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Marceline Desbordes-Valmore – Der entbätterte Kranz.     Zur Biographie

Aus: Marceline Desbordes-Valmore, Das Lebensbild einer Dichterin von Stefan Zweig, Im Insel Verlag zu Leipzig, 1927


Rose - eigenes Bild

Rose (bearbeitet) - eigenes Bild

Der entbätterte Kranz.

Ich gehe und trage hinauf in des Vaters Garten,
Wo jede zertretene Blume lebendig loht,
Meinen entblätterten Kranz; will knien und warten:
Mein Vater hat viele geheime Arznei für den Tod.


Ich gehe und sage – und sei's nur mit schweigenden Tränen:
»Ich habe gelitten, sieh her!« Und da sieht er mich an:
Wie hohl auch die Wangen und bläulichen Schläfen gähnen.
Mein Vater schaut lange, und liebend erkennt er mich dann.


»Bist du es, verzweifelte Seele?« erhebt mich sein Fragen.
»So war deinen irrenden Füssen die Erde zu klein?
Blick auf, ich bin Gott! Wirf ab deinen Gram und dein Klagen,
Hier wartet dein Haus, hier wartet mein Herz – tritt ein!«


O Gnade! O Vater! O heilige Zufluchtsstätte!
Dein weinendes Kind – du hast es in Güte erhört!
Ach, wenn ich auf Erden die himmlische Hoffnung nicht hätte,
Dass du mich errettest, wie wär' ich vergrämt und verstört.


Du verwirfst nicht die Blume, nur weil ihre Schönheit vergangen,
Diese irdische Schuld – der Himmel sieht sie nicht an;
War treulos dein Kind, es wird dennoch Verzeihung empfangen,
Wenngleich es alles verschenkt und gar nichts gewann.




Marceline Desbordes-Valmore – Der entbätterte Kranz