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Stefan George – Der siebente Ring

Gedichte

Georg Bondi, Berlin, 1922

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ZEITGEDICHTE

 

 

 


 

DAS ZEITGEDICHT

 

Ihr meiner zeit genossen kanntet schon

Bemasset schon und schaltet mich – ihr fehltet.

Als ihr in lärm und wüster gier des lebens

Mit plumpem tritt und rohem finger ranntet:

Da galt ich für den salbentrunknen prinzen

Der sanft geschaukelt seine takte zählte

In schlanker anmut oder kühler würde ·

In blasser erdenferner festlichkeit.

 

Von einer ganzen jugend rauhen werken

Ihr rietet nichts von qualen durch den sturm

Nach höchstem first · von fährlich blutigen träumen.

›Im bund noch diesen freund!‹ und nicht nur lechzend

Nach tat war der empörer eingedrungen

Mit dolch und fackel in des feindes haus . .

Ihr kundige las't kein schauern · las't kein lächeln ·

Wart blind für was in dünnem schleier schlief.

 

Der pfeifer zog euch dann zum wunderberge

Mit schmeichelnden verliebten tönen · wies euch

So fremde schätze dass euch allgemach

Die welt verdross die unlängst man noch pries.

Nun da schon einige arkadisch säuseln

Und schmächtig prunken: greift er die fanfare ·

Verlezt das morsche fleisch mit seinen sporen

Und schmetternd führt er wieder ins gedräng.

 


 

Da greise dies als mannheit schielend loben

Erseufzt ihr: solche hoheit stieg herab!

Gesang verklärter wolken ward zum schrei! . .

Ihr sehet wechsel · doch ich tat das gleiche.

Und der heut eifernde posaune bläst

Und flüssig feuer schleudert weiss dass morgen

Leicht alle schönheit kraft und grösse steigt

Aus eines knaben stillem flötenlied.


 

DANTE UND DAS ZEITGEDICHT

 

Als ich am torgang zitternd niedersank

Beim anblick der Holdseligsten · von gluten

Verzehrt die bittren nächte sann · der freund

Mitleidig nach mir sah · ich nur noch hauchte

Durch ihre huld und durch mein lied an sie:

War ich den menschen spott die nie erschüttert

Dass wir so planen minnen klagen – wir

Vergängliche als ob wir immer blieben.

 

Ich wuchs zum mann und mich ergriff die schmach

Von stadt und reich verheert durch falsche führer . . .

Wo mir das heil erschien kam ich zu hilfe

Mit geist und gut und focht mit den verderbern.

Zum lohn ward ich beraubt verfehmt und irre

Ein bettler jahrelang an fremde türen

Aufs machtgebot von tollen – sie gar bald

Nur namenloser staub indess ich lebe.

 

Als dann mein trüber vielverschlagner lauf ·

Mein schmerz ob unsrer selbstgenährten qualen ·

Mein zorn auf lasse niedre und verruchte

In form von erz gerann: da horchten viele

Sobald ihr grauen schwand dem wilden schall

Und ob auch keiner glut und klaue fühlte

Durchs eigne herz: es schwoll von Etsch bis Tiber

Der ruhm zum sitz des fried- und heimatlosen.

 


Doch als ich drauf der welt entfloh · die auen

Der Seligen sah · den chor der engel hörte

Und solches gab: da zieh man meine harfe

Geschwächten knab- und greisentons . . o toren!

Ich nahm aus meinem herd ein scheit und blies –

So ward die hölle · doch des vollen feuers

Bedurft ich zur bestrahlung höchster liebe

Und zur verkündigung von sonn und stern.

 


 

GOETHE-TAG

 

Wir brachen mit dem zarten frührot auf

Am sommerend durch rauchendes gefild

Zu Seiner stadt. Noch standen plumpe mauer

Und würdelos gerüst von menschen frei

Und tag – unirdisch rein und fast erhaben.

Wir kamen vor sein stilles haus · wir sandten

Der ehrfurcht blick hinauf und schieden. Heute

Da alles rufen will schweigt unser gruss.

 

Noch wenig stunden: der geweihte raum

Erknirscht: sie die betasten um zu glauben . .

Die grellen farben flackern in den gassen ·

Die festesmenge tummelt sich die gern

Sich schmückt den Grossen schmückend und ihn fragt

Wie er als schild für jede sippe diene –

Die auf der stimmen lauteste nur horcht ·

Nicht höhen kennt die seelen-höhen sind.

 

Was wisst ihr von dem reichen traum und sange

Die ihr bestaunet! schon im kinde leiden

Das an dem wall geht · sich zum brunnen bückt ·

Im jüngling qual und unrast · qual im manne

Und wehmut die er hinter lächeln barg.

Wenn er als ein noch schönerer im leben

Jezt käme – wer dann ehrte ihn? er ginge

Ein könig ungekannt an euch vorbei.

 


Ihr nennt ihn euer und ihr dankt und jauchzt –

Ihr freilich voll von allen seinen trieben

Nur in den untren lagen wie des tiers –

Und heute bellt allein des volkes räude . . .

Doch ahnt ihr nicht dass er der staub geworden

Seit solcher frist noch viel für euch verschliesst

Und dass an ihm dem strahlenden schon viel

Verblichen ist was ihr noch ewig nennt.

 


 

NIETZSCHE

 

Schwergelbe wolken ziehen überm hügel

Und kühle stürme – halb des herbstes boten

Halb frühen frühlings . . . Also diese mauer

Umschloss den Donnerer – ihn der einzig war

Von tausenden aus rauch und staub um ihn?

Hier sandte er auf flaches mittelland

Und tote stadt die lezten stumpfen blitze

Und ging aus langer nacht zur längsten nacht.

 

Blöd trabt die menge drunten · scheucht sie nicht!

Was wäre stich der qualle · schnitt dem kraut!

Noch eine weile walte fromme stille

Und das getier das ihn mit lob befleckt

Und sich im moderdunste weiter mästet

Der ihn erwürgen half sei erst verendet!

Dann aber stehst du strahlend vor den zeiten

Wie andre führer mit der blutigen krone.

 

Erlöser du! selbst der unseligste –

Beladen mit der wucht von welchen losen

Hast du der sehnsucht land nie lächeln sehn?

Erschufst du götter nur um sie zu stürzen

Nie einer rast und eines baues froh?

Du hast das nächste in dir selbst getötet

Um neu begehrend dann ihm nachzuzittern

Und aufzuschrein im schmerz der einsamkeit.

 


Der kam zu spät der flehend zu dir sagte:

Dort ist kein weg mehr über eisige felsen

Und horste grauser vögel – nun ist not:

Sich bannen in den kreis den liebe schliesst . .

Und wenn die strenge und gequälte stimme

Dann wie ein loblied tönt in blaue nacht

Und helle flut – so klagt: sie hätte singen

Nicht reden sollen diese neue seele!

 


 

BOECKLIN

 

Trompetenstoss mag aus- und einbegleiten

Umflitterten popanz und feisten krämer –

Die ziehst verschont von gnaden die entehren

Aus stiller schar der nah- und fernen frommen

Den sonnen zu. Dir winken ruh die Schöne

Der städte und Toskanas treue fichten

Und weiter an ligurischen gestades

Erglühtem fels das mütterliche meer.

 

Als damals hässlich eitle hast begann ·

Die glieder so verschnürt dass eins nur wuchre ·

Der unrat schürfte · der den himmel stürmte:

Entflohest du des alltags frechem jubel:

›Was einzig hebt aus schlamm und schutt – ihr ehrt

Und kennts nicht mehr · dies kleinod reinster helle

Das alle farben strahlt rett ich zur fremde

Bis ihr entblindet wieder nach ihm ruft.‹

 

Ja wirklicher als jene knechteswelt

Erschufst du die der freien warmen leiber

Mit gierden süss und heiss · mit klaren freuden.

Du riefst aus silberluft und schmalen wipfeln

Aus zaubergrüner flut aus blumigem anger

Aus nächtiger schlucht die urgebornen schauer

Und vors gesims der lorbeern und oliven

Gelobtes land im duft der sagenferne.

 


Du gabst dem schmerz sein mass: die brandung musste

Vertönen · schrei durch güldne harfe sausen ·

Und steter hoffnung tiefste bläue wölktest

Du über öde fall und untergang . .

Dass heut wir leichten hauptes wandeln dürfen

Nicht arm im dunkel schluchzen war dein walten ·

Du nur verwehrtest dass uns (dank dir Wächter!)

In kalter zeit das heilige feuer losch.

 


 

PORTA NIGRA

 

INGENIO ALF: SCOLARI

 

Dass ich zu eurer zeit erwachen musste

Der ich die pracht der Treverstadt gekannt

Da sie den ruhm der schwester Roma teilte ·

Da auge glühend gross die züge traf

Der klirrenden legionen · in der rennbahn

Die blonden Franken die mit löwen stritten ·

Die tuben vor palästen und den Gott

Augustus purpurn auf dem goldnen wagen!

 

Hier zog die Mosel zwischen heitren villen . .

O welch ein taumel klang beim fest des weines!

Die mädchen trugen urnen lebenschwellend –

Kaum kenn ich diese trümmer · an den resten

Der kaiserlichen mauern leckt der nebel ·

Entweiht in särgen liegen heilige bilder ·

Daneben hingewühlt barbarenhöhlen . .

Nur aufrecht steht noch mein geliebtes tor!

 

Im schwarzen flor der zeiten doch voll stolz

Wirft es aus hundert fenstern die verachtung

Auf eure schlechten hütten (reisst es ein

Was euch so dauernd höhnt!) auf eure menschen:

Die fürsten priester knechte gleicher art

Gedunsne larven mit erloschnen blicken

Und frauen die ein sklav zu feil befände –

Was gelten alle dinge die ihr rühmet:

 

Das edelste ging euch verloren: blut . .

Wir schatten atmen kräftiger! lebendige

Gespenster! lacht der knabe Manlius . .

Er möchte über euch kein zepter schwingen

Der sich des niedrigsten erwerbs beflissen

Den ihr zu nennen scheut – ich ging gesalbt

Mit perserdüften um dies nächtige tor

Und gab mich preis den söldnern der Cäsaren!

 


FRANKEN

 

Es war am schlimmsten kreuzweg meiner fahrt:

Dort aus dem abgrund züngelnd giftige flammen ·

Hier die gemiednen gaue wo der ekel

Mir schwoll vor allem was man pries und übte ·

Ich ihrer und sie meiner götter lachten.

Wo ist dein dichter · arm und prahlend volk?

Nicht einer ist hier: Dieser lebt verwiesen

Und Jenem weht schon frost ums wirre haupt.

 

Da lud von Westen märchenruf . . so klang

Das lob des ahnen seiner ewig jungen

Grossmütigen erde deren ruhm ihn glühen

Und not auch fern ihn weinen liess · der mutter

Der fremden unerkannten und verjagten . .

Ein rauschen bot dem erben gruss als lockend

In freundlichkeit und fülle sich die ebnen

Der Maas und Marne unterm fruhlicht dehnten.

 

Und in der heitren anmut stadt · der gärten

Wehmütigem reiz · bei nachtbestrahlten türmen

Verzauberten gewölbs umgab mich jugend

Im taumel aller dinge die mir teuer –

Da schirmten held und sänger das Geheimnis:

Villiers sich hoch genug für einen thron ·

Verlaine in fall und busse fromm und kindlich

Und für sein denkbild blutend: Mallarmé.

 


Mag traum und ferne uns als speise stärken –

Luft die wir atmen bringt nur der Lebendige.

So dank ich freunde euch die dort noch singen

Und väter die ich seit zur gruft geleitet . . .

Wie oft noch spät da ich schon grund gewonnen

In trüber heimat streitend und des sieges

Noch ungewiss · lieh neue kraft dies flüstern:

Returnent franc en france dulce terre.

 


LEO XIII

 

Heut da sich schranzen auf den thronen brüsten

Mit wechslermienen und unedlem klirren:

Dreht unser geist begierig nach verehrung

Und schauernd vor der wahren majestät

Zum ernsten väterlichen angesicht

Des Dreigekrönten wirklichen Gesalbten

Der hundertjährig von der ewigen burg

Hinabsieht: schatten schön erfüllten daseins.

 

Nach seinem sorgenwerk für alle welten

Freut ihn sein rebengarten: freundlich greifen

In volle trauben seine weissen hände ·

Sein mahl ist brot und wein und leichte malve

Und seine schlummerlosen nächte füllt

Kein wahn der ehrsucht · denn er sinnt auf hymnen

An die holdselige Frau · der schöpfung wonne ·

Und an ihr strahlendes allmächtiges kind.

 

›Komm heiliger knabe! hilf der welt die birst

Dass sie nicht elend falle! einziger retter!

In deinem schutze blühe mildre zeit

Die rein aus diesen freveln sich erhebe . .

Es kehre lang erwünschter friede heim

Und brüderliche bande schlinge liebe!‹

So singt der dichter und der seher weiss:

Das neue heil kommt nur aus neuer liebe.

 


Wenn angetan mit allen würdezeichen

Getragen mit dem baldachin – ein vorbild

Erhabnen prunks und göttlicher verwaltung –

ER eingehüllt von weihrauch und von lichtern

Dem ganzen erdball seinen segen spendet:

So sinken wir als gläubige zu boden

Verschmolzen mit der tausendköpfigen menge

Die schön wird wenn das wunder sie ergreift.

 


DIE GRAEBER IN SPEIER

 

Uns zuckt die hand im aufgescharrten chore

Der leichenschändung frische trümmer streifend.

Wir müssen mit den tränen unsres zornes

Den raum entsühnen und mit unserm blut

Das alte blut besprechen dass es hafte ·

Dass nicht der Spätre schleicht um tote steine

Beraubte tempel ausgesognen boden . .

Und der Erlauchten schar entsteigt beim bann:

 

Des weihtums gründer · strenge kronenstirnen ·

Im missglück fest · in busse gross: nach Konrad

Der dritte Heinrich mit dem stärksten zepter –

In wälschen wirren · in des sohnes aufruhr

Der Vierte reichsten schicksals: haft und flucht ·

Doch wer ihn wegen sack und asche höhnte

Den schweigt er stolz: der orte sind für euch

Von schmählicherem klange als Kanossa.

 

Urvater Rudolf steigt herauf mit sippe ·

Er sah in seinem haus des Reiches pracht

Bis zu dem edlen Max dem lezten ritter ·

Sah tiefste schmach noch heut nicht heiler wunde

Durch mönchezank empörung fremdengeissel ·

Sah der jahrtausendalten herrschaft ende

Und nun die grausigen blitze um die reste

Des stamms dem unsre treue klage gilt.

 


Vor allen aber strahlte von der Staufischen

Ahnmutter aus dem süden her zu gast

Gerufen an dem arm des schönen Enzio

Der Grösste Friedrich · wahren volkes sehnen ·

Zum Karlen- und Ottonen-plan im blick

Des Morgenlandes ungeheuren traum ·

Weisheit der Kabbala und Römerwürde

Feste von Agrigent und Selinunt.

 


PENTE PIGADIA

 

An Clemens · gefallen 29. April 1897

 

Als ihn im kampf des Türken kugel warf

Am ölwald von Epirus: blieb der kummer

Nur uns um dieses blumenschweren frühlings

Zu rasche welke . . . Ihn den liebling schonten

Geschicke mit der ärgsten qual: zu schleudern

An schranken und an öden vor dem end.

Sein abschied spürte ob verschlossner lande ·

Ob noch verhangnen glücks die süsse schwermut.

 

Er lag gefasst · nicht mehr nach heimkehr sinnend

Ihm gab der rausch so wunderbar gebirge

Von Attika und pracht des Inselmeeres

Wie er sie nie gesehen hätte – brausend

Ward ihm das lob der helden offenbart

Von Pindars Hohem Lied und schwoll vereint

Mit eignem sange . . dann trifft den verlezten

Der sich nicht tragen kann ins herz ein schuss.

 

Um seine wiege war sorgloser glanz ·

Ihm reiften ruhm und huldigung · doch eitel

War ihm ein trachten ohne frommes tun ·

Er half zum dank für nie erschöpfte wonnen

Die Hellas schenkte – deren matten erben

Im kriege . . . Jezt beschämt noch unsre söhne

Die sich in schaler lust für künftige ämter

Verstumpfen – seine wunde wie sein lorbeer.

 


Wir preisen ihn · froh dass des gottes volle

Die für das wort und die gestalt verscheiden

Die kalte erde immer noch gebiert

Und dass es rollt bei ihrer namen tone

In unsren adern wie ein edler wein

Und tage noch verheisst wo wir erwachen

Wie neu: wo uns gelöst von jedem band

Fern-dunkel locken und fahr-freude winkt.

 


DIE SCHWESTERN

 

SOPHIE VON ALENÇON

ELISABETH VON OESTERREICH

 

Wer sie gesehn: von echtem königtume

Das noch gebahren feiler gleichheit scheut

Vererbten glanz und acht und gnade hütend:

Empfing der hoheit schauer und den hauch

Von weh und wucht unfassbar der die niedren

Weit von sich wies . . . So schritten sie in adel

Und stolz und trugen herrlicher als Andre

Bescholtne kronen ihr erlauchtes haar.

 

Die jüngste nach der brachen brautschaft trauer

Wo sie den strahlenden Unseligen streifte

Gewann die anmut der drei heiligen lilien

Und weilte still · ganz liebe und ganz lächeln.

Ihr los erfüllte sich am fest des mitleids . .

Schon gellte schrei · schon beizte rauch die augen ·

Man bot ihr rettung · doch sie sprach: ›lasst erst

Die gäste gehn!‹ und sank umhüllt von flammen.

 

Die andre war so dass sie tränen regte

Ehmals mit huld und jugend · dann mit huld

Und trübnis. Sie in volkes jauchzen stumm ·

Dem tagessinn unnahbar trug das rätsel

Verborgner ähnlung und verflackte schimmer

Mit sich von eben morgenroten welten:

Bis sie unduldbar leid zum meer zum land

Zum meer zum dolch hintrieb der sie erstach.

 

Doch war nicht all-erschreckend gieriges wüten

Vorsichtige sternenmilde? Beide litten

Grausamste furcht vor langsam greisem schwinden

Und wurden jäh erlöst in lezten jahren

Da noch · umschlungen von dem vollen leben ·

Ihr reiz bestrickte . . . Oder war dies schönheit

In ihnen dass geheimer bann sie hemmte

Zu brechen mit vergilbtem schicksalspruch?

 


CARL AUGUST

 

Du weisst noch ersten stürmejahrs gesell

Wie du voll trotz am zaun den hagelschlossen

Hinwarfst den blanken leib auf den blauschwarz

Die trauben hingen? wie wir beide fuhren

Durch manche finstre bahn · von grausigem lager

Uns hoben und dann rein die dämmerung grüssten?

Wir stets um einen zarten blick in fieber

Bis uns ein tempelwort zum werk berief.

 

Spross deiner erde mit ergiebigem drang

Und lockerer tiefe der allein dem bund

Wo mancher zierde war nicht durfte fehlen ·

Mit dem verschollenen blinden folgermut

Der dient · nach ziel und eignem heil nicht fragend ·

Der schlicht von dannen geht sobald er fürchtet

Er tauge minder – dank und sold verschmäht

Und ohne ruhm ins dunkel untertaucht.

 

Dann spannte dich die pflicht – vielleicht ein wahn –

In hartes joch das deine jugend drückte ·

Als jeder seines gartens beste früchte

Einsammeln ging warst du gehemmt in fron.

Maasslos im opfer · sankst du immer tiefer

Ins martertum . . wo alle leichthin schlüpfen

Aus innrer fessel: sahst du dich verderben

Und ehrtest noch der frommen bindung fug.

 


Du darfst den tadlern rufen aus den trümmern:

Was tut wenn von den tausend einer mehr

Mit kargem pfunde wuchert · seine frachten

In sichre winkel birgt und weises redet:

Dieweil das mark das alle speist vermürbt!

Was gilt mein kleines leben das zerschellt

Am klippenrand · wenn aufrecht bleibt im wind

Von unsrem stamm die unverbrochne treue!

 


DIE TOTE STADT

 

Die weite bucht erfüllt der neue hafen

Der alles glück des landes saugt · ein mond

Von glitzernden und rauhen häuserwänden ·

Endlosen strassen drin mit gleicher gier

Die menge tages feilscht und abends tollt.

Nur hohn und mitleid steigt zur mutterstadt

Am felsen droben die mit schwarzen mauern

Verarmt daliegt · vergessen von der zeit.

 

Die stille veste lebt und träumt und sieht

Wie stark ihr turm in ewige sonnen ragt ·

Das schweigen ihre weihebilder schüzt

Und auf den grasigen gassen ihren wohnern

Die glieder blühen durch verschlissnes tuch.

Sie spürt kein leid · sie weiss der tag bricht an:

Da schleppt sich aus den üppigen palästen

Den berg hinan von flehenden ein zug:

 

›Uns mäht ein ödes weh und wir verderben

Wenn ihr nicht helft – im überflusse siech.

Vergönnt uns reinen odem eurer höhe

Und klaren quell! wir finden rast in hof

Und stall und jeder höhlung eines tors.

Hier schätze wie ihr nie sie saht – die steine

Wie fracht von hundert schiffen kostbar · spange

Und reif vom werte ganzer länderbreiten!‹

 


Doch strenge antwort kommt: ›Hier frommt kein kauf.

Das gut was euch vor allem galt ist schutt.

Nur sieben sind gerettet die einst kamen

Und denen unsre kinder zugelächelt.

Euch all trifft tod. Schon eure zahl ist frevel.

Geht mit dem falschen prunk der unsren knaben

Zum ekel wird! Seht wie ihr nackter fuss

Ihn übers riff hinab zum meere stösst.‹

 


DAS ZEITGEDICHT

 

Ich euch gewissen · ich euch stimme dringe

Durch euren unmut der verwirft und flucht:

›Nur niedre herrschen noch · die edlen starben:

Verschwemmt ist glaube und verdorrt ist liebe.

Wie flüchten wir aus dem verwesten ball?‹

Lasst euch die fackel halten wo verderben

Der zeit uns zehrt · wo ihr es schafft durch eigne

Erhizte sinne und zersplissnes herz.

 

Ihr wandet so das haupt bis ihr die Schönen

Die Grossen nicht mehr saht – um sie zu leugnen

Und stürztet ihre alt- und neuen bilder.

Ihr hobet über Körper weg und Boden

Aus rauch und staub und dunst den bau · schon wuchsen

In riesenformen mauern bogen türme –

Doch das gewölk das höher schwebte ahnte

Die stunde lang voraus wo er verfiel.

 

Dann krochet ihr in höhlen ein und riefet:

›Es ist kein tag. Nur wer den leib aus sich

Ertötet hat der lösung lohn: die dauer.‹

So schmolzen ehmals blass und fiebernd sucher

Des golds ihr erz mit wässern in dem tiegel

Und draussen gingen viele sonnenwege . .

Da ihr aus gift und kot die seele kochtet

Verspriztet ihr der guten säfte rest.

 


Ich sah die nun jahrtausendalten augen

Der könige aus stein von unsren träumen

Von unsren tränen schwer . . sie wie wir wussten:

Mit wüsten wechseln gärten · frost mit glut ·

Nacht kommt für helle – busse für das glück.

Und schlingt das dunkel uns und unsre trauer:

Eins das von je war (keiner kennt es) währet

Und blum und jugend lacht und sang erklingt.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GESTALTEN

 

 


DER KAMPF

 

Trunken von sonne und blut

Stürm ich aus felsigem haus ·

Laur ich in duftender flur

Auf den schönlockigen gott

Der mit dem tanzenden schritt

Der mit dem singenden mund

In meiner gruft mich verhöhnt.

 

Heute kenn er die wut

Die sich aus tiefen gebiert!

Meine umklammernde faust

Würgt seinen rosigen leib.

Sieh wie er schreitet · ein kind!

Weg mit der keule – ein griff

Senkt den gehassten zu grund.

 

Wahre dich! . . . Weh mir · wie trifft

Aus seinem auge mich licht!

Drunten im höhlengefecht

Dunkel rauchender glut

War ich sieger der schar . . .

Halte Feiger den blitz ·

Zeig mit dem arm deinen mut!

 


Weh! sie kämpfen mit licht.

Den er fasset der fällt.

Stampfend sezt er den fuss

Auf meine keuchende brust.

Lächelnd singt er sein lied . . .

Trunken von sonne und blut

Sink ich in ruhmlosen tod.

 


DIE FUEHRER

 

DER ERSTE

 

Ich schaute viele auf geschmücktem wagen

Halbnackt in gold- und farbigem geschnüre

Die sprechend lachend sassen oder lagen.

 

Und Einer nackt vom scheitel bis zur zehe

Stand da am weg bis dies vorüberführe

Und lief dann mit dass es ihm nicht entgehe.

 

Er jubelnd kreisend eilte um die wette

Und auf der ganzen bahn hin alle schreiter

Schlossen sich an und machten mit ihm kette

 

Sie kamen unter tanz und sang und sprunge

Stets dem gefährte wieder bei und weiter

Mit wildem jauchzen und unbändigem schwunge.

 


DER ZWEITE

 

Die höfe waren voll betrieb und drauss

Ging der mit maass und zirkel ums gebälk ·

Der steckte auf das dach den bänderstrauss.

 

Die trieben ihre pferde durch mit schrei'n ·

Die luden waaren auf: sie schauten drein

Doch hatten ihre augen keinen glanz.

 

In einem garten war ein fest im gang ·

Sie sangen – viele weiber sangen mit

Doch war ihr lied und lachen ohne klang.

 

Und Einer ging und warf das haupt empor

Und stand dann betend wo vorm abendtor ·

Der war ein jüngling noch und trug den kranz.

 


DER FUERST UND DER MINNER

 

DER FUERST

 

Schon weil du bist

Sei dir in dank genaht.

 

Die überragend welten baun im sinn

Die reiche kneten · stapfend durch das land ·

Sie können dich wohl küren doch nicht schaffen:

Gebieter du im innren glanz der krone

Geworden in den hallen steter ehrung

Durch die du güldnen prunks · von frühauf schauend

Und meinend nicht wie andre und nicht rührend

Woran sie rühren · gingst in stolz und huld.

Die Starken und die Weisen knien vor dir

Die du entzückst und durch dein lächeln lenkst ·

Sie holen gnade die nur du verleihst

Für die der ahn dich formte: deine schlanken

Gesalbten hände daraus heiltum trieft

Wenn sie berühren: dein erleuchtet auge

Das freude sendet durchs bemühte volk.

 


DER MINNER

 

›In diesem blicke wohnt das fromme wähnen

Die sehnsucht nach erspähtem bild:

Des sonntags trauer wohnt in diesem blick.‹

 

Wen werden opfer reuen · tier und frucht ·

Dass sie nicht halfen in der menschen dienst

Und bei der feier rauchten vom altar? . . .

Vom fenster seh ich rühriges gedräng

Mit schwachen klängen sich verstreun · den purpur

Westwärts ergrauen . . meinen Glücklichen

Und Heitren send ich mit dem südwind träume.

Da rufen drunten die vorübergehn:

›Nun da der werktag naht wirst du die brüder

Zum kampfe treiben · städte bauen müssen

Und starke söhne nach dem erbe leiten.

Für jeden kommt begierde nach der ernte . . .‹

Ich leide · doch ich lobe was geschehn.

Im rausch des festes hab ich meinen hauch ·

Dass er euch süss umschwebt und grüsst · verweht ·

Mein ganzes blut im abend hingeströmt

Für euch Geliebte – o all ihr Geliebten!

 


MANUEL UND MENES

 

Ich merkte dass ein grösserer als ich

Erstanden war im wechsel der geschicke . . .

Manuel II. 2

 

MENES:

 

Seit jener nacht wo du vor uns erschienst

Hat mir ein blitz den weg zugleich enthüllt

Der vor mir liegt und der durchlaufen war.

Dir gab geburt den stab um den ich stritt ·

Die huld · für noch so kühn versprechen bürge ·

Den ölzweig der mit reinem segen hilft . .

Ich hiess – vertröstend sie auf deinen tag –

Des bundes mannen ihre wehr begraben.

Mein planen · heisser eifer · trotz und bängnis ·

Rastloser monde mühevolle fahrt ·

Die nahe reife meines führertumes –

Verfallen war all dies bei deinem schwur.

Als der verzicht mein herz zu brechen drohte

Sah ich auf dich und wurde stark und heil.

Es rief · es überkam mich süss und weh:

Jed alter · hingeschwunden doch nicht tot ·

Geht ein ins nächste: so mein tun in deins.

Genossen die den arm mir warnend pressten

Verliess ich schnell. Dein ist die macht. Befiehl!

 

 


MANUEL:

 

Durch diesen sichern sieg den du erfochten

Bist du voraus mir · teilst du nun mein werk.

Ward dir ein lenker neu: ward mir ein wächter.

Komm nah! Wir haben uns erkannt am zeichen.

Der würden räuber folgt nur seiner hand ·

Den echten sprossen führt die einzige stimme.

Ich Herr · du Helfer – wir sind gleich geweiht.

 


ALGABAL UND DER LYDER

 

Das gleichgewicht der ungeheuren wage

 

ALGABAL:

 

Nicht freut was tausendarmig heer mir bringt ·

Was je durch tore fuhr an last des glücks –

So oft wir atmen rückt der grausige feind ·

Jed glühn verdunkelnd · trübend jeden kelch ·

Uns trittweis näher und ihn hemmt kein spruch . .

 

Dann wieder möcht ich vor dem gartenrand

Den tag der heut im meer nicht sinken will ·

Den schleicher · töten – oder lieg im pfühl

Und warte · zähle . . mit bemühter hast

Die kargen stunden treibend nach dem end.

 

 


DER LYDER:

 

Ihr freunde mögt mit euren leibern prahlen ·

Sie ohne mich gewandt im morgen tummeln ·

In eurem niedren los von nächten rühmen

Wo ihr von lüsten zittertet · wo schauer

Euch trafen dass ihr euch mit göttern masset.

 

Mir ist nur eines wahr: begier und rasen

Nach dem Unnahbarn das der mond mir zuwarf –

Kein schmerz der wühlt und währt wie dies verlangen!

Ich weiss dem licht nicht dank . . komm lezte wonne

Im eignen lauen blut den brand zu kühlen!

 


KOENIG UND HARFNER

 

HARFNER:

 

Wie vor das antlitz du den mantel zogst

Gewahrt ich dass du eine träne bargest

Und einen · Herr · mir nicht gewognen wink.

Wenn du auch heut zu deinem knecht nicht redest:

Um ihn kannst du nicht zürnen den du hiessest

Mit seinem sang nicht mehr von dir zu weichen . . .

So murrte wieder undankbares volk?

Bedrohn die stolzen priester dich? Nun weiss ichs:

Den sieg missgönnt der eifersüchtige gott.

 

 


KOENIG:

 

Da du in meiner schande mich belauert –

So hör was dir nicht frommt: mehr als die feinde

Die du genannt und die ich all bestehe

Vernichtet mich der lieben will: du selbst.

Nun trag auch du dein teil das keiner ändert:

Den ich nicht missen mag und den ich hasse

Und der nicht weiss wie er mit gift mich füllt.

Mein schwert mein schild · von fürchterlichem saft

Noch klebrig · klopfst du an dass es dir klirre.

Ins wasser wirfst du dass es tanzt und ringelt

Geschoss wie ich es zum verhängnis wähle.

Die fruchte meiner felder – siedend mühsal

Der langen sommer – gehst du achtlos schütteln

Und kühlst mit einer dir den satten mund.

Dir dienen fieberqualen meiner nächte

Um sie in ton und lispeln zu verwehn.

Mein heilig sinnen drob ich mich verzehre

Zerschellst du in der luft zu bunten blasen

Und schmilzest mein erhabnes königsleid

In eitlen klang durch dein verworfen spiel.

 


SONNWENDZUG

 

Schwüle drückt auf uns im saal von lichtern

            Und von rauchenden becken ·

Elfenbeinern starren unsre leiber –

            In die gluten und schatten

Langen feiertags getaucht · in zierden

            Die aus hangenden bögen

Wand und boden triefen · aus den flöten

            Und balsamischem wein.

Da durchsprengt ein nachtwind alle fenster ·

            Unsre fackeln verlöschen ·

Süsse schauder recken uns die haare ·

            Wir verlassen die becher ·

Schleppen über estrich hin und strasse

            Die zerrissenen kränze ·

Brechen durch das stadttor in die dörfer

            Unter klingendem tanze ·

Sehn die flur im brünstigen morgen rege

            Von den scharen der mähder

Hirten pflanzer – stürzen nackt entgegen

            Ihren strotzenden kräften ·

Haften unsren hellen blick des traumes

            In die nährenden blicke

Scheuen tiers die staunen und nur langsam

            An der glut sich entzünden.

Blanke glieder hängen sich und schlingen

            Um die sehnigen braunen

Fest wie ranken um die mutterbäume ·

            Das gedränge verwirbelt


Nass von scholle und gestampftem grase

            Mit dem staub der gesäme.

Ruf von lust und grausen hallt im haine

            Vom beginnenden jagen ·

Zitternd tasten hände noch nach locken

            Da verdurstet schon manche

Heiss von fang und flucht · besprizt vom safte

            Ausgequollener früchte ·

Blut und speichel harter lippen trinken

            Und auf qualmigen garben

Andre wechselnd beide blumen küssen

            Auf der brust den Gewählten.

 


HEXENREIHEN

 

Wir lachen eures wahnes ·

Geschlechter falschen spanes ·

Ihr augen blöd und blau

Seht nur den tag voll trug –

Die unsern nächtig glau

Erspähn den innern fug.

 

Euch ist die haut nur kund –

Wir wissen tausend namen

Von wind- und wolkenschub

Vom heer im wassergrund

Von tausend dunklen samen

Die finsternis vergrub.

 

Uns ist der tanz im krampfe ·

In wülsten und gekrös

Sind uns die leiber schön.

Duft ist im moderdampfe.

Im wirbelnden getös

Vernehmen wir getön.

 

Wir giessen in den schlot

Von dem meerfarbnen most:

Da taucht aus erdenriefen

Da fliegt aus sternentiefen

Zu uns von west und ost

Was lebend ist und tot.

 


Wir schütteln unser sieb

Bis durch was euch gemein

Von allen schätzen trieb ·

Was haften bleibt am boden

Ist ein gebild von stein

Wie eines tieres hoden.

 

Euch stach man nie den staar ·

Ihr wandelt blöd und dumpf.

Wir feiern fest am sumpf

Am wasen der kafiller . .

Im giftigen fosforschiller

Sehn wir das wesen klar.

 


TEMPLER

 

Wir eins mit allen nur in goldnem laufe –

Undenkbar lang schied unsre schar der haufe ·

Wir Rose: innre jugendliche brunst

Wir Kreuz: der stolz ertragnen leiden kunst.

 

Auf unbenamter bahn in karger stille

Drehn wir den speer und drehn die dunkle spille.

In feiger zeit schreckt unsrer waffen loh'n ·

Wir geisseln volk und schlagen lärm am tron.

 

Wir folgen nicht den sitten und den spielen

Der andren die voll argwohn nach uns schielen

Und grauen wenn ihr hass nicht übermannt

Was unser wilder sturm der liebe bannt.

 

Was uns als beute fiel von schwert und schleuder

Rinnt achtlos aus den händen der vergeuder

Und deren wut verheerend urteil spie

Vor einem kinde sinken sie ins knie.

 

Der augen sprühen und die freie locke

Die einst den herrn verriet im bettelrocke

Verschleiern wir dem dreisten schwarm verschämt

Der unsre schatten erst mit glanz verbrämt.

 

Wie wir gediehn im schoosse fremder amme:

Ist unser nachwuchs nie aus unsrem stamme –

Nie alternd nie entkräftet nie versprengt

Da ungeborne glut in ihm sich mengt.

 

Und jede eherne tat und nötige wende:

Nur unser-einer ist der sie vollende –

Zu der man uns in arger wirrsal ruft

Und dann uns steinigt: fluch dem was ihr schuf't!

 

Und wenn die grosse Nährerin im zorne

Nicht mehr sich mischend neigt am untern borne ·

In einer weltnacht starr und müde pocht:

So kann nur einer der sie stets befocht

 

Und zwang und nie verfuhr nach ihrem rechte

Die hand ihr pressen · packen ihre flechte ·

Dass sie ihr werk willfährig wieder treibt:

Den leib vergottet und den gott verleibt.

 


DIE HUETER DES VORHOFS

 

Ich liess euch erst erziehn auf magrer scholle ·

In suchen Fiebernde · in leid Vergrabne ·

Dass sehnsucht euch durch alle adern rolle:

Die kinder reift in Fromme und Erhabne.

 

Dann gab ich euch voll rosen und voll reben

Ein üppig sonnenland zu kurzer leihe

Damit ihr himmel säht und höchstes weben

In hiesiger tage glanzumwobner reihe.

 

So wuchs in euch die würde und die ferne

Die · wartend · nie nach niedrer gabe tastet . .

So mehrt ich eure glut im innren kerne ·

Dass ihr das wahre bild am reinsten fasstet.

 

So nahmt ihr volle helle zum verklären:

Die stirn die ihr mit wein und lorbeer höhtet ·

Den wegrand blitzend von demantnen ähren ·

Das alte tal vom zauber angerötet.

 

Ihr bringt der aufgeklafften erde sühne

Der gier und wahn zerwühlten die geweide.

Ihr macht dass sie sich schliesse · wieder grüne . .

Und nackter tanz beginnt auf junger heide.

 

Durch jede muschel späht ihr kühnen schwimmer

Und aller felder seltne saat gewahret

Ihr Wachen die ihr jeden holden schimmer

Auffanget und für ewige zeiten sparet.

 

Ihr seid des zeichens dass von haft behindert

In rauhen mauern · dass in gleiss und sammet –

Wenn auch bei allen – nie bei euch vermindert

Erinnerung wie ihr von göttern stammet.

 

 


DER WIDERCHRIST

 

Dort kommt er vom berge · dort steht er im hain!

Wir sahen es selber · er wandelt in wein

Das wasser und spricht mit den toten.‹

 

O könntet ihr hören mein lachen bei nacht:

Nun schlug meine stunde · nun füllt sich das garn ·

Nun strömen die fische zum hamen.

 

Die weisen die toren – toll wälzt sich das volk ·

Entwurzelt die bäume · zerklittert das korn ·

Macht bahn für den zug des Erstandnen.

 

Kein werk ist des himmels das ich euch nicht tu.

Ein haarbreit nur fehlt und ihr merkt nicht den trug

Mit euren geschlagenen sinnen.

 

Ich schaff euch für alles was selten und schwer

Das Leichte · ein ding das wie gold ist aus lehm ·

Wie duft ist und saft ist und würze –

 

Und was sich der grosse profet nicht getraut:

Die kunst ohne roden und säen und baun

Zu saugen gespeicherte kräfte.

 

Der Fürst des Geziefers verbreitet sein reich ·

Kein schatz der ihm mangelt · kein glück das ihm weicht . .

Zu grund mit dem rest der empörer!

 


Ihr jauchzet · entzückt von dem teuflischen schein ·

Verprasset was blieb von dem früheren seim

Und fühlt erst die not vor dem ende.

 

Dann hängt ihr die zunge am trocknenden trog ·

Irrt ratlos wie vieh durch den brennenden hof . .

Und schrecklich erschallt die posaune.

 


DIE KINDHEIT DES HELDEN

 

Gram dem spiel von freund und schwester

Sprengt er einsam über schluchten ·

Felsen-an die drohend wuchten

Hebt er aus der geier nester.

 

Nur ein schurz um brust und schenkel ·

Hoch das haupt vom wind umstrichen

Steht er da und spannt den sprenkel

Auf das tier das er umschlichen.

 

Ungelehrt erschallt sein klares

Singen durch die wüsteneien ·

Spielt zum jauchzen der schalmeien

Flattern seines hellen haares.

 

Schlafend trifft er ungeheuer ·

Kämpft von reichgeschirrtem pferde

Und den mund voll abenteuer

Kehrt er selten heim zum herde.

 

Von dem bad in eisiger quelle

Von der rast in sonniger flur

Ist er ganz vom braun der felle ·

Nur sein aug ist von azur.

 


Männer die die schulter rücken

Hinter ihm · ihn schmähn und schelten

Werden einst vor seinen zelten

Sich in angst und ehrfurcht bücken

 

Zieht er siegend durch die länder . .

Zitternd wanken sie durch gleissen

Seiner waffen beuten pfänder ·

Sinken nieder ungeheissen –

 

Stirn und bart bestreut mit russ –

Vor den blicken die versengen ·

Flehn um gnade den Gestrengen ·

Lecken ihm den staub vom fuss.

 


DER EID

 

Schreitet her und steht um mich im rund

            Die ich auserkor zum bund:

Dich aus kerkern flüchtig · leichenfarb ·

            Dich der an dem weg verdarb ·

Den ich vor dem sturz am haare griff ·

            Der sich selbst die klinge schliff –

Wilde kräfte vom geschick gehemmt ·

            Edle saat durchs land verschwemmt.‹

 

Wir gebunden durch den stärksten kitt

            Als der stahl die arme schnitt ·

Einer von des andren blut genoss ·

            Gleiche flamme in uns schoss . . .

Unser glück begann mit deiner spur.

            ›Mächtig ich durch euren schwur.‹

Wir die durch dein atmen glühn und blühn.

            ›Ich von eurem marke kühn.‹

 

Du nur kennst das ziel das vor uns blizt ·

            Trägst es in metall gerizt.

            Deinen bräuchen fügen wir uns streng ·

Wir gehärtet im gemeng.

Lenker auf den wegen unsrer not ·

            Nenn dein dunkelstes gebot!

Pfluge über unsre leiber her:

            Niemals mahnt und fragt dich wer!

 


›Durch verhüllte himmel seh ich schon

            Die vollendung und den lohn.

Unsre feinde sind zum kampf gereiht.

            Meine söhne rufen streit.

Boden hilft den händen die ihm traut ·

            Himmel schadet wo ihm graut.

Keine schar zu dicht · kein wall zu steil!

            Meine söhne rufen heil.‹

 


EINZUG

 

Voll ist die zeit ·

Weckt was gefeit

Schlief mit dumpfem gegrolle.

Jahrnächte lang

Unsichtbar schlang

Nichtig dursten der scholle:

 

Grausam geheiss

Tod-nahen schweiss

Ohnmachtschrei der Besessnen ·

Hilflose qual

Fluchwürdig mal

Sterbend flehn der Vergessnen.

 

Boden zerriss

Hülle zerspliss

Same drängte zu sonnen.

Die ihr entfuhrt

Dunkler geburt

Euer reich hat begonnen.

 

Spreng aus der kluft!

Schrecke die luft

Leuchtender heere geschmetter!

Rachlieder schnaubt

Senget und raubt

Tötet und sichtet · ihr Retter!

 


Trocknes und meer

Teilet ihr quer

Öden neu zu befelden.

Keimwolken streut

Lenzblüte beut

Sturm und feuer der Helden.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GEZEITEN

 

 

 


Wenn dich meine wünsche umschwärmen

Mein leidender hauch dich umschwimmt –

Ein tasten und hungern und härmen:

So scheint es im tag der verglimmt

Als dränge ein rauher umschlinger

Den jugendlich biegsamen baum ·

Als glitten erkaltete finger

Auf wangen von sonnigem flaum.

 

Doch schliessen die schatten sich dichter

So lenkt der gedanke dich zart.

Dann gelten die klänge und lichter ·

Dann ist uns auf unserer fahrt:

Es schüttle die nacht ihre locken

Wo wirbel von sternen entfliegt ·

Wir wären von klingenden flocken

Umglänzt und geführt und gewiegt.

 

Mich hoben die träume und mären

So hoch dass die schwere mir wich –

Dir brachten die träume die zähren

Um andre um dich und um mich . . .

Nun wird diese seele dir lieber

Die bleiche von duldungen wund ·

Nun löscht sein verzehrendes fieber

Mein mund in dem blühenden mund.

 


Für heute lass uns nur

                                   von sternendingen reden!

Ich möchte jauchzen · doch

                                   ich bin vom wunder bleich:

Der weisheit schüler löst

                                   das rätselwort der Veden

Und bricht des blinden nacht

                                   mit einem fingerstreich ·

Mit unbewusster würde

                                   trägt ein kind vom eden

Das kleinod köstlicher

                                   als manches königreich.

 


Stern der dies jahr mir regiere!

Der durch des keim-monats wehende fehde

Von einem heiteren sommer mir rede

Und auch mit blumen die ernte verziere . .

Dass sich in lächelndem schimmer verliere

Ernster beladener tage getöse ·

Heimliche weisheit durch fahrvolle böse

Überfinsterte wege mich rette ·

Meine schweifenden wünsche kette

Und meine ängstenden rätsel mir löse!

 

Lag doch in jenen schenkenden nächten

Deine wange schon auf meinen knieen

Wenn sich die zitternden melodieen

Rangen empor aus dumpf hallenden schächten!

Folgtest dem spiel von sich streitenden mächten:

Meiner geschicke vergangene gnade

Und meine leiden am fernen gestade

Bis zu der frühwolken rosigem klären . .

Wie auf der schwester verschlungene mären

Lauschte die liebliche Doniazade.

 


UMSCHAU

 

Mit den gedanken ganz in dir seh ich als andre

            Gemach und stadt und silbrige allee.

Mir selber fremd bin ich erfüllt von dir und wandre

            Verzückt die nächte überm blauen schnee.

 

Was je versprachen glutumsäumte firmamente

            Der üppigen sommer – ward dies ganz gewährt? . .

So steht und presst den eignen arm der langgetrennte

            Den heimat grüsst und der noch zweifel nährt.

 

Der taumel rinnt in mildes minnen für den warter

            Dem jeder schlummer webt ein hold gespinn ·

Von dir die kleinste ferne bringt ihm süsse marter

            Und ungenossner freuden anbeginn.

 

Du liessest nach im staunen willig niedersinkend

            Erstöhnend vor dem jähen überfluss ·

Du standest auf in einer reinen glorie blinkend ·

            Du warst betäubt vom atemlosen kuss.

 

Und eine stunde kam: da ruhten die umstrickten

            Noch glühend von der lippe wildem schwung ·

Da war im raum durch den die sanften sterne blickten

            Von gold und rosen eine dämmerung.

 


SANG UND GEGENSANG

 

SANG

 

In zittern ist mir heut als ob ich in dir läse

            Bei unsrem glück noch viel von fremdem geist . .

Als gälte dir für schaum und flüchtiges gebläse

            Was mir den atem schwellt · in adern kreist.

 

Was sich für dich verströmt kannst du nicht in dich saugen?

            Befreie mich von meiner lauten angst!

War das vielleicht Mein blick – der deiner toten augen?

            War das Mein hauch als du gebrochen sangst?

 

 


GEGENSANG

 

Dir gibt ersterbender und sanfter klang

Von einer hier Versunknen kunde:

Ein dumpfes gurgeln unterdrückt vom tang

Quillt spät empor aus dunkler schrunde.

 

Vielleicht dass hier vom glühwurm ein geschwirr

Und eine blume blank und schmächtig

Dich locken mag der du des weges irr

Gern etwas weilest müd und nächtig.

 

Vielleicht dass eine trübe melodei

Und dieses zuckende geschwele

Dich rühren mag und dich nicht lässt vorbei

Am kerker der versunknen seele.

 


Betrübt als führten sie zum totenanger

Sind alle steige wo wir uns begegnen

Doch trägt die graue luft im sachten regnen

Schon einen hauch mit neuen keimen schwanger.

In dünnen reihen ziehen bis zum schachte

Erfüllt mit falbem licht die welken hecken

Wie wenn sich viele starren hände recken

Und jede eine zu umschlingen trachte . .

Der seltnen vögel klagendes gefistel

Verliert sich in den gipfeln kahler eichen ·

Nur ein geheimnisvoll lebendiges zeichen

Umfängt den schwarzen stamm: die grüne mistel.

Dass hier vor tagen wol verlockend schaute

Ein kurzer strahl aus nässe-kaltem qualme

Verraten auf dem grund die blassen halme:

Das erste gras . . und zwischen dürrem kraute

In trauergruppen dunkle anemonen.

Sie neigen sich bedeckt mit silberflocken

Und hüllen noch mit ihren blauen glocken

Ihr innres licht und ihre goldnen kronen

Und sind wie seelen die im morgengrauen

Der halberwachten wünsche und im herben

Vorfrühjahrwind voll lauerndem verderben

Sich ganz zu öffnen noch nicht recht getrauen.

 


Du sagst dass fels und mauer freudig sich umwalden

            Und führst mich wie durch dumpfen trümmerfall.

Mir klingen sterbeglocken von den heitren halden ·

            Du singst ein lied im blüten-überschwall.

 

Sie die nicht bleiben wollten und doch weinend schieden

            Umschweben mich indess du lächelnd schaust . .

O kehren wir zurück da mir im mittagsieden

            Vor der entfachten qual geständnis graust!

 

Schon schwindet mir die kraft im schweigen zu verbluten

            Dass du zum heil dir · mir zum tod dich trogst . .

Ich will noch länger dankbar sein für die minuten

            Wo du mir schön erschienst und mich bewogst . . .

 

Lebwohl! du wirst nicht sehen wenn in schmerz und schwäche

            Mein blick sich feucht geblendet senkt und schliesst

Und wenn die sonne hinter der entseelten fläche

            Im stumpfen blau ihr tiefes gold vergiesst.

 


Trübe seele – so fragtest du – was trägst du trauer?

            Ist dies für unser grosses glück dein dank?

Schwache seele – so sagt ich dir – schon ist in trauer

            Dies glück verkehrt und macht mich sterbens krank.

 

Bleiche seele – so fragtest du – dann losch die flamme

            Auf ewig dir die göttlich in uns brennt?

Blinde seele – so sagt ich dir – ich bin voll flamme:

            Mein ganzer schmerz ist sehnsucht nur die brennt.

 

Harte seele – so fragtest du – ist mehr zu geben

            Als jugend gibt? ich gab mein ganzes gut . .

Und kann von höherem wunsch ein busen beben

            Als diesem: nimm zu deinem heil mein blut!

 

Leichte seele – so sagt ich dir – was ist dir lieben!

            Ein schatten kaum von dem was ich dir bot . .

Dunkle seele – so sagtest du – ich muss dich lieben

            Ist auch durch dich mein schöner traum nun tot.

 


DER SPIEGEL

 

Zu eines wassers blumenlosem tiegel

Muss ich nach jeder meiner fahrten wanken.

Schon immer führte ich zu diesem spiegel

All meine träume wünsche und gedanken

Auf dass sie endlich sich darin erkennten –

Sie aber sahen stets sich blass und nächtig:

›Wir sind es nicht‹ so sprachen sie bedächtig

Und weinten wenn sie sich vom spiegel trennten.

 

Auf einmal fühlt ich durch die bitternisse

Und alter schatten schmerzliches vermodern

Das glück in vollem glanze mich umschweben.

Mir däuchte dass sein arm mich trunknen wiegte ·

Dass ich den stern von seinem haupte risse

Und dann gelöst mich ihm zu füssen schmiegte.

Ich habe endlich ganz in wildem lodern

Emporgeglüht und ganz mich hingegeben.

 

Ihr träume wünsche kommt jezt froh zum teiche!

Wie ihr euch tief hinab zum spiegel bücket!

Ihr glaubt nicht dass das bild euch endlich gleiche?

Ist er vielleicht gefurcht von welker pflanze ·

Gestört von späten jahres wolkentanze?

Wie ihr euch ängstlich aneinander drücket!

Ihr weint nicht mehr doch sagt ihr trüb und schlicht

Wie sonst: ›wir sind es nicht! wir sind es nicht!‹

 


So holst du schon geraum mit armen reffen

Dir meine gaben und du schwelgst im vollen.

Von tausend namen die für dich erschollen

Von allen küssen die geheim dich treffen

 

Erfährst du nichts – und trennst nicht in zu junger

Gefolgschaft waffenspiel von wahren siegen ·

Nach kurzem fest seh ich dich froh entfliegen.

Wie andren: ›maass‹ so ruf ich dir: ›mehr hunger!‹

 

Die angst nur ziemt: dass für die uns gewährte

Glückseligkeit wir keim und nähre speichern

Um andre – nie uns selber zu bereichern

Und süsses licht verblasst und sichre fährte.

 


DANKSAGUNG

 

Die sommerwiese dürrt von arger flamme.

Auf einem uferpfad zertretnen kleees

Sah ich mein haupt umwirrt von zähem schlamme

Im fluss trübrot von ferner donner grimm.

Nach irren nächten sind die morgen schlimm:

Die teuren gärten wurden dumpfe pferche

Mit bäumen voll unzeitig giftigen schneees

Und hoffnungslosen tones stieg die lerche.

 

Da trittst du durch das land mit leichten sohlen

Und es wird hell von farben die du maltest.

Du lehrst vom frohen zweig die früchte holen

Und jagst den schatten der im dunkel kreucht . .

Wer wüsste je – du und dein still geleucht –

Bänd ich zum danke dir nicht diese krone:

Dass du mir tage mehr als sonne strahltest

Und abende als jede sternenzone.

 


ABSCHLUSS

 

Wenn nach erloschnen gluten auch die farbe

Der erde wechselt sich mit staub belegend ·

Und trägt auch jedes in getrennte gegend

Seine schwermut und gesteht: ich darbe . .

 

Und wird der innre ruf zu dir auch leiser –

Ich fühle stets: ich muss mich nach dir neigen ·

Dein ist mein tag zuerst · ich bin dir eigen

Und um uns stehn vom frühling her die reiser.

 

Wohl kommt ein andrer duft aus weichem flachse

Des grases und aus silbrig welkem blatte:

Erinnerung an fluss und fels und matte

Weckt nur den wunsch für dich: sei froh und wachse!

 

Und lockt es dumpf dass ich nach dem zerknittern

Der falben reste bald an fremder stätte

Die freiheit oder neue freuden hätte:

So dringt wie zum verwandten blut ein zittern ·

 

So denk ich dieses nun schon langen stückes

Vereinter fahrt und dieser starken schlingen

Die uns unlöslich insgeheim umfingen

Und meiner frühern qual und deines glückes.

 


Das lockere saatgefilde lechzet krank

Da es nach hartem froste schon die lauern

Lenzlichter fühlte und der pflüge zähne

Und vor dem stoss der vorjahr-stürme keuchte:

Sei mir nun fruchtend bad und linder trank

Von deiner nackten brust das blumige schauern

Das duften deiner leichtgewirrten strähne

Dein hauch dein weinen deines mundes feuchte.

 


Da waren trümmer nicht noch scherben

Da war kein abgrund war kein grab

Da war kein sehnen war kein werben:

Wo eine stunde alles gab.

 

Von tausend blüten war ein quillen

Im purpurlicht der zauberei.

Des vogelsangs unbändig schrillen

Durchbrach des frühlings erster schrei.

 

Das war ein stürzen ohne zäume

Ein rasen das kein arm beengt –

Ein öffnen neuer duftiger räume

Ein rausch der alle sinne mengt.

 


Das kampfspiel das · wo es verlezt · nur spüret

Wenn sich ein schluchzend haupt verbirgt im schooss –

Das solang prüfend greift bis es zerschnüret:

            Wird nun im traume gross.

 

Der wilde kuss gleich duldend wie versehrend ·

Nach fluten dürstend die unschöpfbar sind ·

Im grauen der vernichtung sich verzehrend:

            Wird nun im traume lind.

 

Das scheiden in der nacht das alles bittre

Lang fühlen lässt · wo ich dich schau und grüss

Als fremder fast und schweigen muss und zittre:

            Wird nun im traume süss.

 


Was ist dies fremde nächtliche gemäuer?

Verschlungne gänge die uns dicht umbuschen?

Gestalten fühl ich · schemen um mich huschen

Von einem früheren ungeberdigen feuer.

 

Sie drängen sich an mich und quälen mich.

 

In all der sommerstunden glühender dürre

Hast du sie festgebannt in diese schwüle

Und ruhen lassen auf verborgnem pfühle

Mit einer spende rest von wein und myrrhe.

 

Sie weilen noch · der erste frühwind strich . .

 

Sie harrten wohl bevor sie ganz zerschellten

Bis ich besuchte diese gartengründe ·

Dass ich von ihrem odem mich entzünde

Dieweil sie ihrem schöpfer nichts mehr gelten:

 

Als schatten wirkend da das wesen wich.

 


Wieviel noch fehlte dass das fest sich jähre

Als schon aus einer gelben wolke frost

In spitzen körnern niederfiel! . . So sprosst

Denn keine unsrer saaten ohne zähre?

 

Für allen heftigen drang und zarten zwist ·

So gilt für alle lust die uns erhöhte

Für alle klagen und beweinten nöte

Der eine sonnenumlauf nur als frist.

 

Herüberhingen schwellend und geklärt

Die traubenbündel an den stöcken gestern ·

Die nun zu most der lang im dunkel gärt

Zerstossen werden und zu schaalen trestern.

 

Muss mit den ernten auch dies glück verfalben ·

Verlieren zier um zier mit halm und strauch

Und unaufhaltsam ziehen mit den schwalben ·

Verwehen spurlos mit dem sommerrauch?

 


Nun lass mich rufen über die verschneiten

Gefilde wo du wegzusinken drohst:

Wie du mich unbewusst durch die gezeiten

Gelenkt – im anfang spiel und dann mein trost.

 

Du kamst beim prunk des blumigen geschmeides ·

Ich sah dich wieder bei der ersten mahd

Und unterm rauschen rötlichen getreides

Wand immer sich zu deinem haus mein pfad.

 

Dein wort erklang mir bei des laubes dorren

So traulich dass ich ganz mich dir befahl

Und als du schiedest lispelte verworren

In seufzertönen das verwaiste tal.

 

So hat das schimmern eines augenpaares

Als ziel bei jeder wanderung geglimmt.

So ward dein sanfter sang der sang des jahres

Und alles kam weil du es so bestimmt.

 


FLAMMEN

 

Was machst du dass zu höherem gerase

Uns immer fernres fremdres wehn umblase?

 

Wenn kaum wir eine weil in stille flacken

Treibt uns ein neuer mund zu lohen zacken ·

 

Dass schräger brand zerfurcht die blanken barren

Die heissen tropfen kaum in perlen starren ·

 

Dass unsre kraft in überwallendem sode

Rinnt auf metall und grund zu schnellem tode . .

 

Was oft und weither euch als hauch betroffen

Schwoll von den gleichen und geheimen stoffen

 

Durch die ihr brennt‹ – der Herr der fackeln sprichts –

›Und so ihr euch verzehrt seid ihr voll lichts.‹

 


WELLEN

 

Ihr wellen bracht euch erst an blauen kieseln

Im waldestal wo sich die wege zwieseln.

 

Als bäche rolltet ihr durch sonniges land ·

Verspriztet weinend am umgrünten strand.

 

Dann hat euch unter blitz und eisigen schlossen

Der fluss zur grossen flut hinausgestossen.

 

Am myrtenfels habt ihr euch wild gebäumt ·

Auf unfruchtbarem sand seid ihr verschäumt.

 

Ihr spültet mit perlmutterfarbne leiber ·

Ihr waret glückerfüllter lasten treiber ·

 

Bis euch der sturm in weite öden jug ·

An riff und klippe gellend euch zerschlug.

 

Nun werdet ihr in unsichtbarem schlunde

Dahin gewälzt nicht wissend mehr von stunde

 

Von trieb und ziel · nicht mehr von wind und lee

Als uferlose ströme durch die see.

 


LOBGESANG

 

Du bist mein herr! wenn du auf meinem weg ·

Viel-wechselnder gestalt doch gleich erkennbar

Und schön · erscheinst beug ich vor dir den nacken.

Du trägst nicht waffe mehr noch kleid noch fittich

Nur Einen schmuck: ums haar den dichten kranz.

Du rührest an – ein duftiger taumeltrank

Befängt den sinn der deinen odem spürt

Und jede fiber zuckt von deinem schlag.

Der früher nur den Sänftiger dich hiess

Gedachte nicht dass deine rosige ferse

Dein schlanker finger so zermalmen könne.

Ich werfe duldend meinen leib zurück

Auch wenn du kommst mit deiner schar von tieren

Die mit den scharfen klauen mäler brennen

Mit ihren hauern wunden reissen · seufzer

Erpressend und unnennbares gestöhn.

Wie dir entströmt geruch von weicher frucht

Und saftigem grün: so ihnen dunst der wildnis.

Nicht widert staub und feuchte die sie führen ·

Kein ding das webt in deinem kreis ist schnöd.

Du reinigst die befleckung · heilst die risse

Und wischst die tränen durch dein süsses wehn.

In fahr und fron · wenn wir nur überdauern ·

Hat jeder tag mit einem sieg sein ende –

So auch dein dienst: erneute huldigung

Vergessnes lächeln ins gestirnte blau.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MAXIMIN

 

 


 KUNFTTAG I

 

Dem bist du kind · dem freund.

Ich seh in dir den Gott

Den schauernd ich erkannt

Dem meine andacht gilt.

 

Du kamst am lezten tag

Da ich von harren siech

Da ich des betens müd

Mich in die nacht verlor:

 

Du an dem strahl mir kund

Der durch mein dunkel floss ·

Am tritte der die saat

Sogleich erblühen liess.

 


KUNFTTAG II

 

Wie einst das dumpfe volk

Nach dem Befreier schrie ·

Die fenster offen tat ·

Ihm tisch und bett gedeckt ·

 

Von vielem warten wild

Dann fiel in grimm und hohn –

So sank mein blick hinab:

›Der sich zum dritten trog ·

 

Als kind sein bild nicht fand ·

Als jüngling sehnend brach ·

Der heut die mitte tritt

Ist satt noch zu vertraun.‹

 


KUNFTTAG III

 

Nun wird es wieder lenz . .

Du weihst den weg die luft

Und uns auf die du schaust –

So stammle dir mein dank.

 

Eh blöd der menschen sinn

Ihm ansann wort und tat

Hat schon des schöpfers hauch

Jed ding im raum beseelt.

 

Wenn solch ein auge glüht

Gedeiht der trockne stamm ·

Die starre erde pocht

Neu durch ein heilig herz.

 


ERWIDERUNGEN: DAS WUNDER

 

Steigst du noch mit wirrem haare

Durch verbotene bezirke?

Flehst dass ER sich offenbare?

Schau wie er hienieden wirke

Durch den staub mit feuer fahre!

 

Über allem volk umwehte

Er dein haupt mit seinem scheine

Dass mit kränzen vor dich trete

Sein gesandter und vorm schreine

Deines jungen ttaumes bete . . .

 

Wolken die im abend schwammen

Wölbte seine hand zu runder

Halle voll mit milden flammen . .

Nun geschieht das höchste wunder:

Fliessen traum und traum zusammen.

 


ERWIDERUNGEN: EINFUEHRUNG

 

Ob du dich auch in finstrem tal verloren ·

Von höhen abgesunken:

Wie du hier stehst bist du erkoren

Ins neue land zu schaun.

Du hast vom quell getrunken:

Betritt die offnen aun!

Durch veilchenwiesen zieht die gelbe ähre ·

Im haine lodern die altäre

Bekränzt mit rosen . . zitternd warmer schein

Ist in den lüften und der stete

Gesang des engels tönt . . sein mund

Auf deinem brennt dich rein ·

Du weilst auf heiligem grund:

Knie hin und bete!

 


ERWIDERUNGEN: DIE VERKENNUNG

 

Der jünger blieb in trauer tag und nacht

Am berg von wo der Herr gen himmel fuhr:

›So lässest du verzweifeln deine treuen?

Du denkst in deiner pracht nicht mehr der erde?

Ich werde nie mehr deine stimme hören

Und deinen saum und deine füsse küssen?

Ich flehe um ein zeichen · doch du schweigst.‹

Da kam des wegs ein fremder: ›Bruder sprich!

Auf deiner wange lodert solche qual

Dass ich sie leide wenn ich sie nicht lösche.‹

›Vergeblich ist dein trost . . verlass den armen!

Ich suche meinen herrn der mich vergass.‹

Der fremde schwand . . der jünger sank ins knie

Mit lautem schrei · denn an dem himmelsglanz

Der an der stelle blieb ward er gewahr

Dass er vor blindem schmerz und krankem hoffen

Nicht sah: es war der Herr der kam und ging.

 


TRAUER I

 

So wart bis ich dies dir noch künde:

Dass ich dich erbete – begehre.

Der tag ohne dich ist die sünde ·

Der tod um dich ist die ehre.

 

Wenn einen die Finstren erlasen:

So schreit ICH die traurige stufe.

Die nacht wirft mich hin auf den rasen.

Gib antwort dem flehenden rufe . . .

 

›Lass mich in die himmel entschweben!

Du heb dich vom grund als gesunder!

Bezeuge und preise mein wunder

Und harre noch unten im leben!‹

 


TRAUER II

 

Weh ruft vom walde.

Er schmückte sich mit frischem laub umsonst.

Die flur erharrte dich dass du sie weihtest.

Sie friert da du sie nun nicht sonnst:

Die zarten halme zittern an der halde

Die du nun nie beschreitest.

 

Was sind die knospen all die du nicht weckst ·

Die äste all die deine hand nicht flicht ·

Was sind die blumen all die sie nicht bricht ·

Was sollen früchte sein die du nicht schmeckst!

 

Im jungen schlag ein krachen

Von stamm nach stamm – wann fällt der nächste?

Das morgendliche grün erschlafft.

Das kaum entsprossne gras liegt hingerafft.

Kein vogel singt . . nur frostiger winde lachen

Und dann der schall der äxte.

 


TRAUER III

 

Dumpf ist die luft · verödet sind die tage.

Wie find ich ehren die ich dir erweise?

Wann zünd ich an dein licht durch unsre tage?

Mir ist nur lust wenn ich in gleicher weise

Eingrabe pracht und trümmer meiner tage ·

Bei jedem weg nur meine trauer weise ·

Hinschleppend ohne tat und lied die tage.

Nimm nur aus dunst und düster diese weise:

Nimm hin das opfer meiner toten tage!

 


AUF DAS LEBEN UND DEN

TOD MAXIMINS: DAS ERSTE

 

Ihr hattet augen trüb durch ferne träume

Und sorgtet nicht mehr um das heilige lehn.

Ihr fühltet endes-hauch durch alle räume –

Nun hebt das haupt! denn euch ist heil geschehn.

 

In eurem schleppenden und kalten jahre

Brach nun ein frühling neuer wunder aus ·

Mit blumiger hand · mit schimmer um die haare

Erschien ein gott und trat zu euch ins haus.

 

Vereint euch froh da ihr nicht mehr beklommen

Vor lang verwichner pracht erröten müsst:

Auch ihr habt eines gottes ruf vernommen

Und eines gottes mund hat euch geküsst.

 

Nun klagt nicht mehr – denn auch ihr wart erkoren –

Dass eure tage unerfüllt entschwebt . . .

Preist eure stadt die einen gott geboren!

Preist eure zeit in der ein gott gelebt!

 


DAS ZWEITE: WALLFAHRT

 

Im trostlos graden zug von gleis und mauer

Im emsigen gewirr von hof und stiege –

Was sucht der fremde mit ehrfürchtigem schauer? . .

Hier · Bringer unsres heils! stand deine wiege.

 

Im längs umbauten viereck wo die flecken

Von gras durchs pflaster ziehen und verschroben

Bei magren blumen die verschnittnen hecken:

Hast du zuerst den blick im licht erhoben.

 

Wie staubt der platz! von welchem lärme pocht er!

Getrab von tritten und geroll von wagen . . .

Wie ihre last Maria Annens tochter

Hat hier die mutter dich verkannt getragen.

 

Nur einst als frühling war fiel grau und silbern

Vom himmel tau und sprühte duftige funken

Und allen kindern haben blau und silbern

Die magren blumen lächelnd zugewunken.

 

Dies allen gleiche haus ist ziel der reise.

Wir sehn entblössten haupts die nackte halle

Aus der du in die welt zogst . . . Sind drei weise

Doch einst dem stern gefolgt zu einem stalle!

 


DAS DRITTE

 

Du wachst über uns

                        in deiner unnahbaren glorie:

Schon wurdest du eins

                        mit dem Wort das von oben uns sprach.

Wir fragen bei all

                        unsren schritten des tags deine milde.

So macht ihr diener

                        das lächeln der könige reich.

Doch senkt sich der abend

                        in der dir geweihten memorie:

Dann zittert die sehnsucht

                        dann greifen die arme dir nach ·

Dann drängen die lippen

                        zu deinem noch menschlichen bilde

Als wärst du noch unter uns ·

                        wärst uns noch – Herrlicher! gleich.

 


DAS VIERTE

 

Klingen schon hörtest du obere chöre ·

Batest um ruhe vor unsrem geschwärm

Dass es · Verwandelter · dich nicht empöre –

Und uns verweisend entflohst du dem lärm.

 

Du schon geweiht für die ruhe des siebten

Warst unsrem tag ein entfernter genoss . .

Nur dieses zeichen verblieb den geliebten

Dass unsrer erde nicht ganz dich verdross:

 

Als schon dein fuss nach den sternen sich sezte

Hat noch ein unterer strahl dich durchbohrt ·

Während dein himmlisches auge sich nezte

Klang deine stimme von trauer umflort:

 

›Frühling · wie niemals verlockst du mich heuer!

Dürft ich noch einmal die knospenden mai'n

Einmal noch sehen mit euch die mir teuer

Lieblichste blumen am irdischen rain!‹

 


DAS FUENFTE: ERHEBUNG

 

Du rufst uns an · uns weinende im finstern:

            Auf! tore allesamt!

Verlöschen muss der kerzen bleiches glinstern ·

            Nun schliesst das totenamt!

 

Was du zu deines erdentags begehung

            Gespendet licht und stark

Das biete jeder dar zur auferstehung

            Bis du aus unsrem mark

 

Aus aller schöne der wir uns entsonnen

Die ständig in uns blizt

Und aus des sehnens zuruf leib gewonnen

Und lächelnd vor uns trittst.

 

Du warst für uns in frostiger lichter glosen

            Der brand im dornenstrauch ·

Du warst der spender unverwelkter rosen

            Du gingst vorm lenzeshauch.

 

Mit deiner neuen form uns zu versöhnen

            Sie singend benedein ·

Vom zug der schatten die nichts tun als stöhnen

            Dich und uns selbst befrein ·

 

 


Die schmerzen bändigen die uns zerrütten –

            Gebeut dein feurig wehn

Und soviel blumen hinzuschütten

            Dass wir dein grab nicht sehn.


DAS SECHSTE

 

Du freudenbote führtest weiland

Durch einen winter grames voll

Mich in ein wunderbares eiland

Das ganz von blüt und knospe quoll.

 

Verborgne fülle deiner güter

Entdecktest du dem Einen hier

Und deine liebe ward dem hüter

Und deines eignen blühens zier.

 

Im hain rief wach der feierfrohe

Der erstlingsopfer fromme hast

Von deren frühgeschauter lohe

Im sinn mir blieb nur schwacher glast

 

In trockne scheiter flog der bolzen

Des Helfers mit entflammtem schwung ·

Zerspaltne feuer all verschmolzen

Im streben nach vergöttlichung.

 

Ich sah vom berg aus ein erneuter

Wonach mein drang umsonst gefragt:

Das Fernenland – du warst der deuter

Da es aus nebeln mir getagt.

 

Rein blinkten unsre tempelbögen:

Du blicktest auf . . da floh voll scham

Was unrein war zu seinen trögen ·

Da blieb nur wer als priester kam . . .

 

Nun dringt dein name durch die weiten

Zu läutern unser herz und hirn . .

Am dunklen grund der ewigkeiten

Entsteigt durch mich nun dein gestirn.

 


GEBETE I

 

All den tag hatt ich im sinne

Klang der wirklichen drommete ·

Hob die hand nur dass sie flehte

Und den mund um deine minne.

 

Kam ein opfer sonder makel

Freudiger zu deinem herde?

Reiner von der Welt beschwerde

Tret ich nie vor dein mirakel.

 

Der dies glühen in mir fachte

Dass ich ihm mich nur bequeme:

Mach mich frei aus starrem lehme!

Sieh ich klage · sieh ich schmachte!

 

Endlich löse und beschwichte!

Hör mich bitten · hör mich werben!

Gib die wonne dir zu sterben

Wo ich dir am nächsten pflichte!

 

Nicht verzögre · nicht verdamme!

Dir gehör ich: nimm und fodre

Dass ich fliesse dass ich lodre

Ganz in deiner weissen flamme!

 


GEBETE II

 

Ist uns dies nur amt: mit schauern

Zu vernehmen dein gedröhn

Und im staub vernichtet kauern

Vor dir Furchtbarer der Höhn?

 

Warum schickst du dann die sommer

Wo wir schnellen frei und nackt?

Wo sich nachbar nennt dein frommer ·

Helle raserei ihn packt?

 

Was erlaubst du uns die räusche

Wo der stolz allmächtig pocht ·

Uns in Deine nähe täusche ·

All dein tosen in uns kocht –

 

Wirbel uns aus niedrer zelle

Sternenan entführt geschwind:

Deinesgleichen in der welle

In der wolke in dem wind?

 


GEBETE III

 

Wie dank ich sonne dir ob jeden dings

Beim ersten schritte über meine schwelle!

Mit warmen strahlen küssest du mich rings –

Wie wird mein morgen froh · mein mittag helle!

 

Das haar geb ich dem zarten winde preis ·

Des gartens düfte öffnen jede pore.

Da kos't die hand manch purpurschwellend reis ·

Da kühlt die wange sich im schneeigen flore.

 

O nachmittag der schwärmt und brennt und dräut

Mit der heroen und der magier plane

Und ganze welten mir zum spiele beut

Indess die welle mit mir spielt im kahne!

 

Und dann des abends gleichersehntes fest!

Wo ich entzündet bin vom heiligen brauche

Der teure bilder liebend an sich presst

Bis alle freude sanft in schlummer tauche.

 


EINVERLEIBUNG

 

Nun wird wahr was du verhiessest:

Dass gelangt zur macht des Trones

Andren bund du mit mir schliessest –

Ich geschöpf nun eignen sohnes.

 

Nimmst nun in geheimster ehe

Teil mit mir am gleichen tische

Jedem quell der mich erfrische

Allen pfaden die ich gehe.

 

Nicht als schatten und erscheinung

Regst du dich mir im geblüte.

Um mich schlingt sich deine güte

Immer neu zu seliger einung.

 

All mein sinn hat dir entnommen

Seine farbe glanz und maser

Und ich bin mit jeder faser

Ferner brand von dir entglommen.

 

Mein verlangen hingekauert

Labest du mit deinem seime.

Ich empfange von dem keime

Von dem hauch der mich umdauert:

 

Dass aus schein und dunklem schaume

Dass aus freudenruf und zähre

Unzertrennbar sich gebäre

Bild aus dir und mir im traume.


BESUCH

 

Sanftere sonne fällt schräg

Durch deiner mauer scharten

In deinen kleinen garten

Und dein haus am gehäg.

 

Schwirren die vögel im plan ·

Regen sträuche die ruten:

Ziehen nach tagesgluten

Erste wandrer die bahn.

 

Fülle die eimer nun strack!

Netze im pfade die kiese

Büsche und beete der wiese

Häng-ros und güldenlack!

 

Und bei der wand am gestühl

Brich den zu wirren eppich!

Streue blumen zum teppich!

Duftend sei es und kühl

 

Wenn ER als pilgersmann

In solchen dämmerungen

Nochmals vielleicht durchdrungen

Unsere erde und dann

 

Überm weg das geäst

Teilt mit dem heiligen oden –

Er eine weil deinen boden

Tritt und sich niederlässt!


 ENTRUECKUNG

 

Ich fühle luft von anderem planeten.

Mir blassen durch das dunkel die gesichter

Die freundlich eben noch sich zu mir drehten.

 

Und bäum und wege die ich liebte fahlen

Dass ich sie kaum mehr kenne und Du lichter

Geliebter schatten – rufer meiner qualen –

 

Bist nun erloschen ganz in tiefern gluten

Um nach dem taumel streitenden getobes

Mit einem frommen schauer anzumuten.

 

Ich löse mich in tönen · kreisend · webend ·

Ungründigen danks und unbenamten lobes

Dem grossen atem wunschlos mich ergebend.

 

Mich überfährt ein ungestümes wehen

Im rausch der weihe wo inbrünstige schreie

In staub geworfner beterinnen flehen:

 

Dann seh ich wie sich duftige nebel lüpfen

In einer sonnerfüllten klaren freie

Die nur umfängt auf fernsten bergesschlüpfen.

 


Der boden schüttert weiss und weich wie molke . .

Ich steige über schluchten ungeheuer ·

Ich fühle wie ich über lezter wolke

 

In einem meer kristallnen glanzes schwimme –

Ich bin ein funke nur vom heiligen feuer

Ich bin ein dröhnen nur der heiligen stimme.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TRAUMDUNKEL

 

 

 


EINGANG

 

Welt der gestalten lang lebewohl! . .

Öffne dich wald voll schlohweisser stämme!

Oben im blau nur tragen die kämme

Laubwerk und früchte: gold karneol.

 

Mitten beginnt beim marmornen male

Langsame quelle blumige spiele ·

Rinnt aus der wölbung sachte als fiele

Korn um korn auf silberne schale.

 

Schauernde kühle schliesst einen ring ·

Dämmer der frühe wölkt in den kronen ·

Ahnendes schweigen bannt die hier wohnen . . .

Traumfittich rausche! Traumharfe kling!

 


URSPRUENGE

 

Heil diesem lachenden zug:

Herrlichsten gutes verweser

Maasslosen glückes erleser!

Schaltend mit göttlichem fug

Traget ihr kronen und psalter.

Später gedenkt es euch kaum:

Nie lag die welt so bezwungen ·

Eines geistes durchdrungen

Wie im jugend-traum.

 

Heil dir sonnenfroh gefild

Wo nach sieg der heiligen rebe

Nach gefälltem wald und wild

Kam in kränzen Pan mit Hebe!

 

Rauhe Jäger zottige rüden

Wichen weissem marmorbein.

Hallen luden wie im süden . .

Wir empfingen noch den schein.

Aus den aufgewühlten gruben

Dampfte odem von legion

Und von trosses fraun und buben ·

Hier ihr gold ihr erz ihr thon!

Auf dem bergweg seht die schaar –

Eine stampfende kohorte!

Offen stehen brück und pforte

Für des Caesarsohnes aar.

 


Auf diesen trümmern hob die Kirche dann ihr haupt ·

Die freien nackten leiber hat sie streng gestaupt ·

Doch erbte sie die prächte die nur starrend schliefen

Und übergab das maass der höhen und der tiefen

Dem sinn der beim hosiannah über wolken blieb

Und dann zerknirscht sich an den gräberplatten rieb.

 

Doch an dem flusse im schilfpalaste

Trieb uns der wollust erhabenster schwall:

In einem sange den keiner erfasste

Waren wir heischer und herrscher vom All.

Süss und befeuernd wie Attikas choros

Über die hügel und inseln klang:

co besoso pasoje ptoros

co es on hama pasoje boañ.

 


LANDSCHAFT I

 

Des jahres wilde glorie durchläuft

Der trübe sinn der mittags sich verlor

In einem walde wo aus spätem flor

Von safran rost und purpur leiden träuft.

 

Und blatt um blatt in breiten flecken fällt

Auf schwarze glätte eines trägen bronns

Wo schon des dunkels grausamer gespons

Ein knabe kühlen auges wache hält . .

 

Und durch die einsamkeiten stumm und taub

Senkt langsam flammend sich von ast zu ast

Ins schwere gelb des abends goldner glast –

Dann legt sich finstrer dunst in finstres laub.

 

Nachtschatten ranken · flaumiges gebräm ·

Um einen wall von nacktem blutigen dorn ·

Gerizte hände dringen matt nach vorn . .

Dass in das dickicht nun der schlummer käm! . .

 

Da bricht durch wirres grau ein blinken scheu

Und neue helle kommt aus dämmerung.

Ein anger dehnt auf einem felsensprung

Weithin . . nur zieht durch der violen streu

 

Die reihe schlanker stämme · speer an speer ·

Von silber flimmert das gewölbte blau ·

Ein feuchter wind erhebt sich duftend lau . . .

Es fallen blüten auf ein offen meer.

 LANDSCHAFT II

 

Lebt dir noch einmal · Liebe · der oktober

Und unser irrgang unsre frohe haft

Wie wir durch laubes lohenden zinnober

Und schwarzer fichten grünmetallnen schaft

 

Den und den baum besuchten · stumme gäste ·

Getrennten gangs in liebevollem zwist

Und jedes heimlich horchte im geäste

Dem sang von einem traum der noch nicht ist –

 

Erst eines baches hüpfendes gekicher

Uns in der tiefe noch als führer galt

Der uns enteilte leiser dämmerlicher

Bis uns sein schluchzen unbemerkt verhallt

 

Und diese wandrung uns so sehr entzückte

Dass uns der weg – dass uns das licht verliess

Und dann ein kind das spät noch beeren pflückte

Uns durch gestrüpp die rechte richtung wies:

 

Wir auf dem mürben und verhangnen steige

Uns vorwärts bahnten tastend und gemach

Und endlich durch die immer lichtern zweige

Das tal sich offen tat mit fernem dach –

 

Die arme schlingend um die moosige schwiele

Wir abschied nahmen von dem lezten stamm . . .

Dann gings durch blumen hin zum schönen ziele

Und luft und land in lautrem golde schwamm.

 LANDSCHAFT III

 

Dies ist der hüttenraum wo durch die lücke

Wandernd von bleichen firnen her ein schwacher

Mondschein der dämmerung gleitet – wo ich wacher

Mich tief herab auf deinen schlummer bücke.

 

Durch steile pfade an granitnen klötzen

Mir war durch weit entrollte wiesenplane

Dein auge zauberblauer enziane

Und deiner wange flaumiges weiss ergötzen.

 

Durch lange steige in zerhöhlten runnen

Wo wir uns aufwärts halfen mit dem stabe

War mir dein reiner odem eine labe

Mehr als im schwülen mittag kühler brunnen.

 

Du wirst geweckt vom gruss der morgenlüfte

Dich wieder wenden zu dem fruchtgelände.

Der stumme abschied schattet auf die wände . .

Ich muss allein nun fürder durch die klüfte.

 

In einer enge von verbliebnem eise

Vorüber an verschneiten felsenstöcken

Gelang ich zu den drohenden riesenblöcken

Wo starre wasser stehn im öden gleise.

 

Schon sausen winde in den lezten arven ·

Der aufstieg im geröll wird rauher wüster . .

Wo jede wegspur sich verliert im düster

Summen des abgrunds dunkle harfen.

 NACHT

 

Gänge des tages sind weit.

 

Reisst der verworrene wald

Uns in vergessen so bald?

Hinter dem nächtigen zaun

Fasst uns des bannes geraun –

 

Uns dem versinken geweiht.

 

Bäume zu leuchtendem tor

Ragen als leitern empor:

Locken in pfadlosen wahn ·

Treiben in schimmernde bahn.

 

Wankt den umschlungnen der grund?

 

Ist dies dein odem in mir ·

Luft aus des rausches revier

Was unsre leiber vermischt

Uns durch das finster verwischt

 

In einem schaurigen bund?

 

Horch eine stimme wird wach!

Blüten-umsponnenem fach

Heiliger brunnen entsprang ·

Sendet den einfachen sang

 

Klar durch das dickicht einher . .

 

Mahnt an lebendige lust

Uns: zu verfallen bewusst

Dunkelster trunkenheit ·

Uns: zu zerrinnen bereit

 

In einem träumenden meer.

 


DER VERWUNSCHENE GARTEN

 

Königlich ruhst du in deiner verlassenheit ·

Garten – und selten nur tust du die tore weit . .

Mit deiner steilen gebüsche verschwiegnem verlies

Sonnig gebreiteter gänge nie furchendem kies.

Lispelnde bronnen umfriediget knospend spalier ·

Steinerne urnen erheben die ledige zier.

In deinem laub geht nur nisten sanft-tönende brut.

Leichte gewölke nur spiegelt die schlafende flut

Deines teichs und die ufer entlang das gebäu:

Ebnes kühl-gleitendes feuer und flimmrige spreu . . .

 

Eins ist der Fürstin palast: sie bewohnt ein gemach

Seegrün und silbern . . dort hängt sie der traurigkeit nach

In ihren schnüren von perlen und starrem brokat.

Keine vertraute bewegt sie und weiss einen rat.

Weinend nur wählt sie aus ihrer kleinode schwarm

Und ihre wange bleibt leuchtend in all ihrem harm.

Lieblichste blume vergeblichen dufts die nicht dorrt ·

Zartestes herz – ihm gelingt für die liebe kein wort.

Manchmal nachdem sich die sonne im haine verbarg

Und ihr der tag in die wehmut gelindert sein arg ·

Sie auf der laute in schmelzenden weisen sich übt:

Staunen die stolzen gestirne und werden getrübt.

 


Jenseits des wassers der mattrot- und goldene saa

Herbergt den Fürsten und seine verschlossene qual.

Bleich alabasterne stirn ziert ein schwer diadem ·

Freude und trost des gefolges ist ihm nicht genehm.

Jung und in welke so streckt er die arme ins blau

Schluchzend vom söller herab in die duftige au ·

Der nicht der eigenen würde bekrönung gewahrt

Die jedes nahen verbietet vertraulicher art . . .

Keiner den schaudern der fernheit nicht überkam ·

Der sich das auge nicht deckte · nicht beugte aus scham

Vor diesem antlitze schönheit- und leid-überfüllt

Das uns das herbste und süsseste lächeln enthüllt!

 

Einmal verstattet das jahr nur der Herrlichen schau . .

Schranken verschwinden und offen steht halle und bau.

Doch wer erwählt ist nur folgt – wer von frommem geheiss

Wer von der heimlichen sprache der blumen wohl weiss

Und von dem zitternden ton von demütigem dank:

Adel und anmut von allem was fürchtig und schwank.

Fern ist wer immer in tosenden schluchten gerast ·

Wer in den sümpfen und giftigen angern gegrast –

Kalter gespenster und düsterer schergen gesind –

Wer wie das tier nicht gerührt wird vom himmlischen wind.

 

Beiden portalen entschwebt nun ein feiertalar . .

Auf der terrasse begegnet und grüsst sich das paar ·

Gleitet die wege hernieder · die hände verschränkt:

Einzige tritte darob sich die stille nicht kränkt.


Wonne durchrieselt der schauenden kreis der sich kniet

Der seiner höchsten entzückung so lange entriet:

Spitzen opalener finger zu küssen und kaum

Dieser sandalen und mäntel juwelenen saum –

Also erhebt sich in tränen manch stummes gebet.

Aber der zug hat beim brunnen sich langsam gedreht . .

Mit dem holdseligen blick auf der Treuesten kür

Lohnen sie nochmals und in eines laubganges tür

Sind ihre schimmernden schleppen verflattert und ganz

Löst sich der garten im abendlich purpurnen glanz.

 


ROSEN

 

Im weissen und glutblumigen gewoge ·

Von büschen weithinwallend höh und mulde ·

Fingst du dich – sangst du · kosend und dich pressend

Ins duftige dickicht . . du verloren ganz

In dieser rosenpracht. Am mittag fielen

Wechselnd an lust dir blätter auf den mund

Und schlafend spielten mit dir büschel garben

            Wellen von rosen.

 

Dass dich der abend hier noch traf! du irrest

In dem gesträuch wo du dich nicht mehr kennst ·

Blind küssest du dich an den stacheln wund.

Nun sitze da – das haupt gesenkt und blutend.

Nun wirbeln reichlich von der nacht geregt

Die blüten . . mag ihr purpur niederfallen

Zu hüllen deine schmach! Nun lerne trauer

            Und ernst von rosen.

 


STIMMEN DER WOLKEN-TOECHTER

 

Wir aus den dünneren lüften

Gehn bei euch um insgeheim ·

Euch aus den buschigen schlüften

Euch mit dem volleren seim.

 

Ob auch uns leichten uns schnellen

Raunet ein warnen: ›entfleuch‹

Zieht doch ein drängen ein schwellen

Stetig hinunter zu euch.

 

Die ihr mit grausamem rucke

Unsere kränze zerknüllt

Rufend mit schmerzhaftem zucke:

›Spiel das nicht fasst und nicht füllt‹

 

Ihr die ihr rauh seid und stählern

Reisst aus der hand uns das heft:

Und wir vergeben den quälern

Wenn ihr auch tödlich uns trefft.

 

Anmutig ist unser reihen ·

Lasset uns liebend euch nahn:

Können wir ganz auch nicht weihen –

Ganz wie ihr wollt euch umfahn!

 

Wir ein feinblütig gezüchte

Neigen uns schmeichelnd euch dar:

›Zähmt eure gier! mehr der früchte

Wehrt euer jahr und dies jahr‹.

 FEIER

 

In dem haine wo der ahnen

Geist geheim im schatten hauste ·

Wo von weit den wallern grauste ·

Wo die überwachsnen bahnen

 

Sie gefesselt nur beschritten

Als ein zeichen tiefster frone ·

Wo vorm unsichtbaren throne

Sie sich selber wunden schnitten ·

 

Wo im wallend weissen rocke

Stand der greis mit blutigem knaufe ·

Roter bach in zähem laufe

Rann vom rohbehaunen blocke:

 

Dorthin ziehn nun unsre scharen ·

Nur des goldes breite scheibe

Glitzert auf dem nackten leibe

Den mit blatt bekränzten paaren.

 

Statt der gift der würgerhände

Strömt ein guss von dunklem weine

Zischend in die lohen brände ·

Rieselt nieder an dem steine.

 

Statt der wild gerizten schrammen

Schnellen tanzend unsre glieder

Zu den takten ernster lieder

In die reinigenden flammen.

 

Im dumpf hallenden gebäue

Ringelt duft um hohe eschen

Und durch ihres laubes breschen

Blinkt des himmels tiefste bläue.

 


EMPFAENGNIS

 

Da du erst verhundertfältigt

Meinen blick in jener stunde:

Hat dein sturm mich überwältigt.

 

Hilflos griff er den beschwornen ·

Wälzte ihn in finstre schrunde ·

Den zu andrem licht gebornen

 

Riss er dann auf hohe schroffen . .

Und mir war als ob er grade

Dein geheimnis leuchtend offen

 

Einzigmal nun in mich flösse:

Mich erglüht von deiner gnade

Mich zermalmt von deiner grösse ·

 

Als ob fels und boden berste

Und versinke und gemahne

Jene stunde an die erste

 

Wo von dir geschreckt geblendet

Zuckend in dem freudigen wahne

Ich mich ganz an dich verschwendet.

 


Dass kein laut mehr in mir poche

Anders wie der dir gemässe:

Presse mich in deinem joche ·

 

Schliess mich ein in wolkigem bausche ·

Nimm und weih mich zum gefässe!

Fülle mich: ich lieg und lausche!

 


LITANEI

 

Tief ist die trauer

                        die mich umdüstert ·

Ein tret ich wieder

                        Herr! in dein haus . .

 

Lang war die reise ·

                        matt sind die glieder ·

Leer sind die schreine ·

                        voll nur die qual.

 

Durstende zunge

                        darbt nach dem weine.

Hart war gestritten ·

                        starr ist mein arm.

 

Gönne die ruhe

                        schwankenden schritten ·

Hungrigem gaume

                        bröckle dein brot!

 

Schwach ist mein atem

                        rufend dem traume ·

Hohl sind die hände ·

                        fiebernd der mund . .

 

Leih deine kühle ·

                        lösche die brände ·

Tilge das hoffen ·

                        sende das licht!

 

Gluten im herzen

                        lodern noch offen ·

Innerst im grunde

                        wacht noch ein schrei . .

 

Töte das sehnen ·

                        schliesse die wunde!

Nimm mir die liebe ·

                        gieb mir dein glück!

 


ELLORA

 

Pilger ihr erreicht die hürde.

Mit den trümmern eitler bürde

Werft die blumen werft die flöten ·

Rest von tröstlichem geflimme!

Ton und farbe müsst ihr töten

Trennen euch von licht und stimme

An der schwelle von Ellora.

 

Hoch auf sockeln durch die schatten

Matt nur sprühn von hof zu saale

Stumme augen von karfunkel

Ringe trauernder opale . .

Dumpfe beter auf den platten

Rufen nur zu ruh und dunkel

In den felsen von Ellora.

 

Sei geschieden · gern gemieden:

Geht der wahn in uns zur rüste ·

Schweigt das pochen unsrer brüste ·

Mildern unsrer fieber sieden

Altarstufen rauh und steinern

Säulen kühl und elfenbeinern

In den tempeln von Ellora!

 


HEHRE HARFE

 

Sucht ihr neben noch das übel

Greift ihr aussen nach dem heile:

Giesst ihr noch in lecke kübel ·

Müht ihr euch noch um das feile.

 

Alles seid ihr selbst und drinne:

Des gebets entzückter laut

Schmilzt in eins mit jeder minne ·

Nennt sie Gott und freund und braut!

 

Keine zeiten können borgen . .

Fegt der sturm die erde sauber:

Tretet ihr in euren morgen ·

Werfet euren blick voll zauber

 

Auf die euch verliehnen gaue

Auf das volK das euch umfahet

Und das land das dämmergraue

Das ihr früh im brunnen sahet.

 

Hegt den wahn nicht: mehr zu lernen

Als aus staunen überschwang

Holden blumen hohen sternen

Einen sonnigen lobgesang.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LIEDER

 

 

 


VORKLANG

 

Sterne steigen dort ·

Stimmen an den sang.

Sterne sinken dort

Mit dem wechselsang:

 

Dass du schön bist

Regt den weltenlauf.

Wenn du mein bist

Zwing ich ihren lauf.

 

Dass du schön bist

Bannt mich bis zum tod.

Dass du herr bist

Führt in not und tod.

 

›Dass ich schön bin

Also deucht es mir.

Dass ich dein bin

Also schwör ich dir.‹

 


LIEDER I-VI

 

 

Dies ist ein lied

Für dich allein:

Von kindischem wähnen

Von frommen tränen . .

Durch morgengärten klingt es

Ein leichtbeschwingtes.

Nur dir allein

Möcht es ein lied

Das rühre sein.

 


Im windes-weben

War meine frage

Nur träumerei.

Nur lächeln war

Was du gegeben.

Aus nasser nacht

Ein glanz entfacht –

Nun drängt der mai ·

Nun muss ich gar

Um dein aug und haar

Alle tage

In sehnen leben.

 


An baches ranft

Die einzigen frühen

Die hasel blühen.

Ein vogel pfeift

In kühler au.

Ein leuchten streift

Erwärmt uns sanft

Und zuckt und bleicht.

Das feld ist brach ·

Der baum noch grau . .

Blumen streut vielleicht

Der lenz uns nach.

 


Im morgen-taun

Trittst du hervor

Den kirschenflor

Mit mir zu schaun ·

Duft einzuziehn

Des rasenbeetes.

Fern fliegt der staub . .

Durch die natur

Noch nichts gediehn

Von frucht und laub –

Rings blüte nur . . .

Von süden weht es.

 


Kahl reckt der baum

Im winterdunst

Sein frierend leben ·

Lass deinen traum

Auf stiller reise

Vor ihm sich heben!

Er dehnt die arme –

Bedenk ihn oft

Mit dieser gunst

Dass er im harme

Dass er im eise

Noch frühling hofft!

 


Kreuz der strasse . .

Wir sind am end.

Abend sank schon . .

Dies ist das end.

Kurzes wallen

Wen macht es müd?

Mir zu lang schon . .

Der schmerz macht müd.

Hände lockten:

Was nahmst du nicht?

Seufzer stockten:

Vernahmst du nicht?

Meine strasse

Du ziehst sie nicht.

Tränen fallen

Du siehst sie nicht.

 


LIEDER I–III

 

 

Fern von des hafens lärm

Ruht der besonnte strand ·

Zittern die wellen aus . . .

Hoffnung vergleitet sacht.

Da regt vom hohen meer

Wind die gewölbten auf ·

Bäumend zerkrachen sie ·

Stürmen die ufer ein . . .

Wie nun das leiden tost!

Lautere brandung rauscht ·

Zischend zur dünenhöh

Schlägt sie den dunklen schaum . . .

Wie nun die liebe stöhnt!

 


            Mein kind kam heim.

Ihm weht der seewind noch im haar ·

            Noch wiegt sein tritt

Bestandne furcht und junge lust der fahrt.

 

            Vom salzigen sprühn

Entflammt noch seiner wange brauner schmelz:

            Frucht schnell gereift

In fremder sonnen wildem duft und brand.

 

            Sein blick ist schwer

Schon vom geheimnis das ich niemals weiss

            Und leicht umflort

Da er vom lenz in unsern winter traf.

 

            So offen quoll

Die knospe auf dass ich fast scheu sie sah

            Und mir verbot

Den mund der einen mund zum kuss schon kor.

 

            Mein arm umschliesst

Was unbewegt von mir zu andrer welt

            Erblüht und wuchs –

Mein eigentum und mir unendlich fern.

 


Liebe nennt den nicht wert der je vermisst . .

Sie harrt wenn sie nur schaut in qualen aus ·

Verschwendet schmuck und schatz die keiner dankt

Und segnet wenn sie selbst als opfer brennt.

 

Teurer! wie dem auch sei: dein pfad zum glück

Den du nur kennst verdunkelt durch mein nahn.

So reiss ich wund mich weg: dich wirre nie

Ein loos das leicht sich wider wunsch verrät.

 

Süsser! ja mehr als dies: damit kein hauch

Dein holdes spielen stört bleib ich verbannt

Und doppelt duldend scheid ich und mein gram

Spricht nur mit mir und diesem armen lied.

 


SUEDLICHER STRAND: BUCHT

 

Lang zog ich auf und ab dieselben küsten ·

Von stolzen städten eine perlenschnur ·

Hier oder dort den hochzeit-tisch zu rüsten . . .

Ein fremdling geht hinaus zur flur.

 

So oft ich weile auf denselben brücken ·

Nicht weiser – nur vergrämter jedesmal ·

Lass ich von alter hoffnung mich berücken

Umgleit ich harrend manch portal.

 

Wenn hoch im saale sich die paare drehn

Im bunten schmuck mit blumen um die schläfen:

Folg ich den ärmsten wandlern in den häfen . .

So sehr ist qual allein zu gehn.

 

 


SUEDLICHER STRAND: SEE

 

Fern liegt die heimat noch als schwarze wüste

Vergessen hinter schneebestreuter wehr . .

Kein laut von dort der nicht vergeblich grüsste!

Die wunderwelt verlockt uns noch zu sehr.

 

Starr-hohe fichten sanftere oliven

Im garten den ein kühler glanz durchloht –

Noch wartet drunten auf den glatten tiefen

Aus saphir unser gelbbeschwingtes boot

 

In dieser luft von weihrauch und von rosen

Wo selbst der strenge Fürst des Endes leicht

Als sei er nur der spender von almosen

Mit einem lächeln durch die lande schleicht.

 


SUEDLICHER STRAND: TAENZER

 

Ihr wart am pinienhage ohne staunen

Ins gras gelagert · junge schwinger · beide

Mit gliedern zierlich regen kräftig braunen

Mit offner augen unbefangner weide.

 

Ihr hobet euch vom boden auf im takte

Ins volle licht getauchte lächelnd reine

Und schrittet vor und rückwärts – göttlich nackte

Die breite brust gewiegt auf schlankem beine.

 

Von welcher urne oder welchem friese

Stiegt ihr ins leben ab zum fest gerüstet

Die ihr euch leicht verneigtet und euch küsstet

Und tanzend schwangt auf weiss-gesternter wiese!

 


RHEIN

 

Blüht am hange          nicht die rebe?

Wars ein schein nicht          der verklärte?

Warst es du nicht          mein gefährte

Den ich suche          seit ich lebe?

 

Jagt vom flusse          feuchter schwaden

Duft des haines          licht der lande?

Dichter brodem          wirst du laden ·

Folg ich dir nur          spur im sande?

 

›Dich zu ehren          dir zu dienen

Seid geopfert          frühere prächte ·

Seid vergessen          tag und nächte!‹

Summt beharrlich          lied der bienen.

 

Weite runde          wo sich mische

Ferne hoffnung          glück der stunde!

Nur noch droben          in der nische

Zeigt der Heilige          alte wunde . . .

 


SCHLUCHT

 

Ward hier in dieser schlucht vom hagelpralle

Uralter fels verbröckelt weggespült?

Hat hier ein stein hat eines tieres kralle

Des greisen baumes wurzeln aufgewühlt?

 

Ist es ein fleck am grunde hin und wieder ·

Der hauf von grauen flocken die du schaust ·

Verstreut in alle winkel das gefieder

Der taube die ein sperber hier zerzaust?

 

Was wirfst du in die rinnen in die splitter

Dich nieder – haupt und brust und arme bloss?

Was soll dein aufgelöst und laut gezitter

Dein weinen in der erde offnen schoss?

 


WILDER PARK

 

Feuchter schatten fällt aus den buchen . .

Fettes gras schiesst wuchernd empor ·

Hüllt den weiher – gehst du ihn suchen?

Welch geraun entquoll seinem moor?

 

Halblicht sinkt durch buschige dächer ·

Trauernd schmiegt sich moosig umwirrt

Nackter gott vorm schilfigen fächer –

Welch ein klaglaut hat dich umgirrt?

 

Lächelnd streifst du steinprunk der vasen ·

Laub ist spröde · früchte sind firn.

Welch ein wind kam fernher geblasen?

Welch ein zweig fuhr um deine stirn?

 

Leise bebst du · glücklich umgaukelt ·

Eilst dem tor zu · linde bedrückt . .

Welche blume hat dir geschaukelt?

Welch ein strahl kam auf dich gezückt?

 


Fenster wo ich einst mit dir

Abends in die landschaft sah

Sind nun hell mit fremdem licht.

 

Pfad noch läuft vom tor wo du

Standest ohne umzuschaun

Dann ins tal hinunterbogst.

 

Bei der kehr warf nochmals auf

Mond dein bleiches angesicht . .

Doch es war zu spät zum ruf.

 

Dunkel – schweigen – starre luft

Sinkt wie damals um das haus.

Alle freude nahmst du mit.

 


Schimmernd ragt der turm noch auf den schroffen

Der des sommers segnung auf uns goss.

Unten schweift nun unser schwaches hoffen

Wissend dass er seit dem frost sich schloss.

 

Alle täler zeigen weg und stelle

Und des giebels weisse hülle flammt ·

Aber trauernd meiden seine schwelle

Die verwiesnen die sie selbst verrammt.

 

Suchend weinen löst noch nicht die riegel ·

Wiederholt die weihe nicht die war . . .

Wann noch einmal sprengen wir die siegel ·

Treten in der gnade zum altar ·

 

Brechen von dem brot der heiligen schüssel

Daran jedes von dem leid genas? . .

Der im schnee verlorne goldne schlüssel

Blinkt er uns im frühjahr aus dem gras?

 


Wir blieben gern bei eurem reigen drunten ·

Nicht minder lieben wir das schöne tal

Der halme schaukeln und den duft der bunten

            Tupfen im morgendlichen strahl.

 

Wir nähmen gern von faltern und libellen

Den samtnen staub und brächen blumen viel

Und machten draus zum murmeln glatter wellen

            Ein zierlich leichtes spiel.

 

Doch über kahlen fels und starre büsche

Führt uns ein trieb hinauf zu andrem fund ·

An spitzigem steine und gedörntem brüsche

            Wird hand und sohle wund:

 

Auf dass für unser fährdevolles wallen

Einmal uns lohnt des reinsten glückes kost:

Uns nah am abgrund azurn und kristallen

            Die wunderblume sprosst.

 


LIEDER I-III

 

 

Flöre wehn durch bunte säle ·

Trauerrufe dringen gell:

Als die düsteren choräle

Stimme spaltet jung und hell.

 

Fluren wo die triebe stocken

Sind voll kupfern blassen scheins . .

Da berührt er deine locken

Und hat deinen glanz mit eins.

 

Dass du in der zeit der grüfte

Kranken klager nicht verderbst:

Komm und teil die grauen lüfte ·

Volles licht in meinen herbst!

 

 


›Geh ich an deinem haus vorbei

So send ich ein gebet hinauf

Als lägest du darinnen tot.‹

 

Wenn ich auf deiner brücke steh

Sagt mir ein flüstern aus dem fluss:

Hier stieg vordem dein licht mir auf.

 

Und kommst du selber meines wegs

So haftet nicht mein aug und kehrt

Sich ohne schauder ohne gruss

 

Mit einem inneren neigen nur

Wie wir es pflegen zieht daher

Ein fremder auf dem lezten gang.

 


Darfst du bei nacht und bei tag

Fordern dein teil noch · du schatten ·

All meinen freuden dich gatten ·

Rauben von jedem ertrag?

 

Bringt noch dein saugen mir lust

Der du das erz aus mir schürftest ·

Der du den wein aus mir schlürftest –

Schaudr ich noch froh beim verlust?

 

Ob ich nun satt deiner qual

Mit meinen spendungen karge?

Zwing ich dich nieder im sarge ·

Treib ich ins herz dir den pfahl?

 


FEST

 

Wenn ihr die hüllen warft und die gewinde

Ums haupt euch schlanget und die fackeln rochen

Dann habt ihr mit des tages zwang gebrochen:

Nun seid ihr eines andren herrn gesinde.

 

Sobald das dunkel die gemächer spreitet ·

Farbige flammen schlagen aus den kesseln

Und hall von horn und pfeife eint und weitet:

Dann sprengt ihr eures eignen willens fesseln.

 

Dann schwillt das fest in rasendem getobe

Und in den brennenden und blutigen küssen

Wo alle sich in eins verl eren müssen ·

Voll eines atems bei des gottes probe.

 

Doch lockern sich die knäuel und die tänze ·

Befrein die glieder sich aus süsser pachtung:

Dann werden seufzer wach durch die umnachtung ·

Dann fallen tränen auf die welken kränze.

 


DIE SCHWELLE

 

Kaum legtet ihr aus eurer hand die kelle

Und saht zufrieden hin nach eurem baun:

War alles werk euch nur zum andren schwelle

            Wofür noch nicht ein stein behaun.

 

Euch fiel ein anteil zu von blüten saaten ·

Ihr flochtet kränze · tanztet überm moos . .

Und blicktet ihr zu nächsten bergesgraten

            Erkort ihr drüben euer los.

 

Da du die bunten äpfel überm meere

Und du der fremden reben wein erhobst:

Verdorrte eurer gärten vollste beere

            Und um euch her viel reifes obst.

 

Und da ihr horchtet auf der goldnen imme

Und eines windes lockendes gekling:

So überhörtet ihr gar oft die stimme

            Der süssen die vorüberging.

 


HEIMGANG

 

Drüben zieht ihr müden schwärme

Die ihr unserm tag erstarbt

Heimwärts wo kein wunsch mehr wärme –

Alles frühere weh vernarbt.

 

Und ihr zeigt dem fernen klager

Euer schattenland als ziel

Und ihr sagt: ein lindes lager

Heilt dort was uns hier befiel.

 

Keinen wird des sanften fastens

Frohen schweigens dort gereun . .

Einige tage guten rastens

Werden ihn vorm end erfreun . . .

 

Eh ihr in den friedensforsten

Euren ruheplatz erlast –

Wisset: ist dies herz geborsten

Von der glut die drin gerast.

 


Aus dem viel-durchfurchten land

Wo die stimmen lauter gröber

Steigen sinken im gestöber

Eil ich rück zur bergeswand.

 

Nach den sälen voll geduft

Nach den gärten dicht und üppig

Wäldern dunkel und gestrüppig

Steig ich auf in freiere luft.

 

Stolzer heb ich nun die braun.

Wirst Du wieder mich verknüpfen ·

Schallen mir aus deinen schlüpfen ·

Lehren auf und abzuschaun?

 

Über dämpfe wolgerüche

Wirbel feuer draus ich floh

Schwebt der erste noch der sprüche:

Du bist fern und du bist hoh.

 


Hier ist nicht mein lichtrevier

Wo ich herrschte wo ich freite.

Himmel ist mir fremd und breite –

Arme flur mit magrer zier.

 

Sandige strecken unbebaut . .

Zwischen halden die verdorren

Streckt die dünnbelaubten knorren

Hier ein baum aus hagrem kraut.

 

Welch ein zirpen dringt ans ohr?

Vom gezweig ein tönend wispeln . .

Nun erkenn ich Dich am lispeln.

Du bist nah: bald scheinst du vor!

 

Nirgends weiss ich ziel und steg

Wem zu freude wem zu nutze

Und ich weiss mich nur im schutze:

Bin auch hier auf Deinem weg.

 


Verschollen des traumes

Des gottes herabkunft!

Nun waltet des raumes

Ein ruf aus dem abgrund.

 

Verschwunden das sehnen ·

Verheerender glutschwall!

Schon schloss über jenen

Der stärkere flutprall.

 

Der oft sich erneunde

Nicht sei mehr der schwur laut!

Ich reiche euch freunde

Den mund hin zum urlaub.

 

Die hände die mienen

Erflehn von mir ruh nun ·

Ich frieden vor ihnen . .

Und wach bleibest Du nur.

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TAFELN

 

 

 


AN MELCHIOR LECHTER

 

Deinem Sinn frei und stolz gegen unbill gefeit

Erz im tiegel des heils aller schlacken befreit!

 

Deiner Seele die hoch überm traumland regiert ·

Uns · der welt jahr um jahr neue wunder gebiert!

 

Deinem Sein allen einsamen trost und geleit –

Turm von bleibendem strahl in der flutnacht der zeit!

 

 

 

AN KARL UND HANNA

 

Wenn ihr auf langen fahrten nach der schöne

Beladen seid mit reichen lebens bunter beute:

So freut euch dass Ein tag das frühere leben kröne

Und in das kommende mit heiligem finger deute!

 


AN GUNDOLF

 

Warum so viel in fernen menschen forschen und

                                               in sagen lesen

Wenn selber du ein wort erfinden kannst dass

                                               einst es heisse:

Auf kurzem pfad bin ich dir dies und du mir

                                               so gewesen!

Ist das nicht licht und lösung über

                                               allem fleisse?

 

 

 

ERINNRUNG AN BRUESSEL: PERLS

 

So tauchst du auf wie du auf die wimperge

Sankt Gudulas die fieberblicke schossest . .

Droben im park den lezten strahl genossest

Und langsam niederschlichst am Treurenberge.

 


GESPENSTER: AN H.

 

Ihr tagblind auge flattert über gräber und ruinen

Und schätze wühlen sie aus unheilvoller schicht.

Erlöst sie keiner: schwinden sie dahin und fremd blieb ihnen

Das goldne lachen und das goldne licht.

 

 

 

KAIROS

 

Der tag war da: so stand der stern.

Weit tat das tor sich dir dem herrn . . .

Der heut nicht kam bleib immer fern!

Er war nur herr durch diesen stern.

 

 

 

AN HENRY

 

Das leben zog um dich den schönen zaun.

So braucht dir nie vor schlucht und flut zu graun.

Für viele zier gibst du dich keinem ganz

Und fliehst mit leztem streit den lezten kranz.

 


VORMUNDSCHAFT

 

Als aus dem schönen sohn die flammen fuhren

Umsperrtest du ihn klug in sichern höfen.

Du hieltst ihn rein für seine ersten huren . .

Öd ist dies haus nun: asche deckt die öfen.

 

 

 

GAUKLER

 

Du machst dich blind damit du andre blendest.

Dein feuer zischt das unermesslich deuchtet . .

Das planlos raucht · das nimmer wärmt und leuchtet ·

Mit dem du nachts die bösen albe sendest.

 

 

 

NORDMENSCHEN

 

Wohl nehmt ihr jedes ziel mit sicherm trott

Und zuckt der strahl: so klärt auch euch das schöne.

Doch steht euch rausch nicht an – wer den verpöne

War nie geeinigt mit dem Höchsten Gott.

 


ERNESTO LUDOVICO:

DIE SEPT. MENS. SEPT.

 

Die zeiten gehn · die stunden fliehn · es flieht das glück.

Sie ziehn mit uns und öffnen ihre hände.

Heil Ihm der jeder lächelnd schenken kann

Von Ihm der hundert schwinden lässt um eine!

 

 

 

IN MEMORIAM ELISABETHAE

 

Durch schauervolle auch der seelen ferne fliegt

Des liedes trauer und des gartengangs gedenk

Der voll war von versteckten kindes anmut-lachen –

Dem nun verklungnen – kommt sie zu dem leeren haus.

Sie kann nicht mehr als tränen giessen über dich

Betrübteste der hände die mit einzigem recht

Zur klage bebt! und flüstern: Ist ein ding der welt

Noch trauriger als eines jungen traumes tod?

 


AN SABINE

 

Das farbenlaub umschlang die sage

Von manchem weh des sommerbrands

Als eine reife süsse klage . .

Und unsre wünsche pochten minder

Bei glück und träne schöner kinder –

So waren alle diese tage

Von blum und frucht ein duftiger kranz.

 

 

 

EINEM PATER

 

Kehrt wieder kluge und gewandte väter!

Auch euer gift und dolch ist bessre sitte

Als die der gleichheit-lobenden verräter.

Kein schlimmrer feind der völker als die mitte!

 


AN VERWEY

 

In fieber lauschten wir · drang übers meer

Ein wort vom kampf · als gält es eigne sache . .

Zwingt eine schar den unbesiegten drachen?

 

Die menschen jauchzten bei verwegnen streichen

Und übersahn die stille hand des helden.

Dann sprach ein kläglich ende – joch und kauf:

Kein hoffen! massen sind heut schutt – nie kommt

Durch weg und waffe dieser welt mehr heil!

 

 

 

G. v. V.

 

Dein gequälter geist fand nirgends eine bühne:

In den fernsten stätten machtest du die ronde

Bis in Ostens gärten – und auf einer sponde

Blutigen grases suchst du rast auf armer düne.

 


AN CARL AUGUST KLEIN

 

Teilten nicht alles wir:

lose und träume und ziele und pfade?

Mischten wir nicht unser blut

dass wir brüder uns seien?

War es der wille des sterns

dass wir jezt in der gleichen dekade

Uns für die hoffnung

verwandelten lebens befreien?

 

 

 

AN HANNA MIT EINEM BILDE

 

Du kennst von allen nur die ganze schwere

Des trauerjahrs und des verlassnen pein.

Nimm dieses bild das frei ward: du allein

Hier lebend herz zu dem ich wieder kehre!

 


AN ROBERT: I BRUECKE

 

Unterm nächtigen holz der brückenfirst

Brause woge wild im felsigen strudel!

Nicht mehr lang dass du zum sanften sprudel

Meines königlichen stromes wirst.

 

 

 

II ABEND IN ARLESHEIM

 

Ihr sizt vereinsamt in des weges dust

Und fragt und zagt in der gedanken trauer.

Der erde jede frucht ward euch zu sauer

Und jeder trieb zu wild für sieche brust.

 

In haltung die uns werk und traum gegeben

Und aller küsse aller tränen mal

Zusammengehn von licht- zu schattental! . .

Ums andre sorgt nicht viel das Neue Leben.

 


AN UGOLINO

 

Uns trennen mehr noch als die ewigen wogen

Von unsrem geist die weit sich fliehenden bogen.

Doch deine zarten tränen dankend ehre

Ich über kluft der jahre träume meere.

 

 

 

AN LOTHAR

 

Wart bis die feuchten nebel nicht mehr pressen

Den geist der asche über gräber siebt!

Dich werd ich ob der tränen nie vergessen

Die denen du geweint die ich geliebt.

 

 

 

AN ERNST

 

Du schliessest vor dem vollen licht die läden

Und jedem wunsch und sinnst und harrest scheu

Und wirkst mit peinvoll emsigen händen treu

An deinem werk aus nachtgesponnenen fäden.

 


AN DERLETH

 

Du fälltest um dich her mit tapfrem hiebe

Und stehst nun unerbittlicher verlanger.

Wann aber führt dich heim vom totenanger

Die täglich wirksame gewalt der liebe? . .

 

In unsrer runde macht uns dies zum paare:

Wir los von jedem band von gut und haus:

Wir einzig können stets beim ersten saus

Wo grad wir stehn nachfolgen der fanfare.

 

 

 

EINEM DICHTER

 

Sieh diese knospen hier die quellend spaltete

Der wechsel späten scheins und milden regens

In deinem hohlweg – ihres vollen segens

Erfreun sich erst vom mächtigen strahl Entfaltete.

 


AN ANNA MARIA

 

Behängt mit allem doch des einen bloss

Wozu man bald euch ruft · was euch nur tüchtigt

Ihr schwestern: eurer lampen öl verflüchtigt ·

Betörte! wir sind nur durchs opfer gross.‹

 

Du richtest unser eitles tun und ringen

Mit hartem blick . . doch manchmal · böse nonne ·

Wird durch dein lächeln jedes düster sonne

Und hof und stadt ein markt von wunderdingen.

 

 

 

EINEM DICHTER

 

Schönste farben hellste strahlen

Gebt ihr da ihr grünt und quellt

Voll der ahnung aller qualen

Mitten in der blumenwelt.

 


RHEIN: I

 

Ein fürstlich paar geschwister hielt in frone

Bisher des weiten Innenreiches mitte.

Bald wacht aus dem jahrhundertschlaf das dritte

Auch echte kind und hebt im Rhein die krone.

 

 

 

RHEIN: II

 

Einer steht auf und schlägt mit mächtiger gabel

Und sprizt die wasser güldenrot vom horte . .

Aus ödem tag erwachen fels und borte

Und pracht die lebt wird aus der toten fabel.

 

 

 

RHEIN: III

 

Dann fährt der wirbel aus den tiefsten höllen

Worin du donnerst bis zur Ersten Stadt ·

Drängt von der Silberstadt zur Goldnen Stadt

Soweit die türme schaun vom heiligen Köllen.

 


RHEIN: IV

 

Nun fragt nur bei dem furchtbaren gereut

Ob sich das land vor solchem dung nicht scheut!

Den eklen schutt von rötel kalk und teer

Spei ich hinaus ins reinigende meer.

 

 

 

RHEIN: V

 

Dies ist das land: solang die fluren strotzen

Von korn und obst · am hügel trauben schwellen

Und solche türme in die wolken trotzen –

Rosen und flieder aus gemäuern quellen.

 

 

 

RHEIN: VI

 

Sprecht von des Festes von des Reiches nähe –

Sprecht erst vom neuen wein im neuen schlauch:

Wenn ganz durch eure seelen dumpf und zähe

Mein feurig blut sich regt · mein römischer hauch!

 


KOELNISCHE MADONNA

 

Schirmherrin du empfingst mich oft am tor

Wenn ich von Westen kam mit gramem blicke:

›Einst bracht ein volk so klar wie tief hervor

Mich lächelnde Madonna mit der Wicke.‹

 

 

 

BILD: EINER DER 3 KOENIGE

 

Dir · neuer Heiland! bracht ich meinen zins.

Nun lass mich wieder nach dem heimatplatze!

Noch bin ich jung und lebe frohen sinns

Der süssen krone und dem schönen schatze.

 

 

 

NORDISCHER MEISTER

 

Wo dein geheimnis lag und dein gebreste

War unsrer nächte quälender vertreib:

Du malst in deine himmel ein die reste

Von glanz um der gefallnen engel leib.

 


NORDISCHER BILDNER

 

Noch diese hüllen wirf! noch diese ketten

Zerbrich! die hemmen bei vervollkommnung . .

Nun klebst du nirgends mehr am schweren letten.

Nun wag einmal ins freie licht den sprung!

 

 

 

KOLMAR: GRUENEWALD

 

Dein wunder leib erträgt der henker klaue ·

Der ungeheuer huf und ekle härung

Sein lebtag · dass er für ein nu sich schaue

Im rosigen lächeln siegender verklärung.

 

 

 

HEISTERBACH: DER MOENCH

 

Euch ward wodurch ihr bisher galtet: türme

Gesänge sagen siege durchs Gebet.

Die welt die sein enträt · die nun entsteht

Ist spreu vorm Herrn und ihr vor ihm gewürme.

 


HAUS IN BONN

 

Eh ihr zum kampf erstarkt auf eurem sterne

Sing ich euch streit und sieg von oberen sternen.

Eh ihr den leib ergreift auf diesem sterne

Erfind ich euch den traum bei ewigen sternen.

 

 

 

WORMS

 

Neu war die welt erwacht: die fernsten schätze

Und blütenwolken trieb ins land ein föhn . .

Dann kam der frost: gezänk und starre sätze . .

Der schönste lenz entfloh uns mit gestöhn.

 

 

 

WINKEL: GRAB DER GUENDERODE

 

Du warst die Huldin jener sagengaue:

Ihr planlos feuer mond und geisterscheine

Hast du mit dir gelöscht hier an der aue . . .

Ein leerer nachen treibt im nächtigen Rheine.

 


AACHEN: GRABOEFFNER

 

Wenn dies euch treibt so milderts euren frevel

Die wieder ihr in heiligen grüften scharrt:

Die dunkle furcht vor nahem pech und schwefel

Die ahnung dass am tor das end schon harrt.

 

 

 

HILDESHEIM

 

Dass euch die schändung nichr zu sehr erbose

Der heiligen örter durch die niedre brut!

Denn goldne knospe trieb in treuer hut –

So schien es jüngst – die Tausendjährige Rose.

 

 

 

QUEDLINBURG

 

An steilen bögen und um wuchtige wand

Sausten im sturm die Heiligen die Gesalbten:

›Wir schirmen noch die höhn wenn sie auch falbten . .

Ruft euer heil nicht hinten aus dem sand!‹

 


MUENCHEN

 

Mauern wo geister noch zu wandern wagen ·

Boden vom doppelgift noch nicht verseucht:

Du stadt von volk und jugend! heimat deucht

Uns erst wo Unsrer Frauen türme ragen.

 

 

 

HERBERGEN IN DER AU

 

Bemalte erker zeitengraue balken

Und schindeln rufen auf die welt von eh . .

Verwunschner dorfplatz wo vom mund des schalken

Ein leiersang uns trifft wie tönend weh.

 

 

 

BOZEN: ERWINS SCHATTEN

 

Stimmen hin durch die duftige nacht verschwommen

Der mauern zitterglanz wie der natur

Entzücktes beben: sind sie nur entnommen

Mein Erwin deiner zarten spur?

 


BAMBERG

 

Du Fremdester brichst doch als echter spross

Zur guten kehr aus deines volkes flanke.

Zeigt dieser dom dich nicht: herab vom ross

Streitbar und stolz als königlicher Franke!

 

Dann bist du leibhaft in der kemenat

Gemeisselt – nicht mehr Waibling oder Welfe –

Nur stiller künstler der sein bestes tat ·

Versonnen wartend bis der himmel helfe.

 

 

 

TRAUSNITZ: KONRADINS HEIMAT

 

Hier sahst du wie die späten deiner brüder

Hinweg von heimischem fluss und flachem felde

Mit dem entflammten sehnsuchtsblick der süder

Zu dem gebirge als dem tor der Selde.

 


DIE SCHWESTERSTAEDTE

 

Lang schweigt in herzen neuster prunk der tuben

Wenn alle völker noch die spuren segnen

Von Göttern Helden die in der entlegnen

Landstadt für eine weil den thron erhuben . . .

 

Und hier drohst du herab vom bergeszacken

Der letzte grosse Stern der zeitenbiege . .

Die schmach die von dir kam – dein fuss im nacken

War mehr uns wert als manche matten siege.

 

 

 

HEILIGTUM

 

Wie tot ist mancher stadt getümmel und gekling:

Nur gilt ein altes bild als einzig lebend ding . . .

Hier liegt die form des kopfes der wie nie

Ein kopf verachtung auf die menschen spie.

 


STADTUFER

 

Wer kann dies wirrsal sehn mit andren sinnen –

Getrab der vielen räder füsse hufe –

Als jener Kaiser der zehntausend spinnen

Zusammen bringen liess in einer kufe . . .

 

Doch einer hob sich ab von diesem wimmeln

Der blossen haupts nah am geländer ragte ·

Der schauend nach den einzig wahren himmeln

Mit bleicher hand die geister rief und jagte.

 

 

 

STADTPLATZ

 

Ihr hoch und nieder rennt dem götzen nach

Der flitter hohle flache und gemeine

Aus eurem pfunde münzt. Mein volk ich weine

Wenn sich das sühnt mit armut not und schmach.

 


JAHRHUNDERTSPRUCH

 

Zehntausend sterben ohne klang: der Gründer

Nur gibt den namen . . für zehntausend münder

Hält einer nur das maass. In jeder ewe

Ist nur ein gott und einer nur sein künder.

 

 

 

EIN ZWEITER

 

Auch ihr gabt euer erbteil für ein mus . .

Bald gilt euch köstlicher erwerb für plunder ·

Ihr nehmt als wahrheit nur die tollsten wunder . . .

Weh! was bricht los und rennt mit nacktem fuss!

 

 

 

EIN DRITTER

 

Der mann! die tat! so lechzen volk und hoher rat ·

Hofft nicht auf einen der an euren tischen ass!

Vielleicht wer jahrlang unter euren mördern sass ·

In euren zellen schlief: steht auf und tut die tat.

 


EIN VIERTER: SCHLACHT

 

Ich sah von fern getümmel einer schlacht

So wie sie bald in unsren ebnen kracht.

Ich sah die kleine schar ums banner stehn  . . .

Und alle andren haben nichts gesehn.

 

 

 

EIN FUENFTER: OESTLICHE WIRREN

 

Strohfeuer bleibt dies schlagen und dies rasen

Bis sich inmitten ziellosen geschreis

Der Eine hebt . . doch wahre gluten blasen –

Wer kann es in ein volk aus kind und greis?

 

 

 

EIN SECHSTER

 

Nur aus dem fernsten her kommt die erneuung –

So braust der grosse sang zur frühlings-trift . .

Und eine hochzeit heilt von zwein: zerstreuung

Und zuviel kosten von dem süssen gift.

 


VERFUEHRER: I

 

Streut diesen sand und zweimal könnt ihr keltern

Und dreschen und das vieh ist doppelt melk.

Nun schwelgt und spottet eurer kargen eltern . . .‹

Doch übers jahr bleibt alles brach und welk.

 

Grelltönende saite ziehn sie auf ihre leiern:

›Gott aber tier‹ ›ein aber kein‹ ›grad und doch krumm‹.

Welten und zeiten durchrauscht nun! ein staunen! ein feiern!

Doch wer die grundnote hört der lacht und bleibt stumm.

 

 

 

VERFUEHRER: II

 

Wir sind nicht voll · wir haben nicht die drei

Und möchten doppelt sein mit unsrer zwei.

So rufen flehend wir die vier herbei

Aus nebel wahn und spuk und hexerei.

 


MASKENZUG

 

Der götter zug steigt abwärts an der rampe

Mit dem der ihre huld und hass beordre ·

Der tod und leben menge . . doch der vordre –

Verhüllt – ist mann und mutter mit der lampe.

 

Wo einst sie wurden müssen sie die lunten

Entzünden gehn für obere gloriole.

Sie steigen jeden weltentag nach unten

Und neigen dienend sich an irdische sohle.

 

 

 

FESTE

 

Hüllt auch das bild der schnöde werktag heuer ·

Hier trat aus zeiten-wirrnis und -gezeter ·

Das haupt bekränzt · vortragend offne feuer ·

Der erste feierliche zug der beter.

 


ZUM ABSCHLUSS DES VII. RINGS

 

Wogen brachen aus einer tosenden see.

Wracke und leichen schlang eine grollende see . .

Später erglitzerten unter dem sternengold

Längs den gestaden korallen und perlen und gold.

 

 

 

EIN GLEICHES: FRAGE

 

Der mehr denn fürst sich sondernd herrischen blickes traf

Die brüder und ihr werk verwies zum kot –

Wer bist du Fremder? ›Ich bin nur demütiger sklav

Des der da kommen wird im morgenrot.‹

 

 

 

EIN GLEICHES: KEHRAUS

 

Die hexen und beschwörer die noch spuken –

Hinaus! Die dämmrung bricht durch alle luken.

Dass der nur rück ins reine haus sich wage

Der hüllenlos sich zeigen darf im tage!

 


EIN GLEICHES

 

Ganz wuchs empor in vaterländischer brache

Dies werk und ging der reife zu ganz ohne

Fernluft . . . Was früher klang im tempeltone

Deucht nun den menschen mehr in ihrer sprache.

 

 

 

EIN GLEICHES: AN WACLAW

 

Beim abschied damals lag noch in der leere

Das buch gediehen ganz an heimischer statt . .

Nun bin ich dankbar dass dies lezte blatt

Doch noch dein ritterlicher schatten quere.

 

 

 

EIN GLEICHES

 

Da mich noch rührt der spruch der abschieds-trünke

Ihr all! und eure hand noch wärmt: wie dünke

Ich heut mich leicht wie nie · vor freund gefeit

Und feind · zu jeder neuen fahrt bereit.