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Ernst Fritze – Deutsches Leben vor fünfzig Jahren

Novellen

Ernst Fritze, Novellen, Band 1, Carl Rümpler, Hannover, 1863. Illustration von Anna Ancher.
Nach der Ausgabe von brucewelch.



Erster Band


Deutsches Leben vor fünfzig Jahren


Erstes Capitel.
Der Calculator und seine Nachbarschaft.

Der Calculator Rüdiger war seit zwanzig Jahren in die Stelle seines Vaters eingerückt und verwaltete sein Amt ehrlich und in dem guten Glauben, bis an das Ende seines Lebens Calculator bleiben zu können. Es war aber anders im Rathe des Schicksals beschlossen.

Der Calculator Rüdiger hatte unter zwei preußischen Königen als ehrbarer Bureau-Beamter gedient und war mit demselben Gleichmuthe Unterthan des Königs von Westphalen geworden. Er würde auch wahrscheinlich, ohne großen Kummer, russischer oder chinesischer Calculator geworden sein, wenn man ihn sonst mit seinem ganzen Bureau dahin zu versetzen Lust verspürt hätte.

Es ist daraus zu entnehmen, daß der Calculator sich nicht viel um den Wechsel der Könige kümmerte. Ganz eben so gleichgültig behandelte er auch den Wechsel der Mode. Er ging im Jahre 1811 mit demselben langen Zopfe, wie im Jahre 1791, und seit mehr als zehn Jahren sah man ihn täglich im türkblauen Oberrock, schwarzen Kniehosen, grauen Strümpfen und Schuhen mit Stahlschnallen den Weg nach seinem Gerichtslocale einschlagen, wo er sein Tagewerk abrechnete, um sich dann wieder zur bestimmten Minute in seine nahebei gelegene Wohnung zu verfügen.

Dort wurde er jedes Mal mit devoter Artigkeit von seiner Tochter Marie empfangen. Sie nahm ihm Hut und Stock ab, hing den türkblauen Oberrock in den Schrank, half ihm einen großblumigen Schlafrock anziehen und brannte ihm seine Pfeife an. Alle diese kleinen Dienste nahm der Calculator mit der steifen Würde eines Großmoguls an, ohne sich dabei über den Liebreiz seines Töchterchens auch nur zu freuen.

Glücklicherweise achteten ein Paar Augen, die sehr oft in dem gegenüberliegenden großen Hause am Fenster zu erblicken waren, besser darauf und kehrten immer wieder zu der höchst amüsanten Beobachtung zurück, obwohl die tägliche Wiederholung des kleinen Familienactes den Reiz der Neuheit längst heruntergestreift hatte. Die aufmerksam beobachtenden Augen gehörten zu dem Gesichte des Herrn Ludwig Giseke, der, ein Mann von circa sechsunddreißig Jahren, als tüchtiger preußischer Regierungsrath in das Beamtenwesen des westphälischen Königreichs übergegangen und als irgendein Departements- oder Bezirksrath dort verwendet worden war.

Herr Ludwig Giseke war der älteste Sohn eines angesehenen Kaufmanns. Er war also reich gewesen und hübsch dazu. Den Reichthum verschlang der leidige Krieg und die Contributionswuth des französischen Eroberers. Sein hübsches Gesicht aber wurde von den Blattern so hinreichend übersäet, daß selbst seine intimen Freunde ihn nicht wieder erkannten. Seitdem lebte er sehr still und zurückgezogen, übte seine Pflicht, versah sein Amt und beschränkte sich auf das täglich wiederkehrende Amüsement, des »Calculators Töchterlein zu bewundern.« Daß sein Herz dabei in Gefahr kommen könnte, hätte selbst sein verwegenster Gedanke nicht vermuthet. Er, der pockennarbige, alte Mann und Marie Rüdiger, das zarteste, blondeste, reizendste und rosigste Mädchen ihres Zeitalters! Welche thörichte Einbildung, welche unsinnige Eitelkeit und Selbstüberschätzung hätte dazu gehört, um daran zu denken! Herr Ludwig Giseke hatte von all seinen Geschwistern nur seine jüngste Schwester Theodore in der Stadt behalten. Alle andere Nachkommen des Hauses Giseke & Compagnie waren nach größeren Handelsstädten verheirathet. Theodore aber hatte sich plötzlich entschlossen, eine schon länger projectirte Verbindung mit einem Danziger Kaufmann aufzulösen und statt dessen den neu eingesetzten Präfecten Markland, der sein germanisches Blut in allen Stücken verleugnete, zum Gatten zu wählen.

Die Wahl seiner Schwester hatte Ludwig Giseke's Beifall nicht. Er traute dem Präfecten viel mehr Schwächen als Tugenden zu, und seitdem in der letzten Zeit durch die fortgesetzten, maßlos übertriebenen Bedrückungen der entsetzlichen Advocatensöhne aus Corsika, der kaum noch glimmende Funken von Vaterlandsgefühl endlich ganz leise zur Flamme heranwuchs, seitdem war dem Departementsrath Giseke das Treiben und Leben seines Herrn Schwagers doppelt und dreifach zuwider geworden. Er ging nicht in sein Haus und vermied selbst bei Dienstfunctionen jede persönliche Begegnung. Der Verdacht, daß auch der Herr Präfect Markland in blinder Nachahmung seiner kaiserlichen und königlichen Vorbilder in der neuen Dynastie Bonaparte, sich eigenmächtig im Erwerbe seiner Subsistenzmittel bewies, lag allzunahe, wenn man den enormen Aufwand betrachtete, den der Herr Präfect zu machen für gut fand. Herr Ludwig Giseke war aber der Mann nicht, der dergleichen Willkürlichkeiten gut hieß. Er war ein ernster, ja, man möchte sagen, ein finsterer Mann, der mit freundlichen Blicken keinesweges freigebig schien, dessen gelegentliches Lächeln aber, gleich dem Eindruck eines Sonnenstrahls, sein Gesicht trotz aller Pockennarben mächtig verschönte. Außerdem, daß die Pocken die Glätte der Haut und sonstige kleine Schönheiten des Gesichtes zerstört hatten, konnten sie doch der ganzen äußern Gestaltung dieses Mannes durchaus nichts anhaben, daher blieb er immer eine Erscheinung in der Männerwelt, die durch ihr vornehmes Aeußere zu imponiren vermochte.

Seine Schwester Theodore, des Präfecten Gattin, war die schönste Frau der Stadt. Sie wußte dies mehr, als ihr gut war, aber wenn auch das Leben an der Seite eines Gatten, der dem Krebsschaden der Zeit vollständig erlegen schien, sie in den Strudel einer Geselligkeit hineinriß, der selbst festen und ernsten Frauen Unheil gebracht hatte, so hob sich ihr wirklich feiner und edler Sinn stets wieder und verhinderte ihr gänzliches Versinken.

Sie liebte ihren Gatten leidenschaftlich. Wahrscheinlich liebte sie ihn mehr, als er sie, obwohl seine Leidenschaftlichkeit sie dazu verleitet hatte, ein früheres Verlöbniß ganz kurz vor der Hochzeit zu lösen. Im Rausche des ersten Glückes, wo sie als das schönste Paar auf Gottes weitem Erdboden Epoche machten, unterschied Theodore die Kennzeichen ihrer gegenseitigen Gefühle nicht. Jetzt aber, im dritten Jahre ihrer Ehe, fühlte sie, daß ihre Zärtlichkeit bei weitem weniger wankend geworden war, als die ihres schönen Gatten. Die junge Dame zeigte bei dieser Erkenntniß mehr Verstand, als Viele ihres Geschlechts. Sie versuchte nie durch Worte, durch verschwendete Zärtlichkeit oder durch Eifersuchtsscenen mit obligaten Thränenergüssen die schwindende Leidenschaft des Herrn Präfecten wieder anzufachen, sondern sie begnügte sich mit den Gefühlsäußerungen, die er für hinreichend erachtete. Bei dem wilden geselligen Leben der beiden Gatten waren diese Resignationen Theodorens eigentlich auch gar keine Tugend. Sie hatte gewissermaßen gar nicht viel Zeit, über das nachzudenken, was ihr entzogen wurde. Sie litt nicht dabei, wenn Markland zerstreut ihren Kuß erwiederte, weil sich hundert andere interessante Gegenstände im Augenblick darauf vor ihrem Geiste formirten, und sie entbehrte nichts, wenn er eine lustige Herrengesellschaft mit Champagner und Kartenspiel dem Balle vorzog, wo sie als Königin glänzte, denn sie amusirte sich ohne ihn eben so gut. Wir sehen, daß der Leichtsinn der Franzosenwirthschaft, wie sie die fünfjährige Hofschauspielerei des Königs Jerome von Westphalen Mode machte, schon ziemlich tief Wurzel in dem Wesen der jungen schönen Frau Theodore Markland geschlagen hatte. Es war kaum zu hoffen, daß sich die Gesundheit ihres innern Kerns dabei erhalten sollte. Wenigstens fürchtete ihr ernster Bruder das Aeußerste für sie. Er hatte gesprochen, er hatte gewarnt, er hatte gebeten und gedroht, so lange er auf Erfolg rechnen konnte; jetzt aber, wo er sehen mußte, daß der Oberst Leclaire, der größte und abscheulichste Roué der französischen Besatzung, als Hausfreund seines Schwagers auftrat, jetzt schwieg er und grämte sich im Stillen über die Entartung einer Familie, die ihm durch Verwandtschaft angehörte.

Es war allerdings eben keine Ehre für einen deutschen Eingebornen von gutem und soliden Herkommen, mit den Officieren des Heeres zu verkehren. Selbst der Generalstab des Bonaparte'schen Reiches war keinesweges aus der Aristokratie Frankreichs gebildet, und wenn man auch in diesem Zirkel darauf rechnen konnte, tapfern und geistreichen Männern zu begegnen, so fand man gewiß unter den Commandeuren der Truppenabtheilungen kaum Einen von Hundert, der nicht, als Emporkömmling, nur seiner Tapferkeit eine Stellung verdankte, die ihn zwang, den feinen Franzosen zu spielen. Diese Sorte von Officieren war das Verderben der Gesellschaft. Sie jagten nur sinnlichen Genüssen nach und wenn sie einmal den Einfluß ihrer Leidenschaften erlagen, so trat ihre wilde Gemüthsart, ihre gemeine Schlauheit und Ränkesüchtigkeit in das allerhellste Licht. Zu dieser Classe von Männern gehörte unbestritten der Colonel Leclaire, und er war mit Bewilligung des Herrn Präfecten Markland der Anbeter seiner schönen jungen Frau geworden.

Am Tage, wo sich die neu geschlossene Freundschaft durch einen öffentlichen Spazierritt der Frau Markland mit dem jungen französischen Officier herausstellte, schauete der arme pockennarbige Bruder dieser leichtsinnigen Dame mit ganz besonderer Wehmuth und Weichherzigkeit hinüber in das nett eingerichtete Zimmerchen des Calculators Rüdiger und sah zu, wie echt weiblich das hübsche Mariechen für die Bequemlichkeit ihres Papa sorgte, der, mit vollkommen steifer Bureaukratenwürde des achtzehnten Jahrhunderts, im neunzehnten Jahrhunderte umherstolzirte, ohne mal zu bemerken, daß er der einzige seiner Collegen war, der noch seinen langen Zopf trug.

Herr Ludwig Giseke sah bald, daß auch dort drüben nicht Alles so zuging, wie sonst. Der Calculator lief mit allen Anzeichen einer großen Aufregung, den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, im Zimmer hin und her, Alles umstoßend, was im Wege stand. Marie hatte sich verzagt in die Ecke des Fensters geflüchtet und sah ängstlichen Blickes dem tollen Treiben ihres Vaters zu. Dieser schien alle Contenance verloren zu haben. Plötzlich warf er den sonst wohl bewahrten Hut auf den Fußboden, ließ den Stock fallen und riß den türkblauen Rock mit solcher Vehemenz vom Leibe, daß es nur der außergewöhnlichen Haltbarkeit dieses Kleidungsstückes zuzuschreiben war, wenn es nicht in Fetzen ging.

Der Rath Giseke hatte längst seinen gewöhnlichen Lauscherplatz verlassen und war dicht ans Fenster getreten, um eine etwa eintretende Katastrophe bei seinem Nachbarn nicht ohne Einspruch geschehen zu lassen. Allein seine Besorgniß zeigte sich unhaltbar. Marie war klugerweise dem Zornparoxismus ihres sehr heftigen Papa so lange ausgewichen, bis sich die Wellen seiner Aufregung etwas beschwichtigten; diesen Moment nahm sie mit vernünftiger Kindesliebe wahr, um mit stillschweigend vollführten Dienstleistungen den Aergerausbruch so weit zu sänftigen, daß seine klare Besinnung zurückkehrte. Es war dem stillen Beobachter rührend zu sehen, wie überdacht und doch so hingebend kindlich das Mädchen mit dem großblumigen Schlafrock herbeieilte, als der türkblaue Rock durch die Luft geflogen war, wie sie dem Vater dies Kleidungsstück anlegen half und wie sie ihre Augen treuherzig fragend auf die Mienen heftete, die noch immer von Verdruß bewölkt erschienen. Der Rath Giseke beobachtete mit immer steigendem Interesse den Sieg, welchen die kluge Weiblichkeit hier über den Zorn des Mannes errang. Wie demüthig stand sie vor dem Vater, der seinen lange unterdrückten Unmuth endlich in seinen vier Wänden hatte austoben lassen können, wie weise und gütig zugleich entlockte sie ihm jetzt erst die Gründe zu diesem Zorne.

Tief aufathmend zog sich Ludwig Giseke, der Stoiker, welcher sich für jede Mädchenphantasie viel zu häßlich fand, vom Fenster zurück, als er das gegenüber tobende Ungewitter in ein harmloses Zwiegespräch zwischen Vater und Tochter enden sah. Wir aber halten es für gut, uns nun in des Calculators Zimmer zu begeben, um die Veranlassung des Aergers kennen zu lernen, der den würdigen Rechenkünstler aus Rand und Band gebracht hatte.

Die Wuth des alten Herrn war endlich so weit gewichen, um ihm den nothwendigen Gebrauch seiner Sprachorgane wieder möglich zu machen. Das stille, beschwichtigende Walten seiner Tochter, ihr bittender Blick, ihr liebliches Lächeln bewirkten nach und nach, daß er die Worte hervorstieß:

»Und ich thue es doch nicht, Marie!«

»Der Herr Vater haben sich alterirt?« fragte das schöne, sanfte Kind, indem sie die Knöpfe des Großblumigen sorgfältig zuknöpfte, und ganz leise über seinen Arm und seine drohend geballte Faust strich.

»Da alterire sich der Teufel nicht!« fuhr der Calculator energisch auf. »Habe ich mich gemuckt, als das verfluchte französische Regiment begann und meine mühsam aufgestellten Tabellen verwarf, mir neue Instructionen ertheilte? Nein! Andere Herren, andere Gesetze; andere Länder, andere Sitten! Ich war der Subaltern, die Maschine des Gesetzes, gut, ich fügte mich und rechnete, wie sie es haben wollten. Da aber kam der neue Greffier Blanchard, ein Günstling des Präfecten und aller Generalitäten, dabei ein Spion, ein Schelm, der sich zu poussiren weiß. Gottes Zorn hat diesen verdammten Straßburger Spitzbuben, der von Geblüt ein Deutscher und von Herzen ein Franzose ist, hierher verschlagen, um mit seiner Zweizüngigkeit Noth und Elend über einen braven Calculator von altem Schrot und Korn zu bringen. Seit dieser Blanchard Chef unserer Canzlei ist, wohnt der Satan in unserer Kämmerei. Mich soll er aber nicht fangen. Ich rechne deutsch, Marie. Die französische Rechenkunst ist mir verdächtig! Und wenn der Kerl mich fricassiren läßt, so thue ich ihm den Willen nicht, ein einziges Kreuz oder eine Null zu vergessen!«

»Das ist schön von dem Herrn Vater!« rief Marie mit leuchtenden Blicken.

»Ja, ja, das ist schön!« wiederholte der Calculator unter den verrätherischen Zeichen einer wieder größer werdenden Aufregung, »aber dieser verwünschte Straßburger, der zwei Sprachen redet, chicanirt mich nun. Ist es nicht rein um den Verstand zu verlieren, Marie, daß dieser Greffier heute in meine Calculatur tritt, mir den Zopf über den Kopf wirft, daß er klatschend auf mein Buch niederschlägt und dabei befiehlt, ich sollte den Zopf wegbringen, sonst brächte er ihn weg! Ist das erhört, mein Kind?«

Marie zuckte bedauernd die Achseln. Im Grunde wäre es ihr sehr gelegen gewesen, wenn der famose Zopf, der Stolz seines Trägers, aber der Spott der ganzen Stadt, mit guter Manier entfernt wurde. Freilich auf Befehl eines Mannes, der kaum als Oberbehörde ihres Vaters zu betrachten war, hätte sie ihn auch nicht verschwinden sehen mögen.

»Und denke Dir, mein Kind,« fuhr der Calculator ingrimmig lachend fort, »denke Dir, daß dieser Greffier Blanchard mich beim Zuhausegehen nochmals attaquirt und mir im Beisein sämmtlicher Canzlisten zuschreiet: ›Hören Sie, Monsieur Rüdiger, es ist mein Ernst – ich will, daß Sie sich den verwünschten Schwanz abschneiden lassen sollen, um anständig, wie es sich für einen königlich westphälischen Beamten geziemt, im Gerichtslocale zu erscheinen!‹ – Denke Dir, mein Kind, mir das zu sagen, der ich mich den Kuckuck um seine königliche Majestät von Westphalen kümmere, mir, der ich seit zwanzig Jahren ein anständiger Calculator des Königreichs Preußen gewesen bin! Und ich thue es doch nicht! Wahrhaftig, Marie, ich schneide mir den Zopf nicht ab, solch' eines hergelaufenen Laffens wegen, der heute ›Franzose‹ und morgen ›Deutscher‹ spielt. Ich thue es weiß Gott nicht!«

Nachdem Rüdiger auf diese Weise seinen Entschluß mit aller nur denkbaren Energie kund gegeben hatte, beruhigte sich sein Gemüth merklich und er setzte sich, seiner Gewohnheit folgend, endlich in seinen grünbeschlagenen Lehnsessel, um dem täglichen Gebrauche gemäß seine brennende Pfeife von Marien in Empfang zu nehmen.

Marie zeigte sich noch aufmerksamer als sonst. Ihre Stimme klang noch sanfter und ihr Diensteifer schien noch respectvoller. Hieran scheiterte denn wirklich der letzte Rest aller bösen Laune und es verging nicht eine Viertelstunde, so schmauchte der ehrenwerthe Calculator Rüdiger mit vollständig hergestellter Seelenruhe seine Pfeife.

Dem aufmerksamen Beobachter gegenüber entging nichts von dieser kleinen Familienscene. Sogar den stillen Wunsch, der sich trotz ihres aufrichtigen Bedauerns in Mariens reizenden Mienen ausprägte, erkannte Herr Ludwig Giseke, natürlich, ohne errathen zu können, was das junge Mädchen im Geheimen wünschte. Er brannte vor Verlangen, dies zu wissen, allein wie sollte er es erfahren? Daß es den leidigen, aus der Mode gekommenen Zopf ihres Vaters betreffen könne, davon hatte er auch nicht die leiseste Ahnung. Unwillkürlich war Giseke wieder näher an das Fenster getreten und schaute eben selbstvergessen mit sehnsüchtiger Schwärmerei hinüber, als Marie ganz gegen alle Kleiderordnung am Fenster erschien und ihre Augen sehr verwundert auf den Herrn Nachbar richtete, der für ihre einfache Weltanschauung ein sehr vornehmer Mann war.

Eine liebliche Röthe überstürzte ihr Gesicht. Schüchtern sah sie abermals hinüber zu ihm. Hatte er gesehen, was bei ihnen geschehen war? Konnte er überhaupt bemerken, was in ihren Zimmern vorging? Ihre Verlegenheit stieg, als der vornehme Nachbar sie mit unverkennbar liebevoller Freundlichkeit anblickte und sich plötzlich, wie von innerer Anerkennung gezwungen, ehrerbietig gegen sie verneigte. Bestürzt erwiederte sie diesen ersten Gruß und wich dann sogleich bis in den fernsten Winkel der Stube zurück.

»Was sollte das heißen?« fragte sie sich heimlich wohl tausendmal, als sie Abends an ihrem Spinnrocken saß, aber nicht ohne vorher mit befremdender Sorgfalt die Rouleaux herunter gelassen zu haben. Was wollte der Herr Rath mit seinem Gruße sagen? War es Hohn von ihm, daß er sie, des Subalternen Tochter, so achtungsvoll grüßte? Nein, antwortete eine Stimme in ihr, nein, der Hohn und der Spott leihen sich nie das Gewand einer so edlen, ernsten Ehrerbietung, nein, Hohn war es nicht, was ihn zu diesem Gruße vermochte. »Was aber denn?« fragte sie sich sehr heimlich, sehr erfreut, sehr verschämt und naiv weiter. Und das reizende Mädchen begann auf Art aller Evastöchter zu träumen. Ganz still begann der Traum bei dem einfachen Begegniß, welches ein Gruß ist. Das Spinnrad drehte sich dabei lustig, der Faden ihres Gespinnstes glitt fein und glatt durch die saubern Fingerspitzen, das Surren des Rädchens gab ein Accompagnement dazu. Sie träumte von dem beneidenswerthen Leben der bevorzugten Stände, von dem Stolze, einem solchen Cirkel angehören zu dürfen, von der Pracht, von dem Glanze, von dem Genusse, vom Ueberflusse und vom Glücke.

»Und ich thue es doch nicht!« donnerte plötzlich des Vaters Stimme dazwischen, indem er seine Faust gewichtig auf den Tisch niederfallen ließ.

Das arme, phantasievolle Kind fuhr entsetzt aus ihren Träumen auf. Sie gelobte sich, nie wieder solche Gedanken in sich aufkommen zu lassen.



Zweites Capitel.
Blanchard.

Zu derselben Stunde finden wir den Präfect Markland in seinem von Wohlgeruch durchdufteten Zimmer in einer mehr als nachdenklichen Stimmung. Eine rosenrothe Ampel, an vergoldeten Kettchen von der Decke herabhängend, verbreitete ein wunderbar mystisches Licht im ganzen Gemache, das nur durch zwei Wachskerzen auf dem Schreibtische des Präfecten etwas materielleres erhielt.

Es sah aus, als hätte Markland wohl Veranlassung gehabt, nicht trägen Muthes den Kopf in die Hand zu stützen und über Dingen zu grübeln, die sich kaum noch ändern ließen, wenn er nicht geisteskräftig die Fesseln des Leichtsinnes abzustreifen Lust hatte. Große Actenstöße, Berge von kaum eröffneten Briefen lagen vor ihm und wurden von dem scharfen Lichtstrahle der Kerzen mahnend beleuchtet. Aber Markland ließ seelenruhig die Berge der Briefe wachsen und die Actenstöße gedeihen. Was ihn für den Augenblick beschäftigte, betraf keinesweges pflichtschuldige Ueberlegungen, sondern persönliche Interessen.

Wie Markland zu dem Posten eines Präfecten gelangt war, das war Allen ein Geheimniß. Markland war jung und hübsch. Er war gewandt und schlau. Er setzte sein Licht nie unter den Scheffel, sondern wählte stets den günstigsten Punkt, wo es strahlenden Glanz verbreiten konnte. Nimmt man zu diesen Eigenschaften die oft geübte Kunst, den Mantel nach dem Winde drehen zu können, so wird es vielleicht erklärlich, daß man von oben herab keine bessere Wahl treffen zu können glaubte, als Herrn Philibert Markland, indem man sich nach einem passenden Präfecten für die Stadt umsah.

Im Allgemeinen wäre die Wahl auch nicht verfehlt gewesen. Markland wußte genug, kannte alle Verhältnisse hinreichend gut und hatte so viel Unterscheidungsvermögen, wie er brauchte. Dabei hatte sein Wesen ganz das Anziehende, welches für einen Beamten seiner Stellung fast nothwendig erscheint. Er war beliebt, trotz seines leichtfertigen Lebenswandels und man war stets geneigt, seine Thorheiten zu entschuldigen.

So lange er sich in den Kreisen der noblen Beamten, die sich mit dem vornehmen Bürgerstande mehr, als mit der ärmlichen Aristokratie verbunden hatten, bewegte, so lange hielt er sich, obgleich man ihn als Spieler der schlimmsten Art bezeichnete. Allein Markland bewies ebenfalls, wie alle Männer, die sich willenlos in den Strom dieses Lasters ziehen lassen, daß die Grenze der Moralität für die Spieler von Profession nicht besteht, sobald sie von ihrer Leidenschaft hingerissen werden. Er suchte in kurzer Zeit die noblen Cirkel, wo ein gewisser Umstand ihn genirte, zu meiden und warf sich mit voller Begier Denen in die Arme, die noch schlechter waren als er.

Sein bester Freund in der neuen Verbindung war der General du Marlé, und da der General du Marlé ohne den Obersten Leclaire nicht zu denken war, so bildete er sehr bald in diesem Bunde den Dritten. Leclaire war unbedingt eine gemeinere und niedrigere Natur, als du Marlé. Du Marlé gehörte zu den Kriegern, die dem Kaiser Napoleon schon als Consul zu Kampf und Sieg gefolgt waren, und sein Stern war mit dem Sterne dieses Welteroberers zugleich gestiegen, während Leclaire schnell die Stufenleitern des Avancements durchgemacht und nicht Zeit gehabt hatte, die Rohheit des Sergeanten nur abzuschleifen, als er schon den Obersten vorzustellen gezwungen war. Er liebte den Wein, er liebte die Frauen und er liebte die Karten. Alle drei Leidenschaften schweiften bis zur Brutalität aus, wenn er Widerspruch fand. Er spielte nie höher und verwegener, als wenn man ihn ermahnte: er wurde nie zärtlicher, als wenn man ihm jede Liebkosung verweigerte und er trank nie toller, als wenn man ihm bewies, daß er nicht trinken dürfe.

Leclaire war durch diese Eigenschaften ein fürchterlicher Mensch, und diesen Mann hatte der Präfect Markland als Freund in seinem Hause eingeführt. Selbst der General du Marlé ließ sich herab, dem Präfecten eine leichte Warnung zuzuflüstern, als das Bündniß zwischen ihm und Leclaire noch nicht ganz so weit gediehen war. Er deutete darauf hin, daß er sich der festen Treue seiner schönen, jungen Frau versichert halten müsse, wenn er es wagen wolle, den Oberst Leclaire ihr zuzuführen.

Der Präfect lachte mit deutscher Ehrlichkeit über diese Warnung. Er meinte sich mit dem französischen Obersten in Reihe und Glied stellen zu können, wenn es gälte den Preis der Liebenswürdigkeit zu erringen.

»An diesem selbstüberschätzenden Glauben sind schon manche Ehen gescheitert,« sprach der General achselzuckend, »und je fester die Liebe Ihrer schönen Gattin für Sie ist, mein Herr Präfect, um so sicherer fällt sie als Opfer der Leclaire'schen Leidenschaft.«

Markland stutzte einen Augenblick, lächelte aber dann sehr stolz.

»Nehmen Sie mindestens meine Warnung nicht so leicht,« schloß der wohlmeinende General. »Machen Sie Ihre schöne Frau aufmerksam auf die Gefahr, der sie sich aussetzt, wenn sie die kleinste Huldigung des Colonel zurückweiset. Hören Sie, mein Herr Präfect?«

Der Herr Präfect hörte, aber lächelte abermals stolz, denn in diesem letzten Theile der freundschaftlichen Warnung lag ein lächerlicher Widerspruch. Seine Theodora sollte die kleinen Huldigungen des Colonels nicht zurückweisen? Thörichte Warnung! Gerade zurückweisen mußte sie seine Huldigungen! Er war auch überzeugt, daß sie dies thun würde. Sie liebte ihren Gatten schwärmerisch und blieb ihm selbst im Strudel der Weltfreuden unwandelbar ergeben. Der Präfect wußte das. Sein stolzes selbstgefälliges Lächeln hatte es verrathen, daß er es wußte, und daß er es insgeheim schätzte. Darum also schwieg er von der Warnung des Generals du Marlé und überließ seine schöne Theodora getrost ihrer eigenen Weisheit.

Hätte er doch nur mit einer Sylbe dieser Warnung erwähnt! Die weibliche Klugheit würde den sich widersprechenden Inhalt derselben wohl erkannt und besser benutzt haben, als der Präfect in seiner Sorglosigkeit meinte. Es waren aber Tage, ja Wochen darüber verstrichen, Leclaire ging, fuhr und ritt mit dem Ehepaare Markland aus, wurde heiter und freundschaftlich empfangen und traulich entlassen. Von gefährlichen und verfänglichen Huldigungen schien gar nichts zu fürchten zu sein. Die beiden Gatten gingen sorglos am Rande des Verderbens entlang, ohne die Tigernatur Desjenigen zu erkennen, der neben ihnen wandelte.

Kehren wir nun zu dem Zimmer des Präfecten zurück. Er wurde aus seinem brütenden Sinnen durch das Oeffnen der Thür aufgestört. Leise drehte sich dieselbe in den Angeln, als wolle man behutsam erspähen, ob der Bewohner dieses Gemaches allein sei.

Nach der gewonnenen Ueberzeugung dieses fraglichen Umstandes glitt eine Gestalt von so überraschendem Liebreize herein, daß selbst der Stoicismus des Ehemannes einen Augenblick zum Wanken gebracht wurde.

»Dora!« rief der Präfect aufspringend. »Mein Gott, was bist Du schön!«

Die junge Frau lachte hell auf, tanzte graciös auf den Gatten zu und warf sich mit einem sehr wohlgelungenen Entrechat an seinen Hals.

»Gefalle ich Dir, Philibert?« fragte sie kosend. Ihre Augen leuchteten dabei mit bräutlicher Zärtlichkeit.

»Du bist bezaubernd, Liebchen!« entgegnete er aufgeregt. »Dies weiße, durchsichtige Kleid, diese Tunica mit der feinen Roseneinfassung und dies prächtige Rosendiadem geben Dir das Ansehen eines Engels. Dora, Du wirst wieder die Schönste auf dem Balle sein!« fügte er mit der Eitelkeit des Weltmannes hinzu.

Dora legte ihr rosenbekranztes Köpfchen einen Moment an des Gatten Wange und dachte es sich süßer, sein theuerstes Kleinod zu sein, als die Schönste auf einem Balle. Aber schnell heiterte sich ihr Blick wieder und sie fragte lebhaft, »ob er sie begleiten werde?«

»Nein, Liebchen,« entgegnete er mit dem Tone des Bedauerns und eine dichte, schwarze, schwere Wolke des Verdrusses verdrängte die heitere Zufriedenheit, womit er sein schönes Weib umfangen gehalten. »Ich bin dem General Revanche schuldig, und wir haben auf heute ein Spielchen verabredet. Es kommt mir nicht gelegen, das kannst Du glauben!«

»O!« rief die junge Dame lebhaft. »Mit dem General mache ich das aus, Lieber! Komm nur und begleite mich! Der General ist mein Freund.«

»Nein, nein!« fiel Markland hastig ein. »Ich hoffe auch, heute Glück zu haben, Dora, und mich dadurch aus einer fatalen, drückenden Verlegenheit zu reißen.«

»Du hast Spielschulden?« forschte Dora plötzlich ernst. »An wen?«

»An Leclaire,« sagte Markland verdüstert. »Es ist mir fatal. Morgen versprach ich zu zahlen, gewinne ich heute wieder, so kann ich das. Verliere ich, so ist meine Klemme um so größer.«

»Zeigt sich Leclaire ungroßmüthig?« forschte Dora weiter.

»Das nicht. Er hat aber ein unverschämtes Lachen, das ich hasse.«

Die junge Frau schüttelte mißmuthig das rosenbekränzte Köpfchen.

»Schade, daß Du mit Unglück spielst,« sagte sie bedauernd. Sie war schon so tief in den Netzen der Weltlichkeit verstrickt, daß sie keinen Tadel mehr für die Spielsucht des Gatten hatte.

»Laß Dich nicht davon verstimmen, Liebchen,« erwiederte eilig und tröstend der Präfect. »Heute mir, morgen dir! Das Glück wechselt und Leclaire meinte: mein Glück in der Liebe sei der triftige Grund meines Unglücks im Spiel.«

Dora lächelte sehr glücklich, aber der Präfect schob sie in der Zerstreuung weit von sich und sagte:

»Nun geh, mein Liebchen! Amusire Dich! Ich muß fort!«

Gleich darauf rollte der Wagen mit der schönen Frau Markland die Straße hinab und ihr Herr Gemahl eilte, im Mantel gehüllt, der Wohnung des Generals du Marlé zu. Beide hatten sie die Männergestalt nicht bemerkt, die im Begriff war, die Treppe zum Quartier des Präfecten hinaufzusteigen, um noch eine dienstliche Meldung zu machen. Es war Blanchard, der Spion aller in der Stadt wohnenden Franzosen, der zugleich als Greffier die rechte Hand des Präfecten war.

So wie der Wagen der Dame fortgerollt und der Herr Präfect in einer Nebengasse verschwunden war, trat Blanchard mit unbefangener Miene in das erleuchtete Portal des Hauses ein und ging ohne Scheu und unaufgehalten gradezu die Treppe hinauf, in das Zimmer des Präfecten hinein. Ein Packet Acten, die er frei in der Hand trug, schien ihm als Paß dienen zu sollen, im Falle irgend ein Bedienter sich seinem Vorhaben hinderlich zu zeigen Lust gehabt hätte.

Es kam ihm aber kein Mensch entgegen. Er erreichte des Präfecten Zimmer, das sich noch in derselben Verfassung befand, wie vorhin. Schleunigst setzte sich Blanchard am Schreibtische nieder und entwickelte eine bei Weitem größere Thätigkeit, die Briefe durchzusehen und die Actenstücke zu durchblättern, als der Herr Präfect. Das Licht der Kerzen beleuchtete bald ein schadenfrohes, bald ein sehr erfreuliches Lächeln seines Gesichtes, und als er, nach einigen Minuten aufstand, da trug er ebenfalls ein Packet Schriften in der Hand, das aber anders aussah, als vorher.

Blanchard war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren mit einem Gesichte, dem man eigentlich die Schlauheit und List auf der Stelle ansah. Aber daß seine sonst harmlose Miene eine bodenlose Verderbtheit des Herzens verbarg, davon überzeugte man sich gewöhnlich erst dann, wenn es zu spät war. Blanchard war zu Allem fähig. In der Revolution Frankreichs groß geworden, wo Menschenblut nicht mit instinctmäßigem Abscheu betrachtet wurde, war ihm ein Menschenleben von so geringem Werthe, daß er nicht anstand, dasselbe mit derselben Gleichgültigkeit zu vernichten, wie er eine Fliege todtgeschlagen haben würde, die ihm im Wege war. Man sagte ihm heimlich die schrecklichsten Mordthaten nach, aber es wagte Niemand als sein Ankläger aufzutreten. Er hatte die Eroberungswuth des Napoleon Bonaparte benutzt, um seinen Lebenszwecken nachzugehen, die darin bestanden, daß er eines Tages als reicher Mann zwischen Denen auftreten wollte, die ihn als arm verachtet hatten. Vorsichtig und wohl überlegt folgte er den siegreichen Truppen seines Empereurs Schritt auf Schritt, oft die Schlachtfelder zum Schauplatze seines habsüchtigen Planes benutzend, oft als Spion, oft als Verräther nach Gewinn haschend. Was seinem Vorhaben irgendwie hinderlich war, das entfernte er höchst eigenmächtig ganz in aller Stille und je größer der Gewinn zu werden versprach, desto kaltblütiger opferte er das Dasein Derjenigen, die den Gewinn hätten beeinträchtigen können. Nachdem er seinen Kaiser auf dem Gipfelpunkt seiner Macht angelangt sah, veränderte er den Entwurf seiner Laufbahn. Er stellte sich dem Ministerium des neuen Königreichs Westphalen zur Disposition und bat, unter Hinweisung auf seine Sprachvollkommenheit in Deutsch und Französisch, um eine Anstellung, die seinen übrigen Kenntnissen angemessen war. Solche Männer konnte man brauchen. Die Sprachverwirrung in den Gerichtslokalen war bisweilen entsetzlich und nur Zeit und Gewohnheit ließen eine Abhülfe mancher Uebelstände erwarten. Für den gegenwärtigen Zeitpunkt waren also befähigte Dollmetscher unerläßlich. Man gab dem Monsieur Blanchard ohne große Prüfung den Titel Greffier und benutzte ihn überall zur Verständigung.

Jetzt fühlte sich Blanchard in seinem Elemente. Morden und rauben brauchte er nicht mehr, um zu erwerben. Seine Betriebsamkeit fand andere Felder, um reich zu werden. Nachdem er einige Jahre in der Hauptstadt des Königreichs Westphalen mit glänzendem Erfolge gearbeitet hatte, zog er sich den Unwillen oder die Ungnade eines hochgestellten Mannes zu und er wurde unverzüglich nach der Stadt versetzt, wo Markland Präfect war.

Blanchard zeigte sich sehr bald ganz zufrieden mit der Veränderung seines Wohnorts. Markland war ein Mann, wie er ihn haben wollte. Faul und nachlässig im Dienst, dabei in steter Geldverlegenheit, sorglos bis zur Sündlichkeit und leichtsinnig bis zur Bösartigkeit. Was der Greffier Blanchard that, war ihm genehm. Was er ihm vorschlug, das prüfte er gar nicht. Verlangte Blanchard seine Unterschrift, so verweigerte er sie nie, fragte auch gar nicht darnach, was er unterschreiben solle. Es war wahrhaftig eine Wirthschaft wie zu Sodom und Gomorrha, und den größten Vortheil hatte Monsieur Blanchard davon.

Sein Weg zum Glücke erschien so geebnet und die Gegenwart war so zufriedenstellend, daß Monsieur Blanchard unter dem besondern Schutze der Vorsehung zu stehen glaubte. Alles glückte, was er anfing. Seine List überwältigte die Gewissensfurcht Derer, die sich seinetwegen Pflichtverletzungen erlaubten, und seine Schlauheit machte die Ehrlichen dumm und verdreht. Nur an dem eisenfesten Charakter des Calculators Rüdiger scheiterte seine Raffinerie. Dieser bezopfte Rechenkünstler malte seine Zahlen mit so bedeutsamer Deutlichkeit, addirte, subtrahirte, multiplicirte und dividirte mit so pflichtmäßiger Gelassenheit, daß ihm nirgends anzukommen war.

Monsieur Blanchard gerieth zuletzt in Wuth, als er sah, daß eher Felsen einstürzen und Welten aus ihren Angeln zu heben sein würden, wie diesen Mann seiner Pflicht und seiner pedantischen Genauigkeit untreu zu machen.

Jedem andern Menschen, wie Blanchard, hätte diese felsenfeste Ehrlichkeit eine gewisse Achtung eingeflößt, die man immerhin berücksichtigt und schont, wenn auch nichts erlangt werden kann; aber in ihm regte sie nur einen persönlichen Haß auf, der darauf sann, sich kleinlich an ihm zu rächen. Die erbärmliche erste Rache bestand in dem Befehle, den Zopf abzuschneiden.

Wir wissen, was der Calculator darauf zu thun beschlossen hatte, und wir sehen ihn am nächsten Morgen mit einer gewissen Sorgfalt die Zierde seines Hinterhauptes glätten und säubern, um sich dann damit zu seiner eigenen Genugthuung auf den Weg zu machen. Noch stolzer, noch gravitätischer, noch steifer als sonst schritt der Calculator im türkblauen Rock dahin und die fest eingekniffenen Mundwinkel zeigten den trotzigen Muth, womit er das Gerichtslokal zu betreten sich beeilte.

Marie stand am Fenster und sah ihm nach. Eine trübe Ahnung wollte sich durchaus nicht aus ihrer Brust verbannen lassen, und daher mußte es wohl kommen, daß der Blick ihrer hübschen Augen traurig war, als sie sich endlich hinauslehnte, um die Schwenkungen des väterlichen Zopfes so lange zu beobachten, wie sie nur konnte.

Tief aufseufzend trat sie dann zurück. Hätte sie heute wie gestern den schüchternen Blick nach des vornehmen Nachbarn Fenster hinübergesendet, so würde sie gewiß einem eben so theilnehmenden und ehrerbietigen Gruße des Raths Giseke begegnet sein, wie Tags zuvor. Aber wir kennen ihre Vorsätze, »nie wieder vermessene Gedanken in sich aufkommen zu lassen«, und Marie hatte etwas vom Charakter ihres Vaters in sich, das sie kühl und fest erhielt.

Giseke sah also Marie vom Fenster verschwinden, ohne einen Blick des schönen Kindes zu erhaschen. »Was ihr nur fehlen mag?« fragte er sich unruhig. »Sie sah so traurig aus. Ob der Zorn von gestern dem Vater geschadet haben mag und sie für seine Gesundheit sorgen läßt?«

Das patriarchalische Stillleben des Calculators Rüdiger mit seiner Tochter, inmitten der täglich steigenden Demoralisation hatte längst sein Interesse für beide Leute in ihm rege gemacht, und wie es Tags zuvor nur eines kleinen Anstoßes bedurfte, um die Ruhe der Theilnahme in eine leidenschaftliche Wärme zu verkehren, so war jetzt auch nur eine kleine Besorgniß nöthig, um den Rath zu veranlassen, sich selbst in die Calculatur zu begeben, bevor er zum Sessionssaale hinaufschritt, um den Vater Mariens nach seinem Gesundheitszustande zu befragen.

Der Rath beeilte seine Schritte, denn die Zeit drängte. Schon bei dem Eintritte in das düstere, von Corridoren durchschnittene alte Schloß, das zum Gerichtslokale umgeschaffen war, schallte ihm aus dem Hintergrunde desselben ein überlautes Gelächter entgegen. Befremdet blieb er stehen und sah sich nach allen Seiten um. Ein solcher Ausbruch von guter Laune war eigentlich im Bezirke dieser Mauern verpönt. Das Gelächter wiederholte sich und zwar auf eine so überhandnehmende, rohe Weise, daß die Seele des Horchers von einem Schauer überlaufen wurde.

»Wenn Männer so lachen, dann ist der Teufel nicht weit,« murmelte er, mit Eile vorschreitend. Ihm schien es, als dringe das Gelächter aus der Calculatur. Richtig. Jetzt sprach Jemand da drinnen. Es war die Stimme des Greffiers Blanchard.

»Nur zu, immer zu!« commandirte er, wie es schien mit boshafter Heiterkeit. »Hab' ich drei gezählt, muß vorüber sein die Execution! Eins –«

In zwei Sätzen war der Rath an der Thür und stieß sie auf, ehe Blanchard »Zwei« hatte sagen können. Ein sonderbarer Anblick wartete seiner. Das Zimmer war ziemlich groß und hell. Ein breiter Schrank nahm die Rückwand desselben ein, dicht dabei war ein Fenster nach dem Hofe hinaus und an diesem stand der Arbeitstisch des Calculators Rüdiger. Nun mußte man es durch irgend eine schlaue Vorkehrung dahin gebracht haben, daß Rüdiger aus dem großen Schranke ein Actenstück entnommen hatte und zwar eins, das in dem untern Fache gelegen, wobei er eine gebückte, halb knieende Stellung anzunehmen gezwungen war. Wie man es aber angestellt haben mochte, ihn bei dieser Gelegenheit zum Umwenden seines Kopfes zu bringen, das blieb für den Augenblick räthselhaft. Genug, der arme Calculator hatte sich gewendet und der Schrank war in demselben Momente ins Schloß geworfen, wo sich sein naseweiser, sehr langer Zopf zwischen die Schrankthüren begab. Durch diesen Streich des Muthwillens, der jedenfalls vorbereitet worden war, gerieth Rüdiger in eine verzweifelt demüthigende Stellung, die sich noch vermehrte, als Blanchard, der von Anfang im Zimmer verweilt hatte, mit lauter Stimme sämmtliche Subalternen der Canzlei herbeirief und sie aufforderte, mit ihm über den gesetzwidrigen Zopf des Calculators zu Gericht zu sitzen. Ein Höllengelächter belohnte diesen Witz und man ging ans Werk. Es wurde also in Pleno beschlossen, »der Zopf solle fallen und zwar durch des Delinquenten eigene sehr scharfe Papierscheere.« Ein zweites Höllengelächter brach los.

Blanchard trieb seinen Hohn mit Rüdiger bis auf's Aeußerste und nicht ein einziger der langjährigen Collegen erbarmte sich, um ihm mindestens eine Befreiung aus der unwürdigen Lage zu erwirken. Sie hielten es Alle für nothwendig, Blanchard zum Gönner zu behalten. Fand er seinen Spaß darin, den ganz unnützen Zopf des Collegen Rüdiger auf diese Manier aus der Welt zu schaffen, so hatten sie gar nichts dagegen einzuwenden. Wie tief dies alberne Verfahren den fünfzigjährigen ernsten Mann kränken mußte, darüber ließen sie sich keine grauen Haare wachsen.

Als der Rath Giseke Zeuge des Comödienspieles wurde, stand ein junger Schreiber, mit der großen Scheere bewaffnet, eben im Anschlage, um den Zopf vom Haupte Rüdigers zu trennen. Eine erwartungsvolle Stille herrschte und Aller Augen flogen von Blanchard zu Rüdiger hin, um das Commando sowohl, als die Execution nicht zu versäumen.

Der Calculator, von seinem Zopfe festgehalten, knieete auf dem Fußboden. Kein Laut rang sich von seinen Lippen und sein Gesichtsausdruck war noch fester, würdiger und ernster, als sonst, obwohl man die Sturmeswellen des Zornes blitzartig schnell über seine Stirn und durch den Blick seiner Augen rollen sehen konnte. Er beherrschte sich wahrhaft großartig, um seines Peinigers und Beleidigers Triumph nicht noch zu erhöhen. Ihm, wie allen Betheiligten entging das Eintreten des Rathes, der wie ein guter Engel erschien, um die Schlußscene dieser unerträglichen Demüthigung zu verhindern.

»Was geht hier vor?« rief dieser, indem er mit der ganzen imposanten Würde seines vornehmen Aeußern mitten in's Zimmer trat. Wie ein eisig kalter Schlagregen fiel diese kurze Frage auf die vom böswilligen und leichtsinnigen Uebermuth erhitzten Köpfe.

Unwillkürlich ließ der bewaffnete Schreiber die Scheere am Leibe hinabrutschen und eben so unwillkürlich krümmten sich aller Anwesenden Rücken im vorschriftsmäßigen Respecte. Schneller, als man es denken kann, war das Zimmer leer, nachdem noch Alle Zeuge gewesen waren, daß der Rath mit einem einzigen Rucke die Schrankthür aufgerissen hatte, um den Zopf des Calculators zu befreien. In Aller Mienen zuckte eine Furcht vor der Verantwortung ihres Muthwillens, nur Blanchard behielt die freche Keckheit seines Lachens und sah dem Rathe unverschämt ins Gesicht.

»Sie werden mir nachher Bericht über diesen Vorfall abstatten, Herr Greffier,« sprach dieser kurz und bestimmt. Dann wendete er sich zu Rüdiger, der sogleich aufgestanden war und sich, als wäre nichts geschehen, an seinen Tisch gesetzt hatte.

»Können Sie mir den Urheber dieses frechen Scandals namhaft machen, lieber Calculator?« sagte er sanften Tones, indem er die leicht zitternde Hand des Mannes ergriff und herzlich drückte. Rüdiger sah ihn an. Eine unerklärliche Sympathie fesselte den Blick beider Männer. Sie kannten sich schon lange, aber sie erkannten sich erst in diesem Momente.

»Nein,« antwortete der Calculator entschieden. »Ich danke Ihnen, Herr Rath! Sie haben mich auf ewig zu Ihrem Schuldner gemacht. Wollen Sie aber das Maß Ihrer Güte voll machen, so lassen sie den Schleier der Vergessenheit über diese Begebenheit breiten. Es nutzt nichts, daß man der Geschichte auf den Grund kommt. Mich wird und soll keine Macht der Erde zu Pflichtvergessenheiten verleiten und mein unschuldiger Zopf hat Niemandem etwas gethan. Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme!«

»Ich will Denjenigen bestraft wissen, der den Respect gegen Sie aus den Augen gesetzt hat!« rief der Rath mit einem flammenden Blicke auf Blanchard, der sich ganz harmlos anschickte, das Zimmer ebenfalls zu verlassen.

»Es nutzt nichts, Herr Rath!« erwiederte Rüdiger unerschütterlich.

»Vielleicht kommen Dinge dabei ans Tageslicht, die Manchem zum Reisepaß werden konnten.«

»Auch das nutzt nichts, Herr Rath. Was faul ist, verdirbt ohne unser Zuthun!«

»Gut! Ich gebe Ihnen dies Mal nach, lieber Rüdiger,« schloß der Rath die Verhandlung, »aber man möge sich hüten, Ihnen ein Haar zu krümmen! Wer es wagt, der hat es vor mir zu verantworten! Gehen Sie zu Haus, wenn Sie zu alterirt sein sollten.«

»Ich danke Ihnen! Ich fühle mich wohl genug, mein Tagewerk zu vollbringen!«

Der Rath verließ das Zimmer. Blanchard machte eine Grimasse hinterher. Dieser Vorgesetzte war der Einzige, vor dem er einen heillosen Respect hatte. Er fürchtete seine Klugheit, seine Redlichkeit und seinen Scharfblick. Die indirecten Drohungen, die in den Worten des Rathes lagen, verstand er sehr wohl zu deuten. »So – so!« dachte er, ihm nachsehend. »Also Er oder Ich! Wollen doch sehen!«

Mittags kam der Calculator zur gewöhnlichen Zeit zu Hause, aber sein Gesicht war aschfarbig und seine Stirn düster. Marie wagte nicht zu fragen und ihr Vater hatte keine Lust zu erzählen. Wer malt jedoch ihr grenzenloses Erstaunen, als plötzlich die Thür sich öffnete und der Rath Giseke eintrat. Keines Wortes mächtig, denn der Schreck raubte ihr den Athem, machte sie ihm einen allerliebsten Knix und wäre dann für's Leben gern weggelaufen. Das ging nur nicht. Der Rath faßte sogleich Posto neben dem grünbeschlagenen Lehnsessel des Calculators, rückte sich, ehe irgend ein Anderer sich rühren konnte, einen Stuhl heran und verschränkte dadurch die Thür zum Nebenzimmer total. Marie mußte bleiben, und sie fand kaum den Muth, ihre demüthig gesenkte Stirn nur auf Momente zu heben, um die stolze, glänzende Männererscheinung verstohlen zu mustern, die sich in der einfachen, aber netten Einrichtung ihres Stübchens königlich ausnahm.

»Ich muß mich selbst überzeugen, bester Calculator,« begann Giseke in so hastigem Tone, daß dem scharfsinnigen Beobachter die Symptome einer leichten Verlegenheit nicht entgangen wären, »ob Ihnen der abscheuliche Streich nichts geschadet hat.«

Marie horchte ängstlich und vergaß ihre Ehrfurcht vor dem vornehmen Herrn. Ihr Auge hob sich und heftete sich voll und groß auf das häßlich verunstaltete Gesicht des Rathes. Ob sie die Verwüstungen bemerkte, welche die Pocken darauf angerichtet hatten? Wir wissen es nicht zu sagen.

»Der Herr Rath sind zu gütig,« erwiederte Rüdiger unterdessen mit einem ehrerbietigen Tone. »Ich befinde mich wohl!«

»Sie sehen aber krank aus, bester Mann, und Sie sollen sich schonen, damit die Folgen des Aergers Ihnen nicht schaden. Ich habe Ihnen einen achttägigen Urlaub ausgewirkt.«

»Danke, Herr Rath! Ich werde keinen Gebrauch von diesem Urlaube machen!« fiel Rüdiger mit respectvoller Beugung des Kopfes ein. »So lange ich gehen, stehen, rechnen und schreiben kann, versäume ich meinen Dienst nicht. Ich danke Ihnen.«

»Aber mein Gott, was sind Sie für ein eigensinniger Mann,« rief der Rath halb scherzend. »Sehen Sie, liebe Demoiselle,« wendete er sich zu Marie, die beklommen auf jedes Wort gehorcht hatte, »ist der Papa nicht blaß? Helfen Sie mir doch ihn überreden, daß er einige Tage zu Haus bleibt!«

Marie trat mit lieblicher Verschämtheit näher und richtete ihre schönen Augen bittend auf den Vater.

Sonst that sie jedoch nichts zur gewünschten Ueberredung.

»Meine Marie weiß, daß ich meine Entschlüsse nie ändere, Herr Rath. Mich kann Niemand überreden, wenn ich eingesehen habe, was für mich gut ist. Ich gehe unveränderlich in's Gericht und thue meine Pflicht.«

Der Rath stand auf. Marie fürchtete, daß er böse sei. Kindlich neigte sie sich zu dem Gesicht ihres Vaters und flüsterte mit unnachahmlich sanftem, süßen Tone:

»Ach, wenn der Herr Vater aber kränklich sind? Der Herr Rath meinen es so gut!«

Diese Stimme! Diese Demuth! Diese hinreißende Milde und Unterwürfigkeit! Ludwig Giseke, der Stoiker athmete tief auf. Mein Gott, war es denn möglich, daß es in dieser verderbten Welt ein so unschuldvolles, vom Zeitgeiste unberührtes Wesen geben konnte? Er lächelte ihr gütig zu, als sie dabei ängstlich flehend zu ihm empor sah.

»Lassen Sie ihn, Marie,« sagte er schnell. Er hätte das bescheidene Kind nicht wieder mit dem ceremonieusen »Demoiselle« anreden können, ohne sich selbst den Vorwurf der Verhöhnung machen zu müssen. »Lassen Sie ihn, wenn er nicht will. Meine Achtung und meine Vorliebe für ihn erlaubt diesen Widerspruch sehr gern. Nur bitte ich Sie, mein bester Calculator, um eine bestimmte Antwort, wenn ich jetzt schließlich frage: Haben Sie Blanchard gegen sich?«

»Nicht, daß ich wüßte!« erwiederte Rüdiger ausweichend.

Mariens Augen aber antworteten dem Rathe ein stillschweigendes Ja. Sie trat mit diesem bejahenden Blicke in ein Einverständniß mit dem vornehmen Manne. Er fühlte dies. Sie aber nicht. Er dachte sogleich an die gestern belauschte Scene. Marie dachte auch daran. Er ließ mit bedeutsamem Winke verstohlen die Augen auf den Zopf des Calculators fallen, der sehr zierlich über die Lehne des Sessels gebreitet da lag. Sie schlug seufzend die Augen nieder.

Während dieses wortlosen Zwischenspieles sprach Rüdiger, sichtlich bemüht, jedes anklagende Wort zu vermeiden:

»Sie wissen, andere Länder, andere Sitten. Ich bin etwas aus der Mode gekommen. Ich denke aber, dem Gesetze und der Ordnung gerecht sein, hilft über solche Klippen hinweg.«

Der Rath erwiederte:

»Blanchard hätte den Scandal heute nicht unterstützen sollen! Es zeigt sein Benehmen eine unstatthafte Rancune. Wenden Sie sich direct an mich, wenn sich dergleichen wieder zeigen sollte. Dem Manne ist nicht zu trauen, allein es ist ihm auch nicht beizukommen. Es würde mir sehr lieb gewesen sein, wenn der vorliegende Fall mir irgendwie den Beweis geliefert hätte, daß deutsche Redlichkeit ihm ein Gräuel ist.«

Mariens Blick leuchtete so treuherzig zustimmend, daß der Rath nun wußte, worüber die gestrige Scene, die er belauscht hatte, hergekommen sei. Rüdiger aber antwortete mit Ehrerbietung:

»Es kann den Herren Vorgesetzten gar nicht schwer werden, sich Beweise über das schlechte oder gute Verhalten eines Subalternen zu verschaffen, wenn schon Verdachtsgründe vorliegen. Als Ankläger oder Verräther gegen einen Collegen auftreten, heißt dem Teufel einen Finger reichen.«

»Ist es aber nicht eine Sünde der Verheimlichung, wenn sich die Collegen nicht verrathen wollen?« warf der Rath hastig hin.

»Wenn die Verheimlichung persönliche Verhältnisse und Privatgespräche betrifft, so fällt jede Sünde weg,« entgegnete der Calculator mit unerschütterlichem Gleichmuthe.

»Gut! Ich gebe Ihnen nach, liebster Rüdiger!« rief der Rath herzlich. »Wir scheiden als Freunde. Ich verreise auf einige Wochen. Ihnen will ich es anvertrauen, ich reise zu meinem Könige, zu dem schwer gekränkten und schwer geprüften Könige von Preußen, ich muß ihm wichtige Nachrichten überbringen. Wenn ich wiederkomme, sprechen wir weiter über diese Angelegenheit. Leben Sie wohl unterdessen!«

Er reichte ihm seine Rechte und verbeugte sich mit wahrhafter Huldigung vor dem hübschen Mädchen, das ihm als das reizendste erschien, was die Erde an Frauenzimmern aufwies.

An diesem Abende ließ Marie die Gardine nicht herab. Es war ihr zu Muthe, als könne sie Jemandem eine große Freude dadurch bereiten, wenn sie sich wie sonst von drüben beobachten ließ, und zweimal hob sie mit einer Manier, die man hätte kokett nennen können, wenn sie nicht so sehr naiv gewesen wäre, den dunkelnden Schirm von der grünen Lampe, um das nöthige Licht im ganzen Zimmer zu verbreiten.

Am Morgen lauschte sie am Fenster, bis der Wagen vorfuhr. Vorsichtig schlug sie die strahlenden Augen auf, um zu sehen, ob der Herr Nachbar denn nicht einen Abschiedsblick für sie haben würde. O, wie fuhr sie zurück! Da stand er und blickte fest und unverwandt zu ihr hinüber, als wolle er sich für die Dauer seiner Trennung ihr Bild einprägen.

Ja, sie fuhr zurück, aber kehrte mitleidigen Herzens sogleich wieder an ihren Platz zurück. Er grüßte nicht! Er sah nur zu ihr hin, als könne er sich schwer von der unschuldigen Freude trennen, sie zu sehen. Er dachte dabei an sein pockennarbiges Gesicht und grüßte nicht. Er hatte kein Recht, sie zu grüßen, die ihm als ein Ideal von Frauenschönheit erschien. Da blickte sie so traurig auf den Reisewagen und dann so seelenvoll traurig wieder zu ihm auf, daß sein Herzblut hochauf wallte und schäumte und wogte, als wolle es seine Brust zersprengen.

»Thorheit! Thorheit!« murmelte er, eilte die Treppe hinab und warf sich in den Wagen.

Marien aber war es, als hätte ihr Leben Friede und Freude verloren, nun sein Auge sie nicht mehr behütete. Sie wußte es nicht, daß der vornehme Nachbar Wohlgefallen an ihr gefunden hatte, und sie hatte es bis dahin nicht gewußt, daß die Ruhe ihres Herzens durch seine Nähe bedingt werden könne. Jetzt fühlte sie den Einfluß seiner Blicke. Die Träume von jenem Abend kamen zurück und bemächtigten sich mit Gewalt ihrer Seele. »Er kommt zurück,« tröstete sie sich, »und wenn er zurückkommt?«

»Der Herr Rath Giseke ist eben nicht anders, wie alle Vorgesetzte,« sprach in diesem Augenblicke, aus seinen Gedanken auffahrend, der Calculator. »Er gedachte, mich zu seinen Zwecken zu benutzen. Daraus wird aber nichts!«

Marie senkte das Köpfchen und seufzte demüthig:

»Der Herr Vater können Recht haben!«



Drittes Capitel.
Der Präfect.

Einige Tage später saß der Präfect Markland am frühen Morgen verdrossen in seinem Zimmer und warf Blicke des größten Mißmuthes auf die angehäuften Papiere, die endlich durchgesehen und abgearbeitet werden mußten. Er pflegte in der Regel um mehrere Stunden später aufzustehen, allein die Noth zwang ihn, die Morgenstunden zu Hülfe zu nehmen.

Es war Herbst und der Morgen sehr kühl. Die Dienerschaft schlief noch. Das Zimmer kam ihm ungewöhnlich kalt und unfreundlich vor. Dazu der unüberwindliche Abscheu vor der Arbeit – der Präfect Markland war wirklich in diesem Augenblicke der unglücklichste Mensch auf Gottes Erdboden. Murrend stützte er sein schönes, männliches Gesicht, das so viel Zuversicht zu sich selbst verhieß, in die Hände.

»Die Geschichte bricht eines Tages unter mir zusammen!« sprach er kaum hörbar, »und mein Schwager Giseke wird nicht der Letzte sein, der dann triumphirend ein Hohngelächter aufschlägt. Ihm war die Präfectur zugedacht und er paßte, aufrichtig gestanden, besser zu einem solchen Packesel, wie ein Präfect ist. Himmelelement, über solche verwünschte Plackerei – die Schreiben nur zu lesen, die da eingegangen sind. Die Menschen müssen lieber schreiben, als ich, sonst ließen sie mich wohl ungeschoren mit diesen unsinnigen Eingaben und Bittgesuchen. Es hilft ihnen doch nichts. Was einmal ist, das bleibt, und was geschehen soll, geschieht. – Mein Schwager soll verreist sein. Hm –! Es überlief mich eine kleine Gänsehaut, als ich von dieser Reise hörte. Wenn unterdeß eine Revision stattfände! Himmelelement! Ich muß wahrhaftig arbeiten, daß dies Papiermagazin hier wegkömmt!«

Nach diesem Selbstgespräche ermannte er sich und begann mit stumpfer Resignation seine Arbeit, die in nichts bestand, als zu lesen. Bei jedem Briefe machte er eine lange Pause, warf die Arme in die Höhe, gähnte, rieb sich die Beine, stand auf, setzte sich wieder hin, und das Alles blos, um der fürchterlichen Anstrengung zu entgehen, sein Präsentatum darauf zu setzen. Der Herr Präfect gehörte also zu den Leuten, die nur die Amüsements des Lebens für keine schwere und drückende Arbeit halten.

Endlich wurde es lebendig im Hause. Eine Kammerzofe servirte den Kaffee und die fröhliche Stimme der gnädigen Frau wurde hörbar.

»Gott sei Dank!« sprach der Präfect zu seiner Gattin, die lachend seinen Fleiß bewunderte. »Ich habe gearbeitet, wie ein Pferd, Liebchen! Gott sei Dank, daß Du kommst.«

»Was hast Du denn seit sieben Uhr gethan?« fragte sie, schelmisch den hohen Haufen der Schreiben musternd, die links bei ihm lagen. »Hast Du das Alles schon abgemacht?«

»Nein, das hier –« sagte er verlegen lachend, indem er rechts deutete. Da lagen freilich nur sechs Briefe von den Hunderten.

Dora lachte hell auf.

»Von sieben bis neun Uhr sechs Briefe gelesen und sechsmal Datum und Namen geschrieben? Es ist horrible! Ich möchte, Du hättest meinen Bruder arbeiten sehen, Philibert! Das war eine Lust zu beobachten, wie flink er Acten durchblätterte und doch Alles wußte, was darin stand. Nun komm aber und stärke Dich erst. Nachher hast Du Zeit, weiter zu arbeiten!«

Der Präfect folgte sehr gern dieser Aufforderung. Er war auch viel zu wenig ehrgeizig und empfindlich, um den Vergleich mit seinem Schwager übel zu nehmen. Nach seiner unmaßgeblichen Meinung war er dazu da in der Welt, um zu leben und nicht um zu arbeiten. Er gab Dora ganz Recht, als sie meinte, daß er nachher Zeit habe. Zeit übergenug, nur aber keine Lust zum Arbeiten.

Es wurde zehn Uhr und er saß noch am Frühstückstisch, tändelte mit seiner hübschen Frau, fütterte ihr Möpschen, neckte ihren Kanarienvogel, schnitt Silhouetten aus, machte Spitzen an alle Bleistifte, die er auftreiben konnte, pfiff, sang, stellte sich endlich vor den Trumeau, um das Ebenmaß seiner Gestalt zu bewundern, und betrachtete schließlich den Himmel mit seinen Wolken. – Es war gerade ein Präfect, wie er nicht zweckmäßiger hätte gefunden werden können.

Um zwölf Uhr wurde der Greffier Blanchard gemeldet, und der Herr Präfect schlürfte langsam und träge hinüber in sein Zimmer, wo der Berg der eingegangenen Schreiben so eben von Blanchard noch um etwas erhöhet wurde.

»Himmlischer Gott, Blanchard!« schrie er entsetzt. »Sie bringen schon wieder Briefe? Ich habe gearbeitet, wie ein Pferd heute früh, um sieben Uhr saß ich schon wie angeleimt hier am Tische. Da, die können Sie mitnehmen!«

Er warf ihm die abgemachten Sachen hastig, als brennten sie ihm die Finger, zu.

»Das ist Alles?« fragte Blanchard mit sehr zweideutigem Tone. »Nun es ist doch etwas. Das Andere kommt nach, Monseigneur.«

»Ja wohl!« meinte der Präfect zerstreut und blickte unschlüssig vor sich hin.

»Haben Monseigneur noch Befehle?«

»Nicht gerade das, aber –. Was giebt's Neues im Geschäfte?«

»Gar nichts! Der Calculator hat noch immer nicht abgeschnitten seinen abominablen Zopf. Ich faß' ihn aber doch noch!«

Markland lächelte noch zerstreuter. »Blanchard, ich brauche Geld!« sagte er dann.

Blanchard wachte ein sehr vergnügtes Gesicht, legte die Schreiben wieder nieder und stützte sich mit den Fäusten auf den Rand des Schreibtisches. Er sprach aber kein Wort.

»Können Sie mir nicht Geld schaffen?« fuhr Markland, dreister werdend, fort.

»Monseigneur haben es in der Hand!« war seine leise Antwort.

Der Präfect hob schläfrig seinen Blick empor. Er verstand dies nicht ganz.

»Ich brauche praeter propter hundert Louisd'or,« fügte er gelassen hinzu.

»So wenig nur!« lachte Blanchard unterdrückt. »Dazu braucht ein Präfect nur einen Federstrich!«

Markland fixirte mit demselben schläfrigen Ausdrucke das Gesicht des Straßburgers. Ob er ihn wirklich nicht verstand? Denkbar war es, da der Präfect selbst zum Betrügen zu faul war.

»Wenn Monseigneur mir nur plein pouvoir geben,« beantwortete Blanchard diese stumme Frage, »so bürge ich für den günstigen Erfolg.«

In diesem Augenblicke flatterte Dora mit der Nachricht ins Zimmer, daß ein glänzender Ball beim General du Marlé anberaumt und sie nebst ihrem Gemahl dazu eingeladen sei. Die Störung unterbrach die Unterhandlungen. Blanchard entfernte sich mit einer Verbeugung, die viel zu affectirt demüthig war, um eine wahre Achtung auszudrücken.

»Ich werde in einer Stunde die Ehre haben wieder aufzuwarten,« sagte er und verschwand.

Frau Markland, noch eben so tief beschäftigt mit der Aussicht auf ein brillantes Fest, sah ihm unbehaglich nach. »Woher kommt es, mein Lieber, daß ich diesen Blanchard nicht ausstehen kann, daß ich ihn hasse, wie man die Sünde zu hassen pflegt!« rief sie bewegt aus.

Der Präfect legte seinen Arm um ihre Taille, ließ seine Stirn einige Secunden auf der Stelle ruhen, wo ihr Herz frisch und fröhlich pochte, küßte dann diese Stelle, dir sein Bild beherbergte und antwortete:

»Ja, mein Liebchen, wenn uns Alles in der Welt erklärlich wäre, so würden wir manche Forschungen ersparen können!«

»Sehr weise, Du thörichtes Menschenkind!« sprach die junge Frau schäkernd und vergaß in der Zärtlichkeit für den Gatten die Warnung, die sie ihm in Bezug auf Blanchard hatte zukommen lassen wollen.

Eine Stunde später trat Blanchard wieder ein zum Präfecten. Behutsam ließ er eine Rolle Goldstücke auf den Schreibtisch desselben gleiten, woran er noch immer saß, ohne eine Feder angerührt zu haben.

»Ei, das ist charmant von Ihnen!« rief Markland, angenehm überrascht von diesem Diensteifer! »Woher haben Sie das Geld?«

»Es ist mein erspartes Reisegeld,« flüsterte Blanchard devot. »Ich denke sehr bald in meine Heimath zurückzukehren, Monseigneur! Es ist mir hier zu unbehaglich. Im October eine Kälte zum Erfrieren. Wenn ich auf der Straße bin, muß ich den Mantel über die Nase ziehen; komm' ich zu Haus, zittere ich vor Frost; das ist ein Hundeleben, Herr Präfect! Deutschland ist eine Hölle, Deutschland ist noch mein Tod, wenn ich nicht bald gehe, um mich in der lieben Heimath zu erholen.«

»Wir hätten gar nichts dagegen, wenn alle Franzosen so dächten, wie Sie!« warf Markland rücksichtslos lachend ein. Ein haßerfüllter Blick Blanchard's streifte ihn dafür, während er nochmals sehr artig wiederholte:

»Es ist also mein Reisegeld, gnädiger Herr. Wenn ich dessen benöthigt bin, sage ich es Ihnen.«

»Gut. Ich werde Ihnen das kleine Capital landesüblich verzinsen!«

»Herr Präfect!« rief Blanchard. »Das ist eine Beleidigung für einen treuen Diener.«

»Nun, nun! Seien Sie nicht böse! Was haben Sie denn da wieder? Briefe, Unterschriften. Himmlischer Gott! Ist das ein schwerer Tag heute. Ich habe schon gearbeitet wie ein Pferd!«

»Nur einige Male Ihren Namen, wenn ich bitten dürfte,« schmeichelte Blanchard. »Sehen Sie hier, das ist eine Eingabe der Canzlisten, lauter vortreffliche Männer, Monseigneur.«

»Ja, lauter Deutsche, so viel ich weiß!«

Wieder glitt der haßerfüllte Blick über den rücksichtslosen Präfecten hin.

»Wohl, wohl! Deutsche, die aber den Esprit eines echten Franzosen entwickeln,« meinte er lachend und schob das Blatt vor Markland hin. »Die Männer begreifen, daß man in alten, ausgefahrenen Gleisen umwerfen kann, sie cultiviren sich, sie wollen treulich ihre Pflichten erfüllen und dazu ist nöthig, daß sie unterstützt werden von oben herab.«

»Nun, was wollen sie denn? Weshalb petitioniren sie?« fragte der Präfect ungeduldig.

»Der Calculator Rüdiger hat sie Alle sammt und sonders verleumdet.«

»Was? Der ehrliche Rüdiger?«

»Sie dringen auf eine Untersuchung gegen ihn.«

»Aber, Blanchard! Der alte, ruhige Rüdiger, der nicht zwei überflüssige Worte spricht?«

»Ja, ja. Stille Wasser sind tief! Der Mann ist ein gefährlicher Verleumder, Monseigneur. Er controlirt uns Alle! Er nimmt sich Rechte heraus, die nur ein Präsident hat. Er tadelt Vernachlässigungen in den Verfügungen und wartet mit Sehnsucht auf eine baldige Revision, um Aufklärungen zu geben. Der Calculator ist ein sehr, sehr gefährlicher Subaltern. Seine Collegen sind empört über sein Benehmen. Denn, denken Sie nur, dieser Starrkopf verhöhnt sie sämmtlich, indem er sich stets stellt, als verstehe er sie nicht, wenn sie ihn französisch anreden.«

»Aber, bester Blanchard, das kann ja sein, daß er sie nicht versteht!« warf der Präfect beschwichtigend ein.

»So muß er sie verstehen lernen, Monseigneur!« entgegnete der Greffier mit Nachdruck. »Nach meiner Instruction habe ich darauf zu sehen, daß sich die Bildung in der Canzlei bis zum fertigen Französischsprechen hebt. Genug, Herr Präfect, die Sache ist bis zum Crawall gediehen und neulich sind sie dem Calculator mit Messer und Scheere zu Leibe gegangen.«

»Sie scherzen wohl nur!« rief Markland. »Ist darüber eine Anzeige an mich gebracht? Er warf einen sehr betrübten Blick auf seinen Schreibtisch. »Ich sollte wenigstens denken, daß Rüdiger sich dergleichen nicht gefallen lassen würde.«

»Da sehen Sie eben, daß er ein gebrochenes Schwert in der Scheide führt!« antwortete sehr beeilt der Greffier. »Ich beantrage für's Erste seine Suspension, Herr Präfect, damit wir bei der Revision, die allerdings nahe bevorsteht, keinen Verleumder unter uns haben. Später wird die Untersuchung herausstellen, was fernerhin aus ihm werden soll. Seine Suspension ist auf alle Fälle nöthig, wenn man die Anklagen seiner Collegen berücksichtigen will und seine Suspension jetzt ist in Hinsicht auf die bedeutenden Rückstände,« – seine Hand bewegte sich vielsagend über den Schreibtisch hinweg, – »nur wünschenswerth für uns.«

Markland rückte, unsicher in seinen Entschlüssen, hin und her auf seinem Sessel. »Die leidigen Rückstände, die verdammte Revision!«

»Das ist auch noch deutscher Zopf« sprach Blanchard. »Mit der Zeit ändert sich das.«

»Wenn nur gleich, Blanchard!« seufzte der Präfect. »Was thue ich nur?«

»Sie schlagen den einfachsten und sichersten Weg ein, der klar vor Ihnen liegt! Die Excesse in der Kämmerei werden sich wiederholen und der Groll Rüdiger's wird um so gefährlicher.«

»Blanchard, es liegt eine gewisse Spitzfindigkeit in Ihrem Vorschlage, vor welcher die Stimme meines Gewissens mich warnt.«

»So lassen Sie sich von dem unverschämten Auftreten dieses Subalternen Trotz bieten! Ich kann nichts dagegen haben und mir schadet es auch nichts! Gehört denn so viel Beherztheit dazu, einen obstinaten Calculator für kurze Zeit zu suspendiren, wenn es jeden Augenblick freisteht, mit einem Federstriche diese Suspension wieder aufzuheben? Wer könnte Ihnen wohl einen Vorwurf daraus machen?«

»Das ist richtig, Blanchard!« antwortete der Präfect, sein Unbehagen kräftig abschüttelnd. »Ich will die Sache rechtlich und gründlich untersuchen und Jedem soll sein volles Recht werden. Warum sollten Sie mich zu einem Schritte treiben, der gar keine Vortheile für Sie abwirft. Es sei, geben Sie her. Ich will die Suspension des Calculators unterzeichnen. Ist es eine Gewaltthätigkeit, so wird sie von der Nothwendigkeit bedingt und Gewaltthätigkeiten im Amte sind nur dann gefährlich, wenn sich Vortheile für uns damit verbinden. So.«

Er warf einen forschenden Blick auf Blanchard und als dessen Angesicht die vollkommenste Gleichgültigkeit zeigte, als nicht ein Zug von Schadenfreude oder Bosheit das glatte Mienenspiel desselben entstellte, da übergab er voller Vertrauen das Papier, welches er ungelesen unterschrieben und dadurch rechtskräftig gemacht hatte, dem Greffier.

»Da haben Sie's. Was die Eingabe der Canzlisten betrifft, so legen Sie dieselbe zu meiner Einsicht nur hierher. Ich könnte sie als Beleg zu einer Vertheidigung meines Verfahrens nöthig haben. Wem werden Sie die Geschäfte des Calculators so lange übertragen?« fragte er mit plötzlich wachendem Verdachte. Er fürchtete die Antwort zu hören, daß Blanchard selbst als Vertreter eintreten wolle und dem hätte er sich unbedingt widersetzen müssen.

»Dem Gehülfen Rüdiger's,« lautete die gelassene Antwort des Greffiers, der diese Frage ganz richtig deutete. »Es ist ein intelligenter, junger Mann, spricht vortrefflich Französisch und arbeitet in einer Stunde so viel, wie Rüdiger in vier.«

»Dafür wäre also gesorgt, daß uns Vernachlässigungen des Amtes nicht zur Last fielen?«

»Durchaus nicht. Ich glaube, wir könnten ihn weniger entbehren, als den umständlichen, schwerfälligen Calculator Rüdiger –«

»Der sich aber seit zwanzig Jahren nicht ein einzig Mal verrechnet haben soll,« schloß Markland den angefangenen Satz. »Ich werde Erkundigungen über diesen Gehülfen einziehen!«

»Thun Sie das,« versetzte Blanchard, durch diese Worte beleidigt, sehr kurz.

Er verbeugte sich und ging. Hätte der Präfect das teuflische Lachen sehen können, das unmittelbar nach dem Zufallen der Thür Blanchard's Gesicht überleuchtete, so würde er noch jetzt seine Unterschrift zurückgenommen haben, womit er einen braven Bureaubeamten fürchterlich kränkte.

Nachdenklich war der Präfect nach der Entfernung Blanchard's. Er stützte sein Haupt schwermüthig in die Hände, eine Lieblingsattitude von ihm, wenn er vor dem Schreibtische saß, und versenkte sich in unerfreuliche Grübeleien.

Er konnte es sich nicht verhehlen, daß der Eifer Blanchard's für die abgethane Sache, die befremdliche Dringlichkeit, womit er die Suspension eines bewährten Unterbeamten, der mit den Berechnungen zu thun hatte, sich verdächtig erwies; allein war ihm ein Ausweg geblieben, die Dienstwilligkeit des Greffiers für seine Privatinteressen anders und entsprechender zu lohnen, als daß er sich dem Willen desselben unterwarf? Für den Augenblick nur tröstete ihn sein Selbstbewußtsein, denn ihm blieb es ja unbenommen, sofort am Nachmittage selbst in die Calculatur zu gehen, um die streitigen Punkte der Sache zu prüfen und nach dem Ermessen eine Verfügung wieder aufzuheben, die folgenschwer werden konnte. Es überschritt die Grenze seiner Macht keineswegs, einen seiner Unterbeamten vorläufig von allen Amtsfunctionen zu entbinden, wenn ausreichende Beweggründe für dies Verfahren vorlagen. Waren aber die Gründe, die ihn jetzt zu solchem Schritte verleitet hatten, nicht gar zu nichtig und unhaltbar?

Er verfiel auf Folgerungen, die nicht ohne Wahrscheinlichkeit waren. Er sah sogar ein, wie tadelnswerth er handelte, einen bewährten Mann aus seiner Stellung zu entfernen, während er dabei den Rathschlägen eines Menschen folgte, dem er zu mißtrauen gegründete Ursache hatte. Ganz willenlos tauchte der Gedanke in ihm auf, daß er mit dieser Handlung an einen Scheideweg trete, der ihn bergab, vom Pfade der Pflicht verlocke, um ihn bis zur Schlechtigkeit zu führen. Hatte sich die Stimme seines Gewissens vorher schon warnend geregt, so trat sie jetzt strafend gegen ihn auf, aber sein Blick fiel auf die blitzenden Goldstücke, die vor ihm lagen, und die Kraft der Hölle drang aus dem goldenen Schimmer hervor, um den kleinen Vorrath von Hochherzigkeit in ihm zu ersticken. Er hob seine Arme, gähnte, reckte sich im Vollgefühle seiner Würdigkeit und murmelte:

»Warum sollte ich mich wohl sorgen und plagen in der Jugend. Warum einem Menschen Böses zutrauen, warum über Dienstfertigkeiten nachsinnen, die zwar schlaue, aber vielleicht gar keine böse Absichten verbergen! Was kann mir Blanchard schaden? Gar nichts! Wenn ich seine Zwecke durchschaue, so kostet es mich einen Federstrich, um ihn gleich wieder in seine Schranken zurückzuführen. Was dies Darlehn betrifft, so könnte mich dasselbe in den Augen meiner vorgesetzten Behörde allerdings compromittiren, allein, wer wird sich für den Abend sorgen, wenn die Morgensonne noch scheint! Gewinne ich heute, so zahle ich Monsieur Blanchard morgen sein Geld wieder zurück. Hätte mich nicht das entsetzliche Lächeln Leclaire's beunruhigt, so würde ich nicht zu diesem fatalen Mittel geschritten sein. Dora darf es nicht erfahren! Fort, fort damit, in einer Stunde muß die Hälfte davon in des Colonels Tasche sein.«

Mit diesen Worten warf der Präfect das Geld, welches seine Spielschulden decken sollte, in einen seidenen Beutel, den er zu sich steckte, und schob das übrigbleibende in einen Kasten seines Schreibtisches, den er verschloß.

Was innerhalb der eben mitgetheilten Selbstprüfungen und Selbstgespräche des Präfecten sein böser Geist, der Greffier, gedacht und gethan hatte, das ließ bei weitem tiefer liegende Pläne zu seinem Verderben fürchten, als die Sorglosigkeit Markland's ahnen konnte. Unverzüglich begab sich Blanchard in die Calculatur, wo Rüdiger mit den monatlichen Abschlußrechnungen beschäftigt war, warf ihm die Verfügung ganz gesetzwidrig unverschlossen und unversiegelt auf den Tisch und sagte hochfahrend und boshaft zugleich: »Sie haben sich darnach zu achten und zu richten! Auf der Stelle verlassen Sie das Bureau und lassen sich nicht wieder sehen!«

Der Calculator Rüdiger gehörte nicht zu den Männern, die sich leicht erschrecken, aber beim Anblicke der ganz rechtsgültig verfaßten Entlassungsurkunde überrieselte doch eine Erschütterung seine Seele, die ihm für einige Minuten alle Fassung und Haltung raubte. Das war mehr, als er je gefürchtet hatte! Eine schimpflichere Entlassung aus dem Staatsdienste konnte gar nicht erdacht werden, und wenn auch zur Bemäntelung der wahren Absicht für jetzt der Ausdruck »Suspension« adoptirt war, so leuchtete doch das Ende des Werkes deutlich genug hervor.

Der Entschluß des Calculators Rüdiger war, trotz seiner Bestürzung, schnell reif geworden. Mit der Unerschütterlichkeit seiner Mienen sah er dem Greffier schon eisenfest in's Gesicht, als seine Seele noch gegen den Schmerz dieser unerwarteten Kränkung rang, und sprach ruhig:

»Die französische Manier, treue und zuverlässige Beamte zu entlassen, weicht so wesentlich von derjenigen ab, die man hier zu Lande gewohnt ist, daß ich mich unfähig fühle, auf ein bloses Risico meine Stellung als suspendirt zu verlassen. Ich werde um meinen definitiven Abschied einkommen, Herr Greffier, also diese Suspension unnöthig machen. Gewalt geht jetzt vor Recht; ich weiche der Gewalt! Aber ich ersuche Sie, den Revisor der königlichen Cassenverwaltung von meinem Vorhaben in Kenntniß zu setzen.«

»Das ist unnöthig!« warf Blanchard höhnisch und ungeduldig ein.

»Das ist wohl nöthig!« replicirte der Calculator mit steinerner Festigkeit. »Ich muß meine Ehre wahren, damit mir später eingeschobene Falsa nicht zur Last gelegt werden können.«

»Der Rath Giseke ist verreist!« fiel Blanchard abermals ein.

»Das weiß ich. Wäre er nicht verreist, so hätte man nicht gewagt, mich zu suspendiren. Sein Stellvertreter wird mir aber vollkommen genügen. Rufen Sie ihn her!«

»Thorheit!« rief Blanchard, mit dem Fuße auf die Erde stampfend. »Ich werde Ihre Bücher in dem Zustande, wie Sie dieselben verlassen haben, dort einsiegeln.«

Der Calculator stemmte seine Arme auf den Schreibtisch und schaute dem Straßburger mit ernster Würde starr in's wilde Gesicht.

»Sie halten mich wohl für so dumm, wie ich ehrlich bin, Herr Greffier,« sagte er ohne alle Aufregung. »Nicht doch! da irren Sie sich! Ich lasse mich eher einmauern mit meinen Büchern, als daß ich meinen guten Namen Preis gebe.«

»Herr, machen Sie mich nicht wüthend,« schrie Blanchard, dem bange um das Gelingen seines Vorhabens wurde. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort–.«

»Ein Franzose hat kein Ehrenwort dem Deutschen gegenüber,« unterbrach ihn Rüdiger

»Herr, ich lasse Sie 'rausschmeißen, wenn Sie nicht schweigen und gehorchen!« schrie Blanchard, mit Impertinenz auf ihn zufahrend.

»Dann nehme ich mein Lastenabschlußregister mit!«

Er packte wirklich seine Papiere zusammen, wurde aber durch das Eintreten mehrer Bureaubeamten darin gestört. Diese hatten den Lärm von außen vernommen und wollten sehen, was es gäbe.

Ihr Eintritt veränderte die Scene mit einem Schlage. Blanchard biß sich in die Lippen, daß sie bluteten, und Rüdiger stand, mit seinen Papieren im Arme, wie ein Heros da.

»Es ist zu toll,« sprach Blanchard mit erzwungenem Lachen. »In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht mit solchem Starrkopf zu thun gehabt. Dieser Calculator will um seinen Abschied ankommen, will aber lächerlicher Weise seine Bücher nicht ausliefern! Haben Sie je solchen Unsinn erlebt, meine Herren?« fügte er hinzu, als er in der Veränderung aller Gesichter sah, daß das Wort »Abschied einkommen« einen sehr unangenehmen Eindruck machte. Wäre jetzt der Herr Präfect zur Stelle gewesen, so würde er sich mit einem Blicke überzeugt haben, daß von der Eingabe, die in der Canzlei entstanden sein sollte, kein einziger Canzlist ein Wort wußte.

Nach vielem Hin- und Herreden brachte es Blanchard endlich doch dahin, daß sich Rüdiger entschloß, dem Registrator, der noch der Einzige war, welcher sein tiefes Mißtrauen gegen den Greffier zu entwaffnen verstand, das anzuvertrauen, was seine Pflichttreue unantastbar machen wollte.

»Der Herr College mag vorsichtig sein,« sprach er, indem er ihm die Papiere übergab und seine Schlüssel an ihn ablieferte. »In diesen Listen liegt die Möglichkeit, die Staatskasse um große Summen zu betrügen. Der Herr College hat es nun zu verantworten und die Folgen werden auf sein Haupt fallen! Geben Sie sie nicht aus den Händen, bis der Rath Giseke wieder da ist!«

Er verbeugte sich und ging, ohne sich umzusehen, zur Thür hinaus.

»Soll geschehen!« rief Blanchard laut lachend. »Thut nicht der Mann, als wäre er der einzige Ehrliche unter uns? Gottlob, daß wir diesen Tuckmäuser los sind!«

Der Calculator Rüdiger ober schritt zum letzten Male mit derselben äußerlichen Würde aus dem Gerichte nach Hause, wie er es seit zwanzig Jahren gewohnt gewesen war. Sein Entschluß gereuete ihn nicht. Er ging dadurch einer Reihe ärgerlicher Scenen aus dem Wege, die zuletzt doch dasselbe Ziel gehabt haben würden, welches er jetzt ganz unerwartet erreicht hatte. Noch ehe er sein Zimmer betrat, wußte er schon, wie er seine Zukunft feststellen und sich selbst aus der Nähe des Schauplatzes bringen konnte, der traurige Erinnerungen weckte.

Er besaß in einem sehr nahe bei der Stadt belegenen Dorfe ein Häuschen, mit Acker und Wiesen, die sich dicht am Strome entlang zogen. Bis jetzt hatte er dies Häuschen für einige Thaler vermiethet und die Aecker verpachtet. Dorthin beschloß er mit seiner Tochter zu ziehen, um fern von Allem, was ihm lieb geworden war, die Unannehmlichkeiten des Lebens zu vergessen.

Ganz unbekümmert darüber, was seine Tochter bei der märchenhaft schnellen Veränderung ihrer Lebensverhältnisse empfinden möchte, sprach er im gewöhnlichen, ruhigen Tone, indem er ihrer Hand den Hut und Stock überantwortete:

»Packe nur nachher gleich unsere Wäsche, Kleider, etwas Hausgeräth und Geschirr ein, wir wollen, wo möglich, schon morgen nach Berau auf die Bleiche ziehen.«

Marie öffnete ihre Augen sehr weit. Sie faßte den Sinn dieses Befehles nicht, wohl aber den Inhalt der Worte, und die rollten, wie ein Donnerschlag aus heiterm Himmel, an ihrem Ohr vorüber. Ihr Gesicht verlor jede Farbe und ihre Hände hatten nicht die Kraft, den Hut und Stock festzuhalten. Beides glitt zur Erde nieder.

Der Calculator achtete dessen nicht. Was verlor denn seine Tochter gegen ihn, der seine ganze Existenz zerrüttet sah?

»Du wunderst Dich, Kind? Mich trifft der Schlag nicht ganz unerwartet. Bei dieser Franzosenwirthschaft ist kein Mensch einen Tag seines Lebens, seiner Ehre und seines Amtes sicher. Ich habe meinen Abschied gefordert, weil man mich einstweilen meines Amtes entsetzen wollte. Meine Ehre gestattete dergleichen Willkürlichkeiten nicht.« – Marie athmete sehr schnell. Ihre Thränen drohten mit jedem Athemzuge hervorzubrechen. Der Calculator fuhr ruhig fort: »Wir werden uns einschränken müssen, Marie, aber wir werden nicht hungern!«

»Aber, der Herr Vater,« schluchzte das arme Mädchen, »der Herr Vater werden Langeweile haben?«

»Glaub' das nicht;« tröstete der Calculator, dem bei dieser einfachen Einwendung sehr schwül um's Herz wurde. »Ich muß arbeiten in Feld und Garten, damit wir leben können!«

»Mit den feinen, weißen Fingern, die nur immer eine Feder gehalten haben?« fragte Marie mit bescheidenem Zweifel.

Rüdiger besah in augenblicklicher Verzweiflung seine weichen, schmalen Hände, die allerdings eher einem Aristokraten als einem Bauer Ehre gemacht hätten.

»Es muß gehen und es wird gehen! Punktum!« war seine Antwort.

Nach dieser Erklärung blieb Marien nichts weiter übrig, als ihre heißen Thränen in aller Stille zu weinen. Ihr Vater hielt sie für überzeugt und beruhigt. Er hatte nicht die leiseste Idee, daß er prachtvolle Gebäude von Hoffnungen, die Luftschlösser einer erwachenden Neigung eingestürzt habe, indem er sich mit Marie in die Oede einer dörflichen Einsamkeit verbannte. Mariens Einbildungskraft war in den letzten Wochen thätig gewesen, sich die Rückkehr ihres vornehmen Nachbarn als einen Wendepunkt ihres Daseins auszumalen. Wenn sich ihre jungfräulichen Träumereien auch noch nicht bis zum Gipfelpunkte heimlicher, hochsteigender, glanzvoller Wünsche erhoben, so bildeten sie sich doch, im unausbleiblichen Wiedersehen, Anknüpfungspunkte für spätere Annäherungen und schon darin lag für sie eine Seligkeit. Jetzt war Alles vorbei! Der vornehme Nachbar wurde durch nichts an sie erinnert, wenn er wiederkam und ihre Wohnung verlassen fand. Sie war fort. Sie war begraben in dem ländlichen Verstecke, das Niemand kannte. Sie war todt für Den, dem ihre Seele mit demüthiger Verehrung sich weihete.

Ihr bleiches Gesicht, der wahrhaft schmerzensreiche Zug um die fest eingezogenen Lippen, der Ernst und die traurige Ruhe, mit der sie sich allen Pflichten unterzog, welche nöthig wurden, verriethen, daß nicht blos eitles Träumen, sondern daß tiefes, festgewurzeltes Interesse für den Rath Giseke ihr das ewige Scheiden von der leichten, aber täglich wiederkehrenden Gewohnheit sehr schwer machte.



Viertes Capitel.
Leclaire.

Es war Ball beim General du Marlé. Der Präfect Markland führte seit langer Zeit wieder zum ersten Male seine Gattin Theodora in die Reihen der Tanzenden und sie strahlte vor Glück, als sie von seinen Armen getragen im Saale dahin schwebte.

Das Paar erregte allgemeines Aufsehen und allgemeine Theilnahme. Die sichtliche Zärtlichkeit, womit Dora zu Markland aufblickte, wenn eine Pause eintrat, und das weiche Wohlwollen, welches Markland gegen seine reizende Gattin zeigte, wurde von allen Seiten bemerkt und besprochen. Die Damen waren entzückt von dem vornehmen Wesen, von der Stattlichkeit des Präfecten, die Herren aber zeigten sich begeistert von Dora's Schönheit, welche durch die Thorheiten der Mode auffallend günstig hervorgehoben wurde. Wer hätte ahnen können, daß sich mitten in dieser Begeisterung eine dämonische Leidenschaft entwickelte, die nur wenige Zeit gebrauchte, um vom ersten Keimen bis zur Blüthe zu reifen.

Der Colonel Leclaire hatte schon mit der gepriesenen Königin des Balles getanzt, als einige Worte über Dora's deutsche, stolze Treue sein Ohr erreichten. Ein höhnisches Lächeln umspielte des Franzosen Mund, als er darauf erwiederte, daß die Frauen Deutschlands nur spröder, aber keineswegs treuer, als anderer Nationen Frauen seien. Damit schien die Sache abgethan, denn es erhob keiner der anwesenden Deutschen Widerspruch gegen diese Behauptung.

Leclaire aber verfolgte mit sonderbarem Blicke das junge Ehepaar, das gleich thörichten, sorglosen Vögeln um die lockende Beere gaukelte und sich der Freude hingab, ohne das Netz zu beachten, das sie unrettbar ins Verderben locken konnte.

So lange ausreichend mit der Eroberung eines stolzen, schönen Mädchens beschäftigt, das sich sehr klug Leclaire's Liebe entzog, um eine Bewerbung herbeizuführen, war unglücklicher Weise gerade jetzt eine gewisse Erschlaffung seiner Bewunderung für diese eingetreten und sein wankelmüthiges Herz öffnete sich bereitwillig einem neuen Eindrucke. Da der Colonel nie gelernt hatte, seine Gedanken und Empfindungen von den Gesetzen der Convenienz regeln zu lassen, so gab er dem ersten Impulse nach, der eine Huldigung so vieler Reize, wie Dora an diesem Abend entfaltete, forderte. Die Manier, womit er dies vollführte, war ein Meisterstück von Plumpheit und vollkommen seines frühern Standes würdig.

Frau Theodora konnte sich sonst einer ziemlich großen Gewandtheit und einer schnellen Fassungskraft rühmen, aber bei der gemeinen Liebeserklärung des Colonel, die er frecher Weise ganz öffentlich machte, verlor sie auf einige Momente alle Haltung. Es bedurfte jedoch nur einer kurzen Zeit, so war ihr Schreck überwunden und sie entzog sich auf eine so feine und gehaltene Weise ihrem exaltirten Anbeter, daß sie in der Achtung aller anwesenden Deutschen stieg.

Die Feinheit in Dora's Betragen wäre dem französischen Oberst vielleicht entgangen, denn es gehörte eine größere Kenntniß der deutschen Sprache dazu, als er besaß, um sie zu würdigen. Allein die Schadenfreude Derer, die er über die Treue der deutschen Frauen zu belehren gedacht hatte, machte es ihm bemerklich, daß er mit seiner unbescheidenen Huldigung abgewiesen war. Sein Blick flammte wild auf. Er suchte seine Entschlüsse zu regeln. Die Hölle triumphirte in ihm und als er nach wenigen Minuten seine Augen wieder auf die junge Frau richtete, da sah Jeder, daß er Pläne gefaßt habe, die ihn seines Opfers sicher machten.

Dora selbst fühlte sich bis in's Herz hinein erschüttert von seinem tigerartigen Blick. Allein schon nach den ersten Touren eines neuen Tanzes beschwichtigte sie sich in der Fröhlichkeit ihres Temperaments mit der sichern Voraussetzung, daß sie von einem Freunde ihres Gatten nichts zu fürchten habe.

Sie erzählte dem Präfecten im Laufe des nächsten Tages von diesem kleinen Rencontre und auch jetzt erinnerte sich derselbe der Warnung des Generals du Marlé nicht.

Am Abend war Dora allein. Sie hatte gehört, daß ihr Bruder, der Rath Giseke, von seiner Reise zurückgekehrt sei und daß er sogleich einen sehr heftigen Wortwechsel mit Blanchard gehabt habe. Markland erzählte ihr auf ihr Befragen davon.

Es betraf die Entlassung eines Subalternen. Was interessirte denn die junge, vornehme Madame Markland ein Calculator? Sie lachte über ihres Herrn Bruders bärenhafte Laune und fühlte nicht die mindeste Lust, ihn wiederzusehen, obwohl schon viele Wochen vergangen waren, seitdem der Zwiespalt ihrer geselligen Ansichten zwei Geschwister getrennt hielt, die sich sonst sehr lieb gehabt hatten.

Der Präfect zeigte sich nicht ganz so leichtherzig bei dieser Gelegenheit, wie sonst. Er konnte sich im Grunde seines Herzens nicht ableugnen, daß er durch seine Maßregeln gegen den alten ehrenwerthen Calculator die erste Veranlassung zu dem Abschiedsgesuche Rüdiger's gegeben hatte. Dazu kam nun noch die Unverschämtheit Blanchard's, womit er ihn in ein Gewebe von Lügen zu verstricken suchte. Blanchard hatte nämlich gewagt, dem Rath Giseke gegenüber die Suspension in Abrede zu stellen und zu diesem Zwecke die betreffende Verfügung, welche vom Calculator verächtlich zurückgewiesen worden war, vernichtet.

»Er hat den Abschied gefordert!« bewies er dem Präfecten, der mißmuthig und mit Stirnrunzeln seiner Berichterstattung zuhörte. »Ich werde niemals zugestehen, daß von unserer Seite Schritte zur Absetzung des Rüdiger gethan sind. Der Herr Präfect werden und müssen sogar diese meine Aussage bekräftigen. Rüdiger ist aus der Stadt verschwunden, Niemand weiß, wo er geblieben ist. Das ist gut, sehr gut! Wäre er nicht so klug gewesen, sich aus dem Staube zu machen, nun, so –« Er schwieg mit einem satanisch bedeutungsvollen Blicke und mit einer Geberde, die sehr schlimme Deutungen zuließ.

Genug, der Präfect war weder zufrieden mit sich selbst, noch mit Blanchard, als er sich zu einem Gastmahle bei dem Colonel Leclaire rüstete. Er trug das Bewußtsein mit sich herum, daß er in der allerkürzesten Frist das Darlehen an Blanchard zurückzahlen müsse, wenn es nicht ein Handgeld der Hölle für ihn werden sollte. Unter diesen Gedanken hatte er sein Haus verlassen und Dora war allein.

Ein helles, knisterndes Feuer im Ofen verbreitete die behaglichste Wärme im Zimmer, während der Winter seine Macht ungewöhnlich zeitig entfaltete. Ein Buch in der Hand, lehnte die schöne junge Dame, ohne zu lesen, im Sessel und sah gedankenvoll in die Leere. Wie glücklich, wie unbeschreiblich glücklich war sie, indem sie so da saß und träumte! Die Triumphe der Eitelkeit umwogten und umflatterten ihre Seele, und ließen alles Andere, was die Erde noch an reichen, edlen und schönen Freuden bot, werthlos erscheinen. Die Atmosphäre, worin sie jetzt zu athmen gewohnt war, wirkte berauschend auf sie. Sie war das Gestirn des Tages geworden! Sie war die geliebte Gattin des schönsten und liebenswürdigsten Mannes. Sie war von ihren Freunden geachtet, von den Fremdlingen aus fernen Landen, welche die Heroen der Zeit spielten, bewundert. Alles, was in der Vergangenheit ihres Lebens hinter ihr lag, erschien ihr kleinlich und erbärmlich gegen die feenhafte Pracht ihres jetzigen Daseins. Sie war glücklich, unbeschreiblich glücklich, und eine himmlische Zufriedenheit füllte ihr Inneres.

Der Abend rückte vor und die Nacht begann. Dora wurde schläfrig. Sie wartete bis Mitternacht auf ihren Mann, dann ließ sie sich entkleiden und suchte im Traume das Glück weiter zu spinnen. Die Zukunft lüftete ihrem ahnenden Geiste den verhüllenden Schleier. Sie wußte noch nicht, daß Zukunftsträume am trügerischsten sind.

Mitternacht entwich. Des Thurmes Glocke meldete, daß es drei Uhr sei. Dora schlief. Engelhaft ruhig schien ihr Schlaf. Ein süßes Kindeslächeln ruhete auf den rosigen Lippen. Da endlich öffnete sich die Hausthür und ein unsicherer Männertritt schlich die Treppe hinauf. Es war der Präfect, der vom splendiden Gastmahle des Colonel Leclaire heimkehrte.

Wie sah der Mann aus! War er ein Gespenst seines eigenen Ich's geworden?

Zerbrochen, gelähmt schlich er von einer Stufe zur andern, immer zögernd, als wenn er viel zu früh bei der jugendlichen Gattin eintreffen würde, immer stehen bleibend, als ob er nicht den Muth habe, ihrem freien, unschuldigen Blicke zu begegnen.

Zuletzt war er doch oben. Zuletzt stand er mit keuchender, schwerbelasteter Brust vor dem Lager, worauf sie in engelgleichem Frieden schlief.

Er neigte sein Haupt zu ihrem Haupte hinab.

»Fürchterlich!« murmelte er kaum hörbar. »Aber sie muß es wissen! Morgen habe ich den Muth nicht! Dora!« flüsterte er.

Sie schlug die Augen auf und lächelte lieblich.

»Nachtschwärmer!« sagte sie.

Seine Blicke hingen mit irrem Ausdrucke an ihr.

»Es ist fürchterlich, was ich gethan,« murmelte er noch leiser; »es ist aber noch fürchterlicher, wenn Du es thust!«

Die junge Frau richtete sich schnell auf, warf einen weißen Nachtmantel um sich und sprang aus dem Bette. Markland streckte die Hände nach ihr aus. Sie wendete sich voll Abscheu ab.

»Du hast getrunken, Philibert!« sprach sie tonlos und rang die Hände.

»O, wäre es doch wahr! Wäre es nur ein Rausch!« rief er, zitternd die Hände vor's Gesicht drückend. »Ich bin nicht trunken, Dora; ich bin nur wahnsinnig vor Reue!«

Vorsichtig und mißtrauisch prüfte sie seine Bewegungen; dann näherte sie sich ihm zaghaft.

»Sage mir, was Du gethan, Philibert,« bat sie leise. »Hast Du wieder hoch gespielt?«

»Ja! Ja! Sehr hoch! Um mein Glück! Um meine Ehre!« bebte es von feinen Lippen.

»Wie hoch beläuft sich Deine Schuld, armer Mann?« fragte sie beherzter.

»Sie ist unbezahlbar!«

»Wem schuldest Du sie?«

»Dem Colonel, dem verruchten Leclaire! O, wie er mich hetzte! Ich war sein Opfer! Der General warnte mich! O, wie er mich vorwärts trieb, immer sein Ziel vor Augen!«

»Der General du Marlé warnte Dich? Warum achtetest Du seiner Warnung nicht?« fragte sie strafend. »Wenn du Marlé Dich zu warnen für nothwendig hielt, so war es sicherlich die höchste Zeit!«

»Leclaire's Hohn hetzte mich vorwärts! Ich konnte sein höllisches Vorhaben nicht ahnen!«

»Und Du verlorest Alles, Philibert, Alles?« fragte sie traurig.

»Alles! Meinen Credit, meine Ehre, mein Glück!«

Sie trat an ihn heran, strich mit ihrer weichen Hand über seine Stirn und sagte beschwichtigend: »Schlafe nur erst! Im Grauen der Nacht ist Alles düsterer. Morgen beim frischen Sonnenlichte sollst Du mir Deine ganze Noth klagen, dann wollen wir überlegen!«

Er sah sie entsetzt an.

»Dora,« stöhnte er. »Hätte Leclaire Recht? Du könntest – Du könntest – überlegen? Laß uns doch lieber zusammen sterben!«

»Darum noch nicht!« erwiederte sie sorglos.

Markland aber warf sich nieder zu ihren Füßen. Sein bleiches Gesicht zeigte einen wahrhaft erschütternden Ausdruck.

»Gott im Himmel, wo hatte ich denn meine Sinne! Er trieb mich! Er trieb mich! Ich hatte Alles verloren. Ich hatte rund herum geborgt; ich hatte nichts mehr, gar nichts mehr. Keine Uhr, keinen Ring; er hetzte mich, wie man ein Wild hetzt, um es zu tödten. Alles, was ich an ihn verloren, warf er auf einen Haufen und schrie mir zu: Dies gegen Ihre Frau!«

Dora's Augen wurden starr; ihre kleinen Hände ballten sich krampfhaft, ihre Zähne bissen sich gewaltsam aufeinander.

»Und Du spieltest fort?« drang es kaum hörbar zwischen den Lippen hervor.

»Er hetzte mich zum Tode!« klang es matt aus Markland's Munde. »Ich wollte fort! ›Mein Glück sei ja sicher,‹ schrie er mir zu. ›Ich würde Alles wiedergewinnen.‹ Ich sah ihn fragend an. Ich glaubte, sein Herz rühre sich. Der General warnte – ich verlor

Nicht ein Laut unterbrach die entsetzliche Stille, die jetzt eintrat.

Von Dora's eiskalten Wangen rollten eiskalte Thränen.

»Nur acht Tage –« flüsterte dann Markland geisterhaft leise. »Du würdest ihn gern mit mir vertauschen! – Laß uns sterben, Dora!«

»Meine Verachtung wird ihn für seine schändlichen Worte strafen!« war die Antwort der jungen Frau, die sich schaudernd in ihren leichten Mantel wickelte.

»Und dann ist Dein und mein Verderben gewiß! Der General sagte mir selbst, daß uns nicht zu helfen wäre –«

»Wer kann mich zwingen!« rief Dora stammend vor Zorn.

»Laß uns sterben!« bat Markland mit der Mutlosigkeit des bösen Gewissens.

»Nein! Mein Leben ist mir zu lieb, um mich Deiner unsinnigen Spielwuth und der abscheulichen Intrigue zu opfern.«

»Der General meinte, daß ich Dich weder durch Geld noch durch Gesetze schützen könne.«

»Das wäre! Wir sind in Deutschland! Du kannst mir freilich keinen Schutz versprechen, denn Dein Ehrenwort gebietet. Ich werde mich selbst schützen! Sei ganz ruhig! Ich werde Dir keinen Vorwurf machen. Sieh zu, wie Du mit Deinem Gewissen fertig wirst!«

Dora erhob sich. O, wie ihr Herz klopfte, wie ihr Gesicht glühete, nachdem der Schmerz den starren Hauch des Entsetzens von ihrem Innern geschmolzen hatte. Ihr war zu Muthe, als hätte sie im Uebermuthe ihres gepriesenen Glückes Phantome heraufbeschworen, die sich in Nichts auflösen müßten, wenn sie nur muthig genug sei, denselben ins Antlitz zu schauen. Ihre Angst trieb sie hinweg von Dem, welchem sie mit Vertrauen das Wohl ihrer Jugend übergeben hatte. Sie floh vor dem Geliebten, der sie einer Entehrung überantwortet hatte, indem er ihren Besitz einem andern Manne verpfändete. Es war gewiß das furchtbarste Erwachen, das sich ein sterbliches Wesen nach solchen befriedigenden Phantasiebildern denken kann, wie sie sich noch vor wenigen Stunden entworfen hatte. Sie floh in ihr Zimmer, um allein zu sein, um den Jammer ihrer Brust austoben lassen zu können. Sie floh die Gemeinschaft mit Dem, welcher sie verrathen und verkauft hatte!

Der Morgen tagte, als sie sich todtmatt aufraffte aus ihrem verzweiflungsvollen Grame. Sie war unter dem convulsivischen Ringen ihrer Seele inne geworden, daß sie zu Gott, dem Erbarmer flüchten müsse, wenn sie nicht eine Beute der gehässigsten Empfindungen werden wollte. Wie Gott, der Erbarmer, dem Fehlenden vergeben sollte, so wollte sie ihrem Gatten Vergebung angedeihen lassen, wenn er den Weg des Verderbens auf der Stelle zu verlassen gelobte. Erhoben von dieser Idee, erfüllt von gnadenreicher Liebe, hingegeben der himmlischen Milde, wie verzeihende Zärtlichkeit sie verleiht, trat sie leise ein in das Schlafgemach. Sie glaubte einen trostlosen, reuigen Sünder Ruhe in's Herz gießen zu müssen, ein zermalmendes Gefühl der Empörung durchfuhr aber ihre Brust, als sie den Gatten bequem auf seinem Bette hingestreckt, schlafend fand.

»Er schläft!« flüsterte sie mit herzzerreißendem Ausdrucke. »Er schläft! Er kann schlafen – er kann schlafen!«

Ihre Kraft brach einige Minuten lang zusammen. Dann warf sie sich vor Gottes Angesicht zu Boden und betete: »Hilf mir, denn ich stehe allein und verlassen in dem wüsten Welttreiben! Erleuchte meinen Geist, damit ich das Rechte wähle, was mich retten kann!«



Fünftes Capitel.
Rath Giseke.

Der Morgen war langsam aus den trüben Winternebeln hervorgetreten, welche den Horizont umlagerten. Die Sonne stieg herauf. Leichte, flüchtige Schleier von Nebeln umflogen sie noch, aber sie durchbrach siegreich das Gewölk und hob sich auf schimmernden Wölkchen höher und immer höher, bis sie die öden, früh winterlich gewordenen Fluren beleuchtete. Der Rath Giseke stand am Fenster. Sein Blick haftete nicht an den Morgensonnenstrahlen, sondern an den Fenstern ihm gegenüber, die ihrer Zierde beraubt waren.

Seit zwei Tagen war er von seiner Reise zurück. Das Geschick seines Vaterlandes hatte ihn zu dieser Reise vermocht und er kam, von einer dumpf und drohend umherschleichenden Nachricht neu beseelt und belebt, in der Heimath an, die seit der Eroberungswuth des französischen Kaisers nicht mehr sein Vaterland war. Ein langsam fortschreitendes Gerücht sprach von fürchterlichen Erfahrungen, die Napoleon Bonaparte in Rußland gemacht habe. Zwar wurde officiell dem widersprochen, allein der Muth der bedrängten Völker entzündete sich daran. Wenn Gott nicht mehr mit Dem war, der sie mit gewaltiger Macht bedrückte, so mußte sein eiserner Wille ja zu brechen sein!

Ganz voll von seinen Hoffnungen traf Giseke wieder ein in seinem Quartiere. Allein, so leid es uns thut, an des Calculators hübsches Töchterchen dachte er durchaus nicht, als er sich behaglich in sein Haushabit steckte und die Wärme des Ofens durch einige derbe Stücke Holz zu erhöhen trachtete. Es ist der Wahrheit gemäß, wenn wir gestehen, daß Männer von so ernstem, hochstrebenden Wesen, wie der Rath Giseke, sich selten mit eitlen Träumereien von schönen Frauen die Zeit verderben lassen. Trotzdem er nicht älter als sechsunddreißig Jahre war, trotzdem er mit poetischer Schwärmerei die Schönheit und echte demüthige Weiblichkeit Mariens anerkannte, so haftete dies holde Bild doch nicht so fest in ihm, daß er hätte sogleich daran denken sollen, es mit seinen Blicken zu begrüßen.

Erst späterhin, der Abend lag schon in den schmalen Gassen verbreitet, und seines Wirthes Magd, die seine Aufwartung mit besorgte, machte Anstalt, sein Zimmer zu erhellen; erst da trat er zufällig an's Fenster und sah, wie öde es drüben aussah.

Es schien, als hätte die Magd nur auf diesen Blick gewartet, um sogleich mit ihrer Nachricht herauszuplatzen. Sie erzählte ihm unaufgefordert, daß der Calculator Rüdiger abgesetzt sei und mit seiner Tochter sofort die Stadt verlassen habe.

Wie vom Donner gerührt, stand Giseke da und hörte der Erzählung, die an vielen phantastischen Ausschmückungen litt, zu.

»Wohin ist der Calculator gegangen?« fragte er endlich mit beklemmtem Athem.

Die Magd zwinkerte listig mit den Augen, als sie antwortete, daß dies kein Mensch wisse.

»Man wird doch wissen, wo Rüdiger geblieben ist?« wiederholte der Rath ungeduldig.

Nun gestand die Magd mit wichtiger Umständlichkeit zu, daß sie es freilich ahne, wo er geblieben sein könne, denn sie sei aus dem Dorfe Berau, dicht hinter dem alten Kloster gebürtig, und davon wisse sie, daß Rüdiger ein sehr nettes Bleicherhaus von seiner alten Muhme geerbt habe. Dorthin sei er gewiß gezogen, denn das Häuschen stehe gerade leer.

»Mitten im Winter?« warf der Rath ungläubig ein. »Am Strome, in der öden Bleiche? das ist kaum denkbar!«

Die Magd zählte aber verschiedene Gründe auf, die es glaubhaft machten, daß der starrsinnige Calculator sich selbst in diese Einöde verbannt hatte, und schließlich gestand sie zu, von Marien auf ihr Befragen davon unterrichtet zu sein, natürlich nur unter dem Siegel der allergrößten Verschwiegenheit, da der alte Herr jede Auslassung darüber verboten habe.

Was in Folge der Entlassung des bewährten Beamten am folgenden Tage im Gerichtslocale für ein Auftritt stattgefunden, das haben wir schon vorhin angedeutet. Blanchard wurde vom Rathe zur Rede gestellt, und Blanchard war so frech, alle anderen Schritte abzuleugnen und nur das Entlassungsgesuch des Calculators vorzuzeigen. Er glaubte damit die Sache vollständig abgemacht zu haben, denn er kannte das Interesse nicht, was der steife Rüdiger dem ernsten Vorgesetzten einflößte.

Der Rath Giseke überlegte am Morgen des eben erwähnten Tages, ob es nicht zweckmäßig wäre, einmal den Weg nach der Bleiche, einem wohlbekannten und im Sommer sehr beliebten Spaziergange der Stadtbewohner, zu unternehmen. Sein Auge erglühete dabei von einem inneren Feuer, obwohl er sich vorredete, nur der innerlichen Gerechtigkeitsliebe nachzugeben, die eine persönliche Nachfrage heischte.

Die Abdankung des Calculators mußte auf besonderen Gründen beruhen. So, wie Blanchard die Sachlage vorstellte, verhielt sie sich sicherlich nicht. Sein Wunsch, nach der Bleiche hinauszuwallfahrten, wurde immer lebendiger, und je glänzender die ersten Sonnenstrahlen aus dem Nebel hervorbrachen, desto fester wurde sein Entschluß.

Seine Stimmung hob sich von behaglicher Ruhe bis zu einer leidenschaftlichen Erregtheit, während er sich das Wiedersehen ausmalte, dem er dadurch entgegenging, und er überließ sich eben den schönsten, jünglingshaften Träumereien, als sich die Thür hinter ihm ganz leise öffnete, als ein kaum merkbares Geräusch sein Ohr traf und er sich plötzlich von zwei Frauenarmen fest umschlungen fühlte.

»Dora!« rief er verwundert.

»Rette mich, Ludwig! Rette mich!« flüsterte die junge Frau mit gebrochener Stimme. Thränen verhinderten sie weiter zu reden, und sie barg ihre Stirn am Herzen des Bruders.

»Was ist wieder geschehen?« fragte Giseke streng und mit drohend bewölkter Stirn. »In welche Gefahren hat Dich Dein Leichtsinn endlich gebracht, daß Du mich zur Rettung auffordern mußt?«

Jetzt erst, bei diesen an die Vergangenheit mahnenden Worte, gedachte Dora einer strafenden Vergeltung.

»Ja, Ludwig, Du magst Recht haben, mein Leichtsinn soll bestraft werden, der Treubruch gegen meinen frühern Verlobten soll gebüßt werden. O, Gott ist gerechter und unerbittlicher, als ich dachte. Er, um den ich Deine Achtung und Deine brüderliche Liebe verscherzte, er hat mich verkauft, verspielt –«

Schluchzen unterdrückte die weitere Mittheilung.

Giseke blickte starr in ihr verweintes, bleiches Gesicht. Er faßte es nicht, was sie sprach. Und, da er ihre phantastische Aufgeregtheit kannte, so glaubte er ihr auch nicht.

»Beruhige Dich erst,« sagte er mit kühler Gelassenheit. »Daß etwas Besonderes Dich so früh aus Deinem glänzenden Hause zu dem Bruder führen muß, der Dir durch seine Wahrheitsliebe verhaßt geworden ist, davon bin ich im Voraus überzeugt, allein extravagante Ausrufungen, wie Du eben gebrauchtest, müssen erst in Ruhe von Dir erläutert werden, wenn ich sie verstehen und begreifen soll. Also werde erst ruhig, Theodora!«

Die junge Frau kannte ihren Bruder gut genug, um zu wissen, daß jede theatralische Phrase vermieden werden müßte, wenn er ihren Worten Vertrauen schenken sollte. Sie unterdrückte daher den Pathos, welcher leidenschaftliche Empfindungen zu begleiten pflegt, und sprach einfach:

»Markland hat gestern Abend sein ganzes Hab und Gut verspielt und sich vom Wahnsinn blenden lassen, auch mich als Preis auf die letzte Karte zu setzen!«

Giseke sah sie aufmerksam an.

»Dora, Du träumst wohl!« sprach er ungläubig.

»Ich träume nicht. Ich bin auch nicht sinnverwirrt. Ich spreche mit vollem Bewußtsein!«

»Dich als eine Waare, als ein Werthstück, als einen leblosen oder doch willenlosen Gegenstand auf's Spiel gesetzt?« fragte er noch immer zweifelnd.

Die junge Dame neigte nur stumm den Kopf.

»Wie kann Dich das aber beunruhigen?« sprach er dann nichtachtend. »Markland wird doch wissen, daß Dein Wille hier entscheiden muß.«

»Er hat meine Ehre mit verspielt,« entgegnete seine Schwester, ihre fürchterliche Aufregung bei seiner verächtlichen Kälte kaum bemeisternd. »Mein Besitz auf acht Tage soll den entsetzlichen Colonel Leclaire befriedigen.«

Eine tiefe Gluth des Zornes schlug blitzschnell über Giseke's Gesicht.

»Abscheulich!« rief er mit dem Fuße stampfend. »Dahin führte also endlich Euer verruchtes Leben zwischen den französischen Parvenus! Gut so! Ihr werdet untergehen mit ihnen, wenn Gottes strafende Gerechtigkeit sie zu vertilgen trachtet. Dahin also seid Ihr schon gekommen. Dahin, wo die scheusliche Gemeinheit anfängt!«

Theodora senkte ihr Haupt unter, dieser übertriebenen Anklage, sie beugte sich unter den Vorwürfen ihres Bruders, weil er sie streng und offen gewarnt hatte, als es Zeit war.

Eine lange, drückende Pause trat ein. Die junge Frau, bis zur Verzweiflung getrieben durch die leichtsinnige Gleichgültigkeit ihres Gatten, bis in's Herz hinein empört von seiner Frivolität, fühlte, trotz der Härte ihres Bruders, daß sie hier geborgen und gesichert war. Weiter verlangte sie nichts. Mochte Ludwig sie tadeln, mochte er seinem Zorne Worte geben, so viel er wollte, seines Schutzes war sie sicher. Sein Charakter bürgte ihr. Schwäche kannte er nicht. Gerechtigkeit war sein Lebenselement. Und sie wußte sich ganz unschuldig an dem hereingebrochenen Unglücke.

Während ihr Gemüth im Vertrauen erstarkte, löste sich ihres Bruders grimmiger Zorn. Er blickte verstohlen auf dies bleiche, reizende Weib, das sich unter seinen Schutz flüchtete, als ihr Gatte sich ihrer Liebe unwürdig zeigte. Sein Herz wurde weich.

»Dora,« sagte er leise. Sie hob mit einem Engelslächeln das Auge zu ihm auf. »Hast Du denn nicht gefürchtet, daß ich Dich von meiner Schwelle weisen würde, weil ich Grund hatte, Dich aus meinem Herzen zu bannen?«

»Nein, Ludwig!« sagte sie treuherzig. »Ich wußte, daß Du Deine Dora nicht im Elende der moralischen Entwürdigung umkommen lassen würdest. Dein Bild trat vor meine Seele, als ich vor Gott niedersank und ihn um Erleuchtung anflehte.

Ludwig zog sie heftig an sich.

»Erzähle mir Alles, Dora. War Dein Leben rein vor Gott? Hast Du Deine Ehre streng bewahrt?«

Sie sah ihm fest und ernst in's Auge.

»Du hältst mich für leichtsinniger, als ich bin, mein Bruder. Ich liebte meinen Gatten! Weil ich einstmals einem Manne ungetreu geworden, so glaubst Du nicht an meine Seelenreinheit! Würde ich aber zu Dir geflüchtet sein in der Angst meines Herzens? Würde ich Schutz gesucht haben gegen die Entwürdigung, die selbst im kleinsten Verdachte für mich liegt?«

Die männliche Kaltblütigkeit, die Giseke so vortheilhaft auszeichnete, kehrte nach und nach unter den Worten seiner Schwester zurück. Er gewann die nöthige Ruhe zur richtigen Beurtheilung und indem er sie zur Enthüllung aller der Umstände veranlaßte, die ihm ein Bild ihres Lebens während der letzten Zeit aufstellten, kam er zu der Ueberzeugung, daß die junge Frau ganz richtig, von ihrem Instincte geleitet, eine Entfernung aus der Nähe ihres Gatten, als das sicherste Mittel ihren Ruf zu sichern, erkannt hatte. Damit war sie in den Augen des Publikums freigesprochen von jeder Betheiligung an dem elenden Treiben einer geselligen Verbindung, welche dem reinen Sinne widerstrebt. Aber damit war sie der Gefahr einer brutalen Verfolgung von Seiten Leclaire's durchaus nicht entgangen. Man war gewohnt, in allen Stücken nach dem Wahlspruche des Kaisers Napoleon zu handeln, welcher glaubte: »Le droit du plus fort est toujours le meiller.«

»Die Macht, Dich zu verderben, liebe Dora, liegt in Leclaire's Hand. Er wird Männer zu finden wissen, die das Recht des Stärkern vertreten wollen,« sprach der Rath, nachdem er Alles gehört, Alles begriffen und erwogen hatte.

»Du meinst, ich wäre nicht sicher bei Dir, Ludwig?« fragte die junge Dame erschrocken. »Worin liegen die Gefahren, die ich zu fürchten hätte?«

»In der List, in der Dreistigkeit und in der brutalen Willkür, Dora! Wer könnte sich in jetziger Zeit wohl einer rohen Gewaltthätigkeit widersetzen!«

»So entziehe mich mindestens der rohen Willkür,« bat Dora mit fliegendem Athem. »Verbirg mich, bis sich Leclaire's Wuth gelegt hat. Laß mich bei Dir bleiben unter dem Schleier des Geheimnisses.«

Giseke lächelte mitleidig.

»Um, binnen zwei Tagen zu erleben, daß Deine Flucht zu mir ein öffentliches Geheimniß ist?«

»Würde Dein Wirth nicht schweigen, wenn Du ihn in's Vertrauen zögest?«

Giseke schüttelte abwehrend den Kopf.

»Es giebt jetzt nur noch wenige Menschen, denen Treue und Glauben zu schenken ist. Sie erliegen entweder der Furcht vor den Franzosen oder ihrer Bestechung.«

Sein Blick traf in diesem Momente die Fenster gegenüber, wo sonst Mariens Blumen, ihr Vogel im Käfige und sie selbst seine Phantasie so angenehm beschäftigten.

»Einen weiß ich,« sprach er träumerisch, »ja, einen Einzigen kenne ich, der glaubenfest, wie ein Fels im Meere, der verschwiegen, wie das Grab ist!«

Ein Plan dämmerte in ihm auf. Wie in plötzlicher Eingebung fragte er sich selbst unterbrechend:

»Weiß irgend Jemand, daß Du hier bist?«

»Nein. Ich bin in der Morgendämmerung aus dem Hause geschlichen. Meine Dienstboten schliefen noch. Es hat mich Niemand weggehen sehen und Markland wird vor Bestürzung außer sich sein, wenn er mein Verschwinden bemerkt.«

»Gut, gut! Begegnet ist Dir auch kein Mensch, nicht wahr? Die Straßen pflegen um diese Zeit noch menschenleer zu sein.«

»Doch. Einer ist mir begegnet, vor dem mir stets grauet, Blanchard. Aber er erkannte mich nicht. Mein Schleier war zu dicht und mein Anzug verhüllte mich. Er mochte mich für eine Krankenwärterin halten, denn er rief mir über die Straße hinweg zu, daß er mir wohl zu schlafen wünsche, nachdem ich die Nacht gewacht hätte!«

Giseke biß heftig die kippen zusammen. Er verstand die Zweideutigkeit des Zurufs besser, als die unschuldige junge Frau.

»Wenn Blanchard Dich gesehen hat, so ist Eile noth!« antwortete er sehr hastig. »Aber wie bewerkstelligen wir meinen Plan?«

»Was willst Du thun, Ludwig?« forschte Dora ängstlich.

»Dich fortschaffen aus der Stadt.«

»Wohin denn? Wohin? Ludwig, bedenke, was Du beschließest! Hast Du vor, mich zu meiner Schwester zu schicken? O, nur das nicht! Welch' eine Demüthigung für mich, nachdem ich trotz ihrer Vorstellungen meinen Gatten gewählt, als Flüchtling vor ihr zu erscheinen!«

»Freilich am besten wäre es, Du gingest zur Schwester nach Danzig, allein für jetzt geht das nicht. Du mußt ohne Aufsehen die Stadt verlassen und zwar unverzüglich, bevor Recherchen angestellt werden. Hätte ich nur eine Verkleidung für Dich – warte 'mal!«

Mit der Hast und dem Eifer eines Jünglings verließ Giseke das Zimmer und stieg eine Treppe höher, wo einige Giebelkammern waren, in denen die Dienstleute seines Hauswirthes schliefen. Diese Kammern standen immer offen und die Kleidungsstücke der Magd, die aus dem Dorfe Berau gebürtig war, hingen wohlgeordnet auf einigen Haken an der Wand entlang. Es bedurfte somit nur einiger kühnen Griffe, um sich in den Besitz eines vollständigen Bäuerinnenanzuges zu setzen.

Giseke zögerte nicht einen Augenblick, um das Wagestück zu unternehmen, das ihn in die unangenehme Lage bringen konnte, eines Diebstahls verdächtig zu werden. Im Nu hatte er sein Werk vollführt. Alles was nöthig war, selbst das große verhüllende Kopftuch, das die Berauer Bäuerinnen eigenthümlich tief über das Gesicht zu ziehen pflegten, selbst dies so sehr nothwendige Kopftuch fehlte nicht. Athemlos trat er wieder zu seiner Schwester ein und warf die Kleidungsstücke über einen Stuhl. Dora errieth sogleich, was er damit sagen wollte und begann unverweilt ihre Verkleidung.

»Wirst Du allein fertig werden können?« fragte der junge Mann zaghaft: »Man muß nicht bemerken, daß eine ungeübte Hand den Anzug geordnet hat.«

»Sei unbesorgt,« tröstete ihn Dora, nahm die Sachen und begab sich in das Nebenzimmer.

Während Dora sich umzog, bereitete Giseke das vor, was noch nöthig war. Er schrieb an den Calculator Rüdiger und zwar nur die wenigen Worte:

»Wollen Sie die Güte haben und der Überbringerin ein Obdach geben? Sie wird Ihnen selbst sagen, welche Verhältnisse mich zu dieser Bitte zwingen.«

Ohne Adresse und ohne Unterschrift (seine Hand war dem alten Gerichtsbeamten bekannt, das wußte er), schlug er das beschriebene Blatt zusammen, nahm eine Rolle mit Geld aus dem Schreibschranke und legte Beides zur Hand. Dann richtete er seiner Schwester aus seinem noch unberührt dastehenden Frühstücke einen kleinen Imbiß zu und er war eben mit seinen Vorbereitungen fertig, als sich die Thür des Nebenzimmers wieder öffnete. Dora trat ein. Nur einem ganz vertrauten Auge kenntlich, konnte sie sich dreist in dieser Kleidung auf den Weg machen, der durchaus eingeschlagen werden mußte. Giseke war vollkommen zufrieden.

»Nun höre, was weiter geschehen muß,« sagte er eilig. »Hier diesen Zettel verbirg so sicher, wie Du nur kannst. Du giebst ihn nur dem Calculator Rüdiger ab.«

Dora fuhr sichtlich zusammen bei der Nennung dieses Namens. Er stand in Verbindung mit dem letzten, traumhaft glücklich verbrachten Tage in dem Hause ihres Gatten, sie erinnerte sich daran, mit welcher Gleichgültigkeit sie seine Verabschiedung vernommen hatte.

»Dann übergebe ich Dir vorläufig dies Geld zu Deinem Lebensunterhalte. Dem Calculator erzählst Du wahrheitsgemäß Deine Erfahrungen und bittest ihn nochmals in meinem Namen um Schutz. Ich selbst werde, in der Entfernung von zwanzig Schritten, Dir folgen, bis ich Dich sicher weiß. Der Calculator wohnt in Berau, unterhalb des Dorfes am Ufer des Stromes in einem der letzten Bleicherhäuser. Du kennst den Weg dahin, also geh' mit Gott. Tritt muthig Deinen Weg an. Fürchte nichts. Ich bin hinter Dir und sogleich zu Deinem Schutze bereit, wenn irgend etwas Deinen Weg kreuzen sollte. Bist Du einverstanden mit meinem Plane, liebe Dora?« fragte er lebhaft bewegt, indem er seinen Arm um ihre Schultern legte.

»Ganz einverstanden, bester Bruder,« flüsterte sie mit Thränen im Auge, »aber sehr, sehr bange ist mir um's Herz. Wenn mich Rüdiger nun abweiset? Ich bin des Präfecten Markland's Frau.«

»Aber auch meine Schwester!« fiel Ludwig ein. »Ich fürchte nichts dergleichen von Rüdiger, obgleich er notorisch ein Starrkopf ist. Sollte dies jedoch unerwarteter Weise eintreten, so laß mir durch irgend Jemand sagen ›ich möchte selbst kommen.‹ Den Anzug mußt Du mir unverzüglich zurücksenden. Marie Rüdiger ist von derselben Größe, wie Du. Sie wird Dir gewiß mit ihren Kleidern aushelfen, bis ich weiter für Deine Garderobe sorgen kann. Was Du jetzt abgelegt hast, kannst Du als Bündel am Arm mit hinausnehmen.«

»Marie Rüdiger?« fragte Dora freudig. »Der alte Herr hat also eine Tochter? O, nun ist mir nicht mehr bange. Die Tochter wird meine Fürsprecherin sein.«

»Glaub' das nicht,« sagte Giseke mit einem schwermüthigen Lächeln. »Marie ist die stumme Sclavin ihres Herrn Vaters. Sie hat den Muth nicht, seinen Befehlen nur ein Wort entgegenzustellen. Grüße das Mädchen von mir. Ich habe sie dort drüben am Fenster heranwachsen und aufblühen sehen.«

»Wann sehe ich Dich draußen, Ludwig?« sprach die junge Frau, als Giseke jetzt seinen Pelz überwarf und Hut nebst Stock ergriff.

»Sobald ich merke, daß man Deine Fährte verloren hat, komme ich. Ist meine Vermittlung nöthig, so bin ich heute Abend bei Dir.«

»Ludwig – und mein armer Philibert?« fragte sie ganz leise.

»Nun?« erwiederte der junge Mann streng und herbe.

»Willst Du ihm keine Nachricht von mir zukommen lassen?«

»Nein! Er mag tragen, was ihm seine Gewissensangst aufbürdet. Ich habe nicht geglaubt, daß ich dies bei meinen Hülfsleistungen zur Bedingung machen müßte.«

»Sein Schmerz wird ihn der Verzweiflung zuführen, Ludwig.«

»Mag er darin untergehen! Er verdient dann sein Schicksal!« sprach er hart.

»Ludwig, ich liebe meinen Philibert!«

»Und er liebt Dich nicht, sonst würde er nicht Dich, die Perle seines Lebens, vor die Säue geworfen haben. Du hast die Wahl, Dora. Entweder Rettung durch mich, oder Untergang durch Markland. Wähle. Noch ist es Zeit!«

Die junge Frau faltete stumm ihre Hände und blickte vor sich nieder.

»Soll ich Dir den Namen Leclaire zurufen, um Deinen Entschluß zu fördern?« fragte ihr Bruder etwas sanfter.

»Auf ewig scheiden, Ludwig? Auf ewig? Bei Gott, ich kann es nicht!«

»Ich beschränke Deinen Willen durchaus nicht, Dora. Willst du später wieder neben dem Manne leben, der Dich einer moralischen Erniedrigung aussetzte, so magst Du es thun. Für jetzt aber mußt Du todt für ihn sein und bleiben, bis Leclaire die Stadt verlassen hat. Nun? Die Zeit verrinnt. Wenn wir unbemerkt die Stadt verlassen wollen, so müssen wir eilen.«

Dora schlang ihre Arme um des Bruders Hals und drückte die Stirn heftig weinend an seine Brust.

»O, wenn er aber trostlos ist, wenn – Ludwig, Philibert liebt mich, trotz seines frevelhaften Leichtsinnes – wenn er verzweifeln will, dann, nur dann, mein Bruder, flüstere ihm die Hoffnung zu, daß wir uns wiedersehen würden. Willst Du, Ludwig?«

»Ja!« sprach Giseke erweicht. »Ja, Du schwaches Weiberherz, das in den Fesseln eines Unwürdigen schmachtet! Nun fort, fort! Ich gehe die Treppe hinab, um zu recognosciren. Käme uns die Annemarie entgegen und sähe ihr Zeug an Deinem Leibe, sie würde zur Tigerin. Also vorsichtig!«

Ungehindert passirte das Geschwisterpaar die Treppe und verließ eins nach dem andern das Haus. Innerlich bebend vor Angst und doch mit festen, kecken Schritten ging Dora als Bauerdirne die Straße hinab, nachlässig ihr Bündel am Arme, das Kopftuch mehr noch, als es Bauernmode war, über die Stirn hinweggezogen. Kein Mensch begegnete ihr. Der Tag war noch nicht so weit vorgeschritten, wo der Geschäftsverkehr sich entfaltete. Sie erreichte ungefährdet das Thor. Ihr Muth wuchs. Sie warf einen Blick hinter sich, um ihrem Bruder ihre Freude über das Gelingen ihres Werkes auszudrücken, und ein namenloser Schrecken erfaßte sie. Dicht hinter ihr ging Blanchard, das böse Princip ihres Gatten, der Spion aller Franzosen!

Die Gefühle, welche diesem ersten Schrecken folgten, sind eigentlich nicht zu beschreiben. Wie in einem quälenden Traume, gejagt von bösen Geistern, unfähig gemacht ihnen zu entrinnen, und doch vorwärts strebend, als sei das Heil in der Flucht zu finden, von wahnsinniger Furcht getrieben und dabei durch Angst gefesselt, jeden Augenblick gewärtig, die hemmende Hand des Verfolgers zu fühlen und das gewichtige halte-là, zu hören, es war wahrlich zum wahnsinnig werden.

Mechanisch setzte Theodore ihren Weg fort, kaum wissend, was sie that, und das rettete sie. Hätte Blanchard gewußt, was er erst eine halbe Stunde später erfuhr, so würde er in dieser Weibergestalt, die unsicher und schwankend vor ihm herschritt, Diejenige vermuthet haben, die man suchte. Wäre sie stehen geblieben im Uebermaße des Schreckens, so hätte sein Spürblick sogar ohne dies Wissen etwas Absonderliches geahnt. Dora aber überschritt die Brücke, welche über den Strom führte, und wendete sich, mit Aufbietung aller ihrer Kräfte, rasch nach der linken Seite, wo sich ein schmaler Weg durch Gestrüpp von Weiden am Strome entlang zog.

Die Männertritte hinter ihr hörten auf; Blanchard hatte sich in dem Gange verloren, der nach dem Einnehmerhäuschen führte. Seine eigenen habsüchtigen Pläne waren also die Veranlassung zu diesem frühen Spaziergange gewesen.

Gleich darauf tönte ihres Bruders Stimme in ihr Ohr:

»Arme Dora. Das war ein unglücklicher Zufall. Bist Du fähig, weiter zu gehen?«

»Ja,« flüsterte sie immer fortschreitend.

»Nimm Dich in Acht. Es könnte ein schlaues Manöver von ihm sein.«

Eiliger noch, als in den Ringmauern der Stadt, schritt sie dahin. Sie kannte den Weg nach der Bleiche und sie wußte, daß er in dieser Jahreszeit von den Städtern nie betreten wurde. Die Bewohner der Bleicherhäuser verließen ihre Wohnungen jetzt auch nur im höchsten Nothfalle. Es waren meistentheils Leineweber, die sich hinter ihren Ofen und hinter ihren Webestuhl verschanzten, die wenig Bedürfnisse hatten, nichts einkaufen und nichts verkaufen konnten, also für die Winterzeit eigentlich begraben lagen in ihrer Einöde.

Giseke kannte ebenso gut, wie seine Schwester, die Eigenthümlichkeiten dieses schmalen Landstriches, der sich vermöge seiner Lage zu nichts eignete als zu dem Gewerbe, das seine Bewohner betrieben. Er hielt sich wieder fern von der Schwester für den möglichen Fall, daß Blanchard ihnen auflauern könnte; aber als er die Höhe des Hügels erreicht hatte, auf dem die Ruinen eines Klosters von der Zerstörungslust der ersten französischen Heere erzählten, die im Anfange des Jahrhunderts Deutschland überschwemmt hatten, da blieb er stehen, weil er von hier aus den Weg bis zu der Bleiche vollständig übersehen konnte.

Dora flog mehr, als sie ging, auf dem kaum sichtbaren Wiesenpfade entlang. Gefahren fürchtete sie nun nicht mehr. Die stürmischen Wallungen des Schreckens hatten sich ganz gelegt, und nur ihre Rettung vor den Verfolgungen Desjenigen berücksichtigend, der noch vor wenigen Tagen huldigend zu ihren Füßen gelegen, lenkte sie muthig ihre Schritte dem Asyle zu, das ihr Sicherheit versprach. Sie blickte nicht um sich. Sie bemerkte nicht, wie gespenstisch-traurig die Gegend weit umher war, wie einsam, wie verödet! Immer eiliger, immer beflügelter wurde ihr Gang, und sie erreichte die Bleiche in der allerkürzesten Frist.

Beim ersten Hause stand sie still und sah zurück. Ihr scharfes Auge entdeckte dort oben an den Klosterruinen die Gestalt ihres Bruders. Sie nahm ein Tuch aus dem Bündel und schwenkte es triumphirend in der Luft. Ludwig antwortete durch ein gleiches Manöver. Dann ging sie weiter.



Sechstes Capitel.
Marie.

Das Haus, welches der Calculator Rüdiger vor einer Reihe von Jahren geerbt hatte, war eins der hübschesten auf der Bleicherei, womit aber keineswegs gesagt sein soll, daß es einem Palaste oder auch nur einer Villa ähnlich gewesen wäre. Es war eine Hütte nach großstädtischen Begriffen, die eine Hausthür in der Mitte und zu jeder Seite zwei Fenster aufwies. Die Wohnzimmer lagen zu ebener Erde mit der Aussicht auf die zum Bleichen benutzten Wiesen, welche von dem wogenden Strome begrenzt wurden. Die Schlafkammern befanden sich oben auf dem Boden in einem Giebelausbau. Küche und Holzstall bildeten den hintern Raum des Häuschens. Aber das Haus sah gut aus. Es lag auf einer Erhöhung und war jedenfalls später, als die übrigen Bleicherwohnungen und auch von wohlhabenderen Leuten gebaut.

Um die jährliche Überschwemmung dieses Landstrichs am Strome entlang weniger schädlich für das Haus zu machen, hatte man den Wall, worauf sämmtliche Bleicherhäuser lagen, um mehrere Fuß erhöht und das Erdgeschoß ebenfalls hochgemauert, so daß man eine hölzerne Treppe von acht Stufen ersteigen mußte, bevor man zur Hausthür gelangte. Zwei hübsche Akazien zierten den Eingang. Sie standen unterhalb der langen steilen Treppe und warfen zur Sommerzeit einen angenehmen Schatten auf die grün angestrichenen Fenster. Jetzt freilich hatte der Winterfrost die feinen Blätter vernichtet, und die Sonne, welche langsam über den Strom hinaufzog, drang, lebhafte und grelle Lichtreflexe werfend, bis hinten in die Wohnzimmer ein.

In dem einen Stübchen, das sich durch spiegelhelle Fenster, mit Geranien besetzt und mit hübschen Gardinen verziert, auszeichnete, finden wir in alter Gemüthlichkeit und Schweigsamkeit den Excalculator Rüdiger nebst seiner Tochter Marie.

Er hatte seine Pfeife in Brand gesetzt und lehnte nachdenklich im Lehnsessel, während seine Tochter ein Gericht Sauerkraut mit einem Teige belegte und selbiges eben in die weite und breite eiserne Ofenröhre schob, als eine Bäuerin, ihr Bündel in der Hand, eilig und flink die hölzerne Treppe hinanstieg und unverzüglich in die Hausflur schlüpfte, die mit leichtem Geklingel ihren Eintritt ankündigte.

Marie horchte. Der Calculator richtete sich etwas auf aus seiner bequemen Stellung.

»Das war etwas Fremdes; sieh mal nach, liebes Kind,« sagte der alte Herr.

Bevor Marie dazu kommen konnte, klopfte es rasch und die Thür wurde sogleich geöffnet.

Dora trat ein, schritt bis zum Sessel Rüdiger's vor und sagte:

»Ich bin die Schwester des Raths Giseke, wollen Sie so gütig sein und den Bitten meines Bruders, die er auf diesem Blatte ausspricht, Folge leisten?«

Rüdiger erhob sich steifbeinig aus seinem Sessel und betrachtete voller Verwunderung die zierliche Bäuerin, die des Raths Giseke Schwester sein wollte, während Marie, mit hochaufklopfendem Herzen näher trat und kaum hörbar flüsterte:

»Seine Schwester!«

Giseke's Zettel war gelesen, allein noch immer fand der steife Büreaubeamte kein Wort der Erwiederung und Begrüßung. Dora ließ sich dies nicht viel kümmern. Mit der Gewandtheit der Weltdame hatte sie sich zu Marie gewendet und ihr zutraulich die Hand gereicht.

»Mein Bruder läßt Sie grüßen, Marie. Er läßt Sie bitten, sich meiner anzunehmen. Vor allen Dingen muß ich diesen Anzug ablegen und sofort an meinen Bruder zurückschicken, da er sonst in Verlegenheit kommen kann. Wollen Sie mir ein Kämmerchen anweisen, wo ich meine Kleidung wechseln kann?«

Marie lief dienstfertig zur Thür, indem sie, »zu folgen« bat. Aber der Calculator hatte während deß seine Sprache wieder gewonnen, die ihm die Ueberraschung geraubt.

»Erlauben Sie, Madame Markland, das geht nicht!«

»Sie kennen mich?« fragte Dora, »und dennoch sagen Sie, das geht nicht?«

»Ich wiederhole es nochmals, Madame, damit Sie nicht in Ungewißheit bleiben, ob Sie auch recht gehört haben, Sie können nicht hier bleiben. Mein Dach ist nicht dazu gemacht, die Gemahlin des Präfecten Markland zu beherbergen,« schloß er sehr bestimmt.

Dora's Blick funkelte vor Aufregung, worin sich Zorn und Angst mischte.

»Wissen Sie, daß es eine Unmenschlichkeit von Ihnen wäre, wenn Sie mich von Ihrer Schwelle jagten, Herr Calculator!« rief sie, und fügte dann hinzu: »Mein Bruder hatte eine bessere Meinung von Ihnen.«

»Die Meinung des Herrn Rath Giseke verdiene ich auch, Madame. Allein die Gemahlin des Herrn Präfecten Markland verdient es nicht, daß ich den Ruf meiner Tochter auf's Spiel setze, indem ich mich dazu hergebe, sie mit ihrer französischen Leichtfertigkeit in meinem Hause zu dulden.«

Die junge Dame schlug verzweiflungsvoll die Hände zusammen.

»Allmächtiger Gott, dahin wäre es also schon mit mir gekommen!«

Sie warf sich, an allen Gliedern zitternd, zu Boden und verbarg ihr Gesicht in dem Polster eines Sessels.

Eine Todtenstille trat ein. Marie hatte die Hand ihres Vaters gefaßt und blickte ihn mit rührender Bitte an, wagte aber erst nach geraumer Zeit das Schweigen zu brechen.

»Bedenken der Herr Vater,« flüsterte sie wehmüthig, »Würde der Herr Rath Giseke uns wohl eine Dame ins Haus schicken, die unserer Hochachtung unwerth wäre? Nimmermehr, Vater, nimmermehr!«

»Mein Kind, das verstehst Du nicht!« entgegnete Rüdiger mit nicht ganz fester Stimme. »Wer kann zu jetziger Zeit noch einem einzigen Menschen Treu und Glauben schenken? Wenn es gilt, eine Schande zu verbergen, so wählt man am besten den ehrlichsten Menschen zum Deckmantel.«

Marie richtete sich entrüstet aus ihrer demüthig bittenden Stellung auf.

»Der Herr Vater mögen Recht haben im Allgemeinen,« sprach sie so entschieden, wie niemals in ihrem ganzen Leben, »aber der Rath Giseke handelt nicht so, darauf will ich das Abendmahl nehmen! Ich denke, auf das Wort dieses Herrn könnte man Häuser bauen!«

Schon bei den harten Worten voll Mißtrauen, die den Lippen Rüdiger's entschlüpften, hatte sich Dora langsam aufgerichtet und eine entschlossenere Stellung angenommen. Jetzt reichte sie mit einem Lächeln, das nur ihr eigenthümlich war, und an Milde und Güte Alles übertraf, was man sich in einem Lächeln vorstellen kann, Marien die Hand.

»Bemühen Sie sich nicht, liebe Marie, verletzen Sie meinetwegen nicht die stille Ehrerbietung gegen Ihren Vater. Er hat Recht, wenn er Niemandem mehr vertraut. Auch mein Bruder kannte keinen Menschen weiter, den er seines Vertrauens würdig fand, als Ihren Vater! Ich bin weit entfernt, den edlen Zorn zu tadeln, der die Brust aller Deutschen erfüllen muß, wenn man sieht, wie weit die Macht der französischen Regierung ausgedehnt wird. Aber hören sollen Sie erst, was mich zur Flucht aus meinem Hause trieb, bevor Sie mich schimpflich fortweisen, als Eine, die Ihnen Schande bringen könnte. Mein Mann, der mich lieb hat und den ich unaussprechlich liebe, hat, von der Aufregung nach einem solennen Mahle hingerissen, seine eigene Gattin, als das Letzte, was er noch sein eigen nannte, auf's Spiel gesetzt und hat – verloren. Ich floh unter dem Schleier der ersten Morgenröthe zu meinem Bruder, um dem verruchten, böswillig-sinnlichen Leclaire zu entgehen. Mein Bruder kannte keine andere Zuflucht für mich als Ihr Haus, mein Herr. –«

So lange hatte Marie glühend vor Zorn, bebend vor Entsetzen und stumm vor Schrecken über die Geschichte, zugehört. Jetzt aber brachen alle Schranken, die eine strenge Erziehung und die natürliche Ehrfurcht des Kindes vor dem Vater aufgethürmt hatten. Sie stürzte vor ihrem Vater nieder, der mit stark gerunzelter Stirn grämlich vor sich hinblickte und rief ganz außer sich:

»Vater! Vater! Es wäre eine Sünde, ein Verbrechen, wollten wir die arme Dame nicht aufnehmen! Vater, wenn Ihre Tochter unschuldig verfolgt umherirrte, wenn die Menschen unerbittlich und mitleidlos sie von ihrer Thür wiesen, o Vater, bedenken Sie, bedenken Sie!«

Ihre Stimme verlor sich in einem leisen Schluchzen.

Der Calculator hielt seine kalten, strengen Augen weit geöffnet auf seine bittende Tochter geheftet. Er antwortete kein Wort und zuckte nicht mit einer Wimper. Es war gerade, als hätte er den Ausspruch auf seiner Lippe: »Es bleibt dabei, was ich gesagt habe.«

Wieder herrschte eine Todtenstille im Zimmer. Ergebungsvoll raffte Dora das Bündel von der Erde auf, das sie neben sich gelegt und machte Anstalt, ganz still und ohne Klage das Haus zu verlassen, welches ihr nicht zum Asyle werden sollte. Marie schrie laut auf und rang die Hände, die sie stehend ihrem Vater entgegenstreckte. Der alte Herr saß ernst und still, aber eine Leichenblässe deckte sein Gesicht. Er kämpfte einen furchtbaren Kampf mit seinem Starrsinne.

»Wie?« flüsterte der böse Geist in ihm, »wie? dieser Frau wegen solltest du zum ersten Male in deinem Leben einen Befehl widerrufen und eine Meinung umändern? – »Warum nicht?« erwiederte sein guter Geist. – »Wie?« höhnte sein böser Geist, »deiner Tochter fällt es ein, dich mit Bitten zu bestürmen?« – »Sie thut es aus Erbarmen!« entschuldigte sein guter Geist. – »Erbarmen! Hatte der Gatte dieser Frau Erbarmen gezeigt, als er die Suspension unterschrieb? – »Was ging aber die Frau das an? Die trug wahrhaftig nichts dazu bei. Und die gute Meinung des Raths Giseke, den er hoch verehrt hatte, so lange er im Dienste war?«

Ganz mechanisch richtete er sein Auge auf den Zettel, den er noch immer in der Hand hielt.

»Gehen Sie hinauf mit meiner Tochter und wechseln Sie den Anzug, Madame,« sagte er plötzlich mit so ruhiger Manier, daß Dora glaubte, sie habe nicht recht verstanden. »Ich will das Zeug selbst an Ihren Herrn Bruder überbringen, damit nichts durch die Dummheit eines Boten verrathen wird. Beeilen Sie sich etwas, die Marie mag Ihnen beistehen und mir ein ordentliches Packet aus den Bauernkleidern machen.«

Dora neigte sich in unverstellter Dankbarkeit auf die Hand des Calculators und berührte sie mit ihren heißen Lippen, Marie aber umschlang ihn im Rausche der Ueberraschung und küßte ihn auf beide Wangen.

Dann verschwanden sie Beide.

Es war kalt in Mariens Kämmerchen und Dora fühlte in ihrer Erschöpfung diese Kälte so empfindlich, daß sie frostig zusammenschauerte. O, wie entzückend entfaltete sich da die Besorgniß um die schöne Frau, die »seine Schwester« war. In einen weiten wollenen Mantel hüllte sie die frostbebende Gestalt und warf mit einer fabelhaften Behendigkeit die schweren Bauernkleider von den zarten, weißen Gliedern, um die Kleidungsstücke dagegen anzulegen, welche Dora bei ihrer Flucht aus dem Hause angehabt hatte.

»Sie werden eine große Last von mir haben, Marie,« sprach die junge Dame mit leiser liebkosender Stimme. »Ich habe nichts, als diesen Anzug und kann mir nichts aus meiner Garderobe herbeischaffen lassen, ohne das Geheimniß meines Aufenthalts zu gefährden! Ich werde also Ihre Güte in Anspruch nehmen müssen, bis Bruder Ludwig mir Wäsche und Kleidung besorgen kann.«

Marie war gerade beschäftigt, den Gürtel des Gewandes zuzuschnüren, das sie Dora angezogen hatte. Sie blickte von unten auf zu Dora empor und rief mit ehrerbietigem Scherze:

»Sie werden in meinen Kattunroben wie eine verkleidete Prinzessin aussehen, gnädige Frau! Dies Morgenhabit ist eleganter als mein bester Sonntagsstaat, also wird es zu feierlichen Gelegenheiten aufgespart werden müssen.«

Die Fröhlichkeit, welche bei diesen Worten, gleich einem seltenen Sonnenstrahle, über das schöne, geduldig sanfte Gesicht des jungen Mädchens hinwegblitzte, gab ihr einen unwiderstehlichen Reiz. In einer unwillkürlichen Aufwallung bog sich Dora zu ihr nieder und küßte sie mit der leidenschaftlichen Heftigkeit ihres Wesens auf die Stirn.

In lieblicher Scham senkte Marie das Auge und ihre Finger zitterten, als sie die Schnüre band.

»Ich glaube, Sie wissen gar nicht, wie hübsch Sie sind, Kleine!« flüsterte Dora nach einer Weile.

Marie blieb natürlich die Antwort schuldig. Sie beeilte sich, die Bauernkleider so fest wie möglich aufzurollen, steckte dies Bündel in einen grauen Sack und schnürte ihn mit Bindfaden ein. Das Alles ging ihr mit einer Schnelligkeit von der Hand, als hätte sie ihr Lebtage nichts Anderes gethan, als Kleider eingepackt. Dora stand dabei, dicht in den großen wollenen Mantel gewickelt und sah ihr zu. Sie erkannte mit ihrem wohlgeübten Auge sogleich in diesem Mädchen ein Wesen, welches ganz dazu geschaffen schien, der Trost und die Stütze desjenigen Theiles der irdischen Bevölkerung zu sein, dem alle Fähigkeit zum Praktischen mangelt.

Dora stand und sah zu, allein je länger sie zusah, desto liebenswürdiger und reizender erschien ihr Marie. Mit welcher Behendigkeit warf sie das Packet, das viel schwerer und größer war, als Dora's feine, seidenweiche Morgenrobe, auf die Schultern und eilte die weite Treppe hinab, als ihr Vater »endlich!« rief und ungeduldig mit dem Stocke aufstampfte. Mit welcher Kindlichkeit untersuchte sie des Vaters Anzug, damit auch kein rauhes Lüftchen irgendwo einschlüpfen konnte. Mit welcher Besorgtheit in Blick und Geberde sah sie ihm nach, als er ging, gravitätisch wie ein preußischer Grenadier zu Friedrich des Großen Zeiten.

Erst als der Calculator im Wiesenwege sich verlor, trat sie zurück und wendete ihre Aufmerksamkeit ungetheilt ihrem vornehmen Gaste wieder zu. Sie öffnete die Thür des andern Zimmers, das dem Wohnzimmer gegenüber lag und ließ mit einem gewissen Stolze die Dame dort hineinblicken. Es war das Putzstübchen des Hauses, ausgestattet mit blankgebohnten Möbeln von Eichenholz, mit hochlehnigen Sesselstühlen, einem hübschen Sopha und einigen Schränken.

»Hier, gnädige Frau, sollen Sie wohnen!« sprach Marie. »Hier stelle ich Ihnen ein Bett auf und wenn ich nachher geheizt haben werde, so können Sie sich nach Belieben in dies Stübchen zurückziehen. Sehen Sie nur! Der Herr Vater und ich haben es ganz allein austapezirt, die Fenster und die Thüren mit Farbe gestrichen, sehen Sie, wie hübsch hell und freundlich die Sonne hereinlacht.«

»Sie? Allein austapezirt und mit Farbe gestrichen?« rief die Frau mit unverstellter Verwunderung.

»Ja wohl! O, der Mensch kann Alles, wenn er nur den Willen dazu hat!« sagte Marie und führte ihren Gast in die warme, von Sauerkrautduft überfüllte Stube zurück. »Hier ist's nicht hübsch für die gnädige Frau,« fügte sie etwas verlegen hinzu, indem sie schnell ein Fenster aufstieß. »Wenn Sie erlauben, gehe ich und heize den Ofen drüben.«

»Ich erlaube Alles, meine gute Marie,« fiel die Dame hastig ein, während sie mit ihrem Arm die schlanke Taille des Mädchens umfaßte. »Ich erlaube Alles und nehme alle Güte von Ihnen an, aber um Eins muß ich bitten, Eins muß ich zur Bedingung machen.«

Marie hob das sprechende Auge fragend zu ihr auf.

»Daß Sie mich nicht gnädige Frau tituliren, sondern Dora nennen. Dora Markland flüchtete zu Denen hinaus, die ihr Bruder als die einzigen Menschen pries, denen er unbedingt vertrauen könne! Dora Markland ist Ihrer Güte, Ihrer Liebe sehr, sehr bedürftig und bittet um Ihre Freundschaft!«

Während sie so redete, hatte Marie die Augen schüchtern wieder, gesenkt und die Stirn tief niedergeneigt.

»Würde sich das schicken?« fragte sie kaum hörbar. »Ich so arm, so einfach, so unwissend gegen Sie?«

»Könnten Sie mich lieben, Marie?« fragte die Dame hastig dazwischen.

Mariens Herz klopfte hoch auf.

»Ja,« sagte sie rasch. Dora sah ihr innig ins Auge.

»Nun dann? Ich hatte nie eine Freundin, Marie!«

»Ich auch nicht!«

»Meine Schwestern waren mir nie hold, weil ich leichtherzig und fröhlich ins Leben hineinsah und einen lustigen Tanzabend der langweiligen Predigt in der Kirche vorzog.«

»Konnten Sie denn nicht Beides miteinander verbinden?« fragte Marie treuherzig. »Ich liebe eine Predigt, aber ich glaube, daß ich auch sehr gern tanzen würde.«

»Genug, Marie, wir wollen Freundinnen sein. Ich will von Ihnen lernen, Sie können von mir lernen.« Jetzt drückte sie ihre frischen Lippen nicht auf die Stirn, sondern auf den Mund des jungen Mädchens, das halb ohnmächtig vor innerer Bewegung den Kuß leise erwiederte. »Ich werde Ihnen offenherzig mein ganzes Leben aufdecken. Sie sollen meine Sünden wissen und mir sagen, ob ich mein Schicksal auch nicht etwa verdient habe. –«

»Ach nein, Dora,« unterbrach sie das junge Mädchen. »Ihr Schicksal ist zu grausam! O, die Männer haben selbst keine Ahnung davon, wie kalt und wie hart sie sein können, wenn sie, auf ihre Rechte gestützt, befehlen und commandiren!«

Die junge Dame sah höchst verwundert, starr in Mariens rosiges, jugendliches Antlitz. Woher kam denn dem jungen Mädchen so viel Weisheit der Erfahrung?

»Ja, ja,« fuhr diese fort, »die Männer haben einmal das Recht zu herrschen und wir Frauenzimmer müssen gehorchen, wenn uns auch das Herz weh thut.«

»Kleine, was plaudern Sie da?« fragte Dora, ihrem grenzenlosen Erstaunen Worte gebend. »Betrachten Sie uns denn als die Sclavinnen der Männer?«

»Nun, es steht doch geschrieben, daß die Männer die Herren der Schöpfung sein sollen!«

»Thörichtes Kind! In welcher Wildniß sind Sie denn erzogen und groß geworden, daß Sie so altväterisch denken?«

Marie lächelte mit Stolz und Verlegenheit zugleich. »Mein Vater hat mich nach seinen Grundsätzen erzogen.«

»Also zum blinden Gehorsam angehalten?«

»Nun, hat er nicht das Recht dazu? Und wenn er es nicht verlangte, so würde ich es aus Ehrfurcht thun!«

Dora stand da, unbeweglich und gedankenvoll. Ganz leise begann sie wieder: »So ist Ihnen Ihr Vater gleich Gott, dem höhern Wesen über uns.«

Ein zärtliches Leuchten ging von den Augen Mariens über ihr ganzes Gesicht hinweg.

»Ja, ja!« sagte sie freudig. »Wenn ich etwas Unrechtes thun wollte, so würde der Gedanke an den Schmerz meines Vaters mich verhindern, es zu thun, und wenn ich etwas Gutes zu thun beabsichtige, so hilft mir der Gedanke an meines Vaters Billigung über alle Schwierigkeiten hinweg.«

»Ist es denn möglich?« flüsterte Nora hingerissen. »Das wäre also der Segen einer strengen, einfachen Erziehung! Seit wann ist Ihre Mutter todt?« fügte sie hinzu, als wolle sie hier einen Grund suchen.

»Meine Mutter ist bei meiner Geburt gestorben!«

»Und Ihr Vater hat dann allein Ihre Erziehung geleitet?« fragte sie ungläubig weiter.

»Ganz allein! Als ich zehn Jahre alt war, starb unsere alte Magd. Von da an übernahm ich auch die Küchenarbeit.«

»Marie, Sie erzählen mir Märchen!« rief die jungt Dame. »Und Sie lieben Ihren Vater?«

»Unaussprechlich! Ich würde eben so wenig ohne meinen Vater leben können, wie er ohne mich.«

»Aber wenn Sie heirathen? Sie erröthen so schön, gewiß haben Sie sich schon Jemandem anverlobt, Marie! Wie soll das werden?«

»Ich heirathe nie!« erklärte das junge Mädchen sehr ernst, ungeachtet der schönen Röthe, die von Dora als bräutliche Verschämtheit angesehen worden war.

»Mit achtzehn Jahren spricht man immer so,« schäkerte die junge Frau. »Irgend ein junger College Ihres Vaters wird wohl eine Veranlassung gesucht und gefunden haben, um in das Heiligthum des ehrenwerthen Calculators Rüdiger gelangen zu können. Nicht wahr?«

»Ich heirathe nie!« wiederholte Marie noch ernster, als zuvor. »In unser Haus ist niemals ein Mann gekommen –« sie stockte und zögerte. Ihre Wahrheitsliebe überwand aber die Scrupel ihres Herzens. »Nur Ihr Herr Bruder kam vor einigen Monaten auf einige Augenblicke zu uns, um sich nach einen Vorfalle im Gerichtslocale zu erkundigen.«

Was war es, was in der Stimme des Mädchens lag, so daß Dora die Augen weit öffnete und mit verhaltenem Athem fragte:

»Ludwig, Ludwig? Er war bei Ihnen? Er kennt Sie näher? Bitte, vertrauen Sie mir?« bat sie schmeichelnd.

Marie sah sie ernst und traurig an.

»Ich habe Ihnen nichts, gar nichts zu vertrauen, Dora!«

Diese fuhr lebhaft fort:

»Ludwig ist früher so hübsch gewesen, jetzt ist er fürchterlich häßlich! Der Arme! Er fühlt das. Er begreift, daß man ihn verabscheuungswürdig finden muß. Und doch, es giebt keinen edleren Mann. Es giebt keinen gütigern Bruder, – o, Marie, wenn unser Zusammentreffen im Rathe Gottes beschlossen wäre! – aber nein, nein, es ist unmöglich, Sie so schön und er so häßlich, nicht wahr Marie, es ist nicht denkbar, daß Sie ihm gut werden könnten?«

»Er so vornehm, so gescheidt, und ich so gering, so unwissend,« sprach Marie mit sehr bedrücktem Athem und sehr eilig.

Ehe Frau Markland eine Antwort zu geben vermochte, war Marie aus dem Zimmer geschlüpft. Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht der Zurückbleibenden.

»Ganz richtig ist die Sache nicht,« flüsterte sie fast schadenfroh. »Ich werde meinem Herrn Bruder gelegentlich Daumschrauben aufsetzen. Er soll und muß beichten! Wenn er sie liebte! Mein Gott, wäre es denn die erste Calculatorstochter, die Geheimräthin würde? Und wie reizend ist sie! Dies wechselnde Mienenspiel, dies Leuchten in ihren Augen, sind das nicht Zeichen einer geistigen Regsamkeit, die jede Bildung leicht macht? Gerade daß Mariens Schönheit weniger in einer steifen Regelmäßigkeit besteht, gerade darin liegt der Zauber, welcher meinen Bruder überwältigen wird.«

Von ihrem Sitze sich erhebend, näherte sich die junge Frau dem Fenster und blickte über die Wiesen hinweg, nach dem Strome hinüber, hinter dem sich die Stadt mit ihren hohen, schönen Thürmen lagerte. Eine unbezwingliche Wehmuth bemächtigte sich ihrer, als sie den Ort betrachtete, wo sie bis zu diesem Tage so harmlos glücklich gelebt hatte. Tiefsinnig ließ sie die Erfahrungen der letzten Stunden an ihrer Seele vorübergehen. Was hatte sie verloren? Ganz leise regten sich die leicht bewegten Schwingen ihrer Hoffnung, als sie diese Frage mit der einfachen Antwort beschwichtigte: »gar nichts, durchaus gar nichts hatte sie verloren, wenn sonst ihr Gatte weise genug war, keinen Lärm zu schlagen und keine Nachforschungen nach ihrem Aufenthaltsorte anzustellen.«

Sie war sicher genug geborgen, um für einige Zeit, selbst für mehrere Monate versteckt leben zu können. Nachdem die deutsche Gradheit des guten Calculators, die wirklich an Grobheit grenzte, einmal überwunden war, so bürgte seine unbestechliche Redlichkeit für ihre Sicherheit. Zwar dachte sie sich das Leben in diesem hüttenähnlichen Hause, in der bürgerlich einfachen Beschränkung nicht ergötzlich genug, um es sich für längere Zeit wünschen zu mögen, allein schon jetzt erhellte zuweilen blitzartig der Strahl der Selbsterkenntniß ihr Inneres und rief den Gedanken in ihr wach, ob wohl nicht eine unsichtbare, höhere Macht und Kraft im Spiele sei, welche ihrem überhandnehmenden Leichtsinn ein Ziel zu setzen sich vorgenommen habe. Die Worte des alten strengen Herrn brannten wie Feuer in ihrer Erinnerung: »Die Gemahlin des Präfecten Markland verdient es nicht, daß ich den Ruf meiner Tochter auf's Spiel setze, indem ich mich dazu hergebe, sie mit ihrer französischen Leichtfertigkeit in meinem Hause zu dulden!« Ein Grauen überrieselte sie, als sie sich diesen Ausspruch vergegenwärtigte und sich die Möglichkeit vorstellte, in demselben eine allgemeine Verurtheilung ihrer deutschen Landsleute sehen zu müssen. Welche Geringschätzung lag in des Calculators Empfang! Konnte dies nicht der Ausdruck der allgemeinen Stimmung gegen sie sein? Hatte sie denn wirklich am Rande eines Abgrundes gestanden und war es zu spät, um einem soliden Leben wiedergegeben zu werden?

»Nein! Nein!« rief sie laut und begeistert aus. »Noch ist nichts zu spät! Ich bin schuldlos und rein geblieben! Der Hauch des bösen Scheins kann mich nicht dergestalt verunglimpft haben, daß es nicht meiner Unschuld gelingen sollte, siegreich diese Nebel zu zerstreuen. Zwar die Verleumdung schleicht im Dunkeln und ihr Gift wüthet in der Nachrede still und unerforschlich fort, allein die Kraft des reinen Gewissens trägt über diese straflos geübte Sünde den Sieg davon.«

Dora faltete ihre Hände zum Gebet in einander und ließ ihre Blicke mit Vertrauen zu den Wolken emporsteigen, über denen ein allwissendes Wesen thront. Sie war aus den wilden, phantastischen Freuden des Weltlebens, inmitten eines fremden Volkes, das ihre Sprache nicht reden und verstehen konnte, hinausgejagt, die Ruhe ihrer Seele war gestört, der Frieden ihres Daseins war ihr geraubt und sie flüchtete mit ihrem zerrissenen Sinne zu dem Lenker aller menschlichen Schicksale. Was sie erlebt hatte, glich mehr einem beängstigenden Traume, als einer wirklichen Begebenheit, aber als sie die Wahrheit ihrer Erlebnisse erkannte, da suchte sie sich die einzig richtige Stütze, welche sie aufrecht erhalten konnte, mit einem Gelöbnisse zur Tugend. Gott hatte sie errettet und sie wollte dieser Gnade würdig werden.

Der strenge alte Mann, der ihr mit kaltem Herzen die Meinung der Welt verkündet hatte, der sollte über  ihr Handeln, über ihr Thun und Denken zu Gericht sitzen. Wie Marie, seine eigene Tochter, wollte sie in Gedanken sein Urtheil respectiren und um seine Liebe werben. An ihren Gatten dachte sie merkwürdiger Weise in diesem erhebenden Momente gar nicht!



Siebentes Capitel.
Schuld und Buße.

Wir kehren nun zu dem Manne zurück, welcher durch einen unverantwortlichen Frevel sein schönes, junges Weib verloren hatte.

Der Tag war schon ziemlich hoch gestiegen und, beiläufig gesagt, seine Gattin längst in ihrem Asyle angelangt, als der Präfect endlich aus seinem tiefen Schlafe auffuhr und mit gänzlich verstörtem Wesen ringsum schaute, als wisse er nicht, wo er sich befinde. Erst nach und nach kehrte die Erinnerung an geschehenes Unheil in ihn zurück, und als es dann klar in ihm tagte, da sprang er, von furchtbarer Angst erfaßt, aus dem Bette.

»Wie sie retten? Wie mich retten?« murmelte er, weit lebhafter und schneller seinen Anzug bewerkstelligend, als sonst. »Schande überall! Schande! Jesus, wie mich retten, wie meine Dora seinen Klauen entziehen?«

Indem er im Begriffe war, die Thür zum Wohngemache höchst eilig aufzureißen, hörte er Blanchard's Stimme im Vorflur.

»Auch der?« flüsterte er. »Wohin ich sehe, nichts als Schmach, nichts als Schande. O Dora, Dora, was wirst Du sagen! Wirst Du mich nicht verachten?«

Rasch trat er in ihr Zimmer. Es war leer. Der Frühstückstisch war nicht servirt. Das Feuer im Ofen nicht angezündet.

Markland zog die Klingel. Das Kammerzöfchen erschien, ihr folgte die Küchenmagd mit glimmenden Kohlen auf der Schaufel, die sie geschickt unter dem aufgeschichteten Holzhaufen im Ofen arrangirte. Das Feuer loderte hell auf und die Zofe beschäftigte sich mit dem Arrangement des Frühstückstisches.

»Wo ist meine Frau?« fragte der Präfect ungeduldig.

Die Zofe hob ihr Näschen sehr keck und verwunderungsvoll in die Höhe.

»Gnädige Frau schlafen ja noch!« sagte sie spitz und spöttisch.

Der Präfect sah sie an und blickte dann im Zimmer rundum, als wolle er sagen, daß allerdings hier ihre ordnende Hand noch keine Behaglichkeit hergestellt habe.

»Im Schlafzimmer ist meine Frau nicht mehr,« entgegnete er mißmuthig. »Freilich hier scheint sie auch noch nicht gewesen zu sein; ist sie wohl nicht im Vorrathszimmer?«

»Nein, die gnädige Frau hat das Schlafzimmer noch nicht verlassen, darauf kann ich schwören,« betheuerte die Zofe, merklich spottlächelnd, weil sie glaubte, der Herr Präfect habe noch nicht hinlänglich ausgeschlafen, um sehen zu können.

Sie bewerkstelligte durch ihre Worte, daß Markland, wirklich unsicher gemacht, rasch in das Schlafgemach zurückeilte und mit Hast die dunklen, seidenen Gardinen zurückschlug. Dora war nicht da, weder in ihrem Bette, noch auf dem kleinen Sopha, worauf sie zuweilen einen kleinen Nachschlummer zu halten pflegte.

»Suche meine Frau!« herrschte der Präfect die Kammerzofe an.

Er glaubte, Dora wolle ihm ausweichen. Da aber die Zeit drängte, so mußte er sie sprechen, ehe Leclaire kam, um ihr »die Aufwartung zu machen«, wie er mit beleidigendem Hohne versprochen hatte.

Die Zofe suchte, natürlich aber vergebens. Die Dienerschaft begann zu suchen. Markland durchstrich mit Todesangst alle Zimmer, stürzte endlich wie ein Rasender treppauf, treppab, rufend, bittend, wehklagend, das ganze Haus in Aufruhr bringend, vergeblich!

»Hat Niemand sie gesehen? Wie kann sie sich entfernt haben, ohne gesehen zu sein? Wohin ist sie gegangen? Mein Gott, wo ist sie geblieben?« fragte er wild durcheinander.

Kein Mensch konnte ihm diese verzweiflungsvollen Fragen beantworten. Dora war spurlos verschwunden.

Rathlos warf sich der Präfect endlich in den Sessel, der vor Dora's Nähtisch stand, und barg trostlos sein Gesicht in beiden Händen, als wolle er nun nichts weiter hören und sehen, von dem, was um ihn her geschah.

So traf ihn der Colonel Leclaire, der sogleich die erste Morgenstunde, die sich zur Visite eignete, benutzen wollte, um sich mit Schadenfreude an der Verlegenheit eines Ehemannes zu weiden, der so thöricht gewesen war, sein reizendes Weib auf eine Karte zu setzen. Er war schon unterrichtet worden von der Verwirrung im Hause, glaubte aber nicht recht an die Wahrheit eines Verschwindens, das von der Dienerschaft unbemerkt geblieben sein sollte. Seine Laune war also auch nicht die beste, als er beim unangemeldeten Eintritt in's Familienzimmer Markland's mit höhnendem Tone ausrief:

»Wollen Sie mit mir Comödie spielen, mein Herr Präfect? Bemühen Sie sich nicht, mir Scenen aufführen zu wollen, deren Ende ich durchschaue. Wir kennen das, mein Herr! Blanchard hat mir im Vorzimmer die ganze gut gespielte Affaire erzählt. Jetzt bemühen Sie sich aber gefälligst nicht weiter mit Redensarten, sondern thun Sie nach Pflicht und Schuldigkeit, wie es Ihnen die Gesetze der Ehre vorschreiben. Wo haben Sie Ihre schöne Gemahlin versteckt? Heraus mit dem Geheimnisse!«

Schon beim ersten Worte des Colonel, gleichsam vom Klange dieser tief verhaßten Stimme wie electrisch berührt, hob Markland seinen Kopf empor und sah den französischen Offizier starr und abwesend an. Er verstand und begriff nicht, was derselbe sprach. Wie hätte er auch darauf verfallen können, daß man die Ehrlichkeit seines Schmerzes bezweifelte.

»Was hat Blanchard?« fragte er verwirrt. »Weiß Blanchard, wo meine Frau ist?«

Leclaire heftete jetzt seinen Blick schärfer auf ihn. Ihn überfiel ein Zweifel. Das schien kein Spiel zu sein. Furcht und Verzweiflung drücken ihren Stempel zu unverkennbar auf das menschliche Angesicht, wenn das Gefühl wahrhaft ist. Aber mit der Ueberzeugung von Markland's wahrem Schmerze stillte sich der Zorn des Colonels nicht. Im Gegentheile, er loderte heller auf, als er sich von der Flucht der hübschen Frau dupirt und dadurch tödtlich beleidigt fand. Vielleicht hätte er sich eher durch eine kluge und sanfte Beredung Dora's zu milden Maßregeln umstimmen lassen, jetzt aber erhob er die zwischen ihnen schwebende Frage zu einer Wichtigkeit, die Alles fürchten ließ. Sein Auge begann zu rollen und zu leuchten gleich dem besten Ungewitter und er schrie mit einer Stimme, als wolle er Todte auf erwecken:

»Weiß Ihre Frau, was für Verpflichtungen Sie gestern eingegangen sind?«

Markland's Bewußtsein kehrte bei dieser Frage zurück. Er fühlte, daß er seine äußere Ehre zu wahren hatte, und er sammelte gewaltsam seine Geisteskräfte, um den brutalen Manieren des Emporkömmlings, der mit drohenden Geberden von seinen Ehrenschulden sprach, zu rechter Zeit entgegenzutreten.

»Meine Frau erfuhr noch in der Nacht, zu welchen fürchterlichen Übereilungen ich mich habe hinreißen lassen,« sprach er mit einer Würde und Haltung, die dem Colonel imponirte. »Sie äußerte nichts, was mich auf entscheidende Schritte von ihrer Seite hätte vorbereiten können. Was die Ausgleichung unserer Geldangelenheit betrifft, so haben Sie mein Ehrenwort, daß die Sonne nicht darüber untergehen soll. Erwarten Sie mich um vier Uhr Nachmittags!«

»Und der Hauptgewinn des gestrigen Abends?« fragte Leclaire mit Spott.

Markland zuckte die Achseln.

»Die Lösung dieser Frage muß ich meiner Frau überlassen, da sie weder meine Sclavin noch eine seelenlose Sache ist, worüber mir freie Dispositionsrechte zustehen. Meine Rechte habe ich gottloser Weise verspielt. Sie ist fernerhin mein Eigenthum nur durch freien Entschluß und kann ohne Hinderniß Ihr Eigenthum werden. Ich fürchte jedoch, sie wird uns Beide verachten und wir werden sie nie wiedersehen!«

»Denken Sie, daß Madame sich das Leben genommen hat?« fragte Leclaire mit frivolem Lachen.

Der Präfect schauderte vor der ausgesprochenen Idee, die er längst im Stillen gehegt hatte, zurück. Er legte tief athmend die Hand auf die Brust.

»Meinen Sie, daß Madame in's Wasser gesprungen ist?« fügte der Officier voller Hohn, hinzu, als er diese Bewegung bemerkte. »Trösten Sie sich, das Wasser ist zu kalt für solch' Vergnügen! Ich werde meine Vigilancen auf diesen Punkt richten! Wetten wir, daß ich Ihnen um vier Uhr, wenn Sie zu mir kommen, Ihre theure Dora in Person in meinen Armen präsentire!« schloß er mit einem cynischen Gelächter.

Markland mußte diese unverschämte Andeutung ruhig hinnehmen. Er that es mit dem Anstande und mit dem Muthe eines Mannes, der zur Sühnung seines Vergehens den Tod nicht scheut. Der Glanz seines Auges verrieth die innere Empörung, sonst blieb er unbeweglich.

Als Leclaire sah, daß er sich vergebens bemühen würde, ihn zu reizen, verließ er ohne alle Ceremonie das Zimmer und sprang trällernd die Treppe hinab, im Innersten seines Herzens blutige Rache schwörend.

Unten im Hausflure traf Leclaire sämmtliche Hausgenossen des Präfecten um Blanchard versammelt, der sich bemühte, nach den verschiedenartigen Aussagen und Vermuthungen, eine Spur der verschwundenen Dame aufzusuchen. Jeder der Umstehenden zeigte sich gern bereit, seinem erheuchelten Bedauern Rede zu stehen. Einer wollte in der Nacht Tritte und Wehklagen gehört, ein Anderer eine weiße, händeringende Gestalt die Treppe hinabeilen gesehen haben. Ein Dritter meinte bedenklich, daß er glaube, um sieben Uhr sei die Thüre leise geöffnet und eben so leise wieder geschlossen.

Blanchard sah bei diesem Berichte aus, als ginge ihm ein Licht auf und da in diesem Momente der Colonel Leclaire singend die Treppe herabhüpfte, so eilte er ohne Weiteres auf ihn zu und flüsterte:

»Ich habe die Fährte der Dame entdeckt. Geduldigen Sie sich bis Mittag, dann bringe ich Ihnen Bescheid, wo sie ist.«

»Zweihundert Napoleonsd'or, wenn Sie Wort halten!« entgegnete Leclaire. »Das heißt, wenn Sie mir das Liebchen lebend in die Arme liefern.«

»O freilich, lebend!« versprach Blanchard lachend. »Ich habe sie gesehen, habe sie aber leider nicht erkannt, müßte aber nicht Blanchard heißen, um nicht herauszuspioniren, wohin die Dame ihre Schritte gewendet hat. Bei Gott, ich bringe sie Ihnen!«

Da diese Uebereinkunft französisch abgemacht wurde, so verstand das Dienstpersonal des Präfecten wenig davon. Als aber der Officier laut auflachend jetzt zum Abschied winkte und dabei die Worte hervorstieß: »Wohl, sehr wohl, mein Bester! Der Herr Präfect und seine Frau Gemahlin sollen Respect vor mir bekommen!« da begriffen die Leute, um was es sich handele und sie wechselten ganz verstohlen sehr bedenkliche Blicke untereinander.

Wie wir schon früher andeuteten, der Präfect war im Allgemeinen sehr beliebt. Auch seine Dienstboten bewiesen sich ihm stets anhänglich. Sein gewinnendes Aeußere, die leichte fröhliche Manier, womit er sich selbst und Andern Absolution für alle Unterlassungssünden ertheilte, seine Leutseligkeit und Zugänglichkeit, so wie die unverkennbare Herzensgüte, die leider in Schwäche ausgeartet war, das Alles zusammen, mit einem wirklich noblen und imponirenden Wesen verbunden, machte ihn zum Lieblinge Derer, die gern zur Dienerschaft eines vornehmen Herrn zählen. Diesem Umstande verdankte es denn der Präfect, daß er innerhalb der nächsten Stunde von allen Seiten leise und vorsichtige Warnungen erhielt, die ihm kund thaten, es sei zwischen Blanchard, dem Greffier der Präfectur, und Leclaire, dem hoffährtigen Colonel, ein Complot zu seinem Schaden geschmiedet.

Zuerst achtete der Präfect der Warnungen nicht. Als jedoch unter dem Einflusse des ernüchternden Unglückes, das so plötzlich über ihn hereingebrochen, sein Geist aus der Lethargie erwachte, in die er durch Gewohnheit und wohlgepflegte Trägheit des Körpers versunken gewesen war, da drängte sich Alles in sein Gedächtniß, was längst mit dunklem Unbehagen seine Seele bedrückt hatte. Was hatte z. B. Monsieur Blanchard immerfort in seinem Hause zu suchen? Er erinnerte sich, ihn schon ganz früh und auch ganz spät angetroffen zu haben, ohne daß er hinreichende Gründe dafür anzugeben gewußt hätte. Was wollte dieser Mensch heute bei ihm? Schon beim Aufstehen erinnerte er sich, seine Stimme vernommen zu haben. Sollte er von seinen Vorgesetzten, wozu er in gehässigem Rückblick auf unangenehme Reibungen absonderlich seinen Schwager Giseke zählte, als Spion benutzt werden? Wollte man ihn stürzen? Es sah seinem Schwager ähnlich, daß er an seinem Verderben arbeitete, da Dora ihn wider dessen Willen geheirathet hatte. Oder verfolgte Blanchard eigene Zwecke?

Mit diesen Fragen beschäftigt, trat er gegen Mittag unversehens in sein Zimmer und fand den Gegenstand seiner Befürchtungen an seinem Schreibtische stehend. Ein nie gefühlter Aerger, der nahe an Zorn streifte, überwallte den sonst so sehr nachsichtigen Präfecten und entriß ihm den herben Ausruf:

»Was haben Sie in meinem Zimmer zu thun? Wer erlaubte Ihnen, in meinen Papieren zu kramen? Ich muß mir Ihre Insolenzen künftighin verbitten!«

Blanchard, der eben im Begriff gewesen war, einige Briefe von wesentlich vortheilhaftem Inhalte zu absentiren, sah sich etwas bestürzt um und trat, von seinem bösen Gewissen geleitet, einige Schritte zurück. Er schien zuerst betroffen und fassungslos zu sein, gewann aber, im Rückblick auf seine, dem Präfecten erzeigten Gefälligkeiten, sogleich seinen ganzen Muth wieder. Indem er eine ehrerbietige Haltung annahm, blieb er regungslos stehen, gleichsam fernere Vorwürfe und Befehle erwartend. Der Präfect warf nur einen Blick auf ihn, allein noch niemals war ihm Blanchard so satanisch in Blick und Geberde erschienen, wie in diesem Augenblicke. Die Gewohnheit, welche Alles ausgleicht, hatte ihn nach und nach blind für den sprechenden Ausdruck dieser Gesichtszüge gemacht, jetzt aber konnte er sich eines unwillkürlichen Schauders nicht erwehren, als sein Auge darüber hinstreifte. Wenn dies Gefühl eine Inspiration war, eine Warnung vom Himmel eingegeben, so kam sie leider zu spät, denn er war diesem Dämon bereits verfallen, das ahnte ihm, trotz seiner wenigen Menschenkenntnis.

Um so mehr trieb ihn sein Stolz an, die Grenze unverzüglich festzusetzen, die von Blanchard künftig respectirt werden sollte. Er ging ohne Umschweife dabei zu Werke und wählte seine bestimmenden Worte bei den neuen Maßregeln nicht eben schonend und rücksichtsvoll. Ein Blinder hätte es sehen müssen, daß diese Anordnungen der Ausbruch eines erwachten Argwohns waren, und Blanchard gehörte keineswegs zu den Blinden. Mit einem unverschämten Lächeln maskirte er die innere Wuth, die seine Brust bis zum Ueberschäumen ausfüllte. Er war, wie alle Emporkömmlinge, empfindlich und ehrsüchtig in Hinsicht auf conventionelle Höflichkeit. Es würde ihn wahrscheinlich weniger verletzt haben, wenn sein Vorgesetzter, den er mit seiner Schlauheit zu beherrschen glaubte, ihn hätte merken lassen, daß er ihn für einen Schurken halte, als daß er ungeahndet die Schmach ertragen mußte, in seine Schranken als Untergebener zurückgewiesen zu werden. Wie konnte er rechtmäßiger Weise gegen einen Befehl remonstriren, der ihm den Eintritt in das Arbeitszimmmer des Präfecten ohne vorherige Meldung untersagte? Es war dies bis dahin ein Vorrecht der Vertraulichkeit gewesen, die zwischen ihm und dem trägen Herrn Präfecten herrschte. Diese Vertraulichkeit sollte also beschränkt werden. Für immer? dachte Blanchard, und ein eigenthümliches Lächeln umspielte seine Lippen bei dieser innerlichen Frage. Er hielt die ganze Scene, die sich abspielte, mehr für das Ueberschäumen einer schlechten Laune, die natürlich genug war, um keine große Verwunderung zu erregen, aber die seine rachsüchtige Gesinnung dergestalt aufstachelte, daß sie Vergeltung heischte. Daß sich ein Charakter plötzlich aus dem Schlamme böser Gewohnheiten erheben und zu seiner ursprünglichen Kraft und Reinheit zurückkehren könne, davon hatte Blanchard keine Ahnung. Er entfernte sich mit spöttisch ehrerbietigem Gruße und verbarg den gährenden Haß sehr geschickt unter respectvoller Artigkeit, trotzdem ihm Markland mit unverminderter Kälte noch einige Befehle ertheilte.

Markland blieb allein. Es war der erste Act von Energie, den er seit Jahren vollführt hatte, und es mußte wunderbar überraschen, eine Entschlossenheit und Würde in dem Aeußern eines Mannes entfaltet zu sehen, der bis dahin von den Fesseln einer unüberwindlichen Trägheit entwürdigt worden war. Lag nicht in dieser Selbsterhebung nach so tiefem Falle eine Garantie für sein edles Innere? Ganz gewiß! Markland war nur durch seine Eitelkeit, durch den Hochmuth seiner Seele in eine gefährliche Geselligkeit verlockt, die ihn entnervte, ohne seinen Geist zu tödten. Es bedurfte einer fürchterlichen Lehre, um ihn diesem wirren Gesellschaftsleben zu entreißen, und ihm die zügellosen Vergnügungen derjenigen Männer vollständig zuwider zu machen, die er im Grunde mehr haßte und verachtete, als er selbst wußte. Er hatte in dem Wahne gestanden, seinem Range dies Leben schuldig zu sein, und er war sorglos bis zum Rande des Verderbens gekommen, ohne die Sündlichkeit seines Treibens einzusehen.

Sein Erwachen aus dem Irrthume wurde von der bittersten Reue begleitet, und diese Reue führte ihn zu einer strengen Selbstprüfung. Mit Beschämung blickte er auf sein vergangenes, weichlich thatenloses Leben zurück. Zum ersten Male machte er sich Vorwürfe über den Leichtsinn, womit er seine Stellung mißbraucht und sein Amt vernachlässigt hatte. Durch diese Selbsterkenntniß war viel gewonnen. Wenn ein begabter, geisteskräftiger Mann erst wirklich zur Einsicht kommt, daß er thörichter Weise seine Zeit vergeudet hat, so kann er, vermöge eines guten, festen Willens, bald das nachholen, was nöthig ist.

Der Präfect zögerte auch keineswegs, einen Anlauf auf seinen Arbeitstisch zu nehmen, und er mußte zu seiner Befriedigung bemerken, daß ihm die Befähigung zum schnellen Arbeiten nicht verloren gegangen war. Der Anfang zur Besserung schien also gemacht zu sein. Ob er jedoch Ausdauer genug behielt, um auf dem Wege fortzuwandeln, der ihm die verlorene Achtung wiedergewinnen konnte, das stand immer noch in Frage.

Nachdem Markland die erste Bestürzung über Dora's Verschwinden überwunden hatte, fand er Trostgründe genug in sich vor, die ihm vorspiegelten, daß es nur ihrer oft bewährten Klugheit zuzuschreiben sei, wenn sie sich heimlich entfernt habe, lediglich um einem Zusammentreffen mit dem Colonel Leclaire zu entgehen. Die schwere Kränkung, die er selbst ihr zugefügt hatte, war nach seiner Meinung kein Grund zu ihrer Entfernung. Seine Selbstsucht verleitete ihn zu dem guten Glauben, Dora für die glücklichste Ehefrau zu halten, da er sich stets als ein nachsichtiger, zärtlicher Gatte gezeigt hatte, immer bereit, ihre Wünsche zu erfüllen und durch schmeichelhafte Huldigungen seine unverminderte Liebe zu beweisen. Daß es noch ein tieferes, schöneres Glück geben könne, welches aber nur fern von dem frivolen Welttreiben gedeiht, daran dachte er nicht.

Ueber Dora's Verschwinden machte sich der Herr Präfect also keine Sorgen weiter, aber die Schwierigkeit, sich aus seiner bedrängten Lage zu retten, die Notwendigkeit, sich innerhalb weniger Stunden eine bedeutende Summe Geldes zu verschaffen, das regte die Denkkraft des armen Mannes mächtig auf. Woher das Geld nehmen, dessen er noch vor Sonnenuntergang benöthigt war? Er hatte vermessen sein Ehrenwort verpfändet. Konnte er also sein Versprechen nicht halten, so blieb ihm nichts weiter übrig, als sich eine Kugel durch das Gehirn zu jagen, und dazu war er fest entschlossen. Sein Eifer am Schreibtisch ist daher erklärlich. Er wollte mindestens versuchen, eine gewisse Ordnung in die ungeheuerliche Vernachlässigung zu bringen, damit bei dem möglichen Fall seines Todes durchzufinden sei.

Es schlug zwei Uhr, als er endlich aufstand und zufrieden mit sich selbst, die Briefe und Acten zusammenband, die er für wichtig genug hielt, um sie mit dem Präfectursiegel vor Mißbrauch zu schützen. Wäre er doch früher schon so vorsichtig gewesen! Danach klingelte er seinem Diener und ließ sich sehr schnell anziehen.

Um halb drei Uhr stand er vor dem Hause eines Mannes, der reich genug war, um ihm helfen zu können. Es kam nur darauf an, ob er ihm helfen wollte. Markland hatte seine Rechnung mit dem Leben geschlossen, deshalb schritt er ohne Furcht und Zagen in dies Haus hinein und verlangte, dem Herrn Wolfstein gemeldet zu werden. Wolfstein war der reichste Banquier der Stadt und mit ihm befreundet. Herr Wolfstein empfing den hochgeehrten Herrn Präfecten mit unverstellter Artigkeit, allein seine Mienen erlitten eine kleine Veränderung, als dieser ihn um ein Darlehn von dreitausend achthundert Thalern bat.

»Sicherheit giebt Ihnen meine brillante Hauseinrichtung,« fügte der Präfect leicht hinzu, um die Wolken der Besorgniß zu zerstreuen, die sich auf Wolfstein's Stirn thürmten.

»Hauseinrichtung, werther Herr?« fragte der Banquier kleinlaut. »Was thue ich mit der Hauseinrichtung, die die Motten fressen? Haben der Herr Präfect kein anderes Pfand? Etwa eine Obligation vom Vermögen der gnädigen Frau Gemahlin?«

»Meine Frau hat kein Vermögen!« sagte Markland sehr kurz, um sogleich jede Erörterung über diesen kitzlichen Punkt abzuschneiden. Das Vermögen Dora's war nämlich schon längst verbraucht. »Wollen Sie mir das Geld nicht auf mein Ehrenwort leihen, so thut es nichts, Herr Wolfstein. Es war nur eine Anfrage, um mein eigenes Gewissen zu beruhigen. Man muß Alles versuchen, bevor man zum Aeußersten schreitet. Leben Sie wohl!«

Er grüßte mit gewohnter Leutseligkeit und Herr Wolfstein erwiederte den Gruß mit der freudigen Ueberraschung, so leichten Kaufes dieser Unannehmlichkeit überhoben zu sein.

Der Präfect verließ das Haus weit langsamer, als er es betreten hatte. Er war um eine Hoffnung ärmer. Er hatte nur noch einen Schritt zum Grabe.

Unschlüssig blieb er einen Moment auf dem Treppensteine des Wolfstein'schen Hauses stehen und bedachte, was zu thun sei. Sollte er noch an eine Comtoirthür klopfen, um eben so wie hier, wegen ungenügender Sicherheit, abgewiesen zu werden? Wozu das? Wozu noch tiefer hinabsteigen, nachdem man tief genug gefallen war?

Und doch blieb er stehen, unschlüssig, ob er eilen solle, sein Leben der Ehre zu opfern. »Der Todte wird bemitleidet, der Lebende wird verdammt, fort!« sagte er endlich zu sich selbst und schritt weiter.

Zwei Männer hatten aber gesehen, daß er mit einem Entschlusse rang, und beiden Männern war es klar geworden, daß seine Anker gerissen waren, daß er planlos auf den Wogen trieb und rettungslos verloren war, wenn ihm nicht Hülfe kam. Der eine der Männer war Wolfstein, der, von Gewissensbissen getrieben, das Fenster öffnete, um dem Präfecten, der so allbeliebt war, nachzuschauen. Der andere Mann war sein Schwager Giseke, der schrägüber in einer Conditorei am Fenster saß und die Zeitung las.

Kaum wendete Markland sein Gesicht, so fuhr Giseke zum Laden hinaus und eilte in Wolfstein's Haus hinein. Wolfstein empfing ihn zitternd.

»Was wollte der Präfect hier?,« fragte der Rath Giseke kurz.

»Halten zu Gnaden – dreitausend achthundert Thaler borgen,« flüsterte er sehr beklommen. »Was thut's mir leid – will ich doch sogleich hinter ihm d'rein, sonst giebt's ein furchtbares Unglück!«

»Sie haben ihm das Geld abgeschlagen?«

»Es war nur wegen der Sicherheit,« stammelte Wolfstein. »Der Herr Präfect brach's Geschäft gar zu kurz ab. Was thut's mir leid! Ich will die Gelder nehmen und sie ihm nachtragen.«

»Thun Sie das! Ich bürge für den Präfecten! Eilen Sie, Herr Wolfstein. Mein Name wird aber nicht genannt! Eilen Sie! Eilen Sie!« drängte Giseke, von Angst erfaßt.

»Gott, was thut's mir leid,« jammerte der Banquier. »Ist's doch ein so lieber Mann, es giebt ein furchtbares Unglück! Ich will's ihm bringen, selbst bringen auch ohne Bürgschaft, ist's doch ein so guter Herr!«

Wolfstein rannte die Treppe hinab, und wäre ganz sicher auf den entgegengesetzten Weg gerathen, wenn der Rath Giseke nicht seinen Arm ergriffen und ihn die Straße hinabgeleitet hätte, die zur Wohnung des Präfecten führte.

»Gott, wenn ich nur nicht zu spät komme,« jammerte der Banquier leise.

»Eilen Sie! Eilen Sie!« flehte Giseke, als er an der Ecke stehen blieb, um von Markland nicht bemerkt zu werden, im Falle er sein Haus noch nicht erreicht hatte. Nur einen Moment warf er spähend seinen Blick die Straße hinab; Markland war nirgends zu sehen.

Niedergedrückt von seinen Befürchtungen schlich er dann den Weg wieder zurück, den er gekommen war. Er hatte erst wenige Schritte gethan, als ein eiliger Tritt dicht hinter ihm hörbar wurde, und ein rasches Athemholen an sein Ohr schlug. Bevor er sich umwenden konnte, flog mehr als er ging, der Greffier Blanchard an ihm vorüber und stürmte in ein Haus hinein, in dem, wie der Rath wußte, der Colonel Leclaire wohnte.

»Blanchard –! Er kömmt von Markland –! Es ist etwas geschehen! Großer Gott, meine arme Dora!« murmelte Giseke. »Es war zu spät! Markland ist das Opfer seines Leichtsinnes geworden!«



Achtes Capitel.
Eine deutsche Magd.

Unterdessen erreichte Blanchard athemlos die Zimmer des Colonels Leclaire und stürzte mit dem Freudenschrei: »Wir haben sie, wir haben sie!« hinein.

Leclaire erhob sich sichtlich überrascht.

»Nun? Und wo fanden Sie die Dame versteckt?« fragte er, schadenfroh die Hände reibend. »Allons, bringen Sie Madame herein. Es ist drei Uhr und zehn Minuten. Um vier Uhr erwarte ich den Präfecten.«

»Ja, Monseigneur, wir haben nur erst die Fährte der Dame,« bekannte Blanchard jetzt zaghaft.

»Narrheit! Darüber machen Sie solch' Aufhebens?« fuhr der Colonel auf.

»Mein Gott, ist das nicht aller Ehren werth, daß ich schon so weit gekommen bin,« meinte Blanchard empfindlich. »War Madame nicht spurlos verschwunden?«

»Nun, und wohin ist sie gebracht worden?«

»Nicht gebracht worden, sondern wahrscheinlich allein gegangen,« erklärte Blanchard. »Denken Sie. Ich bin ihr heute früh, kurz nach sieben Uhr, im vollsten Morgennebel begegnet, ohne sie zu erkennen.«

»Was hatten Sie denn da schon auf der Straße zu thun?« warf der Colonel mißtrauisch ein. »Ich will nicht hoffen, daß Sie schmuggeln.«

»Au contraire! Ich bin der Beistand unserer Mauthbeamten,« behauptete Blanchard mit dreister Lüge. »Genug, ich bin überzeugt, daß es Madame Markland gewesen ist, die ich gesehen habe. Allein es ist mir nicht möglich gewesen zu erkundschaften, wohin sie gegangen ist. Denken Sie! Nun sitze ich vorhin in meinem Bureauzimmer, als ein junger Supernumerar im Tone höchsten Erstaunens erzählt, daß doch jetzt Zeichen und Wunder geschähen. Es wäre einer Bauernmagd am Morgen ein ganzer Anzug gestohlen und am Mittag hätte er wieder vollständig am Nagel gehangen. Und was das Beste bei der Sache wäre, der Dieb hätte einen Thaler, einen wirklichen preußischen Thaler in der Rocktasche stecken lassen. Halt, dachte ich, das ist für mich. Ich fragte lachend, wo denn das passirt sei. Die dummen Knaben hören immer nur halb zu, wenn ihnen etwas erzählt wird. Der Supernumerar wußte nur, daß es in der Stadt passirt sei, wollte mir aber sogleich nähere Nachrichten bringen. Und nun, Monseigneur, kommt das Beste. Denken Sie! Auch dem verkleideten Bauernmädchen bin ich wahrscheinlicher Weise begegnet und zwar auf der Brücke des Westthores.«

»Tod und Hölle, und Sie hielten das Dämchen nicht an?« schrie Leclaire. »Welche Dummheit!«

»O – ho! Hätte ich damals gewußt, daß ein Bauernmädchen bestohlen sei, so würde ich diese kluge Diebin schon besser betrachtet haben,« entgegnete Blanchard mit sichtlichem Uebermuthe. »Was thut's aber zur Sache, daß dies nicht geschehen ist. Wissen wir doch, daß Madame in der Nähe sein und Helfershelfer haben muß, sonst wäre der Bauernanzug mit dem preußischen Silberthaler nicht um Mittag schon wieder an Ort und Stelle gewesen. Nach meiner Meinung hat sich Madame mit oder ohne Bewilligung ihres Herrn Gemahles in ein ländliches Asyl geflüchtet. Ich denke sie dort aufzufinden und es wird nicht allzuviel Mühe kosten. Im schlimmsten Falle stehen uns ja einige Compagnien Soldaten zu Gebote, die auf Ihr gegebenes Commando sämmtliche Dörfer vor dem Westthore durchsuchen können.«

Leclaire lachte boshaft.

»Das giebt einen Hauptspaß, Blanchard, und er soll Ihnen auch ein Vortheilchen abwerfen. Was Sie finden in den Schränken der Bauern, das mag in Ihren Beutel gehen, wenn Sie mir in kürzester Zeit die charmante Schöne abliefern.«

»Der Herr Oberst ist stets die Gnade selbst,« erwiederte Blanchard mit schlecht verhehlter Begierde.

»Jubeln Sie nur nicht zu früh, mein Bester!« spottete der Colonel. »Die Spur von Madame Markland könnte sich doch noch ins Wasser hinein verlieren, wie der Präfect zu fürchten scheint. Schade, daß wir ihm nicht die Ueberraschung bereiten konnten, sie hier wohlbehalten anzutreffen.« Er sah nach seiner Uhr. »Es ist halb vier. Mich soll wundern, ob er ein Cavalier von Ehre ist. Um vier Uhr versprach er hier zu sein, um mir meine siebentausend Francs zu bringen.«

Blanchard horchte nach außen, wo sich ein Geräusch hören ließ.

»So groß ist seine Schuld?« fragte er ganz erschrocken. »Wie will er das beschaffen? Mir hat er nichts gesagt, er liegt bei mir auch schon angebunden!«

»Das schreiben Sie nur in den Wind,« hohnlachte der Colonel.

Blanchard's Lippen umspielte wieder das eigenthümlich dämonische Lächeln, das eine innerliche Sicherheit verrieth.

Das Geräusch draußen erneuerte sich. Ein leichter Männertritt näherte sich der Thür und es klopfte. Blanchard und Leclaire tauschten einen widerlich vertraulichen Blick. Ersterer schlich auf den Zehen nach dem Nebenzimmer, um, wenn es der Präfect sein sollte, ein unberufener Zeuge der folgenden Scene zu werden.

Es war jedoch der Präfect nicht, sondern jener Supernumerar, der die Geschichte mit dem »Bauernanzuge« erzählt hatte. Er öffnete ehrfurchtsvoll die Thür ein klein wenig, als der Oberst »herein« rief und fragte nach dem Greffier Blanchard, der ihn hierher bestellt hätte, wenn er günstige Nachrichten zu überbringen im Stande sei.

Begierig nach den Resultaten dieser Forschung, sprang Blanchard sogleich vor und zog den Schreiber mit sich fort in den Vorsaal. Was er dort von ihm vernahm, veranlaßte ihn, sich unverzüglich bei dem Colonel zu beurlauben und den Weg nach dem Hause einzuschlagen, in welchem der curiose Vorfall sich ereignet hatte.

Wir wissen, daß in diesem Hause der Rath Giseke wohnte. Blanchard wußte dies aber nicht. Wir wissen auch, daß der Rath Giseke der Bruder der Madame Markland war. Allein dem Greffier war auch dies nicht bekannt.

Im Fluge durcheilte Blanchard die Straßen der Stadt, fand ohne Schwierigkeit das bezeichnete Haus und trat in den dunkeln Hausflur ein. Der Zufall begünstigte ihn. Die Eigenthümerin des benutzten Anzuges stand an der Hinterthür und spülte Flaschen.

Es war ein derbes, blühendes, tüchtiges Landmädchen mit rothen Backen und blauen Augen, die nicht allein treuherzig, sondern auch listig in die Welt hineinblickten, mit merkwürdig großen, weißen Zähnen, welche bei der leisesten Bewegung ihrer Lippen charakteristisch hervortraten. Zufällig war dies Naturkind eine ganz gehörige Franzosenfeindin. Ihr erster Blick auf Blanchard sprach schon durchaus keine Willfährigkeit aus, ihm Rede stehen zu wollen. Sie warf ihren Kopf verächtlich in die Höhe und wendete ihm den Rücken zu, indem sie mit heller Stimme das Volkslied zu singen begann:

»Es ritten drei Reiter zum Thore hinaus, ade!«

Blanchard war aber nicht blöde. Er legte seine Hand auf die Achsel des Mädchens und sagte freundlich:

»Guten Abend, Mademoiselle. Sie scheinen ja sehr vergnügt zu sein! Sie haben es auch Ursache. Wenn man bestohlen wird und erhält sein Zeug mit einer Vergütung zurück, so läßt man sich schon gern bestehlen und singt dazu! Nicht wahr, Kleine?«

Die Magd warf ihm über die Schulter einen Blick zu, der nicht von Freundschaft zeugte.

»Ein Franzose ist der Dieb nicht gewesen,« sprach sie schnippisch, »sonst hätte ich meinen Rock und meine Jacke gewiß im Leben nicht wieder gesehen.«

»Ei, das kommt doch darauf an, Mademoiselle,« meinte Blanchard mit schmeichelnder Stimme. »Unter den Umständen, wie Ihnen Ihr Zeug gestohlen wurde, hätte ein Franzose wahrscheinlich einen Napoleond'or in die Tasche gesteckt.«

Die Magd hielt ganz verwundert mit dem Flaschenspülen inne und sah Blanchard groß an.

»Hören Sie, Herr Franzose, was Sie da von Umständen sprechen, das ist anzüglich für mich,« antwortete sie grob. »Machen Sie, daß Sie fortkommen. Denn erstens bin ich Ihre Mademoiselle nicht und zweitens habe ich keine Zeit, um mit Franzosen zu plaudern, selbst wenn sie deutsch sprechen. Da ist die Hausthür, verstehen Sie mich?«

Blanchard lächelte und trat so, daß er ihr Gesicht, vom Abendlicht erhellt, vor sich hatte.

»Wie hübsch der Mademoiselle der Zorn kleidet!« sagte er.

Die Magd warf einige Steinchen in eine Flasche, würdigte den Schmeichler keiner Antwort und rasselte beim Spülen, als wolle sie Pauken und Trompeten übertönen.

Blanchard sprach dessen ungeachtet ruhig fort:

»Was für hübsche Zähne die Mademoiselle hat!«

»Ja, zum Beißen! Nehme sich der Herr Franzose in Acht!«

»Und die Augen könnten als Leuchtkugeln dienen! Mein Gott, was habe ich denn der Mademoiselle gethan, daß sie so böse thut. Ich komme ja nur hierher, um Sie zu fragen, ob Sie Madame Markland kennen?«

Er richtete sein Auge mit durchbohrender Schärfe auf das Gesicht der Magd. Es veränderte sich nicht im Geringsten, zeigte weder Bestürzung, noch Erstaunen, sondern die größtmöglichste Gleichgültigkeit, als sie mit Spülen aufhörte und fragte:

»Wen soll ich kennen?«

»Madame Markland, die Frau unsers Präfecten!« sprach Blanchard sehr deutlich.

»Nein,« entgegnete das Mädchen ruhig. »Die kenne ich nicht!«

»Ist sie nicht heute hier im Hause gewesen? Nicht bei Ihrer Herrschaft vielleicht?«

»Mit keinem Fuße,« sagte sie gleichgültig. »Meine Herrschaft hat keinen Umgang mit vornehmen Damen. Aber gehen Sie doch hinein und fragen Sie selbst nach. Was geht mich denn Madame Markland an? Ich habe mehr zu thun, als zu schwatzen.«

Und sie schüttelte mit Vehemenz ihre Flasche als Accompagnement zu ihrer Rede.

»So ein Franzose, der expreß von Frankreich hergekommen ist, um dem lieben Herrgott die Tage und uns das Geld zu stehlen, der bekümmert sich um Alles. So was ist doch noch nicht dagewesen. Kommt hier hergetreten, frägt nach meinem Rock und meiner Jacke, spricht von Umständen, schimpft mich Mademoiselle und redet mir was von einer Madame Markland vor. Na, Mosjö, machen Sie, daß Sie fortkommen, ich bin Ihre Mademoiselle noch nicht und werde es auch nicht werden, verstehen Sie mich? Ich sage es Ihnen zum letzten Male, da ist die Hausthür! Verstande vous, Mosjö?«

Blanchard murmelte etwas zwischen den Zähnen und entfernte sich schleunigst.

Diese Mühe war vergebens gewesen. Die Magd stemmte ihre Hand in die Seite und schrie ihm nach:

»Was murmelt der Herr Mosjö? Nein, so 'was erlebt der Mensch nicht alle Tage. Das muß ich doch meinem Herrn Rath erzählen, wenn er nach Hause kömmt!«

Der Vorsatz war jedenfalls gut, wurde aber leider an diesem Tage nicht ausgeführt, sondern erst später. Dagegen machte Blanchard beim Hinausgehen die unangenehme Entdeckung, daß der Rath Giseke in diesem Hause wohne, wo er eben resultatlose Recherchen nach der Frau des Präfecten angestellt hatte.

Giseke war eben im Begriffe, auf seine Wohnung zuzubiegen, als er Blanchard aus dem Hause eilen sah. Er winkte ihm. Sein Herz pochte ganz bedeutend, indem er ihn dann fragte:

»Suchen Sie mich, Blanchard?«

»Nein, mein Herr!« erwiederte dieser respectvoll, aber sehr kurz.

»Der Präfect,« sagte Giseke unruhig und zerstreut, denn er wußte noch immer nicht, wie die Sendung Wolfstein's abgelaufen war. »Ich glaubte, der Präfect sende Sie! Was macht er?«

»Ich habe den Herrn Präfecten seit heute früh nicht gesehen!« erwiederte Blanchard eben so kurz. Es verlangte ihn durchaus nach keiner weitern Unterredung mit diesem gefürchteten und gehaßten Manne, deßhalb unterließ er geflissentlich eine Berichterstattung der Ereignisse des Morgens, obwohl ihn seine Schadenfreude dazu anregte. Er zog es vor, die unerwartete Audienz auf der Straße eigenmächtig zu beenden und schleunigst das Weite zu suchen, jedoch nicht, ohne sich durch einen zurückgeworfenen Blick zu überzeugen, daß wirklich der Rath in das Haus trat, das er eben verlassen hatte.

Giseke ging so hastig die Treppe zu seinem Quartiere hinauf, daß er von der Flaschen spülenden Magd nicht bemerkt wurde. Oben angelangt, gab er sich ungestüm dem Ausbruche einer lange unterdrückten Aufregung hin. Die Sorge um das Schicksal des Mannes, der von seiner Schwester stark geliebt wurde, veränderte sein ganzes Wesen. Er hatte schon früher, ehe Markland in seine Familie getreten war, bereitwillig dessen Vorzüge anerkannt und den Ruf seiner Liebenswürdigkeit vollkommen bestätigt gefunden, allein es fehlte dieser Anerkennung die nöthige Achtung, um eine freundschaftliche Annäherung zu vermitteln. Er ging schon damals kaltsinnig an einem Manne vorüber, der mit ihm an einem Gerichte arbeitete. Dann aber, als es Markland späterhin geglückt war, das Herz seiner Schwester Theodora zum Treubruch gegen einen ehrenwerthen Verlobten zu verleiten, war ein gewisser Widerwille an die Stelle der Gleichgültigkeit getreten, der ihn abhielt, das Haus seines nunmehrigen Schwagers zu besuchen.

Der Sorge war es also vorbehalten gewesen, die ersten Regungen von verwandtschaftlicher Neigung in ihm zu wecken. Es wurde ihm von Minute zu Minute ein unerträglicherer Gedanke, dem armen jungen Manne in seinem Unglücke nicht nahen zu können. Eine wunderbare Gemüthsunruhe trieb ihn von einem Orte zum andern und wenn er es sich auch tausendmal vorsprechen wollte, daß Markland sein Schicksal selbst herbeigeführt habe, so zeigte sich sein Herz doch willfährig, ihm Alles zu vergeben, um Dora's willen. Er fand, daß die Bande der Verwandtschaft heilig sind und ihren Zoll fordern, wenn die Noth eintritt.

Giseke war schon im Wolfstein'schen Hause gewesen, hatte aber Herrn Wolfstein noch nicht heimgekehrt gefunden. Wo in aller Welt war der Banquier? Beim Präfecten. Ja, dahin hatte ihn Giseke selbst gehen sehen. Aber was hätte er dort so lange zu thun gehabt, wenn nicht – Er mochte den Gedanken gar nicht ausdenken! Die Ehre verloren, die Frau verloren, rathlos, hülflos, dem Hohngelächter der französischen Officiere preisgegeben. Wer konnte es Markland verargen, mit einer Kugel durch den Kopf seiner Qual ein Ende zu machen?

Dahin wäre es also mit einem Manne gekommen, der vom Glück begünstigt, im fünfundzwanzigsten Jahre eine Stellung errang, wonach verdiente Männer gestrebt hatten! So sollte also eine Ehe enden, die in feurigster Jugendliebe geschlossen worden war! Drei Jahre hatten hingereicht, die Seligkeit bis auf den Grund zu erschöpfen, um sie in bitterer Trauer enden zu lassen. Aber war es denn möglich, das Unglück aufzuhalten, das bergab rollend, dies junge, schöne, leichtsinnige Ehepaar vollständig zu zermalmen drohete?

Giseke konnte die Ungewißheit nicht länger ertragen. Schon griff er entschlossen wieder nach seinem Zobelpelz, um nun direct zum Präfecten zu gehen, da öffnete sich die Thür und Wolfstein trat mit freudestrahlendem Antlitze zu ihm herein.



Neuntes Capitel.
Das Erwachen.

Der Präfect war gerettet. Wolfstein hatte sich mit menschenfreundlicher Beharrlichkeit so lange im Vorzimmer festgesetzt, bis derselbe, bleich und entschlossen zum Aeußersten, heimgekommen war. Es fehlten noch zehn Minuten an vier Uhr. Hinreichend Zeit, um ein Pistol zu laden und es mit dem ersten Glockenschlage der »verhängnißvollen Stunde« an die Stirn zu setzen.

Der Anblick Wolfstein's verjagte die düster'n Bilder, womit er seine Seele zu stählen gesucht hatte. Hoffnungsvoll hob sich sein Blick, der gleich darauf in vollster Dankbarkeit strahlte, als er die benöthigte Summe baar in Händen hielt.

Wolfstein hatte sich eiligst fortgeschlichen. Markland war, wie ein Rasender, nach der Wohnung Leclaire's gestürzt, um noch mit dem letzten Glockenschlage der »verhängnißvollen Stunde« vor ihm erscheinen zu können.

So weit ging Alles gut. Herr Giseke fühlte die Wellen der überreizten Theilnahme sich legen. Wolfstein empfing eine Bürgschaft aus seiner Hand und verließ ihn.

»Er wird nun heute, wie immer, spielen und den kleinen Ueberrest, der ihm vielleicht geblieben ist, als Grundlage eines Gewinnes von beträchtlichem Werthe betrachten. Das ist die gewöhnliche Ausrede der Spieler,« murmelte Giseke, als er sich wieder allein befand. »Ich werde um einige tausend Thaler ärmer und Markland dessenungeachtet nicht reicher werden. Aber es sei darum. Lieber diesen Verlust ertragen, als seinen schmählichen Tod beklagen zu müssen. Ich kann nun ruhig sein. Ist dieser Tag keine Warnung für Markland, so wird er den Tag erleben, wo er es zu spät einsieht, daß sich Gottes Geduld erschöpfen läßt!«

Markland spielte aber nicht. Er saß an seinem Schreibtische und gönnte sich nicht einmal so viel Ruhe, um seine Gedanken auf Dora zu richten. Die Krisis hatte wohlthätig gewirkt und seinem Gemüthe die verloren gegangene Festigkeit wieder verliehen. Sein Entschluß war gefaßt. Noch war es nicht zu spät, seine Geisteskraft konnte das nahe Verderben aufhalten. Weiter ging für jetzt sein Denken nicht. Unmittelbar von Leclaire's Wohnung verfügte er sich in die Präfectur, nahm dort eine oberflächliche Durchsicht der eingegangenen Sachen vor, ließ sich von dem neuen Calculator, der ein Sclave Blanchard's war, den Rechnungsabschluß vorlegen, sagte ihm, daß Blanchard am nächsten Morgen um acht Uhr bei ihm erscheinen sollte und verließ das Lokal so ruhig, als ob nichts geschehen wäre und nichts geschehen würde. Sein Besuch war so kurz, daß keiner der anwesenden Beamten einen geheimen Beweggrund dazu vermuthete. Da er sich hütete, den geringsten Tadel auszusprechen, so ahnte Niemand, daß er beim ersten Blicke die abscheulichsten Veruntreuungen entdeckte, die er natürlicher Weise keinem Andern, wie Blanchard zuschreiben konnte.

Blanchard selbst, der bald darauf im Bureau erschien, hatte nichts Arges. Er sah in diesem Schritte die Folgen eines geheimen Wunsches, das Zerwürfniß wieder ausgleichen zu wollen, welches von Markland's übler Laune herbeigeführt worden war.

Der Präfect arbeitete die ganze Nacht, um sicher zu dem gesattelt zu sein, was er vorhatte. Sein moralisches Unbehagen schwand bei dem Eifer, womit er sich von Neuem seiner Pflicht widmete. Indem er den Muth zeigte, ohne Weiteres seine Gewohnheiten zu ändern, seine Vergnügungen einzustellen, es nicht bei unfruchtbarer Reue bewenden zu lassen, sondern sich mit eisernem Willen zur Thätigkeit anzuspornen, indem er diesen Muth zeigte, bewies er die ihm innewohnende Seelenkraft, die sich elastisch aus den Sturmeswolken erhob, bevor die Schatten des Unglücks, welche auf seinen Lebensweg gefallen waren, ihn gänzlich umhüllen konnten. Dies war jedenfalls das sicherste Zeichen seines Erwachens aus einer Verzauberung, die jede Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit in ihm getödtet hatte.

Es warteten seiner schwere Tage. Er leugnete es nicht, daß er sich in einer sehr bedrängten Lage befand, und daß es seiner ganzen Thatkraft bedürfen würde, um die Schwierigkeiten zu bewältigen, die ihm durch seine Nachlässigkeit erwachsen waren. Aber das war es nicht, was ihm Bedenken einflößte. Damit hoffte er fertig zu werden. Es stand ihm ein anderer, weit gefährlicherer Kampf bevor, der Kampf mit Blanchard, dem gewissenlosesten Beamten seiner Zeit. Nur mit Vorsicht und mit Geistesgegenwart konnte er das Ziel erreichen, das, mit der Entlarvung Blanchard's, auch seine Absetzung möglich machte. Vor allen Dingen mußte er seine Schulden bei diesem gefährlichen Manne tilgen. Die Wolfstein'sche Anleihe setzte ihn in den Stand, dies zu bewerkstelligen und zu diesem Behufe hatte er Blanchard zu sich beschieden.

Pünktlich, wie eine Uhr, stellte sich Blanchard bei dem Präfecten ein und wurde, der neuen Einrichtung zufolge, von seinem Diener pflichtschuldigst gemeldet.

Kaum hatte sich die Thür hinter dem Diener wieder geschlossen, so übergab ihm Markland ohne weitere Umschweife den Betrag seiner Schuld und legte zwei Napoleonsd'or, als Zinsen für die wenigen Wochen, darauf.

Das Geschäft war abgemacht. Blanchard schien entlassen zu sein. Er nahm dies auch an und machte Miene sich zu entfernen. Markland kam dem zuvor, indem er ein Schreiben auseinanderlegte und mit sehr mildem Tone sagte:

»Hier ist ein Gesuch der Firma Wollberg. Man bittet darin um Beschleunigung der Zahlung für geliefertes Oel, die noch vom vorigen Winter restiren soll. Wollen Sie so gütig sein, Herr Greffier, und die Richtigkeit dieser Forderung feststellen lassen?«

Blanchard verbeugte sich höflichst und nahm den Brief. Ein leichter Aerger drückte seine Lippen stärker zusammen.

»Hier ist eine Mahnung des Holzhändlers Vogt. Mir ist aber erinnerlich, daß ich schon vor mehren Wochen die Anweisung unterzeichnet habe. Wollen Sie so gütig sein, Herr Greffier, und diesen Mann abschläglich bescheiden? Den Nachweis liefert wohl die Calculatur.«

Blanchard verbeugte sich nicht, sondern sagte mit verbissenem Groll: »Ich entsinne mich nicht, eine Anweisung erhalten zu haben.«

»Das wird sich ja nachweisen lassen,« entgegnete der Präfect ganz ruhig und sehr sanftmüthig.

»Hier nehmen Sie eine zweite Klage über Nichtbezahlung – hier eine Rechnung des Maurermeisters Böhm – hier – und hier – und hier« – er legte ein ganzes Packet Briefe vor Blanchard hin. »Es wird sich diese Unordnung bei einigem Fleiße noch heute abstellen lassen. Morgen früh um zehn Uhr halte ich Revision und hoffe, dann nichts mehr zu finden, was gegen die Ordnung verstößt. Sie haben wohl die Güte, Herr Greffier, und besorgen, daß es in allen Bureaux bekannt wird. Ich handle nach Principien, wenn ich die Beamten nicht mißtrauisch, wie der Dieb in der Nacht, überfallen möchte. Also morgen früh um zehn Uhr halte ich Revision, verstehen Sie mich?«

Blanchard hätte nicht Blanchard sein müssen, um diese Bestellung nicht als eine Drohung anzusehen. Wüthend gemacht durch den Gedanken, seine kleinen Kapitalien, die er durch Unterschlagung dieser Zahlungen erobert hatte, wieder zurückgeben zu sollen, entfernte er sich eilends mit den Briefen, die seine Schuld glänzend documentirten. Die Entdeckung war zu zeitig gekommen. Er hatte gehofft, daß der Präfect mit gewohnter Trägheit Alles liegen und gehen lassen würde, wie es lag und ging. Die Sache kam aber anders. Hingerissen von seinem Aerger schwor er einen Eid, daß diese Revision am nächsten Tage um zehn Uhr nicht stattfinden solle, so wahr er Blanchard heiße.

Sein Verdruß steigerte sich von Minute zu Minute. Es währte gar nicht lange, so kam er zu dem Gedanken, daß Einer zu viel in der Welt sein möchte, und daß dieser Eine, um seines Glückes willen, diese Welt verlassen müsse. Er sah ein, daß der Revision manche andere Ungelegenheiten folgen würden. Er wünschte, seine Stellung zu behaupten. Der Haß that dann das Uebrige. Genug, sein Entschluß war gefaßt, noch ehe eine Viertelstunde zu Ende ging.

Eine Stunde später erhielt der Präfect Markland ein Briefchen, das von einem Mädchen im Hause abgegeben worden war. Es enthielt in laconischer Kürze die Aufforderung, »sich in den Klosterruinen auf dem Berge einzufinden und zwar nach Sonnenuntergang, weil ihn dort Jemand erwarten werde, der, ihn zu seiner Frau zu führen, von dieser ausgesendet sei.«

Ein Freudenstrahl durchzuckte Markland's Herz. Dora war also in der Nähe geblieben? Er hatte die feste Meinung gehabt, daß sie zu einer Verwandten außerhalb des Königreichs Westphalen geflüchtet sei, um jeder Verfolgung und jeder tyrannischen Willkür zu entweichen.

Die Nachricht hatte durchaus nichts Verfängliches. Er lief auch gar keine Gefahr, wenn seine Zusammenkunft mit seiner Gattin bekannt wurde. Seine Spielschuld hatte er getilgt und daß sich Dora seiner leichtsinnig eingegangenen Verpflichtung zu weigern gedrungen gefühlt hatte, das ehrte ihn und sie. Ganz ruhig war er nicht bei dem Gedanken gewesen, daß er ihr die Freiheit eröffnete, ihn verlassen zu können. Der Leichtsinn der Frauen war ja zu entsetzlich groß. Konnte die schöne, fröhliche, junge Frau nicht auch von dem Gifte des Zeitgeistes durchdrungen sein, der jeden Lebensgenuß heiligte und allen Leidenschaften freien Spielraum bot? Die Erkenntniß ihres inneren Werthes war es hauptsächlich, die ihm die Augen über seine eigene Erbärmlichkeit geöffnet und ihn zur Erhebung aus dem Schlamme der Gemeinheit begeistert hatte. Jetzt sollte er seine Dora wiedersehen! Hochauf schlug sein Herz vor Freude. Es war, als kehrten die Jahre der Liebe zurück, wo er vor Sehnsucht nach ihrem Anblicke zu vergehen meinte. Stunden der Erwartung lagen noch zwischen ihm und diesem Wiedersehen und diese Stunden schienen ihm eine Ewigkeit.

Endlich, endlich ging die Sonne unter. Sie beleuchtete mit ihrem letzten Schimmer drei Männer in verschiedenen Räumen, die sich rüsteten zu einem Gange in die stille Nacht hinaus. Daß der Präfect auf den Flügeln der Liebe zu einem Rendezvous mit seiner Gattin zu eilen im Begriff war, wissen wir schon und wir lassen ihn getrost seinen Weg verfolgen bis auf Weiteres.

Allein es liegt uns die Pflicht ob, die Gründe zu erklären, weshalb es der Rath Giseke für nothwendig hielt, dem rauhen Nordostwinde zu trotzen und einen Spaziergang vorzubereiten, der ihn mit dem schnell weichenden Sonnenlichte zugleich dem Westthore der Stadt zuführen sollte. Giseke hatte einen unruhigen, von Geschäftsinteressen und politischen Nachrichten lebhaft bewegten Tag verlebt. Er war spät Mittags zu Hause gekommen und dann beiläufig von der Erzählung der Hausmagd in einen gelinden Schrecken versetzt worden.

Ahnungslos, wie nahe »ihr Herr Rath«, wie Giseke von allen Hausgenossen benannt wurde, bei dem seltsamen Diebstahle betheiligt war, der die ganze Stadt in Aufruhr brachte, schilderte das Mädchen mit keckem Humor die ganze Scene, welche sie mit dem Greffier, den sie sehr wohl kannte, erlebt hatte. Erstaunt hörte Giseke zu. Es war ihm ein neuer Beweis der raffinirten Schlauheit Blanchard's, daß er auf der Stelle die richtige Auslegung eines sonst unerklärlichen Ereignisses gefunden hatte. Unter diesen Umständen war seine Schwester in ihrem Verstecke nicht mehr sicher. Er beschloß, sich mit dem Untergange der Sonne nach der Bleiche hinauszuschleichen, um Dora zur Vorsicht zu ermahnen und weitere Anordnungen zu einer sichern Flucht zu treffen.

Außerdem war es dem Rath Giseke gerüchtsweise zu Ohren gekommen, daß der Oberst Leclaire an einem der nächstfolgenden Tage ausrücken wolle, um in den nahe liegenden Dörfern fouragiren zu lassen. Dieses Gerücht hatte ungeheuere Sensation erregt und war Anlaß zu vielen Befürchtungen geworben. Die ganze Gegend war von den bedeutenden Brandschatzungen ausgesogen. Natürlich zitterten die Bürger bei solchen Nachrichten weniger für das Wohl der Dorfbewohner, als für ihr eigenes. Sie fragten jeden Beamten um Rath, wehklagten schon im Voraus und machten damit die Sache nicht besser. Auf diese Weise vernahm auch Giseke von den Maßregeln Leclaire's das, was man sich einbildete, allein nach der Erzählung seiner Hausmagd wußte er sogleich, daß Leclaire die Streitkräfte der französischen Armee zu seinen Privat-Interessen zu verwenden beschlossen hatte.

Dora mußte fort, ehe der Trommelschlag die Helden zusammenrief, die ein wehrloses, deutsches Weib in die Arme ihres Befehlshabers liefern sollten. Und um seine Schwester zu warnen, hüllte er sich in einen unscheinbaren Mantel, drückte ein kleines Barett von braunem Pelz tief in die Stirn und schritt eifrig dem Westthore zu.

Kurz vor ihm war ein Mann ebenfalls in einem unscheinbaren Mantel, mit einer braunen Pelzmütze, über die Brücken des Westthores gegangen und hatte den Weg nach den Klosterruinen eingeschlagen. Während dieser erste Wanderer sich oberhalb hielt und sogleich nach den verödeten Mauern, die am höchsten lagen, zusteuerte, verlor sich der zweite Wanderer in dem Wege, der am Rande der Ruinen hinlief und sich allmälig nach dem Strome zusenkte. Wir wissen, daß von dort aus ein schmaler, kaum sichtbarer Wiesenpfad nach der Bleicherei ging, und wir erkennen also in diesem Wanderer den Rath Giseke, der sich sorglos in allerlei Gedankenspiele vertiefte, worin sich sonderbarer Weise das holde Bild des Calculator-Töchterchens anmuthig verwebte.

Der Wanderer, welcher sich ganz oben hielt, war natürlich der Präfect Markland. Er sah in seinem geflissentlich einfachen Wintercostüme dem Rathe sehr ähnlich, obwohl er sonst weit schlanker erschien und etwas Affectirtes in Haltung und Gang hatte, das dem Rathe durchaus abging. Sie waren gleich groß, hielten sich Beide stolz und gerade, und was den Unterschied zwischen ihnen ausmachte, das verbarg der graue weite Mantel und die dicke Pelzmütze.

Blanchard, der dritte der abendlichen Spaziergänger, war einen einzigen Moment zu spät am Thore angelangt. Er hatte deshalb den Präfecten nicht vorüber gehen sehen, sondern folgte dem Rathe, in der sichern Ueberzeugung, sein Opfer vor sich zu haben.

Während der Zeit war die Sonne gesunken, ein ungewisses Licht hüllte alle Gegenstände ein und verwandelte sich mit der gewöhnlichen Schnelle eines Spätherbsttags in Dunkelheit, bevor die drei Männergestalten noch die Ruinen auf dem Berge durchschritten hatten.

Blanchard's Phantasie war so ruhig und unbewölkt, als ginge er auf Tugendpfaden. Sein Gehirn arbeitete nur an einem Plane, wie er am nächsten Tage die Zeit und die Gelegenheit benutzen wolle, bevor – er lachte beinahe laut auf dabei – die Revision begann. Seine Wuth hatte sich den Tag über nicht vermindert, sondern war, wie Quecksilber in einer Thermometerröhre, gestiegen bis zum Siedepunkte. Er redete sich ein, daß er gegründete Ursache habe, den Präfecten zu hassen und daß er nur zu dem Mittel erlaubter Gegenwehr greife, wenn er einen Mann aus dem Wege schaffe, der seinem Glücke entgegenhandele. Natürlich war er der Verfasser des laconisch abgefaßten Briefchens gewesen, das er aber keineswegs in der Absicht geschrieben, dem Präfecten ein Rendezvous mit seiner Gattin zu bereiten. Für den Augenblick wußte er den Aufenthalt Dora's selbst noch nicht, war aber gar nicht abgeneigt, sich der Expedition anzuschließen, die der Colonel Leclaire in blindem Eifer wirklich ausgeführt wissen wollte, obgleich Blanchard's Hoffnungen auf Erfolg seit seinem Besuche bei der Flaschen spülenden Hausmagd sehr gemäßigt waren.

Die Dunkelheit nahm zu. Nur Augen, die daran gewöhnt waren, vermochten im Sternenlichte die Gegenstände zu unterscheiden und nur wer den Weg genau kannte, war im Stande, am Abhange des Hügels sicher zu sein, daß er dem Strome, der sich mit seinen schneebedeckten kleinen Eisschollen geräuschvoll dahin wälzte, nicht zu nahe kam.

Giseke kannte den Weg. Er wußte genau die Stelle, wo er sich rechts ab vom Strome nach den Wiesen wenden mußte. Eine Gruppe von Weidengestrüpp und verkrüppelten Erlenbäumchen bezeichnete die Wendung des Weges. Unmittelbar hinter diesem Gesträuche floß der Strom, etwa achtzehn Fuß tiefer, und die Wellen des Hochwassers hatten hier eine Höhle gebildet.

Blanchard kannte diese Stelle sehr gut. Es war das Versteck der Schmuggler, denen er hier die Sachen abnahm, um sie in dem Hause des Acciseeinnehmers, der sein Helfershelfer war, so lange aufzuspeichern, bis er sie in die Stadt bringen konnte. Blanchard wußte auch sehr gut, daß seit einigen Tagen diese Höhlung unter Wasser stand und vermuthete, daß bei dem schnellen Wachsen des Stromes das Wasser bis unter die Bäume getreten sein müßte.

Wenn auch sein Plan nicht gerade auf diesen Zufall gebaut war, so benutzte er doch mit der Entschlossenheit eines guten Feldherrn die Veränderungen seines Terrains und machte sich bereit, das auszuführen, weshalb er seit einer Stunde dem einsamen Wanderer vor ihm auf Tritt und Schritt folgte, immer in dem Glauben, Markland vor sich zu haben.

Der Rath Giseke ahnte nichts von seiner Verfolgung. Sein gutes Gewissen hatte verhindert, daß er sich umsah und umherspähte. Still in sich versunken, von einem Glücke träumend, das er niemals zu erreichen glaubte, ging er vorwärts. Als er auf dem Flecke angelangt war, wo er stehen geblieben, um seine Schwester mit den Augen bis an ihr Asyl zu verfolgen, richtete er seinen Blick mit Interesse hinab auf die Bleicherei. Tiefe Dunkelheit umhüllte die Hütten, nirgends ein Licht, überall eine Ruhe, als wohne dort nirgends ein Mensch. Nur von fern, aus dem letzten und größten Häuschen, das sich seine Phantasie aber denken mußte, schlich sich ein unsicherer Schein bis zu ihm hin. Dort weilte seine Schwester, dort fand er den ehrlichen Mann, dem er seine arme Dora anvertraut hatte. Dort leuchtete ihm das Ziel, auf das er muthig zusteuerte. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, als er dies dachte, es war das Lächeln freudiger Erinnerung.

»Marie« flüsterte er. »Ob sie meiner wohl gedacht hat?«

In diesem Augenblicke hörte er ein Geräusch hinter sich. Eine Faust packte ihn. Mit der Kraft der Verzweiflung fühlte er sich seitwärts geschoben, sein Fuß glitt vom Wege hinab, ein Schuß krachte hinter ihm – mit einem gewaltsamen Rucke vorwärts gedrängt, fand er sich zwischen dem Gesträuche, das Wasser rauschte, es schlug über ihm zusammen. Unter dem letzten Schimmer von Bewußtsein hörte er das Frohlocken eines Teufels, der auf Französisch rief: »Wünsche guten Appetit! Nun halten Sie Revision, so viel Sie wollen!«

Giseke versank. –



Zehntes Capitel.
Durch Nacht zum Licht.

Mittlerweile hatte der Präfect mit steigender Lebhaftigkeit die Mauern des alten Klosters umkreist, war in die halb zerstörten Pforten getreten, um zu lauschen, ob im Innern Jemand seiner warte, und hatte dann den Weg eingeschlagen, der sich späterhin mit dem vereinigte, welcher zu den Wiesen führte.

Je länger er vergeblich spähete, desto fieberhafter wurde seine Erwartung. Er kannte das Terrain nicht genau genug, um sich in die labyrinthischen Windungen des alten Gemäuers zu wagen. Es war überhaupt nicht recht geheuer in diesen Ruinen, die durch die Zerstörungswuth der Franzosen entstanden waren. Es sollten viele Gemächer des Gebäudes noch in bewohnbarem Stande geblieben sein und, von der Feuersgluth verschont, jetzt zu Zusammenkünften von Dieben und Schmugglern benutzt werden.

Der Präfect erinnerte sich dessen, indem er langsam und vorsichtig den Fußpfad hinabstieg, der sich neben der Einfassungsmauer, die ganz unversehrt dastand, bequem ausgetreten entlang zog. Die Dunkelheit trat immer rascher ein. Nur einzelne Sterne leuchteten am Himmel. Sie gaben einen Schimmer von Licht, sonst nichts; und Markland beschloß eben, sich wieder hinauf zu begeben, um auf der Spitze des Hügels ruhig die Ankunft des Boten abzuwarten, der ihn zu seiner Gattin führen sollte, als ganz nahe bei ihm ein Schuß fiel und gleich darauf ein fürchterliches Hundegebell von der Bleicherei herdrang, dem sich wehklagendes Gekreisch von Menschenstimmen anschloß. Einzelne Lichter tauchten unten auf den Wiesen auf. Fragen erschallten bis zu ihm hinaufdringend. »Die Franzosen kommen!« erklang es von allen Seiten. Darauf beruhigten sich die aufgeschreckten Menschen wieder, die Lichter verschwanden, die Hunde schwiegen und die todtenhafte Ruhe, die vorher geherrscht hatte, trat wieder ein.

Markland aber war während dessen unaufhaltsam bis zu der Stelle vorgedrungen, wo er den Blitz des Schusses hatte aufleuchten sehen. Eine Gestalt stürzte, in verdächtiger Eile, unweit seines Weges vorüber und verlor sich in der Dunkelheit, während der Schall menschlicher Tritte noch länger hörbar blieb und den Beweis lieferte, daß Jemand das Weite suchte.

Von schweren Ahnungen geleitet, furchtlos der eigenen Gefährdung trotzend, eilte der Präfect bis zu der Stelle, wo die Sträucher und Bäume ihm den Weg verschränkten. Hier blieb er rathlos stehen. Er kannte den Weg nicht, der sich von hier aus aufwärts und abwärts zog, er wußte nicht, daß dies Gesträuch zur Sicherung des Wanderers angepflanzt worden war, daß ihm der Strom hinter diesem Strauchwerk entgegengähnte. Ihm war es, als hörte er ein Geräusch zwischen den entlaubten Bäumen. Es däuchte ihm, als würde dies Geräusch geflissentlich unterdrückt, so wie er näher trat. Der Gedanke an eine Missethat entstand in seiner Seele. Die Flucht eines Menschen und das sichtliche Bemühen eines zweiten Menschen, sich hier zu verstecken? Der Gang seiner Ideen erschien ihm zu natürlich, um einen Irrthum zu fürchten.

»Was ist hier vorgegangen?« fragte er, entschlossen bis zum Gestrüpp herantretend und seine Augen anstrengend, um irgend etwas dazwischen zu entdecken.

»Markland! Markland, sind Sie es?« fragte eine Stimme mit dem Ausdruck der höchsten Verwunderung aus dem Gestrüpp hervor, und man sah die Aeste und Zweige desselben von den Anstrengungen erzittern, die ein Mensch machte, um sich hervorzuarbeiten.

»Ja,« antwortete der Präfect. »Ich bin der Präfect Markland! Was ist hier geschehen? Wie kann ich Ihnen nützen? Wo sind Sie?«

»Helfen Sie mir, Markland. Treten Sie an den Baum. Schlingen Sie Ihren rechten Arm fest um denselben und reichen Sie mir Ihre Linke. Ich sehe Sie gegen das matte Funkeln des Sternenhimmels ganz deutlich. Eilen Sie. Ich erstarre sonst vor Kälte in dieser Wasserpfütze.«

»Im Wasser sind Sie? Allmächtiger Gott! Es wurde geschossen! Sind Sie auch verwundet?« fragte Markland, während er eiligst den Vorschriften des Fremden folgte und ihm seine Hand entgegenstreckte. Diese Hand wurde ergriffen, und unterstützt durch diesen Beistand gelang es dem Rath Giseke, sich vorwärts zu arbeiten und in wenigen Minuten den Rand des Wasserbeckens zu erklimmen.

»Giseke!« schrie Markland entsetzt auf, indem er die stattliche Gestalt betrachtete, die sich vor seinen Augen heraushob. »Irre ich mich? Mein Schwager Giseke!«

Der Rath bebte vor Frost. Seine durchnäßten Kleider froren ihm in demselben Augenblicke am Leibe fest, wo er dem Wasser entstiegen war. Noch einige Minuten, und er wäre dem Eindringen der Kälte erlegen gewesen.

»Kommen Sie!« rief Markland, allen Widerwillen und allen Haß gegen seinen Schwager vergessend. »Kommen Sie! Wir müssen uns im Trabe zur Stadt zurückbegeben, damit Sie nicht erstarren. Kommen Sie!«

»Nein. Folgen Sie mir lieber hier den Fußpfad hinab zu jenen Bleicherhütten. Wir sind dorthin der Hülfe und Wärme näher. Mir ist schlecht zu Sinne, Markland, sehr schlecht! Ohne Ihren Beistand wäre ich schon todt.«

Er nahm Markland's Arm und führte ihn sicher die kurze Strecke des Hügels hinab bis zu den Wiesen.

»Uebereilen Sie sich auch nicht, Giseke?« fragte im Weitergehen Markland. »Sind Sie sicher, dort willfährige Hülfe zu finden?«

Hätte der Präfect sehen können, so würde er in dem Gesichte seines Schwagers, trotz seines Unbehagens ein leichtes Lächeln bemerkt haben.

»Fürchten Sie nichts. Ich führe Sie zu guten Leuten!« antwortete er rasch.

»Sind Sie verwundet? Ich hörte schießen?«

»Ich glaube. Wir werden ja bald sehen, ob es Blut oder Wasser ist, was mir von den Haaren meines Kopfes hinabträufelt. Nur fort, schnell fort, ehe mir die Kräfte schwinden. Das gefrorne Zeug ist mir abscheulich unbequem!«

»Was war denn der Grund dieses Abenteuers, bester Giseke,« forschte Markland theilnehmend. »Wurden Sie angefallen, um beraubt zu werden?«

»Nein. Es scheint mir eine Rache zu sein.«

»Haben Sie Verdacht, wer auf Sie geschossen hat?«

»Gewißheit, Markland. Gewißheit! Es war Blanchard, der mich jählings überfiel, der auf mich schoß und mich von dem Abhange ins Wasser stieß.«

»Blanchard!« rief der Präfect mit plötzlicher Ahnung. »Was haben Sie mit diesem Schurken zu thun gehabt, daß er Rache üben wollte?«

»Ich weiß es nicht! Vielleicht that er es aus Vorsicht für alle Fälle. Er rief mir zu, daß ich nun so viel Revision halten könne, wie ich wolle!«

Markland blieb wie vom Blitze getroffen stehen und preßte krampfhaft den Arm seines Begleiters.

»Großer Gott, Giseke;« stammelte er, »dann hat der Anfall mir gegolten! Sie haben für mich den Todeskampf gekämpft; ich wollte morgen, zur Aufdeckung aller Unredlichkeiten, Revision halten und hatte dies dem Greffier angekündigt.«

Giseke fühlte sich merkwürdig bewegt. Welch' eine wunderbare Fügung Gottes sprach sich in dieser Verkettung aller Umstände aus! Warf vielleicht der Wille des Höchsten damit endlich die Schranken nieder, die zwischen ihnen sich gebildet hatten? Die Sorge um Markland hatte, wie wir früher andeuteten, die consequente Kühle seines Herzens schon wesentlich geändert. Es bedurfte nur noch dieses Abenteuers, um ihn bis zur brüderlichen Theilnahme zu entflammen.

»Der Schurke hat uns Beide zu fürchten,« meinte er leise.

»Nein, Giseke, zweifeln Sie nicht! Sie sind statt meiner sein Opfer geworden!« rief der Präfect leidenschaftlich bewegt.

»Nun, so haben wir uns Beide das Leben gerettet, Markland,« entgegnete der Rath gerührt. »Wir wollen dies als einen Fingerzeig Gottes ansehen und künftighin in brüderlicher Nachsicht und Einigkeit miteinander leben!«

»O, Ludwig, Ludwig, wenn Du das wolltest, wenn Du mir, als mein Freund, auf dem Wege der Umkehr liebreich beistehen wolltest?« sprach Markland in tiefer, ernster Rührung.

»Ich will Dich lieb haben, Philibert!« antwortete Giseke. »Du bist der Gatte meiner Schwester, ich will in Wahrheit Dein Bruder sein!«

Eine feierliche Pause heiligte dies Versprechen, das unter eigenthümlichen Verhältnissen gegeben wurde. Beide Männer schwiegen, weil sie von ihren Empfindungen übermannt waren und sie brachen ihr Stillschweigen nicht eher, bis sie dem einsamen Lichte auf der Bleicherei so nahe gekommen waren, daß es sich als zwei erleuchtete Fenster eines etwas hoch gelegenen Häuschens erwies.

»Jetzt haben wir das Ziel unserer Wanderung erreicht,« sprach der Rath im Flüsterton.

»Es ist hohe Zeit, armer Ludwig,« entgegnete Markland. »Ich fühle, daß Du ermattest. Wie ist Dir zu Muthe?« Er bog sich theilnahmvoll vor, um beim ersten Lichtschimmer, der sein Gesicht streifte, sein Mienenspiel zu prüfen. »Du blutest!« fügte er schaudernd hinzu. »Dein Gesicht ist mit Mut überströmt, wo fühlst Du die Wunde?«

»Die Kugel muß dicht unter dem Rande des Pelzbaretts meinen Kopf gestreift haben,« erklärte Giseke. »Glücklicher Weise hatte ich dies, der Kälte wegen, so fest auf den Kopf gedrückt, daß ich es selbst bei dem ersten Angriff, der sehr unvermuthet geschah, nicht verlor. Ich habe die Kopfbedeckung sogleich beim ersten Schimmer von wiederkehrender Geistesgegenwart fest über die Wunde geschoben, um die Kälte abzuhalten. Gefährlich ist's nicht, darauf kannst Du Dich verlassen! Jetzt folge mir Schritt auf Schritt. Wir müssen einige Stufen hinauf, so mir recht ist.«

Der Rath tappte voran. Markland folgte. So erreichten sie Beide die Hausthür, die Giseke mit einiger Behutsamkeit öffnete. Ein Hund schlug an. Die Stubenthür wurde aufgeworfen und des Calculators schlanke, steife Gestalt im großblumigen Schlafrocke erschien auf der Schwelle, die kleine grüne Lampe in der Hand, womit er unverzüglich dem Rathe ins Gesicht leuchtete.

»Der Herr Rath,« sagte im gleichen Augenblicke eine weibliche Stimme aus dem Hintergrunde des Zimmers.

»Mein Bruder?« warf eine zweite Stimme fragend ein, und die Fragerin eilte dem Eingange zu. Theodora wurde erst den Augen der Außenstehenden sichtbar, als sie mit einem Schreckensschrei hinzufügte: »Um Gotteswillen, wie siehst Du aus? Man hat nach Dir geschossen? Wir hörten den Schuß.«

Jetzt fielen ihre Blicke auf die Gestalt ihres Gatten. Ehe man wußte, wie es geschehen war, hing sie an seinem Halse, von ihm ans Herz gepreßt, geküßt und festgehalten, als wisse er nun erst, daß es außer ihr kein rechtes, wahres Glück gäbe.

»Du hier?« fragte er zwischendurch. »Hier verbargst Du Dich, Dora?«

Sie vergaßen Beide in dem Entzücken eines unvorbereiteten Wiedersehens, daß es neben ihnen einen Bruder gab, der für sie blutete.

Glücklicher Weise zeigte sich Marie etwas weiser. Noch ehe das überglückliche Ehepaar wieder zu sich kam, hatte sie rasch die Pelzmütze entfernt und mit einem Schwamme und Wasser das Blut vom Gesichte Ludwig's abgewaschen, um die Wunde untersuchen zu können.

»Gott sei Dank!« rief das junge Mädchen hoch erfreut. »Es ist nur eine Streifwunde!«

Durch diesen Ausruf aus ihrer Versunkenheit aufgeschreckt, stürzte Dora auf ihren Bruder zu und umschlang ihn mit beiden Armen. Einige Worte Markland's hatten sie von der Sachlage des überstandenen Abenteuers hinlänglich unterrichtet. Thränen standen in ihren Augen und eine tiefe, leidenschaftliche Erschütterung zeigte sich in dem Blicke, den sie, wie ein stilles, festes Gelöbniß auf ihn heftete.

»O, wie danke ich Dir, mein Bruder, mein theurer, lieber Ludwig,« flüsterte sie unter den Zeichen ihrer zärtlichen Anerkennung. »Wie soll ich's Dir versüßen, was Du statt Philibert leiden mußt!« Sie legte ihre Lippen auf die blutende Stelle. »Gott wird Dir schon einen Lohn bereiten, der Dich beglückt, Du Theurer,« flüsterte sie noch leiser und überließ ihn dann der Samariterhand der geschickten Marie, die mit Pflastern und Binden herzutrat, um die Wunde zu verbinden.

Giseke sah schnell zu ihr auf. Waren es die bedeutungsvollen Worte Dora's oder war es die lange in ihm schlummernde Neigung für das reizende Mädchen, das sich ganz unbefangen seiner Pflege widmete, die plötzlich zur Flamme in ihm wurde – genug, ein neues Leben durchströmte ihn bei der sanften Berührung ihrer Finger, und das Verlangen nach ihrem Besitze entsprang so plötzlich und überwältigend in seiner Brust, daß er nur mühsam seiner Empfindungen Herr wurde, als Marie unschuldig ihr Gesicht zu ihm neigte und mit liebkosendem Tone fragte: ob die Wunde noch sehr wehe thue. Er bezwang sich, allein seine Augen mochten geredet haben, denn Marie wich verschüchtert zurück, die Gluth jungfräulicher Verlegenheit auf den Wangen.

Ludwig benutzte den ersten Moment, der ruhig genug war, um die Wichtigkeit seiner Mittheilung gelten zu lassen, zu dem Berichte einer Depesche, die er früh Morgens von einem seiner Freunde erhalten hatte. Es war die Bestätigung des schon mehre Tage umlaufenden Gerüchts, daß Moskau durch Feuer vernichtet und daß dadurch die Lage des Kaisers Napoleon eine verzweifelte geworden sei.

»Es knüpfen sich an diese authentische Nachricht so große Hoffnungen auf endliche Erlösung von der Herrschaft Napoleon's,« sprach Giseke mit dem Tone feuriger Begeisterung, »daß es gut sein wird, sich innerlich zu diesen Veränderungen zu rüsten.«

Der Präfect sah nachdenklich vor sich nieder. Er verlor mit der Herrschaft Napoleon's sein Amt, das ehrenvoll und einträglich war. Machte sich Deutschland frei, so gingen die französischen Anordnungen unter und das Amt eines Präfecten zerfloß, wie die Illusion eines Traumes. Er verstand sehr wohl, was sein Schwager mit seinen letzten Worten sagen wollte. Wahrlich, es hatte wohl kein Mensch so nöthig, als er, sich innerlich zu diesen Veränderungen zu rüsten!

»Versprichst Du Dir nicht zu viel von der Wendung dieses russischen Feldzuges?« fragte er endlich kleinlaut. »Jahrelange Siege lassen sich von einer Niederlage nicht vertilgen.«

»Wenn die Niederlage total ist, scheint mir des Herrn Rath Hoffnung gegründet,« meinte der Calculator. »Nur traue ich den Siegesliedern der Preußen nicht recht.«

»Meine Nachrichten kommen direct aus dem Osten,« flüsterte der Rath, vertraulich zu dem alten Herrn geneigt. »Schon Ende October hat Napoleon, mit allen seinen Berechnungen gescheitert, die eingeäscherte Stadt verlassen, um sich nach Polen zurückzuziehen. Er dachte dort in aller Seelenruhe die Winterquartiere zu beziehen, allein die Rache der Russen verfolgte ihn auf Tritt und Schritt.«

»Schon Ende October?« fragte der Calculator ganz erstaunt. »Davon müssen die französischen Besatzungen hier gar nichts erfahren haben.«

»Mindestens haben sie es nicht geglaubt, wenn ihnen irgend etwas zu Ohren kam. Uebrigens hat der Kaiser Napoleon jetzt selbst eingesehen, daß er sich weder in Rußland, noch in Polen würde behaupten können. Das französische Heer befindet sich auf dem Rückzüge. Murat soll Wilna als Winterquartier beziehen, um die Grenze zu bewachen. Mein Correspondent zweifelt, daß er sich dort halten werde, denn man munkelt von einer entsetzlichen Katastrophe an der Berezina. Ganz gewiß und sicher sind die Nachrichten darüber noch nicht. Der General von York, welcher die Truppen befehligt, die als Hülfsmacht von Preußen gestellt werden mußten, soll sich wiederholt darüber geäußert haben, daß er nur die Bestätigung der französischen Unfälle erwarte, um sich sogleich den Russen anzuschließen. Er hat sich mit dem französischen Befehlshaber, dem Marschall Macdonald, dergestalt überworfen, daß es zu gegenseitigen Klagen bei der Oberbehörde gekommen ist.«

»Wo cantonnirt diese Heeresabtheilung?« fragte der Präfect.

»In Kurland. Beide Generale der vereinigten Truppen haben ihren Stab in Mitau. Glaubt es mir, meine Freunde, wenn uns Gott nicht verläßt, so können wir uns einer freudigen Hoffnung überlassen. Der Zeitpunkt ist da, wo sich unser König aus den Verträgen mit einem der übermüthigsten Sterblichen herauslösen kann.«

»Ob aber zum Heile seiner Unterthanen, das ist fraglich, lieber Bruder,« sagte Dora.

»Meine gute Schwester,« erwiederte der Rath bewegt, »unser König hat zum Heile seiner Unterthanen Vieles gethan, Vieles geduldet und gelitten, ohne ihnen damit geholfen zu haben, denn der Bonaparte zahlte nie den Preis, um den sich der Monarch gedemüthigt hatte. Jetzt muß er der Gewalt eine Gegengewalt entgegensetzen. Der Plan ist längst fertig, er harrt nur der günstigen Zeit. Verläßt der General v. York die französischen Adler und bestätigt sich die Nachricht von der furchtbaren Vernichtung des französischen Heeres in Rußland, so kann sich Macdonald weder in Kurland, noch in Preußen halten. Alliirt sich der König von Preußen nun mit dem Kaiser von Rußland, so sind wir sicher, daß die Franzosen im Sturme aus dem Lande kommen.«

Der Präfect schüttelte bedenklich den Kopf.

»Deine Begeisterung führt Dich irre, Giseke,« sagte er lächelnd. »Glaubst Du, die Besatzungen werden das Feld ohne Schwertschlag räumen?«

»Nein, das glaube ich nicht und eben darum muß jedweder Mann in Deutschland sich innerlich rüsten, um auf der Stelle nützen zu können, wo er gerade steht!« rief Giseke mit erhobener Stimme. »Das gesammte Volk muß aufstehen. Wer sein Blut dem Vaterlande nicht weihen kann, der mag sein Gut ihm opfern. Es gilt Mann zu werden! Der Geist muß aus der Erfahrung ein neues Leben schaffen, und wie der Phönix aus der Asche, glänzend aus dem Drucke der Erniedrigung und Demüthigung erstehen. ›Glück auf! Mit Gott für König und Vaterland,‹ sei die Devise, die jeder in der Brust trage. Ein Theil des Volks möge nach außen wirken, der andere Theil im Innern schaffen, die Fesseln müssen zerbrochen werden!«

Mariens Blick hing in glühender Begeisterung an dem lebhaft bewegten Sprecher. Sie begriff ihn, obwohl sie in einer Sphäre aufgewachsen war, wo man Demjenigen zu huldigen pflegt, der die Existenzmittel hergiebt. Ihr Einverständniß mit dem enthusiastischen jungen Manne war sichtlich, allein eben so deutlich trat auch die stupide Gleichmüthigkeit des Calculators und die verlegene Stimmung des Präfecten hervor. Es hieß doch wirklich sein eigenes Haus einreißen, wenn er diesen Ansichten beitreten wollte.

Dora schwankte noch in ihrem Urtheile. Auf der einen Seite hatte sie Grund, ihrer persönlichen Interessen wegen, die Veränderung aller Verhältnisse zu wünschen, aber auf der andern Seite stellte sich mit dem Ende dieser Wirthschaft zugleich das Ziel ihrer glänzenden Lebensstellung in nicht vortheilhaftem Lichte dar. Die bedenkliche Miene ihres Gatten that ihr weh. Sie schmiegte sich zärtlich an seine Brust und sagte mit tröstendem Tone:

»Vertrauen wir Gott, mein Philibert! Sieh, ich habe von diesem lieben Kinde gelernt, daß man Gott und seinem Vater gehorchen, daß man dem Befehle und dem Zorne Gottes und des Vaters sich demüthigen müsse. Wir wollen dieser Lehre anhangen mit ganzem Herzen! Wenn unser Bruder Ludwig mit seinen Weissagungen Recht behält, so stürzen wir! Gut, warten wir das nicht ab! Treten Wendungen ein, die Dich in Deiner Stellung compromittiren, so gesellst Du Dich zu Denen, die, wie Ludwig sagte, ›nach außen wirken.‹ Du trittst in die Reihen der Befreier; ich will darüber nicht murren, sondern Dich segnen!«

»Du hast das Rechte gefunden, was mich erheben kann!« rief der Präfect neu belebt. »Hier, Bruder Ludwig, meine Hand zum Pfande, ich bin der Erste, der sein Blut auf den Altar des Vaterlandes legt, da ich kein Gut zu opfern habe!«

Giseke sprang auf und legte seine Arme um ihn.

»Du bist besser, als ich gedacht habe; vergieb meine Zweifel. Schweigen wir, bis es Zeit ist zu reden, und warten wir, bis die Noth zum Handeln auffordert. Ich bin das Organ unseres Bundes für diese Provinz, Markland; ich werde Deinen Namen mit freudezitternder Hand noch heute der Stammrolle vaterländisch gesinnter Männer einverleiben. Nun aber drängt es uns zum Aufbruche,« setzte er nach einem kurzen Schweigen hinzu.

»Dora ist hier, wie in der Stadt bedroht. Was beschließest Du über ihren Aufenthalt?«

Markland sah zärtlich auf seine Frau nieder. Er war unschlüssig.

»Lassen Sie die gnädige Frau ohne Sorge hier,« sprach der Calculator beruhigend.

»Wenn aber der Oberst Leclaire seinen übermüthigen Entschluß ausführen sollte?« warf der Präfect besorgt ein. »Wenn er seine Soldaten wirklich aussendet, sie zu suchen?«

»So ist hier im Hause ein Versteck, wo Niemand sie findet!« erklärte Rüdiger. »Kommen Sie und überzeugen Sie sich. Sie werden es drüben in Madame's Zimmer in Augenschein nehmen können.«

Marie ergriff schnell ein Licht und leuchtete den Herrschaften vor.

Dora schüttelte sehr zweifelnd ihr Haupt. In ihrem Zimmer ein Versteck? Darauf war sie denn doch neugierig.

Der Calculator sah erst vorsichtig nach, ob auch die Vorhänge gehörig geschlossen waren und öffnete dann einen kleinen Wandschrank, der Marien zur Aufbewahrung ihrer sehr einfachen Garderobe diente. Er ließ die Kleider und Mäntel wegnehmen, trat dann in den Schrank hinein und zog einen kleinen Eisenstab aus der Rückwand des Schrankes. Nachdem er dies vollführt hatte, drückte er an die Wand und es bot sich den Augen der überraschten Zuschauer ein kleines, etwa acht Fuß großes, viereckiges Gemach dar, in welchem nur ein Koffer stand, der wahrscheinlich die Ersparnisse und Kostbarkeiten des alten Herrn enthielt.

»Mein Gott, wie sind Sie darauf verfallen, solch ein Versteck zu schaffen?« fragte Dora lebhaft, indem sie hineinsprang und sich darin umsah.

»Nicht ich, sondern die frühere Besitzerin ist die Gründerin desselben,« berichtete der Calculator, sich mit steifer Höflichkeit gegen den Rath wendend. »Sie erinnern sich vielleicht, mein Herr Rath, daß Sie als Referendar eine Untersuchung wegen Diebstahls führten. Es war der Bleicherin Rüdiger, der dieses Haus gehörte, eine Menge der kostbarsten Damastgedecke gestohlen und zwar in der Nacht, wo sie, als fertig gebleicht, vom Rasen aufgenommen und im Hause verwahrt waren.«

Der Rath nickte zustimmend. Es war ihm damals gelungen, den Dieben auf die Spur zu kommen und sie auf's Zuchthaus zu bringen.

»Meine Muhme, von diesem Unglücke gewitzigt, ließ sich darauf diesen Wandschrank anlegen und ich selbst habe die Einrichtungen so gemacht, wie Sie es hier sehen. Seitdem verwahrte sie die kostbaren Webereien immer hier und selbst in dem schlimmsten Kriegstumult hat sie hier ihre besten Sachen und ihre Vorräthe verborgen, ohne daß es einem Plünderer gelungen wäre, das Versteck zu entdecken. Sie selbst hat einmal eine ganze Woche darin verborgen gesessen, aus Furcht vor den Franzosen.«

»Ich würde mit Dora hineinretiriren,« flüsterte Marie. »Dem Herrn Vater thut der französische Oberst schon nichts zu Leide.«

Nachdem Jeder einzeln in das Kämmerchen getreten war und sich überzeugt hatte, daß es räumlich und luftig genug zu einem zeitweiligen Zufluchtsorte sei, da es oberhalb der Mauer ein kreuzförmiges Luftloch enthielt, was mit Steinen versetzt, ganz beliebig geöffnet werden konnte, so wurde nach einer kurzen Berathung der Entschluß gefaßt, Dora unter dem Schutze des wackern Calculators zu lassen. Sie war sicherer hier, als in der Stadt, vor beleidigenden Zumuthungen geschützt, und die Nähe ihres Aufenthaltortes machte schleunige Hülfe möglich, im Falle man etwas riskiren sollte, was sie gefährdete.

Einige Minuten später verabschiedeten sich beide Männer, Markland mit schwerem Herzen, Giseke mit einer Herzlichkeit und Wärme, die Marien sehr viel Stoff zum Denken gab.

Die Stille der Nacht lag auf den Fluren, als sie hinaustraten und sich über die Wiesen nach dem Hügel begaben, worauf das alte Kloster düster und gespenstisch seine Trümmer gegen den Sternenhimmel erhob. Stumm schritten sie dahin. Kein Laut sollte als Verräther über ihre Lippen gehen, um jede Nachforschung, die von Blanchard oder Leclaire angeordnet sein könnte, unnütz zu machen. Nur bei den Weidenbäumen standen sie einen Moment still und Giseke murmelte kaum hörbar:

»Er gedachte es böse mit uns zu machen, aber Gott leitete es zum Guten!«

In der Nähe des Thores trennten sie sich. Markland hüllte sich tief ein und gab sich geflissentlich die Haltung eines alten Mannes. Giseke aber hob sein Gesicht so viel wie möglich aus der Pelzmütze empor und blickte sich scharf nach allen Seiten um. Er wußte, daß Blanchard des Abends stets auf der Straße zu finden war. Seine Voraussetzung täuschte ihn auch nicht. Blanchard strich dicht an ihm vorüber, erkannte ihn, blieb stehen und sah ihm nach. Mit welchen Empfindungen, das wird uns erst dann vollständig klar werden, wenn wir Alles kennen gelernt haben werden, was inzwischen geschehen war.

Unmittelbar nach der Ausübung seines Mordversuches begab sich Blanchard in die Stadt und eilte zum Quartiere des Oberst Leclaire, um neue Ränke zu schmieden.

Wir wissen, daß ihm eine große Summe Geldes sicher war, wenn er die Frau des Präfecten ausfindig machte, und wir wissen, daß ihm ein wesentlicher Vortheil aus den Maßregeln erwachsen konnte, die der Colonel auszuführen beschlossen hatte. Er fand aber seinen Gönner in höchst übler Laune, die unstreitig einen tieferen Grund hatte, als eine verunglückte Liebelei mit einer Frau. Grimmig, wie ein Wolf, schritt der Officier in seinem Zimmer auf und nieder, ein Papier mit den Fingern zerknitternd, welches ganz das Ansehen einer Depesche hatte.

»Was wollen Sie?« schrie er Blanchard an. »Ein Mensch, wie Sie, ist gar nicht zu gebrauchen! Gehen Sie! Ich will mit Ihnen nichts zu thun haben! Machen Sie, daß Sie fortkommen, das ist der beste Rath, den ich Ihnen geben kann. Ihre Zeit ist abgelaufen!«

»Monseigneur!« stammelte Blanchard, der gar nicht wußte, wie ihm geschah. Daß es sich um mehr handelte, als um die Demüthigung eines Spielgenossen, der in blinder Uebereilung seine eigene Gattin auf eine Karte gesetzt hatte, sah er alsbald ein. »Womit habe ich den Unwillen des Herrn Obersten verdient?«

»Was? Sie fragen noch? Wozu werden Sie denn vom General du Marlé bezahlt? Wozu hat man Sie hier, uneingedenk Ihrer scheuslichen Antecedentien, placirt? Etwa, um Ihnen ein Vergnügen zu machen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, zu den kleinen Mordthaten, die Sie auf Ihrem Gewissen haben, noch größere hinzuzufügen?«

»Monseigneur!« rief Blanchard mit affectirter Entrüstung, wurde aber bleich, wie der Tod.

»Schweigen Sie!« donnerte Leclaire. »Sie haben es wieder bewiesen, daß Sie ihren eigenen Interessen nachgehen und Ihrer übernommenen Pflicht gar nicht gedenken! Hier sehen Sie den Beweis Ihrer Nachlässigkeit! So etwas kann nicht passiren, wenn man einen pflichtgetreuen, umsichtigen Spion anstellt, statt eines Schurken.«

Blanchard griff begierig nach dem zerknitterten Briefe, den der Oberst ihm zuwarf.

»Damit ist ein Kerl ergriffen, der sich zu dem Rath Giseke hinaufgeschlichen und ihn, im Entrée versteckt, erwartet hatte.«

»Rath Giseke?« wiederholte Blanchard, bevor er den Brief noch angesehen, sehr befremdet und einigermaßen beruhigt. »Rath Giseke?«

»Ja, ja!« brauste der Officier wieder wild auf. »Sie haben mit der Nase davor gestanden, Sie Dummkopf, und haben nichts gerochen! Nach diesem aufgefangenen Briefe ist Giseke der Emissair der Preußen.«

»Der Rath Giseke!« wiederholte Blanchard nochmals mit allen Anzeichen einer Verwunderung, die an Freudigkeit grenzte. Seine Augen überflogen den kurzen Brief, der zwar nicht an den Rath Giseke adressirt, aber in seiner Wohnung aufgefangen war, während Leclaire in seinem Referate fortfuhr:

»Wenn nicht der Hauswirth Giseke's diesen Boten als einen Dieb angesehen hätte, so würden wir, vermöge Ihrer Dummheit, noch lange im Dunkeln über die Thaten des saubern Herrn Emissairs getappt haben. Und gerade er erscheint als ein gefährlicher Feind unserer Regierung, da er die allgemeine Achtung genießt!«

»Freilich, freilich!« unterbrach ihn der Greffier mit einer entsetzlichen Schadenfreude in Blick und Geberde. Dieser Rath Giseke war ihm stets ein Dorn im Auge gewesen. Es hatte ihm eine dunkle Furcht denselben als den Richter und Rächer seiner Thaten gezeichnet. Daher kam es, daß er grundsätzlich jede Begegnung mit ihm vermied. Jetzt war er seiner Gewalt verfallen, wenn, was er gar nicht bezweifelte, die französischen Officiere jeden officiellen Angriff vermeiden und den Delinquenten einer stillen Rache überantworten wollten. Die vagen Gerüchte von dem russischen Feldzuge hatten ebenfalls längst ihr Ohr erreicht, und wenn der ganze Umfang des grausigen Mißgeschicks auch noch nicht bis zu ihnen gedrungen war, so regten doch die erhaltenen Nachrichten allerlei Besorgnisse auf, die sie zum raschen Handeln zwangen. Auf diese Umstände stützte Blanchard seine zum Verderben Giseke's rasch entworfenen Plane, indem er eiligst hinzufügte:

»Wir müssen uns seiner schnell entledigen, Herr Oberst!«

»Damit sind Sie immer gleich zur Hand! Aber Sie vergessen, daß Sie uns nicht zum Henker, sondern zum Spion dienen sollen. Was mögen wir versäumt haben, während Sie blind neben dem ›Organ des Bundes‹, wie es hier im Briefe heißt, herliefen. Einem tüchtigen Kundschafter mußte es gar nicht entgehen, daß nur wichtige Gründe die geheime Triebfeder eines gehässigen Zerwürfnisses mit Markland's Frau sein konnten.«

Blanchard horchte verlegen dieser Eröffnung. Giseke und Markland's Frau? Zerwürfnisse? Er glaubte nicht recht verstanden zu haben.

»Wovon wissen Monseigneur?« fragte er, um doch etwas einzuwenden.

»Du Marlé hat mir die Augen geöffnet!« schrie Leclaire. »Jedes Kind auf der Straße weiß es ja, daß des Präfecten Frau eine geborne Giseke ist!«

Mit starren Blicken betrachtete Blanchard den Officier.

»Das wissen Sie auch nicht, Sie Dummkopf,« höhnte dieser.

Blanchard schlug sich hart vor die Stirn. Der Faden zur Aufklärung der Flucht, den er im Hausflure bei der Flaschen spülenden Bäuerin verloren hatte, lag ihm jetzt so nahe zur Hand, daß er ihn ohne Mühe ergreifen konnte. Er verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, wie es Teufeln nicht besser gelingen würde

»Madame Markland – Giseke's Schwester? Das ändert die Sache,« murmelte er.

»Ja wohl ändert das die Sache, und wir brauchen jetzt weder einen Spion, noch einen Henker, um diese Sache zu Ende zu bringen. Der General hat gelacht wie ein Satyr, als ich ihm Ihre verfehlte Untersuchung in Giseke's Hause mitgetheilt habe. Er hat mir versprochen, ohne daß ich Ihnen den hohen Sündenlohn zu zahlen brauchte, bis morgen Abend den Aufenthalt der schönen Dora zu ermitteln. Er hat gelacht wie ein Kobold über meine und Ihre Dummheit, und hat mir, als erstes Debüt seines Spions diesen Brief übersendet, welchen der Hauswirth Giseke's dem als Dieb ergriffenen Kerl abgenommen hat. Sie sehen also, daß ich Sie nicht mehr gebrauche. Fort mit Ihnen! Ihre Zeit ist abgelaufen! Fort! Fort!«

Blanchard leistete jedoch diesem Befehle einen klugen Widerstand, indem er die Schwächen des Officiers benutzte, um ihn freundlicher zu stimmen. Er dehnte seine Mittheilungen über unerheblichere Dinge so lange aus, bis Leclaire seinen Groll etwas vergessen hatte, und als er ihn endlich verließ, da trug er eine geheime Vollmacht zu jedweder Unthat mit sich heim. Jetzt wird ein Jeder begreifen, mit welchen Empfindungen er dem Rath Giseke, der stolz und frei an ihm vorüberging, nachblickte. Er war in seinen Augen das nächste Opfer, das von seiner verruchten Hand dem Tode überliefert werden sollte. Markland und Giseke! Er rieb sich teuflisch vergnügt die Hände und eilte fort.



Eilftes Capitel.
Die Haussuchung.

Als der Rath Giseke müde und von einem leichten Fieberanfalle, den er in Folge seines überstandenen Abenteuers spürte, einigermaßen erschöpft, seine Wohnung erreichte, war die erste Neuigkeit, die ihm die Hausmagd mehr entgegenschrie, als rief, daß der Dieb, welcher ihren Anzug gestohlen und wiedergebracht habe, endlich gefangen und von einer Ordonnanz des Generals du Marlé, die gerade zufällig vorübergegangen wäre, sammt dem Briefe mitgenommen sei, den der Kerl als Vorwand gebraucht und vorgezeigt habe, als er vom Hauswirthe oben attrapirt sei.

Ein ahnungsvoller Schrecken durchfuhr den Rath. Er verlor indeß seine Fassung nicht, sondern erwiederte mit Leutseligkeit:

»Das ist gut, mein Kind. Aber an wen war denn der Brief gerichtet? Es konnte dem armen Kerl am Ende Unrecht geschehen?«

Das Mädchen lachte.

»Eben der Brief hatte gar keine Aufschrift und der Kerl sagte kluger Weise, der Brief sei für den Herrn Rath Giseke bestimmt.«

»Lächerlich!« erwiederte Giseke freundlich, obwohl er ganz richtig ahnte, was dies bedeuten könne und es ihm dabei keineswegs heiter ums Herz war. »Wer an mich zu schreiben hat, muß den Brief auch an mich adressiren.«

Das Gespräch war unten im Hausflure begonnen und beim Hinaufsteigen auf der Treppe, die das Mädchen mit ihrer Küchenlampe erleuchtete, fortgesetzt.

»Das sagte meine Herrschaft auch,« fiel die Magd treuherzig ein.

»Habt Ihr denn nicht nachgesehen, was in dem Briefe stand?« inquirirte der Rath weiter.

»Ja wohl! Der Armeegendarm hat ihn flugs aufgerissen und Alles gelesen.«

»Was stand denn drinnen?« fragte Giseke gleich gültig, aber sein Herz pochte. Er hätte für's Leben gern den Inhalt gewußt, um zu unterscheiden, wie weit er dadurch compromittirt werden konnte.

»Ja, das weiß ich nicht!« betheuerte das Mädchen gleichgültig, indem sie die Thür aufschloß. »Geheizt finden Sie die Stube schon, Herr Rath,« plauderte sie mit derselben Unbefangenheit weiter. »Nun will ich Ihnen schnell Licht besorgen. Wollen Sie meine Lampe so lange hier behalten?«

»Nein, mein Kind,« erwiederte der Rath schnell, denn er hatte während des Hinaufsteigens schon einen Entschluß gefaßt, den er nicht allein seiner Sicherheit wegen, sondern auch der Rettung von Tausenden wegen auf der Stelle ausführen mußte, damit es nicht zu spät werde. Er ahnte, daß er beobachtet wurde. Er ahnte, daß nicht zehn Minuten verfließen würden, ohne eine Durchsuchung seiner Papiere herbeizuführen. Er ahnte, daß der erste Lichtstrahl in seinem Zimmer das Signal zu diesem Angriffe sein würde, also mußte er die betreffenden Papiere zu vernichten suchen, bevor man ihn in seinem Zimmer vermuthete.

Mit einer raschen Wendung schloß er sein Schreibpult auf, nahm ein Packet heraus, warf es behutsam in den Ofen, worin noch einige Holzscheite glimmten, trat dann nochmals an das Pult, tappte suchend mit der Hand nach einigen Briefen umher, fand sie, zählte sie blindlings und schickte sie eben so behutsam dem helllodernden Packete nach.

So wie er dies vollführt hatte, trat die Magd mit den beiden brennenden Lichtern ein und meldete bestürzt, es sei so eben ein französischer Officier ins Haus getreten, von einer Menge Soldaten begleitet, der nach ihm frage.

Giseke lächelte, warf jedoch einen sehr zufriedenen Blick nach dem Ofen, worin die Beweise seiner Schuld eben verkohlt zusammensanken.

»Soll ich nachlegen?« fragte das Mädchen, diesen Blick bemerkend.

»Jetzt nicht«, sprach Giseke. »Hilf mir den Mantel ablegen. So. Nun hänge den Mantel unten am Feuer auf. Er ist naß.«

In diesem Momente stampften ein Dutzend Flintenkolben auf den Fußboden des Vorsaales, und die nur angelehnte Thür wurde heftig aufgerissen.

»Im Namen Sr. Majestät des Königs Jerome von Westphalen verlange ich Gehorsam von Ihnen und Antwort auf alle meine Fragen!« schrie ein eintretender junger Officier in französischer Sprache.

Der Rath trat ihm höflich entgegen und legte etwas mehr Verwunderung in sein Mienenspiel, als er wirklich fühlte.

»Was verschafft mir die Ehre dieses Besuches?« fragte er ebenfalls französisch mit so gewinnendem Tone, daß der stürmische Franzose zur Besinnung zu kommen schien.

»Mein Herr Rath, ich muß Sie leider zur Aufklärung einer Sache mit einigen Fragen behelligen.«

»Die Fragen werde ich, so weit es meine Ehre und die Würde meiner Stellung erlaubt, sehr gern beantworten. Was wünschen Sie von mir zu wissen?«

Der Officier winkte. Ein Armeegendarm trat vor. Er führte am Arme einen gut gekleideten Mann aus dem Bürgerstande, der todtenbleich und zitternd kaum gehen zu können schien. Giseke blickte zu ihm hin und holte, ganz verstohlen, sehr tief und sichtlich erleichtert, Athem.

»Kennen Sie diesen Mann, mein Herr Rath?« fragte der Officier mit anständigem Ernste.

»Nein,« antwortete Giseke sehr bestimmt. Er kannte ihn wirklich nicht.

Der Officier, welcher gar nicht deutsch sprach, aber es handlich gut verstand, winkte dem Gendarmen, der sofort den armen zitternden Menschen auf Deutsch anfuhr:

»Blicken Sie auf und sagen Sie mir, wer der Herr ist, der vor uns steht!«

Der Bürger blickte gehorsam auf und richtete sein vor Angst ganz erloschenes Augenpaar auf den Rath, der ihn gespannt fixirte.

»Ich kenne den Herrn nicht!« murmelte der Bürger.

»Sprechen Sie deutlich!« herrschte der Gendarm ihn an. »Was sagten Sie?«

»Ich kenne den Herrn nicht!« antwortete er nochmals, nun sehr deutlich.

»Das ist der Rath Giseke, an den Sie den Brief abgeben wollten.«

»So?« fragte der Bürger. »Ich habe nie seinen Namen gehört und nie sein Gesicht gesehen,« setzte er mit zitternder Stimme hinzu und sah, wie verdummt starr vor sich hin.

Giseke fühlte Mitleid mit dem armen Menschen, allein seine eigene Sicherheit verlangte, daß er sich jeder Einmischung enthielt, also schwieg er.

»Sie haben doch zu dem Hauswirthe, der Sie hier oben im Vorsaal abfing, gesagt, Sie wollten einen Brief an den Rath Giseke abgeben?«

»Nein, das habe ich nicht gesagt!« erklärte der Bürger ziemlich muthig. »Ich habe dem Manne, der mich einen ›verfluchten Spitzbuben‹ schimpfte, nur geantwortet, daß ich einen Brief an den Herrn, der hier wohne, abgeben solle.

»Wo ist denn dieser Brief?'« warf Giseke jetzt, sorglos lächelnd, ein. »Vielleicht klärt der Brief Alles auf, was die Herren zu wissen verlangen.«

»Hier ist der Brief,« rief der Officier, mit spöttischer Bereitwilligkeit einen sehr zerknitterten, großgefalteten Brief hervornehmend und ihn dem Rathe hinreichend.

Giseke bemeisterte mit aller Geisteskraft, die ihm zu Gebote stand, seine innerliche Unruhe und durchlas das Blatt Papier. Eine leichte Blässe, der ein gutmüthiges Lächeln folgte – das war Alles, was der durchbohrende Blick des Armeegendarmen zu entdecken vermochte.

»Verstehen Sie, was im Briefe steht?« fragte er den Gendarmen leichthin. »Die ganze Geschichte scheint mir eine Mystification zu sein.«

»Meinen Sie,« sprach der Gendarm, noch immer mißtrauisch seinen Blick auf ihn heftend.

Giseke hob das Blatt wieder zu seinen Augen empor und las laut: »Das Uebermaß der Schmach wird Deutschland retten und dem Volke Kraft verleihen, seine Unterdrücker zu vernichten und zu verjagen, so sprach das Organ des Bundes und unsere Herzen wurden entflammt. Aber warum zögert der Bund? Die Russen hungern die Franzosen aus – Moskau liegt in rauchenden Trümmern – das Treibjagen durch die Schneewüsten hat begonnen. – Derselbe Mann, der den Plan zu diesem unvergleichlichen Brande entwarf, derselbe Mann giebt dem Bunde den Rath, aufzubrechen und Herrn N. an der russischen Grenze in Empfang zu nehmen. Ob man ihn lebend, als Schaustück oder todt, gleich dem gespießten Eber, durch die Länder schleifen will, darüber ist später weiter zu berathen!«

Giseke hatte ruhig den Inhalt des Briefes, der natürlich ohne Unterschrift war, abgelesen. Als er fertig war, hob er sarkastisch lächelnd seinen Blick empor und sagte:

»Das hat ein Wahnsinniger geschrieben! Wer wird solche Worte aufs Gerathewohl in die Welt senden, die noch dazu jedes Zusammenhanges entbehren.«

Der Armeegendarm, als eigentlicher Ankläger, ließ jetzt sein Mißtrauen ein klein wenig schwinden.

»Fragen Sie doch den Bürger, wer ihm den Brief gegeben hat?« begann Giseke nach einem kleinen Stillschweigen. Dieser antwortete ungefragt.

»Ein Mann hat mich auf dem Wege hieher, nicht weit vom Dorfe Berau, angeredet und mir gesagt, daß ich den Brief hier im Hause, er bezeichnete es mir genau, an den Herrn abgeben solle, der eine Treppe hoch wohne. Der Herr würde mich glänzend belohnen. Wenn der Herr nicht zu Hause sein sollte, so hätte ich auf dem Vorsaal so lange zu warten, bis er käme, denn nur in seine Hand dürfe ich den Brief abliefern, wenn ich die Belohnung verdienen wolle.«

»Beschreiben Sie uns den Mann!« sagte Giseke ruhig,

»Er war groß und mager, hatte langes Haar, einen schwarzen Sammtrock an und sehr große Stiefeln –«

Giseke zuckte verächtlich die Schultern. »Ein Studentenstreich!« sprach er spöttisch.

Der Armeegendarm trat verlegen zurück. Er war überzeugt, im Eifer fehlgegriffen zu haben. Für ihn stellte sich nun der französische Officier wieder in die Schranken. Er hatte so ziemlich Alles verstanden oder doch errathen, wollte aber sein Licht, als Repräsentant der executiven Gewalt, noch glänzen lassen.

»Kennen Sie die Handschrift nicht, mein Herr Rath?« fragte er hastig.

»Auf Ehre nicht!« erklärte Giseke.

Der Officier dachte eine Secunde nach.

»So wenig Gründe des Verdachtes sich auch zeigen,« begann er dann mit ceremoniellerem Tone als bisher, »so muß ich dennoch, kraft meiner Ordre, eine ganz specielle Haussuchung nach geheimnißvollen Papieren, die diesem Briefe gleichen könnten, unternehmen. Wollen Sie gefälligst Ihr Schreibpult öffnen und mir dann alle die Behältnisse zeigen, wo sich irgend dergleichen, wie wir suchen, befinden könnte?«

»Mit Vergnügen! Ich weiche der Gewalt und übergebe Ihnen hiermit alle meine Schlüssel. Sie werden mir erlauben, daß ich mich in meinem Sopha niederlasse, um mich auszuruhen. Man hat mir schon heute nach dem Leben getrachtet, und der Blutverlust hat mich erschöpft.«

Der junge Officier sah ihn ungläubig an. »Nach dem Leben getrachtet?« wiederholte er. »Sie scherzen wohl nur, mein Herr Rath!«

»Keineswegs,« antwortete Giseke, sich kaltblütig im Sopha hinstreckend. »Man hat mich zweifach ums Leben bringen wollen, es ist aber, wie Sie sehen, nicht gelungen.«

»Um Sie zu berauben?«

»Schwerlich.«

»Also wegen persönlicher Feindschaft?«

»Oder aus Irrthum! Ich werde dem Procurator morgen die betreffende Anzeige machen, um den unerklärlichen Mordversuch aufklären zu lassen.«

Unterdessen er sprach, hatte der Officier mit Hülfe des Gendarmen, der seinen Gefangenen wieder unter Obhut der draußen stehenden Soldaten gegeben hatte, alle Schubladen des Schreibpultes durchkramt und nichts Verdächtiges gefunden. Schon wollte er den Deckel des Bureaus schließen, als ein eingeklemmtes Blatt seine Aufmerksamkeit erregte.

»Halten Sie!« rief er dem Gendarmen zu. »Nehmen Sie das Papier aus der Spalte und sehen Sie nach. Es scheint mir ein Brief.«

Giseke rührte sich nicht auf seinem Sopha, aber ein eiskalter Schauer überlief seinen ganzen Körper. Sollte er in der Dunkelheit nicht alle Briefe zusammengerafft haben? Möglich war es. Er lauschte mit allen Sinnen. Das Papier war tief eingeklemmt. Man bemühte sich vergeblich, es aus der Ritze zu ziehen. Endlich gelang es. Mit einem Freudenschrei hob es der Officier heraus. Giseke fühlte, hörte und sah kaum vor Beklemmung, als er schrie: »Danzig gestempelt!« Das war der Brief, aus welchem er die Nachrichten geschöpft, die er draußen bei dem Calculator mitgetheilt hatte. Unglücklicher konnte der Zufall nicht spielen, denn er enthielt fast dieselben Worte, wie der aufgefangene anonyme Brief.

»Danzig? Wie? Danzig? Herr Rath, wollen Sie mir gefälligst erklären, mit wem Sie in Danzig correspondiren?«

»Ich habe dort eine verheirathete Schwester,« antwortete Giseke ausweichend, aber auf Alles gefaßt.

»Wollen Sie mir aber gefälligst erklären, was diese Buchstaben auf dem Siegel bedeuten? G. M. U.?«

»Es wird der Namenszug meines Schwagers sein,« meinte Giseke voller Resignation.

»Wollen Sie mir gefälligst den Brief ausantworten, der in diesem Couvert gesteckt hat?«

Giseke richtete sich froh überrascht in die Höhe. Er dämpfte jedoch seine Stimme, indem er sagte:

»Steckt denn der Brief nicht im Couvert? Ja, das thut mir leid. Ich pflege überhaupt meine Briefe nicht sorgfältig zu verwahren und hebe sie selten auf, weil ich einen Brief als den Abdruck einer Seelenstimmung betrachte, die schon längst verflogen ist, wenn ich diesen Abdruck erst zu Gesicht bekomme. Es thut mir wahrlich leid, obwohl es mir andererseits lieb ist, daß ich dadurch die fehlerhafte Orthographie meiner guten Schwester nicht ans Tageslicht gebracht sehe,« schloß er scherzend.

Von diesem Momente an suchte der Officier sehr oberflächlich und sehr nachlässig. Er hätte aber auch nichts gefunden, und wenn er mit Vergrößerungsgläsern gesucht hätte. Außer dem unglücklichen Couvert, gestempelt mit Danzig und gesiegelt mit »Gott Mit Uns!« hatte Giseke durch glücklichen Handgriff Alles vertilgt, was mit dem aufgefangenen Briefe übereingestimmt haben würde.

Endlich traf der Franzose Anstalt, das Zimmer mit seinem Untergebenen zu verlassen. Er verbeugte sich militairisch artig und bedauerte, den Herrn Rath gestört zu haben.

»Aber mein Herr, so wenig Gründe zum Verdachte nach dieser Haussuchung auch vorliegen, so muß ich doch, meiner Ordre gemäß, eine Wache vor Ihre Thür stellen und Sie bitten, Ihr Zimmer bis auf Weiteres nicht zu verlassen.«

Giseke hatte dies erwartet, deshalb störte es seinen Gleichmuth durchaus nicht. Aber er fühlte sich unwohl. Seine Wunde am Kopfe brannte. Fieberschauer durchwühlten seinen sonst sehr kräftigen Körper. Er wünschte aus mehr als einem Grunde seinen Arzt zu sprechen.

»Ich muß über mich ergehen lassen, was Ihr Commandeur anzuordnen für gut findet,« antwortete er. »Sie erlauben mir aber den Einwurf, daß ich mich in Folge meiner erhaltenen Wunde krank fühle und daß die Wunde bis dahin nur oberflächlich verbunden ist. Ein Arzt wäre mir unumgänglich nothwendig, darf ich mir meinen gewöhnlichen Doctor holen lassen oder wollen Sie mir einen Ihrer Feldärzte schicken? Geben Sie der Wache darüber Befehle, damit nichts Gesetzwidriges geschehen kann.«

Der Officier sah die Ordonnanz und die Ordonnanz sah den Officier an. Sie waren Beide von Giseke's Unschuld überzeugt. Sein ganzes Benehmen flößte ihnen Achtung und Respect ein. Was war auch zu fürchten, wenn einem Doctor Einlaß zu ihm gewährt wurde? Er sollte ja, nach du Marlé's eigenem Ausspruche, vorläufig nicht in Haft genommen, sondern nur bewacht werden. Um seine aufsteigenden Scrupel vollständig zu beseitigen und sich vor aller Verantwortung sicher zu stellen, verlangte der Officier die Wunde des Rathes zu sehen. Er fand die Verletzung hinreichend gefährlich, um die Hinzuziehung eines Arztes vertreten zu können und gab ohne Einschränkung die Erlaubniß, einen solchen holen zu lassen.

Das Zimmer wurde geräumt und der Rath blieb allein. Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich seiner. Er war zwar für's Erste jeder Gefahr entronnen, wenn sich nicht irgend etwas ereignete, was die Kette eines Zusammenhanges zu knüpfen im Stande war; allein der arme, unschuldige Bote, der von einem exaltirten Bundesgenossen leichtsinniger Weise hineingezogen, und nun der ganzen Wuth der französischen Generalität preisgegeben war? Er zermarterte sein Gehirn mit Plänen zu dessen Rettung. Sein Tod war gewiß, wenn man ihm nicht Gelegenheit zur Flucht verschaffen konnte. Die Franzosen zauderten nicht lange. Mit Untersuchungen, die die Unschuld eines Angeklagten ermitteln konnten, hielten sie sich nie auf, also war das Urtheil dieses unglückseligen Bürgers schon gesprochen im Augenblicke, wo man ihn gefaßt hatte.

Giseke wurde immer unruhiger. Sein Gewissen machte ihm Vorwürfe, wiewohl er sich sagen mußte, daß sein Eingeständniß demselben gar nichts gefruchtet haben würde. Sein Blut begann fieberhaft zu wallen und stieg ihm in den Kopf. Als der Doctor Herzmann, ein Vertrauter aller seiner Gedanken und Pläne, eintraf, da war er zwar dem Delirium sehr nahe, aber er hatte mit Aufbietung aller Geisteskräfte ein Mittel zur Rettung des Bürgers gefunden. Bestürzt erkundigte sich der Doctor, was vorgefallen sei, denn die Wache, welche so lange im Vorsaale verweilt hatte, trat mit ihm zugleich in's Zimmer und faßte an der Thür Posto. Giseke tauschte nur einen Blick mit ihm aus, weiter war nichts nöthig, um den Doctor sogleich zum Verständniß seiner Lage zu verhelfen.

»Ich bin durch Irrthümer aller Art Staatsgefangener,« antwortete er gleichzeitig laut genug, um von dem Soldaten, der jedenfalls kein Stockfranzose war, verstanden zu werden. »Das sollte mich aber nicht kümmern, Doctor, wenn man mir nicht außerdem eine Kugel durch den Kopf gejagt und mich jählings in's Wasser gestürzt hätte.«

»Sie phantasiren wohl, liebster Herr!« rief lachend der Doctor, indem er seinen Puls fühlte.

»Beinahe sollte ich es selbst glauben, Doctor! Der Beweis ist aber da. Es ist eine Thatsache!«

»Haben Sie keinen Verdacht, wer auf Sie geschossen hat?« forschte der Doctor, als er sich von dem Vorhandensein einer Wunde überzeugt hatte.

»Freilich habe ich Verdacht! Ich scheine einem Schurken im Wege zu sein. Nicht allein, daß man mir nach dem Leben trachtet, man spinnt auch Intriguen aus. Ich denke, mich morgen wohl genug zu befinden, um meine Anklagen zu Protocoll geben zu können, und mit Hülfe des Generals du Marlé hoffe ich die Spuren des Verbrechers dergestalt zu verfolgen, daß wir vielleicht einer tief angelegten Verschwörung begegnen, der ich im Wege stehe. Es ist nämlich ein Mann hier im Hause verhaftet, der einen vollkommen unverständlichen Brief bei sich getragen hat. Ich wette, dieser Mann weiß mehr von der Sache, wie er sich das Ansehen giebt. Und wenn man es versteht, ihn kirre zu machen, so wird er schon seine Genossen verrathen. Lieber Doctor, Sie machen mir aber große Schmerzen,« unterbrach er sich. Ein verstohlener Seitenblick hatte ihn überzeugt, daß der wachstehende Franzose so gut deutsch verstand, wie er selbst und daß seine hingeworfene Rede Eindruck machte.

Verräthereien und Spionagen wurden damals vortrefflich bezahlt. Rath Giseke überließ sich mit Zuversicht der Hoffnung, daß diese Schildwache Alles versuchen werde, um den Tod des Bürgers so lange zu verzögern, bis er geplaudert hatte.

»Halten Sie nur still, mein Herr,« bat der Doctor, der Alles begriff, was er begreifen sollte. »Ich muß Ihre Locken aus der Wunde entfernen. Hätten Sie einen Zopf getragen, wie sonst, so wäre Ihnen dieser Schmerz erspart,« setzte er launig hinzu. »Wenn man den Kerl, der so dumm gewesen ist, sich in Verschwörungen einzulassen, nur ordentlich verwahrt, damit er nicht entwischt. Die Nächte sind jetzt sehr dunkel und so ein Kerl weiß den Weg besser, als die Soldaten, die nicht heimisch sind.«

»Sie werden ihn hoffentlich in den Sebastiansthurm gebracht haben, das beste Gefängniß, was die Stadt besitzt. Bombenfeste Mauern und stark vergitterte Fenster. Aber Doctor, Sie gehen ja grausam mit mir um!« warf er abermals mit klagendem Tone ein. »Ist die Wunde gefährlich?«

»Durchaus nicht. Einige Hautlappen. Wäre die Kugel einen Zoll weiter gegangen, so lägen Sie steifer da. Ein Wundfieber giebt es aber, darauf können Sie sich verlassen. Bleibt die Wache hier im Zimmer, dann brauchen Sie keinen Krankenwärter. Sonst möchte ich Ihnen anempfehlen, Jemand hier wachen zu lassen, denn es könnte noth thun.«

»Bleiben Sie doch hier, Doctor,« sagte Giseke mit affectirter Dringlichkeit.

»Das geht nicht. Ich habe einige schwer kranke Patienten.«

»O, ich kann's schon mit übernehmen!« mischte sich jetzt plötzlich der Sergeant, gut deutsch sprechend, ein.

Der Doctor affectirte einen Schreckensruf und der Rath wendete sich, als wäre er angenehm überrascht, zu dem Soldaten herum.

»Sie sind also ein Deutscher? Das trifft sich ja gut.«

»Nicht g'rad ein Deutscher,« meinte der Soldat halb verlegen. »Ich bleib' bis Mitternacht hier. Dann wird abgelöst. So lange will ich Ihnen dienen!«

»Ich werde Ihre Dienste vielleicht nicht nöthig haben, denn ich denke zu schlafen; allein für den Fall, daß mir etwas zustößt, nehme ich sie an,« sprach der Rath höflich. »Kommt die Ordonnanz des Generals nicht nochmals, um Rapport zu holen?«

»Ja wohl!« gab der Sergeant zur Antwort.

»Schön,« dachte der Rath Giseke. »Dann wird er wohl erfahren, was ich gesprochen habe und wird hoffentlich den armen Kerl nicht beim Sonnenaufgange füsiliren lassen.

Mit diesem beruhigenden Gedanken begab sich der Rath in sein Schlafgemach, nachdem er den Doctor mit eigenthümlicher Betonung gefragt hatte, ob es warm genug im Zimmer sei.

Doctor Herzmann wartete, ohne auf diese Frage zu antworten, bis der Sergeant sich, gemüthlich pfeifend, wieder in's Vorzimmer begeben hatte, dann öffnete er den Ofen, zerstörte mit einer Ofengabel den schwarzen, verkohlten Haufen Papier, der hinlänglich verrieth, was hier gebrannt hatte, legte einige starke Holzscheite in die glimmende, verdächtig aussehende Asche und vertilgte damit jede verrätherische Spur des Autodafé, welches Giseke vorsichtiger Weise gehalten. Er entfernte sich mit einem bedeutsamen Kopfnicken, indem er »dem Herrn Rath angenehme Ruhe« wünschte.

Der Herr Rath hatte aber keineswegs eine angenehme Ruhe zu hoffen. Er bezwang mit eiserner Beharrlichkeit die Anwandlungen von Schlaf, um nicht die Unruhe seiner Seele in Worten zu verrathen, die ihm im Traume oder in der Fieberhitze entschlüpfen könnten. Es war eine Höllenmarter, Schlaf zu heucheln, und doch der entsetzlichen Abspannung des Körpers, die sich in einer krankhaften Müdigkeit zeigte, Trotz bieten zu müssen. Giseke erlag aber der Hinfälligkeit der menschlichen Natur nicht. Er kämpfte und blieb Sieger bis Mitternacht. Da hörte er im Nebenzimmer flüstern und zwar französisch. Der Ablösung wurden Instructionen ertheilt. Giseke merkte, daß seine List gelungen war. Der Sergeant glaubte ihn schlafend. Der an seine Stelle kam, war ein blutjunger, gemeiner Soldat, offenbar erst wenige Monate vom französischen Vaterlande entfernt, denn er verstand kein Wort Deutsch.

»Es ist Alles in Ordnung,« flüsterte der Sergeant, »Du kannst Dich im Vorzimmer niederlegen und schlafen, nachdem Du die Thür abgeschlossen und den Schlüssel zu Dir gesteckt hast. Ist der Kerl in den Sebastiansthurm gebracht? Gut!«

»Aus der Füsilade wird nichts,« sprach der junge Recrut rapportirend.

»Gut. Du hast leichten Dienst hier. Aber hübsch aufgepaßt. Heraus darf nichts, weder Mensch, noch Brief; nicht der kleinste Zettel, hörst Du! Der Herr schläft. Laß ihn schlafen, so lange er will. Wer weiß, ob es nicht sein letzter Schlaf ist, der Oberst soll sehr wüthend sein! Er hat sich das Couvert und den Brief ausgebeten. Thorheit, wenn daran etwas zu finden gewesen wäre, so hätten wir Drei, der Lieutenant, der Armeegendarm und ich es gewiß nicht übersehen! Schlaf wohl, mein Junge!«

Jetzt gab Giseke seiner Erschöpfung nach und schlief ein. Wirre Träume umspielten zwar seine Lagerstätte, aber der Verrath blieb fern davon.

Der Tag war schon angebrochen, als er erwachte und neu gekräftigt um sich blickte. Gleich darauf erschien sein Doktor mit bewölkter Stirn und unzufriedenen Blicken.

»Wie steht es hier?« fragte er vorsichtig. »steht es schlecht. Man muß etwas gefunden haben. Deine Lage verschlimmert sich. Wir müssen eine Flucht vorbereiten.«

Der Recrut erschien auf der Schwelle und störte das Gespräch.

»Was sagen Sie zu meinem Zustande?« fragte Giseke, der doch nicht ganz genau wußte, ob der Franzose nicht etwas Deutsch verstand.

»Sie müssen liegen bleiben,« befahl er, die vertrauliche Anrede sogleich vermeidend.

»Ich fühle mich auch sehr krank,« antwortete der Rath französisch.

»Geben Sie Acht, daß er das Bett nicht verläßt,« wendete sich der Doctor, den Wink verstehend, an den Wachtposten. »Der Herr darf nicht eher aufstehen, bis ich wiederkomme!« Dann sprach er Deutsch mit derselben herrischen Geberde, aber im murmelnden Tone. »Ich muß erst erforschen, was man vor hat. Große Unruhe! Dein Name wird mit Flüchen genannt von dem Oberst.«

»Wie steht es mit Ihren Patienten, die so schwer krank sind?« fragte Giseke wieder französisch.

»Ganz gut, aber außer Gefahr sind sie noch nicht!« antwortete, der Doctor, indem er that, als wolle er sich eiligst entfernen.

Giseke sendete verstohlen einen Blick des Dankes zum Himmel hinauf, denn die »schwerkranken Patienten« sollten nichts anders bedeuten, als den eingefangenen Boten, und der »Sebastiansthurm« war ein altes Hospital, das theilweise zum Lazareth eingerichtet war, wozu der Doctor, vermöge seiner Berufsstellung einen Hauptschlüssel besaß.

Er hatte wirklich das Wagniß vollbracht und den Bürger aus dem bombenfesten Gefängnisse befreit. Aber er hatte es nicht gewagt, den Mann zu entlassen. Er hatte ihn in seine eigene Wohnung geführt und ihn in die Livree seines Kutschers gesteckt. Jetzt harrte er mit einigem Bedenken des Augenblicks, wo die unerklärliche Entweichung des Gefangenen entdeckt werden und einen fürchterlichen Scandal erregen würde. Darum sein Befehl, daß der Rath, um jeden Verdacht von ihm abzulenken, das Bett nicht eher verlassen solle, bis er wiederkäme.

Mit freundlich sorglosem Wesen die Schildwache grüßend schritt er zur Thür. Aber draußen blieb er stehen und holte sehr tief Athem. Es war ihm seltsam zu Muthe. Sein Leben stand auf dem Spiele, er hatte es eingesetzt seinem Freunde und der guten Sache zu Liebe. Wenn Verrätheraugen ihm nachforschten, so war er, sein Freund Giseke und der arme Bürger aus der Vorstadt, den das Unglück in ihren Weg gesendet zu haben schien, verloren. Nach vierundzwanzig Stunden lebten sie alle Drei nicht mehr. Das stand fest. Es gehörte Mannesmuth dazu, um, mit dieser Gewißheit im Busen, ein heiteres Gesicht zeigen zu können. »Gott sei mit uns!« murmelte der Doctor und schlich wie ein Missethäter die Treppe hinab und zum Hause hinaus.

Ein sonderbares Getümmel empfing ihn auf der Straße. Soldaten mit Fouragesäcken stürzten bei ihm vorüber, in ihrem Patois mit einander plaudernd und sich zurufend. Aber kein Mensch konnte dies Kauderwälsch, welches sie mit Kernflüchen mischten, verstehen. Der Doctor mochte nicht fragen. Er eilte zwischen diesen Haufen vorwärts und verlor sich bald wieder in der Gegend seines Hauses, um sich dort so lange aufzuhalten, bis sich der unerwartete Zusammenlauf des Militairs etwas verzogen hatte. Es war immer mißlich, sich unter aufgeregte französische Heeresmassen zu wagen, aber für den Augenblick mehrten sich die Gefahren speciell für ihn noch.

Der Doctor fand seinen Schützling, den er nächtlich aus dem Sebastiansthurm befreit hatte, ziemlich genesen von seiner Todesfurcht, im Stalle bei den Pferden. Er hatte alles Mögliche gethan, um sein Aeußeres zu verändern, und es war ihm so gut gelungen, daß selbst der Doctor Mühe hatte, in diesem schmutzigen Stallknechte den saubern Bürger wieder zu erkennen. Seinen Anzug hatte er im Stalle vergraben und seinen zierlich frisirten Kopf, durch die Entfernung des Haarbeutels, in ein struppiges Medusenhaupt verwandelt.

Zufriedengestellt von dieser Veränderung, begab sich der Doctor zu seiner Familie, die natürlich von der ganzen Geschichte nichts wußte und die drohende Gefahr, worin ihr Familienhaupt schwebte, gar nicht ahnte.

Wir aber verfügen uns nun zu dem Präfecten, der von dem Hergange der nächtlichen Abenteuer keine Sylbe erfuhr. Selbst am Morgen vermied er es, eine Nachfrage nach dem Befinden des Rathes halten zu lassen, weil er sich mit seinem Schwager verabredet hatte, in ihrem äußern Begegnen nichts zu ändern bis zur gelegenern Zeit.

Der Präfect war schon früh aufgewesen und mit seltener Freudigkeit an seine Arbeit gegangen. Er fühlte sich wie neugeboren. Je tiefer er sich wieder in seine Thätigkeit versenkte, desto leichter und wohler wurde ihm zu Sinne. Dazu kam die innere Beruhigung, daß er ja nichts verloren hatte, was nicht wieder herzustellen gewesen wäre. Das Unglück war nahe an ihm vorübergegangen, durch seine Verschuldung hatte er ein unabsehbares Elend auf seinen Lebensweg gelockt, aber er war zeitig genug umgekehrt und wollte diesen Weg auf immer vermeiden.

Ein Geräusch störte ihn endlich in seiner Thätigkeit. Er wußte, daß ihm jetzt der Mann nahen würde, der ihn nicht mehr unter den Lebenden zu finden glaubte, und seine Hand suchte die Waffen, die ihm nöthig schienen.

Blanchard hatte wirklich die Frechheit, zur gewohnten Stunde das Haus des Präfecten zu betreten. Seinem dämonischen Wesen war es eine Lust, sich mit scheinheiliger Bestürzung zwischen die Leute zu mischen, die voller Unruhe die Abwesenheit des Präfecten nicht zu begreifen vermochten, während er am besten darüber Auskunft hätte geben können. Auch mochten ihn noch andere Interessen in das Haus Dessen ziehen, den er, nach seiner Meinung, auf ewig stumm und kalt gemacht hatte. Genug, er ging, als wäre nichts vorgefallen, mit Seelenruhe die breiten Treppen zum Quartiere des Präfecten hinauf, jeden Augenblick erwartend, daß man ihm mit Wehklagen den Weg vertreten würde.

Nichts regte sich aber. Die Todtenstille im Hause berührte ihn unangenehm. Sein Gang wurde unsicherer, langsamer. Sollte man wissen, wie oder wo – er schüttelte sich unbehaglich und dachte den Satz nicht aus.

In dem Vorzimmer, das unmittelbar an das Arbeitszimmer Markland's stieß, blieb Blanchard ein Weilchen stehen. Alles todtenstill. Kein Bedienter kam, um ihn zu melden. Sein Herz pochte, nicht vor Furcht, sondern vor Freude, vor wilder, ungebändigter Freude, daß ihm sein Streich wieder so schön gelungen war. Leise, schleichend, wie ein Raubthier, welches seiner Beute schon gewiß ist, tappte er vorwärts, der Thür zu, hinter der Markland, seines Besuchs gewärtig, saß. Seine Hand berührte den Drücker. Der Drücker wich. Die Thür sprang auf. Wieder blieb Blanchard ein Weilchen stehen und sah hinter sich, ob nicht etwa einer der Dienerschaft lauschte. Todtenstille rings umher.

Jetzt brach der Uebermuth des Siegers bei Blanchard aus. Er faßte, dreist geworden, die Thür und warf sie weit auf.

Markland wendete sich kaltblütig um und sah ihn an, ohne ein Wort zu sprechen. Wie eine Bildsäule stand Blanchard und starrte ihn an. Er glaubte eine Erscheinung aus jener Welt vor sich zu haben. Sein Blut gerann ihm in den Adern, seine Augen traten, vor Schrecken beinahe aus ihren Höhlen.

So vergingen mehrere Minuten. Dann sprach der Präfect mit fester, unbewegter Stimme:

»Sie haben es doch nicht vergessen, Blanchard, daß ich um zehn Uhr Revision halten will? Gehen Sie. Weiter habe ich nichts mit Ihnen zu sprechen.«

Besser konnte Markland seine Anrede gar nicht wählen. Wie eine Geistermahnung traf sie den schuldbewußten Sünder. Sein Haar sträubte sich, er floh eilend von dannen die Treppe hinab und zum Hause hinaus, ohne sich umzusehen.

Hart an der Hausthür, auf der Straße, traf er auf den Oberst Leclaire, der wie ein Rasender daher gestürzt kam, hochroth im Gesichte vor Eifer und wüthend vor Zorn. Als er Blanchard ansichtig wurde und das Haus erkannte, welches dieser eben verließ, blieb er einen Moment stehen, ballte seine Rechte drohend gegen die obern Fenster und stieß die Worte hervor:

»Geschenkt ist's ihm nicht! Geschenkt ist's nicht, so wahr ich Leclaire heiße! Auch dieser Giseke ist ein Schurke, ein stiller Heuchler, ein Landesverräther! Wissen Sie es noch nicht, Blanchard? Nein? Sie wissen wieder nichts?« schrie er noch wilder als zuvor, die stumme Verneinung des bestürzten Greffiers beantwortend. »Hören Sie, Ihre Zeit ist vorbei, Sie sind verdummt, machen Sie, daß Sie fortkommen. Vorher aber stoßen Sie den Schurken Giseke nieder, wo Sie ihn finden. Hören Sie?«

»Was ist es denn mit Giseke?« schob Blanchard mit Spannung und Neugier dazwischen, als der Oberst jetzt Athem holte. »Sie haben Haussuchung halten lassen? Was hat man gefunden?«

»Ein elender Preußenspion ist der Kerl! Ich sagte es Ihnen schon gestern. Briefcouverte gefunden mit demselben Siegel, wie der aufgefangene Brief. G. M. U. Wissen Sie, was das heißt?«

Blanchard schüttelte abermals stumm mit dem Kopfe.

»Gott Mit Uns!« schrie der Oberst triumphirend. »Unser neuer Spion hat es herausgebracht. Zum Spion taugen Sie nicht mehr, Sie Dummkopf. Aber zum Henker wollen wir Sie noch ein wenig benutzen. Stechen Sie den Preußenfreund nieder, wann Sie wollen. Nieder mit dem verfluchten Emissair, nieder mit ihm. Wir haben nicht mehr nöthig, Rücksicht zu nehmen, seine Schuld ist erwiesen, völlig erwiesen!«

Nachdem er seinem Herzen Luft gemacht hatte, setzte er sich mit dem Ausrufe wieder in Trab:

»Der General hat uns zusammenberufen; was mag es geben? Couriere sind angekommen, das weiß ich schon. Wenn sie uns nur unseren Spaß mit der Brandschatzung nicht verderben!«

Er lachte wie ein Knabe und trottete die Straße hinab.

Blanchard aber rieb sich schadenfroh die Hände.

»Also Giseke zuerst? Immer wird es mir ja nicht mißglücken! Wen mag ich nur gestern in jenes Schattenreich gefördert haben? Der Präfect ist es nicht gewesen! Ich bin neugierig, wie die Revision ausfällt. Wäre es nicht gut, wenn ich ›meine Ersparnisse‹ zur Deckung aller Unordnungen herliehe? Ich muß mich im Amte zu halten suchen! Es würde der beste Weg sein, dem Präfecten, der leider noch lebendig ist, das Maul zu stopfen. Natürlich, fort muß er, und ich werde mich hüten, zum zweiten Male fehlzugreifen. Wenn ich nur wüßte, wen ich gestern Abend in's Wasser gestürzt hätte! Giseke und Markland! Beide sind mir verfallen!«

Solche Gedanken ungefähr waren es, mit denen Blanchard seinen Weg verfolgte, ungewiß über seine nächsten Entschlüsse, aber sicher, trotz seines jetzigen Mißgeschickes, als Sieger triumphiren zu können, bevor seine Opfer ihre Gefahr ahneten.

Es fiel dem sonst scharfsinnigen Straßburger zuerst gar nicht auf, daß sich nach und nach auf den Straßen ein außergewöhnliches Leben entwickelte, daß Militaircouriere an ihm vorbei sprengten und sämmtliche Officiere auf den Beinen zu sein schienen. Als er es endlich bemerkte, schob er es auf die anberaumte Generalconferenz, von der Leclaire ihm so eben gesprochen, und als sich dann der Verkehr um ihn her zu einem tumultuarischen Gewimmel erhob, da dachte er an die Expedition, die Leclaire rücksichtlich seiner Privatinteressen auszuführen beschlossen hatte. Wiederum rieb er sich schadenfroh die Hände und eilte, ohne weitere Erkundigung nach den Gründe



Zwölftes Capitel.
Es kommt anders.

Eine Stunde später rasselten die Trommeln durch die Straßen. Es wurde Generalmarsch geschlagen.

Der Rath Giseke war wie vom Donner gerührt, als er den Spectakel vernahm.

Er dachte an Dora. Bis dahin hatte er im Stillen die Hoffnung gehegt, daß der General du Marlé seinen Consens zu der Frivolität nicht ertheilen werde, die Leclaire, seiner angebornen Hartnäckigkeit folgend, auszuführen verheißen hatte. Es erfüllte ihn mit steigender Erbitterung, daß so wenig dazu gehörte, um einen Befehlshaber der Armee zu überreden, seine Macht zu so albernen Dingen zu verwenden. Daß es vom Publikum als ein Streifzug, unter dem Scheine des Rechtes ausgeführt, betrachtet wurde, machte ihn nicht irre. Er kannte den Colonel in seiner ganzen Unverschämtheit, die er als kleiner Gewalthaber zu entfalten pflegte, wenn man ihm Widerstand zu leisten Miene machte.

Unruhig warf er sich in seinem Bette, das er nur seiner Wächter wegen nicht verlassen sollte, hin und her. Er wartete mit Schmerzen des Augenblicks, wo der Sergeant oder der Gendarm sich nach ihm umgesehen haben würde, um dann sogleich Schritte zu seiner Freilassung zu thun. Die gleichmäßigen, kurzen Wirbel der Trommeln, die von der leichtfertigen Gassenjugend mit dem Singsang: »Camerad komm, Camerad komm, Camerad komm mit Sack und Pack«, begleitet wurden, drohten ihn zur Verzweiflung zu bringen. Und der Scandal auf den Straßen wurde immer toller. Reiter sprengten vorüber. Fouragewagen jagten durch die Stadt und hielten vor den Bäcker- und Fleischerläden an. Alles, was eßbar war, wurde aufgepackt. Geschrei ertönte. Klagen und Verwünschungen wurden laut. Es entwickelte sich ein Höllenlärm. Die friedlichen Unterthanen des Königreiches Westphalen wurden wie Feinde behandelt und ihrer Habe beraubt. Verwirrung überall. Der Schrecken betäubte jeden Einzelnen, so daß selbst die Klügsten mit ihrem oft schon erprobten Muthe rathlos dastanden und nicht wußten, was sie denken sollten. Dazu der betäubende Trommelwirbel, der jede Lust an Gegenwehr darniederschlug.

Giseke rief seinem Wächter zu. Er bekam keine Antwort. Schnell sprang er nun aus dem Bette. Er hatte kaum die nöthigen Kleidungsstücke übergeworfen, so stieß Jemand hastig seine Thür auf. Es war der Präfect mit geisterbleichem Gesichte.

»Ich kann's nicht mehr allein ertragen!« rief er voller Verzweiflung. »Sie rücken wirklich aus, um zu fouragiren. Ob sie Dora suchen werden? Ob Dora's Versteck sicher genug sein wird? O, ich kann mich der Verzweiflung nicht erwehren, Ludwig, wenn ich bedenke, daß die Folgen meiner Missethaten mein geliebtes Weib treffen sollten.«

»Wie bist Du hereingekommen, Markland?« fragte Giseke endlich dazwischen.

Markland sah ihn groß an.

»Ließ Dich die Wache einpassiren?« setzte Ersterer lächelnd hinzu. »Ich bin Gefangener seit gestern Abend.«

»Wache? Gefangener? Du hast wahrscheinlich Fieber, lieber Bruder. Ich habe keine Wache gesehen.«

Giseke eilte zur Thür. Sein Wächter war verschwunden. Kurz und eilig benachrichtigte er seinen Schwager von den fatalen Ereignissen, die ganz unerwartet die Flamme des Mißtrauens gegen ihn angefacht hatten.

Markland sah sehr bestürzt aus. Er wußte, was ein Verdacht, was ein Mißtrauen zu bedeuten hatte.

»Wäre es nicht gut, Du benutztest den unbewachten Augenblick zu einer Flucht?« raunte er ihm leise und scheu zu.

Giseke bewegte abwehrend sein Haupt.

»Durch eine Flucht spielte ich Denen Rechte zu meiner Verurtheilung in die Hände, die jetzt noch unter der Macht des Gesetzes stehen, wenn sie gegen mich verfahren wollen. Ich bleibe und erwarte ruhig die Beweise meiner Schuld.«

Markland sah die Richtigkeit dieser Behauptung ein.

»Hast Du Alles vertilgt, was Dich verrathen könnte?« fragte er besorglich.

»Alles bis auf ein unglückseliges Couvert, das mit der Chiffre G. M. U. versiegelt gewesen ist. Ein Franzose kann und wird diese Buchstaben nicht entziffern können, um daraus das Motto unseres Bundes zu bilden; aber freilich es giebt unter den Deutschen so viel käufliche und verrätherische Seelen, daß ich fürchten muß, der richtige Sinn der Buchstaben kommt an's Tageslicht.«

Der Präfect, welcher während dieser Rede an's Fenster getreten war, fuhr plötzlich zurück und sagte:

»Sieh' doch, Ludwig, das ist nicht richtig! Das sind nicht Anstalten zu einem Streifzug um die Stadt, sieh'! sieh'! Die Soldaten stürmen den Bäckerladen, sie fouragiren in der Stadt; beim Himmel, Ludwig, das bedeutet mehr, als einen knabenhaften Alarm um eine Frau.«

»Dann haben die Regimenter Marschordre bekommen!« rief Giseke, freudig bewegt zum Fenster eilend. »Gott sei Lob und Dank! Es wäre für mich der beste Beweis, daß unser König dem Dringen seiner Rathgeber nachgegeben und sich entschlossen hat, das Bündniß mit Napoleon zu brechen. Verschaffe mir Gewißheit, bester Schwager. Ich selbst kann und werde mein Ehrenwort nicht verletzten, welches mich mindestens so lange an mein Zimmer fesselt, wie das französische Commando hier ist.«

Markland eilte hinab und zog vorsichtig Erkundigungen ein. Richtig! Es war eine Ordre eingetroffen, die einen beschleunigten Aufbruch der Truppen anordnete. Man munkelte stark von einem Bündnisse Preußens und Rußlands. Die Hiobspost von dem Brande der Czarenstadt hatte sich seit dem frühen Morgen verbreitet, und war blitzschnell bis in die untersten Volksschichten gedrungen. Dort brach der schadenfrohe Jubel am ersten heraus, während die Gebildeteren der Bürger noch zaghaft mit der Kundgebung ihrer wahren Meinung zauderten. Sie wollten sich nicht preisgeben, indem sie voreiligen Gerüchten Glauben schenkten und daran Hoffnungen knüpften. Behutsam schlich Einer zum Andern, als die Regimenter sich plötzlich rüsteten; furchtsam ging man den aufgeregten Soldaten aus dem Wege, und bedachtsam erwog man die Wahrheit und Haltbarkeit der schwebenden Gerüchte. Eine Thatsache war und blieb es, daß die Heeresmassen zusammengezogen und nach der russischen Grenze geführt werden sollten.

Mit diesen Nachrichten kehrte der Präfect zu seinem Schwager zurück. Sie bestätigten dessen Hoffnungen, und ehe der Abend hereinbrach, war die Stadt vom französischen Militair verlassen.

Giseke athmete froh auf. Sein erster Gedanke war der Bote, welcher durch ein wunderbares Verhängniß auf seinen Lebensweg geschleudert worden war. Er beeilte sich, ihn mit einer kleinen Summe Geldes für die ausgestandene Angst zu entschädigen, fand es aber doch der Sicherheit wegen für gut, seine fernere Bekanntschaft nicht zu suchen. Der Mann wohnte in einer entlegenen Vorstadt, und er konnte schon am Abend ungehindert zu den Seinen zurückkehren, die von seinem Unfalle noch gar nichts vernommen hatten.

Von Blanchard sah und hörte an diesem Tage Niemand etwas. Im Gerichtslokale erschien er nicht. In seiner Wohnung war er nicht aufzufinden, aber seine Sachen, bis auf die kleinsten Garderobegegenstände, befanden sich dort; also abgereist war er nicht, wie man, nach dem Aufbruche der französischen Regimenter, zuerst zu glauben geneigt war.

Der Rath Giseke verhielt sich in den ersten Tagen nach diesem unerwarteten Ereignisse ganz passiv, da er der festen Meinung war, beobachtet zu werden. Erst späterhin gewann er die Ueberzeugung, im Gewirre des Aufbruchs vergessen worden zu sein. Seine ganze Thätigkeit wendete sich nun dem Bunde zu, dem er in glühender Begeisterung für das Gemeinwohl anhing und diente.

Er erhob die bedrückten und verzagten Herzen seines Vaterlandes durch die Hinweisung auf ihre endliche Befreiung, wenn sie muthig und herzhaft jetzt an's Werk gingen. Er erließ Schreiben an die verschiedenen Verbindungen auf den Universitäten, ermunterte sie zur That, suchte die Werkstätten auf und flößte den Gesellen Muth ein. Genug, er setzte sich nun tollkühn jeder Gefahr aus, da er glaubte, es sei die rechte Zeit. Aber er stieß auf viele Bedenken. Es liegt einmal in der Natur des Menschen, daß er nicht geneigt ist, an ein unverhofftes Glück zu glauben. Die Trübsal hatte sich allmälig so fest auf die Gemüther gedrückt, daß es Verwunderung erregte, als man von einer Lösung dieses Druckes zu sprechen begann. Ehe die Freude in die wunden Herzen eindringen konnte, mußte das Mißtrauen und die Furcht daraus entfernt werden. Der einzelne Mann kann aber das nicht bewirken, und der Rath Giseke mußte für's Erste die Erfahrung machen, daß man seine Begeisterung im Allgemeinen mehr belächelte, als bewunderte. Ihn kümmerte dies wenig. Er stand mit den Staatsbeamten, die in unmittelbarer Nähe des Königs von Preußen dasselbe Ziel verfolgten, in sicherer und eifriger Correspondenz, und die Schritte, welche dort während der letzten Tage des Jahres 1812 und der ersten Wochen des Jahres 1813 vorbereitet wurden, erhielten sein muthiges Vertrauen.

Unter diesen Umständen hatte Giseke wenig Zeit und wenig Interesse für das Häuschen auf der Bleiche. Er war nicht wieder hinausgekommen, wohl aber Markland, der sich nach Leclaire's Abzug beeilte, seine Dora zu besuchen und sie nach einigen Tagen, als Alles sicher und ruhig blieb, wieder in sein Haus zurückzuführen.

Dora schied mit fröhlichem Herzen von dem würdigen Calculator und seiner hübschen Tochter. Die tragischen Ereignisse, die sie in diese eng begrenzte Häuslichkeit geführt hatten, waren nicht ganz ohne Einwirkung auf ihr Gemüth geblieben und die Lehren, welche sie bei ihrem Eintritt dort empfangen, vollendeten den Eindruck, der sie zur Besserung führen konnte. Es war der Liebenswürdigkeit dieser jungen Frau gelungen, die Vorurtheile des Calculators zu entkräften, und da sie systematisch in das felsenfeste Herz desselben einzudringen versucht hatte, so fühlte der steife Mann zu seiner unendlichen Verwunderung einen leichten Schmerz, als die Dame zum Abschiede ihre kleine Hand in seine Rechte legte und liebkosend zu ihm hinaufschaute. Dora benutzte schlau diese sichtbar weiche Stimmung, um von ihm die Erlaubniß zu erschmeicheln, daß Marie sie besuchen dürfe. Sie erhielt die Zusage dieses Wunsches, und nun schied sie mit fröhlichem Herzen. Ihr Plan in Bezug auf eine Verheirathung ihres Bruders mit Marie war längst fertig, und sie blickte mit Zuversicht darauf hin. Allein sie sollte erleben, daß derselbe für für den Augenblick an den Gesinnungen ihres Bruders scheiterte.

Der Rath Giseke hatte durchaus keine Lust zu Liebesträumereien. Seine Seele glühte nur in Begeisterung für die Freiheit seines Vaterlandes, und sein Herz klopfte nur stärker bei den günstigen Nachrichten, die er von Breslau erhielt, wohin der König von Preußen, zur Sicherung aller Pläne, übersiedelt war.

Dora sah ein, daß sie die Erfüllung ihrer Wünsche vertagen und eine günstigere Zeit dafür erwarten müsse.



Dreizehntes Capitel.
Blanchard, der Calculator und sein Zopf.

Blanchard war und blieb verschwunden. Dadurch, daß er seine sämmtliche Effecten in Stich gelassen hatte, gewann sein Verschwinden das Ansehen einer wohlüberlegten Flucht und der Präfect Markland hatte Ursache, diese Ansicht bei der Revision vollständig begründet zu finden. Es ergaben sich bedeutende Defecte in den Cassen, Fälschungen in den Büchern und Unterschlagungen von angewiesenen Zahlungen. In der Verwirrung der Zeit ließ sich aber in dieser Sache gar nichts weiter thun, als sie still beklagen und sie in den heraufziehenden Ereignissen untergehen zu lassen.

Mittlerweile verging der Winter mit seiner Schneedecke und seinen Eisschollen. Der Frühling brach herein. Des preußischen Königs »Aufruf an sein Volk« durchhallte die Gauen. Berlin war von den französischen Besatzungen geräumt. Graf Wittgenstein und bald darauf der ehrenhafte General v. York zogen in die Hauptstadt Preußens ein und wurden mit stürmischem Jubel begrüßt.

Schlachten und Gefechte gehörten zur Tagesordnung, erlangten jedoch noch nicht die Bedeutung, wie nach der spätern, allgemeinen Erhebung. Allein es folgte doch Schlag auf Schlag, es ging mit unbegreiflicher Eile auf der Seite der Preußen und Russen »vorwärts«, auf der andern Seite »rückwärts«.

Die Schauplätze der Kriegsabenteuer hatten sich schon verändert und waren mehr in die Mitte des preußischen Gebietes, nahe der Grenze des französisch-westphälischen Reiches, gedrungen. Streifzüge näherten sich der Gegend, wo der Präfect, neu beseelt, seinen Wirkungskreis erweiterte, wo der Rath Giseke aufmerksam im Hinterhalte auf die Gelegenheiten lauerte, die seine Thätigkeit beanspruchten.

Man sprach davon, daß Napoleon beabsichtige, in dieser Gegend seine Hauptmacht zusammenzuziehen. Daraus entwickelten sich die Bestimmungen, daß kleine Truppenzüge zwischen der Elbe, der Weser und der Saale umherstreifen und nötigenfalls die Bewegungen der französischen Armee scharf ins Auge fassen sollten. Leicht berittene Reiterschwärme sollten die Gegend von allen Seiten beobachten, um sichere Nachrichten zu sammeln, und sie schnell an das Hauptquartier zu senden.

Als diese Anordnungen der umsichtigen deutschen Feldherren das Ohr Giseke's erreichten, zeigte er einige Tage eine stille Nachdenklichkeit in allen Mienen. Seine Thätigkeit in seinem Berufe steigerte sich und selbst seine Untergebenen bemerkten, daß er einen Entschluß gefaßt haben mußte, der ihn für eine längere Zeit aus seiner gewöhnlichen Lebensbahn zu entfernen drohte. Seine Vorbereitungen verriethen dergleichen.

Eines Abends trat Giseke hastig zu seiner Schwester ein, die aus ihrer frivolen Lebensart zu einer bürgerlich einfachen Häuslichkeit hinabgestiegen war und sich darin äußerst wohl fühlte. Sie saß, mit einer Handarbeit beschäftigt, bei einer einfachen Lampe und wartete ihres Gatten. Ihr Bruder kam selten zu ihr, deshalb vermuthete sie gleich, daß absonderliche Gründe diesen Besuch veranlaßten. Sie sah fragend zu ihm auf.

»Guten Abend, Dora,« sprach Giseke, zärtlich seine Lippen auf ihren Scheitel drückend. »Wo ist Markland? Ich komme, Abschied von Euch zu nehmen! Auch bringe ich Euch meine Papiere, meine Kleinodien und meine Documente zur Aufbewahrung, da ich nicht weiß, wie lange ich abwesend sein werde.«

Dora kannte jetzt den Zweck seiner Reisen, wunderte sich also für's Erste nicht über seine Reisevorbereitungen.

»Wohin willst Du, Ludwig?« fragte sie freundlich. »Setze Dich nur nicht unnöthig der Gefahr aus. Es soll schon rundum sehr unruhig werden!«

»Eben in dieser Unruhe will ich mich thätig zeigen, liebe Schwester!« erwiederte der Rath. »Es handelt sich jetzt um Kenntniß des Terrains und darin kann ich leisten, was kein anderer Mensch leistet.«

Dora sah ihn groß und verwundert an. Sie verstand ihn nicht, weil er, ganz voll von seiner Idee, annahm, sie wisse, was er wußte.

»Ja, ja!« fügte er lächelnd hinzu, indem er ihren fragenden Blick beantwortete. »Man braucht im Observationscorps einen Mann, der die Landschaft vom Thüringerwalde an bis Leipzig ganz genau kennt. Ich bin der geeignete Mann und habe mich zur Disposition gestellt. Morgen thue ich die nöthigen Schritte, um mich einkleiden und beritten machen zu lassen. Es wäre eine Schande, wollte ich zögern, mich nützlich zu zeigen.«

»Ludwig!« fuhr Dora schmerzlich betroffen heraus. »Das ist ein bitterer Vorwurf für meinen Mann. Er hat Dir sein Wort verpfändet, das Schwert für sein Vaterland zu ziehen, und er hat gezögert, es zu thun, um meinethalben.«

»Sei ruhig, Dora,« begütigte der Rath sie. »Ich bin weit entfernt, Markland Vorwürfe darüber zu machen. Er kann hier besser nützen, als im Felde, wenn der Umsturz nämlich gelingt und wir wieder preußisch werden. Nein, sei ganz unbesorgt. Ich stehe allein in der Welt. Wenn ich mein Leben opfere, so weint mir kein Weib nach! Solche Männer haben den richtigsten und aufopferndsten Muth, die kein Lebensglück auf's Spiel setzen. Es kann mir übel ergehen. Ich weiß, daß diese Streifcorps von Heimtücke und List verfolgt werden, daß sie durch kleine Scharmützel einer täglichen Gefahr ausgesetzt sind; allein das soll mich nicht zurückschrecken von meinem Vorhaben.«

»Bester Ludwig,« bat die junge Frau schmeichelnd. »Weißt Du denn wohl, daß gerade in den letzten Tagen durch niederträchtige Verrätherei ein Reitertrupp in einen Hinterhalt gelockt und dort meuchlings niedergehauen und beraubt ist?«

»Eben das hat meinen Entschluß zur Reife gebracht, Dora,« entgegnete Giseke ernst. »Wäre ein Einziger der armen Reiter der Gegend kundig gewesen, so hätte es nie geschehen können. Ich will der Berather, der Beschützer meiner Cameraden sein. Ich will wachsam dem Verräther nachspüren, der sehr gut Bescheid in den Wäldern Thüringens wissen muß. Lebendig oder todt, ich will ihn haben, um ihn einem Rächeramte überliefern zu können. Der Fall, den Du erzähltest, steht leider nicht vereinzelt da, und daß es auf Plünderung abgesehen, also rein eine Handlung der Habsucht ist, davon überzeugt uns die Raffinerie, womit jedes Mal Colonnen verführt werden, die aus wohlhabenden Leuten bestehen.«

»Das wäre ja ein systematisches Räuberverfahren!« rief die junge Frau entsetzt ans. »Hat man Verdacht auf Jemand?«

»Ja. Ein Mann, der sich für einen Gutsbesitzer ausgiebt, hat die letzte Affaire geleitet, ist voller Schrecken beim Anblicke der Franzosen, die plötzlich aus dem Dickichte gebrochen sind, entwichen, aber ganz dreist wieder gekommen, als die abscheuliche Metzelei ein Ende gehabt hat. Einer der Verwundeten hat so lange gelebt, um aussagen zu können, daß dieser Gutsbesitzer sämmtliche Leichen geplündert habe und seine Beute ganz erklecklich ausgefallen sei, da seine Cameraden reiche Bauersöhne aus dem Magdeburgischen gewesen wären, die stets die Taschen voll Geld gehabt hätten. Mein Herz blutete mir, als ich diese Geschichte erzählen hörte und mein Entschluß erkräftigte sich dabei. Ich will dem Hallunken nachspüren, der die Reiter geführt hat, ich will diesen entarteten Deutschen einer strafenden Gerechtigkeit übergeben.«

Dora schmiegte sich an ihn und sah ihm bedeutungsvoll ins Auge.

»Gehe mit Gott, mein theurer Bruder,« flüsterte sie, »aber denke daran, daß auch um Dich die Augen eines Weibes weinen würden, wenn Du als Opfer Deines Muthes fielest. Denke an Marie!«

Giseke sah sinnend vor sich hin. Eine weiche Empfindung schien seine Brust zu durchströmen.

»Grüße sie von mir,« sprach er leise. »Sollte ich den Tod bei meinem Vorhaben finden, so sage ihr, daß ich sie seit Jahren beobachtet, daß ich sie als das lieblichste Wesen erkannt hätte, das die Erde trägt. Grüße sie von mir!«

»Gieb mir ein Zeichen Deiner Liebe,« bat Dora schmeichelnd. »Gieb mir diesen Ring –« sie zog einen schmalen Goldreif, der eine Schlange vorstellte, die sich in den Schwanz beißt, von seinem Finger.

Er ließ es ohne Widerstreben geschehen. Ein ruhiges Lächeln verklärte sein Gesicht, als er entgegnete:

»Mit diesem Ringe verlobe ich ihr mein Herz, – ob ich ihrer Liebe wohl sicher bin?«

»Ja!« rief Dora begeistert. »Ich bürge für Mariens Herz, ich bürge für ihre Liebe, für ihre Treue! Ein Leben an ihrer Seite ist für Dich des Lebens Seligkeit, deshalb sollst Du Deines Lebens schonen, mein Bruder, ich bitte Dich in Mariens Namen darum!«

Giseke strich leicht über das Gesicht der jungen Frau hinweg.

»Du schlaues Frauenzimmer! Um meinen Muth zu zügeln, verlobst Du mich?«

»Um Dich vor Tollkühnheit zu bewahren, mein Lieber!« erwiederte sie und schritt eilig ihrem Manne entgegen, der so eben in das Zimmer trat.

Giseke überließ es seiner Schwester, das zu erzählen, was ihn herführte; er selbst ordnete seine mitgebrachten Papiere und stellte sie dann seinem Schwager zu.

»Erliege ich in irgend einem Kampfe, so ist dies Alles Euer Eigenthum,« sprach er dabei. »Sollte ich durch meinen jetzigen Entschluß in den allgemeinen Aufstand unseres Vaterlandes hineingerissen werden, so verwerthet einige Documente bei Wolfstein, der ein ehrenwerther Mensch ist und sendet mir das Geld sicher nach. Deine Schuld bei ihm, mein bester Schwager, habe ich getilgt, lebt nun ohne Sorgen für die Zukunft; Ihr seid geläutert aus der schweren Prüfung hervorgegangen.«

Markland, sichtlich ergriffen, hatte während dessen einen schweren Kampf mit sich selbst bestanden. Als Giseke seine Rede endete, sprach er fest und entschlossen:

»Ich habe noch ein heilig gelobtes Wort bei Dir einzulösen, Ludwig. Mit einem Handschlage schwor ich, mein Blut der Freiheit zu widmen, – entscheide Du, was ich thun soll!«

»Du sollst hier bleiben, Philibert! Du sollst mit Umsicht den Pflichten leben, die Dir obliegen. Sie werden sich mehren im Drange der Zeit, aber Du wirst den Muth haben, allen Schwierigkeiten entgegenzutreten. Erinnere Dich, daß ich einstmals sagte: ein Theil des Volkes muß nach außen wirken, der andere Theil im Innern schaffen. Dir fällt das Letztere zu. Hebe mächtig und entschlossen das Haupt, wenn Alles stürzt!«

»Segne mich zu diesem Werke, Ludwig,« bat Markland bewegt seine Hand fassend.

Giseke küßte ihn, preßte seine Schwester gleichzeitig an sich und war verschwunden.

Am nächsten Morgen ritt Giseke in der Uniform eines gemeinen Reiters ruhig und gefaßt seine Straße. Seine Seelenruhe war von der augenblicklichen Herzenswallung nicht beeinträchtigt. Er hatte erkannt, was seine Pflicht war und er handelte darnach. Wir überlassen ihn seiner neuen Pflichterfüllung und wenden unsere Aufmerksamkeit wieder dem Häuschen auf der Bleiche zu.

Vierzehn Tage mochten nach Giseke's Abschied von seiner Schwester verflossen sein, als Marie Rüdiger eines Abends beklommen am Fenster ihrer Wohnstube stand und ängstlich hinaushorchte. Man hatte in der Ferne ein anhaltendes Schießen vernommen und der Calculator war hinausgegangen, um Erkundigungen darüber einzuziehen. Die Gerüchte erzählten noch immer von heimtückischen Ueberfällen, die stets mit Plünderungen der Leichen endeten, so daß sich die allgemeine Theilnahme fast mehr auf diese kleinen Scharmützel lenkte, als auf die größern Schlachten, die in Schlesien geschlagen wurden.

Marie wußte, daß Giseke vorzugsweise dieser Niederträchtigkeit auf die Spur zu kommen trachtete, und daß er dieserhalb sich dem Observationscorps angeschlossen hatte. Dora hatte ihr getreulich Alles erzählt, was beim Abschiede gesprochen war und hatte den bindenden Goldreif an ihren Finger geschoben, ohne sich an das mißbilligende Kopfschütteln des Calculators zu kehren.

Das junge Mädchen zagte um des theuern Mannes Leben, als sie träumerisch und ängstlich zugleich über die Wiesen hinwegblickte, die im Frühlingsgrün glänzten. Die Sonne sank schon und ihr Vater war noch nicht zurück. Bisweilen däuchte ihr, als höre sie schreiende, rufende Stimmen, als nähere sich ein oder der andere Schuß, als stampften Pferdehufe den Erdboden.

Je näher der Abend kam, desto ängstlicher wurde sie. Sie befand sich ganz allein im Hause, nur ein großer, wachsamer Hund lag im Hausflure, der ihr zwar Schutz gegen einen Einzelnen, aber keinesweges gegen mehre und noch dazu bewaffnete Männer versprach.

Marie überließ sich trotz ihrer Ängstlichkeit eben einem lieblichen Träumen, worin das Bild des Mannes, den sie nächst ihrem Vater am höchsten ehrte, von Glorien umwallt wogte, als sie von der Seite des Dorfes einen Mann über die Wiesen eilen sah, schwankend und zusammenbrechend und doch immer wieder sich emporraffend. Kaum war er dem Häuschen, an dessen geöffneten Fenster das junge Mädchen träumte, nahe, so verließ er mit einer Hast, als würde er gejagt, den Wiesenpfad und stürzte auf das Haus los. Im Nu hatte er es erreicht, hatte die Treppe erstiegen und die Hausthür aufgestoßen. Wüthend fuhr ihm der Hund entgegen. Erschrocken beschwichtigte diesen Marie und trat in den Flur hinaus, wo der Mann kraftlos niedergesunken war.

»Verstecken Sie mich,« stammelte er, scheu zu ihr aufblickend, aber die Hände flehend emporrichtend. »Verstecken Sie mich! Man verfolgt mich! Um Gottes Barmherzigkeit willen, verstecken Sie mich nur eine Stunde, eine einzige Stunde!«

»Wer verfolgt Sie?« fragte Marie zitternd, aber doch nicht ganz fassungslos. »Die Franzosen? Hier in der Nähe liegen aber keine französische Truppen mehr.«

Der Mann hob sein herabgesunkenes Haupt ein wenig auf und fixirte mit blitzendem Blick das schöne, deutsche Mädchen.

»Wohl – wohl – Franzosen verfolgen mich,« murmelte er dann kaum hörbar. »Wenn ich nur weiter könnte – nur eine Stunde Ruhe! Habe ich es nicht immer gesagt – Giseke.«

Als hätte ein Sonnenstrahl ihr Inneres erleuchtet, so durchglühte dieser Name, der kaum verständlich über des Flüchtlings Lippen schlüpfte, ihre Brust.

»Wie? Verstand ich recht? Giseke hat Sie zu mir gesendet?« fragte sie, bereitwilliger näher tretend.

Wieder blitzte der Blick des Mannes über sie hin; hätte er die Kraft gehabt, so würde er vielleicht höhnisch gelächelt haben.

»Ja, ja,« stieß er abgebrochen hervor. »Giseke! – Retten Sie mich – verstecken Sie mich, um Gottes – Barmherzigkeit – willen!«

Er endete mit einem herzzerreißenden Stöhnen.

Marie riß schleunigst die Thür zu ihrem Besuchszimmer auf und rief:

»Folgen Sie mir! Folgen Sie schnell; ich höre Fußtritte!«

Im Fluge hatte das junge Mädchen die verborgene Thür geöffnet, die hinter dem Schranke war, und der Flüchtling hatte mit Aufbietung aller seiner Kräfte das Asyl erreicht, als sich von Neuem die Hausthür öffnete.

Obwohl einer Ohnmacht nahe, verlor doch Marie die Geistesgegenwart nicht. Sie blieb ruhig bei dem Schranke stehen, als ordne sie ihre Kleider, und wendete noch nicht einmal den Blick zur Thür, die nach dem Hausflur offen stand. Aber ihre Selbstbeherrschung brach zusammen und sie stürzte mit einem Freudenschrei hinaus in den Flur, als sie hinter sich ihres Vaters Stimme mit dem Klange der höchsten Verwunderung fragen hörte:

»Was machst Du denn da, Marie!«

»Gott sei Dank, daß der Herr Vater es sind,« schluchzte sie. »Ein Mann kam und bat um Schutz,« berichtete sie dann etwas gefaßter. »Ein fremder Mann –«

»Und Du hast ihn ohne Weiteres in unser Versteck gebracht?« fuhr der Calculator zornig heraus.

»O, er sagte etwas von Giseke,« stammelte das Mädchen bestürzt.

»Was soll das heißen? Hat der Rath Giseke das Recht, hier in meinem Hause zu befehlen, oder habe ich das Recht?«

Marie sah ihm, ohne ein Wort der Erwiederung zu wagen, flehentlich in's Auge.

»Ich will mir doch aber schleunigst diesen fremden Mann 'mal ansehen,« fügte der alte Herr, von der Einwirkung dieses Blickes erweicht, hinzu. »Zünde mir die Lampe an, Kind!«

Marie beeilte sich, diesem Befehle Folge zu leisten. Mit Hut und Stock, im blauen Rock und mit dem langen Zopf, ganz dasselbe Bild, wie in jener schönen Zeit, wo er sich als Calculator noch in's Bureau verfügte, so trat er durch die schmale Thür im Schranke und leuchtete mit merklicher Neugier in das Versteck hinein.

Marie folgte, blieb aber zitternd am Schranke stehen, als ihr Vater murrend sagte:

»Nun, was ist denn das? Können Sie sich nicht umdrehen, damit ich Ihr Gesicht sehen kann?«'

Die Antwort blieb aus und der Fremde regte sich nicht.

»Heda!« rief nun der Calculator. »Wer sind Sie? Richten Sie sich auf!«

Der Fremde, welcher lang ausgestreckt auf der Erde lag und das Gesicht zur Wand kehrte, rührte sich nicht.

»Der Mann ist ohnmächtig!« flüsterte Marie furchtsam.

»Hole mir Wasser!« befahl der alte Herr. »Nein, laß nur, er bewegt sich schon, nun? Schlafen Sie oder sind Sie krank?« fragte er, als der Mann sich, wie ein Schlaftrunkener schüttelte und seinen Kopf langsam zu ihm wendete. Er schauete auf, und der Calculator sah zu ihm nieder. Der Schreck und das Erstaunen waren aber gegenseitig, als sie, Aug' in Auge, fanden, daß sie alte Bekannte waren.

»Blanchard!« schrie der Calculator außer sich vor Zorn. »Blanchard – in meinem Hause – als Flüchtling – Schutz suchend – in meinem Hause? Fort mit Ihnen, auf der Stelle fort! Nicht einen Augenblick dulde ich diesen Ehrlosen langer hier! Fort!«

Blanchard richtete sich mühsam auf.

»Mit Vergnügen folge ich dem Befehle,« sagte er stöhnend. »Verfluchtes Mißgeschick, das mich hieher führte. Wußte ich doch gar nicht, wo ich das Gesicht der Demoiselle schon gesehen, die mich so naseweis examinirte.«

»Sie Lügner!« fiel der alte Herr wieder ein. »Der Rath Giseke soll Sie hergesendet haben? Abscheuliche Lügen –«

»Tod und Teufel, schweigen Sie, alter Sittenprediger! Ich habe das nicht gesagt, die Demoiselle hat sich's gedacht!«

Er richtete sich vollends in die Höhe und stand schwankend vor dem Calculator da, der gebieterisch mit der Hand nach der schmalen Oeffnung zeigte.

Mechanisch schritt Blanchard vorwärts. Sein Gesicht wurde todtenbleich. Er ächzte und hielt sich die Seite, kam aber glücklich bis in den Hausflur, wo er plötzlich zusammenbrach und niederstürzte.

»Verflucht! Ich kann nicht weiter!« schrie Blanchard verzweiflungsvoll auf. »Giseke's Kugel sitzt mir im Leibe.«

Der Calculator sah ihn verwundert an und lächelte dann verächtlich.

»Wieder eine Ausrede, aber sie hilft Ihnen nichts. Fort müssen Sie. Säße Ihnen eine Kugel aus Giseke's Pistole im Leibe, so wäre das nur eine gerechte Vergeltung für die Kugel, die Sie ihm durch's Gehirn schicken wollten, als Sie ihn in den Strom stießen.«

»Giseke war es!« rief Blanchard, sich jähe aufrichtend. »Den Rath Giseke habe ich damals attaquirt – den Rath Giseke?«

»Ja, ja,« erklärte Rüdiger mit Verachtung. »Markland hat ihn gerettet, sonst wäre er im Wasser umgekommen! Fort mit solchem Schurken, fort aus meinem Hause.«

»Giseke und Markland,« flüsterte Blanchard mit unheimlichem Tone und sank machtlos wieder zurück. »Giseke ist mein Verderben! Ich habe es empfunden bei seinem ersten Blicke – Markland und Giseke –«

»Wollen Sie nun mein Haus verlassen oder –«

Marie schrie auf und deutete auf Blanchard.

»Vater, seien Sie barmherzig!«

Blanchard wendete sein Auge zu ihr.

»Einen Tropfen Wasser,« murmelte er.

»Nichts da!« fuhr der Calculator auf. »Schurken erhalten nichts in meinem Hause!«

Marie war aber in die Stube gesprungen und kam mit einem Glase Wasser wieder. Sie knieete neben dem verworfenen Menschen nieder, hob seinen Kopf, der flach auf dem Estrich lag, empor und flößte ihm einige Tropfen Wasser ein. Ein Blick traf sie noch, ein Blick, worin eine Spur von Dank lag, dann seufzte der Mann tief, tief auf und war eine Leiche! –

Der Schrecken des Calculators war grenzenlos. Marie zitterte, von namenlosem Entsetzen erfaßt. Voll Grauen stürzten Beide aus dem Hause und riefen die Nachbarn herbei. Erst dann versuchten sie, ob noch Leben in Blanchard sei. Er war todt und blieb todt. Ein Bote wurde an den Präfecten Markland gesendet, um ihm die Nachricht von dem seltsamen Todesfalle zu überbringen und ihn zu bitten, so schnell, wie möglich, mit den gerichtlichen Maßregeln einzuschreiten, damit man nur die Leiche wegschaffen könne, die noch auf dem selben Flecke lag.

Marie verbrachte eine schauderhafte Nacht. Ihr Vater schien auch nicht auf Rosen geschlafen zu haben, und man muß wirklich zugeben, daß der Zufall nicht seltsamer spielen konnte, als er den einzigen Menschen, den Rüdiger gründlich haßte und verachtete, in dies Haus warf, um ihn dort sterben zu lassen.

Der Präfect leistete der an ihn ergangenen Aufforderung unverweilt Folge. Schon am frühen Morgen traf er, begleitet von dem nothwendigen Gerichtspersonal, auf der Bleiche ein, um die Todesart Blanchard's festzustellen. Mit welchen Gefühlen Markland bei dieser Gelegenheit in die Vergangenheit zurückblickte, läßt sich denken.

Wer aber malt die Ueberraschung der Leute, als sich bei der Entkleidung der Leiche zuerst ein harter und steifer Gegenstand zeigte, der, fest um den Oberleib geschnürt, sich nach erfolgter Ablösung als eine Mappe erwies, die voller Assignationen auf französische Cassen und Banken war und als sich dann auch in seinen Kleidungsstücken, in allen Taschen, im Unterfutter und wo man sonst irgend etwas verbergen konnte, Goldstücke, Ringe, Uhren und sonstige Kostbarkeiten vorfanden. Es war augenscheinlich, daß ihn nur die unersättlichste Habgier verleitet hatte, den eingeschlagenen Rückweg in sein Vaterland wieder zu verlassen, um im beginnenden Kriegsgetümmel seine Reichthümer zu mehren.

Die Leiche Blanchard's wurde am Ufer des Stromes eingescharrt, die bei ihm gefundenen Werthpapiere nebst seinen mit Gold und Kostbarkeiten gespickten Kleidungsstücke wurden vorläufig vom Gerichte in Asservation genommen und fielen später dem Fiscus zu.

Uebrigens stellte es sich durch Nachforschungen heraus, daß wirklich Giseke den Uebelthäter aufgespürt und mit unerbittlicher Beharrlichkeit verfolgt hatte. Ob aber seine Kugel die Ursache von Blanchard's Tode war, blieb doch fraglich, da bei der Attaque von allen Seiten auf den Fliehenden geschossen worden war.

Giseke wurde vom Strome der Zeit fortgerissen. Er kam nicht zurück, als das Observationscorps sich mit dem Heere vereinigte. Er machte den Feldzug mit, bis zur Entfernung des französischen Kaisers.

Diesen Zeitraum überspringen wir jedoch und knüpfen den Faden unserer Erzählung bei dem Zeitpunkte wieder an, wo die deutschen Fürsten in den Besitz ihrer Länder zurücktraten und die Napoleonischen Königreiche in Rauch und Pulverdampf aufgegangen waren.

Der Rath Giseke trat, unmittelbar nach dem beendeten Kriege im Jahre 1814, sein Amt wieder an, machte sich bei der Renovirung der Staatsverhältnisse verdient und wurde, in Anbetracht dieser und aller vorhergegangenen Verdienste, zum Dirigenten einer Regierungsabtheilung erhoben und mit dem Titel eines Geheimrathes belohnt. Sein erstes Geschäft war es, die Verabschiedung des Calculators Rüdiger ins rechte Licht zu bringen und seine Zurückberufung in das frühere Amt zu beantragen. Man ging willig darauf ein und ließ sich, durch die obwaltenden Umstände veranlaßt, eben so bereit finden, dem ehrlichen gekränkten Beamten den Titel eines Hofrathes zu verleihen.

Mit dieser Ernennung in der Tasche ging nun der Geheimrath Giseke eines Tages hinaus auf die Bleiche, um endlich dem stillen Verlangen seines Herzens nachzugeben, das ihn trieb, sein Glück zu vervollständigen, indem er sich einen häuslichen Heerd gründete.

Giseke fand den alten Herrn in unveränderter Seelenruhe, Marie aber mit dem demüthigen Lächeln geduldiger Liebe und stiller Treue. Ihr Herz hatte die lange Trennung als eine Prüfung ihrer Gefühle betrachtet und sie muthig ertragen. Sie empfing den Mann, den sie so zärtlich verehrte, mit rührender Freundlichkeit. Giseke zögerte keinen Augenblick, den königlichen Erlaß zu verkündigen und die Ernennung vorzulesen.

Sprachlos vor Freude hörte Marie, wie man ihren Vater mit Ehren in sein Amt zurückberief, wie man mit Anerkennung seine feste Redlichkeit belohnte. Sie wußte, wem sie das zu danken hatte und ihr zärtlicher Blick suchte den Geheimrath. Auch Rüdiger neigte zitternd vor Rührung sein Haupt und sprach seinen Dank mehr mit Blicken, als mit Worten aus.

»Und nun, mein Freund,« begann Giseke mit einem Ausdrucke, dem man die Herzenswallung anhörte, »nun erfüllen Sie mir die Wünsche meines Herzens! Geben Sie mir Ihr theuerstes Kleinod, den Stolz und die Freude Ihres Daseins, geben Sie mir Ihre Tochter Marie zur Gattin. Sie sollen mit ihr in einem Hause wohnen, sollen ihrer Pflege immer theilhaft bleiben. Ich habe mir ein Haus gekauft, in welchem Sie mit uns Ihren Platz finden sollen. Schlagen Sie ein, theurer Freund, schlagen Sie ein! Sagen Sie: Ja und Amen!«

Rüdiger sah ihn unverwandt an. Der Antrag kam ihm beinahe zu unerwartet. Er wendete sich nach einigen Secunden zu seiner Tochter und sah sie ebenfalls scharf an. Eine freudige Ueberraschung zitterte dann durch seine festen, harten Gesichtszüge.

»Ja mein Herr Geheimrath!« sprach er etwas unsicherer als sonst. »Sie sollen meine Marie haben, insofern Sie sich verpflichten wollen zu gestatten, daß sie mir eine demüthige und gehorsame Tochter bleiben darf!«

»Mit Vergnügen gestatte ich das, wenn Sie mir dagegen erlauben, daß ich alle Segnungen der zärtlichsten Liebe über Marie ergießen darf, um sie zum fröhlichsten, glücklichsten Weibe zu machen!« rief Giseke strahlend vor Entzücken.

»Thun Sie das! Sie verdient es!« entschied der neue Hofrath trocken, wie sonst.

Giseke aber zog das Mädchen, welches mit der Purpurröthe der Seligkeit und Herzenswonne da stand, an seine Brust und rief:

»Komm hinaus mit mir in Gottes freie Luft, komm hinaus in den frischen, hellen Sonnenschein, da will ich Dir sagen, wie lange ich Dich schon lieb gehabt habe und Du sollst mir gestehen, ob Du wirklich den häßlichen, von Pockennarben entstellten Mann nicht verabscheuest. Komm, o komm hinaus in's Freie! Sie erlauben es doch, Papa Rüdiger?« fragte er scherzhaft.

Und Rüdiger nickte ernst und majestätisch mit dem Kopfe, indem er sich im Sorgenstuhle niederließ. Eine Weile saß er still in tiefes Nachdenken versenkt. Dann erhob er sich und trat ans Fenster. Ob nicht ein heimlicher Stolz ihn leitete, nach dem stattlichen Schwiegersohn zu schauen, der, seine einfach gekleidete Tochter am Arm, dort draußen lustwandelte? Sein Gesicht zeigte sich wenigstens hell und freudig, während er darauf hin blickte.

Dann überschattete eine Wolke seine Stirn. Er griff behutsam nach seinem Nacken, zog seinen schweren, langen Haarzopf über die Schulter und betrachtete ihn mit schwermüthigem Ausdrucke. Ein Entschluß war in ihm aufgetaucht, aber zur Reife war er noch nicht gekommen. Der tiefe Seufzer, womit er den Zopf an seinen Platz zurückforderte, bewies seine Unentschlossenheit.

Am nächsten Morgen bereitete der neue Hofrath sich zu den nothwendigen Visiten vor. Er holte seinen Paradefrack aus dem Schranke, putzte die blanken Knöpfe und wählte ein Chemisett mit handbreitem Jabot und eine schneeweiße Piquéweste aus seinem Wäschevorrath. Darauf stand er mitten im Zimmer still und überlegte nochmals, ob es denn nicht möglich sei, dem Urtheile der Menschen zu trotzen, das ihn mit seinem »Zopfe« lächerlich nannte.

»Nein, es geht nicht länger!« sprach er halblaut und schritt mit stillem Heldenmuthe rasch bis zum kleinen Spiegel vor, der über der Commode paradirte.

»Marie, gieb mir einmal eine Scheere her!« fügte er laut und vernehmlich hinzu.

Das Mädchen beeilte sich, dem Befehle nachzukommen, fragte aber, als sie ihren Vater einen verdächtigen Griff nach dem Kopfe thun sah, sehr hastig:

»Herr Vater? Was wollen Sie machen?«

»Meinen Zopf absäbeln, mein Kind,« erwiederte der alte Herr ruhig, faßte nach demselben und hielt ihn in der nächsten Secunde, wehmüthig darauf niederblickend, in der Hand.

»Da hast Du ihn, meine Tochter; heb' ihn auf! Dieser Zopf ist der Schlüssel zu Deinem Glücke.«

»O, Herr Vater, lieber, bester Vater,« stammelte Marie, wunderbar ergriffen von dem plötzlichen Entschlusse, sich seiner Kopfzierde zu berauben. »Warum haben Sie das gethan?«

»Um nicht als eine historische Merkwürdigkeit angesehen zu werden! Als der Greffier Blanchard, Gott hab' ihn selig, mich einen Narren des vorigen Jahrhunderts nannte, und mit perfiden Ränken gegen mich auftrat, da verlangte es meine Ehre, daß ich mich des Haarschmuckes nicht entäußerte, dem frechen Franzosen gleichsam zu Liebe; allein da ich jetzt wieder in die Weltverhältnisse und in mein Berufsleben zurückzutreten gesonnen bin, so muß ich mich vernünftigermaßen den jetzigen Moden anpassen. Es hat mir eine schwere Ueberwindung gekostet. Es ist mir gerade zu Muthe, als wäre ich in eine neue Atmosphäre getreten, als würden sich nun durch diesen Gewaltstreich gegen mein eigen Haupt auch neue Ideen in mir entwickeln. Mag es d'rum sein, Marie; es ist und bleibt jetzt mein freier Entschluß, während es früher unter dem despotischen Drucke eines Schurken geschehen sollte. Nun ist der Schritt gethan, der mir nöthig schien. Hebe den Zopf auf, mein Kind, denn er hängt mit Deinem Schicksal zusammen.«

Was nun noch über die Schicksalsentwicklungen dieser Menschen zu sagen ist, das läßt sich in wenigen Worten zusammenfassen.

Der Geheimrath Giseke, der späterhin zum Präsidenten avancirte, ist einer der glücklichsten Sterblichen geworden. Seine Ehe war reich mit Kindern gesegnet und, der Erfahrung gemäß, zeigte sich der alte Rüdiger als ein eben so nachsichtiger und gütiger Großpapa, wie er ein strenger Vater gewesen war.

Markland war Bürgermeister der Stadt geworden. Er und seine fröhliche, leichtherzige Dora bekundeten, daß Erfahrung klug machen kann. Sie lebten keineswegs einsiedlerisch und sparsam, aber sie jubelten nicht mehr in den Tag hinein, sondern legten ihrer Neigung zum Luxus Zaum und Zügel an, wenn es nothwendig wurde.

Von Leclaire hat man nie wieder gehört. Ob er auf dem Bette der Ehre gestorben, oder als vernünftigerer Mann in sein Vaterland zurückgekommen ist, das weiß man nicht. Der General du Marlé hingegen ruht in deutscher Erde. Er war eines der ersten Opfer, das dem Muthe Derer verfiel, die das Joch seines Kaisers abzuschütteln versuchten.