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Ilse Frapan – Die Insel der Andren

Märchen

Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin, 2. Auflage 1908, S. 7ff.


Es war einmal ein mächtiger König im Norden, der hieß Okko und hatte Gewalt über Wasser und Land.

Wenn Okko auf den Boden stampfte, dann bebte die Erde, und wenn er feine Hand über die unruhigen Wellen ausstreckte, dann wurde das Meer so glatt wie Öl.

In des Königs Dienst standen zehntausend Bogenschützen, fünftausend in roten, fünftausend in gelben Röcken, die schossen goldene Pfeile von silbernen Bogen, und wenn der König befahl: »Jetzt!« dann flogen die zehntausend goldenen Pfeile alle zu gleicher Zeit von den silbernen Bogen, so daß man nur einen einzigen Pfeil zu sehen glaubte.

Und der König Okko hatte hundert schneeweiße Schiffe mit schneeweißen Segeln, und wenn der Konig befahl: »Jetzt!« dann fuhren alle die hundert schneeweißen Schiffe hinaus in das Meer, und wenn der König rief: ,«Her!« dann kehrten alle die hundert schneeweißen Schiffe zurück in den Hafen und lagerten sich um des Königs Schloß wie schlafende Schwäne.

So gehorsam waren dem König Okko das Land und das Wasser und die Männer alle zu Land und zur See.

Und nur eine war in des Königs Reich, die wollte ihm nicht gehorsam sein, und das war die kleine Prinzessin Doda, König Okkos einziges Kind. Doda war noch klein, nicht höher als der Moosrosenbusch im harten, den Dodas Mutter, König Okkos schöne bleiche Königin, gepflanzt hatte, ehe sie starb. Aber so viel Dornen der Moosrosenbusch hatte, so viel Launen und Einfälle hatte Prinzessin Doda, und die Hofmeister konnten sie nicht regieren. Wenn Doda schlafen sollte, dann sagte sie: »Aber ich bin ja nicht müde!« obwohl sie mit dem Köpfchen schon aus dem Tischrande lag. Wenn Doda essen sollte, sagte sie: »Aber ich habe keinen Hunger!« obwohl sie schon alle Erdbeeren im Garten heimlich gepflückt hatte. Wenn Doda schweigen sollte, dann sagte sie: »gerade jetzt möcht ich singen, die Lerche singt auch den ganzen Tag.« Und wenn Doda ernst sein sollte, dann zeigte sie mit den kleinen rosigen Fingerchen nach dem Taubenschlag: »gerade jetzt möcht ich lachen, die Tauben lachen auch den ganzen Tag.«

So geschah es gar oft, daß die Hofmeister mit Klagen über Prinzessin Doda des Königs Ohr belästigten, so daß König Okko ergrimmte und ausrief: »Was ist denn das? Bin ich nicht der König Okko, dem Land und Wasser gehorsam sind? gehorchen mir nicht zehntausend starke Bogenschützen, fünftausend rote und fünftausend gelbe, so daß sie, wenn ich es befehle, ihre goldenen Pfeile abschießen wie einen Pfeil? gehorchen mir nicht hundert schneeweiße Schiffe mit schneeweißen Segeln, als wären sie lebendig und verständen meine Worte und den Wink meiner Hand? Und nur ein winziges kleines Mädchen, nicht höher als der Moosrosenbusch im Garten, will nicht gehorsam sein? Und dieses winzige kleine Mädchen ist noch dazu mein eigenes Kind?«

Da weinte die alte Amme Margret, die Doda erzogen hatte, und sprach: »O, König Okko, Prinzessin Doda hat so viel Launen wie der Moosrosenbusch Dornen hat, sagen die Hofmeister, aber ich sage dir, sieh auf die Rosen, nicht aus die Dornen! gestern hat die Prinzessin Doda ein rotes Käferlein zertreten, das auf der Straße lief, nur damit es nicht unter den Wagen käme, der schnell daherfuhr.«

Da zwinkerte König Okko mit dem linken Auge, als ob er lachen wolle, und sprach: »Gut gemeint, aber dumm getan! Die Prinzessin hätte sollen das rote Käferlein, das sich gut selber helfen kann, fragen, was es lieber will: vom Schuh der Prinzessin zertreten werden oder seine roten Flügelein aufmachen und surr -- über den Wagen wegfliegen.«

»Einerlei, es war gut gemeint,« sagte die alte Margret, »höre weiter, o König. Heute morgen holte die Prinzessin Doda ein Goldfischlein mit roten Flossen aus der Quelle heraus und legte es auf ein seidenes Bettlein, damit es nicht im Wasser ertrinke.«

Da zwinkerte der König nur dem rechten Auge, als ob er lachen wolle, und sprach wieder: »Gut gemeint, aber dumm getan! Das ist ein Knösplein, aber ein nichtsnutziges, du alte Margret; die Prinzessin Doda hätte sollen das Goldfischlein fragen, wo es lieber sein will: ob im klaren lebendigen Quellwasser oder im dumpfen seidenen Bettlein. Sind das alle Rosen, die mein böses Prinzeßlein trägt?«

Die alte Margret aber weinte noch stärker und sprach: »O, König Okko, Doda ist noch ein kleines Kind. Heute nachmittag aber schnitt sie sich zwei goldene Löcklein ab, um einem Waisenkinde ein Armband zu flechten.«

Da zwinkerte König Okko mit beiden Augen, und sein strenger Mund wurde freundlich. Und er sprach: »Gut gemeint und gut getan! Um dieser Rose willen seien meinem Moosrosenbusch seine Dornen für heute vergeben. Aber sorge dafür, daß die Prinzessin Doda von jetzt an gehorche.«

Und König Okko dachte nach über die Tat der Prinzessin Doda, wie sie sich zwei goldene Löcklein abgeschnitten, um einem Waisenkinde ein Armband zu flechten, und es fiel ihm ein, daß die kleine Doda selber ein halbes Waisenkind sei, seit die schöne bleiche Königin gestorben, und sein Herz wurde weich. Und er herzte und küßte die kleine Doda und saß aus dem Thron mit der Krone aus dem Haupt, und die kleine Doda in ihrem goldenen Kleidchen stand zwischen seinen Knien, und ihre langen blonden Locken verflochten sich in des Königs rabenschwarzen Bart. Und alle, die den König und sein Töchterlein sahen, freuten sich und sprachen: »König Okko ist wie ein dunkler, mächtiger Fichtenbaum, und seine starken Äste schützen unsren Liebling, der zu seinen Füßen aufwächst, unsren Liebling, die kleine Prinzessin Doda.«

Aber als der Abend kam und die kleine Doda schlafen gehen sollte, geschah es, daß sie wieder sagte: »Ich bin ja nicht müde!« und legte das schläfrige Köpfchen gerade in des Königs Teller hinein, also daß die Kartoffeln heruntersprangen und die Bratenbrühe auf die Tafel floß und Dodas goldenes Kleidchen beschmutzte.

Da ergrimmte der König wie nie zuvor und rief: »Ungehorsam bleibt Ungehorsam! Wer nicht gehorchen kann, den muß man zwingen. Ruft mir zwei Bogenschützen her, einen roten und einen gelben!«

Und als die zwei Bogenschützen erschienen, befahl ihnen der König so: »Nehmt dies winzige kleine Mädchen, das nicht gehorchen will, obgleich es nicht größer ist als der Moosrosenbusch im Garten, nehmt es in eure Mitte. Du, Roter, fasse sie an dem rechten Händchen, du, Gelber, fasse sie an dem linken Händchen, und wenn ich rufe: Jetzt hin! dann führt mir die Prinzessin die lange, lange Straße zum Hafen hinab, wo meine hundert schneeweißen Schiffe liegen, und wenn ich rufe: Jetzt her! dann führt mir die Prinzessin die lange, lange Straße wieder herauf. Und so immer, immerfort, hin! her! hin! her! bis sie ganz müde geworden ist und selber bittet: Legt mich in mein weich -- weiches Bettchen!, Ich will doch sehen, ob Prinzessin Doda nicht gehorchen lernt!«

Und König Okko kommandierte: »Jetzt hin!«

Da schritten der rote und der gelbe Bogenschütz aus und zogen die kleine Prinzessin mit, so schnell, daß die alte Amme Margret, die weinend herzulief, nicht nachkommen konnte. Doda aber war ungebärdig und schämte sich sehr.

Und der König, als er sah, daß die kleine Doda zwischen dem roten und dem gelben Schützen klein, klein geworden war wie ein blankes Pünktchen, rief mit starker Stimme: »Jetzt her!« Da kamen der rote und der gelbe Schütz mit der kleinen Prinzessin die lange, lange Straße wieder herauf und standen alsbald vor dem königlichen Schlosse.

»Nun, Doda, wie ist's?« fragte König Okko und zwinkerte mit dem linken Auge, als ob er lachen wollte, »willst du jetzt in dein weich -- weiches Bettchen gehen?«

Aber die kleine Prinzessin, obwohl sie kaum noch auf den Beinchen stehen konnte, antwortete wieder: »Ach, ich bin ja gar nicht müde!«

»Gut!« sagte König Okko, »los! hin!« und flugs führten der rote und der gelbe Bogenschütz die kleine Doda wieder die lange, lange Straße hinab. Aber sie war immer noch ungebärdig und schämte sich sehr, und ihre zwei Händchen lagen wie zwei nackte zitternde Vögelchen in den Händen der beiden Soldaten, die sie nicht festzuhalten wagten.

Und wieder wurde Doda für König Okkos Augen klein, klein wie ein blankes Pünktchen, und er schrie: »Jetzt her!« Da führten der rote und der gelbe Bogenschütz die kleine Prinzessin durch die lange, lange Straße wieder vor das königliche Schloß. Und wieder fragte König Okko und zwinkerte mit dem rechten Auge, als ob er lachen wollte: »Nun Doda, bist du jetzt müde?«

Aber Doda, obgleich sie fast umfiel, antwortete abermals: »Nein, ich bin nicht müde.«

»Gut!« schrie König Okko, und seine Augen zwinkerten nicht mehr, sondern blitzten zornig, »los! hin!« und derselbe Spaziergang begann von neuem.

Und so lief die kleine Doda sieben mal sieben mal die lange, lange Straße zwischen dem roten und dem gelben Bogenschützen hinab und herauf, und ihre Beinchen schleiften nur so über den Boden hin, und ihr Köpfchen schaukelte auf dem Hälschen wie eine Wasserrose auf dünnem Stengel, und ihre Augenlider klappten auf und zu wie die Flügel des Schmetterlings, wenn er müde ist. Und sie rieb ihre Äuglein, denn sie dachte, es sei ein Sandkorn hineingeflogen. Aber jedesmal, wenn Doda wieder vor König Okko stand und gefragt wurde: »Nun, Doda, bist du müde?« riß sie mit Gewalt ihre Äuglein auf und erwiderte: »Nein, ich bin nicht müde.«

Da verlor König Okko die Geduld, und er ergrimmte so wie nie zuvor in seinem Leben. Seine Stirn wurde rot, und mit zorniger Stimme ries er aus: »Was ist das?« Bin ich nicht König Okko, dem Land und Meer gehorchen und alle Männer zu Wasser und zu Landen? Und einzig dieses böse kleine Ding, nicht höher als der Moosrosenbusch im Garten, will mir trotzen?« Nehmt sie und werft sie ins Meer!«

Da erschraken die beiden Bogenschützen und baten um Gnade, und alles Volk erschrak und bat um Gnade, aber König Okko blickte nur die kleine Doda an und fragte drohend: »Nun, Doda, wie ist's, willst du auch um Gnade bitten?«

Aber Doda sah vor sich das blaue warme Meer, das schimmerte so weich wie Atlas und Seide, und darüber an seinem Rand stand die liebe Sonne wie eine glühende Mohnblume auf goldenem Stengel, und sie streckte ihre Ärmchen nach dem schönen Wasser aus und sagte: »Nein, ich bin nicht müde!«

»Werft sie ins Wasser! werft sie ins Wasser!« schrie der König wild, und seine Stimme klang wie die Stimme des Löwen, wenn er gereizt wird.

Da weinten die Bogenschützen, und alles Volk weinte, und König Okko hielt noch einmal inne. Er blickte Doda mit funkelnden Augen an und rief: »Weinst du, Doda?« Dann will ich dir vergeben.«

Und alles Volk rief: »Weine! weine! liebe kleine Doda! Weine, damit dir der König verzeiht.«

Aber Doda schlug ihre blauen Augen furchtlos zum König auf und sagte: »Nein, ich weine nicht.«

Da wollten die Bogenschützen sie ergreifen und ins Meer werfen, aber die kleine Doda war schneller. Sie schlenkerte ihre Händchen los und warf ihr weißes Tüchlein ab, und ehe sie jemand anrühren konnte, wurde das Tüchlein zu einer weichen weißen Wolke, und Doda saß oben darauf wie auf einem Wagen, und ein warmer Wind kam geflogen und blies die kleine Prinzessin auf der Wolke durch die blaue Luft über das blaue Meer hinaus, schneller als die Augen ihr folgen konnten.

Als das König Okko sah, wurde er sehr betrübt, und er nahm hundert Bogenschützen und setzte sich mit ihnen auf das schnellste der schneeweißen Schiffe und segelte der Prinzessin nach. Und die neunundneunzig andren Schiffe des Königs segelten hinterher, so daß es wie ein Kriegszug aussah. Und der König befahl: »Bogenschützen, zielt auf die weiße Wolke, damit die Wolke herunterfällt!« und er stand barhäuptig im Schiffe und breitete seine Arme aus und wollte Doda in seinen Armen auffangen, wenn sie herabfiele. Aber die goldenen Pfeile schnellten umsonst von den silbernen Bogen, denn ferner und ferner schwebte die weiße Wolke, die die Prinzessin trug. Jetzt war sie noch so groß wie eine weiße Taube, jetzt nur noch so wie ein weißer Schmetterling, jetzt war sie wie ein Sonnenstäubchen, und jetzt -- jetzt war sie ganz verschwunden.

Da ergrimmte König Okko gegen seine Bogenschützen und sprach: »Was nützen euch goldene Pfeile und silberne Bogen? Ihr habt doch allesamt vorbeigeschossen. Hinfort sollt ihr mit eisernen Pfeilen von hölzernen Bogen schießen.«

Und als er seine schneeweißen Schiffe ansah, ward er traurig und sprach: »Ihr sollt alle schwarz angemalt werden und schwarze Segel bekommen anstatt der weißen, denn ihr habt meine Prinzessin Doda nicht einholen können.«

Und mit gesenktem Haupt kehrte der König in sein Schloß zurück und wollte mit keinem Menschen reden, und es ward eine große Trauer im Lande. Und der König saß einsam auf seinem Thron und konnte nicht begreifen, was geschehen war, und sprach zu sich selbst: »Was ist das? Nun habe ich mein einziges liebes Kind verloren; weggeflogen ist sie auf einer weißen Wolke. Wer wird jetzt zwischen meinen Knien stehen und sein blondes Köpfchen an meinen schwarzen Bart lehnen? Wer wird mich küssen, wenn ich morgens aufstehe und abends, wenn ich mich schlafen lege?«

Und König Okko ging in den Garten. Da hörte er lautes Weinen. Das war die alte Amme Margret, die Prinzessin Doda aufgezogen hatte, die lag auf den Knien vor dem Moosrosenbusch und sprach: »O, König Okko, sieh her! Alle Bäume und Blumen des Gartens haben trockene Blätter, denn es ist lange kein Regen gefallen, aber dein Moosrosenbusch steht in Tränen, und aus allen Knospen hangen die Tränentropfen. Die Knospen weinen, daß du keine Geduld hast, zu warten, bis sie Rosen werden? Warum hast du keine Geduld gehabt mit Prinzessin Doda, daß ihre Rosen ausblühen? »

Da fühlte der König, daß die alte Margret recht hatte, aber er wurde wieder zornig und sprach: »Was verstehst du davon, du alte Margret! Die Prinzessin Doda sollte gehorsam lernen, ich habe es gut gemeint.«

»Gut gemeint, aber dumm getan!« rief die alte Margret.

Da ließ sie der König greifen und in den Turm setzen, und niemand durfte mehr den Namen »Doda« aussprechen, um den König nicht an sein verlorenes Kind zu erinnern. Aber die Mütter erzählten heimlich in der Dämmerstunde ihren Kindern von der verlorenen Prinzessin Doda, und wenn die Kinder ein weißes Wölkchen am Himmel sahen, dann riefen sie: »Da fliegt die Prinzessin Doda, die Sonne scheint auf ihr goldenes Haar!« und sie warfen Grüße hinauf in die blaue Luft.


* * *


Und die kleine Doda war wirklich fortgefahren auf ihrem Wolkenwagen, weit, weit, unendlich weit. Und es war ihr lustig, so durch die blaue Luft zu segeln im warmen Sonnenschein, und sie jauchzte vor Freude und bewegte ihre Arme wie kleine junge Flügel, die noch nicht recht flattern können, und rief: »Schneller! schneller! lieber Wind!«

Und die Wolke unter ihr begann zu summen und sang:

»Wind! Wind! Windchen!
Schaukle mir mein Kindchen!
Schneller als der Atem geht!
Schneller als der Tanz sich dreht!«

Da blies der Wind schneller und wirbelte die kleine Wolke herum, und Doda jauchzte immer lauter, aber zuletzt ward sie so schnell herumgedreht, daß sie ganz außer Atem kam und bitten mußte: »Leise, leise! lieber Wind!«

Und die Wolke unter ihr begann wieder zu summen und sang:

»Wind! Wind! Windchen!
Leise trag mein Kindchen!
Wo das grüne Gräschen weht
Blume neben Blume steht!«

Da wurde der Wind ganz sanft, ganz sanft, und die Wolke blieb stehen über einer wunderschönen grünen Wiese, die war eingefaßt von großen herrlichen Bäumen und lag wie eine siebenfarbige Muschel mitten im blauen Meer. Und Doda blickte hinab und sah das grüne Gräschen wehen, sah Blume neben Blume stehen, und bittend streckte sie die Händchen aus. Da senkte die Wolke, die sie trug, sich tiefer und tiefer und zerschmolz wie weicher Schnee, und die kleine Doda saß mitten im langen hellgrünen Grase wie auf weichem Samt. O, wie schön war es da! Alle Blumen des Frühlings hatten sich aufgetan; die Blauveilchen öffneten ihre kleinen duftenden Schalen mit dem goldenen Zierat gerade in der Mitte, die Himmelsschlüsselchen hielten ihre halbdurchsichtigen gelben Tellerchen offen, die Krokus boten goldigrote und weiße Becherchen dar, die weißen Anemonen entfalteten ihre zehnstrahligen Sternchen, und die blauen Träubelchen schaukelten einen zierlichen Stab voll wunderschöner blauer Perlen. Ein Bienchen, braun mit goldgelben Haaren, summte vor Blauveilchens Schale, als bäte es erst um Entschuldigung, wenn es vielleicht nicht zart genug sei, um aus dem duftenden Kelche zu trinken. Dann kroch es hinein und schluckte sich satt an dem süßen Saft, und Doda sah, wie sein kleiner Körper vor Wohlbehagen zitterte. Und Prinzessin Doda war fröhlich und spielte mit den Blumen und legte ihr rotes Bäckchen ins Gras und ließ es von den zarten Halmen liebkosen. Und sie streichelte und liebkoste auch alle Blumen und alle Bäume auf der wunderschönen Insel und flocht Zöpfchen aus den grünen Haaren der Weide und fragte sie, ob das nicht schön sei. Und als sie einen großen dunklen Baum erblickte, der mitten auf der schönen Insel stand und mit seinem spitzigen Wipfel die Wolken trug, umfaßte Doda seinen glatten Stamm mit beiden Armen, soweit sie konnte, und fragte den Baum, der sehr klug und ehrwürdig aussah: »Lieber Baum, bist du der König hier?«

Aber der Baum schüttelte ernst seine Krone, und es wurde der kleinen Doda auf einmal so einsam, so einsam.

Doda lief zu dem sanften Weidenbaum, der so zärtlich sein grünes Haar bis auf die Gräschen herunterflattern ließ, umfaßte seinen Stamm und fragte: »Lieber Weidenbaum, sag mir, wo sind die Kinder? Sind keine Kinder hier?«

Da begann der Weidenbaum leise zu säuseln und sang:

»Tausend Kindlein liegen
In den bunten Wiegen.
Was noch schläft, erwacht!
Hab nur acht!«

Und Doda hörte, was der Baum säuselte, aber sie konnte es nicht glauben, denn nirgends war eine Wiege mit einem Kindlein zu sehen. Sie suchte auf dem Hügel, sie suchte am Fuße der großen Bäume, sie suchte in den Zweigen, sie suchte an dem klaren kleinen Murmelbach, in dem der Weidenbaum und seine Geschwister ihr grünes Haar badeten. Und wie sie ganz verwundert und verloren gerade da, wo sie stand, die langen Gräser auseinanderbog, o -- was erblickte sie da! Ganz in das grüne Moos geschmiegt und aus grünem Mooszweigelein geflochten stand eine winzig kleine goldgrüne Gitterwiege da, nicht größer als eine Gurke, und darinnen schimmerte unter zarten seidigen Decken etwas Rosiges und Weißes, und als Doda niederkniete und es genau betrachtete -- da war es ein wunderliebliches Kindlein mit blonden Löckchen und festgeschlossenen Augen, das leise atmete und schlief!

Da jauchzte Doda laut auf und sprang in die Höhe und streckte beide Hände aus, um das reizende Wunder aus seiner Wiege zu nehmen. Aber plötzlich erhielt sie von unsichtbarer Hand einen Schlag auf die Finger, und der Weidenbaum säuselte wieder:

»Tausend Kindlein liegen
In den bunten Wiegen.
Was noch schläft, erwacht!
Hab nur acht!«

Doda war von dem unsichtbaren Schlag zurückgefahren, und ganz erschrocken sah sie vor sich nieder. Siehe, da stand wieder vor ihr eine kleine goldgrüne Mooswiege, und durch das Gitterlein schimmerte abermals ein rosiges Kindlein in weißem Kleide, und gerade wie Doda sich darüber beugte, bewegte es ein klein, klein wenig die Augenlider, als ob es die Augen aufschlagen wollte.

O, wie jauchzte die kleine Doda! Schon wollte sie zugreifen und das liebliche Kindlein küssen, da bekam sie einen unsichtbaren Schlag auf die Finger und fuhr zurück. Und nun verstand sie erst, was der Weidenbaum säuselte:

»Tausend Kindlein liegen
In den bunten Wiegen.
Was noch schläft, erwacht!
Hab nur acht!«

»Sind es wirklich tausend Wiegen? Werden die Kinder bald aufwachen?« fragte Doda; da sah sie schon wieder solch ein Moosbettchen stehen, und das liebliche Kindlein, das in einem zartblauen Kleide darin lag, dehnte sich ein wenig und spitzte den kleinen roten Mund. Und wieder eine Wiege, darin lag eins im roten Kleidchen wie eine frische Kirsche, das hob schon das rechte Ärmchen ein wenig, und wieder eins lag in einem sonnengelben Röckchen da, und die fünf zierlichen Fingerchen der rechten Hand spreizten sich sachte auseinander. Und wieder ein andres, das hatte rote und weiße Streifchen am Kleid und hob schon beide Ärmchen in die Höhe, und wieder eins war gekleidet wie die rosenrote Abendwolke, das schlug weit und groß zwei dunkelblaue Äugelein auf. Und Doda ging von einer zur andren wie verzaubert vor Freude und wartete, was nun kommen würde.

Und die Sonne über dem blauen Meer gab einen tiefen feierlichen Orgelton von sich, ja, es war die Sonne selbst, die sang:

»Vorüber die Nacht!
Erwacht! erwacht!

Da begann ein Dehnen und Recken in all den kleinen Wiegen, und zarte Augenlider schlugen sich auf, und blonde und braune und schwarzhaarige Köpfchen erhoben sich über den Bettrand, und überall streckten sich rosige Ärmchen und Fingerchen hervor, und plötzlich, wie mit einem Ruck, waren auch alle die Füßlein los, und neben jeder nun leeren Wiege stand ein nur spannenhohes, überaus liebliches Kindlein und versuchte zaghaft die ersten Schritte. Das war ein Gewimmel und eine Lust auf der eben noch so stillen Wiese! Doda wünschte sich hundert Augen, um nach allen Seiten zu sehen, was die Kleinen machten. Aber wie erstaunte sie, als sie sah, daß sie schneller als ein eigelbes Küchlein das Laufen lernten, daß sie sich geschickt auf den weichen Sohlen im Gleichgewicht hielten, und daß, wenn eins hinpurzelte, es sogleich, ohne zu schreien, mit fröhlichem Lächeln wieder aufstand. Und ehe sich es Doda versah, kugelten, hüpften, tänzelten alle die Kleinen zwischen den Veilchen und Himmelschlüsseln, zwischen den Anemonen und Träubelchen durcheinander; einige guckten neugierig in die Blumenkelche hinein, andre versuchten über einen Maulwurfshaufen zu springen, einige zwitscherten wie die Vögelein, die vorüberfliegend zutraulich zu ihnen herunterkamen und sie mit ihren runden schwarzen Augen ohne Furcht ansahen, andre versuchten auf einen Baumast zu klettern und wiegten sich bald da droben, mit beiden Händen sich haltend, in der lustigen grünen Schaukel. O, der Jubel und das silberhelle Gelächter unter all den zierlichen Kleinen auf der wunderschönen Insel! Nun reichten sich viele die Händchen zum Reigen und tanzten über das weiche Gras, und die Halme bogen sich nicht, so leicht waren ihre Schritte. Aber mit Erstaunen sah Doda, wie sie größer wurden, schon waren sie so groß wie zweijährige Kinder, nur leichter und zarter, und in ihrem Kleidchen von wunderbaren, leuchtenden und sanften Farben waren sie Blumen und Schmetterlingen ähnlich. Auf einmal beugten sich die Kindlein zu dem Rasen nieder, auf dem ihre Wiegen schon ganz verschwunden waren; da quoll es überall aus dem Boden, weiß und schwarz und gelb und braun, lockig und weich, wie wollige Flöckchen. Und die Flöckchen wurden groß, so groß wie eine Hand, und es zeigten sich runde Köpfchen und runde Augen und rote Zünglein, und die Beinchen wurden frei, da waren es die wunderniedlichsten Hündlein mit schwarzen Locken, mit braunen und mit schneeweißen Locken; die begannen alsbald in die Höhe zu springen und die Kinder mit liebkosendem Bellen zu begrüßen, und es schwänzelten unzählige Schwänzlein, und es wackelten unzählige Öhrlein, und die Stimmen der Kinder wurden ein helles Gejauchze und mischten sich mit dem Freudengebell der Hündlein, und sie spielten miteinander, jagten sich, haschten sich, und wenn ein Kind müde war und sich ins Gras legte, gleich legte sich ein Hündchen daneben, küßte ihm die Hände und wollte auch mit da liegen und auch mit schlafen.

Und die Tage vergingen, ohne daß Doda es bemerkte, und sie sehnte sich nicht zurück zu ihrem früheren Leben und zu ihrem Vater. Jeden Tag aber wuchsen die Kinder, und eines Tages, als sich Doda den Schlaf aus den Augen rieb, sah sie, daß auf dem Grase keine Veilchen und Anemonen mehr blühten, und daß aus den kleinen Kindern wunderschöne Knaben und Mädchen geworden waren; sie hießen aber nicht Knaben, sondern Sonnenseelen, und sie hießen nicht Mädchen, sondern Mondseelen. Die Sonnenseelen hielten die glänzenden feurigen Augen nach oben gerichtet und betrachteten die Wolken am Himmel und die Vögel, die da flogen, und den Zug des Windes; die Mondseelen blickten aus sanften zärtlichen Augen auf die Erde und liebkosten mit ihren Blicken alle die Tierlein und alle die Blumen; mit ihren Händchen umschlossen sie das kleinste Samenkorn und legten es in die Erde; oft hielten sie sich zärtlich umschlungen und tanzten mit den Schatten und mit ihren Hündlein unter den blühenden Rosen der Insel.

Denn die Rosen hatten zu blühen angefangen, und die Halme trugen vielfedrige Blütchen, und die Blätter der Bäume wurden groß und üppig, und über die Insel schwebte wie eine Wolke ein nimmer endender Gesang. Stets waren es die Sonnenseelen, die den Gesang begannen, feurig und stark; und innig summten die Mondseelen ein, so als hätten sie alle von der Nachtigall gelernt.

Doda aber wollte wissen, was sie singen, da horchte sie manchen Tag, und allmählich verstand sie ihre Sprache. Und als sie die Sprache der Sonnenseelen und der Mondseelen verstand, da hörte sie wunderbare Dinge. Sie sangen aber so:

»An einem Tag geboren
Aus tausend grünen Nestern,
Wir Brüder und wir Schwestern
In unseren Blumenkleidern,
Wie sind wir wundergleich.«

Da fiel es Doda erst ein, daß sie ja alle, alle ganz von gleichem Alter waren, und daß, wie sie vorher zusammen klein gewesen, sie jetzt zusammen groß geworden, so daß es kein einziges Kindlein mehr auf der Insel gab und keinen Vater und keine Mutter, und daß sie alles, was sie taten, das Singen und Springen, das Tanzen und Klettern, ganz allein gelernt hatten, so wie die Blumen das Blühen lernen und die Hündchen das Liebsein und Liebhaben. Und Doda sah, daß auf der schönen Insel kein Haus stand, und daß es da keine Mauern gab und keine Felder, und sie dachte an die große weiße Stadt, wo ihr Vater, der König Okko, wohnte, und an die große Kirche mit der silbernen Kuppel, von der ihr die alte Margret erzählt hatte, daß sie sehr alt sei, und daß sie von dem Urgroßvater des Urgroßvaters von König Okko erbaut worden war.

Und ein Gefühl von Furcht und Einsamkeit kam über Doda mitten auf der wunderbaren Insel, in dem unendlichen Blühen und Duften und zwischen den singenden und tanzenden Mond- und Sonnenseelen.

Aber schnell verschwand Dodas Furcht, denn immer Schöneres und Seltsameres begab sich vor ihren Augen. Während des Tanzes nämlich schossen die zarten Mondseelen immer höher vom Boden auf, und plötzlich entsprossen an ihren Rücken zwei kleine Flügel, bunt und schillernd, mit bunten Augen und seltsamlichen Zeichen und wuchsen und wuchsen wie die Flügel des Schmetterlings, der eben aus der Puppe gekrochen ist. Und siehe da -- auch die Sonnenseelen wollten nicht zurückbleiben, auch sie erhielten Flügel, aber größere und stärkere, und sie prangten in den Farben des Regenbogens.

Jetzt begann ein süßer wilder Taumel sie alle zu erfassen; sie haschten einander, bald auf, bald über der Erde; jede Sonnenseele umarmte eine Mondseele, und mit verschlungenen Armen, wie Blumen vom Stengel gelöst, stiegen sie mit jubelndem Gesang in die Höhe, hoch, hoch zu den weichen taubenfarbigen Wolken. Überall von dort oben blickten ihre rosigen Köpfe, ihre bebenden Flügel, ihre leuchtenden Gewänder, ihre Hände voll Rosen hervor.

Da warf sich Doda auf den Rasen, der in lange Ähren und Rispen geschossen war, und sie sah ihnen nach, den Entschwundenen, und grämte und fürchtete sich. Und um sie sammelten sich alle die Hündlein und bellten und winselten traurig nach oben und machten Luftsprünge nach ihnen und schnappten und jappten und leckten begierig Dodas Hände, als wollten sie sie trösten und sich mit ihr zusammen hinsetzen und trauern, daß sie nicht mitgenommen worden in die weichen taubenfarbenen Wolken, aus denen unaufhörlich jauchzende Lieder und silbernes Gelächter ertönte. Und unter den Liedern blühten die großen weißen Lilien auf und erfüllten die Insel mit ihrem starken schwülen Duft, und die Sonne brannte heiß, und die Erdbeeren im Grase und die Kirschen an den Bäumen färbten sich rot, und die blauen Pflaumen und die goldgelben Aprikosen bekamen purpurne Bäcklein, und überall in den Nestern piepsten die jungen Vögel.

Aber im grünen Haar des sanften Weidenbaumes stand ein einziges gelbes Blatt und sang:

»Sternensaat zu sammeln
Sind sie ausgeflogen:
O du schöner Bogen,
Du bist hochgespannt!
Wenn die Wolken brechen,
Taumelnsie hernieder,
Nie auf Flügeln wieder
Fliehn sie über Land!«

Da wurde die Hitze dumpfer und schwüler, und die Sonne verschwand hinter den Wolken, die sich schwarz und dunkelblau übereinander auftürmten und schwer und drohend über den Kronen der Bäume hingen. Und plötzlich begann aus den gelbgesäumten Gewitterwolken ein blauer zackiger Blitz nach dem andern zu fliegen, und die Bäume neigten sich, und ein dröhnender Donner schmetterte dem andern nach. Aber zwischen dem Blitzen und Donnern ertönte immer lauter, immer glühender, immer entzückter der selige Gesang der geflügelten Sonnen- und Mondseelen, die droben über den Wolken die Sternensaat sammelten. Da konnten sich die Bäume nicht mehr halten, sie fingen an zu rauschen, da schäumten die Wellen und tanzten im Meer, da nickten und klingelten die Blumen und Halme mit all ihren feinen Glocken und Glöcklein, da konnten die jungen Vöglein schon singen, und die reifen Früchte sprangen mit Fröhlichkeit von den Bäumen, und im Fallen öffneten sie sich, und ihre glänzenden Kerne streckten gleich Würzelein aus in den grünen Boden.

Und noch ein mächtiger Donnerschlag, dann war's vorüber. Groß und leuchtend trat wieder die Sonne hervor, und gleich nach ihr kam der Mond herauf, leuchtend blau wie eine zweite Sonne, und der Himmel wurde abendlich dunkel, und große Sterne kamen, und rund um die Insel flammte es durch die warme weiche Nacht wie ein unaufhörliches Wetterleuchten. Und wie eine bunte Flamingoschar kamen plötzlich die Entschwundenen zurückgeschwebt auf die duftende Insel. Immer noch hielten sie sich paarweise umschlungen, und ihr Gelächter tönte durch die Nacht. Aber es ward leiser und leiser, und allmählich war es nur noch ein leichtes Geraune, und nun sah Doda ihr heimliches Tun. Sie standen unter den fruchtschweren Bäumen, die Augen nach oben gerichtet, und der Mond spielte auf ihren süßen weißen verklärten Gesichtern. Sie hielten die Hände offen hinaus, als ob sie etwas auffangen wollten, und auf einmal sah Doda, wie die Sternensaat von oben in leuchtenden Körnchen herunter und in die geöffneten Hände sank. Was werden sie tun mit der Sternensaat? dachte Doda und blickte voll Freude zu. Die Mondseelen hielten die blinkenden Körner mit ahnungsvollem Entzücken, die Sonnenseelen beugten sich darüber und küßten sie, und dann wählten sie den weichsten Rasen, das grünste Gras, und langsam, feierlich, Körnchen um Körnchen, streuten sie die Sternensaat hinein. Und dann fielen sie auf die Knie und küßten den Platz, wo die Saat aufsprießen sollte, und das gelbe Blatt am Weidenbaum sang:

»Wir säen Sternensaat
Ins Gras zu unsern Füßen,
Wir sehen sie nicht sprießen,
Die ferne Saat.«

»Klingt das Lied des gelben Blattes traurig?« fragte Doda, und es war ihr, als möchte sie weinen.

Aber sie hatte nicht Zeit dazu, denn schon war es heller Tag wieder, und auf der Insel wimmelte es von den Heimgekehrten. Sie waren aber nicht mehr so fröhlich, ihr Aussehen war ernster, und all die bunten Schmetterlingsflügel und Regenbogenschwingen waren ihnen abgefallen und bedeckten den Rasen wie rotes und gelbes Herbstlaub. Und während Doda auf sie hinsah, bemerkte sie, daß auch die leuchtenden Kleider abgeblichen und fadenscheinig geworden, und daß sie Risse und Löcher bekommen hatten, und auch die roten Rosen und die weißen Lilien und die bunten Nelken waren verdorrt, und in der Weide und den andren Bäumen standen auf einmal viele, viele gelbe Blätter. Nur spärlich und vereinzelt klang Gelächter und Gesang. Und selbst die Hündlein waren alt geworden, sprangen nicht mehr so ausgelassen um ihre Herren herum, sondern gingen ruhig und ein wenig müde hinter ihnen her. Sie selber aber, die Sonnenseelen und die Mondseelen, bekamen stille, ernste Gesichter, ihre Bewegungen wurden langsam, und größer als vorher schienen die Augen mit den fragenden Blicken.

Und die gelben Blätter fielen langsam zu Boden, bedeckten den grünen Rasen, bedeckten die Sternensaat. Und zwischen den gelben Blättern und den dürren Bäumen wandelten müde die Sonnenseelen, jedes allein, und weit von ihnen entfernt schlichen verblaßt und zitternd die schönen Mondseelen, und ihre langen Haare waren so weiß geworden wie ihre Kleider, die auch alle Farbe verloren hatten. Und zwischen all den alten müden greisenhaften Leutchen, die nicht mehr sangen und nicht mehr sprangen, kaum mehr sprachen, kaum mehr lachten, schleppten sich die alten Hündchen mit heraushängenden Zungen, mit nachgezogenem Schweif, aber immer noch die treuen Augen auf ihre Herren gerichtet, schwanzwedelnd und liebkosend, sobald eine Hand sie streichelte.

Da konnte Doda es nicht länger mehr ertragen, die stumme hoffnungslose Traurigkeit mit anzusehen. Ach, wenn doch fröhliche Kinder um die armen schönen Seelen her spielten! Wenn sie doch nur nicht alle, alle am gleichen Tage geboren wären! Was erst so lieblich war, nun ward es trostlos und trübe. Und durch die Luft flirrten weiße Schneesternchen, die sangen mit klagender Melodie:

»An einem Tag geboren
An einem Tag verloren,
Wir Brüder und wir Schwestern
Wie sind wir still und alt.«

Und plötzlich bemerkte Doda, daß eine der Sonnenseelen auf der Stelle, wo sie stand, wankte und zitterte und taumelnd ins Gras sank. Und der Rasen tat sich unter ihm auf, nur eine kleine Spalte breit, und verschlang den Gestorbenen, und frierend und fröstelnd, in ihre verblaßten Kleider gehüllt, warteten die andren mit gesenkten Köpfen, daß auch sie an die Reihe kommen würden, in der stillen Erde zu verschwinden. Da fiel Doda auf die Knie und weinte laut. »So lange, lange bin ich fort von meinem lieben Vater,« rief sie, »ach, vielleicht wankt auch er schon alt und greisengrau unter den dürren Bäumen, und kein Kind tröstet ihn, und nur sein treues Hündlein schleppt sich mühsam an seiner Seite hin! Ich will zurück! zurück zu meinem Vater! Lieber Wind, ich bin groß geworden, kannst du mich noch heben? komm und hebe mich! Liebe Wolke, ich bin kein kleines Kind mehr, kannst du mich noch tragen? komm und senke dich nieder! Lieber Mond, schicke du einen langen, langen Strahl, und laß mich auf ihm entlang fahren, denn ich muß noch heute, noch heute bei meinem lieben Vater sein!«

Da kam der Wind und hob Doda auf; da kam die Wolke und senkte sich nieder; da schickte der Mond seinen langen, langen Strahl, und Doda fuhr auf ihm entlang, während hinter ihr eine der Seelen nach der andren ins Grab sank, und das Häuflein der müden Greise unterm dichten Schneegestöber zitterte. O, die traurige Greiseninsel unter dem kalten Schnee! So groß war Dodas Traurigkeit, daß sie noch einmal ihren Mondstrahl anhielt und den greisen Seelen das Trostlied des Weidenbaumes vorsang:

»Tausend Kindlein liegen
In den bunten Wiegen.
Was noch schläft, erwacht!
Hab nur acht!«

Aber die greisen Seelen hörten nicht auf sie, sie konnten nicht warten, sie konnten nicht achthaben, bis die tausend Kindlein im neuen Frühling aus ihren bunten Wiegen springen würden. Schläfrig surrten sie weiter des trüben Schlafgesanges letzte Worte:

»Wie sind wir still und alt!
Wie sind wir still und alt!«

und sanken in den Schnee.

Da weinte Doda von neuem und rief: »Schnell, schnell! ehe es zu spät ist! Noch heute, noch heute muß ich bei meinem Vater sein!«

Und schnell, unendlich schnell glitt der Mondstrahl über Meer und Land. Nun stand er schon über dem Hafen, wo all die hundert schwarzen Schiffe mit den schwarzen Segeln lagen. Nun stand er über der alten Kirche mit der silbernen Kuppel, die der Urgroßvater von König Okkos Urgroßvater erbaut hatte, nun über dem Königspark, wo der Moosrosenbusch stand, den Dodas Mutter, die schöne bleiche Königin, gepflegt hatte, ehe sie starb, und nun senkte sich der Strahl vor dem Tor des königlichen Schlosses, um das wie eine zehnfache Mauer die Bogenschützen im Schlafe lagen, die hölzernen Bogen neben sich und den Köcher mit den eisernen Pfeilen. Und atemlos von der Fahrt trat Doda in die Halle, da war alles schwarz ausgeschlagen, und die Wachen hatten ängstliche Gesichter und flüsterten miteinander. Und Doda trat zu einem der Wächter und fragte: »Warum ist alles schwarz ausgeschlagen? Warum haben die Wächter so ängstliche Gesichter und flüstern miteinander?« Da sagte der Wächter: »Seit König Okko seine Tochter verloren hat, ist Trauer im Lande. Und die Leute flüstern, daß wir noch andre Trauer bekommen werden, denn der König ist krank und wird vielleicht schon in dieser Nacht sterben.« Und so verstört war der Wächter und waren die andren alle im Schlosse, daß sie die Prinzessin ungehindert hineingehen ließen, bis sie im Schlafgemach des Königs stand. Da aber verwunderte sich zuerst der Leibarzt und sprach: »Wer ist das große, schöne, fremde Mädchen mit den Augen voll Tränen? Ihre Wangen sind weiß wie die Blüten am Moosrosenbusch im Garten, den König Okko über alles liebt. Warum kniet sie an König Okkos Lager?«

Doda aber hörte auf niemand anders, sie umschlang ihren Vater mit beiden Armen und küßte seinen grauen Bart und rief: »Wach auf, lieber Vater, deine Tochter ist zurückgekommen und wird nimmermehr von dir gehen!« Da rauschte es an der Decke, daß alle ein Grausen überlief, denn in dem großen Spinngewebe, das dort hing, saß der Tod und wollte den König holen. Da flehte Doda: »Warte noch! warte! ich bin König Okkos Kind, ich bringe den Trank der Hoffnung mit; er soll nicht sterben wie die auf der schaurigen Greiseninsel, ich selbst will mit dem Tode um König Okko kämpfen.«

Da kämpfte die Hoffnung mit dem Tode, und der Tod kroch zurück in sein Spinnennetz, und alles Volk rief: »Heil dir, Doda! du bringst deinem Vater die Hoffnung, du bringst ihm das Leben.« Und der Leibarzt sprach: »Siehe, der König schlägt schon die Augen auf. Steckt wieder weiße Segel auf die Schiffe, ihr Schiffer; schießt eure goldenen Pfeile ab, ihr Bogenschützen, der König wird gesund.«

Und König Okko erwachte aus tiefem Schlaf, und als er die Augen aufschlug und das große, fremde, schöne Mädchen sah, das an seinem Halse hing, da erbebte sein Herz vor Glückseligkeit, und er rief: »Mein Kind! mein einziges liebes Kind ist zu mir zurückgekommen!«

Da floß der Trank der Hoffnung durch seine Glieder, und er stand auf von seinem Lager, ein gesunder und glücklicher Mann. Und alles Volk jubelte und rief Heil über den König und seine Tochter, die ihm die Hoffnung gebracht und damit den Tod verscheucht hatte. Und die Schiffer malten ihre Schiffe wieder weiß an wie zuvor und steckten schneeweiße Segel auf, und die Bogenschützen schossen aufs neue goldene Pfeile von silbernen Bogen alle zugleich, daß es aussah, als fliege ein einziger Pfeil.

Und der König fragte: »Wo warst du so lange, mein einziges Kind? Sieh, mein Bart ist grau geworden vor Kummer um dich, und die alte Margret, deine Amme, ist gestorben.« Da weinte Doda um die alte Margret, die gestorben war wie die greisen Seelen auf der Insel und sie erzählte dem König alles, was sie dort gesehen hatte.

* * *

Da sprach alles Volk: »Unsres Königs Kind ist auf der Insel des Lebens und Todes gewesen.« Sprach der König: »Wahrlich, mein Kind, du hast vieles gesehen und bist klug geworden. Fortan sollst du neben mir auf dem Throne sitzen und sollst meine Ratgeberin sein.« Und er sprach: »Heil mir! nun trägt mein Rosenbusch Rosen, nun ist meine Sternensaat herrlich aufgegangen!« Und er küßte Doda und demütigte seinen Stolz und sprach: »O, wie glücklich sind wir Menschen vor den zarten Sonnen- und Mondseelen, daß unsre Kinder zwischen uns aufwachsen, und daß sie uns trösten in unserm Alter.« Und alles Volk sah, daß der König recht hatte, und es wurde allüberall eine heilige ewige Liebe zwischen Eltern und Kindern.