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Marceline Desbordes-Valmore – Die Briefe.     Zur Biographie

Aus: Marceline Desbordes-Valmore, Das Lebensbild einer Dichterin von Stefan Zweig, Im Insel Verlag zu Leipzig, 1927


John William Godward - A Grecian Girl

John William Godward - A Grecian Girl

Die Briefe.

Was soll's, was wollt ihr doch,
Ihr Liebesbriefe, viel geheimen Klagen,
Die ich entsetzt, verstört verbarg; wollt ihr nun noch
Stumme Gebete sagen?
Ihr ruft . . . ich träume, suche, muss mit Zittern
Den Schlüssel greifen, der sich nie vom Herzen trennt;
Zwar scheidet eine Stille mich von den Gewittern,
Doch diese Stille brennt!


Ich wage nicht zu atmen! Traurig, doch nicht herbe,
Muss ich mich hilflos dem Vergangnen geben.
Der Gram, der mich bedrückt, an dem ich sterbe.
Die Zukunft soll ihn leben.
Doch jetzt komm du – o taumelsüsses Glück!
Verjag das Leid, verbirg, was ferne droht,
Dir opfre ich Vernunft und Not,
Komm, führe mich zurück!


Schon treibt aus Freuden her ein Schatten auf mich zu:
Aus offenem Gefach springt Amor auf.
O meine Seele . . . was enteilest du,
Dem Schatz entgegen – meinem Blick vorauf!
Da ist er! – Immer da, verborgen in Papieren,
Den schwachen Bürgen einer ewigen Glut!
Dem einzigen Wahn, dem einzigen Reiz und Gut,
Daran mich zu verlieren!


Getreues Echo ihr der Schwüre, die er brachte.
Getreues Denkmal des, was er erwog;
War's Amor selbst, der so beredt ihn machte,
Die Feder, die euch schrieb, aus eigener Schwinge zog?
Befreiung seines Herzens, des meinigen Entzücken,
Ihr stummen Reden, alle doch gehört;
Die Macht der Trennung ward von eurer Macht zerstört:
Euch lesend, lese ich in seinen Blicken!
Umschliesst ihr nicht den Schwur, vielfach geschrieben,
Er liebe mich, nur mich . . . und werde ewig lieben? . . .
Dies Band, das er zwei Tage trug,
Die Blume hier, noch voll von seinem Atemzug?
Gleich jener Wollust, die ich kaum gekannt.
Enthaucht sie einen Duft, der sehr betört,
Wär's seines Atems lieber Brand?
Wär's seine Seele, die mich heiss beschwört?
Welch schöne Farbe hat das Band, das er mir schenkte!
Des Himmels Blau ist reiner nicht:
Wie tief mein Auge sich darein versenkte,
Er hat nicht diesen Glanz, nicht dieses Licht!


Was las ich doch? . . . Sein Abschied, hier – für immer!
Das Glück – ich griff danach, es stiess mich fort;
Ich rief nach Hoffnung – mir erstarb das Wort.
Und sieh – mein ständiger Begleiter naht sich dort!
O kalter Gram, so düster wie der Hass – nein schlimmer!
Da bist du wieder!
Nimm hin dein Opfer, bind' es, wirf es nieder,
Gib seine Ketten ihm zurück; –
Ich gebe dir ein Herz noch voll von Liebesglück!




Marceline Desbordes-Valmore – Die briefe

Marceline Desbordes-Valmore – Die briefe