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Ludwig Eugen Gattermann – Die Erfüllung

Novelle

aus: Die flammende Venus, Erotische Novellen, ausgewählt von Reinhold Eichacker, Universal Verlag, München 1919

1.

Als der lachende Frühling mit den ersten sonnenüberstürzten Tagen hereinzog, eine Flut von Licht und Freude über das noch winterkarge Land strömend, bekamen Rolfs Augen einen seltsamen, tiefen Glanz. Um seine Lippen spielte ununterbrochen ein traumverlorenes Lächeln, das Spielen einer Frage, die noch ungeahnte Ankündigung einer geheimnisvollen Erkenntnis. Aber seine Stirn schwebte ein leichtes Zucken, bis plötzlich scharfe Falten geschwungene Linien zeichneten und sein Gesicht einen suchenden, nachdenklichen Ausdruck annahm. Rolf sann und wußte doch nicht, worüber er nachsann.

Da überkam ihn eines Tages ein bebendes Schauern, wie Schleier schien es ihm vor den Augen zu wallen, wie Nebel, aus dem sich Gestalten zu Leben und Form ballen wollen. Er roch den Duft des Jasmins, der mit betäubender Süße heiße Wellen atmete, er empfand den Rausch der Farben, der um ihn in Gelb und Grün, in rotem Schmelz, in leuchtendem Blau und Elfenbeinweiß aufglühte. Vorherrschendes Gelb und Weiß schien ihm zu einem mattschimmernden Lichtocker zusammenzufließen, und die Formen schlossen sich zu zwei Kreisen – zu zwei Halbkugeln – zu zwei Brüsten.

Rolf erschrak. Eins jähe Röte schlug ihm in die Wangen. Er suchte seine Gedanken loszureißen von den Gestaltungen, die ihn verwirrten. Aber aus dem Chaos der Nebelschleier, drängten sich neue Glieder, runde Schultern und schwellende Schenkel.

Zitternd sank er in die Knie. Sein Atem ging schnell und schwer. Sein Herz schlug rasch und gewaltsam.

Was war das, was ihn so furchtbar bedrängte? Welche Wünsche stürzten plötzlich jäh über ihn herein? Welche Sehnsüchte flammten flackernd in ihm auf? Was brannte über seinen Leib? Was sog prickelnd in ihm, sog, daß es ihn wie ein Strom heißer Begierde durchfloß?

Rolf riß sich das Hemd von der Brust, warf sich in den Rasen, suchte die Hitze, die in ihm war, auf dem frischduftenden Grunde zu kühlen. Er preßte sich gegen den Boden und stöhnte auf, bis das Gefühl verebbte und eine leise Mattigkeit ihn überkam.

Seit diesem Tage schlich er wie ein junges Raubtier am Fluß entlang, versteckte sich hinter den Büschen und spähte aus, wenn ein weibliches Wesen des Weges kam, suchte nach Erfüllungen seiner Träume, ewig unbefriedigt und zielfern, badete stundenlang im Flußstrudel, kämpfte sich müde mit der ringenden Gewalt des Wassers, um seine Wünsche zu betäuben.

Da fand er eines Tages, müßig hingestreckt am Ufer, ein Mädchen liegen, die Glieder sanft gelöst, ganz wunschlose Hingabe an den Augenblick.

Rolf blieb stehen und betrachtete sie. Seine Sehnsucht macht ihn kühn, er trat zu ihr und sprach sie an, legte sich an ihre Seite und tastete nach ihr. Als ihm das Mädchen nicht wehrte, rückte er näher, streichelte sie und zog sie an sich. Drückte sein Gesicht an ihres bis ihre Lippen sich im Kusse fanden.

Aber der Kuß schaffte ihm nicht die Erlösung, die er ersehnt hatte. Nur heißer und gieriger noch umschlangen seine Blicke das Mädchen. Seine Hand spielte an ihrem Hals, glitt langsam und vorsichtig, schüchtern in den Busenausschnitt, wand sich zwischen zwei warmen Brüsten hinab.

Das Mädchen hatte die Augen geschlossen und wehrte sich nicht. Nur ihre Brust hob sich höher und verlangender.

Da löste Rolf ihr den Gürtel, nestelte ihre Kleider auf, schälte sie aus den neidischen Hüllen. Aber als sie dann nackt in ihrer jugendlichen Magerkeit, hilflos und voller Furcht vor allem, was geschehen würde, vor ihm lag, stürzte es wie ein Strom kalten Wassers über ihn. Ernüchtert sprang er auf, warf beschämt die Kleider auf sie und lief hinweg . . .



2.

Das Blut, das in Rolf erwacht war, ließ ihn nicht mehr zur Ruhe kommen. Mitten im Unterricht, in den öden Schulräumen, aus müder Langeweile peitschte es ihn plötzlich auf, trieb ihm heiße Flammen in die Stirn, machte ihn voller Unruhe und Qual. Alle Aufregungen, besonders die Furcht, das Extemporale in der vorgeschriebenen Zeit nicht zu vollenden, wuchsen sich zu abnormer Form aus, steigerten sich zu sinnlos schauerndem Beben, das ihn unfähig für jede Arbeit machte.

In dieser Not vertraute er sich einem älteren Kameraden an und erhielt Rat und lachende Ermunterung. Er sollte wieder ruhig und fröhlich werden, wenn er vertrauensvoll am kommenden Abende dem anderen folgen wollte . . .

Dann nahm sie das Haus mit der roten Laterne auf. In einem Salon mit weichen Polsterstühlen tranken sie Wein und lauschten dem schlechten Gesange eines Mädchens, sahen unkeusche Tänze und Gruppen.

In Rolf quoll ein Widerwille auf, wenn er auf die geschminkten Frauen sah, die seelenlos die Reize ihrer Körper preisgaben. Aber er vertraute der Führung des älteren Freundes. Bis der ihm ein Mädchen zuführte, das ihn folgen hieß und ihn in eine schwülduftende Kammer geleitete.

Dort zog sie ihn zu einer Chaiselongue, ergriff seine Hände und lachte über ihn, weil er noch ein unberührtes Kind war. Sie überschüttete ihn mit Pilanterien und spielte mit den Händen über seinen Leib, daß peinvolle Angst über ihn hereinstürzte. Er empfand, daß nicht seine Wünsche Erfüllung finden würden, daß er hier sich nur beschmutzen könne. Da riß er sich los und stürzte aus dem Gemache hinaus, vom schallenden Gelächter des Weibes verfolgt . . .



3.

Als Rolf unruhvoll durch die Straßen der Stadt irrte, sah er vor dem Laden eines Geschäftes eine schlanke Frau. Ihr Profil war schön und edel, die Züge ihres Gesichtes rein und doch wissend, jede ihrer Bewegungen war abgerundet und vollendet, die Falten ihres Gewandes umflossen sie in wundervollem Rhythmus.

Rolf stand und starrte sie an. Ein überströmendes Gefühl von Dankbarkeit schwoll in ihm auf, demütig trat er in den Schatten eines Hauses und bewunderte sie. Demütig folgte er ihren Schritten von fern. Demütig blieb er vor der Tür des Hauses stehen, in dem sie verschwand, und küßte den Griff der Klingelschnur, der ihren Namen trug.

An jedem Tage, der neu über die blühende Erde heraufstieg, fand er sich vor dem Hause ein, wartete bis die Angebetete aus der Tür trat, schritt ihr in der Ferne nach, unablässig mit den Blicken an ihr hängend. Sein ganzes Leben war ganz von ihrem Bilde ausgefüllt.

Bis sie ihn eines Tages erblickte, flüchtig ihn nur streifend, ohne ihn zu beachten, dann aber plötzlich erschreckend und langsam sich zurückwendend. Unbewußt hatte sie gefühlt, daß in seinen Augen etwas lag, das in den anderen nicht war. Sie strich sich über die Stirn, sann und schüttelte den Kopf. Dann schritt sie schnell weiter. Aber von diesem Tage sah sie nach ihm aus, wenn sie durch die Straßen schritt, ward aufmerksam und fand, daß er an jedem Nachmittage zur selben Zeit sich vor ihrem Hause einfand. Da galt ihr erster Blick, wenn sie über die Schwelle schritt ihm, und am dritten Tage nickte sie ihm einen Gruß zu.

Dann kam das Unfaßbare, das ihm fast das Herz stille stehen ließ. An dem Tage der ersten Rosen schritt sie vom Hause aus gerade über die Straße hinüber und reichte ihm die Hand.

»Willst du mich begleiten?«

Rolf stammelte fassungslos ein Ja, kaum daß ihm bewußt war, daß sie ihn anredete wie einen Knaben. Er begriff nur das eine: daß er sein Glück nicht fassen konnte. Er schritt neben der Angebeteten und ließ sich ausfragen, trug ihr die Paketchen nach, die sie in den Geschäften einkaufte, war ganz Gegenwart und Glück.

Und wieder nach einiger Zeit bat sie ihn, nicht draußen vor der Tür auf sie zu warten. Er sollte in das Haus kommen und sie abholen. In ihre Wohnung! Aber was würde ihr Gatte sagen?

Als er seine Bedenken deswegen äußerte, lächelte sie fein und streichelte seine Wange.

»Komm nur! Er wird nichts sagen. Er wird sich freuen, dich kennenzulernen.« –

Dann saß er an ihrer Seite auf dem Sofa, unsicher und verlegen, und sie hielt seine Hand in ihrer Hand und plauderte mit ihrem Gatten.

Es war ein schöner Mann, edel in Wuchs und Wesen wie sie, und Rolfs Bewunderung legte sich auch ihm zu Füßen. Kaum, daß er etwas von Neid empfand, weil der andere ihm um so vieles voraus war.

»Wie müssen sie glücklich sein und sich lieben«, dachte er. »Alles haben sie, was man an Menschen sich wünschen kann.« Und er seufzte, daß er nicht schon ein Mann war wie jener, sondern ein armer, haltloser Junge, der sich in die Frau eines Fremden vergaffte . . .

Als Eva allein mit Rolf blieb, legte sie den Arm um seine Schultern, zog ihn an sich, richtete seinen Kopf zu sich empor und sah ihm forschend in die Augen.

»Ich muß eine Gewissensfrage an dich stellen, Rolf. Bist du in mich verliebt?«

Rolf schlug die heiße Lohe in das Gesicht, schuldbewußt senkte er die Lider.

Eva streichelte ihm sanft das Haar.

»Ich bin ja viel zu alt für dich. Ich könnte gut deine Mutter sein.«

Da sank Rolf haltlos zusammen, die Hände fielen ihm in den Schoß, die Schultern hoben sich bebend empor, er biß sich auf die Lippen, und doch konnte er nicht verhindern, daß ihm die Tränen aus den Augen stürzten.

Eva drückte ihn an sich.

»Nicht weinen, Nolf! Wollte ich dir denn weh tun? Ist es so schlimm?«

Rolf nickte mutlos mit dem Kopf.

»Erzähle!« bat sie. »Sage mir alles, was du auf dem Herzen hast.«

Rolf hob sein Gesicht und sah ihr in die Augen. Da fand er in ihr die Mutter, der er alles anvertrauen durfte, und er sprach von den fremden Wünschen, den erregenden Bildern, die plötzlich aus allen Winkeln auftauchten, er sprach von seiner unbestimmten Sehnsucht, von seinem Erlebnis mit dem Mädchen am Flusse, von seinem einzigen Besuche der Dirne.

Da erkannte Eva, was ihn quälte. Lange sann sie stumm vor sich hin. Dann umarmte sie ihn und küßte seine jugendfrischen Lippen.

»Geh jetzt. Ich will überlegen, wie du dich retten kannst. Geh und komm morgen um die gleiche Zeit zu mir.« . . .

Als Rolf am anderen Tage das Zimmer betrat, streckte ihm Eva die Arme entgegen und, noch von seinem jungen Leide gepeitscht, flog er schluchzend ihr an die Brust.

»Nicht weinen, Rolf. Du sollst alles haben, wonach du dich sehnst.«

Rolf erschrak jäh, ein heftiges Zittern lief durch seine Glieder. Ungläubig starrte er sie an.

»Aber dein Mann? Wir dürfen ihn nicht betrügen. Er ist so gut.«

Da lächelte sie fein und legte die Hand auf seinen Scheitel.

»Ich werde ihm nicht untreu, Rolf. Du liebst in mir ja nur das Weib, das Wesenhafte. Du suchst mich nicht zu verführen, mich untreu zu machen, du entziehst mich nicht der Liebe meines Mannes. Alles, was du wünschst, ist, rein in das Land des Eros zu treten, in das deine Jahre dich unwiderstehlich ziehen. Ich will dich lehren, im Genuß einen Gottesdienst zu sehen, eine Weihe, nicht bloßen Rausch. Ich will nicht den geschlechtlichen Trieb in dir befriedigen, ich will dich die Kunst der Liebe lehren. Das ist mein Wunsch und meines Gatten Wille.«

Und während Rolf demütig sich an sie schmiegte, öffnete sie mütterlich seine Kleider, wusch ihn mit kostbaren Wassern und führte ihn nackt hinüber in ihr Schlafgemach.