erblickten. Iwan schlief noch immer, Floras Hand in der seinen, die sie ihm nicht zu entziehen wagte. Sie war ganz erschöpft von der Qual, und doch glücklich in ihrem Martyrium.

Man hatte Heathcote endlich bewogen, sich in seinem Zimmer niederzulegen, und Lord Herbert teilte mit dem Doktor den Wachdienst. Viviane winkte dem letzteren, mit ihr zu kommen.

»Ein Patient mehr für Sie,« sagte sie, sobald er ihr in das Vorzimmer gefolgt war. »Mein Haushofmeister war so unglücklich, auszugleiten und sich das Bein zu brechen. Darf ich Sie sogleich zu ihm führen?«

»Wie hat er denn das angefangen?« fragte Dr. Perry, während sie eilig durch die großen Korridore in den Dienerschaftsflügel hinübergingen. »So viele Unfälle knapp aufeinander in demselben Hause sind mir noch nie vorgekommen.«

»Ich weiß nur, daß er auf einer Stufe ausglitt. Haben Sie für Graf Schirikow etwas mehr Hoffnung?«

»O, bedeutend mehr Hoffnung. Er wird allerdings für einige Tage der sorgfältigsten und unablässigsten Pflege bedürfen. Ich habe mir deshalb die Freiheit genommen, nach London um eine geprüfte Wärterin zu telegraphieren. Sie dürfte mit dem ersten Frühzuge ankommen. Ich fürchte nämlich sehr, daß wir Mr. Heathcote morgen ganz daniederliegen haben werden. Ich mußte ihn beinahe mit Gewalt zu Bette schicken, obwohl ich in meiner ganzen Praxis nie jemanden in einem solchen Zustande außer Bett sah; aber wenn er sich noch länger gegen Behandlung und Pflege sträubt, kann es ihm übel gehen.«

»Dann, bitte, sagen Sie ihm, wenn Sie wieder hinunterkommen, daß ich ihn persönlich dringend ersuchen lasse, Ihnen in allem zu gehorchen. Aus Höflichkeit für seine Wirtin wird er dann wohl nicht anders können, als nachgeben. Dies ist Smiths Tür.«

Der Doktor trat eilig ein, und Viviane blieb stehen und winkte das Stubenmädchen Jane, das bei den übrigen Dienern vor der Tür stand, herbei.

»Sagen Sie mir genau, wie der Unfall sich zutrug,« befahl sie.

»Er sagt, er sei auf eine kleine Marmorkugel getreten und dadurch ins Gleiten gekommen,« erklärte Jane, »aber wir meinen alle, daß er wahrscheinlich halb im Schlafe war, während er hinaufging. Marie sagt, daß sie überall danach gesucht habe und keine habe finden können.« 

»Marie?« rief Viviane erstaunt aus. »Ich meinte, sie liege zu Bette?«

»Sie lag auch, Gnädigste, aber da sie, als der Unfall sich zutrug, sich allein heroben befand, war sie die erste, die auf Mr. Smiths Rufe herbeieilen konnte.«

Viviane begab sich wieder zurück in das Vorzimmer auf ihren Wachposten. Iwan schlief noch immer.

Nach einer schwachen halben Stunde kehrte Doktor Perry wieder zurück. Nachdem Viviane mit ihm gesprochen und sich eingehend über das Befinden des alten Dieners erkundigt hatte, verließ sie das obere Stockwerk und ging in den Salon hinunter, wo das Ehepaar Hochburg einträchtig beisammen saß.

»Das ist ganz gut,« meinte der Baron gefühllos, nachdem sie ihm von dem Unfalle Smiths berichtet hatte. »Nun werden wir sehen, ob etwas geschieht, nachdem er sich nicht mehr bewegen kann.«

»Auch wenn nichts mehr geschieht,« entgegnete Viviane mit einem traurigen Lächeln, »wird das kein Beweis gegen meinen armen Smith sein, denn es ist wohl jetzt, wo Iwan Tag und Nacht bewacht wird, einfach unmöglich. Mein guter alter Smith! Es scheint wirklich, als ob sich an uns das Sprichwort bewahrheiten sollte, daß ein Unglück selten allein kommt, denn seit gestern abend werden wir vom Unglück und von Unfällen buchstäblich verfolgt.«

»Ich dachte mir gleich, daß Heathcote eine tüchtige Influenza kriegen würde,« meinte der Baron, »aber er knurrte mich an, als ich ihm riet, zu Bette zu geben. Unsere Gesellschaft wird morgen sehr zusammengeschmolzen sein,« fügte er nach einem Augenblicke mit zufriedenem Kopfnicken hinzu. »Alle, die sich vor der Ansteckungsgefahr der Influenza fürchten, werden so rasch als möglich die Flucht ergreifen. Ich werde morgen früh auf keinen Fall beim Frühstückstische fehlen, denn ich freue mich jetzt schon auf den Spaß, alle die entsetzten und bestürzten Gesichter zu sehen. Nichts ist für den unbeteiligten Beobachter komischer als der Infektionsschrecken. Euch Engländern macht es Vergnügen, mit einem Haufen Hunde hinter einem kleinen Fuchse herzujagen – mir macht es Spaß, die Leute vor einem kleinen Keime davonlaufen zu sehen.«

»Ich freue mich, aus Ihren Worten schließen zu können, daß Sie und Ihre liebe Frau nicht gesonnen sind, uns im Stiche zu lassen.«

»Nein, nein, das tun wir gewiß nicht, solange wir Ihnen durch unser Dableiben irgendwie dienen können. Lord Graham wird wohl auch nicht flüchtig werden?«

»Nein, ich getraue mich bestimmt zu behaupten, daß er ausharren wird.«

»Das ist recht,« entgegnete der Baron beifällig. »Den Eindruck hat er mir auch gemacht. Wollen Sie mir eine kleine Gnade erweisen? Wollen Sie, wenn ich selbst mich etwas verspäten sollte, mit der Ankündigung der Influenza warten, bis ich da bin?«

»Gewiß. Sie sollen um Ihr wenn auch etwas boshaftes, so doch immerhin unschuldiges Vergnügen nicht verkürzt werden. Ich möchte Ihnen aber jetzt raten, sich zurückzuziehen und der Ruhe zu pflegen. Ihre liebe Frau bleibt mit mir auf, aber sie kann dafür morgen den ganzen Tag lang schlafen.«

»Ihr Wunsch ist mir Befehl,« sagte der Baron mit einer galanten Verbeugung, aber er sah dabei so schläfrig aus, daß ihm beinahe die Augen zufielen.

»Er kann Lady Brookwood nicht leiden,« vertraute die Baronin Viviane an, als die Tür sich hinter ihrem Gatten geschlossen hatte.

»Er ist ein außerordentlich scharfsinniger Mann,« antwortete Viviane lachend und begann dann in taktvoller Weise ein anderes Gespräch.

Die beiden Damen verbrachten den größten Teil der langen Nacht in dem Vorzimmer zu den von Iwan und seinem Freunde bewohnten Zimmern.  Graf Schirikow, durch einen mehrstündigen Schlaf erquickt und gekräftigt, war ohne eine Spur von Fieber erwacht.

»Es wird schon gehen,« meinte Dr. Perry mit zufriedenem Händereiben. »Es heißt jetzt nur mehr, ihn wieder zu Kräften zu bringen. Miß Allerton hat ihm buchstäblich das Leben gerettet, indem sie ihn zum Einschlafen brachte.«

 

»Jetzt aber müssen wir sie so rasch als möglich fortbringen. Sie ist selbstverständlich gänzlich erschöpft.«

»Ich will es ihr begreiflich machen,« versetzte Doktor Perry und kehrte in das Krankenzimmer zurück, aber seine Intervention war überflüssig, denn Iwan hatte Flora schon gebeten, sich nun zur Ruhe zu begeben.

Sie küßte ihn auf den Mund und willfahrte seinem Wunsche.

Viviane machte noch einen letzten Rundgang, vernahm, daß Smith unruhig war und etwas fieberte, daß Marie wieder ganz hergestellt und daß sonst nichts Neues vorgefallen sei, dann suchte sie endlich ihr eigenes Zimmer auf und erfrischte sich mit einem warmen Bade, worauf sie eine Stunde schlief, dann aufstand und in das Frühstückzimmer hinabkam, ehe noch irgend jemand ihrer Gäste sich dort eingefunden hatte.

Die nächste, die nach ihr erschien, war Lady Brookwood, und während die beiden Damen die übrigen erwarteten, sahen sie ihre eingelaufene Korrespondenz durch.

»Du lieber Himmel!« rief Lady Brookwood aus, »ich hatte über all den Begebenheiten ganz auf den französischen Haushofmeister vergessen. Nun schreibt mir Lady Carr, an die ich mich wendete, daß sie eben einen Haushofmeister für einen Monat auf Probe aufgenommen habe, aber glaube, daß er ihr nicht passen werde. Wenn dies wirklich so sein sollte, dann will sie es mit Ihrem Schützlinge gern versuchen.

»Ist es war, daß sich Ihr eigener Haushofmeister gestern abend das Bein brach? Aber, meine Beste, da fällt mir ein: Da haben Sie die schönste Gelegenheit, Ihrem bedrängten Franzosen selber zu helfen. Lassen Sie ihn doch als Aushilfe kommen; bis Ihr Smith wiederhergestellt ist, wird die Stelle bei Lady Carr freigeworden sein.«

Obwohl Viviane gegen alle Vorschläge Lady Brookwoods eine ebenso unbegründete als unüberwindliche Abneigung empfand, war dieser doch sehr vernünftig und praktisch, und so beauftragte sie also Marie, an ihren Onkel zu schreiben.

Niemand von den übrigen Gästen hielt an diesem Morgen die Frühstücksstunde besonders pünktlich ein, und ihrem Versprechen gemäß erwähnte Viviane kein Wort von Mr. Heathcotes Erkrankung, ehe der Baron erschienen war.

 

Jetzt erst begann sie die übrigen fehlenden Mitglieder ihrer kleinen Gesellschaft zu entschuldigen und erwähnte nur so nebenbei, daß Heathcote an Influenza erkrankt sei. Wenn mitten auf ihrem reichbesetzten Frühstückstische plötzlich eine Bombe geplatzt wäre, hätte das Entsetzen und der Schrecken kaum größer sein können.

Sir James tat sein möglichstes, um das wenig liebenswürdige Verhalten seiner Damen zu entschuldigen, aber es war im Grunde verlorene Mühe, denn Viviane hatte den Kopf zu voll von anderen, ernsteren Dingen. Sie blieb mit Baron Hochburg und Lady Vavasour allein im Frühstückszimmer zurück und wendete sich nun an diese, die so schrecklich unglücklich aussah, daß Viviane Mitleid mit ihr empfand.

»Fürchten Sie sich auch sehr, liebe Lady Vavasour?« fragte sie freundlich. »Wenn das der Fall ist, dann bitte ich Sie sehr, so bald als möglich in die Stadt zu fahren. Die Frau Baronin wird auf jeden Fall hierbleiben, und somit sind Flora und ich nicht ohne weiblichen Schutz. Wenn Sie Angst haben, werden Sie mir ganz gewiß auch noch krank werden, und es wäre geradezu eine Kalamität, noch einen Patienten mehr zu haben.«

Lady Vavasour sah sie an, dann brach sie plötzlich in einen Strom von Tränen aus.

»Wenn ich Sie jetzt verlasse,« schluchzte sie, »so muß es für immer sein; wenn ich meine Pflicht vernachlässige um meiner eigenen Furcht willen, dann kann ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, wieder zurückzukehren.«

»Bitte, meine beste Lady Vavasour,« erwiderte Viviane, »reden Sie doch keinen solchen Unsinn. Ich selber bitte Sie, fortzugehen, und das um meiner eigenen Bequemlichkeit willen, da ich nicht noch einen Kranken mehr hier haben möchte, und es ist daher eigentlich Ihre Pflicht, meinem Ersuchen Folge zu leisten. Sie werden gewiß im Stadthause eine Menge zu tun, anzuordnen und nachzusehen finden. Wenn Sie aber Ihre Drohung, mich ganz zu verlassen, ausführen würden, wäre mir das nicht nur schrecklich leid, sondern auch höchst unangenehm. Ich wünsche, daß Flora, wenn ihre Familie es mir gestattet, in meinem Hause ihre Hochzeit feiert, und ich wüßte wirklich nicht, wie ich das ohne Ihren Beistand zustande bringen sollte.«

Vivianes kleine Rede hatte den gewünschten Erfolg, aber ihr Herz war ihr sehr schwer, während sie sie hielt.

Es schien ihr fast schauerlich, von Hochzeitsfestlichkeiten zu sprechen, während im Hause vielleicht zwei Leben auf dem Spiele standen.

Die Berichte, die an diesem Morgen aus Denzils Krankenzimmer gekommen waren, hatten sehr beunruhigend gelautet, und im Laufe des Tages schien es, als ob Doktor Perry um ihn mehr Besorgnis hegte als um Iwan, der sich auf dem Wege der Besserung befand.

Wenn die tückische Krankheit ihn ihr rauben sollte, nachdem sie beide so mutig, so erfolgreich den Verfolgungen ihrer Feinde getrotzt?

Man konnte gegen Menschen kämpfen bis zum Äußersten; aber gegen die geheimen Mächte der Krankheit – wie hilflos stand man ihrem Überfalle gegenüber!

Sie schauderte, als sie dies bedachte und litt unsäglich.

Sie konnte nicht weinen wie die Baronin, die bei jeder Gelegenheit ihr Taschentuch hervorzog; sie konnte nicht einmal, wie Flora, ohnmächtig werden und so ihr Leid wenigstens für Minuten vergessen.

Trotzdem aber empfand sie eine gewisse Befriedigung darüber, – sie hatte Kraft und Überlegenheit immer bewundert und diese Eigenschaften gepflegt, nun war die Zeit gekommen, sie zu betätigen. Und sie lernte es, sie konnte allein stehen und dem Schicksale mutig ins Antlitz sehen.



Vierzehntes Kapitel

»Das ist es, was man sich die Bahn freimachen nennt,« sagte Baron Hochburg, der an einem Fenster des ersten Stockwerkes stand, die Hände tief in die Taschen versenkt, auf seinem breiten Gesichte ein außerordentlich zufriedenes Lächeln, und den beiden Equipagen nachsah, die sich mit den Brookwoods, deren Angehörigen, deren Jungfer und Kammerdiener und einer Unmasse Gepäckes durch die lange Allee in der Richtung des Bahnhofes entfernten.

Viviane nickte ihm lächelnd zu.

Er entfernte sich vom Fenster und mit der glücklich zur Schau getragenen Miene gleichgültigen Herumwanderns durchstreifte er systematisch das ganze Haus.

Es war nur eine geprüfte Pflegerin angekommen, da der Baron Viviane ersucht hatte, so wenig fremde Personen als irgend tunlich in das Haus einzulassen; und da die beiden Krankenzimmer nebeneinander lagen und durch eine Tür verbunden waren, gab sogar Doktor Perry, der anfänglich für die zweite Pflegerin gestimmt hatte, zu, daß sie entbehrt werden konnte.

Auch Laurens, Mariens Onkel, um den das Mädchen in Vivianes Auftrag gleich am Morgen depeschiert hatte, war im Laufe des Tages angekommen. Er erwies sich bescheiden, geschickt und sehr ruhig für einen Franzosen. Auch den übrigen Dienern gegenüber zeigte er sich freundlich und zuvorkommend und war sichtlich bemüht, die Gunst Mrs. Mackhams zu erringen. Für den armen Smith legte er die wärmste Teilnahme an den Tag und besuchte ihn, so oft er konnte, um sich von ihm Rat und Weisungen zu holen, und unterwarf sich dessen Anordnungen und Vorschriften mit größter Bereitwilligkeit.

»Wenn Sie in Beziehung auf den armen Smith recht behalten sollten, Baron, dann werde ich Laurens wohl fest in meinen Dienst nehmen,« meinte Viviane.

»Es ist jedenfalls sehr angenehm für Sie, einen so tüchtigen Ersatz so rasch zur Hand gehabt zu haben,« versetzte der Baron.

Viviane sah bleich, abgehärmt und ermüdet aus, das Strahlende ihrer Schönheit war geschwunden und hatte einem ernsten und unendlich rührenden Ausdruck Platz gemacht.

Die geheime Angst, die sie in den letzten zwei Tagen durchgemacht, war entsetzlich gewesen, und sogar jetzt wollte Doktor Perry nicht entschieden zugeben, daß Denzil ganz außer Gefahr sei. Am Dienstag hatte er den ganzen Tag in fürchterlichem Fieber gelegen, dann war in der Nacht eine vollkommene Erschöpfung eingetreten, so daß der Arzt aufs äußerste besorgt war; heute schien sein Zustand etwas weniger gefahrvoll, und Viviane kannte Dr. Perry genügend, um zu wissen, daß er in Wahrheit noch viel ängstlicher war, als er zugestehen wollte.

»Wenn er seine Erkrankung nur eher zugegeben hätte,« sagte der kleine Doktor zu Viviane, »dann wäre es vielleicht jetzt nicht so arg geworden. Es war noch ein Glück, daß ihm die Kraft endlich versagte und er auf diese Art gezwungen war, nachzugeben. Nun möchte ich meine freiwilligen Pflegerinnen und Pfleger aber veranlassen, sich ihrerseits etwas Ruhe zu gönnen, damit sie selber mir gesund bleiben. Mir werden sie natürlich nicht gehorchen, aber wenn Sie selbst ein Machtwort sprechen wollten . . .«

»Ich will es versuchen. Wollen Sie so freundlich sein, Lord Herbert zu ersuchen, zu mir zu kommen? Er wird mich im Bibliothekzimmer finden.«

Als Lord Herbert kam, trat ihm Viviane rasch entgegen und reichte ihm mit einer Bewegung ihre beiden Hände.

»Mein lieber alter Freund,« sagte sie, »in diesen Tagen haben Sie mir Ihre treue Freundschaft wirklich bewiesen.«

Er lächelte sein eigentümliches müdes Lächeln und erwiderte mit seiner allerschleppendsten Sprechweise: »Nun, Sie haben mich doch sicherlich nicht zu sich gerufen, um mir für etwas so Selbstverständliches zu danken?«

»Nein, Sie haben recht, nicht allein deswegen. Ich möchte Sie bitten, auch ein wenig an sich selber zu denken. Wenn Sie Tag für Tag da oben eingesperrt bleiben, werden Sie selbst mir am Ende noch krank werden und – und ich kann Sie nicht entbehren. Ich möchte Sie also ersuchen, heute mit Flora auszureiten. Ich gehe sogleich, um mit ihr zu reden, und ich getraue mich Ihnen zu versprechen, daß sie bereit sein wird. Ich sprach vorhin mit Doktor Perry,« fügte sie nach einem kurzen Augenblicke des Stillschweigens hinzu, »aber ich wünschte, Sie würden mir Ihre eigene und persönliche Ansicht über Mr. Heathcotes Zustand mitteilen.«

»O, ich finde, daß er bedeutend besser ist,« entgegnete Lord Herbert mit großer Zuversicht. »Er wird ganz gewiß nicht sterben.« Die Worte waren rauh, aber der Ton, in dem er sie sprach, war ein unendlich weicher. »Perry will sich noch nicht recht aussprechen, und ich weiß, daß er besorgt, die Rekonvaleszenz werde eine sehr langwierige werden, aber wenn er nur gesund wird, so liegt ja weiter nichts daran.«

»Brauche ich Ihnen zu versichern, daß ich Ihre Güte in dieser schweren Zeit nie vergessen werde?« sagte Viviane.

»Ich tue einfach, was mir selber Freude macht, was zu meinem eigenen Behagen beiträgt. Wenn Ihr Leben durch – nun, durch allerlei, was hätte geschehen können, verpfuscht worden wäre, so wäre ich für den Rest meines eigenen Lebens höchst unglücklich gewesen.

»Sie verzeihen mir doch, wenn ich Ihnen gestehe, daß ich vollkommen darüber aufgeklärt bin, daß ich für mich selbst alle Hoffnung Ihnen gegenüber aufgeben muß? Sehen Sie, Heathcote lag ziemlich lange im Delirium, und er war . . . nun nicht so verschwiegen, als er es bei klarem Verstande zu sein pflegt . . . Erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß für mich ein kleiner Trost darin liegt, zu wissen, wie innig und treu Sie von dem Manne Ihrer Wahl geliebt werden; es geschieht nicht oft, daß man einem Menschen so direkt ins Herz schauen kann, wie ich in diesen Tagen in seines blickte, und nur Schönes und Gutes darin findet. Ich muß zugeben, daß von meiner Seite eine gehörige Portion Einbildung oder Verblendung dazu gehörte, anzunehmen, daß Sie in einer Welt, in der solche Kerle wie Heathcote zu finden sind, jemals für mich ein Interesse empfinden könnten, aber ich habe wenigstens die Hoffnung, daß ich Ihnen ein Freund werden darf. Vergeben Sie mir, bitte, diese ungebührlich lange Rede. Ich gehe jetzt. Miß Allerton soll ihren Spazierritt haben.«

Viviane sagte nichts, aber er konnte den Blick, mit dem sie ihn ansah, als er sie verließ, in seinem ganzen Leben nicht vergessen; es lag Bewunderung darin, Hochachtung und ein tiefes, warmes Mitleid zugleich, sowie man es empfinden mag, wenn man etwas Großes scheiden sieht.

Einen Augenblick stand sie, nachdem er sie verlassen, in Sinnen verloren, dann begab sie sich zu Flora, der sie mit eindringlichen Worten vorstellte, wie notwendig ein wenig Bewegung in frischer Luft sei, und ihrer Überredungskunst gelang es endlich, sie zum Ausreiten zu bewegen.

Sie trat auf die Terrasse hinaus, um ihre beiden Freunde miteinander fortreiten zu sehen. Die frische reine Luft des jungen Frühlings lockte sie für einige Minuten in den Garten. Sie ging zu einem Veilchenbeete und schaute unter die breiten grünen Blätter. Obwohl noch viele mehr Knospen als aufgeblühte Blumen da waren, brachte sie doch einen hübschen Strauß duftender und tiefviolett prangender Veilchen zusammen.

Sie ging mit dem Sträußchen, nachdem ihre Lippen es leise, fast scheu berührt hatten, wieder ins Haus und klopfte an die Türe des Zimmers der Baronin.

»Es fiel mir ein,« begann sie, nicht ohne eine leichte Verlegenheit, »daß Sie vielleicht einen Augenblick zu Mr. Heathcote hineingehen könnten, damit er sieht, daß wir nicht Iwan allein unsere ganze Aufmerksamkeit schenken.«

»Aber warum kommen Sie selbst nicht mit mir?« fragte die Baronin. »Miß Allerton hat die ganze Zeit her den Grafen besucht.«

»Ja, aber Flora ist mit Graf Schirikow verlobt, wie Sie wissen, ich hingegen könnte Mr. Heathcote doch nicht recht besuchen.«

»Hm!« machte die Baronin. Sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß Viviane mit Heathcote ganz ebenso verlobt war wie Flora mit Iwan.

»Und diese süßen Blumen?« fragte sie mit ihrem gütigen und klugen Lächeln, »soll ich die mit mir nehmen?«

»Bitte, bringen Sie sie ihm von mir und sagen Sie ihm, wie herzlich ich mich freue, daß es ihm ein wenig besser geht.«

»Schön, schön, ich will alles bestellen,« versetzte die Baronin.

Flora und Lord Herbert hatten unterdessen gehorsam ihren Gesundheitsritt unternommen und den Weg nach der Ruine eingeschlagen, der von der alten Abtei zu einem kleinen, verlassenen Häuschen führte, das inmitten eines wildwuchernden Gartens, an den sich rückwärts ein Hofraum mit einem Wagenschuppen und einem halbverfallenen Stalle anschloß, einsam und unheimlich dastand.

»Ich möchte wissen, warum niemand in dem kleinen Häuschen wohnt,« sagte Flora. » Es liegt so wunderhübsch und steht leer.«

»Haben Sie Miß Branscombe nie um den Grund gefragt?«

»Nein, wer weiß, ob Viviane mir die Ursache hätte mitteilen können. Dieser Hohlweg gehört nicht mehr zu ihrem Besitze.

»Sie hätte Sie wohl trotzdem aufklären können, aber ich glaube nicht, daß sie von selbst davon sprechen würde. Der Gegenstand muß schmerzlich für sie sein, wenngleich die Geschichte nun alt ist, aber da sie hier allgemein bekannt ist, würde sie gewiß nichts dagegen haben, wenn ich sie Ihnen erzähle. Haben Sie nie gehört, wie Miß Branscombes Vater starb?«

»Ich glaube gehört zu haben, daß er auf der Jagd getötet wurde, aber – ich habe mich nie für die näheren Details interessiert. Es ist schon so furchtbar lange her – Viviane war ein ganz kleines Kind und ich selbst war, glaube ich, kaum geboren –. Deshalb kümmerte ich mich auch nie um die genaue Geschichte. Jetzt aber, da Sie davon sprachen, möchte ich doch gerne wissen, was geschah.«

»Es ist nicht viel zu erzählen. Das Unglück ereignete sich auf einem Felde, kaum einen halben Kilometer von hier entfernt. Ein böswilliger Pächter hatte eine ganz niedrige Hecke durch Latten und dergleichen erhöht, um die Parforcereiter zu verhindern, den Weg durch sein Feld zu nehmen. Mr. Branscombe war wütend darüber und nicht davon abzubringen, die Hecke zu nehmen. Sein Pferd stürzte und er kam darunter zu liegen. Seine Frau, Vivianes Mutter, war, als es geschah, nur wenige Schritte von ihm entfernt – das war das Entsetzlichste an der ganzen Sache – ihre Erschütterung war so groß, daß sie ein Jahr später selbst an den Folgen davon starb. Mr. Branscombe wurde in dieses Häuschen gebracht; er lebte noch einige Stunden, aber in solchen Schmerzen, daß sogar seine Frau seine Erlösung herbeisehnte.

»Die Bewohner des Hauses wurden ersucht, es sogleich zu verlassen und jeden beliebigen Preis dafür zu fordern. Sie kaufte es bald darauf mitsamt dem Garten und in ihrem Testament befand sich eine besondere Klausel, die verbietet, daß das Haus jemals wieder bewohnt werde.«

»Ich möchte wissen, warum sie es nicht niederbrennen ließ,« meinte Flora sinnend.

»Ich glaube, Miß Branscombe würde das am liebsten tun. Das verlassene, verfallene Aussehen der Hütte macht einen schrecklich melancholischen Eindruck.«

»Aber vielleicht . . . o!« Flora wendete ihr Pferd mit einer heftigen Bewegung um, und Lord Herbert folgte ihr mit dem seinen im Nu, über ihren sichtlichen Schreck betroffen.

»Sehen Sie nichts, Lord Herbert? Gerade in dem Augenblicke, als ich sprach, sah ich etwas im Innern der Hütte sich bewegen. O, kommen Sie fort, ich kann keinen Moment länger hier bleiben!«

»Nein es wäre doch viel gescheiter, wenn Sie mich hineingehen ließen, um nachzusehen. Es würde Ihre erregten Nerven jedenfalls am besten beruhigen. Wann hat man jemals von einem Gespenste gehört, das am hellichten Tage umgeht?«

»Vivianes Vater starb am hellichten Tage. O, bitte, lachen Sie mich nicht aus; ich sah ganz bestimmt, daß sich etwas in dem Hause bewegte.«

»Deshalb will ich eben nachsehen gehen . . .«

»Nein. Ich will nicht allein hier bleiben; ich glaube auch nicht, daß Gespenster sich hinsetzen und warten, bis man sie anschauen kommt.«

»Ich muß Ihnen wohl nachgeben, – Meine vollkommene Überzeugung ist aber, daß Sie sich durch ein Spiel Ihrer Phantasie täuschen ließen. Ihre Nerven sind überreizt, was durch alles, was Sie in den letzten Tagen durchmachten, leicht erklärlich ist. Es tut mir wirklich sehr leid, daß ich Ihnen diese Geschichte erzählt habe. Ich bin immer dagegen gewesen, mehr über irgend eine Sache zu reden, als absolut notwendig ist.«

»Ach, seien Sie nicht unvernünftig,« entgegnete Flora mißmutig. »Sie reden zu mir, als ob ich ein kleines Kind wäre. Bitte, erwähnen Sie von der ganzen Sache nichts, wenn wir nach Hause zurückkommen.«

»Das verspreche ich Ihnen; es gibt leider mehr als genug wirkliche Angst und tatsächlichen Schrecken in Branscombe-Abtei.

Sie ritten in scharfem Trabe davon, Flora immer noch etwas erschreckt, er mit dem halb überlegenen, halb nachsichtigen Lächeln auf seinem regelmäßigen Gesichte hinter ihr drein. Der Weg, den er sie einschlagen geheißen hatte, führte noch eine Stunde lang zwischen Feldern und Baumgruppen, ehe sie Branscombe-Abtei wieder erreichten, und jetzt war Flora so müde, daß sie zu der Ruhe und Behaglichkeit, die sie gastlich umfing, all ihre Gespensterfurcht vergaß.

Nachdem die beiden Reiter schon eine geraume Zeit von dem einsamen Hause entfernt waren, hätte ein verspäteter Wanderer, der vorbeigekommen wäre, leicht wieder einen ebensolchen Schreck haben können wie Flora. Hinter dem halbblinden Fenster glitt es vorbei wie ein Schatten, und nach einer kleinen Weile wurde die Tür ganz langsam und vorsichtig geöffnet und eine Gestalt, die ebenso unheimlich und furchterregend aussah wie ein wirkliches Gespenst, denn ihre Züge waren von einer schwarzen Maske bedeckt, wurde auf einen Augenblick sichtbar.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

»Eben kommen unsere jungen Leute von ihrem Spazierritte zurück,« meldete die Baronin, als sie ganz unerwartet bei Viviane eintrat, »es hat Miß Allerton gewiß gut getan.«

»Das hoffe ich auch,« antwortete Viviane lächelnd. »Es muß übrigens heute draußen ganz besonders angenehm sein. Meine Jungfer Marie bat nach dem Gabelfrühstück um die Erlaubnis, ausgehen zu dürfen, und ist bis jetzt noch nicht zurück.«

»Ich wünschte, Sie wären selber auch ausgegangen, Sie brauchten es vielleicht notwendiger als die anderen,« meinte die Baronin. Sie haben sich wahrscheinlich gewundert, daß ich so lange ausblieb. Ich brachte Mr. Heathcote die Veilchen und Ihre freundschaftliche Botschaft, und ich glaube wirklich, daß ihm die Tränen in die Augen traten; ganz sicher kann ich es allerdings nicht behaupten, weil meine eigenen Augen überliefen. Aber so viel sah ich doch, daß ihn die Blumen unendlich glücklich machten, denn er streichelte sie immer wieder und es schien mir fast, als ob er sie, als er sie erhob, um daran zu riechen, mit den Lippen streifte. Er trug mir auf, Ihnen vielmals zu danken. Du lieber Himmel, es ist wirklich schrecklich, wie diese abscheuliche Krankheit ihre Opfer hernimmt. Ich sage Ihnen das, um Sie vorzubereiten, damit Sie nicht so sehr erschrecken, wenn Sie ihn, sobald er aufstehen darf, besuchen werden; Sie brauchen sich deswegen nicht zu ängstigen, denn sein Befinden ist viel besser, als sein Aussehen erwarten ließe, und der kleine Doktor scheint mit seinen beiden Patienten ebenso zufrieden zu sein wie mit sich selber und seinen Leistungen.

Viviane fühlte sich durch den Bericht der Baronin über Denzils Befinden sehr glücklich. Sein schlechtes Aussehen, das die Dame so betont hatte, schreckte sie nicht, das würde sich, wie sie hoffte, bei guter Pflege bald ändern, aber die zufriedenen Aussprüche des Arztes beglückten sie.

Sie fing sogar an, der Behauptung des Barons, daß sich nun nichts mehr zutragen werde, was das Leben ihrer beiden Schützlinge gefährden könne, Glauben zu schenken, aber sie erinnerte sich, daß dies ja dann wirklich ein Beweis von Smiths Schuld sein müsse, und der Gedanke widerstrebte ihr.

Smith war durch siebzehn Jahre Haushofmeister in Branscombe-Abtei gewesen.

Viviane hatte immer an seine Liebe und Verehrung für seinen toten Herrn geglaubt, hatte immer große Stücke auf ihn gehalten und ihm volles Vertrauen entgegengebracht. Sie erinnerte sich der Nacht, in der sie mit ihm allein Denzil suchen gegangen war, und das Blut stockte ihr bei dem Gedanken, daß er damals schon ein Verräter gewesen sein müsse. Es schien ihr fast unmöglich, es zu glauben; und doch – wenn es wirklich so war, dann erklärte es so vieles, was bis jetzt so rätselhaft und unerklärlich schien. Anderseits, wenn das Ganze endlich aufgeklärt würde, und zu Smiths Gunsten, dann fühlte sie, daß sie ihrem alten Diener nie mehr würde ins Gesicht sehen können, ohne vor Scham und Selbstvorwürfen zu vergehen. Sie konnte diese Gedanken, Zweifel und Grübeleien nicht los werden und sprach sich am Abend dem Baron gegenüber aus.

»Ich habe nicht bemerkt,« lachte er, »daß es Ihnen so besonders schwer ankommt, mir ins Gesicht zu sehen. Oder sollten Sie schon vergessen haben, was für einen Verdacht Sie erst kürzlich gegen mich hegten? Wenn Sie das schon vergessen haben – ich nicht! Wenn Sie also späterhin wirklich Ursache haben sollten, in Ihrem Herzen dem ehrenwerten Smith Abbitte zu tun, dann trösten Sie sich mit dem Gedanken, daß er kein besserer Mensch ist als der alte Ludwig von Hochburg, dem Sie täglich mehrmals ins Gesicht schauen.«

Der Baron entfernte sich mit diesen Worten und schmunzelte behaglich; Viviane aber blieb errötend wie ein zurückgewiesenes Schulmädchen zurück und fragte sich, wie es möglich war, daß sie in ihrem Alter sich hatte eine solche Blöße geben können.



Fünfzehntes Kapitel

Die nächsten beiden Tage vergingen so friedlich, daß das schreckliche Gefühl angstvoller Spannung nach und nach von den Bewohnern der Abtei zu weichen begann.

Am Donnerstag durfte Iwan aufstehen und den halben Tag auf einer Ottomane liegend zubringen. Am Karfreitag avancierte er schon in einen Armsessel und Dr. Perry bestand darauf, ihn darin durch das Vorzimmer in die den seinen gegenüberliegenden gelben Zimmer zu schieben, der Luftveränderung wegen, wie er sagte. Flora verließ ihn den ganzen Tag nicht; sie war durch keine Vorstellungen und kein Zureden mehr dazu zu bringen, das Haus zu verlassen –, ihre ganze Welt war darin enthalten.

Denzil Heathcotes Genesung schritt bedeutend weniger rasch vor, aber er war doch um so vieles besser, daß sowohl der Arzt als die Wärterin es für angezeigt erachteten, daß er Besuche empfing, um sich ein wenig zu zerstreuen.

Die Baronin Hochburg schlug vor, daß sie und Viviane sich zu ihm setzen sollten, während die Wärterin ein paar Stunden wohlverdienter und notwendiger Ruhe pflegen konnte und Dr. Perry einen Rundgang im Dorfe machte.

Flora und Baronin Hochburg befanden sich als Iwans Gesellschafter mit ihm in den gelben Zimmern, und Lord Herbert hatte sich merkwürdigerweise zu einem einsamen Spazierritte entschlossen.

Der Tag war schön und sonnig, aber trotzdem war Denzils Lehnstuhl dicht an das Kaminfeuer herangeschoben und über seine Knie eine warme Pelzdecke sorglich gebreitet. Er sah erschreckend schlecht aus, war von fast geisterhafter Blässe und die dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen.

Vivianes Tränen, die ihr nicht leicht kamen, drohten überzufließen, als sie ihn zum ersten Male erblickte.

Sie schob sich einen niederen Sessel an Denzils Seite, und da die alte Dame sich auf ihrem Platze nicht rührte, taten sie, so wie sie es gewollt, als ob sie gar nicht anwesend wäre.

»Du hast es verstanden, warum ich nicht früher zu dir kam?« flüsterte Viviane. »Ich wäre gekommen, Geliebter, wenn du – noch kränker geworden wärest. Dann hätte nichts, keine Rücksicht mich von dir ferngehalten. So aber wagte ich's nicht, es bekannt werden zu lassen, was wir einander sind. Nicht wahr, du hast nicht an mir, an meiner Liebe zu dir, meiner Angst um dich gezweifelt?«

»Nicht einen Augenblick lang, mein Liebling. Nun habe ich dich wieder. Eigentlich solltest du ja auch jetzt gar nicht hier bei mir sein und dich der Gefahr aussetzen, aber ich weiß wohl, es würde nichts nützen, wenn ich dich fortzuschicken versuchte. Trotzdem würde ich es mir nie verzeihen, wenn ich die Ursache wäre, daß die abscheuliche Krankheit auch dich befällt; viel lieber wollte ich selbst sie noch ein zweites Mal durchmachen.«

»Mir aber wäre es nicht lieber.« wehrte Viviane, indem sie ihm scherzend mit der Hand den Mund verschloß. Wenn nur erst der heißersehnte Sonntag vorüber ist, dann darfst du an gar nichts anderes mehr denken, als bald wieder gesund zu werden, und dann – gehört unser ganzes Leben nur uns allein.«

»Ich verspreche dir, mich in der denkbar kürzesten Zeit zu erholen, wenn du mir nur den richtigen Lohn dafür geben willst. Darf ich dir andeuten, wie ich ihn mir beschaffen denke?«

»Du kannst nichts verlangen, was mir zu groß schiene,« sagte sie leise.

»Wie, ist das dein Ernst? Der Lohn, den ich verlange, ist, daß du von einer langen Brautzeit absiehst und mein wirst, sobald ich nur wieder präsentabel bin: also sagen wir in vierzehn Tagen.«

»Bescheidenheit ist wirklich, wie es scheint, eine Tugend, die dir fremd ist.«

»Die einzige,« lachte er. Dann zog er sie fester an sich. »Sei vernünftig, Liebste. Was soll das lange Warten? Wir sind ja nicht ein paar Kinder wie Iwan und Flora.«

»Nun versuchst du es, mich zu beschwatzen, aber ich bin ganz unbestechlich.«

»Meinst du damit, daß nichts dich verlocken kann, meiner Bitte zu willfahren?«

»Ich meine, daß, wenn ich deinen Wunsch erfülle, die Ursache dazu einfach die ist, daß ich dich liebe. Wenn es also zu deinem Glücke durchaus notwendig ist, daß ich in vierzehn Tagen dein Weib werde, dann – nun dann muß es eben geschehen.«

Denzils entzückte Antwort war eine lange und begeisterte und an den geeigneten Stellen durch Küsse und Liebkosungen unterbrochene Aufzählung aller wirklichen und eingebildeten Tugenden Vivianes, die sie lachend über sich ergehen ließ.

Dann schloß sie ihm endlich mit ihrem Munde die beredten Lippen.

»Du mußt nun ganz mäuschenstille bleiben, ich werde für dich reden.«

»Fang nur beim Anfange an und erzähle mir ganz genau, was sich in jener Unglücksnacht zwischen dir und dem Baron begab. Er deutete mir an, daß es einen ganz außerordentlichen Spaß gegeben habe, trotz aller Tragik der Situation.«

»Wie abscheulich von ihm! Nun, ich kann gar nicht leugnen, daß ich mich entschieden lächerlich machte; wenn er sich dafür also rächt, indem er mich zwingt, dir die ganze Geschichte meiner Blamage zu erzählen, so kann ich es ihm nicht einmal übel nehmen.«

Dann erzählte sie ihm alle Vorgänge der Sonntagnacht vom Anfange an.

»Und so fängst du nun selbst an zu glauben, daß Smith der Verräter war?« fragte endlich Denzil. »Ich muß gestehen, es sieht wirklich so aus.«

»Ich kann zu keiner Entscheidung kommen,« versetzte Viviane, »alle Umstände weisen auf die Wahrscheinlichkeit seiner Schuld hin, und alles, was ich selbst von dem Manne weiß, sein ganzes bisheriges Leben, sein Charakter, wie ich ihn kennen lernte, sprechen laut für seine Unschuld. Ich muß gestehen, daß mir die jetzige Erklärung der Situation durchaus nicht genügt, und ich bin vollkommen überzeugt, daß eine ganz andere dafür gefunden werden wird, wenn sich alles endlich enthüllt. Ich wünschte nur sehr, daß wir endlich in bezug auf Smith ins reine kämen; ich kann dir nicht sagen, wie die Ungewißheit über ihn mich quält; ich meine das, ganz abgesehen von Iwans Gefahr. Aber ich habe Smith nie wie einen gewöhnlichen Diener betrachtet, und wenn ich die Überzeugung seiner Untreue gewänne, könnte ich in meinem ganzen Leben niemandem aus seiner Klasse mehr das geringste Vertrauen schenken.«

»Ich finde es vollkommen natürlich, daß du gerade in diesem Falle voreingenommen bist. Und ebenso natürlich ist es, daß die gespannte Erwartung der Lösung endlich fast unerträglich wird; das Bedauerliche ist nur, daß es noch gar nicht so sicher ist, ob wir der Sache jemals wirklich und ganz auf den Grund kommen werden. Man kennt sich eben absolut nicht aus. Unter anderem: wieviel, meinst du, daß Graham von der Geschichte weiß oder erraten hat?«

»Davon habe ich keine Idee; ich bin nur ganz sicher, daß er etwas ahnt. Übrigens bildete ich mir ein – ich kann nicht einmal sagen, warum –, daß er eine ganz besondere Ursache hatte, heute auszureiten. Auf jeden Fall wird Lord Herbert, wenn er für seinen Ritt einen geheimen Grund hatte, ihn uns ebenso verschweigen, wie wir ihm unsere Angelegenheit bisher verschwiegen.«

»Er ist ein so durch und durch braver Kerl,« sagte Denzil nachdenklich. »Glaubst du nicht, daß er es uns leicht falsch auslegen könnte, wenn er die Beobachtung macht, daß sich unser ganzes Dasein jetzt um ein Geheimnis dreht, in das wir ihn nicht einweihen wollen? Ich würde ihm gern wenigstens so viel von der Sache mitteilen, als wir Miß Allerton gesagt haben.«

»Das wünschte ich schon lange; ich wollte es nur ohne deine Zustimmung nicht wagen. Da ich dir das Geheimnis deiner Mission schon für Flora abbettelte und durch die Umstände gezwungen war, unsere deutschen Freunde zu Mitwissern zu machen, wollte ich nicht auf eigene Verantwortung noch eine weitere Person ins Vertrauen ziehen. Aber er ist wirklich jetzt der einzige in unserem kleinen Kreise, der nichts weiß, und du hast ganz recht, wenn du sagst, daß das kränkend für ihn sein muß.«

»Ganz, was ich meine. Außerdem bin ich besonders weich gegen ihn gestimmt, da ich das gewann, was er verloren hat, und er sich so selten großherzig dabei gegen mich zeigte.«

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Während Viviane und Denzil in dem stillen, behaglichen Zimmer miteinander plauderten und sich hunderterlei holde und ernste Dinge zu erzählen hatten, ritt Lord Herbert denselben Weg, den er mit Flora genommen, nach dem verlassenen Häuschen im Felde.

Er wollte die Hütte gründlich untersuchen. Er wußte, daß deren Tür durch einen einfachen Druck auf die Klinke geöffnet werden konnte, Viviane hatte ihm einmal ihre Ansicht ausgesprochen, daß das Häuschen auf diese Art vor irgend einem Mißbrauche sicherer sei, als wenn dessen Tür fest verschlossen wäre.

Lord Herbert band sein Pferd am Gartenstaker fest und schritt langsam den mit Gras und Moos überwucherten, ungepflegten Pfad entlang, der zur Haustür führte.

Die beiden niederen Stufen, die von dem Fußwege zur Haustür hinaufführten, hätten, da sie aus weißem Sandstein waren, ohne Zweifel Fußspuren aufweisen müssen, wenn sie vor kurzem mit nassen oder beschmutzten Füßen betreten worden wären, aber nichts dergleichen war zu finden.

Dagegen gewahrte Lord Herbert, daß sie stellenweise mit schmutzigen und grünlichen Streifen bedeckt erschienen, als ob jemand mit einer Handvoll nassen Grases darüber hingefahren wäre, und sogar dieser allernaivste aller Detektivs kam zu dem Schlusse, daß jemand bemüht gewesen war, ein mögliches Erkennen seiner Person nach der Form und Größe der hinterlassenen Fußstapfen zu verhindern.

Nach dieser, wie es ihm schien, äußerst bescheidenen Entdeckung, klinkte er die Tür auf und trat ein. Der Bretterboden des Raumes zeigte ganz die gleichen Streifen wie die Türstufen draußen, und er verfolgte sie bis zu dem Winkel, in dem sich die eiserne Bettstatt befand.

Das Häuschen enthielt im ganzen vier Räume, aber in den drei anderen war, wie Lord Herbert sich überzeugte, der Fußboden ganz unbeschmutzt und jedes der drei Zimmerchen vollkommen leer. Auch das erste Zimmer enthielt nichts außer dem Bett, aber als sich Lord Herbert nach seinem Rundgange in den anderen Räumen diesem wieder näherte, gewahrte er auf dem dünnen Strohsack etwas, das seine Aufmerksamkeit erregte. Es war eine zarte, gelbe Primel, duftig und frisch gepflückt. Sie sah aus, als sei sie vor kaum einer halben Stunde auf den Platz gelegt worden.

Solche Primeln begannen seit einigen Tagen überall üppig zu sprießen; der Park und die Gärten von Branscombe-Abtei waren damit übersät, aber auch außerhalb der Besitzung zeigten sie sich überall. Die Blumen auf dem Bette konnte also an hundert Orten gepflückt worden sein.

Er hatte sich von der Wahrscheinlichkeit überzeugt, daß Flora sich nicht geirrt hatte, als sie vor ein paar Tagen jemanden im Innern des Hauses gesehen zu haben behauptete, wenn auch das, was sie sah, gerade kein Gespenst gewesen war; er begann die ganze Sache für sehr unbedeutend zu halten. Das, worauf die kleine Blume hinwies, war viel eher junge Frühlingsliebe.

Nein, an der Primel war wirklich nichts, was für seine Angelegenheit von irgend einer Bedeutung sein konnte, entschied Lord Herbert, während er die Hütte nach einem letzten Rundblicke verließ. Als er an sein Pferd herantrat, das bei seinem Kommen den schönen Kopf hob und ihn freundlich begrüßte, gewahrte er, daß er das Blümchen gedankenlos mitgenommen habe. Er ließ es zu Boden fallen, als er sich in den Sattel schwang, und im nächsten Augenblicke hatte »Grey Friars« feiner Huf es in die Erde gestampft und zertreten.

Als er auf seinem Heimritte an den Ruinen der alten Abtei vorbeikam, fiel ihm plötzlich ein; daß er vielleicht etwas getan habe, was möglicherweise üble Folgen nach sich ziehen könne. Fast wollte er zurückreiten und die Blume, die er entwendet, durch eine andere ersetzen, dann aber hieß er sich selber einen sentimentalen Narren und beschuldigte die weiche, duftende Frühlingsluft, in ihm so romantische Gefühle wachgerufen zu haben.

Als er endlich, heimkehrend, die grauen, efeuumsponnenen Mauern von Branscombe-Abtei, deren blanke Fenster im Glanze der Abendsonne ihm entgegenblitzten, erblickte, fuhr er aus seinen Gedanken auf, und die Zügel, die er lässig in den Händen gehalten, fester fassend, bedachte er sich, daß es eben jetzt nicht gut für ihn war, einsame Spazierritte zu unternehmen.

Er brauchte Menschen um sich herum, Menschen, die von ihren eigenen Angelegenheiten erfüllt waren, und ihn so verhinderten, über den seinen zu grübeln. Er nahm sich vor, noch so lange in Branscombe-Abtei zu bleiben, als seine Gegenwart daselbst nützlich sein konnte, dann wollte er nach London zurückkehren und dort die Saison wie gewöhnlich mitmachen.

Wenn alles vorüber war, wollte er Viviane wiedersehen, und bis dahin würde sie eine verheiratete Frau sein und er würde sich an den Gedanken, daß sie und Heathcote Mann und Weib waren, gewöhnt haben. Er wußte es so bestimmt, als ob es ihm gesagt worden wäre, daß die beiden heiraten würden, sobald die jetzigen verwickelten Zustände sich geordnet hätten; wenn er dann bis zum Herbste wartete, bis er ihnen wieder begegnete, würde er den Anblick vielleicht ertragen können. Vielleicht war es wahr, daß die Zeit allen Schmerz lindert, er brauchte nur ein paar Monate älter zu werden, um es an sich selbst zu erproben.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Nachdem er zurückgekehrt war, begab er sich geradeaus in Denzils Zimmer, wo er die Baronin fand, die noch immer emsig strickte, und Viviane, die nicht mehr müde und abgespannt, sondern strahlend schön aussah, und schließlich Denzil selbst, der frisch und heiter war und den der lange Besuch offenbar ein gutes Stück näher der Genesung gebracht hatte.

»Wir haben uns bemüht, Sie nach besten Kräften bei Mr. Heathcote zu ersetzen,« sagte Viviane, als er sie begrüßte, und errötete dabei über und über, was ihr reizend stand.

»Es ist ein wundervoller Tag heute; hat noch jemand außer mir ihn zu einem Ausgange benützt?« fragte Lord Herbert.

»Sie vergessen, daß heute Versammlung ist,« versetzte Viviane. »Die Wärterin, Schwester Emilie, ist früh zur Kirche gewesen, und alle Diener und Dienerinnen haben einen halben Feiertag.

Lord Herbert seufzte. Unter so vielen konnte er natürlich zu keinem richtigen Schlusse kommen. Am Ende lag nichts daran, doch war es nicht gerade sehr ehrenvoll, so ganz im Anfange seiner Detektivkarriere unüberwindlicher Hindernisse wegen sie wieder aufgeben zu sollen.

Er setzte sich und fing von diesem und jenem zu reden an, was ihm gerade in den Sinn kam, mit dem ihm eigentümlichen trockenen Humor, und binnen kurzem kamen seine drei Zuhörer aus dem Lachen nicht heraus, während auch nicht das leiseste Lächeln den ruhigen Gleichmut seiner schönen Züge störte.

Endlich erhoben sich die beiden Damen, um den langen Krankenbesuch zu beenden.

Nachdem Lord Herbert hinter ihnen die Tür geschlossen hatte, kehrte er an seinen Platz Denzil gegenüber zurück, und eine kleine Weile saßen die beiden Männer fast schweigend da und tauschten nur dann und wann eine gleichgültige Bemerkung, bis Denzil sich aus seiner ruhenden Stellung etwas aufrichtete und die magere Hand auf das Knie des Freundes legte:

»Kannst du mich anhören?« fragte er.

Lord Herbert sah ihn einen Moment an und blickte ihm in die Augen. Dann nickte er. »Leg' los,« erwiderte er kurz und setzte sich zurecht, um Denzils Geschichte zu vernehmen, und dieser begann mit leiser Stimme in knappen, ausdrucksvollen Worten seinen Bericht.

Als er zu Ende war, rückte Lord Herbert seinen Sessel ganz nahe an ihn heran.

»Ich habe so ziemlich das meiste davon erraten,« meinte er. »Zum Kuckuck, du hast Courage, das muß man sagen! Hast du denn überhaupt noch Nerven übrig? Na, ein Glück ist nur, daß die Geschichte nun doch ihrem Ende entgegengeht. Kein Wunder, daß du davon ganz weg bist, alter Junge! Dein unfreiwilliges kaltes Bad mag ja dazu beigetragen haben, aber daß die Influenza dich so packte, wie sie dich gehabt hat, daran sind gewiß alle diese Sachen mit schuld. Aber das, was du mir über den alten Smith sagst, ist alles Blödsinn. Der Baron hat sich da lauter Unsinn in den Kopf gesetzt; es ist reine Unmöglichkeit, daß Smith die Hand im Spiele haben kann, ich kenne ihn; es gibt keinen anständigeren alten Burschen.«

»Miß Branscombe ist gleichfalls deiner Meinung,« versetzte Heathcote.

»Es wäre auch sonderbar, wenn sie es nicht wäre. Er ist ein altes Hausmöbel, einer von der Gattung von Dienern, die überhaupt aussterben. Er ist Miß Branscombe seit ihrer frühesten Kindheit auf Tod und Leben ergeben; und was seine Bestechlichkeit anlangt, so ist daran einfach gar nicht zu denken. Er ist ein alter Junggeselle mit einem ganz hübschen Vermögen in der Sparkasse. Ich weiß, daß er Trinkgelder zurückgewiesen hat, um der anderen Dienerschaft mit gutem Beispiele voranzugehen, da Miß Branscombe es nicht liebt, wenn ihre Leute Trinkgelder nehmen.

»Ich weiß nicht, was ich denken soll,« rief Denzil stöhnend.

»Wenn du darüber in Zweifel bist, so rate ich dir, überhaupt nicht zu denken,« belehrte ihn Lord Herbert. »Nimm etwas Beef-tea und dann trachte zu schlafen.«



Sechzehntes Kapitel

Der Abend des Samstages war endlich herangekommen und unter den Bewohnern von Branscombe-Abtei war die Spannung auf ihren Höhepunkt gestiegen.

Noch ein paar Stunden glücklich überstanden, und die schreckliche Furcht der vergangenen Tage würde auf immer von ihnen genommen sein. Die Frist schien so kurz, daß es ihnen fast war, als ob nun überhaupt nichts mehr geschehen könnte.

Die Tage waren so gleichmäßig und friedlich vergangen, daß Flora sich sogar hatte überreden lassen, daß es für Iwan einerlei sei, wo er sich aufhalte. Die Hauptsache war, daß er gut bewacht blieb und nie allein gelassen wurde.

So befand sie sich also nach dem Diner mit ihrem Bräutigam im Salon und Lord Herbert leistete ihnen Gesellschaft, während der Baron im Rauchzimmer mit seiner geliebten und unentbehrlichen Pfeife saß und die Baronin mit Viviane bei Denzil in dessen Zimmer weilten.

Die Krankenwärterin war bei Smith; der alte Mann war den ganzen Tag unruhig und von leichtem Fieber befallen gewesen und seine Heilung schritt durchaus nicht so rasch vorwärts, als Dr. Perry gehofft hatte. Der Arzt hatte sich dahin ausgesprochen, daß es auf ihn den Eindruck mache, als ob irgend etwas den Patienten bedrücke und mehr an seiner Erkrankung schuld trage als das gebrochene Bein selber. Diese Bemerkung hatte den Baron Hochburg veranlaßt, Viviane, die gleichfalls zugegen war, triumphierend anzusehen.

Sie hatte sich rasch abgewendet, aber sie mußte zugeben, daß die Sache für den armen Smith wirklich schlecht stehe; auch hatte sie es die ganze Zeit her nicht über sich gebracht, den alten Mann zu besuchen, und es fiel ihr auch nicht ein, daß ihre Vernachlässigung den guten Smith tief unglücklich machen mußte.

Wenn sie das hätte voraussetzen können, so hätte sie ihn bestimmt für unschuldig halten müssen. Sie schwankte hin und her, glaubte bald ihrer inneren Stimme, bald den Worten Baron Hochburgs, und empfand eine wahre Scheu vor ihrem alten Diener, der sie in ein so qualvolles Dilemma versetzt hatte.

Smith aber war tatsächlich aufs tiefste gekränkt durch die Gleichgültigkeit seiner jungen Herrin, und außerdem noch von einer fürchterlichen Eifersucht auf den klugen Franzosen geplagt, der seinen Platz in einer so vollendeten Weise ausfüllte, daß es ganz gleichgültig schien, ob er, Smith, der sich bisher für ganz unentbehrlich in Branscombe-Abtei gehalten hatte, jemals wieder auf die Beine kam oder nicht.

Wenn seine Herrin nicht von selber zu ihm kommen wollte und ihn nach seinem Ergehen befragte, dann sollte sie auch nicht durch die Nachricht dazu bewogen werden, daß er ihre Vernachlässigung schmerzlich empfinde. Er würgte deshalb den Kummer und das Leid in sich hinein, und die Folge davon war, daß er sich beinahe ernstlich krank damit machte.

Lord Herbert hatte sich eifrig in die Londoner Zeitungen und allerhand illustrierte Zeitschriften, die ihn gar nicht interessierten, vertieft. Flora und Iwan waren daher am entgegengesetzten Ende so gut wie allein.

Iwan gab vor, gekränkt zu sein, weil Flora ihm nicht während seiner Krankheit Veilchen gebracht hatte. Er schloß daraus mit Seufzen und Kopfschütteln, daß Viviane Denzil viel mehr lieben müßte, als Flora ihn, und sie ging in ihrer heiteren kindlichen Art auf sein Spiel ein.

Sie rief Lord Herbert zu, ihren Platz an Iwans Seite einzunehmen, und lief aus dem Zimmer.

Iwan vermutete, daß wahrscheinlich auf der Dinertafel, an der er nicht teilgenommen, da er als Rekonvaleszent seine Mahlzeiten noch zu anderen Stunden einnahm, Veilchen als Tafelschmuck verwendet worden seien, und daß sie nun ein Sträußchen davon hole. Aber die Tafel war mit weißen Narzissen geschmückt gewesen, und was Flora in Sinne hatte, war nichts anderes als ein nächtlicher Überfall auf Vivianes schönstes Veilchenbeet im Garten.

Lord Herbert dachte weiter gar nicht über ihr Davonlaufen nach. Er sank in den Sessel, den sie soeben verlassen hatte, und bemühte sich Iwan zu unterhalten.

Im Hause aber gingen unterdessen in größter Stille und Heimlichkeit und ohne daß irgend jemand nur etwas ahnte, die sonderbarsten Dinge vor.

Wenn Baron Hochburg zum Beispiel den Wunsch empfunden hätte, das Rauchzimmer, in dem er so still und behaglich saß, zu verlassen, wäre ihm das nicht möglich gewesen, weil der Schlüssel zur Tür, die in das Rauchzimmer führte, im Laufe des Abends von außen angesteckt worden, während er sonst immer innen steckte, und nun im Schlosse umgedreht war, so daß die Tür von außen versperrt erschien.

Und ganz ebenso wie dem ahnungslosen Baron wäre es den dreien ergangen, die sich in Denzils Zimmer befanden, auch sie hätten den Raum nicht verlassen können, denn auch sie waren – eingesperrt.

Auf diese Art waren also die beiden Hochburgs, Viviane und Denzil sicher hinter Schloß und Riegel.

Flora allerdings fehlte, aber sie war – im schlimmsten Falle – nur ein zartes, schwaches Persönchen, mit dem man leicht fertig werden konnte.

Es blieb also einstweilen nur noch Lord Herbert übrig.

Er war mitten in der ausführlichen Beschreibung eines interessanten und gefährlichen Jagdabenteuers, das er vor einigen Jahren in Indien erlebt hatte, da trat plötzlich der neue Haushofmeister ein, wartete in ehrerbietiger Stellung, aber doch mit sichtlicher Ungeduld, bis Lord Herbert einen Satz vollendet, trat dann heran, indem er Lord Herbert eine Botschaft Miß Branscombes überbrachte, die dahin lautete, daß sie ihn ersuche, sich so rasch als nur irgend möglich zu Smith zu begeben.

Smith ginge es plötzlich sehr schlecht. Der Mann selbst sah ganz erschreckt aus.

»Aber ich sehe nicht ein, womit ich dem armen Smith helfen kann?« murmelte Lord Herbert. Dann fuhr er, zu Laurens gewendet, laut fort:

»Miß Branscombe weiß wahrscheinlich nicht, daß ich mich allein mit dem Grafen Schirikow befinde. Es wäre besser, Sie sagten es ihr, damit irgend jemand meine Stelle hier vertritt.

»Miß Branscombe bedachte dies. Sie wünschte, daß ich während der Abwesenheit Mylords Stelle einnehme. Sie bittet Mylord, nur so rasch als irgend möglich hinaufzukommen, da Mylord und der Herr Baron Hochburg oben notwendig sind, um die schriftliche Aufnahme einer Aussage – eines Geständnisses – ich habe nicht recht verstanden –, das der arme Smith machen will, als Zeugen zu bestätigen. Ich werde unterdessen bei dem Herrn Grafen bleiben.«

Des Haushofmeisters Worte genügten Lord Herbert. Viviane hatte um ihn geschickt, und wenn Smith, der sie alle mit seiner Maske der Biederkeit und Ehrlichkeit so abscheulich getäuscht hatte, wirklich daran war, ein Geständnis seiner Übeltaten abzulegen, so bedeutete, das wohl, daß die Gefahr nun vorüber sei.

Er sah also keinen Grund, um noch länger zu zögern, verließ das Zimmer und begegnete Marie, die eben heruntergelaufen kam und vor ihm stehen blieb, indem sie ihn in Vivianes Auftrag bat, sich einstweilen in ein leeres, von dem Zimmer Smiths nur wenig entferntes Zimmer zu begeben und dort einen Augenblick zu warten. Sie würde selbst mit Vivianes Botschaft wiederkommen. Des armen Smith Zustand hatte sich vor wenigen Minuten so plötzlich verschlimmert, daß er augenblicklich unfähig war zu sprechen. Hoffentlich würde es nicht lange dauern, bis der arme Mann sich wieder so weit erholt hatte, um reden zu können. Deshalb meinte Miß Branscombe, daß es besser sei, wenn Lord Herbert hier ihre Botschaft erwarte, wo er gleich zur Hand sei.

Marie bestellte diese ganze Botschaft sehr wortreich in französischer Sprache, und während sie sie mit großer Lebhaftigkeit und ihrem gewohnten ausdrucksvollen Gebärdenspiele vorbrachte, dachte Lord Herbert bei sich, daß Viviane wohl nicht den zehnten Teil der Worte gebraucht haben mochte, als sie sie ihr aufgetragen hatte.

Während sie redete, öffnete Marie die Tür des erwähnten Zimmers und ließ Lord Herbert eintreten, indem sie zu gleicher Zeit das elektrische Licht aufdrehte. Dann knixte sie, wie sie es immer tat, und schickte sich an das Zimmer zu verlassen; aber als sie über die Schwelle trat, überkam sie ein so heftiges und andauerndes Niesen, daß Lord Herbert sie noch fortniesen hörte, schon nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Was er aber über dem Geräusch, das sie dabei machte, nicht vernahm, war das leise Knacken des Schlüssels, den sie im Schlosse umdrehte.

Nachdem ihr ihr kecker Anschlag, den sie mit so viel Unverfrorenheit durchgeführt, glänzend gelungen, lief sie, so rasch ihre kleinen Füße sie trugen, wieder hinunter und in den Salon, wo sie ihren Onkel antraf, der respektvoll in einiger Entfernung hinter Iwans Stuhl stand und sich mit dem Ordnen von allerlei illustrierten Zeitschriften beschäftigte.

Sie blieb stehen, und ein Kopfnicken, ein rascher Blick des Einverständnisses wurde zwischen ihnen getauscht. Sie war so leise eingetreten, daß Iwan, der in ein Buch vertieft war, ihr Kommen gar nicht bemerkt hatte.

Vorsichtig nahm sie aus ihrer Tasche ein kleines Fläschchen. Sie entkorkte es, und während sie unhörbar hinter Iwans Rücken an ihn heranschlich, entleerte sie seinen Inhalt in ein bereitgehaltenes Taschentuch. Ehe Iwan dessen recht gewahr werden konnte, hatte sie das durchtränkte Tuch von rückwärts über sein Gesicht geworfen und preßte es ihm nun fest auf Mund und Nase.

Er stieß einen unterdrückten Schrei aus und versuchte es mit aller Gewalt, sich ihrer zu erwehren; aber nach kaum minutenlangem Widerstande gaben seine Glieder nach, sein Kopf fiel zurück und das Taschentuch wanderte wieder in Mariens Sack zurück.

Dann schob Laurens einen Knebel in Iwans Mund, zog aus seinen Rocktaschen eine lange Schnur heraus und machte sich daran, die Arme und Beine des bewußtlosen jungen Mannes fest zusammenzuschnüren.

Hierauf breitete das würdige Paar einen Sofaüberwurf, der über eine Ottomane gelegt war, aus, Laurens hob Iwan darauf, und nachdem Marie die auf die Terrasse führende Flügeltür vorher geöffnet hatte, trugen sie des jungen Mannes leblosen Körper aus dem Hause und durch den von hellem Mondlichte übergossenen Garten.

Niemand hinderte sie bei ihrer schändlichen Tat. Die ganze Dienerschaft befand sich im Speisezimmer der Dienstleute im rückwärtigen Teile des Erdgeschosses beim Nachtessen.

Es gab in diesem Augenblicke in Branscombe-Abtei überhaupt nur zwei Personen, die frei waren, und diese konnten ihre Freiheit nicht benützen; es waren Smith, der hilflos im Bette lag, und Schwester Emilie, die eben vor der Nachtwache ihrer wohlverdienten Ruhe pflegte.

Die frische, kühle Nachtluft, nach einem kurzen, vorübergehenden Regenschauer voll kräftigen Erdgeruches, die Iwan umwehte, als er betäubt in dem Teppich getragen wurde, brachte ihn bald zur Besinnung zurück, doch konnte er sich nicht augenblicklich darüber klar werden, was eigentlich vorgefallen war. Nachdem er wieder zu sich gekommen, hatte er nur die Empfindung, daß das lange erwartete Unheil nun endlich eingetroffen sei, und sein erster Impuls war, zu rufen, zu schreien, damit die ihn immer so sorglich Behütenden ihn hören konnten. Er versuchte es, aber zu seinem Entsetzen endeckte er, daß er geknebelt und gefesselt sei.

In der Stellung, in der er sich in der improvisierten Hängematte befand, war es ihm nicht möglich, den Kopf höher als einen Zoll hoch zu erheben, und so konnte er nicht einmal Umschau halten, um zu sehen, wohin er gebracht wurde. Er sah ein, daß ihm nichts übrig blieb, als sich – einstweilen – der Übermacht zu beugen.

Der Tod war ihm furchtbar nahe, er fühlte seine dunklen Schwingen über sich rauschen, aber das, was ihm das Herz in Entsetzen zusammenkrampfte, war, daß er nicht im entferntesten ahnte, wie er sterben sollte.

Wenn das Leben, das er verlassen sollte, ein freudloses, eintöniges, gewöhnliches Dasein gewesen wäre, ohne Reiz, ohne Liebe, ohne alles das, was das Leben erst lebenswert macht, dann hätte er es von sich geworfen, ohne jedes besondere Bedauern, aber es war schrecklich hart, von allem dem scheiden zu müssen, was jetzt seine Tage mit solchem Glücke erfüllte.

Und Heathcote, der Freund, den er liebte, wie David Jonatha geliebt hatte – sollte er Kummer und Leid – vielleicht noch Ärgeres – auch über ihn bringen durch seinen Tod.

Bald aber hörte er auf, an sich selbst zu denken und sein eigenes Schicksal zu beklagen, denn er dachte an Flora und wie furchtbar schwer sie betroffen wurde. Ihn erwartete nur der Tod – sie aber erwartete ein langes Leben des Alleinseins.

Während all diese Gedanken ihn beschäftigten, wurde er immer weiter getragen, und es mußte schon eine geraume Zeit seit dem Überfalle verstrichen sein.

Endlich hörte die schaukelnde Weiterbewegung auf und er spürte, wie er auf den Boden niedergelassen wurde. Die Zipfel des Teppichs fielen herab und ein rascher Blick sagte ihm, daß er auf der Erde vor einem kleinen Häuschen lag, dessen Tür eine der Personen, die ihn getragen, eben im Begriffe war, weit zu öffnen.

Er wurde wieder aufgehoben, die Falten des Teppichs schlossen sich wieder fest zusammen, und als er neuerdings niedergelegt wurde, spürte er unter sich ein hartes, unbequemes Lager; es war die eiserne Bettstatt, deren Gestell nur von einem ganz dünnen, fast kein Stroh enthaltenden Strohsacke bedeckt war.

Die zwei, die ihn hereingebracht hatten, waren, von ihm abgewendet, mit irgend welchen Vorbereitungen beschäftigt.

Der Mann nahm aus seinen schier unerschöpflichen Rocktaschen eine Anzahl kleiner Kerzenstümpfchen, die er anzündete, wodurch er sich selbst in grelle Beleuchtung brachte.

Mit Entsetzen erkannte ihn Iwan nun wirklich als den Mann, der als Haushofmeister in Miß Branscombes Diensten stand. Auch Marie, die gleichfalls von dem Kerzenlichte scharf beleuchtet war, kannte er sogleich und wie ein Blitz kam ihm plötzlich die Erinnerung an jene Szene mit ihr im Billardzimmer, als sie ihm die kleine Pille gegeben hatte. Und gleichzeitig erinnerte er sich an den wenige Minuten später erfolgten Tod des kleinen Hundes, und die Überzeugung überkam ihn, daß ein Zusammenhang zwischen den beiden Vorkommnissen bestanden habe.

Und nun, da der Tod, der ihm nun einmal bestimmt war, ihn ereilen sollte, sagte er sich bitter, daß das Opfer des kleinen Tierchens ein wertloses gewesen sei.

Jetzt aber erwartete ihn eine neue Enthüllung. Er sollte endlich sehen, was für eine Todesart ihm bestimmt war.

Laurens hatte ein langes Messer hervorgezogen und legte es nun zu den Kerzenenden auf das Kaminsims. Es sah fast so aus wie ein langes Fleischermesser und war in der Tat dieselbe Waffe, die schon einmal, wenn auch von anderer Hand, auf ihn gezückt worden war: es unterlag also keinem Zweifel, daß er durchs Messer sterben sollte.

Warum aber, fragte er sich verwundert, taten sie es nicht? Er konnte es sich nicht erklären und ein sonderbares Gefühl der Spannung, fast der Neugier ergriff ihn, fast als ob er bei der Sache nur müßiger Zuschauer sei.

Die beiden begannen jedoch, ohne seine Gegenwart im mindesten zu beachten, miteinander zu reden, und da er als Russe der französischen Sprache so vollkommen mächtig war, als ob sie seine Muttersprache wäre, so verstand er natürlich jedes Wort.

»Es ist merkwürdig, daß sie nicht da sind,« bemerkte Laurens, und Iwan bewunderte die Tadellosigkeit seines Akzents, die auf einen Menschen der besser situierten Stände hinwies.

»Die verabredete Stunde ist nun längst vorüber. Ist es ganz sicher, daß du ihnen das Zeichen, das wir besprochen, zukommen ließest?«

»Ganz sicher,« behauptete Marie. »Ich hatte gestern meinen Halbfeiertag wie alle Bediensteten. Diese Gelegenheit benützte ich, um hieher zu eilen und die gelbe Blume hier auf das Bett zu legen. Und sie sind bestimmt hier gewesen, um das Zeichen zu holen, denn als wir ihn hereinbrachten, lag auf dem Bette nichts mehr. Die Verzögerung jetzt, im allerwichtigsten Augenblicke, ist aber in der Tat sehr peinlich. Was sollen wir machen?«

»Einstweilen gar nichts. Wir müssen warten. Siehst du das nicht ein. mein Schatz?«

Marie schüttelte den Kopf.

»Was mich anlangt – nein; Da liegt das Messer in Bereitschaft, warum also so lange warten, anstatt ihm gleich den Hals abzuschneiden und sich so wenigstens seines Todes und unseres Lohnes versichern? Verstehst du denn nicht, daß dann der ganze Lohn uns beiden allein gehören würde? Die anderen hätten durch ihre Saumseligkeit ihren Anteil daran verscherzt. Aber du – pah! Ihr Männer habt keinen richtigen Unternehmungsgeist.«

»Ihr Weiber könnt nicht überlegen, nicht berechnen. Gesetzt den Fall, wir schneiden ihm die Gurgel ab . . .«

»Nicht wir. Diese heikle Aufgabe hast du übernommen.«

»Das ist einerlei. Jedenfalls bist du diejenige, der es so sehr damit pressiert. Aber, um mit meiner Erklärung fortzufahren: Ich nehme also an, der Hals wird ihm durchgeschnitten, was geschieht darauf? Hier kann er nicht bleiben, aber es ist niemand da, um ihn zu begraben. Die anderen sind mit Werkzeugen versehen, um die Leiche zu verstecken. Ohne sie aber können wir das nicht vollbringen, und gefunden darf er natürlich nicht werden.«

»Wenn du so klug und vorsichtig bist, so begreife ich nicht, wie du alles dies in seiner Gegenwart bereden kannst.«

»Was er hört, ist wirklich ganz gleichgültig,« versetzte Laurens mit geringschätziger Miene. »Daß er nichts davon wiedererzählen wird, darüber bin ich mir einig. Aber ich bin auch entschlossen, mit Überlegung zu handeln und die andern nicht um ihren Anteil zu bringen. Ich verlange mir's nicht, sie mir zu Feinden zu machen. Man kann sich, abgesehen von der uns versprochenen Summe, die wir jedenfalls ungeschmälert ausbezahlt bekommen werden, auf die Großmut des Prinzen durchaus nicht verlassen. Er ist deiner, mein Schatz, schon satt, und ich glaube, er wird in Zukunft nicht gern durch deine Gegenwart an das erinnert sein wollen, wobei dein zartes Händchen heute mitwirkt. Wir müssen das im Auge behalten, uns vor allem keine überflüssigen Feinde machen; wenn daher mein niedliches Kätzchen so grausam ist, so will ich ihm das Messer leihen, solange es keinen ernstlichen Schaden damit anzurichten verspricht.«

»Ich habe es immer gewußt, daß du gemein und roh bist,« versetzte Marie ruhig. »Ich will, was mich selber anlangt, weder den jungen Mann töten noch ihn verwunden. Aber du bist roh und taktlos. Ich helfe bei seiner Hinwegräumung überhaupt nur mit um des Geldes willen; wenn das nicht wäre, würde ich kein Haar seines Hauptes krümmen. Weiß Gott, er ist zu schön, um zu sterben! Und wenn ich das Geld kriegen und ihn trotzdem am Leben erhalten könnte so täte ich es mit Freuden. Ich möchte ihm – mit deiner Zustimmung, mein verehrter Onkel – einen Vorschlag machen, durch dessen Annahme er sein Leben retten kann.«

»Bist du ganz verrückt,« fragte Laurens zornig. »Verrückt bin ich bestimmt nicht, wie du wissen könntest.

Ich spreche nicht von Liebe, aber – die Heirat ist bekanntermaßen in meiner Heimat nichts anderes als ein Geschäft, und so wage ich es, zu erklären, daß ich bereit bin, ihn zu heiraten. Sobald ich seine Einwilligung habe, löse ich seine Fesseln und wir begeben uns geradeaus nach London, wo wir sogleich getraut werden, und reisen dann nach Frankreich. In Paris angekommen, stellt er dir zehntausend Franken zur Verfügung und macht gleichzeitig ein Testament, in dem er mir sein gesamtes Vermögen hinterläßt. Er ist ein Ehrenmann; wenn er uns jetzt hier verspricht, all dies zu tun, dann können wir darauf rechnen, daß es geschieht.

Laurens zuckte die Achseln und sah das freche und herzlose kleine Geschöpf mit einem Blicke voll Verachtung an, denn so schlimm einer sein mag, er findet immer noch einen, der noch schlechter ist.

»Mir ist es einerlei,« antwortete er achselzuckend. »Zehntausend Franken sind zehntausend Franken, ob sie nun von dem oder von jenem kommen. Dein Plan scheint mir also ausführbar und es fehlt nichts weiter dazu als die Einwilligung des Herrn da.«

»Dann nimm ihm also den Knebel aus dem Munde, damit er sprechen kann.«

»Nein, das wäre gefährlich. Er ist imstande und fängt an zu schreien und wir können nicht wissen, wie weit man ihn hören könnte.«

Er faßte das Messer und setzte es so leicht auf Iwans Hals, daß nicht einmal die Haut geritzt wurde.

»Höre mich, mein Söhnchen,« sagte er zu ihm. »Du darfst nicht mehr antworten als »ja« oder »nein«. Du hast doch den großmütigen Vorschlag dieser jungen Dame gehört. Wenn dem so ist, so bestätige es mir durch rasches Auf- und Zumachen deiner Augen.«

Iwan tat, wie ihm gesagt wurde.

»Du hast also vollständig begriffen. Die Frage, die du zu beantworten hast, ist nun ganz einfach die: Bist du bereit, ihren Vorschlag ohne jeden Rückhalt anzunehmen? Wir lassen dir fünf Minuten Frist zur Überlegung.

Laurens zog seine Uhr heraus und hielt sie so, daß Iwan sie sehen konnte. Seine Blicke hefteten sich daran und die Minuten schienen langsamer zu verstreichen als sonst Stunden.

Endlich war der kurze Zeitraum abgelaufen und Laurens steckte seine Uhr wieder in die Tasche.

»Nun also,« sagte er zu Iwan, »ja oder nein.« Und bedächtig zog er den Knebel aus dessen Mund.

Durch die andauernde gezwungene Stellung waren Iwans Gesichtsmuskeln ganz steif geworden, aber sein »Nein« klang trotz der Anstrengung kräftig.

»Donnerwetter, das ist erstaunlich,« rief Laurens, »und ganz besonders, da Sie, mein Herr, ja doch in völliger Unkenntnis über die Vergangenheit dieser reizenden jungen Dame sein müssen. Wir sind wirklich voller Mitleid und Nachsicht mit dir, mein Junge,« sagte er; »wir wollen dir noch einmal Zeit zur Überlegung lassen. Nun, zum letztenmal, willst du schwören, sie zu deiner Frau zu machen?«

»Nein,« wiederholte Iwan noch lauter und entschiedener als zuvor, und Marie, die mit Spannung seine Antwort erwartet hatte, wendete sich mit einer heftigen Bewegung ab.

Laurens schmunzelte und schob den Knebel wieder zwischen Iwans Kiefer.



Siebzehntes Kapitel

Ungefähr zehn Minuten lang wartete Lord Herbert Graham in dem Zimmer, in das Marie ihn geführt hatte, auf ihre Wiederkehr.

Endlich aber begann er sich zu fragen, was denn eigentlich vorging. Als noch weitere fünf Minuten verstrichen waren, wie er sich nach seiner Uhr versicherte, kam er zu dem Schlusse, daß Viviane, durch andere Vorkommnisse abgelenkt, ihn wahrscheinlich ganz vergessen habe, und er beschloß daher selber nachschauen.

Zu seinem unbeschreiblichen Erstaunen war die Tür fest geschlossen. Er zog und riß an der Klinke und mußte endlich zugeben, daß er eingesperrt sei. Mit dieser Überzeugung aber erwuchs ihm noch die zweite, daß er das ahnungslose Opfer eines Komplotts geworden sei, und daß aller Wahrscheinlichkeit nach Iwan eine neue Gefahr drohe.

Der Gedanke durchfuhr ihn, daß es gerade die beiden französischen Dienstleute gewesen waren, die ihn abberufen hatten, und wenn der Verdacht, der in ihm aufstieg, ein berechtigter war, dann mußte diese niedliche, unschuldig aussehende kleine Marie wohl erklären können, wie alle die verschiedenen Attentate auf das Leben des jungen Grafen zustande gekommen waren.

Die Idee entsetzte ihn geradezu. Es schien ihm fast, als ob er ein Kind des Verbrechens zeihen sollte.

Die Überzeugung aber, daß Iwan sich in einer neuen Gefahr befinde, drängte alle anderen Gedanken zurück und er begann mit lauter Stimme zu rufen. Niemand antwortete ihm, und draußen im Korridor blieb alles mäuschenstill; er begann daher einzusehen, daß er sich selbst befreien müsse. Er sah sich um, um etwas zu finden, womit er die Tür einbrechen könne, aber nicht einmal ein Feuerhaken war vorhanden, und er wußte sofort, daß Schaufel Haken und Zange absichtlich entfernt worden waren.

Was tun? Das Zimmer befand sich im dritten Stockwerke, an ein Entkommen durch das Fenster war ohne Leiter oder Strick nicht zu denken. Er suchte in seiner Tasche nach seinem Federmesser, um das Schloß loszuschrauben, obwohl er im voraus wußte, daß er keines bei sich habe, da er sich ja in Abendtoilette befand. Er überdachte die Lage seines Gefängnisses: das Zimmer ging in einen Korridor, an den sich der zu dem Dienerschaftstrakt anschloß; es mußten also fortwährend Leute hin- und hergehen, besonders wenn die Geschichte von Smiths plötzlicher Verschlimmerung auf Wahrheit beruhte. Trotzdem hatte er in der ganzen Zeit, in der er hier eingeschlossen war, nicht das allermindeste Geräusch vernommen. Rasch entschlossen, ergriff er einen leichten Sessel, schlug damit auf die Tür los und machte einen solchen Lärm, daß die Schläge in dem leeren Korridor dröhnen widerhallten und man ihn im ganzen Flügel hören mußte.

Smith, der Sterbendgesagte, erwachte und begann mit aller Kraft seiner Lungen zu schreien:

»Diebe, Räuber, Mörder, Feuer, zu Hilfe!«

Auch Viviane, die Baronin und Heathcote im blauen Zimmer vernahmen die Rufe und sprangen gleichzeitig auf.

»Bleibt hier,« sagte Viviane und eilte auf die Tür zu. »Ich will nachsehen, was geschehen ist.«

Sie verließ das Zimmer und trat in das zweite, das in das Vorzimmer mündete, aber wie sie die Türe öffnen wollte, fand sie sich gleichfalls eingeschlossen. Obwohl sie nicht den geringsten Anhaltspunkt hatte, wer sie eingesperrt, so wurde sie sich in diesem Augenblicke doch über eines klar: Smith war an allem unschuldig.

Im ersten Schreck wußte sie kaum, was sie beginnen sollte. Sie fürchtete sich, es Denzil mitzuteilen, der noch sehr matt und schwach war; dann bedachte sie sich, daß er es wohl früher oder später doch erfahren mußte, und entschloß sich doch dazu.

Sie kehrte wieder in sein Zimmer zurück, und ehe Denzil oder die Baronin sie fragen konnten, sagte sie mit vollkommen ruhiger Stimme, wenngleich rasch: »Wir sind eingesperrt worden.« Denzil fuhr aus seiner halben liegenden Stellung auf.

»Bleiben Sie ruhig und sagen Sie mir, was geschehen soll.«

Da Denzils Zimmer nie leer geblieben war, so fanden sich genug Gegenstände, die in den Händen der beiden Damen als Brecheisen, Hebel und Hammer benützt werden konnten. Sie bemühten sich aus Leibeskräften, aber die Tür war stark, das Schloß fest und solid gearbeitet und Viviane war versucht, die Tüchtigkeit der Handwerker, die bei der Einrichtung ihres Hauses verwendet worden waren, zu verwünschen.

Das Poltern und Schlagen Lord Herberts ertönte unterdessen ununterbrochen fort und drang endlich auch bis zu Baron Hochburgs Ohren, der in der behaglichen Stille des Rauchzimmers träumte.

Er fuhr auf, wie er den Lärm vernahm, und eilte zur Tür, aber nur, um sich gleich ihnen ebenfalls eingesperrt zu finden; durch seinen früheren Beruf findiger als sie, hatte er schon die ganzen Tage her, seitdem er in die Sache eingeweiht worden war, immer ein Etui mit verschiedenen kleinen, aus Stahl gefertigten Instrumenten mit sich getragen, und er zog es jetzt heraus, wählte eines der zierlichen, glänzenden Dinger und bearbeitete damit mit geschickten Fingern das Schloß, gerade zu derselben Zeit, als die Dienerschaft mit ihrem Abendessen fertig war und ihrerseits die Entdeckung machte, daß sie alle gefangen waren.

Da Lord Herbert unentwegt mit seinem Sessel auf die Tür losschlug, da Smith, der sich in seinem Verbande nicht rühren konnte, wie besessen zu brüllen fortfuhr und jetzt auch noch die Dienstleute im Erdgeschosse auf ihre Tür trommeln und dazu schrien und riefen, glich das sonst so stille, vornehme Haus wirklich mit einem Male einem Narrenturme.

Der Baron ging, nachdem er sich nach einer Arbeit von wenigen Minuten befreit hatte, zuallererst in den Salon, in dem er Iwan wußte.

Der Baron staunte nicht im mindesten, den Raum ganz leer und verlassen zu finden; ehe er sich wieder entfernte, bemühte er sich, irgend einen Anhaltspunkt zu finden. Der einzige, den er entdecken konnte, war der leichte Chloroformgeruch, der das Zimmer noch immer erfüllte.

Er ging zuerst in den ersten Stock hinauf, klopfte an die Tür von Heathcotes Zimmern und erriet sogleich, was das Geräusch des Hakens und Bohrens zu bedeuten habe.

»Was geschieht da drinnen?« rief er nichtsdestoweniger hinein.

»Wir versuchen das Schloß zu erbrechen,« antwortete Vivianes Stimme.

»Hören Sie auf, das Schloß zu bearbeiten,« erwiderte er. »Ich will sehen, was sich von meiner Seite tun läßt, um Sie zu befreien.«

Er versuchte mit Hilfe seiner Werkzeuge das Schloß zu öffnen, doch es gelang ihm nicht. »Es hilft nicht,« rief er endlich hinein. »Sie müssen fortfahren, bis Sie das Schloß heruntergerissen haben, denn Sie haben es durch Ihre unbarmherzige Behandlung schon so beschädigt, daß keines meiner feinen Werkzeuge mehr angreift. Ich will unterdessen die anderen Gefangenen herauslassen. Fürchten Sie nichts, es wird alles gut werden, und eilte davon, um Lord Herbert zu befreien.

»Hören Sie mit dem Gepolter auf,« schrie er hinein, um sich durch den Lärm, den Lord Herbert machte, verständlich zu machen. »Wenn Sie das Schloß nicht verdorben haben, kann ich Sie herauslassen.«

»Ich habe leider nichts, womit ich es hätte verderben können, sonst hätte ich es schon längst gesprengt,« antwortete Lord Herbert.

»Ah, das geht . . . so, sehen Sie, noch ein kleiner Druck, . . . nun, mein Freund, brauchen Sie nur mehr auf die Klinke zu drücken.«

Im nächsten Augenblicke ging die Tür auf und Lord Herbert war heraußen, und die beiden Herren eilten, so rasch sie konnten, den Korridor entlang nach dem Dienerschaftsflügel.

Endlich hatten sie Smiths Zimmer, das am äußersten Ende des Ganges lag, erreicht und betraten es ungestüm.

»Was ist denn los mit Ihnen, daß Sie brüllen wie ein Wahnsinniger?«

»Mit mir ist nichts los, Herr Baron,« stammelte Smith, »aber ich habe einen so furchtbaren Lärm vernommen, daß mir's angst und bange wurde, und da ich mich nicht rühren kann, versuchte ich mit Schreien das Haus zu alarmieren.«

»Das können Sie nun bleiben lassen. Aber wenn Sie irgend eine Mitteilung zu machen haben, so ist es jedenfalls besser für Sie, wenn Sie das ohne alle Umschweife tun.«

»Besser für mich, Herr Baron? Was für eine Mitteilung könnte ich machen, da ich seit Tagen regungslos hier liegen muß? Ich bemühte mich ja, soviel ich konnte, aus dem Bette heraus zu gelangen, aber es ging absolut nicht.«

»Kommen Sie fort,« drängte Lord Herbert. »Sie sehen ja, der Mann weiß von gar nichts. Ich war immer vollkommen davon überzeugt.«

Nachdem er mit ein paar Worten Smith einigermaßen beruhigt hatte, verließen die beiden Herren das Zimmer wieder.

»Zuallererst müssen wir nun hinunter in das Erdgeschoß und nachsehen, wer von der Dienerschaft fehlt, die in den blauen Zimmern werden auch ohne uns loskommen; sie haken und hämmern ja in einer Weise darauf los, daß kein Schloß auf die Dauer widerstehen kann.«

Sie gelangten hinunter in die große Halle, wo die Verbindungstür zwischen dieser und den Küchen- und Dienerschaftsräumlichkeiten heftig gerüttelt und gestoßen ward.

Es befanden sich nur die weiblichen Dienstleute und Mrs. Mackham hinter dieser Tür, da die gesamten männlichen Diener damit beschäftigt waren, die Türen, welche von der Rückseite des Hauses in Freie führten, zu öffnen.

Baron Hochburg arbeitete wieder ein paar Minuten lang mit seinen Werkzeugen am Schlosse, aber als die Tür aufging, ließ er niemanden hindurch, sondern stellte sich in die Spalte und begann ein kleines Verhör.

»Seid ihr alle da?« fragte er. »Ich frage Sie.« Er wandte sich an die Wirtschafterin.

»Einige von den Dienern sind auswärts,« erwiderte diese, an allen Gliedern bebend. »Wir wurden von allen Seiten eingesperrt, und die Männer sind eben daran, die rückwärtigen Türen zu sprengen.«

»Gut, aber ich meine, ob jemand gefehlt hat, als ihr eingeschlossen wurdet?«

Die Mädchen schwiegen und sahen sich an, dann begannen sie selbst einander zu fragen.

»Nun also!« rief der Baron endlich ungeduldig.

»Laurens, der neue Haushofmeister, fehlt,« entschloß sich Mrs. Mackham endlich zu sagen.

»Und Marie, die neue Jungfer Miß Branscombes, ist ja gleichfalls nicht da,« fügte Jane hinzu.

»Was ich Ihnen gleich gesagt habe,« meinte Lord Herbert.

»Hört mich an. Es ist etwas Schreckliches vorgefallen. Der Graf Schirikow wurde, während wir alle eingesperrt waren, entführt und wahrscheinlich ermordet. Teilt euch in zwei Partien; die Mädchen und die Burschen sollen jeden Winkel des Hauses durchsuchen, die Männer den Hof, die Wirtschaftsgebäude, Ställe und den Garten, und nun wollen wir nachsehen, wo Miß Allerton ist.«

»Wo war sie denn zuletzt?« fragte der Baron, der durch das unerwartete energische und kluge Auftreten des sonst so phlegmatischen Lords etwas verblüfft war.

»Sie war mit mir und Iwan im Salon,« berichtete Lord Herbert, als ein lautes Klingeln an der Vordertür sie veranlaßte, einen Augenblick stille zu stehen.

»Es ist nur Dr. Perry, der zu seiner Abendvisite kommt,« sprach Lord Herbert, als er die von unten herauftönende Stimme des Arztes erkannt hatte. »Lassen Sie uns vorauseilen, um zu sehen, ob Heathcotes Tür nun schon offen ist. Wenn das Schloß noch nicht nachgegeben hat, so werde ich den Doktor irgendwie hier zurückhalten. Um aber auf Ihre vorige Frage zurückzukommen: Miß Allerton saß mit Iwan im Salon am Kamin, ich befand mich gleichfalls dort, allerdings in rücksichtsvollster Entfernung – als sie plötzlich aufsprang und aus dem Zimmer lief. Da sie mir, ehe sie sich entfernte, noch zugerufen hatte, mich zu Iwan zu setzen, nahm ich gehorsam ihren Platz am Kamin ein, bis Laurens plötzlich eintrat und mir meldete, daß Miß Branscombe mich in aller Eile in Smiths Zimmer bitten lasse. Ich begab mich hinauf, da Laurens sagte, daß er – immer auf Miß Branscombes Wunsch – einstweilen bei Iwan bleiben würde. Nun möchte ich nur wissen, wieso Laurens erfahren konnte, daß man Smith überhaupt jemals verdächtigt hat?«

»Das ist eine Frage unter vielen anderen, die sich auch mir aufdrängt,« entgegnete der Baron nachsinnend. »Hier sind wir an der Tür. Wollte Gott, wir hätten bessere Nachrichten für unsere armen Gefangenen.«

Und während er sprach, tat sich die Tür endlich auf, und Viviane, atemlos und erhitzt von ihrer ungewohnten Arbeit, erschien auf der Schwelle.

»Was ist geschehen,« waren ihre ersten Worte. »Wo ist er?«

»Wir wissen es nicht,« erwiderte der Baron mit gedämpfter Stimme. »Er ist verschwunden.«

Viviane lehnte sich einen Augenblick an den Türpfosten und schloß erbleichend die Augen.

»Das ist Denzils Tod,« flüsterte sie, daß nur Lord Herbert die Worte verstehen konnte.

»Soll ich es ihm sagen,« fragte er leise, indem er sich über sie neigte. »Er muß es wohl erfahren.«

Sie nickte.

»Ich will zuerst hinein,« sprach sie. »Kommen Sie mir in ein paar Augenblicken nach und stehen Sie mir bei.«

Lord Herbert sagte ihr, was sie wissen mußte, und sie begab in das zweite Zimmer, in dem Denzil sie in furchtbarer Ungeduld erwartete.

Baron Hochburg legte seine Hand auf Lord Herberts Arm. »Ich habe mir die Sache überlegt und ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich recht habe: Miß Allerton ist mit im Komplott. Wie wäre es anders zu erklären, daß gerade sie jetzt im ganzen Hause nicht zu finden ist?«

»Sie kann gerade so wie ich in irgend ein Zimmer gelockt und dort eingeschlossen worden sein,« entgegnete Lord Herbert in abweisendem Tone. »Haben Sie vergessen, daß Miß Allerton mit Iwan verlobt war?«

Sowie er die letzten Worte ausgesprochen hatte, ward er sich bewußt, daß er von Iwan redete, als ob dieser wirklich schon tot sei, und dieser unwillkürlich gegebene Beweis seiner Überzeugung erfüllte ihn mit Entsetzen.

»So wie Sie die Sache betrachten, sind Sie ja vollkommen im Rechte, wenn Sie sie verteidigen; aber der richtige Detektive ist das nicht,« erwiderte der Baron in einem ruhig überlegenen Tone. Er entfernte sich und ging wieder die Stiege hinab.

Gleich darauf kamen einige der Diener und meldeten, daß man bis jetzt niemanden gefunden habe als die Wärterin, die in ihrem Zimmer schlief. Maries Zimmer befand sich, wie sie sagten, in seiner gewöhnlichen Ordnung. Die Ansicht der Leute ging, wie Lord Herbert ihren Worten entnahm, dahin, daß es ganz undenkbar sei, das Mädchen habe sich für immer davongemacht, ohne irgend etwas von ihren Habseligkeiten mit sich zu nehmen. Der gleiche Bericht wurde über Laurens' Zimmer gemacht. Auch dort befand sich alles an Ort und Stelle, somit mußte auch er mit leeren Händen fort sein.

Während die Diener ihre Meldung machten, war die Baronin herausgekommen. »Gehen Sie nur mit, Lord Herbert,« sagte sie, zu diesem gewendet, nachdem sie den Bericht mit angehört hatte. »Ich sehe es Ihnen an, Sie würden die Nachforschungen gern selbst leiten; ich werde Miß Branscombe alles sagen, was nötig ist.«

Mit bangendem Herzen war Viviane zu Denzil zurückgekehrt.

Sei so tapfer, wie du es bis jetzt immer warst, mein Geliebter,« sagte sie mit leiser Stimme. »Die ganze Sache ist so geschickt gemacht worden, daß niemand auch nur die geringste Ahnung hatte von dem, was vorging, und die arme kleine Flora ist gleichfalls nicht zu finden.«

»Aber – wer – –?« seine bebenden Lippen vermochten die Frage nicht zu vollenden.

»Die beiden französischen Dienstboten,« erwiderte sie.

»Ich habe meine geheime, meine heilige Mission, die Aufgabe meines Lebens, verraten!« rief er aus.

»Denzil, sprich nicht so, fasse dich, Liebster. Wenn deine Nerven nicht durch deine Krankheit geschwächt und angegriffen wären, würdest du den Vorfall nicht in einem so unnatürlichen Lichte ansehen.«

»Ich würde ihn nicht anders betrachten, als ich es jetzt tue,« entgegnete er mit tonloser Stimme. »Nimm deine Hände von den meinen, Viviane, ich bin nicht wert, daß du mich berührst. Ist Graham da? Vielleicht kommt er mit mir, ich muß Iwan selbst suchen gehen.«

»Denzil, bist du wahnsinnig!« schrie sie und klammerte sich in höchster Angst an ihn. »Du bist ja nicht einmal imstande, die Stiege hinunterzugehen!«

»Ich bin zu gar nichts imstande,« entgegnete er bitter.

»Er will durchaus hinunter,« sagte sie, indem sie Lord Herbert verzweifelt flehend ansah, der eben eingetreten war.

»Sei kein Esel, alter Junge,« sagte Lord Herbert mit schlichter Unumwundenheit des Ausdruckes. »Ich habe selber die Absicht, mich an der Suche zu beteiligen, und eben jetzt bin ich durch die bloße Tatsache, daß ich gesund bin und du krank, zehnmal so viel wert als du; aber ich kann nicht gehen, ehe ich von dir nicht das Versprechen habe, daß du dich wie ein vernünftiger Mensch betragen willst. Also tummle dich damit, mein Junge – je länger du in dich hineinreden läßt, um so länger hältst du mich hier zurück.«

»So – was heißt denn das alles,« sagte in diesem Augenblicke Doktor Perry, der soeben hergeschossen kam. »Sie haben doch meine ausdrücklichen Vorschriften, Mr. Heathcote, daß Sie das Zimmer nicht verlassen dürfen. Zum Kuckuck – der Patient ist doch auch verpflichtet, etwas Rücksicht auf seinen Arzt zu nehmen. Wenn Sie ausgehen, so wird das höchstwahrscheinlich Ihr Tod sein.«

»Ich habe nicht das geringste dagegen einzuwenden,« entgegnete Denzil grimmig. »Es liegt mir wahrhaftig nicht das mindeste an meinem elenden Leben.«

»Aber mein bester Junge, siehst du denn nun nicht selber ein, wie total verrückt du bist?« sagte Lord Herbert lachend.

»Ist die Sache deine Angelegenheit oder die meine,« antwortete Denzil, immer noch aufs höchste gereizt. »Mein Leben gehört mir, und wenn ich es aufs Spiel setze, wer kann mich daran hindern?«

»Eine ganze Menge Leute,« entgegnete Lord Herbert kaltblütig. »Miß Branscombe zum Beispiel.«

Er wendete sich rasch gegen Dr. Perry um und zog ihn zur Tür hinaus, die er hinter ihnen schloß, so daß Viviane mit Denzil allein zurückblieb.

Einen Augenblick standen Viviane und Denzil einander stumm gegenüber und sahen sich wortlos in die Augen. Dann wendete er sich langsam von ihr weg, sie aber, die stolze Viviane, sank langsam neben ihm auf die Knie, und seine herabhängende Hand in die ihren nehmend, beschwor sie ihn zum letztenmal, seinen tollen Vorsatz aufzugeben.

»Mir zuliebe,« flehte sie mit überströmenden Augen. »Weißt du denn nicht, daß wenn es sich um Tod und Leben handelt, mein Leben so gut wie das deine dabei in Frage kommt? Liegt dir daran nichts, gar nichts mehr?«

»Dein Leben und meines haben sowieso nichts mehr miteinander gemein,« entgegnete er, und wieder war in seiner Stimme der matte, trübe Ton der Verzweiflung.

»Wenn das wahr ist,« rief sie leidenschaftlich, »dann weiß ich, daß du mir vorwirfst, diese beiden Franzosen so leichtsinnig in mein Haus aufgenommen zu haben.«

»Viviane!« Er zog sie zu sich empor und schloß sie ungestüm in seine Arme. »Sag' das nicht! Du weißt ja doch, daß es nicht wahr ist.«

»Ja, ich werde es glauben,« behauptete sie, wie sie in seinen Armen lag. »Und ich hoffte, daß nichts auf der Welt uns trennen würde.«

Er drückte sie fest an sich und flehte mit bebender Stimme um Erbarmen. Sie schüttelte ihren schönen Kopf und um ihre weichen Lippen spielte ein schmerzliches Lächeln. »So beweise mir die Liebe, deren du mich so heiß versicherst,« meinte sie.

»Das – das kann ich nicht.« Seine Arme lösten sich von ihrer Gestalt. »Meine heilige Aufgabe, meine geheime Mission muß mir über alles gehen. Viviane, du, du solltest das nicht begreifen? Laß uns nicht so auseinandergehen, Geliebte! Sage mir, daß ich recht habe! Und, um Himmels willen, halte mich nicht noch länger zurück.«

»Was immer Iwans Geschick sein mag,« begann sie wieder, diesmal mit sanfter Stimme, »es wurde vor mehr als einer Stunde schon entschieden. Wenn noch die geringste Aussicht wäre, daß er gerettet werden könnte, und wenn außer dir niemand da wäre, um ihm diese Rettung zu bringen, dann würde ich selber dir sagen: Versuche es! Aber wenn es so wie hier ganz unnötig ist, wenn andere da sind, die deine Stelle einnehmen können, und wenn vielleicht, nein wahrscheinlich alles ohnedies schon nutzlos ist, dann ist es selbstverständlich, daß ich dir sage: bleib', und daß ich dich zurückhalte mit aller meiner Kraft.«

Sie warf sich an seinen Hals und schloß die Arme fest um seinen Nacken.

Einen Augenblick schien es, als ob er nicht imstande sei, sich ihrer zu erwehren; er schwankte, und sie hoffte in ihrem Innern schon. Da ermannte er sich plötzlich, und mit einer Kraft, die er selbst sich kaum zugetraut, löste er ihre haltenden Arme von seinem Halse und – eilte hinaus.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Im Vorzimmer warteten Dr. Perry und Lord Herbert. Als sie Denzil mit entschlossener Miene und festen Schrittes heraustreten sahen und aus seiner ganzen Erscheinung lasen, daß er seinen Vorsatz, allen Widerreden entgegen, durchführen wollte, ging Dr. Perry ihm entgegen und hielt ihm einen Pelzrock hin.

»Wenn Sie denn durchaus gehen müssen, so kleiden Sie sich wenigstens dazu an,« meinte er, wie er seinem Patienten hineinhalf. Denzil staunte innerlich über die plötzliche Nachgiebigkeit des Arztes. Aber er hatte seine Kraft überschätzt und schon nach den ersten Stufen begannen seine Knie so zu zittern, daß er sich am Geländer festhalten mußte.

Das war der Grund gewesen, warum Dr. Perry scheinbar nachgegeben hatte. Er hatte ganz richtig vorausgesehen, daß die Kräfte seines ungebärdigen Kranken im besten Falle so weit reichen würden, um ihn bis ins Erdgeschoß kommen zu lassen. Die beiden Herren schritten denn auch jetzt hinter Denzil drein, bereit, ihn aufzufangen, wenn er fallen sollte.

Der Arzt aber hatte doch in seiner Berechnung eines vergessen: die furchtbare Aufregung und die ungeheure Willenskraft Heathcotes. Es war ihm gelungen, die Treppe, ohne zu straucheln, hinunter zu gehen und sich der Haustüre zu nähern.

Knapp vor dieser angelangt, blieb er jedoch plötzlich stehen und fuhr sich mit der Hand über die Augen. Halb tastend drückte er mit seiner letzten Kraft noch die Klinke auf, dann sank er bewußtlos zusammen, und die beiden, die ihm gefolgt waren, brachten ihn in sein Zimmer zurück.



Achtzehntes Kapitel

Als Flora Allerton in den Garten hinauslief, um Iwan Veilchen zu bringen, fand sie zu ihrer unangenehmen Überraschung, daß das Pflücken der Blüten im Dunklen durchaus nicht so leicht war, wie sie es sich vorgestellt hatte.

Als sie das Veilchenbeet endlich gefunden, fiel es ihr ein, daß sie im Halbdunkel des wechselnden Mondlichtes unmöglich die blauen dunklen Blumen unter den breiten Blättern würde finden können, und bedachte sich, daß es das einfachste wäre, um das Haus herum zu den Stallungen zu laufen und sich dort eine Stallaterne zu holen. Sie schlüpfte um die Lorbeer- und Taxushecken, die den Garten nach dem rückwärtigen Teile des Hauses hin abschlossen, und da sie eine Stalltüre offen fand, trat sie ein und entdeckte bald, was sie suchte. Neben einer Stallaterne lag eine Schachtel mit Zündhölzchen und sie nahm beides an sich.

Als sie den Hof verließ, trat eine Wolke über den Mond und verbreitete plötzliche Dunkelheit, und Flora, dadurch ihres Weges nicht mehr sicher, betrat einen unrichtigen Gartengang.

Sie war ihres Irrtums eben gewahr geworden und wollte umkehren, als sie aus dem Dunkel, das sich eben jetzt wieder etwas lichtete, ein paar Gestalten vorsichtig in ihrer Richtung näherkommen sah. Sie gingen langsam und es schien, als ob sie etwas trugen. Einen Augenblick stand Floras Herz vor Entsetzen still, dann aber kehrte ihre Geistesgegenwart rasch wieder und sie verbarg sich hinter einem großen Fliederbusche. Als die Gestalten nur mehr wenige Schritte von ihr entfernt waren, erkannte sie zu ihrem größten Staunen den französischen Haushofmeister und die französische Jungfer.

Vor der Gittertür angelangt, neben der der Fliederbusch wuchs, legten die beiden die Last auf die Erde nieder, um die Tür nach dem Parke hin zu öffnen.

Der Mond war jetzt wieder hinter den Wolken hervorgetreten und verbreitete genügend Helle, um Flora erkennen zu lassen, wer es war, und wie sie Iwan so bleich und regungslos daliegen sah, glaubte sie, er sei schon ermordet. Der Gedanke durchfuhr sie, daß dann wohl Lord Herbert, der ihn zu hüten versprochen, auch getötet worden sei, aber daran lag ihr im Augenblicke wenig.

Das einzige, woran sie denken konnte, war der hilflose, bewegungslose Körper da vor ihr auf der Erde.

Was sollte sie tun?

Mit einer fast unglaublichen Schnelligkeit des Denkens fand sie den besten Ausweg: Sie konnte dem Manne und dem Mädchen in vorsichtiger Entfernung folgen, eine günstige Gelegenheit abwarten und dann das tun, was der Augenblick ihr eingab.

Sie ließ ihnen deshalb einen Vorsprung von hundert Schritten, dann, ihre Laterne und die Schachtel mit den Zündholzern immer krampfhaft festhaltend, stahl sie sich vorsichtig hinter ihnen drein.

Bei dem Häuschen angelangt, lenkten sie ihre Schritte wirklich dem schmalen Gartenpfade zu, und sie versteckte sich hinter dem Gartenzaune, über den stellenweise niederes Buschwerk emporwuchs, das sie ihren Blicken ganz entzog. Als Iwan in das Haus gebracht war, schlich sie in den Garten bis zu dem Fenster, das offen stand, wo sie sich im Schatten eines wilden Rosenbusches, der dort knapp an der Hauswand stand, verbarg. Durch das offene Fenster vernahm sie ganz deutlich, was darin gesprochen wurde, und zum erstenmal in ihrem Leben schätzte sie ihre vollkommene Kenntnis der französischen Sprache.

Fast hätte sie laut aufgejubelt, als sie den Worten, die heraustönten, entnahm, daß Iwan noch am Leben sei, aber ihre Freude war nur von sehr kurzer Dauer, als sie weiter zuhörte und erfuhr, was ihm bevorstand. Aber da die beiden miteinander zu verhandeln anfingen und sie hörte, daß die Möglichkeit eines vielleicht nicht unbeträchtlichen Aufschubes ihrer schrecklichen Tat vorhanden war, wagte sie es wieder, etwas Hoffnung zu fassen, und sagte sich, daß es einstweilen für Iwan am dienlichsten wäre, wenn sie auf ihrem Horcherposten noch länger ausharrte.

Sie blieb also ganz stille stehen und mußte nun den unverschämten Vorschlag anhören, den Marie Iwan machte.

Nun begannen die im Zimmer wieder zu reden.

»Ich will nicht länger hier bleiben,« rief Marie mit zorniger Stimme. »Ich gehe hinaus und werde nach den anderen ausschauen.

»Das ist ein Unsinn,« entgegnete Laurens unwirsch, »es ist noch nie jemand, den man erwartet hat, eher gekommen, weil man ihm entgegenlief.« Er lachte in beleidigender Weise, aber Marie zuckte, ohne im zu antworten, nur wegwerfend die Achseln und ging mit hocherhobenem Kopfe zur Tür.

Laurens lachte wieder vor sich hin, dann nahm er das Messer und hielt es über Iwan.

Er lachte recht wie ein Teufel, der er war, und stach mit der feinen, scharfen Spitze seines Messers so ruhig und gelassen in den fleischigen Teil von Iwans Bein, als ob er eine Stecknadel in ein Nadelkissen stecke.

Flora konnte von ihrem Platze aus seiner Grausamkeit zusehen, und sie preßte krampfhaft ihre kleinen Hände auf den Mund, um nicht laut aufzuschreien.

Langsam verstrichen die Minuten.

Da Laurens nun mit seinem Gefangenen allein war, überlegte sie, ob sie es nicht wagen könne, einzudringen, in der Hoffnung, daß er sie zuerst für Marie halten würde, und daß es ihr gelingen könnte, sich des Messers zu bemächtigen.

Der Plan kam ihr durchführbar vor, und sie faßte all ihren Mut zusammen, und war im Begriffe, die Tür aufzustoßen, um ihn auszuführen, als ein leiser, kläglicher Schrei, der aus der Richtung der Ruinen herzukommen schien, sie innehalten machte. Sie blieb horchend stehen; der Schrei wiederholte sich einigemal.

Auch Laurens in der Hütte vernahm ihn – er trat auf die Schwelle und sah sich um. Als die Rufe sich wiederholten, mochte auch er die Stimme seiner Helfershelferin erkennen, denn mit einem halblauten Fluche schlug er die Türe hinter sich zu und eilte davon.

Nun war keine Zeit zu verlieren!

Kaum war Laurens aus dem Garten hinaus, als Flora schon vorsichtig die Türe wieder ausgedrückt hatte und hineingeschlüpft war.

Mit einem leisen Schrei fiel sie vor Iwans Lager auf die Knie, faßte das Messer, das ihm den Tod zu geben bestimmt gewesen, und schnitt damit seine Fesseln auf.

»Kannst du dich bewegen und gehen?« fragte sie atemlos.

Er erwiderte nichts, sondern richtete sich rasch auf und schloß seine geliebte Befreierin stürmisch in die Arme. Einen Augenblick verweilten sie so, dann aber kehrte ihnen das Bewußtsein der Gefahren zurück, die noch immer ihrer harrten.

»Ich kann mit dir vereint alles,« sagte Iwan. »Aber meine Verfolger werden wohl jeden Augenblick zurückkommen. Das Messer ist jetzt in unserem Besitze.«

»Nein, nein,« entgegnet sie hastig. »Du bist krank und erschöpft, Laurens ist ein starker Mann. Komm' nur, ich habe mir alles ganz genau zurechtgelegt, was geschehen muß. Lehne dich nur auf mich, Liebster, und versuche nicht rascher zu gehen, als du kannst; ich glaube nicht. daß wir für den Moment etwas zu befürchten haben. Laurens dürfte nach meiner Berechnung jetzt den Hohlweg durchschritten haben, denn er sowie vor ihm Marie entfernten sich nach dieser Richtung, hinter dem Häuschen, am anderen Ende des Gartens ist eine Art kleiner Stall oder Schuppen, dorthin will ich dich bringen. Wir haben nicht mehr weit zu gehen.«

Vorsichtig schritt sie mit ihm, dessen Arm um ihre Schulter lag, durch den Gemüsegarten, und sie kamen zu einem aus Holz aufgebauten Schuppen, in den sie Iwan eintreten hieß.

»Hier sind wir sicher. Geh' hinein und warte auf mich; ich bin in wenigen Minuten wieder bei dir.«

Sie schob ihn hinein und eilte zum Hause zurück. Dort angelangt, öffnete sie die Laterne, goß das Petroleum vorsichtig über den Fußboden, das Kaminbrett und das Holzwerk der Fenster. Dann zog sie aus der dünnen Strohmatratze des Bettes Händevoll Stroh, drehte es zusammen und zündete die Büschel an den Kerzenenden an, die sie, gleichfalls brennend, auf den Boden warf. Wenn die beiden Verbrecher – zurückkommend, den Brand gewahren würden, mochten sie glauben, daß er durch die auf dem hölzernen Kaminsims aufgestellten Kerzenstümpchen entstanden wäre, und würden natürlich annehmen, daß Iwan, den sie auf seinem Bette gefesselt verlassen hatten, in den Flammen erstickt oder verbrannt sei, und würden froh sein, auf diese Art der Mühe überhoben zu sein, Iwans Körper zu bergen.

Einen Augenblick sah sie in das lodernde Feuer, dann schlug sie die Tür zu und eilte beflügelten Schrittes nach dem Schuppen zurück, und jetzt erst fanden sie Zeit, einander die Vorgänge des Abends zu erzählen.

»Ich hoffe, du bist nun in Sicherheit,« sagte sie endlich. »Wenn sie zurückkommen und den Brand sehen, werden sie annehmen, daß du im Feuer umgekommen bist. Sollten sie es aber versuchen, hier einzudringen, so bin ich bereit, sie zu empfangen. Ich glaube wirklich,« fuhr sie mit leiser, vor Erregung bebender Stimme fort, »ich wäre imstande, ihn oder sie mit kaltem Blute zu töten. Mein Liebster, du darfst nicht länger hier stehen. Denke nur, wie schrecklich es für mich wäre, hier in dieser gänzlichen Abgeschiedenheit, wenn du ohnmächtig würdest. Ich wüßte wahrhaftig nicht, was ich beginnen sollte.«

Sie zog eine alte Futterkiste, die in einem Winkel stand, hervor, und da sie vorsichtigerweise, ehe sie die Hütte verlassen hatte, den Teppich, in dem Iwan gelegen, mit sich genommen, konnte sie ihn, nachdem er, ihrer Anordnung gehorchend, auf der Kiste Platz genommen, darein einhüllen. Iwan versuchte es sich gegen ihre Vorsichtsmaß regeln zu wehren, doch nicht lange; er begann sich sehr unwohl zu fühlen infolge all der Aufregung und war nicht mehr imstande, ihre zärtliche Fürsorge von sich zu weisen.

Flora sah seine Mattigkeit und war von schrecklicher Angst erfüllt, obwohl sie sich bemühte, ihm nichts merken zu lassen. Sie wußte sehr gut, wie gefährlich ihre Lage noch immer war, umsomehr, da alles nur auf ihr allein lastete, und sie konnte nur darauf bauen, daß die Franzosen bei der Entdeckung des Feuers überzeugt sein würden, daß Iwan darin seinen Tod gefunden, und sich so rasch als möglich in Sicherheit zu bringen suchten.

Sie kauerte neben Iwan am Rande der Kiste nieder und drückte sich fest an ihn; draußen brannte das Häuschen jetzt lichterloh.

Während sie noch immer bange wartete, begann plötzlich ein ausgiebiger Regenschauer niederzurauschen, der jedoch gegen den lodernden Brand ganz machtlos war.

–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –

Als der Regen begann, hatte Laurens die Ruine eben erreicht. Es hatte ihm geschienen, als habe die jammervolle Stimme, die ihn von seinem Opfer weggerufen, von dieser Seite her geklungen, und jetzt, wie er am Fuße des kleinen Hügels stand, auf dem die Trümmer der alten Abtei sich erhoben, vernahm er sie wieder. Vorsichtig stieg er die kleine Anhöhe hinan und rief mit gedämpfter Stimme: »Wo bist du?«

Ein Stöhnen knapp vor seinen Füßen war die Antwort und er bemerkte im Halbdunkel drei oder vier freistehende, aus halbzerbröckelten Steintrümmern bestehende Stufen vor sich, über die er beinahe selbst hinabgestürzt wäre. Auf der untersten Stufe nahm er in dunklen Umrissen etwas wahr.

»Was hast du denn angefangen?« fragte er, und aus seiner Stimme sprach mindestens ebensoviel Ärger als Besorgnis, und da er keine Antwort erhielt, bückte er sich und faßte das Mädchen rauh am Arme.

Mit einem lauten Schrei des Schmerzes wehrte es ihm und beschwor ihn mit kaum verständlichen Worten, es nicht zu berühren.

»Willst du endlich sagen, was mit dir geschehen ist, und das dumme Gejammer sein lassen?« fuhr er sie endlich wieder heftig an.

»Ich fürchte . . . ich habe mir . . . das Rückgrat gebrochen,« ächzte sie. »Was soll mit mir geschehen?«

»Das erklärt mir noch immer nichts,« entgegnete er, ohne das geringste Mitleid zu zeigen.

»Ich stürzte,« berichtete sie endlich schwer atmend und unter fortwährendem Stöhnen.

Sie wies mit einer schwachen Bewegung gegen einen hohen Mauerrest, und Laurens gewahrte, sich umschauend, daß die Stufen, an deren Ende sie lag, auf die Höhe der Mauer führten.

»Ich wollte die Stiege ersteigen, weil ich dachte, daß ich von der Höhe der Mauer einen weiten Ausblick haben würde und unsere Genossen kommen sehen könnte. O wie schrecklich ich leide. Was soll nun geschehen?«

»Bleib' einstweilen ruhig,« erwiderte er, ohne besonderen Anteil an ihrem kläglichen Geschicke zu zeigen. »Es ist klar, daß irgend ein Irrtum obwaltet, unsere Leute kommen nicht. Ich werde rasch wieder hinuntergehen und mit dem Russen ein Ende machen. Was seine Leiche anlangt, da kann ich nicht helfen, der Gefahr müssen wir uns aussetzen. Du tust mir ja leid, armes, kleines Ding, aber die Sache wird hoffentlich nicht so schlimm sein, als du dir einbildest. Bleib' nur ruhig, bis ich wieder zurückkomme.«

Er verließ sie rasch, wiederholend, daß er so bald als möglich wiederkehren würde, aber innerlich stand sein Entschluß fest, sich nicht mehr um sie zu kümmern.

Sein rasch erdachter Plan war, Iwan zu ermorden und dann auf die Wand des Häuschen ein Geständnis zu schreiben, daß er mit »Marie« unterfertigen wollte. Wenn die Sache entdeckt wurde, würde sie infolge ihrer Verletzung vielleicht nicht zu widersprechen imstande sein, wenn sie überhaupt noch am Leben war, und er war dann schon weit entfernt.

Er stieg den Abhang mit großer Achtsamkeit hinab und ging dann den Hohlweg zurück, den er schon mit Rauch und Brandgeruch erfüllt fand, bis er an dessen Ende zu seinem Entsetzen das Häuschen als einen Raub der Flammen sah.

Das Entsetzen hielt jedoch nicht an, denn nach kurzer Überlegung sah er ein, daß für das Gelingen seines Vorhabens nichts Besseres hätte geschehen können. Er war froh, daß alle Spuren des geplanten Mordes auf diese Art getilgt waren und niemand mehr da war, der ihn hätte anklagen können.

Am liebsten hätte er sich sogleich auf und davon gemacht, aber es fiel ihm ein, daß es doch gut wäre, sich zu vergewissern, daß die Hütte in allen Teilen brannte. Er ging also so nahe  hin, bis er ganz knapp vor dem Hause stand. Schon wollte er sich auf den Zehenspitzen heben, um in das Zimmer zu blicken, in dem er Iwan wußte, da stürzte krachend der Rauchfang zusammen, die glühenden Ziegel und Trümmer flogen weit herum, und ein Mauerstück schlug ihn zu Boden, ihn unter sich und nachstürzendem Mauerwerk begrabend . . .

So war er nun selbst zu dem entsetzlichen Ende verdammt, das er mitleidlos für Iwan gewünscht hatte; aber während er den Tod herbeisehnte, war der, den er hatte morden wollen, durch das Krachen des Einsturzes aus dem Schlafe erwacht und sah sich erstaunt um.

»Was ist geschehen,« fragte er.

»Das Haus ist eingestürzt,« sagte Flora. »Nun sind wir gewiß gerettet, denn deine Verfolger müssen bestimmt annehmen, daß du darunter begraben seiest.«

»Sind Laurens und das Mädchen zurückgekommen?« fragte Iwan weiter.

»Sie müssen wohl zurückgekommen sein und sich wieder entfernt haben,« meinte Flora. »Ich kann mir nicht einmal erklären warum, aber es ist mit einemmal jedes Gefühl der Angst von mir gewichen. Ich habe die sonderbare und dabei festeste Überzeugung, daß wir nichts mehr zu befürchten haben. Mitternacht muß längst vorüber sein und der neue Tag angebrochen. Der neue Tag, mein Geliebter, der dein Geburtstag ist! Laß mich die erste sein, die dir Glück wünscht, Teuerster, und möge der Himmel mir gewähren, daß ich an deinem Glücke immer teilnehmen dürfe.«

»Das ist für mich der schönste Wunsch,« flüsterte er und versuchte zu ihr hinaufzulächeln, aber die Augen fielen ihm zu, während er redete.

»Schlaf nur wieder,« flüsterte sie, und er lehnte seinen Kopf an ihre Schulter.

Es war richtig, daß sie nicht mehr für ihn fürchtete, aber wie sie da neben ihm saß, begann sie sich zu fragen, wieso es kam, daß sie beide, schon so lange aus dem Hause abgängig, nicht gesucht worden seien.

Endlos strich die Zeit dahin, und sie begann zu überlegen, ob sie es wagen solle, aus dem Schuppen zu treten, als endlich, immer deutlicher und lauter, Pferdegetrappel sich ihrem Zufluchtsorte näherte und eine wohlbekannte Stimme mit lautem Rufen an ihr Ohr tönte. Sie hob Iwans Kopf vorsichtig von ihrer Schulter, eilte aus dem Schuppen und rief so laut sie konnte: »Hieher, Lord Herbert, hieher! Iwan ist gerettet!«

»Dann ist das nur ein glücklicher Zufall und Sie haben jedenfalls irgend eine Ungeschicklichkeit begangen, sie kleine, schlechte Person.« erwiderte anstatt Lord Herbert eine andere Stimme, und sie stand dem Baron Hochburg gegenüber, der ihr mit ziemlich unverblümten Worten seine Meinung zu sagen begann.

»Nehmen Sie doch den Verrückten fort,« rief sie endlich Lord Herbert zu. »Ich verstehe nicht, was er sagt; mir scheint, er hielt mich für Marie Laurens. Iwan ist hier in dem Schuppen und wir müssen trachten, ihn so rasch als möglich nach Hause zu bringen. Hatten Sie irgend eine Spur? Und sind Sie mit einem Wagen gekommen? Aber Iwan ist durchaus nicht imstande, zu reiten! Es wäre wohl besser, Sie blieben hier bei uns und ließen den Baron gehen, um einen Wagen herzuschicken. O, wie entsetzlich lange ihr uns hier allein ließet! Ich fürchtete schon, daß wir bis zum Morgen bleiben müßten. Aber warum starrt uns Baron Hochburg immer so an? Wenn er doch lieber um den Wagen ginge; Iwan ist sehr leidend.«

»Glauben Sie mir, Freund,« sagte der Baron mit weiser Miene zu Lord Herbert, »trauen Sie ihr nicht. Sehen Sie denn nicht, daß sie immer noch ein scharfes Messer in der Hand hat?«

»Allerdings,« entgegnete Lord Herbert. »Ich bemerkte es sogleich und bin sehr neugierig, zu erfahren, wie es in ihre Hände kam. Sehen Sie,« fügte er mit übertrieben geheimnisvoller Miene hinzu, »ich habe nämlich einen Revolver in der Tasche, und ich versichere Sie, sowie Miß Allerton den Versuch machen sollte, mich zu erstechen, schieße ich sie unbarmherzig nieder.

»Was meint er denn nur?« fragte Flora, wider Willen lachend.

»Er bildet sich ein, daß Sie behilflich waren, Iwan zu entführen,« war Lord Herberts gleichfalls lachend gegebene Antwort.

»Ich aber würde gern von Ihnen erfahren, wie Sie hierher kommen. Wurden Sie gleichfalls mit Iwan geraubt?«

»Nein; das nicht.«

»Reden Sie leise,« flüsterte sie, »sonst wecken wir Iwan auf. Und mit einer kleinen, zärtlichen Bewegung neigte sie sich über den Schlafenden. Dann wendete sie sich wieder zu Lord Herbert.

»Nehmen Sie das an sich – ich mag es nicht halten,« sagte sie und reichte ihm das Messer hin.



Neunzehntes Kapitel

»Weiß man noch immer nichts?«

Denzil Heathcote stellte die Frage zum hundertstenmal.

»Wenn die Nachricht, die er so sehnlich erwartet, eine schlechte ist,« meinte Doktor Perry, der mit Viviane in dem Zimmer vor Denzils Zimmer wartete, zu dieser, »dann kann sie sein Tod sein.«

Der gute kleine Doktor hatte keine Ahnung, wie die Sachen zwischen seinem Patienten und Miß Branscombe standen, sonst hätte er nicht so geradezu geredet. Die plötzliche furchtbare Blässe jedoch, die in Vivianes schönes Gesicht trat, fiel ihm auf und ließ ihn einen Teil der Wahrheit ahnen.

»Wenn das der Fall ist,« entgegnete sie nach einer kleinen Pause mit fester Stimme, »dann muß die Nachricht eben nur eine gute sein.«

»Das klingt recht einfach,« erwiderte der Doktor; »aber ich möchte doch wissen, wie Sie das anfangen wollen. Man wird ihn doch höchstens ein paar Stunden lang hinhalten und ihm die Wahrheit verschweigen können.

Viviane nickte langsam und nachdenklich.

»Ich gehe sogleich zu ihm,« sprach sie, und wendete sich zur Tür. Sie sah ein, daß der Doktor recht hatte, und jedes Hinhalten eigentlich eine Grausamkeit war.

»Weiß man etwas?« fragte Heathcote, sowie er sie in das Zimmer treten sah, und seine Augen suchten in angstvoller Spannung die ihren; sie konnte nur verneinend den Kopf schütteln. Sie setzte sich neben ihm nieder und nahm seine Hand in die ihre.

Diesmal entzog er ihr seine Hand nicht. So nahe der Trennung für immer, schien es ihm nicht mehr notwendig, sich gegen eine Zärtlichkeit zu wehren, die vielleicht die letzte war.

»Ich höre etwas,« sagte er endlich auffahrend, nachdem sie eine kleine Weile ganz stille nebeneinander gesessen hatten.

Aber niemand außer ihm hatte nur das geringste Geräusch vernommen, und es war nur, um ihm den Willen zu tun, daß Viviane hinaustrat.

Kaum jedoch war sie bis in das Vorzimmer gekommen, als ein Diener ihr entgegenstürzte mit der Nachricht, daß Baron Hochburg zurückgekommen sei, und durch einen Stallknecht die Botschaft heraufschicke, daß Graf Schirikow gefunden und am Leben sei, und daß Miß Allerton sich bei ihm befinde.

Viviane wartete keine weitere Nachricht mehr ab, sondern flog mit strahlendem Gesicht zurück in Denzils Zimmer.

»Er lebt! Er ist gefunden,« rief sie jubelnd. »Baron Hochburg hat die Nachricht soeben gebracht, er holt einen Wagen, um Iwan und Flora darin zurückzubringen! Ich weiß nicht wie, noch wo sie ihn fanden! Lass' dir einstweilen die Tatsache genügen, Geliebter, und bedenke, daß der Morgen, der bald anbrechen wird, Iwans Geburtstagsmorgen ist, und alle deine Sorgen, damit vorüber sind.«

Denzil nickte und drückte ihr stumm die Hände, die freudige Erregung nach so viel ausgestandener Angst hatte ihn überwältigt und er mußte den letzten Rest seiner Kraft zusammennehmen, um nicht in ein Schluchzen auszubrechen wie ein Kind.

Mit zärtlicher Hand strich Viviane ihm beruhigend über das dunkle Haar. Es war ihr eingefallen, daß Flora vielleicht ihres Beistandes bedürfen würde, sie wollte daher zu ihr, nur wünschte sie vorher Denzils Zustimmung zu haben.

Nachdem sie es ihm gesagt, war er gern bereit, sie von sich zu lassen, und sie eilte hinab und gab Befehl, warme Decken und Kissen, heiße Wärmeflaschen und belebende Mittel in den Wagen zu packen. Dann warf sie einen langen, warmen Mantel um und ging in den Hof zu den Ställen hinunter.

»Wo fanden Sie ihn?« fragte sie gespannt, sobald sie des Barons ansichtig wurde.

»In einem Schuppen in der Nähe eines brennenden Häuschens.«

»Der Wagen ist angespannt. Steigen Sie rasch ein, und während wir fahren, erzählen Sie mir alles, was Sie wissen.«

»Wie soll ich denn da einsteigen?« fragte der Baron mit vorwurfsvoller Stimme, wie er den mit allen erdenklichen Dingen vollgepfropften Wagen erblickte. »Sie tun, als ob ich so schlank wäre wie Sie.«

»Kommen Sie nur rasch herein, ich werde Ihnen gleich Platz gemacht haben.«

Er kletterte gehorsam in den Wagen und versank in einen Stoß von Kissen und Decken.

»Nun reden Sie, ich bin furchtbar gespannt,« drängte Viviane.

Aber zu ihrer Enttäuschung wußte der Baron nur wenig zu berichten. Er und Lord Herbert hatten sich vorgenommen, den Park und die Felder in der Richtung der Ruine abzusuchen. Auf halbem Wege schon war ihnen der Feuerschein aufgefallen. Sie waren daher rasch hinübergeritten, und als sie den Hohlweg erreicht hatten, kamen sie gerade recht, um ein Häuschen, das mitten in den Feldern vereinzelt stand und das Lord Herbert sehr gut kannte, in hellen Flammen stehen und zusammenbrechen zu sehen.

Auf das hin gaben sie ihre ursprüngliche Absicht, in den Ruinen selbst Nachsuche zu halten, auf und sprengten, so rasch ihre etwas erschreckten Pferde sie trugen, auf den Schauplatz des Feuers. Dort entdeckten sie in einem Schuppen oder Stalle Miß Allerton und den Grafen Schirikow und in Miß Allertons Hand ein großes, scharfgeschliffenes Messer, das sie allem Anscheine nach soeben über dem jungen Manne, der bewußtlos war oder schlief, gezückt hatte. Dies waren die Worte des Barons und er war entschieden beleidigt, als Viviane ihm mit hellem Gelächter antwortete.

»Sie haben nicht das richtige Verständnis für Detektivarbeit,« meinte er kopfschüttelnd, und Viviane erwiderte darauf, daß sie vielleicht trotzdem für Floras Handlungsweise ein richtigeres Verständnis besitze als er.

Da gab er plötzlich nach.

»Das kann sein. Ich bin ein alter mürrischer Mann. Mein Geist hat durch die Krankheit gelitten; für mich ist es am besten, ich schweige still.«

Viviane strich, von Mitleid erfüllt, leicht mit der Hand über seinen Arm, und die freundliche Bewegung beruhigte ihn mehr, als Worte es hätten tun können.

Sie sah einen Augenblick zum Wagenfenster hinaus und sagte dann:

»Wir kommen eben an der Ruine vorbei . . . horch . . . war das nicht wie ein leiser Schrei? Auf keinen Fall dürfen wir uns aufhalten, da er ja weder von Iwan noch von Flora herrühren kann.«

»Ich habe gar nichts vernommen,« entgegnete der Baron trübselig. »Das ist ein sehr schlechter Fahrweg – wäre es nicht besser, wenn ich ausstiege?«

»Gar keine Rede; wir müssen gleich unten ankommen. Das einsame Häuschen, in dem mein Vater seine letzten Lebensstunden verbrachte, ist also verbrannt . . .; fast möchte ich sagen, daß ich froh darüber bin. Sein Anblick machte mich immer furchtbar traurig.«

Sie waren angekommen, und fast noch ehe der Wagen stille hielt, hatte Viviane schon den Schlag geöffnet und eilte zum Schuppen hin, während der Baron ihr langsamer folgte.

Wie er über den von halb verkohlten Balken und gestürztem Mauerwerk bedeckten Platz schritt, der einst der Garten gewesen, traf sein Blick etwas, was seine Aufmerksamkeit fesselte. Es war ein Männerstiefel, der unter geschwärzten Mauertrümmern hervorsah. Er blieb stehen, dann riß er aus dem zerstörten Gartenzaun eine Latte und begann damit die Ziegelsteine und Holzstücke, unter denen der Stiefel herausschaute, wegzuschieben, und hatte bald einen zweiten Stiefel bloßgelegt, sowie die Beine, zu denen beide gehörten. Eifrig arbeitete er weiter und endlich hatte er den ganzen Körper freigemacht.

»Was machen Sie denn da?« fragte plötzlich Lord Herberts Stimme dicht neben ihm. »Wir brauchen Ihre Hilfe, um Iwan in den Wagen zu bringen.«

»Sie sehen ja, was ich mache,« entgegnete der Baron und wischte sich den Schweiß von der Stirne. »Iwan muß so lange warten, bis ich diesen Schatz da ausgegraben habe. Es ist ohne Zweifel Monsieur Laurens. Armer Teufel,« fuhr er fort, indem er sich über den Körper am Boden beugte; »wer immer es sein mag, er muß Entsetzliches durchgemacht haben. Gütiger Himmel!«

Der Ausruf des Schreckens war mehr als berechtigt, denn der Anblick, der sich ihnen bot, war grauenhaft.

»Mir wird schlecht, wenn ich eine Minute länger hier bleibe,« sagte Lord Herbert, »und dem Unglücklichen können wir nicht mehr helfen. Kommen Sie. Aber sagen Sie kein Wort von – dem da.«

»Wir müssen hierher zurückkommen, sowie wir Iwan in den Wagen gebracht haben. Wenn wir eine genauere Visitation anstellen, werden wir ihn vielleicht identifizieren können.«

»Es ist Laurens, darüber kann kein Zweifel herrschen,« sagte Lord Herbert bestimmt.

–   –   –   –   –   –    –   –   –   –   –   –   –

Um Iwan besser betten zu können, stieg nur Flora zu ihm in den Wagen und die anderen gingen den langen Hohlweg zu Fuß. Viviane wollte erst, nachdem die Bodenerhebung vollkommen überwunden war, einsteigen und das letzte Stück Weges mitfahren.

Am Fuße der Ruinen angelangt, schien es ihr jedoch wieder, als ob sie einen kläglichen Hilferuf von dorther höre, und sie entschloß sich sogleich, ihm nachzugeben. Lord Herbert wollte sie begleiten.

Sie vernahmen die Hilferufe noch mehrmals, leise aber deutlich, und ihnen nachgehend, gelangten sie zu dem Fuße der verfallenen Stiege, wo Marie noch gerade so lag, wie Laurens sie vor mehr als einer Stunde verlassen hatte.

Als das unglückliche Geschöpf erkannte, wer es war, der ihr den ersehnten Beistand bringen kam, schrie sie noch lauter und schmerzlicher auf.

Lord Herbert legte zurückhaltend seine Hand auf Vivianes Arm.

»Überlassen Sie sie mir,« sprach er. »Hören Sie mich!« wendete er sich an die kleine gebrochene Gestalt vor ihm auf der Erde »Ich weiß nicht, was Sie eigentlich beabsichtigten. Wir haben Sie in unserer Gewalt und werden Sie nicht entkommen lassen. Mein Revolver ist auf Sie gerichtet, wie Sie sehen. Heben Sie Ihre Hände auf!«

»Ich kann sie nicht höher heben,« erwiderte sie leise. »Haben Sie Erbarmen mit mir, Mylord, erschießen Sie mich rasch; ich leide so schrecklich, daß der Tod mir nur eine Erlösung ist!«

»Eilen Sie hinunter,« sagte Viviane, sich rasch zu Lord Herbert wendend, »und rufen Sie dem Wagen nach, einen Moment zu warten; lassen Sie sich eine Flasche mit Kognak geben, ein paar Polster und sagen Sie Flora, daß der Wagen, sobald sie mit Iwan im Hause angekommen ist, hieher zurückkommen soll. Ich werde hier bleiben. Sind Sie allein, Marie?«

»Ganz allein. Er sagte, er würde zurückkehren.«

»Wer sagte es?«

»Jacques – ich meine Laurens, meinen Onkel. Seitdem liege ich hier ganz allein und verlassen und leide mehr, als man ertragen kann. Ach, die Strafe ist zu schrecklich für das Vergehen, ohne Erlaubnis des Nachts das Haus verlassen zu haben.«

»Na, na, mein liebes Kind!« rief Lord Herbert, der die Arme voll Decken und Kissen, wie Viviane es gewünscht, eben zurückkam, »machen Sie uns keinen Schwindel vor; ich kann Ihnen von dem, was sich heute nacht begab, mehr erzählen, als Sie meinen.

»Halt,« sagte Viviane; »ehe Sie sie zu fragen anfangen, müssen wir sie erst etwas besser betten. Neben den qualvollen Schmerzen, die sie leidet, muß sie jedenfalls auch noch sehr von der Kälte ausstehen. Nun helfen Sie mir, ihr die Kissen unter den Kopf zu schieben, und halten Sie sie ein wenig in die Höhe, während ich ihr den Kognak einflöße. So ist es recht. Trinken Sie das, Marie.«

Das Mädchen gehorchte, und in den halbgelähmten Körper kehrte etwas Wärme zurück.

»Nun,« begann Lord Herbert wieder, »vermute ich, daß Sie gern wissen würden, wo Laurens ist, ob Graf Schirikow noch lebt oder nicht, und warum Ihre Helfershelfer ihre Verabredung mit Ihnen nicht einhielten, nicht wahr? Über alle diese Fragen kann ich Ihnen genaue Auskunft geben, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir vorher jede Frage, die ich an Sie stelle, wahrheitsgetreu beantworten. Wieviel Personen sind an der sauberen Verschwörung beteiligt?«

»Hier in England sind wir vier. In Rußland ist noch Prinz . . .«

»Lassen Sie den aus dem Spiele. Dagegen will ich die Namen der beiden wissen, die sich nachts in dem Häuschen hätten einfinden sollen. Auch müssen Sie mir angeben, wo sie zu erreichen sind.«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn ich habe selber ihre rechten Namen nie erfahren. Sie sind in der letzten Zeit gar nirgends länger gewesen, und haben die verschiedensten Mittel gebraucht, um mit Jacques und mir in Verbindung zu bleiben. Wir hatten vereinbart, daß Jacques und ich, wenn wir ihre Hilfe heute abend benötigen sollten, ihnen dies dadurch anzeigen wollten, daß sie in dem Häuschen unten gestern abend eine gelbe Primel finden sollten. Wenn sie die auf dem Bette fanden, war es für sie das Zeichen, daß sie ganz bestimmt kommen sollten; wenn sie nicht dagewesen wäre, hätte es für sie geheißen, daß der Graf schon tot sei.

»Und was sollten sie in diesen Falle tun?«

»So rasch als möglich England verlassen.«

»Nun, dann kann ich Ihnen die Beruhigung geben, daß die sauberen Kumpane jetzt jedenfalls schon auf der Überfahrt begriffen sind. Ich habe gestern selbst Ihre gelbe Primel in dem Häuschen gefunden und sie weggenommen. Ich hatte keine Ahnung, was für eine Wichtigkeit diese kleine unbeabsichtigte Handlung haben sollte.«

»Mon Dieu! Das erklärt nun freilich alles.«

»Wenn ich nur eine blasse Idee davon gehabt hätte, was sie bedeutete, so hätte ich ganz andere Maßregeln ergriffen. Nun, daß ist schließlich einerlei – Ende gut, alles gut. Der Graf lebt und ist in Sicherheit, Laurens dagegen ist tot und Sie –«

»Ich bin hier und erleide zehnfachen Tod. Aber Jacques? Haben Sie ihn getötet?«

»Nein. Aber er starb und ich glaube, er hat noch bei weitem ärger zu leiden gehabt, als Sie leiden. Das Häuschen brannte nieder und er wurde unter den brennenden Trümmern lebendig begraben.«

»Dann muß aber der Graf auch getötet sein.«

Aus ihrer schwachen Stimme klang ein leiser Ton des Triumphs.

»Zum Glücke wurde er trotzdem befreit und gerettet, ehe das Feuer ausbrach. Sie sehen also, daß die Menschen doch manchmal nach ihrem Verdienste belohnt werden. Nun glaube ich, Ihnen genug mitgeteilt zu haben, jedenfalls mehr, als Sie verdienen, und jetzt habe ich noch einige Aufklärungen zu verlangen. Wer war es, der den Mordversuch auf den Grafen vor Miß Branscombes Haus in London machte?«

»Das war einer der anderen beiden.«

»Wer ermordete den Bankbeamten.«

»Laurens war es.«

»Wie kam die Höllenmaschine in das Schlafzimmer des Grafen?«

»Ich selbst brachte sie hinauf.«

»Und wie wurde der Unfall mit dem Boote bewerkstelligt?«

»Das machte einer der anderen nach meinen Angaben. Er schnitt mit einer feinen Säge ein rundes Stück aus dem Boden des Bootes und befestigte es dann wieder mit einem Leim, der in Wasser sich auflöst.

»Wie wurde Pom-Pom vergiftet?«

»Das kann ich Ihnen nicht ganz bestimmt sagen, das muß Graf Schirikow besser wissen. Ich hatte dem Grafen eine kleine Pille gegeben, die ihn, wie ich ihm versicherte, von seinem Kopfschmerze befreien sollte. Es ist klar, daß er sie nicht einnahm. Ich meine, er muß sie irgendwo fallen lassen haben; vielleicht geriet sie unter die Kuchenstückchen, die Pom-Pom verzehrte.

»Wie war es mit dem Schusse im Glashause?«

»Ich nahm, während alle beim Diner waren, Mr. Heathcotes Pistole, dann gab ich vor, starke Zahnschmerzen zu haben und zu Bette gehen zu wollen. Statt dessen legte ich mich aber hinter den Fenstern des Glashauses auf die Lauer, und als sie richtig erschienen und nahe an der Glaswand stehen blieben, feuerte ich den Schuß ab, warf die Pistole hinein und eilte davon.«

»War das mit dem Laudanum Komödie?«

»O nein, das war nicht ganz Komödie. Ich hätte wohl alle Symtome simulieren können, da mir diese Art der Vergiftung nicht fremd ist, aber um auf alle Fälle dem Doktor gegenüber sicher zu sein, nahm ich so viel, als ich wußte, daß man ohne Gefahr nehmen kann.«

»Dann hatte auch der arme Smith natürlich Ihnen sein gebrochenes Bein zu verdanken.«

»Natürlich. Der gute Mr. Smith! Er war immer sehr freundlich mit mir gewesen und es war mir wirklich leid, ihm Schmerzen und Unannehmlichkeiten verursachen zu müssen. Er hatte ganz recht gehabt, als er behauptete, auf eine kleine Marmorkugel getreten zu sein. Es wäre kaum möglich gewesen, daß er nicht darauf getreten wäre, denn auf den Stufen, die zu seinem Zimmer führen, hatte ich eine ganze Menge solcher Kügelchen zurechtgelegt. Sobald er aber darüber gefallen war, war ich auch rasch zur Hand, um sie wieder an mich zu nehmen. Ist Ihre Neugierde jetzt endlich befriedigt, meine Schmerzen sind schrecklich.«

»Mit meinen Fragen bin ich zu Ende. Da kommt eben der Wagen zurück.«

Viviane hatte dem Gespräche zwischen Marie und Lord Herbert mit vollkommenem Stillschweigen zugehört.

»Es ist am besten, wir überlassen sie Doktor Perry,« meinte Lord Herbert, an Viviane herantretend. »Wenn er sie ins Haus zurückzubringen wünscht, so werde ich bei der Hand sein, um ihm dabei zu helfen.«

»Ich werde selbst bei ihr bleiben,« entgegnete Viviane mit rasch gefaßtem Entschlusse. »Warum soll ich ebenso grausam sein, wie sie es war. Ich werde Sie rufen, wenn wir Sie brauchen.«

»Ach, meine gütige Miß Branscombe, meine gütige Herrin; Sie wollen bei mir bleiben und den Doktor verhindern, mich anzurühren? Ich bin eine elende Sünderin, ich weiß es, aber Ihnen habe ich nie etwas zuleide tun wollen. O, lassen Sie den Doktor nicht zu mir heran, bitte, bitte, halten Sie ihn zurück!«

»Das kann ich nicht, Marie; er ist gekommen, um Ihnen möglicherweise zu helfen.«

»Das habe ich immer beobachtet,« bemerkte der kleine Doktor zu Lord Herbert, der bei ihm stand. »Die Leute, die ohne jedes Mitgefühl für andere sind, sind am allerempfindlichsten und wehleidigsten, sobald es sich um ihre eigene Haut handelt.«

Er trat zu Marie hin und, neben ihr niederkniend, begann er sie zu untersuchen; aber obwohl er auf die vorsichtigste Art an ihr herumhantierte, stieß sie doch fortwährend herzzerreißende Schmerzensschreie aus.

»Ich sehe die Möglichkeit nicht, sie von hier fortzubringen,« sagte endlich Doktor Perry, nachdem er mit seiner Untersuchung zu Ende war. »Wenn sie bewußtlos wäre, wäre es eher ausführbar, aber offenbar ist sie eines jener starknervigen Individuen, die aus Schmerz nicht ohnmächtig werden. Übrigens soll sie selbst sagen, was sie wünscht. Vom ärztlichen Standpunkte aus ist es einerlei.«

»Muß ich sterben?« fragte Marie, die seinen Worten angstvoll gefolgt war.

»Nun, Sie mögen noch eine Stunde Leben vor sich haben. Wollen Sie hier bleiben oder nach Branscombe-Abtei zurückgebracht werden?«

»Wie können Sie das fragen? Warum sollte ich die Qualen des Fortbringens ausstehen? Aber sterben? Nein, das ist nicht wahr. Der Tod ist etwas Schreckliches« . . .

»Das haben Sie ein paar Stunden früher nicht gefunden,« sagte Doktor Perry mit harter Miene, »der Tod, der Ihnen so schrecklich scheint, muß es auch für den Unschuldigen gewesen sein, den Sie mit so unerbittlicher Konsequenz zu morden trachteten.«

»Es wird Ihnen wohl nicht viel daran liegen, Marie, aber ich bedaure Sie aufrichtig,« ließ sich jetzt Viviane vernehmen.

Marie sah sie halb erstaunt, halb ungläubig an.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie mir verzeihen?« flüsterte sie.

»Wenn Ihnen das eine Beruhigung sein kann, ja. Aber ich denke, ich habe Ihnen gegenüber jetzt nicht mehr das Recht, Verzeihung zu üben. Trachten Sie sie dort zu finden, wo sie einzig von Wichtigkeit für Sie ist.«

»Das würde nichts nützen,« entgegnete das Mädchen leise. »Die Reue einer Stunde kann ein ganzes Leben voll Unrecht und Verbrechen nicht entsühnen. Da Sie allein Mitleid mit mir haben, gewähren Sie mir die eine Bitte, lassen Sie mich bis zuletzt in Ihr Gesicht blicken. Ich sterbe bald – und es tut mir nicht einmal leid, das Leben zu verlassen. Ich habe es nicht so schön gefunden, um daran zu hängen . . .«

Langsam begann die Nacht zu weichen. Wie die Sonne aus rosigen Wolken emportauchte, hob ein tiefer Seufzer Mariens Brust, ihre Glieder streckten sich und ihre Augen brachen im Tode.

Es war Ostersonntag.



Zwanzigstes Kapitel

Das erste, was Viviane tat, sobald sie nach Branscombe-Abtei zurückkehrte, war ein schöner Beweis ihrer großmütigen Gesinnung.

Trotz der Sehnsucht, die sie fühlte, mit ihrem Bräutigam zusammen zu sein, begab sie sich an Smiths Krankenlager.

Die Wärterin saß bei dem Kranken, als Viviane bei ihm eintrat.

Durch die Aufregung und den Schrecken des vorhergegangenen Abends hatte sich während der Nacht wieder Fieber bei ihm eingestellt.

Als er die Tür sich öffnen und seine junge Herrin über die Schwelle treten sah, ging ein Leuchten über sein Gesicht und in seiner schlichten, fraglosen Treue hatte er im Augenblicke all seine Kränkung über ihre Unfreundlichkeit vergessen.

Er hatte sich nach ihrem Anblicke und einem freundlichen Worte von ihr so sehr gesehnt, daß er nun, nachdem ihm beides zuteil geworden, ganz glücklich war.

Als Viviane ihn wieder verließ, begegnete sie in dem Korridor, der zu seinem Zimmer führte, Baron Hochburg.

»Sie waren schon bei ihm?« redete er sie an. »Ich bin eben im Begriffe, mich zu ihm zu begeben, aber ich muß gestehen, daß ich bis jetzt zögerte. Ich werde dem armen Manne nie ins Gesicht sehen können, ohne mich meiner Einbildungen in betreff seiner Person zu erinnern. Ich sage mir: Ludwig von Hochburg, da drinnen liegt ein alter Mann, dem du bitteres Unrecht in deinen Gedanken angetan hast, und es ist deine Pflicht, ihn dafür, wenn durch nichts anderes, so wenigstens durch besonders freundliche Behandlung zu entschädigen. Nun, da ich sehe, wie die ganze Sache sich wirklich verhielt, bin ich verblüfft über meine eigene Dummheit! Außerdem aber ist es mir seit einer Stunde erinnerlich geworden, wo ich die Jungfer, die kleine Marie, sah. Es war in Gesellschaft des Mannes, der der geistige Urheber aller der Attentate auf Iwans Leben war, des Prinzen . . .«

»Nennen Sie den Namen nicht, bitte,« unterbrach ihn Viviane rasch.

»Bis jetzt hat Mister Heathcote es für besser gefunden, uns den wirklichen Namen und Rang Iwans zu verschweigen, und ehe er seine Einwilligung dazu gibt, möchte ich ihn lieber nicht erfahren.«

»Ihre Empfindungen machen Ihnen alle Ehre,« sagte der Baron. »Gestatten Sie mir die Vermutung auszusprechen, daß Mr. Heathcote einem großen, einem sehr großen Glücke entgegengeht. Ist es erlaubt, schon Glückwünsche darzubringen?«

»Sie sind sehr freundlich,« erwiderte Viviane lächelnd, während eine feine Röte in ihre blassen Wangen stieg. »Jedermann mag wissen, daß Mr. Heathcote und ich verlobt sind. Waren Sie jetzt eben bei ihm?«

»Ja. Sie sahen ihn noch nicht, seit Sie zurück sind, und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß es ihm bedeutend besser geht. Was Iwan angelangt, so ist es geradezu merkwürdig, welche Lebenskraft der Junge besitzt.

»Es ist mir mehr wert, der Zeuge von so viel Glück und Freude nach all dem ausgestandenen Leid und der Sorge zu sein, als wenn ich meine geistigen Fähigkeiten wieder zurückerlangt hätte. Wenn wir diesen Franzosen gleich auf die Spur gekommen wären und Vorsichtsmaßregeln gegen sie gebraucht hätten, wären sie aufmerksam geworden, wären vielleicht geflohen, um bei irgend einer späteren unerwarteten Gelegenheit ihren schrecklichen Anschlag um so sicherer auszuführen.«

»Sprechen wir nicht von ihnen,« entgegnete Viviane mit einem kleinen Schauer. »Ich möchte Sie nur um eines fragen: Glauben Sie, daß Laurens wirklich Mariens Onkel war?«

»Ich habe keine Ahnung, wer er eigentlich gewesen sein mag; aber daß er Mariens Onkel nicht war, davon bin ich vollkommen überzeugt.«

»Ich denke, auch recht schlechte und böse Menschen können Liebe empfinden,« bemerkte Viviane sinnend. »Ob diese beiden wohl glücklich gewesen wären, wenn sie gewußt hätten, daß der Tod sie nicht trennen sollte?«

»Das bezweifle ich,« erwiderte der Baron. »Ich bezweifle es entschieden. Ich glaube viel eher, daß jedes von ihnen froh gewesen wäre, zu leben in dem Bewußtsein, daß der andere nicht mehr existiere und ihm nichts mehr anhaben könne. Sie sind ein echtes Weib, und wenn ich das sage, so meine ich damit, daß Sie wahrhaft anbetungswürdig sind – wenn auch manchmal ein wenig zu nachsichtig.«

Lächelnd unterbrach sie mit einer kleinen Bewegung die Vorlesung, die er ihr halten wollte. »Ich will Sie nicht länger zurückhalten von der Erleichterung Ihres Gewissens in bezug auf Smith und ich hoffe, Sie vergessen nicht, daß Ihnen noch ein zweites Sühnopfer darzubringen bleibt. Ihre Entschuldigung Smith gegenüber darf wohl unausgesprochen bleiben, aber ich fürchte sehr, daß Sie sich werden bequemen müssen, die zweite in aller Form vorzubringen.«

»Sie meinen . . .?« fragte Baron Hochburg mit einer etwas übertrieben unschuldig fragenden Miene.

»Ich meine Miß Allerton. Die Art, mit der Sie über Sie herfielen, als Sie sie mit Iwan in dem Schuppen antrafen, war etwas kräftiger Natur. Sie nannten Sie . . . . wie nannten Sie Sie nur gleich . . .?«

»Nun ja . . . ich kann nicht behaupten, daß es Kosenamen waren, die ich ihr gab. Erzählte sie selbst Ihnen davon oder hat Lord Herbert mich verraten? Nun einerlei, denn ich versöhnte mich mit ihr schon während unserer Heimfahrt. Sie sahen sie jedenfalls noch nicht, seit sie zurück ist. Ich versichere Ihnen, daß sie mir durchaus nicht unfreundlich gesinnt ist.«

»Das freut mich,« entgegnete Viviane lachend.

»Sie meinte selber, daß sie es mir gern vergeben hätte, wenn ich sie unschädlich zu machen versucht hätte.«

»Wie lieb sie ist! Ich bin aber doch froh, daß Sie sich nicht so weit hinreißen ließen. Wenn ich Ihnen raten darf, meine ich, Sie sollten Ihren Besuch bei Smith nicht sehr lange ausdehnen; er ist von all der Aufregung und den Schrecken, die er ausgestanden hat, ziemlich unruhig. Sie können ihn ja noch ein andermal aufsuchen, wenn Sie so gut sein wollen.«

»Ganz wie Sie glauben. Und was werden Sie selbst jetzt tun? Sie brauchen etwas Ruhe notwendiger als die anderen.«

»Die will ich mir auch gönnen, sobald ich nur kann.«

»Tun Sie das. Miß Allerton wurde gleichfalls von uns bewogen, zu Bette zu gehen. Dr. Perry ist bei Iwan und meine Frau wacht bei Mr. Heathcote.«

»Ich danke Ihnen, das beruhigt mich; aber ehe ich mein Zimmer aufsuche, muß ich der guten Baronin noch einen kurzen Besuch machen. Ich wüßte wirklich nicht, was ich in diesen schrecklichen Tagen ohne sie angefangen hätte!«

»Ich wüßte nicht, was ich mein Leben lang ohne sie angefangen hätte!« entgegnete der Baron mit warmer Empfindung. »Und ich kann Ihrem künftigen Gatten nichts Besseres wünschen, mein liebes, junges Fräulein, als daß er in Ihnen eine ebensolche Gattin finden möge, wie sie sie mir war und ist.«

Er schüttelte ihr herzlich die Hand bei diesen Worten.

Vorsichtig öffnete sie die Tür von Heathcotes Zimmer und rief leise die Baronin.

»Schläft er?« fragte Viviane. »Nach den Aufregungen und Anstrengungen der vergangenen Nacht muß er wohl ganz erschöpft sein?«

»Im Gegenteile,« erwiderte die Baronin. »Er scheint mir diesen Morgen besser zu sein als seit Beginn seiner Rekonvaleszenz.

»Dann will ich ihn jetzt lieber nicht aufsuchen,« sagte Viviane; »er scheint wirklich von der Krankenliste gestrichen zu sein. Grüßen Sie ihn von mir, bitte, und sagen Sie ihm, daß ich ihn, da er sich nicht länger in seinem Zimmer zurückhalten lassen will, um zwölf Uhr in meinem Boudoir erwarte.«

Sie trat nun noch in Floras Zimmer, die sie aber in festem Schlaf fand, und suchte endlich ihre eigenen Gemächer auf. Sie war furchtbar müde, obwohl sie sich dessen jetzt erst recht bewußt ward, und ihr Kopf hatte die Kissen noch kaum berührt, als sie schon eingeschlafen war. Sie erwachte erst nach elf Uhr vormittags, aber vollkommen gekräftigt und ausgeruht. Rasch erhob sie sich und machte Toilette und begab sich in ihr Boudoir, dessen Schwelle sie mit dem Schlage Zwölf übertrat.

Denzil war schon dort und erwartete sie.

»Meine Geliebte,« rief er. »Wie ewig lange habe ich dich nicht gesehen!«

»Es war dir doch recht, daß ich forteilte, um Iwan und Flora heimzubringen? Du hieltest es nicht für lieblos gegen dich, daß ich der anderen gedachte und ihnen zu Hilfe kam?«

»Mein Schatz! Wie hätte ich anders von dir denken können, als daß du das tapferste, edelste Weib unter der Sonne bist?

»Dieses Geständnis macht mich sehr glücklich. Nun aber noch eine sehr ernsthafte Frage: Hast du, nachdem deine Mission Iwan gegenüber erfüllt ist, noch irgend einen zweiten äußerst triftigen und schwerwiegender Grund, mich – nicht zu heiraten?«

Sie blickte ihn mit lachenden, in Liebe und Schelmerei glänzenden Augen an.

Denzil nickte ernsthaft und meinte:

»Es ist eine bekannte Tatsache, daß große Aufregungen auf manche Menschen geradezu geistesverwirrend wirken. Ich will nicht direkt behaupten, daß die Vorfälle dieser Nacht dich ganz verrückt gemacht haben, jedenfalls aber scheinen die Symptome mir nicht unbedenklich . . .«

»Ich verstehe. Du hast nur nicht den Mut . . .«

»Ich denke, ich habe zur Genüge bewiesen, daß es mir an Mut nicht fehlt. Wenn ich bedenke, was du bist: schön, geistvoll, reich, umworben – und was ich bin: ein Niemand, ohne Vermögen, unbedeutend in jeder Beziehung, dann kann ich wahrhaftig nur über meine Unverfrorenheit staunen.«

»Ich möchte wissen, wer von uns beiden den größeren Unsinn redet? Du liebst mich und ich liebe dich, und wenn wir uns mit gleicher Liebe lieben, stehen wir dann einander nicht auch gleich gegenüber?«

»Mein geliebtes Herz – ich kann den Augenblick kaum mehr erwarten, in dem ich dich vor aller Welt mein eigen nennen darf! Wann wird er endlich kommen?«

»Sobald du willst. Ich bin kein kaum flügge gewordenes junges Mädchen mehr und sehe die Notwendigkeit nicht ein, auf mein Glück länger zu warten, als unvermeidlich ist.«

»Dann willst du also keinen langen Brautstand?«

Er schloß sie fester an sich und ihre Lippen vereinigten sich in einem langen Kusse.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Kurze Zeit nach der fürchterlichen Samstagnacht schien es, als ob Iwans Leben seinen Verfolgern ganz nutzlos abgerungen worden wäre.

Die schrecklichen Aufregungen, Erkältung und körperliche Verletzungen vereinigten sich, um den jungen Mann neuerdings auf das Krankenlager zu werfen.

Am Tage nach seinem Geburtstage hatte er darauf bestanden, ein Testament zu machen, in dem er seinen Besitz an Ländereien in Rußland seinem Onkel mütterlicherseits vermachte, sein ganzes großes Vermögen jedoch bedingungslos Flora Allerton; diese Arbeit aber war das Letzte, dessen er fähig war, ehe er vollkommen zusammenbrach und länger als eine Woche zwischen Tod und Leben schwebte. In diesen Tagen voll Angst und Bangen war Floras Mut und Aufopferung über jedes Lob erhaben.

Endlich kam aber doch der gesegnete Tag, an dem Doktor Perry ihn außer aller Gefahr erklärte, und der Jubel unter denen, die so lange für sein Leben gebangt hatten, war groß. Es wurde an Sergei Katow, Iwans Onkel, depeschiert und er kam mit seiner Frau nach Branscombe-Abtei, und auch Lady Vavasour kam, von Reue über ihre Flucht geradezu zerknirscht, aus London zurück.

Dann trafen die hervorragenderen Mitglieder der Familie der Allertons ein, um Iwans Bekanntschaft zu machen.

Viviane bewog Floras Eltern, dem gewohnten Herkommen entgegenzutreten und Flora bei ihr in Branscombe-Abtei mit ihr zugleich Hochzeit feiern zu lassen, was nach manchem Zögern auch bewilligt wurde.

Lord Herbert harrte getreulich auf seinem Posten aus, solange er sich in Iwans Krankenzimmer nützlich machen konnte, aber, wie es selbstverständlich war, konnte er nicht dazu bewogen werden, bis zu der Doppelhochzeit zu bleiben, und er überraschte einige Tage, bevor sie stattfand, die Gesellschaft mit der Eröffnung, daß er sich am nächsten Tage nach London zu begeben gedenke, um sich, sobald er ausgerüstet sei, in Southampton zu einer Reise um die Welt einzuschiffen. Das Erstaunen und die Bestürzung über diesen unerwarteten Entschluß waren groß, denn jedermann hatte den phlegmatischen, gutmütigen Lord gern, und es war nur Viviane allein, die ihn von seinem Plane nicht abzubringen trachtete, weil sie allein verstand, was ihn dazu bewogen hatte.

Die Hochzeit war für die ersten Tage des Juni festgesetzt, damit Iwan von seiner Erkrankung völlig hergestellt und neu gekräftigt sein konnte; auch hatte Viviane mancherlei Geschäftliches mit ihrem Advokaten zu erledigen, denn eine Millionenerbin verheiratet sich nicht so einfach wie irgend ein kleines Mädchen, das nichts mitbringt als sich selbst.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

In dem Palmenhause, an der Stelle, wo er in Floras Armen fast den Tod gefunden hätte, erging sich Iwan mit seiner Braut am Vorabende vor der Hochzeit und sie plauderten glücklich und vertrauensvoll von der schönen Zukunft, der sie entgegenblickten.

»Es ist fast unglaublich,« meinte Flora, sich an ihn schmiegend. »Wenn ich bedenke, was sich alles ereignete, seit wir uns zum erstenmal auf jenem Balle trafen, so scheint es mir unfaßbar, daß wir heute hier zusammen sind, lebend, gesund und von keiner Gefahr mehr bedroht. Ich wünschte nur, die schrecklichen Erinnerungen würden mich nicht mehr verfolgen. Ich träume noch immer von jener furchtbaren Nacht. Ich glaube, der furchtbare Traum wird mir, solange ich lebe, immer wieder kommen. Und wenn ich dann vor Angst und Entsetzen erwache und mich besonnen habe, daß alles nicht wahr sei, dann liege ich ganz still und bin unbeschreiblich glücklich in dem Gedanken, daß alle Gefahr vorüber und du in Sicherheit bist. Dann schlafe ich wieder ein und träume von dem Glücke, das uns bevorsteht. Und dies ist der Grund, warum ich so oft zu spät zum Frühstück komme,« fügte sie mit vorwurfsvoller Miene hinzu.

Iwan lachte. »Auf keinen Fall darfst du dich morgen verspäten, hörst du? Ich will keinen Augenblick länger, als unumgänglich notwendig ist, auf die Erfüllung meines Glückes warten müssen. Sieh' wie unzufrieden wir Menschen eigentlich sind, mein Liebling. Vor wenigen Monaten konnte ich mir kein größeres Glück denken, als mich deiner Liebe zu vergewissern – nun, da du sie mir geschenkt hast, verlange ich sehnlichst, dich ganz und gar mein eigen zu nennen für immer und immer. Wenn ich dich aber erst habe, dann lasse ich dich keine Stunde lang mehr von mir.«

»Das werde ich mir auch gar nicht verlangen,« flüsterte sie und lehnte den Kopf an seine Brust. »Ich fürchte nur, daß du mich am Ende satt bekommen wirst, ich bin ein kleines, dummes Ding – ich weiß es, und du wirst Geduld mit mir haben müssen. Iwan – wirst du sie nie verlieren?«

»Meinst du das im Ernste?« fragte er und sah sie mit erstauntem und gekränktem Blicke an.

»Ich meine nichts, als daß ich dich liebe wie nichts in der Welt, und daß du das nie, nie bezweifeln darfst.«

»Das werde ich niemals tun, dazu liebe ich selber dich viel zu sehr – du warst es, die einmal Zweifel hegte . . .«

»O bitte, sprich nicht davon – und vergiß nicht, damals, als ich zweifelte, hattest du mir von deiner Liebe noch nicht gesprochen. Jetzt ist es anders!«

»Und wird immer so bleiben?«

»Immer und ewig. Versprich nur du es mir. Viviane sagte, vollkommene Liebe kann nur dort sein, wo vollkommenes Vertrauen ist.«

»Viviane sagt das? Dann ist es gewiß wahr, denn sie – sie weiß alles,« entgegnete er mit ernsthafter Überzeugung, denn er erblickte in der Braut seines Freundes das, was sie ihm wirklich gewesen – seinen Schutzengel in der Zeit der höchsten Not.