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Egon Friedell – Das Jesusproblem

Essay – mit einem Vorwort von Hermann Bahr

Egon Friedell, Das Jesusproblem, Rikola Verlag, Wien, Berlin, Leipzig, München, 1921

          Lieber Egon Friedell!

Das sieht Ihnen ähnlich, das ist echtester Friedell! Setzt sich hin und scheut keinen Aufwand von Mühe, Scharfsinn und Gelehrsamkeit, um eine Binsendummheit zu widerlegen! Immer von neuem muß ich Ihre Geduld mit Menschen bewundern. Wie viel rührende Güte versteckt sich doch in allen Ihren Spässen! Sie machen gern die Wahrheit zum Hanswurst, damit der Leser nicht merkt, wen er in dieser Maske passieren läßt: seinen Todfeind! Sie wissen, daß er Ihren furchtbaren Lebensernst nur ertragen kann, wenn er ihn auszulachen meint. Semper aliquid haeret: irgend etwas von der Wahrheit bleibt, ohne daß er es merkt, schließlich doch an ihm hängen und so gelingt Ihnen zuweilen das Wunder, daß das denkfaulste Geschöpf der Weltgeschichte: der »Gebildete«, nachdenklich wird. Um mit dem Hammer vor ihm zu philosophieren, ist sein Gehirn zu weich; so philosophieren Sie lieber mit Schellen und haben dabei vor Shaw, der Sie vielleicht in dieser Schellenkunst noch übertrifft, das Erbarmen voraus. Shaw ist der rabiate Hofnarr der Zeit, er muß ihr immer gleich seine Zähne zeigen. Sie sind ihr wehmütiger Narr. Erschrecken Sie nur nicht, ich will's nicht weitersagen, aber ganz unter uns dürfen Sie mir's ja gestehen: Sie haben ein tiefes Mitleid mit dem »Gebildeten«. Denn Ihnen tut der Mensch überhaupt leid, Sie haben ihn lieb. Sie verstehen sich noch auf die heutzutage vernünftigen Leuten allerschwerste, die heutzutage fast unmögliche Kunst, ein praktischer Christ zu sein und von solcher Engelsgeduld, daß Sie sogar fähig sind, ruhig darüber zu diskutieren, ob Christus nicht vielleicht eine blos mythische Gestalt ist. Ich muß zu meiner Beschämung gestehen: Ich könnt's nicht! Es gibt ein Maß von Albernheit, an dem alle meine pflichtgemäße Langmut zu Schanden wird. Wenden Sie mir nicht Napoleon ein, der den alten Wieland unter dem Arm nahm, um ihm zuzuraunen: »Es ist übrigens noch die Frage, ob Christus überhaupt gelebt hat!« Bei dem ist das auch nur eine jener glänzenden Boutaden, in denen er sich gern zuweilen von der ungeheuren Erschöpfung seiner heroischen Einsamkeit erholt; er schlägt dann mit Vorliebe den Ton an, den sich Hamlet gegen den guten Polonius erlaubt; gar viel mehr wird dem Eroberer unser Papa Wieland ja kaum gewesen sein. Und wer mag sich in solchen Fällen, um einem Gespräch, das ihn langweilt, auszukneifen, lange bedenken, etwa den Partner, gar wenn der darnach aussieht, plötzlich durch die Frage zu verwirren: Und sind Sie denn aber auch ganz sicher, daß Cäsar wirklich gelebt hat? Ist das nicht eigentlich recht dubios? Aber wehe, wenn da nun böser Zufall einen richtigen deutschen Professor in die Nähe bringt, der macht ein Buch daraus! Denn amusischen Naturen liegt es im Blute, für alles erst Beweise zu fordern, und sie leben davon, daß ja gerade, was uns zum Leben unentbehrlich ist, sich alles niemals beweisen läßt, weshalb dann von ihnen der berühmte »Fortschritt« erfunden worden ist, der herrliche Begriff, der aus dem Nichts dadurch, daß es sich in den Schwanz beißt, alles entstehen läßt. Daß Sie, lieber Friedell, fähig sind, sich mit derlei Leuten hinzustellen, in den Exkrementen ihrer Dummheit herumzustierln und noch Ihrem geliebten, mir so werten kleinen Köter zuzumuten, daß er ruhig daneben sitzt, das, Egon, zeigt Ihr gutes Herz und Ihren gewaltigen Magen. Aber vielleicht kam auch noch dazu, daß ja für einen hohen Verstand gerade Beschäftigung mit dem Absurden immer etwas Faszinierendes hat.

Wenn nun aber Ihrer sanften Beredsamkeit gelingt, die Schar der Zweifler an der geschichtlichen Erscheinung Christi zu lichten, ja wenn ihr sogar gelänge, jeden Zweifel daran verstummen zu lassen, was, verehrter Freund, wäre damit erreicht? Würden aus jenen bekehrten Zweiflern dadurch Christen? Ja würden sie nur irgendwie dadurch innerlich anders? Warum auch? Was wäre denn geschehen? Die sehen sich also nun durch den milden Zwang Ihrer überzeugenden Beweise veranlaßt, zuzugeben, daß um jene Zeit ein edler Mensch, der sich den Sohn Gottes nannte, gelebt hat und von unverständigen Juden gekreuzigt worden ist, setzen einen Namen mehr auf die Liste der Blutzeugen für die Wahrheit und vergessen nicht, sogleich mit Befriedigung zu zitieren:

»Die wenigen, die was davon erkannt,
Die thöricht gnug, ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.«

Wenn aber auf dieser Liste von Empedokles und Sokrates bis Hus und Giordano Bruno nun auch noch der Name Jesus Christus steht, was ist damit eigentlich getan? Man kann ja nicht leugnen, daß er, bloß menschlich betrachtet, wenn er nicht Gott selber war, wenn er nicht von Toten auferstand, wenn er nicht zum Himmel auffuhr, von wannen er wieder kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten, daß er, bloß als Mensch angesehen, eigentlich aus der Reihe der großen Menschen nicht besonders hervortritt. Überwältigend ist's, wenn wir wissen, daß, der hier mit Zöllnern zusammensitzt, Gott selber ist; alle menschliche Fassungskraft übersteigt es, daß sich Gott in seiner unendlichen Liebe so degradieren konnte! Doch wenn er gar nicht Gott, wenn er nur ein ungewöhnlicher Mensch war, bleibt es uns unbenommen, vielleicht zu finden, daß ihn unter den ungewöhnlichen Menschen mancher andere noch an Ungewöhnlichkeit übertrifft. Maurice Baring zitiert in seinem Roman »Passing By« das freche Wort eines Franzosen, der in einer solchen Discussion erklärte, er bete Jesum Christum als unseren Herrn und Gott an, aber, s'il n'est qu'un homme, je préfère Hannibal. Wer will ihm das auch verbieten, wenn Christus nicht Gott ist? Was kann mich, wenn Christus nichts weiter als ein edler, großer Mensch gewesen wäre, hindern, das Leben Alexanders oder Cäsars oder Cola di Rienzos oder Leonardos oder Rembrandts oder Goethes oder d'Annunzios vorzuziehen? Geschmackssache! Nur daß aber jeder Zug an Jesu nach Gott selber schmeckt! Nur daß in jedem Wort aus Jesu Mund die Stimme Gottes selber klingt! Und ich muß doch auch noch sagen, daß ich Ungläubigen ihre gern so lebhaft beteuerte Verehrung der Person Christi nicht recht glauben kann. Ich weiß nicht, was ich, wäre Christus nicht Gott, an ihm zu verehren hätte. Ein Mensch, der sich den Sohn Gottes nennt, dies offenbar also blos symbolisch meint, aber die Leute, denen er sich so nennt, genug kennt, um zu wissen, daß sie das nicht symbolisch nehmen können, daß sie's wörtlich nehmen müssen, ich wüßte nicht, was ich da verehren könnte, mich schaudert vor dem Namen, der sich mir für einen solchen Menschen aufdrängt. Daß es Leute gibt, die den Gedanken, daß unser abendländisches Leben seit bald zweitausend Jahren auf einem Betrug beruht, ertragen, den Stifter verehren und sich noch Christen, wenn auch aufgeklärter Art, nennen, übersteigt meine Fassungskraft. Atheisten scheinen mir ehrlicher als derlei frei gesinnte Scheinchristen und auch bei weitem nicht so ruchlos.

Die Gewalt unseres Glaubens ruht auf seinem zwingenden inneren Zusammenhang. Das Phänomen des menschlichen Wesens ist unerklärlich, erst aus der Erbsünde lernen wir es verstehen. Aber diese, o felix culpa!, zieht den allerbarmenden Gott auf Erden herab, Mensch zu werden, am Kreuze zu sterben und, von Toten auferstanden, zum Himmel zu fahren, nicht ohne zuvor dafür gesorgt zu haben, daß er fortan immer unter uns bleibt, daß wir ihn immer haben können, daß er unser ist, wie wir sein sind. Dadurch hat seit dem Kreuzestod das Leben der Menschheit ein neues Antlitz, daß ihr nun die Macht gegeben ist, sich Tag für Tag Gott zu holen, immer mit Gott zu sein, immer in Gott zu sein. Seit sich Gott, unsere Schuld zu tilgen, erniedrigt hat, Mensch zu werden, wie gewaltig sind wir damit erhöht! Aber nicht blos, daß er unser war, dürfen wir uns frohlockend rühmen, er ist's, er bleibt's, immer steht er bereit für mich, er harret mein, ich kann ihn haben, mich mit ihm vereinen, er hört auf mich! Gottes ist das Leben der Menschheit durch das eucharistische Wunder geworden und die Tiere des Waldes selbst, das Gestein der Berge, ja die wandernden Wolken müssen es insgeheim beseligt geheimnisvoll irgendwie spüren, daß das Angesicht der Erde neu geworden ist, seit der liebe Gott unter den Menschen wohnt.

In unserem Glauben hängt alles erzen zusammen. Da muß, wer einmal A gesagt hat, auch B sagen, es hilft ihm nichts, er kann nicht mehr aus. Deshalb freut mich's, daß Sie dem lieben Leser mit solcher Entschiedenheit A sagen. Auf Sie hört er, weil Sie so klug waren, sich den Kredit eines Spötters zu geben. Sie haben sich durch gute Witze, Tätigkeit in Kabaretts und allerhand andere Bemühungen solcher unverdächtiger Art das Vertrauen der Gebildeten und soviel Autorität gewonnen, daß man Ihnen sogar den geschichtlichen Jesus glauben wird. Wer aber erst einmal an den geschichtlichen Jesus glaubt, kann, wofern er mit etwas Logik begabt ist, dem eucharistischen Wunder nicht entgehen. Darum sei, lieber joculator Dei, Ihrer tapferen Schrift von Herzen Glück gewünscht!


1. August 1921

Hermann Bahr



Das Jesusproblem


Mangel an Charakter der einzelnen forschenden und schreibenden Individuen ist die Quelle alles Übels unserer neuesten Literatur. Besonders in der Kritik zeigt dieser Mangel sich zum Nachteile der Welt, indem er Falsches für Wahres darbietet oder aber durch ein erbärmliches Wahre uns um etwas Großes bringt, das uns besser wäre. Bisher glaubte die Welt an den Heldensinn einer Lucretia, eines Mucius Scaevola und ließ sich dadurch erwärmen und begeistern. Jetzt aber kommt die historische Kritik und sagt, daß jene Personen nie gelebt haben, sondern als Fiktionen und Fabeln anzusehen sind, die der große Sinn der Römer erdichtete. Was sollen wir aber mit einer so ärmlichen Wahrheit! Und wenn die Römer groß genug waren, so etwas zu erdichten, so sollten wir wenigstens groß genug sein, daran zu glauben.

Goethe zu Eckermann



Einleitung


Am sechsten Oktober 1808 kam Napoleon vom Erfurter Kongreß nach Weimar hinüber. Auch Wieland, der seines hohen Alters wegen den Festlichkeiten ferngeblieben war, mußte herbeigeholt werden. Der Kaiser sprach mit ihm zuerst über einige deutsche Dichtungen, dann kam er auf verschiedene historische Themen. Plötzlich trat er ganz nahe an Wieland heran und sagte mit leiser Stimme: »Es ist übrigens eine große Frage, ob Christus jemals gelebt hat.« Dieses geistreiche Aperçu – denn mehr hatte Napoleon wohl kaum beabsichtigt – zum Mittelpunkt eines Systems gemacht zu haben, blieb erst unserem erleuchteten Jahrhundert vorbehalten. Seit ungefähr einem Jahrzehnt ist nämlich eine umfangreiche Literatur im Entstehen begriffen, die dieser »großen Frage« mit einem ungeheurn wissenschaftlichen Apparat an den Leib rückt. Oder vielmehr: es handelt sich um gar keine Frage, sondern es wird klipp und klar behauptet: Christus hat zweifellos nicht gelebt, Christus ist eine mythologische Fiktion. Nachdem also David Friedrich Strauß den berühmten Versuch gemacht hat, alle übernatürlichen Elemente im Leben des Heilands als mythisch zu erweisen, tut nun diese Gruppe von Forschern den letzten radikalsten Schritt, indem sie die gesamte Geschichte Jesu für einen Mythus erklärt, der sich in Entstehung, Anlage und Tradition prinzipiell nicht von den Sagenkreisen unterscheidet, denen ein Osiris, Odin oder Apollo ihr Dasein verdanken. Wie man sieht, handelt es sich auch hier wieder um die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen in der Person Christi, jenen uralten Streit, der sich durch die ganze Geschichte des Christentums zieht. Die orthodoxe Theologie steht bekanntlich auf dem Standpunkt, daß in Jesus Christus die göttliche Natur mit der menschlichen untrennbar vereinigt, daß er der Gottmensch sei. Demgegenüber vertritt die sogenannte liberale Theologie, die in den letzten Jahrzehnten immer mehr Anhänger gewonnen hat, die Ansicht, daß Jesus ein vergöttlichter Mensch war. Die Verfechter der »Christusmythe« behaupten nun das gerade Gegenteil: sie sagen, Jesus sei nichts anderes gewesen als ein vermenschlichter Gott.1

Es ist für jeden Gebildeten notwendig, sich mit diesen Untersuchungen zu befassen, nicht bloß, weil sie durch die Fülle belehrenden Stoffes, der in ihnen enthalten ist, sehr zur Erweiterung des Gesichtskreises beitragen, sondern auch aus einem unvergleichlich wichtigeren Grunde. Wenn heute einige scharfsinnige und wohlunterrichtete Physiker aufstünden und zu beweisen versuchten, daß das Gesetz von der Erhaltung der Kraft ein Irrtum ist, eine fromme Mythe, die wir in das Naturgeschehen hineininterpretiert haben, um unseren Wunsch nach einem einheitlichen und wissenschaftlich befriedigenden Weltbild zu stillen, so wäre es durchaus nicht am Platze, über diese Argumente mit einem hochmütigen Achselzucken hinwegzugehen und sie von vornherein als dilettantisch und unhaltbar abzutun, sondern jeder Naturforscher, einerlei welches Teilgebiet er bearbeitet, hätte sich und seiner Disziplin gegenüber die ernsteste Pflicht, der Sache auf den Grund zu gehen. Er könnte nicht einen Augenblick mehr ruhig weiterarbeiten, so lange er sich nicht überzeugt hätte, daß diese Einwände eben doch nicht stichhaltig sind. Dieses Gesetz ist die Grundlage sämtlicher physischen Wissenschaften: nicht blos Physik und Chemie, auch Botanik, Geologie, Medizin, Astronomie und so weiter sind eine Posse, wenn es gelingen sollte, seine Ungültigkeit nachzuweisen; jedermann, dessen Fach die Beobachtung und Erforschung der Natur ist, müßte zu einem solchen Widerlegungsversuch seine Stellung einnehmen. Immerhin: Naturwissenschaft ist nicht jedermanns Fach, und Tausende könnten friedlich ihren Aufgaben weiter obliegen, ohne sich mit dem Streit jemals befaßt zu haben. Aber die Frage, ob Jesus Christus gelebt hat, schlägt in jedermanns Fach oder sollte es doch wenigstens tun, denn das Leben, Leiden und Sterben des Heilandes ist auf unserer Hemisphäre der Sinn und geistige Inhalt derletzten neunzehn Jahrhunderte gewesen. Man denke sich dieses Ereignis weg, und es bleibt so gut wie nichts zurück, denn alles drehte sich um diese Zentralsonne, sie suchend oder fliehend, aber stets in ihrem magnetischen Kreis, bewußt oder unbewußt von ihr Licht, Wärme und Bewegung empfangend. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie, das Gravitationsgesetz und alle anderen Naturgesetze sind verhältnismäßig bedeutungslos gegenüber diesem Phänomen. Wenn wir eines Tages erfahren sollten, daß durchaus nicht alle Körper zur Erde fallen müssen, so werden wir nach einigem Erstaunen ebenso unbeirrbar und sicher weiterleben wie bisher; wenn das kopernikanische System sich eines Tages (was höchstwahrscheinlich der Fall sein wird) als falsch erweisen sollte, so wird diese Erkenntnis die Menschheit so wenig aus den Angeln heben, wie es der Zusammenbruch des ptolemäischen Systems getan hat. Ob die Erde sich um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde oder beide zusammen um einen dritten Himmelskörper oder beide um einander oder beide überhaupt nicht: das hat mit unserm Glück sehr wenig zu schaffen; aber wenn sich herausstellen sollte, daß der Mittelpunkt, um den sich unser ganzes bisheriges Fühlen, Denken und Glauben bewegt hat, ein Irrtum und eine Lüge ist: dann ist unsere Seligkeit schon auf dieser Erde unwiederbringlich verloren. Es hilft also nichts: man muß dieser Frage vorurteilslos nachgehen, denn mit einer prinzipiellen Ablehnung a limine wird sich kein gewissenhafter Mensch zufrieden geben.

Man gestatte mir jedoch eine kurze methodologische Vorbemerkung. Ich stehe auf dem Standpunkt des Supranaturalismus, das heißt: jener Auffassung, die in Jesus ein göttliches Wesen erblickt und von diesem Wesen annimmt, daß es eine Reihe von Taten vollbracht hat, die dem gewöhnlichen Menschenverstande uns gewöhnlich erscheinen, der Gesetzmäßigkeit einer höheren Naturordnung unterworfen sind und daher im landläufigen Sprachgebrauch als Wunder bezeichnet werden. Ich werde jedoch in den nachfolgenden Betrachtungen die Haltung einnehmen, als ob ich mich auf dem naturalistischen Standpunkt der »liberalen Theologie« befände, die in Jesus einen ausgezeichneten Menschen sieht, dessen Leben zwar in den Grundzügen geschichtlich beglaubigt ist, aber im Ganzen nichts enthält, was sich nicht mit den primitiven Mitteln des bürgerlichen Durchschnittsverstandes ohne weiteres erklären ließe. Ich tue dies aus drei Gründen. Erstens würde die Darlegung des supranafuralistischen Standpunktes eine Reihe von prinzipiellen philosophischen Untersuchungen erfordern, die viel zu detailliert und zum Teil auch zu kompliziert sind, um hier in Kürze vorgenommen werden zu können. Zweitens gehören diese Erwägungen gar nicht hieher, denn der Supranaturalismus liegt so ganz außerhalb des Gesichtskreises der Mythentheorie, daß sie ihn nicht einmal angreift. Die supranaturalistische Beweisführung wäre am Platze etwa gegen David Friedrich Strauß; wenn aber eine Theorie auftritt, die im Skeptizismus ungefähr ebensoweit über Strauß hinausgeht wie dieser über die konfessionelle Auffassung, so würde man sie mit solchen Darlegungen gar nicht treffen; man würde viel zu kurz zielen. Endlich drittens ist es eine in der philosophischen Dialektik und in der Jurisprudenz und selbst in den allerexaktesten Wissenschaften, wie Mathematik und Mechanik, sehr gebräuchliche Argumentationsform, daß man eine Position einnimmt, die man gar nicht zu behaupten gedenkt, sondern nur als einen notwendigen Durchgangspunkt ansieht. So betrachtet zum Beispiel der Mathematiker den Kreis als ein Polygon mit unendlich vielen Ecken. Er weiß natürlich, daß der Kreis kein Polygon ist, daß es unsinnig wäre, dergleichen im Ernst zu glauben, aber er gelangt doch durch diese unhaltbare Annahme zu einer Reihe von wertvollen Aufschlüssen über die Natur des Kreises. Kurz: um die naturalistische Auffassung widerlegen zu können, muß man sie wiederherstellen, und dies ist notwendig, denn die Mythenhypothese leugnet sogar diese. Die Naturalisten sagen: Jesus hat nichts Übernatürliches vollbracht, die Mythentheorie sagt: er hat nicht einmal etwas Natürliches vollbracht; die Naturalisten sagen: Jesus war kein göttliches Wesen, die Mythentheorie sagt: Jesus war überhaupt kein Wesen.



Der vorchristliche Jesus


Das Hauptund Kernstück der Mythentheorie ist die Hypothese vom »vorchristlichen Jesus«. Nach dieser ist das Christentum nichts andres als ein Produkt des religiösen Synkretismus. Die wirksamsten Glaubensvorstellungen, die im römischen Weltreich verbreitet waren, gingen selbsttätig eine Mischung ein, und aus dieser Mischung längst vorhandener Religionselemente entstand eine neue Gottheit, die man Jesus Christus nannte. Später erfanden dann fromme Gemüter zu diesem Gott eine Geschichte, die ihn auf die Erde herabsteigen und nach seinem Opfertod wieder in den Himmel zurückkehren läßt. Jesus war von Anfang an nichts andres als ein jüdischer Kultgott. Der Beiname dieser Sekte war »Nazoräer« (Nazarener); er weist aber nicht auf eine Stadt Nazareth, die niemals existiert hat, sondern bedeutet nach dem Sinn des hebräischen Wortstammes so viel wie: Hüter, Schützer, Heiland. »Wenn«, sagt Smith, »eine Klasse von Personen Hüter genannt wurde, so würde das jeder so verstehen, daß es die sind, die etwas hüten; niemand würde darauf kommen, ihren Namen von einem sonst unbekannten Dorf namens Hütung abzuleiten. Wir legen hierauf, weil ausschlaggebend, besonderen Ton.« Man gewinnt hier gleich einen interessanten Einblick in die sonderbare Methode, die Smith handhabt. Erstens nämlich handelt es sich nur um die Bedeutung der Wurzel: Nazoräer läßt sich daher ebensogut mit »Hütunger« übersetzen, in welchem Falle die Sache sogleich ein anderes Gesicht bekommt. Zweitens würde die Worterklärung »Hüter« oder »Heiland« ja nur in Anwendung auf Jesus einen vernünftigen Sinn haben, während es von den Anhängern eines so benannten Mannes völlig absurd wäre, sich ebenfalls »die Heilande« zu nennen. Drittens läßt sich aus der Tatsache, daß jemand »Hüter« heißt, keineswegs mit Sicherheit schließen, daß es einen Ort ähnlichen Namens nicht doch gegeben habe und das Wort daher stamme. So würde zum Beispiel in zweitausend Jahren vermutlich jedermann zunächst annehmen, der Name der christlichen Sekte der »Herrnhuter« bedeute soviel wie »Hüter des Herrn«, und dennoch wäre diese Ableitung falsch. Viertens weiß man welcheSchwierigkeiten gerade den ersten Jüngern Jesu seine Abstammung aus Nazareth machte, da er ja nach der Prophezeiung in Bethlehem geboren sein sollte; hätte daher »Nazarener« wirklich soviel wie »Heiland« bedeutet, so wären die Urchristen die ersten gewesen, die diesen Wortsinn akzeptiert hätten. Und fünftens und letztens: wenn wir selbst alles zugeben, was Smith behauptet, wenn Nazarener wirklich blos Heiland heißen kann, eine ganze Sekte sich ebenfalls als Heilande bezeichnete und der Ort Nazareth niemals existiert hat, so ist es immer noch eine starke Zumutung, daß wir aus diesen Tatsachen mit Bestimmtheit folgern sollen, Jesus habe nie gelebt.

Was nun den »Synkretismus« anlangt, so ist ganz unleugbar, daß sowohl die Urchristen wie Jesus selbst viele äußere Formen, Zeremonien und Symbole aus den bisherigen orientalischen Religionen übernommen haben. Ganz neue Formen gibt es weder in der Kunst noch in der Religion; sie wären nicht einmal gut, weil sie nur verwirren und vom Wesentlichen, dem neuen Inhalt ablenken würden. Aber auf diesen eben kommt es an. Wenn Jesus in irgend einem ihm bekannten Bekenntnis etwas Gutes fand, etwas, das zu Gott führte, warum hätte er es in falscher Originalitätssucht ablehnen sollen? Und daß er die jüdischen Gebräuche sogar nach Tunlichkeit zu schonen suchte, ist in den Evangelien deutlich genug ausgesprochen. Es ist sogar sehr warscheinlich, daß ihm erst allmählich die Erkenntnis wurde, eine völlige Revolution und Umkehrung des überlieferten Judenglaubens sei die einzige Möglichkeit, zu Gott zu kommen. Anfangs glaubte er vermutlich, nur eine Vertiefung und Reinigung der mosaischen Lehren vornehmen zu müssen. Es hat daher nichts Befremdliches, wenn wir hellenistische, mosaische, parsische Elemente im Christentum wiederfinden. Mohammed hat noch viel mehr aus fremden Religionen übernommen: aber ist darum die Lebensgeschichte Mohammeds ein Mythus?

Und wenn Jesus nicht gelebt hat: worin bestand denn dann die zentrale Idee, das schöpferische Prinzip des Urchristentums? Smith gibt uns die Antwort: sie bestand im »Protest gegen den Götzendienst«, im »Kreuzzug für den Monotheismus«. Und hier enfhüllt sich für Smith das »Geheimnis des Urchristentums«. Die ganze Geschichte Christi in den Evangelien ist nichts anderes als eine Parabel, ist eine Darstellung des Kampfes des einen Gottes gegen die vielen »Dämonen« der Heiden, gefaßt in die Form eines Gleichnisses. Aber diese Aufgabe: die Propaganda für die monotheistische Idee lag ja schon im Judentum, sie lag ebensosehr im Stoizismus, dazu wäre nicht ein neuer religiöser Bund nötig gewesen. Wozu diese ganze schwerverständliche esoterische Einkleidung in Symbole, in eine allegorische Heilandsgeschichte, in Parabeln und dunkle Gleichnisreden, wenn es sich um etwas so Einfaches, längst Vorhandenes und für jeden gläubigen Juden wie für jeden ungläubigen Heiden gleich Selbstverständliches handelte wie den Monotheismus? Kann man sich wirklich ernsthaft des Eindruckes erwehren, daß hier etwas schlechthin Neues, etwas im höchsten Maße Tragisches und Geheimnisvolles, ein geistiges Erdbeben am Werke ist?

Und woher die ganz besonderen Vorstellungen vom »anbrechenden Reich«, vom »Gottessohn« und dergleichen, die mit der bloßen Idee des Monotheismus nichts zu schaffen haben? Auch hierauf weiß Smith eine Antwort. »Das Reich, das im Anbruch war, kam tatsächlich niemals. Der Eine, der da kommen sollte, kam tatsächlich nicht. Als die glühende Hoffnung auf diese Wunder unter der erkältenden Logik der TatSachen, insbesondere der Zerstörung Jerusalems zunichte wurde, empfand man scharf eine Enttäuschung, der man sich anpassen mußte. Das christliche Bewußtsein war der Aufgabe gewachsen. Es begegnete dieser Enttäuschung und überwand sie und gestaltete sie durch manche Erfindung um«. »Genau so urteilen wir über die Entstehung eines Menschen oder eines Säugetiers. Zu einer bestimmten Zeit in der geologischen Vergangenheit war er nicht auf Erden; in einer etwas späteren Zeit war er auf Erden; darum muß er zu einer gewissen Zwischenzeit auf Erden erschienen sein.« Jenes uns fehlende Zwischenglied besteht nun nach Smiths Ansicht in der Tatsache, daß die Urchristen, durch den Gang der Ereignisse gezwungen, eine Uminterpretierung vornahmen, indem sie die Geschichte Jesu erfanden. Wir erlauben uns aber, eine wesentlich einfachere und plausiblere Erklärung vorzuschlagen. Jenes »missing link« besteht ganz einfach in der Tatsache, daß Jesus gelebt hat. Er ist es, der diese »Uminterpretierung« der Weltgeschichte vorgenommen hat. Das »Reich« kam nicht, aber eines Tages erkannte die Welt, daß er selber dieses »Reich« gewesen sei. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die Urchristen an eine leibliche Wiederkunft Christi glaubten, genau so lange, bis sie einsahen, daß er nicht wiederzukommen brauchte, da er sie niemals verlassen hatte. Wenn in der physischen Geschichte der Lebewesen ein Mittelglied fehlt, so schließen wir ja gerade immer auf das Vorhandensein einer neuen Spezies, die unbedingt dagewesen sein muß; und wenn in der Evolution des menschlichen Geistes ein Glied fehlt, so muß eben ein Geist dagewesen sein, der die Stufen vermittelt hat. Wenn die Menschen innerhalb von hundert oder zweihundert Jahren reiner, frömmer, tiefer in ihrem Wissen und Wollen werden, so kann nur ein Genius, eine gottbegnadete Persönlichkeit davon die Ursache sein, niemals der »Kollektivgeist«, die »Menschheit«, die »historische Entwicklung«. Denn den Menschen, der Masse, den Vielen muß immer alles gesagt werden, und zwar hundertmal, tausendmal, eindringlichst, handgreiflichst, durch Wirklichkeiten, durch Leben, Leiden und Sterben eines wirklich lebenden, leidenden und sterbenden Wesens: alles Große, Neue und Gute muß von außen an sie herangebracht werden – aus sich selber haben sie es noch nie gefunden. Ex nihilo nihil fit: aus dem großen Nichts, das wir Menschheit nennen, kann kein Etwas, kein neues Bild von Gott, Welt und Seele kommen. Und außerdem wird alle menschliche Psychologie auf den Kopf gestellt, wenn man auf diese Weise aus den Urchristen eine Gesellschaft von Betrügern, Falschmünzern und Scharlatanen macht. Wenn sie selbst das Ganze für eine interpolierte, erfundene Sache hielten: warum hätten sie denn dann so inbrünstig daran glauben sollen? Es ist bisher noch nicht beobachtet worden daß ein systematischer Schwindel sektenbildend und religionsstiftend gewirkt hat. Wenn sie geargwöhnt oder gar gewußt hätten, daß die Christusmythe so entstanden sei, wie Smith es beschreibt, so hätten sie sich doch wohl kaum dafür hinrichten lassen. Ein solcher »Geheimbund« würde wohl eher einen Cagliostro als allverehrtes Oberhaupt vermuten lassen, aber nicht den Herrn Jesus Christus.

Aber vielleicht waren sie nur betrogene Betrüger, Opfer einer naiven und unkritischen Selbsttäuschung? Dies scheint die Ansicht von Drews zu sein. »Die meisten großen Helden der Sage, die sich selbst für Geschichte ausgibt, sind derartige vermenschlichte Götter; man denke nur an Jason, Achilles, Theseus, an Perseus, Siegfried und so weiter. Ja der Prozeß, daß ursprüngliche Götter in der Anschauung einer spätem Zeit zu Menschen werden, ist so sehr der gewöhnliche, daß der umgekehrte Vorgang: die Erhebung von Menschen zu Göttern im allgemeinen nur den Urzeiten der menschlichen Kultur oder den Zeiten des sittlichen und Staat? liehen Verfalls angehört, wo hündischer Knechtssinn und würdelose Schmeichelei nicht davor zurückscheuen, einen hervorragenden Menschen, sei es schon zu seinen Lebzeiten, sei es nach seinem Tode, zu einem göttlichen Wesen emporzuschwindeln.« Hierauf hat schon der Heidelberger Theologieprofessor Johannes Weiß erwidert, daß ja die Zeit des Hellenismus und des römischen Kaiserreichs tatsächlich eine solche Periode des »Verfalls« gewesen ist, in der die Menschen das Bedürfnis nach Vergöttlichung ihrer Helden in besonders starkem Maße empfunden haben, und außerdem ist dies durchaus nicht Verfall. Wenn zum Beispiel ein Mensch von einer dämonischen hellseherischen Energie und einem staunenerregenden Impetus in die Welt tritt, alle Kräfte des geistig in sich zerfallenen, durch albernen Partikularismus, aufgeblasene Rechthaberei und politische Kurzsichtigkeit zerbröckelten Hellas mit einem einzigen Griff zusammenfaßt und mit dieser Handvoll Menschen das ungeheure Weltreich Persien, das Urland menschlicher Weisheit Aegypten und das geheimnisvolle Indien, von dem man bisher kaum wußte, ob es existiere, unter sein Zepter drückt, und, was mehr ist, diese ganze Welt organisiert, mit westlicher Kultur durchdringt und wahrhaft beherrscht – ja, was bleibt denn dann der verblüfften Menschheit, wenn sie noch ihre fünf gesunden Sinne beisammen hat, andres übrig, als diesen Mann für einen Gott zu erklären? Und was war Alexander, der doch nur die physische Welt des Altertums eroberte und erneuerte, gegen Jesus, der die ganze geistige Welt der damaligen Zeit völlig verwandelte, der unermeßliche neue Länder und Reiche der Seele entdeckte und in Besitz nahm!

Diesen Glauben, dieses Wissen: daß Weisheit, daß ungewöhnliche Kraft von Gott ist, hat unsre moderne »Erkenntnis« ausgeräuchert, mittels Dampfmaschinen, Elektromotoren und Schnellpressen. Und mit einer gewissen Berechtigung glaubt man heute nicht mehr an göttliche Erscheinungen, denn in unserer Zeit sind sie tatsächlich ganz und gar unmöglich geworden. Aber daß sie zu allen Zeiten unmöglich waren, ist ein ebenso falscher wie anmaßender Schluß. Und auch Jason hat gelebt in irgendeinem furchtlosen Seefahrer und Siegfried in einem reinen Helden und Romulus, wenngleich die Geschichtsforschung nachgewiesen hat, daß sein Name nicht stimmt. Aber die Tatsache Romulus ist auf die sicherste Weise bezeugt, die der Historiker sich wünschen kann: durch die ewige Stadt Rom! Mit denselben Gründen, mit denen man das Leben Jesu anzweifelt, könnte man auch die Existenz Buddhas leugnen und von einer »Buddhamythe« sprechen. Aber man hat es ja getan! Der französische Gelehrte Senart hat in seinem »Essai sur la legende du Buddha« tatsächlich den »Nachweis« geführt, daß die gesamte Buddhatradition nichts anderes sei als eine neue Einkleidung der uralten Natursage vom Sonnengott, eine Variation der bei allen Völkern des Altertums verbreiteten »Solarmythen«. Und so wird man immer wieder mit mehr oder weniger analytischem Scharfsinn versuchen, alles wahrhaft Göttliche und Überwirkliche, das in die Geschichte getreten ist, als ein Unwirkliches nachzuweisen, weil der platte und enge Hausmannsverstand des Durchschnittsmenschen nun einmal so beschaffen ist, daß er aus einer Art Selbsterhaltungstrieb nur das ihm Begreifliche als existent anerkennt und lieber das Höchste und Tiefste, das Sinnvollste und Vollkommenste aufgibt als – sich selbst.



Die Evangelien


Die Evangelien sind die Hauptquelle, aus der wir unsere Kenntnis des Lebens Jesu schöpfen, und es ist daher begreiflich, daß die Verfechter der »Christusmythe« einen großen Teil ihrer Angriffe gegen diese Urkunden richten. Da begegnen wir zunächst einem uns bereits bekannten Argument: man versichert uns, der geistige Inhalt des Neuen Testaments sei nicht neu, sei eine bloße Kompilation aus längst vorhandenen Elementen. Aber dies heißt das Wesen des großen Genius ganz und gar verkennen. Wenn uns, wie dies zum Beispiel Lublinski ausführlich getan hat, der Nachweis erbracht wird, daß einzelne Gedanken der Predigt Jesu sich schon im Alten Testament, im Talmud, bei Seneca, Plato und andern antiken Philosophen sporadisch vorfinden, so will das gar nichts besagen. Denn in geistigen Dingen entscheidet niemals das Was, sondern stets das Wie. Gewiß: die Ahnung, daß Gott der Vater aller Menschen sei, dämmerte bereits vor Jesus in erlesenen Köpfen der heidnisdien Welt, das dunkle Gefühl, daß man alle Menschen lieben solle, war einzelnen edlern Geistern in Judäa nicht fremd – aber diese Gedanken hatten von ihren Trägern nicht völlig Besitz ergriffen, sich in ihnen niemals mit jener Glut und Leuchte kraft verkörpert, wie dies einzig und allein bei Jesus von Nazareth der Fall gewesen ist, und bis zum heutigen Tage! Wie blaß und dünn, wie kühl verständig und senil, wie grau in grau nehmen sich zum Beispiel die Ideen aus, die die Stoiker über Nächstenliebe gehabt haben, wenn man sie gegen die Verkündigung Jesu hält! Und wie schüchtern und tastend wagt sich bei einzelnen spätem Propheten die Vermutung hervor, daß Gott vielleicht doch auch dem Nichtjuden ein freundlicher Lenker sei! Alles war da, alles war schon »vorbereitet«, aber Jesus war noch nicht da! Das Genie tut den letzten Spatenstich: das, nicht mehr und nicht weniger, ist seine göttliche Mission auf Erden. Es ist kein Neuigkeitskrämer. Es sagt Dinge, die im Grunde Jeder sagen könnte, aber es sagt sie kurz und gut, so tief und empfunden wie sie niemand sagen könnte. Es wiederholt einen Zeitgedanken, der in Vielen, in Allen schon dumpf schlummerte, aber es wiederholt ihn mit einer so bezwingenden Kraft und Einfachheit, daß er erst jetzt Gemeingut wird. Und vor allem : es lebt seine Gedanken! Seneca argumentierte und deklamierte eifrig über Menschenliebe und stoische Bedürfnislosigkeit, aber das war der eine Seneca, der philosophische Seneca: der andere Seneca, der Seneca des Lebens war der skrupellose Geldmacher und Millionär, der liebedienerische Genosse neronischer Verbrechen. Aber es war ja alles in den Evangelien nur parabolisch, bildlich gemeint! Jesus hat niemals gelebt, gelitten, Heilungen vollbracht und das Kreuz erduldet: alles das ist nur symbolische Einkleidung für gewisse abstrakte Gedanken. Wir kennen auch dieses Argument schon, und ich will nur ein einzelnes Beispiel anführen, um zu zeigen, wie wenig die Vertreter der Mythentheorie bei all ihrem Scharfsinn in den wahren Geist der Evangelien eingedrungen sind. Jesus sagt: »Gehet hin und berichtet an Johannes, was Ihr höret und sehet: Blinde sehen wieder und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden erweckt und Armen wird das Evangelium gepredigt.« Man argumentiert nun so. Der Satz: »Armen wird das Evangelium gepredigt« steht am Schluss, dies sei aber gegenüber den Blindenheilungen, den Totenerweckungen und so weiter keineSteigerung, sondern vielmehr eine Abschwächung, folglich könne das Ganze nur symbolisch gemeint sein: unter den Blinden seien die geistig Blinden zu verstehen, unter den Toten die geistig Toten und so weiter. Wer dies sagt, hat die Lehre Christi freilich nicht verstanden. Der Schlußsatz ist in der Tat die höchste Steigerung. Wunder sind etwas ganz Sekundäres, Wunder taten auch Andere, aber das Höchste an göttlichem Tun, das wahre Wunder war eben die Predigt des Evangeliums!

Eine zweite Gruppe von Einwänden beschäftigt sich mit den mancherlei Unwahrscheinlichkeiten, fabulösen und legendären Elementen, die die Evangeliengeschichten enthalten. Diese Fragen sind Jedermann so vertraut und schon so oft zum Gegenstand kritischer Untersuchunigen gemacht worden, das es nicht notwendig sein wird, näher auf sie einzugehen. Wir möchten nur prinzipiell bemerken, daß sie für unser Problem gar nicht in Betracht kommen. Wenn von Jesus zum Beispiel berichtet wird, daß bei seinem Tode der Tag erlosch, daß er über das Meer wandelte und dergleichen, so kann das doch höchstens besagen, daß diese Angaben keine Zeugnisse für die Existenz Jesu sind, aber es besagt keinesfalls, daß sie Zeugnisse für die Nichtexistenz Jesu sind. Wenn über einen Vorfall unrichtige oder zumindest zweifelhafte Berichte einlaufen, so geht doch daraus noch nicht hervor, daß dieser Vorfall niemals stattgefunden hat. Aus der höchst unglaubwürdigen Erzählung, daß Karl der Große im Untersberg, Friedrich Barbarossa im Kyffhäuser, Heinrich der Vogelsteller im Sudanerberg sitzt, läßt sich doch nicht ableiten, daß diese Regenten niemals gelebt haben; aus der Mitteilung Virgils, daß sich beim Tode Julius Caesars die Sonne verfinsterte, hat noch niemand geschlossen, Julius Caesar sei eine mythische Figur. Drews weist selbst darauf hin, daß in die Jugendgeschichte des Cyrus ganz ähnliche sägenhafte Elemente verwoben wurden wie in die des Heilands, aber es fällt ihm nicht ein, deshalb Cyrus für eine unhistorische Person zu erklären.

Ganz ebenso verhält es sich mit den »Widersprüchen« in den Evangelienberichten. Solche sind unleugbar vorhanden, aber sie beweisen nichts gegen die Geschichtlichkeit Jesu. So läßt zum Beispiel Lukas den Heiland bei einem vorübergehenden Aufenthalt der Elfern in Bethlehem geboren werden, während Matthäus annimmt, daß diese schon immer in Bethlehem wohnten. Derlei Unklarheiten finden sich jedoch in sehr vielen Biographien. Ich will die Geburtsumstände eines andern religiösen Reformators zur Vergleichung heranziehen. Luthers Vorfahren waren von alters her in Möhra ansässig; im Jahre 1483 verließen aber seine Elfern plötzlich ihren Heimatsort und siedelten sich in Eisleben an, wo er bald darauf zur Welt kam. Die Gründe dieses Ortswechsels sind bis heute noch nicht aufgeklärt, und sehr abenteuerliche Hypothesen sind darüber verbreitet: so hat man von gewisser Seite vermutet, Luthers Vater habe wegen eines Totschlags fliehen müssen. Nun lege man zwischen Luthers Geburt und die heutige Zeit einen Zwischenraum von nahezu zweitausend Jahren, man nehme hinzu, daß nur vier kurze Berichte über diese Tatsache auf uns gekommen seien, man lasse den Vorgang in Albanien oder Armenien sich abspielen, wo die Dinge nicht so genau genommen werden wie in dem erleuchteten Sachsen, und frage sich, ob unter diesen Umständen nicht die Möglichkeit bestanden hätte, daß der eine der vier Biographen gesagt hätte, Luthers Eltern hätten erst seit kurzem, die anderen aber, sie hätten schon immer in Eisleben gelebt. Und erinnern wir uns doch, wie man sich bei zwei so beglaubigten Personen wie Napoleon und Heine über das Geburtsjahr gestritten hat.

Auf diese Weise widerlegt sich der »Diskrepanz-Einwand« auch in allen übrigen Punkten. Man weist darauf hin, daß einzelne kleine Charakterzüge, Aussprüche und Erlebnisse des Heilandes in den vier Evangelien nicht ganz gleichmäßig wiedergegeben werden. Aber wenn heute vier Menschen ein noch so einfaches, alltägliches und glaubwürdiges Ereignis, etwa eine Straßenszene zu schildern haben – werden sich ihre Darstellungen decken? Nicht zwei von ihnen werden genau dasselbe berichten. Hätten wir von Nietzsches Werken nur Inhaltsangaben, so hätten wir nur Widersprüche. Und doch hätte in diesem Fall schriftlich fixiertes vorgelegen. Wie erst, wenn es nur »Nietzscheworte« gäbe: welche »Diskrepanzen« würden sich da ergeben! Man muß sogar im Gegenteil erstaunt sein, daß sie in den vier Evangelien so gering sind, und sagen: das ist ein Unikum in der Weltliteratur. Männer wie Cicero oder Wallenstein lebten im vollen Lichte der Geschichte, sind tausendfach urkundlich bezeugt, haben genaue und starke Spuren ihres Wirkens in einer Fülle von Einzelheiten hinterlassen, und doch hat die Menschheit von ihnen kein annähernd so klares, reiches und eindeutiges Bild wie von Jesus, weiß bis zum heutigen Tage noch niemand, ob Cicero ein seichter Opportunist oder ein bedeutender Charakter, ob Wallenstein ein niedriger Verräter oder ein genialer Realpolitiker gewesen ist. Man kann sagen, daß über keinen der Männer, die Weltgeschichte gemacht haben, ein solcher verblüffender Konsensus herrscht wie über Jesus. Denn keinem von allen ist es erspart geblieben, daß sie gelegentlich Abenteurer, Scharlatane, ja Verbrecher genannt wurden – man denke an Mohammed, Luther, Cromwell, an Julius Cäsar, Napoleon, Friedrich den Großen und zwanzig andere – ; wer aber hat jemals vom Stifter des Christentums dergleichen zu behaupten gewagt? Vor ihm hat noch Jeder Halt gemacht, nicht aus »Pietät« – denn die wäre wohl gegen alle großen Männer am Platze gewesen, –, sondern weil sein Bild so vollkommen eindeutig ist, daß es gegenteilige Auslegungen eben nicht zuläßt.

Aber, erwidert man uns, dieses Bild ist ja gar nicht plastisch und lebendig – das alles haben nur wir hineingetragen! »Wie anschaulich und konkret«, schreibt Drews, »wissen nicht unsere Verfasser der verschiedenen Leben Jesu', um Renan gar nicht zu erwähnen, oder unsere Geistlichen auf der Kanzel die Vorgänge der Evangelien auszumalen, mit wieviel kleinen, individuell reizvollen Zügen sie um deren größeren Wirkung auf die Zuhörer willen auszuschmücken! Diese Art von Anschaulichkeit und individuell persönlichem Gepräge ist in der Tat blos eine Sache der schriftstellerischen Geschicklichkeit und Phantasie der Autoren«. Aber dies muß aufs entschiedenste bestritten werden. Alle Darsteller des Lebens Jesu, soweit sie ausmalten, kombinierten, hinzudetaillierten, haben ausnahmslos weniger gegeben als die Evangelien, weniger an künstlerischer Anschaulichkeit, Größe und Einfachheit. Und, um Renan doch zu erwähnen: wie ärmlich ist seine psychologische Kleinmalerei, die mittels impressionistischer Tüfteltechnik nichts weiter hervorzubringen vermag als einen platten liberalen Wanderprediger, dem der Publikumserfolg zu Kopf gestiegen ist! Das ist eine andere Art Anschaulichkeit als die des Neuen Testaments! Hier die einfältigen, aber eben darum treuen Dolmetscher eines Genius, den man in jedem Wort leibhaftig reden hört, dort die parfümierte, effekthascherische »Bearbeitung« eines großen welthistorischen Stoffes durch einen fingerfertigen Modeautor. Es ist, wenn man große Sujets mit kleinen vergleichen darf, ein ähnliches Verhältnis wie zwischen Andersens Märchen »Des Kaisers neue Kleider« und Fuldas »Talisman«. Dieser ist ein abendfüllendes Theaterstück in glatten Reimen, mit vielen Figuren und aufdringlicher satirischer Tendenz, jenes ist eine vier Seiten lange Kindererzählung, in der aber mehr Weisheit, Menschenkenntnis, Humor und Poesie steckt als in sämtlichen vier Akten Fuldas. Und wenn die Evangelisten, wie Drews behauptet, Menschen ohne Bildung und Einsicht, ohne persönliche Kenntnis Jesu, leichtgläubige, beschränkte Geschichtenträger waren, dann bleibt es ja erst recht unverständlich, wie sie ohne Jesus und eine Überlieferung über Jesus dazu kamen, das schönste Buch der Weltliteratur zu verfassen. Denn wenn sie alles das »zu dogmatischen Zwecken« erfunden haben sollten, so müßten wir ja in ihnen Romandichter und Theosophen von höchster Genialität erblicken. Wie kann ein Mensch von nur einigem künstlerischen Gefühl für Luft, Kolorit, Ambiente die Naturtreue und Porträtähnlichkeit dieser Darstellungen verkennen! Aber zu einem Porträt gehört doch ein Original? Wenn es sich um eine »Dichtung« handelt, müßten die Evangelisten ja laufer Balzacs, Dostojewskis und Nietzsches gewesen sein.

Drews sagt: »Man spricht so viel vom ›Unerfindbaren‹ in der evangelischen Darstellung. Als ob es für Menschen von Phantasie überhaupt etwas Unerfindbares gäbe!« Aber warum hat kein Dichter je eine solchc Gestalt hervorgebracht? Man vergleiche Jesus mit Oedipus, mit Hamlet, mit Faust, mit Zarathustra – sie verblassen alle vollständig neben ihm. Drews fragt: »Müssen die Gespräche, die etwa ein Hamerling in seinem Roman ›Aspasia‹ seinen Griechen in den Mund legt, darum wirklich einmal gehalten worden sein, weil sie griechischen Geist atmen und vielleicht so oder ähnlich von einem wirkliehen Sokrates, Phidias, Perikles undsoweiter gehalten sein könnten? Wie kann man also aus dem richtig getroffenen Zeitkolorit, dem ›palästinischen Erdgeruch‹ undsoweiter einen Schluß auf die historische Wahrheit des Geschilderten ziehen?« Nun, allerdings! Bei der Lektüre Hamerlings könnte wohl Niemand auf die Idee kommen, daß diese Pappendeckelfiguren einmal wirklich und lebendig waren, denn sie strömen nicht Erdgeruch aus, sondern Staubgeruch und Leimgeruch. Aber auch der größte Künstler kann keinen lebenden Menschen machen, immer nur sein Bild, und diese armseligen Fischer und Zöllner sollen es gekonnt haben.

Und dann: wenn sie die Absicht gehabt hätten, einen Tendenzroman zu verfassen, so hätten sie ihn ganz anders geschrieben. Der Theologe P. W. Schmiedel hat bereits eine Anzahl von Evangelienworten zusammengestellt, die unmöglich so hätten überliefert werden können, wenn die Evangelisten irgendwie redigiert hätten, denn sie widersprechen dem traditionellen Jesusbild; er nennt sie daher »die neun Grundsäulen eines wirklich wissenschaftlichen Lebens Jesu«. Ich möchte mir erlauben, noch zwei hinzuzufügen. Das eine ist das Wort Jesu an seine Mutter: »Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?« In einer zu rein apologetischen Zwecken verfaßten Schrift wäre ein solches Wort sicherlich unterdrückt worden, da es leicht mißverstanden werden kann. Und dennoch: wie echt wirkt es! Wir haben hier wie in einem lebenden Bild eine erschütternde Darstellung des ewigen Themas: das Genie und die »Familie«! Die zweite Stelle ist die Verleugnung des Petrus, die psychologisch ungemein tief und ergreifend ist und ein unvergeßliches Schlaglicht auf diesen Charakter wirft, aber doch zu dem Bild des Gründers der Papstkirche nicht recht passen will. Nein, dieses Buch ist eben wirklich vom Leben verfaßt worden, durch »kritiklose« Organe, die gerade darum die geeignetsten waren, dieses Buch hat wirklich Gott geschrieben, in dem höchsten Sinne, den man diesem Worte beilegen kann.



Paulus


Aber das Neue Testament enthält ja auch noch andre Urkunden als die Evangelien. Wie steht es mit Paulus? Hier sind nun die Verfechter der »Christusmythe« mit einer überraschend kurzen Abfertigung bei der Hand. Das Zeugnis des Paulus – ist keines! Paulus hat in seinen Schriften niemals an einen wirkliehen Menschen gedacht, sondern an ein abstraktes Geistwesen. Er war lediglich Philosoph und übertrug seine Spekulationen vom »Mittler«, von der »Erlösung« und so weiter auf eine von ihm erdachte schematische Idealfigur. Beweis: er spricht fast gar nicht von den näheren Lebensumständen, den einzelnen Taten, der individuellen Psychologie des Heilands. Aber ich dächte, wenn uns Paulus so wenig von der irdischen Wirksamkeit und dem menschlichen Charakter Jesu erzählt, so hat das einen sehr einfachen Grund: er hat ihn ja nicht persönlich gekannt! Nur: warum übertrug er seine geistvollen Ideen vorn »Gottmenschen« undsoweiter gerade auf Jesus? Wieder aus einem sehr einfachen Grunde: weil dieser dazu der geeignetste war, weil Jesus existiert hat. Wäre Paulus ein reiner Metaphysiker gewesen, so wäre es eine sehr ungewöhnliche, eine in der Geschichte der Philosophie einzig dastehende Methode gewesen, sich zur Darlegung seiner abstrakten Ideen einen individuell so genau spezialisierten Träger zu erfinden. Dann wäre Paulus kein tiefer, fruchtbarer Theosoph gewesen, sondern ein Geistesgestörter. Warum hat denn zum Beispiel, Plato seinen »Idealmenschen« (dessen Bild nach Drews auch Paulus beinflußt hat) an kein fiktives Individuum angeknüpft? Aber halt! in gewissem Sinn hat er es ja doch getan: er hat viele seiner Gedanken Sokrates in den Mund gelegt! Und hat jemals ein Vollsinniger daraus den Schluß gezogen, Sokrates sei eine Halluzination Platos gewesen?

»Was für eine wunderliche Vorstellung«, fährt Drews fort, »müssen doch unsere Theologen von einem Manne wie Paulus haben, wenn sie glauben, es hätte ihm überhaupt jemals einfallen können, mit einem menschlichen Individuum Jesus, und mochte es ihm noch so verehrungswürdig erschienen sein, so ungeheuerliche Vorstellungen zu verknüpfen, wie Paulus es mit seinem Christus tut!« Aber gerade Paulus war dafür prädestiniert, aus Jesus den »Gottessohn,«, das »schöpferische Weltprinzip« zu machen, weil er bereits das notwendige Pathos der Distanz hatte. Alle, auch die geringsten Menschen gelangen durch den Tod in eine gewisse Verklärung. Schon die Jünger, die Jesus genau gekannt hatten, sahen ihn in einigen Jahren so sehr im Lichte eines heiligen, einzigartigen, von Gott besonders geliebten Menschen, daß sie sehr mit Recht bald anfingen, zu glauben, er sei Gott selbst gewesen. Vollzieht sich in gläubigen Menschen dieses Wunder nicht heute noch alle Tage? Glaubt nicht heute noch jedes Kind und auch jeder Erwachsene, der noch rein und kindlich zu empfinden vermag, ein geliebter Toter sei nun ein »Engel im Himmel«? In welcher anderen Form soll sich denn echter Glaube äußern, gar wenn es sich um den größten, reinsten, gotterleuchtetsten Menschen handelt, der je gelebt hat? Paulus hatte Jesus nie als Menschen gekannt, aber er hatte doch seine Kraft und Wirkung gespürt, in der höchsten Form, in der Menschen auf Menschen wirken können, in der rein geistigen. Und ist dies nicht wiederum einer der stärksten Beweise für die Existenz Jesu? Woher kam denn dieser Magnetismus, der Paulus, den hartherzigen, gesetzesstrengen Schriftgelehrten, den hochgebildeten Schüler griechischer Zweifelsphilosophie, plötzlich zwang, sein Leben von nun an dem Kultus eines Toten zu weihen, den er niemals körperlich erblickt hatte? Doch nicht daher, daß er Bücher über Platonismus gelesen hatte oder hie und da Zeuge des absurden und rohen Mithraskultus gewesen war? Es kam daher, daß Jesus gelebt hatte, ja daß er tatsächlich noch lebte, nicht als Lüge oder Fiktion, nicht als vage Erinnerung, sondern als eine reale Kraft in der Seele seiner Jünger, eine Kraft, die mindestens ebenso real ist wie Elektrizität, Radioaktivität oder sonst eine Ausstrahlung einer Energiequelle. Wenn zwanzig Jahre nach Napoleons Tode noch Menschen, die ihn gekannt und die ihn nicht gekannt hatten, sein Bild im Zimmer hängen hatten, sein Grab besuchten, sein Geburtsfest feierten, so wird jeder Vernünftige daraus allein schon schließen, daß es so etwas wie Napoleon unbedingt gegeben haben müsse. Immerhin könnte . man noch sagen: das ist nicht zwingend. Aber daraus zu schließen, daß es offenbar keinen Napoleon gegeben hat, wäre doch wohl der Höhepunkt der Unlogik.

Dieses Dilemma scheinen nun auch die Vertreter der Mythentheorie zu empfinden, denn schon sind sie mit einem zweiten, noch gewaltsameren Auskunftsmittel bei der Hand: auch Paulus ist nur eine mythische, symbolische Figur, auch Paulus hat niemals gelebt! Diesen »Nachweis« hat unter ändern auch Robertson geliefert. Wir sehen hier wieder an einem konkreten Beispiel, daß diese Forscher an jesuitischer Spitzfindigkeit und Voreingenommenheit den von ihnen so verachteten »Pfaffen« wahrhaftig nicht nachstehen. Zuerst wird mit einem riesigen Apparat an der Psychologie, der Schreibweise, den Lebensumständen eines zweifellos als historisch gedachten Paulus aufgezeigt, daß er in Christus unmöglich eine geschichtliche Persönlichkeit erblickt haben kann, und dann wird mit einem ebenso großen Apparat gezeigt, daß Paulus selber keine geschichtliche Persönlichkeit war. Es ist klar, daß sich beides zusammen nicht beweisen läßt. Und dies ist überhaupt der Generaleindruck, den diese Schriften hinterlassen: sie beweisen zu viel und daher nichts. Und wenn Drews den Theologen vorwirft, sie träten an die Urkunden mit der Absicht heran, darin Jesus zu finden, so gilt von Drews und den übrigen Anhängern seiner Theorie, daß sie an die Urkunden mit der Absicht herantreten, darin Jesus nicht zu finden.



Silentium saeculi


Ein weiteres Argument lautet: es fehlt der profane Historiker. Das ganze Jahrhundert nach Christus schweigt über Christus; es herrscht: »Silentium saeculi«. Dies ist zunächst faktisch unrichtig, denn wir haben bekanntlich Zeugnisse bei Josephus, Tacitus, Sueton. Aber diese Stellen werden natürlich für das Werk von Interpolatoren erklärt. Dies ist nun freilich ein ebenso bequemes wie unangreifbares Beweismittel; denn es steht jedem, der sich von irgend einer Sache nicht überzeugen lassen will, jederzeit vollkommen frei, beliebige Stücke der Weltliteratur, zumal wenn sie einer entfernten Vergangenheit angehören, als »unecht« zu bezeichnen. Und wenn es ganze Bände profaner Literatur über das Leben Jesu gäbe, so würden eben Drews, Lubliner und Robertson erklären, daß es sich um fromme Fälschungen späterer Christen handelt. In der Tat ist ein solcher Nachweis fast immer wenigstens in der Form möglich, daß das Gegenteil sich nicht mit absoluter Bestimmtheit feststellen läßt. Es gibt keine Möglichkeit, die Behauptung, nicht Julius Caesar habe die Bücher über den Gallischen Krieg geschrieben, sondern einer seiner Sekretäre, vollkommen zwingend zu widerlegen. Nur hat noch niemand diese Behauptung aufgestellt, weil noch Niemand ein Interesse daran hatte. Aber sie ist jederzeit denkbar, den mit literarischen Denkmälern ist es nun einmal nicht so einfach wie mit silbernen Bestecken, es gibt bis heute noch keine behördlichen Stempel für »Echtheit von Sueton« und »Vollgewicht von Tacitus«. Im übrigen liegt bei diesen beiden nicht der Schimmer eines vernünftigen Verdachts vor, und nur die Josephus-Stelle gibt Anlaß, teilweise eine Redaktion zu vermuten.

Und der vollkommene Mangel an offiziellen Berichten? Wenn es in dem »aufgeklärten«, polizierten, schreibenden und druckenden, von Literatur ganz infizierten Zeitalter der Elisabeth möglich war, daß von den größten Genius dieses Zeitalters jede öffentliche Urkunde spurlos verschwunden ist: weshalb sollte auf dem Lande, wo man der Schrift unkundig war, unter Orientalen, die gar nicht imstande sind, exakt historisch in unserem Sinne zu denken und die noch bis zum heutigen Tage alles Geschehen nur in Legendenform aufzunehmen vermögen, unter einer gleichgültigen, tief verständnislosen, nur für Steuern interessierten und zum Teil auch sehr lässigen römischen Verwaltung nicht dasselbe möglich gewesen sein?

Freilich: Shakespeare ist ja doch auf uns gekommen, und kein Vollsinniger bezweifelt, daß er gelebt hat. Er ist auf uns gekommen in der sichersten und untrüglichsten Form, in der der Genius sein Leben bezeugen kann: durch seine Geisteswerke. Seine Dramen sind das evidenteste Zeugnis für seine Existenz. Und Jesus, der ein größerer Dichter war als Shakespeare, der mit einem viel kompliziertem, wertvollem und gewaltigem Material gedichtet hat: mit dem Leben, ist durch dieses sein Leben auf uns gekommen. So viele haben ihre Meldezettel, Geburtsatteste und Totenscheine und sind nicht gewesen, haben niemals gelebt vor dem Anlitz der Geschichte. Diese beiden und so manche anderen sind von keinem Seelsorger, Magistratsbeamten und Bezirksarzt bescheinigt und leben.

Im allgemeinen ist jedoch noch dies zu sagen. Das Bedürfnis nach einer sogenannten »Biographie« pflegt erst sehr spät zu entstehen, spät in einem doppelten Sinne: es ist das Bedürfnis sowohl einer späten Nachwelt wie überhaupt einer späten Kultur. Der nächsten Umgebung eines großen Mannes, seinen Schülern und Verehrern so gut wie seinen Feinden, liegt der Gedanke fern, das Leben dieses Mannes mit allen Details zu erzählen und zu fixieren. Man vergißt immer, daß das Leben der Geschichte, solange es lebendig, das heißt: Gegenwart ist, niemals daran denkt, daß es eines Tages Material für den Historiker werden wird; es ist so rücksichtslos, für sich zu leben und nicht für die Archive. Daher ist es, vom Standpunkt des Geschichtsforschers gesehen, stets lückenhaft, ungenau, widerspruchsvoll und eigentlich »unhistorisch«. Die Mitlebenden empfinden den Genius als das, was er ist, als eine geheimnisvolle Kraftquelle, ein geistiges Kristallisationszentrum und vergessen darüber, »Belege für seine Existenz« zu sammeln und aufzubewahren. Sein Dasein erscheint ihnen so selbstverständlich, so notwendig, daß sie kein Wort darüber zu verlieren pflegen. Die »Denkwürdigkeiten«, die sie von ihm aufzuzeichnen pflegen, beziehen sich fast ausschließlich auf das, was er gesprochen und gelehrt, selten auf das, was er getan hat. Der Zeitgenosse Goethes wird zunächst von ihm berichten, wie er über die Dinge des Lebens und der Kunst dachte, nicht wo er gewohnt hat, wer seine Eltern waren und dergleichen Dinge, aus denen man in fünfhundert Jahren historische Existenznachweise schöpfen könnte. Gleichwohl haben wir bei Goethe viele Berichte über derartige Dinge, nämlich aus der Hand von Journalisten und Literaten. Damit kommen wir aber zum zweiten Punkt. Die Art, die Dinge bereits so, nämlich unter dem Aspekt des künftigen Historikers zu sehen, ist Merkmal einer sehr hoch entwickelten, ja überentwickelten Zivilisation. Sie ist Sache eines Zeitalters, in dem es bereits Philologen, Kunstreporter und Interviewer gibt. Diese Dinge gab es jedoch zur Zeit Christi noch nicht, und vor allem in Palästina nicht. Auch über Sokrates haben wir nur die »Memorabilien« des Xenophon, die weif weniger konkretes biographisches Detail enthalten als die Berichte des Marcus oder Matthäus, und die Dialoge des Plato, die weit mehr den Charakter von »Dichtung und Wahrheit« fragen als selbst das Evangelium des Johannes. Und dabei war doch das perikleische Athen ein weitaus »literarischeres« Milieu als Judäa! Dazu kommt nun noch ein Drittes: daß im Leben Jesu sich fast gar nichts Äußeres ereignet hat, was besonders aufzeichnungswürdig gewesen wäre; man kann sagen: das einzige Ereignis seines Lebens, das geeignet war, auf weite Kreise einen starken Eindruck zu machen, war sein Tod. Die Wunder, die er tat, waren für die Auffassung jener Zeit nichts Außergewöhnliches und bei einer so machtvollen Persönlichkeit fast selbstverständlich. Daher kommt es, daß die Urchristen alle nicht von der Tatsache seines Lebens den Ausgang nehmen, sondern von der Tatsache seines Todes. Dieser war das schlechthin Neue, das unfaßbar Wundervolle und Grauenvolle, die ungeheure überwältigen Paradoxie: der Größte, den Gott je in die Welt gesandt, nicht erhöht über alle Menschen, als ihr Lenker, Lehrer und König, sondern grausam hingerichtet, eines schmählichen Sklaventodes gestorben, den er freiwillig gesucht hatte! Hier erhob sich die Frage: Wie ist das zu erklären? Da ergab sich nur die eine Antwort, in der sich alle christlichen Bekenntnisse, Lehren und Irrlehren, Kirchen und Sekten einig sind: Für uns hat diese grandiose Umkehrung in der Weltordnung stattgefunden, für uns Ungerechte hat der Gerechteste Unrecht gelitten, der Schuldloseste Strafe erduldet, damit wir gesühnt und selig seien! Bis zu jenem Punkte aber war das Leben Jesu ein friedliches Dorfidyll, selbst nicht ohne genremäßige Züge, naturhaft, selbstverständlich, klar und still dahinlaufend wie ein Wiesenfluß, der nach den einfachen Fallgesetzen sich selbst sein Bett gräbt. Es enthielt keine dramatischen Momente, die einen Schilderer hätten reizen können, keine überraschenden, »Aufstiege«, Wendungen und Spannungen, wie sie etwa das Leben eines Alexander oder Caesar aufweist; es vollzog sich überhaupt nicht im Glanzlicht der Weltgeschichte. Daß trotzdem in den Berichten über dieses einfache Landleben die Persönlichkeit mit so überwältigender, individuellster Besonderheit hervortritt, muß geradezu als ein Wunder bezeichnet werden.



Das Christentum als selbsttätige Massenbewegung


Ja aber welchen Sinn hat denn dann überhaupt das Wort »Christus« in den Evangelien, wenn dieser Christus niemals gelebt hat? Darauf bekommen wir zur Antwort: »Christus« bedeutet nichts anderes als die christliche Gemeinde, die Vereinigung der Gläubigen. Die Evangeliengeschichte ist eine symbolische Darstellung der Ausbreitung und des Sieges der werdenden Kirche. Also vergöttert die Gemeinde sich selbst! Und das soll der Ausgangspunkt der reinsten, tiefsten und mächtigsten Glaubensform gewesen sein, die die Erde bisher erblickt hat. Wir dächten: Selbstvergötterung ist der äußerste Tiefpunkt menschlicher Ethik, der überhaupt erreicht werden kann, die krasseste Form der Irreligiosität. Dies ist ein »Glaubensbekenntnis« für einen Werkschaftsbund, ein Bankkonsortium oder einen Kegelklub: Wir, wir sind die Krone des Daseins, der Sinn der Welt; allemal, wenn von Gott die Rede ist, sind wir gemeint! Leben Leiden und Sieg Christi: das heißt Leben, Leiden und Sieg einer kleinen Sektierergesellschaft von Bettlern, Talmudisten und Weibern!

Das Christentum ist automatisch entstanden, das Christentum hat sich selbst gemacht. Hören wir wieder einmal Smith. »Es ist nicht wahr, daß Zeiten und Bewegungen eines grossen Umschwunges in der Geschichte immer oder auch nur im allgemeinen durch einzelne große Persönlichkeiten bedingt wurden, es ist öfters der Fall gewesen, daß kein allbeherrschendes Individuum da war. Ich erinnere nur an die französische Revolution. Wie viele führende Geister – alle etwa gleich groß – und kein einziger stieg zu wirklicher Erhabenheit und Größe hinauf, gleichviel, ob absolut oder relativ! Hier drüben in der neuen Welt feiern wir zwei Ereignisse als welfgesdiichtlich bedeutsam: die Revolution von 1776 und den Bürgerkrieg von 1861/64. Keinmal erhob sich eine einzelne Persönlichkeit von überragenden Fähigkeiten. Nimm die Renaissance. Welche lange Reihe von Riesen marschiert im ersten Glied!« Man muß sagen, daß Smiths Beispiele glücklich gewählt sind, nämlich glücklich für den, der seine Theorie widerlegen will. Die französische Revolution! Die war freilich nur von einer großen Gruppe von Menschen gemacht, konnte nur so gemacht werden. Denn sie war ja das Gegenfeil einer geistigen Bewegung. Bodenreform und niedrigere Brotpreise: das ist der tiefe Sinn dieser »Epodie«. Sie ist ja gerade die Auflehnung der Vielen, der Ungeistigen, der Dummen und Dumpfen gegen die Individualität, die Kultur, das Wissen, die Religion. Gott wird abgeschafft: dazu bedarf es keiner großen Einzelpersönlichkeit. Auch die Renaissance bedurfte keines göttlichen Mittlers, denn sie hat ja ebenfalls Gott abgeschafft. Ein innigeres, weiseres Verhältnis zu den Geheimnissen der Schöpfung hat sie der Welt nicht geschenkt; sie war ein großes, herrliches Ballfest der Menschheit mit vielen gleichwertigen Arrangeuren. Und die Revolution von 1776 mag sich wohl in dem Gehirn eines Amerikaners als großartiges Ereignis darstellen – in Wahrheit aber: worum handelte es sich denn? Um die »Freiheit«? Nein: um den Zuckerstempel. Wer aber gar den amerikanischen Bürgerkrieg, diese ganz interne Rauferei von Pfefferkrämern um die wirtschaftliche Hegemonie, mit einer welthistorischen Bewegung wie das Christentum vergleicht, der kann nicht verlangen, daß man sich mit ihm weiter auseinandersetzt. Kalthoff, der Hauptverfechter der Theorie von der »Massenbewegung«, sagt in seiner Schrift über das ›Christusproblem‹: Es ist die berüchrigte Kunst der Alexandriner gewesen, Typen aus der Vergangenheit für die Bedürfnisse der eigenen Zeit zurechtzudeuten und sich dann einzureden, diese Deutung geschehe im Interesse der historischen Forschung. So ist auch die Methode, durch welche die protestantische Theologie ihren Jesus zustandebringt, im Grunde noch ganz und gar alexandrinisch.« Aber ist denn seine Methode nicht ebenfalls Alexandrinismus? Ist es nicht eine willkürliche Hineintragung moderner Geschichtsphilosophie in die Geschichte des Urchristentums, wenn man alles auf Klassenbewegungen, auf nationalökonomische, wirtschaftliche, soziale Motive zurückführt? Die »Errungenschaft« des neunzehnten Jahrhunderts, in der ganzen Weltgeschichte eine »Ideenbewegung« zu sehen, wobei man unter Ideen etwas ganz Entgeistigtes versteht, soll nun auch der Evangelienforschung zugutekommen. Gerade die Alexandriner waren ja groß darin, alles in »Ideen«, in Rationalismus und kalte, leere, geistlose Allegorien aufzulösen. Sie haben aus Homer einen Professor der Mythologie gemacht und aus Plato einen Doktor der Theologie. Welche gekünstelte Annahme aber, daß in einem so primitiven Milieu alle Menschen einer solchen verwickelten Symbolik zugänglich gewesen wären, wie man sie den Evangelisten unterschiebt, einer Symbolik, die kaum wir Heutigen ganz verstehen! Das unbedeutendste historische Ereignis hat immer eine Person zur Ursache: jeder Streik hat seinen Führer, jeder Straßenputsch seine Agitatoren, und eine Religion, die Zusammenfassung der höchsten und tiefsten, innerlichsten und eruptivsten Kräfte der Menschheit, sollte keinen Stifter haben? Das Volk hat auch immer den gesunden Instinkt besessen, alles auf Persönlichkeiten zurückzuführen. Man kann ihm hundertmal vorreden, die deutsche Einheit oder die protestantische Reformation sei eine notwendige Folge von politischen Konstellationen, von allgemeinen Zeitideen gewesen – es wird doch immer sagen: Nein, die deutsche Einheit hat Bismarck geschaffen, und die Reformation ist eine Tat Luthers! Das Volk glaubt gar nicht an sich selber; es glaubt an die großen Männer.

In der Tat leugnet ja diese ganze Richtung auch die überragende Bedeutung aller anderen Genies. Drews sagt zum Beispiel, auch Luther hätte fünfzig Jahre früher die Reformation nicht in die Wege leiten können. Aber das ist ja eben das Wesen des großen Mannes, daß er zur rechten Zeit erscheint, und daß er immer gerade das vollbringt, was die Zeit braucht und erwartet. Fünfzig Jahre früher hätte Luther eben etwas anderes getan, das ebenso gut und fruchtbar gewesen wäre. Friedrich der Große dachte liberal und absolutistisch, weil er dies als das Erfordernis der Zeit erkannt hatte; hundert Jahre später hätte er liberal und konstitutionell gedacht wie Bismarck, und zur Zeit der Kreuzzüge hätten beide klerikal gedacht. »Ideen«, große geistige Strömungen, Dominanten der geschichtlichen Entwicklung sind wohl immer das, was den Fortgang und den Wandel des historischen Verlaufes bedingt; aber diese Ideen knüpfen sich, das können wir überall, soweit unsere Erfahrung reicht, bestätigt finden, stets an große Persönlichkeiten. Die Weltgeschichte wird von einzelnen prominenten Menschen gemacht, von Menschen, in denen der »Geist der Zeit« so konzentriert verkörpert ist, daß er nun für jedermann sichtbar und wirksam wird. Die Geschichte macht Geschichte: auf diese Absurdität von Tautologie würde es hinauskommen, wenn man annehmen wollte, das dumpfe, unterirdische Kollektivbewußtsein der Menschheit sei das Schöpferische in der historischen Entwicklung. Die Idee ist immer das Primäre, gewiß; aber Leben und Realität gewinnt sie immer nur in bestimmten Individuen. Was den vielen Glaubensformen zur Zeit Christi fehlte, war das große Individuum. Mithras, Adonis, Dionysos und wie sie alle hießen – das waren leere Begriffe oder wüste Phantasien; die Tatsache Jesus Christus war ein fester Kristallisationspunkt, um den sich alle menschliche Sehnsucht, Furcht und Hoffnung, das ganze Wissen und Wollen der Zeit ansetzen konnte. Auch Luther hat die Reformation nicht erfunden, etwa wie Auer das Auerlicht oder Manlicher das Manlichergewehr; aber er war so erfüllt von dem neuen Licht seiner Zeit wie keiner, und dadurch hat er es erst sichtbar gemacht für alle Welt. Das Christentum ohne Christus, ohne einen Christus nämlich, der wirklich und wahrhaftig gelebt und gelitten hat, wäre ebenso spurlos verschwunden wie alle andern Religionen jener Zeit. Nur dadurch hat es sich siegreich behauptet, daß es von einer realen historischen Persönlichkeit getragen war. In jener Zeit der Theokrasie, wo man alle Religionselemente, aegyptische, griechische, jüdische, persische, indische bunt durcheinander glaubte und zu einem großen Pantheon zu vereinigen strebte, wäre es ein Baustein unter zwanzig andern geworden. Aber was vermochten die tiefsinnigsten, farbenreichsten, einleuchtendsten Gedanken und Bilder gegen die wenigen einfachen Weisheiten, die ein lebender Mensch tatsächlich gesprochen und gelebt hafte, gegen das eine große Bild des lebendigen Jesus? Dichtung, Philosophie und Skulptur der Hellenen hatten die herrlichsten Kunstwerke geschaffen und eine Religion der Schönheit hervorgezaubert, wie sie niemals vorher erblickt worden war und vermutlich nie wieder erblickt werden wird. Aber was sind alle Kunstwerke gegen einen wirklichen Menschen, der ein Kunstwerk Gottes ist? Sie verblassen sogleich vor ihm zu armseligen Phantomen – da liegen sie nun als tote traurige Ruinen von Wünschen und Gedanken, als bloße Steinblöcke und Papierrollen, die sie sind! Als kindische undfruchtlose Versuche, etwas zu schaffen, während doch nur Einer etwas zu schaffen vermag, so oft er will und so oft es ihm gut und notwendig erscheint für die Erleuchtung der Welt.



Die Philosophie der Christusmythe


Und damit kommen wir endlich zu der innersten Tendenz, der eigentlichen philosophischen Pointe der Mythentheorie. Es ist ganz und gar richtig, wenn Drews am Schluß seines Buches sagt, es handle sich bei dem Streit, ob Jesus gelebt habe oder nicht, um zwei philosophische Bekenntnisse, und wenn Robertson am Beginn seines Buches etwas Ähnliches behauptet. Es handelt sich eben darum, diese Weltanschauung zu bekämpfen, die alle Geistesgeschiente auf »Ideenbewegung« zurückführt, was nur eine verfeinerte Umschreibung für Massenbewegung ist. Sie setzt an die Stelle der »Christus-Mythologie« nur eine andere Mythologie, die ödeste, armseligste, anämischeste Art von Mythologie: nämlich Begriffs-Mythologie. Der »finsterste« Aberglaube hat mehr Lebenskraft als diese Schreibstubenweisheit. Darin liegt vor allem die Gefahr dieser ganzen Richtung: sie hat den Zweck, unser ganzes Leben, Denken und Fühlen zu sterilisieren.

Gewiß, die Lehre Jesu, seine Gottessohnschaft, ja sogar seine Existenz: dies alles ist bis zu einem gewissen Grade eine Sache des Glaubens. Wer absolut will, kann an allem zweifeln. Die ganze Welt, ja mein eigenes Ich ist auch nur ein Glaube. Und es hat ja in der Tat Menschen gegeben, die das Ich, die überhaupt alles Wirkliche leugneten. Zu allem brauchen wir Glauben, zu jeder einfacchen Betätigung. Von diesem Glauben leben wir. Das war eben die ewige Tat, die Jesus vollbracht hat, daß er einer Menschheit, die bereits gelernt hafte, an allem zu zweifeln, zurief: »Zweifelt nicht! Diese Welt ist, und sie ist ein Werk Gottes. Alles ist, auch das Geringste und Niedrigste: die Ärmsten und Einfältigsten, die Kinder, die Sünder, die Lilien und Sperlinge – alles dies ist, wenn Ihr daran glaubt, wenn Ihr es liebt!« Diese beiden großen ja einzigen Realitäten: Gott im Himmel und die Liebe auf Erden hat er neu bekräftigt.

Die Mythentheorie, das wird man ihr nicht absprechen können, ist von einer außerordentlichen, einer furchtbaren und vernichtenden Konsequenz. Sie ist von einer solchen Konsequenz, daß wir, wenn wir ihr Schritt um Schritt nachgehen, schließlich vor einem ungeheuern grauen und leeren Abgrund stehen. Sie muß, folgerichtig weiterentwickelt, zur Gottleugnung führen; und sie führt auch dazu. In einer Welt, in der nicht die Persönlichkeit, der große Einzelne, der denkende, handelnde und leidende Held die Geschichte macht, sondern die »Ideen«, das dumpfe Unterbewußtsein der Vielzuvielen, ist für einen Gott kein Platz. Denn der monistische, pantheistische »Gott«, der hier etwa als Ersatz eingeführt wird, ist ja wiederum nichts als der »Geist« dieser Masse, etwa auf dem Niveau der »Zönobialseele« eines Pflanzenstodtes, ein stupider Gemeinschaftsinstinkt, eine Tautologie. Leugnet man die Bedeutung der Einzelseele, die Individualität, dann muß man auch die großen Männer leugnen, und damit den Größten von allen: Jesus von Nazareth. Der umgekehrte Weg – und es ist der Weg der Zukunft – wird wieder zu Jesus zurückführen. Wir werden wieder glauben lernen, daß in Jedem, auch dem Geringsten von uns, eine göttliche Seele lebt, einmalig, einzigartig, keiner zweiten vergleichbar, nie vorher dagewesen, niemals so wiederkehrend – dieser Glaube trägt jeden anderen im Keim in sich. Eben darum lehrte ja auch Jesus als erstes die Seele. Ohne Gott keine Seele, aber ohne Seele auch kein Gott! Eine Kollektivseele (die nämlich gar keine ist) kann nicht an Gott glauben, kann überhaupt an gar nichts glauben, als an stumpfsinnige, tote Massenmechanik. Eine solche Seele, die nichts ist als das Resultat gemeinsamen Ineinanderarbeitens von Massenteilchen, hat nämlich auch jede richtig gebaute Maschine! Die Maschine glaubt nicht an Übermaschinen, glaubt nicht, daß eine höhere, überlegene Kraft sie geschaffen hat, glaubt nicht an »Geist« und »Persönlichkeit«, sondern nur an sich selbst, an Schrauben, Räder, Transmissionsriemen, an öl und Dampf! In dem Augenblick aber, wo wir glauben, daß wir selbst eine Seele haben, glauben wir auch notwendigerweise an einen Schöpfer dieser Seele, glauben wir an höhere Seelen, die diesem Schöpfer noch näher verwandt sind als wir, glauben wir an große Männer. Und wenn unter diesen sich einer befindet, der alle so sehr überragt, daß er dem Schöpfer mehr zu gleichen scheint als den Geschöpfen, dann ist es ganz logisch und natürlich, wenn wir ihn Gott nennen.

Die Form, in der die Menschheit dem großen Genius ihren Dank abstattet, besteht darin, daß sie alles, was an tiefen und lebenskräftigen Vorstellungen dunkel in ihr lebt, nun auf ihn überträgt. Der Genius hat ihr die Zunge gelöst, und nun spricht sie von niemand Anderm als von ihm. Das Genie ist auch nachdemTode noch fruchtbar und schöpferisch: das ist, wenn man will, der Sinn des Auferstehungsgedankens. Das Genie kann nicht sterben. Aber statt die unvermeßliche, unerschöpfliche Wirkung einer solchen Naturkraft anzustaunen und schon aus dieser Tatsache allein einen unwiderlegbaren Beweis für ihre Existenz zu schöpfen, sagt man: sie hat nicht existiert! Wo Rauch ist, muß Feuer sein oder doch gewesen sein, wo Licht ist auf dieser Erde, muß es von irgend einem strahlenden Himmelskörper kommen, denn unsere Erde kann sich nicht selbst erleuchten, das steht einmal fest. Man bezweifelt die Existenz Shakespeares, weil zufällig seine Papiere verloren gegangen sind. Aber ich frage: wer hätte denn diese sechsunddreißig Dramen, deren Gewalt und Fülle bis heute noch keiner erreicht hat, schreiben sollen, wenn nicht Shakespeare? Vielleicht hieß er nicht Shakespare: was kümmert uns seine Adresse! Aber vorhanden muß er doch gewesen sein. Es ist richtig: das Christentum hat eine Menge überkommene Elemente, alle Weltanschauungen und Religionen haben »überkommene Elemente«. Aber warum trat es erst mit Jesus ins Leben? Platonismus, Parsismus, Buddhismus und wie alle diese Dinge heißen, waren doch schon vor ihm da! Die »Bausteine« waren da, aber der Baumeister nicht! Der »homerische Sagenkreis« war ja auch schon vor Homer da, aber leider ohne Homer! Die Welt war auch da, ehe Gott sie geschaffen hatte, aber leider als ein wüstes Chaos von dummer Materie, die nicht wußte, wie sie sich zusammenfügen sollte. Und Gott hat aus dem Chaos den Kosmos gemacht. Und ganz dasselbe tut bis zum heutigen Tage jeder große und gotterleuchtete Mensch in seiner Sphäre. Shakespeare hat aus dem Chaos der kühnen und phantasievollen, aber dunklen und wüsten Figurenwelt seiner Vorläufer den Kosmos seiner Dramenwelt gemacht. Homer hat aus rhapsodischen Bruchstücken unbewußter Dichter die sinnvoll geordnete bewußte Dichtung seiner »Ilias« und »Odyssee« gemacht. Und Jesus hat aus Angst, Reue, Weltflucht und Gottessehnen einer verirrten und suchenden Welt einen neuen Glauben geschaffen. Wenn es wahr sein sollte, daß aus »vorhandenen Elementen« plötzlich ganz ohne Dazutun Jesu die neue Religion des Christentums entstanden ist, dann wollen wir auch nächstens gern glauben, daß der Zeus, den wir bisher Phidias zugeschrieben haben, einem Gremium von Farbenreibern und Steinklopfern sein Dasein verdankt.

Ich glaube, man kann an allem eher zweifeln als an der Existenz solcher Männer. Ich glaube, man kann eher an der Existenz der Menschheit zweifeln. Denn der große Mann ist das Primäre, die Menschheit ist bloß sein Produkt. Irgend ein Genius muß der Grund gewesen sein, daß aus wilden affenähnlichen Horden, die sich gegenseitig auffraßen, eines Tages die erste friedliche Arbeitsgemeinschaft, das erste Menschentum entstand. Irgendein Genius muß den Pflug, den Hammer, die Säge, das Feuerzeug erfunden haben, nicht das »Massenbewußtsein«, die »Kollektivseele«, das »Volk«. Wir wissen von diesen Männern noch viel weniger als von Jesus. Aber darum haben sie doch gelebt. Und vielleicht wird eines Tages jede Kunde von Goethe verschwunden sein, und alle großen Gedanken und guten Taten seines Jahrhunderts werden von der Nachwelt instinktiv ihm zugeschrieben werden. Man wird vielleidit seinen Namen vergessen haben oder nur noch in falscher Form besitzen. Und dann wird eine ganze Literatur entstehen, die nachweist, daß Goethe eigentlich so viel wie Gothus heißt und Gothus in unserer Zeit der Name eines Lichtgotfes war, und daß der Geburtsort Frankfurt symbolisch zu nehmen sei, in dem Sinne, daß ein sagenhafter Stammesheros Frankus sich alljährlich im Frühling eine Furt macht, um das neue Jahr einzuleiten, und daß der Faust eine Sammlung von Volkssprüchen sei.

Es gibt eine weit verbreitete Sorte von Menschen, die die merkwürdige Gabe besitzen, alles zu komplizieren. Sie befinden sich überall, in allen Ländern, in allen Gesellschaftsschichten, Berufen und Ständen. Sie verwirren jedes menschliche Unternehmen, mit dem sie in Berührung treten, sogleich in unauflösliche Schwierigkeiten, Unklarheiten und Widersprüche. Der einfache Mann aus dem Volke kennt diese Menschenklasse sehr wohl und fürchtet sie wie die Pest. Sie bringen in alle Beziehungen, auch in die einfachsten, unscheinbarsten und alltäglichsten, ein Element des Mißverständnisses und der Hemmung. In den geistigen Dingen sind sie aber noch weitaus gefährlicher. Sie sehen hinter jedem noch so simplen Tatbestand etwas, das noch »aufzudecken« und »aufzuklären« sei. Sie decken den vermeintlichen Hintergrund auf, sie erklären diesen zweiten Sinn, den die Sache angeblich hat, und nun ist die ganze Angelegenheit für jedermann rettungslos unverständlich geworden. Dies eben war der Zweck, den sie erreichen wollten. Sie wollen sich eine besondere Weihe verleihen und in den Geruch der Tiefsinnigkeit und Originalität gelangen, indem sie nichts so sehen, wie es ist oder wie jeder gesunde Mensch erwarten sollte, daß es ist, sondern alles »anders« auslegen. In der Kommentierung der klassischen Liferaturwerke ist dieser Unfug fast die Regel und allzu bekannt, als daß man ihn beschreiben und durch Beispiele belegen müßte. Neuerdings ergreift diese Unsitte auch die Geschichtsforschung. Da war alles weltgeschichtliche Geschehen weiß Gott wie verwickelt, hintergründig und doppelsinnnig. Aber siehe da: es war gerade umgekehrt! Wenn wir der geistigen Entwicklung genialer Neuschöpfer – ob sie nun Dichter, Denker, Religionsstifter oder Politiker waren – genau nachgehen, so sind wir immer ungeheuer erstaunt, wie einfach alles war! Das Genie ist immer einfach, eben darin besteht ein großer Teil seiner Genialität. Kompliziert sind die »Talente«, die »Fachleute«, die Literaten. Es ist zumeist nur ein einziger ebenso großer wie selbstverständlicher Gedanke, der das Leben des Genius erfüllt und bestimmt. Es ist zumeist nur ein einziger dunkler Wunsch und Trieb, der das Gesamtleben eines ganzen Zeitalters gestaltet und bewegt. Dieser Geniegedanke und dieser Zeitgedanke sind aber wiederum einunddasselbe. Jedoch die Dutzendgelehrten machen alles schwierig. Sie verhalten sich zum großen Publikum wie törichte Eltern und Erzieher, die den Kindern auf die meisten ihrer Fragen antworten: das verstehst du nicht! Aber die Kinder würden es ganz gut verstehen, in ihrer Art, wenn die Lehrer nicht zu dumm und zu hochmütig wären, um es ihnen zu erklären. Was der wahre und eigentliche, der göttliche Sinn jedes Ereignisses ist, das ist freilich für Kinder »zu hoch«, aber es ist auch für Erwachsene zu hoch, für jedermann zu hoch! Das bißchen aber, was wir davon wissen können, ist so einfach, daß es jedem Kind begreiflich gemacht werden kann.

Die »Entstehung des Christentums« ist das größte Ereignis der Weltgeschichte und darum das einfachste. Es hat keine symbolische, allegorische oder irgendwelche andere Nebenbedeutung, es ist klar wie das Tageslicht. Ein großer gottgesandter Mann, größer als alle bisherigen Gottgesandten, tritt in die Welt und löst durch die schlichte Tatsache seines Lebens und Sterbens das Rätsel des Menschen, indem er ihm mitteilt, daß er eine Seele besitzt. Seine Worte und Taten haben eine so ungeheure Gewalt, daß jedermann sich ihnen unwillkürlich unterwirft; erst der kleine Kreis, in dem er wirkte, später ein größerer, schließlich die halbe Welt. Dieser Prozeß erfordert naturgemäß Zeit. Er ist auch heute noch nicht ganz abgeschlossen. Wir haben auf der einen Seite den Genius Jesus Christi, auf der anderen Seite die Menschheit, jener spendend, diese aufnehmend und weiterbildend, ein nahezu zweilausendjähriger Kontakt zwischen zwei realen Weltkräften. Gibt es etwas Einfacheres als diesen Sachverhalt? Gibt es etwas Wahrscheinlicheres?

Aber so soll es nicht sein. Wir sollen statt dessen an eine Reihe von ganz Unmenschlichen und unsinnigen Komplikationen glauben, wir sollen an einer Anzahl der gesichertsten und plausibelsten Tatsachen zweifeln, wir sollen eine endlose Kette von abenteuerlichsten Schlüssen und ausgeklügeltsten Erklärungen annehmen, und wenn wir alle diese schwierigen und abstrusen Gedankengänge glücklich durchgedacht haben, so besteht die Belohnung darin, daß wir das, was uns bisher der höchste Trost, die tiefste Rechtfertigung, der beglückendste Sinn unseres Lebens war, für das Hirngespinst einiger geisteskranker jüdischer Sektierer halten dürfen.


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1 Die bedeutendsten Werke, in denen diese Theorie behandelt wird, sind im Verlage Eugen Diederichs zu Jena erschienen, der sich damit das große Verdienst erworben hat, diese ganze geistige Strömung übersichtlich und einneulich zur Darstellung gebracht zu haben und ein zusammenfassendes Urteil zu ermöglichen. Fast alle namhaften Vertreter der Mythenhypothese gelangen in dieser Sammlung zu Wort: der Karlsruher Philosoph Arthur Drews mit seiner zweibändigen »Christusmythe«, einem gutgeschriebenen kenntnisreichen Werk, in dessen zweitem Teil nur ein zänkischer und pfäffisch-unduldsamer Ton störend wirkt; der englische Soziologe John M. Robertson mit seiner scharfsinnigen Untersuchung über die »Evangelienmythen«; der amerikanische Mathematiker William Benjamin Smith mit seinen beiden gelehrten Abhandlungen: »Der vorchristliche Jesus« und »Ecce Deus«, der Jenenser Orientalist Karl Vollers mit seinem Buch über die »Weltreligionen«, einer ausgezeichneten Zusammenfassung der neuesten Ergebnisse der vergleichenden Religionswissenschaft; der vor einigen Jahren verstorbene bekannte Literarhistoriker S. Lublinski mit zwei geistreichen Bänden: »Die Entstehung des Christentums aus der antiken Kultur« und »Das werdende Dogma vom Leben Jesu« – wie man sieht, lauter Forscher, die nicht unmittelbar von der Theologie, sondern von anderen Wissenschaften ausgegangen sind. Ihnen schließen sich einige Theologen an: der ebenfalls bereits verstorbene Bremer Pastor Albert Kalthoff, der sich in seinen beiden kurzen Schriften: »Die Entstehung des Christentums« und »Das Christusproblem« hauptsächlich mit der sozialen Seite dieser Frage beschäftigt, C. Promus, der in seiner »Entstehung des Christentums«, eine knappe, gut einführende Ubersicht des Materials gibt, und Pastor Friedrich Steudel mit einem polemischen Heft: »Im Kampf um die Christusmythe«. Wir werden jedoch nicht jede einzelne dieser Arbeiten gesondert betrachten, sondern halten es für richtiger, eine sachliche Anordnung einzuhalten, indem wir die Hauptargumente, die in allen genannten Schriften, wenn auch zum Teil in individueller Fassung, regelmäßig wiederkehren, einer allgemeinen Prüfung unterwerfen.