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Marceline Desbordes-Valmore – Bekenntnis einer Frau.     Zur Biographie

Aus: Marceline Desbordes-Valmore, Das Lebensbild einer Dichterin von Stefan Zweig, Im Insel Verlag zu Leipzig, 1927


Gustav Klimt - Fischblut

Gustav Klimt - Fischblut

Bekenntnis einer Frau.

Madame, Sie möchten wissen
Warum ich abschlug, Sie zu sehn?
Wer liebt, sucht Hindernissen
Gern aus dem Weg zu gehn.
Die Frau kennt gut die Macht der Frauen;
Ihr Reiz, Madame, raubt mir die Zuversicht:
Vermöcht' ich ohne Tränen Sie zu schauen?
Und weinen wollt ich nicht.


Wohin ich immer gehe.
Mein einziger Freund kommt auch dorthin;
Welch Schicksal ihm geschehe,
Geschieht auch mir, da sein ich bin.
Gedenkt man der bescheidnen Flammen,
Beim Feuer, das aus Ihren Augen bricht?
Die Seele bebt und schrickt zusammen:
Und beben wollt' ich nicht.


Die Ihnen Weihrauch bringen,
Ich mischte mich nicht unter sie.
Mein Herz kann leicht zerspringen —
Ihr Ton, Madame, ist Melodie!
Er, der mir diese Angst gegeben,
Es könnte sein, dass er dann zu mir spricht,
Gleichgiltig sagt: »Du bist nicht froh, mein Leben?«
Und lügen wollt ich nicht.


War nie bei Ihren Gästen
Der, dem Ihr Herz geneigt?
Hat es bei solchen Festen
Dann keine Angst gezeigt?
Wer liebt, kann nicht dem Leid entgehen.
Die Zärtlichste und auch die Schönste nicht.
Nur Tod macht einen Treubruch ungeschehen:
Und sterben wollt ich nicht.




Marceline Desbordes-Valmore – Bekenntnis einer Frau

Marceline Desbordes-Valmore – Bekenntnis einer Frau