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Robert Garrison – Nachtfalter

Gedichte

Modernes Verlagsbureau, Curt Wigand, Berlin-Leipzig, 1908


Zueignung

In meinen Garten war der Herbst gezogen. –
Die Blüten, die zur heißen Sonne strebten,
Sie waren halb verwelkt. Vereinzelt schwebten
Sie windgepeitscht umher. Nachtfalter flogen . . .
 
Du eiltest nach, du ahntest, daß sie lebten,
Hast ihre Süße trunken eingesogen
Und senktest in der Seele Meereswogen
Die Tränen, die als Tau an ihnen klebten.
 
]n einsam-stillen, mitternächt'gen Stunden
Hab' ich aus jenen losen, kleinen Blüten,
Wie du sie haschtest, diesen Strauß gewunden.
 
Nicht plaudern wollt' ich, das soll Gott verhüten,
Wie wir der Liebe Seligkeit empfunden –
Nur was du selbst mir gabst, wollt' ich dir bieten.

Eingang

Sag, Liebste, ist's nicht'ne kuriose Welt?
Da tritt man sich von ungefähr entgegen
Ganz fremd und kalt, dann zitternd und verlegen,
Bis Hand mit Hand sich fest umschlossen hält . . .
 
Und gleich als ob die Götter es nicht mögen,
Daß man das Schicksal auf die Probe stellt,
Wenn es zwei Seelen fest zu eins gesellt,
Verliert man sich auf eb'nen Sonnenwegen.
 
's ist doch zu dumm! – Könnt ich nur eins ergründen:
Läßt sich das Schicksal mit den Teufelssiegen
Durch allgewalt'ge Liebe überwinden?
 
Dann soll es ganz gewiß mir unterliegen!
Und kommt der Tag, da wir uns wiederfinden,
Tret' ich den Kampf an! – Brechen oder biegen!

Mein Himmelsliebchen! Mein Sonnengold!
Wüßt' ich nur, wie ich dich nennen sollt'!
Alles, alles klingt ja so klein . . .
Säh'st du mir nur ins Herz hinein . . .
's ist ja vor Liebe so übervoll –!
Wüßt' ich nur, wie ich dich nennen soll!
 
 

Auferstehung

Betend in die Kniee fallen
Will ich – dunkle Schatten schwanden.
Alle Glocken sollen hallen:
Liebe ist auferstanden!
Liebe ist wieder da!
Halleluja!!
Blutrote Rosen blühn am Weg,
Leuchten im Abendsonnenbrand
Über jeden goldnen Steg,
Duftend ins sonnige Sehnsuchtsland . . .
Und das Glück umklammert die Hand,
Streicht von der Stirne Enttäuschung, Verschmähung –
Und vom Himmel braust es gewaltig:
Auferstehung!!
 
 

Ich und Du

Du hast aus tiefem Schlafe mich erweckt,
Aus tiefer, toter, banger Erdennacht!
Du hast die Sehnsuchtshände ausgestreckt –
Ich griff nach ihnen und bin jäh erwacht.
 
Und über meine Stirne fühlt' ich leis'
Erschauernd deine Hände zitternd gleiten . . .
Die Seele heilt, das starre Herz wird heiß – –
So möcht' ich leben alle Ewigkeiten!
 
Allein mit dir!! – – Und alles, was da war
Und was uns das Gemüt, das frohe, trübte,
Das graue Leid von manchem Sorgenjahr
Wär' für uns tot. – Nur ich und du, Geliebte!
 
 

Liebe

Du mußt die Augen schließen,
Du darfst mein Gesicht nicht sehn,
Dann will ich zu deinen Füßen
Dir ewige Liebe gestehn.
 
Atemlos sollst du schweigen,
Wenn leise mein Herz zu dir spricht;
Du sollst nur das Angesicht neigen,
Doch reden sollst du nicht.
 
Denn wenn im stummen Umfangen
Die Nacht scheu herniedersteigt,
Erwacht ein Fieberverlangen:
Man zittert und liebt und – schweigt.
 
 

Ich weiß . . .

Ich weiß, daß in den stillen Dämmerstunden,
Wenn durch mein Fenster leise Schatten zieh'n,
Ein stummes Etwas fest uns hält umwunden –
Den Segen reicht das Abendsonnenglühn.
 
Ich weiß, daß wenn die Schatten tief sich senken
Und dunkle Nacht durchs weite Weltall weht,
Zwei liebe Augen träumend mein gedenken,
Zwei warme Lippen zittern im Gebet.
 
Und weil ich's weiß, so könnte ich zum Diebe
Oft werden, der zur Kammer hin sich schlich';
Im tiefsten Schlummer möcht' ich deine Liebe,
Die sehnsuchtskranke, stehlen ganz für mich . . .
 
 

Dein Blick

Dein Blick, Geliebte, ist ein Sonnenbad,
In das ich meine graue Seele tauche . . .
Du weißt nicht, wieviel Licht dein Auge hat,
Du weißt nicht, wieviel Sonnenlicht ich brauche.
 
Und sink' ich in das blaue Meer hinein
Und trinke leuchtend seine Zauberhellen,
So strömt in meine Tiefen Sonnenschein –
Die Silberfluten schlagen Lebenswellen.
 
So reinigt mich dein hehrer Himmelsblick,
Der Busen schwillt und Hoffnungsstrahlen blinken;
Für meine Seele gibt es kein Zurück – –,
O halte sie und laß sie ganz ertrinken!
 
 

Du sagst, mein Herz . . .

Du sagst, mein Herz sei gegen dich verschlossen,
Es berg' in seiner Tiefe Heimlichkeiten –
Doch ich empfinde nichts als Seligkeiten,
Denn Amors Pfeil hat tief ins Herz geschossen.
 
Ich will es wie ein offnes Buch dir breiten
Das Herz, das deiner Liebe Glück genossen,
Auf das du heiße Tränen hast vergossen . . .
Ich fühle sie in meine Seele gleiten.
 
Nicht weinen sollst du! Aber wenn du weinst,
Du, die du mir als Erdensonne scheinst,
Dann weine, weil das Glück dich schier beengt!
Ich will's in stiller Abgeschiedenheit,
Weil ich dich liebe bis in Ewigkeit,
Ob auch das Schicksal zwischen uns sich drängt.
 
 

Reife Liebe

Uns hat das Schicksal erst zurechtgestutzt:
Der allerersten Liebe goldne Zeiten,
Das Sonnenglück mit tausend Schattenseiten,
Das bißchen Goldstaub ist hinweggeputzt.
Drum scheint das müde Herz auch ganz verdutzt
Ob seiner reifen Liebesseligkeiten!
Kein Menschenkind vermochte es zu leiten
Zu neuem Leben – welk und abgenutzt.
 
So stempelte das Schicksal das Empfinden
Zwei schwergeprüfter Seelen, denn vor allem
Ließ es uns das Vergangene überwinden.
Befreit ist nun das Herz von Teufelskrallen! . .
Das Glück läßt sich im Handumdrehen finden,
Nachdem die ersten Schicksalsschläge fallen.
 
 

Gemüt

Es ist ein eigen Ding um das Gemüt;
Du mußt es streng vor allen Menschen hüten,
Mußt es verbergen, daß es keiner sieht –
Sie lachen nur, die herzlos Abgebrühten!
Und nun gar am Theater, wo dich flieht
Der über Leichen Gehende! Es bieten
Dir schäb'ge Konkurrenz Talentbanditen,
Mit denen sich die Kunst vergeblich müht.
 
Wie? Tränen weinst du? – Lache ins Gesicht,
Du, Bajazz', denen, die dir Tränen locken!
Sie kennen ja die Menschenseele nicht,
Die aus dir klingt, wie dumpfe Grabesglocken;
Sei du wie sie: kalt, herzlos, abgebrüht,
Denn am Theater gibt es kein Gemüt . . .
 
 

Bekenntnis

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust – –
Ach so, das sagte schon ein andrer Dichter.
Jedoch auch mich, glaubt, überkommt die Lust,
Herauszukehren zweierlei Gesichter.
 
Im Alltagsmenschen, diesem Biedermann,
Der mit konstanter Krämerart mich ödet,
Seh' ich den Vogel am Gefieder an –
Drum stell' ich mich wie er: treu und verblödet.
 
Jedoch der Geist, der mich zu zwingen weiß,
Enthüllt das zweite Antlitz meines Innern,
Und das heißt: Spott . . . das ist in mir der Greis,
Der feisten Edelmut sucht zu verdünnern.
 
Das ist der Greis mit anerzog'nem Hang
Zu der Verzerrung aller Sittenreinheit
Ins Lächerliche . . . der sein Lebelang
Verdammt hat diese Biedermannsgemeinheit.
 

Doch weil sie ihn zum Greisen hat gemacht,
Läuft er mit ihr und lacht bei allen Scherzen
Und zotet mit. Er tut es unbedacht,
Der zweite Ichmensch mit dem braven Herzen . . .
 
 

Nachtfest

Ich lag vor dir anbetungsvoll versunken . . .
Der Schönheit Sinnbild stand verkörpert da,
Marmorgemeißelt – meinem Körper nah,
Der wie elektrisiert von glüh'nden Funken!
 
Und wie ich dich verlockend vor mir sah,
Halb stumm verzückt, halb schauernd sehnsuchtstrunken,
Sprach ich: Sei mein!! – doch in die Hand gesunken
Voll Scham war mein Gesicht. – Du hauchtest
Ja . . .
 
Da draußen lärmte noch die laute Menge,
Die Sommersonne sank in schwüle Nacht –
Wir aber schwiegen in der trauten Enge . . .
Uns schien der Liebe Glück vertausendfacht;
Wir priesen Gott den Herrn, der uns erdacht,
Und von der Straße klangen Nachtgesänge.
 
 

Zu spät

Ich habe die Sterne gefragt:
Wo weilt das Glück?
Da haben die Sterne gesagt:
Im Augenblick!
 
Drauf hab ich ein Blümlein erblickt
Im Lenzsonnenrot,
Doch als ich es mir gepflückt,
Wars welk und tot.
 
Mir glitten die Tränen schwer
In stummem Leid –
Da kam des Wegs einher
'ne blühende Maid.
 
Sie gab mir ein Herz von Gold
Und sprach kein Wort,
Und als ich ihr danken wollt',
Da war sie fort.
 
Ich bin ihr nachgejagt
Im Augenblick – –
Da haben die Sterne gesagt:
Das war das Glück.
 
 

Am Ufer

Auf breitem Strome treibt das letzte Eis,
Und wo ein Widerstand, zerbricht die Scholle;
Die Sonne brennt am Wasserspiegel heiß,
Als ob sie selber Kühlung nehmen wolle.
 
Das flimmert und das glitzert silberhell,
Vom Eise tönt ein leises, dumpfes Krachen,
Und aus den Tiefen schießt ein warmer Quell
Und springt und hüpft im jungen Lenzerwachen.
 
Am Ufer stehn wir beide traumvertieft,
Weit um uns her ein atemloses Schweigen . . .
Ihr Liebesquellen, die ihr lange schlieft,
Wir fühlen euch aus unsren Tiefen steigen!
 
Vom Eise kracht's. – So löst sich alles los,
Was in der Seele sich zusammenballte;
Zieh' mich hinab in deinen warmen Schoß,
Daß ich die wilden Liebesquellen halte . . .
 
 

Erwachen

In Dämmerstunden, wenn die Lampe trübe
Und todesächzend Flackerschatten wirft,
Gedenk ich leise meiner toten Liebe . . .
 
So wie das Lampenlicht seh' ich sie funkeln,
Ersterbend – müde – bis sie ganz erlosch . . .
Und lange, lange irrte sie im Dunkeln.
 
Die Augen brannten heiß, die tränenfeuchten,
Bis eine weiche, bleiche Frauenhand
Hinüberglitt, wie Morgensonnenleuchten . . .
 
 

April! April!

Über die grauen Nebelwogen
Des jungen Morgens zittert ein Lied.
Kommt der Frühling ins Land gezogen,
Breitet die Schwingen und kommt geflogen
Da, wo der Regen in Schauern sprüht.
April! April!
 
Von den Dächern hernieder tropfen
Tränen des Himmels ins Antlitz hinein
Und der Landmann baut seinen Hopfen
Und die Herzen der Mädels klopfen . . .
Wann wird die fruchtbare Ernte sein?
April! April!
 
Sitz' ich in meiner Stube verschlossen,
Warte und warte. – Wann reift die Saat?
Ist's nicht genug schon vom Himmel geflossen?
Hab' ich nicht Tränen genug schon vergossen?
Naht nicht das Glück, wenn der Frühling naht?
April! April!
 
 

Sommerabend

In meinem Fenster der wilde Flieder
Flimmert im Abendsonnenlicht.
Schauernd schwanken die schlanken Glieder
Im leisen Windhauch auf und nieder;
Goldene Blüten tragen die Düfte
Zur Welt hernieder durch Sommerlüfte.
Ich blicke traurig hinab
Zur Erde . . .
Mir ist, als werde
Die wilde Jugend gesenkt ins Grab.
Ich möchte sie fangen und halten
Die unschuldsweißen
Glühenden Gestalten,
Die in der Sonne funkeln!
Ich möchte die Sonne herunterreißen
Zum Dunkeln!
Mit Herrgottsfäusten möchte ich richten,
Welt und Menschen vernichten,
Die durch fallende Blüten im Traum geweckt, . . .
Die, ahnend meine Nähe,
Zu mir aufgeschaut in die Höhe – – –
Und sich die Blüten ins Knopfloch gesteckt!
 
 

Hoffnung

Wir irren beide schweigend durch die Nacht . . .
In unsrer Seele, wo sonst Dunkel lag,
Da dämmert auf ein junger Frühlingstag,
Und neue Blüten zeitigt seine Pracht.
Das knospt und sprießt mit einem Werdeschlag,
Und eine heiße Liebessonne lacht,
Die lange Nächte grabesstumm gewacht –
Das wird einTag! Hei, Liebchen! Sonnwendtag!!
 
Wie zittert jeder Puls in unsren Gliedern!
Wie lechzt und stöhnt das arme, wunde Herz
Nach süßen, sehnsuchtsweichen Liebesliedern!
Du, Sonnenliebchen! schaue himmelwärts
Zu deinen Sonnenschwestern, Sonnenbrüdern –
Dort liegt das ew'ge Grab vom Menschenschmerz.
 
 

Kleinstadt

Wir schlendern beide durch die Stadt –
Die Straßen sind uns viel zu weit
Und viel zu breit . . . die Liebe hat
Inmitten einer solchen Stadt
Den Fieberdurst nach Einsamkeit . . .
Und mancher Streifblick der Passanten
Glotzt muckermäßig: »Komödianten!«
 
Tiefglüh'ndes Rot deckt dein Gesicht;
Doch mich läßt Kleingeist unberührt,
Mich kümmern Stadt und Menschen nicht,
Und ob dein Mund verängstigt spricht:
»Man glotzt, weil du heut' frisch rasiert!«
Das Muckertum in Samt und Seide
Mag glotzen! – ich seh' nur uns beide.
 
Da hält mich einer für geschminkt,
Ein andrer buhlt um deinen Blick;
In meiner Seele singt und klingt
Das Lied der Liebe! Zitternd trinkt
Mein Mund von deinem stummes Glück . . .
Und rings die Menschen, diese Wühler,
Die uns beglotzen: »Ha, die Spieler!«
 
 

Nicht zu Hause

Das Haus ist leer. Empor die schmalen Stufen
Geht's heut wie sonst; nur nicht so frohen Sinns.
Mir ist, als hört' ich meinen Namen rufen,
Und unwillkürlich sag' ich laut: »Ich bin's!«
 
Das Echo tönt . . . und dann nach einer Pause
Hinauf – empor! Da les' ich schon dein Schild!
Doch an der Tafel steht es: Nicht zu Hause.
Noch glaub' ich's nicht, noch schlägt das Herz zu wild.
 
Dann wird es still. – Hinab die schmalen Stufen
Wank' ich und fühle, nun ist alles aus. –
Hört ich nicht meinen Namen nochmals rufen? . . .
Nein . . . nichts. – Und schluchzend tret' ich
aus dem Haus . . .
 
 

Ungeduld

Ich zähle die Tage . . . Noch hundertundvier,
Sechs Stunden und vierzig Minuten,
Dann poli're ich zitternd an deiner Tür,
Dann wendet sich alles zum Guten.
Dann ist auch wieder die Sehnsucht vorbei
Und wieder bist du mein eigen,
Wir sagen uns dieses und mancherlei,
Verschließen die Türen und – schweigen.
 
Ich zähle die Tage . . . die Stunde zählt
Dreitausendsechshundert Sekunden . . .
Ach, wie so eine Sekunde quält!
Und was wird in ihr nicht empfunden!
So zählt an Sekunden ein einziger Tag
Sechsundachtzigtausendvierhundert! –
Und wie man so was überstehen mag,
Das hat mich schon immer gewundert.
 

Ich zähle und zähle . . . Die Zeit kriecht hin
So schleppend, so langsam, so träge!
Ich zähle nicht weiter! Ich glaube, ich bin
Schon müde auf halbem Wege.
Ja, wär' ich geboren als reicher Graf,
Ich wetzte leicht aus diese Scharte!
Doch halt' ich als Mime den Winterschlaf
Im Sommer und warte . . . und warte . . .
 
 

Mir bangt um dich . . .

Mir bangt um dich . . . Gleichwie der Träumer Hans
In sich versunken pendelt durch die Gassen,
So irr' ich traumverloren und verlassen,
In starren Augen feuchten Sehnsuchtsglanz.
Was kümmern mich die lauten Menschenmassen,
Die mich belächeln, armsel'gen Verstands?
Was kümmert mich der ganze Firlefanz?
Sehnsucht macht einsam und die Menschen hassen.
 
In dir nur leb' ich! Ob der Wust der Menge
Mich zeterjubelnd mit sich vorwärts reißt –
Ich bleibe dennoch einsam im Gedränge.
Du weißt es ja, was einsam lieben heißt!
O ziehe mich in deine traute Enge,
Denn ohne dich fühl' ich mich wie verwaist.
 
 

Welt

Zum Korridor führt eine Eingangspforte . . .
Ein dunkler, schmaler, langer, langer Gang.
Die Wohnung Welt. Man tastet so entlang.
Wohin? Ins große Etwas und ins ew'ge Nichts . . .
Man bildet ein Stück Last des Erdgewichts.
Plautz! liegt man da, eh' man zum rechten Orte
Mühsam gelangt – zur Lebensausgangspforte.
Den Korridor entlang viel finstre Zimmer:
Da liegen buntgehäuft Erinnerungstrümmer;
Da liegen stöhnend nie gestillte Schmerzen;
Da liegen sehnend die gebroch'nen Herzen,
Das tote Glück, die ausgebrannte Sonne,
Der Überrest der Jugendliebeswonne.
Man wankt vorbei, man schielt zuweilen hin
Und seufzt: »Wie müde ich von allem bin!«
Stäubt mit dem Schnupftuch sich die Stiefel ab,
Streift noch ein letztes Stückchen Sein herab
Und geht zum Ausgang – –. Blickt man da zurück,
Erkennt man dann das Allerweltsgeschick?
 
 

Scheiden

Die Sonne geht unter, die Sonne geht auf
In aller Herren Ländern,
Das ist der Welt und der Menschen Lauf,
Es ist ein ewiges Ab und Auf –
Wir werden's niemals ändern.
 
Drum, wenn dich finstre Nacht umgibt,
Denk', daß der Morgen wird grauen,
Und hat . . . hat dich ein Wesen treu geliebt
Das wie Spreu das Geschick in die Welt zerstiebt, –
Es gibt ja ein Wiederschauen.
 
So oft ihr die Hände euch beide reicht
Zum Abschied: erschwert es nicht beiden!
Ein Narr, wer schwächlich die Segel streicht!
Ihr habt euch beide morgen vielleicht
Schon wieder – – um wieder zu scheiden.
 
 

Teufelsliebe

Ich spielte neulich den Mephisto wieder . . .
Wie kam's nur, daß ich mich ganz Teufel fühlte?
Als ich das letztemal vor dir ihn spielte,
War ich ein kreuzfideler Seifensieder.
Und während ich mit spött'schen Worten zielte,
Sang ich im stillen heiße Liebeslieder,
Im Sinnentaumel zuckten meine Glieder. . . .
Wie wenn ein süßer Teufel mit mir spielte.
 
Doch diesmal? – Giftige Skorpionen speien
Fühlt' ich aus tiefstem Innern, um den Göttern,
Die uns getrennt, ins Angesicht zu schreien!
Mit meinem Teufelsfluch sie zu zerschmettern
Und meine kranke Seele zu befreien
Von tosenden, verheer'nden Schicksalswettern!
 
 

Liebesnacht

Schon steigt im Ost das graue Morgenlicht.
Nur du und ich, wir schreiten traumversunken!
An meinen Körper schmiegt dein Leib sich dicht
Und deine Augen starren sehnsuchtstrunken.
 
Ja, schmieg' dich fest . . . noch ist die Nacht nicht aus,
Die Erde träumt, kein Mensch kann uns belauschen!
So tret' ich mit dir in das dunkle Haus
Und höre nur dein Atmen und dein Rauschen.
 
Du wilde Nacht! Du wildes, süßes Weib!
Ein Wonneschauer ging durch meine Glieder –
Dann sank ich stumm vor dem entblößten Leib,
Dem zitternden, im trunknen Taumel nieder.
 
Im Osten hoch die Morgensonne stand. . . .
Du schmiegtest dich an mich als wie mein eigen.
Was uns're durst'gen Seelen fest verband,
Verriet der wunden Lippen süßes Schweigen.
 
 

Irgend da draußen . . .

Irgend da draußen wo, weit von der Stadt,
Wo, weiß ich selber nicht, atmet der Friede.
Wenn meine Seele zermartert sich hat,
Irrt sie durchs Dunkel hin, ächzend und müde.
 
Irrt sie durchs Dunkel hin, weit, weit hinaus,
Fühlend und tastend zur friedlichen Stille,
Ruhet vom Seufzen und Weinen sich aus,
Lüftet die menschenverlogene Hülle.
 
Fern von der Stadt herauf ziehn durch die Höhn
Finsterer Nebel zerrissene Fetzen,
Die in hellglitzernden Nachttau zergehn
Und mich mit himmlischen Tränen benetzen.
 
Ich aber ruhe und träume mich satt
Und meine Seele erwacht, die so müde. – –
Irgend da draußen wo, weit von der Stadt,
Wo, weiß ich selber nicht, atmet der Friede. . . .
 
 

Abendstimmung

Die grauen Abendschatten schleichen
Dahin in die Unendlichkeit;
Mir ist, als ob sie leise streichen
Aus meinen Augen Tränenleid.
 
In wolk'gen Nebelschleiern tragen
Sie meiner Seele Erdenlast,
Und eine Wolke hör' ich klagen:
»Wie schwer du mich beladen hast!«
 
 

Abschied

Ich hörte ein krampfhaftes Stöhnen
Und lauschte, woher es wohl sei –
Du lachtest . . . und glitzernde Tränen
Vergossest du schluchzend dabei.
 
Ich reichte dir fest meine Hände
Und zog dich heran an die Brust . . .
Da weintest du laut ohne Ende
Und hast es kaum selber gewußt.
 
 

Nachts

Hab' da neulich die halbe Nacht
Sinnend und grübelnd daheim verbracht.
Vor mir am Tische die leeren Blätter . . .
Fiel mir nichts ein bei dem Sommernachtswetter.
Kosend strich mir der Lenzwind das Haar,
Daß mir's so gar nicht zum Dichten war
In meinem tabakdurchschwängerten Neste.
Immer noch schwelten und kohlten die Reste
Schwammig-zerbiss'ner Zigarrenstummel –
Nahm meinen Filz und ging auf den Bummel,
Kühlung zu suchen im kosenden Wind,
Da, wo das Leben erst nachts beginnt . . .
–  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –  –
Hab' da neulich die halbe Nacht
Sinnend und grübelnd draußen verbracht.
Vor mir gingen zwei Damen, totschick.
Donner und Doria! Die hatten Glück!
Seide und Sammet! Edelgestein
Flammte durchs Dunkel wie Frühsonnenschein!
Ging da eine drüben allein – –
Schob die finstere Straße entlang
Mit einem Blicke, so feucht, so bang,
Blieb dann stehen hin und wieder,
Hob die halbgeschlossenen Lider,
Ob nicht wer – –? Drauf war sie verschwunden.
»Na, Kleiner, Zimmer auf Tage und Stunden?«
Fragt mich in bierbaßheiserem Tone
Eine jugendlich-geschminkte Matrone.
Ich blicke auf: – Gedunsene Wangen,
Trockene Lippen ohne Verlangen,
Gefärbtes Rotblond, die Wurzel braun,
Augen, die spöttelnd, verächtlich schaun.
Schaudernd wende ich mich zur Seite.
»Armer Kerl! schon wieder pleite?!«
Weiter schlendre ich unbeirrt. –
Wie das verlogen um Liebe girrt!
Wie das die Reinheit der Sommernacht
Unflätig trübt in ihrer Pracht!
Ekel und Abscheu erpackt mich wild – –
Aus meiner Tasche zieh' ich ein Bild,
Das ich wie etwas Heiliges fasse . . .
Und in einer entlegenen Gasse
Tret' ich unter eine Laterne;
Trübe flackert das sterbende Licht –
Und ich küsse dein liebes Gesicht . . .
Über mir blinken die tausenden Sterne,
Träumend atmet die wohlige Nacht –
Hab' da neulich auf einsamer Ferne
Schweigend und schluchzend deiner gedacht.


Die Buße

Am Himmel glänzte der Abendschein –
Ich stand am Fenster und starrte hinein
Ins nächtliche Dunkel, ins träumende Nichts . . .
Da war mir's, als ständ' ich am Tag des Gerichts
Vor Gott dem Allmächt'gen, um Buße zu tun;
Tief unten sah ich das Weltall ruhn
In friedlichem Schweigen . . . ein schlummerndes Kind,
Nur leise umzittert vom Abendwind.
Da schloß ich die Hände zum stillen Gebet
Und habe Gott-Vater um Gnade gefleht
Für Sünden, die ich im ungläub'gen Wahn,
In ärgster Verbitt'rung ihm angetan.
Ich dankte ihm schluchzend für Brot und Trank,
Voll Inbrunst sprach ich ihm meinen Dank,
Daß er in die Brust mir die Liebe gesenkt
Und dich mir, du himmliches Wesen, geschenkt.
Ich dankte, daß er mich gereinigt vom Spott –
Und sieh! da erblickte ich meinen Gott!
Nicht, wie er im Geist lebt, mit flatterndem Bart,
Mit männlichen Zügen gewaltiger Art,
Als irdisch verklärten, gigantischen Greis –
Aus grabfinst'ren Wolken schien träumerisch-leis
Hervor der schläfrige, dämmernde Tag,
Auf dem ein rosiges Frühlicht lag . . .
Das waren die Augen, das Sonnenlicht
In seinem nächtlich-gebräunten Gesicht.
Ich fühlte plötzlich flammenden Mut
Beim Anblick der heller werdenden Glut;
Ja, das war Leben, war Tag – war Gott!
Ich sank in die Kniee und sühnte den Spott
Und schluchzte so laut wie ein weinendes Kind – –
Und draußen blies lustig der Morgenwind.
 
 
 

Stumpfsinn

Ich sitze im Kaffeehaus
Einsam zusammengekauert
In einem stillen Winkel,
Vor mir
Eine leere Schale Mokka,
Duftend nach Kognak,
Gefüllt mit der Asche
Einer Henry Clay,
Deren Überrest
Schwelt und kohlt
In meiner zerbissenen,
Angeräucherten Spitze
Von Papier . . .
Mein Vis-à-vis,
Eine gemalte Königin
Der Nacht,
Den beputzten Girardihut
Tief in die Stirn gedrückt,
Sitzt mit verschränkten,
Wadenlosen Beinen
Gelangweilt da
Und dampft
Eine Zigarre. – –
Duftige Seidenspitzen
Blitzen lockend hervor
Aus Unterröckchen
Und Höschen . . .
Zu mir herüber strömt
Ein seltsam eignes Gemisch
Von Wärme und – Ekel.
Träumend lehn' ich mich
In meine Ecke zurück
Und dampfe,
Nicht ohne ein gewisses
Behaglichkeitsempfinden
Eigner Berechtigung
Eine frische Zigarre
Und denke:
Etwas überaus Schönes
Und Anmutsvolles ist es
Doch um ein Weib,
Wenn es raucht
Eine Achtmännerzigarre
Mit dem befriedigenden
Stolzen Bewußtsein:
Es ist was vom Manne!
 
 

Versöhnungsfest

Ich seh', daß du mich wieder liebst,
Daß du mir süße Hoffnung gibst
Auf neue Flitterwochen . . .
Drum leg' dir alles fein zurecht:
Das Rosenöl fürs Haargeflecht,
Das ich so gern gerochen –
 
Der Ampel schwüles Dämmerlicht
Soll wieder deinem Angesicht
Den milden Glanz verleihen –
Die wilde Sehnsucht, die du hauchst,
Und alles, was du sonst noch brauchst,
Sollst du der Liebe weihen!
 
Vergiß auch nicht das Negligé,
Das seidenweiche, weiß wie Schnee,
Mit duft'gen Brüss'ler Spitzen!
Leg' dir nur alles fein zurecht!
Du weißt, im Dunkeln sucht sich's schlecht –
Da will man rasch besitzen.
 

Wie meinen Wunsch du schnell erkannt!
Du hast schon alles bei der Hand,
Bevor ich's ausgesprochen.
So ist das göttliche Geschlecht:
Es liegt noch alles fein zurecht
Von jüngsten Flitterwochen . . .
 
 

Wunsch

Der Morgen dämmert . . . die Sonne scheint
Verschlafen auf zuckende Wunden;
Ich habe die Augen mir rot geweint
In schleichenden, nächtlichen Stunden.
 
Nun schmerzt mich das flimmernde Tageslicht,
Noch hämmert's im Hirn mir vom Denken;
Ich möchte mein erdfahles Angesicht
Ins Dunkel der Nacht wieder senken.
 
Ich möchte, vergessend in ihrem Schoß,
Ein Todesgeweihter auf Erden,
Wie ich in die Welt trat, so ahnungslos,
Ins Jenseits getragen werden.
 
 

Nachts

Wenn über mondbeglänzte Wände
Des Nachts die irren Blicke schweifen,
Dann möcht' ich deine Sehnsuchtshände
Wie ein Ertrinkender ergreifen.
 
Und tast' ich in die öde Leere,
Wo, wie gespenstisch, Lichter spielen,
Ist mir's, als würd' ich all die Schwere,
Das Weh der Trennungsstunde fühlen.
 
 

Verlangen

An deine weiße Schulter will ich lehnen
Die heiße Stirne, daß in Marmorkühle
Sich all die Furchen wieder glättend dehnen.
 
Es sind der Furchen gar so viel – so viele,
Die eine Frauenhand mit Katzenkrallen
Tief in die Haut grub, daß ich's ewig fühle.
 
Du kannst mich heilen, du allein von allen!
Wenn deine lieben Hände mich umzittern,
Dann möcht' ich dankbar dir zu Füßen fallen –
 
Und Frühlingshelle schimmert aus der bittern,
Vergangnen Zeit der nächt'gen Leidensstunden,
Wie wenn die Sonne aufsteigt nach Gewittern.
 
An diesen Schultern, diesen duftsüßrunden,
Wo meine Pulse fiebern voller Sehnen,
Kann ich genesen wieder und gesunden.
 
O, laß an sie die heiße Stirn mich lehnen! . .
 

Krankenvisite

In deinem Zimmer riecht es nach Karbol,
Nach Jodoform und jungen Maienglöckchen . . .
Goldgelbes Abendlicht träumt in den Blüten,
Irrt über deine fieberfeuchten Löckchen.
Die Blüten seufzen» – – –.
Deine Sonnenaugen,
Die halbverblaßten, irren unverwandt
Hinauf zur Decke und herab die Wand,
Und durch das off'ne Fenster leise zieht
Der Sommerwind . . . Ein müdes Sterbelied,
Langsam verklingend, lullt es dich in Schlaf . . .
Was träumst du wohl? Von einem reichen Graf,
Der dich mit Säcken Goldes von mir lockt?
Vom Sensenmann, der auf dem Bette hockt
Und in dem ew'gen Tiktakeinerlei
Gleichmäßig klappert: »Komm! Vorbei! Vorbei!«
Träumst du vom Glück, das leicht wie Glas zerschellt?
Vom fernen Jenseits, von der bess'ren Welt,
Wo wir uns beide wiederum vereinen? –
Was träumst du wohl . . . ?

Die goldnen Lichter scheinen
Auf deinen weißen, welken Blütenmund,
Um den es zuckt und krampft. Dann bist du still.
Der Sensenmann reckt sich empor: »Ich will!«
Stumm steht er auf. Da wird dir leicht und wohl. – – –
In deinem Zimmer riecht es nach Karbol . . .

Geburtstag

An deinem Fenster schlich ich nachts vorüber.
Ein Lichtmeer strömte flutend da heraus.
Aus tiefem Dunkel späht' ich scheu hinüber:
Die Gläser klirrten . . . »Hoch!« – Ich schritt nach Haus.
 
»Hoch«, sprach ich still für mich »hoch sollst du leben!«
Noch zuckte im Kamin ein letzter Schein.
Ich sah ein Meer von Lichtern um mich schweben – –
Und leise, leise weinend schlief ich ein.
 
 

Leben

Hei, Liebchen! Juchhei!
Nun ist die Trennung vorbei,
Verklungen die Sehnsuchtslieder –
Rumdideldumdei!
Nun haben wir uns wieder!
 
So geht alles dahin . . .
Schau, wie selig ich bin!
Ist einst das Spiel verloren,
Rumdideldumdei –
Werf' ich die Karten hin!
Jetzt bin ich neugeboren!
 
Leben, nur Leben!! schreit
In mir die Seligkeit!
Leben lechzt jede Fiber . . .
Rumdideldumdei!
Leben! sonst geht's vorüber.
 

Darum, eh' es vorbei,
Ist es mir einerlei,
Sterb' ich in Liebesbeben! –
Rumdideldumdei!
Komm, Liebchen herbei!
Es lebe das Leben!!
 
 

Schwesterseele

Es war im Spätherbst. In verdorrten Zweigen
Erstarb die Sonne. Goldiggelbes Laub
Trieb todesächzend durch des Friedhofs Schweigen.
 
Und gleich den Menschen ward es wieder Staub,
Gleich jenen, über die der Sturm es fegte
Ins ew'ge Nichts – – des Allbesiegers Raub.
 
Stumm gingst du mir zur Seite, denn es legte
Sich schwer der blütenwelken Herbstnatur
Gifthauch auf deine Brust, die kaum sich regte.
 
Doch einmal sah ich eine Leidensspur
An deinen tiefgesenkten Lidern blinken –
Sie glitt auf meine Hand. Ein Tröpfchen nur . . .
 
Ich wollte auf die Kniee vor dir sinken,
Wollt', was die Träne dir entlockte, wissen
Und aus der Wunde deiner Seele trinken –
 

Es zog mich hin, das Tröpfchen fortzuküssen
Von meiner Hand. Du klammertest dich fester
Und weintest laut, von Wehmut hingerissen . . .
 
Da schrie aus dir die Seele einer Schwester.
 
 
 

Nachtkonzert

In tiefer Sommermitternacht
Durch einen lauten Kater
Ward plötzlich aus dem Schlaf gebracht
Ein philiströser Vater.
Der Kater gröhlte und »Miau!«
Miautete die Katze –
Die Uhr schlug zwei . . . Die junge Frau
Strich ihrem Mann die Glatze.
 
Der aber gähnte, um alsdann
Die Augen gleich zu schließen,
Indes verliebt der Katermann
Lag zu der Holden Füßen.
»Miau!« schrie sie, von Glut entfacht  – –
Der Gattin lag's im Blute:
In tiefer Sommermitternacht
Ward eigen ihr zumute . . . . .
 
Doch schlief sie ein – –. Es hat sie recht
Im Schlafe leis' geschüttelt,
Bis sie des morgens früh – der Knecht,
Der Frieder, aufgerüttelt.
 
 

Sie lachten still sich beide aus,
Als noch der Kater gröhlte
Und der erwachte Menelaus
Vom Nachtkonzert erzählte.
 
 

Grisettens Ende

Grisette singt:
»Es geht ein kalter Wind heut nacht,
»Der Regen peitscht in Strömen;
»Ich hab' schon manchen angelacht,
»An manchen mich herangemacht,
»Doch keiner wollt' mich nehmen.
 
»Was mag wohl jetzt die Uhr schon sein?
»Die meine ist verpfändet;
»Der Regen trieft zum Hals hinein . . .
»Pst, Kleiner! komm doch mit mir!! – nein?
»Herrgott, wie das bloß endet!
 
»Durch Sumpf und Tümpel muß ich gehn,
»In Tränen schwimmt die Gasse;
»Dort bleibt ein Trunk'ner torkelnd stehn
»Und brummt: Ach, ist das Leben schön! –
»Wie ich die Menschen hasse!
 
»Im Haustor steht ein Polizist,
»Die Hände auf dem Rücken;
»Wie er mich voll Verachtung mißt,
»Der dumme Pflichtmensch! Er vergißt,
»Mir bricht das Herz in Stücken.

»Nur fort, nur fort, hinaus zur Stadt!
»Mir tönt's aus allen Ecken:
»Die Männer haben dich ja satt!
»Wer nicht die Jugend für sich hat,
»Der muß am Weg verrecken.
 
»Dort fließt der Strom, – ein Todesschacht,
»Bereit, mich aufzunehmen.
»Hinab ins Bett – – genug gewacht. – –«
Es geht ein kalter Wind heut nacht,
Der Regen peitscht in Strömen . . .
 
 
 

Juninacht

Draußen wieder, vorm Lokale,
Ist der Garten »rausgebracht,«
Und die rote Erdbeerschale
Leuchtet in die Juninacht.
In verschwiegnen dunklen Ecken
Sieht man silhouettenhaft
Junge Leut' zusammenstecken –
Alle trinken Brüderschaft:
»Mädel, mach' die Augen zu,
»Her den Mund – auf du und du!
»Nimm das Glas und trink es aus!
»Morgen bring' ich dich nach Haus'.«
 
In das schwüle Sehnsuchtsschweigen,
– Hier ein Paar und dort ein Paar –
Hört man einen Kantus steigen
Einer frohen Zecherschar:
»Wer hat dich so hoch da droben
»Aufgebaut, du schöner Wald« – –
Grad beim hohen C ganz oben,
Eine Flasche Mosel knallt.

»Kinder, singt die Grillen tot
»Bis zum frühen Morgenrot!
»Ist der Tag erst einmal nah,
»Sind die Dinger wieder da!«
 
Aber du an meiner Seite,
Lehn' den Kopf an meine Brust!
Kümm're dich nicht um die Leute,
Deiner Liebe vollbewußt –
Laß sie singen, laß sie gröhlen –
Ich, ich weiß das eine bloß:
Menschen, so wie wir, erwählen
Doch das schönste Erdenlos.
»Mädel, klopft das Herz dir auch
»Bei dem warmen Junihauch?
»Nimm das Glas und trink es aus!
»Mädel –! komm du mir nach Haus!«
 
 

Auktion

Hier, diese Dirne mit blondem Haar,
Das herrlichste Musterexemplar
Zu Fleisch verkörperter Treue:
Ich hab sie gehalten dem Augapfel gleich,
Ich liebte sie fromm und sehnsuchtsweich
Wie niemanden sonst auf Erden –
Nun soll sie versteigert werden!
Was bietet ihr wohl meinem Schatze? – –
Es meldet sich keine Katze.
 
Da, schaut die Schwarze mit flammendem Blick!
Ihr dank' ich manch göttlichen Augenblick,
Manch Liebesrausch wonniger Nächte!
Sie gab sich mir lachend und engelshold,
Ihr Küssen war blutig und – – treu wie Gold;
Nichts konnte sie mir verweigern . . .
Hier laß ich sie jetzt versteigern !
Na? Bietet denn keiner freiwillig?
Sie ist ja haltbar und billig!!
 

Ich habe noch mehr von der Sorte! Schau,
Mein Freund, was sagst du zu meiner Frau?
Sie ist es, auf Ehre, gesetzlich!
Sapristi! ich schwöre, die steht ihren Mann!
Das kriegt man nicht alle Tage! Fang an
Und biete! Was gibst du? – – 'nen Taler?!
Du bist ein Gewohnheitszahler!
Ich wäre sie freilich recht gerne los,
Und wär' es – zum Selbstkostenpreise bloß.
 
Was sie mich selber gekostet? – Gut,
Ich will es verraten: Mein Herzensblut,
Das aus Seel' und Leib sie gesogen . . .
Viel tausend Tränen im Schweigen der Nacht,
Die ich mit tausend Seufzern durchwacht,
Und tausend Flüche den Stunden,
Die uns fürs Leben verbunden!
Hier bring' ich sie unter den Hammer –
Wer nimmt sie mit in die Kammer?
 

Wie? Hat denn keiner Bedarf dafür?
Nicht für die Blonde, die Schwarze hier
Und auch nicht für meine Gemahlin? –
So nehm' ich mir irgend ein stilles Haus,
Dort stell' ich die drei Exemplare aus!
Das gibt dann ein Hasten und Laufen!
Ein bill'ges Gelegenheitskaufen!
Gelt, das behagt euch, das Wandern?!
Halt!! Einer hübsch nach dem Andern . . .!!
 
 

Dämmerung

Knisternd prasseln im Ofen die Scheite,
Singend ein monotones Lied,
Das voller Wehmut in die Weite
Hin zur Herzensgeliebten zieht.
 
Öde ist es im warmen Zimmer,
Öde und dunkel. Die Nacht bricht ein.
Über mein Antlitz huscht leicht ein Schimmer
Rötlichen Scheines – Mag's Hoffnung sein?
 
Hoffnung auf dämmernde Morgenröte,
Auf ein noch fern entleg'nes Glück? –
Horch, wie es knistert! . . . Ach Liebste, ich bete,
Bete für dich!!
Kehrt Hoffnung zurück?
 
 

Kindliche Auffassung

Im verschloss'nen Badestübchen,
Lockenköpfchen ungekämmt,
Steht das süße, schmucke Liebchen
Lieschen da – im bloßen Hemd.
 
Durch das kleine, blinde Fenster
Drängt die Sonne, zitternd, heiß. –
Horch, was war das? Gibt's Gespenster?
An der Türe pocht es leis!
 
»Liebes, gold'ges, süßes Lieschen,«
Stammelt Hänschen, »laß mich ein!«
Lieschen trommelt mit den Füßchen.
»Aber Hans, wir beid' allein!?
 
»Mama sagt: Ob in der Fremde,
»Ob zu Haus – es ist nicht fein,
»Wenn ein Fräulein steht im Hemde
»Und läßt einen Herrn herein!
 
»Und ich muß Mamachens Willen
»Stets, solange ich zu Haus,
»Als ein braves Kind erfüllen. – – –
»Aber wart'. . . ich zieh's gleich aus!«

Silvesternacht

Liebchen, schließ' die Türe zu
Und lösch' aus die Kerzen!
Sag', was kümmert uns die Welt,
Die sich festlich heut' gesellt,
Um beim Wein zu scherzen!
Findest du nicht bess're Ruh
Am geliebten Herzen?
 
Setzen wir uns zum Kamin!
Aufgelöst das Zöpfchen!
Kommt das neue Jahr herbei,
Lachend trinken dann wir zwei
Unsre Tränentröpfchen!
Schau, wie deine Wangen glüh'n,
Süßes Wuschelköpfchen!
 
Hast du mich auch wirklich lieb?
Gelt, man darf's nicht zeigen?
Wie die Funken prasselnd sprüh'n . . .!
Ja, mein Kind, die Jahre flieh'n
Tänzelnd hin im Reigen!
Bin ich traurig? – O vergib!
Laß uns lieber schweigen – –

Draußen kündet Glockenschlag
Hell die Jahreswende;
Ach, der Rosenlippen Pracht
Heiligt die Silvesternacht . . .
Ist die höchste Spende!
Und der neue Werdetag
Reicht zum Bund die Hände.
 
Süßes, süßes Liebchen du,
Hörst du, wie's im Herzen
Fiebernd pocht? – Umarme mich!
Prosit . . .!! Hei, wie feierlich,
Ohne Sehnsuchtsschmerzen!
Schließ' nur fest die Türe zu
Und lösch' aus die Kerzen . . .
 
 
 

Abschied

Nun leuchten aus dunklen Kämmern
Einsame Lichter heraus;
Ich schreite im Abenddämmern
Traurig zum Städtchen hinaus . . .
 
Was drängen die Menschen und stocken
Und schauen so lebensfroh drein? –
Es rufen brausende Glocken
Den Feierabend herein.
 
Sie singen seufzende Lieder
Von Sehnsucht, Liebe und Glück;
Mir klingt's in der Seele wieder – –
Ich möchte zu dir zurück.
 
Und glutheiß fühl' ich es hämmern,
Als wär' ich bei dir zu Haus . . .
Ich schreite im Abenddämmern
Traurig zum Städtchen hinaus – –
 
 

Werden

Nun geht auf weichen Matten
Der müde Tag zur Ruh
Und deckt mit dunklen Schatten
Den weißen Leib sich zu.
 
Schon naht in schwüler Stille
Die Nacht, das Buhlenweib,
Und streift die leichte Hülle
Von seinem Marmorleib.
 
Sie trinkt die jungen Glieder,
Der Pulse heißen Schlag –
Da steigt aus ihr hernieder
Leuchtend ein neuer Tag . . .