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Adine Gemberg – Vision

Novelle

Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, S. 238ff., neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.

Dämmerung in der Kirche. Dicke, graue Weihrauchwolken lagern und schweben um die rote Glasampel, in der das Ölflämmchen der ewigen Lampe flackert. Wie ein Blutstreifen fließt das rote Licht über das weiße Gewand der jungen Nonne, die vor der Seitenkapelle kniet. Die schmalen Finger umklammern das Kruzifix an ihrer Gebetschnur. Sie hat es an die blassen Lippen gepreßt, inbrünstig betend, leidenschaftlich stammelnd, wieder und wieder, bis das Erz brannte, bis die bleichen Lippen glühten wie Purpur. Fieberglut lodert in den großen, leuchtenden, tiefumschatteten Augen.

Schön, wie ein Weib im weltlichen Kleide niemals sein kann, ist diese schlanke Jungfrau in den fließenden Falten des weichen, dunklen Schleiers, mit den durchgeistigten Händen, mit den brennend roten Lippen in dem totenbleichen, edlen Antlitz, in dem nichts lebt wie diese Augen, diese Augen – – regungslos blicken sie auf das Bild des segnenden Heilandes über dem Altar. Sein Gewand ist weiß, schleppend, faltig, wie die Ordenstracht der Damen von der ewigen Anbetung, denen die Klosterkirche gehört. Die jugendliche Männergestalt auf dem Bilde hebt die Arme, lächelnd, segnend.

»Lebe« – flüstern die brennenden Lippen. – Mit qualvoller Sehnsucht blickt sie zu ihm auf. Ihre Seele, ihre Sinne umklammern diese Gestalt, diese leuchtenden Locken, diese müden, träumenden Augen – alles andere versinkt, vergeht neben dem Bilde. Ein Nebelmeer wird die Kirche. Grau, wogend, lebend – von blutigen Lichtern durchflackert weben und schweben die Weihrauchwolken – nein, es sind keine Rauchwolken, es sind Himmelswolken geworden, und aus ihnen strahlt das Antlitz des Erlösers herab auf die Betende.

»Lebe« stammeln ihre Lippen mit der vollen Kraft des Glaubens, mit der vollen Suggestion eines starken, konzentrierten Willens. – »Ich weiß, daß du lebst – sie haben mich's gelehrt – ich bin nicht die Braut eines Toten geworden – ich will nicht die Priesterin eines Götzenbildes sein – nein – nein – eine Himmelsbraut – die Geliebte eines Lebenden Lebe, wenn du mich liebst, wie ich dich liebe.«

Der Heiland lächelt. Leise bewegen sich die Falten seines weißen Gewandes. Oder sind es nur die flackernden Lichter der ewigen Lampe, die leiseschwebenden Nebelschleier der Dämmerung?

Wilde Glut bricht aus den dunklen, übergroßen Augen in dem verklärten, wachsbleichen Mädchenantlitz. Mit wahnsinniger Spannung, mit bebender Freude sieht sie seine Bewegungen; sie fühlt, wie seine Arme sich senken ja, sie fühlt es, denn es geht eine Kraft von ihm aus, ein magnetischer Strom, der zu ihr leitet, der mit unwiderstehlicher Gewalt ihre Hände in die Höhe zieht, seinen Händen entgegen. Sie versucht ihre Arme zu senken – vergeblich – eine unfaßbare Kraft zieht sie empor.

Sie hält jetzt die Gebetschnur hoch über ihrem Haupte dem Altarbilde entgegen. Aus ihren Fingerspitzen dringt ein schwaches Leuchten. Es ist nicht so hell wie Phosphor, es ist nur wie ein Glanz, der von der weißen Haut ausgeht, ein Glanz, wie von mattschimmernden Perlen.

»Offenbare dich mir, daß ich von dir zeugen kann, Herr,« stammelt ihre Seele – sie weiß nicht, daß die Worte ihr über die Lippen treten, daß sie in heißem Flüsterton durch die Kirchen rauschen, widertönend von der Wölbung, aus der Gruft hinter dem Altar, aus dem Nebelmeer, das um die rote Flamme wirbelt – »Offenbare dich mir – liebe mich, wie ich dich anbete und liebe – lebe«

Weit breitet sie die Arme auseinander und beugt sich zurück, das selige Antlitz dem Bilde zugewendet. Dann schließen sich die leuchtenden Augen, die brennenden Lippen werden fahl. Sie sieht die Christusgestalt nicht mehr – sie fühlt sie. – –

Wie ein Alb legt sich's auf ihre Brust, eisig und doch ihr ganzes Sein durchlodernd wie eine Flamme. Die gespenstische Gestalt ruht an ihrem Herzen, und die Lippen, die weichen, lächelnden, segnenden Lippen des Jünglings suchen den brennenden Mund, der ihm zuflüsterte: »lebe,« der ihn durch seinen Willen zu diesem Schein des Lebens zwang.

Die Jungfrau greift haltlos hinein in das Nebelmeer, das sie umwogt, sie entsetzt sich plötzlich vor den blutigen Lichtern, die wie Pfeile vor ihr niederschießen. Mit einem Schrei stürzt sie vornüber, ihre Stirn schlägt auf den Marmor der Altarstufen. –

Nacht – Eine gelbflackernde Laterne wirft ihren Schein über die Steinfliesen der Kirche, über die weiße Gestalt der am Altar leblos Hingesunkenen. Ein paar Schwestern richten sie auf, und das runde, freundliche Antlitz der Oberin beugt sich über die Erwachende.

»Er lebt« – ihre heißen Blicke irren nach dem Goldrahmen, aus dem, steif und konventionell gemalt, die Gestalt des segnenden Christus herniederlächelt – im Gewande des Ordens.

»Gewiß, meine Tochter,« erwidert die Oberin, dem Blicke folgend, »gewiß – er lebt.«

Und mechanisch murmelnd, antwortet der Chor der Nonnen: »Er lebt – von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

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