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Reinhard Goering – Der Erste.

Schauspiel

S. Fischer Verlag, Berlin, 1918


RICHARD BUHLIG



O Händepaar,
Dein Saiten-rühren war
Ein Gottlos-machen durch Musik,
Als ob Gott selbst in Saiten stieg,
Im Sich-verleugnen offenbar.


Auf seiner Stirne tat sich dar
Ein magischer Baum,
Dort blühte Traum
Wie im gekrausten Haar.


Sein Auge Blicke dessen trug,
Der zusah wie Kain Abel schlug
Und drüber weinte,
So versehrt,
Daß Auge sich zu Auge kehrt
Als sah es Welt genug.




PERSONEN


Antonio, Priester.

Paula, ein junges Weib.

Des ersteren Dienerin.

Der zweiten Schwägerin.

Ein Fährmannssohn, später der Verurteilte.


Volk. Weiber. Henker.

Henkersknecht. Kinder.





I

Zimmer



DIENERIN

Es ist wahr: er braucht jeden Monat eine neue. Was er damit macht, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß er kein Freund ist von Geschriebenem oder Gedrucktem.



SCHWÄGERIN

Man sagt auch, er ist gewalttätig und streng.



DIENERIN

O, er ist gut. Er ist gut wie die weiche, starke Milch.



SCHWÄGERIN

Ein solcher kann uns nicht helfen.



DIENERIN

Es gibt nichts, was er nicht könnte. Es gibt weit und breit keinen, dem er nicht geholfen hätte. Er rettet sie, wo er kann. Er ist da, wenn sie nicht weiter können. Seine Seele leiht er, wo sie sie haben wollen. Am meisten aber hilft er ihnen mit den Händen und mit dem Leib. Er dient allen.



SCHWÄGERIN

Was soll ein Diener uns? Es muß ein Herr sein. Einer, der mehr ist als wir, der sie zwingt. Vor dem sie Angst hat. Denn unser lacht sie. Sie hat keine Furcht.



DIENERIN

Du sprichst von der Schwester deines Mannes?



SCHWÄGERIN

Ja, von ihr. Glaube, die ist ein Ungeheuer, sie zerfrißt mein Haus. Sie macht mein Haus eng. Eine, die tanzt, wenn ich weine, und weint, wenn wir lachen.



DIENERIN

Was macht sie denn bei dir? Arbeitet sie bei dir?



SCHWÄGERIN

Wenn sie das nicht täte! Sie arbeitet, das ist verwunderlich. Aber sie macht auch mehr unrecht als zwei.



DIENERIN

Nun warte hier. Da wird er dir helfen.



SCHWÄGERIN

Wie lange bist du bei ihm?



DIENERIN

Acht Jahre.



SCHWÄGERIN

Man sagt, er schweigt manchmal wochenlang und er redet kurz. Ist er schön?



DIENERIN

Du hast doch deinen Mann. Was fragst du?



SCHWÄGERIN

So fragt meines Mannes Schwester immer. Von der habe ich es wohl gelernt. Sie sagt, die Schönen sind schwach und die anderen haben Kraft.



DIENERIN

Du wirst ihn ja sehen und kannst selbst urteilen. O weh, weh! Was ist da? Da ist er mit dem Stier.



SCHWÄGERIN

Ei, wie er ihn hält. Bei den Hörnern. Aber er wird ihn nicht zwingen können. Der Stier drückt ihn an die Wand.



DIENERIN

Er fällt, er fällt.



Beide Frauen ab. Dann Antonio mit Schwägerin.



ANTONIO

Was willst du also?



SCHWÄGERIN

Meines Mannes Schwester wohnt bei mir im Haus. Und sie reißt das Haus ein, sie schafft Mißgang, sie ist toll und wir gehen zugrund.



ANTONIO


Das ist Einbildung. Sprich deutlich. So leicht geht niemand zugrund.



SCHWÄGERIN

Ich weiß nicht, was es ist. Es ist alles wie wankend und nicht mehr so, wie es war, wenn sie da ist.



ANTONIO

Und was soll ich dabei tun?



SCHWÄGERIN

Helfen.



ANTONIO

Man kann nur selbst sich helfen. Daß ein anderer helfen könne, ist Einbildung bis auf sehr wenige Fälle. Warum habe ich dich noch nie gesehen?



SCHWÄGERIN

Wir sind erst seit zwei Monaten hier, mein Mann, ich und meine Schwägerin.



ANTONIO

Wo wohnst du?



SCHWÄGERIN

Drüben am Fluß das letzte kleine Haus.



ANTONIO

Gut. Jetzt kannst du gehen.



Schwägerin ab.



ANTONIO

Dieser Stier hat mich was gelehrt. Ich hatte ihn und drehte ihm den Kopf zur Seite. Wie er schelte, der Kerl! Ich hatte mit meinen Zehen eine Ritze zwischen den Steinen und stemmte gegen. Es war unfehlbar. Da lag ich im Dreck. Bauf! Dich! Kann man nicht einmal seinen eigenen Armen trauen! Was sagt das Buch dazu? Das Buch! Mich ärgert mein Auge nicht! Ich reiße es nicht aus. Ich zerreiße dies Blatt und dies. Mich ärgert anderes. Voll Einbildung stecken wir und dunstig ist das Bild der Welt und unser selbst. Die wirklichen Dinge stecken wie Kiesel in einem Morast von falschen Lehren, Schaum, den die Sehnsucht aufbläst. Selbst unser eigenes Fleisch ist so ausstaffiert mit falschen Tugenden, verhüllt uns selbst mit blödem Beiwerk und so krank, daß wir fallen und stolpern über nichts.

Ich hatte die Hörner fest in den Fingern. Ich wog ihn im rechten Knie, den Kerl. Jawohl, ich spürte deinen ganzen Widerstand im rechten Knie, mein Freund und hahaha! stemmte hoch. Da lag ich im Dreck. Hol dich die Pest. Warum soll ich nicht im Dreck liegen? Warum die Scheu vor dem Imdreckliegen. Es ist alles Einbildung. Wir müssen Herr sein über all solchen Dunst.



Geschrei hinter der Szene. Die Schwägerin kommt herein.



SCHWÄGERIN

Sie schwimmt. Warum bist du nicht gekommen? Sie ist in das Wasser gegangen. Keiner hat sie getrieben. Wir sind nicht schuld. Es ist zu spät. Sie ist im Fluß!



ANTONIO

Daraus kann man sie doch wieder herausholen, wie!? Wo etwas maßlos ist, steckt immer ein Weib.



Beide ab.





II

Flußufer



ANTONIO

Löscht die Laternen! Wir sehen mehr in reiner Dunkelheit. Was dort treibt, ist Holz. Bestätigt's.



LEUTE

Ja, es ist Holz.



ANTONIO

Wenn sie erscheint, hole ich sie heraus. Es

ist zwecklos, daß einer von euch hineinsteigt.

Ihr kennt mich. Ich hole sie.

Er beginnt sich zu entkleiden. Am anderen Ufer erscheint der Fährmann und entkleidet sich gleichfalls.



ANTONIO

Holla! Wer ist das dort drüben? Warum entkleidest du dich?



FÄHRMANN

Ich entkleide mich.



ANTONIO

Behalte dein Zeug am Leibe. Ich hole sie allein aus dem Wasser. Das Wasser ist kalt.



FÄHRMANN

Das braucht niemand mir zu sagen.



ANTONIO


Steh ab von deinem Vorsatz. Du begibst dich ohne Not in Gefahr und wirst darin umkommen.



FÄHRMANN

Scheu du die Gefahr. Steh du ab. Dies ist nicht dein Amt.



ANTONIO

Wer bist du? Kennt einer den Mann?



LEUTE

Es ist der Sohn vom Fährmann. Er ist der Geliebte der Ertrunkenen. Man hat sie zusammen gesehen.



FÄHRMANN

Jawohl, das bin ich. Sie ist mein. Es ist mein Recht, sie aus dem Wasser zu ziehen. Du sollst sie mir nicht anrühren. Sie ist mein, sie hat mich geliebt.



ANTONIO

Das bildest du dir ein. Warum ist sie ins Wasser gegangen? Weiche! Störe nicht dies Rettungswerk, es gerät dir zum Übel.



Beide steigen ins Wasser.



STIMMEN

Da kommt sie. Da schwimmt sie. Da ist sie.



FÄHRMANN

Sie ist mein! Sie ist mein. Laß ab. Paula, hör, Paula! Hörst du noch? Ich komme dich holen, du gehörst mir. Komm hierher, Paula!



ANTONIO

Du kommst zu spät.



Zieht sie aus dem Wasser.



ANTONIO

Komm, Sünderin. Das Wasser ist kalt und naß. Nichts für dich! Ist noch Leben in dir, so wollen wir es wieder wecken. Dann haben wir dich nicht umsonst aus dem Wasser geholt.



Man hört die Schreie des Fährmanns.



ANTONIO

Wer schreit so?



LEUTE

Es ist der Sohn des Fährmanns. Er ist fortgegangen.



ANTONIO

Warum schreit er so?



LEUTE

Er ist heftig und hat sie sehr geliebt. Lebt sie noch?



ANTONIO

Ja, sie lebt, sie atmet –



LEUTE

Sie ist warm! – Spürst du ihr Herz?



ANTONIO

Still. – Ich spüre das Herz. Ja, ich spüre das Herz. Schnell, wo ist das Haus, daß ich sie hintrage!



LEUTE

Dort ist es. Wirst du müde? Sollen wir tragen?



ANTONIO

Vorwärts! Was ist das – mir wird heiß.

Meine, Hände fangen an zu zittern! Ist

das Wirklichkeit? Ist das Einbildung? Was

für ein weiches Ding liegt da an meiner

Brust. Es biegt sich, wo ich die Hand habe.

Was ist los mit mir? Ich werde sie fallen

lassen –



LEUTE

Was ist dir? Wird sie dir zu schwer?



ANTONIO

Mir ist nichts. Schnell vorwärts!!!



LEUTE

Da ist das Haus. Du schwankst schon.



ANTONIO

Ich komme bis hin. Danke.



Alle ab. Nach kurzem tritt Antonio wieder auf.



ANTONIO

Zittern und Zittern lieben! Von dieser Puppe ging ein Feuer aus, das mir das Blut verkehrt. Es ist noch wie ein Rausch in diesen Armen. Wir tragen Vulkane in uns, glühend, verborgen, furchtbar, ungeahnt, und so eine Puppe kann sie wecken. Pest – dies war süß und so, daß ich ins Zittern kam. Was ist es? Wenn aus dem Wasser hier eine Stimme sich lockend erhöbe und ich folgte ihr, so ersöffe ich. Teufel, es ist Aufruhr und Fieber in meinen Knochen. Ich sehe nicht, was von einem Weibe kommen könnte. Doch wenn da etwas ist, was ist, so soll nur sein, was ist – mehr nicht.



Fährmann erscheint wieder.



FÄHRMANN

Sie war mein. Sie war meine Braut. Sie gehörte mir.



ANTONIO

Wer da? Wer redet dort?



FÄHRMANN

Bist du es? Du hast angerührt, was mein ist. Du sollst es büßen. Warte!



ANTONIO

Du steckst voller Hirngespinste. Ich nicht. Ich werde warten.






III

Zimmer



DIENERIN

Warst du bei ihr?



ANTONIO

Schweig. Nein.



DIENERIN

Heute morgen sandte sie wieder die Schwägerin, du solltest kommen.



ANTONIO

Hast du gesagt, daß ich nicht zu ihr käme?



DIENERIN

Ja. – Aber – warum nicht?



ANTONIO

Es bleibt dabei: Ich gehe nicht zu ihr. Sie mag kommen, wenn sie etwas von mir will.



Dienerin ab.



ANTONIO

Was wissen wir von dem, der Schluß macht mit sich selbst? Kann nicht im Leben

Wirde so sehr getroffen werden, daß Sterben würdiger ist? Unbekümmertes, traumloses Leben ohne Einbildung! Wo ist es mehr, als wo es sich selbst bestimmt. Man tötet sich zu wenig, dünkt, mich. Wahrhaft, mir ist, ich schritt im dichten Nebel und brachte Nebel. Daß mir die Augen aufgingen!!



Dienerin tritt ein.



DIENERIN

Es ist da jemand!



ANTONIO

Ist wieder ein Kind krank oder eine Alte ängstlich



DIENERIN

Es ist ein junges Weib, das dich sprechen will.



ANTONIO

Jetzt? Nein! Doch. Laß sie herein!



Paula tritt ein.



PAULA

Warum willst du mich nicht zu dir lassen?



Dienerin ab.



PAULA

Bist du es, der mich gerettet hat? Du? Derselbe, ja du?



ANTONIO

Was fragst du noch? Was willst du?



PAULA

Das!



Speit ihn an.



PAULA

Wer gibt dir recht, mich zu retten! Bist du mein Herr?! Ich schwamm gut im Wasser. Mir war wohl darin, wohl wie in keinem Bett. Was steigst du ins Wasser? Was steigst du in mein Bett? Träumer! Hast du Recht, mich aus dem Wasser zu holen. Du bist ja beinahe umgefallen, sagen sie. Steht auch in deinem Buche, daß du den Menschen auch tun darfst, was sie nicht wollen? Warum kamst du nicht zu mir? Hast du ein schlechtes Gewissen? Weißt du, was mich getrieben hat und was mich getreten hat? Du Besserer! Du Sündenvergeber. Du grüner Junge. Jungfrau!



Speit ihn wieder an.



PAULA

Soll ich noch einmal –



ANTONIO

Spei!



Paula speit ein drittes Mal.



PAULA

Was ist mit dir? Ich speie dich an und du wehrst dich nicht. Soll ich noch einmal? Warum sprichst du nicht? Warum läßt du dir alles gefallen? Warum lassest du dich anspeien? Pah! Dies ist kein Mann.



Will gehen, kehrt zurück.



PAULA

Was hast du? Du bist bleich. Warum tust du mir nichts? Du zitterst!



ANTONIO

Geh.



PAULA

Warum soll ich gehen?



ANTONIO

Geh.



PAULA

Ich will – laß mich dir dein Gesicht abwischen.



ANTONIO

Was ich an dir tat – – –



PAULA

Was du mir tatst –



ANTONIO

Ich sehe jetzt die Dinge, wie sie sind.



PAULA

Was siehst du da?



ANTONIO

Was ich an dir tat, ist – –



PAULA

Ist – – –



ANTONIO

Was hast du vor? Warum kommst du her? Geh! Geh!



PAULA

Ich glaube, was du mit tatest – ist – das

Schönste – was – mir – einer – tun

konnte. – Hörst du!



ANTONIO

Was – sagst – du – ist das Schönste – das einer – dem andern tun – kann –



PAULA

Sieh mich nicht an! Du! Du veränderst dich! Höre. Ich habe dich beleidigt und angespien. Ich bin ein Mensch, hörst du, dem nur Menschen helfen können. Mich hatten alle verlassen. Verstehst du?



ANTONIO

Nein, ich verstehe nicht.



PAULA

Warum hast du mich herausgezogen!?



ANTONIO

Warum?



PAULA

Du!



ANTONIO

Was geht vor mit mir?



PAULA

Du!



ANTONIO

Was geht vor mit uns?



PAULA

Was siehst du mich so an?



ANTONIO

Als ich dich im Arme hatte an jenem Abend –



PAULA

Laß mich, nein, laß mich!



ANTONIO

Ist etwas verhängt worden über mich?



PAULA

Und was war das?



ANTONIO

Das – was – ich – nun – tun – muß.



PAULA

O du! du! du!



ANTONIO

Und ich glaube, das ist nicht Einbildung.






IV

Zimmer



ANTONIO

Führ sie herein!



Schwägerin tritt ein.



SCHWÄGERIN

Gott segne dich, Mann. Es ist alles gut. Es ist alles in Ordnung. Du bist uns vom guten Schicksal geschickt worden. Sie ist wie verwandelt. Kein Mensch hat geahnt, wie gut sie sein kann. Das hast du getan.



ANTONIO

Übertreibe nicht so, Weib. Es geht euch also besser zu Haus?



SCHWÄGERIN

Es ist alles gut. Nur bitte, laß nicht nach mit ihr. Sie soll immer wieder zu dir gehen, bis alles fest wird in ihr und damit alles immer gut bleibt. Wirst du dich ihrer weiter annehmen?



ANTONIO

Wenn du so bittest –



SCHWÄGERIN

Es ist gut. Habe Dank, habe Dank.



Ab. Dienerin tritt ein.



DIENERIN

Ich muß dir sagen: Seit das Weib, das du aus dem Wasser gezogen hast, zu dir kommt, ist es nicht mehr geheuer im Haus.



ANTONIO

Wird dir bange unter meinem Dach?



DIENERIN

Ich will dir nur sagen, daß jemand hier herumschleicht und späht. Bald ist er fort, bald wieder da. Türen sind auf, die man geschlossen hat, und Fenster nur angelegt, die man verriegelt hat. Ich weiß nicht, was vorgeht.



ANTONIO

Genügt es nicht, wenn ich es weiß?



DIENERIN

Du weißt, daß einer späht und schleicht.



ANTONIO

Es ist vielleicht nur Täuschung und Einbildung von dir. Sei ganz ruhig.



DIENERIN

Auch du bist anders.



ANTONIO

Ich bin doch stets derselbe, sollte ich meinen, und werde mir auch gleich bleiben, denke ich.



DIENERIN

Da höre ich jemand eintreten.



ANTONIO

Sag ihr, sie solle hereinkommen.



Dienerin ab. Paula tritt ein.



PAULA

So haben wir es nun erreicht! Mein Einziger, mein Süßer!



ANTONIO

Ja, wir sind nun am Ziel. Doch was für Namen gibst du mir?!



PAULA

Darf ich dich nicht nennen, wie ich will?



ANTONIO

Ja, wenn du willst, nur was ich wünsche!



PAULA

Einzig und allein das. Nur eins will ich für mich!

Eins ist alles.



PAULA

Wissen, daß du mich liebst.



ANTONIO

Närrin! Weißt du, daß Traum Traum ist? Weißt du, daß Liebe – Liebe ist, nicht ebensogut?



PAULA

O ja, ich weiß! Mir ist, als könnten die Leute es mir ansehen. Und dir, sehen sie es dir nicht an? Aber die Nacht so allein dort in der Kammer am Fluß – ohne dich: das ist entsetzlich. Geht es dir nicht auch so, daß du dich sehnst?



ANTONIO

Warum davon reden, da es nicht anders sein kann?



PAULA

Es könnte anders sein.



ANTONIO

Komm her, komm her auf meine Knie!

Wem gehört diese Falte da? Und diese –

und Bein – und Fuß – und Arm und Hand

und Schoß und Mund und Aug und Ohr

und Haar –



PAULA

Du bringst mich um.



ANTONIO

Tut es dir leid? Und diesen Ellbogen. Zeig diesen Ellbogen.



PAULA

Man merkt, ich bin das erste Weib, das du hast.



ANTONIO

Das letzte vielleicht auch.



PAULA

O, willst du mich zum Narren halten?



ANTONIO

Warum sollte ich anders reden, als ich es meine!?



PAULA

Erzähle, was du empfandest, als du mich damals trugst. Man sagt nur, du sähest seltsam aus.



ANTONIO

Ich sage dir lieber, was ich empfinde, wenn ich dich jetzt trage, siehst du.



PAULA

O halt, halt, halt!

Er trägt sie ins Nebenzimmer, das, Fenster wird aufgestoßen.



Der Fährmann sieht herein.



FÄHRMANN

Ha! Ha! Ha! Ha! Ha – aaaaaaaa! Noch nicht!

Fährmann verschwindet.

Antonio und Paula kehren zurück.



PAULA

Was für ein Lachen war das eben?



ANTONIO

Des unseren Echo!



PAULA

Du bist nicht anders wie die anderen.



ANTONIO

Das ist Weibs-Weisheit.



PAULA

Sie sagen, daß ich gar nicht wiederzuerkennen sei und sie glauben, daß du mich durch deine Worte und Ermahnungen ganz in der Hand hast. Zum Totlachen, ist's nicht so?



ANTONIO

Nicht über andere Leute lachen!



PAULA

Man hat dich an vier verschiedenen Orten gesehen diese Nacht. Ich habe es schon gehört.



ANTONIO

Ja, ich war auf vier Dörfern diese Nacht.



PAULA

Was hast du da getan?



ANTONIO

Was soll ich da getan haben? Meine Pflicht!



PAULA

Waren es junge? Nein, werde nicht böse. Ich will dir auch sagen, was sie noch sagen. Sie sagen, du wirst immer stärker und klüger, und ohne dich ginge es ihnen viel schlechter.



ANTONIO

Ja, es macht Freude, zu helfen und zu raten. Man muß mit der Tat zeigen, wie man es meint. Handeln können ist alles.



PAULA

Laß mich wieder auf deinen Knien sitzen.



ANTONIO

Komm.



PAULA

Sag, nennst du das auch deine Pflicht tun?



ANTONIO

Du bist des Teufels, Mädchen.



PAULA

Nein, mir scheint nur, es ist ein großer Unterschied, ob ein Weib liebt oder ein Mann.



ANTONIO

Liebe ist Liebe, dünkt mich.



PAULA

Uns ist sie alles, euch nichts.



ANTONIO

Liebe ist Liebe für uns, dünkt mich.



PAULA

Aber –



ANTONIO

Aber –



PAULA

Ich bin dumm. Ich bin ganz krank vor Liebe zu dir! Weißt du und wenn du dann immer – du sollst mir eins versprechen, hörst du?



ANTONIO

Versprechen gar?



PAULA

Daß du dich nie wieder in Gefahr begibst.



ANTONIO

Ich werde die Gefahr nicht suchen. Mir ist mein Leben wertvoller geworden, seit ich dich habe.



PAULA

Mein Guter! Du kannst die Leute sich etwas selbst helfen lassen. Du bist nicht dazu da, dich auf ihre Leiter zu stellen, wenn es brennt.



ANTONIO

Sondern sie verbrennen zu lassen, wenn sie im Feuer sitzen.



PAULA

Dazu bist du nicht da.



ANTONIO

Weiß man je, wozu man da war?



PAULA

Einer für den anderen.



Der Fährmann öffnet wieder das Fenster.



FÄHRMANN

Ha! Ha! Ha! Ha! Ha – aaaaa!



Verschwindet.



PAULA

Hu, das war grausig.



ANTONIO

Kennst du den Mann da?



PAULA

Ich kenne diesen Mann!






V

Zimmer



PAULA

Warum lügst du?



DIENERIN

Ich lüge nicht. Er ist nicht da.



PAULA

Er ist wieder fort! Schon wieder treffe ich ihn nicht.



DIENERIN

Hat er nicht ein Recht zu gehen, wann und wohin er will?



PAULA

Was habe ich dir getan?



DIENERIN

Geh wieder nach Hause. Er ist nicht da.



PAULA

Ich habe kein Zuhause. Ich will auf ihn warten.



DIENERIN

Du und der, der hier immer herumschleicht, gehört zusammen.



PAULA

Lies diesen Zettel. Das gilt für ihn so gut wie für mich. Darüber muß ich mit ihm sprechen.



DIENERIN

O Himmel, wo hast du das her? Wer hat das geschrieben?



PAULA

Läßt du mich nun warten?



DIENERIN

Warte, solange du willst. Aber glaube nicht, daß es dir lange gut geht. Ich weiß nicht, wer du bist und was du tust, aber von dir kommt alles Übel.



PAULA

Bewahre, daß durch mich Unheil käme. Es geht ihm doch' gut, nicht wahr?



DIENERIN

Du mußt es ja wissen.



Dienerin ab.



PAULA

O, wir sollten die Männer in Käfige einsperren, damit wir sie länger behalten wie einen Tag. Aber sie würden uns doch hintergehen. Was tötet so wie Liebe! Doch wir sind aneinander gebunden, Verräter.

Wie es dem einen ist, muß es dem andern auch sein. Was den einen trifft, soll den andern auch treffen.



Der Fährmann öffnet die Tür.



FÄHRMANN

Bist du allein? Wo ist er?



PAULA

Dieb, Mörder, was habe ich mit dir zu schaffen?



FÄHRMANN

Sei still. Ich habe mit dir zu schaffen. Wart nur, was ich mit dir zu schaffen haben werde!



PAULA

Was willst du mir tun? Ich habe dir nichts getan. Darf ich nicht hingehen, wohin ich will und wo es mir besser gefällt?



FÄHRMANN

Das ist deine Schuld, daß es dir besser anderswo gefällt.



PAULA

Geh, ich kenne dich nicht.



FÄHRMANN

Kennst mich nicht. Du sollst mich kennenlernen. Ist er drin?



PAULA

Rühr ihn an! Ich rate dir! Du kennst mich! Rühr du an, was du nicht anrühren sollst!



FÄHRMANN

Ja, rühre nicht an, was du nicht anrühren sollst.



PAULA

Warst du das?



Zeigt ihm den Zettel.



FÄHRMANN

Kennst du meine Schrift nicht mehr?



PAULA

Narr, er wird dich hinlegen, daß du Gnade und Erbarmen schreist. Pack dich!



Fährmann ab.



PAULA

Das all ist schauerlich. Liebe ist wie ein Abgrund, über den zwei sich zueinander beugen. Wann fallen sie?



Antonio tritt ein.



ANTONIO

Da bist du ja, Paula.



PAULA

Da bin ich.



ANTONIO

Wie lange, daß wir einander entbehrten!

Sehr lange.



ANTONIO

Wie schön du bist!



PAULA

Findest du mich schön?



ANTONIO

Schöner von Tag zu Tag.



PAULA

Warum lassest du mich zwei Tage allein, zwei Tage umsonst schön sein!?



ANTONIO

Bist du mir deshalb gram?



PAULA

Wo warst du?



ANTONIO

Bei Leuten.



PAULA

Denen du halfst.



ANTONIO

Soweit zu helfen war.



PAULA

Für alle bist du da und allen gehörst du.



ANTONIO

Doch dir am meisten.



PAULA

Und wo warst du gestern?



ANTONIO

Weit fort. Komm nun um so näher. Willst du nicht?



PAULA

Es plagt mich etwas.



ANTONIO

Plag dich selbst nicht und du wirst nicht geplagt.



PAULA

Wie weise du mit einem Male bist.



ANTONIO

Halte nur still.



PAULA

Ich will nicht.



ANTONIO

So willst du nicht. Es gibt also auch solche, die nicht wollen.



PAULA

Wie du mir, so ich dir.



ANTONIO

Also, sei gut zu mir.



PAULA

Bist du es denn? Du bist –



ANTONIO

Was bin ich?

Ein Satan.



ANTONIO

Ich bin es nicht, aber glaube mir: alle haben wir etwas von ihm in uns und können es werden, wenn man uns stört.



PAULA

Wenn man euch stört. Worin?



ANTONIO

In dem, was uns das Wichtigste ist, in dem, was wir von ganzem Herzen wollen.



PAULA

Und was ist dir dieses Wichtigste?



ANTONIO

Es ist Geheimnis.



PAULA

Willst du es mir nicht sagen? Gibt es Geheimnisse zwischen uns?



ANTONIO

Es ist ein Geheimnis von mir selber.



PAULA

Dann sprich mit mir darüber; vielleicht wird es dir selbst dann offenbar, was es ist. Dies eine sage mir und ich will dich nie mehr plagen, nie mehr sagen, daß du mich nicht genug liebst, dich nie mehr quälen, denn ich weiß wohl, daß ich dich quäle.



ANTONIO

Ich weiß nicht, was es ist. Ich kann nur sagen: Der König hat weniger Beruf im Lande hier als ich. Und daraus entspringen Aufgaben gegen sich selbst und zugleich Fähigkeiten.



PAULA

Du bist stolz.



ANTONIO

Ich werde langsam sicher meiner selbst.



PAULA

Dank meiner. Es wär' schön, wenn du mich liebtest.



ANTONIO

Fängst du wieder von Liebe zu reden an! Verbringe ich nicht halbe Tage mit dir? Halte ich dich von meinem Bett fern, mangelt es dir an Zärtlichkeiten? Was ist es, was in deiner Einbildung wie Liebe aussieht. Du machst aus ihr einen unförmigen Berg und ein hirnloses Ding wie ein Huhn.



PAULA

Und was machst du aus ihr? Was ist sie für dich?



ANTONIO

Vielleicht ein Ding, das man sucht, um es los zu werden.



PAULA

Siehe da!



ANTONIO

Sicher aber eine Katze, die man an den Bettpfosten festbinden soll.



PAULA

Festbinden!!



ANTONIO

Einer sagte: Ein Ding, das mehr bewirkt, wo es nicht ist, als wo es ist.



PAULA

Festbinden, sagst du!?



ANTONIO

Wenn es nötig ist.



PAULA

Ans Bett festbinden.



ANTONIO

Ist das so schlimm?



PAULA

Dich reut wohl, daß du dich mit mir eingelassen hast?



ANTONIO

Paula! Kind, komm her. Genug Scherz. Hier faß an mein Herz. Daß es so ruhig geht, das bist du! Willst du mehr sein?



PAULA

Ich will, daß du nur lebst, wenn ich lebe daß du nur da bist, wenn ich da bin, und daß du stirbst, wenn ich sterbe.



ANTONIO

Was Sterben jetzt! Sprich vom Leben, das gefällt mir besser.



PAULA

Der Tod steht immer hinter dem Ofen. Da lies.



Weist das Blatt Papier.



ANTONIO

Darauf lachen wir.



PAULA

Lachst du!! Ein anderer würde zittern.



ANTONIO

Ich habe einmal gezittert, als ich dich im Arme hatte. Das ist jetzt vorbei. Jetzt gehen wir unseren Weg und fürchten niemand und nichts. Wehe, wer in den Weg tritt!



PAULA

Liebster! Herrlicher! So gefällst du mir. Sind wir beide nicht zusammen wie ein Löwe und eine Löwin? Was würdest du tun, Löwe, wenn die Löwin in deinen Weg träte!?



ANTONIO

Du? Was sagst du da jetzt!? Man sollte euch die Zunge ausreißen, ehe man euch nimmt.



PAULA

Ich glaube fast, du dachtest schon daran.



ANTONIO

Woran?



PAULA

Daß ich dir hinderlich wäre.



ANTONIO

Aber du dachtest daran.



PAULA

Es ist alles Einbildung, alles Einbildung, o weh!



ANTONIO

Fort mit den Einbildungen! Das sind unsere wahren Feinde.



Dienerin tritt ein.



DIENERIN

Die Schwägerin ist da.

Laß sie herein.



Schwägerin tritt ein.



ANTONIO

In dieser späten Stunde!



SCHWÄGERIN

Man sagt mir, du seiest zu jeder Stunde und für jeden zu sprechen.



ANTONIO

Was willst du?



SCHWÄGERIN

Allein mit dir reden.



ANTONIO

Geh hinaus und warte draußen.



Paula geht.



SCHWÄGERIN

Sie redet nachts. Sie steht auf und läuft herum und redet.



ANTONIO

Was redet sie?



SCHWÄGERIN

Wirres Zeug, was man nicht versteht. Nur einen Namen nennt sie immer wieder und den versteht man.

Einen Namen?



SCHWÄGERIN

Deinen.



ANTONIO

Wie kommt sie dazu, meinen Namen zu nennen?



SCHWÄGERIN

Früher nannte sie oft den Namen des Sohnes vom Fährmann. Nicht soviel wie deinen. Das war ihr Geliebter.



ANTONIO

Was für ein Mensch ist das?



SCHWÄGERIN

Ein schöner Mann, sehr heftig. Er hatte Angst vor ihr und sie vor ihm in der ersten Zeit.



ANTONIO

Und was soll ich in dieser ganzen Sache, Weib!



SCHWÄGERIN

Die Leute können reden. Du mußt es ihr austreiben oder sie in dein Haus nehmen.



ANTONIO

Wie meinst du?



SCHWÄGERIN

Wenn sie in deinem Hause ist, wird sie nicht mehr reden nachts.



ANTONIO

Du kannst gehen.



Schwägerin ab.



ANTONIO

Wir sollen Lügner sein!



Paula tritt ein.



PAULA

Was wollte sie?



ANTONIO

Sie sagte, daß du mich nachts rufst.



PAULA

Sonst nichts?



ANTONIO

Nein.



PAULA

Sagte sie nicht, daß du mich zu dir nehmen sollst?



ANTONIO

Doch, das sagte sie, doch das ist unmöglich.



PAULA

Warum nicht?



ANTONIO

Bei dir ist es zur Raserei geworden. Du bist maßlos. Liebe ist dein Geschäft und du willst es zu meinem machen.



PAULA

Ich bin, was ich bin.

Ein Weib.



PAULA

Du etwa ein Mann?



ANTONIO

Was sagst du da? Wenn du bei anderen Männern mehr findest, was deiner Art entspricht, so will ich dich nicht halten.



PAULA

Was tun wir? Halt ein, halt ein. Komm, küß mich!



ANTONIO

Begreife euch wer kann!



PAULA

Küß mich! Küß mich! Sag, sind wir nicht viel mehr aneinander gebunden als irgendwelche andere, durch die Schuld, die wir haben?



ANTONIO

Wir haben keine Schuld.



PAULA

Die du hast.



ANTONIO

Du irrst. Ich habe keine Schuld.



PAULA

Fängst du an, alles zu leugnen! So


ANTONIO

Habe ich geleugnet, was du mir wirklich bist mit deiner Liebe?



PAULA

Noch nicht.



ANTONIO

Nie werde ich es tun.



PAULA

Ich gab mich dir ganz. Aber nie warst du ganz mein.



ANTONIO

Ich folgte ohne Arg dem, was uns trieb. Vielleicht ist das, was du Liebe nennst, eine Einbildung.



PAULA

Ich kenne die Liebe besser als du.



ANTONIO

Besser als ich!



PAULA

Von einem, der kein Träumer ist und der sich darauf versteht.



ANTONIO

Träumer ich? Wenn du sie so gut kennst, warum lehrtest du sie mich nicht?



PAULA

Laß uns jetzt aufhören, flehe ich.

So hör' doch auf! Vielleicht aber gab es in mir wirklich Dinge, die träumerischer Art waren.



PAULA

Wie weh das tut. O Süßer, Böser, o wie weh!



ANTONIO

Wenn sie da waren, so gab es sie. Ich habe sie getötet.



PAULA

Weil du mich ungenügend befandest?



ANTONIO

Weil es nicht Zeit für Träume ist. Es gibt anderes.



PAULA

Das ist nicht wahr. Das ist nicht wahr! Es gibt nichts anderes. Du lügst. Du willst mir weh tun. Sag, daß dies alles nicht ist und daß wir es vergessen! Ich bin ein einfaches kindliches Weib! Ich kann nicht gegen dich an. Ich liebe dich bloß und fühle mich verstoßen von dir. Darum sprich schnell. Willst du mich töten? Tu's! Willst du mich fortschicken? Soll ich gehen? Wirst du mich dann lieben, wenn ich gegangen bin? Erkennst du jetzt nicht mein wahres Wesen? Sprich, wirst du mich lieben, wenn ich fort bin und nie wiederkomme. An was denkst du? Warum sprichst du nicht?



ANTONIO

Was ist denn eigentlich?



PAULA

Höre du! Höre, du bist in meiner Hand!



ANTONIO

Was meinst du damit?



PAULA

Wenn ich aufmache und schreie?



ANTONIO

Das meinst du damit!



PAULA

Liebst du mich noch?



ANTONIO

Wir rasen beide!



PAULA

Ob du mich liebst, das will ich wissen.



ANTONIO

Ich glaube, man sollte euch totschlagen nach dem erstenmal.



PAULA

Was liebst du denn? Die Bauern, bei denen du herumläufst?



ANTONIO

Nun schweig!



PAULA

Denen du den Mist fährst und die Balken schleppst und sie heimlich darüber lachen.



ANTONIO

Rede nicht mehr.



PAULA

Warum? Was liebst du denn? Die Kinder lehren, worüber sie lachen, wenn sie groß sind!



ANTONIO

Stell dich nicht in den Weg!! Stell dich nicht in den Weg!



PAULA

Oder Jungfrauenpflicht.



ANTONIO

Mein Gott, war das Liebe!



PAULA

Zuviel Liebe! Zuviel! Oder – die – heimliche – oder die heimliche – Krone.



ANTONIO

Weib! Weib! Weib, du bist schädlich. Komm!



Er erdrosselt sie auf einem Stuhl. Der Fährmann tritt schleichend ein mit einer Axt.



FÄHRMANN

Erst du!



Versetzt der toten Paula einen Hieb.



FÄHRMANN

Dann du!



ANTONIO

Mein Freund?



Antonio packt ihn, Leute kommen.



ANTONIO

Bindet ihn. Er hat das Weib da erschlagen.






VI

Zimmer



ANTONIO

Es ging etwas schnell. Zu sehen ist nichts. Kein Blut daran. Gefährlich und bedrohlich sind nur Schäume, Träume, Einbildung, Gesichte, Seltsamkeiten, von denen man sagt, daß sie aus Blut entstehen. Was sicher nicht wahr ist. Diese Dinge sind nichts, wenn der Geist klar bleibt ;und fest und weiß, wohin er will. Auf diesen Stuhl setze ich mich ganz wie früher. Die Brücken über dem Fluß sind nicht schmäler. Mit jeder Last kommt man darüber. Sie wollen Leben, als wäre Leben ein Märchen. Ich konnte lächeln als Kind wie Kinder und von meinen Händen sagt man sogar, sie seien besonders weich. Von dieser Weiche muß noch in meinen Händen sein und lächeln werden wir wieder. Nur nicht van Märchen glauben. Wer zwei tötet, muß leben für drei.



Dienerin tritt, ein.



D


IENERIN


Der Bote ist da.



ANTONIO

Ich komme.






VII

Gerichtssaal



RICHTER

Angeklagter, wolltest du auch den Priester erschlagen?



FÄHRMANN

Den am meisten.



Unruhe der Zuhörer.


Antonio tritt ein.



RICHTER

Du sollst als Zeuge aussagen. Leiste den Eid.



Antonio schwört.



RICHTER

Sage aus.



ANTONIO

Ich befand mich am Tage der Tat in meinem Arbeitszimmer mit der Getöteten und war dabei, sie zu unterweisen.



FÄHRMANN

Unterweisen. Ha! Ha! Ha! Unterweisen! Worin Sie saß in dem Stuhl, den ich gezeigt habe am Fenster. Ich drehte ihr den Rücken. Plötzlich hörte ich ein Knacken und wandte mich um. Da stand der Fährmann mir mit dem Beil gegenüber. Ich machte ihn unschädlich. Dann sah ich, daß er der Getöteten einen Hieb versetzt hatte, und sah auch, daß sie tot war. Als Männer ins Zimmer kamen, übergab ich ihnen den Täter.



RICHTER

Es sind die Männer dort. Sie sagen aus, du habest dazu gesagt: Er hat das Weib da erschlagen.



ANTONIO

Das habe ich gesagt.



RICHTER

Du glaubst also, daß das .Weib durch den Schlag mit dem Beil getötet worden ist.



ANTONIO

Ja – das – glaube – ich.




RICHTER

Es ist gut.



FÄHRMANN

So ist es gut?



RICHTER

Du kannst gehen, Priester.



FÄHRMANN

Was hast du sie gelehrt? He, worin hast du sie unterrichtet?



ANTONIO

Ich bitte, noch einmal reden zu dürfen.



RICHTER

Rede.



ANTONIO

Lege dem Fährmann nicht Mord zur Last, sondern Totschlag.



RICHTER

Warum bittest du so?



LEUTE

Still – Still.



Der Fährmann ist aufgestanden.



FÄHRMANN

Hat er für mich gebeten? Ich weiß nicht –? Was soll das –? Du höre: Spielst du eigentlich mit uns allen?



Getümmel der Zuhörer.



ANTONIO

Ich wiederhole meine Bitte. Kann ich jetzt gehen?



RICHTER

Das kannst du.



FÄHRMANN

Ich habe sie ermorden wollen und ihn am meisten.



RICHTER

Ruf die Geschworenen auf, Schreiber.



LEUTE

Heil, Priester! Wir stützen dich. Du bist unser. Heil dir!



ANTONIO

Genug, genug. Laßt mich allein, Leute!



Ab.






VIII

Zimmer


Dienerin und eine Frau



DIENERIN

Die ersten Tage war es, als ob er unter dem Schreck noch gelitten hätte. Ich hörte ihn sagen etwas wie: Das erste ist überstanden, oder: Der Wagen ist nicht ins Rollen gekommen, oder: Es ist ein Märchen. Aber dann hat er sich schnell erholt und jetzt sieht ihm keiner mehr etwas an von der Sache. Er arbeitet für drei.



FRAU

Hat er die Kinder wieder bestellt?



DIENERIN

Ja, die Kinder machen ihm jetzt eine besondere Freude und ich will dir sagen: damals, wie er so immer »Märchen« sagte, das hängt mit den Kindern zusammen.



FRAU

Was für Kinder sollen denn heute kommen?



DIENERIN

Die vom Dorfe drüben. Sie sind das erstemal bei ihm. Still, da kommt er zurück.



Antonio tritt auf. Frauen ab.



ANTONIO

Daß es Herbst wird nach dem Sommer, daß ein Berg noch steht am nächsten Morgen und der Fluß noch da ist, darauf kann man sich einigermaßen verlassen. Man sollte sich ebensogut auf sich selbst verlassen können und es wäre kein Kunststück, Berge zu versetzen.



Dienerin tritt auf.



ANTONIO

Was willst du? Ich gehe gleich wieder.



DIENERIN

Aber die Kinder sind doch bestellt.



ANTONIO

Die Kinder, ja die Kinder! Ich komme gleich zurück.



Antonio ab. Frau zurück.



DIENERIN

So geht es Tag und Nacht.



FRAU

Wenn nur der Fährmann schon gehängt wäre. Das ganze Land wartet darauf.



DIENERIN

Es soll morgen geschehen. Wir wissen es, denn er soll ihn begleiten und mit ihm beten.



FRAU

Da kommen die Kinder.



Mütter mit Kindern treten auf.



ERSTE MUTTER

Hier bringen wir unsere Kinder.



ZWEITE MUTTER

Was will er mit unseren Kindern machen?



FRAU

Wißt ihr, daß der Fährmann morgen gehängt wird?



ERSTE MUTTER

Geschieht ihm recht.



ZWEITE MUTTER

Wenn man wüßte, daß einem sein Kind auch mal so etwas würde, schlüge man es lieber gleich tot, jetzt schon.



FRAU

Der Fährmann wird auch eine Mutter gehabt haben und einmal so ausgesehen haben wie deins da.



MUTTER

Wie meines nicht.

Habt ihr schon gesehen, wie einer gehängt wird?



Antonio tritt auf.



ANTONIO

Brut! Brut! Gebt eure Kinder und geht.



Weiber ab.



ANTONIO

Laßt mich euch sehen. Laßt mich euch anfassen. Laßt mich euch prüfen. Du da geh auf und ab im Zimmer. Bring mir das Buch. Dir schenke ich diesen Ball und du gib mir, was du da in der Hand hast. Gib's mir! Wie heißt du? Es ist gut. Sie sind gerade gewachsen, biegsam und unverdorben. Hoffentlich unverdorben. Es ist noch alles in gutem Zustande an ihnen. Sagt: Warum soll man nicht lügen?



Die Kinder antworten kindlich.



ANTONIO

Falsch. Ihr sollt zu stolz sein, um zu lügen. Ihr seid frei geboren. Vor wem habt ihr Angst, daß ihr lügt? Es soll keine Menschen mehr geben, die Angst haben. Lügen die Berge etwa? Nichts in der Welt lügt, sondern ist wie es ist.


Auf dem Stuhle erscheint die Gestalt Paulas.



ANTONIO

Ha, wer ist das?



KINDER

Was siehst du? Warum schaust du so dorthin?



ANTONIO

Nichts, Kinder. Mir war, als säße dort ein Rabe auf dem Stuhl. Jetzt ist er wieder fort.



Die Gestalt Paulas ist verschwunden.



KINDER

Lehre uns noch etwas.



ANTONIO

Sag noch ein Gebot.



KIND

Du sollst nicht töten.



ANTONIO

Wer sagt das?



KIND

Was siehst du dorthin? Ist der Rabe wieder da?



ANTONIO

Mir ist nicht wohl. Kommt zu mir, Kinder. Setzt euch auf meinen Schoß. Erzählt mir etwas, faßt mich an. Erzählt: Es war einmal. Was ist mit mir? Bin ich so weit, bei Kindern Schutz zu suchen? Blasen sind Blasen. Weg damit. Geschehenes ist geschehen. Und dies war nur wenig gegen das, was noch zu tun ist und getan wird.



Paulas Gestalt erscheint von neuem.



ANTONIO

Haltet mich fest, Kinder. Was willst du? Warum so in liebender Gestalt? In zürnender seh ich dich besser.



KINDER

Ich fürchte mich. Laß mich. Du tust mir weh.



Kinder gehen davon.



ANTONIO

Das ist das Üble an starken Taten, daß sie aus dem Unwirklichen die Dinge locken und den Geist sich selbst entfremden, jedes Maß verändernd. Ich tue dasselbe wie sonst, doch es ist nicht mehr dasselbe. Oder ist es doch dasselbe und sagt nur meine Angst, es sei nicht mehr dasselbe? Wo ist Einbildung, wo was ist?

Geh von dem Stuhl dort, du! Sitz nicht. Sitzen ist Eigenschaft von Leib und Fleisch und Blut. Geh fort von diesem Stuhl. Ich oder du.



Steht auf.



SCHATTEN PAULAS


Was mühst du dich umsonst?



ANTONIO

Du kannst auch sprechen? Das ist Wahn! Wahn! Ich morde dich noch einmal.



Antonio setzt sich auf den Stuhl. Der Schatten ist verschwunden, Dienerin tritt ein.



DIENERIN

Ein Mann verlangt dich.



ANTONIO

Er soll kommen. Er soll kommen!!



Antonio geht hinaus und kommt dann zurück.



ANTONIO

Ich wurde alles: Lügner, Mörder, Schänder. Nichts von dem allen war an mir. In diesen Morast schritt ich, um den Stoff in mir zu formen zu etwas Ganzem. Ich hoffe, ich durchschreite ihn und komme nicht um darin. Ich habe alles bestanden bisher. Nun ist der letzte Schritt zu tun, unsicherer als die anderen. Ich will ihn tun. Danach hoffe ich rein und schön dem vollen Abbild eines Menschen zu begegnen. Dann will ich diese Schale wüster Taten von mir tun und jeder unbestimmten Sehnsucht bar, die nur ein Weib erweckt hat, tun, was ich kann. Nicht mehr erschütterbar. Doch einer muß tot sein vorher.






IX

Gefängniszelle



FÄHRMANN

Hätt ich gewußt, daß er Kraft für viere hat, hätte ich ihn zuerst geschlagen und dann sie. Und weil ich das nicht wußte, soll ich hängen! Wer ist schuld an allem? Wer spielt mit allen? Ich muß ihn haben, Heda! Kommt er oder kommt er nicht. Hast du ihn rufen lassen?



Antonio tritt auf.



ANTONIO


Du verlangst nach mir.



FÄHRMANN

Hast du Angst? Ich bin gefesselt. Komm herein. Sag, lehre mich, was du das Luder gelehrt hast, als ich es tat, und sage mir, warum du bei dem Richter für mich gebeten hast.



ANTONIO

Bist du in solcher Laune?



FÄHRMANN

Du Heuchler und Schleicher, bist du nicht schuld an allem?



ANTONIO

Warum beschimpfst du mich? Willst du, daß ich mich morgen freue, wenn ich dich hängen sehe?



FÄHRMANN

Du hast recht, wahrhaftig. Hör, willst du mir ausbrechen helfen?



ANTONIO

Warum sollte ich das?



FÄHRMANN

Du hast wieder recht. Du bist stark, Freund – ich darf dich doch Freund nennen – du gefällst mir. Wann soll es geschehen?



ANTONIO

Morgen um fünf.



FÄHRMANN

Tut es weh?



ANTONIO

Nicht viel mehr als ein Beilhieb.



FÄHRMANN

Mensch, bei Gott, du gefällst mir, Kerl! Du hast deinen Beruf verfehlt. Arme Seelen stärken, alte Weiber trösten und keine jungen. Hör mal. Oder hast du alle so unterrichtet wie das Luder? Freund, wenn ich morgen mit fünfundzwanzig sterben soll, so habe ich doch mein Teil hinter mir. Vielleicht konntest du mich noch beneiden. Doch wer kennt euch. Warum hast du dich nicht früher gezeigt, wie du bist. Es war nicht schön, daß du mir diese grade wegnahmst, aber hätte ich dich gekannt, dir hätte ich es verziehen. Du lachst? Holla! Dann will ich morgen auch lachen. Sag, zimmern sie schon? Was ist dir? Macht dir das Wort Zimmern solches Leibgrimmen? Höre, bewegt sind immer nur die Zuschauer!



ANTONIO

Ich glaube, es ist die Luft. Mir wird übel.



FÄHRMANN

Bauer! Ich kann das Wort Luft nicht hören. Mir wird übel von deiner Übelkeit. Sag mal, sag, gehe nicht –! Die Sonne geht wohl schon unter.



ANTONIO

Ich – glaube – sie ging unter eben.



FÄHRMANN

Glaubst. Du bist frei und siehst das nicht! Es soll ganz süß sein, gehängt zu werden,

sagt man. Rede doch, hast du was auf dem Gewissen? Sprich dich aus. Ich erscheine morgen vor Gottes Thron. Ah, die Sonne geht unter, die Sonne geht fort. Hast du keinen Trost, du? Wie erträgst du es, zu leben, wenn ich sterbe? Steht das Dorf noch?



ANTONIO

Die Luft, die Luft.



FÄHRMANN

Da hast du das Wort vor die Füße.



Übergibt sich, Antonio geht hinaus.



FÄHRMANN

Ja, scher dich zum Teufel.



Sinkt hin. Durch die offene Tür sieht man Antonio stehen.



ANTONIO

Es ist alles zum Teufel. Vorsatz, Wille, Natur. Alles weg. Am liebsten hinge ich schon statt seiner.



Antonio ab.



FÄHRMANN

Priester! Priester! Bist du, noch da? Ich nicht! Oh, oh! Ich schreie und jammere und liege am Boden. Mich verlangt nach dir. Komm! Du sollst kommen!



Der Priester kehrt zurück.



ANTONIO

Lieg nicht so auf dem Boden, Mensch!



FÄHRMANN

Ich soll sterben, ich soll sterben.



ANTONIO

Steh auf, es gibt viel Schlimmeres als sterben, sag ich dir.



FÄHRMANN

Geschwätz, Wahnsinn, Schwäche. Es gibt nichts Schlimmeres.



ANTONIO

Steh auf.



FÄHRMANN

Gib deine Hand.



ANTONIO

Meine Hand! Was willst du mit ihr?



FÄHRMANN

Gib mir deine Hand.



ANTONIO

Was willst du mit ihr? Sie ist voller Schuld.



FÄHRMANN

Gleichwohl, gib sie mir.



ANTONIO

Laß, es klebt Blut daran.



FÄHRMANN

Dann erst recht gib sie mir.



ANTONIO

Blut klebt daran, hörst du?



FÄHRMANN

Ich weiß es.



Antonio springt zurück.



ANTONIO

Bist du wahnsinnig!



FÄHRMANN

Ich weiß es. Deshalb darfst du sie mir nicht versagen.



ANTONIO

Soll ich –



Gibt ihm die Hand.



FÄHRMANN

O was für eine schöne warme Hand. Mir war es, du wolltest mich eben erwürgen, aber es sah nur so aus. Was für eine gute Hand. Nicht loslassen, nicht loslassen.



ANTONIO

Sprich, Mann, was weißt du von mir?



FÄHRMANN

Warum erschrickst du? Ich kann dir nicht mehr schaden. Laß nicht los.



ANTONIO

Sprich, was weißt du?



FÄHRMANN

Laß mir die Hand.



ANTONIO

Sage oder ich lasse los.



FÄHRMANN

Ich schwöre dir, ich weiß nichts. Aber verstoß mich nicht. Ich will so festhalten und schlafen.



ANTONIO

Geht es vorwärts, geht es rückwärts? Wo bin ich? Was geschieht? Wohin fahren wir? Das Schiff ist steuerlos. Ich sehe eine eintönige Masse und höre ein eintöniges Lied. Ist es letztes Wachen? Ist es schon Schlaf? Der Sand fällt und der Sand fällt. Es wird Morgen werden und hell. Warum wird es immer wieder Morgen?






X

Gefängniszelle



FÄHRMANN



an der Wand mit ausgebreiteten Armen:


Der Hase, da ist er! Die Hunde, da sind sie! Lauf, lauf, lauf, lauf, du mußt daran glauben. An dieser Wand will ich kleben, so, so. Abziehbildchen, Abziehbildchen. Ich will auf diese Wand gemalt sein.



Geräusch. Antonio, später Knechte.



ANTONIO

Wo ist er? Schnell. Jetzt schnell.



FÄHRMANN

Langsam, langsam. Ich will auf diese Wand gemalt sein. Ich will auf diese Wand gemalt sein.



ANTONIO

Ohren zu. Augen weg. Schnell, nur schnell.



FÄHRMANN

Langsam, langsam.



ANTONIO

Es muß geschehen, hörst du. Sei stark und suche nicht Mitleid zu wecken. Du wirst keins finden.



FÄHRMANN

Wer ist das?



ANTONIO

Stirb, wie es sich gehört, hörst du!



FÄHRMANN

Ich will an diese Wand gemalt sein.



ANTONIO

Teufel, Kerl! Von dir ist nichts zu erwarten.



Knechte kommen, der Fährmann wird entfesselt.



KNECHTE

Komm!



Fährmann folgt ohne ein Wort. Sie gehen hinaus.



FÄHRMANN

Der da soll still sein.






XI

Richtplatz

Volk. Galgen



ERSTER

Sobald die Glocke läutet, verlassen sie das Gefängnis.



ZWEITER

Da läutet die Glocke.



DRITTER

Es wird so gemacht: Er muß auf das Gerüst gehen. Der Priester begleitet ihn und betet mit ihm. Dann kommt der Henker und zieht ihm den Sack über den Kopf. Dann spricht der Priester noch einmal mit ihm, dann bekommt er die Schlinge umgelegt, wird an den Rand geführt und dann stößt ihn der Henker hinüber.



VIERTER

Still, still. Da kommen sie.



FÜNFTER

Da ist der Fährmann. Er ist wie Wachs. Aber Antonio ist noch bleicher.



SECHSTER

Das ist der Priester nicht mehr.



SIEBENTER

Still. Still.



Der Zug mit dem Fährmann, Antonio, den Knechten tritt auf.




ANTONIO

Hörst du, es ist alles Einbildung. Geht es jetzt? Siehst du, was die Einbildung Macht über uns hat. Geht es jetzt?



FÄHRMANN

Ja, es geht.



ANTONIO

Das Unmögliche wird möglich für dich und mich.



FÄHRMANN

Es geht ganz gut.



ANTONIO

Den Weg zu Ende gehen, dann ist es ein Weg.



FÄHRMANN

Ich habe nur eine Angst, daß ich noch einmal schwach und schlapp werde im letzten Augenblick. Es ist mir so, als sei alles Schlimme jetzt verschwunden, aber ich fürchte, daß es wieder emportauchen wird.



ANTONIO

Es muß unten bleiben, hörst du, es muß unten bleiben. Was sein muß, muß sein.



FÄHRMANN

Du hast kein Mitleid.



ANTONIO

Schweig davon. Zuviel vielleicht.



FÄHRMANN

Warum aber muß es sein?



ANTONIO

Steh nicht still. Geh weiter. Schwanke nicht, hörst du, schwanke nicht.



FÄHRMANN

Ich habe ihn gesehen, meine Beine wollen nicht mehr.



ANTONIO

Was hast du gesehen?



FÄHRMANN

Ihn.



ANTONIO

Ist es so schlimm? Die Menge sieht dich; halte dich aufrecht.



FÄHRMANN

Meine Beine wollen nicht mehr. Sie wollen nicht.



ANTONIO

Es wird mir zuviel. Willst du noch, daß ich dich trage? Mach' ein Ende. Komm.



FÄHRMANN

Mir ist ganz kalt im Leib.



ANTONIO

Mann, stirb, wie es sich ziemt zu sterben; wenn du das nicht kannst, schlag keinen tot.



FÄHRMANN

Ich komme schon.



ERSTER MANN

Sieht es nicht aus, als zerrt er ihn zum Galgen?



ZWEITER MANN

Unsinn, er hat selbst für ihn zweimal gebeten.



ANTONIO

Es ist alles nur Einbildung, höre. Der Galgen, deine Furcht davor, der ganze Krempel. Alles!



FÄHRMANN

Ich bin schon tot.



ANTONIO

Es sind nur noch sieben Schritte.



FÄHRMANN

Sieben Schritte nein, nein. Ich will nicht. Wer hilft mir. Niemand.

Schrei nicht so.



FÄHRMANN

Ich will nicht. Nein, man soll mich nicht so hart anfassen. Ich will nicht so hart angefaßt werden.



ANTONIO

Tut ihm nicht weh.



FÄHRMANN

Noch ein Schritt. Geh du vor. Du zitterst.



ANTONIO

Ich zittere nicht.



FÄHRMANN

Warum zitterst du so?



ANTONIO

Laß uns zusammengehen.



FÄHRMANN

Jetzt geschieht es. Jetzt geschieht es.



Sie besteigen das Schafott.



ANTONIO

Es ist alles Einbildung. Es ist alles Einbildung. Es ist unnötig, daß ich zittere, wenn einer zittert, den ich beseitigen muß. Es ist falsches Mitleid, das an mich heran will und mich vergessen machen möchte, weshalb es alles sein muß, wie es ist. Ein anderer Weg war nicht. Mach' schnell, Mann.



FÄHRMANN

Ha Wa – Wa – Wa – Wa



ANTONIO

Wie?



FÄHRMANN

Ha – Wa – Wa – Wa – Wa



ANTONIO

Zuviel.



Die Zunge versagt ihm. Richter verliest das Urteil.



ANTONIO

Dies Elend zu sehen wird mich schwach machen. Was alles dazu gehört! Dies Elend ruft mein Blut auf gegen mich.



KNECHT

Nun kommt dein Amt, Priester.



ANTONIO

Mich beginnt dieser Mühe zu ekeln und dieses ganzen Spieles.



KNECHT

Wir tun ihm den Sack schon über.



ANTONIO

Er schreit nicht. Warum schreit er nicht?



KNECHT

Er ist fertig. Nun schnell bete mit ihm.



Antonio tritt an den mit dem Sack Bedeckten.



ANTONIO

Hörst du mich? Komm, hör' mich, Mann. Ich habe dir noch etwas zu sagen. Jetzt ist es so weit, daß ich es sagen muß. Kannst du nicht mehr sprechen? Ist es so entsetzlich da drin? Du da im Sack. Du hast doch töten wollen. Ist es da nicht recht, daß du wieder getötet wirst? Schnell sag' mir: Die Menschen sind nicht so, wie sie sich machen. Hörst du? Sie sind nur verblendet durch Einbildungen, aber sie fühlen alles und wollen nichts Böses tun, wenn sie wissen, daß es böse ist. Ich will das auch nicht. Sprich! Hast du solche Angst? Ich kann noch zurück. Es ist ein Sack, kein Mensch mehr. Sie mögen ihn hängen. Er ist schon tot. Es ist alles Einbildung.



KNECHT

Mach' schnell, Priester.



ANTONIO

Langsam. Hörst du? Es wäre vielleicht noch Zeit. Es ist noch Zeit. Halt! Halt!



KNECHT

Bist du fertig, Priester?



ANTONIO

Langsam. Es ist alles Einbildung, was ich dachte und wollte und glaubte zu können. Aber dies kann ich nicht.



KNECHT

Fertig. Faßt ihn an. Fort, Priester!



Der Sack fällt um.



ANTONIO

Ha! Halt! Zurück. Das kann ich nicht! Halt. Haltet einen Augenblick ein, Leute. Ich bin ich und habe hier ein Wort zu sagen. Laß ihn los, Mann. Rühr' keinen Unschuldigen an. Ich habe diesem da etwas zu sagen, was von Belang ist. Der Arme da im Sack, jawohl, der arme Arme ist unschuldig dessen, wessen ihr ihn zeiht. Hier steht der Mörder. Der Verletzer jedes Gesetzes, der Lügner und Schänder, der nichts unversucht ließ und nichts heil. Was ihr von mir hieltet und sähet und glaubtet, war Einbildung, wie das, was ich von mir hielt, sah und glaubte. Für Pflicht hielt ich es bis diesen Augenblick, was ich wollte. Aber es ist Einbildung gewesen. Das Zittern dieses Menschen da hat mich belehrt. Was glotzt ihr Leute? Ja, was versteht ihr davon! Wenn ich euch sage, daß diese Sekunde frei ist von Einbildung, dann haltet ihr es für ein schönes Wortspiel und denkt an eure Groschen! Eurer einer, eurer keiner! Ich danke für das Leben. Der Henker ist fort. Ich werde mich selbst henken.



ENDE

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