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Stefan George – Die Bücher der Hirten- und Preisgedichte - Der Sagen und Sänge und der Hängenden Gärten

Gedichte

Georg Bondi, Berlin, 1930


DIE BÜCHER DER HIRTEN- UND PREISGEDICHTE · DER SAGEN UND SÄNGE UND DER HÄNGENDEN GÄRTEN


 


 

 

SEIEN DIESE SEITEN MIT DEN NAMEN DREIER DICHTER GESCHMÜCKT:

 

PAUL GERARDY

 

WENZESLAUS LIEDER

 

KARL WOLFSKEHL

 

 

MÜNCHEN

MDCCCXCIV


 

 

Es steht wohl an vorauszuschicken dass in diesen drei werken nirgends das bild eines geschichtlichen oder entwickelungsabschnittes entworfen werden soll: sie enthalten die spiegelungen einer seele die vorübergehend in andere zeiten und örtlichkeiten geflohen ist und sich dort gewiegt hat · dabei kamen ihr begreiflicherweise ererbte vorstellungen ebenso zu hilfe als die jeweilige wirkliche umgebung: einmal unsere noch unentweihten täler und wälder · ein andresmal unsere mittelalterlichen ströme · dann wieder die sinnliche luft unserer angebeteten städte. Jede zeit und jeder geist rücken indem sie fremde und vergangenheit nach eigner art gestalten ins reich des persönlichen und heutigen und von unsren drei grossen bildungswelten ist hier nicht mehr enthalten als in einigen von uns noch eben lebt.


 

 

 

 

 

 

 

 

DAS BUCH DER HIRTEN-

UND PREISGEDICHTE

 

 


JAHRESTAG

 

 

O schwester nimm den krug aus grauem thon ·

Begleite mich! denn du vergassest nicht

Was wir in frommer wiederholung pflegten.

Heut sind es sieben sommer dass wirs hörten

Als wir am brunnen schöpfend uns besprachen:

Uns starb am selben tag der bräutigam.

Wir wollen an der quelle wo zwei pappeln

Mit einer fichte in den wiesen stehn

Im krug aus grauem thone wasser holen.

 


ERKENNTAG

 

 

Mit überraschung als ob wir lande beträten

Die wir im reif nur erblickt und die jezt vor uns grünen

Schauten wir uns die welk und betrübt wir uns glaubten

Ueber der welle wo unsre gestalten sich küssten:

Jedes im andern erst forschend und an sich haltend ·

Sichrer allmählich in hoher und heiterer stille.

Schwester! von damals an hiessest du mir Serena

Und wir gestanden uns unser tiefstes geheimnis:

Dass wir noch von den flimmernden fluren droben ·

Schwan oder Leier · das schöne wunder erhofften.

 


LOOSTAG

 

 

An lauen abenden gefiel es uns

In enger eintracht auf demselben pfad

Von unsrem haus zu reden und geschlecht ·

Ermuntrung uns zu spenden oder trost.

Nun bringst du mir zum erstenmal ein leid

Ein tiefes — meine schwester — denn mir scheint

Dass du gen westen nach dem rebenzaun

Dich manchmal drehtest still und froh und kaum

Mir lauschtest! O wenn ein geheimnis droht

Aus diesen reben das dich uns entführt!

 


DER TAG DES HIRTEN

 

 

Die herden trabten aus den winterlagern.

Ihr junger hüter zog nach langer frist

Die ebne wieder die der fluss erleuchtet ·

Die froh-erwachten äcker grüssten frisch ·

Ihm riefen singende gelände zu ·

Er aber lächelte für sich und ging

Voll neuer ahnung auf den frühlingswegen.

Er übersprang mit seinem stab die furt

Und hielt am andern ufer wo das gold

Von leiser flut aus dem geröll gespült

Ihn freute und die bunten vielgestalten

Und zarten muscheln deuteten ihm glück.

Er hörte nicht mehr seiner lämmer blöken

Und wanderte zum wald zur kühlen schlucht ·

Da stürzen steile bäche zwischen felsen

Auf denen moose tropfen und entblösst

Der buchen schwarze wurzeln sich verästen.

Im schweigen und erschauern dichter wipfel

Entschlief er während hoch die sonne stand

Und in den wassern schnellten silberschuppen.

Er klomm erwacht zu berges haupt und kam

Zur feier bei des lichtes weiterzug ·

Er krönte betend sich mit heilgem laub

Und in die lind bewegten lauen schatten

Schon dunkler wolken drang sein lautes lied.

 


FLURGOTTES TRAUER

 

 

So werden jene mädchen die mit kränzen

In haar und händen aus den ulmen traten

Mir sinnbeschwerend und verderblich sein.

Ich sah vom stillen haus am hainesrand

Die grünen und die farbenvollen felder

Zur sanften halde steigen und den weissdorn

Der blüten überfluss herniederstreun:

Als sie des weges huschend mich gewahrten ·

Verhüllte dinge raunten und dann hastig

Und lachend mir entflohn trotz meiner stimme ·

Trotz meiner pfeife weichem bitte-tone.

Erst als ich an dem flachen borne trinkend

Mir widerschien mit furchen auf der stirn

Und mit verworrnen locken wusst ich ganz

Was sie sich zischend durch die lüfte riefen

Was an der felswand gellend weiterscholl.

Nun ist mir alle lust dahin am teiche

Die angelrute auszuhalten oder

Die allzu schwache weidenflöte lockend

Mit meinem finger zu betupfen · sondern

Ich will den abend zwischen grauen nebeln

Zum Herrn der Ernte klagen sprechen weil er

Zum ewigsein die schönheit nicht verlieh.

 


ZWIEGESPRÄCH IM SCHILFE

 

 

Warum nach dem mittagserwachen wo schönste

                                   gesänge mir werden

Wo weinrote winden um zirpende goldene

                                   stengel sich schmiegen

Und kreise von zartestem glanz die verwobenen

                                   sträucher umflimmern

Enttauchest du wieder den wellen vor mir

                                   meine freuden belauschend?

 

— Dies ist auch die stunde wo zwischen den

                                   wächsernen lilien zu rudern ·

Auf ihren gebreiteten blättern als kähne

                                   zu schaukeln mir lieb ist ·

Den leib überflossen vom blendenden scheine der

                                   oberen erden —

Dann hebe dich näher · ich werde die reize

                                   des ufers dir zeigen.

 

— Nicht ist uns gemeinschaft · was sprächen die blumen

                                   wenn sich meine arme ·

Die hellen · mit deiner gebräunten und härenen

                                   schulter vermischten? —

 

So suche dir andere plätze zum spiele, denn

                                   diese gefilde

Sind unsres geschlechtes besitze so lang

                                   ein gedächtnis mir dämmert.

 

— Und wir sind hier ewig gewesen · wir die wir

unsterblich und schön sind —

 

Dies messer (du siehst es) womit ich die saftigen

                                   zweige mir schäle

Und tönende hörner mir schneide es wird

                                   bis ans heft meine brust

Verwundend durchbohren · ich sinke hinab mit der

                                   scheidenden sonne.

 

— Du wirst es nicht · denn es missfiele mir wenn

                                   mit dem düsteren blute

Den klaren mir teueren spiegel du trübtest der

                                   lieblichen quelle.

 


DER HERR DER INSEL

 

 

Die fischer überliefern dass im süden

Auf einer insel reich an zimmt und öl

Und edlen steinen die im sande glitzern

Ein vogel war der wenn am boden fussend

Mit seinem schnabel hoher stämme krone

Zerpflücken konnte · wenn er seine flügel

Gefärbt wie mit dem saft der Tyrer-schnecke

Zu schwerem niedrem flug erhoben: habe

Er einer dunklen wolke gleichgesehn.

Des tages sei er im gehölz verschwunden ·

Des abends aber an den strand gekommen ·

Im kühlen windeshauch von salz und tang

Die süsse stimme hebend dass delfine

Die freunde des gesanges näher schwammen

Im meer voll goldner federn goldner funken.

So habe er seit urbeginn gelebt ·

Gescheiterte nur hätten ihn erblickt.

Denn als zum erstenmal die weissen segel

Der menschen sich mit günstigem geleit

Dem eiland zugedreht sei er zum hügel

Die ganze teure stätte zu beschaun gestiegen ·

Verbreitet habe er die grossen schwingen

Verscheidend in gedämpften schmerzeslauten.

 


DER AUSZUG DER ERSTLINGE

 

 

Uns traf das los: wir müssen schon ein neues heim

In fremdem feld uns suchen die wir kinder sind.

Ein efeuzweig vom feste steckt uns noch im haar ·

Die mutter hat uns auf der schwelle lang geküsst ·

Sie seufzte leis und unsre väter gingen mit

Geschlossnen munds bis an die marken · hingen dann

Zur trennung uns die feingeschnizten tafeln um

Aus tannenholz — wir werfen etliche davon

Wenn einer aus den lieben brüdern stirbt ins grab.

Wir schieden leicht · nicht eines hat von uns geweint ·

Denn was wir tun gereicht den unsrigen zum heil.

Wir wandten nur ein einzigmal den blick zurück

Und in das blau der fernen traten wir getrost.

Wir ziehen gern: ein schönes ziel ist uns gewiss

Wir ziehen froh: die götter ebnen uns die bahn.

 


DAS GEHEIMOPFER

 

 

Versöhnt und erlöst

So brachen wir auf

Von sonniger flur ·

Von Memnon der hold ·

Von Mirra die blond

Zu bleiben uns lädt ·

Uns rührt nicht ihr glück ·

Wir hörten den ruf

Der dröhnend uns zieht

Zum tempel zum dienst

Des Schönen: des Höchsten und Grössten.

 

Der nachtende hain

Verschliesst uns dem volk ·

Wir ehren es scheu ·

Wir sammeln den mohn ·

Den milchweissen stern

Zur zier des altars ·

Wir baden den leib

Am veilchengestad ·

Wir schüren den brand

Im hofe des heils

Und harren in zagendem sange.

 


Wenn edelster schmelz

Der jugend uns schmückt

Dann schmiedet uns fest

An säulen von erz

Der seher und hebt

Den schleier vom Gott ·

Wir beben und schaun

In sprühender kraft

In zehrendem schmerz

In glühendem rausch

Und sterben in ewigem sehnen.

 


DIE LIEBLINGE DES VOLKES

 

DER RINGER

 

 

Sein arm — erstaunen und bewundrung — rastet

An seiner rechten hüfte · sonne spielt

Auf seinem starken leib und auf dem lorbeer

An seiner schläfe · langsam wälzet jubel

Sich durch die dichten reihen wenn er kommt

Entlang die grade grünbestreute strasse.

Die frauen lehren ihre kinder hoch-

Erhebend seinen namen freudig rufen

Und palmenzweige ihm entgegenstrecken.

Er geht · mit vollem fusse wie der löwe

Und ernst · nach vielen unberühmten jahren

Die zierde ganzen landes und er sieht nicht

Die zahl der jauchzenden und nicht einmal

Die eltern stolz aus dem gedränge ragen.

 


DER SAITENSPIELER

 

 

Wie er das krause haupt mit weissem ringe ·

Die schmalen schultern mit dem reichen kleide

Geschmückt hervortrat und die laute schlug ·

Zuerst erzitternd in der scheu der jugend:

Darob erwärmen sich auch strenge greise.

Wie er auf wangen banges rot entzündet ·

Wie dem vor ungewohntem gruss geneigten

Von manchem busen köstliches gehäng

Und spangen niederfielen: dess gedenkt man

Soweit des heilgen baumes frucht gedeiht.

Die mädchen sprechen eifrig unter sich ·

Verschwiegen duldend schwärmen alle knaben

Vom helden ihrer wachen sternennächte.

 


ERINNA

 

 

Sie sagen dass bei meinem sang die blätter

Und die gestirne beben vor entzücken ·

Dass die behenden wellen lauschend säumen ·

Ja dass sich menschen trösten und versöhnen.

Erinna weiss es nicht · sie fühlt es nicht.

Sie steht allein am meere stumm und denkt:

So war Eurialus beim rossetummeln

So kam Eurialus geschmückt vom mahle —

Wie mag er sein bei meinem neuen liede?

Wie ist Eurialus vorm blick der liebe?

 


ABEND DES FESTES

 

 

Nimm auch von deinem haupt den kranz · Menechtenus!

Entfernen wir uns eh der flöten ton entschläft ·

Zwar reicht man ehrend uns noch frohe becher dar ·

Doch seh ich mitleid schon durch manchen trunknen blick.

Wir beide wurden von den priestern nicht erwählt

Zur schar die sühnend in dem tempel wirken darf.

Von allen zwölfen waren wir allein nicht schön

Und dennoch sagte uns die quelle deine stirn

Und meine schulter seien reinstes elfenbein.

Wir können mit den schäfern nicht mehr weiden gehn

Und mit den pflügern nicht mehr an der furche hin

Die wir das werk der himmlischen zu tun gelernt.

Gib deinen kranz! ich schleudr' ihn mit dem meinen weg ·

Ergreifen wir auf diesem leeren pfad die flucht ·

Verirren wir uns in des schwarzen schicksals wald.

 


DAS ENDE DES SIEGERS

 

 

Nachdem er die drachen der giftigen sümpfe bezwungen

Und riesen · die schrecken der strassen · und wallendem haare

Erbeuteter frauen entronnen · verehrt von den stämmen:

Bestritt er im wolkengebirg die geflügelte schlange

Die spottend ihm drohte · vor der die gefährten erblassten

Und warnten.. da liess ihn in langem gefechte die stärke

Das untier entwich und vom streiche der furchtbaren schwinge

Empfing er die wunde die nimmer verharschen wollte.

Der glanz seiner augen erlosch · keine tat mehr verlockte ·

Er zog sich zurück nach den engen bezirken der heimat

Allein sich in leiden verzehrend und sorglich verborgen

Vor tragenden müttern die schöne geburten ersehnen

Und wachsenden helden · begünstigten freunden der götter.


 

 

 

 

 

 

 

 

PREISGEDICHTE AUF EINIGE JUNGE

MANNER UND FRAUEN DIESER ZEIT

 

 

 


AN DAMON

 

 

Dass du mir nimmer mein Damon den heiligen winter

            Aus dem gedächtnis verlierst

Und unser haus an dem nördlichen hügel · die stätte

            Neuen und einsamen glücks.

Marmorne bilder verzierten sie · göttliche nacktheit

            Die wir bestaunt und verehrt.

Innen erzählten wir oder du lasest von kämpfen

            Und von der sehnenden lust

Mit einer zarten doch klangvollen stimme und feuer

            Summte zum machtlosen wind.

Lamia · schweigsam uns dienende · mahnte zum tranke ·

            Lamia die uns geliebt.

Stets im verkehre mit himmlischen dingen umfloss uns

            Etwas wie himmlischer glanz

Und da wir jeder befeindenden störung entwichen

            Sinneverklärende ruh.

Aber beim tauen der märzlichen lüfte — warum nur —

            Stiegen wir wieder herab

In die gepriesenen hallen und wimmelnden plätze ·

            Sterblichen wesen verwandt.

 


AN MENIPPA

 

 

Menippa! wenn auch deines auges sich bewusster glanz

Wie früher noch mich lockt: verstreichen liessest du die frist

Wo du mich hättest lenken können einem kinde gleich

Wo jedes deiner worte mir ein süsser hauch gedäucht

Und jeder deiner mäkel nur ein frischer reiz · mir gilt

Nun vor der deinen die gebärde jener tänzerin ·

Kein wunderding erscheint mir mehr die narbe deines kinns

Und wenig bin ich in gefahr an deiner seite ob

Du auch bei unsrem gange unter dunklen uferbäumen

Den sklaven fortbefohlen der vor uns die fackel trug.

 


AN MENIPPA

 

 

Die lämmer für den dienst der götter seien rein von flecken.

Das andre weisst du: dass die schar der müssigen und eitlen

Zerstiebt vor deiner zunge schärfe · meinen geist zu wetzen

Nur deiner taugt · ich jüngst vor dir gestockt · dein haar verglichen

Mit dem der fürstin das berühmt nun unter sternen flimmert.

Doch seh ich dich im staub und regen unsrer tage schreiten

(Nicht unterschieden von gespielen die du doch verachtest)

Und zwang und sorge wäre dir davor dich zu bewahren.

Du kannst mir nimmer — wohl begreif ich deinen wirren vorwurf —

Der hehren seherin begeisterte verkündung werden

Noch in den heiligen gebüschen das beredte rauschen.

 


AN KALLIMACHUS

 

 

Als deine treusten geleiter stehen wir im hafen ·

            Zu des gerüsteten schiffes brüstung schauen wir

Trennungbeklommen dich teuren · unserm arm entrissen ·

            Lang schon der unsre geworden ob auch fremden bluts.

Willst du den leuchtenden himmel · heitrer bildung wohnsitz ·

            Wieder vertauschen mit küsten nebelgrau und kühl

Fern bei den äussersten menschen? schlichte rohe sitte

            Wieder erlernen der heimat die dir's kaum mehr ist?

Dort müssen schrecklich und einsam deine tage fliessen ·

            Freund unsrer frohen gelage · unsrer lehrer gast!

Dessen gesang der verwöhnten Phillis ohr gefallen ·

            Der in geglätteten sprüchen es uns gleichgetan ·

Wirst du ein leben ertragen am barbarenhofe ·

            Finstren gesetzen dich beugen · strengem herrscherwink ·

Zögling der losesten freiheit? uns erfasst die sorge.

            Ruder und anker bewegt sich — o Kallimachus!

Schäumendes wasser beschwichtigt lezte segenrufe ·

            Unser verhaltenes weinen mög es töricht sein.

 


AN SIDONIA

 

 

Ich überführte mich dass dir mit haltung und stolzem gebaren

Dass dir mit weise gehobener schönheit die jüngeren weiber

All zu verdunkeln gelang und dass nicht nur aus träger gewohnheit

Meine gefährten dir huldigten · mir aber waren wie warnung

Deine berechnende lippe · dein blauer und stählerner blick.

Einst in der dämmerung standen wir uns gegenüber (durch zufall

Oder auch weil du verwundet den nimmer dich suchenden suchtest ·

In einer nische durch Persergewebe den andren verborgen)

Spottend und tadelnd gedachte ich derer die ständig mit vorsicht

Nutzen und ziel zu erwägen vermögen im brausenden leben ·

Du darauf zeigst dem erstaunten von dir nicht gepflogenes lächeln

›Richte‹ (versetzest du) ›nach dem begebnis das knapp sich gejähret:

Wie ich dem jungen Demotas der stumme verehrung mir zahlte

Preise und siege verlassend bedürftig zu folgen gewillt war ·

Er aber selber mit kühleren worten vom plane mir abriet

Und meine wunde zu heilen ich mehre der monde bedurft‹

Unsere hände indessen du redetest wuchsen zusammen.

Seit jenem abend — Sidonia — war ich kein fremder dir mehr.

 


AN PHAON

 

 

Die ernte winkte · wenn die spitzen strahlen

            Hinterm hügel sanft verschwammen

Ergingen wir uns an den schmalen flüssen ·

            Schlanken bäumen deiner gegend ·

Im wettgespräch unsterbliche gesänge

            Unsrer meister wiederholend.

Von ihren lauten eingewiegt und trunken

            Blieben wir im abend stehn ·

Die gestern fremden mit verschlungnen armen.

            Ueber uns verzogen federwolken

Hin und her bewegen sich die ähren

            Die erst garben werden sollten ·

Die sich noch all der reichen körner freuten.

            Stach uns auch verhohlen manchmal

Die furcht dass augenblicke wir genössen

            Wie sie spät nicht wiederkämen:

Sie warfen milde schatten lang auf deine

            Phaon! und auf meine wege.

 


AN LUZILLA

 

 

Da ich zum abschied die hände — Luzilla — dir biete ·

Königin unter den ländlichen frauen in Phlius

Wo mich das schicksal für müssige monde verschlagen ·

Denk ich mit scherzen ein wahres bedauern verwindend

Unserer laube von bläulichen ähren behangen ·

Glänzender früchte und perlenden trankes · es kamen

Drunten die sehnigen treiber der stiere vorüber

Schallenden ganges · die schnitterin kam mit der sichel

Sonnegebräunt von der mahd und wir hörten von ferne

Rauhe gespräche der kähnebefrachtenden schiffer.

Freundin mit heiterer umsicht und lieblichem zuspruch

Liessest du hier im sich mühenden nützlichen treiben

Weniger schwer mich vermissen die stadt meiner wonnen ·

Zierlichen schönklang und weisheit der attischen rede.

 


AN ISOKRATES

 

 

Hören wir dich so gemahnt es uns mächtiger jahre

Wo selbst in ferne inseln wir den kampf

Tapfer getragen und bürgern gesetze geschrieben ·

Geschicke wägend mit der einen hand.

Heil dir Isokrates und deiner strahlenden jugend

Die ganz in taten die sie wirken will

Lebt und die fremden erforscht und bewundert mit feuer

Das überspringt und auch die kühlen fasst.

Könnte der zweifel dir nahen und wider dich zeugen

Der stark du glaubst und jeden der dich liebt

Triffst mit der unschuldig grausamen miene des kindes

Das lächelnd den bezwungnen gegner quält.

 


AN KOTYTTO

 

 

Kotytto · blume süss im duft doch herben schmackes ·

Wenn deine stimme sich in lieder löst verbreitest

Du warm und tief behagen und genuss · bisweilen

Erglüht und hält den atem an die ungestalte

Gesamtheit der du deine ganze sorge weihest.

Und in der rede · selbst mit treu erwiesnen lobern ·

Verfährst du hart und winterlich — auch mir erklärend:

Der weichen worte und gebärden wirkung kenn ich nicht ·

In meiner seele ist es düster · flieh vor mir!

Doch immer wieder muss ich dich im morgenwinde

Vor deiner tür belauschen und dann ist es mir

Als wenn die fahnen ernster feierzüge schwenken

Und goldne segelbarken aus dem hafen fahren.

 


AN ANTINOUS

 

 

Dein trost dass man im kühlen grün · im lauen blau

Der stadt vergesse war als du ihn gabest schwach

Und zeigt sich jezt als trügend · ohne zu verstehn

Betracht ich diese vielen wälder · all das feld

Und all das wasser dessen plaudern weiss und fragt ·

Zum weiterweinen floh ich nach den seen hin

Wo neue wohlgerüche schmeicheln (wie du sagst)

Und schattensitze laden · doch ich ziehe weit

Den frischen stämmen eure heissen säulen vor

Bei denen ich ein lächeln kenne lieblicher

Als alle vogelstimmen · worte duftender

Als der gerühmte tannenhauch — Antinous.

 


AN APOLLONIA

 

 

Traue dem glück! lacht es auch heut · Apollonia · nicht.

Nötiger schmerz blich dein gesicht · doch es zeigt dass du bald

Schmiegsam und stark über ihn siegst · nie mehr lohe dann glut ·

Rüttle dann sturm an deinem haus · nie mehr walte das spiel

Wo unser fuss wange und hand gar zu nah sich gefühlt.

Göttin und welt · gattin des Tros der mich brüderlich liebt ·

Den du erhobst als er zu sehr Pirras halber geklagt!

Fern will ich sein: richtest du neu glänzend blühend dich auf ·

Gemmen dein aug · kirschen dein mund · reife halme dein haar.


 

 

 

 

 

 

 

 

DAS BUCH DER SAGEN UND SÄNGE

 

 

 


SPORENWACHE

 

 

Die lichte zucken auf in der kapelle.

Der edelknecht hat drinnen einsam wacht

Nach dem gesetze vor altares schwelle

›Ich werde bei des nahen morgens helle

Empfangen von der feierlichen pracht

 

Durch einen schlag zur ritterschar erkoren ·

Nachdem der kindheit sang und sehnen schwieg

Dem strengen dienste widmen wehr und sporen

Und streiter geben in dem guten krieg.

 

Ich muss mich würdig rüsten zu der wahl ·

Zur weihe meines unbefleckten schwertes

Vor meines gottes zeit und diesem Mal ·

Dem zeugnis echten heldenhaften wertes:‹

 

Da lag der ahn in grauen stein gehauen ·

Um ihn der schlanken wölbung blumenzier ·

Die starren finger faltend im vertrauen ·

Auf seiner brust gebreitet ein panier ·

 

Den blick verdunkelt von des helmes klappen —

Ein cherub hält mit hocherhobner schwinge

Zu häupten ihm den schild mit seinem wappen ·

In glattem felde die geflammte klinge.

 

 


Der jüngling bittet brünstig Den da oben

Und bricht gelernten spruches enge schranken

Die hände fromm vors angesicht geschoben ·

Da wurde unvermerkt in die gedanken

Ihm eine irdische gestalt verwoben:

 

›Sie stand im garten bei den rosmarinen

Sie war viel mehr ein kind als eine maid ·

In ihrem haare goldne flocken schienen

Sie trug ein langes sternbesticktes kleid‹

 

Ein schauer kommt ihn an · er will erschrocken

Dem bild das ihm versuchung dünkt entweichen ·

Er gräbt die hände in die vollen locken

Und macht das starke bösemferne zeichen ·

 

In seine wange schiesst es rot und warm ·

Die kerzen treffen ihn mit graden blitzen ·

Da sieht er auf der Jungfrau schosse sitzen

Den Welt-erlöser offen seinen arm.

 

›Ich werde diener sein in deinem heere

Es sei kein andres streben in mir wach ·

Mein leben folge fortab deiner lehre ·

Vergieb wenn ich zum lezten male schwach‹

 

Aus des altares weissgedeckter truhe

Flog ein schwarm von engelsköpfen aus ·

Es floss bei ferner orgel heilgem braus

Des Tapfren einfalt und des Toten ruhe

Zu weiter klarheit durch das ganze haus.

 


DIE TAT

 

 

Der bodenblumen stilles und bescheidnes heer ·

Der knappe ging darüber hin gedankenleer

 

Vor tag — nicht weit von seines vaters gästehalle.

Dann warf er kiesel nieder von des brunnens walle

 

Vielleicht darin sich sehend ruhm- und blutbedeckt.

Am mittag da ihm nicht das grüne zeichen steckt ·

 

Das hoffnungzeichen auf der nachbarlichen zinne

Das ihm gewährung heisst und Melusinens minne ·

 

Erzittert er ... und stundenlang hat er geweint

In trotz und trauer da wo voll die sonne scheint.

 

Am abend nach den wäldern die vor schrecknis pochen

Ist er nach tod und wunden gierig aufgebrochen.

 

Er achtet nicht auf wohlgesinnter wesen wort

Er dringt mit wilden knabenhaften schritten fort

 

Und als vor seiner hand bewehrt mit blossem degen

Das ungetüm in gift und glut getaucht erlegen:

 

Verfolgt er seine bahn erhellt vom fackelbrand ·

Die schönen blicke still und grad zum himmelrand.

 


FRAUENLOB

 

 

In der stadt mit alten firsten und giebelbildern ·

Den schneckenbögen an gebälk und tür ·

Gemalten scheiben · türmen die an die sterne rühren ·

Mit hohlen gängen und verwischten wappenschildern ·

Bei den brunnen wann morgen und abend graut

Bei der gelächter und der wasser silbernem laut:

Ein leben voll zäher bürden

Ein ganzes leben dunklen duldertumes

War ich der herold eurer würden

War ich der sänger eures ruhmes:

 

Weisse kinder der bittgepränge

Mit euren kerzen fahnen bändern ·

Führerinnen der heitren klänge

In farbigen lockeren gewändern ·

Bleiche freundinnen der abendmahle ·

Patriziertöchter stolze hochgenannte

Die unter heiligem portale

Die schweren kleider falten der levante —

Und habe meiner töne ganze kunst gepflegt

Für euch ihr zierden im fest- und jubelsaale ·

Herrinnen mächtig und unbewegt.

 


Wer von euch aber reichte mir zum grusse

Den becher und den eichenkranz entgegen

Und sagte mir dass sie mich würdig wähne

Ihr leichtes band gehorsam anzulegen?

Welche träne und welche milde busse

Gab antwort je auf meiner leier tränen?

Ich fühle friedlich schon des todes fuss.

 

Bei der glocke klage folgen jungfraun und bräute sacht

Einem sarg in düstrer tracht.

Nur zarte hände reine und hehre

Dürfen ihn zum munster tragen zum gewölb und grab

Mit königlicher ehre

Den toten priester ihrer schönheit zu verklären.

Mädchen und mütter unter den zähren

Gemeinsamer witwenschaft giessen edle weine

Blumen und edelsteine

Fromm in die gruft hinab.

 


TAGELIED

 

 

Da nacht den neuen morgen noch umschattet

Und dein gemach

(Ein sichres dach)

Noch lange freuden uns gestattet:

Was soll dein leises weinen

Und dein weher blick?

— Des glückes stunden meinen

Für mich ein missgeschick.

 

Es tröste dich mein schwur

Dass du auch fürder keusch mir bist

Und ich zu deinen füssen

Ergeben dich als engel nur

Beschauen will und grüssen ·

Dein ganzer leib mir lieb und heilig ist ·

An jedem glied

Mein haupt mit inbrunst hängt

Und mit gesenktem lid

So wie man Gott empfängt.

 

Und trenn ich mich für heut · für ferne fahrt:

Ich trage auf der brust verwahrt

Das seidentuch worauf dein name steht

Der mich wie ein gebet

Eh spiel und schlacht beginnen

Bestärkt und sieg mir bringt.

— O möchten dann nur meine tränen rinnen

Wann uns des wächters horn zu scheiden zwingt.


IM UNGLÜCKLICHEN TONE DESSEN VON . . .

 

 

Löset von diesem brief sanft den knoten ·

Empfanget ohne groll meinen boten ·

Denket er käme von einem toten!

 

Als ich zuerst euch traf habt ihr gesprochen:

›Dort haust ein wurm der jeden feind verachtet‹

Zu seinen klüften bin ich flugs gesprengt ·

Nach heissem ringen hab ich ihn erstochen ·

Doch seitdem blieb mein haar versengt —

Worob ihr lachtet.

 

›Ich hätte gern den turban des korsaren‹

So scherztet ihr — ich folgte blind

Und bin aufs meer in lärm und streit gefahren ·

Mit meinem linken arme musst ich's büssen ·

Den turban legt ich euch zu füssen ·

Ihr schenktet ihn als spielzeug einem kind.

 

Ihr saht wie ich mein glück und meinen leib

In eurem dienst verdarb ·

Euch grämte nicht in fährden mein verbleib ·

Ihr danktet kaum wenn ich in sturm und staub

Euch ruhm erwarb

Und bliebet meinem flehen taub.

 

Nun leid ich an einer tiefen wunde ·

Doch dringt euer lob bis zur lezten stunde ·

Schöne dame · aus meinem munde.


IRRENDE SCHAR

 

 

Sie ziehen hin gefolgt vom schelten ·

Vom bösen blick der grossen zahl.

Man sagt dass sie aus feenwelten

Nach der geburt ein adler stahl.

 

Ihr leben rinnt auf steten zügen

Als suchten sie von land zu land

Die erde mit den goldnen pflügen

Wo ihres glückes wiege stand.

 

Sie bluten willig im gefechte

An meeresküsten kahl und grau

Und geben freudig ihre rechte

Für eine blasse stolze frau.

 

Sie retten in den grossen nöten

Wenn engel mit dem giftespfeil

Zur strafe unerbittlich töten —

Sie dulden zu der andren heil.

 

Wenn drob des lobes wolken qualmen ·

Das volk für sie begeistert tost:

Hosannaruf und streu der palmen

Sind eines tags und falscher trost.

 


Da leitet sie ein später abend

Zur burg worin das Höchste Licht

Mit mildem gruss die müden labend

Auf immer ihnen rast verspricht.

 

In sänge fliesst ihr erdenwallen

Bei festlich rauschendem getön ·

Sie werden selig unter hallen

Die unvergänglich neu und schön.

 


DER WAFFENGEFÄHRTE

 

 

I

 

Am weiher wo die rehe huschen

Da war's wo wir von kampfes schweiss

Zum erstenmal die stirnen wuschen

Nach unsren fahrten hart und heiss.

 

Nun ist mein bruder eingeschlafen

— Die schwerter klangen heute scharf —

Und ich bin froh dass ich den braven

Dieweil er ruht behüten darf.

 

Er stüzte sich mit seinem schilde ·

Ich nahm sein haupt in meinen schoss ·

Auf seiner wange zuckt es milde ·

Um seinen bart erbarmungslos.

 

Er zog mich heut aus manchen fesseln ·

Im schwarzen wald wo unheil haust

War ich verstrickt in tiefen nesseln ·

Er hieb mich aus mit rascher faust.

 

Ich wollte zu den süssen stimmen

Des widerrates nicht gedenk

Dem sündeschloss entgegenklimmen ·

Er hielt mich fest am handgelenk.

 


Er kennt kein sinnen und kein wanken ·

Die bösen fühlten seine wut ·

Die armen die zu fuss ihm sanken

Verteilten sich sein ganzes gut.

 

Er wird mich immer unterweisen

Im graden wandel vor dem Herrn ·

Mein bruder ist aus wachs und eisen ·

In seinem schutze weil ich gern.

 

 

 


II

 

 

So unterlag er doch der feinde tücke..

Er focht mit wenig treuen wider scharen

Er fiel · doch durch des himmels huld im glücke

Der Seinen sieg vorm tode zu erfahren.

 

Und fürsten kamen gar zum trauersaale ·

Es hoben sich gemurmelte gebete

Der männer lob · die klage der drommete

Für ihn zu frühem lichtem ruhmesmale.

 

Wohin ich mich nach seinem tode kehre?

Wer wehrt von mir des rauhen lebens stösse?

Ich werde fallen ohne seine grösse —

O sei es nicht zu fern vom pfad der ehre.

 


VOM RITTER DER SICH VERLIEGT

 

 

Hör ich nicht dumpf ein klirren ·

Kämpfer die die rosse schirren?

Bange rufe vom altan ·

Speere schwirren?

 

Drunten schlägt ein tor nur an.

 

Ist es nicht der gäste lache?

Emsig knecht und kastellan

Unter rebenschmuckem dache?

Frohe wache?

 

Wurde nicht in zarte saiten

Ein gedehnter griff getan:

Ahnungsloser schöner zeiten

Scheues gleiten?

 

Drunten schlägt ein tor nur an.

 


DER EINSIEDEL

 

 

Ins offne fenster nickten die hollunder

Die ersten reben standen in der bluht ·

Da kam mein sohn zurück vom land der wunder ·

Da hat mein sohn an meiner brust geruht.

 

Ich liess mir allen seinen kummer beichten ·

Gekränkten stolz auf seinem erden-ziehn —

Ich hätte ihm so gerne meinen leichten

Und sichern frieden hier bei mir verliehn.

 

Doch anders fügten es der himmel sorgen —

Sie nahmen nicht mein reiches lösegeld..

Er ging an einem jungen ruhmes-morgen ·

Ich sah nur fern noch seinen schild im feld.

 


DAS BILD

 

 

Nachdem ich auf steinernen gräbern · an frostigen pfeilern ·

Gesungen · gewandelt bei würdiger väter zunft:

Erspäht ich zur vesper hinter den rauchenden meilern

Des langsamen abends erquickende niederkunft.

 

Zerdrangen die freundlichen schatten die farbige helle ·

Erstarben die glocken über dem stillen gefild

Dann sank ich befreit und allein in der bergenden zelle

Mit schluchzen und sehnen vor das göttliche bild.

 

Die sprechenden augen erhoben · die hände gewunden ·

Entflossen gebete mir ohne anfang und schluss

Wie nie in dem sammtenen buch ich sie ähnlich gefunden ·

Ich spannte die arme und wagte den flehenden kuss.

 

Ich wartete träumend — bestärkt von den wundergeschichten —

Auf sichtliche lohnung die nimmer und nimmer kam..

Bestürmte nur heisser und hoffte und zürnte mit  nichten

Dem schuldlosen antlitz aus glanz und erhabenem gram.

 

Und wenn es endlich auf meine lagerstatt

Sich neigte oder erlösende zeichen mir schriebe..

Ich glaube mein arm ist bald zum umfangen zu matt ·

Auf meinen lippen erlosch die brennende liebe.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

SÄNGE EINES FAHRENDEN SPIELMANNS:

 

 

 


Worte trügen · worte fliehen ·

Nur das lied ergreift die seele ·

Wenn ich dennoch dich verfehle

Sei mein mangel mir verziehen.

 

Lass mich wie das kind der wiesen

Wie das kind der dörfer singen ·

Aus den sälen will ich dringen

Aus dem fabelreich der riesen.

 

Höhne meine sanfte plage!

Einmal muss ich doch gestehen

Dass ich dich im traum gesehen

Und seit dem im busen trage.

 


Aus den knospen quellen sachte

Tropfen voll und klar

Da das licht auf ihnen lachte.

 

Und wenn meine tränen fliessen?

Was ich gestern nicht erriet

Heute bin ich es gewahr:

Dass der lezte trost mir flieht

Kann ich euch nicht mehr geniessen

Neue sonne · junges jahr.

 


Dass ich deine unschuld rühre

Soll ich blumengarben reichen

Oder zum genauen zeichen

Deine wahl der farben tragen

Oder soll vor deiner türe

Meine arme laute schlagen?

 

Kannst du all das nicht begreifen:

Werd ich traurig weiterschweifen?

Werd ich's wagen? werd ich sagen..

 


Heisst es viel dich bitten

Wenn ich einmal still

Nachdem ich lang gelitten

Vor dir knieen mag?

 

Deine hand ergreifen

Leise drücken mag

Und im kusse streifen

Kurz und fromm und still?

 

Nennst du es erhören

Wenn gestreng und still

Ohne mich zu stören

Dein wink mich dulden mag?

 


So ich traurig bin

Weiss ich nur ein ding:

Ich denke mich bei dir

Und singe dir ein lied.

 

Fast vernehm ich dann

Deiner stimme klang ·

Ferne singt sie nach

Und minder wird mein gram.

 


Sieh mein kind ich gehe.

Denn du darfst nicht kennen

Nicht einmal durch nennen

Menschen müh und wehe.

 

Mir ist um dich bange.

Sieh mein kind ich gehe

Dass auf deiner wange

Nicht der duft verwehe.

 

Würde dich belehren ·

Müsste dich versehren

Und das macht mir wehe.

Sieh mein kind ich gehe.

 


Dieses ist ein rechter morgen ·

Warmer hauch um baum und bach

Macht dein ohr für süsse schwüre

Süsse bitten schneller wach

Die ich sorgsam dir verborgen.

 

Nicht mehr wär ich stumm und zag:

Wandelten wir jetzo beide

An dem immergrünen hag.

Spräche dir von meinem eide

Und vom lob das dir gebühre.

 


Ist es neu dir was vermocht

Dass dein puls geschwinder pocht?

Warte nur noch diese tage ·

Sie entscheiden

Ob du leiden

Oder ob du glück erwirbst.

Ach du weisst dass du nicht stirbst

Ruft es wiederum: entsage!

Warte nur noch diese tage

Sie entscheiden

Ob du leiden

Oder ob du glück erwirbst.

 


Ein edelkind sah vom balkon

In den frühling golden und grün ·

Lauschte der lerchen ton

Und blickte so freudig und kühn.

 

Ein fiedler — fiedler komm

Und gib deinen liebsten sang!

Das edelkind horchte fromm

Dann ward ihm traurig und bang.

 

Was sang er mir solches lied?

Ich warf ihm vom finger den ring.

Böser trugvoller schmied

Der mich mit fesseln umfing!

 

Kein frühling mehr mich freut ·

Die blumen sind alle so blass.

Träumen will ich heut

Weinen im stillen gelass.

 


Das lied des zwergen:

 

I

 

Ganz kleine vögel singen ·

Ganz kleine blumen springen ·

Ihre glocken klingen.

 

Auf hellblauen heiden

Ganz kleine lämmer weiden ·

Ihr fliess ist weiss und seiden.

 

Ganz kleine kinder neigen

Und drehen sich laut im reigen —

Darf der zwerg sich zeigen?

 

 

 


II

 

Ich komme vom palaste

Zu eurer kinder tanz

In ihrem frohen kranz

Will eines mich gaste?

 

Der ich mich scheu verberge

Ich habe kron und thron ·

Ich bin der feien sohn

Ich bin der fürst der zwerge.

 


III

 

Dir ein schloss · dir ein schrein —

Fülle aller schätze und ihr glanz sei dein!

 

Dir ein schwert · dir ein speer —

Zarter gunst der schönen sei dein weg nie leer.

 

Dir kein ruhm · dir kein sold —

Dir allein im liede liebe und gold ·

 


Erwachen der braut:

 

Es klingt vom turme her

Mit erstem dämmerstrahl

Das lied der himmelshelden ·

Den festesmorgen melden

Ergreifend ernst und schwer

Die hörner im choral.

 

Bin ich im traum noch? nein.

Ein ruf am tor erscholl..

Der nächte sanken sieben.

Es wird ein bote sein

Vom knaben den ich lieben

Und mir erwählen soll.

 


Lilie der auen!

Herrin im rosenhag!

Gib dass ich mich freue ·

Dass ich mich erneue

An deinem gnadenreichen krönungstag.

 

Mutter du vom licht ·

Milde frau der frauen ·

Weise deine güte

Kindlichem gemüte

Das mit geäst und moos dein bild umflicht.

 

Frau vom guten rat!

Wenn ich voll vertrauen

Wenn ich ohne sünde

Deine macht verkünde:

Schenkst du mir worum ich lange bat?

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

DAS BUCH DER HÄNGENDEN GÄRTEN

 

 

 


Wir werden noch einmal zum lande fliegen

Das dir von früh auf eigen war:

Du musst dich an den hals des zelters schmiegen ·

Du drückst an seinen zäumen den rubin

In einer heissen nacht und ohne fahr

Gelangst du hin.

 


Als durch die dämmerung jähe

Breite röte sich wies ·

Balsamduft mich umblies ·

Kannt ich die freundliche nähe:

Stammes boden und mauern.

Stolz und mit glücklichem schauern

Wandel der seele geschah

Als ich die üppig und edel

Zu mir sich neigenden wedel

Erster palmen wiedersah.

 


Kaum deuten dir gehorsam offne bahnen

            Nach den ersehnten höchsten stufen ·

Als der gewölbe beute · stahl und fahnen ·

            Betäubend dir entgegenrufen:

            Von säulen die im schutte dampfen

Von schwertern die von staub und purpur kleben ·

            Talaren drauf die rosse stampfen

Und armen die begeistert sich erheben.

 

Dazwischen bebt ein tiefer laut:

            Vergiss mit uns im bund

Die würde so dir anvertraut

            Und küsse froh den grund

            Wo gold- und rosenschein

Der weichen wünsche frevel sühnt ·

            Den grund auf dem allein

Die süsse saat hienieden grünt.

 


In hohen palästen aus dunklen und schimmernden quadern

In bauschenden zelten die himmlische gaben bescheeren

Verschönert des lichtes von oben ergossene flut

Die leiber vom weiss des marmors mit bläulichen adern

Vom saftigen gelb der reife-beginnenden beeren —

Die leiber die hellrot wie blüten und hochrot wie blut.

 

Da ich mich von ihnen zu trennen beschloss um ein reines

Erhabnes geniessen berauschender sieges-gebräuche:

Verscheuch ich den gram der mich abermals leise bestahl

Mit hülfe der blumigen sprühenden geister des weines?

Erhebt von dem schläfernden pfühl der basilien-sträuche

Mich meiner gewappneten schall im erwachenden strahl?

 


Nachdem die hehre stadt die waffen streckte ·

Die breschen offen lagen vor dem heer ·

Der fluss die toten weitertrug zum meer ·

Der rest der kämpfenden die strassen deckte

 

Und der erobrer zorn vom raube matt:

Da schoss ein breites licht aus wolkenreichen ·

Es wanderte versöhnend auf den leichen ·

Verklärte die betrübte trümmerstadt

 

Und haftete verdoppelt an der stelle

Wo der Bezwinger durch die menge stob

Der kühn dann über eines tempels schwelle

Die klinge rauchend zu dem gotte hob.

 


KINDLICHES KÖNIGTUM

 

 

Du warst erkoren schon als du zum throne

In deiner väterlichen gärten kies

Nach edlen steinen suchtest und zur krone

In deren glanz dein haupt sich glücklich pries.

 

Du schufest fernab in den niederungen

Im rätsel dichter büsche deinen staat ·

In ihrem düster ward dir vorgesungen

Die lust an fremder pracht und ferner tat.

 

Genossen die dein blick für dich entflammte

Bedachtest du mit sold und länderei ·

Sie glaubten deinen plänen · deinem amte

Und dass es süss für dich zu sterben sei.

 

Es waren nächte deiner schönsten wonnen

Wenn all dein volk um dich gekniet im rund

Im saale voll von zweigen farben sonnen

Der wunder horchte wie sie dir nur kund.

 

Das weisse banner über dir sich spannte

Und blaue wolke stieg vom erzgestell

Um deine wange die vom stolze brannte

Um deine stirne streng und himmelhell.

 


Halte die purpur- und goldnen

gedanken im zaum ·

Schliesse die lider

Unter dem flieder

Und wiege dich wieder

Im mittagstraum.

 

Vögel verstummt in den gärten

auf blume und ast ·

Mit kronen und reifen

Metallblauen streifen

Geringelten schweifen ·

Sie schaukeln zur rast.

 

Ferne schlagen die trommeln

aus silber und zinn.

Doch keine klänge

Nicht wechselgesänge

Noch harfenstränge

Beladen den sinn.

 

Zierat des spitzigen turms der

die büsche erhellt ·

Verschlungnes gefüge

Geschnörkelte züge

Verbieten die lüge

Von wesen und welt.

 




Meine weissen ara haben

safrangelbe kronen ·

Hinterm gitter wo sie wohnen

Nicken sie in schlanken ringen

Ohne ruf ohne sang ·

Schlummern lang ·

Breiten niemals ihre schwingen —

Meine weissen ara träumen

Von den fernen dattelbäumen.

 


VORBEREITUNGEN

 

 

Den jungen leib mit unversehrten reizen

Soll man vom neumond ab mit milch und wein

Vom halben bis zum vollen schein

In einem bad von öl und salben beizen —

Palast und schmuck und mägde seien dein!

Und priester die die hände auf dich legen

Verrichten vor dir täglich einen segen.

 

Auf dass du einer fürstin ähnlich siehst

Und auch in tiefer zucht

Stumm in erwartung kniest ·

Dass reich und schwellend eine reife frucht

Und eine knospe duftig zart

Am fest der strenge meister dich gewahrt

Und seiner würdig dich erkiest.

 

Und du selber? — liebst dich lang zu läutern ·

Mit den reinen zauberkräutern

Deinen geist in einsamkeit zu schonen ·

Ihn mit der erharrung schauer lohnen

Bis der vorhang birst

Vor dem ausbund aller zonen —

Den vielleicht du nie berühren wirst.

 


FRIEDENSABEND

 

 

Vom langen dulden sengend heisser stiche

Erholen sich die bleichen länderstriche

 

Und wolken schwarz und schwefelgelb belasten

Die kahlen mauern und die starren masten.

 

Die gärten atmen schwer von duft beladen ·

Die schatten wachsen fester in den pfaden.

 

Die zarten stimmen schlummern und verstummen ·

Die hohen mildern sich in sanftes summen.

 

Wie schemen locken nur die festgepränge

Die wilden schlachten lauten untergänge.

 

Im dichten dunste dringt nur dumpf und selten

Ein ton herauf aus unterworfnen welten.

 


Unterm schutz von dichten blättergründen

Wo von sternen feine flocken schneien ·

Sachte stimmen ihre leiden künden ·

Fabeltiere aus den braunen schlünden

Strahlen in die marmorbecken speien ·

Draus die kleinen bäche klagend eilen:

Kamen kerzen das gesträuch entzünden ·

Weisse formen das gewässer teilen.

 

 

Hain in diesen paradiesen

Wechselt ab mit blütenwiesen

Hallen · buntbemalten fliesen.

Schlanker störche schnäbel kräuseln

Teiche die von fischen schillern ·

Vögel-reihen matten scheines

Auf den schiefen firsten trillern

Und die goldnen binsen säuseln —

Doch mein traum verfolgt nur eines.

 

 

Als neuling trat ich ein in dein gehege

Kein staunen war vorher in meinen mienen ·

Kein wunsch in mir eh ich dich blickte rege.

Der jungen hände faltung sieh mit huld ·

Erwähle mich zu denen die dir dienen

Und schone mit erbarmender geduld

Den der noch strauchelt auf so fremdem stege.

 


Da meine lippen reglos sind und brennen

Beacht ich erst wohin mein fuss geriet:

In andrer herren prächtiges gebiet.

Noch war vielleicht mir möglich mich zu trennen ·

Da schien es dass durch hohe gitterstäbe

Der blick vor dem ich ohne lass gekniet

Mich fragend suchte oder zeichen gäbe.

 

 

Saget mir auf welchem pfade

Heute sie vorüberschreite —

Dass ich aus der reichsten lade

Zarte seidenweben hole ·

Rose pflücke und viole ·

Dass ich meine wange breite ·

Schemel unter ihrer sohle.

 

 

Jedem werke bin ich fürder tot.

Dich mir nahzurufen mit den sinnen ·

Neue reden mit dir auszuspinnen ·

Dienst und lohn gewährung und verbot ·

Von allen dingen ist nur dieses not

Und weinen dass die bilder immer fliehen

Die in schöner finsternis gediehen —

Wann der kalte klare morgen droht.

 


Angst und hoffen wechselnd mich beklemmen ·

Meine worte sich in seufzer dehnen ·

Mich bedrängt so ungestümes sehnen

Dass ich mich an rast und schlaf nicht kehre

Dass mein lager tränen schwemmen

Dass ich jede freude von mir wehre

Dass ich keines freundes trost begehre.

 

 

Wenn ich heut nicht deinen leib berühre

Wird der faden meiner seele reissen

Wie zu sehr gespannte sehne.

Liebe zeichen seien trauerflöre

Mir der leidet seit ich dir gehöre.

Richte ob mir solche qual gebühre ·

Kühlung sprenge mir dem fieberheissen

Der ich wankend draussen lehne.

 

 

Streng ist uns das glück und spröde ·

Was vermocht ein kurzer kuss?

Eines regentropfens guss

Auf gesengter bleicher öde

Die ihn ungenossen schlingt ·

Neue labung missen muss

Und vor neuen gluten springt.

 


Das schöne beet betracht ich mir im harren ·

Es ist umzäunt mit purpurn-schwarzem dorne

Drin ragen kelche mit geflecktem sporne

Und sammtgefiederte geneigte farren

Und flockenbüschel wassergrün und rund

Und in der mitte glocken weiss und mild —

Von einem odem ist ihr feuchter mund

Wie süsse frucht vom himmlischen gefild.

 

 

Als wir hinter dem beblümten tore

Endlich nur das eigne hauchen spürten

Warden uns erdachte seligkeiten?

Ich erinnere dass wie schwache rohre

Beide stumm zu beben wir begannen

Wenn wir leis nur an uns rührten

Und dass unsre augen rannen —

So verbliebest du mir lang zu seiten.

 

 

Wenn sich bei heilger ruh in tiefen matten

Um unsre schläfen unsre hände schmiegen ·

Verehrung lindert unsrer glieder brand:

So denke nicht der ungestalten schatten

Die an der wand sich auf und unter wiegen ·

Der wächter nicht die rasch uns scheiden dürfen

Und nicht dass vor der stadt der weisse sand

Bereit ist unser warmes blut zu schlürfen.

 


Du lehnest wider eine silberweide

Am ufer · mit des fächers starren spitzen

Umschirmest du das haupt dir wie mit blitzen

Und rollst als ob du spieltest dein geschmeide.

Ich bin im boot das laubgewölbe wahren

In das ich dich vergeblich lud zu steigen..

Die weiden seh ich die sich tiefer neigen

Und blumen die verstreut im wasser fahren.

 

 

Sprich nicht immer

Von dem laub ·

Windes raub ·

Vom zerschellen

Reifer quitten ·

Von den tritten

Der vernichter

Spät im jahr.

Von dem zittern

Der libellen

In gewittern

Und der lichter

Deren flimmer

Wandelbar.

 

 


Wir bevölkerten die abend-düstern

Lauben · lichten tempel · pfad und beet

Freudig — sie mit lächeln ich mit flüstern —

Nun ist wahr dass sie für immer geht.

Hohe blumen blassen oder brechen ·

Es erblasst und bricht der weiher glas

Und ich trete fehl im morschen gras ·

Palmen mit den spitzen fingern stechen.

Mürber blätter zischendes gewühl

Jagen ruckweis unsichtbare hände

Draussen um des edens fahle wände.

Die nacht ist überwölkt und schwül.

 


Des ruhmes leere dränge sind bezwungen

Seit einen schatz es zu bewahren gilt

Den ich nachdem ich viel verlor errungen ·

Der jeden durst nach andrem prunke stillt.

 

Die hände zum gebieten ausgestreckt

Vergassen ihre kräfte zu erproben

Weil sie vor dir von deinem glanz bedeckt

In heidnischer verzückung sich erhoben

 

Und seines amtes heiligkeit verlezt

Der mund der seherwort gespendet

Seit er sich neigend einen fuss benezt

Der milch und elfenbein im teppich blendet.

 


Indes in träumen taten mir gelungen ·

Ich zarter weisen mich beflissen ·

Sind die feinde in mein land gedrungen

Sie haben bis zur hälfte mirs entrissen.

 

Ich aber kann mich nicht zur rache rüsten ·

Zum lezten male war ich held

Als man mir die verräter von den küsten

Herbeigeführt ins rote richterfeld.

 

Da konnt ich unverwandt noch blicken

Wie sie die nicht gehorsam mir gezollt

Zu boden lagen und auf jedes nicken

Vom glatten schlanken rumpf ein haupt gerollt.

 


Ich muss mein schönes land gebeugt betrauern ·

Dieses sei allein mein trost:

Der sänger-vogel den zertretne fluren · mauern

Und dächer · züngelnd wie ein feuerrost ·

Nicht kümmern singt im frischen myrtenhage

Unablässig seine süsse klage.

 


Ich warf das stirnband dem der glanz entflohn

So dass es klirrte hin und satt verliess ich sie:

Den saal in den der süden seine schätze räumt ·

Die höfe wo das wasser duftig spielt ·

Der säulenmauern erz und lazuli

Und meinen thron —

Und ging zu dienen einem pascha der befiehlt

In einer Schiras die in rosennebeln träumt.

 

Ich freute ihn in langen wochen treu

Durch jubellieder die ich ihm gesungen ·

Durch kränze die ich für ihn flocht ·

Ich beugte mich zu ihm herab voll scheu ·

Zu ihm der alle meuterer bezwungen

Und viele fremde gegner unterjocht.

 

An einem siegesabend war er heimgekommen

Das volk umgab ihn wie der brandung saus ·

Ich hatte einen dolch für ihn geschliffen:

Er stirbt sobald das wachs erlischt —

Doch als er kaum die stiegen gross und stolz erklommen

Und ich den ehrentrunk für ihn gemischt:

Hat eine neue reue mich ergriffen ·

Ich schleiche blass und stumm hinaus.

 

In allen strassen und palästen dröhnen

Die pauken und die zimbeln im verein

Und wein und liebe lohnt den tapfern söhnen ·

Sie schmücken mit geraubter pracht

Die töchter deren lippe glüht und lacht

Im garten bei der fackeln gelbem schein.

 

Der sklave geht · noch einmal kurz vorm tore

Will ihm ein strauch der breite bunte blüten trug

Vom ruhme lispeln · von der schmach ·

Er aber traut nicht mehr dem lug ·

Er bricht den zweig von einer sykomore

Und flieht den ort wo seine seele brach.

 

Der sklave geht · sein werk ist all geschehn.

Zum strome wo die sterblichen versinken

Und gläubig aller qual erlösung trinken —

Er kann der woge jezt ins auge sehn.

 


Wo am lezten rastort reiter

Und geschmückter züge leiter

Spähen nach erreichten zinnen:

Stillen wanderer ihr dürsten ·

Bieten wasserträgerinnen

IHM den krug und grüssen heiter ·

Niemand kennt den frühern fürsten.

Lächelnd dankt er · kein erbittern

Ist in ihm · doch flieht er weiter

Scheu weil seine hoheit bricht ·

Jede nähe macht ihn zittern

Und er fürchtet fast das licht.

 


Er liess sich einsam hin auf hohem steine ·

Schon lag sein land mit gnaden und befehlen

Ihm sehr entfernt und schätze und juwelen

Erschienen wie in tief versenktem schreine

Als er das haupt in seine hände grub.

 

Er schwieg — ein seufzen sich um ihn erhub:

 

Die gräser die betrübt am rande kauern ·

Das zwiegespräch der zedern und der erlen ·

Die lauten tropfen die von felsen perlen

Ergriffen das den menschen fremde trauern

Des der ein königtum verlor.

 

Und aus dem strom ein rauschen ihn beschwor:

 


STIMMEN IM STROM

 

 

Liebende klagende zagende wesen

Nehmt eure zuflucht in unser bereich ·

Werdet geniessen und werdet genesen ·

Arme und worte umwinden euch weich.

 

Leiber wie muscheln, korallene lippen

Schwimmen und tönen in schwankem palast ·

Haare verschlungen in ästige klippen

Nahend und wieder vom strudel erfasst.

 

Bläuliche lampen die halb nur erhellen ·

Schwebende säulen auf kreisendem schuh —

Geigend erzitternde ziehende wellen

Schaukeln in selig beschauliche ruh.

 

Müdet euch aber das sinnen das singen ·

Fliessender freuden bedächtiger lauf ·

Trifft euch ein kuss: und ihr löst euch in ringen

Gleitet als wogen hinab und hinauf.