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Hermann von Glasenapp – Ein literarischer Speisezettel.

Humoreske

Hermann von Glasenapp, Ein literarischer Speisezettel, Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Verlag von A. H. Payne, Leipzig, 1. Band (1880), S. 335ff.


Im silbernen Stieglitz gab es heute viel zu thun. Das kleine Privatzimmer neben dem großen Speisesaal, dessen Tapete eine lauschige Weinlaube darstellt, wurde gelüftet und mit feinen Essenzen durchräuchert. Man verschleierte die Wanduhr, gleich wie das Madonnenbild von der Italienerin verhüllt wird, wenn der Geliebte zu einem Kosestündchen eingeladen ist. »Die Uhr schlägt keinem Glücklichen«, singt Schiller, und so sollte auch hier nicht die Glocke, sondern nur der Toasthall zusammenklingender Gläser läuten.

Vor wenigen Stunden war ein feines Diner en petit comité bestellt worden und mußte nun in beschwingter Eile servirt werden mit allen Delikatessen, Finessen, Accuratessen und was sonst noch aufs Essen hinausläuft.

Oberkellner in langschößigen Fracks, Unterkellner in kurzschößigen Jacken wimmelten untereinander. Waffengetöse von Messern, Gabeln und sonstigen schneidigen und schöpferischen Instrumenten durchtönte die Luft; Glas und Porzellan gaben Laute von sich, als seien sie nach Bessemer-Principien zur Welt gekommen.

Endlich war die ordre de bataille bis auf den letzten Tambour aufgestellt, jede Terrainfalte war weise benutzt, die Verschanzungen des Büffets mit Besatzung und Munition versehen, die Festung des Tafelaufsatzes mit allen Vertheidigungsmitteln ausgerüstet. Die Schlacht konnte beginnen. Für jetzt betrachtete sich der Hotelbesitzer als operirenden Feldherrn. Späterhin gebührte der Marschallstab dem Amphitryo, der schließlich den Feldzugsplan, d. h. die Rechnung berichtigt. Eigentlich aber hat sich der Gastgeber nur als souveränen Kriegsherrn zu fühlen, der auf dem Paradeplatz die Lorbeeren in Empfang nimmt, die sein Marschall erworben.

Besagter Amphitryo ist nun im vorliegenden Falle kein Serenissimus, sondern ein Mehlwurm. Wenigstens heißt er Mehlwurm, wenn auch nur mit dem Spitznamen, den er gemeinschaftlich mit seinen Collegen von der Intendantur trägt.

Mehlwurm? Intendantur? Wir wollen das erklären. Undank ist der Welt Lohn.

Jede Armee würde verhungern, verdursten, erfrieren, ohne die nützlichen Beamten der Intendantur. Wer an der Wahrheit dieses Satzes zweifeln sollte, der denke an 1870 und 71. Dennoch herrscht zwischen den Befehlshabern der Truppenkörper – vom General bis zum Feldwebel – und den Männern der Intendantur ewige Fehde. Die Truppen wollen stets möglichst viel bekommen und die Intendantur will stets möglichst wenig geben. So haben sich denn die hochzuverehrenden Herren der Intendantur die Natur der Zündhölzchen angeeignet, ihr Lebensprincip beruht ex officio auf Reibung. Die Geriebenen aber rächten sich, und da sie im Federkriege fast stets den Kürzeren zogen, so schossen sie den Pfeil eines Spitznamens ab und erfanden das geflügelte Wort: Mehlwurm. Ob der Mehlwurm schon bei den griechischen Phalangen und bei den römischen Legionen in Gebrauch war, wollen wir den Gelehrten und Altertumsforschern überlassen. Bei uns zu Lande reicht der Mehlwurm jedenfalls in die Zopfzeit hinauf, hat also immerhin einen Anspruch auf pietätsvolle Schonung.

Unser Amphitryo war ein Mann, so liebenswürdig, heiter, gesellig, als nur eine ins Menschliche übersetzte Rechenmaschine sein kann. Und heute war er doppelt heiter und traitabel, denn er war soeben zum Intendanturrath ernannt.

Deshalb das Festdiner, zu welchem er einen kleinen Kreis vertrauter Freunde eingeladen. »Mehlwürmchen« nannten sie ihn in besondersfont-family: "Gentium Book Basic"; gemüthlichen Kneipstunden. Er nahm das durchaus nicht übel, denn er war zwar nicht geheimer Intendanturrath, wohl aber geheimer – Lyriker.

Ja, er dichtete, der Würdige; er schaukelte sich auf den Wellen des Rhythmus, wenn er matt und müde die Tretmühle seines Bureaus verließ. Er gab ein Frühlingslied von sich, wenn er knietief durch die dürren Blätter seiner Acten gewatet hatte. Kann es etwas Unschuldigeres geben? Ueber seine Reimwerke selbst wollen wir gern den Mantel der Liebe decken, um so bereitwilliger, als er – eine weiße Krähe unter den Poeten! – Niemanden mit dem Vorlesen seiner Dichtungen belästigte. Auch die Transsubstantiation in Druckerschwärze hatte er, wenn auch mit einem heimlichen Seufzer, aufgegeben. Gewiß ein Beweis erhabener Menschenliebe! Aber einem Dichter den schnöden Namen Mehlwurm? Und warum nicht? Mehlwürmer sind eine Lieblingsspeise der Nachtigallen. Einem Dichter kann es gewiß nur lieb sein, als Mehlwurm aus diesem prosaischen Jammerthal in den Leib Philomelens auszuwandern.

Der geheime Lyriker trat ein. Er hatte die dienstlichen Meldungsvisiten hinter sich, hatte die Uniformshülle abgestreift und erschien nun als geschmackvoll gekleideter Civilschmetterling, das phantastisch bunte Westchen unter graugelben, bismarckirenden Oberflügeln verbergend. Nur dem Auge verständnißinniger Sangesgenossen war die geheime Symbolik seiner tadellosen Toilette erkennbar. Wie Reimguirlanden eines Gasels schlängelten sich seine Cravattenenden in gefälligen Verknotungen über die Brust; im rauschenden Terzinentact umklirrten ihn die Glieder der Uhrkette; sogar das Westenknöpfchen, das schmachtend sein Antlitz zur Erde beugte, war wohl nur ein Nachhall heimlichen Weltschmerzes.

Er war also eingetreten und sein Blick überflog die dienstbaren Schaaren, die ihm entgegenlächelte, hold angestrahlt von rosiger Trinkgeldererwartung. Er trat an den Tisch und zählte die Couverts, indem er freundlich seinen Schnurrbart streichelte, dessen wagrechte Tracirung sein Gesicht, wie die Cäsur einen Hexameter, in zwei ungleiche Hälften theilte.

»Alles richtig!« schlängelte sich ein robuster Unterkellner heran, der seine Laufbahn als Kegeljunge begonnen hatte. »Alle Neune!«

Mehlwurm schleuderte dem unvorsichtigen einen Blitz unaussprechlicher Verachtung zu. Er hatte an die geheiligte Zahl der Prieriden gedacht, als er neun Couverts bestellt – und nun dieser hölzerne Anklang aus der Kegelbahn! Schändlich! Aber er wußte diesen Schmerz  zu überwinden, er war ja ein Dichter und mußte an die Nadelstiche hausbackener Prosa gewöhnt sein. Der verschleierte Uhrzeiger rückte vor, die Gäste konnten jeden Augenblick eintreten. Mit höchster Sorgfalt hatte er die zum heutigen Mahle Eingeladenen aus der Zahl seiner Freunde ausgewählt. Ein officielles Diner war das heutige nicht. Die übliche Rath-Patent-Befeuchtungsbowle sollte erst später ihre bleichen Fluten auf die Kehlen seiner Amtsbrüder ergießen. Heute war es ein Liebesmahl von dichterisch fühlenden, oder doch literarisch überhauchten Geistern. Jeder der Eingeladenen stand durch irgend ein Fädchen mit dem Werke der Kamönen in Verbindung.

Numero Eins; Herr Graumaus, Theaterrecensent und Concertberichterstatter.

Numero Zwei; Herr Zungenbruch, Uebersetzer eines italienischen Operntextes.

Numero Drei; Herr Seidenweber, Verfasser eines historischen Dramas, dessen Aufführung seit sieben Jahren mit Bestimmtheit erwartet wurde.

Numero Vier; Herr Knüpfke, pseudonymer Compilator einer Blumenlese von Sinnsprüchen und Bonbondevisen.

Numero Fünf; damit dem Lichtbilde auch der düstere Schatten nicht fehle, Herr Beilschlag, Redacteur eines kritischen Schaffots, auf welchem junge Dichter und anfahrende Novellisten abgethan wurden, so wie Vorsteher eines auf Gegenseitigkeit gegründeten Belobigungsvereins gegen literarische Hagelschäden.

Numero Sechs, Sieben und Acht waren allzu bescheidene Blümchen, als daß es nothwendig wäre, ihre Namen zu erwähnen.

Die Gäste versammelten sich. Der elektrische Aal der Begrüßungsphrasen hatte seine Funken in Händedrücken und »gehorsamen Dienern« versprüht. Man setzte sich.

Die Temperatur eines Dineranfangs ist reglementsmäßig arktisch angehaucht. Nach den Erfahrungen der Gastrosophen soll ein Anflug von Frost anregend auf die Geschmacksnerven wirken, so daß die Gänsehaut des Essers das Vorspiel wird für die später folgende Melodie der gebratenen Gänsehaut. Die Suppe erwärmt, wie Frühlingsstrahl die Gemüther; den Eisgang befördert ein Glas Madeira, das hors dʼoeuvre durchsticht die Dämme, die schäumenden Fluten erquicken die dürstenden Gefilde, und wenn sich die Gewässer zurückziehen, bleibt der Blumenteppich des Desserts zurück.

Die Sitzung unserer Tafelrunde nahm den Verlauf einer durchaus gedeihlichen Entwickelung. Auf die geschmackvolle Vorrede einer Suppe à la tortue war das bekannte Einleitungscapitel ölgeschmeidiger Sardinen gefolgt; an das historische Ochsenviertel schloß sich die azurne Bergidylle der Forellen; über sie flammende Katastrophe eines Puddings à la Nesselrode war man zu der befriedigenden Knotenlösung eines Rehziemers übergegangen; man erheiterte nun das erregte Gemüth an den lieblichen Schätzen des Desserts, und ließ die von den Rebengeistern entfesselten Redegeister – nicht einen Cancan, aber doch einen Grotesktanz von gewagtester Sprungfertigkeit aufführen.

»Die Individualität der Nationen«, schloß Herr Seidenweber einen kleinen speech, während dessen er einem Dutzend Knackmandeln die Rippen gebrochen hatte, »malt sich in ihren Lieblingsspeisen. Die Bedürfnißlosigkeit der Italiener in den Maccaroni, die Verkommenheit der Spanier in der charakterlosen Olla potrida, die Gemüthlichkeit des Schlesiers in dem schlesischen Himmelreich, das Feuer des Magyaren in der Paprika, die Philisternatur des Schwaben in den Knödeln. Sind Sie nicht meiner Meinung, Mehlwürmchen?«

»Zugestanden. Ja, ich gehe noch weiter. Ich bin geneigt, auch eine Wahlverwandtschaft zwischen dem einzelnen Individuum und irgend einer besonders schmackhaft ausgeprägten Speise anzunehmen. Ich behaupte, daß jeder gute Schriftsteller durch ein ebenso gutes Gericht symbolisirt und in seinem innersten Wesen dargestellt werden kann.«

»Will mir nicht ganz gefallen«, kopfschüttelte Herr Beilschlag mit einem kritischen Stirnrunzeln. »In seinem innersten Wesen nicht; vielleicht aber in seinem Styl, seinen literarischen Manieren und Allüren.«

Allseitige Beistimmung.

»Als ich mir vorhin die vortreffliche Suppe à la tortue einverleibte«, nahm Herr Graumaus das Wort, »mußte ich unwillkürlich an Gustav Freytag denken. Eine gelungene Bouillon ist die Vergeistigung der Realität, das Essentielle in flüssiger Breite, das Alltagsbedürfniß zur Mannigfaltigkeit verklärt. Die Suppe bringt den Magen schnell und sicher in die nöthige Balance von Soll und Haben, kurz, Freitag ist Bouillon.«

»Nicht übel«, versicherte Herr Knüpfte. »Welchen Autor könnten wir nun nach Freitag auf die Speisekarte setzen? Wir stehen bei dem hors doeuvre . Austern, Caviar, wem vergleichen wir diese schätzenswerthen Tafelgenüsse?«

»Warum wollen wir denn so exclusiv Verfahren?« ließ sich Herr Zungenbruch vernehmen. »Wahre Ursprünglichkeit finden wir nur in den Nährstoffen des Volkes. Wer kann etwas einwenden gegen einen frischen, zarten Matjeshering? Jungfräuliche Sprödigkeit einer unverdorbenen Natur; Stacheln und Gräten mürbe geworden durch das Salz des Humors, keine andere Zubereitung erheischend, als ein kunstloses Bad in frommer Milch, das ist der Hering, und so kann ich für ihn keinen andern Vertreter finden als – Fritz Reuter. Gesättigt von der Seeluft des nordischen Dialects; schlicht und einfach in der Form, durch und durch gesunden Inhalts, beliebt bei Jung und Alt, Vornehm und Gering. Fritz Reuter ist der Hering.«

»Die Sache macht sich«, sagte Herr Seidenweber, der im Rufe eines ausgebildeten Gourmands stand. »Kämen jetzt die Entrées. Kennen Sie, meine Herren, die wundersame und erhabene Erfindung des großen Küchenkünstlers Soyer, welche dieser Columbus des Herdes cotellettes à la victime genannt hat?«

Man verneinte. »O!« fuhr er begeistert fort, das cotellette à la victime ist eine der tiefsinnigsten Combinationen des menschlichen Geistes. Zwei Feuer müssen neben einander auf dem Brandopferaltar der Küche emporlodern. Zwischen Beiden schwebt, wie ein gefallener, nach Läuterung ringender Engel, das Cotelette. Damit aber der zarte Gliederbau des Engels nicht von der züngelnden Flamme verletzt werde, sind ihm rechts und, links ein paar Cotelletteengel zweiter Classe angekettet. Die Engel zweiter Classe werden geopfert. Ihr Saft, ihre Kraft, ihr besseres Wesen geht gewissermaßen durch den Proceß einer culinarischen Seelenwanderung in den Erzengel über, welcher nun, zur höchsten Vollkommenheit emporgeläutert, die Menschheit mit himmlischen Genüssen erquickt. Dies ist das cotellette à la victime. Nun, meine Herren, welches Autors Geist spiegelt sich in dieser superfeinen Gaumenweide? Ich kenne einen, dessen Wesen in ewiger Polarität zwischen den Feuern der Gegensätze schwebt, der stets zwei Gedanken opfert, um den dritten zum Superlativ der Prägnanz zu Potenziren, wen anders kann ich meinen, als Bogumil Goltz?«

Mehrstimmige Acclamation. Vereinzelter Widerspruch.

»Zur Tagesordnung«, mahnt Herr Graumaus. »Werfen wir einen Blick auf die so verehrliche Familie der Majonnaisen. Sie sind den Phantasieblumen vergleichbar, welche unter den Händen erfindungsreicher, graziöser Pariserinnen erblühen. Die Mannigfaltigkeit ihrer Zusammensetzung ist unerschöpflich. Das gegenseitige Sichdurchdringen der disparatesten Stoffe, das endliche Obsiegen eines einheitlichen Grundgedankens führt mich nothwendig auf den Figurenreichthum und das »Nebeneinander« der Gutzkowschen Romancomposition.«

»Nun wäre es aber Zeit, auch die Zone der Mehlspeisen zu betreten. Diese Gebilde interessiren mehr die Damenwelt, sind aber doch ein nothwendiges Intervall in dem Accord der Tafelordnung. Ich dächte, wir ziehen uns wieder auf das Gebiet des Volkstümlichen zurück; man nimmt ein Mandel Eier aus einem historischen Hühnerstall, oder aus dem Eierkorb einer alten Chronik; man thut etwas Mehl von eigenem Zuwachs dazu; man schleudert die Pfanne mit einem in vieljähriger Uebung erlernten Handgriff rund um, und der Eierkuchen ist fertig d. h. der historische Roman à la – Louise Mühlbach.«

»Nicht doch, Mehlwürmchen! Wer wird so scharf ins Gerichtfont-family: "Gentium Book Basic"; gehen? Denken Sie an Goethe:


»Wer Dich am schärfsten kritisirt?
Ein Dilettant, der resignirt!«


»Und wenn die Recensenten auch noch so grausam wütheten, als die Dahingeschiedene noch ihre Romane schrieb, diese Romane wurden gelesen, gern gelesen, viel gelesen.«

»Behaupte ich denn das Gegentheil? Ein Eierkuchen ist eine vortreffliche Speise und wird von mir nie verschmäht.« Man sieht, Mehlwurms kritische Ader enthielt kein bösartiges Gift.

»Jetzt also der Braten«, fuhr Mehlwurm fort.

»Mit nichten«, replicirte Herr Graumaus. »Die neueste Novelle unserer civilisirten Tafelordnung befiehlt, daß vor dem Braten ein guter Käse erscheint. Ob der Gesetzgeber aus stomachalischen Rücksichten verfahren, oder nur der Modelaune eine kleine, artige Verbeugung gemacht hat, bleibt sich gleich. Ich constatire das Factum. Also Käse. Frage: »Wer ißt Käse?«

Sämmtliche Hände legten sich nachdenklich an sämmtliche Stirnen.

»Heureka!« brach Herr Spitzohr los. »Spröde Rinde, lindes Mark, kräftiger Duft, genießbar nur für gesunde, harmonisch gebildete Mägen – kein Anderer als die Verfasserin der letzten Reckenburgerin, Luise von Francois, ist Käse und zwar echter, veritabler Stiltonkäse in Achtung gebietender Masse, porös, voll Saft und Kraft, fähig, gegen alle drohenden Verdauungsbeschwerden erfolgreich zu reagiren.«

»Nun also der Braten«, behauptete Mehlwurm. »Ein umfassendes, fast unübersehbares Reich! Wir müssen nothwendig eine prototypische Form wählen. Ich schlage den berühmten Consistorialbraten, den Puterbraten, vor, der die sieben auserlesensten Bratengeschmäcker vereinigen soll. Nur ein Schriftsteller von vielseitigster Begabung kann ihm verglichen werden. Wohlan! Theaterdichter, Lyriker im Hochdeutschen, Volkssänger in Dialectform, Biograph, Romanschriftsteller, Gelegenheitspoet und Vorleser in einer Person – Sie errathen, meine Herren!«

»Doch nicht Holtei?«

»Wer sonst? Holtei ist der Puterbraten.«

Allgemeine Empörung.

»Warum bäumen Sie sich auf? Was haben Sie gegen den würdigen, selbstbewußten Puterhahn? Haben seine Ahnen nicht unter Palmen gewandelt und sich in den Wellen des Ganges gespiegelt? Bedenken Sie doch den patriotischen Widerwillen gegen rothe Farbe! Erwägen Sie, wie lebhaft der Puter gegen Pfiffe protestirt. Schon deshalb müssen wir einen Bühnendichter wählen.«

Das Murmeln der Mißbilligung erstarb allmälig.

»Wir nähern uns nun den Uebergangsformen, die auf das Dessert hinüber leiten. Zum Beispiel: Eis. Eis macht auf mich stets den Eindruck eines Doppelwesens; unter der kühlen Hülle schläft leidenschaftliche Glut, hinter dem Gletscher der Würzebrand des Orients. Kurz Vanilleeis ist Paul Heyse.«

»Ah, ah!« machte Herr Seidenweber, indem er von einer herumgereichten Schüssel seinen Teller mit Erdbeeren belud und davon kostete. »Ah, dieser Rosegger schmeckt wundervoll! Welches Aroma, welche duftige Waldesfrische! Kein Zweifel: Rosegger schreibt – Erdbeeren.«

»Wird Beides acceptirt. Damit wäre ja das Diner beendet und nun, meine Herren, noch ein Täßchen Bodenstedt! Schwarz wie Lucifer, heiß wie die Hölle, süß wie die Sünde! Aus der dunklen Flut ballt sich Mirza Schaffys Bild zusammen. Setzen wir uns denn auf den Teppich der Geduld und rauchen wir die Cigarre der Erwartung. Allerseits Prosit Mahlzeit!«