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Alberta von Freydorf – Der weiße Schmetterling

Märchen

Aus: In der Geißblattlaube, Ein Märchenstrauß im Garten der mütterlichen Freundin Frau Josephine Scheffel gebunden und ergänzt von Alberta von Freydorf, Verlag von C. C. Meinhold & Söhne, Dresden, 1886

In einem großen, sonnigen Garten stand inmitten eines bunten Blumenbeetes die schönste weiße Lilie. Ihre Blätter glänzten wie schimmernder Atlas, und wenn morgens der Thau darauf glitzerte, schien es als ob der liebe Gott sie aus frischgefallenem Schnee geformt habe. Aber dem konnte nicht so sein, denn es war Sommer, warmer heller Sommer und aller Schnee längst geschmolzen.

Die weiße Blume ragte auf hohem Stengel weit über die andern Blüthen des Beetes hinaus, darum auch sprach sie nicht viel mit diesen, sondern schaute oft hinauf nach dem blauen Himmel und nach den Schmetterlingen, die über ihrem Haupte hin und her gaukelten. »Ach, wer doch auch so stiegen könnte,« dachte sie, »es muß gar zu schön sein!« Das hörte der Wind und antwortete: »Warte nur, ich will dir zeigen, wie das Fliegen thut!« Darauf blies er sie an, daß sie weit im Kreise hin und her getrieben wurde. »Wie unwirsch du bist, Wind,« klagte die Lilie, »laß mich lieber in Ruhe, es ist doch kein Fliegen!« –

Und dann schaute sie wieder hinauf zu den Schmetterlingen. Die flogen und spielten um sie herum, gerade als wollten sie ihr so recht die Lust am Fliegen und Schweben erwecken. Es waren blaue, braune, rothe, gelbe und solche, die in verschiedenen Farben schillerten.

Aber einer war da, der gefiel ihr doch am allerbesten, der hatte große schöne Flügel, so weiß wie ihre Blätter, doch waren sie noch mit vier rothen Punkten geziert. Der flog lustig bald hoch hinauf gegen die Baumkronen, bald hinunter zu den Blüthen auf dem Blumenbeet.

Einmal kam er auch zur weißen Lilie, setzte sich zierlich nieder auf eines ihrer Blätter und nippte vom gelben Blüthenstaub. Da sagte die Lilie: »Bitte, bitte, lieber Schmetterling, nimm mich mit; ich möchte so gern in den Himmel fliegen wie du!«

Der Schmetterling schlug die Flügel auf dein Rücken zusammen und saß einen Augenblick in tiefes Nachdenken versunken, ehe er antwortete. »Mitnehmen,« sagte er bedauernd, »kann ich dich nicht, aber wenn du Geduld hast und Schmerzen ertragen kannst und vor dem Tode selbst nicht zurückbebst, dann kann ich wohl machen, daß du auch einmal ein freier Schmetterling wirst und fliegen kannst, wohin du willst. Ich werde eine Zauberin meines Geschlechts zu Hilfe rufen, die soll dich verwandeln. Willst du?«

»Ach ja – ach ja,« rief freudig die Lilie und hauchte dabei ihren besten Duft über den schönen Schmetterling aus. Der nickte ihr zu, breitete seine Flügel aus, flog davon, immer höher und höher.

Sehnsüchtig, aber auch hoffnungsvoll sah ihm die Lilie nach, bis er über den hohen Bäumen verschwunden war.

Bald darauf fühlte sie sich unten an ihrem Stengel, ganz nahe der Erde, sanft angefaßt und umklammert, von einem zarten, weichen länglichen Geschöpf, das nun langsam am Stengel hinaufkletterte und nichts Anderes war als eine hübsch gezeichnete bräunlich-grüne Raupe.

Als die Lilie sie erblickte, rief sie entrüstet von oben herab: »Bleib unten, bleib unten, du häßlich Thier! Komm ja nicht herauf zu mir, sonst schüttle ich dich ab, daß du hart auf den Boden fällst und todt bist!«

Aber die Raupe ließ sich nicht irre machen, langsam kroch sie immer weiter, bis sie nach einigen Stunden mühsamer Wanderung oben angelangt war. Da fing die Lilie heftig an, ihr weißes Blumenköpfchen hin und her zu wiegen, doch die Raupe klammerte sich fest und war nicht abzuwerfen. Als die Lilie des Schüttelns müde wurde, kroch die Raupe vollends in ihren Kelch und sagte ihr ins Ohr: »Ich bin die Zauberin; wenn du ein Schmetterling werden willst, so halte still, ich mache dich dazu. Siehst du, ich arme Raupe, die bis jetzt nur am Boden kriechen konnte, möchte auch gern ein Schmetterling werden; gieb mir deine großen weißen Blätter als Flügel, dann ist dir und mir geholfen.«

»Wenn dem so ist, wie du sagst,« antwortete die Lilie, »so nimm meine schönen Blumenblätter, ich will sie dir gern geben.«

Nun fing die Raupe an, ein Blatt zu benagen; das that freilich sehr weh, und der armen weißen Blume traten die Thränen in die Augen, aber sie sagte nichts und seufzte nur. Einen ganzen Tag brauchte die Raupe, um das große, weiße Blatt zu vertilgen und zu jedem andern Blatte wieder einen Tag. Das war eine lange Zeit der Qual für die arme Lilie, aber die Hoffnung auf ein schöneres Leben gab ihr Muth, Alles zu ertragen. Der weiße Schmetterling kam auch oft geflogen und tröstete sie: »Harre aus! Noch eine kleine Zeit der Leiden und der Geduld, dann erstehen deine Blätter wieder, aber nicht mehr als Blumenblätter, nein als lebendige Flügel, die dich bis zum Himmel hinauf tragen können.«

Als die Blume bis auf den Stiel vollständig kahl war und kein Blatt mehr daran, stieg die Raupe, die von den vielen weißen Blättern groß und dick geworden, wieder langsam zu Boden herunter, grub sich an der Wurzel der tobten Lilie ein Grab, verpuppte sich, daß sie wie in einem kleinen Sarge lag und so blieb sie liegen, von der Erde zugedeckt in tiefem, tiefem Schlaf.

Ueber den Garten aber wehten die Herbstwinde, zerzausten die Blumen und pflückten die Blätter der Bäume, uni damit Federball zu spielen und sie in der Luft tanzen zu lassen, bis sie welk und todtmüde zu Boden fielen. Dann flog der Wintersmann darüber hin und schüttelte Schnee aus über den Garten, viel, viel Schnee, der blieb lange darauf liegen. Knaben und Mädchen kamen und prägten ihm die frischen Abdrücke ihrer, theils schon ziemlich großen, theils noch zierlichen Füßchen frohlockend ein. Schneeballen flogen hin und her, da, wo vor sechs Monaten Schmetterlinge herumgeflattert waren und über dem Grabe der weißen Lilie erhob sich bald wie aus Marmor ein prächtiger Schneemann. Aber trotz des blendenden Materials war es doch kein würdiges Denkmal; der Schneemann wollte durchaus nicht ernst aussehen, sondern schnitt ein schief Gesicht und hatte sogar noch eine Tabakspfeife im Munde. Das war nur zum Schein, denn rauchen konnte er nicht. Auch den Stock, mit dem ihn die Knaben bewaffnet hatten, wußte er nicht zu gebrauchen. Die Raben schwirrten um ihn herum und lachten ihn aus mit ihrem »Rab-Rab« und er scheuchte sie nicht einmal. Aber standhaft war er, und so viel ihn die Kinder auch mit Schneeballen bewarfen, er fiel nicht um, und war noch da, als der übrige Schnee schon anfing zu schmelzen und die Sonne immer wärmer wurde; doch bekam er nach und nach ein gar trübes, schmutziges Aussehen und ward zusehends kleiner und dünner.

Endlich schlug auch sein letztes Stündlein, doch das war erst am schönen Ostersonntag, als die Kinder versteckte Eier aus dem jungen Grase suchten. »Ich habe ein rothes,« rief ein kleines Mädchen. – »Und ich ein schönes blaues,« sagte ein anderes. – »Und ich ein gelbes.« – »Und hier ist wieder ein rothes,« so riefen sie durcheinander. »Ach! hier liegt eines, das hat der Osterhas vergessen anzumalen, es ist noch ganz weiß,« sagte ein Knabe; als er es aber aufheben wollte, da war es Schnee; er wurde tüchtig ausgelacht und warf das vermeintliche Ei seinem Bruder an die Backe, daß dieser laut aufschrie und sich nach einem ähnlichen Wurfgeschoß umsah, denn er wollte sich rächen. Da war aber nirgend mehr Schnee zu finden, es war der letzte gewesen und so endete der Schneemann. Seine aufgelösten Tropfen sickerten in die Erde und wie im Traum hörte die Puppe in leisem plätschernden Ton neben sich sagen: »Ich vergehe, damit ihr da unten erwachen könnt zu neuem Leben!« –

Nun kam der Frühling, die Maikäfer summten und schwirrten, die Bäume schmückten sich mit rosigen, weißen und rothen Blüthen und aus der Erde sproßten farbige Blumen in buntem Durcheinander. Auf dem großen Beet, inmitten des Gartens stand wieder eine schöne weiße Lilie; die Kinder steckten ihre Naschen hinein und lachten einander aus, wenn dieselben gelb angemalt wieder herauskamen, und Alles war Lust und Freude und Sonnenschein. Auch die Falter kamen und flogen herum und die Knaben sprangen hinterher, um sie mit ihren Hüten zu fangen, doch das wollte nicht so rasch gelingen.

Da saß eines Tages unten am Fuß der Lilie ein weißer Schmetterling – er mußte wohl gerade ausgekrochen sein, denn seine Flügel waren zerknittert und zusammengefaltet, auch schienen sie »och sehr weich. Er ließ sich ruhig von der Sonne bescheinen und versuchte nur hin und wieder die erst matten, aber bald immer kräftiger werdenden Flügel zu heben, und als die Sonne hoch stand am Himmel, da waren die schönen, großen, weißen Flügel des Schmetterlinges glatt und hart; weit breitete er sie aus, schlug sie auf dem Rücken zusammen, entfaltete sie und schloß sie noch einmal, wie um sich von seinem Können sicher zu überzeugen, und dann mit einem leisen Freudenschrei, den nur die Lilie über ihm vernahm, flog er auf, im Kreise um die hochgeschossene Pflanze herum, an der weißen Blume mit einem: »Willkomm, Schwester!« jubelnd vorüber, höher und höher.

Doch es währte nicht lange, so kam er wieder herunter, setzte sich auf den Kelch der Lilie und sagte: »Ja, ja, es ist herrlich das Fliegen, das freie Schweben in wonniger Luft; aber ausruhen muß ich doch ein wenig und das will ich hier bei dir, du schöne Schwester. Erlaube mir auch von dem herrlichen Blüthenstaub zu kosten, der so verlockend aus deinem Kelch hervorduftet. Die Blume nickte stumm und nachdem er sich gelabt hatte, fuhr er fort: »Schön Dank, liebe Schwester, kann ich etwas für dich thun? Willst auch du ein freudig fliegender Falter werden?« Verwundert antwortete die Lilie: »Schwester? Warum nennst du mich immer Schwester? Sind Blumen und Schmetterlinge denn Geschwister?«

»Sieh meine Flügel an,« gab er zur Antwort und breitete sie weit aus, »sind sie deinen Blättern nicht ähnlich an Farbe und Dichtigkeit? Nur die Gestalt ist ein wenig anders geworden. Ja, ja, auch ich war wie du einst fest an die Erde gekettet und nun bin ich frei und fliege hinauf in den blauen leuchtenden sonnigen Himmel, den du nur so aus der Ferne betrachten kannst. Willst du das nicht auch einmal, Schwester?«

»Ich bin zufrieden,« sagte die Lilie, »ich sehe den Himmel ja auch von hier und das ist mir genug, aber grüße ihn, wenn du hinaufkommst.«

»Das will ich,« sagte der Schmetterling und flog davon.

»Habt Ihr den schönen, großen, weißen Schmetterling gesehen, der eben von der Lilie fortflatterte,« rief da eine helle Knabenstimme und die zwei kleinen Aermchen eines etwa sechsjährigen Jungen streckten sich verlangend in die Luft.

»Ja! Das könnte wohl ein Apollo gewesen fein! Hat er rothe Punkte gehabt?« sagte ein größerer Knabe.

»Ich glaube nicht!« gab der Kleine zur Antwort.

»Dann war es vielleicht ein Dickkopfspinner,« meinte ein halb erwachsenes Mädchen.

»Ei, wie gelehrt,« höhnte der ältere Bruder, »seit wann verstehst denn Du Dich auf Schmetterlinge, Schwesterchen?«

»Nun, ich meine, neben Dir muß man schon etwas davon lernen, man mag wollen oder nicht. Sind die Dickkopfspinner nicht weiß? Da könnte es doch einer gewesen sein.«

»Unsinn,« sagte der Knabe, »das sind ja Eulen, die fliegen nur bei Nacht. Doch wir wollen schon sehen, wenn er wieder kommt.«

»Dann will aber ich ihn sangen,« rief der Jüngste, »er gehört mir, ich habe ihn zuerst gesehen.« Und er holte seinen Hut, der auf dem Gartentische lag, wo die Mutter, mit einer Handarbeit beschäftigt, den Spielen der Kinder zusah.

»Mit dem Hute wirst Du ihn schwerlich fangen, mein kleiner Heini,« sagte sie, indem sie ihm liebkosend über die braunen Locken strich, »und es wäre jammerschade, wenn Du ihn damit fingest, denn dann würde er sicher verdorben sein. Conrad, leih' ihm doch lieber Dein Netz.«

»Ach Mama,« gab dieser zur Antwort, »damit bekommt er ihn ebensowenig, er ist ja noch viel zu klein und ungeschickt.«

Aber schon war die Schwester fortgesprungen und Heini ihr nach, um das Fangnetz zu holen, das im Kinderzimmer, neben Conrad's Schmetterlingskasten an der Wand hing. »Conrad meint, er allein kann und weiß Alles,« sagte das Mädchen, als sie es herunter nahm und zugleich die andern nothwendigen Geräth­schaften zusammensuchte, »jetzt zeige ihm einmal Heini, daß Du auch ein geschickter Junge bist. Und wenn Du den Schmetterling hast, spann' ich Dir ihn auf und dann legen wir eine Sammlung zusammen an, die soll bald schöner werden als Conrad seine. Aber nimm Dich in Acht, sei nicht zu hitzig, laß den Schmetterling sich erst ganz ruhig setzen und dann wirf vorsichtig das Netz über ihn, siehst Du – so!« und sie stürzte ihm das Netz über den Kopf und zog ihn lachend hinaus in den Garten.

»Da siehst Du, Mama,« rief Conrad, »sie verderben mir nur mein Netz, kommt gebt her, ich will ihn selber fangen.«

»Nein, nein,« rief der Kleine, »ich kann es schon,« und sprang nach dem Rasenplatz, und der ältere ihm nach.

»Friede, Kinder,« gebot die Mutter, »laß doch dem kleinen Heini auch einmal seinen Spaß, Conrad!«

»Mama, ich will ihm ja nur helfen, es wäre schade, wenn er den Vogel verscheuchte, vorhin hat er sich wieder gesetzt! – Husch da! – eben flattert er fort, noch ehe Heini heran kommen konnte. Das war übrigens ein Glück Brüderchen, denn Dein Schatten hätte ihn doch verjagt und wer weiß, ob er dann wiedergekommen wäre. Du mußt von der andern Seite herzu schleichen, die Schmetterlinge haben das Sonnenlicht so gern und flattern fort, wenn auch nur der leiseste Schatten des durchsichtigen Netzes auf sie fallt. Siehst Du, dort oben wiegt er sich in der Luft, – wie lustig er hin und her schwebt und mit den andern spielt.«

»O weh,« rief der Kleine, »er fliegt ja fort, ganz hinauf über den Baum und zum Himmel!«

»Nur Geduld,« tröstete Conrad, »der kommt schon wieder, das kennt man!« –

Und wirklich, er kam wieder, der arme Schmetterling. Ein ganzes Jahr lang hatte er als Raupe erst, dann als Puppe ein verachtetes bescheidenes Dasein geführt, mühevoll und geduldig sich vorbereitend für eine schöne Zeit der Lust und Freude, nun war sie gekommen und . . . . .

Armer, weißer Schmetterling! – Kaum eine halbe Stunde hatten ihn seine schönen Flügel in wonnigem Schweben durch den blauen Aether getragen, und da standen sie schon um ihn, die muntern Kinder, die nichts Böses dabei dachten als sie beratschlagten, wie sie ihn sicher fangen und seiner Lust ein Ende machen könnten.

»Das merke ich nun schon,« hauchte der Schmetterling leise zur Lilie, als er sich wieder auf ihren Kelch niederließ, »der Himmel ist nicht da oben, wohin ich doch nicht fliegen kann, er ist hier überall um mich herum, und du hast Recht, wenn du nicht tauschen willst, denn ob du am Stengel befestigt bist, du hast auch dein Theil an diesem Himmel. Aber das Fliegen, das Fliegen ist gar zu schön!« –

»Wir haben ihn, wir haben ihn,« riefen da wie aus einer Kehle drei jubelnde Kinderstimmen, und niedergedrückt zu Boden waren Lilie und Schmetterling.

»Armer, weißer Bruder, was helfen dir nun deine Flügel,« hauchte die Lilie, als sie zusammen unter dem Netze lagen.

»Ich bin doch einmal geflogen und das war herrlich, aber dies kann auch nicht das Ende sein,« antwortete der Schmetterling und suchte durch den leichten Schleier zu entkommen.

»Gieb Acht, daß er nicht verflattert,« rief Conrad, indem er neben dem Netze niederkniete, mit welchem Heini nicht nur den Schmetterling, sondern auch die Lilie am Boden hielt. »Geschickt war der Schlag gerade nicht, viel zu grob, aber du hast den Vogel doch und, das ist die Hauptsache, immerhin gut für ein erstes Mal.« – Heini war ganz stolz auf sein gutes Glück und das Lob des großen Bruders, der mit sachkundiger Hand den Sack des Netzes zusammenhielt und den Schmetterling immer mehr in den letzten Winkel drängte, wo er ihn leichter fassen konnte. Vorsichtig holte er ihn dann heraus. Die Schwester goß einstweilen aus einem kleinen Fläschchen einige Tropfen betäubenden Aether in eine kleine Schachtel. Da hinein steckte Conrad mit einer langen feinen Nadel den Schmetterling und schloß den Deckel fest über ihm zu.

Die Kinder waren an den Tisch getreten und erzählten der Mutter von ihrem seltenen Fang.

»Aber nicht wahr, Conrad,« fragte diese den erregten Knaben, »die Schmetterlinge, welche du in guten und mehreren Exemplaren hast, fängst du nicht unnöthig weg, die armen Thiere freuen sich auch ihres Lebens.«

»Ja, ja, Mamachen, ich weiß schon,« sagte er und gab ihr einen Kuß, »aber diesen habe ich noch gar nicht und ich kenne ihn nicht einmal.«

»Er ist der erste von meiner Sammlung,« warf Heini ein, »und ich wünsche mir auch einen Kasten, und ein Netz und ein Spannbret und Alles was man haben muß zu meinem Geburtstage, liebe Mama. Er kommt ja bald wieder, mein Geburtstag, nicht wahr?« –

»Ja, wenn es wieder schneit,« lachte die Schwester und sprang fort, ein hohes Wasserglas am Brunnen zu füllen.

Als sie damit wiederkam, stand die Lilie darin. »Sie war geknickt, Mama, und wäre in der Sonne verdorben, nun soll sie Dich hier noch erfreuen.«

»Dauert denn der Sommer noch so sehr lange?« hub Heini seufzend wieder an, denn er dachte an seinen Geburtstag und den Schmetterlingskasten.

»Er wird nur zu rasch vergangen sein,« meinte die Mutter und Conrad sagte:

»Du thust den Schmetterling einstweilen in meinen Kasten, damit er nicht verdirbt, denn der ist gut und dicht geschlossen, kein Staub und keine Insektchen können hinein, mir ist noch kein einziger Schmetterling darin verdorben.« –

»Ja! Das kommt aber hauptsächlich von dem stark riechenden Oel, das Du hinein thust,« kramte die Schwester - Weisheit wieder aus. –

»Und daß Mademoiselle Neugier stets verräth, wenn sie den Kasten unnöthiger Weise öffnet,« ergänzte der Bruder.

Heini fing wieder von Neuem an: »Aber mir gehört der Schmetterling doch, wenn ich ihn auch einstweilen in Deinen Kasten thue. Jetzt fange aber endlich an ihn aufzuspannen, ich möchte ihn gar zu gerne einmal ordentlich sehen.«

»Da mußt Du noch Geduld haben,« sagte Conrad, »vor einer Viertelstunde dürfen wir die Schachtel nicht aufmachen, sonst könnte leicht der Schmetterling, der vom Aether vollständig betäubt wird, wieder erwachen, ehe er ganz todt ist.«

»Laßt ihn lieber zu lang, als zu kurz darin, damit das arme Thier nicht unnöthig gequält wird!« ermahnte die Mutter. »Ach, wie stark und angenehm die Lilie duftet,« fuhr sie fort, indem sie sich über die weiße Blume beugte. Die hatte ihr eben dankend für die milde Rede einen vollen Hauch aus tiefem Kelch entgegen geschickt. »Sieh, Tochter, das kann doch nicht Thau mehr sein, der helle Tropfen, der da in der Lilie schimmert?«

»Fast sieht er aus wie eine Thräne,« sagte das Mädchen.

Und so war es auch. Die weiße Lilie weinte um den jungen Freund, der nun eingesargt zu ihren Füßen lag; an ihr eigen Mißgeschick dachte sie gar nicht, sondern war froh des Zufalls, der sie in die Nähe des armen Schmetterlinges gebracht hatte.

Die Knaben waren fortgesprungen, sich mit andern Spielen zu unterhalten bis der Schmetterling sicher todt sein würde. Jetzt kamen sie zurück und Heini öffnete ungeduldig die Schachtel. Fast hoffte die Lilie, der Schmetterling würde vielleicht daraus noch entweichen können, aber nun sah sie wohl, das war unmöglich, denn der Körper war festgesteckt, und regungslos die sonst so beweglichen Flügel.

»Es ist wirklich ein selten schöner Schmetterling, wie ich noch keinen gesehen habe,« äußerte Conrad, der ihn aufmerksam betrachtet hatte.

»Aber es fliegen doch solch eine Menge weißer Schmetterlinge im Garten herum,« meinte Heini.

»Gemeine Weißlinge,« versetzte der Bruder verächtlich, »o nein, der ist ja viel, viel größer und ganz schneeweiß!«

Conrad spannte nun den Schmetterling mit geübten Fingern auf das Spannbret und steckte die weit ausgebreiteten Flügel mit kleinen Papierstreifen und Stecknadeln fest. Der kleine Heini sah aufmerksam zu.

»Ja,« sprach er, »bei Dir geht das immer; ich wollte gestern auch einmal versuchen einen aufzuspannen, den ich noch in Deiner Botanisir-Büchse gefunden hatte, aber da brachen die Flügel gleich ab, als ich sie herunter biegen wollte.«

»Das glaube ich wohl,« lachte Conrad, »der war wenigstens acht Tage alt; ich hatte keine Zeit wegen der dummen Schulaufgaben.« –

»Aber Conrad!« unterbrach ihn mahnend die Schwester, die der Mutter vorwurfsvollen Blick gesehen hatte.

»Ach es war nicht so gemeint – ich bin nur ärgerlich, daß mir Heini den schönen Blauschiller verdorben hat.«

Aber dieser ließ sich den Vorwurf nicht gefallen. »Er war ja doch steif und unbrauchbar,« meinte er.

»Steif wohl, unbrauchbar nicht,« belehrte die Schwester, »Conrad durfte ihn nur ein bis zwei Tage in eine zugedeckte Schüssel auf feuchten Sand stecken, und er wäre wieder weich und gut zum Aufspannen gewesen.«

»Oh, dann thut es mir sehr leid,« bedauerte Heini ganz wehmüthig.

»So das wäre fertig!« sagte Conrad aufathmend, und wollte eben seine Sachen zusammenpacken, als Marie, welche auch aufmerksam zugesehen hatte, aufsprang und indem sie rief: »Warte nur noch einen Augenblick, ich habe eine ausgezeichnete Idee,« dem Hause zueilte. Bald kam sie zurück mit einem Bogen durchsichtigen Pauspapier. Sie schnitt zwei viereckige Stückchen davon herunter und sagte: »Wie Dir neulich, durch das vierzehn Tage lange Stehen, der Trauermantel so verdorben wurde, fiel mir ein, daß Du damit die Flügel bedecken könntest, dann kommt kein Staub daran und keiner davon!« Und indem sie so sprach, hatte sie schon das Papier über den Flügeln festgesteckt, so daß man dieselben wie durch einen Schleier sah und der Leib frei blieb.

»Bravo,« klatschte Conrad in die Hände, »ich will doch meinen Kameraden das auch sagen und ihnen erzählen, was für ein nützliches Ding so eine kleine Schwester zuweilen sein kann.«

»Wenn Du nicht mit mehr Respect von mir sprichst,« gab Marie etwas gereizt zur Antwort, »werde ich das nächste Mal meine guten Einfälle für mich behalten.«

»Das thust Du doch nicht, Schwesterchen,« rief Conrad und sprang fort zu neuen Spielen –

»Nicht wahr, Mariechen, mir sagst Du Alles, ich will Dich immer um Rath fragen,« schmeichelte Heini, »wenn ich nur erst meinen Kasten habe! – Ach, daß mein Geburtstag nur schon da wäre. Ich will doch gleich versuchen, noch ein paar andere Schmetterlinge für meine Sammlung zu fangen.« Damit nahm er das Netz und lief auf den Rasenplatz.

Als er fort war setzte sich Marie auf die Bank zu der Mutter, schlang die Arme um ihren Hals und sagte liebkosend: »Mamachen, in vierzehn Tagen ist mein Geburtstag. Willst Du mir einen schönen Schmetterlingskasten geben, ich wünsche ihn mir so sehr!«

»Du auch,« erwiderte ganz erstaunt die Mutter, doch als sie der Tochter schelmisches Lächeln gewahrte, errieth sie wohl die Meinung und sagte:

»Nein, so sehr wollen wir den kleinen Schelm doch nicht verwöhnen – aber, weißt Du was, sage ihm, daß, wenn sein nächstes Schulzeugniß ein recht gutes ist – nun dann.« –

»O, ich weiß schon,« rief Marie freudig aus und lief eilig davon, dem kleinen Bruder die gute Botschaft zu bringen.

Die Mutter raffte ihre Arbeit zusammen und ging ins Hans, und am Gartentisch ward es so still, daß man fast das Seufzen der weißen Lilie um den todten Schmetterling hätte vernehmen können.

Aber auch die arme Lilie war selbst matt und leidend, sie hatte den Kopf heruntergebeugt auf das Spannbrett, das neben ihrem Glase lag und eine Thräne aus ihrem Kelch fiel darauf hernieder. Da hörte sie plötzlich eine leise Stimme wie Geisterhauch zu ihr heraufdringen: »Weine nicht um mich, schöne weiße Schwester, ich bin nicht unglücklich, wohl kann ich nicht mehr fliegen und mich bewegen, ich bin vollständig willen- und wunschlos und fühle gar nichts mehr, aber ich bin doch noch da und kann die schöne Welt noch sehen und verstehen, und das ist das Beste! Könnten sie es dir nur auch so machen wie mir, ehe du völlig zu Grunde gehst.«

Als die Lilie den Schmetterling so reden hörte, wurde sie wieder vergnügt, sog die helle Sonne tief in sich ein, daß ihre weiße Farbe noch glänzender erschien und ihre Blätter wie blankes Silber strahlten.

»Eine so schöne Lilie sah ich noch nie,« sagte Marie, als sie zurückkam, »die soll gepreßt werden und in mein Blumenalbum kommen und ich male den Schmetterling darüber, den wir heute auf ihr gefangen.«

»So ist's recht,« hauchte dieser, dann leben wir beide fort, noch lange Zeit, in der schönen, schönen Welt.

Viele, viele Jahre und Jahrzehnte waren seit jenem Tage vergangen. In einer warmen, traulichen Stube, an deren Wänden rings wohlgefüllte Büchergestelle, Schränke und Glaskasten mit allerlei ausgestopften Vögeln, gesammelten Insekten und sonstigen Merkwürdigkeiten aufgestellt waren, saß ein freundlicher alter Mann mit weißem Haar und Bart, um ihn herum eine kleine Schaar blond- und braunlockiger Knaben und Mädchen.

»So, Kinder,« schloß er gerade eine Erzählung, »das ist die Geschichte von meinem weißen Schmetterling, der dort seinen besonderen Kasten und Ehrenplatz über meinem Schreibtische hat. Und siehst Du, Mariechen, die Lilie, die ich einst darunter befestigte, ist aus dem Album Deiner Großmama, welche dieselbe am gleichen Tage einlegte, als der Schmetterling gefangen wurde!«

»Onkel Heinrich, Onkel Heinrich,« riefen da die Kinder wie aus einem Munde, »dann warst Du ja selbst der kleine Knabe, von dem Du uns erzählt hast!«

»Nun freilich, Kinder,« antwortete er, »doch wenn ich's Euch auch gleich gesagt hätte, Ihr könnt ja doch nicht begreifen, daß der alte Großonkel auch einmal so braune Löckchen und rothe Backen gehabt hat, wie Ihr jetzt. Aber der Schmetterling hat sich gut erhalten und sieht gerade noch aus wie dazumal, ich habe ihn aber auch immer mit großer Sorgfalt aufgehoben, denn er ist ja mein ganz besonderer Liebling, hat er mich doch erst zum Schmetterlingssammler und dadurch später zum Naturforscher gemacht. Ja, ja, wenn meine Werke gelobt wurden und ich mir mit Befriedigung sagen konnte, daß die Menschen manches Nützliche daraus gelernt hatten, schaute ich oft dankbar hinauf zu dem alten Freund, und manchmal war es mir, als ob er mich verstände und mir zunickte.« –

»Aber Onkelchen, für einen Professor der Naturwissenschaften glaubst Du eigentlich fast zu viel an die alten Märchen,« lachte ein aufgewecktes größeres Mädchen.

»Kind,« gab er ernst zur Antwort, »wahre Dir den Sinn für die Schönheit der Märchen. Du lebst in einem Zeitalter nüchterner Betrachtung und oft möchte das Leben öd und kalt scheinen, wenn Du Dir den Duft und die Poesie daraus rauben läßt. Und glaube mir, gerade wir Naturforscher sind überzeugt und sehen und fühlen es, je mehr wir eindringen in die Geheimnisse der Natur, daß in Thieren und in Pflanzen ein Gefühl, ein Etwas lebt, das wir nicht nur Leben, nein, das wir vielleicht Ahnung einer Seele nennen könnten.«

Der alte Mann schwieg ein Weilchen wie in Nachdenken versunken; da nahm der Aelteste aus der Knabenschaar das Wort und sagte:

»Onkel, Du hast uns aber noch immer nicht den Namen Deines Schmetterlings gesagt und das würde uns nach dem Allen doch eigentlich sehr interessiren.«

»Da hast Du wohl Recht, Adolf! Aber denkt einmal, Ihr Kinder, und lacht den Onkel Heini recht wacker aus: ich habe ihn immer nur den schönen, weißen Schmetterling genannt, und hätte ich ihm einen Namen geben sollen, ich würde ihn Lilienfalter geheißen haben, denn mit den Blättern der Lilie haben seine Flügel die meiste Aehnlichkeit. Ich konnte keinen andern mehr finden, so viel ich nachher suchte; in den Büchern, welche ich nachschlug und überall hervorholte, war er nicht verzeichnet. Es mag ein Naturspiel sein, eine Abart des Apollo – kurz, eben eine große Seltenheit. Ich hätte ihn schon hoch verkaufen können, wenn ich gewollt, aber er ist der Liebling, das Hauptstück meiner ganzen Sammlung. Und merkt Euch das, Ihr Knaben, wenn Ihr Euch später einmal in die Schätze des alten Ohm's Naturforscher theilt: den weißen Falter da, den gebt Ihr mir mit, er wird ohnedem sich nicht lange mehr erhalten lassen.«

»Liebes Onkelchen, weißt Du auch, warum Du das sagst?« antwortete das Mädchen, welches ihn vorhin geneckt hatte, mit schmeichelnder Stimme. »Erstens, weil Du gewiß bist, daß wir Dich noch lange, lange nicht fortlassen, und zweitens – nun – ich habe von den Brüdern eine Geschichte der alten Aegypter gehört, die da glauben, daß die Seele des Menschen in Gestalt eines Schmetterlings den leblosen Körper verließe, um ihrer neuen Heimath zuzufliegen; daran denkst Du wohl?«

»Ja, ja,« sagte der Onkel, »Du könntest Recht haben. Es lag ein tiefer Sinn in dem Gebrauch der Aegypter, ihren Todten eine kleine, als Schmetterling geformte Figur in den Sarg zu legen. Unser christlicher Glaube übrigens hat diese schöne Symbolik auch angenommen und oft verwerthet. Kann mir einer von Euch das erklären? Nun, Heinrich, Du als mein Pathensohn würdest mir eine besondere Freude machen, mir zu sagen, ob Du mich verstanden.«

»Nichts leichter als das,« antwortete der achtjährige muntere Bursche, »wenn die Raupe auf dem Boden und an den Bäumen herumkriecht und frißt, und die Blätter benagt und verdirbt, das sind wir Menschen auf der Erde.«

»Ja, ja, wir essen auch viel zu viel,« lachten die Geschwister dazwischen. »Du entwirfst ja ein liebliches Bild, Heini, von uns armen Erdenmenschen!«

»Latz Dich nicht irre machen,« sagte der Onkel, »es war ganz recht.«

»Nun,« fuhr der Kleine fort, »wenn sich die Raupe einpuppt, das bedeutet den Menschen, wenn er im Sarge liegt.«

»Das heißt,« verbesserte der Onkel, »die Puppe, die den Winter über in der Erde schläft, sie stellt den Todesschlaf des Menschen dar, und nun – der Schmetterling?«

»Das ist die Auferstehung!« riefen alle Kinder miteinander.

»Ja,« fügte der Kleine bei, »denn dann bekommen wir auch Flügel, wie die lieben Engelein!«

Der Onkel streichelte seinem Liebling die Wangen, nahm ihn bei der Hand und sagte: »Jetzt kommt hinaus in den Garten, Kinder, es ist bald Nachtessenszeit und ich will Euch vorher den Platz noch zeigen, wo wir vor so vielen, vielen Jahren den schönen, weißen Schmetterling gefangen haben.«

Sie gingen Alle hinaus, es ward still im Studirzimmer des Gelehrten. Die Abendsonne drang durch die epheuumrankten Fenster herein und ihr goldener Schimmer weckte leise weiche Flüsterstimmen an den Wänden, auf Gestellen, in Schränken und Kasten.

»Hast du gehört, Lilie, wie er heute von uns erzählt hat? Ja, ja, der kennt uns besser, als viele Andre. Wenn er nur wüßte wie zufrieden wir sind mit unserm Loos, das uns zuerst so grausam erschien. Nicht für ein Jahr wonnigen Fliegens gebe ich den langen, ruhigen Traum in seinem stillen Gelehrten-Zimmer dahin. Mein Sehnen nach Höherem ist befriedigt, denn nun weiß ich, mein Dasein hat einen hohen Zweck gehabt in dieser Welt, ich habe Nutzen und Freude gebracht in ein strebsames Menschenleben.« –

»So haben dich deine Flügel doch weiter getragen, als du je geahnt hast, Bruder, – und ich, – wie viel hundert Blumenleben habe ich an Zeit überdauert!« gab die Blume in hauchendem Flüstertone zur Antwort.

»In den langen Jahren habe ich viel über uns zwei nachgedacht,« tönte die leise Rede des Schmetterlings weiter. »Daß wir hier zusammengebracht wurden, wir, die wir so nahe verwandt, ist kein bloßer Zufall, nein, das hat eine tiefe Bedeutung. In dem heiligen Buche, aus dem Sonntags vorgelesen wird, stehet ein Wort, daran mahnt mich unser Zusammensein; denn du, Lilie, bist das Bild der Seelenreinheit und ich, der Schmetterling, das der Auferstehung zu einem höheren Leben. Verstehst du nun, was ich meine, weiße Blume?«

»O ja,« antwortete sie, »unser Anblick soll den Menschen das Wort ins Gedächtniß bringen: ›Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!‹«

Und der Schmetterling hauchte ein leises »Amen.«