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Ilse Frapan – Der Rosennarr

Novelle

Verlag von Gebrüder Paetel, Berlin, 2. Auflage 1908, S. 197ff.

Wenn der Mai zu Ende ging, und der Juni mit den langen himmelblauen Tagen kam, dann begann für ihn das eigentliche Leben. Früh weckte ihn durch die weitoffenen Fenster das Flötensolo des Edelfinks und der feurige, in freien Rhythmen jauchzende Amselschlag. Und mit dem Vogelliede kommt der Duft geflossen, der süße Duft, der reiche Duft, der Duft, den er über alle andern liebt, und der gleich und verschieden ist, wie eines Baumes tausend aufgeblühte Blumen, der Atem des Sommers, der Rosenduft. »Heut ist der Tag, heut muß Ihre Majestät ausblühen! Leuchtend rosa ist die und groß! eine Schale, tief gefüllt mit silberigem Morgenrot. Und meine weiße Königin, die Konigin des Schnees, mit Marmorbechern, die in Duft zerfließen. Und Soleil d'or, ganz Sonnenuntergang nach dem Gewitter, kupferrote Scheibe, mit schwefelfarbnen Rändern. Und dann der rote Kobold, der Funken auf die weißen Wände streut, der Crimson Rambler. Und was da duftet, das ist Malmaison, mit schmachtend blassen Mädchenwangen. Und Caroline Tastout, ganz rot vom Tanz, und jener braune Kaiser von Marokko, mit samtener Haut, der zwischen beiden steht und düster mit der schweren Stirn den weißen besonnten Boden streift.«

So sangen ihm die Lüfte am frühen Morgen, eh er aufstand. Und vor den Augen standen ihm, eh er sie sah, die Lieblinge in Knospenpracht, – bald ganz mit groß und kleinen überschüttet, verschwenderisch, so, wie nur Rosen blühen, – dann andre, die ganze Kraft gesammelt, um eine einzige von unerhörter Vollkommenheit und Größe zu erzeugen. Und alle schön, und alle Schwestern, alle nach glühender Sonne gierig, Schatten fürchtend, mit Blättern, bronzefarben, lichtem Grün, und zärtlich rotgehauchten Sprossen. Wehrhaft in Schönheit, und doch der liebevollen Hand bedürftig, die tränkt und schützt. Ein Schwarm dankbarer Elfen, die zart mit Duft und Augenweide lohnen.

Und der glückliche Mensch erschien auf dem weißen Gartenwege, und seine Lieblinge glühten, lächelten, schmachteten, jauchzten, trotzten ihm von weitem entgegen.

Er liebte sie alle.

Er liebte die rosenroten, weil sie rosenrot sind, er liebte die samtdunklen, weil sie samtdunkel sind, er liebte die honiggelben, weil sie honiggelb sind, er liebte die perlenweißen, weil sie perlenweiß sind.

Wenn sie blühten, dann war der glückliche Mann glücklich über das, was sie ihm schenkten, und wenn Winter war, träumte er von dem, was sie ihm versprachen, und er war nicht weniger glücklich.

Im Frühling, wenn die ersten rotgeschlafenen Sprossen sich zeigen, ging ein Frohlocken durch ihn hin, und im Herbst, wenn die letzte Knospe, kränkelnd vom Morgenreif, in einem kühlen Mittagsstrahl sich mühsam entfaltete, bewegte sich sein Herz. Sein Herz war ein Rosenherz. Was andre Menschen erstreben, ging ihn nicht an; es schien ihm verfehlt, so einfältig, daß es ihn lachen machte, oder lächeln. Und was verschlug es ihm, daß über ihn die andern lachten! Er sah, ihr Streben machte sie nicht froh, was einer auch erreichte, es freute ihn nicht sichtbar. Seine Schwärmerei allein beglückte ihn, – wenn dies Manie war, wie sie sagten, dann war es wenigstens eine, die ihm tausendmal mehr wert schien, als ihre Vernunft.

Und um ihn blühte und duftete es reicher von Jahr zu Jahr. Die Bäumchen wurden Bäume, die Sträucher hohe Pyramiden, die schlanken Gerten wandelten sich in Kaskaden aus lauter Rosen. Lange schon hatte er die Kunst des Okulierens erlernt, und reiche Nahrung gab dem Denken die geheimnisvolle Arbeit, zwischen dem Edelauge und dem wilden Stamm, der sich so gern und willig hingibt, um das Vollkommnere zu tragen und mit seinen feinsten Säften zu speisen. Nun war es seine Freude, die schönsten Farbenschwestern aus einem Stamme zu vermählen, daß die runden Kronen zwei- und dreifarbige Sträuße bildeten, in gleicher Pracht und gar in gleicher Stunde aufgeblüht.

Und dann der Wunsch nach neuen Mischungen. Wie der Maler auf der Palette die Töne ineinandermengt, vorsichtig, mit leichtem Pinsel, damit sie die Frische und Reinheit nicht verlieren, so vermischte mit dem Pinsel er in den vollen Rosenkelchen den seltenen, kargen Blütenstaub, das Lebende, das Zeugende, das zart behandelt werden will, um nicht zu unfruchtbarem Staube zu zerfallen. Die ganze Nacht träumt er von neuen Rosen, die so den alleredelsten entsprossen, von ihrer letzten Wurzelspitze adlig sind. Ob wohl der Blütenstaub gelebt hat und befruchtet? Ob der Fruchtknoten sich rundet? anschwillt? Dazu braucht es Zeit, sehr lange muß er warten, drei, vier Monate, bis dunkelrot die Hagebutte glüht, und dann, ob auch die Samen, die sie einschließt, keimfähig sind? Und wirklich echte Kinder ihrer schönen Eltern? In nichts dem wilden, dornigen Urahn ähnlich, auf dem die schönen Eltern, schönen Parasiten gleich, gewurzelt?

Die Hagebutte ist gereift, die Samen, größer als jene wilden, sind so glatt und glänzend wie aus dem feinsten Porzellan. Sorgsam, im kalkreich guten Boden, ausgesäet, – vier sind es nur, – was wird daraus entstehen? Die Füßchen muß man wärmen, denn es ist Winter geworden, und die Sonne matt, und all die großen Rosenbäume schlafen, mit eingekrümmten Armen. Aber hier, im winzig kleinen Samenkästchen wacht das neue Leben auf. An jedem Morgen, – er kennt die Stellen, wo die Samen stecken, – eilt er zuerst zum Kasten hinterm Ofen, ob sich was rührt. Ein Monat geht vorbei, da, eines Morgens, als die Hand das Kästchen vorzieht, weht ein wunderzarter, ein unverkennbar lieber Duft empor; er kennt ihn gleich, doch ist es nicht ein Wunder? Der Rosenkeimling duftet schon wie Rosen! Da stehen zwei feuchte Blättchen auf der Erde, saftgrün, auf rotem Stengel, und ihr Rand trägt silberhelle Wimpern. Eine Rose! Ein Edelstamm wird dieser kleine Stengel werden, und die saftiggrünen Keimblättchen schließen zwischen sich das Herz, aus dem der ganze Wunderbau entspringt. Sie wächst, und zwei der andern. Aber ein Rosenbaum braucht Zeit sich zu entfalten, das ist kein schnell aufsprießend Kraut. Im Frühling erst ein fingerhohes Zwerglein, doch schon so rosenmäßig. Dann, im Herbst darauf, ein armlang kräftiger Sproß. Dann Winterruhe. Und noch ein Frühling, mächtig strebt nach oben und in die Breite bronzefarbenes, sattes, im Sonnenschein wie Seide blankes Laub. Wann wird er blühen? Im künftigen Jahr vielleicht? Daß nur kein Rosenkäfer, grünlich schillernd, in seine weichen Triebe, durstig nach dem Safte, Bohrlöcher schlägt! Das macht sie welken! Aber aus den Achseln des toten Triebes wachsen schnell zwei neue; es hat nur wie ein scharfer Schnitt gewirkt.

Der dritte Frühling! Und in jedem Sproß ein überreiches Knospen! Doch zugleich kehrt wieder Furcht zurück. Wird sie nicht doch nur wilde Rosen tragen? Groß, doch einfach, wie sie in jeder Hecke stehen? Der Frühling ist kalt, die Knospen wachsen kaum, dann Hagelschlag, einmal des Nachts, und ehe er drunten ist, die armen Rosen mit dem Tuch zu decken, sind alle schon zerstört. Das ist ein Schlag. Die abgerissenen Zweige, halbzerfetzt die jungen Knospen, liegen auf dem Boden. Und keine Farbe zu erkennen, keine Form. Doch Rosen sind ein wundervolles Volk. Was sie ertöten wollte, regt sie nur zu neuem Treiben an. Und eine Knospe ist wieder da, und jeden Morgen sieht er, wie die Knospe sich streckt und dehnt. Herzklopfen machte, die Knospe anzusehen. Es schimmert schon ein wenig Farbe durch, ein zartes Braun, ein gelblich Rot – was wird das endlich geben, wenn sie aufblüht?

Die schöne Nachbarin sieht oftmals zu, wie er um seine stumme Liebe wirbt. Es ward ihr klar, schad ist es um den Mann, denn er ist schön und reich und einsam, viel zu einsam. Und das bringt Schrullen. Hätte er eine Frau, ein Mädchen würde zu beneiden sein, die dieses Haus und diesen Mann besitzt. Die schöne Nachbarin hat eine Nichte, auch schön und elegant. Die läßt sie kommen, die soll den armen Narren heilen, denkt sie, der gar nichts weiß, warum er so die stummen und dummen Blumen hätschelt. Und sie lacht ihr zu. »Rosetta, sieh, der dort ist noch zu haben, ein schöner Mann, doch schöner ist das Haus und alles wie verödet. Du bist klug, du sollst ihn dir erobern. Einen Vorwand wird man leicht finden, um dort einzudringen; du irrst dich im Gartentor, nichts weiter; hüpfest singend ihm übern Weg, als wärest du zu Haus, und hat der Einsame dich erst gesehen, da kommt's schon wie von selber.

Und mach dich nur recht elegant. Das Kleidchen mit den grünen Flittern gefällt mir sehr. Ganz Pariserin bist du darin, mit deinen feinen Gliedern, – sei keck, denn er ist schön, und wenn du nicht den Anfang machst, so kommt ihr doch zu nichts.« Rosetta lachte, – der Plan gefiel ihr wohl. Komödie spielen belebt den Aufenthalt im Dorf. Sich schmücken ist immer angenehm, noch angenehmer, wenn es um einen hohen Zweck geht.

Und eines Morgens, in dem prächtigen Kleide mit den grünen Flittern, stand die dunkeläugige Rosetta in dem Rosengarten, und wie sie ihn bei seinen Rosen sah, liebäugelnd mit der neuen Wunderknospe, auf deren Aufblühen er so lang gewartet, da fing sie an zu trällern, wie zu Hause, und tat, als sähe sie ihn nicht, und spiegelte ihr Köpfchen in der weißen Marmorschale, und sah sich da in einem Kranz von Rosen, und sie die reizendste im Kranz.

Er hörte – sah sie. Aber schüchtern hielt er den Atem an, um sie nicht zu verscheuchen. Denn er hatte hier niemals eine Dame noch gesehen. Und es gefiel ihm, wie sie an dem Becken aus weißem Marmor sich bespiegelte, als sei sie hier zu Haus. Wie wenn ein Vogel mit goldenem Gefieder sich in seinen Garten verflogen, und der kleinste Laut könnt ihn verscheuchen. ...

Und an dem Marmorbecken stand sie, wartend, bemerkt zu werden.

Langweilig war es, so zu warten. Lächelnd, eingedenk der Mahnungsworte, wendet sie den Kopf nach seiner Richtung. .... Schnell trat er rückwärts, aus Furcht, daß sie entfliehen wird. ..... Zierlich schrie sie auf, doch ging sie nicht. Sie machte zwei, drei Schritte, doch ihm entgegen. ..... Eh er selber wußte, wie ihm geschehen, stand sie neben ihm, verwirrend, glänzend, und in ihren Flittern tanzte die Sonne. Sie fing zu reden an, er horchte nur, denn hübsch klang, was der goldene Vogel zwitscherte. Ein freudiges Erschrecken überfiel ihn, daß sie die Nachbarin sei. Welcher Zufall! Wie freundlich, daß der Zufall sie gerade hier hereingeführt! Und hat wohl auch die Rosen gern? »Gewiß!« Sie lächelte verstohlen. Gleich die Rosen! So ist es dennoch wahr, was die Leute von ihm sagen. Ein Narr. Ein Rosennarr. Nun, das ist schade. Das bringt zum Gähnen. Sonst ein feiner Mann, nur leider närrisch! Wenn er Pferde hielte, Jagdhunde! Wenn er im Auto führe, oder im Ballon! Doch Rosen? Unbegreiflich! Aber reich auf jeden Fall und, wird man hier die Herrin, dann schaltet man nach eigenem Gutdünken und läßt dem Narren sein unschädlich Spielzeug. »Ah so! sehr schön! gewiß! entzückend! herrlich! ganz wundervoll!« Rosetta war mit heimlich verstecktem Gähnen so liebenswürdig, wie es nur sich schickte, und er war halb berauscht. »Und heute grade ist der große Tag, wo meine neue eigene Schöpfung aufblüht.« »Was für 'ne Schöpfung? Auch 'ne Rose? Die da? Oh, die ist nett! die sollten Sie mir schenken!«

Es war heraus. So leicht und spielend hingesagt, wie eines Kindes Bitte um den Mond. Wohl tausend Rosenblumen blühen im Garten, sie aber will die einzige, die neue, die er so lange schon umworben und ersehnt. Sie ist noch fast geschlossen, – wie die ganze, die vollerblühte sein wird, weiß er nicht. Die lange, wunderseltsam bunte Knospe ist nur Verheißung. Heut die ganze Nacht träumt' er von ihrem Aufblühen. Und er sah dem Sonnenaufgang mit Bangen zu: viel goldenrote Wölkchen umringten ihn, und violette Streifen, die zu einem Vorhang zusammenschossen, löschten fast ihn aus. Er aber wünschte vollen Sonnenschein für seine stumme Liebe, daß sie sich in aller Pracht entfalte.

Und nun? Sie wird sich nicht entfalten, dieser goldene Vogel begehrt sie, dessen Zwitschern ihn berauscht, ihm ganz den Willen lähmt. Kaum wissend was er tut, mit einem Blick, der um Vergebung bittet, faßt er nach der Knospe, und das scharfe Rosenmesser trennt sie von dem Strauch. »Ah, danke! ganz besonders nett! die seh ich zum erstenmal.« Sie steckt sie in den Gürtel, die Augen funkelnd vor Vergnügen über den leichten Sieg. Ja, wenn ein schönes Mädchen kommt, sind alle Rosen der Welt nur duftend Heu, und höchstens schöner Putz für eine Schönere. Der Anfang ist gemacht. Sehr schnell ging alles. Wer weiß, was man noch heut erreicht. Sie heuchelt plötzlich Eile, und sein Wort, ein einziges »schon jetzt?« hält sie zurück. Sie fühlt sein Auge nicht auf ihrem Gürtel brennen, sie spricht von sich, von ihren Wünschen, Hoffnungen fürs Leben, und lacht unschuldig: »Ach, ich bin ja noch so jung.« Und mit kokettem Blick grad in die Augen: »Und nun bekennen Sie, was wünschen Sie sich?«

Was soll er redend? Was soll er ihr sagen? Seit sie die Knospe im Gürtel trägt, besitzt sie einen Talisman, der ihn unwiderstehlich zu ihr zieht. Sehr still ist er geworden, der zuvor auch nicht beredsam war. Gefesselt und berückt geht er da neben ihr. Der Sonnenaufgang hat doch gelogen, als er Gewitter kündete. Es ist wohl schwül, doch wolkenlos. Die großen bunten Falter schwirren um ihre Köpfe. Niedrig segeln, fast mit den Flügeln ihre Schultern streifend, die Schwalben durch den Garten. Und ein Pfirsich fällt hörbar in das Gras .....

Sein glühendes Schweigen bleibt ihr unzugänglich, sie denkt an Worte, die er sagen soll, verbindlich dankbar, daß sie ihm die Freude ihres Hierseins noch länger gönnen möchte, daß sie oft, recht oft sich in der Gartenpforte irren und ihren Weg – hierher, – in diesen Garten – finden möchte, – bis – eines – Tags – sie vielleicht hier – bleiben, – für immer bleiben – –

Ihr eigenes Deuteln regt sie auf, je stiller er wird, um so gefährlicher ist ihr zumute, der Atem will das Atlasmieder sprengen, die vollen Lippen zucken vor naher Hoffnung, heißer Spannung ... Die schlanken Finger spielen an dem Gürtel, und ganz benommen von dem heftigen Triebe nach Handlung, Tat, nach jener bunten Zukunft, die greifbar, lockenschüttelnd, ihr vorausschwebt, reißt sie die Rosenknospe aus dem Gürtel und rupft sie Blatt für Blättchen auseinander.

Mit einem Schlage ist er aufgewacht.

Sprachlos, die Blicke auf den dünnen Fingern, die seine Wunderknospe kalt zerfleischen, sieht er ihr zu ....

»Nun?« drängt sie schmeichelnd und eifrig, »nun? Sie sind so stumm geworden! So sagen Sie doch, wünschen Sie sich nichts? Nichts – nichts – von – mir?«

»Nein. Nichts, mein Fräulein, danke.«

Und er verbeugt sich, wendet sich und geht.

Nun ist der Rosenkäfer doch gekommen, der grüne blanke Schädling! fliegt es ihm durch den Kopf ....

»Ah! aber das! das mir? solche Beleidigung? Rosetta bebt vor Zorn. »Was ist ihm aus einmal eingefallen? Dieser Ton? Und dies verwandelte Gesicht?« Sie blickt ihm nach.

»Ah, er ist wirklich fort! Mein Himmel! Man hat sich weggeworfen! Und an wen? An einen Narren!«

Und wie sie kochend, Tränen in den Augen, absichtsvoll lässig und absichtsvoll trällernd, den Steig hinabgeht, sieht sie ihn, die Arme um einen grünen leeren Strauch gelegt ....

Um einen Strauch, statt um Rosetta! Narr!

Was murmelt er da drüben? Und sie horcht. »Er bittet um Verzeihung! Ah, zu spät! Nein, mein Herr, ich verzeihe nicht!« Ein wenig trotziger reckt sie den Kopf empor und trällert lauter, bis sie draußen ist.

Sie weiß nicht, daß die Bitte um Verzeihung nicht ihr gilt, daß sie seiner Rose galt, die er beraubt und die verzeihen wird, wie Rosen verzeihen, mit immer neuen Blüten.