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Ksaver Šandor Gjalski – Notturno

Novelle

aus: Slavische Romanbibliothek, IV., Südslavisches Novellenbuch, Verlag von J. Otto, Prag, 1905
Notturno übertragen von Fr. Vever

I.

Ich zog sie an meine Brust und mit bebenden Lippen preßte ich einen Kuß auf ihre blasse Stirne – ich wußte, daß wir zum letztenmale beisammen sind im Leben. In den Ohren klangen mir noch die verhängnisvollen Worte des Arztes, mit denen er mir im Vorzimmer mitteilte, was ich zu erwarten hätte – und ich mußte mich mit dem Aufgebote meiner ganzen Willenskraft zur Ruhe zwingen, um nicht zu verzweifeln, um nicht bitterlich – ununterbrochen – weibisch zu weinen! Ich mußte Hoffnung heucheln und gleichzeitig ihre Worte widerlegen, mit denen sie mich in ihrer großen Liebe zart und vorsichtig auf die Nähe der ewigen Trennung – auf ihren Tod – vorbereitete.

»Nein – nein!« – entrang sich meiner Brust um ihre Worte zu übertönen und meine eigene innere Überzeugung zu betäuben. – »Du kannst mich nicht verlassen, Du darfst nicht von mir gehen – ach, Jelene, Du meine Seele! Mein alles bist Du – mein Glück und mein Leben – ach, was sollte ich ohne Dich!«

Und ich überlegte wieder alle Gründe meiner, derzeit schon gescheiterten Hoffnungen, aus welchen ich mir schon einen ganzen Monat, seitdem sie schwer erkrankt war, eine Feste wider die Angriffe des klaren Verstandes baute, daß es für sie keine Rettung mehr gebe.

Und wirklich, wenn ich sie jetzt hörte, wie klar sie denkt, wie klug sie spricht, wie ihre Sprache hell ist, war’s mir für einen Augenblick, als hätte ich wieder ein wenig Hoffnung geschöpft. Dieser Hoffnung entsprang ein mächtiger wünsch, groß und stark, dieses mir so teuere Wesen, so schön und jung, am Leben zu erhalten. Ich haschte förmlich nach jedem Strohhalm und langte nach jedem Faden, an dem ihr junges Leben hing.

»Du darfst nicht – darfst mich nicht verlassen – Du mußt bei mir bleiben und wenn keine Arzneien helfen, unsere Liebe – sie muß Dich retten!« – fabelte und phantasierte ich in äußerster Ekstase.

»Mir ist so schlecht! – Ich kann nicht – kann nicht mehr leben. Ach, wenn Du wüßtest, welch furchtbare Schmerzen ich leide. Selbst müßtest Du wünschen, daß ich von ihnen befreit werde. Ach – nur der Tod kann mich erlösen. Ich muß – muß sterben – für mich gibt es kein Leben mehr.«

»Schon wieder! Sprich nicht so! Erinnere Dich doch der glücklichen Zeit, die wir verlebt haben, unserer stillen, paradiesischen Liebe – jener wonnevollen Seligkeit, in der wir, von der ganzen Welt verstoßen und verurteilt, in unserer verborgenen Einsamkeit alle Zufriedenheit fanden – alles märchenhafte Glück, wo uns unsere Herzen das Weltall waren und der stille – stille und bescheidene Winkel, eng und schmal, in dem es für niemanden und für nichts mehr Raum gab, als für unsere Liebe und unsere Küsse. Ach, Jelene, – erinnere Dich dessen – und gewinne das Leben wieder lieb!«

Und mich über das Bett neigend, hebe ich ihren leidenden Körper zu mir, um ihr mit einem heißen Kusse die Kraft und Lust zum Leben einzuhauchen, um sie mit den flammenden Blicken meines erregten Willens zur Annahme wenigstens eines Teilchens seiner Energie zu zwingen.

Und es schien mir, als wäre sie dem Zauber meiner befehlenden Worte – der Kraft meines Wunsches unterlegen. Das schöne, wieder auf die Kissen niedergesunkene, ovale, vom Schmerze abgehärmte und verzogene Gesichtchen färbte sich für einen Augenblick mit zartem Rot und erblühte in einer eigentümlichen Frische, in der die vom Schmerz verzogenen Züge verschwanden. In den schönen, großen, lazurblauen Augen erglänzte wieder jenes goldene Leuchten, das mich in den glücklichen Tagen unserer jungen Liebe so oft bezaubert hatte, daß ich auf die Knie sank, um ihre kleinen Füßchen zu küssen. – Der kalte Schweiß verschwand auch von der Stirne. Das üppige schwarze Haar machte neben der Alabasterweiße des Halses und der Schultern nicht mehr den unheimlichen, leidenden Eindruck, es erinnerte vielmehr an das aufgelöste Haar einer glücklichen Braut in der ersten Liebesnacht.

Ach – wie schön sie war!

Von der Mitte des Plafonds übergoß sie das Licht der Nachtampel mit einer zarten, rosafarbenen Welle und wogte zitternd um ihren Körper. Aus den weißen Spitzen des Kissens quoll ihr schwarzes, üppiges Haar, ihre Stirne umsäumend, und über ihren Schwanenhals auf die entblößten, immer noch olympischen Schultern fallend, deren Teint die Weiße des Elfenbeines hatte. Die Spitzen des Hemdes vom indischen Musselin beschatteten den Hals und die Brust, das Geheimnis ihrer übrigen Schönheit verhüllend. Die kranken Händchen mit ihrer durchsichtigen Haut ruhten auf der blauen Seide der Decke und ihre schönen Augen sahen beständig, bewegungslos, mit einem heißen, treuen Blicke zu mir hinauf.

Mein ganzes Wesen empört sich dagegen, daß dieses wunderschöne, junge Leben, so vieler süßer Reize voll, aufhören sollte zu sein, daß es binnen einer kurzen Spanne Zeit – nur ein Häuflein toter, unorganischer Teilchen werden sollte, während es jetzt noch – sieh’– eine ganze Welt von Gedanken, Empfindungen und Schönheit ist!

Ich konnte es gar nicht fassen, daß es möglich wäre, und meine Liebe sog durstig die wunderbare und teuere Erscheinung in meine Seele ein – jede Linie, jeden Zug wollte ich meinem Gedächtnisse einprägen.

Ach – es dauerte nur ein Weilchen, daß sie aussah, als hätte sie sich erholt. Die schwere Krankheit empört sich gegen die ihr aufgedrungene fremde Kraft und erfaßt mit noch stärkerer Energie ihre Beute. Und die Ärmste sah wieder elend aus, leidend – abgequält!

»Ich bin unwohl. – Ich kann nicht mehr!« seufzt sie angestrengt, sich im Schmerze windend, der in ihrem Innern wütete.

»Jelene, mein Herz – fasse Dich, um Gotteswillen!« – schreie ich fast wahnsinnig auf, zitternd vor Angst, daß ich sie im selben Augenblicke verlieren werde. – »Verlasse mich nicht – verlasse mich nicht, Du meine Seele!«

»Warum glaubst Du, daß wir uns trennen müssen? Denkst Du denn nicht daran, daß uns zwei nicht einmal der Tod trennen kann? – Ich weiß, daß er uns unsere Liebe nicht rauben kann, denn meine ganze Seele will es so. Etwas sagt mir immer, daß es nur von uns abhängt!«

Während sie dies sprach, nahm sie meine beiden Hände und sah mich mit einem tiefen, sterbenden Blicke immer intensiver an. Willenlos überließ ich ihr meine Hände. Sie faßte sie fest – fest und zog mich schließlich ganz zu sich herab, so daß ihr heißer Atem meine Wangen streifte. Ihre Augensterne wurden immer größer und plötzlich fängt sie mit fester, fast befehlender Stimme zu sprechen an.

»Du darfst nicht denken, daß ich Dich verlasse. Sieh’ – ich liebe Dich so sehr! Du wirst mich auch über das Grab hinaus stets bei Dir haben und mußt mich gleich lieben, denn auch ich liebe Dich grenzenlos, und ich will nicht, daß diese Liebe erlösche. Du wirst mich sehen – wir werden beisammen sein – lange – lange – ich kann es gar nicht absehen, wie lange! – Ach – und Du darfst mich nicht so leidend sehen, so verwelkt – schwach und unschön. Du wirst mich sehen so gesund und stark – jung, wie damals – am Meere, als wir uns zum erstenmale auf den Schwingen der Wogen begegneten und im selben Augenblicke uns für immer liebgewannen!«

Sie sprach ruhig. Ihre Stimme wurde immer stärker und entschiedener. Ihr ganzer Körper hob sich immer näher zu mir, ich verspürte noch stärker ihren trockenen Atem und ihre Augen schienen in Glut und Glanz zu flammen.

Ich konnte an das Unglück, das mich erwartete, gar nicht mehr denken. In diesem Augenblicke vergaß ich ganz, daß der Engel des Todes seine unheimlichen und kalten Fittiche schon über diesem Bette ausbreitet – ich sog nur die Worte der Kranken ein, ihren Inhalt – ohne sie mir zu deuten, ohne ihre Bedeutung zu fassen. Ich wurde förmlich zum Kinde, zum Spielzeuge, ohne jeden eigenen Willen. Es war mir ganz wunderlich zu Mute, eine Zeitlang glaubte ich zu träumen, oder besser, ich hörte die Worte wie im Traume, und doch wieder andererseits – die vollkommene Klarheit und das wache Bewußtsein. Bei mir gab es keine Überlegung, ebenso, wie ich mich in diesem Augenblicke hätte nicht rühren können, nicht mit den Augen blinzeln. Jede Einzelheit – die ganze Zeit, prägte sich mir klar in die Seele ein.

»Gibst Du acht? Hörst Du mich? – unterbrach sie sich selbst. – »Höre mich! Du mußt, Du willst mich weiter lieben, und wirst mich sehen – schauen – mit mir verkehren und beisammen sein! Uns wird der Tod nicht trennen!«

Ich erschrak bei diesen letzten Worten und raffte mich aus meiner Lethargie oder was das war, auf. Ein schrecklicher Gedanke schoß mir durch den Kopf, daß ihre Worte nichts anderes, als die Agonie des Geistes sind; denn so fremd und wunderlich schien mir der Sinn ihrer Rede, als ich sie jetzt überlegte. Trotzdem ich aber kein Wort sagte und mich bemühte, meine Angst und Sorge nicht zu verraten, drückte sie mir doch im selben Augenblicke fest die Hand und sagte:

»Du denkst Dir jetzt, daß ich phantasiere – daß ich nicht mehr weiß, was ich spreche – und glaubst meinen Worten nicht – Du gehorchst ihnen nicht. Aber Du mußt – mußt. Ich will, daß Du mich auch weiter liebst, daß Du mich sehen sollst. Merke Dir das – Du wirst so tun, wie ich es will.«

»Ach, Jelene, ich bin für ewig Dein!« – sage ich fast besinnungslos und fühle wieder die frühere Ohnmacht und Willenlosigkeit. – Ich wußte nur, daß ich mit diesen Worten meinen einzigen Wunsch, meinen ganzen Willen äußerte.

Wie sie mich so sieht, huscht ein zufriedener Ausdruck über ihr Gesicht, und nach einer Weile verfällt sie wieder in ihre frühere Qual. Sie sinkt zurück in die Kissen, ihr Kopf legt sich ohnmächtig seitwärts und ihre, mit kaltem Schweiß bedeckten Hände lassen mich los. Die Lider fallen ihr über die Augen und die feuchten Wimpern bedecken die schwarzen Ringe ober den Wangen.

In diesem Augenblicke komme ich zum Bewußtsein und es war mir nicht mehr möglich, über das kaum Geschehene nachzudenken. – Erschreckt und in unermeßlichem Schmerze schmiege ich mich näher an sie. Das Herz pochte, als ob es springen sollte. Jetzt wußte ich, daß ich vor ihrem letzten Augenblicke stehe.

»Ach – da bist Du – mein Guter, Lieber!« – lispelt sie und öffnet die Augen, die im selben Momente mit einem Blicke den ganzen Raum umfaßten.

»Siehe – er kam!« – sagt sie mit sichtlichem Entsetzen, kaum verständlich. Ihre Augen mit den vergrößerten Pupillen hefteten einen unklaren Blick in den Winkel über dem Bette. Und es war augenscheinlich, daß sie nicht mehr die Welt sehen können, der sie angehören.

»Da ist er!« – lispelt sie noch einmal, und ich sah, wie sie die Hände zum Gesicht erheben will, wahrscheinlich um sich schaudernd die Augen zu bedecken. Sie konnte aber nicht mehr. Die Augen verloren sich mit ihren Blicken immer mehr in das Unendliche, in die Erstarrung. Und bald fängt sie an unverständliche Worte zu reden, die mir nur unartikulierte Laute halb erstorbener Organe zu sein schienen – wie eine ganz fremde, unbekannte Sprache, die ich noch nie gehört habe.

Dann folgten wieder einzelne bekannte Worte, die immer mehr im Todesröcheln erstarben, das sich schwer und schmerzhaft der jungen, üppigen Brust entrang. Es begann der furchtbare Kampf zwischen dem jungen Willen zu leben, und der Ohnmacht des kranken, vom Schmerze gebrochenen Körpers.

Mir stand der Atem still vor Schmerz und Weh. Grenzenlose Verzweiflung und furchtbares Leid übermannten mich ganz. Fast brach ich zusammen, körperlich sowohl als seelisch, und doch nahmen die erregten Nerven mit schrecklicher Klarheit jede Einzelheit des verhängnisvollen und verfluchten Augenblickes wahr.

Um mich herum ist alles still. – Nur ihr Todesröcheln knirscht und zieht schmerzlich durch die Luft. – In dieses Röcheln mischt sich beständig das gleichmäßige Ticken der alten Uhr ober dem Bette, jeder Schlag tönt schmerzhaft in meinem Kopfe nach und entschwindet mir zu rasch, und im selben Augenblicke bin ich ihm wieder dankbar, daß er so mitleidig war und mir nicht entschwunden ist, und mit Entsetzen passe ich auf und warte auf den nächsten Schlag, der die Schere der Parze schließen wird.

Und immer schwächer wurde das Röcheln. Zeitweise hört es auf und das Antlitz verliert den schmerzlichen und qualvollen Ausdruck und etwas Feierliches erglänzt in den schönen Zügen. Die Augen beleben sich wieder und auf mich fällt ein Strahl des guten, treuen Blickes und die Lippen sprechen ganz deutlich: »Die Liebe ist bei mir. Sie bleibt ewig mir!«

Sie drückt meine Hand und sagt laut: »Auf Wiedersehen!«

Dabei sinkt sie zurück, streckt sich aus, und in dem Frieden atmenden Gesichte legt sich ein ernster, entschlossener Zug unter die Stirne – und ihr letzter Atemzug schwebt durch die Luft.

Sie ist verschieden – ach – und die Uhr geht trotzdem gleichmäßig weiter und schlägt um dieselbe Zeit die zweite Stunde nach Mitternacht – sie geht weiter, weiter tönt ihr gleichmäßiges Ticktack – dieses leblose Werk, von Menschenhand zusammengefügt – es überdauert das menschliche Wesen, das sich mit den Gedanken in die Sphären der Ewigkeit erhob und dessen Empfindungen unbegrenzt waren, wie die Weiten des Oceans! – Bei allmeinem eigenen Unglücke mußte ich in diesem Augenblick an die ganze Tragik der menschlichen Erscheinung denken – an dieses Nichts, in dem der unsterbliche göttliche Gedanke eingeschlossen ist!

Schließlich war ich gezwungen, den Pendel der Uhr anzuhalten, um in seinem Ticktack nicht länger das sardonische, lächelnde Flüstern der bitteren, boshaften Ironie hören zu müssen, die mir erzählt, wie schon zweihundert und siebzig Jahre die Uhr beständig geht und geht, in ewig gleichmäßigem Ticktack, und unverdrossen die Stunden schlägt, während dem eine unabsehbare Reihe ihrer Zeitgenossen aus diesen Jahren in Staub und Asche zerfiel – in Nichts.

In Nichts. – Kühl und steif – immer blässer und gelber werdend – wie aus Wachs geknetet, lag ihr Körper hier. Krampfhaft erfaßt mich ein furchtbarer Schmerz. In riesenhaftem Verhältnisse mußte ich den großen Abstand sehen, der in einem einzigen Augenblicke hier entstanden ist, wo eben jetzt noch der beflügelte Gedanke war – ein eben solches himmelhohes Empfinden, wie jetzt noch in mir – sogar wie in jenen Geistern, die alles lenkten und schufen, was man die Geschichte des Menschen nennt – und ein Augenblick nur – und es bleibt nichts mehr übrig, als eine zähe Materie, der unorganischen, toten Welt zurückgegeben.

Ich beugte mich vor der Majestät des Todes, um mich ihr sofort wieder zu widersetzen. Die Augen vor dem unabsehbaren Abgrunde schließend, der mich von der Verschiedenen trennt, fiel ich über die tote Brust und auf dem kühlen, starren Antlitz verloren sich wie im Irrsinne meine letzten Küsse.

In dieser schweren Nacht konnte ich nur weinen, ich erinnerte mich gar nicht ihrer letzten Worte und dachte nicht an die Bedeutung derselben. Vor meiner Seele starrte nur ein unabsehbar tiefer Abgrund, in dem für immer meine teuere Geliebte entschwunden ist. Die Lippen, die vom Weinen schmerzten, konnten verzweifelt und mechanisch immer nur dieselben Worte stöhnen: »Alles ist vorbei – alles ist verloren!«

Und der tote Körper mit seiner Unbeweglichkeit, mit seiner Taubheit und mit den erloschenen Augen machte mich erschauern. Das Gesicht ist noch dasselbe, die Schönheit eines Engels ruht auf ihm – noch schöner und himmlischer, als in jenen vielen wunderbaren Stunden, wo ich sie in ihren seligen Träumen betrachtete – ach – und doch – für mich, für unsere grenzenlose Liebe gibt es in ihm keinen Ausdruck mehr, keinen Sinn. »Ach – tot ist sie – tot – alles ist vorbei!«

 

 

II.

Es vergingen vier Tage. Mein grenzenloser Schmerz ließ keinen Augenblick nach. Er bedrückte mich so, daß es mir vorkam, als sähe ich meine abgequälte Seele, auf der etwas Ungeheueres – Furchtbares – Schweres liegt, was nicht mehr mit einem menschlichen Maße zu ermessen und was so stark ist, daß ich darunter ewig empfinde, wie ich nur noch einen Augenblick diese übermenschliche Last werde ertragen können und dann – in einem Momente wird auch dieser letzte, schwerste Teil des Seins zermalmt sein in ein Nichts.

Das unheimliche Bild der unglücklichen Stunde schwebte mit unbarmherziger Härte beständig vor meinen Augen – beständig sah ich jede einzelne Kleinigkeit. Und ihre letzten Worte – so sicher ausgesprochen: »Auf Wiedersehen!« – tönten auch ununterbrochen in meinem Gedächtnisse nach.

Daraus löste sich ein immer stärkeres Sehnen, Wünschen und Hoffen, das seinen Ausdruck in den Worten – in der Bitte – in fortwährendem Beschwören fand: wenn es noch Etwas nach dem letzten Atemzuge gibt, es möge sich mir offenbaren, es möge kommen, damit es mich überzeuge, daß es noch über die Grenzen der Materie hinaus Empfindungen gibt, Gedanken und Gefühle – Willen und Liebe!

In der ersten Zeit empörte sich alle Logik gegen solche Gedanken. Mein ganzes verständiges Wesen wandte sich mit größter Verachtung von diesen naiven – halb wahnsinnigen Wünschen ab – das Herz aber und noch etwas Unbekanntes im Innern ließ sich durch den Verstand nicht beirren, nährte aber gleich den Wunsch nach einer Antwort und haschte stets nach dem Schleier von Sais, um ihn für einen Augenblick zu lüften und die Geheimnisse hinter ihm zu ergründen.

Den achten Tag konnte ich die goldverzierten Einbände der Werke Spencers, Taines und Häckels gar nicht mehr ansehen, um nicht eine starke Unzufriedenheit und eine Art verzweifelten Hasses gegen jene Überzeugungen zu empfinden, welche diese Bücher in sich bargen. Und mich von ihnen abwendend, beginne ich mich mit Gewalt in dem Dunkel von Fabeln, alten Märchen und heiligen Legenden zu verlieren; ich versank in tiefe und unabsehbare Abgründe ewiger Geheimnisse, wo der Unglückselige Erdenmensch einen Trost gegen den für ihn übermächtigen Gedanken sucht, daß er nichts anderes ist, als eine flüchtige Welle im Laufe des Flusses.

Diese alten Fabeln wiegten mich wirklich in eine gewisse mystische Erregung ein. Vor der elften Nachtstunde saß ich allein in dem Sterbegemache, in gespannter Erwartung, etwas zu hören, etwas wahrzunehmen, oder wenigstens zu empfinden. Die Poesie, die aus des Menschen verblichenen Hoffnungen und Tröstungen weht, umfing mich mit ihrem Zauber, mit ihren geheimnisvollen Rätseln, und ich sah und fühlte förmlich vor meinem geistigen Auge alle jene mächtigen Bilder der menschlichen Phantasie, die der größte Sänger des Mittelalters so glänzend und herrlich in seiner wirklich göttlichen »Divina Comedia« geschildert hat. – Und die Worte der Verstorbenen »auf Wiedersehen« mischten sich in diese Phantasien und ich hoffte, daß wenigstens die Uhr, die ich in der Stunde, da sie starb, zum Stehen gebracht hatte, jetzt plötzlich, von sich selbst anfangen wird zu gehen.

Um mich des Spottes der eigenen Vernunft zu erwehren, rief ich in mein Gedächtnis alle Erzählungen von ähnlichen Begebenheiten zurück.

Aber die Stunden vergehen – und um mich herum meldet sich nichts, rührt sich nichts, und meine Seele wiederholt schmerzlich und verzweifelt Fausts Worte: »nichts – nichts!«

Nur die Schatten der alten Möbeln zittern im schwachen Scheine des flackernden Nachtlichtes. Nur blöde Nachtfalter flattern um die Flamme herum. Und still ist es – so still, daß ich das Kriechen einer riesigen Spinne in der oberen Ecke der Wand vernehme. Endlich scheint es mir, daß es nicht mehr die Ruhe des schlafenden Tages und der stummen Nacht ist, sondern die wirkliche Erstarrung des Todes.

Vergebens richte ich die Augen auf die alte Uhr, sie steht still. Vergebens verfolge ich jeden Schatten auf dem verhängnisvollen Bette, keine Falte rührt sich von ihrer Stelle. Die Winkel sind wohl schwarz, aber sonst nichts. Die Stühle verbleiben gleich reglos in ihrer dummen Pose – wie die Ausschußmitglieder um den Tisch herum.

Und schmerzlich – schmerzlich wiederhole ich ununterbrochen: »Also nichts – nichts!«

Es nutzen nichts die Märchen, Erzählungen, die Legenden und Sagen, dagegen sah mich von der einen Seite mit strengem Ausdrucke das Golgathakreuz an, und von der andern schien es, als lösten sich einzelne Buchstaben von den goldgeschmückten Einbänden der Werke Spencers, Darwins, Moleschotts und Taines, und als ob sie sich von der Etagere springend, in einer lichten Linie geordnet, zu einem einzigen Worte zusammenlegten: »Unwissender!«

Mit Gewalt raffe ich mich auf und mein Blick schweift zum geöffneten Fenster hinaus, durch welches eine frische, herbstliche Kühle strömte und dichte Finsternis sich wälzte.

An einem Teilchen des Himmels sah ich einen winzigen bleichen Stern. Seine schwachen Strahlen trafen mich gerade in die Augen und der Gedanke begann sich in seine unendlichen, unabsehbaren Fernen zu verlieren und im Innern flüsterte mir etwas wehmütig zu, daß, wie weit auch dieser Stern sein mag, dessen Gegenwart in diesem Augenblick erst um zweimal hunderttausend Jahre jüngere Menschengeschlechter als ich bemerken werden, mir dieser ferne Stern doch näher, doch verwandter ist, als das »Ich« des liebsten Wesens, seitdem es den letzten Atemzug getan!

Ach – und ich erschrak vor diesem bodenlosen Abgrunde, der sich mir in diesem Gedanken zeigte, und mit schrecklicher Verzweiflung starrte ich in die nächtliche Stille, die mir nichts bringt und nichts offenbart.

Und doch gab es etwas, das verursachte, daß ich einen kalten Schauer vor dieser Stille empfand, vor dieser Nacht, vor der es mir ganz bange und ängstlich wurde, trotzdem mich die Vernunft beständig versicherte, daß ich keinen Grund habe, eine Antwort auf meine Wünsche und Fragen zu erhoffen, und nichts anderes in dieser Stunde zu sehen, als daß die Seite des Planeten, auf der ich mich befinde, jetzt von der Sonne abgewandt sei. Das Herz ließ sich nicht beruhigen, jede Faser, jede Ader in ihm schrie nach Offenbarung.

»Ich gehe sofort auf den Friedhof – vielleicht wird sich dort! –« denke ich laut und im selben Augenblicke entschließe ich mich und gehe hin. Ich lief geradezu und eilte, nur um vor Mitternacht noch den Friedhof zu erreichen.

 

 

III.

Nach einer halben Stunde war ich dort. In der ziemlich dunklen Nacht konnte ich kaum die weißen Mauern der Pfarrkirche in unklaren Umrissen unterscheiden. Nur ein Fenster war deutlich sichtbar, das in der Richtung des ewigen Lichtes lag. Schwache rote Linien und gelbliche lichte Luken machten einzelne seiner Teile erkennbar. Die Linden vor der Kirche ahnte ich nur in den riesigen Umrissen schwärzer, unregelmäßiger Massen, die sich in der dunklen Finsternis noch dunkler von den übrigen schwarzen Wogen der Nacht abhoben und hin und her wogten.

Den zerbrochenen Zaun des Friedhofes konnte ich erst in nächster Nähe entdecken. In der Hast blieb ich mit der Tasche des Rockes an dem Gitter der Türe hängen, stolperte und wurde in meiner Eile aufgehalten.

Im ersten Moment werde ich bestürzt. Ein physischer Schreck vor etwas Unbekanntem bemächtigt sich meiner für einen Augenblick, und dann beklage ich doch die reale, natürliche Lösung des Rätsels. Aber dennoch erschauerte ich im Innern. Und eine Zeitlang war ich wirklich unzufrieden, daß ich hergegangen bin. Nur aus Scham kehrte ich nicht um, beständig überlegend, wie dumm und närrisch es sei, was ich da begann.

Es ist nicht nötig, daß wirklich etwas daran ist – aber die durch tausendjährige Überlieferungen von Geschlecht zu Geschlecht sich vererbenden Vorurteile und der nachfolgende Schreck können an einem solchen Orte den kühlen Verstand erschüttern und die Phantasie erregen – die Augen sehen dann alle Überlieferungen und die erregten Nerven fühlen ihre eigenen Kinder – redete mir die Vernunft zu, während ich noch immer an der Türe stand und auf den Friedhof sah, der im nächtlichen Dunkel versunken lag, aus dem zwei oder drei weiße, steinerne Kreuze unsicher und zitternd herausragten. Unweit von mir glaubte ich noch den Stamm eines alten Weidenbaumes zu erkennen.

Aus dem Grase meldeten sich die dünnen und feinen Stimmen der Herbstgrillen. Durch die Luft schwirrten jeden Augenblick einzelne Fledermäuse und ich hörte den weichen Schlag ihrer Flügel. Dunkle Wolken zogen am Himmel dahin, ununterbrochen einen Stern nach dem andern verdeckend. Der östliche Horizont begann sich am Rande des entfernten, dunklen Bergwaldes rötlich zu färben, dann fiel von dort gerade auf das Hauptkreuz des Friedhofes ein schmaler, blutiger Lichtschein. Auch über den Turm der Kirche zog ein schmaler, lichter Flecken.

Einige Spannen ober meinem Kopfe fliegt ein riesiger Vogel vorbei, in dem ich an dem lautlosen Schwingen der Flügel eine große Eule erkenne, doch im selben Augenblick war sie schon irgendwo im Dunkel verschwunden. Die durch ihren Flug bewegte Luft berührt mein Antlitz.

Von dem Kirchturme schlägt es elf und drei viertel. Mit einem klaren, mir wieder so wunderlich erscheinenden Klange widerhallten die langtönenden Schläge des Metalls und das nachfolgende Geräusch des Rades in dem Werke der Uhr mischte sich grob und brummend mit diesen Schlägen. Zugleich mit dem Schlagen der Uhr meldet sich eine Nachteule von irgend einem Gipfel der buschigen Linden vor der Kirche. Ihre eintönigen klagenden Rufe tönten weit in die stille Nacht und schienen aus den nächtlichen Tiefen etwas zu rufen und zu locken. Und in der Tat bald rollt der Mond hinter den Bergen herauf und zeigt seine runde Scheibe. Eine schwarze, längliche Wolke streift träge an ihm vorbei und vergoldet ihre Ränder in seinem Lichte, empfängt einen phantastischen, märchenhaften Glanz und verschwindet dann hinter dem Berge und der Mondschein ergießt sich unbehindert über den Friedhof.

Und jetzt zeigen sich meinem Auge auf einmal alle die langen Reihen weißer, ergrauter und zerbrochener Holzkreuze. Hügel an Hügel tauchte jetzt, aus dem, von den ersten Frösten versengten Unkraut hervor, und mancher war ganz mit hohem, von Herbstwinden gebeugten Grase bedeckt. Stellenweise ragte noch eine halbverwelkte rote Mohnblume aus dem Grase, im Mondlichte erglühend, zusammen mit irgend einem barbarischen Grabschmuck, der sich noch an dem oder jenem Kreuze erhalten hat. Schollen lehmiger Erde waren überall herum verstreut und unter ihnen schimmerten dünne, kurze, dann wieder längere Stückchen von etwas, das grau und wie rostig aussah, ähnlich ausgetrockneten und vom Regen abgewaschenen hölzernen Stäbchen, oder wieder den Scherben von einem gewöhnlichen, irdenen Gefäß. Das Mondlicht glitt über diese Stücke und ließ sie deutlich von der Erde unterscheiden. An manchen konnte ich ganz genau wahrnehmen, daß sie mit einem Netze von dünnen Fäden, die die Farbe der Erde hatten, übersponnen sind.

Bald erriet ich, daß es Knochen aus den umgegrabenen, vergessenen Gräbern sind, und es wurde mir so bange, daß ich mich nicht mehr traute auf den Boden zu blicken. Zunächst warf ich aber doch einen Blick zu Boden, ob mein Fuß nicht auf so einem Überreste eines Wesens steht, welches einst ebenso dachte und fühlte, wie ich jetzt!

In diesem Augenblicke bewegt sich etwas zu meinen Füßen – eine riesige Kröte kriecht faul weiter in das Gras, aber auch dieser kurze Moment war lang genug, um mich fühlen zu lassen, wie verwundert – böse und verächtlich sie mich mit ihren stumpfen Porzellanäuglein ansah. Ein Schauer überlief mich und eine Weile war es mir, als sähe ich in dieser Kröte nicht mehr einen Organismus, den unser Wissen in den Verband dieser oder jener Familie, Gattung und Geschlechtes eingeteilt hat, sondern ein Wesen aus einer geheimnisvollen, unbekannten, märchenhaften Welt.

Mit Gewalt erhebe ich den Kopf und blicke zum Himmel hinauf. Hier schienen sich die Wolken vor dem silbernen Glänze des Mondes zerronnen zu haben. Nur noch hie und da segelte eine am westlichen und nördlichen Horizonte und in der Mitte des Himmelsgewölbes, um den Zenith herum war alles klar und rein. Der Polarstern schimmerte und funkelte. Der kleine Bär glänzte mit allen seinen Sternen, ebenso leuchtete im großen Bären das mittlere, schwächste Sternlein klar und deutlich. In großer Höhe bemerkte ich in derselben Ecke des Himmels ein riesenhaftes, dunkles Dreieck, das sich geradeaus ruhig, lautlos und doch unglaublich rasch dem Süden näherte.

Erst als diese, im ersten Moment gespensterhaft anmutende Erscheinung in der Höhe ober mir ankam, unterschied ich ein undeutliches Schnattern und Zwitschern. Es waren Vögel aus fernem Norden, doch konnte ich sie wegen der riesigen Höhe nicht unterscheiden.

Mit Interesse folgte mein Auge den fernen Wanderern, und trotzdem ich diese ganz natürliche Erscheinung kannte, erbebte ich doch  vor dieser Szene aus dem nichtmenschlichen und nächtlichen Leben und empfand plötzlich das Geheimnisvolle der Natur und ihre Majestät.

Und noch war die Schar der unerschrockenen Wanderer in den luftigen Höhen dem Auge nicht entschwunden, als ich dicht ober mir das Flattern und Rauschen von Flügeln vernehme, das sich, ähnlich dem Brausen eines geschwollenen Baches oder des durch Wind bewegten Waldes weit in die schlafende, stumme Nacht ausbreitet; ich schaue hinauf und sehe eine mächtige schwarze Wolke fliegen, immer näher und näher, einmal höher, einmal tiefer, übermütig wie im Spiele tief ober der Erde wogend. Es war eine Schar irgend welcher kleiner Vögelein, Zugvögel, die sich mit sichtlicher Wonne den Luftwellen hingaben, sich in der guten, stillen Nacht ganz sicher fühlend. Auf einmal wirft sich etwas laut- und geräuschlos von dem Kirchturme unter sie, wie eine große eiserne Kugel. Die Vögelein zerstreuen sich erschreckt in eine lange, zerrissene und ausgedehnte Fläche, um sich gleich wieder zu einem festen Knäuel zusammenzufügen, und segeln wieder als eine dichte Wolke weiter dem fernen Süden zu, und jenes große Etwas kehrt im ruhigen lautlosen Fluge zum Kirchturme zurück und es wird ein schmerzlicher, verzweifelter Schrei eines kleinen Vögeleins hörbar, der Tod und das Leben feierten hier gemeinsamen Triumph!

Erzitternd richte ich mit Gewalt den Blick in die Weite gegen den Süden, wo schon von den beiden Scharen der Zugvögel jede Spur verschwunden ist. Und wieder war ich allein, ohne die Nähe eines andern Lebens, als meines eigenen, und es ward mir ganz bange, daß mich die nächtlichen Wanderer so bald verließen. Einsam – einsam fühlte ich mich auf diesem Friedhofe – in dieser stillen Nacht, in der alles ruhte, nur die Wellen des Mondlichtes zitterten und wogten noch. Alles überfluteten sie mit ihrer Weiße und ihrem Silberglanz. Man sah, wie sie sich ausbreiten in der stillen lautlosen Gegend, selbst ohne Laut und ohne eine sichtbare Bewegung, begleitet von eben solchen weichen und stummen Schatten, die einmal schwarz, dann wieder halblicht und immer länglich und breit und durcheinander verflochten sind.

Zuweilen erglänzten stellenweise ganz beleuchtete Flächen oder Höhen, wie angehäufter Schnee, oder lange Leintücher, und in den schwarzen, beschatteten Winkeln wieder funkelte hie und da etwas, was man nicht unterscheiden konnte – war es ein Baum, ein Mensch, ein Heuschober oder etwas anderes? Und in der Ferne irrten in der Luft bläuliche Flammen herum. Ganz unten in der Ebene, nahe am Bache, vor den Weiden und Eschen, begann plötzlich etwas zu wachsen, was sich immer höher erhob. Zunächst bloß wie der Ärmel eines Frauenhemdes, dann auch die Form – schließlich auch die Umrisse einer Gestalt – lange, riesige Umrisse, und alles wellt und windet sich immer wunderlicher und phantastischer. In einigen Augenblicken wird aus dem kleinen Lappen – eine riesige Erscheinung, die alles, die schwarze Masse des Haines und den vom Mondlichte übergossenen Waldsaum in ein dichtes Dunkel hüllt und sich schon in der Richtung gegen das Gebirge zu hinzieht, sie bewegt sich faul und lautlos.

Jede Weile schleicht und huscht unter mir und um mich herum etwas – im Grase und in der Luft. Meinen Blick durchkreuzen dunkle, kleine Dinge, so rasch, daß ich ihre Form nicht wahrzunehmen vermag. Es ist mir in der Seele, als fühlte und empfände ich die Hoheit des Geheimnisses »des Unbekannten«, dessen Ewigkeit und dessen Unermeßlichkeit!

Ich konnte mich noch nicht recht fassen und zu einem natürlichen Entschlüsse kommen, als von dem Turme wieder der Schlag der Uhr ertönt. Ich erstarrte. Vor den Augen ward mir blau und rot. Einen Augenblick war’s mir, als wenn die riesige weiße Masse aus der Ebene schon nach mir langte. Ich war nicht mehr Herr meiner Nerven.

Heiser schienen mir die Schläge der Uhr zu dröhnen, gespensterhaft tauchten sie in die unabsehbare, unklare Tiefe der großen starren Nacht, und der vielseitige Widerhall führte sie von überall der dünnen Luft und dem silbernen, träumerischen Leuchten des besternten Himmels zurück. Es schien, als hätte dieser Widerhall etwas Lebendiges in sich. In ihm klangen die Schläge viel klarer und schärfer. Es war mir, als schlügen sie mir in die Schläfen. –

Und als die letzte Schwingung des letzten Schlages erstorben war, flüstere ich mechanisch: »Mitternacht«, und es ist mir, als hätte mich ein kühler – kühler Hauch ganz umflossen, und ich erzittere am ganzen Körper. Nebel steigt vor meinen Augen auf und es scheint mir, als bewegten sich alle Gegenstände vor mir und als wären sie von ihrer Stelle gerückt. Ich sehe, wie ein steinernes Kreuz in der äußersten Ecke des Friedhofes auf seinem Standplatze schwankt, und siehe – es schreitet förmlich auf mich los – und ich gebe schon jener mechanischen Bewegung eines Menschen – eines furchtlosen Menschen, welcher sich von allem in der Nähe überzeugen will, – nach und schreite vorwärts, um mich im selben Augenblicke vor die Stirne zu schlagen und mich selbst in die Wirklichkeit zurückzurufen und zu überzeugen, daß das alles nur ein Spiel der erregten Nerven ist. Ich erkenne den feinen herbstlichen Nebel, der sich über die ganze Gegend ausgebreitet hat.

Da bemerke ich auch, daß ich noch immer auf derselben Stelle am Zaune stehe. Vor Scham erröte ich vor mir selbst und erinnere mich meines Vorsatzes. Da bricht auch wieder die mächtige Sehnsucht nach der geliebten Verstorbenen in meinem Herzen aus – und mit beflügelten Schritten eile ich dem verhängnisvollen Hügel zu, unter dem sie mir der Tod verborgen hat.

Er lag da, noch frisch aufgeworfen. Der Mondschein umfloß ihn mit seinem weißen Lichte. Alles ist still und bewegungslos – stumm und starr. Wie ich mich dem Grabe nähere, rollt ein Stückchen Lehmerde ab und eine kleine Maus huscht heraus. Eine alte Sage fuhr mir durch den Kopf, daß die Seele der Verstorbenen die Gestalt der Maus annimmt und in demselben Moment weicht sie dem furchtbaren Gedanken, daß diese Maus vielleicht eben aus dem Grabe herauslief – von ihr genährt!

Es überwältigt mich ein riesiger Schmerz, aus dem nur ein einziger Schrei sich löste, daß die teuere Verblichene ihr Versprechen erfüllen und daß sie mir erscheinen möge. Meine Erregung steigerte sich mit jedem Augenblicke; sie wurde immer stärker, je mehr die Zeit verging, und um mich herum starrte nur die stumme Nacht mit dem unabsehbaren Meere von Nebel, der alles, was einige Schritte vor mir lag, verhüllte, und mich glotzte nur das stumme, tote Grab an.

Aber die Uhr schlug die erste Stunde nach Mitternacht, sie schlug auch die zweite – und ich stehe trotzdem immer noch ohne jede Antwort da. Und es graute der Morgen, als ich noch immer am Grabe kniete und schmerzlich nur das immer gleiche Wort aussprechen konnte, das verzweifelte, schwere: »nichts – nichts.«

 

 

IV.

Ich könnte nicht sagen, daß meine Nerven noch erregt waren, – zwei, drei Tage später. Wohl hatte der Schmerz nicht nachgelassen, wie auch das wahr ist, daß ich beständig ihre letzten Worte wiederholte: »Auf Wiedersehen.« Aber dennoch – ich fühlte, daß jene physisch schmerzende Spannung der Nerven, bei der der Mensch glaubt, daß er aus lauter Saiten besteht, die übermässig gespannt sind, oder aber, bei der er die beständige Empfindung hat, daß er irgendwo hoch auf einem über den Niagara gespannten Seile geht, und daß ihm dabei der Kopf schwindelt und kleine, winzige Ameisen ihm beständig am Körper herumkriechen, nicht mehr da war. Das alles war verschwunden. Ich fühlte mich im Gegenteil ganz gesund. Meinen Wünschen und Hoffnungen entsagte ich aber dennoch nicht und wollte sie auch nicht aufgeben. Noch immer trieb ich mich in den schwarzen Labyrinthen altertümlicher Märchen und Vorurteile herum, haschte nach den Lehren des altertümlichen Glaubens der alten orientalischen Welt, in den uns überlieferten Sätzen der ägyptischen, assyrischen und persischen Priester irgend eine Stütze für meine Phantasien suchend.

»Es könnte doch möglich sein,« täuschte ich mich, beständig im Kampfe gegen die Beweisgründe der Vernunft und des Wissens.

Ach – wie gräßlich war mir dabei die Logik und die Wissenschaft mit ihrer stählernen Härte und Schärfe.

Ich haßte förmlich alle ihre Voraussetzung gen und haschte wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm, nach jedem noch so hinkenden Grunde, welche die moderne Skepsis dem modernen Empirismus entgegenzustellen hat. Vergebens rief mir die Vernunft die bekannten, wie aus Granit gemeißelten Kant’schen Beweisgründe ins Gedächtnis zurück, daß ich mit meinen, der physischen Welt angehörigen Sinnen nichts sehen und nichts wahrnehmen kann, selbst in dem Falle nicht, wenn die geliebte Verstorbene ihr individuelles Sein auch fortsetzen würde, denn die physischen Sinne können nur auf Ursachen der physischen Welt reagieren und demnach gibt es keine Mittel, mit welchen sich ein Verkehr zwischen mir und ihr herstellen ließe. Trotzdem konnte ich mich diesem triftigen Grunde nicht fügen und lasse mich sogar von der närrischen und gedankenlosen Spielerei und Kinderei des amerikanischen Spiritismus verleiten, und habe stundenlang Tischchen beobachtet und vergeblich zu Griffel und Schiefertafel meine Zuflucht genommen.

Natürlich wartete ich auch den Anbruch des Morgens ab und wartete umsonst. Mißmutig und von nihilistischen Gedanken erfüllt, gebe ich meine Versuche auf, und den Griffel wegwerfend und die Tafel zu Boden schleudernd; bedecke ich das Gesicht mit den Händen und fange bitterlich – bitterlich an zu weinen. Als hätte ich erst in diesem Augenblicke das Furchtbare empfunden und erkannt, daß wir für immer geschieden sind und daß unsere märchenhafte, glühende Liebe begraben – für ewig begraben ist!

Nicht Verzweiflung, aber eine unabsehbare Traurigkeit erfüllte meine Seele und im Herzen entbrannte stärker als je die Sehnsucht nach ihr. Ich wand mich förmlich vor Bedürfnis, sie zu sehen, sie an die Brust zu pressen, auf daß sich das Auge wieder mit ihrer zauberhaften Schönheit betäube, auf daß ich den Duft ihres dunklen Haares einatme, ihre feine sammetweiche Hand liebkose, ach – daß ich wieder dieses stille, immer kindische Lachen höre, dieses zeitweise unschuldige Schwatzen, dann wieder ihre vornehmen Vernunftschlüsse einer kleinen Gelehrten, die nicht weiß, daß sie eine solche ist.

»Jelene – Jelene!« rufe ich vor Sehnsucht, laut, leidenschaftlich, und Gott weiß warum, ich wende mich plötzlich zu der Türe des Nebenzimmers.

In diesem Moment öffnet sich die Türe zur Hälfte, eine schlanke, zarte Frauenhand im eleganten langen taubengrauen Handschuh schiebt die Portiere zur Seite.

Ich fahre auf – und im nächsten Augenblicke sehe ich hinter der zurückgestreiften Portiere das schöne Antlitz meiner Jelene, frisch und voll zarten Lächelns, einen Hut von »Alt-Wiener Façon« auf dem Kopfe, in dem sie mich so oft bezaubert hat und der ihr leidenschaftliches Antlitz eines feurigen Weibes in das zarte Gesichtchen eines »Bébé« umwandelte.

»Ach!« entschlüpft mir ein freudiger Ruf. Als wenn mich mitten im Winter eine warme Welle des Julimorgens gestreift hätte, so angenehm warm wurde es mir in diesem Augenblicke. Keine Spur von Furcht – oder Verwunderung und Unverständnis! Ich zweifelte gar nicht, ich fragte nicht, was es bedeute, daß eine verstorbene Person in ihrer ganzen lebendigen Frische und Anmut vor mir steht. Es schien mir, daß es ganz natürlich ist, wenn wir uns hier gegenüber stehen, beide die Arme ausgebreitet – um das Gelübde unserer ewigen Liebe zu erneuern.

»Auf Wiedersehen – Lucio – Lucio – mein Einziger!« erklangen ihre leidenschaftlichen Worte, lieblich, warm und süß, schmachtend in leidenschaftlichem Beben und in der Glut der Gefühle. Und schon legt sie den Kopf an meine Brust und ich küsse sie wieder auf die Stirne, auf die Brauen, auf die Augen und Lippen.

»Ach, dieser Hut!« flüstert sie und mit der anmutigen Bewegung eines mutwilligen Kindes löst sie plötzlich das breite Band unter dem Kinn und den Hut wegwerfend, neigt sie den Kopf zu meinen Lippen und ich konnte ihr duftendes, volles Haar liebkosen und küssen.

Und wie früher in glücklichen Tagen gingen wir hinunter in unseren großen alten Garten, um dort – in unserem liebsten Verstecke – im Gartenhäuschen einige glückliche Augenblicke zu verbringen, und dann wieder, gleich glücklich wie einst, auf den schmalen Pfaden zu lustwandeln und im Schatten der buschigen Allee Küsse zu tauschen.

Wir hielten uns an der Hand, wobei sie nach ihrer Gewohnheit, wie ein zufriedenes Kind ihre und meine Hand hoch schwang – und wieder wie ein kleines Kind zwei, drei Schritte vorauseilte, ohne dabei meine Hand loszulassen, sich nach halb verwelkten Blumen bückend; und da sah sie sich jedesmal nach mir um und hob auf eine allerliebste Art das Gesichtchen zu mir, mich mit glühenden Blicken einladend, ihre großen, glückstrahlenden Augen und ihre langen Wimpern, weich wie Seide, abzuküssen.

So besuchten wir nach der Reihe – ohne vorherige Besprechung – alle unseren teueren Plätze in dem weiten lauschigen Garten.

Durch die Luft strömte ein ziemlich kühler Hauch des frühesten Morgens. Die Sonne hatte den dichten Nebel noch nicht durchdrungen und von den östlichen Höhen strömte ein gelbliches Licht herüber, das die Wipfel der Pappeln und der höchsten Ahornbäume wie poliertes Metall glitzern machte.

Als wir auf dem offenen Balkon des Gartenhauses standen, übergoß auch sie dieser Schein mit einer halblichten Welle, so daß ihre dunkelblaue Toilette zeitweise wie mit Goldstaub besäet schien.

Kaum sichtbar erzittere ich in der Morgenkühle. In diesem Augenblicke erschauert auch sie und schmiegt sich ganz eng an mich, mit ihren lieben Blicken mich betrachtend, mit demselben Lächeln auf den Lippen, mit dem sie mich so oft bezaubert hat.

Bis nun hatten wir noch nicht ein Wort gewechselt. Im stillen, wortlosen Glücke schritten wir nebeneinander, eine Zeitlang mit trägem, vergnügtem Schritte, dann wieder in kindischer, sorgloser Eile, uns ganz der Seligkeit der Gegenwart überlassend, die wir nur mit glücklichen zusammenhanglosen Rufen, glühenden Küssen und warmen, engen Umarmungen ausfüllten. Wir frugen nicht nach der Zukunft, und auch die verhängnisvolle Vergangenheit mit ihrem furchtbaren Grabhügel starrte uns nicht an – wir lebten und dachten nur an den gegenwärtigen Augenblick, der uns wieder zusammenführte, und alles andere schien nicht gewesen zu sein.

Ich war ganz von der Größe der süßen Wonne überwältigt, daß ich diese reizende Jugend, diese wundervolle Schönheit wieder neben mir hatte, und ihre Glut und ihre duftige Nähe.

So wie früher immer streichelte ich wieder ihren weichen, samtenen Teint und bedeckte wieder mit Küssen die feinen blauen Äderchen, die diese zarte Haut durchflochten – ach – wie könnte ich mich all’ dieser Liebkosungen erinnern – all’ dieser Augenblicke einer großen Liebe!

Und ich dachte nicht an dieses »Wieder«. Ich kann mich wahrlich aller Nuancen in meiner Seele während dieser Zeit nicht erinnern. Das große Glück erfüllte mich auch zu sehr und machte jedes Überlegen unmöglich. Dennoch weiß ich aber sicher, daß mir gar nicht in den Sinn kam, was dieses »Wieder« für eine nachhaltige und außerordentliche Bedeutung hat. Es war mir so – wie früher jedesmal, wenn wir uns nach einer längeren Trennung wiedersahen. Und ich weiß mich gut zu erinnern, daß ich nicht einmal daran dachte, daß mein teueres Kind dort auf dem Friedhofe begraben ist. Deshalb frug ich auch gar nicht, was mit mir vorgeht, was es bedeutet, daß neben mir das lebende Wesen einherschreitet, das ich vor acht Tagen begraben habe.

Ach – mein Wollen und Denken ging nur dahin, daß ich das Glück dieser Begegnung genieße!

Wir kamen zu einem Beete von Teerosen. Der Herbst hatte schon die meisten derselben versengt. Nur hie und da war die eine oder die andere noch halb frisch.

»Ach – meine Blume – meine teuere Blume!« ruft sie mit kindlicher Freude und läßt meine Hand los.

»Mein Gott, wie hat sie der schreckliche Herbst zugerichtet – meine schönen Theas! Leid tun sie mir – so leid! Wenn wenigstens eine schöne unter ihnen wäre, daß ich mich mit ihr schmücke! – Ach – dort ist eine, rückwärts – und sieh’– gerade eine Maréchal Niel – und gelb – ach, das ist die Farbe meiner Liebe! Verstehst Du mich?« scherzt sie mutwillig und springt auf die andere Seite des Beetes, wo sie sich durch die Rosenstöcke hindurchwindet und streckt die Hand nach der noch immer entfernten und unter den Blättern versteckten Blüte.

»Ah – mein ist sie!« ruft sie freudig aus dem Grün und eilt wieder zu mir und steckt mir die gepflückte Rose in das oberste Knopfloch – gerade über der Brust.

Dankbar ziehe ich sie an meine Brust, sie wehrt sich aber scherzend, indem sie auf die Blume deutet, daß ich sie zerdrücken würde. Ich gebe aber nicht nach, erhasche sie, um sie leidenschaftlich zu küssen.

»Oho – sieh, ich befleckte Dir das Hemd mit Blut. Ich habe mich an dem Dorn der Thea gestochen,« sagte sie plötzlich nachdenklich und hob ihren ein wenig blutenden Finger zu meinen Lippen.

In demselben Moment fällt gerade hinter uns ein Schuß. Sie erzittert ganz, ich lasse sie plötzlich aus meinen Armen los und wende mich nach der Richtung um, von wo der Knall kam. Ich bemerke, daß ein getroffener Vogel durch die Luft fällt und auf einer kleinen Anhöhe hinter mir steht mein Heger, das abgefeuerte Gewehr in der Hand.

»Der ist’s!« sage ich laut und zugleich verspüre ich im Kopfe einen ähnlichen Schmerz, wie wenn der Mensch plötzlich aus tiefem Schlafe aufwacht. – Ich wende mich wieder zum Beete – sie war nicht mehr da; ich sah aber nicht, daß sie fortgegangen wäre, und ich hätte doch jede, auch die kleinste Bewegung bemerken müssen. Sie war verschwunden, als wenn sie die Erde verschlungen hätte.

»Was ist das?« frage ich laut, mich nach allen Seiten umschauend.

Ich greife mir an die Stirne, noch immer auf derselben Stelle stehend, und sehe die Beete und Sträucher um mich herum an, in dem Glauben, daß Jelene vielleicht im Scherze sich irgendwo versteckt habe. Ich konnte mich der Empfindung nicht entledigen, daß wirklich sie mit mir hier war, und es war mir gerade so, wie Einem oft nach einem lebendigen Traume zu sein pflegt, wenn man, halb wach, noch immer die Decke fest hält und nicht begreift, daß es nicht das Mädchen sei, von dem man geträumt.

»Was war das?« frage ich wieder und empfinde etwas wie Angst und Verwirrung, eine gewisse Unsicherheit. Wie denn auch nicht? Ich stehe im Garten, wach und bei Sinnen wie am hellichten Tage: weiß, daß ich noch einen Augenblick vorher ein liebes, lebendes Geschöpf in den Armen hielt, es klingt mir noch ihre silberne, liebe Stimme in den Ohren, ihr reizendes Lachen – ich erinnere mich ihrer Worte – ich weiß, daß ich sie ansah, fühlte, hörte – und jetzt plötzlich auch nicht eine Spur von all’ dem. Und es ist nicht möglich, daß alles das nur ein leeres Phantom war – bloß ein Spiel der erregten Phantasie – und – da, auf der Brust leuchtet die gelbe gepflückte Rose, und noch mehr – auch das kleine Blutfleckchen rötet auf dem Hemde.

War sie es wirklich? Ist sie zurückgekehrt – aus jener Welt? – Aber – all’ die Traditionen von solchen Wiederkünften, die durch meinen Kopf wirbelten, waren nicht im Einklänge mit der Erscheinung, die ich gesehen habe, mit der ich gesprochen habe. Keine Spur jenes geheimnisvollen »clair-obscure«, jener nebeligen Unklarheit – jenes Schreckens – welchen die menschliche Fabel mit solchen zurückgekehrten Seelen verknüpft hat! Nichts von dem. Im Gegenteil, ich sah ein junges, schönes Leben – warmes, reales Leben, sie ganz so, wie sie war, ich fühlte ihren Atem und empfand ihren Duft. Und noch mehr – ich verkehrte mit ihr nicht anders, als wie wenn sie lebendig wäre, und des grauenhaften, schrecklichen Todes, der uns für ewig trennen sollte, gedachten wir mit keinem Worte.

»Was war es also?« fragte ich wieder, unfähig, zu einer Vermutung zu gelangen.

Keinen Augenblick konnte ich an der Wirklichkeit der Begebenheit zweifeln und mir das Ganze als eine Halluzination zu erklären, dazu vermochte ich mich nicht zu entschließen. Und andererseits steckte wieder allzusehr der moderne Rationalismus in allmeinen Schlußfolgerungen, als daß ich gleich in eine »andere Welt« hätte übergehen können. – Wie soll ich mir das aber erklären? Und ich mußte zugeben, daß ich vor etwas Geheimnisvollem, Rätselhaftem stehe. Von allen Seiten wehte mich der mystische Hauch einer Welt an, die außerhalb der Grenzen unserer armseligen fünf Sinne existiert, und ich mußte mich vor der großen Wahrheit beugen, daß sich der Mensch in einer Welt bewegt, die er nicht kennt und bezüglich welcher er nur über Kleinigkeiten vermuten kann, die ihm seine schwachen Nerven zeigen – so zeigen, wie es ihnen ihre Schwäche und Unsicherheit zu zeigen erlaubt!

»Sie – sie war es!« erhob ich mich triumphierend über die Skepsis, um gleich wieder in sie zurückzufallen.

Endlich rufe ich den Heger, um ihn zu fragen, ob er mich gesehen, bevor er das Gewehr abfeuerte.

»Ich bemerkte Sie nicht, erst als ich auf die Höhe kam,« antwortet er, ohne Verständnis in mein aufgeregtes und unruhiges Gesicht schauend. – »Erst als ich den Vogel wahrnahm, sah ich, daß der gnädige Herr im Garten ist.«

»Du hast mich also gesehen!« rufe ich ganz außer mir. – »Und war ich allein – wo und wie hast Du mich gesehen?«

Der Heger verwundert sich noch mehr. Man sah es ihm an, wie er sich beherrschen mußte, um mich nicht zu fragen, was mit mir sei.

»Hm! Dort standen Sie – Sie hatten mir den Rücken zugekehrt. Bei den Rosen standen Sie und schienen dort etwas zu tun. Und ja – jetzt entsinne ich mich dessen – es schien mir, daß Sie mit jemandem sprechen, ich achtete aber weiter nicht darauf.«

»Wahrlich – hast Du gesehen, mit wem ich sprach?«

»Nein – ich habe es nicht beachtet, ich glaubte, daß der gnädige Herr mit dem Gärtner spreche – ich dachte nur an den Vogel. Ist vielleicht ein Dieb in den Garten gedrungen?« fragte mich zum Schluß der Heger.

Ich antworte aber nicht und entlasse ihn.

Eine starke Erregung bemächtigte sich meiner, die einige Tage anhielt.

 

 

V.

Ich konnte mich ziemlich lange nicht beruhigen. Während der ganzen Zeit hatte ich keine Erscheinung – oder wie ich mein Erlebnis bezeichnen sollte.

Meine Unruhe wurzelte eigentlich nicht in der Seele, sie war vielmehr physischen Ursprunges. Das kleinste Geräusch erregte außerordentlich meine Nerven. Wenn zum Beispiel eine Sache zu Boden fällt oder etwas in einer Ecke sich rührt, oder draußen ein verwelktes Blatt vom Baume sinkt – im selben Augenblicke erzittere ich ganz und schaue mich um, ob sie nicht kommt.

Merkwürdig – ich brannte förmlich vor Sehnsucht sie wieder zu sehen, durchkostete im Geiste alle Wonnen ihrer Nähe, den ganzen Reiz ihrer Erscheinung und lieblichen Zauber des Zusammenseins – und doch wehrte sich mein ganzes physisches Wesen dagegen, daß ich wieder eine solche Begegnung erleben könnte, solche Stunden – wie unlängst Morgens. Es überlief mich kalt, ich erstarrte förmlich am ganzen Körper, wenn ich mir dachte: siehe da, sie kann ja diesen Moment vor mir erscheinen! Es war dies jene elementare Angst und jenes Erschauern des lebendigen, realen Wesens vor der unbekannten Welt – jene menschliche, physische Furcht vor überirdischen Dingen, die das menschliche Wesen seit jeher in der Brust trägt, und von der sich der Mensch bis jetzt noch nicht zu befreien vermochte.

Anderseits wieder – keimte und wogte beständig etwas in meinem tiefsten Innern, was immer wollte, daß sie komme und daß wieder die Zeiten unserer Liebe aufdämmern. Eine Art Dualismus begann sich in meinem Innern zu regen. Öfters fühlte ich ganz klar, daß ein doppeltes Wesen in mir lebt.

Ich verbrachte ganze Stunden, die verwelkte gelbe Thea mit Verwunderung und totaler Verständnislosigkeit betrachtend. Ich sah sie nicht mit kühler Ruhe an, im Gegenteil, mein Blick war furchtsam und unsicher. Aber – auch mit starker Bewegung – mit Liebe und Treue – betrachtete ich das mir so teuere Ding und dachte nur, daß es schließlich doch möglich sei, daß die Rose gerade von ihr stammt!

Und wie hätte es auch anders sein können? Ich war vollkommen bei Besinnung, sah mit meinen eigenen gesunden Augen, wie sie die Blume pflückte – und – warum zweifle ich, warum überlege ich noch! Schließlich gebe ich sogar zu, wenn auch das kein Beweis wäre – wenn ich noch so deutlich gesehen hätte – ist doch die Möglichkeit einer Halluzination nicht ausgeschlossen – ich habe aber da vor mir das »corpus facti«. Da gibt’s keinen Zweifel mehr! Ich habe sie doch nicht selbst gepflückt. – Und jedesmal nahm ich ein Vergrößerungsglas, um auf den Blättchen der Rose den Rest des Blutfleckchens zu suchen.

Dies alles hatte, zur Folge, daß ich von Tag zu Tag immer nervöser wurde. Ich dachte schon daran, zum Arzt zu gehen, denn ich empfand in der Tat im ganzen Körper Schmerzen. Schlaflosigkeit, Aufregung, Abspannung und ein unbestimmter Schmerz in allen Gliedern quälten mich so, daß ich oft wie außer mir war. Ich verschob aber den Besuch beim Arzte von einem Tage zum andern. Etwas in mir widersetzte sich diesem Besuche. Als wenn ich gefürchtet hätte, daß ich mit diesem Besuche »sie« für immer verlieren könnte, sie, die ich immer noch so wie einst liebe und von der ich keinen Augenblick gezweifelt habe, ob ich sie noch lieben könnte. Das war wahrscheinlich der Grund, daß ich mich bemühte, wieder Ruhe zu gewinnen. Endlich – in der wunderschönen Gebirgsgegend, in der wohltuenden Ruhe des Landlebens, unter dem Einflusse des schönen, lichten Herbstes und seiner Poesie, – gelingt es mir mich zu erholen, die physischen Schmerzen ließen nach. Täglich ging ich auf die Jagd, jagte Hasen und Schnepfen und zum Schlusse konnte ich ruhig an die ganze Angelegenheit denken.

Sie mir aufzuklären, vorzustellen – das konnte ich zwar nicht – aber – »gut, Hauptsache ist, daß ich auch nach ihrem Tode Augenblicke erlebte, die so waren, als wenn ich sie nie verloren hätte!«

Am Vorabende des Allerseelentages wartete ich ganz ruhig die Zeit ab, da ich auf den Friedhof gehen werde, und gesammelt und mit gewissenhafter Genauigkeit ordnete ich alles an, was nötig war, um ihr Grab zu schmücken und zu beleuchten.

Ich war bei weitem nicht in einer solchen Stimmung, wie in jener unseligen Nacht, als ich zum erstenmal auf den Friedhof ging.

Angesichts des Grabes – und noch mehr später, als ich mit dem Diener die Lichter anzündete, bezwang mich für einen Augenblick eine mächtige Traurigkeit, die aber bald einem leichtsinnigen, halb kindischen Gefühle wich, bei dem es mir vorkam, als wäre dieser Hügel nur scheinbar da. Fast hätte ich gesagt: »Du spreizest dich vergeblich hier, du wirst sie mir nicht rauben!« – Es wird wieder die Hoffnung in mir wach, daß ich sie sehen werde – ach, ich war beinahe überzeugt, daß sie sich mir zeigen wird, sobald nur der Friedhof ganz leer sein wird. Gleichzeitig mit dieser Hoffnung erfüllt mich auch eine fanatische Sehnsucht nach ihr, ich werde ganz ungeduldig und schicke den Diener nach Hause. Und die wenigen Leute, die hier zwischen den Gräbern herumirrten, wurden mir immer lästiger, und erst als sich hinter dem letzten Menschen – irgend einem alten Weibe – das Tor geschlossen, wurde ich zufrieden.

»Jetzt kommt sie!« sage ich mir und folge mit gespannter Aufmerksamkeit jedem Geräusch – jedem Schatten um das Grab. Aber die stille, milde Nacht, gewiegt vom trägen Westwinde, blieb öde und stumm, ohne mir etwas zu bringen. Und es empfing mich der graue, in dichten Nebel gehüllte Novembermorgen, und ich stand noch immer vergebens vor dem Grabe, auf dem die letzten Flammen der Lichter eine nach der andern verlöschten.

Unsagbar traurig kehrte ich heim, und zwei, drei Tage später glaubte ich fast, daß ich nie mehr eine solche Begegnung erleben werde. Und meine Seele blutete mir vor Trauer. Der Schmerz über die ewige Trennung meldete sich wieder. Tiefe Melancholie breitete ihre Schatten über mich. Ich mußte schon daran denken, ihr zu entfliehen. Zwei, drei Versuche, in die Gesellschaft zu gehen, schlugen fehl. Einerseits die brutale Neugierde der Menschen, noch mehr aber die unabsehbare Gleichgültigkeit Deiner Mitmenschen für Deinen Kummer, bewirkten, daß mir jede Gesellschaft unerträglich wurde. Ich entschloß mich daher eine Reise anzutreten, obgleich mich da stets wieder etwas zurückhielt, denn es fiel mir schwer die Orte zu verlassen, die Zeugen meines einstigen Glückes waren und mir beständig von ihm erzählten.

Den nächsten Tag sollte ich schon abreisen. Die Koffer und Reisesäcke waren schon Nachmittag vorbereitet, abends wollte ich noch den Schreibtisch und verschiedene Schriften ordnen, ach – und da kam mir zuerst unter die Hand ein Päckchen ihrer Briefe – jener reizenden Billets, denen sie zuerst unsere geheime Liebe anvertraute – die unsere ersten Postillons d’amour waren.

Das blaue Seidenband löste sich – und goldgeränderte Karten fielen auf den Tisch und mit ihnen zugleich ein Notenblatt, auf dem ich las: Schubert »Warum« – ihre erste Botschaft, in der sie mich um unsere Liebe fragte.

Ach – mein Herz erzittert süß bei dieser Erinnerung – und in demselben Augenblicke höre ich drüben aus dem Salon – einen Klavierakkord – den ersten Klang des Liedes »Warum«.

Ich eile in den Salon, um zu sehen, was es gibt.

Eine Lichtwelle aus meinem beleuchteten Zimmer fällt gerade in die Ecke, in der das Klavier stand. Dieses war geschlossen und alles sah so aus, wie wenn schon lange niemand die Klaviatur berührt hätte; und doch – von wo kam der Akkord – niemand hat die Tasten berührt!

»Und ich hörte doch ganz deutlich!« rufe ich laut.

»Ha – ha – ha!« erschallte in der dunklen Ecke hinter mir eine mutwillige, frohe Lache, in der ich sofort ihr liebes Lachen erkenne.

»Jelene, Du bist’s!« rufe ich freudig und wende mich rasch gegen die Ecke, beide Arme ausbreitend.

»Ich bin’s – ich bin’s – und Du hast doch nicht gleich meine Nähe erraten – und ich konnte mich verstecken!« sie klatscht in die Hände und läuft im Halbdunkel zu mir, um sich stürmisch an meinen Hals zu hängen und alle meine ersten Fragen mit glühenden Küssen zu ersticken.

»Und wo warst Du so lange? – Eine ganze Ewigkeit verging, seit wir uns gesehen haben – Du mein Lieb – meine Seele!« sage ich endlich leidenschaftlich, als sie mich losließ und in mein Zimmer hinüber ging.

»Frage jetzt nicht – jetzt bin ich hier und Du darfst nicht an meiner Liebe zweifeln. Oh, ich komme so gerne!« antwortete sie ebenso, wie so oft im Leben, wenn ich zu lange auf ein verabredetes Stelldichein warten mußte, zu dem sie regelmäßig zu spät kam.

Ihr schönes Gesicht nimmt auch jetzt einen vorwurfsvollen und zugleich leidenschaftlich liebenden Ausdruck an.

»Nein – nein, ich wollte Dir keine Vorwürfe machen!« fange ich an, sie gleich um Entschuldigung zu bitten, ihre kalten Händchen liebkosend.

»Und was machst Du hier? Meine Briefe – sieh – meine ersten Briefe! Wie glücklich waren wir da! Aber – auch jetzt lieben wir uns gerade so – nicht wahr? Ja – ja – wir lieben uns, wie in den ersten Tagen!« – und in einer Hand das halbgeöffnete, vergilbte Papier haltend, zog sie mich mit der andern zart zu sich näher und lehnte ihren Kopf nach rückwärts an meinen Arm, während ich, hinter ihr stehend, die Schönheit ihres Halses bewunderte.

Während dieser ganzen Zeit fiel es mir gar nicht ein an ihren Tod zu denken, ich weiß, im Gegenteil, ganz gut, daß mir so war, als würde ich mich seiner gar nicht erinnern. Es war mir gerade so, wie früher zu ihren Lebzeiten. Ich wunderte mich auch nicht und es war mir auch nicht bange, daß sie vor mir in ihrem weißen Hauskieide da stand – und ich wußte doch, daß ich sie nicht mehr im Hause habe, daß sie von irgendwo kommen mußte. Aber ich fragte nicht einmal danach« »Und warum gehst Du auf Reisen?« fragt sie mich auf einmal.

»Wie weißt Du das – erst heute habe ich den Entschluß gefaßt.«

»Oh – mein Liebling – ich weiß alles! Vor mir kannst Du keine Geheimnisse haben!« sagt sie scherzend und übermütig, als ob sie wirklich alle meine Schritte überwachen würde.

»Geh nicht – ich bitte Dich, geh nicht! Was soll ich ohne Dich – sieh: das ist unsere Welt – die Welt unserer Liebe – unserer Erinnerungen; – warum solltest Du sie verlassen? Tue es nicht, versprich mir es!«

»Du wünschst es wirklich? Dann gut – ich bleibe!«

»So – so ist’s recht – jetzt bin ich zufrieden!« ruft sie wie ein lustiges Kind, das ein Geschenk erhalten hat, und küßt mich unzähligemale.

»Aber – unter einer Bedingung. – Ich bleibe, Du mußt aber öfters kommen.«

»Ich werde kommen – werde kommen!« beginnt sie mir leidenschaftlich zu versichern.

Mir fiel es auch jetzt nicht ein nach dem Grunde zu fragen, warum sie nicht beständig bei mir ist, und warum ich sie bitten muß, daß sie öfters komme. Ich wußte nur, daß ich diesmal lange warten mußte, und habe empfunden, daß es ganz natürlich ist, daß ich sie nicht mehr für immer neben mir habe. Erregt vor Freude, daß ich von der Reise abließ, geht sie einigemal durch das Gemach – und dann schreitet sie, um mich zu belohnen – wie sie sagte – mit dem Leuchter in der Hand in den Salon, setzt sich zum Klavier und spielt zuerst das Schubertsche Lied »Warum«, meine Lieblingskomposizion, und dann die Es-dur Sonate von Beethoven, »Les adieux«.

Die wunderbare Musik entführt mich weit in die Erinnerungen. Das ganze Glück meiner Liebe von ihrem ersten Augenblicke zog langsam an mir vorbei und zuletzt kam auch der verhängnisvolle Augenblick, und ich sah wieder ihre Sterbestunde. Ich erzitterte – es war mir, als hörte ich nicht mehr die Musik, ich öffne die Augen, sehe zum Klavier, das wirklich offen stand, und die Kerze brannte noch auf ihm, aber – der Stuhl vor ihm war leer.

»Jelene!« schreie ich laut, aber meine Stimme hallt mir nur mit schwachem Echo aus den leeren Gemächern entgegen.

Ich war wieder allein – wieder meiner gewöhnlichen, öden Umgebung zurückgegeben.

 

 

VI.

Von jetzt an kam sie oft, sehr oft. Manchesmal geschah es, daß ich ihre liebe Erscheinung ganz plötzlich neben mir fand. Und es ist richtig, wenn ich sage, daß sie meistens dann kam, wenn ich es am wenigsten geahnt habe. Dagegen bemerkte ich, daß sie nicht erschien, wenn ich nach einer Gelegenheit und Möglichkeit ihres Kommens suchte.

Noch etwas störte mich. Jedesmal hatte ich mich entschlossen, daß ich sie um die Lösung des Rätsels fragen werde, daß sie mir erkläre, was das alles bedeute, denn wenn mir auch der Verstand fortwährend zuredete, daß das alles eine Halluzination höchsten Grades ist, konnte ich mir dennoch nicht erklären, von wo zum Beispiel jene Blume stammt, jenes Fleckchen Blut – das geöffnete Klavier; schließlich habe ich bei jeder Begegnung nicht ein Phantom gesehen, sondern eine vollkommen klare Erscheinung, hörte Worte, unterhielt mich, fühlte Berührungen – und alles wie in der Wirklichkeit!

Ich kam aber nie dazu, zu fragen. Während unseres Beisammenseins fielen mir diese Vorsätze nicht ein, und wenn ich auch entfernt und ganz unklar an Ähnliches dachte, war jedesmal auch schon die Zeit um und – die Erscheinung verschwand.

Einmal lasen wir zusammen Puškin, der in der letzten Zeit unser Lieblingsdichter war.

Sie saß in einem tiefen Lehnstuhle neben dem Kamin. Die Füßchen streckte sie auf dem Bärenfell aus, auf das ich mich niederließ; mit einer Hand über ihr Kleid streichend, halte ich in der andern das Buch und lese laut.

»Ach, wie schön das ist!« ruft sie bei einem Vers, wo der Dichter glühend seine Liebe besingt, dann springt sie auf und eilt zu ihrem niedrigen Schreibtischchen.

»Das muß ich mir in mein Album eintragen!« sagt sie, mich kokett betrachtend.

Das war stets ihre Gewohnheit, daß sie sich die liebsten Stellen aus gelesenen Büchern in ein eigenes Album notierte. Das Album lag noch auf derselben Stelle wie früher.

»Sieh – da gibt’s keine Tinte!« sagt sie, die Feder vergebens in das ausgetrocknete Tintenfaß tauchend. Gleich aber geht sie in mein Zimmer, bringt Tinte von dort und fängt an aus dem Buche, das ich ihr geben mußte, in das Album abzuschreiben.

»Mit dem Diktando ginge es nicht – denn mit der russischen Orthographie stehen wir nicht auf dem besten Fuße!« sagte sie scherzend, halb zu mir gewendet.

Bald war sie fertig und zum Schlusse setzte sie noch das Datum und die Stunde mit ihrer Unterschrift hinzu.

»Ist’s so gut?« fragt sie mich und reicht mir das Album. Mit Vergnügen sehe ich die teuere Handschrift, plötzlich aber denke ich verwundert, wie es möglich ist, daß sie das schrieb, sie, die tot ist. Ich hebe die Augen – und sehe nur ihre unklare Erscheinung – fast durchsichtig.

»Teuere, erkläre mir es doch!« stieß ich mit größter Anstrengung hervor, aber – in demselben Augenblicke war ich allein im Zimmer. Von ihr war keine Spur. Ich halte das Album in der Hand und lese den kaum geschriebenen, noch feuchten Vers, und erkenne ihre Handschrift – es ist in der Tat ihre Handschrift. Ich eile zu meinem Tische, suche ihre Briefe hervor, vergleiche sie mit der Schrift im Album, und finde auch hier – dieselben Schriftzüge. So tat ich und verglich die Schriften morgen und übermorgen – fortwährend. Immer fand ich dieselben Schriftzüge.

Schließlich traute ich dennoch meinen eigenen Augen nicht. Ich ging daher zum Nachbarn. Mein Geheimnis wollte ich ihm natürlich nicht anvertrauen. Er war ein guter Mensch, aber ein großer Schwätzer und überdies – von transcendentalen Begriffen hatte er in seiner unschuldigen Seele nie geträumt.

Wie zufällig zeige ich ihm das Album.

»Sie haben sich also noch nicht beruhigt?« war sein erstes Wort. – »Es ist nicht gut, daß Sie beständig an die Verstorbene denken – und dann – es ist geradezu töricht, daß Sie ihre Sachen mit sich herumtragen – und noch dazu solche Sachen!«

»Es ist mir doch ein wenig leichter zu Mute,« antwortete ich, als hätte ich an seine Bemerkung gedacht.

»Übrigens, es gibt sehr schöne Auszüge in dem Album!« fuhr ich fort, um ihn endlich auf die letzte Eintragung aufmerksam zu machen.

»Hm,« sagt er und betrachtet nachlässig das Papier. – »Aber das haben doch Sie geschrieben, das Datum ist neu, – aber – siehe, siehe, wie gut Sie die Handschrift der Verstorbenen nachgeahmt haben – wunderbar. Als hätte sie es selbst geschrieben. – Bei Gott – Sie sind ein gefährlicher Mensch, wenn Sie so meisterhaft fremde Handschrift nachzuahmen verstehen. Ha – ha – ha! Oder macht das – bei Gott – das war nur möglich, weil Sie die Selige so sehr geliebt haben. – Ja – übrigens – in dem kenne ich mich nicht aus.«

Mir genügte das. Jetzt wußte ich, daß mich meine Augen nicht täuschen, daß das »ihre« Handschrift ist. Rasch verlasse ich den langweiligen Nachbar und gehe nach Hause.

Seit dieser Stunde habe ich nicht mehr gezweifelt, daß in meinen Erlebnissen etwas Eigenartiges – Unbegreifliches – Geheimnisvolles lag. Was geschieht mit mir? Wie ließe sich die ganze Sache anders erklären, als daß sie schließlich doch – zu mir kommt. Und immer fester wurde der Entschluß in mir, bei ihr Aufklärung zu verschaffen. Es dauerte aber ziemlich lange, bevor sie erschien, denn ich war im Banne einer starken Erregung, und wie immer in einem solchen Zustande, hatte ich auch diesmal keine Erscheinung.

Eines Abends, der einem mit langweiligen  philosophischen Studien ausgefüllten Tage saß ich in meiner Bibliothek.

Eben legte ich Du Prels »Philosophie des Mystischen« zur Seite und griff nach Göthes »Faust«, der immer im Bereiche meiner Hand war. In demselben Moment öffnet sich leise die Türe und sie tritt in das Zimmer ein.

Diesmal hatte sie ihr dunkelgrünes Winterkostüm an, mit weißer Pelzmütze und ebensolchem Pelze. Ich sah ihre von der Kälte geröteten Wangen und fühlte, wie von ihr der kalte Hauch von draußen strömt.

Ohne Kappe und Muff abzulegen, küßt sie mich, reißt mir das Buch aus der Hand und spricht den Wunsch aus, daß wir in ihr Zimmer gehen. Dabei lächelte sie lieb und machte mutwillige Witze über meine Philosophen. Mir kam dabei gleich der Gedanke, daß ich sie heute über alles befragen werde. Aber schon in ihrem Zimmer vergaß ich darauf. Zuerst legte sie den Pelz ab und ging dann in ihr Boudoir, um ihr weißes Hauskleid anzuziehen, und nun folgten wonnevolle reine Augenblicke der Liebe, in denen nur die Gefühle ihren Triumph feiern können. Sie nahm ihren gewohnten Platz im Lehnstuhle am Kamin ein und ich mußte mich ihr zu Füßen auf das Bärenfell niederlassen; mein Kopf ruhte auf ihren Knien und ihre Hand streichelte mein Haar. Sie war mit dem Kopfe tief im Lehnstuhle zurückgelehnt und erhob sich von Zeit zu Zeit und neigte sich mit ihrem Oberkörper ganz nahe zu mir, so daß ich ihr Haar und Augen, ihren Hals und ihre Schultern, die aus den Spitzen und dem Atlas ihres Leibchens hervorlugten, küssen konnte. Dann begann sie von der glücklichen Zeit unserer Liebe zu erzählen, in ihrer geistvollen, von Feuer und Rührung durchglühten Art.

»Ach – und jetzt!« seufzt sie plötzlich. – »Ich weiß, Du wünschst Dir zu erfahren, Du peinigst und quälst Dich – was ich bin und wie ich komme ich, die nicht mehr lebt. Du glaubst nicht an mich, fürchtest Dich vor Dir selbst und vor mir!«

»Jelene, wie könnte ich!« rufe ich aus.

»Leugne nicht, denn – für mich gibt es keine Grenzen einer individuellen Persönlichkeit mehr, die nur um die Gedanken innerhalb ihrer Vorstellungen weiß. Jeden Deinen Gedanken, jede Deine Empfindung habe im selben Momente auch ich.«

»Dann sage es – erkläre es mir – Du meine Seele!«

»Wie Du das Wort richtig gewählt hast! – Ich bin jetzt hier – nur mit Deinem Willen, oder vielmehr mit Hilfe Deines Willens, den ich noch zur Zeit meines Lebens – Du weißt ja, an jenem unseligen Abend – durch die Stärke meines Willens in meine Gewalt brachte. In die Welt Deiner fünf Sinne – Deiner Empfindungen und Deines physischen Bewußtseins kann ich ohne Deine Hilfe nicht mehr dringen. Aber dennoch – sähest Du mich nicht unter der inneren Einwirkung jener Gehirnzellen, die die Erinnerungen bergen, wären sie es nicht, die die Netzhaut des Auges reizen, so wäre ich hier wirklich als bloße Halluzination. Das Bild meiner Gestalt – der Stimme – und alles – empfangen Deine Empfindungen wirklich durch einen rein physischen Prozeß. Denn durch Deinen und meinen Willen, der in Deinem Organismus fortwirkt, strömen aus der Peripherie der Atome, die zusammen Deine Vorstellung bilden, so viel Teilchen, als notwendig sind, daß für Dich in der physischen Welt die Vorstellung entsteht, in der Du mich siehst!«

»Ach, wie wäre das möglich!« unterbreche ich laut ihre Rede.

»Sieh – Du begreifst nicht. Du begreifst nicht, weil Du nicht weißt, daß alles um Dich herum, auch die festeste Materie, schließlich nichts anderes ist, als ein Kind Deiner Seele und ihres Willens. Das Bild der Welt, wie Du sie siehst und kennst, ist nur Deine Vorstellung, und diese gibt Dir Dein Wille ein. – Durch diesen Willen siehst Du die Atome in der Gestalt der Sonne, der Sterne, der Blumen und des Meeres, und wie es Dir dieser allmächtige Wille ermöglicht, daß Du die Atome in diesem Bilde siehst, so ermöglicht er Dir jetzt, daß Du gewisse Atome in der Form meiner Erscheinung schaust – daß Du mich neben Dir hast.«

»Dann – dann wäre unsere Seele eine Schöpferin!«

»Das ist sie auch – gewissermaßen.«

»Nun gut – demnach bist Du doch nicht die, die ich früher besaß – Du bist also ein ganz anderes Individuum.«

»Ach – Individuum! Das ist ein Begriff Deines physischen Gehirns. Ich habe natürlich nicht eben jene Atome zur Verfügung, die ich hatte, als ich lebte, ich sagte Dir aber, daß ich nur mit Deiner Hilfe bestehe. Du siehst aber, daß ich seelisch dieselbe bin wie früher. – Allerdings ist es nur mit Hilfe Deiner Seele möglich, die sich zu diesem Zwecke förmlich in zwei Wesen spalten muß, von denen das Eine alles in sich aufnimmt, was mich betrifft. In dem Zustande, in dem Du Dich befindest, und der Dich weit von Deinem normalen physischen Sein entführte, in dieser Verfassung ist dies möglich. – Schließlich, sehe mich nicht so verwundert an. Das, was ich Dir sage, kannst Du wenigstens annähernd ähnlich tagtäglich im wirklichen Leben sehen, in Zuständen, die allmählich die transcendente Welt berühren. Begegnet Dir denn nicht dasselbe im Traume? Schafft da Deine Seele nicht verschiedene Wesen? Oder nehme das dichterische Schaffen. Muß denn nicht auch da eine Seele denken und empfinden und sprechen für verschiedene Individuen, für kontrastierende Charaktere und längst verrauschte Ereignisse? Sieh – durch diese Kraft Deiner Seele kann es geschehen, daß ich hier stehe und existiere!«

»Aber – ach – dann bist Du es nicht – sondern ein Phantom – Du bist nur ein Kind meiner Phantasie – meiner Nerven!« rufe ich ganz enttäuscht aus. – »Dann bist Du eine Vision – Halluzination, und ich bin wahnsinnig!«

»Ach – was sprichst Du da! Ein Phantom, das Dir Blumen spendet, das Dir schreibt – ist das lediglich eine Vision? Ich bin dieselbe – ganz dieselbe, wer und wie ich zu meinen Lebzeiten war – und noch mehr – jetzt bin ich gerade die, die ich war, denn in dem Zustande, in den ich Dich durch meinen und Deinen Willen versetzte, gibt es für Dich keine Grenzen, die Dich hindern könnten, meine ganze Erscheinung aufzunehmen und zu übersehen, und eben deshalb, mit Hilfe Deiner Vorstellung kann ich alles in der wirklichen Welt tun, wie ehedem.«

»Gut denn, das ist aber doch nicht das, was ich denke und was sich der Mensch wünscht. Das ist eigentlich nicht die Fortsetzung Deiner Individualität. Schließlich ist das bloß eine Teilung meiner Seele – meines Gehirnes – und wenn diese aufhört, hörst auch Du auf zu sein. Ich wünsche mir aber zu wissen, ob Du als Individuum in der andern Welt bestehst, ob Du unsterblich bist – wie – was?«

»Du fragst mich so, wie nur ein Mensch aus der Welt der Wirklichkeit fragen kann. Individuum, andere Welt – das sind alles Begriffe Deiner physischen Verfassung. Du kannst nicht anders! Deshalb eben kann ich mich Dir nicht ganz verständlich machen. Solange Du nämlich bei Bewußtsein bist, bist Du auch in Deinen Gedanken an physische Gesetze gebunden, und deshalb könntest Du den wahren Sachverhalt nie begreifen. Deshalb ist es eben möglich, daß Du mich in der früheren wirklichen Gestalt siehst.«

»Aber – bestehst Du?«

»Ich sagte Dir doch, daß ich bestehe – hier bei Dir!«

»Und – unabhängig von mir?«

»Wieder so eine menschliche Frage! Es nützte auch nichts, es anders zu sagen. Nur in somnambulem Zustande könntest Du alles begreifen. Was nützte das aber? Die Erinnerung daran könntest Du nicht in den wachen Zustand mit hinübernehmen, und wenn Du es auch könntest, hättest Du wieder die geistigen Mittel nicht, um es auszudrücken und sich es vorzustellen, denn Deine Begriffe, an Physiologie und physisches Gehirn gebunden, können nur das aussprechen, wofür sie eingerichtet sind – und das ist so ziemlich der kleinste Teil jener wirklichen Welt, der sie angehören und die Deine unvollkommenen, armseligen fünf Sinne umfassen.«

»Du bist also noch in jener andern Welt, und um Dich zu sehen, bedarf es nur meiner Mitwirkung!«

»Du sprichst immerwährend gleich! Diese Welt – die andere Welt, das alles sind Begriffe Deines Gehirnes. Es fehlte noch, daß Du mich fragtest, wie viel Kilometer diese andere Welt entfernt ist, oder ob sie oben oder unten ist – und so weiter! Frage nicht danach! Es gibt nur eine Welt – und nur deshalb war es möglich, daß ich meinen Willen für das physische Stadium dieser Welt in Deiner realen Vorstellung erhalten habe – in Deinem Gehirn, indem ich Dir den Auftrag gab, daß Du mich weiter sehen, mir begegnen, mich lieben – und empfinden sollst.

Diese Tat, oder besser ein Teil meines Willens konnte der physischen Welt erhalten bleiben, unabhängig von meiner physischen Erscheinung und ihrer Dauer, eben so wie ihr zum Beispiel die menschliche Stimme auf einer unorganischen Masse erhalten könnt, und der Phonograph wird auch nach Jahren noch die Worte und Laute wiedergeben, nachdem die Kehle, die sie gesprochen, schon längst aufgehört hat zu existieren. Schließlich ist alles ein und dasselbe – der menschliche Wille und auch das, was ihr elektrische Kraft nennt – alles – alles – ist Wille. Und wie ihr, um einen Laut oder ein Wort zu erhalten, einen Apparat braucht, so mußte auch ich mir Dein Gehirn sichern, um in der physischen Welt erscheinen zu können.«

»Du tust aber mehr – als daß Du mir bloß erscheinst!« unterbreche ich sie.

»In dem Zustande, in den ich Dich mit meinem Auftrage versetzte und in dem Du Dich jenen Gegenden näherst, die über die Peripherie Deiner fünf physischen Sinne hinaus gelegen sind, in diesem Zustande ist es mir möglich, mit Hilfe Deiner mir zur Verfügung stehenden Organe all dies zu tun – ach– vielleicht noch mehr als das!«

»Was sagst Du?«

»Frage nicht mehr. – Deiner Auffassung sind enge Grenzen gezogen. Geh’, laß ab von diesen schweren Gedanken. Sie kommen alle – von diesen Deinen unglückseligen Büchern. Küsse mich lieber!«

Und sie löscht die Kerze aus. Durch das Fenster ergoß sich eine breite weiße Welle des Mondlichtes und der klare Winterhimmel mit seiner blassen Bläue und den unzähligen kleinen Sternen wurde sichtbar. Auf den Ästen der kahlen Bäume schimmerten die diamantenen Ränder des Reifes, während in der gegenüber liegenden Ecke des Gemaches der rote Schein von dem im Kamin glühenden Feuer lag; die Flamme leuchtete weit hinaus und umsäumte mit ihren lichten Wogen ihre über das Bärenfell ausgestreckten Füßchen. Ich ließ mich zum Boden nieder und bedeckte mit Küssen diese märchenhafte zarte Schönheit.

In der Früh erwachte ich, von den späten Sonnenstrahlen, die gerade in mein Gesicht schienen, geweckt, auf derselben Stelle, vor dem Fauteuil liegend. Sie war nicht mehr bei mir. Auf dem Bärenfell fand ich nur die aufgelöste Perlenschnur, die sie stets am Halse zu tragen pflegte.

 

 

VII.

Endlich hörte ich auf viel nachzudenken, wie ich mir die Wunder, die mit mir und um mich herum geschahen, zu erklären hätte. Dagegen überließ ich mich ganz der Empfindung und Überzeugung, daß ich in einen ungewöhnlichen Zustand verfiel, der voll unfaßbarer Geheimnisse und unseren alltäglichen Eigenschaften ganz fremd ist. Aus dem Ganzen fühlte ich heraus, daß ich mich den unabsehbaren Tiefen ewiger Geheimnisse genähert habe. Von allen Seiten umschwebte mich etwas Mysteriöses, das mich mit seiner Unermeßlichkeit vernichtete und anderseits wieder meine Seele hoch, hoch zu einem unabsehbaren Horizonte erhob, in irgend eine leichte – leichte Sphäre, wo es mir vorkam, daß ich nicht mehr ein chemisch-physikalisches Wesen bin, an dem schwerer Erdenstaub haftet.

Und die Hauptsache – mein ganzes Innere erfüllte ein großes Glück, daß ich meine Liebe nicht verloren habe.

Von jetzt an war sie fast jeden Tag bei mir. Deshalb hielt ich mich jeder menschlichen Gesellschaft ferne und empfing überhaupt niemanden. Selbst die Bediensteten erhielten strenge Weisungen und ich bestimmte genau die Stunden, wann sie bei mir eintreten durften. Nichts durfte meinem ungewöhnlichen Verkehre hinderlich sein.

Sie kam bei Tag und in der Nacht. Sie begleitete mich auch auf meinen einsamen Spaziergängen – und weilte ganze Stunden bei mir, währenddem ich beim Tische saß und in meinen Büchern studierte. Wir lasen gemeinsam unsere Lieblingsschriftsteller und wie einst – rezitierte und deklamierte sie auch jetzt die Gedichte, die sie auswendig kannte.

Diese Stunden könnte ich ihrer Schönheit und ihres Reizes wegen für den schönsten Traum halten, aber ihre Realität machte sie zu Tatsachen, zu Erlebnissen – zu einem Leben, das zwar von einem ganz unbegreiflichen Mystizismus durchwoben war, dessen jeder Augenblick aber von einem zauberhaften Lichte aus dem tiefsten Innern der Seele verklärt war, annähernd dem Lichte ähnlich, das in unseren Augen flimmert, wenn wir sie fest geschlossen halten.

Eines Abends saßen wir wieder in der Nähe des Kamins – glücklich und fröhlich. In ihrer Seligkeit sang sie mit leiser Stimme eine liebliche französische Melodie. Dabei hatte sie den Kopf an meinen Arm gelehnt. Auf einmal zuckt sie zusammen und verstummt. Ich sehe sie, wie sie erschreckt auf eine Stelle starrt, erblaßt und am ganzen Körper zittert.

»Mein Gott, was ist Dir?«

»Ach – schrecklich! Um Gottes willen – helfet ihr! Da – sie wird verbrennen. – Mein Gott! – Ach – meine arme Gema!«

»So sprich – was gibt’s?« rief ich erschrocken aus, denn ich sah ihr von Schmerz und Entsetzen verzerrtes Gesicht und die in unbestimmte Fernen starrenden Augen.

»Was ist? Da – Gema – ist in ihrem Boudoir – beendet eben die Balltoilette – das Mädchen warf den Leuchter vor dem Spiegel um – die Flamme ergriff die Seide – ach – sie brennt – sie brennt – schreit – weint – jetzt läuft sie – sie hat den Kopf verloren, auch das Mädchen – ach – und es kommt niemand – die Flamme wird immer größer – sie brennt schon lichterloh – mein Gott – mein Gott! Sieh – sieh auch Du – sieh!«

Und plötzlich schien es mir, als wären die Wände vor mir versunken – und ich sah eine ferne Gegend – und wieder eine andere Gegend – hinter ihr das Meer – und da sah ich ein elegantes Boudoir in dem alten Palais am Rialto und in ihm Qualm und die seidenen Vorhänge und Spitzen an dem riesigen Spiegel in Flammen, und ich sah auch eine schöne, junge Frau in Balltoilette, wie sie verzweifelt durch das Zimmer läuft und in ihrer Todesangst noch mehr der Flamme verfällt, die schon ihre Röcke ergriff, die Ärmel – und das üppige Haar. Und ich erkenne in der Unglücklichen – die Freundin meiner Jelene, die schöne Komtesse Gema, die erste Vertraute unserer Liebe.

Und das entsetzliche Bild verschwindet. Ich sah wieder mein Zimmer. Jelene saß noch immer wie erstarrt neben mir. Vor Schmerz und Verzweiflung konnten wir kein Wort sprechen. Das währte über eine halbe Stunde. Dann rührt sie sich zuerst und wendet plötzlich den Kopf zum Fenster, wo im selben Moment etwas heftig an die Glasscheibe schlug. Die Uhr auf der Wand erklingt, als wenn der Mechanismus erzittert wäre und der Pendel bleibt stehen. Der Zeiger zeigte auf zehn und blieb so stehen. Eine kühle, eigentümliche Empfindung geht durch meinen ganzen Körper, als ich in demselben Augenblicke sehe, wie Jelene ans Fenster trat, wo in schütteren, unregelmäßigen – fast durchsichtigen Umrissen – die Gestalt Gemas sichtbar wurde.

In der Aufregung, die sich meiner bemächtigte, springe ich auf – und will zum Fenster – beim ersten Schritte aber war schon alles verschwunden. Ich sah weder Gema noch Jelene mehr.

Nach drei Tagen erhielt ich einen Brief aus Venedig, in dem mir die betrübte Familie Gemas mitteilt, daß die Ärmste durch Unvorsichtigkeit ihrer Zofe beim Anziehen zum Balle ein Opfer der Flammen wurde und einige Minuten vor zehn Uhr Abends verschied – gerade zu der Zeit, für die der Gondolier bestellt war, um sie zum Balle zu führen.

Wenn irgend etwas meine Überzeugung bestärken konnte, daß meine ungewöhnlichen Erlebnisse nicht lediglich bloße Phantasien seien, so war es dieser letzte Vorfall. Ich wagte jetzt nicht mehr zu zweifeln. Meine Erscheinungen stimmten mit Ereignissen zusammen, die weit von mir und ganz unabhängig von jeder Einflußnahme meinerseits sich ereignet hatten.

Auch mit Jelene sprach ich von Gema. Ich wollte sie ausfragen – sie sagte mir aber nur das, was ich schon aus verschiedenen okkultistischen und telepathischen Büchern wußte. Sie wich jedesmal jeder weiteren Aufklärung förmlich aus. – Schließlich interessierte ich mich für die Sache nicht allzusehr, es genügte mir, daß ich mich mit einer gewissen Sicherheit und Überzeugung dem süßen wonnevollen Verkehre mit Jelene hingeben konnte, die für mich zur zweifellosen Wirklichkeit ward – zu einer Wirklichkeit, die geheimnisvoll war und einer Sphäre entstammte, in der die Grenzen der Zeit und des Raumes unserer fünf Sinne nicht mehr bestehen. Wie ein Sieger betrachtete ich fortan den Tod – und es stärkte und begeisterte mich irgend ein Gefühl von Beständigkeit und Unvergänglichkeit.

Oft erwachte in mir der Wunsch, durch Siegesposaunen der sämtlichen Menschheit meine Wahrheit zu verkünden und ihr einen Trost zu bringen, es hielt mich aber die Furcht zurück, daß vielleicht Jelene dann aufhören würde zu kommen. Und so hütete ich auch fernerhin meine Einsamkeit – ohne sie indes bis an das Ende zu bewahren.

Durch meinen schwatzhaften Nachbar erfuhr auch mein alter Freund, mein entfernter Verwandter X. etwas über mein Album. Der Schwätzer machte ihm die Ohren voll, wie viel ich leide, daß ich den Verlust Jelenens nicht verschmerzen könne, daß ich im Gegenteil absichtlich und bewußt mich dem Schmerze hingebe und die schwere Wunde immer von neuem aufreiße. Er fügte noch bei, daß er mindestens zehnmal vergebens zu mir kam, und daß, so wie er, auch alle übrigen Bekannten mich nicht besuchen konnten. Der Mensch schloß schon aus dieser meiner freiwilligen Einsamkeit, ich könnte wahnsinnig werden, oder sei es gar schon.

Mein Freund wurde dadurch in Aufregung und Unruhe versetzt. Er eilt geradeaus zu mir und verschafft sich mit Gewalt Einlaß bei mir. Und er findet mich eben, wie ich ihrer Ankunft harre. In der letzten Zeit konnten wir schon unsere Zusammenkünfte auf bestimmte Stunden verabreden. Auch diesmal sollten wir zusammentreffen. Der Besuch des Freundes kam mir daher sehr ungelegen. Ich mußte mich zurückhalten, um ihn meinen Ärger nicht merken zu lassen.

Er war allerdings so von meiner Trauer überzeugt, daß er einen liebenswürdigen Empfang gar nicht erwartet hatte. Schon die Begrüßung mußte ihm zeigen, daß er zu einem Menschen kam, dem alle Hoffnung und alle Freude ins Grab gesunken sind. Gewiß hatte er auch meinen Ärger und meine Ungeduld so aufgefaßt und sich so erklärt.

»Wie ist es möglich, daß Du Dich nicht zu bezwingen vermagst!« fängt er endlich in elegischem Tone an. – »Ich begreife Dein Unglück und Deine Trauer, die Zeit aber muß und kann alles heilen. Der Mensch darf sie aber in diesem Tun nicht absichtlich hindern. Und Du tust es, bei Gott! Beruhige Dich doch – versuche zu vergessen. Und, glaube mir, alles wirst Du schließlich überwinden.«

In dieser Art setzte er seine Rede fort. Schließlich verließ mich alle Geduld.

»Sprich nicht so!« unterbreche ich lebhaft seine Rede. – »Ich bin nicht unglücklich und habe auch keinen Grund es zu sein.«

»Wie?« fragt der Freund verblüfft und starrt mich mit offenen Augen an.

»Ich bin nicht unglücklich, denn ich habe meine Jelene nicht verloren.«

»Was?« und er springt erschrocken einige Schritte von mir weg, um dann gleich wieder ganz nahe an mich heranzutreten.

Und ich begann ihm alles zu erzählen. Es bemächtigte sich meiner eine Art von Schwindel, in dem ich nur den Wunsch hegte, alles zu sagen und meinen Freund von meinem Glücke zu überzeugen.

»Ach!« ein schmerzlicher und besorgter Ausruf entrang sich seiner Brust, als ich meine Erzählung beendigte, und teilnehmend faßt er meine Hand. Dann beginnt er mich zu überreden, daß ich gleich mit ihm diesen Ort verlasse und auf Reisen gehe.

»Ich kann nicht und will auch nicht!« weise ich sein Anerbieten ab. – »Sieh, wenn Du nicht gekommen wärest, wäre ich jetzt mit ihr. Nur einige Augenblicke noch – und sie wäre hier gewesen. So hatten wir es verabredet.«

»Freund, Du bist krank, – Du bist – Du bist –«

»Sage nur, daß ich wahnsinnig bin!« falle ich ihm erbost in das Wort.

»Nein – das nicht, aber doch –. Höre mich und verlasse diesen Ort so bald als möglich – jetzt gleich. Denn – nun – Du wirst mich schon entschuldigen, wenn ich Deine Geschichte anders auffasse. Und – ich will es Dir ganz offen, ohne Umschweife sagen: Deine Erscheinungen sind Halluzinationen, und zwar in einem so hohen Grade, daß hier ein Fachmann eingreifen müßte. So darfst Du hier nicht bleiben.«

»Du haltest mich wirklich für wahnsinnig, und ich sage Dir, daß da nicht der geringste Zweifel obwalten kann, – ich erlebe wirklich alles, was ich Dir erzählte. Wenn ich wahnsinnig wäre, ach – dann müßte ich doch in den lichten Momenten die Empfindung haben, daß alle meine Erlebnisse nichts als eine Krankheit – meines Gehirnes sind.«

»Höre mich! Ich sage nicht, daß Du wahnsinnig bist – daß Dein Gehirn erkrankt, daß Dein Geist umflort ist, aber – heute wissen wir schon, was die Autosuggestion vermag. – Du hast Dir all’ diese Erscheinungen selbst aufgenötigt.«

»Und was ist dann mit der Handschrift – was mit der Blume – und was mit der Vision von Gemas Unglück?«

»Was – was!« fängt der Freund zu faseln an – ich aber hörte ihn nicht weiter, denn in demselben Augenblicke – genau zur bestimmten Zeit – tritt Jelene in das Zimmer.

»Da ist sie!« flüstere ich ihm zu und gehe ihr entgegen.

»Wer? – Lucio – um Gotteswillen – wohin willst Du – was ist Dir? Sieh doch – glaube mir – niemand ist hier – nur Du und ich sind im Zimmer. Ach – mein armer Freund!« ein verzweifelter Aufschrei entringt sich seinen Lippen. Ich sah es seinem Antlitz an, daß er an meinem Wahnsinn nicht mehr zweifelte.

»Du bist doch gekommen?« wende ich mich an Jelene.

»Es war so bestimmt – ich muß! Und es ist auch gut, wenigstens werden wir Deinen Freund überzeugen, daß Du nicht wahnsinnig bist.«

»Er sieht Dich aber nicht – er behauptet, daß außer ihm und mir niemand mehr im Zimmer sei!«

»Lucio – was sprichst Du? Höre mich doch – Du sprichst mit Dir selbst, neben Dir steht ja niemand!« ruft mein Freund.

»Hörst Du ihn?« sage ich zu Jelene, die sich auf das Sopha niederließ und ihren Paletot abgelegt hatte.

»Ich höre ihn – und es ist ganz natürlich, daß er mich nicht sieht und nicht hört, denn seine Organe sind nicht in jenem Zustande, in dem sich die Deinen befinden und in dem allein es möglich ist, daß er mich wahrnimmt.«

»Dann muß er also denken, daß ich wahnsinnig bin!«

»Ja! Aber – Du kannst ihn in denselben Zustand versetzen, in dem Du Dich befindest, dann wird er mich sehen.«

»Kann ich das?«

»Natürlich. Du brauchst nur zu wollen und zu wünschen, die Grenzen seiner Individualität zu durchbrechen und ihm aufzutragen – daß er mich sehe, ebenso wie Du – und er wird mich sehen.«

»Freund!« wende ich mich zu ihm und gebe ihm den Auftrag, wie Jelene sagte. Er lächelt verächtlich und nickt mit dem Kopfe – ich brauchte aber meinen Auftrag nicht zu wiederholen, denn sein Gesicht nimmt plötzlich einen verwunderten Ausdruck an – und er starrt nach der Stelle, wo Jelene saß.

»Siehst Du jetzt? – Nicht wahr, Du siehst?«

»Ja – ich sehe – aber –«

»Kein aber – jetzt wirst Du wohl nicht mehr behaupten, daß ich wahnsinnig bin, oder müßtest Du dasselbe von Dir denken.«

»Ja – ja. Ich sehe – aber –«

»Zweifle nicht mehr. Und Du, Jelene, sage ihm, daß Du wirklich hier bist.«

»Hier meine Hand. – Es soll Ihnen so, wie dem ungläubigen Thomas geschehen. Die Berührung wird Sie überzeugen,« sagt Jelene und reicht ihm mit reizendem, liebenswürdigem Lächeln ihre schöne Hand.

Ich lachte laut und triumphierend auf – in demselben Moment aber verschwindet Jelene. Weder er, noch ich sahen wir sie mehr.

Vor Verwunderung, Schrecken und Verwirrung blieben wir im ersten Moment still.

Ich ergriff zuerst das Wort:

»Nun, was sagst Du jetzt?«

»Nichts. Dasselbe wie früher. Ich gebe zu, daß ich sie sah, aber – das hatte die Suggestion, Hypnose bewirkt.«

»Ach – Du bist unverbesserlich!« rufe ich wütend.

Das Ende unserer Auseinandersetzung war, daß er den ganzen Fall als mystisch und transzendental anerkannte. Er behauptete aber, daß solche Erlebnisse der Gesundheit der Seele gefährlich seien, und ich mußte ihm versprechen, daß ich mit ihm nach Paris oder Nancy zu einem der dortigen berühmten Hypnotiseure reisen werde.

Und so bin ich jetzt bei Charcot, dem ich, über seinen Wunsch, in diesen Blättern mein ganzes Erlebnis treu schilderte.

 

* * *

 


ANMERKUNG DES VERFASSERS.

Als ich vor zwei Jahren in Paris war, machte ich im Zuge, der nach Versailles ging, zufällig die Bekanntschaft eines jungen russischen Studenten, der Charcots Vorlesungen besuchte. Als ich ihm sagte, von wo ich sei, schlug sich der junge Mann vor die Stirne und rief:

»Eh – Sie sind also ein Landsmann des unglücklichen Lucio Ranjičić! Vielleicht kennen sie ihn?«

»Persönlich kannte ich ihn nicht. Aber aus den Zeitungen weiß ich, daß er – glaube ich – aus unglücklicher Liebe, wenn ich nicht irre, einen Selbstmord beging, aus Trauer über den Tod seiner Braut.«

»Schön – schön! Das ist derselbe. – Wissen Sie aber noch etwas? Vor seiner Tat kam er her, um dem Professor sein Erlebnis zu erzählen. Einen ganzen Roman hat er darüber geschrieben. Charcot hat ihn gelesen, er fand darin einen außerordentlichen Fall von Autosuggestion, gab die Papiere auch mir zu lesen, und wir heilten ihn. In der Hypnose wurde ihm der Auftrag erteilt, daß er alles vergessen müsse, was seine Visionen und Halluzinationen betrifft – gleichsam als wären sie nie gewesen. Und wirklich, es ist wunderbar gelungen. Lucio hat seinen ganzen posthumen Roman und die unsterblichen Seelen vergessen – alles aus seinem Gedächtnisse wie ausgelöscht.

Jetzt geschah es ihm aber, daß er noch immer seine ihm entrissene Geliebte betrauerte. Der Schmerz hatte ihn so überwältigt, daß er in seiner Verzweiflung nach dem Revolver griff. Wer hätte sich gedacht, daß er so ist! Wenn Sie das Manuskript seiner Beichte wünschen, kann ich es Ihnen geben.«

So kam ich zu Lucios Geschichte.