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Marie Eugenie Delle Grazie – Volkslied

Erzählung

Aus: Der Nonnengarten, An Anthology of German Women's Writing 1850 - 1907, Edited by Michelle Stott and Josef O. Baker, Waveland Press Inc., Prospect Heights, Illinois, 1997, neu durchgesehen von ngiyaw eBooks, ohne die amerikanischen Kommentierungen.


I

Durch die Weißdornhecke, die schnurgerade zwischen den blonden Wellen des Kornfelds und einem Weingarten hinstrich, glitt vorsichtig ein schlanker, brauner Mädchenarm. Ein kleiner Kopf schob sich, so weit es ging, langsam nach, und zwei Augen, rund und dunkel wie Tollkirschen, funkelten von dem Lachen, das die hochgehende, junge Brust nur mühsam zurückhielt. Der gute Mischka, bis der auf etwas kam!« Da lag sie nun schon eine ganze Weile und kitzelte, durch die Weißdornhecke hindurch, mit einem langen Halm den sonnenverbrannten Nacken ihres Burschen. Aber Mischka begriff nicht — und so bedächtig er das Unkraut seines Weingartens ausraufte, so geduldig fuhr er mit der Linken immer wieder in den Nacken zurück, als könnte auch das eben nicht anders sein ...

Der runde Mädchenarm glitt wieder hervor, und die Hand mit dem Strohhalm wurde kühner. Nun strich sie, im Nacken langsam emporfahrend, krabbelnd gegen das Ohr hin. »Wart!« Aber da hatte er mehr als eine Bremse gefangen: eine ganze warme, zuckende Hand! Mit einem Ruck fuhr er herum. »Au!« kams hinter der Hecke hervor; denn er hatte, die gefangene Hand festhaltend, den Arm des Mädchens nachgerissen, und der zeigte nun die Spuren aller Dornen, durch die er gefahren.

»Irma — Du bist’s?!« stotterte der Bursche, und über sein gutes Gesicht glitt etwas von dem Schmerz, den sie selbst in diesem Augenblick empfinden mußte.

Sie hatte mit einem dumpfen Schmollton den Arm zurückgezogen. »Ich dacht’, der Ferencz wär’s!« entschuldigte sich der Missetäter.

»Dem hätt’s wahrscheinlich weniger wehgetan!« spottete sie. »Aber denk’ nur ja nicht, daß Du den gekriegt hättest, der ist zehnmal klüger und flinker, als Du!« Sie stand nun kerzengerade hinter der Hecke, und zwischen den dunklen, hochgebreiteten Brauen, und um die trotzig vollen Lippen lag für einen Augenblick der naiv-unschöne Zug kindischer Rachsucht.

»Ist Dir jetzt leichter?« frug der Bursche. Sie schob, ihre Schürze zurechtzupfend, verächtlich die Unterlippe vor.

»Weil Du mir nur wieder wehgetan hast!« nickte er, und strich sich langsam den Schweiß aus der Stirn.

Eine Weile schwiegen beide. Vom Rand der Pußta her glitten die letzten Sonnenstrahlen über den ruhigen Spiegel der Theiß, und brachen in die blonde Wildnis der auf- und niederwogenden Kornfelder, daß die Ebene für einige Augenblicke wie mit Goldstaub überschüttet schien. Dazwischen loderten die roten Flammen des Mohns, und der gute, frische Heidewind hüpfte plötzlich über die Saaten und Gräser hinweg, und brach die eintönige Fläche in tausend schaukelnde, rieselnde Linien. Von irgendwoher erscholl der Gesang heimziehender Schnitter, und um die aufrechtstehenden Gestalten der beiden jungen Menschen zeichnete der Abend eine feine, silbrige Linie, die sie geheimnisvoll in all’ das hineinwob, was um sie her vorging.

»Ist’s wahr, daß im nächsten Monat die Kommission kommt, und Du dann Soldat wirst?« frug das Mädchen plötzlich. Bedächtig zog Mischka Harke und Rechen an sich. »Weiß Gott —!« sagte er, tief aufatmend. »Aber wenn’s sein muß — des Königs Rock ist schön!«

Ihr Auge glitt von der Seite über seine Gestalt, die gedrungen und sehnig, aber etwas klein geraten war. »Ob Du Husar« wirst?«

Er lächelte. »Wer kann das wissen?«

»O — der Ferencz hat schon gewettet, daß er’s wird! Du aber, hat er gesagt —«

»Ich muß nicht immer wissen, was der sagt!« murmelte Mischka stirnrunzelnd. Doch gleich darauf verschönte ein inniges Lächeln sein weiches Gesicht, und über die Hecke hinweg den Arm des nur leise widerstrebenden Mädchens ergreifend, frug er: »Weißt Du, warum er soviel über mich sagt?«

Ihre runden Schelmenaugen zwinkerten, wie sie sie niederschlug und antwortete: »Warum?« Aber ihr Oberkörper folgte dem über die Hecke gezogenen Arm in einem Gefühle süßer Schwere langsam nach.

»Darum —!« Und seine Lippen drangen zwischen die ihren.

»Ach — geh’!« Ihre Hand schob ihn zurück, doch die Augen lockten, und so zog er sie noch einmal an sich.

»Und weißt Du auch, wie lang man des Königs Rock tragen muß? Drei Jahre! Ist’s da nicht alles Eins, welchen man trägt, wenn’s so lang dauert?«

Sie atmete lang und tief. »Drei Jahre ... und darüber vergißt Du mich, in Pest oder Temesvár,« wo die Frauenzimmer seidene Röcke tragen und Federn auf den Kálpaks!»«

»Ich — Dich?« Er schüttelte nur leise das Haupt. Die singenden Schnitter zogen auf einem schmalen Wiesenpfad hinter den Beiden vorüber. Eine aufgescheuchte Lerche wirbelte aus dem Korn, und mit dem dumpfen Takt der marschierenden nackten Füße verschmolzen Worte und Töne des alten Liedes —

 

Abend wird’s — die Sterne fallen —
Der junge Hirte treibt nach Haus —
Müd’ ist er, zum Sterben müde:
Er sehnt sich aus der Welt hinaus ...

 

»Warum gerade das Lied mich immer so traurig macht!?« sprach der Bursche in den Abend hinein.


II

Sie saßen an der Landstraße, Hand in Hand. Eine Kette wilder Gänse war aus dem Röhricht aufgestiegen, und strich wie eine dunkle Wolke an dem blassen Herbsthimmel vorüber, höher, immer höher, bis ihr melancholischer Schrei verhallte ...

»Denen wird das Wandern leichter als mir!« seufzte Mischka. Irma antwortete nicht gleich. Sie hatte bemerkt, daß das bunte Rekrutensträußchen auf seiner, im Grase liegenden Mütze, nicht kühn genug steckte, das wollte sie ordnen, eh’ er ging. Sein Blick folgte ihren flinken Händen. »Du spielst so gern!« Da hatte sie ihm schon die Mütze aufgestülpt. »Jetzt solltest Du Dich seh’n können!«

»Ich weiß nur, daß ich Dich zum letzten mal seh’!« sagte er leise, und griff wieder nach ihrer Hand.

»Aber Du wirst Urlaub bekommen!« erwiderte sie rasch, »zu Weihnachten, Ostern, oder um Pfingsten herum, und dann« — sie bog den Hals zurück und gab sich seinen Küssen preis.

»Das weißt Du schon?«

»Ja! Und der Ferencz hat’s auch gesagt!«

»Aber Gott und der Feldwebel sind auch große Herren!« meinte er, mit einem bekümmerten Blick in die Ferne.

»Ah —« machte sie. »Du mußt kommen, hörst Du? Was treib’ ich denn die ganze, lange Zeit ohne Dich?« Und ihr Auge wurde plötzlich dunkler und größer, wie das eines geängstigten Kindes. Er wollte etwas sagen, würgte aber die Worte in die Kehle zurück. Ihm wurde heiß von dem, was er nicht über die Lippen bringen mochte, und so nahm er die Mütze wieder vom Kopf und warf sie ins Gras. Sie haschte danach, mit einem raschen Griff über ihn hinweg. Da riß er sie auf seine Kniee — »Du!«

Sie blieb ihm, das Haupt zurückgebogen, in den Armen liegen; und von ihrem Hals, über die halbgeöffneten Lippen, bis hinauf zu den heißen, starrenden Augen regneten seine Küsse. Ihre gesunde, heiße Jugend quoll über in dem süßen Schmerz dieser Stunde, den sie nicht in Worte zu fassen vermochten, und der sie doch so fest gepackt hielt, daß ihnen die Seele auf den Lippen zitterte. Mit weitgeöffneten Augen, in die die Liebe ihre ganze, verzehrende Erwartung gezeichnet hatte, sah das Mädchen in die blaue Leere des Himmels über sich. Mischka fühlte sie schwerer und schwerer werden in seinen Armen. Nein — das — durfte nicht geschehen! Wie ein Kind ließ er sie ins Gras gleiten, griff nach seiner Mütze und sprang auf.

Sie flocht die losen Enden ihres Zopfes langsam ineinander, dann erhob sie sich. »Leb’ wohl!« Und ihre Hände umklammerten sich mit dem harten, gierigen Druck der Liebe, der mehr sagt, als alle Sprachen der Welt....

Vom Ende der Dorfstraße her, da, wo das Feuer einer Schmiede lustig in den Abend emporflackerte, erscholl Gesang:

 

Der König braucht Soldaten —
Soldaten müssen sein!


Ein hoher, schlanker Bursch, der an der Spitze eines Rekrutenhäufleins marschierte, selbst das Sträußchen auf der Mütze, hatte das Lied angestimmt, und im Chor fielen die übrigen ein. »Und — Du wirst mir treu bleiben?« frug

Mischka plötzlich, und sein Blick glitt unsicher nach der aufzuckenden Flamme jenes Feuers hinüber. Eine sinnlose Angst hatte ihn überfallen — er wußte nicht, warum?

Sie lächelte nur; dann schlang sie den Arm um seinen Hals und schmiegte sich an seinen Leib, weich, zärtlich, wie eine Katze. »Willst Du nicht auf die andern warten — so hab’ ich Dich länger?«

Sein Blick maß, Schritt für Schritt die Entfernung, die ihn von dem heranziehenden Häuflein noch trennte. »Ja —« wollte er sagen — aber da gab’s ihm einen plötzlichen Ruck. »Du weißt, der Ferencz ist dabei —«

Sie lachte, hell, daß es wie ein Sonnenstrahl in den Abend hineinhüpfte. »Ah — geh’! Der zieht ja auch mit, und in der Fremde könnt ihr Kameraden werden!«

Er schüttelte den Kopf. »Nein! Ich weiß nicht warum, aber mit dem — nie!« Und dann brannte sein letzter Kuß auf ihrem Mund.

Sie sah ihm nach, wie er, die Spuren seiner schwerbesohlten Schuhe in den Staub der Landstraße grabend, rasch weiterschritt. Nun kam er an dem großen Kreuz vorüber, das sich knapp am Ufer der Theiß erhob, zum Gedächtnis eines Ertrunkenen. Sie dachte, er werde sich noch einmal zurückwenden von dort, und erhob die Hand zum Abschied. Doch er zog die Mütze vom Haupte, grüßte den Heiland und schritt weiter.

Die singenden Bursche kamen näher. Sie hatten alle etwas »über,« und Ferencz gab sogar mit einer vollen Geleitflasche den Takt des Liedes an. Denen mochte Irma jetzt nicht begegnen; so trat sie hinter einen alten Weidenbaum und steckte die Hände unter die Schürze. Doch Ferencz hatte gute Augen. »Schaut die an —« lachte er — »ist das schönste Mädel im Dorf, und läuft hinter einem solchen Paternosterkerl her! Aber ich trink’ Dir Abschied zu, Irma! Da schau: so wahr die Flasche jetzt in hundert Scherben springt, wirst Du die Meinige!« Und schon klirrte das Glas an den Knorren der Weide, daß es splitterte.

»Téremtette!« fluchten die Bursche, den kunstgerechten Wurf bestaunend. Irma war einen Schritt zurückgetreten; ihre zornigen Augen blitzten, die Hände ballten sich unter der Schürze. »So wenig, als Deine Flasche die Blätter von diesem Baum schütteln kann!« rief sie dem Verschmähten nach. Aber sie hatte den Wind gegen sich, der plötzlich kalt und heulend vom anderen Ufer der Theiß herüberstieß, daß die Binsen klirrten und die welken Gräser wie lange, blonde Haarsträhne aufflatterten. Und als sie sich wandte, fuhr auch die gute Hälfte der Weidenblätter, vom Sturm getragen, braun und welk über die Heide hin  ...

 

 

III

Die »Urlauber« waren im Dorf, und machten, wie ein alter Bauer meinte, mehr Spektakel, als ein Dutzend Janitscharen. Aber das war nur so »gemeint.« Wenn man ihnen nachsah, wurde einem doch ganz warm ums Herz! Die abgedankten »Honvéds« schmunzten hinter ihnen her, und manch einer strich den ergrauten langen Rakóczi-Schnauzbart,« energisch, wie in den schönen Tagen von 1848. Aber Perczel und Klapka waren tot, und ihre schönste Zeit »beim Teufel«! Der Geruch von Braten und Kuchen gab der Dorfluft ein festtägliches Arom; und während die Mütter den halben Tag in der Küche hantierten, um die Söhne für den langen Genuß des »Kommisbrotes« zu entschädigen, irrten die Väter, mit einem uneinge- standenen Gefühl von Eifersucht zwischen Stall und Tenne umher. Kam aber »ihr« Urlauber dann über den Hof daher, die Kappe schief in den Nacken gerückt, stramm und doch elastisch, jeder Muskel des jungen Körpers von durchgebildeter Kraft erzählend, mit Augen, in denen die sonnigen Lichter einer Welt weit »jenseits« der Theiß spielten — dann würgte wohl auch der Alte den traditionellen Fluch des Haustyrannen in die Kehle zurück, und fand die Back- und Schmorrlust seiner besseren Hälfte nicht mehr so unbegreiflich. Standen doch auch die heiligen Pfingstfeiertage vor der Türe! Der Herr Pfarrer wandelte, in etwas fleckiger Soutane, durch die Felder, in der Rechten seinen Tschibuk,« in der Linken das Konzept der nächsten Predigt. So hielt er’s immer, und ganze Legenden hatten sich darüber gebildet, warum er wohl nie die Predigt in die rechte Hand nahm? Der flaumbärtige Schullehrer wagte einmal eine diesbezügliche Frage. »Téremtette!« erwiderte der Pfarrer — »verfluchter Kerl — weißt Du nicht, daß ich Honvéd war?«

Die Lerchen wirbelten aus den maigrünen Saaten empor und die jungen Mädchen sangen den ganzen, lieben Tag — die Urlauber waren im Dorf.

An der Theiß wurde die Feiertagswäsche zu Ende gebracht. Dort kniete, hochgeschürzt, auch Irma an der Seite eines alten, runzlichen Weibchens, das etwas trübselig drein sah, und weniger laut schwatzte, als all’ die anderen. »Daß sie gerade meinen Mischka nicht heimgelassen haben!« klagte die Alte, ein großes Laken aus ihrem Weidenkorb ziehend. »Und ich hätte Dir’s so gegönnt!« setzte sie mit einem Seitenblick auf Irma und einem freundlichen Zwinkern der guten, alten Augen hinzu. »Mein Seliger war auch Urlauber, und mein Herz hat immer einen Csárdás getanzt, wenn er heimkam. ... ach, waren das Zeiten!«

»Drum hätt’ er auch kommen können!« meinte Irma trotzig.

»Was Du nicht sagst!« eiferte die Alte. »Er hat Dir ja geschrieben, so gut wie mir. ›Sie lassen mich nicht fort,‹ hat er geschrieben. Was willst Du?« Und sie warf ihr Laken in die Flut hinein, daß es klatschte, und das emporspritzende Wasser ihr nur so übers Antlitz floß. Als sie’s aber aus den Augen wischte, war ein Tropfen mehr darunter.

Irma verzog die Lippen. »Ja — geschrieben!« Sie dehnte das Wort. »Schreiben kann man, was einen freut. Als die Männer nicht mehr genug lügen konnten, hat der Teufel das Papier erfunden, sagt man!«

Der hin- und herpendelnde Arm der Alten hielt mitten in der Arbeit inne. »Das glaubst Du doch selbst nicht!« sprach sie kopfschüttelnd. »Mein Mischka und — lügen! Seine Mutter anlügen!«

Irma wand ihr letztes Wäschestück aus, ein selbstgesponnenes Ausstattungshemd. »Wer weiß — vielleicht gefallen ihm die Frauenzimmer in Arád besser!«

»Äh — äh —! So schön ist doch keine, wie Du!« tröstete die Alte.

»Glaubt Ihr?« Und sie streifte mit der Linken langsam die Nässe von der schwellenden Rundung des rechten Oberarmes, mit einer unwillkürlich genießenden, selbstgefälligen Bewegung. Wie viele hatten ihr das nicht schon gesagt? Und doch ertrug Mischka die Trennung solange, und sie konnte übermorgen allein zum Tanze gehen oder zu Hause bleiben! Ihr wurde ganz bitter bei dem Gedanken. Und so nahm sie rasch ihren Korb auf, nickte der Alten einen einsilbigen Gruß und schritt heimwärts. ... Als sie in die Dorfstraße einbog, stand Ferencz vor ihr. »Darf ich Dir den Korb tragen?«

»Wenn Du nichts besseres zu tun hast!« erwiderte sie mit einem Seitenblick nach der Schmiede, wo der Blasebalg seines Vaters die Funken stieben machte.

»Das besorgt mein Alter noch ganz gut allein!« lachte der Bursch. »Wozu hätt’ ich denn Urlaub?« Und mit einem Ruck schwang er ihren Korb auf die Schultern. Sie sah ihn an, so von unten herauf. Er war größer und stärker geworden, die Schultern breiter. Der leichte Flaum um seinen Mund nahm etwas von der sinnlichen Derbheit der Lippen, und die graublauen Augen, die stets dreist genug in die Welt geblitzt, lachten nun förmlich von dem, was er »da draußen« erfahren. Ja, der mochte als Husar zu Pferde sitzen! Sie dachte es unwillkürlich und merkte zugleich, daß sie ihm gegenüber befangen wurde. So gingen sie eine Weile stumm nebeneinander her.

»Du bist auch in Arád?« begann sie endlich.

»Ja, dort steh’n wir!« nickte er, »und haben, wenn der Wachtmeister seine Cigarren und der Rittmeister keinen schlimmen Tag hat, alleweil gute Stunden!«

»Das heißt, ihr seid nichtsnutzig, alle miteinander! Der Mischka wohl auch?« frug sie so nebenbei.

Er stieß einen leichten Pfiff aus. »Ja, weißt Du, Soldaten sind eben Soldaten, und das Pferd und das Mädel, das vor uns nicht zittert, freu’n uns nicht. Aber der Mischka —«

»Was ist’s mit ihm?« forschte sie atemlos. Ferencz lächelte. So also standen die Dinge! »Der ist ja nicht Husar, wie Du weißt,« wich er scheinbar aus.

»Aber Du siehst ihn doch zuweilen — hörst von ihm?« Sie war stehen geblieben und band sich die Schürze fester; aber ihre Finger zitterten dabei. Der Bursche sah es, und ihm fielen die schönen, widerspenstigen Pferde ein, die er für seinen Rittmeister zurechtgebracht, und deren Flanken ebenso gezittert, so oft er sie bestiegen. Er wußte nun, wo er die Sporen einsetzen mußte, um auch das schöne Mädel dahinzubringen, wo er wollte. »Ja, freilich,« nickte er, und schwang den Korb auf die andere Schulter. »Gehört hab’ ich schon allerlei von ihm, und die schöne Kahan Ilona soll wie behext hinter ihm her sein. Wundert mich gar nicht! Der Duckmäuser war noch immer Zucker für die Weiber!«

»Was — Du — nicht sagst!« Sie wollte lachen, aber jedes Wort glich einem Herzstoß. »Also — sie ist hübsch, dieselbe?«

»Das schönste Mädel in Arád!« schnalzte Ferencz. »Weiß Gott, ich hätt’ sie ihm längst abgejagt, wenn — Du mir nicht im Sinn lägst!«

Sie lachte plötzlich auf, hell, schneidend, mit selbstmörderischer Zufriedenheit: »Drum kommt er nicht, der Mischka, der noch nicht gelogen hat! Gib her!« Sie stand vor der Tür ihres Elternhauses. Er tat, als hätte er nicht gehört, noch verstanden, setzte den Korb auf der Treppe nieder und griff nach ihrer Hand. »Darf ich Dich morgen zum Tanz führen?«

Ihre Augen verdunkelten sich. Dann seufzte sie auf, lang und tief. Sie wollte trotz alledem »nein« sagen, Ferencz fühlte es. »Wer weiß, mit wem Dein Mischka morgen tanzt,« sprach er langsam. Das gab den Ausschlag.

»Ja, komm,« erwiderte sie, schob ihren Korb in den Hausflur und warf hinter sich die Türe zu, daß die Fenster des Häuschens klirrten.

Draußen stand der Bursch und lächelte.


IV

Die Zigeunergeigen schluchzten noch in der Ferne ... es war wie der Gesang eines verirrten Vogels, so weh und brünstig, daß die Nacht noch schwüler davon wurde. Der Strom gluckste leise, und die Saaten standen schlank und silbern im Mondlicht da, das wie ein feiner, zitternder Brautschleier über der Heide lag. Am Rain der Felder blühten die ersten Mohnblumen und sahen wie große, hungrige Augen in die Nacht. Eine weiße Katze glitt von der Dorfstraße herüber, blieb ein Weilchen stehen, Und fegte mit ihrem Schwanz lautlos den Boden unter sich; dann schlich sie weiter, auf seidigen Pfoten, einem Busch zu, hinter dem ein paar Augen leuchteten, wie die ihren. Irgendwoher scholl das zärtliche Gegurr eines brütenden Vogels — dann war wieder alles still; nur die Geigen sangen und vermischten ihre Töne mit dem starken Geruch des Lebens und der Fruchtbarkeit, der dem Schoß der Erde entströmte, langsam, betäubend, Unaufhörlich. ...

Es war ihr zu heiß geworden in der dumpfen, niederen Tanzstube der Schenke; so hatte er sie ins Freie geführt. Ihre Brust ging noch hoch und ihre Augen fieberten: von Zeit zu Zeit lachte sie — warum, wußte sie selbst nicht. ...

»Der ist der Csárdás in den Kopf gestiegen!« hatte ein alter Bauer ihr nachgerufen. Als ob sie, selbst im wildesten Wirbel des Tanzes auch nur ein einzigesmal daran gedacht hätte, daß sie Csárdás tanze! Die Musik, die durcheinanderwogenden Paare, das Klirren der Urlaubersporen — das alles hatte sie weder gehört noch gesehen. Nicht einmal ihr Tänzer war da für sie; und wenn sie die heißen Blicke und wütenden Händedrücke des Husaren erwidert hatte, geschah es nur einem zu Leide — dem, der für alle anderen nicht da war — Mischka! Sie aber sah ihn deutlich, sie hatte ihn hergezwungen und dann festgehalten mit ihren großen, bohrenden Augen. In die dunkelste Ecke des Saales hatte sie seinen Schatten hineingezeichnet, hinter die dickköpfigsten Bauern des Komitates; dort konnte er weder vor- noch rückwärts, mußte ihre ganze, wilde Freude mitansehen und alles, was sie ihm zu Trotz tat. ... »Du unterhältst Dich also so gut in — Arád?« lachten ihre Augen im Vorüberfliegen. »Nun schau — ich treff’s auch!« und sie warf sich förmlich in die Arme des Husaren. Und mit dem Trotz und den spitzen, zitternden Geigentönen, war etwas von der Glut des Mannes, der sie begehrte, in ihr Blut gedrungen — etwas Fremdes, Berauschendes, dem sie keinen Namen geben konnte, und das doch mit allem in ihr und um sie her verwandt war: mit der Hitze im Saale, dem Keuchen der Paare, dem Wühlen der Geigen, und der lachenden Grausamkeit in ihren Augen, wenn sie — dort hinüber sah! Und als Ferencz sie mit einer langsamen, gleichsam genießenden Bewegung wieder aus den Armen gleiten ließ, dachte sie: »jetzt macht er’s gerade so mit — Ilona!« Und ein zorniger Blick flog nach jener Ecke. Da geschah aber etwas Seltsames: der Schatten dort nickte ihr traurig zu, und wie durch eine ungeheuere Stille hörte sie plötzlich die Stimme Mischkas: »Ich — Dich vergessen!« Ganz unheimlich war ihr geworden, und so hatte der andere sie ins Freie gebracht. ...

Draußen lachte sie über sich selbst. Wie dumm sie war, noch immer zu glauben! Er hatte sie ja schon vergessen, sonst wär’ auch er gekommen, wie die andern alle, und in ganz Arád wär’ ihm keine schön genug gewesen! Der Arm ihres Tänzers lag noch immer eng um ihren Leib und seine Finger spielten an ihrer Hüfte. Aber er sprach ganz gleichgültiges Zeug dabei: daß die Welt schön sei auch jenseits des Komitates — und daß man das Leben in der Jugend genießen müsse, denn für die ganze andere Zeit lange dann ein einziges »Téremtette!« Und dabei kamen sie immer weiter ins Feld hinaus. Einmal wollte sie auf einem Seitenweg wieder ins Dorf zurück — da zog er sie sanft vorwärts. »Dir ist ja noch so heiß!« und seine Hand glitt mit leisem Druck von der Hüfte aufwärts. »Wie Dein Herz klopft — gelt, ein wenig bist Du mir doch gut?« Das kam wie von den Lippen eines bettelnden Knaben; sie sagte nichts, ging aber doch weiter.

Der helle Klang der Zigeunergeigen hinter ihnen wurde schwächer; nur der dumpfe Ton des Cymbals summte noch wie eine große, schwarze Hummel durch die Nacht. Schon rauschte der Strom an ihrer Seite  ... »Was das für ein Geruch ist!« meinte sie plötzlich. Er witterte in die Luft hinaus und zog sie enger an sich. »Ich merk’ nichts!« sagte er nach einer Weile.

»Doch! da muß irgendwo eine Blume steh’n, die ich noch nie geseh’n hab’!« Und sie bückte sich.

»Ach — laß!« Er zog sie empor; und dabei fühlte er zum erstenmal, daß sie unter seinem Griff erzitterte.

Das Gras wurde höher um sie; es schien förmlich emporzuwachsen in der blauen Starrheit der Mondnacht, und ihre Schatten zu verschlingen. Sie lachte: »Wir sind ins Ried gekommen — schau, mir reicht’s schon bis an die Arme!« Seine Hand glitt der ihren nach und legte sich dann fest um die jungen, zuckenden Brüste. »Ach — geh’!« Sie bäumte sich zurück; da hatte er, was er wollte — ihren Mund! Und sie erschauerte wieder; noch wand sie sich in seinen Armen, aber sie lastete auch darin. ... Er schmunzte: für eine Weile konnte er sie ja freigeben!

»Jetzt geh’ ich aber heim!« schmollte sie. Er ließ sie ruhig vorangehen. »Wie Du willst!« Doch sie selbst schlug in ihrer Verwirrung einen anderen Weg ein, und sie kamen noch tiefer ins Ried, das mit den langen, taunassen Halmen ihre nackten Arme kitzelte, und hinter ihnen, in der Kühle der Nacht, sich wieder schlank und wirr emporrichtete. ... Sie merkte es nicht; denn der Duft der fremden Blume war noch immer um sie, und das ferne Gesumm des Cymbals verschlug ihr fast den Atem. Es lag so heiß auf ihr, so schwer. Sie hätte weinen mögen, aber bei jedem Wort, das der Bursche sprach, lachte sie wieder, das helle, sinnlich-zornige Lachen aus dem Tanzsaal: denn der Schatten Mischkas war ihr bis heraus gefolgt, und ihr war, sie müsse ihn auch bis zuletzt quälen! Die fremde, seltene Blume aber, die wollte sie morgen allein suchen. ...

Ferencz ging wieder an ihrer Seite. Er hatte sich schon zurechtgefunden und lächelte leise, denn auf diesem Weg kamen sie nicht so bald ins Dorf. Endlich merkte sie’s. »Ja, wo sind wir denn?« Sein Arm lag wieder um ihren Leib. »Was Du Dich sorgst — wer weiß, wo jetzt Dein Mischka ist mit seiner Ilona!«

Mit einem Ruck blieb sie stehen. Sie sah nicht den hungrig-lauernden Blick des Burschen, fühlte nicht die derbe Gier, mit der er sie an sich riß, wie seine schönen, widerspenstigen Pferde — ihr ganzes, wildes Empfinden preßte sich förmlich in den Wunsch, dem fernen, treulosen Geliebten fürs Leben wehzutun!

Das Rollen eines verspäteten Wagens scholl herüber — also war die Landstraße nicht mehr so weit! Sie dachte es wie im Traum. Doch sie gab keinen Laut von sich, als der hungrige Arm des Burschen sie ins Gras zog, immer tiefer, bis es feucht-schwül über ihnen zusammenschlug. ...

Als sie im Morgengrauen heimgingen, wies Ferencz plötzlich mit einer überlegenen Geberde nach einem alten, knorrigen Weidenbaum. Sie sah hinüber und errötete. Der Duft der fremden Blume aber war nicht mehr um sie. ...

 

V

Der warme Dampf der Schmiede quoll unablässig in den frierenden Abend hinaus. Von der pustenden Wärme der Esse vorwärts gedrängt, flatterte er in violett-blauen Schleiern über die Schwelle. Draußen aber ballte ihn der Frost zu eisengrauen, schwebenden Wolken, die eine ganze Weile unbewegt stehen blieben, bis der nächste Stoß des Februarsturms sie in hundert phantastische Gestalten auflöste, und wie einen spukhaften Reigen vor sich hertrieb.

Den halben Tag schon verfolgte Mischka, von einem Fenster seines gegenüberliegenden Häuschens aus dies Spiel, und ihm war, als säh er seine eigenen Gedanken; denn auch die zogen dort aus und ein, aus und ein, und nahmen doch nie eine greifbare Gestalt an — ein eisiger Hauch, der aus seinem Innersten emporquoll, zerriß und verwehte sie immer wieder. Es war, als hätten sie kein Zuhause mehr, als müßten sie mit dem spukhaften Reigen über die Landstraße tanzen, hinaus bis  ... aber nein, so weit wollte er nicht mehr denken, das war ja alles vorüber jetzt! Und er atmete auf, lang und tief, um sich zu vergewissern, daß es auch so sei; aber der fremde Druck auf seiner Brust war doch noch da. Ja, und der würde auch eine ganze Weile noch dort sitzen bleiben. Soviel glaubte er zu wissen.

Dunkler quoll der Abend in seine Stube; aber es fiel ihm gar nicht ein, Licht zu machen, so wenig, als er die Suppe ausgelöffelt, die seit Mittag auf dem halbgedeckten Tisch für ihn bereitstand. Endlich mußte ja das Kind, dem seine Mutter ans Licht der Welt helfen sollte, doch da sein. Seine Mutter — diesem Kind! Etwas in ihm fror und fieberte bei dem Gedanken. Aber es war ja das Amt seiner Mutter, und so mußte sie auch ihr beistehen. Er, freilich, würde mit keinem Worte danach fragen. ...

Ding — dang — ding — dang! kam es aus der Schmiede. Und wenn der schwelende Qualm sich für einen Augenblick zerteilte, konnte er scharf und deutlich den sehnigen Arm, und das vom Widerschein der Glut übergossene Antlitz seines Todfeindes sehen. Er hatte auch Faschingsurlaub, und stand für seinen kranken Vater an der Esse. Ein paar Häuser weiter wurde ihm ein Kind geboren. Der Bursch am Fenster sprang plötzlich auf. Wie das alles so gekommen war —! So abscheulich, so trostlos, so — er konnte nicht weiterdenken. Und plötzlich wußte er auch, warum. Der drüben zerhämmerte ihm die Gedanken ... ding — dang — ding — dang ... wie er ihm das Leben zerhämmert. Denn er war der Stärkere gewesen, immer, schon in der Schule; hatte ihn schon damals so gerne gequält, und schon damals hatte sich bei seinem Anblick immer etwas zusammengezogen im Herzen Mischkas, etwas, das halb Angst, halb Haß war, und doch eigentlich keins von beidem.

Eine dichte Rauchwolke verhüllte für einen Augenblick wieder die Schmiede; der scharfe Ton aber kam noch immer herüber, den würde er hören — sein Leben lang! Und die trostlose Heide, die weit, weit hinaus wie begraben lag im Schnee, — die tanzenden Qualmschemen, die der Wind an seine Fenster warf und wieder entführte, seine zerhämmerten Gedanken und sein Herz, das ihm auf all das keine rechte Antwort geben konnte, — das alles kam ihm so bekannt vor, so, als hätt’ er es lang, lang vorausgesehen.

Die Türe knarrte — seine Mutter war eingetreten. »Grüß Dich Gott, mein Kind!« Er nickte ihr bloß zu in der Dämmerung. Sie zündete die Lampe an und begann den Tisch abzuräumen, lautlos, wie es sonst nicht ihre Art war, denn sie plauderte so gerne mit ihrem Mischka! Heut’ aber blieb sie stumm; nicht einmal das ungenossene Mittagsmahl ihres Lieblings machte sie reden; sie trug es einfach in die Küche hinaus. Dabei ließ sie aber die Türe hinter sich offen. Und er verstand, was sie in ihrer schlichten Art damit meinte, und rückte auf seinem Stuhl herum, so daß er sie sehen konnte, wie sie um den Herd wirtschaftete, erst das Holz klein machte, dann ein brennendes Stück Papier in die Öffnung steckte, und zuletzt Span um Span darauf legte. Das hatte er so gerne gesehen, seit er denken konnte. Als Kind war er auf seinem Schemelchen gesessen, an derselben Stelle, wie jetzt, und was sie Gutes und Schlimmes mit einander zu tragen gehabt hatten im Leben, war im heimlich-warmen Licht dieser Flammen genossen oder durchlitten worden. Und so wußte sie ihm auch heute nichts besseres zu geben, als dieses Licht. ...

Knisternd schlug die Flamme auf; so hell, daß er jede Falte sehen konnte in dem lieben, alten Antlitz, das ihm noch nie etwas verheimlicht hatte, das er Zug für Zug kannte, wie seine eigene Seele. Und wie er so hinsah, wußte er plötzlich, daß sie »etwas auf dem Herzen hatte.« Aber daß sie von »dort,« — daß sie ihm von »ihr« sprechen könnte, meinte er noch immer nicht. Da müßte schon ... und plötzlich zog eine dumpfe, unbestimmte Angst sein Herz zusammen.

Da begann die Alte zu reden — ruckweise, gleichsam suchend: von den vielen Kindern, die sie schon ans Licht gehoben hätte, den armen, kleinen Gottesgeschöpfchen, alle einander so gleich und doch wieder jedes anders. Die gesunden kämen krebsrot zur Welt und strampelten gleich und schrieen, daß es nur seine Art habe! Die brächten auch gleich ein hübsches Gewicht mit, und so viel sie wisse, sei es all den Solchen auch immer gut ergangen im Leben. Dann gäb’ es andere — so federleicht und blaß, und wenn die die Augen aufschlügen, werd’ es einem ganz weh ums Herz, denn es sei, als brächten sie so ihre eigenen Gedanken mit über die Welt, und wie es ihnen darin ergehen werde. ... Und die gute Alte warf plötzlich einen langen, langen Blick auf ihr eigenes Kind. Aber Mischka sah ihn nicht. Die dumpfe Angst in seiner Seele war größer geworden, und drum wagte er’s nicht, emporzuschauen; denn von seinem Herzen zu dem der Mutter fühlte er’s zittern wie einen feinen, spinnwebdünnen Faden, und so wußte er genau, daß sie noch nicht zu Ende gesprochen, und daß das, was sie sprach, erst der Anfang wäre. ...

Ja, und dann, fuhr die Alte fort, gäb’ es noch eine Art von Kindern: das seien die, welche ihre Mütter ohne Liebe empfangen, und ohne Liebe zur Welt brächten, und von denen zu sprechen, sei am Traurigsten. Und habe eine solche Mutter einen anderen Mann geliebt, so sei sie imstande, dieses Kind zu töten, nicht mit ihren Händen, sondern mit ihren Gedanken; denn heimlich wünscht sie immer, daß das Kind doch dem anderen gehören möchte, und in ihren Wehen ruft sie seinen Namen; und damit töte sie das Kind, denn sie kann ihm keine Seele geben. Das wären die Kinder, die tot zur Welt kämen, und hinter ihnen stürbe auch gleich die Mutter, denn Gott strafe jeden Mord. Das sei ein großes, fürchterliches Geheimnis, aber sie hab’ es leider schon oft erfahren, und wenn man’s recht besähe, wär’s doch am besten so. ...

Und plötzlich begann die gute Alte an ihren Augen herumzuwischen. »Der Rauch!« meinte sie. Aber das war schon ein ganz besonderer Rauch, denn er stieg ihr auch in die Kehle, und von da in die Brust; und sie schlug die Schürze über ihr runzeliges Antlitz und weinte bitterlich.

Mischka hatte sich erhoben. Die Flamme züngelte noch immer aus der unverschlossenen Herdöffnung hervor, und eine Weile ward nur dies Züngeln und Knistern und das Schluchzen der Alten hörbar. Da trat Mischka über die Schwelle der Küche. »Sie ist tot, Mutter!« sagte er langsam. Die Alte nickte bloß. »So will ich hinübergeh’n!« setzte er leiser hinzu. »Jetzt kann ich’s ja!«

Die alte Frau zog die Schürze vom Antlitz und drückte ihrem Liebling die Hand, »Tu’s!« Dann brachte sie ihm selbst die Mütze und riegelte die Pforte auf.

Langsam schritt er über die Gasse. Und wie er so im Schnee dahinging, nur seine Gedanken um sich und den pfeifenden Heidewind, war ihm plötzlich, als höre er wieder jenes Lied. Eine Weile stutzte er. Dann besann er sich, daß sie ja jetzt wohl in den Spinnstuben beisammen säßen, Bursche und Mädchen, und ein Fenster geöffnet haben mochten. Und so war es auch.

 

Abend wird’s — die Sterne fallen —
Aus weißem Hause flackert die Kerze rot;
Blumen sind über das Bett geworfen,
Des Hauses schöne, braune Tochter ist tot!


Mischka war stehen geblieben. Und Wort um Wort, wie sie’s drin sangen, erlebte er seine traurige Geschichte noch einmal, und einen Augenblick war ihm, als fühle er auch die süße Last der Geliebten noch einmal, — wie damals, als er sie auf seinen Schoß gerissen, eh’ er von ihr gegangen war. Den ganzen, harten Weg in die Fremde sah er wieder vor sich, und nicht zuletzt das große Kreuz am Wege mit dem Heiland daran, dem er gedankt, daß er in der Stunde der Versuchung nicht unterlegen war, und ihre Unschuld geschont hatte. Und wie damals lüftete er lautlos seine Mütze. Dann schritt er die Stufen empor, zum Hause der Toten. ...