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Theodor Griesinger – Die alte Brauerei oder Criminalmysterien von New-York.

Roman in drei Bänden

Theodor Griesinger – Die alte Brauerei oder Criminalmysterien von New-York, nach dem Leben erzählt, Band I - III, Verlag von E. L. Kling, Tuttlingen, 1859
Transkription von Christine Weber/Costa Rica



Vorrede.

Der geneigte Leser wird von diesem Buche, das ich hier dem Publikum übergebe, sagen, daß es weniger eine abgerundete, in sich vollendete Erzählung, als vielmehr eine Aneinanderreihung von Scenen, Skizzen, Betrachtungen und Ereignissen sei. Ich werde gegen diesen Vorwurf nichts einwenden, denn ich bezweckte weniger einen Roman, als eine Schilderung des offenen und geheimen Thuns und Treibens aller Schichten der amerikanischen Bevölkerung New-Yorks. Nur dagegen protestire ich, wenn mir Jemand sagen wollte, die Abenteuer, die in diesem Buche vorkommen, die Facta, die darin erzählt werden, seien fingirte, und – vielleicht nicht blos fingirte, sondern auch unwahrscheinliche und unmögliche. Ich sage vielmehr, es sind lauter erlebte, nicht von mir, aber von Andern erlebte Abenteuer, – Abenteuer und Facta über welche die öffentlichen Blätter, welche in den letzten zehn Jahren in New-York erschienen, den genauesten Aufschluß geben.

Ich wollte nicht Menschen schildern, wie sie sein sollen, sondern Menschen wie sie sind, ich wollte nicht Ideale, sondern Wirklichkeiten, ich wollte nicht Sentimentalitäten, sondern Thatsachen. Allerdings wird Mancher, der sich bisher das Amerikanerthum in dem rosenfarbenen Lichte der von den Beförderungsagenten und andern ähnlichen »Unbetheiligten« gemachten Schilderungen dachte, entweder gezwungen sein, mich einen Maler zu nennen, der zu grell auftrage – einige sehr wenige thaten dieß auch bei den »lebenden Bildern aus Amerika« obgleich die Wahrheit meiner Schilderungen eine bewiesene ist, und eben deßwegen auch nach und nach von Jedermann als solche anerkannt wird, – oder aber wird er sich darein ergeben müssen, daß der Nimbus des »freien Amerika« verschwinde, des Vorbilds aller Tugend und Glückseligkeit. »Die Wahrheit über Alles,« ist mein Grundsatz. Somit nahm ich keinen Anstand, die allgemeine moralische Fäulniß, welche sich des jetzigen »eingeborenen Yankeethums« bemächtigt hat, naturgetreu zu schildern; ich nahm keinen Anstand, die allgemeine Corruption offen darzulegen, welche aus der amerikanischen Nation eine Rotte von Schacherern machte, die jeden Augenblick bereit sind, die mit dem Blute ihrer Väter eroberte Freiheit an den Meistbietenden zu verkaufen!

So gehe denn in die Welt hinaus, du »Stück amerikanischen Lebens,« wie ich dich nennen möchte, und belehre und unterhalte zu gleicher Zeit. 

Stuttgart im März 1859.

Dr. Theodor Griesinger.


I. Band


1.
Die Ankunft.

Es war in den ersten Tagen des Monats Mai, im Jahr 1851, und wir befinden uns auf der Rhede von New-York. Der Himmel hatte sein schönstes Blau angezogen; kein Wölkchen trübte den ganzen Horizont. Die Berge von Statenisland glitzerten in einem frischen Grün, als wären sie eben erst aus der Malerwerkstätte herausgekommen, und in der Ferne schimmerten, die hohen Häuser und die spitzen Thürme der großen Weltstadt, die ihres Gleichen nur wenige hat auf Gottes Erdboden. Die ganze Bai war mit Schiffen vollständig übersäet. Schwere Dreimaster in ihre weißen Segel wie in Nebelduft eingehüllt, leichte Barken, grün angestrichen und nur von wenigen Ruderern geführt, stolze Kriegsfahrzeuge mit drohenden Kanonen und wehendem Sternenbanner, niedrige Schleppdämpfer mit schwarzem Schlund und rußigem Ueberzug, – Alles wogte bunt durcheinander auf dem klaren durchsichtigen Wasser. Dazwischen hinein brachen sich schlanke Lustboote Platz, deren Oberdeck von geputzten Damen und Herren wimmelte, als ob »Feiertag« im Kalender stände; denn die Natur hatte so eben ihr Winterkleid abgelegt und war so zu sagen mit einem Sprung in den Sommer hinübergesetzt, alle herzigen und fröhlichen Leute, so wie alle Müssiggänger und Tagediebe, das heißt die, welche jeden Tag Sonntag haben, gleichsam nöthigend, die staubige Stadt, deren Luft bereits anfing durch Hitze unerträglich zu werden, zu verlassen und sich dem erfrischenden Elemente des Wassers anzuvertrauen.

Ein stolzes Dampfschiff fuhr die Bai herauf. Es war eines jener riesigen Boote mit doppeltem Feuerschlunde, wie man sie seit einem Decennium zu bauen angefangen hat, und wie deren Hunderte zwischen Europa und Amerika, so wie zwischen New-York und Sanfrancisco, zwischen dem atlantischen und dem stillen Ocean hin- und herlaufen. So eben hatte es die Quarantaine von Statenisland verlassen, wo man dasselbe nach kurzer Visitation für gesund erklärt hatte, und stürmte nun, den Rauch aus seinen dicken Schloten mächtig ausblasend, dem längstersehnten New-York zu. Hunderte von Passagieren standen auf dem Verdeck, neugierig die Gegend betrachtend, welche sie vielleicht noch nie gesehen hatten, und die doch an Schönheit und Lieblichkeit mit jeder andern in der Welt den Vergleich aushält! Und andere Hundert standen neben ihnen, ihren Blick sehnsüchtig nach den immer deutlicher hervortretenden Häusern der Stadt richtend, die ihnen eine liebe, aber lange entbehrte Heimath war. Aus den sonnverbrannten Gesichtern der Meisten derselben konnte man schließen, daß sie einen großen Theil der letzten Jahre unter einem Himmelsstrich zugebracht haben mußten, unter welchem die Sonne noch heißere Strahlen warf, als in New-York, das doch selbst schon mit einer mehr als neapolitanischen Hitze bedacht ist. In der That war das Boot, von dem wir sprechen, ein sogenannter Californiadämpfer, und brachte die Passagiere, welche in einem andern Boote von Sanfrancisco nach Panama gesegelt und dann mittelst der Panamaeisenbahn vom stillen Ocean nach Chagres übergesetzt waren, um von da mit diesem Dämpfer weiter befördert zu werden. Ein solches meist alle 14 Tage ankommendes Schiff wird in New-York immer mit großer Sehnsucht erwartet, denn es bringt nicht bloß den Schatz einer vierzehntägigen Goldernte, sondern es bringt auch die Post von Californien und eine Menge mündlicher Nachrichten über das Goldland obendrein, Dinge, die für keine Familie in New-York ohne besonderes Interesse sind, weil fast jede ein oder zwei Glieder in Californien hat. Ist doch Californien für die Bewohner der atlantischen Staaten Nordamerikas gerade dasselbe, was den Deutschen und den Süddeutschen insbesondere noch vor kurzer Zeit Amerika war, ein Land, in welchem die aufblühende, abentheuersuchende, erwerbungsdurstige Jugend ihr Glück zu machen sucht! Der Zudrang zu den Landungsplätzen der Californiadämpfer ist daher sehr groß, weil Jeder der Erste sein will, der die neuesten Nachrichten erhält. Manche fahren einem solchen Schiffe sogar bis nach Statenisland entgegen und springen an Bord, so lange der Quarantainearzt mit seiner Untersuchung beschäftigt ist. Hierunter sind aber nicht bloß Neugierige, nicht bloß Zeitungsberichterstatter, nicht bloß Solche, die einen Verwandten erwarten, oder wenigstens Nachrichten von ihm, sondern auch Andere, die die Ersten sein wollen, welche Vortheile aus den Californiareisenden ziehen; denn der aus dem Goldlande Zurückkehrende wird in New-York immer als eine flügge Gans betrachtet, welche Jeder das Recht hat, nach Kräften zu rupfen, so lange dieselbe sich rupfen läßt. So hatten sich auch dießmal in Statenisland, während das Schiff stilllag, um vom Quarantainearzt untersucht zu werden, ein Paar Dutzend New-Yorker auf den Dämpfer theils offen, theils heimlich eingeschmuggelt und schlenderten auf dem Verdeck herum, als wären sie seit Wochen auf dem Schiffe eingebürgert. Der Capitän hatte die übliche Vorsicht gebraucht, seine Passagiere offen und ungenirt »vor Taschendieben« zu warnen, wie dieß auch in den Eisenbahnwartsälen der großen Städte Amerikas regelmäßig geschieht. Hier wie dort bekümmerten sich aber die Passagiere wenig oder nichts um diese Warnung, denn sie hatten an andere Sachen zu denken, als an die Möglichkeit eines Diebstahls. Ueberdieß, die anständig, sogar elegant gekleideten Herrn, die auf's Schiff gekommen waren, konnten doch unmöglich Taschendiebe sein! Und die Wenigen, welche sich in abgerissener Kleidung zeigten, oder gar die paar Mädchen, die ebenfalls in Statenisland an Bord gekommen waren, mußten doch nothwendig ehrliche Menschen sein, denn sie trugen ja große Körbe voll Orangen, ganze Lager frischen Kuchens, um die Herren Californier, die seit vier Wochen keine derartige Kost gesehen hatten und darum gerne ein Paar Cents für's Stück weiter zahlten, als der eigentliche Werth betrug, damit zu beglücken!

Auf der Luffseite des Schiffes stand eine ziemliche Gruppe von Männer, deren Antlitz fast ohne Ausnahme die Spuren ausgestandener Strapatzen verkündete, obgleich sie im Alter ziemlich verschieden waren. Für jetzt aber zeigte sich weder Sorge noch Kummer in ihren Gesichtern, denn sie wußten und sahen ja, daß sie in wenigen Minuten das Festland unter ihre Füße bekommen würden, und ein solcher Anblick, eine solche Hoffnung läßt auch das verkümmertste Herz auf einen Augenblick wenigstens seinen Gram vergessen. Fast Alle hatten sich mit Orangen bewaffnet, welche ein junges hübsches Mädchen feil bot, und schlürften die saftige Kost nach so langer Entbehrung mit besonderem Wohlbehagen. Dabei ließen sie ihre Blicke über die Stadt hin schweifen, die ihnen bereits ganz nahe gerückt war und deren einzelne Straßen und Gebäude sogar sie nunmehr zu unterscheiden vermochten.

»Gib mir noch ein Paar Orangen, Mädchen,« rief ein sonnverbrannter junger Mann der Obstverkäuferin zu. »Und da hast du einen Lewwi für jede. Ich muß doch den Geschmack des Salzfleisches, mit dem wir diese ganze Zeit her gemästet worden sind, vollends hinaustreiben, ehe wir nach New-York kommen, sonst riecht man Einem die Seereise auf hundert Schritte an.«

»Sie sind sicher ein Pennsylvanier und kommen von Californien?« meinte ein Anderer, der neben dem stand, welcher so eben mit dem Obstmädchen gesprochen hatte. Der Frager war ein starker, wohl seine sechs Fuß und darüber messender Mann, mit einem kühnen Gesicht und schwarzen durchbohrenden Augen. Den Jahren nach mochte er die Vierzig passirt haben, auch verriethen die scharfen, tief ausgeprägten Züge, daß er schon manchem Sturm getrotzt habe; doch schien seine Kraft ungemindert und in seine dunkeln gelockten Haare hatte sich noch kein Weiß hineingestohlen. Der junge Mann, den er angeredet hatte, bildete einen merkwürdigen Gegensatz zu ihm; denn obwohl ebenfalls seine sechs Fuß hoch, obwohl ebenfalls von der Sonne gebräunt und fast noch mehr, als der Andere, obwohl mit gleich kühnem Gesichtsausdruck und gleich feurigen Augen begabt, lag doch ein ganz anderer Charakter in diesen Zügen, als in denen des Schwarzlockigten. Vielleicht mochten die blonden Haare und die blauen Augen des Ersteren das Ihrige dazu beitragen, vielleicht war auch das weit jüngere Alter des Blonden – denn dieser zählte kaum zweiundzwanzig Jahre –, so wie der frische Glanz seiner Schönheit, mitschuld an diesem in die Augen fallenden Gegensatze; allein der Hauptgrund lag doch wo anders. Denn wenn der Eine trotzig dreinschaute und ein fast verachtendes Lächeln um seine Lippen spielte, so sah man dem Andern an, daß eine gewisse gutmüthige Fröhlichkeit in seinem Innern vorherrschte, die nur durch die entschlossene Festigkeit des verständigen Blickes überragt wurde. An Kraft und Muth mochten sie sich gleich sein; doch schien der Schwarzgelockte, an's Befehlen gewöhnt, keinen Widerspruch ertragen zu können, während der Blonde bei gleich derben Gliedern und gleich sehnigten Armen, ja einer noch breiteren Brust und noch vollerem Halse, sich seiner offenbar außergewöhnlichen Kraft fast gar nicht bewußt schien. Die beiden Männer sahen sich eine Zeitlang an und mochten vielleicht ähnliche Bemerkungen in ihrem Innern machen, wie die so eben von uns geäußerten. Wenigstens zeigte die Miene derselben, daß sie sich gegenseitig die Achtung nicht versagten, welche der Kräftige und Mannfeste seinem Ebenbilde gegenüber immer empfindet.

»Woraus schließen Sie dieß?« fragte der junge Mann nach einer kleinen Pause, die Frage des Schwarzlockigten mit einer Gegenfrage beantwortend. »Wahrscheinlich, weil ich Lewwi statt Schilling sagte? Doch sei dem, wie ihm wolle, ich werde meine Vaterstadt Philadelphia und meine Abstammung von einem Deutschpensylvanier nie verläugnen, wenn auch ihr Yankees mit Verachtung auf uns herabseht.«

»Es war keineswegs meine Absicht, Sie zu beleidigen,« erwiederte der Andere höflich. »Im Gegentheil, als ich aus Ihrer Sprache und aus der Art, wie Sie mit dem Gelde umgehen – ein Yankee hätte so lange gehandelt, bis er drei Orangen für einen Schilling bekommen hätte, während Sie freiwillig eben so viel für eine einzige bezahlten –, merkte, daß Sie in Philadelphia zu Hause und in Californien heimisch seien, freute ich mich, da ich nun Hoffnung habe, etwas Genaues über einen Freund zu erfahren, der auch ein geborner Pensylvanier schon seit Jahren sich nach Sanfrancisco verbannt hat, weil es ihm hier ein bischen zu warm wurde. Kennen Sie keinen mit Namen Harry Petermann? Ich dächte, er sollte in Sanfrancisco bekannt genug sein.«

»Und doch ist mir der Name unbekannt,« entgegnete der Blonde, sich einen Augenblick besinnend. »Oder wäre es vielleicht der Dutch-Harry, von dem in der letzten Zeit allerdings vielfach die Rede war?«

»Und der als ächter New-Yorker Raufbold und Dieb vor drei Monaten von Richter Lynch aufgehenkt wurde,« setzte eine tiefe Stimme neben ihnen hinzu. Dieselbe gehörte einem älteren Manne an, dessen Leben, wenn man aus seinen harten, strengen Gesichtszügen einen Schluß ziehen durfte, keineswegs harmlos verlaufen zu sein schien. Im Gegentheile, er mußte seinem Kahlkopfe und den tiefen Furchen seiner Stirne nach eine stürmische Periode durchgemacht haben, ehe er sich zu den herben Grundsätzen bekannte, die ihm nunmehr eigen schienen.

»Wer wagt es, einen Freund von mir einen Dieb zu nennen?« fuhr der Schwarzlockigte auf. »Wenn Sie mir gesagt hätten, Dutch-Harry habe einen oder zwei erschossen oder niedergestochen, so würde ich vielleicht nichts dagegen einwenden, aber gestohlen hat er nicht.«

»Sie sind zu streng, Herr Colter,« warf der Blonde schnell ein, wie um einen möglichen Streit schon in der Wurzel zu ersticken. »Ich erinnere mich jetzt des Falles ganz genau. Es war in einem Spielhause, Dutch-Harry gewann einem Miner eine bedeutende Summe ab, die der Goldgräber den andern Tag auf sein Ehrenwort zu zahlen versprach. Als aber der andere Tag kam, behielt der Miner sein Geld in der Tasche und lachte den Harry aus. Dieser traf ihn am dritten Tage abermals und forderte sein Geld. Wie er aber eine höhnische Antwort erhielt, schoß er ihn auf dem Fleck nieder. Dann nahm er demselben das Gold aus den Taschen und machte sich selbst bezahlt. Das ist der wahre Verlauf der Geschichte; daß er aber dafür in derselben Stunde noch vom Volke gehängt wurde, ist freilich ebenfalls eine Thatsache, die sich nicht bestreiten läßt.«

»Die erbärmlichen Schufte!« rief der Schwarzlockigte, indem seine Augen Blitze schleuderten. »Die erbärmlichen elenden Schufte! Und hatte Harry keine Freunde, die den Pöbel zu Paaren trieben? Ich hätte lieber die Stadt an allen vier Enden angezündet, ehe ich einen solchen Mord ungerächt gelassen hätte.«

»Man würde Ihnen das Handwerk eben so gut gelegt haben, als man es dem Dutch-Harry that,« erwiderte der ältere Mann kalt und streng. »Das Volk von Sanfrancisco ist es müde, sich von ein Paar Strolchen aus dem alten Lande in ewiger Angst erhalten zu lassen. Es ist endlich Zeit, dem Gesetze Achtung zu verschaffen, und wenn die ordentlichen Richter dieß zu thun nicht im Stande sind, so nimmt das Volk das Recht in die Hand.«

»Recht und Gesetz?« höhnte der Andere, den Mund zu einem verächtlichen Lächeln verziehend. »Wer macht denn diese Gesetze? Das Volk oder ein Paar Beutelschneider, die sich mit Aufopferung von einigen hundert oder tausend Thalern zu Gesetzgebern erwählen lassen, um dann die ganze Gesetzgebung nach ihrem Belieben und zu ihrem Vortheil zu modeln und zu schnörkeln? Wo ist der Mann, der solchem Gesetze gehorchen möchte? Freilich der Advokat widerspricht ihm nicht offen, sondern dreht es, wie man eine Windfahne dreht, und der Richter hilft ihm dabei nach besten Kräften. Der Tapfere aber kümmert sich um solchen Schnickschnack keinen rothen Cent, sondern thut und handelt, wie es einem unabhängigen Manne zusteht. Ich möchte keine Minute länger in diesem Lande leben, wenn ich nicht vollkommener Herr meines Thun und Lassens wäre. Gesetzesgehorsam und Sklaverei sind zwei Zweige auf einen Stamm gepropft.«

»Bequeme Grundsätze!« meinte der Aeltere sarcastisch. »Besonders für Solche, die Lust zum Stehlen und Betrügen, zum Rauben und Morden haben! Meine Begriffe von persönlicher Freiheit sind anderer Art.«

Schon wollte der kühne Verfechter der Gesetzlosigkeit und des Faustrechtes eine hitzige Antwort geben, als er daran durch ein Ereigniß gehindert wurde, welches auf Californiadämpfern bei ihrer Einfahrt in den Hafen von New-York nur allzuoft einzutreten pflegt. Es hatte sich nämlich, als der Wortwechsel hitziger zu werden versprach, eine ziemliche Menge von Passagieren um die Gruppe, welche an der Luffseite des Schiffes stand, versammelt, und diesen Moment benützten ein Paar Taschendiebe, um ihre Kniffe in Anwendung zu bringen. Wahrscheinlich gehörten diese Diebe zu den elegant gekleideten Herren, welche unter dem Vorwande, nach Verwandten zu sehen, auf's Schiff gekommen waren. Möglicherweise waren es aber auch wirkliche Passagiere, die jetzt erst in der letzten Stunde vor der Landung ihr Talent in Ausübung zu bringen wagten. Sei dem aber wie ihm wolle, so viel war sicher: Taschendiebe hatten ihre Wirksamkeit an Bord begonnen. Plötzlich erscholl daher der Ruf: »ein Dieb, ein Dieb! Ich bin bestohlen!« Die ganze Gruppe fuhr auseinander und Jeder griff unwillkührlich nach seinen Taschen, um sich von der Anwesenheit seiner Börse und seiner Uhr zu überzeugen. Auch der ältere Californier that so, fand aber bald, daß er von den Dieben nicht verschont geblieben war.

»Da haben wir die Lehre von der unumschränkten persönlichen Freiheit praktisch angewandt,« sagte er bitter. »Mein Taschenbuch ist fort, und die Kette meiner Uhr ist abgerissen. Zum Glück bin ich von früher her mit den New-Yorker Anstalten für die Sicherheit der Person zu gut bekannt, als daß ich mich nicht vorgesehen hätte; sonst könnte ich vielleicht jetzt den Verlust meines ganzen Vermögens beklagen.«

Er war aber nicht der Einzige, der bestohlen worden war, sondern es meldeten sich alsobald noch ein halb Dutzend Anderer, denen auch ihre Uhren und Börsen abhanden gekommen waren. Der Leser wird nun vielleicht glauben, es müßte etwas ganz Leichtes gewesen sein, die Diebe ausfindig zu machen, denn sie mußten sich ja nothwendig auf dem Schiffe befinden und bei Veranstaltung einer allgemeinen persönlichen Aussuchung mußten sich auch die gestohlenen Börsen, Uhren u. dergl. an's Tageslicht fördern lassen. Allein wenn der Leser so denkt, so ist es ein Beweis, daß er sich noch nie in einem Seehafen Amerikas befand, und besonders noch nie auf einem jener Riesenschiffe, welche das Meer durchfurchen. Der Passagiere auf dem Dampfboote, von dem wir sprechen, waren es zum mindesten achthundert und diese zertheilten sich natürlich auf den ganzen Schiffsraum, das Verdeck eben so gut als die Cajüten und die Salons. Eine »Aussuchung« hätte also vielleicht mehrere Tage in Anspruch genommen, da nicht bloß die Personen, sondern auch die Lokalitäten – das ganze ungeheure Schiff in allen seinen Räumen zu durchsuchen gewesen wären, denn die Diebe – mochten sie nun den Matrosen, den Passagieren selbst oder den auf's Schiff gekommenen New-Yorkern angehören – waren jedenfalls schlau genug, das Gestohlene nicht bei sich zu tragen, sondern alsbald in ein sicheres Versteck weiter zu befördern. Wenn es aber dem Capitän des Dampfboots dennoch beliebt hätte, eine solche Durchsuchung veranstalten zu lassen, wer hätte sich einem Aufenthalte von mehreren Tagen unterworfen? Von den nichtbestohlenen Passagieren gewiß Keiner, denn Jeder strebte, so bald als möglich an's Land zu kommen. Sie würden ohne allen Zweifel offenen Widerstand geleistet haben. Ueberdieß hatte der Capitän des Schiffes gar kein Recht zu einer solchen Aussuchung. Auf hoher See allerdings hätte er sich eine solche Gewaltthat wohl herausnehmen dürfen, aber im Hafen hörte seine »Monarchie« auf und jeder Einzelne konnte sich seinen Befehlen widersetzen und eine Untersuchung vor den ordentlichen Behörden verlangen. Somit war eine Aussuchung geradezu unmöglich, weil eben so unpraktisch als ungesetzlich. Dieß wissen natürlich die Mitglieder der Langfingerzunft recht gut, und darum sparen sie, sogar wenn sie als Passagiere auf einem Schiff mitfahren, all' ihre Thätigkeit bis auf die Zeit ihrer Ankunft im Hafen auf, sich wohl hütend, während der Fahrt schon ihrem Gelüste den Zügel schießen zu lassen. Allen amerikanischen Passagieren ist dieß sehr gut bekannt, darum denken sie auch in Fällen, wie der oben erzählte, gar nicht daran, die Schiffspolizei zur Hülfe zu nehmen, sondern sie schicken sich vielmehr in das Unvermeidliche als in eine Sache, die sich von selbst versteht, und gegen die es keine andere Hülfe gibt, als »sich in Acht zu nehmen« oder falls dieß nichts fruchtet, »den Dieb auf der That zu ertappen.« Eins so schwierig, wie das Andere! In der That ist aber das einzige Mittel »Selbsthülfe« und es scheut sich natürlich in Amerika kein Mensch, dieses Mittel in allen Fällen zur Anwendung zu bringen.

Gerade ebenso dachten auch die Passagiere unseres Californiadämpfers und als das Geschrei: »ein Dieb, ein Dieb!« ertönte, betrachtete Jeder seinen Nachbar mit etwas scheuem Blicke, ob er nicht in diesem den Verbrecher erblicken könne. Am allerkürzesten besann sich der Mann mit den schwarzen Locken, denn er ergriff alsobald einen der Umstehenden am Kragen und beschuldigte denselben kurzweg des Diebstahls. Es war dieß ein Mann von mittleren Jahren, eher über den Fünfundvierzigen als unter denselben. Seine Kleidung war zwar nicht reich, aber anständig, wie sie jeder »Gentleman« in New-York trägt. Mit dieser Anständigkeit der Kleidung stand jedoch die Physiognomie etwas stark im Widerspruch; übrigens verrieth sein Gesicht, auf welchem eine Menge rother Huppeln blühte, die wahrscheinlich eine Folge des Genusses vieler geistigen Getränke waren, eher Rohheit und Brutalität, als jene platte Nichtswürdigkeit, welche den Taschendieb und feineren Spitzbuben auszeichnet. Das Haar mochte früher glänzend schwarz und die Augen mochten dunkel gewesen sein, allein ersteres hatte sich in Folge der Zeit eisengrau gefärbt und die letzteren hatten jene gelblich-grüne Katzenfarbe angenommen, die gewöhnlich mit Purpurroth gesprenkelt ist. Den Irländer konnte man an den breiten Backenknochen, der niedrigen Stirn, dem großen Mund, den dicken Lippen, der umfangreichen Brust und den gewaltigen Gliedern nicht verkennen.

»Schurke, du bist einer der Diebe,« rief der Mann mit den schwarzen Locken; »ich kenne dich, du magst dich in Kleider stecken, in welche du willst. Gib den Raub heraus, so laß' ich dich laufen.«

»Nehmt Euch in Acht, Herr,« erwiederte der Angegriffene, den seine breite Redeweise alsobald als Sohn Grünerins verrathen haben würde, wenn man ihm auch, wie wir so eben auseinandersetzten, seine Abstammung sonst nicht angesehen hätte. »Nehmt Euch in Acht, denn wenn Ihr mich kennt, so kenne ich ebenfalls Euch und es fragt sich, wer mehr Ursache hat, seinen rechten Namen nicht ausposaunt zu sehen, Eures Vaters einziger Sohn, oder ich. Im Uebrigen habe ich mit dem Diebstahl hier nichts zu thun, und jedenfalls geht Euch die Sache nichts an, sondern nur den Capitän des Schiffes. Ruft diesen herbei; seinem Willen unterwerfe ich mich. Wenn er's haben will, so kann er mich aussuchen lassen, aber er wird nichts bei mir finden, so viel ist sicher.«

Zugleich mit diesen Worten machte er einen Riß mit dem ganzen Körper, der ihn ohne Zweifel von dem Griff seines Gegners befreit haben würde, hätte dieser ihn nicht mit einer allzugewaltigen Faust gepackt gehabt.

»Oho, Freund,« rief sein Gegner; »bleibe hübsch ruhig. Die Mühe der Untersuchung wollen wir gleich selbst übernehmen, ohne den Capitän zu belästigen.«

In der That ging er auch ohne weitere Umstände an die genauste Erforschung der Taschen des Irländers, so wie seiner ganzen Kleidung, um das Corpus delicti aufzufinden; die übrigen Passagiere sahen dem Auftritt mit der äußersten Spannung zu, mischten sich aber nicht darein.

In diesem Augenblicke fühlte der junge Mann, den wir mit dem Beinamen »der Blonde« bezeichnet haben, wie ihn Jemand leise am Rocke zupfte. Schnell sich umsehend gewahrte er das hübsche junge Mädchen neben sich, dem er Orangen abgekauft und über den doppelten Marktpreis bezahlt hatte. Sie schaute ihn nicht an, sondern ihre Augen waren auf die See hinausgerichtet, als hätte sie Etwas dort ganz eifrig zu erkundschaften. Dabei legte sie wie zufällig den Finger auf den Mund, als Merkzeichen, daß sie nicht angeredet sein wolle.

»Sehen Sie mich nicht an,« flüsterte sie leise. »Kein Mensch darf ahnen, was ich Ihnen sage, sonst kann ich mich mit meinem Orangenkörbchen nicht mehr auf der Straße sehen lassen. Der schwarze Patrik, den der Herr hier festhält und durchsucht, hat das Gestohlene längst nicht mehr in der Tasche. Aber am Eingang in die zweite Cajüte sitzt ein Stelzfuß, der immer seine Hand ausstreckt, um von der Mildthätigkeit der reichen Californier eine Gabe zu empfangen; wenden Sie sich nicht gleich um, sonst könnte man merken, daß ich mit Ihnen spreche –; der Stelzfuß hat Alles in seinen weiten Taschen; er weiß gut genug, daß Niemand an ihn denkt, denn er hat jenen Ort vor der Cajütenthüre nicht verlassen, seit er in Statenisland auf's Schiff gekommen ist, dessen Zutritt man einem Verstümmelten nie verwehrt.«

»Aber wie wäre das möglich?« flüsterte eben so leise der Angeredete. »Ich habe dem Manne vorhin selbst eine Gabe verabreicht. Es ist ein alter, schwacher Jude, der durch irgend einen bösen Zufall um sein Bein gekommen sein muß. Und er sitzt ja seit einer halben Stunde immer auf demselben Fleck. Du mußt dich getäuscht haben.«

»Ich habe mich nicht getäuscht,« erwiderte das Mädchen leise, aber bestimmt. »Ich habe Alles selbst gesehen, und der Jude ist weder alt, noch ein Stelzfuß, so wenig als Sie oder ich. Aber verrathen Sie mich nicht, sonst kann ich mich nicht mehr einen Tag in New-York aufhalten und meine Mutter und ich sind verloren.«

So sagend schlüpfte sie unversehens zur Seite und stellte sich zu einer andern Gruppe von Männern, ihnen ihre Waare stillschweigend anbietend.

Der junge Mann wandte seine Augen dahin, wo der Stelzfuß immer noch in ungestörter Ruhe saß. Es war ein dem Anscheine nach mehr als sechszigjähriger Mann mit schneeweißen Haaren, einer scharf gebogenen Nase und einem großen Unterkiefer, dessen ganze Physiognomie die Abstammung von jenem Volke, das sich seit Jahrtausenden in allen Ländern und unter allen Himmelsstrichen gleichgeblieben ist, nicht verläugnen konnte. Ein Fuß war als lahm vom Knie an halb heraufgebunden und mit einem kurzen Stelzfuße ergänzt, den er weit von sich streckte. Die Augen hielt er fast ganz geschlossen. Wie er jedoch jetzt unter den starken rothen Brauen hervorblinzelte, meinte der junge Mann einen Glanz in dem Blicke zu sehen, der mit einem solch hohen Alter und den schneeweißen Haaren in geradem Widerspruche stand. Auch kam es ihm so vor, als ob unter den spärlichen Silberlocken ein rother Busch hervorlugte, der die eigentliche Naturfarbe der Haare zu sein schien. Er hatte jedoch keine Zeit zu näherer Untersuchung, denn in diesem Augenblicke drängte sich ein junger breitschultriger Mann durch den Kreis, der sich um den schwarzen Patrik, wie ihn das Orangenmädchen so eben nannte, und seinen Ankläger gebildet hatte. Auch dieser war ein Irländer, wie sich alsbald aus seiner Aussprache des Englischen ergab, und von offenbar nicht geringer Körperstärke, denn er warf die Leute mir nichts, dir nichts auf die Seite, daß sie ihm ob mit oder gegen ihren Willen Raum geben mußten. So drang er ungehindert bis in den innersten Kreis vor, wo der Mann mit den schwarzen Locken so eben mit der Durchsuchung des schwarzen Patrik fertig geworden war, allein, wie dieser richtig vorausgesagt hatte, ohne etwas Verdächtiges gefunden zu haben.

»Was hast Du mit meinem Vater, Du Sohn einer französischen Straßendirne?« schrie der Neuangekommene in voller Wuth. »Du meinst wohl alle Leute wie Hunde behandeln zu dürfen, weil du der Anführer einer Rotte von Mördern bist? Aber wart', ich will dir einen ächt irländischen Stoß beibringen, dergleichen du in deinem Leben noch keinen empfangen hast.

»Recht so, Sammy,« rief der ältere Irländer. »Gib's ihm, Sammy! Er soll lernen, wie man Gentlemen, wie wir sind, behandelt.«

Der Vater hatte übrigens nicht nöthig, den Sohn in seiner Thätigkeit noch anzufeuern, denn dieser gab gleich zum Eingang dem überraschten und auf einen solchen Ueberfall nicht gefaßten Schwarzlockigten einen solchen Stoß vor den Bauch, daß er todesbleich rückwärts sank, denn der Stoß, unter regelrechten Boxern strenge verpönt, hatte ihm den Athem benommen. Damit war aber Sammy noch nicht zufrieden, sondern er ergriff den Wankenden bei den Füßen und schleuderte ihn kopfüber über das niedere Geländer des Schiffes, an dessen Rand sie standen, so daß der Mann alsbald in's Meer fiel, ohne nur irgend Widerstand haben leisten zu können, denn dieser ganze Vorgang war das Werk von höchstens einer Minute.

»Ein Mann über Bord! Ein Mann über Bord!« erscholl nun der Ruf von allen Seiten, und der Capitän gab in der Sekunde den Befehl, die Maschine innzuhalten und den Rettungsnachen am Hintertheil des Dampfboots hinabzulassen.

Dieß geschah fast augenblicklich, aber dennoch wäre der über Bord Gefallene vielleicht verloren gewesen, – denn er fiel gerade in die hohen Wellen, welche durch die Umdrehungen des Radkastens verursacht werden und denen nicht leicht ein Schwimmer zu widerstehen vermag, und überdieß schoß der Dämpfer, auch nachdem seine Maschine zum Stillstand gebracht worden war, noch einige hundert Schritte über den Ort hinaus, wo das Unglück sich ereignete, so daß das in's Meer hinabgelassene Boot gar weit zurückzurudern gehabt hätte, um den Verunglückten aufzufischen –; wir sagen, der Schwarzlockigte wäre dennoch ohne allen Zweifel verloren gewesen, wenn nicht von einer andern Seite schnellere Hülfe gekommen wäre. Der aber, welcher diese augenblickliche Hülfe brachte, war kein Anderer, als der blonde junge Mann, den wir oben geschildert haben. Kaum sah er nämlich, was hier vorging, so warf er seinen Rock dem älteren Californier, den er Colter genannt hatte, zu und stürzte sich kopfüber in die See hinab. Er war ein guter Schwimmer und Taucher, aber doch kostete es ihn einige Mühe, sich bei der starken Wellenfluth wieder emporzuarbeiten. Kaum war er aber wieder an die Oberfläche gekommen, so tauchte er auch schon wieder unter, denn er sah den über Bord Gefallenen dicht neben sich unter dem Wasser. Derselbe war durch den Sturz und noch mehr durch den vorher empfangenen Stoß so betäubt, daß er nur einige schwache Bewegungen machen konnte und ohne diese schnelle Hülfe unrettbar eine Beute der Wellen geworden wäre. Zum Glück war das Ufer nicht mehr weit entfernt und es fehlte daher nicht an Booten, welche sich geschäftig von einem Schiffe zum andern hin und her bewegten, denn der Hafen von New-York wimmelt fast von größeren und kleineren Schiffchen, und an einem schönen Sommertage kann man deren Hunderte von einem nur etwas erhabenen Punkte aus zählen. Sobald daher ein solches Boot die Catastrophe sah, eilte es dem Punkte zu, wo der blonde Jüngling so eben den Ertrinkenden an's Tageslicht brachte, und nahm beide bereitwillig auf. Der Mann mit den schwarzen Locken war bewußtlos, allein als man ihn aufrichtete und mit einer wollenen Jacke zu reiben begann, öffnete er bald wieder die Augen, und ehe noch der Nachen das Ufer erreicht hatte, waren seine Sinne wieder so klar, wie zuvor. Er rieb sich mit der Hand die Stirne, wie um seine Erinnerung des Vorgefallenen aufzufrischen.

»Der irländische Hund,« waren seine ersten Worte, »aber ich werde ihn schon zu fassen wissen. Doch Sie sind mein Erretter,« wandte er sich an den Blonden, »ohne Ihre schnelle Hülfe glaube ich wahrhaftig wäre ich jetzt nicht mehr unter den Lebenden, denn so ein guter Schwimmer ich auch sonst bin, so war ich doch dießmal kaum mehr fähig, mich nur zu bewegen. Ich bin kein Mann von vielen Worten, aber ich werde es Ihnen gedenken, so lange ich lebe, und der Mann, der den Arthur Guerrier auf Leben und Tod verpflichtet hat, wird es nie zu bereuen haben.«

Mit diesen Worten holte er sein Schreibbuch hervor, welches sich in der innern Tasche seines Rockes befand.

»Es ist ein wenig naß geworden von dem unfreiwilligen Bade,« fuhr er mit einem herben Lächeln fort, eine Karte herauslangend und sie seinem Erretter überreichend; »aber so unscheinbar diese Karte jetzt auch aussieht, so werden Sie doch finden, daß der Name, der drauf steht, Ihnen nicht ganz ohne Nutzen sein wird, wenn Sie sich zur Zeit der Noth an ihn erinnern. Meine Wohnung ist im Sanct-Nicholashotel. Und nun, darf ich den Namen meines Erretters erfahren?«

»Marc Price,« entgegnete der junge Mann, ebenfalls seine Schreibtasche öffnend und nach einer Karte suchend.

»Der Name klingt nicht altenglisch und in der That schrieben wir uns früher »Preiß« statt »Price,« aber,« setzte er lachend hinzu, »mein Großvater meinte, er würde um so schneller vorwärts kommen, wenn er das deutsche Preiß in ein englisches Price verwandle. Meine Wohnung kann ich Ihnen aber nicht aufschreiben, denn meine Schreibmappe befindet sich in meinem Rocke, den ich auf dem Schiffe gelassen habe.«

»Marc Price,« erwiderte Arthur Guerrier; »den Namen werde ich nicht vergessen und noch weniger seinen Träger. Aber wir sind jetzt am Ufer und ich sehe da einige meiner Freunde, die mir schnell zu andern Kleidern verhelfen sollen. Auch Sie werden eines andern Anzugs bedürfen, und zum Glück fährt, wie ich sehe, der Dämpfer eben in seinen Dock ein, so daß Sie ihn in einer Minute erreichen können. Hier, Bootsmann, trinkt Eins auf unser Wohl.«

Mit diesen Worten sprang er an's Land, dem Bootführer einen Viertelseagle zuwerfend und war bald unter der Menge verschwunden. Kopfschüttelnd sah ihm Marc Price nach. Aber auch er besann sich nicht lange, sondern eilte dem Dampfboote zu, das in der That bereits in seinen Dock eingelaufen war.

Auf diesem war die Spannung natürlich eine außerordentliche, als sich Marc Price in's Wasser stürzte, um den über Bord Geworfenen zu erretten. Alles drängte sich an den Schiffsrand, um zu sehen, ob ihm das Wagestück gelinge, und kein Mensch hatte für etwas Anderes Auge und Ohr. Aber jetzt hatte Mark den Untergesunkenen erreicht, jetzt waren beide von dem errettenden Nachen aufgenommen und alsobald gab der Capitän Befehl, die Maschine wieder in Gang zu setzen, um in den nahen Dock einzufahren. Und wie man sich nun nach dem schwarzen Patrik und seinem Sohne umsah, welche all' dieß Unheil angerichtet, waren Beide verschwunden. Aber nicht bloß sie, sondern auch der bettelnde Stelzfuß war nicht mehr an seinem Platze. Ohne Zweifel hatten sie sich, gleich nach der Catastrophe, als Alles gespannt in einer Richtung hinschaute, leise fortgeschlichen und waren auf der entgegengesetzten Seite am Schiffe hinabgeklettert, um in einen für sie bereit gehaltenen Nachen zu steigen und davon zu rudern. Man konnte den letzteren noch sehen, wie er in weitem Bogen dem Ufer zufuhr, aber es hatte Niemand Zeit, sich weiter mit der Sache zu beschäftigen, denn man landete jetzt und wer schon einmal eine solche Scene mitgemacht hat, der weiß, daß das nun folgende wilde Durcheinander Niemanden erlaubt, an etwas Anderes zu denken, als an sich selbst.


2.
Das fromme Ehepaar.

Es war am Abend desselbigen Tages, an welchem der stolze Californiadämpfer in den Hafen von New-York einlief.

In einem kleinen Hause einer schmalen und kurzen Straße, die sich hinter der mächtigen Dreifaltigkeitskirche in New-York hinzieht, saß bei trübem Lichte ein Mann und ein Weib an einem mit Speisen und Getränken wohl besetzten Tische. Die Straße oder vielmehr das Gäßchen führt den stolzen Titel Trinityplace, das heißt: »der freie Platz um die Dreifaltigkeitskirche;« es läuft, in einer Entfernung von wenigen Schritten, parallel mit dem Broadway, der reichsten und imposantesten Straße des reichen und imposanten New-York; der Grund und Boden der ganzen Umgebung gehört der »Dreifaltigkeitskirche,« einer Kirche, die über Millionen gebietet und mit deren Schätzen und Einkommenstheilen selbst die Peterskirche in Rom kaum wetteifern kann; und doch stehen oder standen wenigstens damals in diesem Gäßchen nur kleine hölzerne Häuser, die von Wind und Wetter so mitgenommen waren, daß sie bei ihrer unsoliden Bauart jeden Augenblick mit dem Einsturz drohten! Und doch wohnten in diesem Viertel nur Menschen der niedereren Classen, nicht selten solche, welche entweder von der Mildthätigkeit Anderer lebten oder auch irgend eines jener verrufenen und unwürdigen Gewerbe trieben, wodurch die Sittlichkeit wie Sicherheit fast jeder großen Stadt gefährdet wird! Grund und Boden, so wie die drauf stehenden Häuser gehörten damals und gehören jetzt noch der Dreifaltigkeitskirche als Eigenthum an, und sie ist eine gar fromme Eignerin, diese Kirche, wenigstens in den Augen der Welt; aber dennoch frägt sie nicht nach dem Charakter, nach der Lebensweise, nach dem Erwerbszweig ihrer Miethbewohner, sondern sie frägt nach dem, der den höchsten Miethpreis zahlt, obwohl ihr bekannt sein muß, daß je unedler das Gewerbe ist, das Einer treibt, um so eher von ihm der höchste Miethzins für ein ihm passendes Lokal bezahlt wird! Dem Armen, der sich von einer ehrlichen Handthierung ernährt, wird es fast unmöglich, nur wenige Thaler im Monate für seine bescheidene Wohnung zu erschwingen; dem Bettler, dem Hehler, dem Gelegenheitsmacher fällt es nicht schwer, den doppelten Preis zu zahlen, wenn die Wohnung im bevölkertsten Theile der Stadt liegt, in dem Theile, wo ein solch' schändliches Gewerbe den größten Ertrag gewährt, ohne zugleich unter dem Verrufe zu leiden, welchem jene Stadtviertel unterworfen sind, in welchen Diebstahl und Prostitution ihr Lager aufgeschlagen haben. – Zu dieser Categorie gehörten die Miethsleute der Wohnungen hinter der Dreifaltigkeitskirche in New-York.

Es war eines der unscheinbarsten dieser unscheinbaren Häuser von Trinityplace, nur ein Stockwerk hoch, mit einem niederen Souterrain, in Amerika Basement geheißen. Das ganze Haus bestand nur aus zwei Zimmern, einem Vorder- und Hinterzimmer mit einem Nebencabinete, und doch zahlte es einen verhältnißmäßig sehr hohen Zins, denn da es eine Wohnung für nur eine Familie war, so mußte es für einen Solchen, der seine Familienangelegenheiten nicht ausgeplaudert haben wollte, einen doppelt hohen Werth haben. Die Läden waren alle fest geschlossen und nicht einmal aus dem Basemente, welches doch sonst in den großen Städten Amerikas als Küche und Speisezimmer zugleich dient, drang ein Lichtschimmer hervor. In der That war dieses Souterrain in einem Zustande, daß es nicht mehr als bewohnbar bezeichnet werden konnte und die Inwohner hatten daher das Hinterzimmer des ersten Stocks in Küche und Speisekammer verwandelt. Kein Wunder also, wenn ein Fremder das Häuschen für unbewohnt gehalten hätte, da es so still, verlassen und lichtlos aussah. War doch sogar die Hausthüre fest verschlossen, daß kein Unberufener die beiden Leute stören konnte, welche schon seit Jahren diese Wohnung inne hatten! – Das Zimmer, in welches wir den Leser nun einzutreten bitten, war einfach möblirt. Ein alter, aus vielerlei Stücken zusammengesetzter Teppich bedeckte den Boden. Vor dem Kamin stand ein eiserner Kochofen, halb in die Wand hineingeschoben, auf dem trotz der warmen Jahreszeit ein helles Kohlenfeuer brannte. Die Wände waren nackt und weder mit Gemälden noch Spiegeln verziert. Das ganze Ameublement bestand aus einem Bureau, in Deutschland Commode geheißen, und einem großen Tische, um welchen einige Stühle standen. Die einzige Bequemlichkeit von Belang boten zwei sogenannte Rockingchairs, oder »Wiegensessel« (eine Abart unserer deutschen Sorgen- und Altvatersessel, mit großen, hohen Rücklehnen und einer Wiegeneinrichtung statt der vier Füße), in welche sich die beiden Bewohner des Zimmers geworfen hatten. Wer aber die Ausschmückung des »Hinterparlors« (wie dieses Apartement mit Stolz genannt wurde, im Gegensatz gegen das Vorderzimmer, welches der »Vorderparlor« oder das vordere Empfangszimmer hieß) eine fast ärmliche zu nennen, so contrastirte damit die Ausschmückung des Tisches, an welchem der Mann und die Frau saßen, vollständig. Zwar von einem Tischtuche war keine Rede, aber in der Mitte der Tafel prangte auf einer mächtigen silbernen Platte ein großer gebratener Truthahn, umgeben von kleinen, aber eben so kostbaren Schüsseln mit Schinken, kaltem Rindfleisch und hartgesottenen Eiern. Eine breite Flasche »Mixpickles,« d. i. mit eingemachten Gurken, Bohnen, Welschkorn und dergleichen, stand geöffnet daneben, gleichsam eingefaßt von einigen anderen hohen, langhalsigten Flaschen, deren theils weißer, theils goldgelber, theils schwarzblauer Inhalt die in Amerika beliebtesten Sorten von Getränken, nämlich Brändi oder Cognac nebst Gin und Whiskey zu enthalten schienen. Ein großes schüsselartiges Gefäß enthielt weißen Stückerzucker und in einem eisernen Topfe rauchte siedendes Wasser, das so eben dem glühenden Kochherde entnommen schien. Das Ganze wurde von einer schlechten Unschlittkerze nur kläglich erhellt und wenn die Steinkohlengluth im Ofen nicht hie und da hell aufgeflackert hätte, so würden wir Mühe gehabt haben, die obigen Bemerkungen zu machen. Die beiden Insassen und Inhaber all' dieser Herrlichkeiten hielten sich lange schweigend, nur wie es schien, damit beschäftigt, dem Truthahn und den andern Fleischsorten den Garaus zu machen. Wir haben daher volle Muße, das Paar zu betrachten. Es war ein hagerer Mann von kaum mittlerer Größe. Sein schmales Gesicht, in dessen Mitte eine noch schmälere Nase saß, zeigte keinen Tropfen Blutsfarbe. Eben so wenig war auch nur die Spur von einem Bart zu finden und sogar die Haupthaare, die er hinter die Ohren zurückgestrichen trug, fingen an sehr selten zu werden. Die Lippen waren dünn und aschfarben und die Augen verdrehten sich von Zeit zu Zeit wie von selbst, als ob sie von langer Angewöhnung nicht anders mehr könnten. Er mochte etwas weniger als sechszig Jahre zählen, aber die dünnen Beine schlotterten in ihrer Bekleidung so seltsam, als ob sie begierig wären, mit Freund Klapperhans nähere Bekanntschaft zu machen. Nicht minder liebenswürdig nahm sich die Frau aus, welche ihm gegenüber saß. Sie war bedeutend größer, als er, aber nicht minder dürr. Ihre grauen Haare hatte sie unter einer gelblichten Haube versteckt, welche aussah, als wäre sie Monate lang in einer Rauchkammer gehangen. Der große Mund war fast zahnlos, aber das mit der Zeit und durch unaufhörliche Uebung hart gewordene Zahnfleisch schien die Kraft der Zähne vollkommen zu ersetzen. Das eine Auge mochte sie in einem Kampfe oder durch einen sonstigen Unfall verloren haben, denn es war ausgelaufen; um so heller und giftiger flackerte dagegen das andere. Um den Hals und über die Achseln hatte sie einen großen Shawl geknüpft, der ihre knochigte Gestalt fast ganz einhüllte, so daß von ihrer übrigen Körperschöne nichts zu berichten ist. Und doch, so sonderbar es auch scheinen mag, doch machte ihre ganze Gestalt den Eindruck, daß sie einstens in ihrer Jugend, vor dreißig oder mehr Jahren, nicht ohne bedeutende Reize gewesen sein müsse. Die Urnatur läßt sich nie ganz verwischen, wenn auch Alter, Lebensweise und Charakterausbildung aus dem ersten Menschen einen ganz anderen gemacht haben.

Das würdige Ehepaar, denn ein solches haben wir vor uns, mochte wohl eine gute Viertelstunde lang nur allein mit Essen beschäftigt gesessen haben, als der Mann, seinen Kauwerkzeugen einige Ruhe gönnend, sich den silbernen Becher, den er vor sich hatte, halb mit Brändi füllte, die andre Hälfte mit heißem Wasser aufgoß und den nöthigen Zucker beimischte, um einen amerikanischen Punsch zu bereiten. Die Frau sah ihm aufmerksam zu, ohne ein Wort zu sagen; wie er aber mit seiner Mischung fertig war, nahm sie ihm den Becher mit einem festen Griffe aus der Hand, um ihn selbst fast mit einem Zuge zu leeren.

»Viel zu stark für dich, Alterchen,« sagte sie mit heiserer Stimme. »Du weißt, du kannst einen so kräftigen Brändi nicht ertragen. Ich muß für deine Gesundheit bedacht sein und werde dir einen schwächeren mischen.«

»Frau Myers,« erwiederte ihr Ehegatte in einem ärgerlichen Tone, indem sich seine Wangen ein klein wenig färbten; »du kannst es doch nicht lassen, mich immer und immer als einen Schwächling hinzustellen, und doch solltest du einsehen, daß, wenn man ein Tagewerk vollbracht hat, wie ich that, nur die kräftigste Natur noch fähig ist, sich aufrecht zu erhalten. Laß' mich,« setzte er entschlossen hinzu, indem er nach einem zweiten eben so großen Becher griff und denselben, trotz ihrer abwehrenden Geberde, fast zu zwei Drittheilen mit Cognac füllte und nur wenig Wasser und Zucker beimischte. »Laß' mich, sage ich, oder Gottes Donnerwetter . . .!«

»So weit wollte ich dich haben, Alterchen,« rief die Frau in ein schallendes Gelächter ausbrechend. »Jetzt bist du in der rechten Laune und wirst nicht in deinen winselnden Nasenton verfallen, den du sonst gar nicht los wirst, auch wenn wir allein sind. Komm, auf deine Gesundheit, und wenn du mich ganz lustig machen willst, so sag' noch einmal »Gottes Donnerwetter,« es nimmt sich gar zu nett aus für einen Mann, wie du bist, und stimmt wunderschön mit deinen heiligen Gesichtszügen.«

Dabei lachte sie noch einmal laut auf und füllte ihren großen Becher von neuem mit dem heißen, starken Getränke, das sie in ihren zahnlosen Mund hinabgoß, als wäre es lauteres Quellwasser. Auch ihr Eheherr füllte seinen Becher zum zweiten Male und schnalzte dazu mit der Zunge. Der Trank war so sehr nach seinem Geschmacke, daß die ruhige Sanftmuth seines Gesichtes gänzlich wiederkehrte.

»Fast hättest du mich zu einem Fluche verleitet,« versetzte er mit einem frommen Lächeln und mit gen Himmel gekehrten Augen; »aber ich hoffe, es hat's Niemand gehört. Und doch kann man sich nicht genug in Acht nehmen, besonders wenn man ein so schönes Einkommen von der Frömmigkeit bezieht, als ich thue; aber es kostet auch viel Mühe und manchen Schweißtropfen. Du bist zwar ebenfalls deine zehn Thaler den Tag werth, Alte, aber zu meinen sicheren Revenuen hast du es doch noch nicht gebracht.«

»Oho, fängst du an übermüthig zu werden?« kicherte das Weib, mit dem Einen Auge, das ihr geblieben, einen höhnischen Blick auf den Mann werfend. »Wer hat denn das hübsche Silbergeschirr hier geliefert und all' die Schätze unten, mit denen unsere Kisten im Basemente gefüllt sind, obgleich Jedermann meint, es sei nur alter Rumpelkram? Wer that das, ich oder du?«

»Ja, ja,« flüsterte der Ehegatte sanft, von neuem an seinem Punsche schlürfend. »Deine Versatzgeschäfte sind nicht uneinträglich, besonders wenn die Leute so gescheidt sind, vorher zu sterben, ehe sie ihre versetzte Habe wieder zurückfordern können, wie unser Silbergeschirrlieferant da.«

»Und wer hat dich mit dem ehrwürdigen Doctor Beecher zusammengebracht, dem du doch deine ganze heilige Stellung mitsammt deinem Blindenasyl zu verdanken hast?« fuhr die Frau grinsend fort. »Wer anders, als ich, die würdige Frau Myers?«

»Wiederum richtig,« stimmte der Gemahl mit wo möglich noch sanfterer Stimme bei. »Nur hat unser Töchterchen Karlein das Meiste dazugethan. Wäre das Mädchen nicht so gar hübsch und so gar freundlich und gefällig gegen den ehrwürdigen Herrn gewesen, wer weiß, ob er so viel für uns gethan hätte?«

»Hast recht, Alter,« lachte wieder das Weib mit einem gräßlichen Gesichtsausdruck. »Der ehrwürdige und hochwürdige Herr liebt die unschuldigen, sechzehnjährigen Mädchen ungemein und als er die Karlein genug hatte, hab' ich ihm manch' andern fetten Bissen geliefert, den er gut bezahlte. Aber was sagst du zu meinem neuesten Trick, zur Placirung der Karlein bei dem reichen, alten Price?«

»Nicht übel,« schmunzelte Herr Myers. »Wir haben aber das Geld noch nicht in der Tasche. Es ist eine Speculation auf die lange Bank.«

»Oh, es kann gar nicht fehlen,« meinte die Alte, ihren Becher von neuem füllend. »Der Price kann nicht ewig leben und die Karlein als Haushälterin und der Nick als Buchhalter, – da müßte es ja mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht eine ordentliche Portion auf die Seite bringen könnten. Vielleicht bringt sie es soweit, daß er sie in seinem Testamente bedenkt. Doch – Alter, wie viel hast du heute gemacht?«

»Der Herr hat mich heute besonders gesegnet,« erwiederte der Mann mit Salbung. »Aber ich hab' mich auch schinden und mir die Füße fast ablaufen müssen. Denke dir, sechs Beiträge für mein Blindenasylum hab' ich zusammengebracht, und was für Beiträge!« fuhr er fort, ein Taschenbuch herausziehend, worin er die Namen der Geber sowie die Beträge der Gaben sorgfältig notirt hatte. »Zuerst war ich beim Bankier Morris und erhielt, nun rathe einmal, wie viel? zehn Dollars erhielt ich und noch obendrein in Gold. Er war bei besonders guter Laune und bat mich, dem hochwürdigen Herrn Beecher seine schönsten Grüße zu sagen. Von da ging ich zur Wittwe Frazer in der obern Stadt, die mich auf heute bestellt hatte, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich noch einmal den weiten Weg mache. Gott verzeihe mir die Sünde, aber die Galle überläuft mir, wenn ich nur daran denke. Ich sage dir, eine ganze halbe Stunde betete sie mit mir »für meine armen blinden Schafe,« wie sie sagte, und wie sie endlich fertig war, – ich meinte ich könn's nicht erleben – was gab sie mir? Einen halben Thaler, das war Alles. Der Teufel soll die filzige alte Vettel holen! Da ich nun schon einmal so weit draußen war, so dachte ich, es könnte nichts schaden, wenn ich dem reichen deutschen Bierbrauer auch einmal einen Besuch abstatte. Gedacht, gethan! Ich stellte dem Manne die Lage meiner verwahrlosten blinden Kinder recht erbarmungswürdig dar, ich sagte ihm, wie ihre Existenz nur allein von der Mildthätigkeit der frommen Christen abhänge, die sich durch eine Beisteuer eine Stufe im Himmel erwerben wollen, kurz, ich that alles Mögliche, sein Herz zu rühren. Aber was war das Resultat? Er hörte mich die ganze Zeit ernsthaft an, dann lachte er mir ins Gesicht, setzte mir einen Schoppen Bier vor, den ich natürlich stehen ließ, und entließ mich, indem er mir ein Zweischillingsstück in die Hand drückte. Nun, dachte ich, es ist doch besser als gar nichts, aber wie ich wieder auf der Straße war und das Geldstück noch einmal ansah, fand ich, daß es ein falsches war. Jetzt wußte ich, warum der Schuft so spitzbübisch lachte; aber warte nur, du Hund, die Strafe soll nicht ausbleiben. In den Herald mußt du mir, als Atheist mußt du geschildert werden.«

»Nimm einen Schluck, Alterchen,« unterbrach Frau Myers den zornigen Ehegatten. »Nimm einen tüchtigen, daß dir die Wuth nicht in den Magen fährt. Aber bist du nicht umgekehrt und hast dem deutschen Lumpen ins Gesicht gespieen?«

»Ich war froh, daß er wenigstens nicht die Hunde auf mich gehetzt hatte,« erwiederte der Gemahl, »und dachte nicht ans Umkehren. Aber die Lust zum Collectiren war mir doch fast vergangen. So ging ich denn Flusching zu, um nach meinen lieben Blinden zu sehen. Da fiel mir aber ein, ich wollte doch noch einen Versuch machen, bei der alten Jungfer nämlich in Harlem, von der ich dir letzthin erzählte, du weißt ja, die den jungen Pfarrer an der Stantonstreetkirche heirathen will. Es war zwar ein bedeutender Umweg, aber was thut man nicht für fromme Zwecke! So ging ich denn frischweg Harlem zu. Unterwegs begegnete ich der Gärtnerin, die neben der alten Jungfer wohnt und fragte sie natürlich, wie's der frommen Dame gehe. Oh, meinte dieselbe, jetzt gehe es der Jungfer schon wieder besser, aber die letzten Tage her sei sie ziemlich unwohl gewesen, und habe deßhalb sogar die Stantonstreet-Kirche am Sonntag versäumen müssen, was sie doch seit drei Monaten nicht gethan habe, obgleich die Entfernung fast zwei Stunden beträgt. Gut, dachte ich, das schreibst du dir hinter die Ohren. Wie ich also zu der Jungfer kam, machte ich meinen tiefsten Bückling und richtete einen Gruß von dem jungen Pfarrer an der Stantonstreetkirche aus, und derselbe habe mit Schmerzen bemerkt, daß ihr Kirchenstuhl letzten Sonntag leer geblieben sei, »deßwegen lasse er sich erkundigen, ob ihr denn was Krankhaftes oder sonst Widerwärtiges zugestoßen sei.« Da hättest du sehen sollen, wie ihr runzlichtes Gesicht sich aufheiterte! Sie sprang vom Rockingchair auf, als wäre sie von der Tarantel gestochen und tanzte in der Stube herum, als wäre sie, statt vierzig, vier Jahre alt. »Er hat mich vermißt, er hat mich vermißt,« rief sie einmal über das andere Mal, und wie ich ihr nun meine Bitte um eine milde Gabe für meine armen Blinden vortrug und dazu setzte, daß der Herr Pfarrer selbst mein Institut mit seiner hohen Gönnerschaft beglücke, da schmolz ihr Herz wie weiches Wachs zusammen, und mit einem heroischen Entschluß langte sie ihr Taschenbuch hervor, und zählte mir fünf Zehndollarnoten hin, ja, so wahr ich lebe, fünf Zehndollarnoten, und machte nur die Bedingung dabei, daß, wenn ich die Namen der Geber und den Betrag ihrer Gaben im Sonntagsboten veröffentliche, ihr Name groß gedruckt werden solle. Und er soll groß gedruckt werden, mit Fractur soll er gedruckt werden, überdies werde ich das Blatt dem Stantonstreetpfarrer unter Kreuzband zusenden, damit er doch einmal den Namen seiner Anbeterin erfährt, denn ich stehe dafür, bis jetzt hat er noch gar nicht einmal gewußt, daß es nur eine Person in der Welt gibt, wie die alte Jungfer in Harlem draußen.«

Erschöpft hielt er inne, um sich mit einem neuen Becher zu stärken. Die Alte aber brach in ein solch gräßliches Gelächter aus, daß sie bald daran erstickt wäre. »Ein Goldmännchen bist du,« rief sie, als sie endlich wieder zu Athem gekommen war. »Nein gar nicht zu bezahlen bist du. Unter tausend Männern ist nicht Einer zu finden, der so klug und weise ist, wie du. Aber wo hast du das Geld, heraus mit den Moneten! Sechzig Thaler in einem Tag! Ja du hast Recht, dein Geschäft hat einen sicheren, einen goldenen Boden!«

Wie er nun sein Taschenbuch öffnete und das Geld auf den Tisch zählte, wie gierig funkelten da ihre Augen, wie krallten sich ihre langen knöchernen Finger zusammen, als sie dasselbe endlich in der tiefen Tasche ihres weiten Rockes verschwinden ließ! – Eine lange Pause entstand und die beiden würdigen Personen füllten sie nur dadurch aus, daß sie der Brändiflasche fast mehr als eifrig zusprachen. Die Wirkungen fingen sich auch an zu zeigen, denn ihre beiderseitigen Nasenspitzen begannen sich langsam zu röthen, und in den Augen zeigte sich jener Glanz, welcher stets der Vorläufer der Trunkenheit ist.

»Und wo gingst du von Harlem aus hin?« fragte endlich die Frau. »Hast du deine Collecte noch weiter fortgesetzt?«

»Nein,« erwiederte der Mann sanft. »Ich dachte, morgen ist auch wieder ein Tag, und man muß Gott nicht versuchen. Und weil nun gerade das Dampfboot nach Brooklyn abging, so meinte ich, ich könne mir die Ausgabe schon erlauben, dahin zu fahren, statt zu Fuße zu gehen. Natürlich begab ich mich gleich zu dem hochwürdigen Doctor Beecher und war auch so glücklich, ihn zu treffen. Er war gütig und herablassend, wie immer, und wenn mir die Kirchendienststelle bei ihm ansteht, so darf ich nur ja sagen. Freilich müßten wir dann nach Brooklyn hinüberziehen, was deinem hiesigen Geschäfte den Todesstoß geben würde. So habe ich denn nicht ja und nicht nein gesagt. Der hochwürdige Herr will dich aber selbst sprechen; ich glaube, er hat wieder etwas auf dem Korn, wo er deine Hülfe in Anspruch nehmen wird. Die blinde Peg scheint ihm bereits wieder entleidet zu sein und es ist auch kein Wunder, denn das kleine Ding wird nachgerade zu dick und heult viel zu viel.«

»Hast du sie gesehen? Warst du in Flusching?« frug jetzt das Weib hastig.

»Freilich war ich dort,« erwiederte der Mann seufzend; »ich mußte doch nach meinen Blinden sehen. Allein die Peg gefällt mir nicht. Sie weiß zwar zu wenig von der Welt, als daß sie ihren wahren Zustand erkennen könnte, aber der geringste Zufall könnte sie aufklären, und wenn der alte Pete etwas davon erführe, wie seiner Urenkelin mitgespielt worden ist, so wäre kein Plätzchen in New-York verborgen genug, um uns vor seiner Rache zu erretten. Ich wollte, wir wären die Peg los.«

»Pah!« rief die Frau, sich von Neuem mit einem Schluck stärkend, denn sie war offenbar von der Angst ihres Mannes halb angesteckt. »Wie soll der Pete etwas erfahren? Die Mauern um dein Asylum sind ja hoch genug, daß keines der Mädchen davon gehen kann. Und wenn die Peg ihre Stunde überstanden hat, so entfernen wir den kleinen Sprößling, daß keine Seele ihn auffinden kann. Es gibt ja immer Leute genug, die neugeborne Kinder suchen. Laß' dir keine grauen Haare darüber wachsen; wir brauchen blos vorsichtig zu sein, daß keiner der frommen Fremden, die dein Asylum besuchen, die Peg sieht, dann sind wir in alle Ewigkeit gesichert. Komm', laß uns einen Schluck nehmen und von etwas Anderem sprechen. Wie hast du die armen blinden Würmer gefunden? Alle gesund und kein neuer Zuwachs?«

»Gesund, wie die Fische im Wasser,« entgegnete der Alte, noch einmal tief aufseufzend; »aber hungrig, oh, wie hungrig! Sie schlagen einander um einen Bissen Brod, die Rangen! Sind gar nicht zu ersättigen, und wenn ich ihnen vom himmlischen Mannah erzähle, so bewegen sie die Lippen, als hätten sie Pfefferkuchen zwischen von Zähnen. Ich konnte mir nicht helfen, ich mußte ein Opfer bringen, denn wenn mir eins der Kinder den Possen spielte, Hungers zu sterben und die Todtenschau das Urtheil fällte, »gestorben aus Mangel an Nahrung,« so wäre der Ruf meines Asylums für immer dahin.«

»Und wie hast du's nun gemacht?« versetzte das Weib mit einem bösen Blicke. »Ich will nicht hoffen, daß du zu viel ausgegeben hast?«

»Oh, es ging noch erträglich,« meinte ihr Ehegatte mit einem verklärten Lächeln, wahrscheinlich in der Erinnerung an die gute That, die er begangen. »Du kennst doch den Plattdeutschen draußen in der sechszigsten Straße, der die große Schweinezüchterei hat? Nun der hält wirklich blos vierzig Schweine, während er deren sonst immer fünfzig und mehr hielt. Er mästet sie bekanntlich aus dem Abtrag des Astorhauses und Nicholashotels. Also zu diesem ging ich, und da er sein Spühligt gegenwärtig nicht ganz aufbraucht, so hat er mir den fünften Theil gegen sechs Schilling täglich abgetreten. Es ist freilich viel Geld, einen Dreiviertelsthaler täglich für die Nahrung von zwanzig Kindern auszugeben, aber sie sollen nun auch so fett davon werden, daß sie platzen, und wenn sie recht Fleisch angesetzt haben, so lade ich alle meine Gönner und alle Beschützer meines Asylums ein, daß sie die Anstalt besehen und meine väterliche Fürsorge bewundern. Es müßte dann sonderbar zugehen, wenn ich nicht an dem Einen Tage, zur Belohnung meiner Aufopferung für die Blinden, so viel einnähme, als mich die Verköstigung der Kinder das ganze Jahr hindurch kostete.«

»Eine Million bist du werth, Männchen,« jubelte das Weib, abermals in ein heiseres Gelächter ausbrechend. »Wer hätte solch kostbare Einfälle, als du allein?« Wenn nur der Nick den vierten Theil deines Hirns hätte, so wären wir die klügste Familie in der ganzen Stadt. Aber – doch was soll das Klopfen? Wer kann denn so spät noch zum Besuche kommen? Hurtig, Männchen, hilf mir die silbernen Geschirre auf die Seite bringen. Es braucht Niemand zu wissen, daß wir zu unserem Privatvergnügen auf Silber speisen, wie der Präsident; sonst dürften wir sicher sein, daß uns heute Nacht noch das Haus über dem Kopfe angezündet würde, um bei der Gelegenheit das Silber zu stehlen. Hoho, der klopft ja, als ob er der Sheriff wäre. Kannst nicht warten, bis Alles hübsch fein wieder aufgehoben und verschlossen ist? So, Männchen, jetzt geh' und öffne die Hausthüre.«

Es war in der That noch ein später Besuch, der sich durch heftiges Klopfen an der Hausthüre ankündigte; der Hausherr war jedoch nicht zu bewegen, die Thüre zu öffnen; im Gegentheil seine Wangen wurden bleich, wie die Wand und sogar die Röthe, die sich auf seiner Nasenspitze gesammelt hatte, verschwand gänzlich.

»Wenn es der alte Pete wäre,« flüsterte er bebend, »oder gar eine obrigkeitliche Person!«

»Oder der Teufel, du Hasenfuß,« rief die Dame entschlossen und nahm ein Licht, um den späten Gast einzulassen.

Es war ein noch junger Mann von kaum dreißig Jahren. Von Statur war er groß, stark und knochigt und die Aehnlichkeit zwischen der Frau Myers und ihm ließ sich gleich auf den ersten Blick nicht verkennen. Dies zeigte sich besonders auch in dem Gesichtsausdruck, welcher bei dem jungen Mann nicht minder herb und streng sich zeigte, als bei der alten Frau; nur schien bei ihm die Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit des Charakters nicht mit jenem hämischen, gemeinen Zuge gepaart zu sein, welcher der Frau eigen war und ihre heimtückische Freude über das Elend Anderer zur Schau trug.

»Du bist's, Nick?« rief das Weib, indem sich ihr zahnloser Mund zu einem höhnischen Lachen verzog. »Was Teufels hast denn du noch hier zu thun und warum machst du einen Lärmen, als ob ein Aldermann vor der Thüre wäre?«

»Ich habe mit dir und dem Vater zu sprechen,« erwiederte der Sohn kalt und fest. »Unser gegenseitiges Verhältniß muß heute noch zur Entscheidung kommen.«

Die Frau erwiederte keine Silbe, aber der höhnische Ausdruck ihres Auges verlor sich und machte einem Blick voll Haß und Zorn Platz. Sie verschloß die Hausthüre wieder sorgfältig und folgte dem Sohne in das Hinterzimmer.

»So, da sind wir nun, dein Vater und ich,« hub sie ruhig an, aber man merkte an dem Knurren ihrer Stimme, daß ein Donnerwetter im Hintergrunde verborgen war. »Nun sage kurzweg, was du willst.«

»So kurzweg kann ich doch nicht sein,« erwiederte der Sohn und man hätte meinen können, seine Stimme zittere in Etwas, wie vor Rührung oder sonstiger Aufregung; doch bezwang er sich gewaltsam. »Vater,« fuhr er dann ruhig fort, »ich bin jetzt dreißig Jahre alt, und was bin ich? Wie weit habt Ihr mich durch Eure Erziehung gebracht?«

»Nun ich denke, bis zum Buchhalter und Schreiber bei dem reichen Price,« unterbrach ihn die Mutter, »und das ist weit genug.«

»Ich war Buchhalter bei dem reichen Price,« sagte der Sohn mit tiefem Ernst. »Ich bin es von heute Abend an nicht mehr. Ihr habt mich in diese Stelle gebracht, um in Verbindung mit Karlein den alten, braven Mann zu betrügen und auszuziehen, wenn nicht gar um ihn förmlich und im Complotte zu bestehlen. Dies konnte ich nicht übers Herz bringen und darum wußte es Karlein dahin zu bringen, daß ich heute Mittag wie ein Uebelthäter fortgejagt wurde, während sie, die niedrige Heuchlerin und Hehlerin, im warmen Neste sitzen blieb. Ich ging, ohne ein Wort zu sagen, weil ich sie und Euch nicht verrathen wollte, denn sie ist meine Schwester und Ihr seid meine Eltern. Aber nunmehr muß alles dies anders werden.«

»Es hat mir geahnt, daß uns heute noch ein Unglück treffen würde,« seufzte der alte Myers. »Oh, wie bist du doch so ganz aus der Art geschlagen, Nick! Kein Zug deines Vaters, keine Aehnlichkeit mit deiner Schwester, keine Ader von deiner Mutter!«

»Diese Grillen hat dir wieder das deutsche Weibsstück in die Ohren gesetzt,« schimpfte die Mutter. »Möge dich und die ausländische Lumpell der Teufel holen!«

»Still, Mutter,« rief der Sohn. »Sprich nicht von einem Weibsstück und einer ausländischen Lumpell. Es ist meine Frau, mein mir rechtlich angetrautes Weib. Ja, seht mich nur an, schneidet Fratzen, so lange Ihr wollt, meine Frau ists, mein Weib und mehr werth, als alle Glieder unserer Familie zusammen. Sie hat mich auf den rechten Weg gebracht, sie hat mir gezeigt, daß der Mensch nicht zum Diebe und Betrüger und Mörder geboren ist. Von ihr habe ich gelernt, daß das einzige Glück auf Erden ein gutes Gewissen ist und daß nur der ruhig zu schlafen vermag, der auf ehrlichem Wege wandelt. Was habt dagegen Ihr aus mir gemacht? Habt Ihr mich in die Schule geschickt, um Etwas zu lernen? Die Gasse war meine Schule, nachdem ich es mit knapper Noth so weit gebracht, lesen und schreiben zu können. Habt Ihr mich in die Lehre gethan, um einen tüchtigen Handwerker aus mir zu machen? Das Herumstrolchen, das Ausspioniren, das Hehlen und Stehlen war meine Lehrzeit. Und als ich älter wurde und Ihr mich unter dem Titel eines Lehrlings in ein Geschäft brachtet, was hatte ich da zu thun? Euch zu rapportiren, was dort vorging, damit Diebe und Räuber Gelegenheit fanden, meinen Principal um das Seinige zu bringen. Das war Eure Erziehung, und nicht Euer Verdienst ists, daß ich nicht längst am Galgen hänge, wie einige meiner Kameraden thun und die Meisten künftig noch thun werden.«

»Ich wollte du hingest schon daran und da wo er am höchsten ist,« unterbrach ihn die Mutter in grimmigem Tone.

»Sprecht nicht so, Mutter,« erwiederte der Sohn, ihr einen fast bittenden Blick zuwerfend. »Helft mir lieber, meinen Entschluß auszuführen, den Entschluß, ein ehrlicher, der Menschheit nützlicher Mensch zu werden. Seht, ich will weit fort von hier, in eine Gegend, wo noch Niemand den Namen Nick Myers gehört hat. Hier würden meine Kameraden mit Fingern auf mich deuten, wenn ich anfangen wollte, die Laufbahn der Tugend zu betreten. Hier ist's mir unmöglich, ein andrer Mensch zu werden, denn wenn ich mich auch über die Verachtung und den Haß der Meinigen hinwegsetzen wollte, so wüßte ich ja gar nicht, mit was ich mich und meine Frau nur fortbringen sollte. Hier ist mir der Weg der Ehrlichkeit verschlossen, das weiß ich wohl; drum laßt mich fort, nach Nebraska oder Oregon oder Kansas. Mir alles eins! Gebt mir ein kleines Capital, daß ich mich ankaufen kann. Ihr seid reich, das ist mir wohl bekannt, sehr reich; aber ich will nur wenige hundert Thaler und diese ein für alle Male; alles Andere mögt Ihr der Karlein, Eurem Liebling, übermachen; die paar hundert Thaler werden zureichen, daß ich in jenen fernen Gegenden ein Stück Land kaufe, das ich mit meinem Weibe bebauen will, um unser Brod im Schweiße unseres Antlitzes, aber ehrlich zu erwerben.«

Er schwieg und eine Thräne glänzte in seinem sonst so rohen und sinnlichen Auge. Die alte Frau aber brach in ein schallendes, fast convulsivisches Lachen aus.

»So, da wills hinaus,« schrie sie mit kreischender Stimme. »Ein paar hundert Thaler willst du, um sie mit deiner deutschen Kunigunde zu verjubeln! Um uns hinter dem Rücken zu verspotten und zu verlachen, wenn wir so dumm gewesen wären, sie dir zu geben! Nicht übel erdacht, gar nicht übel! Ha, ha, ha, ha!«

Die Rührung des Sohnes war auf einmal verschwunden, aber noch hielt er an sich.

»Vater,« sagte er, »du stehst bei der oberflächlich urtheilenden Menge im Rufe eines frommen Mannes. Nur einmal bewähre diesen Ruf. Gib mir die paar hundert Thaler, damit ich ehrlich werden kann. Diese einzige That wird Manches gut machen, was dir sonst einst schwer angerechnet werden dürfte. Wenn du willst, so wollen wir einen Vertrag machen, daß ich nach Erhalt dieser Summe auf alle weiteren Ansprüche verzichte. Laß' dich erweichen, Vater!«

»Was, du nichtsnutziger Bube,« erwiederte dieser, den Sohn, der sich ihm bittend näherte, mit beleidigter Miene abwehrend, »du willst mir und deiner Mutter vorwerfen, wir seien auf dem Pfade der Sünde gewandelt? Du willst Geld von uns erpressen, unter einem erheuchelten Vorwande, in Wahrheit aber, um deinen Gelüsten zu einer hergelaufenen Ausländerin fröhnen zu können? Unser so schwer erworbenes Bischen, denn du irrst dich, wenn du meinst, es sei viel, sollen wir an ein Weibsstück rücken, das dich verführt hat, die schönste Stelle in der Welt zu verlassen? Geh, du Ungerathener, du bist mein Sohn nicht mehr; ich verstoße dich für immer.«

»Ja, geh', du Lump,« schrie die Mutter, »geh' und leb' von der Ehrlichkeit. Von uns bekommst du keinen rothen Cent, und wenn du gleich auf der Straße Hungers sterben solltest. Geh' und laß dich hängen!«

»Ist das Euer letztes Wort?« rief nun seinerseits der Sohn, indem seine Stirne sich mehr und mehr röthete. »Ihr verstoßt mich wegen ein paar Thaler, wo Ihr deren Tausende verborgen habt? Fluch über Euch! Ich möchte nicht mehr unter Eurem Dache leben und wenn ich gleich Millionen damit gewinnen könnte. Hier ist die Hölle und Ihr seid die Schürer des höllischen Feuers. Fort von hier, fort um jeden Preis! Aber Geld muß ich haben, es mag herkommen, wo es will, und wenn ich einen Mord begehen müßte.«

Er stürmte zur Thüre hinaus, als ob es hinter ihm brennte, und gleich darauf hörte man ihn die Hausthüre zuwerfen, daß das ganze Haus in Stücke zu gehen drohte. Nun trat eine fast unheimliche Stille in dem Gemache ein.

»Ist er fort?« flüsterte endlich der Mann, sich furchtsam umschauend. »Ich glaube, er ist im Stande, uns zu bestehlen oder mit Gewalt zu nehmen, was wir ihm freiwillig verweigerten.«

»Dann schlage ich ihm mit meinen eigenen Händen den Hirnschädel ein,« fluchte das Weib. »Aber nein, er wagt es nicht, und ich bin froh, daß wir ihn für immer los sind. Seit er die Dirne hat, ist nichts mehr mit ihm anzufangen.«

Sie stand auf und wollte eben das Zimmer verlassen, um die Hausthüre abermals zu verschließen. Da rauschte es im Gange außen, wie wenn Seide den Boden berührt. Gleich darauf öffnete sich leise die Thüre und ein Frauenzimmer trat ein, welches unserer näheren Beschreibung nicht unwerth ist.

Es war ein schlankes Mädchen von etwa achtundzwanzig bis dreißig Jahren. Das schmale Gesicht war blaß und eingefallen; die schwarzen Augen lagen tief innen, von runden bläulichen Ringen umzogen; die dunkeln Haare schmiegten sich fest an Stirne und Wangen; der Hals war blos und mit einer einfachen, aber schweren goldenen Kette geschmückt; der Körper zeigte nur wenig Hinneigung zur Ueppigkeit, und über die ganze Gestalt war jene Art von Sanftmuth und stiller Frömmigkeit ausgegossen, die sonst immer als das Erbtheil einer edlen Seele betrachtet wird. Und doch contrastirte mit diesem Ausdruck ein Etwas, das sich eher fühlen als beschreiben läßt! Und doch lag eine Sinnlichkeit, eine Lüsternheit in der ganzen Erscheinung, welche jeden Gedanken an Frömmigkeit und Seelenadel verbannte! Die Augen waren halb geschlossen und von langen Wimpern verdeckt; wenn sie aber aufgeschlagen wurden, so erglänzten sie in jenem schmachtenden Feuer, welches nur durch vielen sinnlichen Genuß erzeugt wird. Die Lippen öffneten sich in schräger Linie und es schien als ob sie feucht von gesättigtem Liebesdurst wären. Das schwere schwarzseidene Kleid schmiegte sich eng an schlanke Glieder an, deren Form unter den künstlich gelegten Falten sich nur allzu genau erkennen ließ. Es war eine auffallende Erscheinung, die man, wenn einmal gesehen, nicht leicht wieder vergaß, eine Erscheinung, welche weniger durch ihre Schönheit imponirte – denn man konnte sie eigentlich nicht einmal schön nennen, da es ihren Zügen an aller Regelmäßigkeit fehlte – als vielmehr unwillkührlich alle Sinne fesselte, und zwar gerade, weil ihre sinnlichen Reize nicht offen zur Schau lagen, sondern unter dem Schleier der sanften Demuth und unter dem Mantel der frommen Heiligkeit gleichsam halb verborgen hervorglühten.

»Karlein,« riefen die beiden alten Leute, wie mit einem Munde. »Karlein, du noch hier zu so später Stunde?«

»Und muß das Haus offen finden,« erwiederte das Mädchen mit einer süßen Stimme, die fast wie Gesang ertönte. »Wie mögt Ihr nur so unvorsichtig sein? Wißt Ihr denn nicht mehr, daß Ihr auf Trinityplace wohnt und daß, wenn man Euch heute Nacht ausraubt und zur Vervollständigung des Trauerspiels noch den Hals dazu abschneidet, Morgen kein Hahn darnach kräht und man höchstens über Eure Unvorsichtigkeit spottet?«

Sie sagte das so ruhig und gleichgültig und doch zugleich mit so schmelzendem und weichem Tone, daß man den Inhalt ihrer Rede kaum mit dem Ausdrucke derselben vereinigen konnte.

»Wie magst du nur so gräßliches Zeug reden!« erwiederte ihr Vater, unwillkührlich erbleichend und zitternd um sich schauend, ob nicht die Raubmörder schon hinter ihm stehen. »Du hast mich ordentlich erschreckt, Mädchen!«

»Dein Bruder war da, und hat die Thüre unverschlossen gelassen,« meinte die Mutter, wie um sich zu entschuldigen.

»Hat er mich verklagt?« fragte Karlein, ohne den sanften Ton ihrer Stimme zu verändern. »Der Mensch wird nachgerade verrückt, und ich mußte ihn entfernen, daß er mir nicht mein ganzes Spiel verderbe.«

»Oh, du hattest ganz Recht und wir haben ihn fortgeschickt,« eiferte die Mutter; »wir haben uns von ihm losgesagt und er mag nun suchen, wie er sich ohne uns durchbringen kann.«

»Ja, er ist unser Sohn nicht mehr,« bestätigte der Vater. »Wir haben von nun an nur noch ein Kind.«

Die Züge der Tochter veränderten sich auch nicht um das Geringste. Dasselbe sanfte Lächeln blieb auf ihnen stehen, als ob diese Nachricht gar keinen Eindruck auf sie machte. Doch konnte man aus einem schnellen Blitz ihrer Augen sehen, daß sie nicht ganz so theilnahmlos war, als sie schien. Sie fand jedoch nicht für nöthig, oder für passend, länger auf diesem Thema zu verweilen; vielleicht weil sie längst schon auf ein solches Resultat gerechnet hatte, vielleicht auch, weil sie nicht merken lassen wollte, wie sehr dasselbe ihren Wünschen entsprach.

»Wißt Ihr schon,« fragte sie plötzlich abbrechend, »daß der Neffe des Herrn Price, der junge Marc Price, heute von Californien angelangt ist?«

Die Eltern des Mädchens waren wie vom Donner gerührt. Die Mutter stieß einen heftigen Fluch aus; der Vater aber seufzte, die Augen gen Himmel verdrehend, tief auf. »Und du kannst so ruhig dabei sein, wo doch die Ankunft dieses Erben alle unsere Hoffnungen, uns bei der großen Erbschaft zu betheiligen, über den Haufen stürzt?« setzte er endlich fast händeringend hinzu.

»Unsere Hoffnungen über den Haufen stürzt, sagst du?« erwiederte die Tochter, den Mund zu einem freundlichen, obwohl halb spöttischen Lächeln verziehend. »Du täuschest dich, Vater, ich habe ihn ja selbst verschrieben oder war wenigstens die Hauptmitursache seiner Hierherkunft.«

»Du?« rief die Mutter, das eine Auge, das ihr noch geblieben war, weit aufreißend. »Du? Nun da werde der Teufel daraus klug.«

»Ja, ich,« war die weichklingende Antwort, »ich habs gethan und weiß wohl, warum ichs gethan habe; denn ich werde den jungen Marc Price heirathen, wenn Ihr nichts dagegen habt. Dann bin ich ja Haupterbin, Universalerbin und nicht blos Legatärin.«

Sanft und ruhig war der Ton, mit dem sie diese wichtige Neuigkeit meldete. Lächelnd, und fast gleichgültig war ihr Gesichtsausdruck, als ob es etwas ganz Alltägliches wäre, was sie so eben verkündete. Ganz anders aber war die Wirkung, welche ihre Worte auf die beiden Alten machten. War nämlich der Schrecken des alten Sündenpaares vorhin groß gewesen, so war ihr jetziges Staunen noch viel größer, und bald machte Letzteres der wildesten Freude Platz.

»Du wirst Frau Marc Price werden?« rief die Mutter, indem ihr Auge vor Gier funkelte. »Du eine der reichsten und angesehensten Frauen New-Yorks? Aber ist denn auch Alles schon in Richtigkeit? Und wie hat es sich denn so schnell gemacht?«

»Es ist noch gar nichts in Richtigkeit,« lächelte nun wieder die Tochter. »Noch gar nichts hat sich gemacht; aber Herr Marc Price wurde mir als ein unverdorbener, unschuldiger Jüngling geschildert, der von der Schlechtigkeit der Welt noch gar nicht gelitten hat, und da habe ich mir vorgenommen, ihm zu gefallen. Es hat mich noch Jeder geliebt, dem ich gefallen wollte; Herr Marc wird mich auch lieben und diesmal wird aus der Liebe eine Heirath entstehen.«

»Aber, Mädchen,« entgegnete der Vater, »wenn er dich nicht wollte, oder wenn er schon eine Geliebte hätte! Du spielst ein gefährliches Spiel!«

»Aber er hat bis jetzt keine Geliebte,« versetzte die Tochter mit ziemlichem Nachdruck in der Stimme. »Ich habe vorher die genauesten Berichte eingezogen, ehe ich dahin wirkte, daß ihn sein Oheim kommen ließ. Und nun er da ist, soll er mich lieben und soll mich heirathen, denn ich will es so

Diese letzten Worte sprach sie mit solcher Bestimmtheit und ein so unheimliches Feuer leuchtete dabei aus ihren Augen, daß man glaubte, auf einmal ein ganz anderes Wesen vor sich zu haben. Es dauerte jedoch nur einen Augenblick, so war der Ausdruck ihres Gesichtes wieder der alte und es lag wieder jene sanfte, zärtliche Frömmigkeit darin, von der wir oben gesprochen haben.

»Ihr wißt nun, was ich bezwecke,« fuhr die Tochter nach einer Pause fort. »Ich will den alten Price ganz beerben. Ich habe mein Ziel noch nie verfehlt und werde es auch diesmal erreichen. Es wäre des jungen Marc eigener Schade, wenn er mir im Wege stehen wollte; aber er scheint mir ein guter, unschuldiger Junge zu sein und wir werden ein treffliches Paar abgeben. Vergiß nicht, Mutter, wenn du mich besuchst, nur in ehrbarer schwarzer Kleidung zu erscheinen und besonders hüte dich vor dem Fluchen. Du, Vater, wirst nicht unterlassen, eine weiße Halsbinde zu tragen und Handschuhe. Ihr stellt nämlich ein paar brave, alte Bürgersleute vor, welche durch Fleiß und Sparsamkeit zu Einigem gekommen sind und besonders einen Hauptstolz darein setzten, ihre einzige Tochter so sittsam und ehrbar als möglich erziehen, aber zugleich auch sie so sorgfältig ausbilden zu lassen, als es nur irgend thunlich war. Dies behaltet fest in Eurem Sinn. Herr Marc darf Euch unter keiner Bedingung von einer andern Seite kennen lernen, so lange wir nicht verheirathet sind. Aber nun muß ich gehen. Es wird sonst zu spät. Gute Nacht und vergeßt meine Vorschriften nicht.«

»Aber, Kind, es ist dunkle Nacht und so allein . . ., soll ich dich nicht begleiten?« fragte die Mutter.

»Ich habe Sammy bei mir,« erwiederte die Tochter ruhig. »Er erwartet mich unten neben der Kirche.«

»Sammy hast du bei dir,« rief die Mutter erschrocken; »so unvorsichtig kannst du sein? Wenn nun Herr Marc etwas davon erführe?«

»Oh, Sammy ist ein guter Bursche,« erwiederte Karlein mit einem wollüstigen Lächeln um den üppigen Mund. »Ich kann ihn jetzt nicht gleich fortschicken, und will es auch nicht. Wer weiß, zu was er mir noch nützen kann! Aber er gilt natürlich nicht als mein Liebhaber im Hause, sondern als mein Vetter und nächster Anverwandter, und er weiß seine Rolle vortrefflich zu spielen. Man sollte gar nicht glauben, daß der schwarze Patrik sein Vater ist, so manierlich weiß er sich unter meinen Händen zu benehmen.«

Mit diesen Worten verabschiedete sie sich, um sich in ihre Behausung zu begeben; ihre würdigen Eltern aber blieben noch lange wach und besprachen bis in die späte Nacht das wichtige Ereigniß der künftigen Heirath ihrer Tochter mit Marc Price. Des Sohnes, der ehrlich werden wollte, gedachten sie mit keinem Worte mehr.


3.
Rosa Bodin.

In allen größeren Städten nimmt das nächtliche Leben und Treiben eine andere Gestalt an, als in den kleineren oder gar auf dem Lande. Hier, auf den Bauernhöfen, in den Dörfern, in den kleinen Städten, begeben sich die Einwohner bald nach Einbruch der Nacht in ihre Häuser, und sogar die jungen Leute suchen zu früher Stunde ihr Nachtlager, so daß es um zehn oder eilf Uhr Nachts wie ausgestorben ist und in der tiefen Stille der Tritt eines Mannes auf eine Meile weit vernommen wird. In den Großstädten dagegen beginnt um diese Zeit erst das eigentliche Leben, nicht das Leben der Gewerbsleute und der arbeitenden Classe, sondern das Leben der Müssiggänger, der Reichen, der Aristokratie, der sogenannten höheren Menschenwelt. Bälle und Soireen sind kaum »im Beginnen,« wenn der Landmann schon halb ausgeschlafen hat; Theater und Conzerte dauern in der Regel bis Mitternacht und darüber, und die Caffe's und Salons haben erst ihren eigentlichen Glanzpunkt erreicht, wenn die Sonne im Osten ihre ersten Strahlen entsendet. Am auffallendsten tritt dieses »Nachtleben« in den großen Seestädten hervor, weil in solchen die Zahl der Fremden und Reisenden immer eine ungewöhnlich große ist, und das Non plus ultra in dieser Beziehung bietet vielleicht die Stadt New-York, die Hauptstadt der neuen Welt. Nicht daß etwa New-York mit London, der Hauptstadt der alten Welt, in seiner Größe wetteifern könnte; denn New-York zählt für jetzt kaum den dritten Theil der Einwohner Londons; allein der Zusammenfluß von Reisenden und auswärtigen Besuchern ist in New-York größer, als in irgend einer sonstigen Weltstadt. Man hat berechnet, daß wenigstens täglich dreißigtausend Fremde abgehen und ankommen, und fast jeder dieser Fremden gehört zu denen, welche die große Mitgliederschaft des Nachtlebens bilden, denn Jeder will den »Elephanten sehen,« wie man sich in New-York auszudrücken pflegt, d. h. er will diese Stadt in all' ihren Eigenthümlichkeiten, in all' ihren Genüssen, in all' ihren Heimlichkeiten, in all' ihrer großartigen Liederlichkeit kennen lernen. Zudem ist die Ungebundenheit in New-York viel größer, als irgendwo anders in der Welt, Neworleans und Sanfrancisko vielleicht allein ausgenommen; denn die ganze Gesetzgebung Amerikas geht darauf hinaus, das Recht der persönlichen Freiheit für den Einzelnen unter allen Umständen zu wahren. In diese persönliche Freiheit wird kein Eingriff geduldet, und am allerwenigsten wird der Polizei gestattet, derselben hemmend in den Weg zu treten. Natürlich beuten Viele diesen Umstand zu ihrem Vortheil aus, und lassen nicht blos ihrer Freiheit den Zügel so sehr schießen, daß dieselbe in Zügellosigkeit ausartet, sondern sie dehnen die Erlaubniß, zu thun und zu treiben, was Einem beliebt, »so lange es nicht gegen die Gesetze verstößt,« dahin aus, daß sie kein Gesetz mehr achten, vielmehr nur noch das Recht des Klügeren und Stärkeren gelten lassen. Schon oft ist man daher daran gewesen, diese fast allzusehr ausgedehnte persönliche Freiheit gesetzlich zu beschränken, und besonders Ausländer haben mit aller Macht der Rede und der Feder darauf gedrungen, dem Einzelnen mehr obrigkeitlichen Schutz zu gewähren, als er gegenwärtig in New-York und den vereinigten Staaten überhaupt genießt; allein die große Masse der Amerikaner und besonders diejenigen, welche das Wesen des amerikanischen Freistaates richtig erfaßt zu haben glauben, wehren sich mit allen Kräften dagegen; sie wollen lieber etwaige Mißbräuche dulden, ja sie wollen lieber unter diesen Mißbräuchen selbst leiden, als daß sie zugeben, mit der Entziehung auch nur eines Theils dieser Freiheit den Anfang zu machen. »Ist nur erst der Punkt auf dem I. weg,« argumentiren sie, »so folgt bald das I. selbst, und am Ende nimmt man noch das ganze Alphabet. Ueberdieß,« setzen sie hinzu, »wenn Einer sein Recht, sich ungehindert zu bewegen, wie er will, zu deinem Nachtheil mißbraucht, so wehr' dich deines Vortheils oder deiner Haut, hilf dir selbst durch deine eigene Kraft, deinen eigenen Verstand, denn du hast ja ebenfalls die vollkommenste Erlaubniß dazu, und kannst dir also unter allen Umständen durch deine eigene Mannhaftigkeit schnellere Hülfe schaffen, als wenn du in Europa lebtest, wo Jedermann zur Polizei und Obrigkeit rennen muß, um Schutz zu erhalten.« – Unter solchen Umständen darf es nicht wunder nehmen, wenn in New-York ein groß Stück Ungebundenheit florirt und eben so natürlich ist, daß diese Ungebundenheit besonders bei Nacht »ans Licht tritt,« wenn die »Nachtvögel« ausfliegen. In der That herrscht auch in manchen Gegenden der Stadt, besonders in denen, wo die verschiedenen Theater und Conzertsäle liegen, bei Nacht fast mehr Leben, als bei Tage, und nur in der sogenannten untern Stadt, d. h. da, wo sich die Engrosgeschäfte concentrirt haben, und in den Vierteln der Arbeiter, die Morgens in aller früh wieder ans Tageswerk gehen müssen, ist Stille und Ruhe zu finden.

Es war der Tag nach dem Beginn unserer Geschichte. Burtons und Broadwaytheater waren so eben zu Ende, und ein so außerordentlicher Menschenstrom bewegte sich in der Gegend des Parks von Barnums Museum an bis zum Stadthospital hinauf, sowohl im Broadway selbst, als auch seinen Nebenstraßen, der Pearlstreet, Leonardsstreet, Duanestreet und Chambersstreet, auf und ab, daß man hätte glauben sollen, es sei Mittagszeit, während doch in der That Mitternacht längst vorüber war. Ein Fremder würde gedacht haben, es sei heute ein besonderer Tag, es habe vielleicht eine Festlichkeit oder etwas dergleichen stattgefunden; ein Einheimischer wußte aber wohl, daß das Gedränge jede Nacht das gleiche war, ein stärkeres vielleicht, als bei Tage, weil die Leute bei Tage ihren Geschäften nachgehen und keine Zeit haben, sich auch nur eine Minute aufzuhalten, während sie bei Nacht träge und langsam herumschlendern, oder stehend schwatzen, und, aus Uebermuth und Ueberreiz mit dem Nächsten-Besten anbindend, gar gerne einen »Umstand,« wenn nicht einen Auflauf veranlassen. Zur Sommerszeit vollends, wenn die Thüren aller Wirthshaus-Salons, und in jener Gegend sind deren nicht wenige, weit aufstehen, mehrt sich das Gedränge in diesem Theile des Broadway von Stunde zu Stunde in der Nacht, bis es endlich gegen Morgen mit der Gefangennahme einiger Straßendirnen und vielleicht auch einiger besonders vorlauter oder betrunkener Straßenlungerer ein Ende nimmt. – Auch heute Nacht war das Gedränge sehr groß, denn es war schwül, wie selten im Anfang des Monats Mai, und fast schien es, als ob das erste Gewitter sich einstellen wolle. So trieben sich die Leute lieber auf den Straßen herum, als daß sie in den Zimmern Stickluft einathmeten. Eine Gruppe junger Männer hatte sich an der Ecke von Pearlstreet und Broadway aufgestellt. Sie waren so eben aus dem nahen Theater gekommen und schienen zu berathen, wo sie die nächsten Paar Stunden zubringen wollten, denn von Nachhausegehen konnte natürlich unter fashionablen Jungen um Mitternachtszeit nicht die Rede sein. Ja als Einer unter ihnen meinte, es sei Zeit, das Bett zu suchen, brach die ganze Gruppe in ein schallendes Gelächter aus. So unerhört war diese Zumuthung!

»Wie, Marc, sprechen Sie in der That im Ernste?« rief ein blasser junger Mann, den sie Bob Macguier nannten. »Es muß in Californien doch noch verteufelt ländlich zugehen, wenn man dort die Sitte annimmt, schon um zwölf Uhr Abends in den Federn zu liegen.«

»Ei, ich lebte viel auf dem Lande, wenigstens in der letzten Zeit,« erwiederte der Angeredete, in welchem wir einen alten Bekannten, Marc Price, wieder erkennen; »denn ich war das tolle Treiben in Sanfrancisko herzlich satt, und kaufte mir ein Landgut in Oregon, dem schönsten Lande der ganzen Union. Da hieß es mit der Sonne aufstehen und mit dem Abendstern sich niederlegen. Drum sieht man auch dort keine siechen Körper und bleichgewachte Gesichter, wie sie Eure Lebensweise hier erzeugt.«

»Hoho, da bekommen wir am Ende eine Sittenpredigt zu hören,« meinte ein dritter, ein starker, breitschultriger Geselle von mittlerem Alter, mit Namen Bill Poole. »Aber, wenn es Ihnen so gut in Oregon gefallen hat, warum sind Sie nicht lieber dort geblieben, statt in das Sündennest New-York zu kommen?«

»Stille, Bill, du weißt nicht, daß Herr Price blos gekommen ist, um in der Geschwindigkeit eine halbe Million zu erben?« lachte ein Vierter. »Um diesen Preis könnte man selbst das Paradies verlassen, um einige Monate in der Hölle zuzubringen.«

»Ich bitte Sie, meine Herrn, meine Privatangelegenheiten aus dem Spiele zu lassen,« erwiederte Marc Price mit ernster Stimme. »Ich liebe dergleichen Erörterungen und Spöttereien nicht. Mein Oheim, so alt er auch ist, wird hoffentlich noch lange genug leben, um sich von der Freude zu überzeugen, die mir sein Wohlergehen, nicht sein Tod macht.«

»Bei Gott, da ist das Orangenmädchen wieder,« rief ein Fünfter, wie um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Sie hat sich in dieser Gegend der Stadt nicht mehr sehen lassen, seit sie Bill Poole mit Gewalt in einen Austernkeller mitschleppen wollte.«

»Drum soll sie dießmal mit, und wenn ich sie auf meinen Armen hintragen müßte,« versetzte Bill sich nach dem Mädchen umschauend. »Ich lade Euch alle in das Americanhouse ein und die Dirne soll mit uns trinken und singen, und wenn sie gleich Zetermordio schriee.«

Mit diesem Worte sprang er dem Platze zu, wo das besprochene Orangenmädchen stand und die Uebrigen folgten im Augenblicke, so daß die junge Dirne umringt und eingeschlossen war, ehe sie sich dessen versah. Auch Marc Price ward mit fortgerissen und erkannte im Augenblicke das Mädchen wieder, das er gestern auf dem Dampfboote gesehen hatte. Doch unterwarf er dasselbe jetzt erst einer nähern Betrachtung, da er auf dem Schiffe zu gleichgültig dazu oder vielmehr zu beschäftigt gewesen war. Das Kind war übrigens kein Kind mehr zu nennen, sondern erschien vielmehr als eine eben erst erblühende Jungfrau von sechzehn bis siebzehn Jahren von wunderbarer Schönheit, obgleich möglicherweise ein Künstler Vieles an ihr auszusetzen gehabt hätte. Ihre Lippen wären ihm vielleicht etwas zu schwülstig, ihre Augen zu groß und ihre Haare zu dicht vorgekommen. Vielleicht auch hätte er gewünscht, daß ihre Taille einen üppigeren Umfang und ihre Hand ein volleres Fleisch gezeigt hätte. Im Allgemeinen würde aber auch er, und wenn er der strengste Kritiker gewesen wäre, haben zugestehen müssen, daß ihm wohl selten ein Mädchen mit einnehmenderen Zügen und mit edleren Formen begegnet sei. Nur leuchtete aus diesem großen, braunen Auge ein Ernst, der fast mit den Jahren des jungfräulichen Kindes contrastirte.

»Warum schließt Ihr mich ein, Ihr Herren,« sagte sie ruhig, fast kalt, ohne dem Anschein nach nur im Geringsten in Schrecken zu gerathen. »Wenn Ihr Orangen wollt, so stehen Euch die wenigen, die ich noch habe, zu Diensten, und wenn es nicht genug sind, so sind ja noch ein Dutzend und mehr von Verkäuferinnen und Verkäufern auf dem Platze. Deßhalb braucht Ihr mich aber nicht zu umkreisen.«

In der That konnte man noch wenigstens zwölf oder fünfzehn Mädchen, Weiber und Männer sehen oder hören, wie sie ihre Südfrüchte feilboten und anpriesen, denn dieser Handel dauert fort, so lange das Gewühl auf der Straße fortdauert und der Verkauf geht bei Nacht sogar meist besser, als bei Tage.

»Ich gebe dir für jede Orange, die du noch hast, zwei Schillinge, wenn du mit uns gehst und mit uns singst und trinkst,« sagte Bill Poole mit aufgeregter Stimme.

»Ich will nicht mit Ihnen gehen, und wenn Sie mir für jede Orange ein Zehnthalerstück gäben,« erwiederte das Mädchen fest und bestimmt.

»Wenn du nicht willst, so mußt du,« war die Antwort. »Ich habe einmal mein Wort darauf gegeben und Bill Poole ist nicht der Mann, der einer Kleinigkeit wegen, wie du bist, sein Wort nicht einlöste. Wir wollen lustig und guter Dinge sein, im Uebrigen aber soll dir kein Leid widerfahren.«

»Ich will nicht,« entgegnete das Mädchen noch bestimmter. »Wir leben in einem freien Lande und kein Mensch soll mich nöthigen, etwas gegen meinen eigenen freien Willen zu thun. Macht Platz, ihr Herren, und laßt mich nach Hause.«

»Oho, du kleine Hexe, glaubst du mir auf diese Art zu entgehen?« rief Bill Poole und ergriff sie mit eherner Faust am Arme. »Wer soll mich denn hindern, dich auf meinen Armen nach dem Americanhouse zu tragen?«

»Mit Verlaub, das werde ich thun,« sagte eine feste Stimme neben ihm. »Wenn das Mädchen nicht mit Ihnen gehen will, so soll sie auch nicht mit Ihnen gehen, und wenn Sie zehn Mal Bill Poole heißen.«

»Sie sind ein Fremdling hier, Marc Price« – denn dieser und kein Anderer war es, der sich des Mädchens annahm – fiel einer der jungen Männer halb begütigend ein. »Sonst würden Sie sich nicht wegen einer Straßendirne vereifern. Und vielleicht wissen Sie auch nicht, daß Bill Poole gegenwärtig der erste Boxer New-Yorks, ja vielleicht der Vereinigten Staaten ist.«

»Und wenn es Tom Hyer selbst wäre,« erwiderte Marc, »so würde ich ihn hindern, das Mädchen zu Etwas nöthigen zu wollen, was es nicht aus freien Stücken thun will. In diesem freien Lande soll kein Mensch zu Etwas gezwungen werden, wenn ich es hindern kann.«

Bill Poole kehrte sich jedoch an die Worte Marks nicht im Geringsten, sondern hob das junge Mädchen wie einen Federkiel auf, um sie nach dem Weinsalon unter dem in der Nähe befindlichen Americanhouse zu tragen. Kaum aber hatte er den ersten Schritt gemacht, so erhielt er einen so furchtbaren Schlag auf den Arm, mit welchem er das Mädchen hielt, daß er dasselbe notwendig fahren lassen mußte. In voller Wuth kehrte er sich gegen seinen Angreifer, während die Orangenverkäuferin den Augenblick benützte, um aus dem Kreis zu entwischen.

»Halt, halt, keine gemeine Prügelei!« riefen einige der jungen Männer, dazwischentretend. »Macht's in einem regelmäßigen Kampfe aus. Dort unter der Gaslaterne in der Elmstreet ist ein ganz hübscher Platz und wir sind dann auch aus dem Menschengetümmel heraus.«

Ohne ein Wort weiter zu wechseln, schritten die beiden Partheien dem bezeichneten Platze zu, der in der That zu einem Faustkampfe nicht übel paßte, da er geräumig genug und auch hell erleuchtet war. Ein »Unpartheiischer« ward ernannt, der die zwei Kämpfer so aufstellte, daß das Licht der Laterne gleichmäßig unter ihnen vertheilt war, und nun warfen sie Rock, Weste und Halstuch ab, um im Austheilen der Fauststöße nicht gehindert zu sein. Auf ein gegebenes Zeichen begann der Kampf, und nicht Einer der Umstehenden war zweifelhaft, wie derselbe ausgehen werde, da Bill Poole in einem Rufe stand, welcher nur von Wenigen übertroffen war und den sein gewaltiger Körper, seine breite Brust, seine sehnigten Arme und seine derben Fäuste auch vollkommen rechtfertigten. Jedoch, sonderbar, dießmal sollte sich der Ruf seiner Unüberwindlichkeit nicht bewähren. Zwar blieb der erste Gang resultatlos, d. h. keiner der Stöße »saß,« sondern alle wurden von beiden Seiten glücklich parirt, bis endlich ein nicht total abgewehrter Stoß Bill Poole's die Brust Marc Price's leicht berührte, so daß der erste Gang für Bill Poole entschieden wurde; allein nun wendete sich das Geschick, und, lag nun der Grund darin, daß Bill Poole durch den vorhin erhaltenen Schlag auf den Arm etwas an seiner Kraft eingebüßt hatte, oder darin, daß er im Selbstvertrauen auf seine anerkannte Kraft und in der Gewißheit der Unmöglichkeit einer Niederlage von Seiten eines jungen Mannes, der noch gar keinen Ruf hatte, nicht die nöthige Vorsicht anwandte, oder endlich darin, daß Marc Price in der That ein geschickterer und kräftigerer Boxer war, als sein Gegner, – genug, im zweiten Gange erhielt Bill Poole einen solchen Stoß auf die Nase, daß nicht bloß das Blut in Strömen herabfloß, sondern auch der Nasenknochen entzwei geschlagen schien, und der Verwundete der Länge nach zu Boden fiel. Es hatte sich inzwischen eine beträchtliche Menschenmenge gesammelt, denn ein solcher Kampf zieht die Masse stets an und in New-York besonders ist das Volk so neugierig, daß es sogar dann stehen bleibt, wenn sich Einige das Vergnügen machen, zu ihrem Privatvergnügen an irgend einer Straßenecke in einer bestimmten Richtung unverrückt hinzuschauen, ohne daß jedoch irgend etwas zu erschauen wäre. Von Polizei oder einer sonstigen obrigkeitlichen Behörde war übrigens nichts zu verspüren, denn, wenn dieselbe auch streng darauf angewiesen war, und jetzt noch ist, derlei Unordnungen zu verhüten, so macht ihr ein Zweikampf immer viel zu viel Vergnügen, als daß sie hindernd einzuschreiten sich bewogen fände. Wenn daher je ein Polizeimann zu einem solchen Crawall kommt, so nimmt er seinen Stern ab, damit man ihn nicht als ein Mitglied der heiligen Hermandad erkenne, und mischt sich ruhig als Zuschauer unter die Umstehenden. So war es auch damals, als dieser Zweikampf stattfand, und wird es noch lange sein, bis eine ganz andere Ordnung der Dinge eintritt. Von dieser Seite, d. h. von Seiten der Polizei, war also nichts zu befürchten und das Gefecht konnte ungestört seinen Fortgang nehmen, wenn Bill Poole sich wieder erholt hatte; denn gewöhnlich ist eine Boxerei nur dann als beendet zu betrachten, wenn der eine Theil so zerschlagen ist, daß er aus physischen Gründen nicht mehr fortmachen kann. Somit dachte kein Mensch daran, daß dieser erste Unfall Bill Poole veranlassen würde, den Kampf aufzugeben; sondern man holte Wasser aus einer nahen Schnapskneipe und wusch die Wunde aus, daß sie nicht mehr so arg blutete. Gleich darauf sprang auch Bill Poole wieder in die Höhe, als ob nichts geschehen wäre. Zur Verwunderung Aller setzte er aber den Kampf nicht fort, sondern streckte seinem Widersacher die Hand hin, die dieser auch alsobald ergriff und herzlich drückte.

»Bei Gott, mein Junge!« rief Bill mit seiner lauten, tönenden Stimme, »du besitzest eine Faust, wie ich noch keine getroffen, und hast einen Stoß gegen mich geführt, dessen Geheimniß du mich lehren mußt, denn diesen kenne ich noch nicht. Aber damit sei auch unser närrischer Streit begraben.

Kommt, Jungen, in das Americanhouse; die kleine Hexe ist uns durchgegangen, aber wir finden sie ein ander Mal wieder, und dafür haben wir den Marc Price, mit dem ich nothwendig nähere Bekanntschaft schließen muß, denn er ist der wackerste Kerl, mit dem ich noch einen Stoß ausgetauscht habe.«

»Ich für meinen Theil muß mich entschuldigen, Bill Poole,« erwiderte Marc, »denn ich gehe nach Hause. Ich möchte meinen alten Oheim nicht in Sorgen um mich setzen, da er weiß, daß ich hier unbekannt bin, weil ich erst gestern von Californien ankam. Aber ein anderes Mal uns zu treffen, soll mich herzlich freuen.«

»Nun, wenn's so ist, so gehe auch ich nach Hause,« meinte Bill; »es ist vielleicht besser, ich mache kalte Umschläge, als daß ich die Wunde durch Brändigenuß entzünde.«

So endete diese Scene mit einem herzlichen Handschlag und die Partheien trennten sich in der vollkommensten Eintracht. Marc Price ging die Elmstreet hinauf, um sich links durch die Franklinstreet in den Broadway zu begeben, da er diesen entlang gehen mußte, um in seine Wohnung oder vielmehr in seines Oheims Haus in der Amitystreet zu gelangen. Kaum hatte er jedoch einige hundert Schritte gemacht und war den Blicken der jungen Männer, in deren Gesellschaft er bisher gewesen, entschwunden, als er sich am Arm berührt fühlte. Die junge Orangenverkäuferin stand neben ihm.

»Sie sind nicht verletzt, nicht wahr?« fragte sie leise, aber mit zitternder Stimme, ihre großen Augen ängstlich auf ihn richtend.

»Ah, du bist noch hier, Mädchen,« erwiderte Marc; »ich glaubte, du werdest in deiner Angst längst nach Hause gesprungen sein, wo du jedenfalls besser aufgehoben wärest, als hier auf der Straße.«

»Ich, ich mußte den Ausgang des Kampfes abwarten,« flüsterte das junge Kind, tief erröthend. »Die Ungewißheit, ob Ihnen von dem gefürchteten Bill Poole ein Leid widerfahren sei, hätte mich nicht ruhen lassen. Ach, was für ein hochherziger Herr sind Sie, daß Sie sich eines armen Straßenmädchens annahmen! Gewiß, außer Ihnen wäre nicht ein Mann in ganz New-York gewesen, der das gethan hätte!«

Voller Bewunderung richtete sie ihr braunes Auge auf ihn, und faltete die Hände über der Brust, als wollte sie ihm betend danken. In ihrer ganzen Miene lag eine solch andächtige Verehrung, daß der junge Mann unwillkührlich den Blick abwenden mußte, da er ganz verwirrt dadurch wurde.

»Du mußt oft in ähnliche Lagen kommen,« versetzte Marc nach einer Pause, »wenn du jede Nacht noch so spät in den Straßen herumgehst.«

»Früher hat nie Jemand daran gedacht, mir auf diese Art in den Weg zu treten,« antwortete das Mädchen leise, »erst seit einem Jahre fangen die jungen Männer an, mich mit ihrer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Und doch habe ich nichts gethan, das sie dazu veranlassen könnte!«

»In der That, Mädchen?« lächelte der junge Mann. »Du denkst wohl nicht daran, daß du aus einem Kinde eine Jungfrau geworden bist? Oder solltest du gar so unschuldig sein, nicht zu wissen, welch schönes Antlitz und welch' liebliche Körperformen dir Gott gegeben hat?«

Das Mädchen sah ihn groß an und bald füllten sich seine Augen mit Thränen. »Auch Sie sprechen in diesem Tone?« sagte es endlich tief aufseufzend. »Ich glaubte, Sie seien ein Anderer, als die übrigen jungen Männer.«

»Nun, Kind,« erwiderte Marc Price ernst, fast streng, »ich wollte dir keine Schmeicheleien sagen, sondern dich bloß darauf aufmerksam machen, daß du Zudringlichkeiten jetzt, da du eine Jungfrau geworden bist, nicht mehr entgehen kannst, wenn du fortfährst, bis nach Mitternacht auf den Straßen feil zu haben. Warum ergreifst du nicht ein anderes Geschäft? Willst du denn mit Absicht den Verlockungen zum Opfer fallen, welche sich nunmehr mit jedem Tage häufiger zeigen werden? Sieh' um dich, was sind das für Gestalten, die verborgen im Schatten der Häuser oder auch offen und ungenirt im Lichte der Gaslaternen in ihren seidenen Kleidern dahinrauschen? Kann dein Loos ein anderes sein, als auch eines dieser verächtlichen Geschöpfe zu werden, wenn du nicht noch zu rechter Zeit umlenkst und zu einem anderen Erwerbszweige greifst?«

»Ich habe eine kränkliche Mutter,« flüsterte das Mädchen mit kaum hörbarer Stimme, »und bin ihre einzige Hülfe, denn sie kann für jetzt nicht so viel verdienen, daß sie sich selbst zu ernähren im Stande ist.«

»Das ist ganz recht und brav,« erwiderte der junge Mann schnell, doch dießmal mit minder strenger Stimme; »ich lobe dich sehr darum, wenn ich glauben darf, daß Alles wahr ist, was du sagst; aber weißt du denn keine andere Beschäftigung, als das Feilhaben von Obst in den öffentlichen Straßen? Wenn du nicht als Dienstmädchen dein Brod verdienen magst, um deine Mutter nicht zu verlassen, kannst du nicht in eine Fabrik gehen oder als Nähterin so viel verdienen, daß ihr beide davon leben könnt?«

»Ich habe Orangen feil gehabt, fast so lange ich mir denken kann,« war wiederum die schüchterne Antwort. »Meine Mutter ist schon seit einigen Jahren kränklich, fast so lange, als wir in diesem Lande sind, und als kleines Kind konnte ich mit nichts Andrem etwas verdienen, wenn ich nicht betteln wollte. Und gewiß, Herr, ich bin nie so tief gesunken, ich habe nie gebettelt! Aber natürlich gar viel erlernen konnte ich bei dieser Lebensweise nicht, außer was mich meine Mutter lehrte. Und sie hatte genug mit mir zu thun, wollte sie mir nur das Lesen und Schreiben und das Rechnen und den Katechismus beibringen! Aber seit einem halben Jahre hat sich ihr Zustand gebessert und sie beschäftigt sich nun wieder mit feineren Näharbeiten, und jeden Vormittag bleibe ich bei ihr sitzen und sie lehrt mich die feinen Stiche und das Sticken, so daß ich in kurzer Zeit hoffen darf, so weit zu sein, daß wir unser Brod auf eine andere Art verdienen können, wenn – wenn wir erst ein kleines Capital erspart haben, das wir dem Fabrikanten, der uns seine feineren Arbeiten anvertraut, als Sicherheit hinterlegen müssen. »O,« setzte das junge Kind freudig hinzu, »ich habe schon die Hälfte bei einander. Nur noch einige wenige Thaler, so ist die ganze Summe gewonnen und dann werde ich nicht mehr nöthig haben, auf der Straße herumzugehen und bis spät in die Nacht meine Orangen feil zu bieten. Wie freue ich mich auf diesen Zeitpunkt!«

»Du bist also nicht hier geboren?« fragte der junge Mann.

»Nein, wir sind von Frankreich herübergekommen,« erwiderte das Mädchen.

»Und wo wohnst du?«

»Gleich hier unten in der Walkerstreet, bei der Churchstreet.«

»Das ist kein guter Aufenthaltsort für ein Mädchen, wie du bist,« meinte wieder Marc Price. »In diese Gegend der Stadt vertraut dir kein Kaufmann auch nur die geringste Waare.«

»Wo sollten arme Leute, wie wir sind, wohnen?« versetzte das Mädchen traurig. »Man nimmt uns mit unserer ärmlichen häuslichen Einrichtung nirgends auf, als wo das Elend und der Hunger zu Hause sind.«

»Und die Schande und das Verbrechen,« fügte der junge Mann ernst hinzu. »Aber komm', wir sind nun doch einmal auf eine sonderbare Art näher miteinander bekannt geworden, so will ich auch wissen, wo du wohnst.«

Sie gingen quer über den Broadway die Walkerstreet hinab und waren bald an Ort und Stelle. Es war eines jener halbverfallenen Holzhäuser, wie sie deren zu Dutzenden in dieser Gegend der Stadt früher zu sehen waren. Die Fenster, zum Theil zerbrochen, hatte man mit weißem Papier überklebt; die Hausthüre hing schief in den Angeln und konnte nicht verschlossen werden; der Dachstuhl hatte sich auf die Seite geneigt und drohte alle Augenblicke mit dem Einsturz. Das ganze Haus war in tiefes Dunkel gehüllt; nur durch ein Eckfenster im zweiten Stock flimmerte ein trübes Licht.

»Das ist die Mutter,« rief das Mädchen fröhlich. »Sie wartet immer, bis ich nach Hause komme, denn sie ist gar sehr um mich besorgt. O, wie freue ich mich auf die Zeit, wo wir schon vor Mitternacht zu Bette gehen können, und wo dann keins um das Andere mehr in Angst sein muß!«

Marc Price besah sich die Gegend und das Haus genau. Unwillkührlich und ohne sich sagen zu können warum, nahm er Anheil an dem Kinde, das sich ihm so rückhaltslos anvertraute. »So, Mädchen,« sagte er, »nun weiß ich, wo du wohnst. Ich will sehen, ob du deine guten Vorsätze bald zur Ausführung bringst. Je eher, desto besser, sage ich dir. Und nun gib mir noch ein Paar deiner Orangen und dann schlaf wohl und Gott nehme dich in seine Obhut.«

Mit diesen Worten reichte er ihr ein Geldstück für die Orangen. Sie wollte die Bezahlung abwehren, aber er ließ es sich nicht gefallen. »Es ist nicht Stolz und Hochmuth,« setzte er lächelnd hinzu, als er sah, wie sie traurig den Kopf schüttelte. »Aber du sagst ja selbst, es sei eine Schande zu betteln. Gib mir deine Hand zum Abschied und sag' mir deinen Namen, damit ich doch auch weiß, wie ich dich benennen soll, wenn ich mir deine Gestalt in's Gedächtniß zurückrufe.«

»Rosa Bodin,« flüsterte das Mädchen, sich seinem Willen fügend und das Goldstück in der Meinung, es sei ein Zehncentstück, in die Tasche schiebend. Es war aber ein Fünfthalergoldstück, das er ihr gab, damit sie ihr »kleines Capital,« wie sie es nannte, um so bälder zusammenbringe.

»Gute Nacht, Rosa, und vergiß mich nicht,« sagte Marc, ihre Hand drückend, und sie zu der nur angelehnten Hausthüre hineinschiebend. Er blieb noch eine Weile stehen, dann trat er unter die nächste Gaslaterne und schrieb sich Straße, Hausnummer und Namen in sein Taschenbuch. Er sah aber nicht, wie sich oben das Fenster leise öffnete und ein Paar große Augen ihm eifrig nachschauten; er sah nicht und konnte es nicht sehen, wie lange nachher noch das Mädchen auf den Knien lag und inständig für das Wohl ihres Beschützers betete, dessen Namen sie nicht einmal wußte!

Er ging die Churchstreet hinauf, Canalstreet zu, war aber kaum hier angelangt, so brach das Gewitter los, das schon den ganzen Abend am Himmel gestanden hatte, und bald regnete es in Strömen. Er stellte sich in den Thorweg eines nahen im Bau begriffenen Hauses, um Schutz zu suchen. Bald war er jedoch nicht mehr allein. Zwei Bursche kamen eilig Canalstreet herauf gerannt und stellten sich unter denselben Thorgang, jedoch ohne ihn zu bemerken, da er ziemlich tief hinten im Schatten stand. Es waren zwei nicht mehr allzujunge Cameraden, von denen er den Einen schon gesehen zu haben vermeinte, obgleich vielleicht in einer anderen Kleidung und Umgebung; denn für jetzt waren die Beiden wie Matrosen gekleidet: weite Pumphosen, ein kurzes Wams und einen Gürtel um den Leib. Marc Price zog leise sein Messer hervor, um auf alle Fälle gerüstet zu sein, denn in New-York kann man der Vorsicht nie zu viel haben.

»Mei, wie es regnet und schüttet gleichsam mit Kübeln,« sagte einer der neuen Ankömmlinge. »Muß unser Geschäftchen auch darunter Noth leiden, denn der Kapitän wird sicherlich nicht kommen, sondern fein bleiben in Hobocken, unter dem Obdach seiner Freunde und Anverwandten.«

»Höre, Rother,« erwiderte der Andere und an seiner eben so harten als breiten Aussprache des Englischen meinte Marc den Mann wieder zu erkennen, welcher auf dem Dampfboote gestern von Arthur Guerrier als Dieb bezeichnet worden war. »Du lernst doch in deinem Leben kein vernünftiges Englisch sprechen. Man sieht dir den Juden auf hundert Schritte an, und wenn du nicht sonst so ein ausgezeichneter Kerl wärest, so hätte ich mich längst von dir getrennt.«

»Mei, wie du nur sprechen magst so schofel,« versetzte der Rothe. »Aber gelt, den Stelzfuß hab' ich gestern gespielt, daß mir's Keiner nachgemacht hätte, und die Uhren und Geldbeutel, die du und Sammy erobert, hätte Niemand gesucht in den Taschen des armen Bettlers.«

»Stille, ich höre Einen da unten heraufkommen,« warnte der Andere. »Gib Acht, der Kapitän zeigt sich am Ende doch noch. Was macht sich so ein Seebär aus ein Bischen Regenwetter! Wenn er's ist, so taumeln wir ihm, als wären wir Betrunkene, entgegen. Natürlich hält er uns für Matrosen und kanzelt uns tüchtig ab. D'rauf, wenn er an gar nichts denkt, hurtig über ihn her; ein Bein gestellt und auf den Boden geworfen! Während wir ihm die Taschen durchsuchen und außer dem bewußten Documente noch mitlaufen lassen, was drinn steckt, rufen wir um Hülfe, als ob er uns angegriffen hätte. Dann fort, was wir laufen können, du links, ich rechts. Bei dem Wetter läßt sich ohnehin kein Polizeidiener sehen; somit werden wir bald in Sicherheit sein. Bei Mutter Mag treffen wir uns. Die Andern brauchen aber von diesem Streich nichts zu wissen, sonst verlangen sie am Ende einen Antheil an der Beute.«

»Aber, Patrik, wenn er sich zur Wehre setzte!« flüsterte der Rothe. »Seeleute führen immer Dolche und Pistolen bei sich.«

»Nun, du rother Spitzbube,« war die zischende Antwort, »zu was hast du denn dein Messer? Wird der »Alte,« der uns den Auftrag gegeben hat, darnach fragen, ob du ihn gestochen hast oder nicht, wenn wir ihm nur das Document überbringen? Aber still jetzt, er kommt näher und denkt so wenig an einen Ueberfall, daß er sogar ein Liedchen vor sich hintrillert.«

In der That hörte man jetzt den lauten kräftigen Tritt eines Mannes, der sich immer mehr näherte, und man hörte dieß um so deutlicher, als der Platzregen alle Fußgänger und Pflastertreter in die Häuser getrieben hatte, so daß es jetzt plötzlich so still auf der Straße war, wie auf einem Bauernhofe am Sonntage. Marc konnte den Herankommenden nicht sehen, weil er zu tief im Hintergrunde des Thorwegs stand; er kümmerte sich auch nicht darum, wer es sei; aber jedenfalls beschloß er, ihm beizustehen, um die Schurken, die ihm auflauerten, zu fassen. Er nahm daher das Messer, das er bei sich führte, fest in die Hand, und wie die beiden Bursche hervortaumelten, um die Betrunkenen zu spielen, stürzte er ihnen nach mit dem Rufe: »Herr, nehmt Euch in Acht. Die Bursche hier wollen Euch an's Leben.« So schnell er aber auch war, so wäre er doch beinahe zu spät gekommen. Die zwei Straßenräuber hatten nämlich den Augenblick so geschickt erfaßt, daß der Fremde, der ihnen ausweichen wollte, weil er sie für betrunkene Matrosen hielt, auf dem Boden lag, ehe er sich's versah. Schon hatte der rothe Jude ihm mit dem Messer einen Schnitt in den Rock beigebracht, um sich den Inhalt der Seitentasche zuzueignen, als er von einem Stoße zurückgeschleudert wurde, der einer kräftigen Faust angehören mußte. Eine Sekunde später fühlte sich auch Patrik an der Gurgel gefaßt, daß er sich des mächtigen Griffs kaum erwehren konnte.

»Watch, Watch, Hülfe, Hülfe!« rief der Jude, was er schreien konnte.

»Hierher, Isak,« schrie Patrik, »gib ihm eins mit deinem Messer, sonst erwürgt er mich.«

Der Jude näherte sich in der That, und so ward Marc genöthigt, sein Opfer fahren zu lassen, um sich gegen den neuen Feind zu kehren. In demselben Augenblicke erhob sich aber der zu Boden Geworfene, um seinem Befreier beizustehen. Da sahen die Räuber, daß für dießmal ihr Spiel mißlungen sei, und rannten wie auf ein Commandowort davon, was sie laufen konnten. In einem Augenblicke waren sie dem Blicke Marc's entschwunden. Nun wandte sich dieser an den, welchen er soeben errettet und welchen die Straßenräuber Kapitän genannt hatten.

»Haben Sie Schaden genommen, Herr?« redete er ihn an; aber plötzlich änderte er den Ton und rief: »Alfred! Bist du es oder bist du es nicht?«

»Marc, so wahr ich lebe,« schrie der Angeredete voller Jubel. »Und ich treffe dich in New-York, während ich dich zweitausend Meilen entfernt glaubte.«

Sie sanken sich in die Arme, und hielten sich fest umschlungen.


4.
Der Diebskeller.

Parallel mit dem Broadway, der ersten und feinsten Straße New-Yorks, läuft eine andere Straße, die mit dem ersteren an Breite wetteifert, ja ihn hierin sogar übertrifft und daher den stolzen Namen Westbroadway führt. Diese Straße ist zwar nicht sehr lang, allein es laufen zwei Schienengeleise in ihr, welche in die sechste und achte Avenue, d. i. Straßenallee, führen und sogar der Bahnhof der Hudsoneisenbahn – Hudsonriverrailroad geheißen – befindet sich allda, woraus man schließen kann, daß der Westbroadway zu den frequentesten Straßen New-Yorks gehört. In der That befinden sich auch einige Hotels hier, welche zu den größesten und feinsten dieser großen Weltstadt gehören, wie z. B. das Girardhouse und andere, welche Tag für Tag von vornehmen und reichen Fremden aus allen Theilen der Union besetzt sind. Trotz allem dem aber, wie sehr contrastirt der Westbroadway mit dem eigentlichen Broadway! Welch' himmelweiter Unterschied, ja Gegensatz! Im eigentlichen Broadway reiht sich Laden an Laden und jeder sucht den andern an Schönheit, Eleganz und Reichthum zu überbieten. Die Häuser sind auf zwei Meilen weit aus Braunstein oder Marmor erbaut, und bis in die höchsten Stockwerke hinauf mit Waaren aus allen Weltgegenden angefüllt, deren Werth in's Unendliche geht. Die reichsten Kaufleute haben hier ihre Verkaufshallen und ihre Firmas prangen in weithin sichtbaren goldenen Lettern, immer eine in die Augen fallender, als die andere. Sogar die Hinterhäuser, deren Giebel bis in den Himmel hinein zu reichen scheinen, beherbergen nur Geschäftsleute: Advokaten, Agenten, Wechsler, Notare und Andere, die als Anhängsel und Bestandtheile der kaufmännischen Welt zu betrachten sind. Dazwischenhinein findet man prachtvolle Hotels, wahre Riesengebäude, die ihre tausend Fremde täglich nöthig haben, um existiren zu können, so wie luxuriöse Cafés und Conditoreien, deren Einrichtung an Teppichen, Spiegeln, Rosenholzmöbeln und Silbergeschirr Tausende und Abertausende gekostet hat. Hie und da mag sich auch ein Spielhaus oder ein anderes Etablissement von noch schlechterem Charakter eingeschlichen haben, aber auch diese zeichnen sich durch einen Reichthum und eine Pracht aus, welche man anderswo vergeblich sucht und welche nur da möglich sind, wo Leute verkehren, die gewohnt sind, nach Tausenden zu rechnen. Auf den breiten Trottoirs der Straße – dieselben bilden gleichsam eigene Straßen, da auf jedem bequem zehn Personen und mehr neben einander gehen können – bewegt sich die vornehme, elegante Welt und trägt ihre Schönheit wie ihren Reichthum zur Schau. Vielleicht, ja ohne Zweifel, birgt auch hier manch' seidenes Kleid, manch' luxuriöse Toilette, manch' feinste Tournüre ein Individuum, das – ob dem männlichen oder weiblichen Geschlechte angehörend – besser in die verborgensten Höhlen der Niedrigkeit und Gemeinheit sich verkriechen würde; aber der Broadway ist seine Heimath, weil es seinen erborgten oder gestohlenen Reichthum nur von der Thorheit und Liederlichkeit der hier verkehrenden eleganten, feinen und vornehmen Welt erwerben kann. Karosse reiht sich an Karosse, Omnibus – hier Stages genannt – an Omnibus, Waarenkarren an Waarenkarren, es ist ein Verkehr, ein Gedränge, ein Untereinander, ein Getös, ein Tumult, daß man den Nebenstehenden, wenn er Einen anspricht, kaum hört; und wenn dann vollends ein Leichenzug mit fünfzig Kutschen hintendrein oder eine Procession mit Musik und wehenden Fahnen, oder eine Militärgarde mit Vorreitern und Trommelgetöse den grandiosen Wirrwarr durchbricht, so meint man in einem großen Tollhausstaate angekommen zu sein, wo sich die Pracht des alten Bagdad, die Eleganz des heutigen Paris und die Liederlichkeit des mittelalterlichen Rom die Hand reichen.

Wie ganz anders in der Parallelstraße, im Westbroadway! Die Häuser sind niedrig, meist nur zweistockigt, kein einziges von Quadern oder auch nur von Backstein, alle aus Holzbalken, Latten und Brettern zusammengenagelt; die Läden (wenn man diese schmutzigen Höhlen von Verkaufslocalen so nennen darf) sind von »Händlern mit alten Kleidern« oder vielmehr von »Trödlern in abgerissenen Fetzen und Lumpen« in Beschlag genommen und auf den breiten Trottoirs häufen sich ganze Berge von altem Gerümpel, alten halbzerbrochenen Möbeln und Haushaltungsgegenständen, welche anderswo zur Feuerung in den Ofen geworfen würden, hier aber noch ein Gegenstand des Handels und Erwerbes sind; Schnapskneipe reiht sich an Schnapskneipe und die Souterrains sind von einer Sorte weiblicher Wesen bevölkert, die zu herabgekommen sind, als daß sie sich zu einer andern Zeit, als der Nachtzeit sehen lassen könnten; die Menschenmenge, die hier lebt und verkehrt, besteht aus einem Mischmasch von Armuth, Elend, Schlechtigkeit und Liederlichkeit, und man trifft Nigger, Juden, Mulatten, Irländer, Plattdeutsche und Andere im bunten Gemengsel, nicht aber ohne daß man Jedem die niedrige Stufe der Bildung, des Charakters und des Lebens ansieht, auf welchem er steht. Laster, Schmutz und Verkommenheit sehen fast aus jedem Gesichte, es gehöre einem Manne an oder einem Weibe, einem Jüngling oder einem Greise, einem Mädchen oder einer Matrone. Ja sogar den kleinen Kindern schon ist dieser Stempel aufgedrückt, denn sie wachsen im Unrath und in der Verworfenheit auf.

In eine dieser Lasterhöhlen sind wir genöthigt, den Leser zu führen. Es ist dieß ein tiefer Keller an der Ecke der Leonhardsstreet und des Westbroadway. So spät es auch ist, so ist das Local doch hell erleuchtet und sogar über den Treppenstufen, welche in das Souterrain hinabführen, brennt eine Gaslaterne. Die Glasthüre, welche den Eingang verschließt, ist mit einem Vorhang dicht verhüllt, damit Niemand sehen kann, was innen vorgeht, aber die Art und Weise, wie dieser Vorhang gefältelt ist, und die Doppelfarbe des Stoffs – Roth und Weiß –, aus der er gefertigt wurde, zeigen Jedem, der das New-Yorker Leben kennt, zu welcher Sorte von Localen dieser Keller gehört. In der That haben wir eine jener Wirthschaften vor uns, welche sich, wie auch hier die Inschrift anzeigt – denn dicht ober der Gaslaterne ist eine Art Firma angebracht, mit den Worten »Mags-Beer-Salon« –, als einfache unschuldige Biersalons ankündigen, während sie in der Wahrheit nichts anderes sind, als die offen zur Schau gebotenen Lusthöhlen der Prostitution. In New-York sind keine »öffentlichen Häuser« gestattet. Die »Moralität und Sittlichkeit« der Stadtbehörden ist so notorisch, daß sie die strengsten Gesetze gegen alle Uebertreter der Sittenreinheit erlassen haben; ein öffentliches Haus, das von der Polizei überwacht wird, damit der Besuchende an Eigenthum und Leben geschützt sei, das unter Aufsicht von Aerzten steht, damit der Leib vor Siechthum bewahrt werde, ein öffentliches Haus dieser Art in einer Stadt, wo täglich zehntausend Matrosen und dreißigtausend Fremde verkehren, ist nicht gestattet; die Sittlichkeit verbietet es, aber – man drückt ein Auge zu, wenn ganze Straßen, sage Viertelstunden lange Straßen von weiblichen Boardinghäusern in Besitz genommen sind, deren Insassen weder unter polizeilicher noch ärztlicher Controle stehen; man weiß und duldet es, wenn in gewissen Gegenden der Stadt Keller an Keller sich reiht, in deren jedem der Becher der niedrigsten Lust und der verbrecherischsten Liederlichkeit bis zur Hefe geleert wird; man weiß und duldet es, wenn die Inhaber solcher Lasterhöhlen gewisse Embleme erfunden haben und öffentlich aushängen, aus denen der Charakter ihrer Locale zu erkennen ist, damit nicht blos der Einheimische sich leicht zurechtfinde, sondern damit auch der Fremde in der Auffindung derselben nicht verhindert sei; man weiß und duldet dieß Alles, und spricht sogar offen und ungescheut davon in den Zeitungen, wenn in vielen dieser Höhlen Betrügerei und Dieberei, ja Mord und Raub mit der »Gemeinheit« Hand in Hand gehen! Warum denn nicht? Es sind ja diese Verbrecherhöhlen keine »öffentlich und polizeigesetzlich erlaubte Häuser,« sondern blos »geduldete,« und folglich ist die Ehre der Stadtregierung, die Sittlichkeit des Regiments gerettet! Solcher Art ist die scheinheilige Logik der Amerikaner, und keinen geringen Antheil an solchen sophistischen Sittlichkeitspredigten hat die Geistlichkeit, welcher Alles daran liegt, wenigstens den äußern Schein, schon dem Auslande gegenüber, zu wahren! Was liegt daran, wenn Tausende an Leib und Seele verderben, wenn nur der Sittenreinheit »in der Gesetzgebung« Rechnung getragen wird!

Das Local, in das wir treten, obgleich zehn Fuß unter der Erde, ist geräumig und trocken. Es wird von einem Halbdutzend Gasflammen erhellt, und die Wände sind tapezirt oder gemalt, wie in jeder andern Wohnung. Links vom Eingang steht der Wirthschaftstisch, in Amerika die Bar genannt, hinter welcher eine robuste Frau mit grauen Haaren thront. Es ist »Mutter Mag,« wie sie unter den »Stammgästen« des Hauses vertraulich genannt wird, obgleich ihr Name eigentlich Marget oder Margaretha ist. Schon seit zehn und mehr Jahren hat sie das Local inne, und obgleich noch nicht sehr alt, kaum über die Vierzig, so haben doch die vielen Libationen aus der Brändiflasche, die ewigen Nachtwachen und die tagtäglichen Scenen, die hier vorkommen, ihre Haare gebleicht und ihren Zügen jenen grauen Stempel aufgedrückt, welchen weder das höhere Alter noch das Unglück zu erzeugen vermögen. Sie ist fett und dick, denn sie läßt sich nichts abgehen und außer dem Gelderwerb hält sie auf Nichts mehr, als auf eine tüchtige Mahlzeit, welche mit gutem Branntwein gewürzt ist; aber es fehlt ihrer Körperfülle jene behäbige Rundlichkeit, welche gewöhnlichen Personen von solcher Leibesconstitution eigen ist. »Das Fleisch ist da, aber nicht das gesunde Fleisch!« – Außer dem Schenktisch befindet sich kein Tisch mehr im Salon, ebenso wenig als ein Stuhl oder Sessel; die Gäste müssen an der Bar stehend trinken; dagegen lehnen einige Divans an den Wänden herum, oder Sophas, deren Ecken von geschminkten Dirnen eingenommen werden, welche ihre Reize fast mehr als offen zur Schau tragen. Das Local ist in der Regel den ganzen Vormittag geschlossen, denn den Vormittag bis über die Mittagszeit hinaus hat nach der Meinung der Mutter Mag und ihrer Kostgängerinnen unser Herrgott zum Schlafen erschaffen; der Abend dagegen und die Nacht sind zum Wachen und Erwerben da. In der That kommen auch nur Abends oder eigentlich nur Nachts Gäste. Es sind meist Betrunkene oder heimliche, alte Sünder, welche ihre moralische Gesunkenheit vor dem Auge der ordentlichen Menschheit, so wie besonders vor dem ihrer Bekannten und Verwandten verbergen möchten. Diese beiden Sorten von Besuchern sind die »geldeintragenden« Gäste, und wenn ein solcher eintritt, so springt eine der Dirnen auf und eilt ihm mit dem Ausrufe des Entzückens entgegen, als ob sie ihn längst erwartet hätte. Das Paar erneuert seine Freundschaft zuerst am Schenktisch, wo der Gast die »Freundin« sowohl als Mutter Mag und nicht selten auch noch einige »Freundinnen der Freundin« mit einem beliebigen Trunk freizuhalten die althergebrachte Verpflichtung hat. Man nennt dieß »treaten oder tractiren,« und dieser Theil des Geschäftes der Mutter Mag ist nicht der »uneinträglichste,« denn jedes einzelne Glas kostet sechs oder zwölf Cents und wurde von der Inhaberin des Locales für den sechsten Theil dieses Preises eingekauft. Nach dem »Treaten« wird auf einem der Divans eine Zeitlang geschäckert und dann verschwindet das Paar in dem hellerleuchteten Gange, der von dem Salon zu verschiedenen Nebenapartements führt, welche ebenfalls alle mit Gas beleuchtet sind. – Außer dieser Sorte von Gästen kommen aber auch noch Andere; es sind entweder Freunde des Hauses, die faul in den Ecken liegen, mit der Mutter Mag und den Mädchen auf du und du stehen, essen und trinken und nichts dafür bezahlen, dafür aber bei der Hand sind, wenn's an eine Schlägerei geht und der Mutter Mag beistehen, die Störenfriede aus dem Hause zu werfen; oder sind's heimlich thuende Gesellen, die nie lange im vordern Salon bleiben, sondern immer nach einem Augenzwinckern gegen Mutter Mag hin in dem hell erleuchteten Gange verschwinden, als ob sie hier zu Hause wären. Solchen Gesellen geht immer auf einen Wink der Herrin des Hauses eines der Mädchen nach und erscheint gleich darauf wieder, um Flaschen und Gläser zu holen, nicht aber, um denselben Gesellschaft zu leisten. Offenbar sind diese Bursche nicht da, um weibliche Gesellschaft aufzusuchen, obgleich sie für den oberflächlichen Beobachter keinen andern Zweck zu haben scheinen und zu Zeiten das Geld am Schenktisch förmlich wegwerfen, so daß sie im »Treaten oder Freihalten« Jeden der andern Gäste überbieten. Ihr eigentlicher Besuchszweck muß aber doch ein anderer sein, und sie haben, wie es scheint, das Local der Mutter Mag nur zum Absteigequartier erwählt, weil sie hier total ungestört sind, und die ganze Nacht ab und zugehen können, wie es ihnen beliebt, ohne daß irgend Jemand ihre Gegenwart für verdächtig hielte.

Folgen wir ihnen in das Hinterzimmer, welches nur bevorzugten Gästen zur Benützung eingeräumt wird, weil es das Geheim- und Schlafzimmer von Mutter Mag selbst ist. Der Weg führt durch den hellerleuchteten Gang, an welchem links und rechts die Apartements der »Mädchen« liegen. Diese sind klein und einfach ausgestattet; das Hinterzimmer aber ist breit, fast so breit, als der Salon vornen, und mit Luxusgegenständen aller Art versehen, denn Mutter Mag will zeigen, daß ihr Geschäft einträglich ist. Der Boden ist mit Teppichen belegt, an den Wänden hängen Gemälde, die Möbeln sind kostbar, fast reich; aber wenn gleich die Sachen Geld, sogar viel Geld, kosteten, so sieht man doch, daß die Inhaberin keinen oder einen sehr verdorbenen Geschmack haben muß; denn die Gemälde sind schlüpfriger, sogar gemeiner Natur, die Teppiche haben eine grelle, abstoßende Farbe und von den Möbeln paßt keines zu dem andern. Am heutigen Abende, demselben, an welchem Marc Price sein Abentheuer mit Bill Poole bestand, sind etwa fünf oder sechs Bursche im hintern Zimmer anwesend, welche sich, in bequemen Armsesseln ruhend und die Füße über andere Stühle ausstreckend, um einen kleinen Tisch aufgepflanzt haben, der mit Flaschen und Gläsern besetzt ist. Die Meisten von ihnen haben den Mund mit Kautabak vollgestopft, dessen Saft sie, ohne Rücksicht auf den Teppich, gegen den Feuerplatz hin ausspritzen. Nur Einer dampft eine Cigarre, deren Geruch er mit Wollust einzuathmen scheint. Dieser Letztere zeichnet sich durch ein breites, fast joviales Gesicht aus, während die Uebrigen jene sinnliche Gier und fast thierische Rohheit zur Schau tragen, welche gewöhnlichen Strolchen eigen ist, und womit auch immer ihre Kleidung wie ihr Benehmen übereinstimmt.

»Eine verdammt langweilige Nacht,« sagte Einer, der ein Pflaster über dem einen Auge trug. »Schon längst zwölf Uhr vorüber und noch immer nichts zu thun. Wo nur der Jude und der schwarze Patrik bleiben!«

»Und das weißt du nicht, Einäugiger?« erwiederte ein Anderer, den sie den Banquier nannten. »Die sind auf eine Specialmission ausgezogen, an der sie uns nicht Theil nehmen lassen wollten. Es ist kein Zusammenhalt mehr, selbst unter »ehrlichen Leuten,« setzte er giftig hinzu. »Wenns so fortgeht, werde ich mich ganz von der Compagnie zurückziehen und ein Geschäft auf eigene Rechnung anfangen.«

»Und Banquerott machen, wie du in Deutschland so oft gethan;« meinte der mit dem breiten Gesichte, der die Cigarre rauchte.

»Höre, Philosoph,« replicirte der Banquier mit gereizter Stimme, »wirf mir nicht immer meine Abstammung und mein früheres Handwerk vor. Ich bin jetzt so gut eingebürgert, als du, und habe bewiesen, daß es mir keiner von Euch zuvorthut. Ja, wie oft habe ich Euch mit meinen Kenntnissen aushelfen müssen, wo Ihr wie die Ochsen am Berge gestanden wäret?«

»Ich wundere mich nur,« erwiederte der Philosoph trocken, »warum du mit deinen Kenntnissen noch nicht unter die »Geldmacher« gegangen bist oder wenigstens ein Exchangegeschäft angefangen hast.«

»Der Philosoph hat Recht,« lachten ein paar Andere; »du mußt noch unser Exchangebroker werden, wie Ephraim unser Junkshopman ist.«

In diesem Augenblicke trat eines der Mädchen ein, dasselbe, welches ihnen früher schon die Brändiflaschen gebracht hatte. Es war eine schlanke Dirne mit schwarzen, funkelnden Augen und einem tiefen Einschnitt zwischen den starken Augenbrauen. Sie mochte früher sehr schön gewesen sein, jetzt aber trotzdem daß sie kaum dreißig zählte, hatte das Leben, welches sie führte, nur noch Spuren davon übrig gelassen. Doch lag Etwas in diesem Gesichte, das sie über die gewöhnliche Masse von »Ihresgleichen« zu erheben schien.

»Ist Sammy noch nicht gekommen?« fragte sie kurz, fast rauh.

»Sag' nicht Sammy,« versetzte der »Philosoph,« »Lord Douglas ist kein Mann, den man nur so respectslos mit dem familiären Namen Sammy anreden darf. Aber wer ist draußen, edle Prinzessin Maria, der nach Lord Douglas fragt? Ich hoffe, keiner der Schergen ihrer Majestät Justitia, mit welcher unser Königshof im Kriegszustand lebt.«

»Mach' deine Spässe anderswo,« erwiederte das Mädchen kalt, »du weißt, ich bin nicht dazu aufgelegt, Kurzweil zu treiben. Nick ist draußen, Nick Myers, der die Deutsche geheirathet hat. Soll ich ihn einlassen?«

»Was?« rief der Banquier. Nick, der ehrlich geworden ist? Er ist gekommen, uns zu verrathen. Er darf nicht herein.«

»Pah,« erwiederte eine tiefe Stimme in barschem Ton, Nick ist kein Verräther, sondern ein so braver Kerl, als Einer. Bring' ihn herein, Mary, und noch ein Paar Flaschen »Aechten« dazu, ich bezahl's.«

Der so sprach, war kein Anderer, als Sammy oder Lord Douglas, wie ihn seine Kameraden wegen seines hochfahrenden Wesens gewöhnlich nannten, derselbe junge, starke Mann, den wir schon auf dem Californiadämpfer kennen gelernt haben. Er war durch eine Nebenthüre eingetreten, ohne den Wirthschaftssalon passirt zu haben; denn vom Hinterzimmer führte eine besondere Ausgangsthüre in den Hof (oder die Yard) hinter dem Hause und von diesem aus konnte man durch den Hausgang im ersten Stock auf die Straße gelangen, wenn man nämlich einen Schlüssel zu diesem Gange besaß. Mutter Mag war aber nicht freigebig mit solchen Schlüsseln, sondern betraute nur die Hervorragendsten ihrer Stammgäste damit. Alle Andern mußten den offenen Weg durch die Wirthschaft nehmen, denn so wenig sich auch die Inhaberin des Kellers genirte, ihr »vorderes« Geschäft vor aller Augen zu treiben, so wollte sie doch das Geschäft im »Hinterzimmer« nicht dadurch »auffallend« machen, daß die Besucher gleichsam »ins Geheim« ins Haus schlichen. Von Jedem, der vorn herein kam, mußte man denken, er komme, um eine Sünde gegen das sechste Gebot zu begehen; »heimlichen« Nachtgästen aber konnte ein Lauscher schlimmere Absichten unterstellen.

»Nick,« rief Sammy dem Eintretenden freudig entgegen. »Nick, was Teufels führt dich hierher? Ich habe dich ja in einer ganzen Ewigkeit nicht gesehen, und glaubte, du seist schon längst über alle Berge, um dein Glück anderswo zu probiren.«

»Ich wollte, ich wär's,« erwiederte Nick, halb trotzig, halb traurig. »Ich hatt's geschworen, Ihr solltet mich nicht mehr sehen und nun bin ich doch wieder da.«

»Und bleibst hoffentlich bei uns, um nie mehr von uns zu gehen,« meinte der Philosoph, Nicks Hand ergreifend. »Es war ein verteufelt dummer Streich von dir, ehrlich werden zu wollen.«

»Nein, ich bleibe nicht, unter keiner Bedingung,« war die bestimmte und feste Antwort; aber ich will ganz offen gegen Euch sein. Ich habe geheirathet und ein ehrliches Mädchen geheirathet. Sie soll nicht von mir sagen können, daß sie einen Dieb zum Mann hat. Sie und meine Kinder, wenn ich solche bekomme, sollen nicht mit Verachtung auf mich deuten und denken: unser Vater gehört auch unter die, welche den Galgen einst zieren werden. Ich hab's fest beschlossen und führe es aus: ich will ehrlich werden.«

Die Andern schwiegen still und maßen den Sprecher mit einem sonderbaren Blicke.

»Du hältst's nicht aus, Nick,« sagte endlich der Philosoph. »Ich sag' dir, das Ding ist nicht so leicht, als du glaubst. Im Gegentheil, es ist eine pure Unmöglichkeit.«

»Und doch muß es sein,« entgegnete Nick ernst und bestimmt. »Bedenke, ich hab ein ehrlich Weib und sie soll mich nicht verachten.

Der »Philosoph« war aufgestanden und ging mit langen Schritten im Zimmer auf und nieder. Seine Miene, zuerst spöttisch und satyrisch, hatte einem tiefen, fast wehmüthigen Ernste Platz gemacht. »Soll ich dir eine Geschichte erzählen, Nick?« sagte er endlich. »Ich hab' sie, glaube ich, noch niemals preisgegeben, aber weil heute der besondere Fall eintritt, daß ein Dieb ehrlich zu werden beschließt, will ich damit loslegen, wenn Ihr anders nichts dagegen habt.«

»Heraus damit,« rief Lord Douglas, auf seine Uhr sehend; »wir haben gerade noch eine halbe Stunde Zeit und länger wirst du nicht brauchen.«

Der Philosoph setzte sich, trank ein Glas Brändi, zündete sich eine neue Cigarre an und begann folgendermaßen: »Ihr wißt, glaube ich, alle meinen wahren Namen nicht. Nun, er thut auch Nichts zur Sache. Gut, also mein Vater war ein »Gefixter« und stand demnach in hohem Ansehen unter allen Kameraden. Er verdiente es auch, denn kein Schloß war ihm zu fest und kein Fenster zu hoch. Wenn er dabei war, so konnte man sicher sein, daß der Einbruch gelang. Und überdieß konnte man sich auch sonst auf ihn verlassen, denn er ließ keinen Gefährten im Stich und wenn Leben und Tod darauf stand. Meine Mutter – nun meine Mutter wars ganz sicher, wenn sie auch nicht getraut mit meinem Vater war – wußte das »Gewonnene« immer sicher unterzubringen und löste mehr vom Junkshopman, als fast alle Andern. So hatten wir Essen und Trinken im Vollauf und an Nahrungssorgen war nicht zu denken. Natürlich ward ich so sorgfältig erzogen, als sichs von einem solchen würdigen Elternpaar gebührender Maßen erwarten läßt und in meinem vierzehnten Jahre konnte mir's Keiner der andern Jungen zuvorthun. Mein Vater hatte sich besondere Mühe mit mir gegeben, um etwas Rechtes aus mir zu machen, denn er verachtete die gewöhnlichen Pickpocket, die sich begnügen, seidene Taschentücher zu stehlen. So durfte ich ihn bald auf seinen Zügen begleiten und auch die Mutter ging nicht selten mit, um Wache zu stehen oder sonst Dienste zu leisten. Viele Jahre lang blieb unser Familienglück ungestört, außer daß etwa hie und da einige Scenen vorfielen, wenn die Mutter zu viel Brändi zu sich genommen hatte oder den Vater seine wankenden Füße nicht mehr tragen wollten. Da trat aber auf einmal eine Störung ein, welche ich nie vergessen werde. Es mögen nun etwa fünfzehn Jahre her sein, denn ich war damals fast achtzehn alt. Wir brachen unserer Fünf, worunter auch die Mutter, nach Manhattanville auf. Ein reicher, alter Herr bewohnte dort eine hübsche Villa, war aber, so viel wir wußten, auf einige Wochen verreist, da es Sommer und die Badesaison herangekommen war. So stand das Haus so zu sagen leer, denn eine alte Haushälterin, die noch obendrein halb taub war, konnten wir nicht hoch anschlagen. Gut also, wir machten uns in einer Nacht, die so dunkel war, wie die heutige und wo es wo möglich noch ärger vom Himmel herabgoß, als eben jetzt, auf den Weg. Meine Mutter hatte zur Vorsorge einen großen Sack mitgenommen, um all das Silberzeug, das wir zu finden hofften, hineinzuthun. In Manhattanville schien Alles wie ausgestorben, und nirgends war ein Licht zu sehen, als wir auf den Platz kamen; wir konnten somit sogleich ans Geschäft gehen. Mein Vater hob mich auf seine Schultern, daß ich ein Fenster erreichen konnte; dieses hatte ich mit meinem Eisen gleich geöffnet, und natürlich schlich ich mich, wie ich einmal innen war, die Treppe hinab und öffnete die hintere Hausthüre, daß die Männer bequem hereinkonnten. Meine Mutter blieb außen, um die hinabgeworfenen Waaren einzupacken. Alles ging anfangs vortrefflich. Wir öffneten einen Kasten nach dem andern und eben waren wir im schönsten Thun, natürlich an nichts Arges denkend, da öffnete sich plötzlich eine Nebenthüre und ein alter Herr erschien im Schlafrock mit einem Licht in der Hand. Ihr könnt Euch denken, daß wir doch etwas frappirt waren; doch faßte sich mein Vater sogleich und sprang auf den alten Herrn zu, um ihm den Mund zuzuhalten. Das geschah aber doch nicht so schnell, daß derselbe nicht zuvor hätte laut auf- und um Hülfe schreien können. » Schrei du nur,« dachten wir, »es kann dich ja doch Niemand hören.« Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Der alte Herr war nämlich nicht allein, sondern vielmehr am selbigen nämlichen Abend mit ein Paar Neffen und Niecen von der Reise zurückgekehrt, was wir leider nicht erfahren hatten, und somit wurde es gleich im ganzen Hause lebendig. Es erschienen ein paar junge Herren mit Pistolen in den Händen und scheuten sich nicht, auf uns loszudrücken, ohne uns erst um Erlaubniß zu fragen. »Rette sich, wer kann,« rief mein Vater und schlug mit einem schweren Hebeisen, mit dem er so eben einen Kasten aufgebrochen hatte, wie toll um sich. Wir Andern machten es natürlich eben so, und noch Einem und mir gelang es, durch ein Vorderfenster hinabzuspringen, ohne daß wir eine besondere Verletzung davon trugen. Wir liefen, was wir laufen konnten, in der Meinung, die Andern werden auf andern Wegen nachkommen, denn wir hatten auf den Fall, daß uns etwas dazwischen kommen möchte, ein Stelldichein abgemacht, wo wir uns treffen sollten. Allein, wer die Einzigen waren, die das Stelldichein erreichten, das waren wir zwei. Der Kamerad, der noch bei meinem Vater war, hatte eine Kugel ins Bein erhalten und konnte nicht mehr auf den Füßen stehen, viel weniger gehen. Mein Vater nahm ihn also auf den Arm, um mit ihm die Treppe hinabzurennen und zu fliehen. Ohne Zweifel wäre ihm dieß auch gelungen, denn er war ein starker entschlossener Mann, wenn nicht ein paar Bediente, welche die Neffen mitgebracht hatten und die im untern Raume schliefen, von dem Höllenlärm erwacht, gerade in demselben Augenblicke die Treppe hinaufgewollt hätten, in welchem mein Vater hinabstürmte. So kam er zwischen zwei Feuer und mußte nothwendig, nachdem er verschiedene Wunden erhalten, überwältigt werden. Zum Unglück fiel es meiner Mutter ein, den Vater zu befreien; denn sie vermuthete natürlich nicht, daß der Feind in solcher Stärke vorhanden sei, und so wurde sie mitgefangen. Natürlich fand man auch das corpus delicti bei ihr, den Sack nämlich mit dem Silberzeug, das wir ihr bereits zum Fenster hinaus zugeworfen hatten. Ihre Mitschuld konnte also demgemäß nicht geläugnet werden. Das Alles hätte nun zwar nicht so viel zu bedeuten gehabt, denn auf Raub und Einbruch steht ja blos Singsing und ein paar Jahre hätte man sich schon gefallen lassen können, ohnehin da weder mein Vater noch seine Mittheilhaber je gestraft worden waren. Aber – der Teufel hatte dießmal offenbar sein Spiel dabei und es darauf abgesehen, meinen Vater ins Unglück zu stürzen. Denkt Euch, im Handgemenge, da die Vettern und Neveus dem alten Herrn zu Hülfe kamen, hatte der Letztere einen Hieb über den Kopf erhalten, der ihn todt niederstreckte. Das gab nun ein Höllenmordiogeschrei in den Zeitungen! Die Jungen waren offenbar recht froh, daß der Alte das Zeitliche gesegnet hatte, denn sie durften nun nicht mehr länger auf das Erbe warten, aber je größer ihre Freude innerlich war, um so größer erschien der Schmerz, den sie äußerlich zeigten. Natürlich war mein Vater derjenige, dem die Schuld des Mords aufgebürdet wurde; er und sein Kamerad mußten die That begangen haben, obgleich die Neffen, die doch auch um sich schlugen und mehr Interesse bei der Sache hatten, als mein Vater, eben so gut Schuld sein konnten. Es ist eben keine Gerechtigkeit in der Welt, wenigstens nicht unter denen, die sich ehrliche Leute nennen. Meine Mutter, die doch gar nichts gethan hatte, als daß sie silberne Löffel auffing, die zu einem Fenster herausfielen – was am Ende Jeder gethan hätte – wurde zu zehn Jahren Singsing verurtheilt, mein Vater aber und seine Mitkameraden verurtheilte der Richter zum Tode.«

Hier hielt der Philosoph einen Augenblick inne, um ein großes Glas Brändi zu leeren, denn die Erzählung schien ihn doch etwas anzugreifen. Mit gespannter Erwartung hatten die Uebrigen zugehört, denn Diebe und Räuber sind immer außerordentlich große Freunde von »Geschichten,« absonderlich von solchen, worin es etwas romantisch und wild zugeht. Besonders Sammy oder Lord Douglas verwandte kein Auge von dem Philosophen und schien ihm gleichsam die Worte aus dem Munde zu stehlen.

»So war dein Vater Billy Legs,« rief er plötzlich, vom Stuhle aufspringend. »Ja es muß so sein; denn Billy Legs wurde vor fünfzehn Jahren wegen Mords gehenkt. Komm, gib' mir deine Hand, Philosoph, dein Vater war Billy Legs.«

»Wie?« riefen die Andern. »Billy Legs war dein Vater? Der berühmte Billy Legs, der mit Tom Watts den Sprung machen mußte?«

Alle waren aufgesprungen, umringten ihn und schüttelten ihm die Hand, wie wenn er in ihrer Achtung nun um das Doppelte und Dreifache gestiegen wäre.

»Billy Legs war mein Vater,« fuhr der Philosoph nach einer Pause fort, als seine Kameraden sich von ihrem Enthusiasmus erholt hatten. »Ich habe bisher noch nie davon gesprochen, denn ich wollte mich nicht mit fremden Federn schmücken, sondern blos durch meine eigenen Verdienste glänzen. Also mein Vater mußte den Sprung thun und Tom Watts in Gesellschaft mit ihm. Ich war selbst bei der Geschichte und sie machte einen solchen Eindruck auf mich, daß ich beschloß, ein anderes Leben zu beginnen, um nicht ein gleiches Ende zu bekommen. Ich dachte hieran um so angelegentlicher, weil meine Mutter kurz darauf im Zuchthause starb und mich noch vor ihrem Ende ermahnte, mich unter keiner Bedingung abfassen und einsperren zu lassen, da die Lebensweise in Singsing die gemeinste sei, die man irgend führen könne. Ich zog mich also von meinen früheren Kameraden und von den Freunden meines Vaters ganz zurück, und verschwand so zu sagen aus ihrer Gegenwart, um von ihnen in meinem Entschlusse nicht wankend gemacht zu werden. Aber was sollte ich beginnen? Gelernt hatte ich wenig oder nichts, als pilfern, und meine Finger, an denen Alles wie an einer Leimruthe hängen blieb, wollten zu einem soliden Geschäft nicht recht passen. Endlich mußte ich aber doch einen Anfang machen. Mit vieler Mühe brachte ich einen Gärtner dahin, mich »fürs Warme« aufzunehmen, denn auf einen Lohn konnte ich natürlich bei meiner Ungeschicklichkeit noch keinen Anspruch machen. Die Sache ging vierzehn Tage lang erträglich, denn, ob ich gleich jeden Morgen und Abend eine Standrede über meine Dummheit mit anhören mußte, ließ ich es mich doch nicht verdrießen, tüchtig zuzugreifen. Eines Mittags bin ich in der besten Arbeit; da kommt ein Polizeidiener in irgend einer Angelegenheit zu meinem Herrn und sieht mich da zufällig. »Wen haben Sie denn da als Gesellen?« fragte er meinen Herrn bei Seite, aber ich hörte jedes Wort. »Oh, eine arme Waise, die sonst keinen Zufluchtsort hat,« erwiederte dieser, denn ich hatte ihm natürlich meinen wahren Namen und meine Abstammung nicht auf die Nase gebunden. »O, ja, eine hübsche Waise,« meinte der Polizeidiener; »aber nehmen Sie sich in Acht, daß Sie für Ihre Mildthätigkeit nicht tüchtig bestohlen werden. Der Bursche da ist der Sohn des berüchtigten Billy Legs und selbst als Dieb wohlbekannt.« Kaum erfuhr das mein Meister, so jagte er mich zu seinem Garten hinaus und nur der Geschwindigkeit meiner Füße hatte ichs zu verdanken, daß ich nicht noch eine ordentliche Tracht Prügel bekam. So lief mein erster Versuch, ehrlich zu werden, ab. Aber ich ließ mich dadurch nicht abschrecken. Ich versuchte es bald auf dem Lande, bald in der Stadt. Von Vielen wurde ich kurzweg abgewiesen, weil ich keine Zeugnisse aufzuweisen hatte; und wenn mich endlich Einer annahm, indem er der Erzählung, die ich ihm von meinem bisherigen Leben vormalte, Glauben schenkte, so wollte es alle Mal der Zufall oder die Vorsehung, daß meine Abkunft verrathen werden mußte. Natürlich wurde ich dann immer mit Schmach und Schande ohne einen Heller Lohn fortgejagt, und mußte es durch eine neue Lüge versuchen, abermals einen ehrlichen Dienst zu bekommen. Ihr seht, man machte mir das »Ehrlichwerden« ziemlich sauer, um so mehr, als mich das Arbeiten selbst sehr hart ankam, da ich dasselbe nicht von Jugend an getrieben hatte. Wirklich gehörte ein großer Muth und eine tüchtige Entschlossenheit dazu, nach dem sechsten verunglückten Versuche, einen siebenten zu wagen. Ich hatte aber von einem außerordentlich edelmüthigen Herrn gehört, der auch die verhärtetsten Sünder in seine Fabrik aufnehme, wenn sie sich reumüthig zeigen. Zu diesem ging ich, und sagte ihm geradezu, wie ich heiße, und wer meine Eltern gewesen seien. Er nahm mich freundlich auf und ich merkte also, daß das Gerücht nicht gelogen habe. Nun bist du gerettet, dachte ich. Der Werkführer reihte mich ein, ohne daß mein Boß ihm sagte, wer ich sei. Die Sache machte sich vortrefflich und meine Mitarbeiter hatten mich alle gern. Da sang eines Tags Einer in der Feierstunde ein Spottgedicht auf einen Gehenkten und so kam das Gespräch auf die Diebe und ihre Genossen überhaupt. Ich wurde etwas warm und meinte, nicht ein jeder Mensch sei Schuld daran, daß er ein Verbrecher werde, sondern die Leute würden oft auch durch die Macht der Verhältnisse in die Sünde hinein getrieben. Dadurch wurde Einer mißtrauisch gegen mich, verlegte sich auf Kundschaft, wer ich denn eigentlich sei, und brachte es richtig heraus, daß mein Vater gehenkt worden war und Billy Legs geheißen habe. Nun war meines Bleibens nicht mehr lange. Zwar der Boß selbst beschützte mich und der Werkführer, nachdem er den wahren Sachverhalt erfahren, nahm sich ebenfalls meiner an, so daß mir Niemand offen etwas anhaben konnte; aber bald hielt ich es selbst nicht mehr aus. Und es war auch kein Wunder, denn meine Mitarbeiter zogen sich von mir zurück, wo sie nur konnten, und keiner wollte neben mir stehen; kurz sie behandelten mich mit einer Verachtung, die wahrhaft unerträglich war. Der Meister fand mich eines Tags mit Thränen in den Augen, weil sie mich Alle so gar arg, fast wie einen Aussätzigen, behandelten, und zankte dieselben nicht nur tüchtig aus, sondern schickte auch Einen von ihnen, den, der's am auffallendsten gemacht hatte, ganz weg. Aber was geschah? Am nächsten Zahltage erklärten Alle, welche in derselben Localität mit mir arbeiteten, ihren Austritt, und der Boß wäre wahrhaftig genöthigt gewesen, am Ende seine Fabrik zu schließen, wenn ich nicht lieber freiwillig gegangen wäre. Damals lernte ich zum ersten Male, was es heißt, von aller Welt für eine »Ausschußwaare« behandelt zu werden. Ich war mir bewußt, im Augenblicke ein besserer Mensch zu sein, als fast Jeder unter meinen bisherigen Mitarbeitern, aber die allgemeine Verachtung drückte mich so nieder, daß ich es gar nicht mehr wagte, nur die Augen aufzuschlagen. Dießmal war ich der Verzweiflung nahe. Doch ermannte ich mich endlich wieder, und beschloß noch einen Versuch zu machen. Wir haben ja hier »Arbeitsanstalten für entlassene Strafgefangene.« In solch eine meldete ich mich und wurde richtig aufgenommen. Den andern Tag fehlte dem Vorsteher eines Saales ein Messer und Niemand wollte dasselbe haben. Es waren außer mir meist ganz junge Bursche im Saale, denn die älteren halten es in solchen Anstalten, wie ich mich bald überzeugte, nie lange aus. Alle verschworen sich hoch und theuer, sie wüßten nichts von dem Messer; ich meinestheils hatte dasselbe noch gar nicht gesehen. Dessen ungeachtet bezüchtigte mich der Aufseher der That und meldete mich bei den Vorstehern, indem er Verdachtsgründe beibrachte, die zum größten Theile von ihm erfunden waren. Nachher hörte ich von einem der jungen Bursche, daß der Aufseher das Messer ohne allen Zweifel selbst weggethan habe, um auf Kosten der Anstalt ein neues anschaffen zu können und so ein kleines Nebenverdienst zu machen; die Vorsteher aber glaubten ihm aufs Wort, denn ich war ja nur ein Dieb und der Sohn eines Diebes, und verurtheilten mich wegen meiner Unverbesserlichkeit zu acht Tagen Einzelgefängniß bei Wasser und Brod. Ich remonstrirte gegen diesen Urtheilsspruch, als einen ungerechten; deßwegen ward er verschärft und aus dem Einzelgefängniß »dunkle Haft« gemacht. Das war die härteste Strafe, welche sie verhängen konnten, denn die Prügelstrafe war nicht erlaubt; die »dunkle Haft« war aber hart genug, vielleicht härter, als Prügel; denn der Ort, wo man sie aushalten mußte, befand sich im Winkel eines feuchten Kellers, in welchem jeder Gegenstand nach ein paar Tagen schon verfaulte. Ich fügte mich der Strafe und war schon vier Tage eingesperrt, als ich es endlich nicht mehr aushalten konnte. Der Aufseher nämlich, der mich mit Wasser und Brod zu versehen hatte, war nicht damit zufrieden, einen Unschuldigen ins Gefängniß gebracht zu haben, sondern höhnte mich noch dazu als einen Aussätzigen. Das ging über meine Kräfte und wie ich glaube über Menschenkräfte überhaupt. Ich ergriff also am fünften Tage die Gelegenheit, da er mir wieder Wasser und Brod brachte, nahm ihn am Kragen, walkte ihn ordentlich durch und schloß ihn zu guter Letzt mit seinen eigenen Schlüsseln in meinem Loche ein, indem ich, ohne auf sein Schreien zu hören, das Weite suchte. Es war mir, glaube ich, noch nie in meinem Leben so wohl zu Muthe gewesen, als damals, wo ich dem Gefängnisse und zugleich der Arbeitsanstalt für entlassene Strafgefangene entrann. Ich fühlte mich ordentlich erst wieder als einen Menschen; es war mir, als hätte ich langjährige Fesseln abgestreift, die mich an allen Ecken und Enden wundgedrückt hatten. Achtmal hatte ich es versucht, ein ehrlicher Mensch zu werden, und acht Mal war mein Lohn: Verachtung, Hohn, Mißhandlung. Fast zwei Jahre lang trug ich Hunger und Elend aller Art ohne Murren; aber daß man mich überall wie einen Hund noch extra mit Fußtritten zurückwies, das war rein unerträglich. So beschloß ich wieder unter »Meinesgleichen« zu leben, wo Niemand mit Fingern auf mich wies, wenn er hörte, wer mein Vater gewesen, wo man mich meiner selbst willen liebte und achtete, wo ich frei und ungenirt athmen konnte. Wenige Tage darauf las ich die Geschichte meiner Entweichung aus der Besserungsanstalt in den Zeitungen, und mußte nicht wenig über die Schmeichelworte lachen, mit denen man meiner, als eines »ewig Verworfenen« gedachte. Seither lebe ich in Ruhe und Frieden, gehe den Geschäften nach, die ich von Jugend auf lernte und also aus dem Fundamente verstehe, und habe sogar das Glück gehabt, mit der Polizei noch niemals näher bekannt zu werden, als bei unsern Verhältnissen durchaus nöthig und herkömmlich ist. Und nun, Nick, frage ich dich noch einmal: glaubst du in der That das Ehrlichwerden aushalten zu können?«

So endete der Philosoph seine Erzählung, nicht ohne bei seinen Zuhörern einen großen Eindruck hervorzubringen.

»Pah, wem könnte es auch einfallen, ehrlich werden zu wollen?« meinte wegwerfend der Banquier. »Unser Leben ist das schönste auf der Welt.«

»Sei du still, Banquier,« erwiederte der Philosoph ernst. »Du bist gut erzogen worden, und von ehrlichen Eltern geboren. Du hattest keinerlei Nöthigung, unser Handwerk zu ergreifen, denn du konntest dich ehrlich fortbringen, wenn du wolltest. Wir können nicht, und wenn wir uns auch zehntausendmal anstrengen, es möglich zu machen.«

»Und doch muß es bei mir möglich werden,« versetzte Nick mit entschlossenem Tone. »Bei dir war es was anderes, Philosoph, du bliebst hier und in der nächsten Umgebung von New-York. Ich will weiter, nach dem Westen, in Gegenden, wo mich kein Mensch kennt, nach Oregon, oder Californien, oder noch weiter weg, meinetwegen ins Indianergebiet. Kein Mensch soll hier erfahren, wohin ich mich wende, und an Ort und Stelle angekommen, werde ich einen andern Namen annehmen, damit alle Erinnerungen an mein früheres Leben verwischt sind. Bedenkt, ich muß, denn ich habe eine ehrliche Frau und ein Kind von ihr zu erwarten. Damit ich aber meinen Vorsatz ins Werk setzen kann, müßt Ihr mir beistehen; Eure Hülfe nur kann mir es möglich machen.«

»Ein prächtiger Gedanke,« meinte der Philosoph, dessen breites Gesicht wieder den alten halbgutmüthigen, halb sarkastischen Ausdruck angenommen hatte. »Die Langfingerzunft soll einem ihrer Mitglieder zur Ehrlichwerdung verhelfen!«

»Wißt,« fuhr Nick Myers mit aufgeregter Stimme fort, »ich habe kein Geld, und um so weit fortzureisen und sich anzusiedeln, braucht man Geld.«

»So soll dein Vater mit seinen Moneten herausrücken,« warf der Banquier ein. »Er hat deren mehr als genug.«

»Meine Eltern geben mir nichts,« sagte Nick, die Augen niederschlagend, »und meine Schwester, bei der ich heute war, hat mir ins Gesicht gelacht.«

»Aha,« rief der Banquier mit grinsendem Lachen, »da sollen wir dir helfen, den Vater bei lebendigem Leibe zu beerben. Bin dabei, und hätt's schon lange versucht, wenn wir nicht Rücksicht auf deine frühere Kameradschaft genommen hätten.«

»Du bist doch der kaltblütigste Schurke von der Welt,« entgegnete Nick, »aber so lange ichs hindern kann, soll meinen Eltern kein Leid widerfahren; denn ob sie mich gleich zu dem erzogen haben, was ich jetzt bin, ob sie mir gleich auch jetzt wieder den Weg zu einer ehrlichen Zukunft abschneiden, so sinds doch immer meine Eltern. Nein, an ihnen will ich mich nicht vergreifen, aber zu jeder andern That bin ich bereit. Habt Ihr nichts auf dem Korn, etwas recht Tolles, Verwegenes? Je waghalsiger, desto besser, wenn's nur ein gut Stück Geld einträgt! Es sei meine letzte That dieser Art, sie soll mich in den Stand setzen, mein Brod künftig mit meiner Hände Arbeit zu verdienen.«

»Du bist zu guter Stunde gekommen, Nick,« ergriff nun Sammy, genannt Lord Douglas, das Wort. »Still, Ihr Leute, und hört mir zu. Ich glaubte, meinen Vater und den Juden auch hier zu treffen, aber wenn sie nicht da sind, so müssen wirs allein riskiren, und mit Nicks Hülfe wird's schon gehen. Ohnehin sind der Jude und mein Vater auf einen Separatzug ausgegangen, an dem sie uns nicht Theil nehmen ließen, so brauchen sie auch nichts von unserer Beute zu erhalten. Und diese wird groß sein, das sag' ich Euch. Bisher haben wir immer auf dem Lande gefischt, jetzt wollen wir's einmal auch zur See probiren. Draußen am Pier 30. im Eastriver liegt ein Schiff, das gestern erst von China angekommen ist. Seine Ladung besteht in Seidenstoffen und in Theeballen. Morgen soll Alles ans Land. Es ist ein Werth von Hunderttausenden. Ich hab' mit dem Ephraim bereits Rücksprache genommen, und er wird uns einen guten Preis für Alles zahlen, was wir ihm liefern. Am Pier 20. liegt das Boot des alten Schiffers Magredi. Er wird heute Nacht weit genug entfernt sein, daß wir dasselbe in Muße benützen können, gegen eine billige Vergütung natürlich und unter der Bedingung, daß wir es an Gowanusbay morgen früh an seinen Sohn übergeben. Kommt's zur Sprache, so sagt er, es sei ihm gegen seinen Willen gestohlen worden. Auf dem Schiffe selbst werden wir nicht viel Widerstand treffen, denn der Pfeiffer war heute mit seinem Dudelsack an Bord und spielte den Leuten eins auf; er brachte mir die Nachricht, daß der Capitän nicht an Bord sein wird, weil er zu seinem Schätzchen nach Hobocken ging; somit ist nur der Steuermann mit einem oder zwei Matrosen auf der Wache und mit diesen beiden werden wir bald fertig werden. Dann laden wir ein, was das Boot tragen kann und schaffen alles nach Gowanus Bay, wo es der Ephraim im Laufe des Tags von seinem Kärrner herüberführen läßt. Wir können auf diesen Einen Fang wenigstens unsere zehntausend Thaler machen.«

Es entstand eine kleine Pause, als er geendigt hatte. Offenbar erschreckte sie die Kühnheit, wenn nicht gar die Verwegenheit des Planes.

»Aber die andern Schiffe im Dock?« fragte endlich der Einäugige ziemlich kleinlaut.

»Es sind nur zwei da,« erwiderte Sammy, »und diese haben noch keine Fracht eingenommen. Auf ihnen ist also immer nur je ein Matrose an Bord, der ganz sicher schlafen wird. Jedenfalls bekümmert er sich nichts darum, was auf den andern Schiffen vorgeht, wenn man nur ihn in Ruhe läßt.«

»Aber die Seeraben werden sicherlich nicht schlafen,« wandte der Banquier ein, »und – und es wird wohl nicht gerathen sein, ihnen in's Handwerk zu pfuschen. Ihr Capitän, der Neptune, wie sie ihn nennen, hat eine eiserne Faust und es ist noch Jedem schlecht bekommen, der mit ihm angebunden hat.«

»Hast du Angst, Dutchmann?« höhnte Sammy. »Nun dann kannst du ja zurückbleiben. Wir werden auch ohne dich fertig werden. Gerade deßhalb bin ich auf die Sache versessen, weil die Flußpiraten sich geberden, als gebe es außer ihnen keine Männer mehr. Am Ende müssen wir uns noch verkriechen, wenn sich nur ein Seerabe zeigt! Und der Neptune? Nun ich glaube, ich habe ihn erkannt, trotz der Maske, die er immer bei seinen Streifzügen trägt, und wenn wir ihn treffen, um so besser, es soll sich dann bald zeigen, wer mehr werth ist, er oder Lord Douglas,« setzte er mit ziemlichem Hochmuthe hinzu.

»Ich bin dabei, Lord,« sagte Nick, dem kräftigen Irländer die Hand reichend. »Mag daraus entstehen, was da will, ich werd' meinen Mann stellen.«

»Nun ich denke, die Süßwasserhaifische werden mich auch nicht verschlingen,« meinte der Philosoph, »und wenn sie es probiren wollen, so sollen sie Bauchgrimmen genug von mir haben.«

Jetzt hatten auch die Uebrigen keine Einrede mehr und nach einer kurzen näheren Besprechung entfernten sich Alle einzeln, um sich am Pier Zwanzig, wo das von dem Schiffer Magredi zu »entlehnende« Boot lag, wieder zu treffen. Der Philosoph ging zuletzt.

»Da, Prinzessin,« rief er dem aufwartenden Mädchen zu, welches sich während der Besprechung der Diebe besonders viel im Zimmer zu schaffen gemacht hatte. »Da hast du einen Viertelseagle für den Brändi. Wenn ich glücklich wiederkehre, sollst du ein seidenes Kleid haben.«

»Ich heiße Maria und du brauchst mich nicht Prinzessin zu heißen,« entgegnete das Mädchen kalt. »Doch du bist noch der Beste von Allen und darum rathe ich dir, bleib heute zu Hause und leg' dich zu Bette. Das Wasser hat keine Balken.«

Mit diesen Worten löschte sie das Gas aus, da nun keine Gäste mehr im Hinterzimmer waren. Sie ging aber nicht in den vordern Salon hinaus, wo immer noch Leute ab- und zugingen, sondern setzte eine Kaputze auf und entfernte sich heimlich und still durch die Hinterthüre, welche sie hinter sich zuschloß. Einen Augenblick darauf befand sie sich auf der Straße.


5.
Capitän Neptune.

Wir versetzen nun den Leser in ein anderes Revier der großen Stadt New-York. Es ist nicht weit von dem entfernt, in welchem wir so eben noch gelebt haben, kaum fünf Minuten für einen gewöhnlichen Fußgänger; es ist auch nicht achtbarer, im Gegentheil vielleicht noch verwerflicher, als das Revier in und um Westbroadway; aber es hat einen ganz andern Anstrich, denn wir befinden uns nun in der Waterstreet oder der Wasserstraße auf gut deutsch. Diese hat ihren Namen daher, daß sie früher hart am Wasser, am Eastriver nämlich, das ist dem südlichen Flusse, welcher die Insel Longisland mit den Städten Brooklyn und Williamsburg von New-York trennt, gelegen war. Seit einigen Decennien hat man dem Flusse oder vielmehr dem Meerarme, denn etwas Anderes ist der Eastriver nicht, noch eine weitere Straße abgewonnen, die Southstreet oder Südstraße, und die Waterstreet ist dadurch etwas weiter in's Land hineingerückt worden; aber ihren Charakter hat sie hiedurch nicht verloren. Allerdings befinden sich die Docks, in denen die Schiffe landen, nunmehr in der Southstreet, weßwegen diese nur eine Reihe Häuser besitzt, welche alle auf's Wasser hinaussehen (denn die Straße läuft zwischen dieser Häuserreihe auf der einen Seite und den Reihen von Schiffen, welche sich in den Docks befinden, auf der andern Seite hin); allein deßwegen ist die Waterstreet doch der Lagerplatz für alle Waaren geblieben, welche in der Southstreet gelandet werden. Man sieht daher den Tag über Nichts, als eine Unmasse von Kisten und Ballen, die vor den Magazinen abgeladen oder von dort abgeholt werden, nichts als Karrenfuhrleute, deren Geschäft ist, diese Ballen hin und her zu führen, nichts als Matrosen und Lastträger, diese Waaren ab- oder aufzuladen, sie aus den Speichern zu holen oder in die Speicher zu schaffen. Die Häuser sind meist alle hoch und massiv aus Backsteinen gebaut, sie bilden von oben bis unten nur ein immenses Magazin. An den Ecken aber, wo die Waterstreet von andern Straßen durchschnitten wird, (und hie und da auch noch in der Mitte) stehen nicht selten Barracken von Holz, gleichsam oasenförmige Unterbrechungen, welche einen Wirthsschild im Zeichen führen. Diese konnte man bis jetzt nicht abbrechen, weil sie kontraktlich auf fünfzig und mehr Jahre vermiethet sind. Noch öfter begegnet man solchen aus älterer Zeit herstammenden Wirthschaftsgebäuden in den Nebenstraßen, welche von der Waterstreet in die Stadt hinaufführen, die Oliverstreet, Jamesstreet, Roseveltstreet und wie sie alle heißen. So unscheinbar und baufällig aber auch diese Häuser von außen erscheinen, so umfangreich und selbst großartig sind sie in ihrem Innern. Sie sind nämlich sehr tief und haben daher fast durchaus große Hinterhäuser, welche erst später dazu gebaut wurden. Doch wir haben es nicht mit den Häusern der Waterstreet, sondern mit den Menschen zu thun, die da verkehren, und diese sind von ganz anderem Schlage, als die übrigen Bewohner von New-York. Bei Tage sieht man in der ganzen Straße nichts als Geschäftsleben. Der Kaufmann, der Agent, der Rheder rennt hin und wieder, als ob sein Leben von einer Minute Zeit abhänge; der Matrose, der Lastträger, der Kärrner arbeitet, daß ihm der Schweiß vom Gesichte läuft. Er ist nur halb bekleidet; ein Paar Zwilchhosen, ein Gürtel um den Leib, ein loses Halstuch um den Nacken, ein Strohhut auf dem Kopfe, das ist Alles. Schwarze und Weiße, Mulatten und Ziegelfarbige sind bunt unter einander gemischt, denn kein Mensch frägt nach der Farbe, wenn nur der Arm kräftig ist. Es ist ein rauher und roher, aber auch ein fröhlicher und kühner Schlag Menschen, welchem die See und das immerwährende Leben in freier Luft eine Physiognomie verliehen hat, die von der der »Landratten« total verschieden ist. Ein Fremdling möchte sich leicht unbehaglich in solcher Umgebung fühlen, denn aus dem Auge dieser Bursche leuchtet eine Ungebundenheit, wenn nicht ein »Gesetzlosigkeitssinn,« der Einem gefährlich erscheinen könnte, besonders Einem, der gewohnt ist, auf Schritt und Tritt von einem Polizeidiener beschützt zu werden. Kommt's Einem aber schon bei Tage etwas ungeheuerlich vor, wie viel mehr noch bei Nacht! Ja die Ungeheuerlichkeit steigert sich dann zum Schreckenerregenden, denn es sieht nun nicht mehr blos gefährlich aus, sondern es ist in der That gefährlich und mehr noch als gefährlich! Bei Nacht nämlich sind die großen steinernen Waarenhäuser fest geschlossen; die Kaufleute, Rheder, Agenten und selbst die Kärrner haben sich in ihre Wohnungen, die vielleicht meilenweit entfernt liegen, zurückgezogen – denn in der Waterstreet gibt es keine Privathäuser, jedes Haus, mit Ausnahme der wenigen Wirthshäuser, ist ein Waarenhaus, – und nur die Lodgingshäuser und Tanzsalons sind offen. Dafür ist aber in diesen um so mehr Leben. Bursche aus allen Welttheilen, Menschen von allen Nationen drängen sich hier zusammen, um den Becher des Vergnügens bis zur Hefe zu leeren. Worin liegt nun aber der Unterschied zwischen der Waterstreet und dem Westbroadway? Sind etwa die Mädchen in den Waterstreethäusern auch nur um ein Jota sittlicher, als die im Westbroadway? Fallen die Bursche, die dort tollen, auch nur um ein Loth schwerer in die Wagschale der Tugend? Nein, gewiß nicht, aber im Westbroadway ist die Verderbtheit mit der Gemeinheit gepaart, und in der Waterstreet mit der Kühnheit; in Westbroadway wird schleichend, hinterrücks gesündigt, in der Waterstreet offen, unbekümmert um irgend ein Gesetz. Darin liegt der große Unterschied, und derselbe erstreckt sich sogar bis auf die Diebe und Räuber. Diese haben nämlich ihre Schlupfwinkel und Zusammenkunftsorte in den »Tanzhäusern« der Waterstreet gerade so gut, als in den »Biersalons« des Westbroadway, aber im Westbroadway sind's meist listige, scheue Kameraden, welche davon rennen, wenn sie ein Taschentuch erwischt haben, während die Bursche in der Waterstreet das Messer in der Faust halten, um jeden Feind mit Gewalt abzuwehren. Mit den Vollstreckern des Gesetzes begehren natürlich Alle zusammen nicht in allzunahe Berührung zu kommen; allein die Westbroadwaydiebe schließen Freundschaft mit der Polizei und versuchens mit Schmeichelworten und Bestechung; die Waterstreetbuben aber sind offene Feinde der Gerechtigkeitsvollstrecker, und ihre Hülfsmittel sind Drohung und Gewaltthat!

Das Haus, in das wir treten, lag (und liegt vielleicht noch, wenn es nicht inzwischen abgebrochen und ein Waarenlagerhaus dafür errichtet wurde) zwischen Rosevelt- und Jamesstreet, einer der Gegenden, welche die Polizei bei Nacht nur von der Ferne zu betrachten wagt. Schon aus einer ziemlichen Entfernung schallt uns Lärm und Musik entgegen, und je näher wir kommen, um so mehr steigert sich das liebenswürdige Getöne. Einzelne Betrunkene taumeln über die Straße, geführt von Mädchen oder Weibern, deren Schritt kaum minder wankend ist. Vor dem niederen, fast unscheinbaren Hause, dessen Läden zwar geschlossen sind, aber dessen Thüre weit aufsteht und dessen Eingang hell erleuchtet ist, stehen ein halb Dutzend Bursche mit den Füßen trippelnd und wüste Reden führend. Durch den weiten Hausgang, der fast den dritten Theil der Breite des ganzen Gebäudes einnimmt, gelangen wir, einige Stufen emporsteigend, in einen großen Saal, welchen wir als den eigentlichen Schauplatz des Vergnügens zu betrachten haben. Der Saal nimmt fast die ganze Tiefe und Breite eines ansehnlichen Hinterhauses ein, und wird von zwanzig oder mehr Gasflammen erleuchtet. Auf der einen Seite steht ein Clavier, das ganz aufgeschlagen ist, damit seine Töne um so schmetternder erklingen. Neben dem Clavierspieler steht ein Geiger, der seinem Instrumente nicht minder grelle Töne abzugewinnen weiß, als der Pianofortespieler. Aus diesen beiden besteht das ganze Orchester, aber dasselbe macht einen wahren Höllenlärm, denn je lauter gespielt wird, um so größer ist der Beifall des Publikums. Das Ende des langen Saals bildet eine Art Wirth­schaftszimmer, in welchem die große Bar, oder der Schenktisch den halben Raum einnimmt. Doch steht noch ein großer runder Tisch da, um welchen ein Dutzend und mehr Stühle gereiht sind. Auch ein Divan oder Sopha ist zu schauen, welcher sich wahrscheinlich aus Schamgefühl über sein Alter in eine Ecke geflüchtet hat. Von andern Möbeln läßt sich weder im Saale noch im Schenkzimmer Etwas erschauen, außer daß an den langen Wänden hinab Stuhl an Stuhl, Sessel an Sessel steht, wahrscheinlich zur Bequemlichkeit der Tänzer und Tänzerinnen, wenn sie vom Springen ermüdet sind. Die Bedienung des Hauses ist auf einen einzigen Mann beschränkt, nämlich den Barkeeper oder Kellner, welcher die Stelle hinter dem Schenktisch eingenommen hat, und ein eben so gewandter und lebendiger, als starker und vierschrötiger Geselle ist. Auf seinem Kopf thront ein alter Strohhut mit halb abgerissener Krämpe; um den dicken Hals ist ein farbiges Halstuch geschlungen; die kräftigen Arme sind nackt, denn er hat die Hemdärmel weit aufgestülpt, daß das rothe Unterhemd unter denselben hervorschaut. Der Bursche darf sich nicht säumen, sondern hat alle Hände voll zu thun; denn, wer etwas trinken will, trinkts an der Bar, und er ist der Einzige, der einen Trunk verabreicht. Nur hie und da, wenn das Gedränge zu groß wird, kommt ihm der ab- und zugehende Wirth zu Hülfe und stellt sich ebenfalls hinter der Bar auf. Das Publikum, welches den Saal und das Schenkzimmer füllt, ist sehr gemischt. Die Weiber und Dirnen zwar, die sich in großer Anzahl eingefunden haben, sehen sich einander so ziemlich gleich, denn es sind lauter frech aussehende, halb entblößte Gestalten, mit hochroth geschminkten Wangen und glühenden, von starken Getränken blutunterlaufenen Augen, sämmtlich über den Schmelz der Jugend hinaus, und Alle der weißen Race angehörend; die Männer aber sind aus allen Nationen zusammengewürfelt; man sieht Amerikaner, Engländer, Franzosen, Deutsche, Dänen, Norweger und selbst die schwarze Race, besonders aber die Mischlinge aus »Schwarz und Weiß« sind stark vertreten. Nach der Farbe wird so wenig gefragt, als nach der Religion, und oft ist ein Weißer, den sein Schicksal unter allen Himmelsstrichen herumgeführt hat, noch brauner und schwärzer von Antlitz, als ein geborner Mulatte. Auch das Alter macht wenig Unterschied und junge Bürschchen von kaum sechszehn Jahren sind gleich berechtigt mit fünfzigjährigen Veteranen, wenn nur ihr Taschenbuch gut genug gefüllt ist, um am Schenktisch und unter den Dirnen den Liberalen spielen zu können. Aber – Alt oder Jung, Schwarz oder Weiß, es sind lauter kräftige, kühne Gestalten, die fast sämmtlich schon sich in vieler Herren Länder herumgetrieben haben, Bursche, denen man es ansieht, daß sie um eines Menschen Leben willen gar wenig Umstände machen. Deßwegen hat man es auch von Polizei wegen noch nie gewagt, diesen Tanzlocalen ein Veto entgegenzusetzen. Man weiß zu gut, daß eine selbst ansehnliche Macht nicht durchzudringen vermöchte! – Die Matrosen und Lastträger New-Yorks, ihrer zwanzigtausend und mehr an der Zahl, würden sich wie ein Mann dagegen erheben. Darum geht sogar Sonntags, wenn in der ganzen Stadt Ruhe und Stille herrschen soll, und in den meisten Straßen und Vierteln auch wirklich erzwungen wird, in der Waterstreet und ihren Nebenstraßen das Tollen, Tanzen und Jubeln so ungestört seinen Gang, als wenn es der werktäglichste Werktag wäre. Jahr aus, Jahr ein ist jeder Tag hier gleich!

In dem Tanzhause, von dem wir sprechen, war das Tanzvergnügen eben im besten Gange. Die Paare drehten sich wirbelnd im Kreise und die Zuschauer stampften mit den Füßen dazu. Noch war nichts besonders Störendes vorgekommen, noch waren keine Messer gezogen worden – jeder der Männer ohne Unterschied des Alters und der Farbe hat hier, wie sich von selbst versteht, sein breites, scharfes Messer im Gürtel stecken – noch waren keine Stuhlfüße abgeknickt, noch keine Spiegel zerbrochen worden, trotzdem, daß die Tanzenden nach jeder Tour regelmäßig an den Schenktisch traten und »einen nahmen,« wie man sich in New-York auszudrücken pflegt, d. h. ein Glas füllen ließen und es austranken. Denn da in diesen Localitäten der Wirth nie Entrée nimmt, sondern die Musik und das Local gratis gibt, so ist es Sitte, denselben durch »Trinken und Treaten« zu entschädigen. An dem runden Tische, von dem wir oben gesprochen, saßen ein Dutzend Bursche und Mädchen in buntem Durcheinander. Sie hatten sich eben, ermüdet und erhitzt vom Tanze, daselbst niedergelassen. Nur Einer unter ihnen, ein hochgewachsener starker Mann, dessen Gesicht gerade aussah, als wäre es in einen Fuchspelz eingehüllt, so daß man vor lauter Haaren kaum Nase und Mund sah, nahm keinen Theil am Tanze und auffallender Weise ward er auch von keinem der Mädchen dazu aufgefordert oder überhaupt mit Zudringlichkeiten belästigt, ob diese gleich sonst keinen der Gäste in Ruhe ließen, bis er eine Tour mit ihnen gemacht oder sie wenigstens am Schenktisch getreatet hatte. Es schien fast, als ob sie diesen Mann ausnahmsweise mit einem gewissen Respect behandelten, – einem Respecte, den sie sonst keinem der übrigen Anwesenden zu Theil werden ließen.

»Schon müde, Ihr Jungen?« rief der Fuchshaarige. »Es ist ja kaum Mitternacht vorüber. Dominik,« rief er dem Barkeeper zu (dieser war nämlich, wie auch der Wirth selbst ein Plattdeutscher und es darf daher dieser in Amerika sonst seltene Name nicht auffallen; die meisten Tanzlocalinhaber sind Plattdeutsche): »Dominik, bring eine Flasche Lebenswasser hierher, daß sich die Geister der Mädchen wieder auffrischen. Sie sind zu erschöpft, um mit mir an die Bar zu gehen.«

Der Branntwein kam – in solchen Localen wird nämlich fast nichts als Branntwein getrunken – und das volle Glas ging von Mund zu Mund.

In dem kam der Wirth herein. Er trat einen Augenblick hinter die Bar, sprach ein Paar Worte mit Diesem und Jenem, ging dann um den runden Tisch herum und berührte den Fuchshaarigen ganz unbemerkt von hinten, ihn gleichsam nur leicht streifend. Gleich darauf verließ er das Schenkzimmer wieder. Der Fuchshaarige blieb ruhig sitzen, bis die Musik von Neuem begann und die verschiedenen Paare an dem runden Tische sich wieder zum Tanze anschickten. Dann stand er auf, schlenderte ein wenig im Saale herum, dem Gewühle und Gejohle zusehend, und verschwand dann durch eine Nebenthüre, ohne daß Jemand Acht auf ihn hatte. Der Wirth erwartete ihn an der Treppe, welche in den oberen Stock führte.

»Was ist es, David?« fragte der Fuchshaarige.

»Es ist Einer oben, der dich sprechen will,« erwiederte der Wirth leise; »aber ich kenne ihn nicht. Er gehört nicht zu den Unsrigen, und so sehr er auch seine Person eingehüllt hat, so meine ich doch, er sollte nicht gewohnt sein, Nachts in die Waterstreet zu kommen.«

»Gab er das Zeichen?« war die kurze Gegenfrage.

»Nein,« entgegnete der Wirth, »aber zu den Detectivs gehört er nicht und es ist überhaupt Alles sicher, denn der kleine Bube des Junkshopjuden hat ihn hergebracht, und der würde es nicht wagen, wenn eine Spitzbüberei drunter versteckt wäre. Du triffst ihn im hinteren blauen Zimmer.«

Der Fuchshaarige nahm ein Licht aus des Wirths Hand, stieg die Treppe hinauf und befand sich bald vor dem abgelegenen Zimmer, das ihm der Wirth bezeichnet hatte. Hier oben war's verhältnißmäßig ganz still, denn man hörte die Musik und das Tanzen nur wie aus der Ferne, da alle Fenster und Läden fest verschlossen waren. Hierher hatte Niemand Zutritt, als die Vertrauten des Wirths; auch war der ganze obere Stock nicht bewohnt, und die kleinen Zimmer, die sich daselbst befanden, wurden nur Stunden- oder Nachtweise vermiethet, wenn eine kleine Gesellschaft ein besonderes Local verlangte. Der Fuchshaarige hielt einen Augenblick still, ehe er eintrat, und zog sich die rothen Haare noch dichter ins Gesicht, als ob er dieses ganz verdecken wollte. Nun trat er ein.

Der Fremde, den er dort treffen sollte, saß in einem Armstuhle und hatte das auf dem Tische stehende Licht so gestellt, daß es ihn beinahe ganz im Schatten ließ. Hals und Kinn stacken, als ob es Winter statt Sommer wäre, tief in einem gestrickten Shawl, wie man sie bei der kalten Jahreszeit in New-York umzuschlingen pflegt, um sich vor den mark- und beindurchdringenden Winden zu schützen. Den obern Theil des Gesichts verdeckte ein breitkrämpiger Hut beinahe gänzlich, so daß es leicht ersichtlich war, wie der Mann verborgen zu bleiben wünsche.

»Capitän Neptune?« fragte der Fremde, sich halb erhebend, als der Fuchshaarige eintrat.

»Mit wem habe ich das Vergnügen zu sprechen?« erwiederte der Fuchshaarige zustimmend nickend und sich einen andern Armstuhl an den Tisch rückend.

»Oh, der Name thut Nichts zur Sache,« meinte der Fremde. »Wir können unser Geschäft ebensogut ohne Namen abmachen; oder wenn Sie durchaus eine Benennung wollen, so heißen Sie mich Mercur, ein Name, der gerade so hübsch klingt, als die Benennung Neptune. Meinen Sie nicht auch, Capitän?«

Der Fuchshaarige warf dem Sprecher einen durchdringenden Blick zu, wie wenn er die Hülle, in die sich Jener gewickelt hatte, durchschauen wollte. Einen Augenblick zeigte er einige Unruhe, wahrscheinlich weil der Fremde ihn so deutlich merken ließ, daß sein Name »Neptune« auch nur ein angenommener sei; aber es war nur ein sehr kurzer, fast wie ein Blitz vorübergehender Augenblick und in der nächsten Minute umspielte seinen Mund ein sarkastisches Lächeln.«

»Ganz mit einverstanden, Herr,« erwiederte er scherzend. »Mercur ist der Gott der Kaufleute und Banquiers, und Neptune der Gott des Meeres. Mit was kann der Meergott dem Geldgott dienen?«

Nun war an dem Fremden die Reihe, unruhig zu werden. Er schaute auf, als ob er fragen wollte, ob er trotz seiner Umhüllung erkannt sei oder nicht. Bald jedoch faßte er sich. »Pah,« sagte er, »was brauchen wir lange Umstände zu machen? Wollen Sie zweitausend Thaler verdienen?«

»Dreitausend, wenn's sein kann,« meinte der Capitän lachend.

»Gut,« entgegnete Herr Mercur, »es soll mir auch auf dreitausend nicht ankommen, wenn Alles so ausgeführt wird, wie ich es verlange. Kennen Sie das Schiff »Amarinth?«

»Liegt am Pier dreißig,« war die kurze Antwort, »Capitän Alfred Johnson, Eigenthümer Banquier Morris in der fünften Avenue, führt Thee und Seidenstoffe, Werth hundertfünfzigtausend Thaler, gestern eingelaufen, soll morgen ausgeladen werden, hat eine gute und schnelle Reise gemacht.«

»Sie sind gut unterrichtet, Capitän,« meinte der Fremde. »Waren Sie an Bord des Amarinth oder gedenken Sie an Bord zu gehen?«

»Nein,« entgegnete der Fuchshaarige. »Der Capitän Johnson ist ein wachsamer, tapferer Offizier. Er würde jeden unerbetenen Besuch mit Pistolenschüssen empfangen und die ganze Hafenpolizei auf die Beine bringen.«

»Hm!« räusperte sich nun wieder der Fremde. »Ich denke, der Capitän Johnson ist nicht an Bord, sondern hat sich nach Hoboken begeben, und dann habe ich noch außerdem Grund zu glauben, daß der wachhabende Steuermann und die Matrosen von einem Freunde mit einigen Flaschen Cognac versehen worden sind, denen zu widerstehen sie nicht wohl den Muth gehabt haben werden. Was halten Sie nun von einem Besuche auf dem Schiff? Es ist eine recht hübsche dunkle Regennacht, und man könnte den Amarinth um einige Dutzend Ballen Seide und eben so viele Kisten Thee erleichtern, ohne daß man daran denken dürfte, daß Jemand sich dem widersetzen würde.«

»Und Sie, Sie fordern mich auf, das Schiff um seinen Inhalt zu erleichtern?« rief Capitän Neptune, nicht ohne tiefe Verwunderung im Tone.

»Warum denn nicht?« erwiederte Herr Mercur kalt. »Ich bin sogar bereit, dem dreitausend Thaler zu zahlen, der den Raub glücklich vollführt, nur natürlich unter der Bedingung, daß der Thee und die Seide an die von mir zu bestimmende Adresse abgeliefert wird. Wollen Sie unter dieser Bedingung drauf eingehen? Tausend Dollars baar auf die Hand und zweitausend Morgen Abend nach geschehener Ablieferung.«

»Also ein Raub auf Bestellung?« lachte Capitän Neptune laut auf. »Ich habe meiner Lebtage noch nie von so was gehört! Und die dreitausend Thaler sind als Commissionsgebühr zu betrachten?«

»Gerade so und nicht anders,« versicherte der Fremde ernsthaft und von des Andern Lachlust keineswegs angesteckt. »Ich denke, für eine Spazierfahrt auf dem Flusse und das bischen Arbeit dabei sollte die Summe splendid genug sein!

»Gewiß,« meinte der Fuchshaarige, »aber wer bürgt Ihnen dafür, daß wir uns die Theekisten und Seidenballen, die denn doch ein Bischen mehr Werth haben, nicht selbst aneignen, statt sie Ihrem Beauftragten abzuliefern?

»Man sagte mir,« versetzte der Fremde, »daß Capitän Neptune ein Mann von Ehre sei, wenn gleich das Oberhaupt von . . . .«

»Von Flußdieben,« ergänzte Capitän Neptune. »Nur heraus mit der Sprache; Sie brauchen sich nicht zu geniren. Aber zum Teufel, was hat denn die ganze Tollheit für einen Zweck, Herr Morris? Warum sollen wir Ihr eigenes Schiff berauben, um Ihnen nachher den Raub wieder auszuliefern?«

Der Fremde, der bisher ganz ruhig gesessen, sprang erschreckt auf. »Sie kennen mich? Sie wissen, wer ich bin? Warum haben Sie die ganze Zeit mich im Glauben gelassen, ich sei eine Ihnen fremde Person? Nunmehr muß ich auch wissen, wen ich vor mir habe, denn Ihr fingirter Name . . . .«

»Ruhig Blut, Herr Morris,« entgegnete der Andere kalt. »Ein Banquier darf sich nie erhitzen. Ich erkannte Sie schon in der ersten Minute; aber Sie dürfen versichert sein, daß Ihr Geheimniß bei mir fest begraben ist. Mein Ehrenwort darauf! Was übrigens den Vorschlag selbst anbelangt, so nehme ich Ihr Anerbieten an, schon der Neuheit der Sache wegen. Ich werde also Ihr Schiff von jetzt an in zwanzig Minuten ausrauben, um die Ballen alle unversehrt der von Ihnen zu bezeichnenden Adresse zu überliefern. Hier meine Hand darauf. Aber nunmehr geben Sie sich zufrieden, und suchen Sie nie zu erfahren, ob unter dem Capitän Neptune ein Anderer verborgen steckt.«

Capitän Neptune hatte sehr ernst gesprochen und man sah, daß er hierin keinen Spaß verstand.

»Ich will Ihnen vertrauen, Capitän,« erwiederte Herr Morris nach einigem Besinnen; »ich habe ja Ihr Ehrenwort und Sie werden es nicht brechen. Mein Beauftragter ist der Jude Ephraim im Junkshop, Ecke Ann- und Williamstreet. Dort liefern Sie die Waare ab. Hier sind die tausend Thaler Draufgeld, die andern zweitausend erhalten Sie nach Ablieferung von Ephraim. Sind wir nun in Allem einverstanden?«

»Nur Eines noch, Herr,« sagte der Capitän. »Wenn der Steuermann und seine Matrosen zufällig nicht betrunken wären und sich zur Wehre setzten, was dann? Soll in diesem Fall der Raub mit Gewalt durchgesetzt werden?«

»Oh, sie sind Alle betrunken,« meinte Herr Morris schnell besonnen. »Verlassen Sie sich darauf. Wenn sie sich jedoch zur Wehre setzen, – nun Sie haben ja die Uebermacht und ein kleiner Aderlaß kann den Leuten auf den vielen Brändi hin, den sie heute Nacht tranken, nicht schaden.«

Mit diesen Worten stand der Banquier auf und die beiden Männer trennten sich, höflich von einander Abschied nehmend und sich die Hände schüttelnd.

Der Capitän ging ein Paar Male, wie überlegend, im Zimmer auf und ab. »Ein sonderbarer Auftrag, das!« murmelte er endlich halblaut vor sich hin. »Der Mensch verbindet irgend eine schlechte Absicht damit, sonst würde er nicht dreitausend Thaler zum Fenster hinauswerfen. Aber, was es auch sei, es ist seine Sache und der reiche Banquier Morris ist von nun an in meiner Gewalt. – Doch jetzt zu meinen Buben!«

Mit diesen Worten eilte er die Treppe hinab, um sich wieder in den Tanzsaal zu begeben. Dort fand er Alles »beim Alten;« nur war der Lärm und die Lust wo möglich noch gestiegen und man konnte leicht voraussehen, daß das Tanzvergnügen auf die gewöhnliche Weise, nämlich mit einer großen Schlägerei, in welcher Knüttel und Stuhlfüße die Hauptrolle spielten, und die Messer das Schlußcapitel bildeten, endigen würde. Er trat an die Bar und ließ sich ein Glas Cognac geben. Während er es an den Mund setzte, entfiel es wie zufällig seinen Händen und zerbrach in hundert Scherben. In demselben Augenblicke verließ einer der Tänzer sein Mädchen und stellte sich neben ihn, zum Scheine ebenfalls einen Trunk begehrend.«

»Jack,« flüsterte der Fuchshaarige leise, »wie viel von den Unsrigen sind hier?

»Nur fünf oder sechs,« erwiederte dieser eben so leise, »aber ich weiß, wo ein Dutzend Andere stecken, und kann sie in zehn Minuten beischaffen.«

»Nicht nöthig,« meinte der Capitän, »es wird genügen.«

»Es wird nicht genügen,« flüsterte in diesem Momente eine Stimme ihm ins Ohr. Der Capitän wandte sich erstaunt um und neben ihm stand das Mädchen aus dem Keller im Westbroadway.«

»Ha, meine schöne Mary!« rief er. »Kommst du aus deinem Dunstkreise auch einmal in unser Revier? Wart', ich will dir gleich einen Tänzer anschaffen, der dich die ganze Nacht nicht aus den Armen lassen soll.«

»Ich bin nicht gekommen, um zu tanzen,« sagte Marie mit fast trauriger Stimme, »aber ich muß dir ein Paar Worte allein sagen.«

»Was ist es, Schätzchen,« erwiederte dieser, sie auf die Seite führend. »Wahrhaftig, jetzt sehe ich erst, wie schnell du gegangen sein mußt, denn deine Wangen glühen ja, wie zwei Feuerkugeln. Du wirst jeden Tag schöner, Marie, und wir müssen am Ende doch noch ein Paar werden.«

»Spotte nicht, Arthur,« versetzte Marie ernst. »Spotte meiner nicht, weil ich dich liebe, trotzdem daß ich eine Bewohnerin von Mutter Mags Biersalon bin. Ich weiß es, Arthur, wohin ich gehöre; ich weiß es, wie tief ich stehe, und will mich nicht darüber erheben; aber als du mich das erste Mal sahest und mich nicht wie eine Dirne behandeltest, als du damals mit mir sprachst, wie wenn ich deinesgleichen wäre, – von dort an stellte ich dich höher, als andere Männer, und Niemand soll mir's wehren, wenn ich dich liebe, und wenn ich den Schwur gethan habe, dir zu dienen mein ganzes Leben lang. Doch die Zeit drängt, und du darfst keine Minute verlieren, sonst kommst du zu spät. Sam Douglas, der dich gestern ins Wasser stürzte, ist mit einem halb Dutzend Anderer auf den Fluß hinaus, um ein Schiff zu berauben. Es ist noch keine fünf Minuten, daß ich sie verlassen habe und dein Feind ist nun in deinen Händen.«

»Ha!« rief der Capitän mit gänzlich veränderter Stimme. »Weißt du, wie das Schiff heißt?«

»Nein,« entgegnete das Mädchen, »aber ich weiß, wo es liegt; am Pier dreißig Eastriver. Sie wollen das Boot des alten Fischers von Gowanusbay dazu stehlen.«

»Am Pier dreißig, sagst du?« fuhr der Capitän auf. »Bei Gott, es muß der Amarinth sein, auf den sie's abgesehen haben. So, Ihr Bursche, Ihr erfrecht Euch nun gar noch, in meinem Revier zu jagen! Aber ich will Euch das Handwerk legen, daß Euch ein solch Gelüste für immer vergeht.«

Mit diesen Worten setzte er eine kleine silberne Pfeife an den Mund, und in einer Sekunde schon standen sechs oder sieben Bursche an seiner Seite, die Tanzen und Kosen vergaßen, um ihrem Capitän zu gehorchen. Jedem gab er einen besondern Befehl und Jeder eilte, ohne sich umzusehen, hinweg, den Befehl zu vollstrecken. Nur Jack behielt er bei sich.

»Marie, du bist ein braves Mädchen,« sagte er, ihr die Hand reichend,« und ich verspreche dir, dich nie mehr zu verspotten. Aber komm, Jack, renne in die Jamesstreet, hole die Buben dort und dann eilt, jeder einzeln und auf verschiedenen Wegen, nach der Battery, wo ich euch treffen werde. In einer Viertelstunde müssen wir an Ort und Stelle sein, sonst kommen wir zu spät.«

Sie eilten auf die Straße hinab und Jack stürmte die Jamesstreet hinauf; der Capitän aber wandte sich dem Flusse zu. Er ging die Southstreet hinauf und nach wenigen hundert Schritten betrat er einen Dock, an dem hinter einem großen Schiffe verborgen ein kleiner Nachen ans Ufer befestigt war. Er löste diesen ab und fuhr, die Strömung benützend, den Fluß hinunter, sich platt auf den Boden des Schiffchens niederduckend und nur hie und da das Ruder bewegend, um nicht außer seinem Curs zu kommen. Jetzt war er in der Nähe von Pier dreißig. Alles war still und ruhig. Er ruderte hinter das zu äußerst gelegene Schiff, um besser beobachten zu können. Nichts regte sich. »Sie sind noch nicht da,« murmelte er. Dann legte er die offene Hand hinters Ohr, um besser lauschen zu können, und in der That hörte er auch nach einiger Zeit Ruderschlag, wiewohl in weiter Ferne. Er fuhr dem Schalle entgegen, und erkannte bald ein ziemlich großes Boot mit etwa sechs oder acht Gesellen darin. Das mußten sie sein; denn sie ruderten ja dem Pier dreißig zu! Nun galt es zu eilen. Mächtig holte er aus, den Fluß hinunter der Battery zufahrend. Er traf seine Leute Alle versammelt; sie hatten ein großes Boot und waren mit Waffen gut versehen. So stille und geräuschlos als möglich fuhren sie ab, um die Wache auf der nahen Ferry nach Brooklyn nicht aufmerksam zu machen. Jetzt hatten sie die Mitte des Stromes gewonnen und nun ruderten sie, was sie konnten, um schnell aufwärts zu kommen. Abermals fuhr der Capitän in seinem kleinen Boote voran. Nach einer Viertelstunde hatte er die Stelle erreicht, wo er in den Dock einbiegen mußte. Der Amarinth lag noch immer still und ruhig auf seinem Platze, aber wie der Capitän in seinem kleinen Nachen sich dem Schiffe näherte, fand er, daß ein anderes Boot unter dessen Stern befestigt war. Auch drang ein Licht durch die Schiffslucken und deutlich hörte man sogar Stimmen, die sich in der Cajüte besprachen.

»Bei Gott, Jack,« sagte der Capitän leise zu seinem Lieutenant, der auf der Battery zu ihm eingestiegen war, »ich glaube, die Landratten hier oben im Schiffe fühlen sich so sicher, daß sie des Capitäns Wein in der Cajüte versuchen, ehe sie sich an das Einpacken der Waarenballen machen. Schneide das Tau durch, an welchem ihr Boot befestigt ist, und gib ihm einen Stoß, daß es den Fluß hinabtreibt; denn wir müssen ihnen den Rückzug abschneiden. Waren die Kerls doch so nachlässig, nicht einmal eine Wache im Boote zu lassen, um einem Ueberfall zuvorzukommen! Man sieht doch gleich, ob Einer sein Handwerk versteht oder nicht.«

Der Befehl ward schnell ausgeführt und das Boot der Diebe aus dem Westbroadway trieb in den Fluß hinaus. Nunmehr ward das große Boot, worin die Bursche des Capitän Neptune sich befanden, ans Schiff befestigt und die ganze Mannschaft stieg leise an der herabhängenden Schiffsleiter auf das Deck hinauf, nachdem zwei Mann als Wache zurückgelassen worden waren. Auf dem Deck befand sich Niemand; wohl aber lagen eine Menge Theekisten und Waarenballen herum, die offenbar aus dem untern Raum heraufgeschafft waren, um sie ins Boot zu laden und wegzuführen.

»Sie haben uns die Arbeit leicht gemacht,« flüsterte Jack dem Capitän zu. »Wir brauchen uns nicht mit dem Heraufziehen aufzuhalten.«

»Stille,« entgegnete dieser. »Sie sind Alle in der Cajüte und es ist, so wahr ich lebe, wie ich es mir gedacht habe. Sie thun sich mit des Capitäns Wein und Brändi gütlich. Hört Ihr sie da drunten? Donnerwetter, ich glaube gar, sie stimmen am Ende noch ein Lied an!«

In der That hörte man Gläser klirren, sowie verschiedene Stimmen durch einander; auch drang der Lichtschimmer durch die Deckfenster von der Cajüte herauf. Capitän Neptune stellte nun seine Leute am Eingang der Cajütentreppe auf, so daß ihnen Niemand entgehen konnte, der von unten heraufkam.

»Laßt alle laufen, die sich flüchten wollen und in ihrer Angst über Bord springen,« flüsterte er ihnen zu. »Nur den Sam oder Lord Douglas, wie sie ihn nennen, haltet auf. An dem wollen wir ein Exempel statuiren, damit er lerne, was es heißt, sich mit dem Neptune messen zu wollen. Wenn er sich wehrt, so schlagt ihn nieder. Nur braucht kein Schießgewehr, damit die Hafenwache nicht aufmerksam wird.«

Er schlich sich nun leise die schmale Treppe hinab und stellte sich vor der Eingangsthüre in die Cajüte auf, um zu lauschen, was drinnen vorgehe.

»Du, Banquier,« lachte eine Stimme unten, »hast du noch nicht genug in den Schubladen herumgewühlt? Meinst du denn, der Schiffscapitän werde sein Geld hier gelassen haben, aus purer, aufopfernder Liebe zu dir, damit du es jetzt findest?«

»Der Brändi ist in der That köstlich,« meinte ein Anderer, »und noch besser sind die Cigarren. Der Amarinth muß in Havannah angelegt haben, denn die ich da rauche, sind offenbar ächte spanische. Banquier, sieh' doch einmal nach, ob du nicht noch ein Kistchen findest.«

»Philosoph,« rief ein Dritter, »du stößest ja Rauchwolken aus, daß man das Glas kaum mehr sieht. Aber hört einmal, Kameraden, ich möchte doch wissen, was der Steuermann und seine zwei Matrosen für Gesichter machen werden, wenn sie morgen oder vielmehr heute früh von ihrem Rausche aufwachen und sich gebunden im unteren Schiffsraume eingeschlossen finden.«

»Habt Ihr nichts gehört?« schrack plötzlich der Banquier auf. »Das waren Tritte auf dem Verdeck oben. Kommt, kommt, wir wollen die Ballen in das Boot werfen und machen, daß wir fortkommen, sonst hetzen wir uns noch die Hafenwache oder gar den gewaltthätigen Neptune auf den Hals, der meint, er habe allein das Recht, auf dem Flusse Piraterie zu treiben.«

»Hasenfuß,« entgegnete eine rauhe tiefe Stimme. »Hast immer Angst und siehst Gespenster. Ich wollte, der Capitän Neptune, wie er sich schelten läßt, wäre hier, ich wollt' ihm zeigen, wer mehr werth ist, ich oder er.«

Kaum hatte er ausgesprochen, so öffnete sich die Thüre und ein hoher starker Mann erschien unter derselben, die Innsitzenden mit einem höhnischen Blicke musternd.

»Ich bin Capitän Neptune,« sagte der Eintretende. »Nun zeige, Lord Douglas, oder was sonst dein Name ist, daß du keine Memme bist.«

Alle sprangen auf, wie wenn der Blitz zwischen sie niedergefahren wäre. Das Licht fiel so, daß sie den Eintretenden nur schwer erkennen konnten! Bald jedoch waren sie im Klaren, wen sie vor sich hatten. Während nun aber der Banquier und einige der Andern sich in eine Ecke drückten, als ob sie sich dort verstecken wollten, benahm sich der Anführer derselben ganz anders. Seine Augen glühten und seine Nüstern erweiterten sich. Er spannte alle seine Muskeln an und sprang mit einem Satze, wie eine Tigerkatze, auf den Mann unter der Thüre. So plötzlich und unvorhergesehen war der Anfall und mit solcher Kraft wurde er unterstützt, daß Capitän Neptune trotz seiner Stärke fast unterlegen wäre. Allein es war nur ein Moment, in der andern Sekunde schon stand er wieder aufrecht und beide Hände um Douglas schlingend, drückte er ihn so heftig, daß diesem fast der Athem ausging. Dann hob er ihn hoch in die Luft und schleuderte ihn mit einer Wucht zu Boden, daß man hätte glauben sollen, es seien demselben alle Glieder im Leibe gebrochen. Doch konnte er nicht verhindern, daß Douglas ihm während des Fallens die Kopfbedeckung und das Haar, in welches er sich mit einer Hand fast krampfhaft vergriffen hatte, mit abriß. Zu gleicher Zeit stürzte der Tisch um, und das Licht, welches darauf stand, erlosch, so daß nun die tiefste Finsterniß herrschte. Inzwischen waren Jack und die übrigen Leute des Capitän Neptune von dem Lärm erschreckt die Treppe herabgestürzt und füllten die kleine Cajüte so an, daß man sich kaum darin rühren konnte; aber auch die Douglas'sche Partei benützte den Moment und stürzte gegen den Ausgang zu. So entstand ein Handgemenge der sonderbarsten Art, da Niemand wußte, ob er es mit einem Freund oder Feind zu thun habe. Die Messer wurden gezogen und Jeder stieß blindlings zu, den Andern von sich abwehrend.

»Laßt sie Alle laufen,« rief jetzt Capitän Neptune mit lauter Stimme. »Laßt sie über Bord springen nach Herzenslust die feigen Landratten, ich halte den Rechten fest. Und nun, Jack. schnell, mache Licht, damit wir dazu sehen.«

Als das Licht gefunden und wieder angezündet war, sah man, daß alle die Begleiter des Lord Douglas verschwunden waren. Ohne Zweifel hatten sie sich, die Schiffsleiter hinabkletternd, ins Wasser geworfen und waren die wenigen Schritte bis zum Dock hin geschwommen, um sich zu retten. Den Lord Douglas aber hielt Capitän Neptune auf ihm knieend so fest, daß derselbe sich nicht rühren konnte.

»Bindet ihn,« befahl nun der Capitän aufstehend; aber – eine merkwürdige Veränderung war in diesen wenigen Minuten mit ihm vorgegangen. Statt des fuchsrothen Haares und Bartes, welches ihm bisher Stirne und Wange fast ganz bedeckte, sah man nun kurze, schwarze Locken und eine hohe offene Stirne, welche dem Gesicht des Mannes einen ganz andern Ausdruck gaben. Jack flüsterte ihm einige Worte zu und jetzt erst ward er sich der Umwandlung bewußt, die durch den festen Griff seines Gegners veranlaßt, mit ihm vorgegangen war. Aber er machte keinen Versuch, die Perrücke wieder aufzusetzen.

»Douglas,« sagte er mit ernster Stimme, »du versuchtest, mich gestern dem Tode zu überliefern. Du kannst nicht läugnen, daß du mich kanntest, als du mich auf dem Californiaschiff über Bord warfst.«

»Ich habe dich erkannt, Arthur Guerrier,« rief der Gebundene frohlockend, »und dein Geheimniß soll aller Welt verrathen werden.«

»Douglas,« fuhr der Räuber mit ernstem Tone fort, ohne auf die Unterbrechung zu hören oder Rücksicht zu nehmen, »du trittst mir seit Wochen auf allen meinen Wegen entgegen; aber ich habe geschworen, in New-York darf kein vom Gesetz Ausgestoßener leben, der nicht dem Capitän Neptune Gehorsam schwört. Ich habe geschworen, daß Niemand wissen darf, wie Capitän Neptune und Arthur Guerrier eine und dieselbe Person ist, außer wer sich mit einem Eidschwur zu meiner Fahne verpflichtet hat. Leben und Tod liegt nunmehr in deiner Hand. Du bist ein kühner Gesell und ich trage dir deinen Angriff auf mich nicht nach, wenn du schwörst, einer der Unsrigen werden zu wollen. Willst du nicht, so mußt du sterben. Ich gebe dir eine Minute Zeit, wähle.«

»Keine Sekunde brauche ich,« schrie der Andere wüthend, »nicht den zwanzigsten Theil einer Sekunde. Du hast mich einen irischen Hund geheißen, obgleich ich so gut im Lande geboren bin, als du. Du hast mich niedergeschlagen und hinderst mich in allen meinen Unternehmungen. Ich hasse dich, denn du willst Alleinherrscher unter den freien Leuten New-Yorks werden. Stoß zu! Aber wisse, ich und meine Kameraden werden dir nie gehorchen.«

»Douglas,« entgegnete der Andere mit kaltem schneidendem Tone, »wer hat heute früh den rothen Isak ins Nicholashotel gesandt, um nach Arthur Guerrier zu fragen, und seine Gänge Schritt für Schritt auszuspioniren? Warst du es, oder warst du es nicht? Antworte, Leben und Tod hängt von deiner Antwort ab.«

Samuel Douglas schwieg verstockt. Der Capitän gab seinen Leuten einen Wink und in einem Augenblicke hatte der Irländer einen Knebel im Munde, und an seine fest zusammengeschnürten Beine ward ein schweres Stück Eisen, ein Theil eines zerbrochenen Ankers, befestigt, das ein Anderer von einer Ecke des Verdecks herbeischleppte. Nun hoben sie den Unglücklichen auf und trugen ihn ans Hintertheil des Schiffes. Ein Schwung und der Elende lag im Wasser, um alsobald, von dem Gewicht des Eisens hinabgezogen, unter der Oberfläche zu verschwinden. In demselben Augenblicke aber tauchte ein Kopf hinter dem Steuermannshäuschen empor, ein Mann schlich an den Schiffsrand und ließ sich an einem Seile vom Schiffe ins Meer hinab, um an derselben Stelle tief unterzutauchen, wo der gefesselte Douglas so eben versenkt worden war. Es war der Philosoph, der sich hier versteckt hatte, um zu sehen, was sie mit seinem Freunde anfangen würden. Niemand war in der Dunkelheit seiner und seines Beginnens gewahr geworden.

»Nun schnell die Ballen ins Boot hinab,« rief Capitän Neptune. »Der Tag wird bald anfangen zu grauen und die Waaren müssen vor Tagesanbruch in Ephraims Hause sein. Aber Hölle und Teufel, was ist das?« setzte er fluchend hinzu, indem er über einen Gegenstand stolperte, der ihm im Wege lag. »So wahr ich lebe, da ist noch Einer von ihnen. Bringt eine Blendlaterne herbei, damit wir sehen, wen wir vor uns haben.«

Sie untersuchten den Körper des Mannes, der anscheinend leblos auf dem Verdecke lag. Er blutete aus einer tiefen Wunde, die er wahrscheinlich vorhin im Handgemenge in der Cajüte während der augenblicklichen Finsterniß erhalten hatte.

»Kennt ihn Einer von Euch?« fragte der Capitän. »Aber einerlei, er mag sein, wer er will, wir dürfen ihn nicht zurücklassen, wenn nicht Alles verrathen sein soll. Schnell hinunter mit ihm ins Boot. Wir bringen ihn in die Brauerei. Dort ist er sicher genug aufgehoben, bis diese Geschichte wieder vergessen ist.«

Alle legten Hand an, die Einen, um den Verwundeten hinabzuschaffen, die Andern, um die Waarenballen ins Boot zu bringen. In wenigen Minuten war Alles geschehen, und nach einer weiteren Viertelstunde lag das Schiff Amarinth wieder so ruhig und still vor Anker, als wäre keine fremde Person auf seinem Deck gewesen, als ob nicht noch vor Kurzem Leidenschaft, Mord und Tod dort ihr Banquett gefeiert hätten!


6.
Die Jugendfreunde.

Die beiden jungen Männer, die sich so zufällig in Canalstreet trafen, wie wir am Schlusse des dritten Capitels gesehen haben, waren von ihrer frühesten Kindheit an mit einander aufs innigste befreundet. Ihre Eltern waren Nachbarn und die beiden Jungen wußten daher nichts anderes, als sich täglich zu sehen, mit einander die Schule zu besuchen, mit einander zu spielen und mit einander aufzuwachsen. Sie waren unzertrennlich! Aber als Alfreds Vater starb und die Mutter kurze Zeit darauf einen andern Mann heirathete, als zu derselben Zeit fast Marc's Eltern einer und derselben Krankheit erlagen, gingen die Lebenswege der Jungen auseinander. Alfred Johnson wurde von seinem Stiefvater zur See gesandt, um sich für diesen Beruf auszubilden, und Marc Price, dem seine Eltern kein Vermögen hinterließen, da eine unglückliche Speculation zuletzt sie auch noch des letzten Restes desselben beraubt hatte, beschloß als ein aufgeweckter, wackerer und muthiger Junge sein Glück im fernen Westen zu versuchen, da er Niemanden hatte, dem an seinem Verbleiben in New-York etwas gelegen gewesen wäre. Fünfzehn Jahre waren Beide alt, als sie sich trennten. Sie versprachen sich einen fortwährenden, lebhaften Briefwechsel, damit jeder immer wisse, wie es um den andern stehe; allein die weite Entfernung, in der sie von einander lebten, die Langsamkeit der Briefbeförderung, die damals noch herrschte, besonders aber die Unsicherheit dieser Beförderung verursachte manche Stockung in ihrer Correspondenz, so daß es oft sechs und acht Monate, ja noch länger anstand, bis sie wieder Nachricht von einander erhielten.

»Du hier, Marc?« rief Alfred Johnson nochmals mit vollem Entzücken in der Stimme. »Du, den ich zweitausend Meilen weit in Oregon oder Californien unter den Indianern wähnte?«

»Und du, Alfred,« entgegnete Marc nicht minder erfreut; »du, den ich deinem letzten Briefe nach in China wähnte, um mit Zopfmännern Opium zu rauchen, du schlenderst Nachts zwölf Uhr durch die Canalstreet New-Yorks, um dich von ein Paar Wegelagerern oder Garrotteurs gemüthlich niederschlagen zu lassen?«

»Und um von dir, wie von einer wohlthätigen Fee, befreit zu werden,« versetzte der Andere warm. »Wahrhaftig, Marc, deine Hülfe kam zur rechten Zeit, denn ich dachte so wenig an einen Angriff, daß ich im Augenblicke zu gar keinem Widerstande fähig war.«

»Aber wen in aller Welt hast du dir denn so sehr zum Feinde gemacht,« frug Marc, »daß er Spitzbuben dingt, dir aufzulauern? Jedenfalls muß es ein genauer Bekannter von dir sein, sonst hätten die Schufte nicht gewußt, welchen Weg du kommst. Hast du denn etwas besonders Werthvolles bei dir, dessen sie dich berauben konnten? Oder vielleicht wichtige Papiere oder so was, denn die Kerls sprachen von einem Documente, wenn ich sie recht verstanden habe?«

»Ich? Nicht im geringsten,« erwiederte Alfred. »Ich war in Hobocken bei meiner Braut und nachher noch beim Advokaten Brady, meinem Rechtsanwalt, wegen des Testaments meines Vaters. Dieses Testament ist Alles, was ich von Documenten bei mir trage, und das kann doch für Niemanden sonst von Interesse sein? Auch wüßte ich gar nicht, wo ich mir einen speciellen Feind erwerben haben könnte, denn ich bin erst gestern von meiner Fahrt nach Canton wieder hier angelangt, und habe seit Jahren mit keiner Seele verkehrt, die mir Feind zu sein Ursache hätte. Die Kerls müssen mich offenbar mit einem Andern verwechselt haben. Aber komm', laß uns auf mein Schiff gehen und in meiner Cajüte erzählst du mir, wie es dir seither ergangen und was dich hierhergetrieben. Ich brenne vor Begierde, deine Schicksale zu erfahren.«

»Und ich bin nicht minder neugierig auf deine Erzählung,« rief Marc, »aber wir müssen zuerst an meines Oheims Haus vorbeigehen. Ich hätte schon längst zu Hause sein sollen, da der alte freundliche Mann wohl in Sorge um mich ist. Komm schnell. Verschieben wir jedes weitere Wort, bis wir in meinem Zimmer sitzen, und uns ins Auge sehen können.«

Sie eilten den Broadway hinauf und bogen nach einem Gang von etwa fünf Minuten links ab in die Amitystreet. Vor einem schönen steinernen Hause hielt Marc Price an.

»Das ist meines Oheims Haus,« sagte er, »und also auch meine Wohnung. Wahrhaftig, es ist noch Licht oben und mein Oheim oder Carlein blieb am Ende auf, mich zu erwarten.«

Er zog den Nachtschlüssel, die Hausthüre zu öffnen, aber in diesem Augenblicke ward sie von innen aufgeschlossen und ein dem Anscheine nach noch junges, jedenfalls aber sehr reizendes Frauenzimmer stand vor ihnen, um sie zu empfangen und ihnen zu leuchten. Das Mädchen trug ein weites, weißes Nachtgewand, das sich aber, durch einen rothen Gürtel um den Leib festgehalten, eng an die Glieder schmiegte. Ein sanftes, vielleicht zu sanftes Lächeln verschönerte das zarte, blasse, fast durchsichtige Antlitz, mit dessen Blässe die rothen Lippen angenehm contrastirten. Das Auge war niedergeschlagen und lugte durch die langen Augenwimpern gleichsam nur halb verstohlen durch. Es war Caroline Myers, die auf die Heimkehr des jungen Marc Price gewartet hatte.

»Ah, Sie kommen nicht allein, Herr Marc,« hauchte Karoline, offenbar durch die Anwesenheit eines Dritten unangenehm berührt. Wenigstens flog ein Schatten über ihr Gesicht, der es für einen Moment fast unfreundlich erscheinen ließ.

»Nein, Miß Carlein,« erwiederte Marc, »aber es ist mein bester Freund, den ich mitbringe. Herr Alfred Johnson, Miß Carlein Myers, die sanfte Pflegerin meines alten Oheims, die mehr als Tochterstelle an ihm vertritt. Aber, Carlein, es ist fast zu viel Aufmerksamkeit für mich, daß Sie selbst wach blieben, um mich zu erwarten, und ich muß mir Vorwürfe machen, daß ich so rücksichtslos war, so lange auszubleiben. Gewiß, Carlein, Sie beschämen mich durch Ihre Güte.«

Caroline hatte wieder ihr süßestes Lächeln angenommen, als sie mit den jungen Herren die Treppe hinanstieg. »Still, Marc,« flüsterte sie zärtlich, »mißgönnen Sie mir nicht die Freude, dem Neffen des Herrn Price, den er wie einen Sohn liebt, die Liebe einer Schwester erweisen zu dürfen.« Dabei traf ihn ein Blitz unter den schattigen Augenwimpern hervor, der fast mehr als Schwesterliebe verrieth.

Sie traten in den hinteren Parlon, welcher an das Schlafzimmer stieß, das Herrn Marc angewiesen worden war. Der Tisch, welcher in der Mitte des Zimmers stand, war gedeckt und mit kalten Speisen versehen. In der Mitte derselben dampfte die Theemaschine und Nichts fehlte, um die Ueberzeugung hervorzurufen, daß hier dieselbe zuvorkommende Vorsorge getroffen war, welche ein neu verehelichter Gatte von der liebenden Gemahlin nur immer erwarten kann.

»Nein, das ist zu viel,« rief Marc, von so außerordentlicher Aufmerksamkeit offenbar geschmeichelt, obwohl zur selben Zeit ein anderes Gefühl in ihm aufstieg, welches ihm ein solches Zuvorkommen, vielleicht ohne daß er sich dieses Gefühls noch bewußt war, verdächtig machte. »Sie verhätscheln mich, Carlein, und ich bin seit meinen Knabenjahren nicht mehr so zärtlich behandelt worden.«

Caroline erwiederte keine Silbe, aber wiederum traf ihn einer jener halben Blicke, welche das Mädchen so sehr in ihrer Gewalt hatte. Sie schenkte den Thee ein und nöthigte die Herrn Platz zu nehmen. Und so anmuthig waren ihre Bewegungen, so süß wußte sie zuzusprechen, daß die beiden jungen Männer sich unwillkührlich wie zu Hause fühlten.

»Nichts ist zuträglicher für die Gesundheit,« meinte sie lächelnd, »als eine heiße Tasse Thee nach einer kleinen Nachtschwärmerei. Gewiß werden Sie morgen recht frisch und gesund aufwachen, Herr Marc, und mich nicht mehr schelten, wenn ich Sie künftig alle Abende mit einer Tasse Thee erwarte. Aber fast hätte ich vergessen, soll ich Herrn Johnson das Gastzimmer oben zurechtrichten? Es ist in der Minute geschehen.«

»Nein, nein, mein theures Fräulein,« erwiederte Alfred. »Mein Freund Marc war blos in Angst, sein Oheim möchte Sorge tragen, wenn er diese Nacht gar nicht nach Hause kommen würde, und ich kann mir jetzt wohl denken, daß diese seine Angst nicht blos seinem Oheim, sondern eher noch jemand Anderem gegolten hat. Aber ich bin untröstlich, Ihnen meinen Freund wieder entführen zu müssen. Ich bin Capitän der Handelsbarke Amarinth, welche erst gestern hier eingelaufen ist, und muß nothwendig heute Nacht noch auf mein Schiff, welches ich schon viel zu lange für meine Verantwortlichkeit verlassen habe. Da wir nun die innigsten Jugendfreunde sind und einander seit sieben Jahren nicht gesehen haben, so werden Sie natürlich finden, wenn Marc mich begleitet. Wir haben zu viel mit einander auszutauschen, als daß wir diese Nacht noch ans Schlafen denken könnten.«

»In diesem Fall will ich die Herrn nicht länger stören,« meinte sie lächelnd, und erhob sich, um Gute-Nacht zu sagen. »Aber, Herr Marc,« setzte sie mit sorglicher, wenn nicht herzlicher Vertraulichkeit hinzu, »seien Sie vorsichtig, wenn Sie in der Nacht noch einmal ausgehen. New-York ist ein gar gefährlicher Ort, und Ihr Oheim und – und ich, das heißt wir Alle wären untröstlich, wenn Ihnen etwas Unangenehmes begegnete.«

Sie gab ihm die Hand zum »Gute-Nacht« und er glaubte einen leisen Druck zu verspüren, der ihm alles Blut ins Gesicht jagte. – Die beiden Freunde waren nun allein.

»Freund Marc, ich gratulire,« rief Alfred fröhlich, als man den Tritt der abgegangenen Caroline nicht mehr hören konnte. »So deßwegen konntest du nicht sogleich mit mir auf mein Schiff gehen? Nun, hübsch genug ist das Mädchen, und daß sie dich liebt, das könnte auch ein Blinder merken.«

»Und doch täuschest du dich,« erwiederte Marc in ziemlicher Verlegenheit. »Wir kennen einander erst seit einem Tage, und ihre Freundlichkeit gilt nicht dem Marc Price, sondern dem Neffen meines Oheims. Aber nun erzähle, wie Alles so gekommen ist, daß ich dich hier bei mir habe.«

»Gut, ich will den Anfang machen,« sagte Alfred, der wohl sah, wie Marc gerne den bisherigen Gegenstand ihrer Unterhaltung geändert hätte. »Du weißt, nachdem mein Vater gestorben war, heirathete meine Mutter den hochwürdigen Prediger an der St. Kiliankirche in Brooklyn. Mein neuer Herr Papa, wie ich ihn nennen mußte, konnte mir meinen theuren Vater nicht ersetzen und so sehnte ich mich aus dem elterlichen Hause fort. Der Herr Pastor hatte nichts dagegen, daß ich zur See gehe, obgleich meine Mutter lange Zeit ihre Einwilligung nicht geben wollte. Ich diente von der Pique auf, aber vor einem Jahr wußte es mein Stiefvater durch seine Verbindungen mit dem Banquier Morris so weit zu bringen, oder auch that es dieser aus freien Stücken, daß er mich zum Capitän seiner Barke Amarinth beförderte, welche eine Fahrt nach Canton zu machen hatte. Dort sollte ich als Geschäftsträger des Morris'schen Hauses bleiben und das Commando des Amarinth dem ersten Steuermann übergeben. Das Anerbieten war sehr ehrenvoll und ich hätte es mit Begierde angenommen, denn mein Verhältniß zu meinem Stiefvater war nicht der Art, daß es mich besonders an die Heimath gefesselt hätte; aber – aber, es trat nun ein anderer Umstand ein, der die Sachlage total veränderte. Erinnerst du dich noch der kleinen Edith, des Töchterchens des General Cooper in Hobocken, die manchmal mit ihrer Mutter zu uns herüberkam und die wir wie eine Puppe im Garten herumtrugen?«

»Ach du meinst das Engelsköpfchen, wie wir die Kleine nannten,« rief Marc. »Das muß jetzt ein recht schmuckes Kind sein.«

»Ein Kind?« meinte Alfred tieferröthend. »Bedenke doch, das ist jetzt gut eilf Jahre her und damals war sie schon sechs alt. Aber ein Engel ist sie noch immer, ein Engel an Schönheit und Güte. Und damit ich's nur kurz sage, in den Wochen und Monaten, die ich zwischen der einen Fahrt und der andern am Lande zubrachte, war ich mehr bei der Wittwe Cooper und ihrer Tochter, denn der alte General ist jetzt auch todt, als in meinem elterlichen Hause, und Edith und ich standen bald so miteinander, daß wir uns nicht mehr trennen mochten. Die Mutter hatte nichts gegen mich einzuwenden und so wollte ich schon auf die Capitänsstelle verzichten, um meine Verbindung mit Edith zu feiern, als der alte wackere Brady, der Rechtsanwalt meiner künftigen Schwiegermutter, und auch mein Sachwalter und Berather uns bestimmte, uns noch länger zu gedulden. Mein Vater hatte nämlich in seinem Testament bestimmt, daß ich erst mit meinem zweiundzwanzigsten Jahre zum Selbstverwalter meines Erbes ernannt werden dürfte. So lange sollte es in den Händen meiner Mutter bleiben, welche über die Einkünfte frei verfügen konnte und überhaupt Alles zu verwalten hatte. Mein Vater hatte wohl nicht daran gedacht, daß meine Mutter sich wieder verehelichen würde. Nun war aber dieß geschehen und die natürliche Folge konnte keine andere sein, als daß mein Stiefvater, der hochwürdige Herr Pastor, Verwalter meines Vermögens wurde. Hätte ich mich nun vor dem zweiundzwanzigsten Jahre verheirathet, so befürchtete Herr Brady, mein Stiefvater könnte diesen Umstand gegen mich benützen und mich um das Meinige bringen. Ich verstand von der Sache wenig und verstehe auch jetzt noch nicht viel davon, aber ich wußte, daß Brady der ehrlichste und gewandteste aller Advokaten ist, und somit, da er meine künftige Schwiegermutter zu bestimmen wußte, seiner Ansicht beizutreten, so mußten wir jungen Leute nachgeben und ich nahm die Stelle nach China an. Es konnte mir ja Niemand wehren, so bald oder so spät zurückzukehren, als ich es für nothwendig fand! Sogar unser Verlöbniß mußte auf den besondern Wunsch Brady's, der Ursache haben zu müssen glaubte, meinem Stiefvater zu mißtrauen, vorderhand unveröffentlicht bleiben. So fuhr ich nach Canton ab. Kaum aber war ich dort angekommen, so schrieb mir Brady, daß meine Mutter gestorben sei, und daß er meine Rücklehr alsobald wünsche. Ich ließ also den Steuermann an meiner Stelle in Canton und segelte mit dem beladenen Schiffe hierher, wo ich auch glücklich gestern anlangte zum großen Aerger meines Stiefvaters und zum nicht minderen Mißvergnügen des Herrn Morris.«

»Und was nun?« frug Marc gespannt, als der Andere zu sprechen aufhörte.

»Was nun?« meinte dieser. »Nun, vorderhand bin ich hier und zugleich der glücklichste Mensch von der Welt. Meine Edith liebt mich, wie immer, und in einigen Monaten bin ich Zweiundzwanzig, dann können wir unsere Verbindung öffentlich feiern. Herr Brady meint zwar, mein Schwiegervater werde es wenigstens versuchen, mich um die Hälfte meines Vermögens zu beschwindeln, allein – was liegt daran? Es bleibt mir ja noch immer so viel, daß ich ein ordentliches Geschäft beginnen und davon leben kann. Ich habe daher heute den Advokaten zu meinem Generalbevollmächtigten ernannt, damit ich mit der ganzen Geschichte nichts mehr zu schaffen habe. Herrn Morris übergebe ich Morgen seine Waaren und trete dann von meinem Commando ab, denn Edith will mich nicht mehr zur See lassen. So, nun habe ich meine ganze Geschichte bis auf den letzten Faden abgewickelt. Aber nun lasse mich auch hören, was dich hierherführte.«

»Oh, meine Geschichte ist noch viel einfacher,« meinte Marc. »Die hast du mit ein Paar Worten. Meine Eltern starben, wie du weißt, arm und ließen mich allein in der Welt. Mein Vater hatte zwar noch einen Bruder, aber derselbe lebte nicht hier, sondern in der Havannah und ließ nur selten Etwas von sich hören. So ging ich denn, was man sagt, in die weite Welt, um mein Glück zu machen. Du kennst meine Fahrten in Californien und Oregon, denn ich habe sie dir ja geschrieben. Zuletzt kaufte ich mich in letzterem Gebiet an und besitze nun dort ein wunderherrliches Landgut und zwar um einen Spottpreis; denn Congreßland hat dort noch eigentlich gar keinen Werth, da die Leute alle in Californien hängen bleiben. Aber ich sage dir, eine herrlichere Gegend kannst du gar nicht treffen, als Oregon, und das vielgerühmte Italien kann gar nichts dagegen sein. Alle Früchte gedeihen da, sogar die meisten Südfrüchte und doch ists nie, selbst nicht in den heißesten Sommermonaten so warm, daß es Einen besonders genierte; im Winter dagegen fällt kaum Schnee und im März kannst du schon wieder in den Hemdärmeln herum gehen. Ich sag' dir, 's ist ein Prachtsland; Pfirsiche und Trauben wachsen wild und sind so süß, wie man sie hier gar nicht findet. Wenn du dich einmal irgendwo als Farmer festsetzen willst und deine Frau nicht gerade auf die nächste Nähe einer großen Stadt erpicht ist, so kaufst du dir Land in Oregon und lebst dann, wie im Paradiese. Ich wenigstens möchte nirgends anders mich niederlassen, als dort.«

»Versteht sich mit Frau Carlein, als Frau Farmerin,« versetzte Alfred, über den Eifer seines Freundes lächelnd. »Ein breiter Panamastrohhut, mit langen herabhängenden Bändern, müßte ihr gar nicht übel stehen.«

»Hieran habe ich wahrhaftig noch nicht gedacht,« erwiederte Marc, leicht erröthend. »Aber laß' mich fortfahren. Ich kaufte mir also um ein Paar hundert Thaler eine Farm, die hier herum, schon ihrer Größe wegen, ihre zehntausend werth wäre. Mein Land liegt freilich vorderhand ein Bischen isolirt, denn mein nächster Nachbar ist zehn Meilen entfernt, aber in zehn Jahren wird das ganz anders sein und wir werden dann in Oregon so gut unsere Städte haben, als hier zu Lande. Ich war eben im besten Einrichten begriffen, da erhielt ich merkwürdiger Weise in meine Einöde hinein einen Brief von Fräulein Caroline Myers, die du hier gesehen hast und welche mir im Namen meines Oheims schrieb, nach New-York zu kommen und seine alten Tage durch meine Gegenwart zu erheitern. Es scheinen verschiedene Briefe geschrieben worden zu sein, bis man endlich durch ein Wechselhaus in Sanfranzisko meine rechte Adresse fand. Carlein schrieb mir, daß mein Oheim, der einzige Bruder meines Vaters, sich von allen Geschäften zurückgezogen habe und nun in New-York als ein alter, reicher Junggeselle lebe, und da ich sein einziger natürlicher Erbe sei, so solle ich mich alsobald auf den Weg machen, und den Wunsch des biedern Herrn erfüllen, bei dem sie als Vorleserin, Wirthschafterin und Secretärin, kurz als sein Factotum fungire. Natürlich gehorchte ich und reiste augenblicklich ab, nachdem ich mein Gut an einen Andern um eine Kleinigkeit verpachtet hatte. Und – da bin ich nun, zur großen Freude meines alten Oheims, der das Unrecht, sich nie um die Seinigen bekümmert zu haben, dadurch wieder gut machen zu wollen scheint, daß er mich wie seinen Sohn aufgenommen hat.«

»Und in welchem Verhältniß steht denn Carlein, die hübsche Gesellschafterin zu deinem Oheim?« fragte Alfred. »Wahrscheinlich eine arme Anverwandte?«

»Im Gegentheil,« erwiederte Marc, »ihre Eltern, die noch leben, sollen sehr vermöglich sein, und sie nahm die Stelle so zu sagen (wie mir mein Oheim mittheilte) aus purer Aufopferung an, worüber er hoch erfreut war, da sie sich als besonders tauglich dazu zeigte. Mein Oheim wandte sich nämlich an einen einflußreichen Geistlichen, den ihm ein Jugendfreund empfahl, ich glaube Doctor Beecher heißt er, um . . .«

»Wie heißt der Geistliche?« warf Alfred hastig ein.

»Beecher, so viel ich meine,« erwiederte Marc gleichgiltig. »Nun dieser las unter seiner großen Bekanntschaft Caroline Myers als besonders tauglich heraus und nur seiner Verwendung bei dem Vater Carolinens, auf welchen der hochwürdige Doctor einen besondern Einfluß ausübt, gelang es, das sanfte Mädchen als Pflegerin meines Oheims zu gewinnen.«

»Beecher, sagst du, Doctor Beecher,« murmelte Alfred, indem er das Zimmer mit starken Schritten maß. »Das kann kein anderer sein, als mein Stiefvater und dann darfst du nicht daran zweifeln, daß ein besonderer Plan bei der Auswahl Carolinens zu dieser Stelle zu Grunde liegt. Dir darf ichs wohl anvertrauen. Der hochwürdige Doctor Beecher hat fast einen Heiligennamen in der Stadt; aber Brady sagt – und Brady lügt nie –, daß unter der scheinheiligen Maske ein grundverdorbener Charakter stecke. Gib acht, die Carlein hat was im Sinn.«

»Was könnte es sein?« sagte Marc in seiner treuherzigen Weise. »Wenn es auf ein Testament meines Oheims, oder gar auf meine Enterbung abgesehen gewesen wäre, so hätte ja das Mädchen leicht meine Auffindung hintertreiben können, während sie sich gerade umgekehrt alle Mühe gab, mich herbeizuschaffen. Das kanns also nicht sein, und doch gestehe ich dir offen, ist mir ihre fast allzugroße Aufmerksamkeit gegen mich schon ein Paar Male aufgefallen; denn sie behandelt mich wie einen langjährigen Jugendfreund, obgleich ich erst vierundzwanzig oder dreißig Stunden mit ihr bekannt bin. Aber das ist vielleicht ihre Manier so, und hängt mit der Zärtlichkeit ihrer ganzen Natur zusammen. Für meinen Oheim wenigstens ist sie ein wahres Juwel.«

»Und doch sagt Brady, er würde einen Silberdollar für falsch halten, wenn er ihn von Doctor Beecher erhielte,« erwiederte Alfred kopfschüttelnd. »Doch wir wollen das Beste hoffen; sein Mißtrauen ist vielleicht auch übertrieben. Nun aber komm', ich muß gehen; es ist wahrhaftig die höchste Zeit und ich bin eigentlich schon viel zu lange von meinem Schiffe abwesend gewesen.«

Sie verließen das Haus und schlenderten langsam den Broadway hinab, bis sie sich, an der Pearlstreet angekommen, links wandten und dem Eastriver zuschritten. Schon begann das tägliche Treiben in der Stadt zu erwachen, und die Milchwägen, die Verkündiger des Tages, rasselten durch die Straßen. Als sie an den Eastriver kamen, trat eben die Sonne hinter den Anhöhen von Williamsburg hervor und vergoldete mit ihrem Glanze die Spitzen der Maste der vor ihnen in unabsehbarer Reihe vor Anker liegenden Schiffe.

»Es ist doch eine unendlich reiche Welt, diese New-Yorker Welt,« meinte Alfred, auf die Schiffe deutend, die den Hafen füllten.

»Ja,« erwiederte Marc, »darin hast du recht, aber das Leben in dieser Welt will mir nicht recht gefallen. Ich glaube, es wird mir erst wieder wohl, wenn ich den Fuß von Neuem auf oregonischen Boden setze.«

Sie bestiegen einen kleinen Nachen, der für den Capitän des Amarinth an einem bestimmten Platze des Ufers bereit lag, und ruderten sich ans Schiff hin, das nur die Anwesenheit Alfreds erwartete, um ganz in den Dock hinein bugsirt, und zum Ausladen fertig gemacht zu werden. Sonderbarer Weise ließ aber sich Niemand auf dem Deck sehen als sie am Schiffe anlangten. Ungehindert und unangerufen kletterten sie die Schiffsleiter hinan; kein Matrose, kein Steuermann war zu erblicken.«

»Was soll das sein?« rief Alfred erblassend. »Ich konnte mich doch sonst auf meine Leute verlassen.«

Jetzt sah Marc eine Blutlache auf dem Verdeck, und deutete stumm darauf hin. Eine zerbrochene Theekiste, deren Inhalt zerstreut umher lag, stand daneben.

»Hölle und Teufel, was ist das?« schrie Alfred nochmals und stürzte der Cajüte zu. Hier herrschte die größte Unordnung. Der Tisch war umgeworfen, zerbrochene Flaschen lagen auf dem Boden, alle Schubladen der Wandkästen waren aufgerissen und ihr Inhalt über den ganzen Raum hin zerstreut. Offenbar mußten hier Räuber eingedrungen sein, oder sollten die Matrosen selbst die Unthat begangen haben? Alfred stand lautlos. Die Ueberraschung, die Angst, das Entsetzen hatte seine Sprache gelähmt. Auch Marc wußte nicht, was er denken sollte.

»Komm, laß uns das ganze Schiff durchsuchen,« sagte er endlich, »damit wir wissen, wo wir daran sind.«

Mechanisch nickte Alfred seine Zustimmung. Sie stiegen wieder aufs Verdeck hinauf, um von da ins Zwischendeck und die untern Räume hinabzugehen. In demselben Augenblicke legte ein größerer Nachen am Schiffe an, und einige Herren stiegen die Leiter herauf. Es waren einige Polizeibeamte und in ihrer Mitte ein Herr von mittlerem Alter mit scharfen, stechenden Angen. Der Mann gehörte offenbar den höheren Ständen an, obgleich sein Anzug ziemlich ungeordnet war und vermuthen ließ, daß er die ganze Nacht nicht aus den Kleidern gekommen sei. Das hagere, blasse Gesicht, die Beweglichkeit seiner Glieder und die Hastigkeit seines ganzen Benehmens deuteten den Geschäftsmann an.

»Was muß ich hören, Capitän Johnson?« rief er laut, ohne Umstände auf Alfred zugehend. »Mein Schiff ist ausgestohlen, in Ihrer Abwesenheit ausgestohlen worden? Kennen Sie Ihre Pflichten nicht besser, daß Sie es wagten, über Nacht von Ihrem Posten sich zu entfernen? Wissen Sie nicht, daß Sie für die ganze Ladung so lange verantwortlich sind, bis dieselbe von meinem Hause übernommen ist?«

»Ich weiß es, Herr Morris, ich weiß es,« erwiederte Alfred mit niedergeschlagener Miene. »Aber ich begreife den ganzen Zusammenhang nicht.«

»Wir kamen so eben zusammen auf das Schiff,« nahm nun Marc das Wort, »und Sie sehen, wie wir über das, was hier vorgegangen ist, erschrocken sind. Aber wir wissen noch nicht einmal, ob und was gestohlen worden ist, und Sie scheinen in dieser Beziehung besser unterrichtet zu sein, als wir.«

Der Banquier Morris – denn dieser war es in der That – warf dem jungen Mann einen schnellen, mißtrauischen Blick zu. »Ich kenne Sie nicht, Herr,« sagte er; »dem Aussehen nach scheinen Sie ein Fremder zu sein. Aber die Unglücksbotschaften reisen schnell in New-York. Es ist noch keine Viertelstunde her, so wurde ich aus dem Schlafe gestört, indem man mir diesen anonymen Zettel da übermachte, worin mir ein Freund mein Unglück anzeigt. Natürlich nahm ich mir nicht lange Zeit mit Ankleiden, sondern eilte schnurstracks hierher, mich nur so lange aufhaltend, um die nöthige Polizei zu requiriren.«

Zugleich zog er ein auf schmutziges Papier geschriebenes Zettelchen hervor, worin ihm Einer, der sich »ein Freund« unterschrieb, meldete, daß der Amarinth diese Nacht ausgeraubt worden sei.

»Herr Morris,« warf jetzt einer der Polizeibeamten ein, »ich denke, es ist das Beste, wir durchsuchen zuerst das ganze Schiff, ehe wir weitere Maßregeln ergreifen; denn Sie müssen natürlich vor Allem wissen, was gestohlen worden ist und wie hoch sich der Verlust beläuft. Capitän Johnson, Sie haben doch das Memorial und die Ladscheine in Sicherheit? Oder sollten auch die Schiffspapiere gestohlen worden sein?«

»Nein, nein, Gott sei Dank, die hab' ich bei mir,« rief Alfred, sein Notizenbuch aus der Tasche ziehend. »Ha! es ist ein wahres Glück, daß ich heute Nacht nicht auch um diese gekommen bin. Marc, das habe ich dir zu verdanken.«

»Wollte man Sie derselben berauben?« fragte der Beamte aufmerksam werdend. »Es scheint fast so,« erwiederte Alfred, »wenigstens läßt sich der räuberische Anfall, dem ich heute Nacht beinahe erlegen wäre, nicht wohl auf eine andere Art erklären.«

Banquier Morris hatte während dieses kurzen Zwischengesprächs den Blick abgewandt, als sei er eifrig mit der Untersuchung eines andern Gegenstandes beschäftigt. »Kommt, kommt, Ihr Herren,« rief er jetzt; »zu solchen Erklärungen ist noch lange Zeit. Lassen Sie uns jetzt in den Schiffsraum hinabsteigen, damit wir sehen, ob noch einige Ballen drunten sind oder nicht.«

Er ging voran, und die Andern folgten ihm nach. Wie in der Cajüte, so zeigte sich auch hier eine ziemliche Unordnung. Einige Kisten Thee waren aufgerissen und ihr Inhalt auf dem Boden zerstreut; auch einige Seidenballen lagen halbgeöffnet da, wie wenn sie beim Versuch, sie auf Deck zu schaffen, auseinander gegangen wären. Im Allgemeinen fand man aber auf den ersten Blick, daß der Raub kein so bedeutender war, als sie vielleicht befürchtet hatten. Capitän Johnson stieß einige Lucken auf, um noch mehr Licht hereinzulassen. Jetzt zeigte sich ihnen ein Anblick, der sie unter anderen Umständen wohl Alle zum Lachen gebracht hätte, jetzt aber nur dazu diente, ihre Verwirrung zu vermehren. In der Mitte des Raums lagen nämlich drei Menschen, alle nur halb bekleidet und mit zusammengebundenen Händen und Füßen, daß sie sich nicht rühren konnten, aber trotzdem in tiefem Schlafe, als ob sie Alles nichts angehe, was um sie herum vorging. Es waren offenbar Matrosen und Capitän Johnson erkannte sie augenblicklich als seine Leute, den ersten Steuermann nebst zwei Matrosen, welchen er die Wache auf dem Schiffe anvertraut hatte.

»Ha,« rief Marc mit einer Stimme, als wäre ihm ein schwerer Stein vom Herzen gefallen. »Nun werden wir endlich Aufklärung bekommen über diese fast mehr als mysteriöse Geschichte!« – Capitän Johnson aber nahm sich keine Zeit zu irgend einer Erklärung oder auch nur zu einem Ausruf, sondern auf den Steuermann zustürzend, welcher hier friedlich neben den zwei Matrosen schlief, schnitt er die Stricke entzwei, die denselben fesselten, und rüttelte ihn, daß es einen Stein hätte zum Leben bringen können. Dasselbe thaten die Polizeidiener an den Matrosen, aber je ärger sie rüttelten und stießen, um so unempfindlicher schienen die Bursche zu werden. Sie schnarchten laut fort und suchten sich ihrer Widersacher dadurch zu entziehen, daß sie ihren Körper auf die andere Seite wandten. Inzwischen war einer der Polizeidiener nach einem Eimer voll Wasser gesprungen, und schüttete diesen über den Steuermann hinab. Dieses Mittel verfehlte seine Wirkung nicht. Der Mann schnappte nach Luft, und riß endlich die Augen groß auf, als er die Menschen alle um sich herum erblickte. Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis er zum völligen Bewußtsein erwachte und besonders bis er sich der Dinge erinnerte, die gestern Abend mit ihm vorgegangen waren.

»Ja, ja, so ist es,« sagte er, sich endlich in Etwas sammelnd, und seine Lebensgeister zusammennehmend. »Es war im Zwielicht gestern Abend. Wir saßen beim Steuerruder bei einander und schwatzten von allerlei Dingen, da kam ein kleiner Knirps ans Schiff herangerudert und fuhr erst einmal um dasselbe herum, ob es auch richtig der Amarinth sei. Und wie er nun den Namen in goldenen Buchstaben am Vordersteven gelesen hatte, kletterte er wie eine Katze zu uns herauf, und meldete uns, daß der Capitän erst in der zweiten Wache an Bord kommen werde, denn es halte ihn ein Geschäft in Hobocken zurück; zugleich übergab er uns ein paar Flaschen ächten Bordeauxcognac, welchen uns der Capitän sende, damit wir die Wache um so besser aushalten könnten. Natürlich konnten wir an der Wahrheit der Botschaft nicht zweifeln, da ja der Cognac da war. Der war doch der handgreiflichste Beweis von der Aechtheit der Nachricht! Gut also, nachdem der Knirps sein Knäuel abgewickelt hatte, verschwand er wieder, wie er gekommen war, und wir machten uns daran, die Aechtheit des Getränks zu untersuchen. Wie aber das zuging, daß wir schon nach einigen Schlucken, denn wir waren doch unserer Drei für zwei Flaschen, genug hatten, kann ich wenigstens nicht begreifen. Ich hab' doch sonst allein meine zwei Flaschen auf mich genommen, und nun sollte mich schon eine halbe Flasche förmlich zu Boden werfen; daraus werde der Teufel klug! Und sonst war mirs den andern Tag wohl und munter zu Muth, wenn ich einen tüchtigen Trunk gethan hatte, und heute ist's mir so dumm im Kopfe, als lägen Kieselsteine drin; das muß ein ganz absonderlicher Brändi gewesen sein!«

»So wißt Ihr gar nichts, » rief Alfred, durch die Erzählung ganz und gar nicht zufrieden gestellt, »gar Nichts von dem, was heute Nacht mit dem Schiff vorgegangen ist? Wo habt Ihr denn den Cognac getrunken? Doch gewiß nicht hier unten im Schiffsraum?«

»Sicherlich nicht, Capitän,« war die ruhige Antwort, die jedoch mit einem bedeutenden Kopfschütteln begleitet war. »Sicherlich nicht hier unten, während wir den schönsten Platz am Steuerruder hatten. Und sicherlich auch nicht gebunden an Händen und Füßen, denn das hätte uns im Trinken bedeutend geniert. Aber klar weiß ich nichts mehr, sondern hab' nur eine dunkle Erinnerung, daß ein halb Dutzend oder auch noch mehr Kerls aufs Verdeck kamen, und uns ohne alle Umstände und Rücksicht zusammenfesselten und in den Raum hinab warfen, als wären wir ein Sack mit altem Brode. So, nun wißt Ihr Alles, denn mehr könnte ich nicht herausbringen, und wenn Ihr mich kiehlhohlen ließet. Der Brändi war gar zu stark.«

Weiter war nichts aus dem Mann herauszubringen und ebensowenig oder noch weniger aus den Matrosen. Der Polizeibeamte nahm den Banquier Morris auf die Seite. »Was ist hier zu machen?« fragte er. »Beharren Sie auf Ihrem Verdachte, daß der Capitän Johnson bei dem Diebstahle mit unter der Decke stecke? Es spricht nichts dafür; im Gegentheil scheint es, der ganze Raub sei ein wohl angelegtes Mannöver gewesen, dessen Anstifter mit den Gängen des Capitäns wohl vertraut war. Der Raubanfall auf denselben in der Canalstreet ist wohl der beste Beweis hiefür.«

»Wer beweist aber, daß das nicht eine fingirte Geschichte ist?« rief der Banquier in lebhaftem, fast ärgerlichen Tone. »Es ist natürlich, daß der Mann irgend etwas zu seinen Gunsten erfindet.«

»Ich, Herr Morris,« erklärte Marc Price, der den Flüsterworten mit äußerster Aufmerksamkeit gefolgt war, mit fester Stimme: »Ich werde beweisen, daß die Geschichte keine fingirte ist; denn ich war dabei, als der räuberische Anfall auf meinen Freund gemacht wurde.«

»Nun gut, Herr Polizeilieutenant,« versetzte der Banquier noch ärgerlicher, »so thun Sie, was Sie für gut finden. Jedenfalls ist mir Capitän Johnson für den aus dem Raub erwachsenen Verlust verantwortlich und ich verlange, daß er auf so lange verhaftet wird, bis der durch meine Leute zu ermittelnde Schaden gedeckt oder wenigstens Bürgschaft dafür geleistet ist.«

»Und wie hoch steigern Sie die Bürgschaft?« war Marcs Frage.

»Das ist Etwas, womit Sie jedenfalls nichts zu thun haben können,« meinte der Banquier, den jungen Mann verächtlich musternd. »Oder wären Sie vielleicht im Stande, bei einem ihrer Freunde eine Bürgschaft von zwanzigtausend Dollars aufzubringen? Der Stiefvater Alfreds wird sich wohl hüten, in diesem Falle vermitteln zu wollen, und sonst wüßte ich Niemanden, an den er sich wenden könnte. Oder wollen Sie vielleicht die Bürgschaft selbst leisten?« setzte er höhnisch hinzu. »'s ist eine Kleinigkeit, zwanzigtausend Dollars!«

»Und warum denn nicht, Herr Banquier Morris?« erwiederte Marc ruhig. »Ich selbst bin zwar keine zweitausend, viel weniger zwanzigtausend Dollars werth, allein ich bin fest überzeugt, daß mein Oheim, wenn ich ihn darum bitte, nicht nein sagen wird. Werden Sie die Bürgschaft des Herrn Price aus der Amitystreet annehmen?«

»Des Herrn Price aus der Havannah?« rief Herr Morris mit ziemlich veränderter Stimme. »Also Sie sind der Neffe, den er erwartete? Der Neffe und Alleinerbe? Wenn dem so ist, so brauchen Sie sich die Mühe, zu ihrem Oheim zu gehen und ihn um seine Einwilligung zu bitten, gar nicht zu geben; Ihr Wort ist mir Bürge genug,« setzte er mit einem Lächeln hinzu, das verbindlich sein sollte. »Herr Polizeilieutenant, ich bin mit der Bürgschaft des jungen Herrn Price vollständig zufrieden. Lassen Sie einige Ihrer Leute hier, das Schiff zu bewachen; ich werde meinen Buchhalter schicken, das Memorial mit dem Waarenvorrathe zu vergleichen, und der Schaden wird dann bald ermittelt sein. Herr Price, ich hoffe, bald das Vergnügen zu haben, Sie in meinem Hause zu sehen. Ihr Oheim und ich haben früher viele Geschäfte mit einander gemacht, und somit sind wir sozusagen alte Bekannte. In der That ist auch meine Tochter äußerst begierig, Sie kennen zu lernen, denn wir haben schon Vieles von Ihnen aus Ihren Reisen in Californien gehört.«

Mit diesen Worten verabschiedete er sich, dem Marc wie einem alten Freunde die Hand schüttelnd. Auf Alfred Johnson nahm er jedoch keine Rücksicht und that vielmehr, als ob dieser gar nicht existire. – Auch Marc und Alfred entfernten sich mit einander, indem sie das Schiff der Obhut der Polizei überließen. Sie bedurften der Ruhe und Ueberlegung nach einer solch aufregenden Scene.


7.
Frau Bodins Erzählung.

Es war einige Tage später. Wir befinden uns im Hause des alten Herrn Price, in der Amitystreet. Die Familie ist im Speisezimmer versammelt, denn es ist Frühstückszeit. Wenn wir übrigens von Familie sprechen, so haben wir vielleicht Unrecht, denn Herr Price hat keine eigentliche Familie, da er unverehelicht ist. Er und sein Neffe Marc, sowie die Verwalterin Caroline Myers bilden die Gesellschaft. Karoline sitzt oben an der Tafel, die mit Tassen, Tellern und Schüsseln bedeckt ist, denn ihr liegt es ob, die Honneurs des Hauses zu machen und gleichsam die Stelle der fehlenden Hausmutter zu versehen. Sie ist einfach, aber doch sorgfältig gekleidet. Das enganschließende schwarzseidene Gewand steht vortrefflich zu dem blassen, zarten Gesichte und dem unter schwarzen Wimpern verschleierten Auge. Der alte Herr Price ist ein jovial aussehender Mann von vielleicht sechzig Jahren. Seine Haare sind weiß, aber seine blühenden Wangen verrathen eine gute Gesundheit. Er hat sich so eben eine neue Butterschnitte zu seinem Kaffee geben lassen und versieht seinen Teller noch außerdem mit Schinken und Eiern. Man sieht es seinem Gesichte an, wie viel Vergnügen es ihm gewährt, in trautem Familienkreise am Frühstückstische zu sitzen, denn er unterläßt es keinen Augenblick, seinem Neffen und der Carlein zuzusprechen, es ihm im Appetite gleich zu thun.

»Marc,« sagte er zu diesem gewandt: »Du genießt ja gar nichts. Willst du dich denn aushungern? Aber wart', ich hab' etwas Anderes für dich, das dir gewiß Freude machen wird.«

Mit diesen Worten zog er ein Papier aus der Tasche, welches eine kleine Zeichnung enthielt, und übergab dasselbe seinem jungen Verwandten.

»Was hältst du hievon, mein Lieber?« fragte der gutmüthige Alte, freundlich lächelnd.

»Ei, es muß ein recht hübsches Grabdenkmal sein, wenn's nach dieser Zeichnung ausgefallen ist,« meinte Marc, das Papier mit Interesse betrachtend.

»Nun, ob's so ausgefallen ist, darüber sollst du selbst urtheilen, mein theurer Marc,« erwiederte der Oheim. »Es ist der Grabstein, den ich deinen Eltern in Greenwood habe setzen lassen, und gestern ließ mir der Baumeister sagen, daß Alles fertig und in Ordnung sei.«

»Liebster, bester Oheim,« rief Marc, seines Oheims Hand ergreifend, »du bist doch die Güte selbst. Diese zarte Aufmerksamkeit . . . .«

»Diese zarte Aufmerksamkeit,« fiel ihm der alte Herr mit freundlichem Tone in die Rede, »hast du nicht mir, sondern deiner und meiner lieben Freundin Caroline zu verdanken. Sie machte mich schon lange, ehe du hier ankamst, darauf aufmerksam, wie angenehm es dich berühren müßte, wenn ich deinen Eltern, die du so sehr geliebt, ein Grabdenkmal setzen würde. Also nicht mir, sondern ihr mach' deine Reverenz, mein guter Marc. Uebrigens, Kinder, ich meine fast, es wäre das Beste, Ihr führet nach Greenwood hinüber und würdet selbst nachsehen, wie die Sache ausgefallen ist.«

Einen langen Blick warf Marc auf Caroline Myers, als er ihr dankend die Hand drückte. »Eine innigere Freude hätten Sie mir nicht bereiten können, Carlein,« flüsterte er, indem eine Thräne in seinem Auge glänzte.

Sie erwiederte keine Silbe, aber er fühlte einen sanften Gegendruck ihrer zarten Finger und ihr gluthvolles Auge, das unter den dunklen Wimpern halbversteckt hervorstrahlte, streifte seinen Blick, daß sein Gesicht sich mit einer hohen Röthe bedeckte. Ohne sich weiter auffordern zu lassen, ertheilte sie den Befehl, daß der Kutscher sich bereit halte und holte dann Hut und Schleier, um mit Marc nach Greenwood zu fahren.

Greenwood Cemetery, der Kirchhof von Greenwood! Unstreitig gehört dieser Platz zu den Dingen, welche unübertroffen in der Welt dastehen. Es ist kein Kirchhof, es ist ein Lustgarten für die Todten! Wohl zwei Stunden von New-York entfernt liegt er auf der Insel Longisland, eine Stunde von der Stadt Brooklyn, und dehnt sich auf einer Strecke von mehreren Meilen aus. Rings von Mauern und lebendigen Hecken umfriedigt, bietet er in seinem Innern das Bild der größten Abwechslung. Es ist gleichsam ein Chaos von Berg und Thal zusammengewürfelt und doch kann man nichts Lieblicheres sehen, als dieses Chaos. Zwischen alten Waldesbäumen, die von zehn zu zehn Schritten den Boden beschatten, rieseln fröhliche Quellen dahin, den grünen Rasen in ewiger Frische erhaltend. Links und rechts, vorn und hinten, auf allen Seiten, wohin sich nur das Auge wenden mag, erheben sich Grabdenkmäler der allerverschiedensten Gattung, hier von Stein, dort von Eisen, da in Form eines Marmortempels, anderswo in der Gestalt eines Kreuzes oder einer Platte, bald kostbar und prunkvoll, bald sinnig und einfach, das eine Mal die stolze Gruft eines Fürsten der Kaufmannswelt, das andere Mal das Denkzeichen der vereinigten Liebe und Armuth. Geschmack und Kunst mag man vielleicht vielfach vermissen, nicht aber Hingebung und Treue. Jedes Denkmal ist von einem kleinen Gärtchen umgeben und das Gärtchen von einem niederen Zaune. Der Todte hat sein eigenes Haus, er ruht in eigenem Grund und Boden, den Niemand anzutasten bis in die entferntesten Zeiten das Recht hat; denn der Platz ist gekauft, und nur wenn ein weiterer Angehöriger der Familie stirbt, wird das Gärtchen geöffnet, um einem zweiten Grabe »auf dem Familienplatze« Raum zu geben. Der Reiche hat allerdings einen größeren Raum angekauft, und denselben durch die Pracht seiner Denkmale und Grabgewölbe ausgezeichnet; aber der Arme hat doch auch sein eigenes Plätzchen; und wenn es noch so bescheiden ist, so ist es doch »sein eigen.« Darin eben besteht der Stolz des New-Yorkers, sich nicht auf dem »Umsonstkirchhofe,« dem Armenkirchhofe in Pottersfield begraben zu lassen, und wenn er es daher nur irgend erschwingen kann, so kauft er sich sein Lot in Greenwood-Cemetery, um, wenn auch unangesehen im Leben, doch geehrt im Grabe zu sein.

Es ist ein schöner Weg, der Weg nach Greenwood, und wenn man Brooklyn einmal hinter sich hat, so genießt man die herrlichste Aussicht über die Bay von New-York. Marc sah aber hievon Nichts. Sein Herz war zu voll, als daß er für etwas »Weltliches« Sinn gehabt hätte. Er gedachte der Liebe seiner Eltern zu ihm, gedachte seiner fröhlichen, glücklichen Jugend, gedachte der Mühseligkeiten und Drangsale seines späteren Lebens und wie sich Alles so herrlich und glücklich für ihn verändert hatte. Es war Alles so schnell gekommen, daß er es fast wie einen Traum ansah, aus dem er sich zu erwachen fürchtete. So fuhr er still, fast wortkarg und doch glücklich in seinem Innern neben seiner Begleiterin dem Kirchhofe zu. Auch sie war schweigsam und verschlossen, aber wer sie genau beobachtet hätte, würde vielleicht einen stillen Triumph in ihren Zügen bemerkt haben, den sie sich anstrengte, nicht durchbrechen zu lassen. Doch konnte sie es nicht über sich gewinnen, den Stolz oder gar Hochmuth ganz zu verbergen, mit dem sie die Menschheit, die ihnen begegnete, übersah. Saß sie doch neben dem schönen Marc Price, dem Erben eines der reichsten Kaufleute New-Yorks! Sah doch Jedermann auf sie, als wäre sie die zukünftige Gebieterin aller dieser Herrlichkeiten, die »Zukünftige« des Herrn Marc Price selbst! – Erst als das Gefährt durch das Thor des Kirchhofes einfuhr, erwachte Marc aus seiner Träumerei. Gleich darauf hielten sie an, um die kurze Strecke zu dem Monumente, welches der alte Herr Price seinem verstorbenen Bruder und seiner Schwägerin gesetzt hatte, zu Fuß zurückzulegen.

Es war in der That ein schönes Denkmal. Nicht außergewöhnlich reich, aber voll Symmetrie und Anmuth. Caroline hatte Geschmack bewiesen, als sie bei dem Bildhauer diese Auswahl traf! – Von tiefer Wehmuth ergriffen, aber eines seligen Gefühles voll, suchte Marcs Blick das Auge seiner Begleiterin; dieser Blick sagte ihr mehr, als tausend Worte vermocht hätten! Hand in Hand standen sie, das Marmordenkmal betrachtend. Unwillkührlich und wie dessen was er that, unbewußt, zog er ihren Arm unter den seinigen; es war ihm, als müßte er sie an seine Brust schließen, um ihr für diese Liebe zu danken, denn Liebe kann nur mit Liebe belohnt und vergolten werden! Sie lehnte sich an ihn, als wäre er ihr natürlicher Hort und Schutz; ihr Kopf ruhte halb auf seiner Achsel, und ihr Auge suchte ihn mit einem Liebesstrahl, der sein Innerstes erbeben machte.

»Theure, süße Caroline,« flüsterte er, sie sanft an sichheranziehend, »wie sehr hat mich Ihr Herz verstanden!«

»Theurer Marc!« flüsterte sie zurück, sich fester an ihn schmiegend.

Der junge Mann fühlte sich aufs tiefste ergriffen; sein Herz schlug in der heftigsten Bewegung; da war es ihm auf einmal, als ob sein Innerstes plötzlich zusammengeschnürt würde; es kam ihm so vor, als ob ein kalter, schneidender Hauch über seine brennenden Wangen führe, und wie er aufsah, bemerkte er den Schatten einer Frau, die eben keine zwanzig Schritte von ihnen entfernt über den Fußweg ins Gebüsch schritt. Nur einmal hatte sie den Blick nach ihm gewandt, aber er hatte diesen Blick gefühlt, und derselbe war ihm durch Mark und Bein gedrungen; denn so voll Hohn, Triumph und Schadenfreude war dieser Blick, daß er giftiger traf, als der einer giftigen Schlange! Und aus solch' einem schreckhaft häßlichen und bösartigen Antlitz kam dieser Blick, daß er in seine Seele schnitt, als berührte ihn ein glühendes Eisen!

»Was ist dir, Theuerster?« flüsterte Caroline, als sie seine Bewegung bemerkte.

»Hast du das Weib gesehen?« erwiederte Marc, sich sanft von ihr losmachend. »Eine hohe, dürre Knochengestalt mit nur Einem Auge, das durchbohrend auf uns ruhte, als wollte es uns verderben!«

»Irgend eine irländische Bettlerin,« versetzte Carlein ruhig und kalt. »Wer wird sich von einer solchen erschrecken lassen?«

Der kalte, ruhige, beinahe spottende Ton berührte ihn unangenehm. Er schwieg, innerlich verletzt, obgleich er sich den Grund hievon selbst nicht gestehen mochte.

»Wollen wir in die Stadt zurückkehren?« sagte Carlein nach einer Pause. »Herr Price wird uns erwarten.« – Ihr Auge ruhte forschend auf ihm.

»Liebe Caroline,« erwiederte er nicht ohne einige Verwirrung, »ich weiß es nicht, welche Gefühle mich durchbeben. Die Erinnerung an meinen Vater, an meine theure Mutter, der Anblick des schönen Denksteines, den ich Ihnen zu verdanken habe, die ganze feierliche Umgebung, in der wir stehen, haben einen solchen Eindruck auf mich gemacht, daß ich am liebsten eine Zeitlang allein sein möchte. Lassen Sie mir Zeit, mich zu sammeln. Ein einsamer Spaziergang durch diesen Gedächtnißhain der Dahingeschiedenen wird mich am ehesten über mich selbst klar werden lassen. Entschuldigen Sie mich bei meinem Oheime. Bis heute Abend werde ich wohl meine seltsame Stimmung überwunden haben, und dann, dann hoffe ich, Ihnen so danken zu können, wie Sie es durch Ihre Güte gegen mich verdient haben.«

Sie waren während dem einige Schritte vorwärts gegangen und standen vor der Chaise, die sie hierher gebracht hatte. Er gab ihr die Hand und schritt dann ruhig und nachdenklich auf einem der vielen Fußwege dahin, welche die weiten Räume von Greenwood-Cemetery durchkreuzen. Sie sah ihm lange nach, und ein eigenthümlicher Zug voll Spott und Hohn flog über ihr blasses Gesicht. Dann befahl sie dem Kutscher, langsam vorauszufahren, und sie am Eingangsthore des Kirchhofs zu erwarten. Sie wollte diesen Theil des Weges zu Fuße zurücklegen.

Fast gedankenlos, weil von widerstreitenden Gefühlen bewegt, schritt Marc vorwärts. Der schmale Weg, den er verfolgte, verlief sich in vielen Krümmungen. Er achtete nicht darauf, denn es war ihm gleichgültig, wohin er gelangte; er wollte nichts, als Einsamkeit. Nunmehr kam er an eine Stelle, die von hohem Buschwerke beschattet war. Sie schien ihm wie gemacht, um seinen Träumereien nachzuhängen, denn von hier aus konnte er von keiner Seite gesehen oder gestört werden. Er legte sich ins Gebüsch nieder. Plötzlich hörte er Stimmen in der Nähe. Er glaubte, die eine dieser Stimmen zu kennen, denn mit diesem sanften, ruhigen Tone konnte nur die Eine sprechen, – die Eine, die ihn heute so außerordentlich angezogen und doch wieder so widerwärtig abgestoßen hatte! Er bog die Zweige etwas zurück, welche ihm die Aussicht versperrten. Keine zehn Schritte von ihm entfernt, auf einem breiteren Pfade, der auf der andern Seite hier vorbeiführte, hielten zwei Frauenzimmer, welche sich leise, aber eifrig besprachen. In der Einen erkannte er augenblicklich jene hohe, hagere, knochigte, einäugige Frau, deren giftiger Blick ihn vorhin so widrig berührt hatte; die Andere war Caroline.

»Wie weit bist du mit ihm, Schätzchen?« fragte die Einäugige mit einer heiseren, unangenehmen Stimme. »Ihr seid ja ganz zärtlich bei einander gestanden, so zärtlich wie ein Paar Turteltäubchen!«

»Er muß dich gesehen haben, Mutter,« erwiederte Caroline in ihrer gewöhnlichen ruhigen Weise. »Wenigstens paßte seine Beschreibung bloß auf dich. Aber was führt dich denn auf einmal hierher? Hast du vergessen, wie ich Euch warnte, mir durch unzeitiges Dazwischentreten mein Spiel zu verderben?«

»Ei, Liebchen,« lachte die Andere höhnisch, »wie ich euch Beide so gar zärtlich gleich einem verlobten Paare durch die Stadt fahren sah, konnte ich mir das Vergnügen nicht versagen, Zeuge Eurer verliebten Reden zu sein. So fuhr ich mit dem nächsten Stagetreiber hinter Euch drein und war schon auf dem Platze, ehe Ihr nur ankamt. Ich kenne die Wege in Greenwood und wußte mir den geradesten auszulesen. Aber, Linchen, das war ein prächtiger Gedanke mit dem Mausoleum. Der Narr von einem Jungen war ja ordentlich bis zu Thränen gerührt, so daß er dir fast um den Hals gefallen wäre.«

Sie lachte dazu so höhnisch, daß die Teufel in der Hölle eine Freude daran haben mußten. Aber auch in Carolinens sonst so mildem Gesichte zeigte sich ein Zug, der mit dem ihrer Mutter zu wetteifern schien.

»Habe ich dir nicht gesagt, er wird mich lieben?« versetzte sie verächtlich ausspuckend. »Und noch habe ich meinen letzten Trumpf nicht ausgespielt! Wenn die Männer auch sonst Allem widerstehen können, so werden sie doch durch Sinnenlust sicher zu Falle gebracht. Ich sage dir, ehe wir eine Nacht älter werden, ist er der Meinige. Doch stille, ich höre Tritte; wir dürfen nicht bei einander gesehen werden.«

Sie trennten sich nun und Caroline eilte der Stelle zu, wo der Wagen sie erwartete. Gleich darauf erhob sich Marc Price aus seinem Verstecke. Sein Auge flammte, aber jeder Tropfen Blut war aus seinem Gesichte gewichen. Ein heftiger Ausdruck stand auf seinen Lippen, aber er biß die Zähne zusammen, daß ihm kein Laut entschlüpfen konnte. Er schritt weiter, er wußte nicht wohin!

Eine gute Stunde oder zwei mochte er so in den Irrgängen des Kirchhofs herumgewandelt sein, da hatte sein Gesicht wieder die gewöhnliche Ruhe angenommen. Nur war statt der sonstigen Fröhlichkeit ein Zug der Wehmuth bemerklich, der die Traurigkeit seines Herzens verrieth. Der blaue Himmel über ihm, die frische, grüne Natur neben ihm, die Feierlichkeit und Stille seiner ganzen Umgebung hatte sein Gemüth wieder erstarkt, daß es den Schlag ertragen konnte, der es so eben in seinen Grundfesten erschüttert hatte. »Ich muß den Oheim schonen,« sagte er zu sich selbst. »Es möchte dem guten, alten Manne allzuwehe thun, wenn ich ihn urplötzlich über die Ränke dieser glatten, heimtückischen Schlange ins Klare setzte. Hat ja doch sogar mir, mir, dem kräftigen jungen Mann, die Gewißheit einer solchen teuflischen Bosheit fast den Todesstoß versetzt! Doch Gott hat mich sichtbarlich bewahrt, daß ich nicht in die Schlingen dieser glattzüngigen Buhlerin fiel, um mein ganzes Leben lang drin langsam zu ersticken. Sie ahnt wohl nicht, daß sie entlarvt vor mir steht; sie soll es auch nicht erfahren, bis ich meinen Oheim so weit vorbereitet habe, daß er den Schlag ertragen kann.«

Er ging langsam der Stadt zu. In einem einsam stehenden Wirthshause blieb er einige Stunden, um nicht zu bald dort einzutreffen, denn er wollte nicht vor später Nacht in seine Wohnung zurückkehren, um sie nicht noch einmal vor Augen zu bekommen, sie, die Falsche, die Betrügerin; denn er fühlte, daß er noch nicht stark genug sei, ein solches Begegnen mit Ruhe zu überwinden. So wurde es fast Abend, als er New-York erreichte. Langsam schlenderte er durch die Straßen, vor manchem hellerleuchteten Laden stehen bleibend und ohne bestimmten Zweck die Waaren, die dort ausgestellt waren, und die Menschen, die da hin- und herwogten, musternd. Plötzlich fühlte er, wie mitten im Gedränge eine leichte Hand seine Schulter sanft berührte. Er schaute sich um; ein junges Mädchen stand vor ihm, das bis zur Stirne hinauf erröthete, als er ihr ins freundliche Antlitz schaute.

»Endlich, endlich treffe ich Sie,« rief das Mädchen mit vor Freude hellleuchtenden Augen. »Ach, wie oft habe ich mich nach Ihnen umgeschaut, ohne Sie je erblicken zu können!«

»Bist du es, meine kleine Rosa,« erwiederte Marc lächelnd, als er das Mädchen erkannte. Es that ihm ordentlich wohl, in dieses unschuldige Gesichtchen zu blicken, das, vor lauter Vergnügen ihm begegnet zu sein, erglühte.

»Sie wissen meinen Namen noch?« frohlockte Rosa. »So haben Sie mich also nicht ganz vergessen. Und doch müssen Sie mich für ein recht garstiges Kind gehalten haben, daß ich es so lange anstehen ließ, Ihnen Ihr Goldstück wieder zu bringen, das Sie mir aus Versehen statt eines Zehncentstückes gegeben haben. Aber wahrhaftig, ich wußte ja Ihren Namen nicht und noch weniger Ihre Wohnung; so konnte ich Sie nicht aufsuchen, und habe mich deßhalb auch genug gegrämt. Aber nun müssen Sie mit mir kommen zur Mutter. Die hat das Goldstück in Verwahrung und wird es Ihnen zurückstellen und Ihnen zugleich danken, daß Sie sich eines armen Mädchens so freundlich angenommen, und es gegen die Rohheiten Anderer vertheidigt haben. Die Mutter ist ganz begierig, meinen Erretter zu sehen und zu sprechen.«

»Wohnt Ihr immer noch in demselben Häuschen?« fragte Marc, von dem naiven Geplauder der Kleinen mehr und mehr angesprochen.

»Ei freilich,« entgegnete diese. »Aber wir werden es bald so weit haben, ein anständigeres Quartier beziehen zu können. Sie müssen nämlich wissen, daß ich nicht mehr Orangenverkäuferin bin. Mutter wird immer gesünder und kann wieder besser arbeiten, und – und seit Sie mir sagten, daß es sich für mein Alter nicht mehr schicke, auf den Straßen herumzugehen, da – da bestand ich darauf, daß mich Mutter zu Hause beschäftige. Ich will lieber die ganze Nacht hindurch sticken und nähen, als etwas thun, was Ihnen mißfällt. Wir haben auch einige Arbeit erhalten und gerade komme ich aus einem Laden, wo ich mir etwas Material holte. Mutter sagt, ich mache gute Fortschritte, und ganz gewiß, es wird schon gehen, denn ich gebe mir alle Mühe.«

So plauderte das Mädchen fort und fort, während sie mit einander (denn Marc konnte ihrer kindlichen Einladung nicht widerstehen) der Straße zugingen, in der ihre ärmliche Wohnung lag. Wie so ganz anders, wie so natürlich, ungezwungen und wahr war das Benehmen dieses sechzehnjährigen Kindes, gegenüber der ausgesuchten Raffinirtheit der blassen, gluthblickenden Caroline!

Sie standen vor dem Holzhause in der Walkerstreet. Wiederum war die Hausthüre nur angelehnt, wiederum brannte Licht im zweiten Stocke; doch dießmal entfernte sich Marc nicht, sondern folgte dem Mädchen die halbverfallenen Treppen hinauf in ein schmales Eckzimmerchen, in welchem das Licht brannte. Ein blasses Weib saß an einem kleinen Tischchen und nähete emsig. Marc warf einen schnellen Blick im Zimmer herum, um sich durch das Aussehen desselben zu überzeugen, bei wem er sich befinde. Er hatte die Armuth schon in verschiedenen Formen kennen gelernt, besonders in den Städten Californiens; er hatte gelernt, aus der Art und Weise, wie diese Armuth sich zur Schau trug, auf die Personen der Armen, auf ihren Charakter zu schließen. Nimmt doch die gleiche bittere Noth bei dem sittsamen, ehrbaren Weibe eine ganz andere Gestalt an, als bei der wilden oder gedankenlosen Dirne, die ihre Verzweiflung in Branntwein zu ertödten sucht! Das Stübchen war klein, fast allzuklein für ein Wohnzimmer, aber es war reinlich und säuberlich gehalten; die wenigen Möbels (ein paar hölzerne Stühle, ein Tischchen, eine Kiste, die als Kasten und Commode zugleich dienen mochte, ein eiserner Rost, der die Stelle des Heerdes vertrat, und ein kleines Spiegelchen bildeten die ganze Ausstattung) schienen alt und gebrechlich, aber sie waren gescheuert und abgewaschen; das Bett in dem winzigen Alkoven – eine New-Yorker Arbeiterwohnung besteht immer aus einem Zimmer mit Alkoven, nicht mehr, nicht minder, und der Unterschied einer schlechteren oder besseren Wohnung liegt nur in der Größe dieser beiden Apartements, – so armselig es auch sein mochte (denn es bestand in der That nur aus einer Heumatratze und einem Teppich), war frisch gemacht und sogar mit einem, wenn auch alten und verschossenen, doch reinlichen und weißen Tuche überdeckt. Nirgends lag auf einem Stuhle oder über einem Nagel ein nachlässig hingeworfenes Kleidungsstück; Alles zeigte die zierlichste Ordnung und Ordnungsliebe. Der Anzug der emsig nähenden Frau stimmte mit dem Allem genau überein, denn wenn auch das Kleid ärmlich und blöde war, so war es doch reinlich und frischgewaschen. Ihr eingefallenes Gesicht zeugte von Noth, Kummer, Krankheit und Entbehrung mannigfacher Art, aber das frisch gekämmte Haar, die Reinheit der Züge, die Sauberkeit der weißen Hände mußten Jedermann vortheilhaft für sie stimmen.

»Kommst du endlich, mein Herz?« sagte die blasse Frau, als die Thüre geöffnet wurde, in französischer Sprache. Sie hatte offenbar die Anwesenheit eines Dritten noch nicht bemerkt, sei es nun, daß sie allzu emsig mit Nähen beschäftigt war, oder auch, daß sie ganz anderen Gedanken nachhing, um auf das leise Auftreten der beiden jugendlichen Gestalten, die ins Stübchen getreten waren, zu hören.«

»Ja, Mütterchen,« erwiederte die Tochter auf englisch, »und habe die Sachen mitgebracht, die wir zu unserer Arbeit brauchen. Aber so sieh' doch auf, Mutter, es ist noch Jemand bei mir, Jemand, den du schon so lange zu sehen wünschtest, ob wir gleich Beide noch nicht einmal seinen Namen wissen.«

»Marc Price heiße ich,« lächelte der junge Begleiter Rosa's. »Aber Sie müssen in der That meine Zudringlichkeit entschuldigen, Frau Bodin. Ihr Töchterchen hat mich mitgezogen und, ohne daß ich mir's versah, hierher gebracht.«

»Ja, das that ich, Mütterchen,« bekräftigte Rosa. »Du sehntest dich ja schon lange darnach, dem persönlich zu danken, der mich aus den Händen des wüsten Bill Poole befreite.«

»Sie sind dieser Herr?« rief die Frau nun in englischer Sprache, indem sie sich rasch von ihrem Stuhle erhob und auf Marc zuging. »Oh, wie soll ich Ihnen für diese Freundlichkeit danken! Fällt solche ja doppelt schwer ins Gewicht, wenn man so gar verlassen ist, wie wir Fremdlinge in diesem Lande.«

»Sie mußten sich oft und viel beängstigt fühlen,« erwiederte Marc, dem Dank der Frau auszuweichen suchend, »wenn Ihre Tochter so allein bis spät Abends auf der Straße zu sein genöthigt war? Ich freue mich zu hören, daß das nun anders geworden ist.«

»Ja, wir haben etwas Arbeit bekommen,« entgegnete die Frau ruhig und ohne Verlegenheit. »Rosa wäre auch um keinen Preis mehr ihrem früheren Handel nachgegangen seit jener Nacht, wo Sie ihr so hülfreich zur Seite sprangen. Aber dieß erinnert mich daran, daß wir noch ein Goldstück von Ihnen besitzen, welches Sie in der Dunkelheit verwechselten.«

Sie ging zu der Kiste, die in einer Ecke stand, und suchte das Fünfthalerstück aus einer Umhüllung von vielen Papierchen hervor.

»Ich habe es nicht verwechselt,« meinte jetzt Marc, sich weigernd, das Goldstück zurückzunehmen. Er gerieth aber dabei in sichtliche Verwirrung, denn die Manieren der Frau Bodin, so wie das Aussehen des Zimmerchens hatten ihn belehrt, daß er es keineswegs mit einer jener Armen zu thun habe, welche man ohne zu beleidigen mit einem Almosen unterstützen kann. »Ich habe es nicht verwechselt,« wiederholte er tief erröthend, »aber,« setzte er freimüthig hinzu, »ich wußte von Rosa, daß Ihnen noch ein kleines Kapital fehle, um die nöthige Summe für zu erhaltende Arbeit hinterlegen zu können; da dachte ich, zu welchem Zweck mich denn Gott mit Glücksgütern gesegnet habe, wenn ich nicht Andern davon mittheilen dürfte.«

»Wir haben noch nie gebettelt oder Almosen angenommen,« flüsterte die Frau mit einer Stimme, der man es anhörte, daß sie mit ausbrechenden Thränen kämpfte. »Doch Sie werden es uns bei unsern ärmlichen Umständen für einen Hochmuth ausrechnen, wenn wir Ihnen Ihre Gabe zurückerstatten.«

»Nein, wahrhaftig, Frau Bodin,« rief Marc, »und zum Beweise dessen, nehme ich das Geld zurück. Glauben Sie denn, ich wisse nicht, wie es Einem in der Armuth zu Muthe ist? Glauben Sie denn, ich habe es nicht selbst erfahren, daß es das einzige beglückende und erhebende Gefühl für den Nothdürftigen ist, wenn er sich sagen kann, daß er sich durch eigene Kraft, eigene Entbehrung, eigenen Fleiß über sein Elend hinweggeholfen hat? Gewiß, ich wollte Sie nicht kränken, Frau Bodin, und seit ich vollends Ihren Haushalt und Sie selbst gesehen habe, wäre es eine Schmach, Sie unter diejenigen rechnen zu wollen, welche erbärmlich und niedrig genug denken, durch Heulen, Lügen und Kriechen ihr Leben zu fristen, ohne gezwungen zu sein, eine Hand dafür müde zu machen. Nicht wahr, Frau Bodin, Sie sind mir nicht böse?«

Er nahm ihre beiden Hände und drückte sie sanft. Dabei sah er ihr so treuherzig in die Augen, daß man ihm nothwendig gut sein mußte, man mochte wollen oder nicht. Frau Bodin lächelte unter Thränen.

»Sie sind doch gerade, wie mir Sie mein Töchterchen geschildert hat,« sagte sie, »offen, gerade, treuherzig, mannhaft.«

»Ja, und der edelste, hochherzigste und tapferste Ritter dazu,« ergänzte Rosa, vor ihrer eigenen Rede in Purpur erglühend.

»Ach, du bist auch noch da, du närrisches Kind,« versetzte Marc von so viel Lobsprüchen verwirrt. Wie er jedoch auf das Kind, wie er es nannte, hinsah, mehrte sich nur noch seine Verwirrung, denn statt des Kindes sah er eine eben erst entwickelte Jungfrau, welche in holder Scham von Blut übergossen dastand. Er hatte nie etwas Schöneres gesehen; nie war ihm ein Mädchen unter einnehmenderen Umständen erschienen! – Nach einer halben Stunde waren die drei Menschen hier so vertraut mit einander, als hätten sie sich schon seit Jahren gekannt.

»Ich weiß nicht, woher es kommt,« meinte Marc nach einer Pause, »aber es ist mir immer, als wären wir alte Freunde. Gewiß deuten Sie mir es nicht falsch, wenn ich die Vermuthung ausspreche, daß Sie einst in andern Verhältnissen, zu denen Ihre jetzige Umgebung nicht paßt, gelebt haben.«

Marc fühlte sich am Rocke gezogen, als er dieß sagte, und wie er sich umschaute, sah Rosa bittend zu ihm auf. Sie hatte den Finger auf den Mund gelegt, wie um sein Schweigen zu erflehen. Aber nicht blos Marc bemerkte dieß, sondern auch ihre Mutter, über deren Züge ein schmerzliches Lächeln glitt.

»Sie weiß, es thut mir weh, Herr Price, mich hieran erinnert zu sehen,« versetzte Frau Bodin, »und sie möchte mir gerne diesen Schmerz ersparen. Aber Sie haben Recht, Herr Price, in dem was Sie vorhin sagten. Auch Sie kommen mir eher wie ein bewährter Freund, denn wie ein Fremdling vor, den ich heute zum ersten Male sehe. Ihnen, glaube ich, könnte ich meine Geschichte anvertrauen, ohne befürchten zu müssen, verlacht und verspottet zu werden, wie mir früher geschah. Und auch du, meine Rosa, – ich habe dich fast zu lange als ein Kind betrachtet und behandelt, während du doch zur Jungfrau herangereift bist, – es ist Zeit, daß du erfährst, was das Herz deiner Mutter schon seit Jahren bedrückt. Aber es ist eine lange, traurige Geschichte, und nicht geeignet für die fröhlichen Herzen der Jugend. Wollen Sie mich dennoch anhören?«

Sie erhielt keine Antwort, sondern die zwei jungen Leute, Rosa und Marc, setzten sich zu beiden Seiten der blassen Frau, ihre Augen begierig auf sie richtend. So zögerte denn Frau Bodin nicht länger, sondern begann also: »Meine Eltern lebten an den Ufern der Rhone, in der Nähe des Genfer Sees. Mein Vater war zwar kein reicher, aber ein sehr wohlhabender Bürger, der mir, als dem einzigen Kinde, eine Erziehung angedeihen ließ, die vielleicht über unsern Stand ging, aber durch die Nähe der vortrefflichen Erziehungsanstalten in Genf gar sehr erleichtert wurde. So wurde ich achtzehn Jahre alt, sprach, wie es in meiner Heimath Sitte ist, mehrere Sprachen, und ward nicht blos von meinen Eltern, sondern auch von den Nachbarn, als ein Mädchen angesehen, welches zu den besten Parthien zu rechnen war. Es fehlte mir daher, wie sich denken läßt, nicht an Freiern, aber mein Herz hatte noch keine Wahl getroffen, und meine Eltern drängten mich auch nicht dazu, denn sie liebten mich zu sehr, um mir einen Zwang auferlegen zu wollen. Unter denen, welche sich am meisten um mich drängten, war auch ein junger Mann von schöner Gestalt, aber von wildem Charakter. Man fürchtete ihn in der ganzen Gegend, denn so jung er auch noch war, so hielt man ihn doch allgemein für den Anführer der Schmugglerbande, welche damals die Gränzwächter in jener Gegend in Athem erhielt. Aber gerade diese Kühnheit machte einigen Eindruck auf mich, und es wäre wohl möglich gewesen, daß dieser Eindruck sich in Leidenschaft verwandelt hätte, wenn nicht eben damals ein Umstand eingetreten wäre, der allen meinen Neigungen eine andere Wendung gab. Mein Vater pflegte nämlich einen Theil seines Hauses den Sommer über an vornehme Reisende abzutreten, und wir brauchten nie um reiche Miethsleute verlegen zu sein, da unsere Wohnung eine besonders schöne Aussicht gewährte. Um jene Zeit nun logirte sich ein junger Americaner bei uns ein, dem es bald so wohlgefiel, daß er sich gar nicht mehr von unserer Gegend trennen zu können schien. Es war ein Mann von höchstens achtundzwanzig Jahren, groß und schön gebaut, mit sprechenden, klugen Augen und einem blassen, einnehmenden Gesichte. Ich bemerkte gar bald, daß weniger die Gegend, als meine eigene Person der Magnet war, der ihn bei uns festhielt. Ich kam nämlich gar viel mit ihm in Berührung, weil außer mir Niemand seine Muttersprache redete, und er von unserer Sprache wenig oder Nichts verstand. Anfangs benahm er sich ziemlich gleichgültig gegen mich, aber um so mehr suchte er bei Andern, wie ich aber erst lange, lange nachher erfuhr, auszuforschen, ob mein Herz an irgend einen der Jünglinge in unserer Nähe vergeben sei. Da mochte er denn auch Etwas von dem jungen Manne erfahren haben, den ich so eben als einen Anführer der Schmuggler bezeichnete und auf einmal war der Letztere aus unserer Gegend verschwunden. Er war, wie man allgemein behauptete, durch einen Dritten den Douaniers verrathen worden und wurde auch richtig ins Bagno nach Brest abgeführt. Von dort aus soll er später seine Flucht auf besonders kühne und verwegene Art bewerkstelligt haben, aber nur, um wieder eingefangen und noch härter gefangen gehalten zu werden. Man bedauerte ihn allgemein und fluchte dem, der ihn verrathen hatte; aber erst lange, lange nachher erfuhr ich, wer ihn verrathen habe. Sie errathen, wer es gewesen war. Niemand anders als der junge Americaner, der bei uns logirte, und der sich auf diese Art eines vermeintlichen Nebenbuhlers entledigen wollte. Ich führe dieses Alles nur deßwegen an, weil es am ehesten ein klares Licht auf den Charakter dieses Mannes wirft, der unter der Maske der Frömmigkeit, Sanftmuth und Gutmüthigkeit das schwärzeste Herz verbarg, welches je in einer menschlichen Brust schlug. Freilich damals dachte ich nicht so, damals hätte ich es gar nicht für möglich gehalten, daß hinter diesem ruhigen, fast demüthigen Blicke ein Charakter lauerte, der noch Keinen an kalter, heimtückischer Bosheit übertroffen hat; damals hielt ich ihn für den, als der er öffentlich erschien, für einen liebenswürdigen, offenen, gesitteten, frommen jungen Mann, welcher von Wenigen in untadelhaftem Betragen übertroffen werden könnte; damals konnte ich gar nicht anders von ihm denken, denn – ich liebte ihn. Still und eingezogen lebte er über ein Vierteljahr bei uns. Die meiste Zeit brachte er zu Hause oder auf einsamen Spaziergängen zu und nur selten – alle Wochen ein oder zwei Male – riefen ihn Geschäfte oder Besuche bei Freunden nach Genf. So sagte er, aber die Fama wollte später wissen, daß seine Besuche ganz andern Häusern und Versammlungsörtern gegolten haben, als er vorschützte, wenigstens zeigte es sich, daß er in den verrufensten Gegenden der Stadt und besonders in jenen streng verbotenen Häusern bekannt war, in welchen heimlich Bank gehalten und die Nächte dem Glücksspiel geopfert wurden. Doch, ich will hierüber hinweggehen, obgleich ich darin den Schlüssel fand, warum er oft so ausnehmend blaß und mürrisch am Morgen von Genf zurückkam. Ich kehre zur ersten Zeit unserer Bekanntschaft zurück. Diese mochte etwa ein Vierteljahr gedauert haben, da wurden seine Augen nach und nach beredter und sein Mund gestand mir endlich offen, daß er mich liebe. Von mir wußte er längst, daß mein Herz ihm gehöre, denn wenn es auch meine Zunge bisher verschwiegen hatte, so waren doch meine Blicke um so verrätherischer gewesen. Meine Mutter erschrack bis in den Tod, als ich ihr mein Glück eröffnete, denn sie glaubte nicht anders, als mich auf immer zu verlieren, denn er werde wohl nicht umhin können, meinte sie, mich in seine Heimath zu führen Auch mein Vater war gegen meine Wahl; er hätte von mir erwartet, daß ich einem Landsmann den Vorzug gegeben haben würde. Beide wollten mich aber nicht hindern, auf meine Art mein Glück zu finden. Noch an demselben Tag sprach mein Vater offen mit ihm über seinen Liebesantrag und Eduard Spencer, so nannte er sich, war, wie mir mein Vater später sagte, nicht wenig betreten, daß ich seine Erklärung meinen Eltern bekannt hatte. Wie er jedoch sah, daß Vater und Mutter nicht gut dazu sahen, wurde er nur um so eifriger, ihre Einwilligung zu unserer Verbindung zu erlangen. Um sich meine Eltern geneigter zu machen, versprach er auch gleich anfangs, sich in Genf gänzlich niederzulassen, was er um so eher möglich machen könne, da er ein ganz unabhängiger Mann sei, der von seinem Vermögen lebe. Endlich gaben meine Eltern ihr Jawort und die Anstalten zur Heirath wurden getroffen. Vorher aber sollte Eduard nach Paris reisen und bei seinem Gesandten seine Papiere in Ordnung bringen. Er blieb lange aus, schrieb mir aber jede Woche. Seine lange Abwesenheit entschuldigte er damit, daß er seines Vermögens wegen von seiner Vaterstadt Baltimore vorher Nachrichten erwarte. Endlich kam er zurück. Sein Paß, der auf Eduard Spencer lautete, war in der Ordnung, und auch im Uebrigen ließ sich, wie mein Vater meinte, nichts aussetzen, besonders da er zu gleicher Zeit eine ziemliche Summe Geldes bei einem Genfer Banquier niederlegte, und nebenbei meinem Vater erklärte, daß sein übriges Vermögen erst zu Gelde gemacht werden müßte, ehe er es von Baltimore bekommen könnte. So wurde denn der Tag der Hochzeit festgesetzt und bald waren wir Mann und Frau. Ein Vierteljahr schwamm ich im Glücke, denn mein Gemahl war so aufmerksam gegen mich, als ich nur immer von ihm erwarten konnte. Aber nach dieser Zeit begann mein Unglück, und nicht langsam kam es und sachte, wie manchmal sonst im Leben, sondern schnell, mit Riesenschritten, Schlag auf Schlag! Zuerst erkrankten meine Eltern fast zu gleicher Zeit und nach wenigen Wochen mußte ich sie beide begraben. Wie sie im Leben stets vereint waren, so blieben sie es auch im Tode, und ich danke Gott, daß sie nichts mehr von dem Elend erfuhren, das nun mit überwältigender Macht über mich hereinbrach. Ich hatte meinem Manne ausgedehnte Vollmacht gegeben, den Nachlaß meiner Eltern zu ordnen und darüber zu verfügen, wie er es fürs Beste hielt. Dieß that er auch, indem er all' unser Besitzthum verkaufte und zu baar Geld machte. Als Grund gab er an, daß wir künftig in der Stadt wohnen müßten, weil er sich mit einem Geschäfte in Genf betheiligen wolle. Es war mir Alles recht, denn ich hatte ja nur ihn, meinen Gemahl, und was er wollte, das wollte auch ich. Eines Abends saßen wir in meinem Zimmer beisammen; ich hatte ihm eben vertraut, daß ich ein Pfand unserer Liebe unter dem Herzen trage; aber so sehr er sich auch anstrengte, sich nach dieser Eröffnung zärtlich gegen mich zu erweisen, so konnte er doch eine Unruhe nicht bemeistern, die sich nach und nach immer mehr seiner bemächtigte. Er erwarte wichtige Briefe von Paris, sagte er mir. Plötzlich wurde die Thüre aufgerissen, und ein Judengesicht sah zur Thüre herein, meinem Gemahle einige Worte zurufend, die ich nicht verstand. »Nicht hier, Ephraim, nicht hier,« rief mein Gatte und sprang todesblaß auf. Er führte den Juden in sein Privatzimmer, und ich hörte einen kurzen heftigen Wortwechsel. Gleich darauf verließ der Jude das Haus eben so schnell, als er gekommen war. Voll Angst eilte ich in das Zimmer meines Gatten und fand ihn damit beschäftigt, in aller Eile seinen Koffer zu packen. »Um des Heilandes willen, was gibt es,« rief ich; aber ich hatte nicht Zeit, meine Worte zu wiederholen, da er mir auf meine erste Frage keine Antwort gab, denn schon stürmte es die Treppe herauf, und eine Frau stürzte in das Gemach, deren wuthentstelltes Gesicht ich nie vergessen werde. »Hab' ich dich endlich«, schrie sie, »du Dieb, Räuber, Schwindler, Ehebrecher? Ha, und dieß hier ist deine Concubine, du Niederträchtiger? Aber nun soll deinen Schandthaten ein Ziel gesetzt werden!« Mit diesen Worten sprang sie auf ihn zu, wie um ihn zu fassen, aber er kam ihr zuvor, ergriff ein Messer, das auf dem Tische lag und stieß es ihr in die Brust. Ein Blutstrom drang aus der Wunde, und sie sank zusammen. Ich war so außer mir, daß ich nicht mehr weiß, was zunächst vorging. Nur das sah ich noch, daß er über sie weg zur Thüre hinaussprang und verschwand. Von dieser Zeit an habe ich nichts mehr von ihm gesehen oder gehört.«

Frau Bodin schwieg hier erschöpft, denn die Erinnerung an diese schreckliche Begebenheit mochte ihre Nerven fast allzu sehr aufgeregt haben. Todesbleich saß ihre Tochter an ihrer Seite. Auch Marc war erschüttert; aber bald überwog die innere Empörung über solche Schandthat jedes andere Gefühl.

»Und dieser Schurke ist ein Amerikaner gewesen?« rief er mit vor Zorn und Verachtung funkelnden Augen. »Ich könnte mein Leben daran setzen, einen solchen Elenden zu entlarven und der Gerechtigkeit zu überliefern.«

»Ich fiel in eine hitzige Krankheit, aus der ich mich erst lange nachher wieder erholte,« fuhr Frau Bodin nach kurzer Pause mit leiser Stimme fort. »Man erzählte mir nachher, daß mein Gatte entkommen sei. Er hatte die Kühnheit gehabt, noch vorher in die Stadt zu eilen und all das Geld, das er aus meinem Besitzthum erlöst hatte, bei dem Banquier zu erheben, bei dem es deponirt war. Ohne Zweifel entfloh er unter anderem Namen und mit falschem Passe in Gesellschaft seines Helfershelfers, des Juden, der um ihn zu warnen gekommen war. Die Frau, die er mit dem Messer zum Tode verwundet, war, wie sich aus der angestellten Untersuchung zeigte, ein anderes Opfer seiner Lust. Er hatte sie, was ihre Papiere bewiesen, vor ganz Kurzem unter dem Namen John Lewis in Paris geheirathet und sich ebenfalls ihr ganzes Vermögen angeeignet. Sie fand aber seine Spur auf und reiste ihm nach, um von ihm den Tod zu empfangen; denn sie starb einige Tage nach dem schrecklichen Ereigniß. So stand ich nun verlassen, elternlos, vermögenslos, eine Frau ohne Gatten! Ich ernährte mich, wie ich wieder genesen war, von Nähen und Sticken; und mein einziger Trost warst du, Rosa, der ich einige Monate darauf das Leben gab. Doch, gänzlich verlassen war ich doch nicht; ich hatte noch einige Freunde. Sie wandten sich an den amerikanischen Gesandten in Paris, sie wandten sich nach Baltimore. Aber Niemand wußte etwas von einem Eduard Spencer oder John Lewis. Beide Namen waren ohne Zweifel angenommene, und die Pässe und Urkunden waren alle gefälscht. Nur einmal glaubte man eine Spur von ihm zu haben, aber sie führte nicht nach Baltimore, sondern nach New-York. Fünf Jahre trug ich so mein Elend. Die Armuth und der Hohn meiner Landsleute lag schwer auf mir, denn wenn man auch offen vor der Welt Mitleid mit meinem Unglück heuchelte, so war die Zunge der giftigen Verleumdung und Verspottung im Geheimen um so thätiger, ob ich gleich die Vorsicht anwandte, den Namen Spencer abzulegen und meinen Familiennamen wieder anzunehmen. Länger konnte und wollte ich ein solches Leben nicht mehr führen. – Ich hatte mir so viel verdient, daß ich mit meinem Kinde die Reise nach Amerika zu bestreiten vermochte, und es lebte die Hoffnung in mir, in diesem fremden Lande Männer zu finden, welche sich der Verlassenen annehmen und durch Auffindung des Betrügers ihr zu ihrem Rechte verhelfen würden. Ich habe mich getäuscht. Niemand hörte auf mich; Jedermann verlachte mich; Jedermann höhnte mich. Die Besten zuckten mitleidig die Achseln, als ob ich etwas Unmögliches verlange. Niemand kümmerte sich um mich. Trostlosigkeit bemächtigte sich meiner; der Kummer und vielleicht auch das ungewohnte Klima machten mich krank. Ohne die Hülfe meines damals kaum sechsjährigen Kindes, das sich und mich durch einen kleinen Handel mit Orangen ernährte, wäre ich verkommen. Doch jetzt hat mir Gott meine Gesundheit wieder gegeben und ich will von nun an nur noch der Erziehung dieses Kindes leben, es Gott und seinem weisen Rathschlusse überlassend, ob der Bösewicht auf dieser Erde noch entlarvt werden soll oder nicht.«

Sie schwieg und Rosa warf sich in ihre Arme, um ihr durch ihre Liebkosungen gleichsam einen Ersatz für so viele ausgestandene Leiden und Drangsale zu bieten.

Marc stand auf und bot der armen Frau die Hand. Ein fester Entschluß war in ihm zur Reife gelangt. »Von nun an, Frau Bodin, sollen Sie nicht mehr verlassen sein,« rief er begeistert. »Ich bin nur ein schwacher Mensch, aber vielleicht gefällt es Gott, aus mir das Werkzeug zu machen, das den Elenden zur Rechenschaft zieht, welcher an Ihnen so frevelhaft gehandelt hat. Von nun an wenden Sie sich an mich, Sie mögen in einer Lage sein, in welcher sie wollen; Marc Price wird thun, was in seinen Kräften steht. Und Sie, Rosa« – er wagte es nicht mehr, »du« zu sagen und das Mädchen als ein Kind zu behandeln – »wie soll ich Ihnen Abbitte genug leisten für meinen Tadel, den ich bei unserer ersten Zusammenkunft gegen Sie äußerte? Tadel über Ihre Beschäftigung, Ihre nächtlichen Gänge auf der Straße, während Sie dafür das höchste Lob verdienten, das eine Tochter nur immer verdienen kann! Denn was wollen all' die ruhmrednerischen Berichte über kindliche Aufopferung, die ich schon gelesen, besagen im Vergleich zu der That, daß Sie als sechsjähriges Kind schon die Mutter ernährten? Aber von nun an will ich nie mehr nach dem äußeren Scheine urtheilen, sondern nur erst, wenn ich die wahren Beweggründe erforscht habe. Doch noch eine Frage, Frau Bodin, haben Sie nie einen Rechtsgelehrten in diesem Lande über Ihren Fall befragt?«

»Einmal that ich es,« erwiederte diese, »er verlangte einen Vorschuß von zwanzig Thalern. Ich gab ihm diesen, aber nach acht Tagen kam er um einen neuen Vorschuß ein und als ich ihn nicht mehr leisten konnte, lachte er mir ins Gesicht und ging seiner Wege.«

»Ja, so sind die meisten,« sagte Marc unwillig. »Wahre Harpyen! Aber – nehmen Sie mich zum Advokaten an. Vertrauen Sie mir ihre Papiere. Ich verstehe zwar nichts von juridischen Kniffen und Ränken, aber ich meine es redlich und ehrlich, und wenn's zum Treffen kommt, so weiß ich einen Rechtsgelehrten, der alle andern durch seine Kenntnisse überragt und doch eine Geradheit der Gesinnung damit verbindet, die keinerlei Bestechung zugänglich ist.«

Frau Bodin ging wieder zu der Kiste, welche in der Ecke stand, und holte aus deren untersten Tiefe ein Päckchen Papiere hervor, welche durch ihr Alter fast vergilbt waren. Es war ihr Trauschein und einige Briefe, welche sie aus ihrer »glücklichen« Zeit aufbewahrt hatte.

»Es ist wohl Alles vergebliche Mühe,« versetzte die Frau mit traurigem Lächeln, »wie soll man in diesem weiten Lande oder auch nur in dieser großen Stadt einen ausfindig machen, von dem man nicht einmal den rechten Namen weiß?«

»Wo Menschenweisheit aufhört, fängt Gottes Walten an,« erwiederte Marc mit fester Stimme. »Es mag sein, daß wir keine Spur von dem Meineidigen finden, der Sie so schändlich betrogen hat, aber dafür möge Ihnen das ein kleiner Ersatz sein, daß ich mich von nun an verpflichtet halte, Ihnen beizustehen, als wäre ich Ihr ältester und bewährtester Freund.«

Er nahm Abschied, nachdem er ihnen seine genaue Adresse gegeben hatte. Mutter und Tochter hielten sich noch lange umschlungen; sie dachten für heute nicht mehr an's Arbeiten! »So denke ich mir den Ritter Georg, Mutter, von dem du mir, als ich noch ein kleines Kind war, so viel erzählt hast,« flüsterte Rosa unter Thränen lächelnd. »Und jetzt kann ich doch seinen Namen nennen, wenn ich ihn in mein Gebet einschließe,« setzte sie noch leiser hinzu; denn dieses süße Geheimniß verschloß sie sogar vor der Mutter.

Aber wie sie seiner gedachte, so gedachte er ihrer. »Es ist ein edles, schönes Mädchen,« sagte er zu sich selbst, durch die Straßen hinwandelnd. »Und wie verachtungsvoll habe ich sie anfangs behandelt! Wie doch oft unter der niedersten Hülle das hochherzigste Wesen verborgen sein kann! Und wie viel Elend wurde durch diesen einen schlechten Menschen hervorgebracht! Aber ich wollte, ich hätte ihn zwischen meinen Fäusten, ich glaube, ich könnte den Burschen zermalmen! Doch, Alfred hat mir so viel von Brady erzählt, er soll doch einmal den Fall prüfen, ob da nicht etwas gethan werden kann!«

Auf langen Umwegen schritt er seiner Wohnung zu. Es war zwar schon ziemlich spät, aber es drängte ihn, im Freien nachzudenken und zu überlegen; darum eilte er nicht, sein Quartier zu betreten. Endlich stand er aber doch vor seines Oheims Hause, und jetzt fiel ihm auf einmal ein, was er heute Morgen in Greenwood erlebt hatte. Es war ihm dieß durch die Erzählung der Frau Bodin ganz aus dem Gedächtniß gekommen. »Sie wird doch nicht, wie sie bisher zu thun gewohnt war, noch wach sein, mich zu empfangen?« dachte er. »Ich könnte meine Verachtung kaum bemeistern. Und doch, – sie weiß ja gar nicht, daß ich sie belauschte; sie wird mich sicherlich erwarten! Sie hat ja noch einen letzten Trumpf auszuspielen, um den dummen Jungen vom Lande zu fangen, der so glücklich ist, ein reicher Erbe zu sein! Welcher Gegensatz zwischen ihr und Rosa!« Unwillkührlich erröthete er, als er den letzten Satz fast laut dachte. Er schloß die Hausthüre und stieg die Treppen hinan. Dießmal war sie ihm doch nicht entgegengekommen, wie sie sonst regelmäßig gethan hatte.

Im hintern Wohnzimmer brannte noch Licht. Man hatte es wahrscheinlich dahin gestellt, damit er keine Mühe habe, seinen Zimmerschlüssel zu suchen. Die Thüre war nur angelehnt. »Sie wird doch nicht hier innen sein?« Die Angst war vergeblich. Das Zimmer war leer, wenigstens sah er Niemanden; aber der Theekessel kochte und kalte Küche war auf dem Tische aufgestellt. Sie hatte also doch mit gewohnter Aufmerksamkeit an ihn gedacht, »damit er einen Vorschmack der Liebe und Zärtlichkeit bekomme, mit der sie ihn einst behandeln würde, wenn er einmal ihr Gatte sei.« In der That, Nichts war vergessen, ihn glauben zu machen, daß eine vorsorgliche, liebende Fee hier gewaltet habe. »Die elende Heuchlerin,« dachte er und zündete sich seine Nachtkerze an, um sich zu entfernen, denn er fühlte kein Bedürfniß, von den Speisen zu kosten, die sie ihm bereitet hatte. Da hörte er plötzlich einen tiefen Seufzer neben sich. Fast erschrocken schaute er sich um. Hart neben ihm, auf dem Divan, lag eine weiße Gestalt. Die Lampe, die im Zimmer brannte, war so gestellt, daß der Divan förmlich im Schatten stand; deßwegen hatte er auch bisher Niemanden bemerkt. Jetzt fiel das Licht seiner Kerze auf die Gestalt. Es war Caroline! Sie lag in lieblicher Verwirrung auf den weichen Polstern. Ihr Haar hatte sich aufgelöst, und hing in Locken über den halb offenen Busen. Das Kleid hatte sich verschoben und zeigte in kühnen Wellenlinien die Formen des üppigen Körpers. Sie schlief oder schien wenigstens zu schlafen. Nochmals seufzte sie tief auf, aber ihre Lippen umspielte ein süßes Lächeln und leise, leise hauchten sie: »Marc, mein theurer Marc.« Marc sah Alles und hörte Alles. Verächtlich wollte er sich abwenden; aber in demselben Augenblicke faßte ihn eine zarte Hand und zog ihn leise an sich. »Mein theurer, theurer Marc,« hauchte es nochmals und dann hefteten sich zwei glühende Lippen auf die seinen und erstickten ihn fast mit ihrem Kusse, und zwei weiche Arme umschloßen ihn, und verstrickten sich fester und fester und zogen ihn zu sich nieder!

»Buhlerische Heuchlerin!« rief Marc und befreite sich durch einen kräftigen Stoß aus ihren Banden.

Jetzt erst schien sie zu erwachen und schaute ihn verwundert an. »Was ist dir plötzlich, mein Lieber?« flüsterte sie. »Kennst du deine Carlein nicht mehr?«

Lange schaute er sie an, ohne ein Wort zu sagen. Sollte wirklich in diesem schönen Leibe ein solch verdorbenes Herz wohnen? Sollten diese frischen Lippen, diese verführerischen Augen nur dazu dienen, ihr den Fang ihres Opfers zu erleichtern? – Endlich nahm er das Licht und schritt hart vor sie hin. »Caroline Myers,« sagte er ruhig, kalt, fast schneidend, »wer war die große einäugige Frau, mit der Sie sich heute Morgen in Greenwood so freundlich über mich unterhielten?« Dann verbeugte er sich, ohne eine Antwort zu erwarten und schritt zur Thüre hinaus.

Caroline Myers sank wie vernichtet ins Sopha zurück.


8.
Der Mustergeistliche.

Auf einer Anhöhe der Highstreet in Brooklyn, der »reichen Vorstadt« von New-York, oder vielmehr der »Vorstadt der Reichen,« steht eine stattliche Kirche, die Sanct-Kilianskirche, von deren Thurme man eine herrliche Aussicht sowohl über ganz Brooklyn, als auch über New-York selbst und die ganze Bai bis nach Hobocken, Jorcycity und das malerische Statenisland hin genießt. Die Stadt Brooklyn ist nämlich nur durch einen schmalen, an vielen Stellen kaum zehn Minuten breiten Meeresarm, den Eastriver oder Ostfluß – »Fluß« genannt, weil er gewissermaßen die Fortsetzung des Harlemflusses ist, welcher, aus dem Hudson kommend, in den Sund fließt und dadurch New-York zu einer Insel macht – von New-York getrennt. Sie liegt auf der äußersten Spitze der großen Insel Longisland, viel höher und gesunder, als das mit ihr durch viele Dampffähren eng verbundene New-York, und wurde deßhalb schon seit fünfzig Jahren der Zufluchtsort derer, welche sich aus dem Staub und dem Gewühl der großen Welthandelsstadt zu größerer Stille und Ruhe zurückziehen wollten. Wohl gibt es auch in den Vorstädten New-Yorks, in den breiten Avenues und ihren stolzen Nebenstraßen, Gegenden, in welche sich der Schritt des Armen nicht verliert; wohl stehen dort der Palläste und Schlösser eine Menge, deren Umgebungen nie von dem Getöse des Handels und der Fabrikwelt erniedrigt, nie von dem gemeinen Anblick eines Arbeiters herabgewürdigt werden; aber um dort residiren zu können, muß man eine Million besitzen! Denn wer könnte in jener Gegend nur halbwegs mit Ehren existiren, wenn er nicht im Stande ist, es einem Wallstreetfürsten gleich zu thun, und jährlich seine Fünfzigtausend draufgehen zu lassen? So haben sich die »Bedaurungswürdigen,« welche nur im Stande sind, zehn bis zwanzigtausend Dollars jährlich zu verbrauchen, die »Armen,« welche nur Fünf- und Sechsmalhunderttausende besitzen, ihre Wohnungen außerhalb New-York gewählt, und Brooklyn erhielt den Vorzug vor andern Gegenden. Auch dort ist man der Gefahr entrückt, mit dem gemeinen Pöbel in Berührung zu kommen, auch dort ist es »fashionable« zu wohnen, weil man entfernt ist von der »beschmutzenden Nähe der Armuth!« Deßhalb zeichnet sich Brooklyn vor andern Städten Amerikas durch seine stattlichen Häuserreihen, durch die Stille und Vornehmheit seiner Straßen, und besonders durch den Reichthum und die »Exclusivheit« seiner Kirchen aus. Der Amerikaner nämlich geht jeden Sonntag in die Kirche. Es ist das ein Herkommen, ein Gebrauch, eine Nothwendigkeit! Was hätte man am Sonntag, wenn man vollends keine Kirche hätte? Aber soll der Reiche und Glückliche verurtheilt sein, dasselbe Gotteshaus zu besuchen, das für den Armen und Herabgekommenen da ist? Hat nicht der Reiche seine eigenen Quartiere, seine eigenen Clubs, seine eigenen Hotels, sollte er nicht auch seine eigenen Kirchen haben? Gewiß! Er kann es ja, er hat ja Geld, er ist reich genug, sich sein eigenes Gotteshaus zu kaufen! Vielleicht auch seinen eigenen Himmel? Warum nicht? Er wird doch nicht mit dem Bettler ein und dasselbe Paradies bewohnen? Sonst würde er wahrhaftig lieber darauf verzichten! Aber nein, er hat wirklich seinen »eigenen« Himmel, denn er erkaufte sich ihn durch Mildthätigkeit, ja sogar durch Splendidität gegen die Kirche! Zum Bau, zur Ausschmückung seines Gotteshauses, zur Gewinnung und Befreundung des segenspendenden Geistlichen verausgabt er mit Freuden Hunderte, Tausende, Zehntausende. Somit hat er den Himmel durch seine reichen Gaben gewonnen, und dieser ist, weil er die Bezahlung angenommen hat, verpflichtet, ihn in sich aufzunehmen! Was liegt daran, wie diese Hunderte oder Tausende erworben wurden? Das ist Nebensache; sie sind ja nun zum Ankauf des Himmels verwendet worden. – Ist es bei solchem Glaubensartikel der Reichen Amerikas ein Wunder, wenn »die Stadt der Reichen,« das schöne, stolze Brooklyn, reich an Kirchen und Tempeln ist? Und wahrhaftig, sie ist reich daran, so reich, daß man sie schon, und nicht mit Unrecht, »die Stadt der Kirchen« genannt hat. Man könnte sie vielleicht mit noch mehr Recht »die Stadt der Kopfhängerei, der Heuchelei und des Bigettismus« nennen!

Eine der stolzesten Kirchen Brooklyns ist die Kirche in der Highstreet. Nicht daß der Baustyl derselben besonders erwähnenswerth wäre, denn er ist weder gothisch, noch byzantinisch, noch überhaupt ein Styl. Auf so etwas legt der Amerikaner keinen Werth; er versteht gar nichts davon und will nichts davon verstehen. Was soll es auch für einen Zweck haben, Jahrzehnte lang kunstgeübte Steinmetzen die Quader bearbeiten zu lassen, damit endlich ein Bau dastehe, der einige Aehnlichkeit mit dem Münster zu Straßburg oder dem Dom zu Speyer habe? Ein einfaches Haus aus rothen Backsteinen thuts eben so gut, wenn es nur groß und geräumig genug ist! Wir finden also nichts, als vier hohe Mauern mit doppelten Fenstern, und ein schiefes Dach mit Platten belegt. Der Thurm des Hauses ist geschmacklos, gleichsam nur hingeflickt, nur dazu da, eine einzige kleine Glocke zu beherbergen, welche das Zeichen zum Kirchgang gibt. Aber was haben wir uns um das Aeußere des Thurmes und der Kirche zu bekümmern? Treten wir ein ins Innere des Gotteshauses und wie verändert sich auf einmal unser Blick! Wie erstaunt glänzt auf einmal unsere Miene! Nicht daß uns das Hohe und Hehre der geräumigen Halle zur Andacht stimmte, nichts von allem dem! Das Dommäßige, das Münsterartige, das Kirchliche ist es nicht, was uns überrascht, aber das Reiche, das bequeme, das Hoffährtige! Es sind der Stühle viele, aber nicht einer ist, der nicht mit weichen Polstern ausgestattet, mit reichen Draperien verhängt wäre! Das Bänkchen, auf dem das Gesangbuch liegt, ist mit rothem Damast gefüttert, der Schemel, auf dem wir beim Gebet zu knieen haben, ist sammtweich anzufühlen, und mit Roßhaar und Federn gefüttert; der Boden, auf dem die Füße stehen, zeigt sich elastisch und warm, wie ein Eiderdunenbett. Alle Gänge sind mit dicken, kostbaren Teppichen belegt, denn der Reiche ist nicht gewohnt, auf gemeinem Gesteine aufzutreten. Die Kanzel selbst ist mit Damast umwickelt und wo der Geistliche zu knieen hat, breiten sich weiche Kissen aus, die aus den werthvollsten Stoffen gearbeitet sind. Hier ist kein Gesangbuch zu sehen, das nicht seine goldenen Klappen hätte, und keine Bibel, die nicht in Goldschnitt und silbernem Schlosse prangte. Nie hat man eine Dame hier innen erblickt, die nicht in Seide und Sammt gekleidet gewesen wäre, und kein Mann trat über die Schwelle, der sein Gebetbuch mit bloßen Händen berührt hätte. Selbst der Thürsteher trägt seidene Strümpfe und der Knopf seines Portierstockes ist von purem Golde. Man siehts ihm an, daß er »die Schande nie erlebte,« einem »Armen« den Kirchenstuhl geöffnet zu haben! – Solcher Art ausgestattet ist die Sanct-Kilianskirche in der Highstreet in Brooklyn.

Es war an einem Nachmittage. Ein junges Paar war so eben getraut worden und die Brautleute, wie die Zeugen und Anverwandten, fuhren in reich vergoldeten Karossen, die vor dem Portale gehalten hatten, ab. Der Geistliche, der die Trauung verrichtete, schritt langsam und feierlich seinem hart neben der Kirche liegenden Wohnhause zu. Es war ein hoher, schlanker, magerer Mann, mit ernsten, fast salbungsvollen Zügen, in denen noch die feierliche Würde, mit der er die geistliche Handlung geschlossen hatte, thronte. Das Gesicht war glatt und bartlos, das Auge zu Boden gesenkt, die Kleidung glänzendes Schwarz, von dem nur der weiße Halskragen abstach. Er mochte fünf- oder sechsundvierzig Jahre zählen und stand also im besten Mannesalter; doch hatten sich um Mund und Nase jene schiefen Falten gezogen, welche fast immer in Folge heftiger Ausschweifungen oder auch schwerer Leiden und Anstrengungen sich einzustellen pflegen. Auch die Stirne war nicht mehr glatt und um die Augenhöhlen spielten jene blauen Adern, welche ein zu schnelles Altern ankündigen. Dasselbe Merkmal zeigten die Haare, welche nur spärlich unter der Sammtmütze sich hervorstahlen. Alles ohne Zweifel Folgen ernster und tiefer Studien, wenn man auch bei einem »Weltmanne« vielleicht auf andere Ursachen geschlossen hätte. Aber wem hätte es beikommen können, bei diesem frommen, hochwürdigen und hochberühmten Prediger an »weltliche« Sünden zu denken? Wahrhaftig, ein solcher Gedanke schon wäre sündhaft gewesen und hätte nur einem tiefverdorbenen Gemüthe in den Sinn kommen können; denn der, von dem wir sprechen, war in der bei aller Welt in ganz Brooklyn und New-York tief verehrte Doctor Beecher, der erste Prediger an der Sanct-Kilianskirche in der Highstreet, der mit der Miene eines Heiligen seiner Wohnung zuschritt!

Ein Diener, der ihn unter der Hausthüre erwartete, nahm ihm die heiligen Bücher ab, die er unter dem Arme trug. Der Diener war reich in Livree gekleidet. Auf der Treppe fragte ein anderer Diener, ob er die Pferde zum Ausfahren bereit halten sollte, ward aber abschläglich beschieden. Man sieht hieraus, daß der hochwürdige Herr in seiner äußeren Stellung der von ihm vertretenen Gemeinde keine Schande machte! Wo in der ganzen amerikanischen Welt möchte aber auch ein Mann, der in der Wallstreet aus- und eingeht, einen Seelsorger haben, der – seine Visiten zu Fuß abmachte? – Der Doctor schritt durch ein Vorzimmer seinem Privatzimmer zu. Auch dieses entsprach dem Reichthum der Gemeinde, denn es war ein in Beziehung auf die Pracht der Möbels und Teppiche fast fürstlich ausgestattetes Gemach. Eine alte Dienerin folgte ihm, einen Teller mit Wein und Backwerk auf ein Credenztischchen stellend. Der Herr Doctor war nämlich, wie wir aus der Erzählung Alfreds, seines Stiefsohnes, wissen, Wittwer, und führte das Leben eines Junggesellen, allein er trieb die Rücksicht auf die Decenz und die Reinheit seines Rufes so weit, daß er nur diese eine alte weibliche Person in seinem Haushalte duldete. Die übrige Dienerschaft bestand aus lauter männlichen Wesen.

»Niemand da gewesen, Anna?« fragte der Doctor, sich nachlässig in einen Stuhl werfend, und an dem Weine nippend.

»Niemand,« erwiederte die alte Frau. »Nur haben die Colts herüber gesandt, ihre kranke Kindswärterin wäre so gar sehr nach geistigem Zuspruch begierig, und die alte Lindsey, die sich beschwatzen ließ, ihr Vermögen schon bei Lebzeiten ihrem Tochtermann abzutreten, hat auch geschickt und will, daß Sie ihr die heilige Communion reichen, denn sie glaubt wieder einmal sterben zu müssen.«

»Für heute bin ich wahrhaftig zu müde und angegriffen,« erwiederte der Doctor gähnend. »Die Leute machen doch gar zu große Ansprüche. Einer Kindswärterin Trost zusprechen! Und vollends die alte Lindsey, die keinen Dollar mehr im Vermögen hat, um nur den Meßner zu bezahlen! Das hat morgen oder übermorgen oder auch die nächste Woche noch Zeit.«

»Dann hat die Wittwe Hicks um eine Unterredung gebeten,« fuhr Anna fort.

»Wer?« fuhr der Doctor auf. »Die alte Hicks an der Fultonavenue, die ihre Viermalhunderttausend und mehr werth ist? Warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Neel soll sogleich anspannen. Ich darf sie keine Minute warten lassen.«

»Frau Hicks hat sich Ihren Besuch erst auf morgen erbeten,« erwiederte Anna; »sonst hätte ich selbst schon im Voraus das Einspannen bestellt.«

Weiteres war nicht zu rapportiren und Frau Anna entfernte sich. Der hochwürdige Herr wandte sich nun den Briefen zu, welche in der Zwischenzeit eingelaufen waren und auf seinem Schreibtische lagen. Einen nach dem andern riß er auf und es war ergötzlich, den Wechsel seines Mienenspiels zu beachten, das sich immer nach dem Inhalte dieser Briefe zu richten schien. Der Herr Doctor brauchte sich ja nunmehr nicht in Acht zu nehmen, da kein Lauscher da war, ihn zu beobachten! »Was?« rief er einen Brief wegwerfend und einen andern öffnend, in welchem zwei neue Zehndollarnoten lagen. »Was? Lumpige zwanzig Dollars für eine Copulation? Und die Braut ist eines der reichsten Mädchen der Stadt? Wenn ich das gewußt hätte, würde ich einen andern Text gewählt und den filzigen Hochzeiter nicht so herausgestrichen haben! Nun, ich hoffe, die heutigen Brautleute werden splendider sein; wenn nicht, so will ichs ihnen bei ihrer ersten Taufe schon hereinbringen.« – »Wie? Fünfzig Dollars,« fuhr er fort, einen andern Brief erbrechend, der von einer zitternden weiblichen Hand herrührte. »Ha, das hat gezogen! Fünfzig Dollars für den Mann, der fünf Stock hoch von einem Gerüste herabfiel und sieben hungernde Kinder zu Hause hat! O, du gute mitleidige Seele! Wie lieb' ich doch solch' ein weiches Herz! Aber dafür will ich dich auch nächsten Sonntag zu Thränen rühren, wenn ich dir von der Kanzel herab den Dank des Mannes und seiner sieben hungernden Kinder schildere. Ach wüßtest du,« lachte er höhnisch, »daß ich selbst dieser vom fünften Stock Herabgefallene bin, wie würdest du nach deinen fünfzig Thalern greifen, die nun in meiner Tasche verschwinden! – Wie? Noch ein Beitrag für diesen Herabgestürzten?« sprach er weiter, einen dritten Brief seines Inhalts entleerend. »Ich muß doch dieß Manövre in vierzehn Tagen wiederholen. Ich kann ja dann Einen vom Mastkorbe eines Kauffahrers herabfallen, und eine alte taube, kranke Mutter oder so was an ihm ihren Ernährer verlieren lassen. Das zieht gewiß auch. Unglücksfälle erregen immer Mitgefühl, nur darf man nicht zu oft damit kommen. Wie, was ist das?« rief er ergrimmt bei Eröffnung eines weiteren Briefs. »Einen Dollar für den bekehrten Juden? Pfui, ist das ein erbärmlicher Schlucker! Einen Dollar für solch einen heiligen Zweck! Die Männer sind doch die knickigsten von allen religiösen Kunden. Die besten sind die Wittwen. Nun, im Ganzen machts doch wieder eine hübsche Summe für einen Tag aus, aber – aber, es ist doch nur ein Tropfen ins Meer. Ich muß mich nach andern Mitteln umsehen. Die Schulden wachsen mir über den Hals, das Vermögen meiner Frau, – ach, wenn ich hieran denke, dreht sich mir das Herz im Leibe um. Konnte denn der Alfred nicht wie Andere in China am Fieber drauf gehen? Habe ich ihm denn aus einem andern Grunde die Stelle verschafft? Und jetzt kommt der Hallunke zurück, heil und gesund, und verlangt sein Vermögen! Als ob noch ein rother Heller davon da wäre! Aber ich muß Aufschub haben, Aufschub um jeden Preis! Wenn nur der rothe Spitzbube das Testament erwischt hat, so fehlt ihnen wenigstens das Originalinstrument und ich kann die Sache noch ein ganzes Jahr lang hinhalten, bis ich ein anderes Mittel ausfindig gemacht habe, mir Geld zu verschaffen.«

In diesem Augenblicke trat die alte Haushälterin wieder herein und flüsterte ihm einige Worte zu. Doctor Beecher sprang auf. »Führe ihn in den vordern Parlor,« sagte er hastig, »den Brady nämlich, und bitt' ihn einen Augenblick zu verziehen, ich werde ihm sogleich zu Diensten stehen; den Juden aber bring in mein Bibliothekzimmer und sorge dafür, daß uns Niemand stört.«

Anna ging mit ihrem gedoppelten Auftrag, und einen Augenblick darauf verschwand auch der Doctor durch eine Nebenthüre. Er stieg eine Treppe hinauf und schlüpfte in sein Geheimzimmer. Eine Minute später stand der vor ihm, welchen er als den Juden bezeichnet hatte. Es war dieß eine kräftige Gestalt von mittlerem Alter. Den Kopf bedeckten dichte buschige Haare; der Unterkiefer stand weit hervor, wie bei einem Schweine, aber die Augen blickten klug und listig, so daß der obere Theil des Gesichtes ein Sinnbild der Verschlagenheit und der Hinterlist war, während der untere Theil desselben nichts als thierische Gefräßigkeit und rohe Begierde verrieth. Der Mann war städtisch gekleidet und suchte sich dadurch ein würdiges Ansehen zu geben, daß er eine weiße Halsbinde umgelegt hatte, die zu dem rothen borstigen Haare in einem merkwürdigen Kontraste stand.

»Hast du das Papier, Isak?« rief Beecher, so bald der Jude eintrat. »Schnell heraus damit, denn es ist mir eben nothwendiger, als je.«

»Kann ich herausgeben, was ich nicht habe?« erwiederte der Jude ruhig. »Wahrhaftig der Anschlag ist mißglückt und wir hatten das Nachsehen.«

»Himmel und Erde,« zischte der geistliche Herr ergrimmt. »Und das sagst du so ruhig und kalt, als ob es gar nichts bedeutete! Hab' ich dich darum bezahlt, du Hund? Am Ende bist du noch feige genug gewesen, zuzugestehen, zu was und von wem du beauftragt warst?«

»Wenn Sie werden zornig,« versetzte Isak gelassen, »so kann ich nicht erzählen den Hergang. Wir haben uns alle Mühe gegeben und hätten ihn auch gefaßt, den Capitän, und ihm die Papierchen abgenommen, denn wir hatten noch einen Auftrag, von einem Andern, und waren auch bezahlt dafür, und es wäre in Einem hingegangen, das Testament zu bekommen und die Schiffsladscheine; also wir hatten ihn gefaßt und hatten ihn sogar schon nieder, da führte der Teufel einen Dritten herbei und der stach und hieb auf uns hinein, daß wir um ein Kleines beide mausetodt waren, der Patrik und ich. Was meinen Sie nun? Sollten wir etwa stehen bleiben und uns todtstechen lassen?«

»Feige Memmen, die ihr seid,« höhnte Beecher. »Vor Einem Manne nehmt ihr zu Zweien Reißaus. Aber wer war der Andere, der euch beauftragte, sich der Ladscheine des Capitäns zu bemächtigen?«

»Ich schwatze nicht aus der Schule, Herr Hochwürden,« erwiederte Isak. »Würde es gefallen Ihnen, wenn ich nennte den Namen Beecher? Gerade so wenig gefiele es dem Andern, wenn ich preisgeben wollte seinen Titel. Und mir gefällt es nicht, wenn Sie mich nennen Memme und feig. Der Isak ist nicht feig und ist keine Memme, aber er ist nicht geboren für Messer und Pistolen; er braucht sie nur, wenn er nicht anders kann. Also warum schimpfen Sie mich, wo ich doch gekommen bin, Ihnen einen Dienst zu erweisen?«

Der Doctor schritt unruhig im Zimmer auf und ab, ohne auf ihn zu hören. »Nun hat mich der schreckliche Brady in seinen Klauen,« rief er, die Faust vor Zorn ballend. »Nun muß ich das Geld schaffen, oder –«

»Nun, gerade von Geld wollt' ich sprechen,« versetzte der Jude, die Augen listig zudrückend. »Ich weiß, daß Sie brauchen Geld, viel Geld, und Geld ist schwer anzuschaffen in jetzigen bösen Zeiten. Aber ich hab' ein Plänchen im Kopf, ein gutes Plänchen, durch das wir könnten verdienen ein Erkleckliches mit Leichtigkeit. Sie gäben den Namen her, der Ephraim das Geld und ich die Hand. Wollen Sie oder wollen Sie nicht? Wahrhaftig, es ist leicht zu verdienen, sehr leicht für Sie, mit einem Handumdrehen, und Sie brauchen Geld, viel Geld, ich weiß es. Nun, wollen Sie oder nicht? Sie wollen? Gut; so kommen Sie heut Abend ins Hinterstübchen zu Ephraim, da können wir's ruhig besprechen und kein Mensch stört uns. Darf hoffen, daß Ihnen mein Plan einleuchten wird.«

Nach diesen Worten verließ er, ohne eine Erwiederung zu erwarten, leise das Gemach und stieg langsam und bedächtig die Treppe hinab. Wer ihn sah, hätte nicht gedacht, welcher Art Geschäft ihn hierher geführt hatte!

Noch einen Augenblick überlegte der Doctor seine Sache still bei sich, dann stieg er in den vordern Parlor hinab. Sein Gesicht war sanft, lächelnd, fromm, ergeben. Herr Brady stand am Fenster und sah dem Juden nach, der sich eben mit gemessenem Schritt entfernte.

»Ich bedaure, Sie habe warten lassen zu müssen,« sagte der Doctor mit süßlicher Stimme. »Aber die Pflichten des Seelsorgers gehen allen andern vor, und sogar ein theurer Freund, wie Herr Brady ist, kann keine Ausnahme bewirken.«

Der Angeredete war ein älterer, schon fast grauhaariger Herr mit durchdringenden und merkwürdig klugen Augen. Doch wurde die Schärfe des Blicks durch einen halb wohlwollenden, halb spottenden Zug um den Mund gemildert. Auf der breiten Stirne stand unbeugsame Festigkeit geschrieben und aus dem Ganzen leuchtete ein biederer, kräftiger und sich selbst klarer Charakter hervor, der sich durch Nichts von der vorgeschriebenen geraden Bahn abwendig machen ließ. – Herr Brady verbeugte sich, als er so angeredet wurde; doch verzog sich unwillkührlich sein Mund in ein zweifelndes Lächeln.

»Hat Herr Beecher auch Beichtkinder unter dem Volke Israel?« versetzte er trocken, auf den abgehenden Juden deutend.

»Und warum nicht?« erwiederte der Geistliche sanft, ohne irgend in Verlegenheit zu kommen. »Kann es nicht auch unter diesem verlorenen Stamme solche geben, die meinen geistlichen Zuspruch zu Hülfe nehmen, um sich auf den wahren Glaubensweg leiten zu lassen?«

»Gut, lassen wir das,« sagte der alte Herr kurz abbrechend. »Ich komme als Sachwalter Ihres Stiefsohnes. Seine Mündigwerdung und eben damit die Selbstübernahme seines Vermögens naht heran.«

»Es ist mir dieß bekannt,« entgegnete der Doctor; »aber,« setzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, »ist es nicht traurig und spricht es nicht sehr für die Verderbtheit dieser Welt, daß ein Sohn – denn wenn er auch nur ein Stiefsohn ist, so habe ich ihn immer wie ein eigenes Kind gehalten und im Herzen getragen – daß ein Sohn einen – verzeihen Sie, ich muß diesen Ausdruck gebrauchen – fremden Advokaten schickt, um sich mit dem Vater auseinander zu setzen? Könnten wir dieß nicht friedlich und freundlich selbst thun, wie es bei den Erzvätern Brauch und Sitte war? Oder stehet nicht geschrieben, daß der Sohn dem Vater unterthan sein soll?«

»Ich habe lediglich nicht im Sinne, mich in eine religiöse Discussion mit Ihnen einzulassen,« versetzte der Advokat, noch trockener, als zuvor. »Hier handelt es sich bloß um Herausgabe einer Erbschaft, die Sie im Besitz haben und die Ihnen nicht gebührt. Ihr Stiefsohn hat die ganze Angelegenheit in meine Hände gegeben, nicht um Streit anzufangen, sondern umgekehrt, um allen Anlaß zu einem persönlichen Streite mit seinem Stiefvater zu vermeiden.«

»Ah,« rief der Pfarrer, etwas aus dem Ton ruhiger Würde fallend, mit dem er bisher gesprochen hatte, »Sie glauben also doch, daß es Streit geben könnte? Sie hegen Mißtrauen gegen die Rechtlichkeit meiner Verwaltung der mir anvertrauten Güter?«

»Herr Doctor,« entgegnete der Advokat mit kaltem Tone, »wir wollen offen mit einander reden. Ich hege Mißtrauen. Oder – sollte ich etwa nicht? Haben Sie Ihrem Sohne die zehntausend Thaler herausgegeben, deren er in seinem Prozesse gegen den Banquier Morris wegen der ominösen Diebstahlsgeschichte benöthigt war? Und diese zehntausend Thaler sind doch nur der zehnte Theil des Geldes, auf das Alfred Anspruch hat!«

»Glauben Sie denn,« rief nun der Doctor, immer wärmer werdend, »ich werde dazu beitragen, eine lüderliche Nachlässigkeit, ja eine Pflichtverletzung meines Stiefsohnes mit Geld gut zu machen? Hat er das Gefängniß hiefür verdient, so werde ihm das Gefängniß. Ueberdieß, die Herausgabe des Erbes kann rechtlich vor drei Monaten nicht gefordert werden und auf diesem meinem Rechte beharre ich.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Offenherzigkeit, Herr Doctor und Seelsorger,« erwiederte der Advocat, sich fast spöttisch verbeugend. »Ich werde Gleiches mit Gleichem vergelten. Die Sache mit Herrn Morris wird abgemacht werden, auch ohne Ihre Hülfe, aber das sage ich Ihnen, wenn an dem Tage, an welchem Alfred sein Eigenthum zu beanspruchen hat, nicht die ganze Summe ungeschmälert ausgeliefert wird, so werde ich unnachsichtlich gegen Sie verfahren, und wenn es Sie Ihre ganze Existenz kosten sollte. Ich habe meine Gründe, mich jetzt schon so auszusprechen; ich thue es, damit Sie sich darnach richten können.«

Mit diesen Worten verbeugte er sich tief und verließ das Zimmer. – Doctor Beecher war aufgesprungen und ging mit heftigen Schritten auf und nieder. Er gesticulirte mit den Händen und murmelte vor sich hin; so aufgeregt war sein Inneres!

»Hol ihn der Teufel mit sammt dem Alfred,« rief er endlich laut. »Aber sie sind's im Stande! Bei Gott, sie sind's im Stande und ruiniren mich vor der ganzen Welt. Ich muß Mittel schaffen! Wenn ich ihn nun verschwinden ließe?« fuhr er leise lispelnd fort, wie wenn er Angst hätte, den Gedanken laut auszusprechen. »Es gibt Leute genug, die um ein Paar Hunderte die Sache ins Reine brächten, und der rothe Jude könnte mir die richtigen Adressen verschaffen. Aber, nein, nein, das wäre nur ein Aufschub, keine Hülfe; denn der Tanz würde bald von Neuem wieder angehen. Hat er ja doch Seitenverwandte genug, die dann das Erbe in Anspruch nähmen, und der Brady würde nicht nachlassen, bis er mich ans Messer geliefert hätte. Daß er gerade diesen Advocaten wählen mußte! Der Teufel und seine Großmutter muß ihm diesen Gedanken eingegeben haben, denn der Kerl ist für kein Geld zugänglich; jeden andern wollte ich mit ein Paar Tausenden dahin bringen, daß er die Sache seines Clienten verriethe. Bei Brady darf ich den Versuch gar nicht einmal wagen; es würde dieß meine Lage nur verschlimmern. So bleibt nichts übrig, als das Geld zu schaffen. Aber woher? Nun, irgendwoher; ich hab' mir ja bisher zu helfen gewußt und es wird mir auch dießmal ein Ausweg einfallen. Es sind ja noch drei Monate und in dieser langen Zeit wird sich doch eine Gold-Quelle eröffnen lassen, und wenn ich sie in der Hölle suchen müßte.«

So tröstete er sich selbst und in fünf Minuten zeigte sein bleiches Gesicht wieder dasselbe Gepräge ergebener Frömmigkeit, das ihn sonst so sehr auszeichnete. Jetzt klopfte es leise und auf sein »Herein« trat eine Frau ins Zimmer, der wir nun schon zwei Male begegnet sind. Es war Frau Myers, aber dießmal hatte sie sich mit besonderer Sorgfalt gekleidet, so daß sie einer ehrbaren Matrone nicht unähnlich gesehen hätte, wenn es ihr möglich gewesen wäre, das eine lauernde Auge eben so gut zu verbergen, als das andere verlorene, über welches eine Binde gezogen war. Frau Myers mußte genau bekannt im Hause sein, weil sie es nicht für nöthig gefunden hatte, sich vorher anmelden zu lassen.

»Ach, meine theure Freundin,« rief der Doctor. »Wie freue ich mich, Sie zu sehen!«

»Sie dürfen sich auch freuen,« grinste das Weib mit einem listigen Augenzwinkern. »Ich habe sie ausgefunden.«

»Wie? Was? Jetzt schon?« frohlockte der Doctor, indem seine Augen vor Lust funkelten. »Sie haben die Adresse des niedlichen Kindes? Sie sind doch ein Juwel, Frau Myers! Gar nicht zu bezahlen sind Sie. Aber schnell, wie heißt die Kleine, wo wohnt sie? Haben Sie sie selbst gesehen?«

»Ei, wie das sprudelt!« lachte das Weib, den zahnlosen Mund zu einer gemeinen Lache verzerrend. »Man sollte meinen, es sei die erste Liebschaft des hochwürdigen Herrn! Nun, nun, nur nicht so gar ungeduldig! Gesehen habe ich das Mädchen nicht, aber deßwegen weiß ich doch, wo sie wohnt. Doch schwer Geld hat's mich gekostet, und bis ich meine Spione bezahlt hatte, blieb mir von der ganzen Summe, die Sie mir gaben, nicht ein rother Cent mehr übrig. Sie werden in der That noch mit ein Paar Goldfüchsen herausrücken müssen, denn so ganz umsonst kann ich's doch auch nicht thun.«

»Hier, hier,« rief der Doctor eifrig, sein Taschenbuch ziehend und der Frau einige Zwanzigdollarstücke reichend. »Aber nun, Weib, spanne mich nicht länger auf die Folter. Heraus mit der Sprache. Wie heißt das Mädchen?«

Die Frau warf einen gierigen Blick auf die Goldstücke und ließ sie langsam in ihren weiten Taschen verschwinden, ehe sie eine Antwort gab. »Die Kleine wohnt Numero zwanzig in der Walkerstreet, nahe der Churchstreet,« sagte sie endlich, »und heißt Rosa Bodin. Es ist einer armen Wittwe Kind und eine geborene Französin. Aber was ist denn Besonderes an ihr, daß Sie so einen Affen an ihr gegessen haben? Mein Berichterstatter meint, es sei ein blutjunges, kaum erwachsenes, dürres Ding, mit Augen, so groß als ein Suppenteller. Da ist doch die blinde Peg ein ganz anderer Bissen.«

»Pah, Weib, schweig still,« entgegnete der Doctor. »Du hast dein Geld, und um das Uebrige brauchst du dich nicht zu bekümmern. Hast du nicht herausgebracht, warum das Mädchen keine Orangen mehr feil hat? Ich habe sie nur einmal gesehen vor acht oder zehn Tagen und bin seither schon zwanzig Male an derselben Stelle gewesen, wo sie damals ihr Obst feil bot, aber von jenem Tage an blieb sie wie verschwunden!«

»Oh, das ist einfach,« meinte Frau Myers. »Sie ist jetzt Nähterin geworden und bleibt also den ganzen Tag zu Hause. »Aber,« setzte sie grinsend hinzu, »soll ich vielleicht zu ihr gehen, und ihr einen Auftrag vom hochwürdigen Herrn ausrichten?«

»Nein, nein,« rief der Hochwürdige. »Dein Gesicht könnte sie erschrecken. Ich muß Jemand andern senden. Aber sicherlich, ich werde dich rufen, wenn ich deiner Hülfe weiter bedarf. Und noch eins, hier ist eine Fünfzigdollarnote für die Peg, macht die Sache klug, daß Niemand etwas merkt. Auf Wiedersehen, Frau Myers.«


9.
Die Scheinheirath.

Es war der Tag nach der Fahrt Carolinens mit Marc auf den Kirchhof von Greenwood, der Tag, nachdem sie von Marc mit mehr als höhnischen, mit vernichtenden Worten zurückgewiesen worden war, als sie sich ihm in später Nacht wie im Rausche verzückter Liebe an den Hals geworfen hatte. Die ganze Nacht hindurch hatte Caroline kein Auge geschlossen. Nicht Scham war es, was in ihr zehrte; für Scham war sie abgestorben; aber die Wuth über eine durch eigene Thorheit verfehlte Speculation, die Verzweiflung über eine vernichtete Hoffnung, machten ihr das weiche Lager im kühlen Zimmer zum brennenden Höllenpfuhle. Anfangs gab sie sich völlig verloren und sie hätte sich selbst vernichten mögen wegen ihres unverzeihlichen Leichtsinns, mit dem sie ihre Pläne verrathen hatte. Bald jedoch hatte sie keinen andern Gedanken mehr, als den, ihren Fehler wieder gut zu machen und sich zugleich an dem zu rächen, der sie so schnöd und verachtungsvoll zurückgewiesen hatte. Pläne auf Pläne schmiedete sie, ein Gedanke verjagte den andern, eine Idee rief die zweite ins Leben. Aber trotz der Fülle von Erfindungstalent, mit dem sie die Natur ausgestattet hatte, wollte es ihr nicht glücken, einen Weg zu ergründen, der sie aus der Grube herausführe, welche sie sich selbst gegraben hatte. Sie zermarterte ihr Gehirn mit immer neuen Entwürfen, aber immer war sie gezwungen, einen eben erst gefaßten Feldzugsplan als unstatthaft wieder zu verwerfen. Nur das Eine stand fest in ihr: Marc Price sollte für seine Verachtung ihrer Person gestraft werden und sie mußte den alten Herrn Price erben trotz dieser Verachtung. Sie hatte es sich so leicht gedacht, den einfältigen Jungen vom Lande zu einer Heirath mit ihr zu bewegen! Sie hätte auch sicherlich obgesiegt, meinte sie, ohne jenes verrätherische Zwiegespräch mit ihrer Mutter! Und wie wäre sie dann dagestanden in der Welt, sie als Gattin eines jungen, schönen, geachteten Mannes, als Gattin eines der reichsten Grundeigenthümer New-Yorks! Der Kreis der vornehmsten Familien wäre ihr offen gestanden, sie hätte Genüssen entgegengesehen, welche nur durch den Zutritt in die Aristokratie möglich sind! Jeden Wunsch, den ihr Herz begehrte, hätte sie sich erfüllen können und der Neid von Tausenden wäre auf sie, die Bevorzugte, gefallen! Jetzt aber, – ein einziges thörichtes Wort hatte alle diese Hoffnungen vernichtet, und – für immer vernichtet! Denn Marc Price, das fühlte sie, war nicht der Mann, der durch Thränen oder reuige Worte auf einen andern Glauben, eine andere Ueberzeugung gebracht werden konnte. Er war für sie verloren, und wenn sie daher ihren Zweck, durch die Beerbung des alten Herrn Price eine vornehme und reiche Dame zu werden, erreichen wollte, so mußte sie ihn ohne Marc zu erreichen wissen. Aber wie? Wie? – Sie hatte sich unentkleidet auf ihr Lager geworfen und sie wälzte sich hin und her, ohne zu einem Resultate zu kommen. Schon dämmerte der Morgen und er fand sie noch immer gleich rathlos, gleich verzweiflungsvoll. Da plötzlich leuchtete es wie ein Blitz durch ihr Gehirn; sie hatte einen Gedanken erfaßt, einen schurkischen, niederträchtigen, – einen Gedanken, der vielleicht, ja fast nothwendig zu der schlechtesten That, die ein Mensch begehen kann, führen mußte, aber was lag ihr hieran, wenn sie nur ihr Ziel erreichte? Sie sprang auf, sie ging mit raschen Schritten in ihrem Zimmer auf und ab, sie überlegte, sie ordnete, sie baute auf! Ihre Augen blitzten, ihr Mund lächelte, wie in Siegesgewißheit, ihre Gestalt hob sich; mit diesem Plane mußte sie obsiegen!

Sie wusch sich mit aromatischen Kräutern, damit man ihr die Nachtwache nicht ansehe. Ihr Gesicht nahm wieder den gewöhnlichen Ausdruck an, nur lag vielleicht noch mehr Ruhe, Demuth und Ergebenheit darin, als sonst. Sie ging ihren gewohnten Geschäften nach, als wäre nichts vorgefallen, nur hielt sie sich still mit verschlossenen Lippen; und als sie der alte Price beim Frühstück wegen ihrer Einsilbigkeit zur Rede stellte, schützte sie Kopfweh und leichtes Unwohlsein vor. Allerdings klopfte ihr Herz fast peinlich, als Marc sich ebenfalls am Frühstückstische niederließ. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, ja sie verging fast vor Angst, ob er nicht vielleicht ein Wort fallen ließe, das sie verrathen möchte. Doch – er schwieg, und sie athmete wieder leichter, ob sie gleich seinen verachtenden Blick fühlte. Er schwieg, und das war genug für sie! Wohl, dachte sie, werde er nicht immer schweigen; wohl zweifelte sie nicht daran, daß er den Oheim bei gelegener Zeit auf ihre Ränke aufmerksam machen werde, aber er schwieg doch für jetzt, und sie hatte Zeit, ihm zuvorzukommen!

Der Mittag kam heran, ohne daß etwas besonderes vorgefallen wäre. Marc war ausgegangen, nachdem er seinen Oheim zu dessen gewöhnlicher Parthie in einem Caffeehause begleitet hatte. Carlein hatte um Erlaubniß gebeten, den Abend auswärts zuzubringen und mit Vergnügen war ihr der Wunsch gewährt worden; der alte gutmüthige Herr bat sie sogar darum, damit ihr Unwohlsein recht bald wieder verschwinde. Kaum aber hatten Oheim und Neffe das Haus verlassen, so war das Kopfweh Carolinens wie urplötzlich verschwunden und sie ging mit unverdrossener Schnelligkeit an die Ausführung ihres Planes. Zu dem Ende kleidete sie sich zuvörderst sorgfältig in schwarze Seide; dann betrat sie das Privatzimmer des alten Herrn und kramte lange in dessen Kisten und Kästen; endlich wählte sie Rock, Weste und Beinkleider desselben, die er den Sonntag zuvor getragen hatte, und verschloß sie in einen mitgebrachten Handkorb; auch ein schwarzes Käppchen eignete sie sich zu, wie solches der alte Mann stets zu Hause, wie auch auswärts unter dem Hute zu tragen pflegte. Dann öffnete sie den Schreibtisch mit einem Geheimschlüssel, den sie aus dem Busen zog, und nahm den goldenen Siegelring des Herrn Price, den er nur bei festlichen Gelegenheiten zu tragen pflegte. Auch in seinen schriftlichen Sachen blätterte sie und fand endlich, was sie suchte. Es war ein Paß, ein von den amerikanischen Behörden ausgestellter Paß, den er auf seinen früheren Reisen nach der Havannah gebraucht hatte. Nachdem sie sich so Alles verschafft und angeeignet, wessen sie bedürftig war, verschloß sie Schreibtisch und Kasten wieder sorgfältig und verließ das Haus, den Armkorb, worin die genommenen Gegenstände lagen, mit sich tragend.

Sie wandte ihre Schritte Westbroadway zu. Anfangs schien sie Lust zu haben, in Mutter Mags Biersalon hinabzusteigen, aber sie besann sich bald eines andern und ging noch um einige fünfzig Schritte weiter. An einer elenden Holzbarracke hielt sie still. Es war ein Eckhaus und die schmutzigen, bestaubten, halb zerbrochenen Flaschen und Krüge an den halbverwitterten Fenstern kündigten dasselbe als eine jener erbärmlichen Schnapsbuden an, wie sie dort zu Dutzenden von Irländern gehalten zu werden pflegen. Sie sah in das Local hinein, dessen Thüren weit offen standen. Es befand sich Niemand in dem schmutzigen Gemache, als ein halbbetrunkener Neger und ein Mädchen, das sich augenscheinlich in demselben Stadium der Halbnüchternheit befand. Das Mädchen, obgleich erst fünfzehn oder sechszehn Jahre alt, zeigte doch in seinen rothunterlaufenen Augen und in jenen pockenartigen Sprossen, die das Elend, die Liederlichkeit und die Ausschweifung stets auf den Wangen hervorrufen, bereits einen großen Fortschritt im Laster, obgleich die Frische der Jugend und die Schönheit ihrer Formen noch nicht gänzlich verwischt waren.

»Willst du nicht mehr tractiren, du schwarzer Hallunke?« rief das Mädchen dem Nigger zu. »Nicht noch ein einziges Glas Brändi? Geh', du erbärmlicher Wollkopf, und sei verflucht.«

Der Wollkopf zeigte seine weißen Zähne, war aber zu keiner weiteren Freigebigkeit zu bewegen.

»So mußt du borgen,« schrie nun das Mädchen dem Wirthe hinter der Bar zu; allein dazu zeigte dieser wenig Lust, wahrscheinlich, weil schon zu viele geborgten Gläser auf dem Kerbholze standen.

»Käte!« rief es jetzt plötzlich von der Straße herein. »Käte, komm, ich habe dir etwas zu sagen.«

»Nicht um die Welt,« erwiederte das trunksüchtige Mädchen, ohne sich umzusehen; »Brändi muß ich haben, Brändi um jeden Preis. Wenn du was von mir willst, so treate zuerst.«

Caroline trat nun in das schmutzige Gemach und warf ein Geldstück auf den Schenktisch. Der Branntwein kam und wurde rasch hinabgestürzt. Jetzt erst sah sich das Mädchen um, welches Caroline mit »Käte« angeredet hatte. »Ah, du bist's, Carlein,« rief sie. »Du bist ja wie eine Dame aus der fünften Avenue gekleidet oder gar wie eine ausländische Prinzessin, und ich habe dich, glaube ich, in hundert Jahren nicht gesehen. Bist du eine Broadwaydirne geworden und siehst nun auf uns im Westbroadway mit Verachtung herab? Doch, nein, ich will dir nicht zu nahe treten, du hast mir ja Brändi bezahlt und Brändi ist mein einziges Labsal. Tractirst du nicht noch ein Glas?«

»Noch zehn, wenn du mir vorher einen Gefallen thust,« erwiederte Carlein; »aber komm', ich kann mich nicht länger aufhalten.«

Käte willigte ein und sie lenkten von der Hauptstraße in eine der stilleren Nebenstraßen ab, um dem Gewühl der Menschen zu entgehen.

»Weißt du, wo Sammy ist?« fragte jetzt Carlein. »Ich habe ihn seit mehreren Tagen nicht gesehen und ich muß ihn sprechen.«

»Du weißt nicht, wo dein Geliebter ist?« sagte Käte verwundert. »Habt Ihr Euch denn mit einander überworfen?«

»Nein,« erwiederte Carlein, »allein ich bin wirklich in einer Stellung, wo er mich nur alle acht Tage ein Mal besuchen kann, und doch muß ich ihn heute sprechen. Er sagte mir, bei Mutter Mag oder bei dir könne ich immer seine Adresse erfragen.«

»So weißt du also nicht, daß er vorgestern Nacht beinahe ersäuft worden wäre?« rief jetzt Käte. »Nur durch die Besonnenheit und Treue des Philosophen wurde er gerettet. Aber er hat jetzt einen Feind auf dem Nacken, vor dem er sich einige Zeit verbergen muß, bis ein bischen Gras über den Vorfall gewachsen ist. Es ist der Anführer der Thugs, Capitän Neptune, den er sich auf den Hals geladen hat,« setzte sie flüsternd hinzu.

»Aber wo ist Sammy jetzt? Wo hat er sich verborgen?« fragte Caroline.

»Oh,« lachte Käte auf, »im Hauptquartier Neptunes selbst, in der alten Brauerei, gerade im Herzen seiner Feinde. Aber der alte Pete hat der Schlupfwinkel so viele, daß einen der Teufel nicht finden kann, wenn er einen verbergen will. Und überdieß, 's ist ja ein Asyl für Alle! Ein Asyl, das noch Keiner verletzt hat, und nie Einer verletzen wird. So ist er sicher genug. Soll ich dir einen Auftrag an ihn besorgen?«

»Du bist ein gutes Mädchen, Käte,« erwiederte Carlein, »ein recht gutes Mädchen. Da hast du auch Etwas, um Brändi davon zu kaufen und wenn du deinen Auftrag gut ausführst, so bekommst du noch Etwas. Sieh', ich kann in den Kleidern, die ich trage, nicht selbst in die alte Brauerei gehen; es würde zu sehr auffallen; und wenn ich auch hinginge, so würde mich's doch nichts nützen, denn sie führen dort ein strenges Regiment und lassen nur Eingeweihte hinein. Aber du kennst ja das Stichwort und bist schon oft dort gewesen. So nimm denn meinen Korb hier und bring den dem Sammy. Sag' ihm, er soll die Kleider anziehen, die darin sind, so wird ihn kein Mensch kennen, und er kann so ruhig über die Straße gehen, als wenn er der englische Gesandte wäre. Aber geh' schnell und bitt ihn, sogleich und ohne sich zu verziehen in mein elterlich Haus zu kommen, er weiß schon, wo es ist. Sag' ihm, es handle sich um Wichtiges und um seine und meine Zukunft. In der Verkleidung, die ich ihm hier sende, hat es ja keine Gefahr.«

Käte nahm den Armkorb und hüpfte lustig fort. Das Laster hat auch seine Sorglosigkeit, sobald das Gewissen gewaltsam durch Branntwein übertäubt ist!

Auch Caroline setzte ihren Weg fort. Sie verließ diesen verrufenen Theil der Stadt und wandte sich den eleganteren Straßen hart am Broadway zu. Bald kam sie an einem hübschen Laden vorbei, in welchem Schirme und Stöcke der neuesten Facon feilgeboten wurden. Sie trat ein, wählte aber lange, bis sie endlich ein ziemlich altmodisches, mit goldenem Knopfe versehenes Rohr fand, das ihrem Geschmacke entsprach. Sie kaufte es als Geschenk für ihren Vater, wie sie gesprächsweise bemerkte, der ein älterer Herr sei und eines Stockes nicht mehr entbehren könne. Derselbe hatte aber eine merkwürdige Aehnlichkeit mit dem Stocke, auf welchen der alte Herr John Price bei seinen täglichen Ausgängen sich zu lehnen pflegte! – Von da weiter gehend, fand Caroline auf ihrem Wege einen eleganten Friseursladen. Auch hier trat sie ein und wählte eine Perrücke aus, die spärlich mit weißem Haar bedeckt war. Der Ladeninhaber wunderte sich nicht wenig, daß sie ein solch' selten gesuchtes Stück verlangte, aber sie meinte lächelnd: »ihr Vater sei zu alt, um noch die Eitelkeit zu haben, seine grauen Haare zu verläugnen, und doch habe ihm der Arzt geboten, der Wärme wegen sein kahles Haupt durch eine Perrücke zu schützen.«

Nun hatte sie Alles, wessen sie bedurfte. Sie zauderte daher nicht mehr länger, Trinityplace und ihrer Eltern Wohnung aufzusuchen. Ihre Mutter war zu Hause. Sie hatte dieselbe heute Morgen schon brieflich benachrichtigt, daß sie diesen Mittag in wichtigen Angelegenheiten kommen werde.

»Endlich bist du da, Liebchen,« rief Frau Myers, als sie die Tochter erblickte. »Ich warte schon seit zwei Stunden und sitze wie auf glühenden Kohlen. Schnell heraus mit der Sprache! Was hast du auf dem Herzen, Kind? Ist etwas vorgefallen?«

»Ja, Mutter, etwas sehr Wichtiges,« erwiederte die Tochter mit ihrer gewöhnlichen Ruhe. »Er weiß Alles.«

»Er? wer?« versetzte die Alte heftig. »Du sprichst in Räthseln zu mir.«

»Er,« entgegnete die Tochter kalt. »Wer kann dieß anders sein, als Marc Price? Er hörte unser Zwiegespräch in Greenwood und weiß nun, daß ich ihn zum Besten hielt. Du hast Alles durch deine unzeitige Neugierde verdorben.«

Frau Myers stieß einen gräßlichen Fluch aus. »So wollte ich doch, der Teufel . . . .« schrie sie mit wuthverzerrten Zügen.

»Still, Mutter,« sagte die Tochter. »Du weißt, ich kann solche, Reden nicht leiden. Man kann's eben so gut sagen, ohne zu fluchen. Aber du brauchst dich wegen deiner Thorheit nicht weiter anzuklagen. Ich bin eben so sehr in der Schuld, als du. Es wird jedoch Alles noch gut werden.«

»Gut werden?« rief die Mutter, sich mit der eigenen Faust vor den Kopf stoßend. »Wie kann da noch etwas gut werden, wenn er weiß, daß wir ihn nur als das Hühnlein betrachteten, das gerupft werden sollte? Jetzt läßt er sich nicht mehr ins Garn locken. »

»Ich will auch nicht mehr ihn,« lächelte die Tochter mit ihrem süßesten Lächeln. »Er soll nicht mein Mann werden. Ich heirathe seinen Oheim, den alten Herrn John Price.«

Sie sagte dieß so ruhig und kalt, als ob es etwas ganz Natürliches, sich von selbst Verstehendes wäre. Nicht eine Miene verzog sie dabei, sondern that, als ob kein Mensch sich drob verwundern könnte. Die Mutter aber stand ganz sprachlos. Ihr eines Auge vergrößerte sich mehr und mehr, bis es zuletzt ganz starr wurde. Sie streckte die Hände wie abwehrend aus. So betäubte sie diese Nachricht. Endlich fand sie wieder Worte. »Den alten Herrn willst du heirathen?« schrie sie der Tochter zu, welche ihr lächelnd ins Antlitz schaute. »Den alten Herrn John Price? Mädchen, du bist toll! Nein, verrückt bist du! Das unselige Ereigniß in Greenwood hat dich um den Verstand gebracht!«

»Ich bin nicht verrückt, Mutter,« entgegnete die Tochter in festem bestimmtem Tone. »Der Junge hat mich verschmäht und zur Strafe für seinen Uebermuth wird nun sein Oheim mein Gatte und sein Erbe wird mein Erbe; denn ich werde doch meinen Gatten beerben? Meinst du nicht? – Herr John Price,« setzte sie lächelnd hinzu, »wird im Augenblicke hier sein und mich zur Trauung abholen; ich glaube, ich höre ihn schon auf dem Gange.«

In der That vernahm man Schritte, welche sich rasch näherten, und im nächsten Augenblicke stand ein Herr vor ihnen, aus dem Frau Myers für die erste Minute nicht recht klug wurde. Er trug einen langen weiten Oberrock und eine schwerseidene Weste, welche ein ziemliches über die gewöhnliche Länge maß. Auch die Beinkleider waren weit und altmodisch. Der ganze Anzug sah so aus, als ob er entweder nicht für die Person, die darinnen stack, oder die Person nicht für den Anzug paßte. Dennoch dauerte es einige Zeit, bis Frau Myers den Mann erkannte.

»Aber um Gottes willen, das ist ja Sammy oder Lord Douglas, wie sie ihn nennen?« rief sie in höchster Verwunderung.

»Das ist er auch für jetzt noch,« entgegnete Caroline, von der Erscheinung Sammys und von der Art, wie er die Kleider trug, nicht wenig befriedigt, »aber in ganz kurzer Zeit will ich ihn so herrichten, daß ein geübtes Auge dazu gehören soll um ihn von dem alten John Price zu unterscheiden. Verstehst du noch nicht, Mutter, was ich im Sinne trage?«

Frau Myers bekam eine Ahnung von dem, was ihre Tochter wollte; letztere mußte sich aber doch bequemen, ihren Plan immer noch näher auseinander zu setzen. Nachdem sie nun mit kurzen Worten ihrem Geliebten, wie ihrer Mutter, die Sachlage erklärt hatte, fuhr sie ruhig also fort: »Sammy hat ungefähr die nämliche Größe, wie der alte Price. Die Kleider, welche er jetzt an hat, sind die Kleider des Alten. Wenn wir sie ein wenig ausstopfen, so wird die Aehnlichkeit eine immer größere werden. Dazu habe ich hier einen Stock mitgebracht« – sie wickelte ihn bei diesen Worten aus der Hülle, mit der ihn der Kaufmann verdeckt hatte, – »wie ihn Herr Price gewöhnlich trägt; und nun die weiße Perrücke hier wird die Aehnlichkeit fast vollkommen herstellen. Fügen wir das Sammtkäppchen hinzu, so wird dieselbe immer täuschender und zum Schluß kommt noch dieser Siegelring, welcher den Vortheil hat, daß er Herrn Price's ächter Ring ist. Gewiß, es müßte Einer ein ganz genauer Freund sein, um einen Unterschied zwischen Sammy und dem alten John herauszufinden. Der Geistliche, der uns trauen soll, wird aber den Unterschied nicht finden. Es ist Herr Mellville in der achten Avenue, den ich dazu auserlesen habe. Der Mann ist alt und kurzsichtig. Er kennt meinen Alten nur oberflächlich, nur vom Sehen, ohne ihn mehr als ein paar Male im Vorübergehen gesprochen zu haben; aber es ist ein Geistlicher, der in so hohem Ansehen steht, daß sein Wort nie angetastet werden wird. Was brauchen wir also weiter? Wir leben ja in einem Lande, wo zu einer Verheirathung nichts erforderlich ist, als die Einwilligung der beiden Brautleute: Wir sagen also beide Ja, und erhalten das Certificat unserer Trauung. Sollte Herr Mellville irgend den alten Herrn Price nicht gleich als solchen erkennen, so legen wir ihm den Paß hier vor, welchen der Alte auf seinen Reisen führte. Zum Ueberfluß und um Herrn Melville ganz sicher zu machen, daß er uns nicht mißtraut, geben wir vor, daß wir die Ehe noch geheim halten wollen, weil ein Neffe da sei, welcher auf die Erbschaft Hoffnung zu haben glaubt. »Herr John Price will alle Familienscenen vermieden wissen, darum unterrichtet er seinen Neffen vorderhand nicht von diesem seinem Schritte, den er ihm bei Gelegenheit schon mittheilen wird, wenn der Junge nach und nach darauf vorbereitet ist;« – so geben wir Herrn Melville gegenüber vor, und auf dieses Vorgeben hin wird der Geistliche nicht zaudern, unter Zusage von Stillschweigen die Trauung zu vollziehen. »Habe ich dann das Certificat, daß ich mit Herrn John Price getraut bin, so ist mir nach unseren Gesetzen wenigstens der dritte Theil der Erbschaft sicher; möglicherweise aber kann ich sogar auf das Ganze Anspruch machen, wenn ich so glücklich sein sollte, eine directe Nachkommenschaft in Aussicht stellen zu können,« setzte sie lächelnd hinzu. »Nun, was sagt Ihr zu diesem Plane? Führt er nicht sicher zum Ziele?«

»Und was soll mein Lohn sein, Carlein?« fragte nach kurzer Pause Douglas. »Was bietest du mir, wenn ich den alten John Price vorstelle?«

Das Mädchen schlug ihr Auge halb auf und sah ihn unter den Augendeckeln heraus so gluthvoll an, daß er alsbald ihre Hand ergriff und frischweg zusagte. »Der Plan ist kühn, sogar verwegen,« rief er; »wenn's herauskommt, so sind mir zwanzig Jahre Singsing sicher, aber wenn du einwilligst, nachher die Meine zu sein und als meine Frau mit mir zu theilen, so schrecke ich vor keiner Gefahr zurück.«

»Der Alte kann nicht lange mehr leben,« flüsterte Carlein, sich an ihn schmiegend, »und dann lassen wir uns noch einmal trauen, aber nicht mehr unter einem falschen, sondern unter deinem wahren Namen. Wir wollen dann genießen, was wir jetzt säen.«

Frau Myers war zuerst offenbar erschrocken über die außerordentliche Frechheit, ja Tollkühnheit, welche eine solche That erforderte. Nach und nach aber leuchtete ihr doch die Möglichkeit des Gelingens ein. Das Verbrecherische der Handlung machte sie keinen Augenblick stutzig, nur die Möglichkeit des Mißlingens flößte ihr Bedenken ein!

»Aber es wird zu einem Prozesse kommen,« rief sie jetzt. »Marc Price wird sich sein Erbe nicht entreißen lassen wollen. Er wird die Unwahrscheinlichkeit, daß sein alter Oheim sich in der Stille und heimlich mit dir getraut habe, beweisen. Kein Mensch wird glauben, daß die Sache wahr sei, und hundert Zeugen werden geloben, daß der alte Herr nie daran gedacht habe, eine Heirath mit irgend Jemand, am wenigsten mit dir einzugehen.«

»Und wenn hundert Zeugen kommen,« erwiederte die Tochter, ohne sich wankend machen zu lassen, »so haben wir das Certificat, und der alte Doctor Melville wird schwören, daß er den Price und keinen Andern mit mir getraut habe, sowie es uns gelingt, die Aehnlichkeit Sammy's mit dem alten Herrn recht frappant herzustellen. Ueberdieß, Mutter, wirst du selbst Zeuge der Trauung sein und kannst einen Eid auf die Wahrheit derselben ablegen. Wir haben nur dafür zu sorgen, daß Nichts von dieser Trauung öffentlich verlautet, ehe der alte Herr Price gestorben ist; denn er selbst könnte uns natürlich am leichtesten widerlegen. Wer soll aber etwas davon erfahren, wenn wir selbst nicht plaudern und wenn wir Herrn Melville dadurch Stillschweigen auferlegen, daß wir erklären, die Ehe müsse vorderhand geheim bleiben? Und, – ha, da kommt mir ein neuer Gedanke, ein prächtiger Gedanke! Als Grund, warum wir die Ehe so schnell vollzogen und so heimlich gehalten haben wollen, geben wir an, daß Herr Price dieselbe meiner Ehre schuldig sei. Er schämt sich vor seinem Neffen, seinen Fehltritt, den Fehltritt eines alten Herrn mit einem jungen Mädchen, einzugestehen. Er fürchtet, der junge Mann möchte ihn in seinem Vorsatze, »Unrecht wieder gut zu machen,« hindern wollen. Daher die schnelle heimliche Trauung! Ohnehin muß Herr Price ein wenig Angst fühlen, von seinen Freunden und Altersgenossen verspottet und verlacht zu werden, wenn er, der sechzigjährige Junggeselle, sich noch ins Ehejoch begibt! Die Heimlichkeit ist also genugsam motivirt. Ist aber die Ehe erst eine vollendete Thatsache, so braucht er sich vor den Folgen nicht mehr zu geniren. Nachträglich mögen sie immerhin spotten, sie haben ihn dann doch in seinen Vorsätzen nicht wankend machen können! – So und nicht anders muß Sammy, als Herr John Price verkleidet, zu Herrn Melville reden, damit dieser die feste Ueberzeugung bekommt, er habe den alten Price in Person getraut. Ist dieser Akt erst vorüber, dann freilich, je eher der alte Herr stirbt, um so sicherer sind wir. Begreift ihr mich nun vollständig?«

Also sprach Caroline Myers mit sanfter ruhiger Stimme. Sie entwickelte die Einzelnheiten ihres schrecklichen Vorhabens mit einer so außerordentlichen Klarheit und zugleich mit solch' kalter Gleichgültigkeit, daß selbst die beiden abgehärteten Verbrecher zu denen sie sprach, vor innerem Schauder zurückbebten. Sie wagten einige Einwürfe, aber der schöne beredte Mund Carolinens wußte alle Gegenreden siegreich zu widerlegen. Ja, sogar als das Mädchen darauf bestand, daß der Plan sogleich in Ausführung gebracht werde, wagten jene Beiden nur einen schwachen Widerstand, und bald waren sie mit Allem einverstanden. Es ward also in aller Eile dazu geschritten, den Lord Douglas so zu kleiden oder vielmehr zu verkleiden, daß er den John Price vorstellen konnte. Dieß war in wenigen Minuten geschehen und in der That erschien die Aehnlichkeit eine außerordentliche, besonders als ihm Caroline noch einige Merkzeichen gab, wie er sich zu benehmen und wie er zu sprechen habe.

Die Vorbereitungen waren getroffen und man schickte nach einer Drotschke, um die drei Verschworenen an den Ort ihrer Bestimmung zu führen.

»Halt,« rief da plötzlich Frau Myers, die Mutter Carolinens, »warum wollen wir denn den Doctor Melville zu der Copulation nehmen, ihn, den Niemand von uns als höchstens dem Namen nach kennt? Warum nicht lieber den Doctor Beecher, unsern alten Freund? Der wird keinen Augenblick anstehen, den Akt vorzunehmen und uns nachher zu bezeugen, daß er den alten Price mit dir vermählte, Carlein. Er muß dieß thun, denn wir haben ihn ja in der Hand!«

»Oh, Mutter, wie kurzsichtig du bist!« entgegnete Caroline, indem ein fast verächtliches Lächeln um ihren Mund spielte. »Ei freilich, der Doctor Beecher würde es auch thun, wie es überhaupt jeder Geistliche und jede Magistratsperson ohne Anstand thun würde, denn es gehört ja ein solcher Akt zu ihren Verpflichtungen. Aber würde nicht am Ende, wenn ein Proceß entsteht, die Gegenparthei herausfinden, daß wir mit Doctor Beecher schon lange in intimen Verhältnissen standen? Würde nicht dadurch ein gewisser Verdacht auf uns gewälzt werden, wenn man auch die Glaubwürdigkeit des Brooklyner Herren nicht offen anzugreifen wagte? Wären wir aber nicht jedenfalls gezwungen, den Beecher in unser Geheimniß einzuweihen, weil er uns zu genau kennt, als daß er über die Identität des Herrn Price hinters Licht geführt werden könnte? Müßten wir dann nicht nothgedrungen mit ihm theilen, und ihm vielleicht den Löwenantheil abtreten, während nach meinem Vorschlag Alles in der Familie unter uns bleibt? Nein, nein, das Geheimniß ist besser aufbewahrt, wenn wir dreie allein darum wissen; wir brauchen keinen Vierten und höchstens der Vater darf die Sache erfahren. Ueberdieß gerade unsere bisherige Unbekanntschaft mit Doctor Melville, so wie dessen durchaus unbescholtener Ruf bürgt uns dafür, daß man von Gerichts wegen nie Mißtrauen in seine Aussage setzen wird

»Sie hat Recht, und immer wieder Recht,« versetzte Sammy. »Aber kommt, das Gefährt steht unten, wir wollen uns nicht mehr länger mit Streiten aufhalten.«

Doctor Melville wohnte in der achten Avenue. Er war ein älterer, durchaus rechtlicher Mann, ein frommer, guter Hirte seiner Schafe. Nicht Eine Handlung in seinem langen Leben konnte man ihm nachweisen, welche nicht mit den strengsten Gesetzen der Biederkeit im Einklang gewesen wäre. Darum war er hochverehrt und hochgeliebt von Allen, die ihn näher kannten, und sein Ruf erschien über jeden Mackel erhaben. Aber freilich, eben weil sein Charakter ein so edler und herrlicher war, machte er kein Aufheben von seinen Vorzügen; er war zu bescheiden, als daß er selbst ein Ruhmreden von sich veranlaßt hätte; ja er duldete es nicht einmal, daß seine Freunde die Tugenden laut priesen, die sein Eigenthum waren. Darin liegt in eben der große Unterschied zwischen wahrer innerlicher Frömmigkeit und Tugend und zwischen gemachtem äußerlichem Frömmigkeits- und Tugendschein, daß die Besitzer der ersteren Eigenschaften, wie Veilchen und Waldblumen, in ruhiger Stille und Abgeschiedenheit sich ihrer Schönheit erfreuen, während die Zweiten, die mit dem Scheine prangenden, sich mächtig aufblähen und in voller Breite ans Sonnenlicht treten, mit großem Geschrei und viel Rumor die Welt auf ihre Vorzüge aufmerksam machend. So war es natürlich, daß Doctor Melville nur wenig gekannt war in New-York, daß seine Gemeinde klein, sein Einkommen gering blieb, während umgekehrt Doctor Beecher von Brooklyn in Jedermanns Mund lebte, so daß Hunderte seiner Kirche zuströmten und die Reichsten ihr Opfer auf seinen Altar fallen ließen! – Es werden es Viele unglaublich finden, daß in einer Stadt, wie New-York, wo der Geist des Geldes mit den Nebengeistern der Prunksucht, der Wollust und des Geizes jeden gesunden Blutstropfen in sich aufgesogen zu haben scheint, – daß in einer solchen Stadt, noch ein Mann möglich sei, wie Doctor Melville; aber Gott hat überall seine Sendlinge, und wo es scheinen sollte, daß das mächtig emporschießende Unkraut jeden guten Samen längst erstickt habe, da blüht doch noch in einer Ecke ein Pflänzchen, welches trotz Mangels an Saft und Licht, trotz Mangels an Pflege und Kultur und trotz aller Bestrebungen der wuchernden Nessel- und Giftpflanzen, dennoch lebt und sich entwickelt und Früchte trägt. Ob es wohl eine Pflanzschule werden wird für einen Baumgarten der Tugend und Biederkeit, oder ob es doch endlich auch noch erdrückt wird im großen Schlamm der einen allmächtigen New-Yorker Cloake, – wir wissen es nicht, aber die Geschichte der nächsten fünfzig Jahre wird es zeigen. –

Doctor Melville saß in seinem kleinen Studierzimmer und war eifrig mit Lesen beschäftigt. Noch schien die Sonne am Firmamente, aber bereits stellte sich jenes Düster ein, welches dem Untergang des Tagesgestirns unmittelbar voranzugehen pflegt. Dieß störte aber den alten Herrn nicht, und wenn er auch wegen seiner Kurzsichtigkeit die Augen nunmehr den Lettern um so näher bringen mußte, so ließ er von seiner emsigen Beschäftigung deßwegen doch nicht einen Augenblick nach. Jetzt trat seine Haushälterin ein – denn Doctor Melville war nie verheirathet gewesen, sein geringes Einkommen hatte es nicht zugelassen – eine gutmüthig aussehende alte Matrone, die wohl noch mehr Jahre zählen mochte, als der Doctor selbst.

»Ich muß Sie stören, Doctor,« sagte die Frau, »es ist eine kleine Gesellschaft angefahren gekommen, welche Sie in Dienstangelegenheiten zu sprechen verlangt.«

»Wer ist es, Betty,« versetzte der Geistliche, von seinen Büchern aufsehend. »Wohl einige von meinen Beichtkindern?«

»Nein,« erwiederte die Haushälterin, »ich kenne sie nicht. Aber es scheint mir fast, als ob es eine Hochzeit geben sollte, obwohl der Mann eher den Vater der Braut, als den Bräutigam vorstellen könnte. Und doch wird es so sein, wie ich sagte, denn Sie wissen, ich habe einigen Scharfblick in solchen dingen.«

»Gewiß, Betty,« lächelte der Doctor. »Gewiß, denn Uebung macht den Meister, aber komm, gib mir meinen andern Rock, denn wenn sie wirklich copulirt sein wollen, so schickt sich's doch nicht, daß ich die heilige Handlung in diesem zerrissenen Kittel vornehme, obwohl Gott nicht auf den Rock sieht. So, nun führ sie herein, bleib aber in der Nähe, wenn etwa noch ein Zeuge nöthig sein sollte, denn du weißt, ich liebe es der Ordnung wegen, immer zwei Zeugen zu einer Trauung zu nehmen.«

Die Besuchenden wurden nun eingeführt; es waren dieselben, die der Leser bereits kennt: Niemand anders als Frau Myers mit ihrer Tochter und Sammy, genannt Lord Douglas. Der Letztere trat vor, allein so tollkühn und ja frech er auch sonst bei andern Gelegenheiten sich bewiesen haben mochte, so beklommen zeigte er sich in diesem Augenblicke. Er fühlte, daß er nicht unter seinen Gesinnungsgenossen stand und unwillkührlich äußerte das ehrwürdige Aussehen des Doctors, auf dessen Antlitz kein Falsch zu lesen war, seine Wirkung auch auf diesen in der Sünde und im Betrug aufgewachsenen Verbrecher. So kam es, daß es ihm unmöglich war, auch nur einen Laut hervorzubringen, obwohl die Sitte erforderte, daß er sich und seine beiden Begleiterinnen dem Doctor vorgestellt hätte.

»Was steht Ihnen zu Diensten, und mit wem habe ich zu sprechen das Vergnügen?« fragte endlich der Doctor, die Verlegenheit seines Besuchs bemerkend.

»Wir glaubten, Sie kennen Herrn Price,« erwiederte Caroline fast flüsternd, denn auch sie war anfänglich von der Beklommenheit Sammy's ein wenig angesteckt, während Mutter Myers einen frechen Blick im Zimmer umherlaufen ließ.

»Herrn Price?« versetzte der Geistliche, nach seiner Brille suchend. »Herrn John Price von Havannah? Bitte, entschuldigen Sie mich, mein Gesicht wird von Tag zu Tag kürzer, so daß ich nächstens die genauesten Bekannten nicht mehr von Fremden zu unterscheiden weiß. Ach, da liegt sie ja endlich, die dumme Brille,« fuhr er fort, dieselbe vor die Augen setzend. »Ei freilich, nun erkenne ich Sie ganz gut, Herr Price; wir trafen uns ja vor einem Jahre bei der großen Versammlung im Tabernacle und wahrhaftig, Sie haben sich auch um kein Jota verändert; im Gegentheile, Sie sehen fast jugendlicher aus.«

Nunmehr war das Eis gebrochen, und da der Geistliche die Identität des Herrn John Price nicht ableugnete – freilich sah er mit der Brille nicht viel besser, als ohne dieselbe – so kehrte der freche Muth in das Herz derer zurück, die eben darauf ausgingen, den ehrlichsten Mann New-Yorks zu einem schändlichen Betruge zu mißbrauchen!

»Ich freue mich, Sie zu sehen, Doctor,« sagte Sammy mit so viel Würde, als er nur immer annehmen konnte. »Freue mich herzlich. Hätte kaum gedacht, daß Sie mich noch kennen würden, und habe deßhalb ein Certificat mitgebracht. Hier ist mein alter Paß, mit dem ich meine Reisen nach der Havannah zurückzulegen pflegte; ein altes Stück Möbel und ganz vergilbt, aber Sie sehen doch daraus, wer ich bin.«

»Oh, es ist durchaus nichts weiter nöthig,« versetzte der Doctor, nur einen flüchtigen Blick auf das Papier werfend. »Ich habe Sie gleich wieder erkannt, und als Beweis dessen führe ich Ihnen an, ich meine fast, Sie haben den nämlichen Rock an, wie dazumal und die nämliche Weste. Ja, wir alten Leute können nicht mehr so mit der Mode gehen, wie die nachwachsende Jugend. Doch was führt Sie zu mir? Kann ich Ihnen in Etwas zu Diensten sein?«

»Gewiß, denn ich will mich copuliren lassen,« platzte Sammy heraus.

»Wie? Sie wollen getraut sein?« rief der Doctor erstaunt und einen Schritt zurücktretend. – »In der That, Sie müssen mir meine Verwunderung in Etwas zu Gute halten, denn ich meine, erst dieser Tage irgendwo Etwas davon gehört zu haben, daß Sie Ihren Neffen von Californien hätten kommen lassen, um ihn zum Alleinerben einzusetzen. Aber wahrscheinlich habe ich falsch gehört.«

»Nein, es ist etwas daran,« entgegnete Sammy, sich hinter den Ohren kratzend, denn er wußte nicht recht, wie er nun seine Geschichte anbringen sollte.

Dieser Verlegenheit beschloß Frau Myers ein Ende zu machen. »Mit Verlaub, hochwürdiger Herr,« sagte sie, einen Knicks machend, »ich bin die Mutter der Braut hier und kann mir wohl denken, warum mein künftiger Herr Schwiegersohn in Verlegenheit kommt, mit der Farbe herauszurücken. Sehen Sie, Herr Doctor, er hat allerdings seinen Neffen Marc von Californien kommen lassen, um ihn zum Erben einzusetzen, aber wie er ihn damals aus dem Westen heraus verschrieb, bedachte er nicht, daß er selbst doch auch noch ein kräftiger Mann sei und so zu sagen in den besten Jahren. Er hätt's freilich bedenken sollen, es wäre besser gewesen; denn sehen Sie, meine Carlein hier, meine Tochter heißt Carlein, hochwürdiger Herr, also meine Carlein und der Herr John Price traten in ein Verhältniß, und – nun Sie können sich es schon denken, was es für ein Verhältniß war. Und natürlich in die Länge konnte es nicht so fortgehen, ohne daß es an den Tag gekommen wäre, was man freilich damals noch nicht wußte, als man den Neffen von Californien verschrieb. Aber nun ist es einmal so, und darum hat sich Herr Price als rechtlicher Mann entschlossen, die Ehre meiner Tochter vor der Welt wieder herzustellen. Und sehen Sie, das ist's, warum sie einander heirathen wollen.«

Sie schwieg erschöpft still, denn es war dieß die wichtigste Rede, welche sie in ihrem Leben gehalten hatte. Aber dem Bräutigam hatte sie einen Stein von der Brust gewälzt. »Ja, so ist's, Doctor,« rief er, die Rede seiner Schwiegermutter bestätigend. »Ehre und Liebe gebieten es mir, dem von mir verführten Mädchen meine Hand zu reichen. Meinen Neffen Marc werde ich schon anderweitig zu entschädigen wissen. Aber sehen Sie, da habe ich noch eins auf dem Herzen. Ich möcht's dem Marc nicht so Knall und Fall zu wissen thun, daß er nun natürlich nicht mehr der nächste Anverwandte ist, und auch meine Freunde, – es sind meist alte Junggesellen, wie ich selbst bis jetzt – sie könnten leicht dazu gebracht werden, über mich zu spotten und meinen neuen Ehestand zu verlachen; deßwegen wäre es mir ein Gefallen, wenn Sie über die Sache noch eine Zeit lang reinen Mund hielten; es muß ja nicht Alles in die Zeitungen kommen, und man wirds noch bald genug erfahren, wenn ich erst die Leute darauf vorbereitet habe.«

»Es ist nicht meine Gewohnheit, meine Amtshandlungen öffentlich bekannt zu machen,« erwiederte Doctor Melville. »In dieser Beziehung dürfen Sie also ganz ruhig sein. Aber,« fuhr er fort, seinen Blick mit einem wehmüthigen Lächeln auf Caroline richtend, denn er vermuthete in ihr eines der vielen Opfer der Sittenverderbtheit der Reichen und Vornehmen; »haben Sie auch Alles wohl bedacht, mein Fräulein? Sie sind noch jung, mein Kind, und Herr Price ist ein älterer Herr. Ist die feierliche Handlung vorüber, so kommt die Reue zu spät. Darum halte ich es für meine Pflicht, Sie zu bitten, mir trotz der Gegenwart des Herrn Price eine offene freie Antwort auf die Frage zu geben: haben Sie sich freiwillig ohne Zwang und Ueberredung zu dieser Heirath entschlossen? Sind Sie jetzt noch gewillt, dabei zu beharren?«

»Ich habe mich von freien Stücken hiezu entschlossen,« antwortete Carlein mit ruhiger fester Stimme, nun zum ersten Male laut das Wort ergreifend, als ob Schamgefühl ihr bisher den Mund geschlossen gehabt hätte. »Wir sind hierher gekommen, um von Ihnen den Akt vornehmen zu lassen.«

Der Doctor machte nun keine weiteren Einwendungen mehr. Er rief seiner Haushälterin, die übrigens vom Nebenzimmer aus Alles mit angehört hatte, um als zweiter Zeuge zu fungiren, und nahm sofort die Copulation vor, wie sie ihm der Ritus der bischöflichen Kirche, welcher Braut und Bräutigam anzugehören erklärten, vorschrieb. In weniger als einer Viertelstunde war der heilige Akt vorüber und der Geistliche, der in seinem Leben keine Handlung begangen, welche ihm zur Unehre hätte gereichen können, hatte einer That, welche, an sich schon verbrecherisch genug, überdem die nothwendige Ursache von noch bei weitem verbrecherischeren Folgen sein sollte, den Stempel der Gesetzmäßigkeit aufgedrückt!

Doctor Melville stellte nun das Certificat der neu gestifteten Ehe aus. Es lautete dahin, »daß heute den 10. Mai des Jahres 1851 rechtmäßig von ihm getraut worden seien der Kaufmann John Price senior mit Caroline Myers, Tochter des Herrn Natanael Myers, Vorstehers einer Privatblindenanstalt in Flusching bei New-York,« und unterschrieben war es »von Doctor Melville, Prediger an der Achtavenue-Kirche in derselben Stadt.« – Die Neugetrauten verließen, nachdem sie die übliche Trauungsgebühr bezahlt, das Arbeitszimmer des Doctors und bestiegen wieder ihr Gefährt.

»Gewonnen! Gewonnen!« rief Caroline und ein Strahl von teuflischer Freude verdrängte auf einen Augenblick ihren gewöhnlichen sanften Gesichtsausdruck. »Nun soll mir das Vermögen des alten Herrn kein Mensch auf Erden mehr streitig machen.«

Sie fuhren die achte Avenue hinab. Ein offener Wagen kam ihnen in tollem Jagen entgegen. Es war eines jener sechssitzigen Gefährte, halb Charabanc, halb Phaeton, wie sie so häufig von betrunkenen Matrosen benützt werden, wenn sie mit ihren eben so betrunkenen Curtisanen eine Tollhausfahrt durch die Stadt machen. Auch dießmal schien die Gesellschaft, welche den Wagen in Beschlag genommen hatte, derselben Sorte Menschen anzugehören. Der Kutscher Carleins wich so weit aus, als er konnte, aber die betrunkenen Matrosen fuhren dicht auf die Drotschke zu und ihr in vollem Jagen begriffenes leichtes Wägelchen prallte an den festen Achsen der Letzteren ab.

»Ihr habt unser Gefährt ruinirt. Heraus, wer in dem verschlossenen Kasten da drin sitzt,« brüllten die Matrosen, sich unter dem umgeworfenen Charabanc hervorarbeitend.

»Hoho, da will ich auch ein Wort mitsprechen,« schrie Sammy, im Begriffe, herauszuspringen.

»Ruhig, Sammy,« flüsterte jetzt Caroline. Sollen wir im Augenblicke des Siegs noch der Polizei in die Hände fallen? Siehst du nicht, welche Menschenmasse sich bereits ansammelt? Wenn man dich in deiner Verkleidung erkennt, so kommt morgen Alles in den Blättern und Doctor Melville weiß, daß er einen Betrüger und keinenfalls den John Price getraut hat. Bleibt ruhig in euren Ecken sitzen, du und die Mutter,« rief sie ihren beiden Begleitern zu, »und laßt euch in keinem Fall auf die Straße zerren.«

Sie sprang aus der Drotschke und in demselben Augenblicke erkannte sie unter den Begleiterinnen der Matrosen die betrunkene Käte, welche eben zu einem Sturm auf die Drotschke aufforderte.

»Käte,« rief sie, »Käte, erkennst du mich denn nicht?«

»Ha, bist du's, Carlein,« schrie das tolle Mädchen. »Komm, du sollst einen Spaß erleben, wie du noch keinen mit ansahst. Drinnen in der Stadtkutsche da sitzt das häßlichste alte Weib, das unser Herrgott erschaffen, und ein alter Gimpel von einem liebesseufzenden Seladon; die müssen sich mit einem allgemeinen Treat auslösen, und überdieß unser Gefährt bezahlen, oder wir hängen sie an die nächste Laterne.«

»Bist du rein des Teufels, Mädchen?« erwiederte Carlein, und riß sie zugleich zu sich heran. »Siehst du denn nicht,« flüsterte sie, »wer drin sitzt? Es ist ja der alte Herr Price, den ich dir letzthin gezeigt habe, und ich will dirs im Vertrauen sagen, ich hab ihn so eben insgeheim geheirathet und den Sammy abgeschafft. Hier hast du ein Zehnthalerstück, das wird wohl zureichen, um euch alle vollends ganz betrunken zu machen. Aber nun mach, daß man uns ruhig passiren läßt, denn mein Herr Gemahl ist doch ein bischen zu alt, um eure Tollheiten ertragen zu können und der Schrecken könnte ihm in die morschen Glieder fahren.«

Käte lachte laut auf. »Du bist das spaßhafteste Geschöpf von der Welt,« rief sie, »aber komm, laß mich deinen Hörnermann sehen und dann fahr mit ihm zum Teufel oder wo du sonst hin Lust hast.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, lief sie zur Drotschke hin, riß den Schlag auf, und wollte vor Lustigkeit bersten, als sie den alten Herrn in seiner weißen Perrücke erblickte. »Ah,« schrie sie, sich so tief verbeugend, als wollte sie den Boden berühren. »Sie sind der liebenswürdige Herr Gemahl? Gratulire tausend Mal zu Dero vorzüglicher Wahl. Und hör, Carlein, wickel ihn in Baumwolle, sonst verbricht er dir unter den Händen, er sieht gar zu zerbrechlich aus.«

Mit diesen Worten schlug sie lachend den Kutschenschlag wieder zu und wandte sich zu ihren Gefährten, das Zehnthalerstück hoch in den Händen haltend. – Die Drotschke konnte weiter fahren.

»Sie hat dich nicht erkannt, Sammy,« rief Carlein triumphirend; »und wenn wir noch einen weitern Zeugen brauchen, daß ich mit John Price rechtmäßig getraut bin, so schwört Käte Stein und Bein, daß sie mich mit demselben vom Pfarrer hat herfahren sehen.«

Ohne weiteren Unfall kamen sie auf Trinityplace in der Wohnung der Mutter Myers an. Hier trennten sie sich. Sammy schlich sich in seiner Verkleidung langsamen Schrittes seinem Zufluchtsorte zu; Caroline ging den Broadway hinauf nach der Amitystreet, wo des alten Herrn John Price Palast stand.

»Sammy,« sagte sie leise zum Abschied. »Wir sind nun enger verbunden, als je, und wir werden bald noch enger verbunden werden. Wenn ich deiner Hülfe schnell bedürftig wäre und mich keinem Dritten anvertrauen möchte, wie kann ich Eingang finden in der alten Brauerei?«

Sammy besann sich einen Augenblick, dann flüsterte er ihr ein paar Worte ins Ohr. »Dieß Losungswort wird dich zu mir führen,« setzte er laut hinzu.

Eine halbe Stunde darauf waltete Carlein im Hause des alten Herrn in der Amitystreet wieder so ruhig und still, als ob gar nichts vorgefallen wäre. Rock, Weste, Ring und Käppchen lagen wieder an ihrem alten Platze. In dem kurzen Zeitraume von drei Stunden war der ganze Plan ins Werk gesetzt worden.


10.
Die Wahrsagerin.

Die Wallstreet New-Yorks ist der Geldmarkt dieser großen Stadt und damit zugleich der Geldmarkt der Union, der Geldmarkt der halben Welt. Hier steht die Börse, in Amerika Exchange geheißen, ein immenses Steingebäude, in welchem täglich Millionen den Besitzer wechseln; hier erhebt sich das Zollamt oder Customhouse, zu dessen mächtigem Säulengange vierzig über fünfzig Fuß lange Marmorstufen emporführen; hier steht ein fürstliches Bankgebäude neben dem andern und in ihren Gewölben lagert das Gold von Californien und das Silber Mexicos; hier stößt eine Geldwechslerbude auf die zweite und in den Zwischenpausen haben die Versicherungsbanken ihr Lager aufgeschlagen; hier wird nur nach Hunderttausenden gerechnet, und wenn man mit einem Wechsel kommt, der unter einer Million beträgt, so fragt man Einen kalt: in welcher Geldsorte man bezahlt zu sein wünsche. Die Könige dieser Straße sind die Bankdirektoren, Männer, deren Besoldung von dem Bankinstitute, dem sie vorzustehen die Ehre haben, auf 25.000 Dollars fixirt ist, während ihr Einkommen aus ihrem Antheil an der Bank, d. h. aus ihrem Privatvermögen vielleicht oft das Doppelte und Dreifache beträgt! Und doch ist möglicher Weise ein solcher Geldriese keinen rothen Heller werth, wenn man der Sache näher auf den Grund geht! Und doch hat er vielleicht gestern sein Alles auf eine Karte gesetzt, um auf einmal doppelt so reich zu werden, als er bisher war, und die Karte hat gegen ihn ausgeschlagen, und er ist jetzt ein Bettler! Aber nein, noch ist er es nicht; die Welt weiß nichts von seinem Verlust, er hat seinen Kredit bis jetzt nicht erschöpft; Wechsel werden ausgegeben, Papiere von immensem Nennwerth werden auf den Geldmarkt geworfen, ächte oder falsche Papiere; glückt's oder glückt es nicht, was liegt daran, mehr als ein Bettler kann er nicht werden! Oder glaubst du vielleicht, er habe Angst vor dem Zuchthause? Oder er genire sich gar vor seinem Gewissen? Närrischer Gedanke! Wenn's glückt, so löst er die falschen Papiere und werthlosen Wechsel ein und kein Mensch denkt daran, ihn wegen Fälschung zu belangen; wenn's aber mißglückt, was thut es dann, wenn er auf ein paar Jahre ins Zuchthaus kommt, oder wenn ihn die Gesellschaft als einen Verbrecher brandmarkt? Die viel ärgere Strafe, die ihn am härtesten drückende Strafe ist ja der Verlust des Geldes! Nein – mehr als ein Bettler kann er nicht werden!

So ist denn »Geld« der einzige Maßstab, nach welchem in der Wallstreet gemessen wird, und mit tiefer Ehrfurcht betritt daher der Amerikaner diese Straße. Ist ja doch der Gott des Geldes der einzige Gott, der von dem halben Theil der Bewohner der neuen Welt in Liebe und Wahrheit verehrt wird! Was ist Schönheit, was Talent, was Verstand, was Tapferkeit, was Ehrbarkeit, was Tugend, was Genie? Ums Geld ist dir die Schönheit unterthan, ums Geld kannst du das Talent kaufen, das Geld bringt dir Ansehen, Macht, Ruhm, Alles, was dein Herz begehrt. Die einzige Tugend in der Wallstreet der neuen Welt ist also: Geld haben! Natürlich wird unter solchen Umständen nicht darnach gefragt, wie das Geld erworben wird. Ob's Diebstahl an Waisenkindern, ob's ein falsches Testament, ob's ein Betrug am Staate, eine Schwindelei an der Stadt oder einem Mitbürger war, was das Geld herbeibrachte, und es dem Manne möglich machte, unter die Fürsten des Geldmarktes sich einreihen zu lassen, – was liegt hieran? Mit solchen Bagatellen gibt sich ein Mitglied der Exchange nicht ab! Alle diese Schlechtigkeiten und noch ein Halbdutzend anderer dazu mögen wahr sein, aber – wenn sie nur nicht erwiesen, nicht gerichtlich erwiesen sind! Solange ein Schuft nicht gehenkt ist, bleibt er in Amerika ein Ehrenmann, sobald er nämlich Geld hat!

Wie nun aber die Wallstreet der Ort ist, an welchem dem Gott »Money« Altäre errichtet werden, so ist die fünfte Avenue die Straße, wo die Hohenpriester dieses Gottes ihre Wohnstätten aufgeschlagen haben. Ein großer Bankherr kann nirgend anderswo sein Geschäft haben, als in oder hart bei der Wallstreet; er kann aber auch nirgend anderswo leben und residiren, als in oder hart bei der fünften Avenue, dem »Westend« New-Yorks.

Die fünfte Avenue beginnt am Waverleyplace, einer schönen breiten, nur auf einer Seite mit Häusern bebauten Straße, welche den Washington square auf der Nordseite begrenzt und läuft in einer Länge von wohl anderthalb Stunden weit über Harlem hinaus bis zum Flusse gleichen Namens. Ihren eigentlichen Charakter als Wohnstätte der Millionäre erhält sie aber erst da, wo sie rechtwinklicht von der zehnten Straße durchschnitten wird. Auch hört sie auf, für die Goldfürsten »annehmbar« zu erscheinen, so bald man über die zwanzigste Straße hinauskommt. So ist es nur die Länge von etwa einer kleinen Viertelstunde, in der sie fashionable ist, aber in dieser Länge reiht sich auch Palast an Palast, Schloß an Schloß, Park an Park! Und nicht blos die fünfte Avenue selbst ist es, in welcher diese fürstlichen Wohnungen stehen, sondern auch in den sie durchkreuzenden Querstraßen erlaubt es der Anstand den Millionären, sich häuslich niederzulassen, natürlich aber nur in einer kurzen Entfernung von der Avenue, nämlich so weit, bis diese Querstraßen rechts die vierte und links die sechste Avenue berühren. Darüber hinaus zu wohnen ist nicht mehr »exclusiv« genug! Man könnte da schon mit dem gemeinen Pöbel oder gar vollends mit der Armuth in Berührung kommen! – Man hat diesem Reviere einen eigenen Namen gegeben: die Gegend der »Upper ten,« d. h. die Wohnstätte derer, welche nicht unterhalb der zehnten Straße wohnen dürfen, ohne sich vor ihren Standesgenossen zu blamiren, und in der That verdient diese Gegend einen exclusiven Namen, denn man glaubt, wenn man sich hierher verliert, urplötzlich in eine ganz andere Weltgegend versetzt zu sein. Es ist aber nicht blos die imponirende Pracht der Gebäude, welche diesen Eindruck hervorbringt, sondern es ist noch vielmehr die hier herrschende Stille und Feierlichkeit, welche Einen überwältigt! Durch alle Avenues New-Yorks, welche sich bis in die Nähe von Harlem oder darüber hinaus erstrecken, von der ersten bis zur eilften, führen Pferde- oder Dampfroß-Eisenbahnen, nur allein durch die fünfte Avenue nicht! Durch alle Hauptstraßen dieser ungeheuren Stadt fahren Omnibusse auf Omnibusse, um den Verkehr zu erleichtern, in der fünften Avenue, d. h. auf der Strecke der »Uppertens« darf sich keine Stage sehen lassen! Kein Geschäft, es mag heißen, wie es will, kann sich hier ansiedeln, denn der Grundbesitz ist in den Händen der Uppertens, und wenn er je wechselt, wenn je ein Palast dorten verkauft wird, so stehen die andern Uppertens zusammen und zahlen lieber den dreifachen oder vierfachen Preis, als daß sie einen Andern zuließen, der nicht »Upperten« ist! Aus diesen Hallen ist das Geräusch alles Handels und aller Handthierung verbannt, sogar das Straßenpflaster ist excludirt, weil die Karossen der Millionäre sich zu unsanft und laut darauf bewegen würden; an seiner Statt ist Flußsand aufgeführt, der in beständiger Nässe erhalten wird, damit kein mißliebiges Stäubchen das Duftgewand der Uppertendame berühre! »So gibt es also doch noch Einen Fleck in der Welt, wo man leben kann, ohne jenen häßlichen Geschöpfen zu begegnen, welche dazu da sind, für den Reichen zu arbeiten, jenen Geschöpfen, die dazu geboren werden, ihr Brod mit dem Schweiß ihres Angesichts zu verdienen, und die dennoch die Unverschämtheit haben, sich auch noch Menschen zu nennen. Gott sei Dank, wenigstens Ein Fleck!« – So denkt der Wallstreetfürst New-Yorks.

Es war am nämlichen Mittag, an welchem Caroline Myers ihre Scheinheirath mit Sammy Douglas vollzog, als ein einzelner Fußgänger durch die Barrowstreet der fünften Avenue zuging. Wir kennen den jungen Mann an seinem elastischen festen Tritt, an dem gutmüthigen und doch verständigen Ausdruck seines Gesichts, an seinem fröhlichen herzgewinnenden Auge. Es ist Marc Price, der, ein längst gegebenes Versprechen zu erfüllen, dem Palaste des Millionärs Morris zuschreitet.

»Ich glaube, ich bin der einzige Mensch, der hier zu Fuß geht,« sagte er, sich verwundert umschauend, als er aus dem Gewühl der Verkehrsstraßen in die Grabesstille der fünften Avenue getreten war, und fast Niemanden mehr neben sich erblickte. In der That war es kein Wunder, daß er keiner Seele mehr begegnete, denn in der fünften Avenue geht nie »Jemand« zu Fuße, da man doch die Dienstboten, welche natürlich ihre Aufträge nicht »im Wagen« abmachen, nicht zu den »Jemanden« wird rechnen wollen!

Er hielt an einem Hause, welches in der Mitte zwischen der dreizehnten und vierzehnten Straße, also im reichsten und vornehmsten Theile von »Upperten« stand. Es war ein prächtiges Gebäude, massiv, von braunen Quadern aufgeführt, und einen Raum einnehmend, den sonst zehn Häuser in den andern Stadtvierteln nicht inne hatten. In einem besondern Styl war das Haus nicht erbaut, im Gegentheil es schien ein Mischmasch von verschiedenen Stylen zu sein, der dem Baumeister vorschwebte; aber reich war die Bauart, reich waren die Sculpturen, reich der Garten oder Park, welcher das Ganze umschloß. Man sah dieser Steinmasse an, daß sie viel Geld gekostet habe, was brauchte also Geschmack drin zu sein! – Alle Läden des Palais waren fest verschlossen, und wo keine Läden waren, hatte man schwere Gardinen herabgelassen, um alles Licht und jeden neugierigen Blick abzuhalten. Auch das zwischen Marmorsäulen prangende Portal wie die kleinere reich vergoldete Eingangsthüre waren geschlossen, so daß ein mit den Verhältnissen Nichtvertrauter nothwendig hätte glauben müssen, das ganze Hotel sei unbewohnt und ausgestorben. Allein gerade dasselbe hätte auch mit den übrigen Palästen ringsum der Fall sein müssen, denn auch diese waren gleichmäßig verhüllt und unzugänglich gemacht. Es ist dieß ein Vorrecht, das ein Upperten vor andern Menschen zum Voraus hat – obgleich die Nichtuppertens in getreuer Nachäffung aller Moden der Reichen in ihren kleinen Wohnungen dieselbe Sitte ebenfalls gang und gebe zu machen suchen, – weil er der Gemächer und Salons so viele besitzt, daß er zum Wohnen und Schlafen sich solche Localitäten aussuchen kann, welche auf die Seite oder hinten auf den Park hinausgehen. Hier kann er alle Fenster öffnen, und Licht und Luft nach Belieben einlassen, denn hier schließen hohe Mauern, die um den Park herum führen, und noch höhere Bäume jeden unbefugten Blick aus. Und überdieß ist die Luft, die über den Garten hinströmt, viel reiner und duftiger, da sie ja von Blumengeruch geschwängert ist.

Marc bewegte den Thürklopfer an der kleineren Pforte; wahrscheinlich jedoch hatte er ihn nicht hart genug auffallen lassen, denn es regte sich innen Niemand. Für einen »bescheiden« Klopfenden haben die Dienstboten der Uppertens kein Gehör! Marc ließ nun den Klopfer schwer und scharf auffallen, daß es laut durch die Straße tönte und in der Sekunde darauf sprang die Thüre auf. Ein schwarzer, aber reich gallonirter Portier stand vor ihm. Ein Upperten kann keinen andern Portier, ja überhaupt keine andere Diener oder Aufwärter haben, als Nigger und Mulatten! Der Portier betrachtete den Ankömmling von Kopf bis zu den Füßen. Wie konnte ein zu Fuße Gehender so unverschämt sein, in dieses Palais einzudringen? Er streckte langsam, ohne ein Wort zu sagen, die Hand aus, um die Karte des Fremden in Empfang zu nehmen, denn ein Mensch, der nicht in seinem eigenen Wagen kam, konnte doch nicht so verrückt denken, einen Besuch machen zu wollen!

»Bursche, sei nicht unverschämt,« sagte Marc, den Ebenholzmann, der ihm den Weg vertreten wollte, auf die Seite schiebend. »Ist kein Diener da, mich bei deiner Herrschaft zu melden?«

»Herr Morris ist nicht zu Hause,« erwiederte der Portier kurz angebunden.

»Aber doch wohl seine Tochter?« versetzte Marc.

Abermals musterte ihn nun der Gallonirte von oben bis unten und so unverschämt war sein Blick, daß Marc sich fast versucht fühlte, ihn mit einem Schlage dafür zu züchtigen. Allein der Schwarze schien dieses Gefühl zu ahnen, denn er zog schnell an einem Knopf in der Wand, welcher eine Klingel in das Bedientenzimmer in Bewegung setzte. Sogleich erschien ein zweiter Nigger in durchaus schwarzer Kleidung, aber weißer Weste und weißem Halstuch, wodurch seine Ebenholzfarbe noch mehr hervorgehoben wurde. Auch dieser schien mit nicht minderer Verachtung auf den jungen Mann herabsehen zu wollen, der gleich einem Arbeiter oder sonstigen Lumpen zu Fuße ankam; denn in einem Uppertenhause denkt die Dienerschaft wie die Herrschaft und hat von der Letzteren noch das voraus, daß sie nicht genöthigt ist, ihre Gedanken zu verbergen.

»Ist deines Herrn Tochter zu Hause?« fragte Marc.

»Lady Julie ist zu Hause,« erwiederte der Bediente, »aber,« setzte er mit einem verächtlichen Seitenblicke hinzu, »sie wird Niemanden empfangen können.«

»Geh' und melde mich,« sagte Marc, »ich heiße Marc Price.«

Der Schwarze ging, aber mit offenbarem Widerwillen und wahrscheinlich in der festen Ueberzeugung, der Besuch werde von seiner Herrin abgewiesen werden. Es dauerte jedoch keine Minute, so kam er schon die Treppe wieder herab. Seine Miene hatte sich jetzt total geändert, wie auch sein Gang, denn er flog mehr, als er ging, und verbeugte sich so tief vor Marc, daß er mit dem Kopf fast den Boden berührte. Zu gleicher Zeit sprangen noch sechs oder acht andere Schwarze aus dem Bedientenzimmer heraus, und stellten sich kerzengerade auf beiden Seiten des Gangs auf, gleichsam ein Ehrenspalier bildend, durch welches Marc schreiten mußte. Der erste Bediente hüpfte die Treppe hinauf voraus und rief, als Marc oben angekommen war, die Flügelthüre weit aufreißend: »Herr Marc Price!« Auf solch' solenne Art wird ein gern gesehener und besonders geachteter Besuch in Uppertenhäusern empfangen!

Das Zimmer, in welches Marc geführt wurde, bildete ein großes Viereck. Zwei hohe Fenster, die fast von der Decke bis zum Boden reichten, waren mit gelben, schwer damastenen Vorhängen behangen; dagegen stand eine auf einen breiten Balkon führende Flügelthüre weit offen und ließ die balsamischen Düfte blühender Pflanzen, die hier pyramidalisch aufgestellt waren, eindringen, denn ein Uppertenhaus hat seine eigene Orangerie und hält seinen europäischen Gärtner, dieselbe zu besorgen. Die Wände waren mit Purpursammt belegt und der Plafond strahlte von Deckengemälden, die breit mit Gold eingefaßt waren. Den Fußboden bedeckte ein reicher Teppich, in welchen der Fuß knöcheltief einsank. Breite und tiefe Spiegel waren in die Wände eingelassen und auf jeder Seite prangte ein Oelgemälde, von außerordentlichen Dimensionen mit schwervergoldetem Rahmen. Die Divans und Schaukelstühle waren mit Seidedamast überzogen und die kleinen Tischchen davor seufzten unter Silberzierrathen, mit denen sie bedeckt waren. In den vier Ecken standen Marmorsäulen mit ächtsilbernen Büsten, und in der Mitte des Zimmers verbreitete ein Springbrunnen Kühlung und Frische. Ein silberner Amor mit einem großen silbernen Becken fing die sprudelnde Quelle auf, und speiste einen kleinen See, der von größeren und kleineren Goldfischchen wimmelte. Um den Springbrunnen herum, ihn gleichsam in ihre Mitte schließend, standen ziemlich hohe Cypressen und andere Bäume und bildeten einen Hain, dessen dichtes Laubwerk fast undurchdringlich war. – Also prachtvoll war das Zimmer, in welches Marc geführt wurde und es war noch nicht einmal das prächtigste des Hauses!

Marc konnte im Anfang Niemanden erblicken, allein im nächsten Augenblicke schon rief ihn eine sanfte Stimme beim Namen, und wie er ein paar Schritte vortrat, sah er die Herrin des Hauses – denn das war sie in der That als des Herrn Morris einzig Kind – auf einem Schaukelstuhl halb sitzend, halb liegend, und von den Cypressenwäldchen neben der Fontaine halb verborgen. Es war ein feines Mädchen von achtzehn, höchstens neunzehn Jahren, vielleicht mochte sie auch nicht einmal so alt sein, da ihre blasse, fast graudurchsichtige Farbe, die feuchten, fast glanzlosen Augen und der matte Zug um den Mund, welcher meist von Erschöpfung und Uebergenuß erzeugt wird, sie jedenfalls nicht so jung erscheinen ließen, als sie wirklich war. Trotzdem aber, daß die Frische und Blüthe fehlte, welche sonst die Jugend auszeichnet, übte die junge Dame dennoch einen mehr als gewöhnlichen Reiz aus, denn ihre Gesichtszüge waren regelmäßig und von fast griechischem Oval, und ihre Körperformen, obwohl jener Elasticität ermangelnd, welche im Gefolge einer unverdorbenen Natur zu sein pflegen, waren doch üppig und sinnenaufregend. Neben ihr, oder vielmehr halb zu ihren Füßen saß auf einem niederen Stuhl ein junger Mann von blassem Aussehen, aber mit jener Sicherheit in der Miene und in den Manieren, welche nur die Gewohnheit des Umgangs mit höheren Kreisen erwirbt.

»Sie sind es, Marc?« sagte die junge Dame mit schmachtendem Tone, jedoch ohne eine Aenderung in ihrer Lage vorzunehmen. »Es ist wahrhaftig eine ganze Ewigkeit, daß ich Sie nicht gesehen habe. Die Herren kennen sich, denke ich? Herr Bob Macquire, Herr Marc Price. Bitte, Marc, nehmen Sie sich einen Stuhl und setzen Sie sich neben mich. Wo sind wir doch stehen geblieben, Bob? Ach, richtig, bei der Oper. Gott, wie mich das langweilt!«

»Die Oper, oder ich?« rief Bob lachend. Es war dieß derselbe Bob Macquire, dem wir schon einmal gleich beim Beginn unserer Erzählung begegnet sind.

»Beide,« entgegnete Julie Morris, die Augen fast ganz schließend. »Ganz New-York langweilt mich. Es gibt doch auch gar Nichts mehr, das Interesse gewähren könnte. Ach, wie schrecklich, hier leben und vor Langerweile sterben zu müssen!«

»Aber das letzte Concert der Grisi?« warf Marc ein, vielleicht weniger aus Ueberzeugung, als um nur etwas zu sagen.

»Mein Gott, Grisi und immer wieder Grisi,« gähnte Julie.

»Und der Ball bei Penningtons?« fuhr Bob fort. »Er war doch splendid genug und Fräulein Julie schien sich mit den jungen Herren daselbst ganz gut zu unterhalten!«

»Bob, Sie tödten mich,« schmachtete Julie mit mattem Lächeln. »Ich kann mich nicht erinnern, daß ich nur mit Einem sprach. Immer die gleichen Zierpuppen. Zeigen Sie mir einmal Natur, wirkliche Natur! Ach, wie sehne ich mich darnach, einmal einem Manne zu begegnen, einem frischen, freien, natürlichen Jüngling, den unsere Stadtluft noch nicht verdorben hat!«

Bei diesen Worten richtete sie ihr feuchtes, schwimmendes Auge voll auf den erröthenden Marc, sich ohne Scheu an seiner kräftigen, unverdorbenen Gestalt weidend. Bob ließ seinen Blick von Marc auf sie und von ihr auf ihn zurückwandern. Die sinnliche Bewunderung, welche in Juliens Blick lag, schien ihm nicht zu gefallen.

»Ach, da fällt mir ein,« rief er plötzlich. »Haben Sie schon von der neuen Wahrsagerin gehört? Der Madame Lenormand, der Zweiten? Ich kam eigentlich expreß deßwegen hierher, um Sie zu ihr zu führen, denn die Frau ist wahr und wahrhaftig eine Zauberin.«

»Pah, irgend eine Betrügerin!« lispelte Julie. »Wo wohnt sie doch gleich?«

»Ecke Broome- und Allenstreet,« versetzte Bob. »Erster Stock.«

»Gott! Welch' gemeine Gegend!« gähnte die junge Dame. »Wie nur Jemand in dieses Quartier sich hin bemühen mag.

»Und doch sieht man dort tagtäglich die Karossen der Reichsten und Angesehensten!« rief Bob. »Es ist aber auch der Mühe werth, denn diese Frau weiß rein Alles. Es gibt kein Geheimniß, das ihr verborgen wäre.«

»Oh, ich will Sie nicht abhalten, dahin zu gehen,« meinte Julie, ihre Augen wieder, wie vor Ermattung, schließend.

»Nein,« rief Bob aufstehend, »wenn Sie nicht mitgehen, so habe ich auch keine Lust, die Wahrsagerin zu besuchen. Aber ich habe Sie schon zu lange gelangweilt, theuerste Julie, gestatten Sie mir, daß ich mich entferne.«

Sie reichte ihm die zarte, weiße, blaugeäderte Hand und er nahm Abschied. Auch Marc war aufgestanden, um zu gehen; aber Julie meinte, er habe ihr versprochen, ihr etwas von seinen Reiseabenteuern zu erzählen, und so mußte er bleiben, trotz dem, daß ihm der Spott in Macquires Zügen über solche offenbare Bevorzugung nicht gefallen wollte. Kaum hörte man jedoch die Räder des durch den Hof rollenden Wagens, in welchem Bob Macquire gekommen war, als auch Julie aufstand. »Sie müssen mir einen Gefallen thun, Marc,« sagte sie sanft, fast zärtlich. »Ich weiß wahrhaftig nicht, warum ich ein so großes Zutrauen zu Ihnen habe, obgleich es erst das zweite Mal ist, daß Sie mich besuchen, aber ich glaube, ich hege gegen Niemand mehr Freundschaft, als gegen Sie. Nun, was meinen Sie? Wir fahren zu der gepriesenen Lenormand, der Zweiten, und wollen uns unser Schicksal wahrsagen lassen. Nein, ich dulde keinen Widerspruch, Sie müssen mir schon die Gefälligkeit erweisen, mich zu begleiten.« Mit diesen Worten stand sie auf, ergriff eine kleine silberne Glocke und ertheilte dem eintretenden Kammerdiener die nöthigen Befehle. Dann verschwand sie im Nebenzimmer, um sich umzukleiden.

»Ein sonderbares Mädchen,« dachte Marc. »Voll Launen, Caprizen und Uebersättigung! Nun, reich genug ist sie, um alle Gelüste, auch die tollsten, befriedigen zu können, aber als Weib? Nein wahrhaftig, als Weib könnte ich sie mir nicht denken.«

Er hatte jedoch nicht lange Zeit zu Selbstgesprächen, denn schon nach wenigen Minuten erschien sie wieder, ganz in einen grauseidenen Mantel gehüllt, der bis auf den Boden reichte; den Kopf bedeckte eine Art Haube, welche mit einem weißen Schleier eingefaßt war, der weit über den Rücken hinabwallte.

»Gefalle ich Ihnen als Nonne?« fragte sie, Marc voll ins Antlitz schauend. »Doch, kommen Sie, der Wagen ist angespannt. Ich hoffe, kein Mensch soll mich erkennen.«

Die Diener bildeten Spaliere. Ein Nigger öffnete den Kutschenschlag, ein Nigger saß auf dem Bocke, ein Nigger stand hinten auf, alle drei in fast fürstlicher Livree. »Ecke Allen- und Broomestreet,« hauchte Julie, sich in das Coupé heben lassend. Marc sprang nach und fort rollte der prachtvolle Wagen mit seinen königlichen Rossen. Julie lehnte sich nachlässig zurück in den weichen Polstern. Sie sprach keine Silbe, aber ihr warmer Athem berührte Marcs Wangen, und ihre Hand fiel wie zufällig an seiner Seite herab. Die zehn Minuten, welche die Fahrt währte, däuchte ihm nur eine Sekunde zu sein!

Jetzt hielten sie vor dem Hause Ecke Broome- und Allenstreet. Es war ein niederes, zweistockigtes Gebäude von Backsteinen. Alle Fenster waren dicht verhüllt. Auf dem silbernen Schilde in der Mitte der festverschlossenen Hausthüre stand zu lesen: »Madame Lenormand de Paris, Astrologer.« Der Nigger auf dem Rücksitze sprang herab und rührte den Hammer der Hausthüre; eine Minute darauf erschien eine häßliche Mulattin, die ein rothes Tuch als Turban um den Kopf gewunden hatte, unter der Pforte und führte Marc und seine Begleiterin ins Haus. Julie hatte den Schleier dicht über das Gesicht fallen lassen, um jede Möglichkeit, erkannt zu werden, zum Voraus abzuschneiden; aber es schien dieß eine überflüssige Vorsorge, denn die Mulattin warf ihr nicht einmal einen Blick zu, um sie sich näher zu betrachten. Freilich, das konnte weder Marc noch Julie sehen, daß oben hinter den Vorhängen verborgen ein neugieriger Blick herabfiel und sich den Wagen eines Nähern betrachtete! Das konnte weder Marc noch Julie hören, wie eine männliche Stimme einem neben ihm lauschenden Weibe höhnisch lachend zuflüsterte: »es ist der Morris'sche Wagen, ich erkenne ihn an seinem Wappen. Die Neugierde hat bei Julien obgesiegt und sie wird, wie ich vermuthe, mit Marc Price gekommen sein, ihr Schicksal zu hören.«

Marc und Julie wurden in ein elend möblirtes, fast schmutziges Vorzimmer geführt, das sich durch Nichts auszeichnete, als durch ein grelles Gemälde an der Wand, welches den Todtentanz vorstellte. Julie schauderte, als sie das widerliche Bild erblickte.

»Soll ich die Dame oder den Herrn zuerst melden?« fragte die Mulattin. »Die Taxe ist drei Dollars die Person. Wenn Sie aber mehr geben wollen, so bleibt es Ihnen unverwehrt.«

»Gehen Sie zuerst hinein, Marc,« flüsterte Julie. »Ich fange an, mich zu fürchten.«

»Gut,« sagte Marc, der braunen Dienerin ein Goldstück reichend. »Melden Sie mich zuerst, und hier ist das Geld für das Entree. Sie können den Rest für sich behalten.«

Die Mulattin ging, kam aber schon nach kurzer Zeit wieder zurück und führte den jungen Mann über einen schmalen Gang in ein fast ganz finsteres Zimmer, in welchem Marc anfangs gar Nichts unterscheiden konnte. Nach und nach gewöhnte er sich jedoch an die Dunkelheit und er gewahrte einen runden, mit einer schwarzen Decke überzogenen Tisch, auf welchem ein Todtenkopf stand, dessen hohle Augen wie Feuer glühten. Diese waren es allein, welche etwas Licht im Zimmer verbreiteten; denn die Fenster, wenn sich je welche da befanden, waren schwarz behangen, wie auch die Wände; selbst der Fußboden war mit einem schwarzen Teppiche bedeckt. Von Möbeln war im ganzen Zimmer Nichts zu bemerken, als einige niedere Stühle ohne Lehnen, welche ebenfalls mit schwarzem Zeug überzogen waren. Auch war Niemand anwesend, weder Zauberer noch Zaubererin. So schien es unserem Helden wenigstens, als er seine Blicke im ganzen Zimmer herumschweifen ließ. Plötzlich jedoch ertönte eine feierliche Stimme hart neben ihm. »Junger Mann,« lauteten die Worte, »du begehrst dein Schicksal zu wissen. Ist es frevelnde Neugierde, welche dich hierher treibt, so stehe ab, denn noch ist es Zeit; ist es aber Drang nach Wahrheit und Licht, so zage nicht, sondern erhebe deine Augen furchtlos.«

Marc fuhr zurück, als er die Stimme neben sich hörte, denn er glaubte gewiß zu wissen, daß in der Sekunde zuvor Niemand dagestanden habe. Wie er nun aber um sich schaute, sah er eine Gestalt, die im Stande war, auch einem muthigen Herzen Angst einzujagen. Es war nämlich ein hohes Weib durchaus in einen weiten Talar gehüllt, der in der Mitte über den Hüften mit einem breiten Gürtel zusammengehalten wurde. Der Talar war schwarz, aber durchaus mit weißen Kreuzen übersäet; in den Gürtel, der grell roth glänzte, waren eine Menge Thierfiguren in Gold eingestickt. Den Kopf bedeckte eine hohe oben spitz zulaufende Mütze von rothem Zeuge, mit einem breiten schwarzen Kreuze hart ober der Stirne. Auf der einen Achsel saß eine große schwarze Katze mit grün glühenden Augensternen und auf der andern eine Nachteule, deren Augen wie rothe Feuerkugeln erglänzten.

»Hast du gewählt, junger Mann,« wiederholte die ernste Stimme des Weibes, »willst du dein Schicksal hören oder willst du zurücktreten?«

Marc war durch das Unerwartete der Erscheinung im Anfang frappirt, ja fast erschrocken gewesen; aber bald faßte er sich und sein einziges Gefühl war nun Neugierde, denn er hatte zu viel von der Welt gesehen, um sich von Mummereien einschüchtern oder gar blenden zu lassen. »Die Zukunft,« sagte er, »will ich nicht aufgedeckt sehen, denn ich möchte nicht, daß irgend ein Vorurtheil oder ein Aberglaube mich in der freien Ausübung meines Willens beeinflußte. Schon Mancher hat sterben müssen, blos weil er Angst vor dem Tode hatte, und Andere sind in ein Unglück gerannt, blos weil ihnen eine Hexe dieses Unglück prophezeit hatte. Dessenungeachtet möchte ich doch Ihre Kunst auf die Probe stellen und ich bitte Sie daher, mir Etwas von meiner Vergangenheit zu erzählen.«

»Junger Mann,« sprach die Wahrsagerin in feierlicher Weise, »du scheinst nur wenig Achtung vor meinem Wissen zu haben; aber ich werde dir zeigen, daß mir Nichts weder über das Diesseits noch das Jenseits verborgen ist. Nenne mir den Tag, die Stunde und den Ort deiner Geburt und sei meiner Auskunft gewärtig.«

Bisher war die Frau auf demselben Flecke stehen geblieben, als wäre sie hier eingewurzelt; kaum aber hatte Marc ihrem Wunsch genügt und die verlangten Angaben gemacht, so wurde das ganze Zimmer in einen dicken Rauch gehüllt und er vermochte für den Augenblick Nichts mehr zu sehen. Nach wenigen Minuten war der Rauch verflogen und ein heller Glutschein strömte in verschiedenen Farben aus dem Todtenkopfe hervor. Das schwarze Tuch, das über den Tisch gebreitet war, lag nicht mehr da, sondern hatte einem andern Platz gemacht, in welches das ganze Firmament mit allen Himmelskörpern eingezeichnet schien. Die Wahrsagerin stand hinter dem Tische und war bereits emsig mit Rechnen und Aufzeichnen von cabalistischen Figuren beschäftigt. Marc folgte ihren Zahlen aufmerksam, konnte aber aus ihrer Verfahrungsweise nicht klug werden. Hie und da entfuhren ihr einzelne Worte, aber sie schienen ihm ohne allen Zusammenhang zu sein. Endlich mochte sie doch einen Schlüssel gefunden haben und zu einem Resultate gekommen sein, denn sie hub alsbald in ihrer früheren feierlich monotonen Weise zu sprechen an:

»Die Himmelszeichen stehen günstig für dich; du bist unter einem guten Sterne zur Welt gekommen,« sagte sie. »Schon frühe hast du deine natürlichen Beschützer verloren, aber eine neue Stütze ist dir geworden, an die du nicht mehr gedacht hast und die dich zu Ruhm, Glück und Ehre bringen wird. Du warst schon jung in fernen Ländern und hast der Fährlichkeiten viel erlebt. Aber jetzt bist du an einem Zielpuncte angekommen, wo dir, wenn du mäßig und bescheiden in deinen Ansprüchen bist, dein Glück gesichert ist; wenn du aber zu viel erstrebst und nach Unerreichbarem greifst, so wird das Glück sich in Unglück wandeln, und du wirst auch das verlieren, was dir jetzt gesichert scheint. Ein Weib kann dein böser oder dein guter Genius werden, je nachdem du dich bezähmst und nicht Gelüste trägst nach einer Anderen, welche über deinem Horizonte steht.«

»Das sind hübsche allgemeine Redensarten,« entgegnete Marc lächelnd, aber doch im Innern sonderbar berührt, weil wenigstens Einiges von dem, was die Wahrsagerin sagte, auf sein Leben und seine Schicksale paßte. »Sage mir etwas Bestimmtes, eine Einzelnheit, die ich erlebte.«

»Du zweifelst noch an meinem Wissen?« versetzte das Weib. »Wohlan, in einer Sekunde soll alles Grübeln und aller Wankelmuth der festen Ueberzeugung Platz gemacht haben.«

Wiederum ward das Zimmer in einen dichten Rauch gehüllt und wiederum ward das Tuch, auf welchem der Todtenkopf stand, mit einem andern verwechselt, auf welchem nun statt der Sterne eine Menge cabalistischer Zeichen standen.

»Ich sehe drei Weiber,« sprach die Frau mit dumpfer Stimme, »die auf dein Leben einwirken. Alle drei sind hier und alle drei lieben dich, aber auf verschiedene Weise. Ich will dir sie vorführen. Die Eine ist schön, jung, reich und vornehm. So jung sie ist, so hat sie schon alles gekostet, was ein Weib kosten kann; sie denkt eben an dich, denn sie ist nicht fern von hier; aber hüte dich, denn du bist ihr nur eine Abwechslung im Genusse; hüte dich, denn sie steht zu hoch für dich und dein Schicksal wäre das der Fliege, die von der Spinne in ihrem Netze erwürgt wird. Soll ich dir ihr Bild beschreiben?«

»Nein, ich habe genug,« erwiederte Marc kalt. »Ich sehe, Sie kennen die Personen, die Sie besuchen und ziehen daraus Ihre Schlüsse.« – Er wollte gehen.

»Halt!« rief jetzt die Frau, mit dem Fuße stampfend, »Du zweifelst immer noch; aber du sollst glauben lernen. Ich sehe ein Mädchen, ein junges, kaum erwachsenes Kind. Es ist von niederem, verachtetem Stande, aber es ist schön. Es ist arm und elend, kaum der Mühe werth, erwähnt zu werden, aber es dauert dich. Ich sehe es auf der Straße, umringt von jungen Männern. Auch du bist darunter. Sie ziehen es fort, es ist verloren; doch du springst dazwischen; du stellst dich dem Stärksten unter ihnen, du kämpfst mit ihm; er unterliegt, das Mädchen ist gerettet.«

Die Frau hatte diese Worte weniger gesprochen, als herausgestoßen. Ihre Augen waren wie in der Verzückung einer Seherin aufwärts gerichtet. Ihr Körper zitterte, als hätte es sie die größte Anstrengung gekostet, sich in diese Lage zu versetzen. Sie schwieg erschöpft.

»Soll ich dir auch die dritte Gestalt vorführen?« fragte sie endlich, als sie sich wieder gefaßt hatte. »Oder willst du nun deine Zukunft hören?«

Ehe er jedoch antworten konnte, ertönten drei dumpfe Schläge, als ob Jemand von unten herauf an den Boden schlüge.

»Deine Begleiterin wird ungeduldig,« sagte die Wahrsagerin.

»Und sie soll nicht warten, wenigstens so weit es an mir liegt,« versetzte Marc. »Ich habe genug gehört, um zu sehen, daß Sie die Verhältnisse dieser Stadt nicht blos vom Hörensagen kennen.«

Kaum war er abgetreten, so wurde Julie Morris ins Zimmer geführt. Die Mulattin hatte es aber so einzurichten gewußt, daß die beiden jungen Leute einander nicht vorher sehen oder gar sprechen konnten.

Auch Julien erging es, wie vorhin dem jungen Manne, denn sie wurde von der Wahrsagerin ganz auf dieselbe Weise empfangen; nur wirkte der aromatische Rauch bei dem Mädchen noch hirnbetäubender, als bei Marc, und es war ihr daher – ohne Zweifel in der Voraussicht einer solchen Wirkung, ein Lehnstuhl neben den Tisch gestellt worden.

»Was treibt dich hierher, meine Tochter?« sagte die Wahrsagerin, als die ersten Vorfragen vorüber waren. »Willst du die Zukunft schauen oder die Vergangenheit?«

»Die Zukunft,« rief Julie hastig; »lassen Sie mich mein Schicksal wissen, mein ganzes künftiges Schicksal!«

»Wie kannst du wissen, ob meine Prophezeihung ächt und wahr ist,« versetzte die Wahrsagerin ernst, »wenn du meine Kunst nicht vorher an der Vergangenheit erprobt hast? Wohlan, stelle mich auf die Probe, damit du nachher vertrauest und glaubest.«

»Nun, so sagen Sie mir,« erwiederte das Mädchen, dessen Muth wieder zu wachsen begann, »wie viel habe ich Geschwister, und wie viel sind's der männlichen und wie viel der weiblichen?«

Julie glaubte wohl, der ernsten Frau ein unauflösbares Räthsel aufgegeben zu haben; allein sie täuschte sich offenbar und diese Täuschung machte keinen geringen Eindruck auf sie.

»Mädchen,« rief die Wahrsagerin ernst, »du willst wohl deinen Spott mit mir treiben? Wie magst du mir eine Frage vorlegen, deren Beantwortung selbst für den Anfänger in der Negromantie eine Kleinigkeit ist, wie viel mehr für solche, welche in die Wissenschaft des Laufs der Gestirne eingeweiht sind und darin den Meistergrad erhalten haben? Du solltest mehr Achtung vor der Enkeltochter der Frau haben, welche dem größten Manne der Welt Rath zu ertheilen das Recht hatte. Doch ich will annehmen, daß du mein Wissen blos auf die Probe setzen wolltest und beantworte dir daher deine Frage: Deine Mutter starb, nachdem sie drei Kindern das Leben gegeben hatte, zwei Mädchen und einem Knaben; du aber bist das einzig Ueberlebende. Bist du nun zufrieden?«

»Gewiß, gewiß,« flüsterte Julie, ohne ihr Erstaunen bergen zu können.

»Nein,« fuhr die Frau fort, welcher der Eindruck nicht entging, den sie auf das Mädchen gemacht hatte. »Nein, du sollst mich auf eine andere Probe stellen, damit du nachher nie mehr an mir zweifelst. Aus welcher Periode deines Lebens soll ich dir erzählen, ich, die ich dich heute mit leiblichen Augen zum ersten Mal sehe, obwohl ich in meinen Horosscopen im Geiste schon oft mit dir verkehrt habe. Soll es die Zeit deiner frühesten Jugend sein oder die Periode deiner Schuljahre, oder die kaum erst erlebte Vergangenheit?«

»Meine Schuljahre,« versetzte Julie kaum hörbar.

Kaum hatte sie es gesagt, so verfinsterte sich das Zimmer durch einen dicken, fast undurchdringlichen Rauch, und als dieser sich verloren hatte, stand die Seherin in einem rothen Lichtschein, die Hand ausgestreckt, wie eine Prophetin. »Ich sehe dich, wie du eines Abends von der Schule zurückkehrst; du zähltest kaum zwölf Jahre; dein Vater war noch nicht der Mann, der er jetzt ist, denn du gingst damals noch zu Fuße; ein junger Mensch begleitete dich; er war kaum älter als du; ihr führtet einander; er erzählte dir von seiner älteren Schwester, die er belauschte, wie sie ihren Bräutigam küßte und liebte; ihr küßtet einander ebenfalls und küßtet euch wieder und immer wieder; es war dein erstes Liebesabenteuer; es endigte noch in Unschuld; aber den andern Abend, als dich ein Anderer von der Schule abholte, ein Anderer, der nun nicht mehr lebt . . . .«

»Stille, stille,« stöhnte das Mädchen, nur mühsam Athem holend. »Es war Bob Macquires Bruder. Sprecht nicht weiter, ich sehe, Ihr wißt Alles.«

Julie war ihrer Sinne kaum mehr mächtig und nahe daran, in Ohnmacht zu fallen; aber die Wahrsagerin brachte sie durch ein kräftiges Pulver, das sie über dem Feuer des Todtenkopfes anzündete, bald wieder zum Leben.

»Hast du nun Vertrauen, Mädchen?« sprach jetzt die Wahrsagerin langsam und feierlich. »Ich glaube es, denn du hast meine Kunst erprobt. Dein Wunsch ist, dein Schicksal zu wissen? Du verlangst, den zu sehen, der dich in der Zukunft als Eigenthum besitzen wird? Wohlan, du sollst ihn sehen; von Person zu Person sollst du ihn sehen, nicht durch den Spiegel der Magie und des Zaubers, nein in der Wirklichkeit von Angesicht zu Angesicht, von Hand zu Hand, von Körper zu Körper! Du hast schon gehört von den »Eingeweihten der freien Liebe?« Gewiß hast du, und hast auch darüber gelesen und mit andern Ungläubigen und Uneingeweihten gelacht über das Fantom einer üppigen Phantasie, wie es die Zeitungsschreiber nennen. Aber sie mögen alle lachen und spotten; nein, sie sollen alle lachen und spotten, denn nur für die Auserwählten besteht die Eröffnung des Geheimnisses der freien Liebe! Schwöre mir mit aufgehobener Hand, nie dieß Geheimniß zu verrathen, und du sollst eine der Auserwählten werden, eine der Eingeweihten in die Seligkeiten des Himmels, und der Erste, der sich dir naht im wiedereroberten Paradiese, der Erste, der dich brünstig umfaßt, Er ist's, der dir angehört fürs Leben, mit ihm ist dein Schicksal besiegelt.«

Julie wußte nicht, ob sie träume oder wache. Sie hatte schon viel gehört von einer geheimen Gesellschaft, die unter dem Namen »free love« oder »freie Liebe« existire, aber Niemand glaubte, daß diese Gesellschaft in der Wirklichkeit vorhanden sei, da die Gerüchte darüber zu sehr dem Reich des Mythus anzugehören schienen, als daß man denselben hätte Glauben schenken können. Im gegenwärtigen Augenblicke aber war ihr Verstand zu verwirrt, ihr Nervensystem zu aufgeregt, um die Kraft zu haben, nachzudenken, oder gegen irgend eine Zumuthung sich zur Wehre zu setzen.

»Willst du schwören?« wiederholte die Zauberin.

»Ich schwöre,« sprach ihr Julie mit aufgehobenen Händen nach.

»Freue dich, der Tag ist nahe, wo dir das Paradies eröffnet werden soll,« rief die Wahrsagerin wie begeistert. »Eine geheime Botschaft wird dir Stunde und Ort zuflüstern; wo du die Eingeweihten der Liebe findest. Schweige gegen Jedermann; nicht deiner besten Freundin darfst du das Geheimniß verrathen und wenn du auch wüßtest, daß sie gleich dir eingeweiht ist und geschworen hat, das Geheimniß zu bewahren. Nur durch Schweigen gewinnst du den himmlischen Bräutigam.«

»Und Er, Er?« flüsterte Julie tiefbewegt. »Ist Er ebenfalls einer der Auserwählten? Er, dem du vor mir sein Schicksal verkündetest?«

»Die Sterne haben hierüber zu entscheiden, erwarte ihren Spruch,« sprach ernst und streng die Zauberin.

Wenige Minuten nachher rollte das Gefährt fort, welches Marc und Julie hergebracht hatte; aber Julie war schweigsam, wie das Grab. Nicht so schweigsam ging es im Hause der Wahrsagerin her.

»Sie haben Ihre Sache prächtig gemacht, meine theuerste Merk,« rief eine laute Stimme, hell auflachend, als das Geräusch des abfahrenden Wagens verschwunden war. »Wahrhaftig, der goldene Halsschmuck, welchen ich Ihnen versprochen, ist redlich verdient, und soll Ihnen morgen werden.«

»Bei Gott, Bob, ich glaube, ich habe mich dießmal selbst übertroffen,« erwiederte ein frechaussehendes Weib, das neben Bob Macquire auf einem Sopha in vertraulicher Stellung Platz genommen hatte. »Aber Sie hatten mich auch gut genug unterrichtet. Nur noch einige wenige Mitglieder aus den höheren Ständen und wir können die »free love« eröffnen.«

»Ja, und wenn es gelingt, daß mich Morris zu seinem Tochtermann annimmt, so sollen Sie die tausend Thaler haben, und ich bleibe Ihr Verbündeter mein Leben lang.«

Die Wahrsagerin, die, wie Bob Macquire vor einer Stunde erzählte, bereits einen ungeheuren Zulauf aus den höchsten Kreisen New-Yorks hatte, war Niemand anders, als eine elende Betrügerin, eine eingewanderte Deutsche, die sich vordem lange in Frankreich herumtrieb und nun neben andern, vielleicht noch erbärmlicheren Geschäften in New-York das Handwerk der Astrologie handhabte.


11.
Das vierblättrige Kleeblatt.

Wir betreten noch einmal das Haus des reichen Morris. Kurze Zeit, nachdem seine Tochter mit Marc ausgefahren war, kehrte der Banquier in seine Wohnung zurück. Es war drei Uhr Mittags vorüber. Um diese Zeit werden alle Großgeschäftshäuser New-Yorks geschlossen und die Inhaber derselben fahren sofort nach ihren Privathäusern oder vielmehr nach ihren Edelsitzen und Palästen, es den Buchhaltern und Commis überlassend, das noch Fehlende oder auf den andern Tag Vorzubereitende in Ordnung zu bringen. Die Zimmer, welche Herr Morris bewohnte, waren nicht minder prächtig eingerichtet, als die seiner Tochter, von welchen wir oben schon gesprochen; allein der Banquier nahm keine Rücksicht auf diesen Luxus, sondern warf sich in einen Sessel, die Füße über einen herrlichen Divan hinüberstreckend und diesen dadurch in beträchtliche Gefahr bringend, beschmutzt und zerrieben zu werden. Kaum hatte er eine Zeitlang so gelegen, so sprang er wieder auf, maß das Zimmer mit langen Schritten, und riß dann an einer Glocke, bis diese fast absprang. Ein schwarzer Bedienter rannte herbei.

»Meine Tochter ist noch nicht zu Hause?« fragte der Banquier kurz angebunden.

»Noch nicht, Herr,« erwiederte der Nigger in tiefer Unterwürfigkeit.

»So bald sie kommt, so wünsche ich sie zu sprechen,« fuhr der Banquier unwirsch fort und maß dann wieder ungeduldig das Zimmer. Man sah es dem unstäten Auge des Mannes an, daß er nicht gerne Widerspruch ertrug und sein schmales Gesicht nebst den starken Augbrauen bestätigte die Heftigkeit seines Charakters. Doch ließ sich aus seinen eingekniffenen Wangen nicht verkennen, daß er sich zu beherrschen gelernt hatte. Die Rührigkeit seines ganzen Wesens deutete auf den rastlosen Geschäftsmann hin, dagegen fehlte das adelige oder zum mindesten aristokratische Benehmen, welches man bei dem Besitzer eines solchen Palastes voraussetzen durfte, gänzlich, wenn man nicht etwa den Hochmuth, der ihn beseelte, für adelige Manieren gelten lassen wollte.

Eine Viertelstunde oder darüber mochte der Banquier, ohne seinen Schritt zu mäßigen, in seinem Salon auf- und abgegangen sein, als man einen Wagen in den Hof rollen hörte. Kurze Zeit darauf erschien der schwarze Diener wieder unter der Thüre und meldete mit tiefer Unterthänigkeit, daß Miß Julie so eben angekommen und bereit sei, den Herrn Morris zu empfangen.

»Was sagst du, du Schuft?« rief der Banquier, einen Stock ergreifend. »Meine Tochter sei bereit, mich zu empfangen? Ich sage dir, sie soll in der Minute hierherkommen. Verstehst du mich, in der Minute.«

Der Diener flog mehr als er ging und in der That stand es auch nicht lange an, so verkündigte das Rauschen seidener Kleider die Annäherung der Lady.

»Was soll der Unsinn, Mädchen?« rief der Banquier zornig, als die Tochter eingetreten war und der Diener, welcher ihr die Thüre öffnete, sich entfernt hatte, »du läßt mir sagen, du seist bereit, mich zu empfangen, wenn ich dich rufen lasse?«

Die Tochter warf sich erschöpft in einen Lehnsessel. »Welche gemeine Manieren, Vater!« versetzte sie mit matter Stimme. »Gegenüber einer Lady zornige Worte! Wie wahr ist es, was unsere Dichter sagen: Der Adel wird nur geboren! Er kann nie erworben werden!«

»Mach' mich jetzt nicht noch toller, als ich schon bin,« erwiederte der Vater mit gerunzelter Stirne. »Wer zum Teufel frägt nach adeligen Manieren, wenn er in einer Lage ist, wie ich bin! Laß' also deine Vornehmheit und deine Blasirtheit auf einige Minuten bei Seite und antworte mir vernünftig, denn es handelt sich nicht um Bagatellsachen. Du hast Marc Price heute gesehen?«

»Wir sind mit einander ausgefahren und er hat mich so eben verlassen,« lispelte die Tochter, sich noch bequemer im Lehnsessel ausdehnend.

»Nun? Wie stehst du mit ihm? Wie weit hast du's gebracht? Hat er sich bereits erklärt? So antworte doch!« fragte der ungeduldige Mann weiter.

»Wie unanständig du dich ausdrückst!« versetzte die Tochter, verächtlich mit der Unterlippe zuckend. »Man merkt doch gleich, in welcher Sphäre du dich die meiste Zeit deines Lebens herumgetrieben hast!«

Der Banquier stampfte mit dem Fuße. »Julie,« rief er mit einer Stimme, der man es anhörte, wie viel Mühe es ihn kostete, ihre Heftigkeit zu mildern. »Julie, ist es dir rein unmöglich, nur ein paar Minuten lang vernünftig zu denken? Ich habe dir vor ein paar Tagen erklärt, daß ich in der letzten Zeit ungeheure Verluste erlitten habe; ich muß mir auf irgend eine Art helfen, wenn das Haus Morris nicht von seiner Größe herabsteigen, oder gar falliren soll. Es muß Geld her, um jeden Preis, und wenn ich es stehlen müßte! Das »Warum« es so schnell so gekommen ist, brauche ich Dir nicht zu erklären,« fuhr er minder heftig, aber entschlossen fort; »ich habe auf dieselbe Weise früher Hunderttausende gewonnen, wie ich jetzt Millionen verloren habe; es ist ganz einfach: ich setzte auf eine falsche Karte beim Börsenspiel. Nunmehr aber muß ich meinen Verbindlichkeiten nachkommen und darf ihnen nicht mit Wechseln nachkommen, sonst ist mein Credit verloren. Ich muß also baar Geld haben, um jeden Preis und unter jeder Bedingung, und du, mein einzig Kind, die du mir die Summe schaffen könntest, läßt mich nun im Stiche und sprichst von unanständigen Manieren, statt rettend einzugreifen!«

Er stellte sich hart vor seine Tochter, die sich, ohne ein Wort zu verlieren, ruhig mit geschlossenen Augen in ihrem Lehnstuhle hin- und herwiegte. Er betrachtete sie lange mit seinen scharfen, obwohl unstäten Augen. »Julie,« fuhr er endlich mit zusammengebissenen Lippen fort: »Als Marc Price vor einigen Tagen hier ankam, erschien er mir wie ein rettender Engel. Er ist der einzige Erbe des alten John. Das ganze Vermögen ist in Baarfonds angelegt und beträgt weit über eine halbe Million. Es kostet dich blos einige Worte, so ist Marc dein Verlobter, denn wer könnte eine solche Parthie ausschlagen, da du meine einzige Tochter bist? Ich habe bei dem alten Price auch bereits auf den Busch geklopft und er ist mit einverstanden. Seid ihr Verlobte, so stehen mir hundert ja zweimalhunderttausend Thaler baar zu Gebot, denn der Oheim kann seinem Alleinerben solche nicht verweigern. Dann bin ich gerettet und eine gute Speculation bringt mich bald wieder aufs alte Niveau, ohne daß nur Jemand ahnt, wie gefährlich es um das Haus Morris stand. Siehst du nun, wie nothwendig es ist, daß du mit Marc bald, sehr bald Handelseins wirst? Oder würdest du es vielleicht vorziehen, auf den fürstlichen Haushalt zu verzichten, den du seit Jahren führst? Würdest du es vorziehen, deinen Vater wieder als Kleinkrämer zu sehen, oder gar als Banquerotteur? Es vorziehen, zu Fuße oder in einem Omnibus die Straßen zu durchwandern, statt aus deiner prächtigen Equipage, durch zwei Schwarze bedient, auf die übrige Menschenrace mit Verachtung herabzusehen?«

Er schwieg und fixirte sie mit einem sonderbaren Blicke. Jetzt schlug sie das Auge halb auf und ein mattes Lächeln spielte um ihren Mund, während sie leicht mit der Achsel zuckte. »Du beliebst zu scherzen, Vater,« erwiederte sie nicht ohne Geringschätzung. »Aber du weißt, ich liebe solche Gespräche nicht. Es ist nur dem Pöbel eigen, in Gegenwart einer Dame von Geldsachen zu reden. Ein Gentleman verschont seine Lady mit solchen Erbärmlichkeiten. Doch – es ist Zeit, daß ich mich zum Mittagessen umkleide. Ich habe einige Freunde und Freundinnen geladen.«

Ruhig und gelassen stand sie auf, als hätte sie von Allem nichts begriffen, was ihr Vater ihr so eben mitgetheilt. Sie machte demselben eine leichte Verbeugung, als wäre er ein Fremder, und rauschte aus dem Gemache. Abermals war der Banquier allein. Er sah seiner Tochter nach, wie ein Ertrinkender dem Strohhalme, der ihm eben entwischte. Er schlug sich vor den Kopf und rannte wieder im Zimmer auf und ab. Von neuem besann er sich auf neu zu schaffende Hülfsquellen, denn so viel konnte er schon merken, daß auch eine weitere Unterredung mit seiner Tochter zu keinem anderen Resultate führen würde. Aber, je länger der Banquier nachdachte, die Sorgen wollten nicht aus seinem Gesichte verschwinden, wenn sie auch hie und da momentan dem Zorne und der Wuth Platz machten, welche sein Inneres zerfleischten.

Eine Stunde oder zwei später – der Banquier wußte es selbst nicht, wie lange es war, denn er hatte die ganze Zeit über das Zimmer mit langen Schritten gemessen, ohne auf irgend etwas acht zu haben; sogar die Mahnung, zum Diner zum kommen, hatte er entweder überhört oder mit Absicht vernachlässigt – meldete man den Herrn Brewster. Der Blick des Banquier erheiterte sich, als ihm dieser Name genannt wurde.

»Was bringen Sie mir, Brewster?« rief er dem Eintretenden zu.

Es war dieß ein kleiner, beweglicher Mann mit einem überaus listigen Gesichte und einem Zug um die Lippen, welcher merken ließ, daß ihm nichts zu heilig oder zu ehrenwerth sei, um es nicht anzutasten.

»Geld,« versetzte der kleine Mann, »aber keines, das Ihnen angenehm ist. Wenigstens wie ich vermuthe.« – Mit diesen Worten öffnete er sein Portefeuille und legte zehn Tausenddollarsbillets auf den Tisch.

Der Banquier sah ihn fragend an. »Doch nicht von Frau Cooper?« sagte er endlich.

Der kleine Mann, der kein anderer, als des Banquier vertrauter Rechtsanwalt war, nickte vertraulich, ohne ein Wort zu entgegnen.

»Tod und Teufel,« fluchte der Banquier, der seinen Zorn nicht länger zurückhalten konnte. »Es muß mir doch gegenwärtig Alles schief gehen.«

»Ei,« meinte Brewster, »es ist doch baar Geld und mit der Wittwe Cooper können wir auch auf eine andere Manier fertig werden, so bald Sie mir endlich einmal in Beziehung auf Ihre Endzwecke klaren Wein einschenken.«

»Baar Geld?« erwiederte der Banquier, sich gewaltsam zusammennehmend, jedoch ohne auf die letzteren Worte seines Advocaten zu achten. »Wie mögen Sie lumpige zehntausend Thaler baar Geld nennen? Ich brauche nothwendig, nur für den Anfang, zehn Mal so viel. Wie steht's mit Ihren Bemühungen? Haben Sie Geld aufgetrieben?«

»Nicht so viel!« versetzte der Advocat. »Aber ich wußte es vorher, denn Sie erlaubten mir ja nicht, bei den Leuten mit der Sprache herauszurücken. Stellen Sie Wechsel aus, und ich schaffe Ihnen Morgen früh jede Summe, die Sie begehren.«

»Ich weiß es, Brewster,« entgegnete der Banquier, »ich weiß es. Noch steht mein Credit, denn ich wußte meine Verluste wenigstens zum Theil zu verdecken. Aber Alles konnte ich nicht verheimlichen, und man weiß auf der Börse davon. Darum, wenn ich jetzt Wechsel ausstelle, so vermuthet man natürlich, daß ich es thue, um mir Geld zu verschaffen; dann werden mir auch alle früher unterzeichneten Werthpapiere zur Einlösung präsentirt, und ich bin nothwendig verloren.«

»Könnten Sie nicht vielleicht eine Mortgage auf Ihr Palais geben?« meinte nun der Advocat. »Ich wüßte Einen, der Fünfzigtausend darauf vorschösse.«

»Damit Morgen die ganze vornehme Welt mit Fingern auf mich deutete!« rief Morris. »Glauben Sie denn, so Etwas bliebe nur eine Stunde lang verschwiegen?«

»Aber jetzt weiß ich Etwas,« versetzte Brewster, den Finger listig an die Nase legend. »Sie nehmen die zehntausend Thaler hier und kaufen damit eine Reihe Häuser; natürlich langt diese Summe kaum zum Angeld, aber wir verbreiten geflissentlich die Nachricht, Sie haben die Häuser alle baar bezahlt und dann kann's natürlich nicht auffallen, wenn in der nächsten Zeit ziemlich Wechsel von Ihnen cursiren. Sie gewinnen wenigstens Zeit dadurch, und – Zeit gewonnen, Alles gewonnen!«

»Der Gedanke ist nicht schlecht, Brewster,« rief Morris, dem es wie ein Blitz durch den Kopf fuhr.

»Schlecht? Vortrefflich ist er,« meinte der Advocat mit einem wahrhaft diabolischen Lächeln. »Natürlich versichern Sie die Häuser gut und wenn es dann zufällig das Glück wollte, daß eine kleine Feuersbrunst einträte, – so hätten Sie es wenigstens nicht zu beklagen.«

Der Banquier sprang auf und eilte ans Fenster. Wollte er die Gluth nicht sehen lassen, die plötzlich über sein Gesicht fuhr? War jene Gluth eine Folge des Zorns oder der Freude? Wir wissen es nicht, das aber wissen wir, daß er nach kurzer Zeit mit völliger Ruhe in seien Zügen auf den Advocaten zuging, um das Gespräch auf ein ganz anderes Thema zu bringen.

»Sie wünschen meine Endzwecke wegen Frau Cooper genau zu kennen, Brewster?« sagte er kalt, obwohl freundlich. »Sie sollen heute hierüber ganz ins Klare kommen, denn ich sehe, Sie sind mein bester Freund und ich darf Ihnen vollständig vertrauen. Sie wissen, der verstorbene General Cooper gehörte einem der ältesten Geschlechter unseres Landes an, denn er stammte bekanntlich von einer Pairsfamilie Englands ab. Auch die Generalin ist von hoher Geburt, und wer daher in diese Familie heirathet, wird mit den ersten Familien unseres Staates verwandt und verschwägert. Wie groß aber eine solche Ehre, wie groß der Nutzen ist, der aus solcher Ehre entspringt, können Sie sich denken! Dieß war der Grund, warum ich mich mit dem verstorbenen General bekannt machte, dieß der Grund, warum ich ihm in allen seinen Geldverlegenheiten aushalf, denn derselbe brauchte bekanntlich mehr, als er einnahm und war mit Glücksgütern nicht besonders gesegnet. So kam es, daß ich nach seinem Tode eine Verschreibung auf sein ganzes Besitzthum in Hoboken und Statenisland in den Händen hatte und ich glaubte nicht, daß die Mortgage je eingelöst werden könnte. Ich drängte aber die Wittwe nicht, sondern erneuerte die Urkunde alle Jahre freiwillig, denn ich hielt Frau Cooper damit in der Hand, daß sie nicht »nein« sagen konnte, wenn ich später um die Tochter, die damals noch ein Kind war, anhalten würde. Nun ist die Tochter kein Kind mehr, sondern eine mannbare Jungfrau, aber die Mutter hat eine Erbschaft gemacht und die Mortgage ist seit einem halben Jahre eingelöst. Dazu kommt noch der Umstand, daß die Tochter mit dem jungen Alfred, dem Stiefsohn Beechers, ein Verhältniß angeknüpft zu haben scheint. Noch ist es kein offenes, kein erklärtes, aber wenn ich nun käme und um die Tochter anhielte, so würde mir am Ende, statt eines »Ja,« ein »Nein.« Darum muß sich dieses Verhältnis zuerst auflösen, ehe ich weitere Schritte thun kann; es muß sich auflösen, ohne daß man sieht, daß ich meine Hände mit im Spiele habe. Sie kennen die Geschichte mit dem Diebstahl auf meinem Schiffe. Ich glaubte, Frau Cooper würde deßhalb mit ihm brechen. Statt dessen hat sie gleich im Anfang dem Marc Price die Bürgschaft, welche dieser stellte, fast abgezwungen und zahlt nun aus ihrem Beutel die zehntausend Dollars, auf welche ich mich mit Alfred verglichen habe. Ist das nicht zum toll werden? Soll ich wegen dieses Laffen meine langgehegten Plane aufgeben? Bin ich deßhalb zehn Jahre lang Wittwer geblieben, damit mir der Grünschnabel das Mädchen wegcapere, durch deren Hand ich befähigt würde, nach den höchsten Ehrenstellen zu trachten und die einträglichsten Staatscontracte zu erlangen? Nun wissen Sie Alles und jetzt rathen Sie, was soll ich thun?«

»Könnte man den Burschen nicht von hier entfernen? Und – und wenn er nicht gutwillig ginge, könnte man nicht ein Bischen mit Gewalt nachhelfen?« meinte der Advokat nach einigem Besinnen, ohne daß die geringste Bedenklichkeit über einen solchen Vorschlag auf seinem Antlitz sichtbar geworden wäre.

»Ich habe früher auch schon daran gedacht,« erwiederte Morris, »aber abgesehen von der doch immer damit verknüpften Gefahr und von der Möglichkeit des Entdecktwerdens ist die Sache schon deßhalb nicht thunlich, weil Frau Cooper und ihre Tochter mir im Augenblick alle Schuld aufbürden würden. Gewiß,« setzte er mit Nachdruck hinzu, »Niemand anderem, als mir. Sie sind schon jetzt voll Mißtrauen und – wenn dem Alfred ein ernstlicher Unfall begegnete, so müßte ich der Thäter sein, auch dann, wenn ich es in der That nicht wäre. So würde mir ein solcher »Zufall« nicht nur nichts nützen, sondern sogar noch schaden und eine Verbindung mit Edith für immer unmöglich machen. Nein, es muß so eingefädelt werden, daß sich das Verhältniß zwischen Edith und Alfred anscheinend ohne mein Zuthun löst.«

»In diesem Fall gibts nur ein Mittel, um zum Zwecke zu gelangen,« versetzte der Advokat kaltblütig.

»Und das wäre?« fragte der Banquier begierig.

»Kennen Sie den Ragamuffin?« war die Gegenfrage Brewsters. »Den famosen Redacteur des Babblingpaper? Der muß uns zu unserem Zweck verhelfen. Ums Geld thut der Kerl Alles. Nun, verstehen Sie mich nicht, wie ich's meine? Das ist doch ganz einfach. Der Ragamuffin bringt in seinem liebenswürdigen und wegen seiner Liebenswürdigkeit weit verbreiteten Blatte einen Artikel, welcher »die Sündhaftigkeit unserer Jugend« oder auf andere entsprechende Art überschrieben ist, und in diesem Artikel wird erzählt, wie Herr Alfred Johnson in einem lüderlichen Hause sich herumgetrieben und von der Gefangenschaft sich nur dadurch gerettet habe, daß er sich von der Polizei losgekauft und dergleichen mehr. Der Ragamuffin wird die Sache schon zustutzen, daß kein gutes Haar an dem jungen Manne bleibt, denn um fünfzig Thaler stellt das Babblingpaper seinen eigenen Vater an den Pranger.«

»Aber wenn Alfred wegen Verleumdung klagt?« fragte Morris.

»Pah, so lassen wir ihn klagen,« erwiederte der Advokat. »Ich übernehme dann die Vertheidigung des Ragamuffin und will die Sache schon ein Paar Jahre hinhalten. Einstweilen glaubt Jedermann, daß die Nachricht von Alfreds ausschweifender Lebensweise wahr sei und das ist die Hauptsache. Sie müssen natürlich dafür sorgen, daß Frau Cooper die betreffende Zeitungsnummer brühwarm erhält, damit sie in ihrem Hause reinen Tisch macht. Nun? Soll ich mit Ragamuffin reden? Ich weiß, wo er die Abende zubringt.«

»Hier ist das Geld dazu, Brewster,« versetzte der Banquier, dem Advokaten einige Bills überreichend. »Er soll den Artikel so beißend als möglich machen; aber natürlich – der Ragamuffin braucht nicht zu wissen, daß ich es bin, der denselben bestellte.«

»Lassen Sie mich nur machen,« lachte der Advokat, sich die Hände vor Lust reibend. »Das muß wie ein Blitz aus heiterem Himmel unter sie fahren. Aber ich muß eilen, damit der Artikel noch ins morgige Blatt kommt. Auf Wiedersehen, Morris.«

Sie schüttelten sich die Hände, als hätten sie eben eine Handlung der Tugend und Freundschaft verabredet, und nicht einmal kam Einem von ihnen der Gedanke, vor der Schlechtigkeit seines Vorhabens zurückzuschrecken! Ihnen – und sie zählten die halbe Stadt New-York zur Gesinnungsgenossin – war jedes Mittel recht, wenn es nur, ohne zu compromittiren, zum Ziel führte!

Es war inzwischen Nacht geworden und die Diener brachten Lichter, nicht wenig verwundert, daß aller Zorn und alle Aufregung aus des Banquiers Gesichtszügen verschwunden war. »Brewster hat Recht,« murmelte der Letztere in fast fröhlichem Tone vor sich hin. »Ich werde die zehntausend Thaler so verwenden, wie ers haben will, und wenn die Häuser dann abbrennen, so – so soll mirs wenigstens nicht leid thun; ich muß heute Abend noch mit Ephraim reden.« Er speiste auf seinem Zimmer, dann hüllte er sich in einen langen Oberrock, zog einen Shawl über die Schultern, der das halbe Gesicht verbarg, setzte eine tief über die Stirne hereingehende Mütze auf, schob die zehntausend Thaler der Frau Cooper in die Tasche und verließ leise durch eine Hinterthüre sein Palais. Kein Mensch durfte ihn begleiten. Er sorgte sogar dafür, daß Niemand etwas von seinem Ausgange ahnte.

Um dieselbe Zeit, da der Banquier Morris sein Haus verließ und der untern Stadt zuschritt, befand sich auch der hochwürdige Doctor Beecher auf dem Wege zu dem ihm vom rothen Juden bestimmten Stelldichein. Auch er hatte sich eingehüllt, daß ihn seine nächsten Bekannten nicht erkennen konnten, denn der Gang, den er zu machen im Begriff war, gehörte nicht unter die, welche das Tageslicht ertragen können. Lange kämpfte der hochwürdige Herr mit sich selbst, ob er beim Stelldichein erscheinen solle oder nicht. Zweimal schon stand er am Eingange der Dampffähre, welche nach New-York führt, und jedes Mal machte er wieder einen Halt, um nochmals mit sich zu berathen. Er wußte, daß der Vorschlag des Isaak nur ein verbrecherischer sein könne, aber das war es nicht, was ihn zurückschreckte. Ihn schreckte allein die Furcht vor der Möglichkeit einer Entdeckung! »Wenn Jemand ahnen könnte, wohin du gehen willst?« sagte er zu sich selbst. »Wenn eines deiner Beichtkinder erführe, mit wem du in Verbindung stehst? Wenn etwas von dem Unternehmen, das Isaak beabsichtigt, ruchbar würde? Wäre dann nicht deine ganze Stellung gefährdet? Würde nicht das stolze Gebäude, das du so mühsam nach den Irrfahrten deiner Jugend errichtet, in seinen Grundvesten erschüttert? Ja, würde es nicht vielleicht sogar zusammen fallen und dich unter seinen Trümmern begraben? Aber,« fuhr er in seinem Selbstgespräche fort, »nehmen wir einmal die Kehrseite. Ich muß das Geld schaffen, sonst bin ich doppelt und dreifach verloren, denn wenn es zu Tag käme, daß ich, der hochwürdige Doctor Beecher, der fromme Seelsorger einer durch ihre Mitglieder ausgezeichneten Gemeinde, ich, den alle anderen Geistlichen um seine Stellung beneiden, ich, dessen Name in allen Zeitungen als ein Vorbild der Tugend und des ächt christlichen Sinnes gerühmt wird, – wenn es zu Tag käme, daß ich meinen Stiefsohn um sein Hab und Gut beschwindelt, daß ich ein fast fürstliches Vermögen in wenigen Jahren nicht etwa durch Unglück oder eine falsche Spekulation oder den Banquerott eines Dritten, nein, durch meine eigene persönliche Verschwendung, durch meine ins Immense gehenden geheimen Ausgaben durchgebracht habe, was wäre dann meine Zukunft? Man würde mit Fingern auf mich deuten, alle Zeitungen würden mich der Schandtribüne übergeben, meine Gemeinde entließe mich mit Schimpf und Schande, und ich – ich wäre ein mit Schmach und Elend beladener Bettler, dem nichts übrig bliebe, als sein Grab in den Wellen zu suchen! Nein, nein, so tief werde ich nicht sinken! Aber,« fragte er sich weiter, »könnte ich nicht was ich habe zusammenraffen und in eine ferne Gegend ziehen, wo mich Niemand kennt und mein Leben in Demuth und Gottesfurcht beschließen?« – Er lachte laut auf, als er dieses dachte, und nunmehr war sein Entschluß gefaßt. »Ich werde leben, wie ich bisher lebte, ich werde bleiben, was ich bisher war,« sprach er fast laut. »Die Mittel dazu muß mir die Welt schaffen, und meine einzige Sorge sei, dahin zu wirken, daß Niemand erfährt, wie sie geschafft wurden.«

Mit festem Schritte ging er nun der Fähre zu und setzte sich in eine Ecke der Damencajüte, um gänzlich unerkannt zu bleiben. Dort saßen einige Frauen aus den höheren Ständen und unterhielten sich über die Tagesereignisse. Wäre er noch nicht entschlossen gewesen, so würde das Gespräch dieser Damen ihn zu einem Entschlusse gebracht haben! Sie erzählten sich nämlich von dem unverschuldeten Fallimente eines Großhändlers, der so ehrlich gewesen war, all' sein Eigenthum den Gläubigern zu überliefern, und Nichts für sich zu behalten, als seinen ehrlichen Namen; sie erzählten sich hievon mit vielen eingeflochtenen Bemerkungen und nicht Eine unter ihnen war, die nicht den Mann wegen seiner dummen Ehrlichkeit verdammt, die nicht den Stab über ihn gebrochen hätte, weil er seine Gläubiger nicht zu seinem Vortheil betrogen hatte! Ein Banquerott ist in den Augen der vornehmen New-Yorker Welt verwerflich, so bald er nicht zu Erwerbung von Reichthümern benützt wird! Armuth ist die größte Sünde; Geld aber, – es mag erworben werden, wie es will – Geld ist Ehre, Macht, Tugend, Sittlichkeit! Konnte Beecher, in solcher Umgebung aufgewachsen, unter solchen Begriffen großgezogen, in solchen Verhältnissen lebend, konnte er anders denken? Er war entschlossen, dem Vorschlage des Juden beizutreten, und wenn der Weg am Galgen vorbeiführen würde! Am Galgen vorbei, war ja noch nicht zum Galgen! Ueberdieß, was sollte er zaudern, wenn die Aussicht auf Gewinn eine auch nur halbwegs sichere war? –

Es gibt in New-York eine eigene Art Handlungshäuser, die man im Allgemeinen mit dem unschuldigen Namen Junkshop bezeichnet. Es heißt dieß Wort auf Deutsch »Trödelkram,« und wenn man ein Handlungshaus solcher Art betritt, so meint man in der That in einen Trödelkram zu kommen. Ringsum liegen in buntem Gemisch alte Scherben, altes Eisen, altes Blech; dazwischen hinein eiserne Ketten, Häfen und Retorten; dann wieder Seiler, Leuchter, Lederwerk; sogar zerbrochene Möbel, abgetragene Kleider und was dergleichen mehr ist, sieht man in ziemlicher Menge; kurz, es ist ein wirrer Durcheinander von einem Allerweltskram, aus dem Niemand klug werden kann, und der für nichts gut scheint, als um ihn, den ganzen Plunder auf einmal, dem Feuer zu übergeben. Solcherlei Trödelboutiquen findet man in jeder größeren oder kleineren Stadt Europas auch; allein – der Unterschied ist nicht schwer zu erkennen. In New-York ist dieser Kram meist, ja fast durchaus nur der Aushängeschild, und hinter den bunten, toll zusammengewürfelten Lappen liegt ein ganz anderer Handel verborgen. Es ist eine anerkannte Thatsache, daß die Junkshopinhaber zum großen Theile nichts sind, als die Hehler für die Tausende von Menschen, welche in der »Empire-City« vom Rauben und Stehlen leben. Wo sollen denn diese ihr »Erworbenes« absetzen? Nirgends anders, als in den verborgenen Winkeln und Hinterzimmern des Junkshops. Wäre diese »geschickte Gelegenheit« nicht, der Dieb wüßte sich oft nicht zu helfen, er wäre am Ende genöthigt, zur Arbeit, zur Ehrlichkeit zurückzukehren, weil er keine »Absatzquelle« wüßte; aber – der Junkshopinhaber tritt hier »helfend und berathend« ins Mittel, er erspart dem Verbrecher die Mühe, ein fleißiger, aber ehrlicher Arbeiter zu werden, er verschafft ihm die Gelegenheit, er gibt ihm sogar die Aufmunterung, auf bisherigem »leichterem« Wege seinen Unterhalt zu verdienen! Und warum sollte der Junkshopinhaber nicht so handeln? Trägt doch der Handel mit gestohlenen Gold- oder Silberwaaren, die natürlich wohlfeil gekauft werden, mehr ein, als der Handel mit in der Auction erstandenem Rumpelkram! Ein Seidenwaarenballen, von einem Diebe übernommen, bringt mehr Nutzen, als zehn Wägen voll halbzerbrochener alter Oefen!

Und Gefahr ist keine große bei dem Handel. Man muß nur seine Absatzquellen wissen. Natürlich, wenn die Polizei kommt und – auf bestimmte Anzeigen hin – Haussuchung hält, – finden darf sie nichts! Die vor einer Stunde erkauften Artikel müssen schon in der nächsten Stunde wieder weiter, wenn man nicht zufällig im eigenen Hause einen Schlupfwinkel hat, wohin das Auge des besten Diebfängers nicht dringt, und von dem die, wie sich von selbst versteht, »bestochene« Polizei ohnehin nichts wissen will. Es ist nämlich die Hauptaufgabe des Junkshopinhabers, sich mit der Polizei auf einen guten Fuß zu stellen und zugleich Verbindungen außerhalb New-York zu haben, bei denen die zugesandten gestohlenen Waaren sicher genug sind. Kann er diesen beiden Anforderungen genügen, so ist sein Glück gemacht; er wird in kurzer Zeit ein reicher Mann und ist dann nachher so angesehen, daß ihn kein Mensch darnach fragt, woher er seinen Reichthum habe. Natürlich aber kommt er, während seiner Junkshoplaufbahn, mit den allerverschiedensten Menschenklassen in Verbindung; besonders mit solchen, welche ihm das Material zu seinem Handel liefern, d. h. mit denen, »so mit dem geschriebenen Gesetze zerfallen sind;« und wenn daher Jemand zu irgend einer That, die er beabsichtigt, eines Mörders, Räubers oder sonstigen Spitzbuben benöthigt ist, so findet er nirgend bessere und gelegenere Auskunft, als in einem »wohlrenommirten« Junkshop.

In einen solchen führen wir nun den Leser. Er lag in der mittleren Williamstreet, nicht weit von Annstreet, also in einer Gegend, wo schon der »Großhandel« beginnt. Beweis genug, daß auch dieser Junkshopinhaber sein Geschäft ins Große zu treiben im Sinn hatte. Das Gebäude, in welchem sich der Laden befand, war alt, baufällig und nieder, wie deren vor sechs Jahren noch viele in jener Gegend standen; aber es war außerordentlich tief und berührte von hinten fast die Goldstreet. Wenn man es von außen betrachtete, so hielt man es eher für einen Holzschuppen, denn für ein Haus; kam man aber ins Innere, so fanden sich, trotzdem daß von vornen alles zerfallen und halb zusammengefault aussah, in den hintern Räumen versteckt liegende Zimmer, die nicht nur comfortabel eingerichtet waren, sondern die einen Reichthum bargen, wie man ihn sonst selten trifft. Freilich, bis hier herein drangen nur die Vertrautesten des Junkshopinhabers, nur seine intimsten Freunde und diejenigen, welche er mit besonderer Rücksicht zu behandeln hatte. Der Besitzer des Hauses, wie des Ladens, war nämlich der reiche Jude Ephraim, unter welchem Titel er überall in der Nachbarschaft und weiter hin bekannt war, ob er gleich nicht einmal einen Schild führte, auf dem man seinen Namen hätte lesen können. Allein sein Geschäft brachte es ja mit sich, daß er allgemein gekannt wurde! Kam ja doch Jedermann zu ihm, der einen Schmerzen auf dem Herzen hatte, weil er nicht blos Waaren und Mobilien kaufte, sondern auch in der Noth gegen ein »Billiges« und gegen »gehörige Sicherheit« Geld vorstreckte, und zwar bis zu Summen, welche man hinter dem »Junkshop« nicht vermuthete. Ueberdieß war er ein stiller, verschwiegener, sicherer Mann, dem man sich anvertrauen konnte und der nicht darnach fragte, woher die silbernen Löffel kamen, wenn man sie ihm nur für den halben Preis überließ. Auch das war ihm gleichgültig, ob Einer im seidegefütterten Rocke kam, oder in einer zerrissenen Jacke, er fragte nichts nach Stand, Rang und Beruf. Besonders kümmerte er sich auch nicht um die Lebensweise eines Menschen, um den Ruf, in dem er stand, um seine Sittlichkeits- und Moralitätszeugnisse; im Gegentheil, es gingen, besonders am Abend oder in der Nacht, Leute bei ihm aus und ein, die später mit dem Galgen Bekanntschaft machten oder früher Stammgäste im Zuchthause gewesen waren. Auch diese Gäste waren ihm lieb und werth, nur durften dieselben es nicht wagen, den Weg durch den Laden zu nehmen, sondern sie mußten von der Hinterseite, von der Goldstreet her, durch ein schmales Gängchen ihren Eingang suchen, was natürlich nur denen möglich sein konnte, die besonders vertraut mit dem guten Ephraim und seinen Lokalitäten waren.

Es war schon ziemlich spät am Abend. Der Junkshop war längst geschlossen und die Eingangsthüre fest verriegelt. Nirgends konnte man Licht sehen und wahrscheinlich war der Inhaber des Hauses längst schlafen gegangen oder befand er sich auswärts, denn das ganze Anwesen lag scheinbar in tiefer Ruhe und großer Schweigsamkeit. Dem war aber doch nicht so, denn an dem kleinen Hinterpförtchen stand ein Mann, der sich emsig in die Nacht hinausspähend umschaute. Er drückte sich fest an die Wand, so daß er von Vorübergehenden kaum bemerkt werden konnte.

»Er kommt lange nicht,« flüsterte er endlich vor sich hin, nachdem er wohl eine Stunde vergeblich gewartet. »Und doch sollt ich meinen, er könne nicht ausbleiben. Weiß ich doch, wo ihn drückt der Schuh und wie er haben muß Geld und wieder Geld um jeden Preis! Er muß anbeißen und ich werd ihm die erste Frucht gar süß schmeckend machen. Hat er doch einen großen Namen unter den Reichen und Vornehmen und kann uns sein ein Schutzengel in den Zeiten der Noth! Darum will ich ihm die Lockspeise versüßen und sein Antheil soll sein ein volles Drittheil das erste Mal!«

Jetzt näherte sich von der Beckmannsstreet her ein tief in seinen Oberrock gehüllter Mann. Er schritt schnell vorwärts und stand im nächsten Augenblicke vor dem Harrenden.

»Bist du es, Isaak?« fragte der Neuangekommene, der in der Dunkelheit den Mann an dem Hinterpförtchen nicht zu erkennen vermochte.

»Nein, es ist Ephraim, hochwürdiger Herr,« erwiederte der Letztere. »Wie werd ich sein so unhöflich und einen so hochgeehrten Besuch nicht empfangen in eigener Person? Sein Sie willkommen unter meinem unwürdigen Dache.«

»Ha, du bist's!« rief der Neuangekommene. »Wir haben uns lange nicht gesehen und ich hätte dich fast nicht mehr erkannt.«

Ephraim erwiederte jedoch für jetzt nichts mehr, denn er hörte Tritte in der Ferne, oder fürchtete er, sonst gestört zu werden. Darum zog er den Fremden in den engen Gang hinein und schloß die Thüre sorgfältig hinter sich. Nun rief er einen verwachsenen Knaben von vielleicht fünfzehn oder sechszehn Jahren und postirte ihn als Wache hinter die Thüre.

»Manasse,« flüsterte er, »es darf Niemand herein, keine Seele. Nur wenn einer kommt, der das Zeichen hat, so rufe mich. Wir müssen sein ungestört heute Abend und können brauchen keine Pilferer und Lauscher.«

Dann nahm er den Fremden bei der Hand und führte ihn einen finstern Gang entlang. Plötzlich jedoch stieß er eine Thüre auf und ein heller Lichtstrahl drang ihnen entgegen. Das Licht kam aus einem kleinen Gemache, das anscheinend keine Fenster hatte, so daß die von einem kleinen Kronleuchter ausgehende glänzende Helle von außen nicht bemerkt werden konnte. Das Zimmer war üppig möblirt, obgleich es schien, als ob die Möbels nicht recht zu einander paßten, da sie offenbar verschiedenen Zeitperioden und auch verschiedenen Herren angehört hatten. Auf einem kleinen Tische standen Teller und Flaschen, deren Inhalt, wie es schien, nicht aus dem Schlechtesten bestehen mochte, was eine Tafel zieren kann.

»Thun Sie, als ob Sie wären zu Hause,« sagte Ephraim, einen Stuhl an das Tischchen rückend. »Es ist schon lange, daß ich nicht beehrt worden bin von einem Besuche meines Gönners und Freundes, der nun geworden ist ein Prophet und Hohepriester unter seinem Volke.«

»Ja es ist lange her, Ephraim,« erwiederte der Andere, einen nachdenklichen Blick in das gierige, von tiefen Furchen durchzogene Gesicht des Juden werfend. »Und du bist alt geworden seither. Aber, wo ist Isaak? Er hat mich hierher bestellt mir eine Mittheilung zu machen.«

»Hier ist er, hochwürdiger Herr,« rief eine Stimme, deren Eigenthümer so eben durch eine verborgene Thüre aus einem Nebenzimmer trat.

»Nennt mich nicht hochwürdiger Herr,« versetzte der Fremde, sich wie mit Eckel abwendend. »Als ich in deine Behausung trat, Ephraim, habe ich den »Hochwürdigen« zu Hause gelassen.«

»Nun, wie sollen wir Sie nennen?« meinte Ephraim, indem ein widerliches Lächeln der Vertrautheit über seine Züge flog. »Vielleicht Lewis, oder Fulmer, oder Spencer oder, wie Sie gegenwärtig heißen, Beecher? Mir Alles eins und ein Name so lieb, als der andere! Thut ja doch die Benennung nichts zur Sache und haben wir es nicht mit dem Namen zu thun, sondern mit dem Manne!«

»Gut, so nennt mich Eduard,« versetzte Doctor Beecher, denn er war es und kein anderer, wie die Leser wohl längst errathen haben. »Aber mein Aufenthalt kann nicht von langer Dauer sein. Sagt, was ist euer Begehr und Vorschlag.«

»Nun, Herr Eduard,« erwiederte Ephraim, »ich weiß, Sie lieben es nicht, zu sprechen von alten Zeiten, aber anstoßen können wir doch auf gut Glück und gute Verrichtung, wie es Sitte ist draußen im alten Lande, wo wir uns kennen gelernt haben. Und wie der Wein hier – ächter, von einem Freunde importirter, kein nachgemachter amerikanischer – rein und golden im Glase glänzt, also soll es auch rein und klar sein zwischen uns und der Erfolg soll sein ein goldener und gesegneter.«

Er schenkte ein und Doctor Beecher mußte seinen Eckel bezwingen und mitanstoßen und mittrinken.

»Ich will Sie nicht zu lange stellen auf die Folter der Neugierde,« begann nun wieder der Junkshopinhaber, »und will Ihnen sagen mit kurzen Worten, wie wir könnten machen ein Geschäft mit einander, das Ihnen und uns beiden brächte Gold in Menge und Ueberfluß. Sehen Sie, ich besitze sechs Häuser und Lots in der Beckmannsstreet, nur einige wenige hundert Schritte von hier und diese will ich Ihnen verkaufen für ein Geringes, so zu sagen, für gar nichts, so wir Handels eins werden.«

»Bist du verrückt, Mensch?« rief der Doctor, wild aufspringend. »Willst du mich zum Besten halten, weil du weißt, daß ich kein Geld habe, sondern hier bin, um solches zu erwerben?«

»Sie brauchen auch kein Geld, um mir die Häuser abzukaufen,« erwiederte Ephraim lächelnd. »Nein; Sie sollen sie haben umsonst, denn der Kauf soll nur sein ein Scheinkauf. Die Häuser sollen nur auf ihren Namen eingeschrieben werden, damit man auf der Cityhall weiß, sie gehören dem frommen, dem hochwürdigen, dem hoch angesehenen Doctor Beecher.«

»Ich verstehe dich nicht und weiß nicht, wo du hinaus willst,« sagte Beecher, als jener zu sprechen aufhörte, mit einer Stimme, deren Ton die Spannung seiner Seele verrieth.

»Aber Sie werden mich sogleich verstehen,« fuhr der Jude kaltblütig fort. »Die Häuser sind alt und zerbrechlich, alle von Holz und von keinem andern Werth, als um abgebrochen zu werden. Was allein Werth hat, sind die Lots, die Bauplätze. Nun aber, was liegt daran, wenn die Häuser baufällig und werthlos sind? Muß man denn das den Leuten auf die Nase binden? Nein, gewiß nicht; im Gegentheil, wir schlagen die alten Häuser auf dreißig tausend Dollars an und Sie versichern dieselben um diese Summe in drei Feuerversicherungsgesellschaften.«

»In dreien?« fragte Beecher, dessen Nasenflügel sich erweiterten.

»Ja, in dreien,« versetzte Ephraim so ruhig, wie zuvor, und in jeder um dreißig tausend Dollars. Natürlich haben Sie zu wählen die sichersten und besten Versicherungsgesellschaften.«

»Und nun?« flüsterte Beecher fast athemlos, als jener abermals inne hielt.

»Nun?« meinte Isaak, der jetzt zum ersten Mal das Wort nahm. »Ich sagte Ihnen gestern, mit Messer und Pistole könnte ich nicht gut umgehen, aber ein kleines Feuerchen getraue ich mir wohl zu machen. Ich denke, die Holzhäuser werden recht gut brennen und in einer halben Stunde ist der ganze Spaß vorüber.«

»Ha,« schrie der Doctor aufspringend. »Das ist's also? Brandstiftung? Wißt ihr, welche Strafe darauf steht?«

»Wir wissen es,« versetzte Ephraim kalt. »Die Todesstrafe steht darauf, aber es ist noch nie einer deßhalb verurtheilt worden. Und überdieß, Isaak greift die Sache nicht so unklug an, daß etwas herauskommt. Wir drei aber verrathen einander nicht.«

»Und wenn ich nun euren verruchten Plan angäbe?« rief der Doctor. »Wenn ich euch jetzt gleich der Polizei überlieferte?«

»Sie scherzen, hochwürdiger Herr,« lächelte Ephraim; »wir kennen ja einander nicht erst von heute, und wenn die Stadt New-York erführe, welch lustige Streiche wir früher mit einander ausgeübt, so möchte es um den guten Ruf des hochwürdigen Herrn Doctors geschehen sein. Doch lassen wir den Spaß bei Seite. Wenn Sie,« fuhr er mit langsamem und bedächtigem Tone fort, so daß er gleichsam auf jede Sylbe einen Nachdruck legte, – »wenn Sie Morgen früh den Häuserkauf öffentlich und urkundlich mit mir abschließen, so daß wir die Papiere und Kontracte auf Cityhall im Unterpfandsbuch eintragen lassen können, und wenn Sie dann zur selben Zeit die Häuser bei drei Versicherungsgesellschaften um je dreißig tausend Dollars, zusammen also um neunzig tausend Dollars versichern, so zahle ich Ihnen in der Minute, in welcher Sie die Versicherungsscheine auf mich übertragen, so daß ich deren Betrag im Fall eines Brandes einziehen kann, die Summe von dreißig tausend Dollars baar aus. Kann man im Laufe eines Vormittags mehr verdienen?«

Doctor Beecher lief in großer Aufregung im Zimmer auf und ab. Dicke Schweißtropfen standen ihm auf der Stirne.

»Aber warum versicherst du die Häuser nicht selbst auf deinen Namen?« rief er endlich, vor Ephraim stehen bleibend und ihn mit den Augen fast durchbohrend. »Warum willst du mir dreißig tausend Dollars von dem Betrage zukommen lassen? Etwa aus purer alter Freundschaft und besonderem Wohlwollen?« setzte er höhnend hinzu. »Nein, sicherlich nicht. Du hast einen Hintergedanken, den du mir nicht zu offenbaren wagst.«

»Nein, Herr Eduard,« erwiederte der Jude. »Ich habe keinen Hintergedanken und keine schlechte Absicht. Sie sollen Alles erfahren, denn ich will sein offen gegen Sie und ehrlich, als wären Sie Einer aus unserem Volke. Unter Associes und Geschäftsgenossen darf sein kein Geheimniß, sondern Alles muß sein klar und eben. Sehen Sie, ich bin ein Fremdling in diesem Lande, wenn auch schon sechszehn Jahre drin lebend; ich bin einer vom Volke Gottes, wie sie uns verspottend nennen; und wenn auch Alles gleich sein soll vor dem Gesetze in Amerika, so ist der Jude doch immer und überall Jude; er wird angesehen als Jude und behandelt als Jude. Zudem halte ich einen Junkshop und Niemand schenkt Vertrauen einem Junkshopinhaber. Wenn ich nun käme zu den großen Herren, welche den Feuerversicherungsgesellschaften präsidiren und wollte meine Holzhäuser für dreißig tausend Thaler versichern, so würde man mich verspotten und fortjagen; man würde sagen, die Häuser haben keinen Werth von drei tausend, viel weniger von dreißig tausend Dollars. Und wenn mir's auch gelänge, die Versicherungen aufzubringen, und wenn dann der Zufall wollte, daß die Häuser abbrennen sollten, was hätte ich für einen Gewinn? Die Herren würden mir ins Gesicht lachen und sagen, ich habe die Baracken selbst angezündet; das Geld aber würden sie mir verweigern und mich einladen, mit ihnen zu prozessiren, und was dabei in Amerika herauskommt, das weiß Jeder aus eigener Erfahrung. So würde ich nichts erhalten und die Speculation wäre eine verfehlte. Ja, ich dürfte von Glück sagen, wenn ich nicht zuletzt noch mit dem Gefängnisse Bekanntschaft machte, als verdächtig der Brandstifterei. Wenn aber der hochwürdige Doctor Beecher in die Versicherungen kommt, so sind die Herren Direktoren voller Höflichkeit und Artigkeit, und machen Bücklinge über Bücklinge und die Policen werden ausgefertigt, ehe man sich's versieht und wenn vierzehn Tage später die Häuser abbrennen, so ist's ein Unglück gewesen, ein pures, unverschuldetes Unglück, und nicht eine Versicherung weigert sich zu zahlen. Es ist ja der hochwürdige Herr Doctor Beecher, dem gezahlt werden muß, und nicht der verachtete ausländische Jud', der Junkshopinhaber!«

Indem schlüpfte der schleichende Bube, der als Wächter an die Hinterpforte gestellt war, herein und flüsterte dem Ephraim einige Worte zu. Dieser schaute verwundert auf und ließ sich die Nachricht wiederholen. Dann gab er ihm leise einige Befehle und Manasse entfernte sich eben so leise, als er gekommen war.

»Nun, Sie haben gehabt Zeit, sich zu besinnen,« wandte sich jetzt Ephraim wieder an den Doctor; »was sagen Sie zu meinem Vorschlag? Ja oder Nein?«

»Also wenn ich dir Morgen die Versicherungspolicen in die Hand gebe, zahlst du mir dreißig tausend Dollar baar aus?« fragte Beecher.

»Dreißig tausend Dollar baar,« versetzte Ephraim.

»Und mein Name kann sonst nicht mißbraucht werden?«

»In keinerlei Weise.«

»Gut, Ephraim, bis Morgen um elf Uhr hast du den Kaufkontract und die Policen. Halte das Geld parat.« Mit diesen Worten stand Doctor Beecher auf, um sich auf den Heimweg zu machen. Ephraim begleitete ihn bis zum Hinterpförtchen und schloß wieder sorgfältig hinter ihm. Von dort aus begab er sich aber nicht in das vorige Zimmer zurück, sondern er stieg eine Treppe höher hinauf, wo sich sein »Staatszimmer« befand. Hier pflegte er diejenigen seiner Kunden zu empfangen, welchen er besondere Ehre zu erweisen hatte; darum war auch dieses Apartement mit ausgesuchtem Luxus ausgestattet und übertraf an Reichthum der vergoldeten Möbels manche Zimmer der reichsten Geldfürsten New-Yorks. Fenster besaß es aber ebenfalls keine, denn Ephraim liebte es, wie es scheint, nicht, von Nachbarn belauscht und beobachtet zu werden. Dagegen hing in der Mitte ein großer schwerer Kronleuchter, dessen zehn Wachskerzen Manasse nicht verfehlt hatte, anzuzünden. Das Zimmer war nämlich nicht leer, sondern ein Herr schritt darin ungeduldig auf und nieder, in welchem wir den Banquier Morris erkennen. Jetzt trat Ephraim herein und verbeugte sich tief und unterthänig.

»Wer war der Mann, der so eben Ihr Haus verließ, Ephraim?« fragte der Banquier rasch. »Ich will nicht hoffen, daß er Kenntniß von meiner Anwesenheit erlangt hat.«

»Wie können Sie glauben so etwas? Ephraim ist verschwiegen und man kann sich verlassen auf ihn, ob er gleich nur ist ein Jude,« erwiederte der Junkshopinhaber.

»Pah, ein Jude!« versetzte Morris. »Was liegt mir daran, ob Sie ein Christ, ein Jude, oder ein Heide sind, oder gar ein Türke! Sie wissen das aus Erfahrung, denn wir haben ja schon manches Geschäft mit einander gemacht und sind beide noch immer gut dabei gefahren. Nur bei der letzten kleinen Affaire, ich meine die mit Capitän Neptune, haben Sie mich wirklich ein wenig übernommen. Still, still, es ist schon gut. Doch – ich muß in der That wissen, was der Pfaffe da vorhin bei Ihnen wollte.«

»Der Pfaffe?« meinte Ephraim erstaunt aufsehend. »Weiß ich doch nichts von einem Pfaffen! War es ja doch ein langjähriger Bekannter und Geschäftsfreund, mit dem ich abzumachen hatte ein klein Geschäftchen!«

»Ein recht hübsches Geschäft,« sagte Morris kalt, »wobei man dreißig tausend Dollars in einem Morgen verdienen kann. Herr Doctor Beecher von Brooklyn kann zufrieden sein.«

Diese Worte wurden mit einer Ruhe und Gleichgültigkeit gesprochen, als ob sie lediglich nichts zu bedeuten hätten, aber Ephraim wurde dabei immer bleicher und bleicher. »Herr Gott meiner Väter,« rief er, vor dem Banquier auf die Knie fallend, »Sie müssen haben den Geist der Propheten, daß Sie errathen, was ein Geheimniß bleiben sollte zwischen Dreien. Aber Sie werden gnädig verfahren mit mir, der ich Ihnen doch gefällig sein werde für ewige Zeiten.«

»Den Geist der Propheten habe ich nicht, Ephraim,« erwiederte der Banquier, über die Angst und das Erstaunen des Juden spottend, »aber wenn man geheime Berathungen hält, so muß man einen Fremden, der nichts davon wissen soll, nicht in ein Zimmer führen, von dem ein Loch in das Berathungslocal hinabführt, durch das man hören und sehen kann, was unten vorgeht.«

Mit diesen Worten ergriff er den Juden bei der Hand und führte ihn in eine Ecke, von der aus in der That ein wie es schien absichtlich in die Diele gebohrtes Loch in das Zimmer unten hinabging. Wenn man niederkniete und Auge und Ohr an die Oeffnung hielt, so konnte man deutlich sehen, wer unten war und noch deutlicher hörte man, was gesprochen wurde.

»Der verfluchte Manasse!« schrie Ephraim wüthend. »Das hat Niemand anders gethan, als der neugierige Bube, der gottvergessene Krüppel. Aber wart, ich will dich züchtigen, ich will dir das Horchen vertreiben für ewige Zeiten, kein Glied soll ganz bleiben an deinem Körper und deine Seele will ich martern, bis sie am Erlöschen ist.«

»Das ist Alles recht gut, Ephraim,« unterbrach ihn der Banquier. »Sie mögen meinetwegen mit dem Buben anfangen, was Ihnen beliebt, allein wie stehen wir miteinander?«

»Gott meiner Väter,« seufzte Ephraim, »wie werden wir stehen? Sie werden doch nicht machen wollen den Angeber? Sie werden mich doch nicht stürzen ins Verderben und mich übergeben der Gewalt meiner Feinde?«

»Nein, das will ich nicht, Mann,« versetzte Morris fast verächtlich. »Das will ich Ihrem Manasse überlassen oder einem Andern, der Sie noch belauschen mag. Aber ich verlange etwas anderes, Ephraim, und was ich verlange, dürfen Sie mir nicht abschlagen; ich brauche Geld, und viel Geld.«

»Geld?« rief der Jude, in dessen Gesicht eine plötzliche Veränderung vorging. »Geld? Viel Geld? Der reiche Banquier Morris, der Matador unter den Fürsten der Wallstreet braucht Geld? Der Millionär, der im Golde wühlen kann, kommt zu dem armen Junkshopmann und sagt zu ihm, ich brauche Geld, viel Geld? Wie reim ich mir das zusammen?«

»Und doch ist es, wie ich sage,« versetzte Morris gelassen.

»Nun, wie viel soll es sein?« fragte Ephraim, indem seine Augen funkelten. »Und wo sind die Sicherheiten?

»Wenn ich Sicherheiten geben wollte, Ephraim,« versetzte der Banquier mit derselben Kälte und Ruhe, wie vorhin, so wäre ich nicht hierher gekommen. Ich verlange fünfzig tausend Thaler ohne Sicherheit, sogar ohne meine Unterschrift.«

»Der Gott Jacobs schütze mich,« schrie Ephraim, ein Paar Schritte zurückfahrend. »Fünfzig tausend Thaler? Wo soll ich bringen her so viel Geld? Aber keinen Pfennig, keinen rothen Cent gebe ich, ohne daß ich habe einen Wechsel oder eine Verschreibung. So wahr mir Gott helfe, ich gebe nichts und kann nichts geben!«

»Sie sind ein Narr, Ephraim,« erwiederte der Banquier. »Doch, wir wollen die Sache kurz machen. Ich gebe dieselbe Sicherheit, wie Doctor Beecher.«

Diese letzten Worte flüsterte er mehr, als er sie sagte, aber Ephraim verstand ihn recht gut und Hoffnung und Vertrauen kehrten bei ihm wieder. – Sie flüsterten nun lange mit einander und immer zufriedener wurden ihre Blicke, je länger sie sprachen. Sie verstanden sich bald beiderseitig! – Der rothe Isaak wurde zur Mitberathung heraufgerufen und wie vorhin, so war auch hier das Kleeblatt bald einig.

»Gut, es bleibt dabei,« sagte endlich der Banquier, seinen Genossen die Hand reichend. »Ich bringe übermorgen ganze Wagenladungen von Waaren vor die bewußten sechs Häuser; ich fülle sie von oben bis unten mit Kisten und Ballen. Was in den Kisten und Ballen ist, ist meine Sache und die mit mir in Verbindung stehenden Versicherungsgesellschaften werden bei mir nicht nachvisitiren. Dann nehme ich bei drei Compagnien – natürlich bei andern, als bei denen sich Beecher versichert, und dieß zu erfahren, wird mir nicht schwer fallen, – eine Police auf meine Waaren von je fünfzig tausend Dollars; von diesen drei Policen gehört jedem von uns eine, aber Sie zahlen mir übermorgen Mittag, wenn ich Ihnen die Urkunden bringe, meinen Antheil mit fünfzig tausend Thalern baar aus, wofür Sie die Policen als Sicherheit erhalten. Das ist unser Uebereinkommen und darauf geben wir uns die Hand.«

»Was Sie doch die Sache klar auffassen!« versetzte Ephraim mit unheimlichem Lachen. »Ganz derselbe Vertrag, wie mit dem hochwürdigen Herrn in Brooklyn! Merkwürdig! Ganz derselbe Vertrag!«

»So wären wir im Reinen,« sagte der Banquier aufstehend. »Uebermorgen Mittag hole ich das Geld. Aber, Isaak, nehmen Sie sich zusammen, wenn Sie den feurigen Funken legen; merken Sie sich's, es muß in allen sechs Häusern zugleich brennen, und nicht eine Spur von dem Inhalt der Häuser darf zurückbleiben.«

Er ging, von Ephraim geleitet, welcher die Thüre hinter ihm schloß.

»Gerettet,« sagte er zu sich selbst, als er auf der Straße fortschritt. »Gerettet, wenigstens vor der Hand. Die zehntausend der Frau Cooper und die fünfzig tausend des Ephraim werden wenigstens die lautesten und dringendsten meiner Wechselforderungen zum Schweigen bringen, und »Zeit gewonnen, Alles gewonnen,« sagt mein Freund Brewster.«

An das Verbrecherische der That, welche er so eben besprochen hatte, dachte er mit keiner Sylbe! Er dachte nur an seine eigene Person und seine Zukunft! Ganz dasselbe war auch bei Ephraim der Fall. Was lag ihm an Brandstiftung, an Betrug, an der Einäscherung der halben Stadt, wenn er Geld dabei gewinnen konnte? Er rieb sich vergnügt die Hände und stieg in das untere Zimmer herab, aus dem sich jedoch Manasse auf einen heimlichen Wink Isaaks geflüchtet hatte, um der ihm gedrohten Strafe zu entgehen. Ephraim bemerkte es jedoch sogleich.

»Laß ihn nur, Isaak,« sagte er, sich zu den Speisen an dem kleinen Tischchen niedersetzend und vor Vergnügen mit der Zunge schnalzend. »Es soll ihm nichts geschehen. Ist doch Heil und Segen für uns daraus entstanden, daß der Banquier einen Theil unseres Gespräches mit dem Beecher erhorcht hat! Wir werden gewinnen ein groß Stück Geld und haben erlangt zwei mächtige Herren dieser Stadt zu unsern Freunden und Fürsprechern!«

»Und das ist noch nicht Alles,« versetzte Isaak. »Einen Nutzen habe ich gehalten zurück für uns Beide, denn jene Zwei müssen nicht haben Theil an Allem. Du kennst doch das große neue Haus hart neben den deinigen in der Beckmannsstreet?«

»Du meinst das mit dem großen Tuch- und Seidenlager, das erst vor einigen Wochen dahin verlegt wurde?« erwiederte Ephraim, seinen Glaubensgenossen fragend ansehend.

»Gerade dasselbe,« nickte Isaak, »und ich werde mit Patrik und Sammy reden, wie wir die Sache am geschicktesten angreifen, daß wir hinter die Waarenballen kommen, ohne daß wir werden entdeckt. Wir werden Alles schaffen hierher, ehe wir werfen das Feuer in die Häuser, und das neue Haus soll verbrennen mit den sechs alten und wurmstichigen, und die Leute sollen glauben, die Waaren seien mitverbrannt, und kein Mensch soll werfen einen Verdacht auf uns.«

»Und wenn gedenkst du fertig zu sein mit den Vorbereitungen?« fragte Ephraim so ruhig, als ob es sich um eine ganz gewöhnliche und unbedeutende Sache handle, zugleich aber so freudig, als ob er das zu gewinnende Geld schon in der Tasche hätte.

»Ich hab mir gemacht meinen Plan halb fertig,« erwiederte Isaak, sich nun ebenfalls über die Speisen hermachend, »und werd ihn machen ganz fertig in den nächsten acht Tagen. Zum Transport der Waaren und Seidenballen werd' ich haben einen Wagen ganz eigener Construction und du wirst staunen, wie klug's der Isaak hat angefangen.«


12.
Oddfellowshall.

An der Ecke von Centre- und Grandstreet, gegenüber dem Centremarkt, erhebt sich ein stolzes Gebäude, die Oddfellowshall. Es ist fünf Stock hoch und hat der Säle und Zimmer eine Menge. Das Gebäude gehört der Gesellschaft der »odd fellows,« das ist der »sonderbaren Käutze« an, die dort ihre Sitzungen zu halten pflegen. Allein die großen Säle werden auch an andere Gesellschaften vermiethet und besonders zu den Zeiten der Wahlen, oder vielmehr der Vorbereitungen dazu, sind die Localitäten von der einen oder andern Partei über die ganze Zeit, so lange diese Vorbereitungen dauern, mit Beschlag belegt. Im Souterrain befindet sich eine großartige Trinkstube und Restauration, die zu den feinsten in der Stadt gehört. Der Weinsalon allein ist im Stande, hunderte von Menschen zu fassen und in den Nebenzimmern haben noch wenigstens eben so viele Platz. Diese Localitäten, die an einen Restaurateur verpachtet sind, können natürlich von Jedermann besucht werden, allein in den Zeiten, in welchen die obern Stockwerke von einer bestimmten Partei gepachtet sind, verkehren natürlich auch nur Leute von dieser Partei in dem Trinksalon; denn in solchen Tagen würde es als eine Art Herausforderung gelten, wenn eine Compagnie »Andersdenkender« in das Kneiplocal ihrer Gegner treten würde. Müßten ja doch diese »Andersdenkenden,« wie sich von selbst versteht, als Feinde angesehen werden, als offene kriegerische Feinde, die kommen, um Streit anzufangen! Bleibt ja doch in politischen Dingen Niemand in Amerika neutral! Würde es ja doch als eine Charakterlosigkeit angesehen, sich für keine bestimmte Ansicht zu entscheiden! – So ist denn natürlich die Oddfellowshall in Wahlzeiten als eine Art Hauptquartier anzusehen, in welchem nicht blos die großen vorbereitenden Versammlungen gehalten werden, sondern wo auch die Führer der Partei ihre geheimen Conclusa fassen und das Stichwort geben, nach welchem ihre Unteranführer und die »blinden Anhänger durch Dick und Dünn« handeln müssen. Das Basement aber oder der Trinksalon ist der Tummelplatz, wo sowohl die Parteifragen leidenschaftlich besprochen, als auch wo die noch Gleichgültigen durch Essen und Trinken für die »gute Sache« gewonnen werden. Uebrigens beschränkt man sich natürlich nicht auf's Freihalten im Essen und Trinken, um Anhänger zu gewinnen. Im Gegentheil, auch andere Mittel jeder Art werden angewandt, um diesen Zweck zu erreichen. Es wird Nichts, es möge heißen, wie es wolle, – gar Nichts wird gespart, gar Nichts wird geschont, um die Partei zu verstärken und ihr am Ende den Sieg zu verschaffen, und würde Einer Tag und Nacht während einer solchen Periode in die verschlossenen Gemächer von Oddfellowshall hineinsehen, er würde vielleicht die Hände entsetzt zusammenschlagen ob der Art der Mittel, die hier angewandt werden, um zum Ziele zu gelangen. Vor der Welt in den öffentlichen Versammlungen, in den Zeitungen und Parteiblättern pocht die Partei nur auf ihr »gutes Recht,« auf die »Ehrlichkeit ihrer Absichten,« auf die »Vaterlandsliebe,« von der sie behauptet beseelt zu sein, auf die »Noblität« und den »moralischen Ruhm« ihrer Führer und Mitglieder; hinter den Coulissen aber sieht man die wahren Absichten, die wahren Motive, die wahren Mittel, denn hier treten die Acteurs in ihrer natürlichen Nudität auf!

Wir befinden uns gerade in einem solchen Zeitraume, wo die Vorbereitungen zu den Wahlen stattfinden. Zwar allerdings sind es noch einige Monate, bis diese vorgenommen werden, allein die Wahlen sind dießmal mehr als gewöhnlich wichtig, denn es sind nicht nur Staatsbeamte, sondern auch verschiedene städtische Beamte zu wählen und an den Letzteren liegt mehr, als sogar an der Wahl des Präsidenten des Gesammtstaats. Ist doch, da die persönliche Freiheit einer Stadt den Gesetzen nach fast so unantastbar ist, wie die persönliche Freiheit eines Einzelnen, eine städtische Beamtung eine gar mächtige und einflußreiche Stelle! Hat doch, da die Stadt New-York fast eine Million Einwohner zählt und in Handel und Wandel eine wichtigere Metropole ist, als ein Dutzend anderer großer Städte zusammen, ein Stadtrathsmitglied dieser Stadt oder gar der Mayor und Bürgermeister derselben mehr zu sagen, als der Minister oder Regent nicht etwa eines Duedezländchens, sondern eines bedeutenderen Staates in der alten Welt! Sind doch solche Stellen, wenn sie auch nur mit einer geringen Besoldung verknüpft sind und vor den Menschen mehr als Ehrenämter gelten wollen, denn als einträgliche Sinekuren – immer mit so vielen und großartigen Nebeneinkommenstheilen, rechtmäßigen sowohl, wie unrechtmäßigen, verbunden, daß Einer, der auch nur zwei Jahre in einem Amte gewesen, ein besonders ungeschickter und ungewandter, oder gar, was noch merkwürdiger wäre, ein wirklich ehrlicher Mensch gewesen sein müßte, wenn er in dieser kurzen Zeit nicht so viel »gemacht« hätte, daß er entweder ein reicher Mann geworden ist, oder wenigstens so viel erübrigte, um die übrige Zeit seines Lebens gemächlich davon zu leben! Unter solchen Umständen läßt sich denken, daß derjenige, der als Kandidat einer Stelle auftritt, sich besondere Mühe gibt, dieselbe zu erlangen. In New-York, wie in ganz Amerika, werden nämlich alle Beamten ohne Unterschied, die hohen, wie die niedrigen, die Communaldiener, wie die Staatsdiener, die richterlichen, wie die verwaltenden – auf eine Reihe von Jahren, meist auf zwei oder vier Jahre, je nachdem es die Verfassung bestimmt, unmittelbar vom Volke erwählt. Wer also gewählt sein will, muß auf das Volk einwirken, er muß sich eine bestimmte Anzahl Stimmen sichern, er muß diejenigen auf seiner Seite haben, welche Einfluß besitzen. Allerdings wird mit dem »Gebildeten,« mit dem »Ehrlichen« nicht viel anzufangen sein; dieser hat sich seine politische Meinung festgesetzt und geht nicht davon ab, man mag ihm bieten, was man will. Allein, es gibt eine Masse »Ungebildeter,« eine Masse »Unehrlicher,« eine Masse »Wankender,« eine Masse »Furchtsamer und Schwacher,« und auf diese kann »eingewirkt,« diese können »bekehrt« werden, diese kann man auf die eine oder die andere Seite bringen, je nachdem man mehr oder weniger »freigebig« ist, je nachdem man mehr oder weniger »energische Naturen« auf seiner Seite hat, welche die Wähler noch am Stimmkasten »bestimmen,« einen bestimmten Wahlzettel nach ihrem Sinne abzugeben. Man heißt solche Mittel im gemeinen Leben »Bestechung,« »Wahleinschüchterung« und dergleichen, und solche Mittel sind streng verboten, allein zu was hätte man Gesetze, wenn man sie nicht umgehen dürfte? Ueberdieß, wo kein Kläger ist, ist kein Richter, und – wenn auch ein Kläger da ist, so fehlt in Amerika doch oft der Richter, wenigstens der Strafrichter. Wegen Wahlumtrieben, wegen Wahlbestechungen, wegen Wahlgewaltthätigkeiten ist noch nie Jemand in den Vereinigten Staaten gestraft worden. Gehört der Richter doch selbst mit »zur Partei« und kann und darf einen Parteigenossen nicht verurtheilen, weil er selbst sonst bei der nächsten Wahl unbedingt von der Kandidatenliste gestrichen und als Ueberläufer aus der Partei gestoßen würde. Da somit wenigstens unter der Hand Jedermann die volle Freiheit gegeben ist, mit Geld und Gewalt etwas auszurichten, so läßt sich denken, daß die Beamtungsadspiranten heimlich und offen viel Geld fliegen lassen, um sich Anhänger zu verschaffen. Oft und viel gibt Einer zehn und zwanzig tausend Dollars für ein ganz unscheinbares Aemtchen aus und die größeren Stellen verschlingen natürlich noch weit mehr Kapital; allein die Kandidaten wissen wohl, daß dieses Geld zehn- und fünfzehnmal verdoppelt wieder eingeht, wenn man den Sieg erringt, und – die Durchgefallenen trösten sich mit der nächsten Wahl, die nach zwei Jahren stattfindet. Darum nur immer frisch drauf los! Nichts gespart, Anhänger gewonnen, alle Minen in Bewegung gesetzt, vor keinem Mittel zurückgebebt! Seit einer Reihe von Jahren hatte die »demokratische« Partei New-Yorks die Oddfellowshall für ihre Zwecke gepachtet und man durfte daher sicher darauf rechnen, daß wer in diesem Hause, sei es unten oder oben, im Salon des Basements oder in einem der Säle des vierten und fünften Stocks, verkehrte, dieser Partei angehören mußte. Ihr gegenüber stand die »amerikanische« Partei, welche aus der Vereinigung der sogenannten Republikaner und Knownothings sich gebildet hatte. Beide Parteien gingen in ihren Grundsätzen schroff auseinander, allein Beide behaupteten, ihr Endzweck sei kein anderer als »Beglückung des Volkes,« und diese Beglückung könne nur dann stattfinden, wenn sie ans Ruder gelangen. Es läßt sich nun nicht läugnen oder man vermuthet wenigstens, daß Einzelne in der That so dachten, wie sie sprachen; im Allgemeinen aber zeigt die Erfahrung schon seit vielen Decennien, daß der innere Endzweck jeder dieser politischen Parteien in Amerika nur der ist: »zur Herrschaft zu gelangen,« um die Aemter, das ist: die Macht und das Einkommen, welche mit diesen Aemtern verbunden sind, zu bekommen. Die offen an den Tag gelegten Grundsätze sind nur die Lockvögel, unter deren Firma der große Haufen gewonnen werden soll, die inneren Grundsätze beschränken sich auf den Einen, »ans Ruder zu kommen.« Somit ist das Resultat so zu sagen immer das Gleiche, es mag den Sieg erringen, wer da will; nur die Personen, welche die Beute theilen, sind andere. Siegen die Demokraten, so werden alle Aemter mit Demokraten besetzt, siegen aber die Amerikaner, so weiden ihre Kühe auf den fetten Wiesen. Natürlich erläßt die siegende Partei in den gesetzgebenden Körpern nur solche Gesetze, die ihr zum Vortheile gereichen, aber die Unterliegenden grämen sich nicht sehr darüber, denn sie wissen ja, daß sie in ein Paar Jahren, wenn sie ans Brett kommen, alle diese Gesetze wieder über den Haufen werfen und gerade entgegengesetzte machen können. – Auf diese Art regiert sich's in Amerika, und wir mußten diese wenigen Worte voraussenden, damit unsere Leser den Verlauf dieser Erzählung um so leichter verstehen können.

Es war später Abend. In einem kleinen Gemache des fünften Stockes saßen drei ältere Herren in tiefer Berathung. Man konnte ihnen ansehen, daß sie nicht zu den unwichtigsten Männern der Stadt gehörten; ja zwei von ihnen schienen ihrem Gebahren und ihren Worten nach hohe Aemter einzunehmen, während der dritte vielleicht ein Candidat zu einem solchen war. Es mußte eine wichtige Berathung sein, wegen der sie sich hier zusammengefunden hatten, denn die Thüren, welche in das kleine Gemach führten, waren fest verschlossen, und sie hatten ohne Zweifel den obersten Stock des Hauses zu ihrem Stelldichein gewählt, um desto gewisser von Niemanden gestört zu werden.

»Er kommt lange nicht, Macquire,« sagte Einer von ihnen, der den Ehrensitz am Tische einnahm. »Am Ende haben ihn doch noch die Amerikaner abgefangen.«

»Er kommt sicher, Herr Controller,« erwiederte Macquire, in dem wir den Vater des uns bereits bekannten Bob Macquire vor uns sehen. »Mein Bob hat mit ihm gesprochen und die Sache ist so gut als abgemacht, wenn wir nicht zu knauserig sind. Uebrigens sollte er schon da sein, wenn er nämlich wirklich so genau und auf den Punkt hin sein Wort hält, wie mir Bob versichert. Aber horch! Ich höre Tritte, das muß er sein.«

In der That hörte man den festen Schritt eines Mannes, der sich dem kleinen Zimmer im fünften Stockwerk rasch näherte. Macquire sprang auf, entriegelte die Thüre und ließ den Ankömmling ein. Es war ein hoher, kühn blickender Mann, kein Anderer, als der uns wohl bekannte Arthur Guerrier. Nun standen auch die zwei anderen Herren auf, gingen dem Neuangekommenen entgegen, hießen ihn herzlich willkommen und schüttelten ihm die Hände, als ob er einer ihrer liebsten und intimsten Freunde wäre.

»Wie geht's, Herr Guerrier?« riefen alle drei durcheinander. »Schon lange nicht gesehen? Machen sich selten! Herzlich erfreut!«

Ein feines, fast verächtliches Lächeln spielte um die Lippen Arthurs, als er die Beglückwünschungen und Grüße dieser drei Herren entgegennahm; doch erwiederte er Handschlag mit Handschlag und Höflichkeit mit Höflichkeit. Man setzte sich nun allseitig an den Berathungstisch, an welchem Arthur Guerrier den vierten Platz einnahm.

»Sie haben sich also für die demokratische Partei entschieden?« begann der Vornehmste unter ihnen. »Ich freue mich herzlich hierüber und ich glaube, wir geben Ihnen ein nicht unbedeutendes Zeichen unseres Zutrauens, wenn wir Sie gleich in unsere geheimsten Berathungen einweihen.«

»Ohne Umschweife, Herr Controller,« erwiederte Arthur Guerrier, nicht ohne seinen Spott beinahe offen an den Tag zu legen. »Wir wollen lieber frisch von der Leber weg reden. Sie brauchen mich und meine Leute, um bei der nächsten Wahl mit Ihrer Candidatenliste durchzudringen, Sie brauchen mich, um das demokratische Ticket durchzusetzen, und Sie wollen dieses Ticket durchsetzen, weil Ihre Namen auf demselben prangen, das heißt, weil Ihnen, wenn es durchgeht, die Herrschaft über New-York gesichert bleibt. Sie sehen, ich spreche offen von der Leber weg. Mag immerhin das Programm von Vaterlandsliebe, von Staatsinteresse, von Forderungen des Volks und ähnlichen Ausdrücken überströmen, – mir müssen Sie es zu gut halten, wenn ich das Kind beim Namen nenne. Sie Beide wollen die Zügel, die Sie bereits in Händen haben, auch in den Händen behalten und den Hauptzügel soll künftig Herr Macquire als unser Mayor führen. Gut, – ich bin dabei und meine Leute sind auch dabei. Wir werden thun, was in unsern Kräften steht, sobald wir nämlich über die Bedingungen im Reinen sind. Damit also müssen wir beginnen. Sind wir einig, so gehen wir weiter und entwerfen den Schlachtplan; werden wir nicht einig, auch gut; aber dann will ich auch nichts von Ihren Geheimnissen wissen.«

»Sie gehen rasch voran, Herr Guerrier,« versetzte Herr Macquire. »Aber ich liebe solche Leute. Man kann sich auf sie verlassen. Also, was sind Ihre Bedingungen?«

»Den Geldpunkt wird Ihnen Ihr Sohn mitgetheilt haben,« begann Guerrier. »Sind wir über diesen einverstanden?«

»Die Summe ist hoch,« versetzte der Controller. »Wir wollen zwar nicht markten, aber . . . .«

»Die Amerikaner geben mir gerne das Doppelte, wenn ich zu ihnen stehe,« entgegnete Guerrier.

»Abgemacht, abgemacht,« rief Herr Macquire. »Der Geldpunkt soll kein Hinderniß sein.«

»Gut,« fuhr Arthur fort. »Dann verlange ich freie Zehrung und freien Trunk für meine Leute und deren Freunde in dem Hauptquartier, das ich aufschlagen werde, so lange bis die Wahl vorüber ist.«

»Zugegeben, zugegeben!« rief wieder Herr Macquire. »Das Centralcomité wird diese Ausgaben bestreiten.«

»Der dritte Punkt geht Sie an, Herr Stadtrichter,« fuhr Arthur Guerrier fort, indem er sich an den dritten Herrn wandte, der bisher stille geschwiegen hatte. »Es läßt sich wohl nicht vermeiden, daß kleine Unregelmäßigkeiten vorkommen, wenn man eine Wahl richtig betreiben will. Es mag hie und da einen kleinen Exzeß geben, eine kleine Prügelei oder Rauferei, möglicherweise gehen einige Scheiben und Spiegel dabei zu Grund, vielleicht erhält auch Einer oder der Andere eine kleine Hieb- oder Stichwunde, und ist so thöricht, darüber den Geist aufzugeben. – Nun,« setzte er lachend hinzu, »Sie wissen ja, Herr Stadtrichter, wie es bei Wahlen herzugehen pflegt. Wenn also dabei Kleinigkeiten passiren sollten, so müssen sie als Kleinigkeiten behandelt werden und darf keinerlei Einsperrung oder gar Strafe erfolgen.«

»Auch dieß wird zugegeben,« versetzte der Angeredete. »Vorausgesetzt jedoch, daß es nur Vergehen sind, welche in Folge der Wahlagitation begangen wurden. Ich werde in einem solchen Falle Jeden Ihrer Leute ungestraft entlassen, wie sich dieß von selbst versteht. Mein College von der Knownothingsseite macht's bei den Seinigen gerade auch so.«

»Und ich werde den Polizeidirektor bestimmen, alle Schutzmannschaft von den Orten sich zurückziehen zu lassen, in denen Ihre Leute verkehren,« setzte Herr Macquire hinzu, »damit gar keine Verhaftungen vorgenommen werden können. Dann fallen die richterlichen Strafen von selbst weg. Aber, nun hoffe ich, werden Sie mit Ihren Bedingungen zu Ende sein.«

»Ich bin's,« lächelte Arthur, »denn ein Amt will ich für dießmal noch nicht begehren. Und nun verfügen Sie über mich nach Ihrem Belieben. Wie viele Wards wollen Sie mir übergeben?«

»Die erste, dritte und sechste sind uns sicher, denn die Deutschen und Irländer halten auch dießmal wieder zu uns,« meinte der Controller. »Auch die äußern Wards werden für unser Ticket stimmen. Aber in der Stadt werden wir um so mehr zu kämpfen haben und vor Allem ist die achte und zehnte gegen uns, und doch müssen diese um jeden Preis gewonnen werden.«

»Ich verstehe,« sagte Arthur, das Ticket durchlesend, »Herr Alderman Macquire wohnt in der zehnten und es wäre doch eine Schande, wenn ihn die eigene Ward durchfallen ließe. Gut, ich nehme die unsichern Wards alle auf mich. Sie sollen Mayor werden, Herr Macquire, ich stehe Ihnen mit meinem Kopfe dafür.«

»Wenn Sie dieß durchsetzen, Guerrier,« rief Macquire warm, »so bin ich bereit, die von Ihnen verlangte Summe zu Bestreitung Ihrer Unkosten zu verdoppeln.«

»Wir dürfen unsere Hülfsmittel nicht überschätzen,« versetzte der Controller. »Die Knownothings und die Republikaner haben vielfach einen starken Anhang, wie z. B. in der angeführten zehnten Ward; an manchen Orten sogar einen weit stärkeren, als unsere Partei. Deßwegen warne ich davor, sich allzu sicher zu fühlen. Gewöhnlich, wenn man den Feind gering schätzt, verliert man die Position. Ueber wie viele Leute können Sie bestimmen, Guerrier?«

»Ich lasse mir nicht gerne zu tief in meine Karten sehen, Herr Controller,« lächelte Guerrier; »aber so viel kann ich Ihnen versichern, ich werde in den zweifelhaften Wards mit meinen Leuten alle Polls ohne Unterschied besetzen und es soll keine Stimme abgegeben werden, die auf ein anderes Ticket lautet, als das Macquire'sche; die wenigen Distrikte dagegen, wo unsere Gegner übermächtig sind, werde ich denselben ganz überlassen.«

»Also aus den zweifelhaften Wards wollen Sie »blutige« machen?« versetzte der Stadtrichter. »Dagegen muß ich Einsprache erheben; die Zeitungen der Gegenpartei würden ein Zetermordiogeschrei erheben und die öffentliche Meinung würde mich am Ende zwingen, einzuschreiten und Strafen zu dictiren.«

»Pah, Richter, Sie sind zu ängstlich,« rief Herr Macquire. »Ohne blutige Köpfe geht's einmal nicht ab und wenn nur kein Leben zu Grunde geht, so sehe ich nicht ein, was Sie nöthigen würde, ein Exempel zu statuiren. Es versteht sich ohnehin von selbst, daß ich die Polizei so viel möglich fern halten werde; treffen Sie also nur Ihre Vorbereitungen, Guerrier, und sichern Sie uns die nöthigen Wards um jeden Preis. Verstehen Sie mich, um jeden Preis,« setzte er nach einer Weile mit Nachdruck hinzu.

»Und hier ist der Check auf die Bank,« sagte der Controller, dem Guerrier ein Papier überreichend. »Wir verlassen uns ganz auf Sie.«

»Noch Eins,« versetzte Guerrier, »wie ist's mit der Presse?«

»Alles in Ordnung,« erwiederte der Stadtrichter, »und was noch nicht darin ist, soll in den nächsten Tagen darein kommen. Vergessen Sie nicht, Guerrier, daß wir jeden andern Abend hier oben zu treffen sind; wenn Sie also über irgend Etwas einen Anstand haben oder etwas Wichtiges zu rapportiren ist, so suchen Sie uns hier auf. Es ist besser, als wenn wir uns auf der Cityhall treffen.«

»Und ich, Herr Guerrier,« sagte Macquire, diesem die Hand hinstreckend, »ich bin jederzeit für Sie zu Hause. Sie sind ein Freund meines Sohnes; betrachten Sie also meine Wohnung ganz wie die Ihrige.«

Sie schüttelten sich die Hände, wie innige Freunde zu thun pflegen, und auch der Controller mit dem Stadtrichter thaten deßgleichen. Arthur Guerrier verließ das Gemach.

»Es ist eine harte Aufgabe,« versetzte der Stadtrichter, als die Tritte des Abgegangenen verhallt waren, »mit diesem Manne Hand in Hand zu gehen. Ich habe Beweise in Händen, daß er ein notorischer Verbrecher und der Anführer einer Bande ist, die man mit Fug und Recht eine Räuberbande nennen muß.«

»Pah,« rief der Alderman Macquire, der Candidat für die Mayorsstelle, »man darf nicht so difficil sein. Es geht Mancher ungehenkt herum, der den Strick verdient hat. Wir brauchen ihn einmal, folglich nehmen wir ihn auch. Die Amerikaner wären froh an ihm und würden kein Jota darnach fragen und wenn er zehnmal ein Räuber wäre. Wer zu wählerisch in der Wahl der Mittel ist, kommt nie zum Ziele.«

Während diese Scene im fünften Stocke vorging, war das Basement oder der Trinksalon der Schauplatz einer viel lärmenderen Unterhaltung. Es hatten sich hier nämlich eine große Anzahl junger Männer versammelt, welche als Sprößlinge der reichsten und angesehensten Führer der demokratischen Partei, wenn auch nicht »im Rathe,« so doch »in der That« das Hauptwort führten. Ein Theil von ihnen vergnügte sich, mit der Bolzbüchse nach dem Ziele zu schießen und dem schlechtesten Schusse als Strafe einen Treat der ganzen Gesellschaft aufzuerlegen; ein anderer Theil hatte sich dem Kartenspiel ergeben, war jedoch keineswegs so sehr darauf erpicht, um nicht hie und da ein Wort in die Unterhaltung der Uebrigen mit einfließen zu lassen. Die meisten der Anwesenden standen nämlich in Gruppen herum und beschäftigten sich mit dem Lieblingsthema aller Politiker: dem wahrscheinlichen Ausfall der nächsten Wahlen. Sie sprachen laut und heftig zusammen; obgleich Alle einerlei Meinung waren, nämlich, daß nur allein ihrer Partei der Sieg gehöre und zu Theil werden müsse. Hie und da erfrischten sie ihre Kehlen, wenn sie sich trocken geschrieen hatten, durch einen gemeinsamen Trunk an dem langen Schenktisch, welchen sie natürlich stehend einnahmen; denn in Amerika ist es nicht Sitte, ruhig an einem Tische zu sitzen und sein Glas vor sich zu haben.

»Wo nur die Andern heute bleiben?« rief Einer, als »wieder eine Partie an den Schenktisch getreten war. »Bob Macquire wollte doch heute Abend hier sein; er hat ja seine verlorene Wette zu bezahlen.«

»Oh, der kommt sicherlich,« warf ein Zweiter ein. »Hörst du? Ich meine gerade, ich vernehme seine Stimme auf der Straße oben? Wahrscheinlich bringt er wieder Rekruten mit; denn das muß man dem Bob nachsagen, er thut mehr für unsere Partei, als irgend ein Anderer, darum verdient er auch, unser Führer im nächsten Wahlkampfe zu werden.«

In der That hörte man jetzt einige sich streitende Stimmen am Haupteingange des Salons.

»Nein, Marc,« rief Einer laut, und die unten im Basement erkannten sogleich die Stimme Bob Macquires; »so lasse ich mich nicht abspeisen. Sie haben mir einmal versprochen, den Abend mit mir zuzubringen, und der Teufel soll mich holen, wenn ich Sie loslasse, ehe wir alle toll und voll sind. Ich versichere Sie, Sie kommen mir nicht fort, Sie müssen noch eins mit mir trinken. Wir finden die lustigste Gesellschaft von der Welt und lauter gute Freunde durch dick und dünn, lauter gute Demokraten.«

Wohl wehrte sich Marc Price, denn dieser war der Angeredete, der Zudringlichkeit Bobs, aber am Ende mußte er doch nachgeben; denn sein neuer Bekannter war eben in der Laune, welche das erste Stadium der Trunkenheit mit sich bringt. So dachte wohl Marc, es sei vernünftiger, ihn nicht weiter aufzureizen, sondern lieber sich zu fügen, bis sich vielleicht Gelegenheit gebe, ihm unter der Hand zu entschlüpfen. Er folgte also gutwillig und ohne weitere Einrede.

Die neue Gesellschaft wurde von den bereits Anwesenden mit lautem Halloh empfangen.

»Endlich kommst du doch, Bob,« schrie Einer. »Ich dachte schon, du hättest deine verlorene Wette vergessen.«

»Verlorene Wette?« entgegnete Bob mit einer Stimme, die schon ein wenig schluchzte. »Der Teufel hole alle Wetten, denn ich verliere alle. Aber wenn Ihr trinken wollt, mir gerade recht, denn ich habe einen wahrhaft höllischen Durst. Kommt, Jungen, laßt das dumme Kartenspiel; wollen einmal einen Trunk nehmen, und uns selbst ein Hurrah ausbringen, denn wir sind doch die einzig vernünftigen Menschen auf der Welt.«

»Deinen Vater ausgenommen, Bob,« lachte ein Anderer, »denn der ist noch vernünftiger, als wir alle; sonst würde er deinen Geldbeutel nicht immer so gut spicken.«

»Ein neunmaliges Hurrah für die ganze demokratische Partei,« rief ein Dritter. »Dann kann uns keiner der Unsrigen den Vorwurf machen, wir hätten ihn übergangen.«

»Nein,« schrie Bob, »wenn Ihr durchaus einen Toast wollt, so schlage ich meinen neuen Freund Marc Price hier vor. Möge Gott seinen Verstand bald so weit erleuchten, daß er einsehen lernt, wie nirgends Heil und Segen in der Welt zu finden ist, als allein bei uns und unserer Partei!«

»Was? Herr Price hat sich noch nicht entschieden?« rief wieder Einer. »Das ist ja ein purer Unsinn, neutral bleiben zu wollen!«

»Wir müssen den Ragamuffin hinter ihn schicken,« lachte ein Vierter, »der wird ihn bald bekehrt haben. Bob, hast du das neueste Babblingpaper schon gelesen? Na, Ragamuffin hat sich wieder einmal selbst übertroffen.«

»Ja, und die Moralpredigt am Schlusse des Blattes geht noch über Alles,« schrie ein Fünfter. »Ich möchte nicht in der Haut dessen stecken, den er sich aufs Korn genommen hat; dessen Name ist für immer vernichtet.«

»Den Artikel, den Artikel,« riefen nun Viele zusammen. »Wir wollen ihn lesen, wir sind gerade in der Laune, eine Moralpredigt zu hören.«

Das neueste Babblingpaper wurde nun herbeigeschafft und es stellte sich Einer auf einen Stuhl, um folgenden Artikel mit lauter Stimme vorzulesen: »So wenig wir sonst geneigt sind, Privatpersonen anzugreifen, und so schmerzlich es uns auch ist, ins Familienleben einzugreifen, so können wir doch nicht umhin, eines Vorfalls zu erwähnen, der unser Gefühl aufs tiefste empört hat, wobei wir aber die außerordentliche Genugthuung haben, offen verkünden zu können, daß der Betreffende nicht unserer, der demokratischen Partei, angehört; denn zu uns stehen blos Männer, die von Tugend und Moralität, von ächter Religiosität und tiefem Sittlichkeitsgefühl durchdrungen sind, so daß wir das Schlachtfeld der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit, den Tummelplatz der Gemeinheit und der menschlichen Verthierung füglich unseren Feinden überlassen können. Der Vorfall ist kurz folgender: ein noch ziemlich junger Mann, von sehr guter Familie, der aber seine wahre Gesinnung am besten dadurch beweist, daß er sogar vor der Frömmigkeit selbst keine Achtung mehr hat und alle Bande des Bluts und der Befreundung mit Füßen tritt, indem er seinen Stiefvater, einen hochwürdigen Doctor und Prediger in Brooklyn mit einem den elendesten Beweggründen entsprungenen Prozesse verfolgt; dieser junge Mann, dessen Namen wir jetzt noch verschweigen wollen, der aber vor ganz Kurzem wohl nicht mit Unrecht im dringenden Verdachte stand, in Verbindung mit Dieben und Räubern das Schiff eines unserer angesehensten Kaufleute halb ausgeplündert zu haben, von der Verfolgung dieses Verdachtes jedoch durch einen Vergleich mit diesem Kaufherrn – der sich hiebei offenbar zu nachsichtig und gütig bezeigte – entbunden wurde, – dieser selbige junge Mann steht im dringendsten Verdachte, eine Schandthat sonder Gleichen begangen zu haben, deren nähere Einzelnheiten wir aus Gefühlen der Schicklichkeit unmöglich näher bezeichnen können. Bereits ist ihm unsere gute Polizei auf der Spur, und es läßt sich mit Bestimmtheit erwarten, daß die fein gelegten Schlingen sich um das Haupt des Verbrechers zusammenziehen werden, damit ihm der gerechte Lohn nicht ausbleibe, welcher solchen und ähnlichen niedrigen Subjecten gebührt. Dann, wenn dieser Zeitpunkt eingetreten ist, werden wir uns nicht mehr zurückhalten lassen, mit offenem Visir aufzutreten und den Namen des jugendlichen Schurken zu nennen, was wir für jetzt nur aus Rücksicht auf die angesehenen Verwandten desselben, und aus Delicatesse gegen eine andere Familie, in deren Gunst sich der Elende einzuschleichen wußte, unterlassen haben. Die Welt weiß ja, wie rücksichtsvoll und mit welcher Zartheit wir in Allem zu verfahren gewohnt sind. Die Würde unseres Blattes duldet es nicht, daß wir die züchtigen Ohren unserer schönen Leserinnen mit der Nennung von Verbrechen und der näheren Bezeichnung von Schurkereien beleidigen, für die sie in ihrer Unschuld gar keinen Begriff haben; aber auf der andern Seite verlangt die Rechtlichkeit und Unparteilichkeit von uns, daß wir die Uebelthäter, die unter den höheren Classen zu finden sind, ebenso sehr an den Pranger stellen, als die aus den niedrigen Schichten des Volkes. Vor allem aber verlangt es die Gerechtigkeit, mit Stolz und offen zu verkünden, daß jener tief gesunkene junge Mann keiner anderen Partei angehört, als derjenigen, welche gewohnt ist, sich im Kothe der Gemeinheit und Niedrigkeit zu wälzen, der Partei unserer politischen Gegner nämlich.«

Sobald dieses merkwürdige Pamphlet verlesen war, brachen Alle in ein fast wieherndes Gelächter aus. »Hurrah für das Babblingpaper,« schrieen die Einen; »Hurrah für Ragamuffin!« die Andern. Es dauerte einige Zeit bis der Tumult sich legte, denn ein Zeitungsartikel, der die entgegengesetzte Partei in den Staub tritt, wird immer mit Enthusiasmus aufgenommen. Doch Einer war in der Gesellschaft, der nicht mitlachte und nicht mit Hurrah rief. Im Gegentheil, – ihm schwollen die Adern vor Zorn an und sein Gesicht zeigte eine Entrüstung, welche die Andern nicht begreifen konnten. Es war dieß Marc Price, der in dem durch den verlesenen Zeitungsartikel der öffentlichen Verachtung preisgegebenen jungen Manne Niemand anderen erkennen konnte, als seinen Freund Alfred Johnson; denn auf wen denn sonst konnte der Artikel gemünzt sein, als auf ihn, der im Prozeß mit seinem Stiefvater stand und dessen Schiff kürzlich halb ausgeraubt worden war?

»Wie?« rief Marc auf einen Tisch springend, mit donnernder Stimme. »Ueber eine solche Infamie vermögt Ihr zu lachen? Einem Schurken von einem Zeitungsschreiber, der den edelsten jungen Mann, den es hier gibt, auf solch' niedrige und heimtückische Weise verunglimpft, vermögt Ihr ein Hurrah zu bringen? Ich wollte, ich hätte diesen Ragamuffin hier, ich wollt' ihm zeigen, wie man für Verläumdungen in Californien bezahlt wird. Einen Strick für diesen Schurken und an die Laterne mit ihm!«

»Wer wagt es, den Ragamuffin einen Schurken zu nennen?« schrie Bob Macquire, der durch die seitherigen häufigen Libationen nicht eben nüchterner geworden war. »Ragamuffin ist unser Verbündeter, unser Freund; ja wohl unser Freund, und dazu noch der spezielle Freund meines Vaters; ja wohl, der spezielle Freund; wer wagt es, ihn zu schimpfen? Der hats mit mir zu thun, und ich will ihm zeigen, woher er ist.«

Mit diesen Worten zog er einen Revolver aus der Tasche und spannte ihn kaltblütig, obgleich seine Hand vor überhandnehmender Trunkenheit nicht mehr ganz stetig war. Marc Price achtete jedoch nicht hierauf. »Ich sage,« rief er mit fester Stimme, »daß jedes Wort dieses Zeitungsartikels eine niederträchtige, schuftige Lüge ist, und daß Jeder, der die Büberei, einen solchen Artikel zu schreiben und bekannt zu machen, nicht eben so sehr verachtet, als ich thue, nicht mehr werth ist, als ein Hundsfott genannt zu werden.«

»So nimm das für den Hundsfott,« brüllte Bob Macquire, auf Marc Price anlegend und losdrückend; allein in demselben Augenblicke ergriff eine kräftige Faust die Hand Bobs und drückte dieselbe aufwärts, so daß die Kugel in die Decke der Wand fuhr.

»Höll' und Teufel,« schrie Bob, sich wüthend gegen seinen neuen Feind kehrend, aber wie er diesem ins Angesicht sah, verlor sich augenblicklich die tolle Wuth. »Sie sind es, Arthur Guerrier,« sagte er, plötzlich ziemlich nüchtern geworden. »Ich glaube, ich war im Begriff, einen dummen Streich zu begehen und hätte ihn wohl ausgeführt, wenn Sie nicht gewesen wären.«

»Gewinnt man auf diese Art Proselyten?« zürnte ihm Guerrier unwillig zu; dann trat er gegen Marc vor und bot ihm lächelnd die Hand. »Ich freue mich, Ihnen diese kleine Gefälligkeit haben erweisen zu können. Hätt's der Zufall nicht gewollt, daß ich noch zu so später Stunde hier eintrat, so würde ich am Ende nie Gelegenheit gefunden haben, Ihnen zu zeigen, wie tief ich mich in Ihrer Schuld fühle; denn so sehr ich Sie bat, so haben Sie doch meine Hülfe noch nie in Anspruch genommen.«

»Jetzt möchte ich's, wenn es Ihnen möglich ist,« versetzte Marc noch immer aufgeregt. »Helfen Sie mir, diesen Schurken von Ragamuffin mit seinen Helfershelfern zur Strafe zu ziehen, und ich will Ihnen für immer dankbar sein, denn der Artikel hier kann keinen andern Zweck haben, als das Glück meines Freundes Alfred Johnson zu untergraben.«

»Sie sollen Genugthuung haben,« flüsterte Guerrier leise. »Suchen Sie mich morgen früh im St. Nicholashotel auf. Ich glaube, der Sache auf den Grund zu sehen. Aber nun, Freunde,« setzte er laut hinzu, »laßt uns die Cordialität, die unglücklicherweise so thöricht unterbrochen wurde, durch einen frischen Trunk wieder herstellen. Kommen Sie, Marc, und du, Bob, gebt Euch einander die Hände und gelobt das Vergangene zu vergessen.«

Doch Marc Price ließ sich nicht mehr halten. Er sagte den jungen Männern gute Nacht und verließ den Salon.


13.
Die Gräfin Belgiojoso.

Eine der längsten und zugleich eigenthümlichsten Straßen New-Yorks ist die Bleekerstreet. In der Bowery beginnend, läuft sie quer über den Broadway und durchschneidet in gerader Linie die Mercer-, Green-, Wooster-, Laurens- und andere Straßen, bis sie von der Macdougalstraße an in einem großen Bogen der achten Avenue zueilt, eine Menge kleiner schieflaufender Straßen überschreitend, die früher, ehe New-York zu der großen Handelsstadt sich entwickelte, die es jetzt ist, eine für sich abgeschlossene und entlegene Vorstadt der eigentlichen von der Battery auslaufenden Altstadt bildeten. Noch jetzt, obgleich diese Vorstadt nunmehr längst mit der Altstadt zusammengeschmolzen ist, glaubt man, wenn man jene Gegend betritt, in einen ganz andern, fremden Ort zu kommen, so verschieden ist das ganze Aussehen dieser Straßen und ihrer Häuser von dem sonstigen New-York. Ja es gibt viele ansäßige New-Yorker, die schon Dutzende von Jahren in dieser Stadt wohnen und deren Beruf sie alle Tage auf die Straßen führt, und die dennoch gestehen müssen, Mühe zu haben, sich in jenem zwischen der Macdougal- und der Bethunestreet liegenden Viertel zurecht zu finden. Und doch sind die Straßen dort fast durchaus breit und reinlich und die Häuser haben jenes wohnliche, appetitliche Aussehen, welches die meisten Menschen so sehr anspricht! Allein der Grund, warum diese Stadtgegend auch dem eingeborenen New-Yorker, wenn er nicht zufällig selbst hier wohnt, fast eine terra incognita ist, liegt darin, daß es hier blos Wohnhäuser und keine Geschäftshäuser gibt. Vom Engrosgeschäft ist natürlich ohnehin nicht die Rede, denn dieses befindet sich durchaus in der sogenannten untern Stadt, in dem Theil, wo die »Manhattaninsel« gegen die Südspitze oder Battery zu immer schmäler und schmäler wird, in dem Theil, an dessen Spitze die beiden Flüsse; der Hudson oder Northriver und der Eastriver sich in der großen New-Yorker Bai vermählen. Aber auch das Detailgeschäft ist von dem Stadtviertel ausgeschlossen, von dem wir sprechen, und man findet außer Grocerieläden fast kein einziges Haus, dessen Parterre irgend zu einem Handel benützt würde. Nicht einmal Wirthshäuser findet man da, weder Trinksalons noch Hotels, weder Kaffeehäuser noch Eiscremebuden. Höchstens Privatkosthäuser lassen sich finden, aber sie zeichnen sich weder durch einen Schild, noch durch irgend eine andere Besonderheit vor den übrigen Häusern aus und es geht in ihnen eben so still und ehrbar zu, wie in dem ganzen übrigen Viertel. Zwischen der Macdougal- und Bethunestreet wird also blos gewohnt und schon dieser Umstand gibt jenem aus achtzehn bis zwanzig Straßen bestehenden Viertel einen ganz andern Charakter. Dazu kommt dann noch die Eigenthümlichkeit, daß fast ohne Ausnahme nur Abkömmlinge von Engländern hier wohnen. Deutsche oder gar Irländer findet man hier keine, höchstens Franzosen, d. h. Abkömmlinge von Franzosen, welche sich mit den Nachkommen der englischen gemischt haben. Es sind lauter stille, ehrbare Leute, Leute von der sogenannten mittleren Classe, die weder ganz reich noch ganz arm, aber ohne alle Ausnahme wohlhabend und oft sehr wohlhabend sind.

Diesen Charakter hat jene Gegend New-Yorks seit vielen Jahrzehnten beibehalten und wird ihn auch wohl noch lange bewahren, denn dem Irländer ist bei seiner rohen Ausgelassenheit unter den stillen, abgemessenen Englischen nicht wohl, und er wird sich nie in jenes Viertel verirren; der Deutsche aber fühlt sich eben so sehr abgestoßen, denn er würde unter diesen kalten, abgemessenen, nur für Stammverwandte zugänglichen Naturen stets ein Fremdling und zwar ein mißgeachteter Fremdling bleiben. Merkwürdiger Weise aber hat sich in jene dem Stadtlärm ganz entfremdete Gegend eine Straße eingeschlichen, welche einen totalen Gegensatz mit allen übrigen, bildet. Es ist dieß die Carminestraße, durch welche eine der vielen Pferdeeisenbahnen führt, von welchen New-York durchschnitten ist. Hier drängt sich Kaufladen an Kaufladen, Geschäftslocal an Geschäftslocal, Wirthshaus an Wirthshaus, Branntweinbude an Branntweinbude, Versatzanstalt an Versatzanstalt. Es ist nur eine einzige Straße, aber in dieser einzigen ist mehr Leben, mehr Lärm, mehr Verkehr und mehr Laster, als in den zwanzig andern dieses Viertels zusammen. Hier wohnen Deutsche und Irländer, Franzosen und Italiener gemischt durcheinander, und wenn in den andern Häusern schon längst alle Thüren geschlossen und alle Lichter gelöscht sind, so fängt hier das Treiben und Jagen von neuem an, denn nunmehr öffnen sich die Austernkeller, deren Gäste sich erst in Masse nach Mitternacht einzufinden pflegen; und auch jene andern Häuser, deren Namen zu nennen die Decenz verbietet, hängen nun ihre farbigen Lichter aus, daß selbst der Unkundige und Uneingeweihte die rechte Hausthüre finde. So außerordentlich sind die Gegensätze in dieser großen Stadt!

Wir bitten nun den Leser, uns in ein Haus der Bleekerstreet zu folgen. Dasselbe liegt unweit von dem Quadrate, wo die Bleekerstreet mit der Carminestreet sich kreuzt. Es ist ein stattliches Gebäude, obwohl nur zwei Stockwerke hoch. Vor der Hausthüre erheben sich ein Paar mächtige Bäume, das ganze Haus mit ihrem Laubwerke beschattend. Hinter dem Hause dehnt sich ein ziemlicher Garten aus, der an die Gärten stößt, welche sich hinter den Häusern der Carminestreet befinden. Links und rechts stoßen eben so stattliche Gebäude an und eben solche stehen gegenüber auf der andern Seite der Straße; denn dieser Theil der Bleekerstreet wird nur von wohlhabenden, sittsamen, ehrbaren Leuten bewohnt, die zwar nicht den Glanz der fünften Avenue oder den Hochmuth der Brooklyner Aristokratie zur Schau tragen, die aber in Beziehung auf Bildung des Geistes und Feinheit der Manieren meist weit über Jenen stehen. Es sind ja die Nachkommen altenglischer Familien, die hier wohnen, keine Abenteurer und schnell emporgekommene Geldfürsten! Allerdings ist manches Haus auch in den Händen von Ausländern, aber nur von vornehmen, fein gebildeten Ausländern, nicht von »Eingewanderten,« die nach Amerika gekommen sind, ihr Glück zu suchen, und wenn sie dieses, wie meistens der Fall ist, nicht finden, darüber erbost sind, daß sie ihren Lebensunterhalt im Schweiße ihres Antlitzes erwerben müssen. Zwischen »Ausländern« und »Eingewanderten« ist ein himmelgroßer Unterschied in den Augen des Amerikaners, denn letztere gehören dem »Pöbel« an, der zur Arbeit gezwungen ist, während die Ersteren zu der Classe der Familienaristokratie gerechnet werden, und ihr Umgang gesuchter ist, als der Umgang mit »Amerikanern.«

Auch das Haus, von dem wir so eben gesprochen haben, scheint von einer solchen ausländischen Familie bewohnt zu werden. Wenigstens steht auf dem breiten, silbernen Schilde an der Hausthüre der Name: »Comtesse Belgiojoso« und über dem Namen ist eine Grafenkrone künstlich in das Metall eingegraben. Wir können also nicht irren, da es in Amerika keinen Adel gibt, – es muß die Wohnung einer ausländischen Gräfin sein, wie auch schon der halbitalienische, halbfranzösische Name anzeigt. Die Hausthüre ist fest verschlossen, ebenso alle Läden an der ganzen Vorderseite des Hauses; und doch ist es nicht mehr früh am Tage, sondern längst zehn Uhr vorüber! Fast scheint es, das Haus sei zur Zeit unbewohnt oder die Bewohner liegen noch alle tief im Schlafe; wir täuschen uns aber, denn es sind, wenn auch keine Bewohner, doch Bewohnerinnen da, und dieselben befinden sich eben im Frühstückszimmer, welches nach der Hinterseite gegen den Garten hinaus geht. Es sind zwei noch ziemlich junge Mädchen von nicht unbedeutender Schönheit, wenn gleich das Auge etwas matt blickt, und die Hautfarbe jener Frische entbehrt, welche die Jugend sonst so zauberisch erscheinen läßt. Dem Ansehen nach sind es Ausländerinnen, denn ihr Haar ist schwarz, ihr Auge dunkel und ihr Leib üppig. Sie haben in ihrer Gestalt und ihrem Aeußern nichts mit der angelsächsischen Race gemein, wohl aber scheinen sie jenem Volke anzugehören, welches aus dem griechischen, römischen und gallischen Stamme gemischt den Boden des südlichen Frankreich bewohnt. Die Mädchen sitzen still, ohne das vor ihnen stehende Frühstück zu berühren. Sie warten auf eine dritte Dame, welche sich im Nebenzimmer befindet, aus dem manchmal leise murmelnde Stimmen herübertönen. Wir betreten dieses Zimmer. Es ist nur schmal und klein, das Vorzimmer zu einem Schlafgemach, wie es scheint; aber es kommt uns gar sonderbar möblirt vor; denn auf einem kleinen, mit einem weißen Tuche überdeckten Tische brennen zwei Wachslichter; hinter diesen steht ein schön aus Ebenholz gearbeitetes Crucifix, und über dem Tischchen hängt ein seidener Baldachin mit schweren Franzen. Das Zimmerchen ist offenbar in eine Privatcapelle verwandelt. Wir sehen darin zwei Personen. Einen Priester im schwarzen Ornate, die Brust mit dem goldenen Kreuze geschmückt, und eine Dame im weißen Morgennegligée zu seinen Füßen knieend, die Hände über der Brust gefaltet, die Augen zu Boden gerichtet, der Mund leise Worte murmelnd. Sie hat wohl so eben dem Pater gebeichtet und die heilige Absolution für ihre Sünden erhalten.

»Stehe auf, meine Tochter,« sagte der Pater, »deine Seele ist nun wieder so rein, wie damals, als sie der Allmächtige deinem Körper bei der Geburt einhauchte. Beginne dein Tagwerk von neuem, und wirke fort und fort zum Nutzen und Segen der heiligen Gesellschaft, deren Mitglied du zu werden gewürdigt worden bist.«

Die Dame erhob sich. Es war eine hohe, üppige Gestalt, mit einem großen, braunen, runden Auge, aber marmorartigen Gesichtszügen. An Jahren mochte sie vielleicht schon vierzig oder mehr zählen.

»Ich werde Ihnen gehorchen, Hochwürdigster,« versetzte sie in reinem Italienisch, aber mit tiefer, erregter Stimme. »Das Werkzeug soll nicht fragen und grübeln, wenn der Obere gebietet. Aber es eckelt mich an, in dieser Weltstadt zu leben, wo der Dollar die Stelle des Herzens einnimmt und sogar Hingebung und Gefühl nach Zahlen bemessen und nach Thalerstücken berechnet werden.«

»Sei ruhig, meine Tochter,« versetzte der Pater ernst, »es ist eine Prüfungszeit, die wir dir auferlegt haben, und du erfüllst sie zum Heil und Nutzen unserer großen Sache. Noch ist unsere Partei nur schwach und das Fundament unserer Kirche ist kaum gelegt. Um zu wachsen und zu erstarken, bedürfen wir großer Summen, denn in diesem Lande kann man nur mit Geld erringen, was man zu erringen strebt. Macht und Gewalt, Einfluß und Ansehen, Recht und Gesetz sind nur durch Bestechung zu erhalten. Bereits haben wir Großes erwirkt; eine nicht unbeträchtliche Anzahl mächtiger und einflußreicher Männer ist auf unserer Seite. Unsere Bischofssitze mehren sich, unsere Klöster gedeihen, unsere Anhänger sind verdoppelt und verdreifacht; aber noch sind ungeheure Anstrengungen nöthig, um nur annähernd zum Ziele zu gelangen. Darum dürfen wir kein Mittel verabsäumen, das uns dem Ziele nähert; keine Gelegenheit dürfen wir vorbeilassen, die für unsere Zwecke günstig ist. Warum solltest du also zagen, meine Tochter, die Hülfsmittel, die uns vor Allem nöthig sind, von unsern Feinden selbst in Empfang zu nehmen? Sie werden dir freiwillig geboten, sie fließen dir zu, ohne daß du darum zu buhlen brauchst, darum wäre es Sünde, nicht zuzugreifen, da der Zweck, den wir verfolgen, ein heiliger ist. Ich ermahne dich also und befehle dir kraft der mir übertragenen Gewalten, harre aus und überwinde deine Schwächen. Die wenigen Jahre, welche wir dir hier in dieser Stadt zu wirken aufgegeben haben, werden bald vorüber sein und dann sei es dir vergönnt, wieder in Italiens lachende Sonne zu schauen, oder auf Frankreichs paradiesischem Boden zu athmen.«

»Und wird man nicht mit Fingern auf mich deuten?« versetzte die üppige Frau, schwer athmend. »Wird man in der alten Heimath nicht mit Verachtung auf die Gräfin Belgiojoso herabsehen, wenn man erfährt, welch' Haus ich hier gehalten, auf welchen Wegen ich gegangen bin?«

»Die Mittel und Wege möchten gewesen sein, welche sie wollten,« erwiederte der Andere kalt, fast streng, »es sind nicht deine Mittel und Wege gewesen, sondern die deiner Vorgesetzten. Du handeltest nicht für dich, sondern für unsere heiligen Zwecke. Hättest du deine Säle den Großen dieser Erde geöffnet aus schnödem Geize, um dir selbst Geld und Gut zu erwerben; würdest du den Zauber deiner Rede und deiner Augen anwenden, um irdische Zwecke damit zu erreichen, so möchte wohl der Vorwurf der Schande auf deinem Namen ruhen, obwohl die Weltlichgesinnten dieses Landes keine Schmach in dem Gewerbe eines Spielhauses sehen, und in der alten Welt sogar regierende Häuser es in manchen ihrer Staaten dulden und hegen. So aber bist du eher als eine Märtyrerin anzusehen, die sich aufopfert des allgemeinen Besten willen, denn als eine Verführerin des Volkes zur Sünde. Es ist ein verdorbener, verpesteter Boden, auf dem wir stehen; das Geschlecht, unter dem wir leben, ist durch und durch von Fäulniß angesteckt, da es für nichts mehr Sinn hat, als für Gold und Sinnengenuß; aber unsere Aufgabe ist es nicht, daran zu flicken und zu verbessern, um es vielleicht noch einige Jahrzehnte oder auch ein Jahrhundert länger hinsiechen zu machen. Betrachte das Wachsthum eines Baumes. Als Reislein gepflanzt, schießt er empor zu einem mächtigen Stamme und überschattet mit seinen Aesten und Zweigen ein gut Theil Erde, lustige Früchte tragend, daran sich die Menschen erlaben. Wenn aber seine Zeit gekommen ist, so wird er innerlich hohl und die Fäulniß tritt ein, die ihn seinem Untergange entgegenführt. Gerade so ist es auch bei Nationen. Sie fangen klein an und wachsen und gedeihen; wenn sie aber alt geworden sind, so fangen sie an zu faulen und keine irdische Gewalt vermag diese Fäulniß abzuwenden. Bei Einigen tritt dieser Zustand bälder ein, bei Andern später. Bei Diesen ist der Verlauf ein schneller, bei Jenen ein langsamer. Noch hat aber kein Volk auf Erden gelebt, bei dem das Wachsthum sich mit solchen Riesenschritten entwickelt hätte, wie bei dem amerikanischen. Darum ist auch der Verfall ein ebenso riesenmäßig voranschreitender. Noch wenige Jahrzehnte, und es wird vollends versunken sein im Schlamm seiner Sündhaftigkeit. Dann aber, wenn dieß vollendet ist, haben wir einen neuen Boden gewonnen für unsere Lehre; dann können wir von frischem aufbauen, aber auf unserer Grundlage, auf der Grundlage des wahren Glaubens! Dann wird Amerika neu erstehen, wie ein Phönix aus der Asche, und die Tausende von Sekten, die Millionen von Ungläubigen werden verschwunden sein, um einem anderen, besseren Geschlechte Platz gemacht zu haben, das nur Einen Glauben hegt, den Glauben der allein wahren Kirche. Siehe, ich lasse dich weiter blicken, als manch' anderem Sterblichen zu blicken erlaubt ist; darum, wenn du solch' großartig Ziel vor Augen siehst, harre muthig aus und fahre fort auf dem begonnenen Wege. Die Frucht, welche vom Wurme angefressen ist, kann nicht mehr gesunden und zu neuem Leben erstarken; sie muß faulen und zu Grunde gehen; je bälder sie aber begraben wird und vermodert, um so schneller entwickelt sich der Keim eines neuen frischen Baumes, der aus dem Moder des faulen Apfels empor schießt. Unserer ist die Zukunft, Weib, und eine herrliche, großartige Zukunft ist's! Möglich, daß wir jetzt Lebende diese Zukunft nicht mehr erschauen; aber wir haben dann doch den Ruhm, den Grundstein gelegt zu haben zu dem mächtigen Dome, der einst ganz Amerika in seinen Hallen versammeln wird.«

Mit leuchtenden Augen stand der Priester, als er diese prophetischen Worte sprach. Es schien, als ob seine hagere, unscheinbare Gestalt gewachsen wäre, und seine erhobene Hand deutete gen Himmel, in dessen Namen er zu handeln überzeugt war. Stumm, aber mit glühenden Wangen horchte die Frau und ihr pochender Busen zeugte von den heftigen Gefühlen, die ihr Inneres erbeben machten. Jetzt klopfte es leise dreimal an die Thüre und gleich darauf erschien eines der Mädchen, welche wir in dem Frühstückszimmer gesehen haben. Dasselbe kniete vor dem Pater nieder und küßte ihm demüthig die Hand.

»Was veranlaßt dich, unsere Andacht zu stören, mein Kind?« fragte der Pater, wie es schien, durch diese Unterbrechung unangenehm berührt.

»Der vornehme Herr von Brooklyn ist vorgefahren,« flüsterte das Mädchen, »und ich gehorche nun Ihren eigenen Befehlen, wenn ich nicht verabsäume, ihn augenblicklich zu melden. Er wünscht die Frau Gräfin in dringenden Angelegenheiten sogleich zu sprechen.«

»Es ist gut,« versetzte der Pater; »führe ihn in das Frühstückszimmer und sage ihm, daß deine Herrin im Augenblicke erscheinen wird. Siehst du nun, meine Tochter, daß der Himmel unsere Zwecke sichtbarlich unterstützt?« fuhr er zu der üppigen Frau gewandt mit freudigblitzenden Augen fort. »Es ist der Doctor Beecher, eines der hervorragendsten und angesehensten Glieder einer dieser abtrünnigen Kirchen, die dem Untergange geweiht sind. Denn wie dieser Einzelne vom Wurme der Verderbniß angefressen ist, so sind es auch die Meisten seiner Glaubensgenossen, und sie verdecken ihre innere Fäulniß nur durch ein prunkendes Gewand, das den Schein der Heiligkeit und Tugend über sie verbreitet, während ihr ganzes Sinnen und Trachten den Lüsten und Schlechtigkeiten dieser Welt zugekehrt ist. Dieses ganze Volk hier, entweder sind's offene Sünder und Bösewichter, oder – und der Letzteren ist die Mehrzahl, – haben sie das Gewand der Heuchelei übergeworfen und betrügen, stehlen, oder morden sogar, während sie dem Herrn zu dienen scheinen. Mögen sie Alle in dem Schlamm ihrer Erbärmlichkeit ertrinken!«

Er trat ans Fenster und blickte eine Zeit lang schweigend in den Garten. »Dieser Mensch,« fuhr er dann flüsternd fort, »ist einer der schlechtesten unter ihnen, obgleich er der Führer einer großen und vornehmen Heerde ist. Vielleicht sinnt er eben jetzt auf ein neues Verbrechen und ist zu dir gekommen, damit du als ein blindes Werkzeug ihm in seinem Vorhaben behülflich seiest. Aber ich sage dir, er wird in seinen eigenen Schlingen gefangen werden! Dann mögen vielleicht schon in Bälde dem betrogenen Volke, dessen Leiter und Leitstern er ist, die Augen aufgehen, wenn es sieht, welcher Art seine Vorbilder sind. Schon Viele sind zur wahren Erkenntniß gekommen, weil sie sich ihrer Religionsgenossen schämten.«

»Aber die Gesetze?« flüsterte das Weib. »Ich fürchte mich immer in diesem Lande, dessen Sprache ich kaum verstehe.«

»Die Gesetze sind in Amerika nur für die, welche den Richter nicht bezahlen können,« versetzte der Pater kalt. »Doch, wo ist der Professor?«

»Ich habe ihn heute noch nicht gesehen,« erwiederte die Frau. »Wir hatten Gesellschaft bis an den frühen Morgen, und die letzten der Spieler gingen erst, als der Tag schon graute.«

»Ist der Gang offen?« fragte nun der Pater wieder leise.

»Hier ist der Schlüssel, Hochwürdigster,« erwiederte das Weib, einen solchen aus ihrem Busen ziehend.

Der Pater nahm ihn in Empfang und versteckte ihn sorgfältig in seiner Tasche. Dann streckte er seine Hand aus, wie zum Segen und entfernte sich schnell und geräuschlos durch eine Nebenthüre. Den Augenblick darauf hörte die Gräfin Belgiojoso, wie Doctor Beecher in das Frühstückszimmer eingeführt wurde. Sie ordnete ihren Anzug vor dem Spiegel, daß er in zierlichem Faltenwurf ihre Ueppigkeit mehr hervorhob; dann musterte sie die Züge ihres Gesichtes, und alles Schwärmerische und vielleicht sogar Erhabene, das vor einigen Minuten noch darin gelegen, verschwand wie durch einen Zauber; man hätte vielleicht geglaubt, nur noch ein sinnliches, kokett blickendes Weib vor sich zu haben, wenn nicht die Lippen so gar verächtlich aufgeworfen gewesen wären. Aber auch dieses Merkmal ihres inneren Denkens wußte sie nach einem weiteren Blick in den Spiegel zu entfernen. Nunmehr erst öffnete sie die Thüre, welche in das Frühstückszimmer führte, und ein unendlich zauberisches Wesen, trat sie vor den ersten Prediger an der ersten Kirche von Brooklyn.

Ehe wir jedoch die Unterhaltung des würdigen Doctor Beecher mit der Gräfin Belgiojoso belauschen, müssen wir den Leser mit den Eigenschaften des Hauses, in welches wir ihn geführt haben, näher bekannt machen, obwohl er im Allgemeinen seinen Charakter aus der obigen Unterredung zwischen dem Priester und der Gräfin Belgiojoso schon erkannt haben wird. Er mag ohne Zweifel nichts Anderes geschlossen haben, als daß dasselbe ein geheimes Spielhaus sei, ein Haus, in welchem der Glücksgöttin Tausende und aber Tausende geopfert werden, und er wird nicht unrichtig geschlossen haben. Aber – welch unendlich großer Unterschied ist in New-York zwischen Spielhaus und Spielhaus!

Der Staat New-York hat, wie die meisten andern Staaten der Union, gar vortreffliche Gesetze, die, wenn sie strenge befolgt würden, einen Musterstaat aus demselben machen würden. Gleichwie nämlich die öffentlichen Freudenhäuser, welche in der alten Welt in den meisten großen Städten als ein durch die Naturnothwendigkeit gebotenes Uebel nicht blos geduldet, sondern vielmehr erlaubt und unter die specielle Controle der Polizei gestellt sind, um deren schädliche Folgen so viel für Menschen möglich ist zu entfernen, gleichwie also jene immoralischen Häuser im Staate und in der Stadt New-York gesetzlich verboten sind, ein Verbot, wodurch das Uebel nur ärger gemacht wird, weil die Lüderlichkeit sich dann mit der Schlechtigkeit verbindet und lediglich keine Aufsicht und Bevormundung mehr ermöglicht ist; eben so sind auch alle Lotterien und Spielhäuser verpönt und strenge Strafen auf die Nichtbefolgung der darauf bezüglichen Gesetze gestellt. Ja die Strafen sind so streng, daß man denken sollte, es werde es gar Niemand wagen, solche zu riskiren und auf sich zu nehmen. Allein das Resultat ist ein gerade umgekehrtes. Früher allerdings, vor fünfundzwanzig oder fünfzig Jahren, als noch mit der Republik republikanische Tugenden in den Herzen der Bewohner der Union wohnten, früher wurden diese Gesetze befolgt und freiwillig befolgt, weil Jeder, der sie übertrat, in den Augen seiner Mitbürger verächtlich wurde. Seitdem aber durch das oft fast fabelhafte Wachsthum der Reichthümer in einzelnen Familien, seitdem durch die überhandnehmende Verschwendungs- und Genußsucht auf der einen Seite, so wie durch die allgemein grassirende Wuth nach schnellem Gelderwerb auf der andern Seite, seitdem hiedurch die Moralität des ganzen Volkes untergraben und Alles und Jedes für Geld feil geworden war, seitdem scheinen die Gesetze nur noch dazu da, um auf dem Papiere zu stehen. Offen allerdings spricht man ihnen nicht Hohn, man umgeht sie blos; offen übertritt man sie nicht, wenn es irgend möglich ist, sondern man beachtet sie blos nicht und sündigt im Stillen! Es wäre vielleicht würdiger, ehrenhafter und jedenfalls gerader gewesen, wenn man die lästigen Schranken frischweg aufgehoben hätte, statt sie heimlich mit Füßen zu treten; aber zu einer solchen Handlungsweise ist der listige, heuchlerische Sinn der Yankees oder Neuengländer nicht fähig. Kraft, Ehrlichkeit und Offenheit liegen nicht in ihrem Charakter. So, indem man die Gesetze äußerlich beibehielt und sie nur im Stillen nicht befolgte, wurde der Zweck erreicht, daß man dem Auslande gegenüber den Schein wahrte, und – der Yankee erscheint so gerne als ein »moralisches« Volk gegenüber von dem »versunkenen« Europa, wie er es nennt! Ja noch mehr, man konnte, wenn man es so hielt, wie man es jetzt noch hält, das heißt, wenn man die Gesetze äußerlich bestehen ließ, sogar dem eigenen Volke Sand in die Augen streuen! Es war ja dann die Möglichkeit gegeben, die Geringen, die Armen, die Arbeitenden, wenn sie einmal spielten, wegen Gesetzesübertretung zu verfolgen und zu strafen, so daß es den Anschein haben mußte, das Gesetz werde heilig gehalten! Die Reichen, die Vornehmen, die Gewalthaber hatten ja hierunter nicht zu leiden, denn sie wußten es eben durch ihren Reichthum immer so einzurichten, daß für sie eine Ertappung, eine Ueberrumpelung, eine Abfassung durch einen zufällig einmal ehrlichen Richter, durch eine möglicherweise einmal unparteiische Magistratsperson zur Unmöglichkeit wurde! Aus diesem Grunde bestehen die strengen Gesetze gegen die Spielhäuser in New-York immer noch fort, und aus eben diesem Grunde ist das Bestehen einer Menge solcher verbotener Spielhäuser ein öffentliches Geheimniß. Ja, man darf mit Recht sagen, daß Nirgends in der Welt wohl höher, häufiger und hazardirter gespielt wird, als in der großen Metropole der vereinigten Staaten von Nordamerika. Die Neger spielen, die Deutschen spielen, die Irländer spielen, die Englischen spielen, die Yankees spielen, Alles spielt, aber – welch großer Unterschied ist zwischen Spielen und Spielen, und welch noch größerer zwischen den Spielhäusern der geringeren und der höheren Klassen! Die Nigger und die Irischen spielen in ihren Schnapskneipen, und ihr Einsatz geht selten über einen Dollar hinaus. Die Deutschen spielen in ihren Trinksalons und der Gewinn dreht sich meist um Bier oder Wein, obwohl auch einzelne Wirthe besondere Spielzimmer für Hazard und Pharo eingerichtet haben. Die Hauptspieler sind die Yankees, für welche die meisten Spielhäuser im engeren Sinne des Worts, die Pharo- und Roulettehäuser errichtet sind. Hier in diesen Salons handelt es sich oft und viel nicht etwa um einzelne Thaler, auch nicht um Hunderte oder Tausende, sondern um Zehntausende, um Hunderttausende, um ein ganzes Vermögen! Die Polizei kennt die meisten dieser Spielhöllen, aber sie ist zu gut bezahlt, als daß sie die Inhaber derselben stören möchte. Damit aber dem Gesetze Genüge geschehe, das heißt, damit die Meinung Platz greife, man suche dem Gesetze gegen das Spielen Achtung zu verschaffen, wird von Monat zu Monat eine kleine Streifjagd gegen »Hazardspiele und Hazardspieler« veranstaltet. Man faßt dann gewöhnlich und in der Regel ein Halbdutzend Deutscher ab, welche in Gemüthsruhe ein Bierspiel machten, oder auch einige Nigger oder Irländer, die um einen Schilling würfelten oder »kartelten.« Höchst selten, und nur wenn besondere Denunciationen vorliegen oder sonstige unabweisliche Gründe dazu nöthigen, schreitet die Polizei dazu, ein Spielhaus der besseren Klassen, ein Broadwayspielhaus zum Beispiel, zu überrumpeln, um die dort befindlichen Spieler und Spielhalter zu verhaften, und – natürlich den andern Tag gegen eine kleine Kaution oder auch gegen einen kleinen Verweis wieder laufen zu lassen. Schaden nimmt dabei Keiner und noch weniger wird Einer gestraft, denn der Richter drückt gerne die Augen zu, wenn Goldstücke darauf gehalten werden. Aber – das Widerwärtige dabei ist das, daß die Namen in den Zeitungen kommen! Junge Leute machen sich nichts daraus; im Gegentheile, sie lachen darüber. Eben so die vielen Elegants, Bonvivants, Strolche und Nichtsthuer, welche sich in solchen Spielhäusern herumtreiben, denn was kann ihnen daran liegen, wenn ihr Name in den öffentlichen Blättern figurirt? Aber die öffentlichen Beamten, die hohen Würdenträger, die Geistlichen, die Richter und Polizeidirektoren selbst, besonders die Kassendiener an den Bankhäusern nebst den Direktoren und Präsidenten derselben, mit einem Worte, alle diejenigen, deren Kredit und Ansehen Noth leiden würden, wenn man öffentlich erführe, daß sie beim Hazardspiele getroffen wurden, diese können doch nicht solche Spielhäuser besuchen, bei welchen wenigstens die Möglichkeit der Entdeckung gegeben ist? Für diese müssen natürlich andere Lokalitäten aufgefunden werden, in denen man sicher vor Blamage und Polizeidienern ist! Und der Scharfsinn der New-Yorker hat sie gefunden, diese Lokalitäten; er hat sie gefunden, die Häuser, bei welchen eine Entdeckung zur reinen Unmöglichkeit gehört! Stehen doch die Bewohner derselben im Geruche der höchsten Ehrbarkeit! Gehören doch deren Inhaber unter die Sittsamsten und sogar Frömmsten des ganzen Viertels, in welchem sie wohnen! Meist sind es Frauen oder Wittfrauen von hohem Stande, von untadelhaftem Rufe, von vielem Gewichte in der Gesellschaft, nicht selten sogar von nicht unbedeutendem Vermögen oder wenigstens vom Rufe eines solchen, und immer von großen geistigen, wie körperlichen Kapacitäten. Die Locale selbst liegen in einer Gegend, gegen welche auch von der scrupulösesten Seite nichts eingewendet werden kann, in einem Viertel, das nur von ehrbaren, unbeanstandeten Menschen bewohnt wird, am liebsten in der Nähe einer Kirche oder sonstigen heiligen Stätte. Aber nicht blos die Lage und die Inhaber derartiger Spielhäuser müssen von solch besonderer Qualität sein, sondern auch die Einrichtung derselben. In jenen ehrbaren Vierteln, wo derlei anständige und angesehene Damen wohnen, schließt man nämlich die Thüren schon um eilf Uhr Nachts ab und es sieht dann im ganzen Hause aus, wie ausgestorben. Es würde daher im höchsten Grade auffallen, wenn noch spät in der Nacht männliche Personen aus- und eingingen, wie doch in den Spielhäusern natürlich und nothwendig ist, und die fromme Inhaberin müßte bald in einen so bösen Ruf kommen, daß es um ihre Existenz geschehen wäre. Somit ist es durchaus nothwendig, daß derartige Häuser zweierlei Ausgänge haben, einen offenen an der Frontseite, und einen geheimen an der Hinterseite, und von besonderem Vortheil ist es, wenn der zweite hintere Ausgang in eine ganz andere Straße führt, die vielleicht mit der »soliden« Straße, an welche die Front des Spielhauses stößt, im geraden Gegensatze steht. Wenn dann an dem geheimen Ausgange dieser »andern« Straße viele Menschen ab- und zugehen, so kann es doch offenbar nicht auffallen, da ja der Charakter dieser Straße ein solches Ab- und Zugehen mit sich bringt! Und wer sollte dann auf die tolle Vermuthung kommen, daß diese »Ab- und Zugänger« jenes stille Haus besuchen, welches gleich nach zehn Uhr wie ausgestorben dasteht und einer gar eingezogenen, gottesfürchtigen und züchtigen Dame angehört? Nur erst, wenn alle diese Vorzüge und Eigenschaften zutreffen, wird ein geheimes Spielhaus als so »gesichert« betrachtet, daß auch Beamte und Kassirer, Geistliche und Kirchenvorsteher, Richter und Polizeioberste dasselbe ungefährdet ihres Rufes besuchen können! Aber besucht wird es dann sicherlich, und wie besucht! Sein Nutzen, seine Einträglichkeit ist garantirt, denn nirgends wird höher und gewagter gespielt, als da, wo solcher Art Besucher sich treffen!

Es war einige Jahre vor dem Beginn unserer Geschichte, da kaufte ein Fremder, der sich Professor Reynier nannte, ein kleines Haus in der Carminestraße, unweit der Ecke von der Bleekerstreet, und richtete das Parterre alsobald zu einer Apotheke ein. Auch in der Yard, d. i. dem ziemlich ausgedehnten Hofe hinter dem Hause, traf er einige bauliche Veränderungen, die natürlich keinem Menschen auffielen, einmal weil in New-York auf seinem Grund und Boden Jeder thun kann, was er will, so bald sein Thun und Treiben nicht gegen die allgemeinen Baugesetze verstößt, d. h. so bald er massiv von Backsteinen oder Quadern baut, und das andere Mal, weil man es natürlich fand, daß ein Professor der Chemie ein chemisches Laboratorium errichtete, in welchem er seine Präparate herstellen konnte. Den Professor kannte Niemand näher, doch vermuthete man, daß er trotz seines Namens ein Ausländer sei, denn seine braune Gesichtsfarbe, seine kleinen, schwarzen, tiefliegenden, funkelnden Augen und seine Aussprache des Englischen ließen nicht wohl eine andere Deutung zu. Hierum kümmerte sich aber das Publikum und die Nachbarschaft wenig, denn in New-York hat Jedermann zu nothwendig mit sich selbst zu thun, als daß er sich viel mit den Angelegenheiten Anderer abgeben könnte; im Gegentheil, man freute sich des neuen Apothekershops, wie man den Laden des Professors nannte, weil man eines solchen in jener Gegend schon längst bedürftig war, und weil derselbe regelmäßig bis spät in der Nacht offen blieb, so daß Kranke oder Verwundete nicht mehr wie früher nöthig hatten, weit zu gehen, um sich mit den erforderlichen Arzneien und Verbänden zu versehen. Man fand es daher ganz in der Ordnung, daß der Laden des Herrn Reynier, des »Professors,« wie man ihn gewöhnlich nannte, bald sehr frequentirt war und besonders des Nachts viele Besucher erhielt; denn es gibt gar viele Leute in New-York, die es vorziehen, den Doctor und Apotheker erst nach Untergang der Sonne mit ihren Besuchen zu behelligen, theils weil sie, und dieß ist der Hauptgrund, bei Tag keine Zeit dazu haben, theils auch weil die Häßlichkeit der Krankheit ein »Nichtgekanntsein« und »Nichtgesehenwerden« erwünscht macht, theils endlich, weil ein großer Theil der Krankheiten, welche in den Apothekersläden kurirt werden, die Verwundungen nämlich, erst bei Nacht entstehen und auf der Stelle Hülfe verlangen. Darnach aber frägt kein Mensch, wer der ist, der eine Apotheke errichtet, und noch weniger bekümmert sich Jemand darum, ob der neue Doctor das Recht hat, sich Doctor zu heißen. – Somit ist es leicht erklärlich, daß die Besucher des neuen Apothekersladen in der Carminestreet ganz ungehindert aus- und eingehen konnten, ohne daß es irgend Jemanden eingefallen wäre, etwas Besonderes darunter zu vermuthen; denn man hielt sie sämmtlich für Kunden des Doctors.

Fast ganz um dieselbe Zeit, da Herr Reynier sein Haus in der Carminestreet kaufte, erwarb auch die Gräfin Belgiojoso das ihrige in der Bleekerstreet. Das letztere war, wie schon oben gesagt, ein sehr ansehnliches Gebäude, mit einem ebenso ansehnlichen Hinterhause und einem großen Garten, welche beide unmittelbar an den Hof des Reynier'schen Hauses stießen. Hier aber trennte sie eine hohe Mauer, welche das Bleekerstreetanwesen vor allen neugierigen Blicken schützte. So war es, bis die Gräfin Belgiojoso das Haus kaufte. So bald sie es aber im Besitz hatte, und noch ehe sie das neu erkaufte Anwesen bezog, ließ sie einige bauliche Veränderungen darin vornehmen, welche natürlich nicht auffielen, weil solche Veränderungen fast von jedem neuen Besitzer vorgenommen werden. Auch konnte kein Mensch vermuthen, daß diese Veränderungen in Verbindung ständen mit dem Bauwesen am Reynier'schen Laboratorium. Kannten sich doch dem Anscheine nach die beiden neuen Grundbesitzer gar nicht! Blieben sich einander sogar noch später allem Anscheine nach ganz fremd! Trennte doch den Garten des Bleekerstreetpalais immer noch eine hohe Mauer von dem Geschäftslocale des Carminestreet Doctors, wenn gleich das Hinterhaus der Gräfin und das Laboratorium des Doctors zusammenstießen! Daran dachte also kein Mensch, daß beide bauliche Veränderungen nach Einem Plane gemacht waren! Daran dachte keine Seele, daß unter der genannten Mauer, nachdem alle Baulichkeiten schon längst vollendet waren, durch den Professor selbst ein Verbindungsweg hergestellt wurde, den Niemand entdecken konnte, weil er unter der Erde hinlief und durch starke Thüren abgeschlossen war, zu denen nur er und die Gräfin je einen Schlüssel besaß! Und doch war es so, wie wir so eben gesagt haben. Das Laboratorium des Professors und das Hintergebäude der Gräfin bildeten nur Ein Anwesen, verbunden durch einen geheimen Gang. Dieses Anwesen war auf eine für seine Zwecke eigens construirte Art hergerichtet und die Besucher desselben fanden sich alle durch den Apothekerladen in der Carminestreet ein, aber in Zeiten der Gefahr konnten sie durch das Haus in der Bleekerstreet entlassen werden! Der Professor selbst kam Nachts vor zwölf Uhr nie aus seiner Apotheke heraus; man sah ihn in dem hell mit Gas erleuchteten Locale immer bis nach Mitternacht anwesend, so daß Niemand vermuthen konnte, er treibe auch noch ein anderes gefährliches oder wenigstens verbotenes Gewerbe. Ja auch noch nach Mitternacht blieb die Apotheke hell erleuchtet, ohne daß die Läden vorgeschoben gewesen wären. Nur die Ladenthüre war fest geschlossen; aber es kostete nur einen Zug an der daselbst befindlichen Glocke und zehn Minuten darauf öffnete der Apotheker die Thüre, um den späten Kunden noch ebenso gut zu bedienen, wie er die früher Gekommenen bedient hatte. Offenbar lebte der Doctor also nur seinem Geschäfte und gab sich Mühe, die Besucher zufrieden zu stellen, so daß er sich sogar bei Nacht keine Ruhe gönnte! Umgekehrt aber war das Haus der Gräfin Belgiojoso immer schon Nachts um zehn Uhr geschlossen. Kein Licht brannte mehr in einem von der Straße aus sichtbaren Zimmer, und Niemand ahnte oder konnte auch nur ahnen, daß, da keine Seele mehr Abends aus- und einging, irgend eine der Bewohnerinnen des Hauses nach dieser Zeit noch wach sei. Am allerwenigsten hätte Jemand vermuthet, daß hier ein Gewerbe getrieben werde, welches mit den Gesetzen des Staates im grellsten Widerspruche stand, da sich die Gräfin den Ruf der strengsten Sittlichkeit, ja fast der Heiligkeit erworben hatte.

Vor wenigen Jahren erst war sie nach New-York gekommen. Verwickelte Erbschaftsangelegenheiten waren es, welche die vornehme Fremde über das tiefe Wasser herübergerufen hatten. So lautete wenigstens ihre eigene Aussage, aber es gab Niemanden, der über diesen Erbschaftsstreit nähere Auskunft hätte geben können. Sie hatte eine Menge Adreß- und Empfehlungsbriefe an die Vornehmsten und Reichsten der Stadt, und bald fanden sich Männer und Frauen, die sich eine besondere Ehre daraus machten, die schöne interessante Fremde in den ersten Cirkeln einzuführen. Die New-Yorker sind stete Bewunderer des Ausländischen, so sehr sie sich auch Mühe geben, den Anschein des »Sichselbstgenügenden« zu wahren. Besonders die Reichen sehen mit Neid auf die Wappen der fremden »Vornehmen« und ein ächter Graf vom »alten Lande« wird mit einer Verehrung empfangen, die ihm in seinem Vaterlande nie zu Theil wird. Warum sollte es der schönen Fremden mit dem Grafentitel anders ergangen sein? War sie doch schon dadurch doppelt interessant, daß sie stets in Trauerkleidern ging und von Männern protegirt wurde, welche die ersten Verbindungen in Europa zu besitzen im Rufe waren! Allerdings gehörte sie nicht einer der dominirenden religiösen Sekten an, sondern war im Gegentheil ein Mitglied der Kirche, welche in ganz Nordamerika mit Mißtrauen betrachtet wird, weil man ihre Herrschaft fürchtet, aber sie schien ja so bescheiden, so anspruchslos, sie machte ja nur auf Schutz und Duldung Anspruch! Bald machte, wie durch einen Zauberschlag, ein Wort die Runde durch die vornehme und reiche Männerwelt, das Wort, daß die Gräfin zu gewissen Tagen in der Woche ihren Salon »für feinere Unterhaltung« offen halte; aber man flüsterte sich dieses Wort blos zu, und die es sich zuflüsterten nahmen sich, Einer vom Andern, das Ehrenwort ab, das Geheimniß nicht zu verrathen. Man theilte es Keinem mit, außer dessen man sicher sein konnte, denn es lag jedem Mitwissenden schon um seiner selbstwillen Alles daran, daß das Geheimniß in sicheren Händen ruhe! Wer das Wort zuerst gesprochen, Niemand wußte es, aber bald war es unter den Vornehmen, besonders den älteren gewichtigeren Vornehmen kein Geheimniß mehr, daß an zwei Tagen in der Woche sich im Hinterhause der Gräfin, das zu diesem Zwecke besonders hergerichtet sei, die Elite der New-Yorker Männerwelt versammle, um da sicher und ungestört dem Vergnügen zu fröhnen, welches alle andere Unterhaltungen an Interesse überbot. Man hütete sich sorgfältig, den Frauen das Geheimniß mitzutheilen, schon deßwegen, weil dadurch die heimliche Lust verrathen gewesen wäre, man hütete sich aber auch, Männer darein einzuweihen, bei denen man es für möglich hielt, daß sie das Siegel der Verschwiegenheit im Zustande der Aufgeregtheit oder Trunkenheit zu entweihen im Stande wären. So gab es vielleicht hundert, vielleicht doppelt so viel Mitwisser, die alle das Paßwort kannten, aber Keiner hätte sich dazu hergegeben, den Schleier zu lüften, der über das hochehrbare Haus in der Bleekerstreet verbreitet war. Viele derselben besuchten dieses Haus am hellen Tage, aber sie besuchten es nur, um der geachteten und hochverehrten fremdländischen Wittwe eine Ehrenaufwartung zu machen. Sie thaten nur, was ihre Frauen auch thaten; sie zollten nur der Hochachtung einen Tribut! Wenn sie aber des Nachts kamen, so fuhren sie nicht vor, sondern sie schlichen, in ihre Mäntel verhüllt, in das Haus des Apothekers in der Carminestreet, und verließen einige Stunden später die Salons der schönen Gräfin eben so still und heimlich durch denselben Doctorshop in derselben Straße, ohne daß irgend ein Mensch vermuthen konnte, daß sie ein anderer Zweck, als ein medicinischer, hierher geführt habe. In dem Spielsalon, der so vor aller Welt verborgen lag, daß auch die mißtrauischste Seele keine Ahnung davon haben konnte, führte die Gräfin fast immer den Vorsitz, sie war es, welche die Bank auflegte, sie war es, welche das »Spiel machte,« aber es konnte auch nicht der geringste Zweifel obwalten, daß Alles nach den strengsten Regeln des Spieles zuging, und wenn je die Bank besonderen Nutzen zog, wenn je der Abend auffallend zum Vortheil der Bankhalterin ausschlug, wenn je große Summen zum Nachtheil der Pointirenden verloren gingen, so war es der Zufall des Glückes, welches die Gräfin mehr begünstigte, als die galanten Bewunderer ihrer schönen Augen! Niemand beklagte sich also, und wenn er Tausende verloren hatte; denn Niemand konnte ja behaupten, daß er irgend ein unredlich Spiel gesehen hätte. Es war Zufall, Glück, nichts Anderes! Allerdings waren sich Viele der vornehmen Herren, welche diese Salonsabende frequentirten, bewußt, nur durch die feinen Manieren der Bankgeberin bewogen worden zu sein, solch' hohe Summen zu setzen, als sie gethan hatten; allerdings machte sich besonders die ältere Classe der Besuchenden nach verlebter Nacht den Vorwurf, sich durch die Sirenenstimme der beiden Niecen der Gräfin zu gewagteren Einsätzen, als sie sich ursprünglich vorgenommen hatten, haben verleiten zu lassen; aber einen gegründeten, einen bewiesenen Vorwurf des Betrugs waren sie nicht im Stande, auf das Spielhaus, als solches, zu schleudern. Dagegen erhoben sich unter den »tiefst Eingeweihten« einzelne Stimmen, die behaupteten, es gehen noch ganz andere Dinge in jenem Hintergebäude, das zu dem geheimen Spiele bestimmt war, vor, als den »Wenigerwissenden« bekannt sei. Doch – diese Stimmen wurden nicht laut; sie waren nur ein leises Gerücht, denn Jeder, der wirklich eingeweiht war, hütete sich sorgfältig, über die Natur dieser Heimlichkeiten etwas unter die Welt kommen zu lassen. Stand ja doch sein eigener Ruf zu sehr auf dem Spiel, als daß er etwas, auch gegen Näherbekannte, verrathen konnte! Wäre es ja doch sonst um seine eigene Persönlichkeit, seine eigene Existenz gethan gewesen! Und – das versteht sich von selbst – andere Herren fanden keinen Zutritt, als blos solche, auf die man sich verlassen konnte, und die auf die Geheimhaltung des Geheimnisses der Bleekerstreet einen besonderen Werth legen mußten!

So stand es bis an den Vormittag, von dem wir eben gesprochen, mit dem Hause der Gräfin Belgiojoso. Die ganze Nachbarschaft hielt dasselbe für eines der achtbarsten in der ganzen Straße und Jedermann hätte geschworen, daß nie eine Handlung darin vorgekommen sei, die nicht mit den strengsten Anfordernissen der Sittsamkeit und Ehrbarkeit im tiefsten Einvernehmen gestanden wäre. Wir begleiten nun die Gräfin in das Frühstückszimmer, in welches so eben der Doctor Beecher von Brooklyn eingeführt worden war.

Der Doctor saß zwischen den beiden jungen Damen, als die Gräfin eintrat und war in der lebhaftesten Unterhaltung begriffen.

»Guten Morgen, Herr Doctor,« sagte die Gräfin mit dem verbindlichsten Lächeln. »Meinem Hause ist heute besondere Ehre widerfahren, einen so lange entbehrten Gast zu sehen. Sie haben mich wahrhaftig ja ganz vernachläßigt.«

Der Doctor hatte sich von seinem Sessel erhoben, als die Gräfin eintrat und verbeugte sich höflich.

»Mein Beruf verbietet mir oft, dem Drange meines Herzens zu folgen,« sagte er verbindlich, »aber die edle Gräfin wird einen so unbedeutenden Gast kaum vermißt haben. Hatten Sie gestern große Gesellschaft, verehrungswürdige Frau?«

»Die Penningtons waren da,« versetzte die Gräfin, »der Herr Franklin, der Herr Morris, und verschiedene Andere. Doch war das Spiel nicht so belebt, wie sonst. Es fehlte die Seele desselben und wen ich hierunter verstehe, werden Sie am besten zu ermessen wissen, Herr Doctor,« setzte sie mit einem zärtlichen Lächeln hinzu.

»In der That?« meinte der Doctor mit einem Blicke, der einer verschiedenen Deutung fähig war. »Doch ich will meine Versäumniß wieder hereinbringen. Wann ist Ihr nächster Gesellschaftstag? Ich denke am Samstag, und an diesem werde ich gewiß nicht fehlen. Aber wahrhaftig, meine letzte Tour hat mir zu große Verluste gebracht und ich möchte nicht viele Nächte erleben, wie die damalige; es wäre mein Untergang und die Welt würde mit zu viel Schadenfreude auf mich deuten, wenn es hieße, der hochwürdige Doctor Beecher habe sein Alles in der Bleekerstreet verloren.«

»Die Glücksgöttin ist launisch,« versetzte die Gräfin süß lächelnd, »und ich kann mich der Abende wohl noch erinnern, wo Sie mit gefüllten Taschen nach Hause gingen, und mit innerer Zufriedenheit auf den Verlust Ihrer Mitspieler herabsahen. Aber am nächsten Samstag sollten Sie nicht fehlen. Ein Californier, der eben vom Goldlande zurückgekehrt ist und die Goldthaler wie Haselnüsse behandelt, wird in meinem Salon debütiren und es ist wohl zu erwarten, daß er sein Lehrgeld bezahlen wird.«

»Ein Californier?« rief Doctor Beecher eifrig. »Ich habe schon solche Kameraden gekannt, die Hunderttausende besaßen und sie in Einer Nacht auf's Spiel setzten! Aber, wie heißt er?« fuhr er plötzlich erbleichend fort. »Man hat mir zugeflüstert, daß Einer von Californien zurückgekommen sei, den ich lieber vermieden haben möchte.«

»Richard Colter heißt er,« sagte die Gräfin. »Es ist ein Mann, wie mir der Professor mittheilte, der zum ersten Male in New-York ist.«

»Oh, dann dürfen Sie darauf rechnen, daß ich nicht fehlen werde,« rief der Doctor. »Es ist die höchste Zeit, daß ich meine Verluste wieder einbringe. Doch – ist der Californier – wie nannten Sie ihn? Richard Colter, ich habe den Namen noch nie gehört – ist er wirklich so reich, als Sie sagen?«

»Nicht blos das,« lächelte die schöne Frau, »sondern auch ein ganz eigenthümlicher Mann. Denken Sie, er suchte schon lange in New-York nach einem Spielhause und konnte bis jetzt keines finden, bis ihm der Professor unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit versprochen hat, ihn in ein solches zu führen!«

»Oh, zu dieser Sorte Menschen gehört er?« lachte der hochwürdige Herr von Brooklyn. »Nun, bei Gott, da gratulire ich der Bank schon zum voraus. Aber,« fuhr er plötzlich wieder ernsthaft werdend fort, »wissen Sie schon, daß sich im Irwingsalon gestern Nacht Einer erschossen hat, nachdem er sich gänzlich zu Grunde gerichtet hatte? Wir müssen vorsichtig sein, denn solche Zufälle hinterlassen immer einen bösen Eindruck. Doch, meine Theuerste, Sie müssen mir wahrhaftig den Gefallen erweisen, den Professor herüber zu rufen; ich habe nothwendig mit ihm zu sprechen und es möchte auffallen, wenn ich am hellen Tage seinen Apothekersladen besuchte.«

Die Dame stand auf und verbeugte sich lächelnd. »Kommt, Kinder,« sagte sie zu den beiden Mädchen, welche als ihre Niecen figurirten, »wir wollen das Feld räumen, und die Herren mit ihren Geheimnissen allein lassen. Ohnehin ist es Zeit, sich anzukleiden.«

Stillschweigend verließen die Mädchen das Zimmer, und die Gräfin folgte ihnen langsam in das Nebenzimmer nach, welches wir vorhin schon gesehen haben. Dort drückte sie an einer Feder, welche in der Wand hinter dem kleinen Altare angebracht war. Man hörte keinen Laut, aber doch mußte diese Feder einen Verbindungsdraht in Bewegung setzen, welcher in den Apothekersladen hinüber geleitet war; denn nach wenigen Minuten schon öffnete sich eine geheime Thüre und der Professor stand vor der Gräfin. Sie deutete stumm auf den Salon, den sie so eben verlassen hatte.

Der Professor schien ein Mann von mittleren Jahren, obgleich man nicht sagen konnte, ob er dem Alter oder der Jugend näher stehe, denn sein Gesicht war hager und gelblich bleich, seine Augen lagen tief unter buschigen Brauen verborgen, seine Miene war kalt, fast mumienartig. Wenn man die kaum mittelgroße Gestalt, das straffanliegende schwarze Haar und die hervorstehenden Backenknochen betrachtete, so meinte man einen Abkömmling des slavischen Typus vor sich zu sehen, und in der That war er auch von Abstammung ein Pole, obwohl in Italien geboren. In Amerika gab er sich jedoch für einen Franzosen aus und nannte sich Reynier, Professor der Chemie und Wundarzneikunde.

»Sie haben mich rufen lassen,« sagte der Professor in den Salon tretend und den Doctor von Brooklyn mit einem durchdringenden Blicke musternd.

Der Doctor hatte sich in einen Armstuhl geworfen und sah schweigend vor sich nieder.

»Wo einiget sich Himmel und Erde?« sagte er endlich kalt, fast gleichgültig.

»Im Paradiese,« erwiederte der Professor, dem Doctor einen noch durchdringenderen Blick zuwerfend, doch ohne daß sich seine Gesichtsfarbe auch nur im Geringsten geändert hätte, obgleich er in seinen Augenwinkeln das Staunen nicht ganz verbergen konnte, welches ihn bei den Worten des hochwürdigen Herrn ergriff.

»Was öffnet die Pforten des Paradieses?« fuhr der Letztere fort, ohne aufzusehen.

»Der goldene Schlüssel der Freigebigkeit,« antwortete der Professor.

Jetzt erst erhob der Doctor Beecher seine Augen, und es war merkwürdig, diese beiden Männer einander gegenüber zu betrachten, beide in Abstammung und Aussehen so verschieden, und doch beide übereinstimmend in Leidenschaften und Lastern. Doch war der Blick des Geistlichen mehr höhnisch und herrisch, während der des Halbitalieners mehr giftig und tückisch erschien.

»Ich denke, wir verstehen uns,« sagte nach einer Pause der Doctor von Brooklyn.

»Sie haben die Parole,« erwiederte der Andere. »Ertheilen Sie Ihre Befehle.«

»Zuerst verlangt mich's, das Local zu sehen.«

»Sie meinen das geheime Boudoir des Kaisers Heliogabalus? Folgen Sie mir.«

Der Professor ging voran, der Doctor schritt hinter ihm drein. Durch verschiedene Gänge und Windungen, Treppe auf, Treppe ab, führte der Weg. Erst nach einer halben Stunde fanden sie sich wieder in dem Salon ein, von dem sie ausgegangen waren.

»Ein merkwürdiges Gemach,« sagte der Doctor. »Merkwürdig und erfindungsreich. Warum gaben Sie ihm diesen Namen?«

»Weil es dem Gemache nachgebildet ist, welches sich der Kaiser Heliogabalus erbauen ließ. Man fand es bei den Ausgrabungen auf der Insel Capri.«

»Wie Viele kennen es?«

»Außer Ihnen Fünfe, aber der, der es zuerst sah und einweihte, ist nicht mehr am Leben,« sagte der Professor. »Man könnte es daher auch das geheime Boudoir der kleinen Annie nennen,« setzte er mit wildem Hohne hinzu.

»Sie erstach ihn?« fragte der Doctor von einem unwillkührlichen Schauder ergriffen.

»Sie erstach ihn mit seinem eigenen Dolche,« versetzte der Professor kalt. »Der Thor, warum mußte er auch einen Dolch bei sich tragen!«

»Und das Mädchen? Sie ließen es gehen?«

»Es erzwang sich den Ausgang mit jenem blutigen Dolche. Seither ist es verschollen. Ich glaube, es ist wahnsinnig geworden.«

»Und der Leichnam des Ermordeten?«

»Wir packten ihn in eine Kiste und führten ihn in den Hudson. Man fand die Kiste erst viele Tage hernach. Die Geschworenen hielten Todtengericht über ihn und ihr Ausspruch lautete: ermordet von unbekannten Händen.«

»Das war Alles ?«

»Das war Alles.«

Beide schwiegen still. Der Doctor hatte seine Augen zu Boden geschlagen; der Professor aber betrachtete ihn mit einem kalten durchdringenden Blicke.

»Sie werden das geheime Boudoir des Kaisers Heliogabalus nicht miethen wollen,« sagte endlich der Professor, und ein frecher Hohn klang durch jene Worte.

»Sie glauben, ich fürchte mich vor dem Geiste des Ermordeten?« rief der Andere, sich stolz erhebend. »Ich will es miethen.«

»Es steht zu Diensten.«

»Der Preis?«

»Fünftausend.«

»Die Summe ist eine kaiserliche; aber ich markte nicht. Geben Sie mir Ihre Schreibtafel; ich werde Ihnen den Namen und die Wohnung der von mir Auserkornen aufschreiben. Das Andere ist Ihre Sache.«

Der Handel war abgeschlossen. Ein sechstes Opfer sollte in dem geheimen Boudoir des Kaisers Heliogabalus fallen!

»Bis wann können Sie mir Nachricht geben?« fragte der Doctor ruhig, als ob es sich um eine gewöhnliche Geschäftssache handelte.

»Bis zum Freitag wird der Vogel gefangen sein,« grinste der Professor mit gemeinem Lachen. »Am Samstag können Sie im Paradiese sein.«

»Die Gräfin erwartet mich am Samstag Nacht zum Spiele. Ich werde kommen. Geben Sie mir dann ein Zeichen und die fünftausend Dollars sind Ihnen.«

»Hat Ihnen die Gräfin nichts von dem reichen Californier gesagt? Ich glaubte, als Sie mich rufen ließen, Sie hätten mir in dieser Beziehung eine Mittheilung zu machen. Der Mann ist reich und unerfahren in New-York.«

Seine gierigen Blicke hafteten lauernd auf dem Gesichte des Doctors.

»Halten Sie ihn für sicher?« fragte der Letztere.

»Er setzt volles Zutrauen in mich,« versicherte der Professor. »Treiben Sie ihn zu hohem Spiele. Lassen Sie ihn gewinnen und wenn er im Rausche des Glücks ist, so spielen Sie den letzten Trumpf aus. Ich werde mich in diesem Augenblicke entfernt halten, damit ihm jeder Anlaß, Mißtrauen zu schöpfen, genommen ist. Doch wir wollen das Nähere bis auf Samstag Nacht verschieben, wenn Sie sich den Mann zuvor angesehen haben.«

Auch dieser Handel war abgemacht. Wie jedoch einige Minuten darauf der hochwürdige Doctor von Brooklyn in seinen Wagen, der vor dem Portale hielt, einstieg, lagerte ein solch' heiliger Ernst auf seinen Zügen, daß kein Mensch anders als mit Ehrfurcht auf ihn blicken konnte.


14.
Mistreß Cooper und ihre Tochter.

Das erste Hotel in New-York ist das Sanct Nicholashotel. Es liegt im mittleren Theil des Broadway und hat außer den nöthigen Salons, Speisesälen, Empfangszimmern, Vorplätzen, Küchen und so weiter noch über tausend Fremdenzimmer. Hieraus kann man sich von seiner Größe einen Begriff machen. Noch erstaunlicher, als die Größe, ist die Pracht der Einrichtung, die wir vielleicht am kürzesten und schlagendsten dadurch bezeichnen, wenn wir sagen: »das Aeußere ist alles Marmor, das Innere alles Gold.« Die Böden sind mit den feinsten Teppichen belegt, die Wände glänzen von Trümeaux, welche von der Decke bis zum Boden reichen; die Möbel sind mit Damast und Seide überzogen, die Tafelgeschirre sind durchaus Silber, die Gänge, Treppen und Vortreppen sind Sommers und Winters in einen Blumengarten verwandelt, und jeder Gang, jede Treppe, jedes Zimmer, jeder Winkel ist mit Gas beleuchtet, – mit Gas, das im Hotel selbst bereitet wird, da das Sanct Nicholas es unter seiner Würde hielte, von anderswoher Gas zu beziehen. So groß ist der Luxus, mit dem dieses Hotel eingerichtet ist! Am besten ersieht man aber denselben daraus, daß nicht weniger als vierhundert Bedienstete in diesem Gasthofe beschäftigt sind, und da man im Durchschnitt täglich auf achthundert Fremde rechnen kann, so kommt je ein Diener auf zwei Gäste. Daß unter gegebenen Umständen die Preise im Nicholashotel keine geringe sind, kann man sich denken, und in der That zahlt der geringste Gast, d. h. der am einfachsten logirte, täglich seine fünf Thaler, d. i. zwölf und einen halben Gulden, für Kost und Wohnung; bei denen aber, die in der ersten oder zweiten Etage wohnen oder die gar zwei Zimmer in Anspruch nehmen, steigert sich die tägliche Ausgabe natürlich weit höher. Allein trotz dieser außerordentlichen Ausgaben sind es doch nicht blos Fremde, nicht blos Gäste aus dem Süden, Westen oder Norden, die sich im Sanct Nicholashotel einlogiren, sondern es gibt auch New-Yorker Junggesellen, die da ihr Quartier aufschlagen, um so bequem und nobel, als nur irgend möglich, zu leben. Begreiflich wird man es jedoch finden, daß diese Art von Junggesellen vom Mangel an Wohlhabenheit nicht gedrückt sein dürfen; auch müßte man es wohl als eine pure Verläumdung bezeichnen, wenn es Einem einfiele, derlei Herren der Sparsamkeit zu beschuldigen, denn wenn Einer nur allein für Kost und Logis seine zweitausend Dollars ausgibt, so muß er doch wenigstens über seine zehntausend jährlich gebieten können!

Es war der Tag nach den Ereignissen, die wir im letzten Kapitel erzählt haben. Marc Price hatte sich in aller Frühe erhoben, um zu Arthur Guerrier zu eilen, welchen er den Abend zuvor in der Oddfellowshall getroffen hatte. Er wollte Genugthuung haben für die seinem Freunde Alfred angethane Verläumdung und Beschimpfung. Mit raschen Schritten näherte er sich dem mächtigen Marmorgebäude, als er es jedoch erreicht hatte, und nun die wohl dreißig Fuß breite massive Freitreppe hinanstieg und die fast orientalische Pracht und den mehr als occidentalischen Luxus schaute, mußte er unwillkührlich stille stehen, um, wenn nicht zu bewundern, doch wenigstens anzustaunen.

»Wahrhaftig,« sagte er endlich halblaut zu sich selbst, »wie unendlich weit haben wir uns in den letzten zwanzig Jahren von der Einfachheit unserer Voreltern entfernt! Auf der einen Seite dieser fast fabelhafte Reichthum, diese fast wahnsinnige Verschwendung, auf der andern Seite jene in Lumpen gehende Armuth, jenes Hinsiechen im Elend, in welchem jährlich Zehntausende verschmachten! Wie wird dieß endigen? Sollte uns ein anderes Schicksal bevorstehen, als den Römern, da sie auf derselben Stufe der Uebersättigung angelangt waren? Wird auch uns ein Cäsar werden, weil wir der Freiheit nicht mehr würdig sind, da wir sie täglich mit Füßen treten? Wird auch unsere große Republik sich spalten, wie die römische in Rom und Byzanz? Wird auch dieses mächtige Reich in Bürgerkriegen sich aufreiben und endlich der Laune einzelner kleiner Tyrannen anheimfallen, wie es im alten Italien geschehen ist?«

Ein Kellner, der die Treppe heraufrennend an ihn stieß, weckte ihn aus seinen Träumereien. Er fragte nach der Zimmernummer, welche Arthur Guerrier inne habe. Aber der Kellner war längst fortgeeilt und hörte ihn nicht mehr. Dasselbe war mit zehn oder zwölf andern Dienern der Fall, welche alle in geschäftigster Hast an ihm vorbeirannten, als gälte es das Leben zu erjagen, oder als stände eine große Wette auf dem Spiele. Niemand stand ihm Rede; kein Mensch bekümmerte sich um ihn.

»Mein Freund Guerrier muß viel Geld und Revenuen besitzen,« lächelte er jetzt vor sich hin, »daß er in diesem Luxushause hier wohnt; aber noch größer muß seine Geduld und Kaltblütigkeit sein, daß er es hier aushält, wo jeder Kellner nur für sich handelt.«

Doch während er so dachte, wurde seiner Noth ein schnelles Ende gemacht. Ein Herr, den er anredete, um die gewünschte Auskunft zu verlangen, wies ihn in das Zimmer »der Buchhalter« des Hotels, wo er jedenfalls seinem Zwecke näher kommen werde, als durch Befragen der Kellner. Das Buchhalterzimmer war ein großes, viereckiges Gemach, in welchem wohl tausend Schlüssel hingen, nämlich die Schlüssel in jedes Zimmer des Hauses. Auch gab es darin große Schreibtische mit Folianten darauf und emsigen Schreibern davor. Das Merkwürdigste aber war, daß dieses Zimmer zugleich ein Telegraphenbureau war, denn sämmtliche Telegraphendrähte, durch welche die vielen Localitäten des Hauses mit einander in Verbindung standen, liefen hier zusammen. Man konnte dieses Zimmer demnach mit Recht das Sanctissimum des Sanct Nicholashotels nennen. Marc Price erhielt übrigens hier sogleich die gewünschte Auskunft und in einer Minute war ein Diener herbeitelegraphirt, der ihn auf das Zimmer Arthur Guerriers zu führen beauftragt wurde.

Arthur wohnte in der zweiten Etage, und hatte zwei Zimmer dieses Prachtgebäudes inne.

»Sie wohnen wahrhaftig wie ein Fürst,« sagte Marc, als die ersten Begrüßungen mit dem in Amerika nie fehlenden Händeschütteln vorüber waren.

Herr Guerrier lächelte. »Ich müßte mich in der That sehr in Ihnen getäuscht haben, Marc,« erwiederte er, »wenn Sie auf diese Aeußerlichkeiten irgendwie Gewicht legten. Doch gehen wir gleich auf den Zweck Ihres Besuches ein. Sie kommen wegen des Redacteurs des Babblingpaper, des berühmten und hochachtbaren Ragamuffin?«

Er betonte die Worte »berühmt« und »hochachtbar,« und sein Auge blickte höhnisch, fast verächtlich, als er sie aussprach.

»Ja,« erwiederte Marc, »und Sie haben mir versprochen, mein Sekundant zu sein, wenn ich wegen jenes schurkischen Artikels Genugthuung fordere.«

»Wie?« rief Guerrier erstaunt. »Sie wollten sich mit Ragamuffin schlagen? Sie wollten in allem Ernste diesem Menschen die Ehre anthun, sich mit ihm auf Degen oder Pistolen zu messen?«

Er lachte laut auf.

»Aber auf welch' andere Art verschafft man sich denn in New-York unter Männern von Bildung und Anstand Genugthuung?« fragte nun seinerseits verwundert Marc Price.

»Was meinen Sie wohl, was Ihnen Ragamuffin antworten würde, wenn ich ihm Ihre Forderung überbrächte?« fuhr Guerrier immer noch lachend fort. »Er würde mir eine große Moralpredigt über die Verderblichkeit des Duells halten, er würde von den alten Griechen und Römern sprechen, die ihr Schwert nie zogen, als nur allein zur Vertheidigung des Vaterlandes, und das Ende vom Liede wäre, daß Morgen ein von Tugendredensarten strotzender Artikel im Babblingpaper erschiene, in welchem Ihre sündhafte antichristliche Absicht und Ihre aus der europäischen Sklaverei herrührende aristokratische Weltanschauung in den Koth herabgezogen würde. Nein, nein, mit den Zeitungsschreibern in New-York, wenigstens mit denen von der Sorte des Babblingpaper, zu welcher leider so Viele gehören, muß man auf eine andere Art umzuspringen wissen.«

»Und?« fragte Marc.

»Um Geld ist diesen Burschen Alles feil,« fuhr Guerrier fort, indem sich eine tiefe Verachtung in seinen Mienen lagerte. »Um Geld würden sie ihren eigenen Vater an den Pranger stellen. Warten Sie nur die bevorstehenden Wahlen ab. Da können Sie sich am besten überzeugen, aus welchem Holz diese Menschen geschnitzt sind. Sie sind jung und nicht hier erzogen, sondern in der frischen Landluft aufgewachsen; Sie können gar keinen Begriff haben von der Niedrigkeit und Erbärmlichkeit, die hier alle Schichten durchdrungen hat. Wahrhaftig, ich beneide Sie um Ihre gesunde Denkungsweise, um die Natürlichkeit Ihres Auftretens, und nur noch einmal, nur noch Einen Tag meines Lebens möchte ich die Gefühle theilen können, welche Ihre Brust beseelen. Dann würde ich mit Freuden sterben.«

Er war ernst, fast wehmüthig geworden.

»Aber Sie wollen doch nicht sagen,« nahm nun Marc nach einer Weile das Wort, »daß dieser Ragamuffin, der Redacteur eines der ersten, größten und einflußreichsten Blätter in New-York, daß dieser Mann, welcher eine so hochwichtige Stellung einnimmt, wie ein gewöhnlicher Winkelschreiber der Bestechung zugänglich wäre?«

»O nein,« versetzte Guerrier, augenblicklich wieder seinen alten Hohn zur Schau tragend. »O nein, das will ich durchaus nicht sagen. Der Winkelschreiber ist für einen, für zwei, höchstens für fünf Thaler zu Allem zu bringen, was man von ihm verlangt. Der große, einflußreiche Redacteur des Babblingpaper aber würde ein solches Angebot mit Verachtung von sich weisen. Fünfzig, hundert Thaler sind bei ihm das Geringste, was geboten werden kann; und wenn es sich gar um gewichtige Dinge handelt, wenn politische Fragen ins Spiel kommen, oder wenn das Blatt über eine ganze Wahlbewegung hindurch für eine oder die andere Partei gewonnen werden soll, dann berechnet sich der Kaufpreis nach Tausenden, nach Zehntausenden. Darin liegt der Unterschied! Feil ist hier Alles, die Presse so gut als der Richter, die Tugend so gut als die Sünde, der Advocat so gut als der Priester, der ganze Unterschied besteht nur im Kaufpreise.«

»Und dieses Bild sollte ein wahres sein?« sagte Marc, traurig den Kopf schüttelnd. »Sehen Sie nicht durch eine angelaufene Brille?«

»Dieses Bild ist ein wahres,« versetzte Arthur Guerrier mit Nachdruck. »Der alleinige Gott in New-York ist das Geld, die Armuth aber ist der Wurm, auf den der Reiche tritt, als wäre es erbärmliches Geschmeiße. Nur Eins steht noch über dem Gelde, und dieses Eine ist der Muth. Dieser allein ist ums Geld nicht zu acquiriren, und darum, wo Bestechung nicht zum Ziele führt, da führt die Gewalt des Muthigen dazu. Sehen Sie hier dieses Instrument?« fuhr er mit grimmigem Lachen fort, indem er eine auf einem Secretär liegende Peitsche ergriff. »Es ist ein gemeiner Ochsenziemer, aber mit demselben will ich Dutzenden von großmauligten Schreiern den Mund stopfen, daß sie nach meiner Pfeife tanzen. Und sehen Sie hier dieß andere Instrument?« rief er noch grimmiger und höhnischer, indem er einen achtläufigen Revolver erfaßte. »Es ist nur eine Pistole und mit ihren acht Kugeln habe ich nur acht Menschenleben in meiner Gewalt, aber wenn ihrer achthundert dieser feigen, bestechlichen, heuchlerischen Schurken, die dieses Land verpesten, vor mir ständen, so wollte ich sie alle acht hundert mit diesen acht Kugeln zu Paaren treiben. Bald wird die Zeit kommen, ja sie ist näher, als Kurzsichtige wähnen, wo dieses jetzige ärmliche Geschlecht nicht mehr fähig ist, sich selbst zu regieren; dann wird ein einziger Mann, aber ein Mann muß es sein, ein einziger wird dann über New-York und Amerika herrschen, und die ganze Republik wird in Staub vor ihm kriechen.«

Mit langen Schritten und mit hochgeröthetem Gesichte schritt er im Zimmer auf und nieder. Plötzlich schien er sich zu besinnen. Mit festem Schritt und blitzendem Auge trat er vor Marc Price hin.

»Sie sehen mich verwundert an,« sagte er, »Sie zweifeln vielleicht an dem, was ich sage. Aber glauben Sie sicher, ich würde nicht so zu Ihnen gesprochen haben, wenn ich Sie nicht für das hielte, was man unter Tausenden hier vergeblich sucht, für einen Mann. Ich wollte, Sie wären mein Freund. Zu Ihnen könnte ich Vertrauen haben.«

Abermals schritt er lange im Zimmer auf und nieder und abermals veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Der herrische, gebietende, verachtende Blick machte wieder einem sarkastischen Lächeln Platz.

»Sie haben, wie es scheint, die Morgenausgabe des Babblingpaper noch nicht gelesen, Herr Price?« fragte er lächelnd. »Herr Ragamuffin war so artig, mir die zu allererst abgezogene Nummer zu allererst zuzusenden. Lesen Sie einmal den Artikel hier. Ich wette, er gefällt Ihnen.«

Marc nahm die Zeitung zur Hand und las laut: »Die Presse ist das Werkzeug der Wahrheit. Bis in die innersten Tiefen der Gesellschaft dringt sie ein und bringt das reine Gold zu Tage, nachdem sie durch die Läuterung des Quecksilbers die Schlacken entfernt hat. Sie ist der Erbfeind der Lüge und Täuschung; und »Wahrheit über Alles« ist ihr Losungswort. Ihrer Macht beugt sich Arm und Reich, Vornehm und Gering. Aber gerade, weil sie so unendlich erhaben ist über alle andere Größen, hängt sich ihr allerlei Gewürm an, um gleich einer Schmarozerpflanze an der starken Eiche empor zu ranken. Dieses Gewürm sind die Erbärmlichen, welche durch trügerische Schmeichelworte Täuschung in die Welt hineinzuschleudern versuchen, indem sie die Macht des freien Worts mißbrauchen und Verläumdung statt Wahrheit predigen. Einen Augenblick kann solches Gewürm obsiegen, aber nur einen Augenblick, denn die Sonne der Wahrheit durchbricht das Gewebe der Schlingpflanze, und schleudert diese in ihre Nichtigkeit zurück. Weiß der Leser, warum wir mit solcher Entrüstung auftreten? Weiß der Leser, warum unsere Brust aufschwellt im Gefühle des gerechten Zornes und niederschmetternder Verachtung? Nein, er weiß es nicht, aber wir scheuen uns nicht, ihm die Wahrheit zu sagen, denn »die Wahrheit über Alles« ist unser Grundsatz. Ein hinterlistiger feiger Bube hat es gewagt, uns selbst mit der Blendlaterne der Lüge irre zu führen, und aus seiner Feder kam der Artikel im gestrigen Babblingpaper, die angebliche Schandthat eines hochgestellten und höchstehrenwerthen jungen Mannes an den Pranger stellend, eine Schandthat, die nie existirt hat und nie existiren wird. Es gibt vielleicht nicht Einen unter unsern Collegen, der mit so freiem und offenem Visir aufträte, wie wir thun. Ein Jeder würde ohne Zweifel von einem »Irrthum« sprechen und diesen angeblichen Irrthum zu beschönigen oder zu bemänteln suchen. Nicht so wir! Wir sagen frei und frank: jener Artikel war eine Lüge, eine frech ersonnene Lüge. Das Babblingpaper steht zu hoch in der Achtung der Welt, es steht zu hoch in dem Rufe, ein geharnischter Ritter der Wahrheit zu sein, als daß es nicht diesem Rufe Alles opfern würde. Aber wenn wir dieses Geständniß thun, so thun wir dabei auch ein Gelöbniß, das Gelöbniß nämlich, den Buben mit all unserer Macht zu verfolgen, der den Namen eines treuen und durchaus wahrhaften Correspondenten mißbrauchte, um jenen lügenhaften Artikel in unsere Spalten einzuschmuggeln. Ihm Gnade Gott, wenn wir ihn fassen, und daß wir ihn fassen, dafür bürgt die fast allmächtige Energie, mit der das Babblingpaper zu verfahren gewohnt ist und die in der ganzen Union als unübertroffen dasteht. Die Wahrheit über Alles! Triumph und Sieg ist unser!«

Mit immer mehr wachsendem Erstaunen hatte Marc diesen Artikel gelesen. Mit großen Augen sah er, als er geendigt, den an, der ihm die Zeitung übergeben hatte. Dieser aber lachte laut und hell auf.

»Nun, was sagen Sie zu diesem famosen Artikel?« fragte er lustig.

Aber und abermals sah Marc in das Papier und konnte kaum klug daraus werden. Der Andere aber hörte nicht auf zu lachen und zu höhnen.

»Mit welchen Mitteln brachten Sie dieß zu Stande?« fragte Marc.

»Oh, ich habe einigen kleinen Einfluß hier in der guten Stadt New-York,« erwiederte Arthur Guerrier mit spöttischem Blicke. »Und da ich gestern Abend noch das Glück hatte, meinen guten und höchst achtbaren Freund, den Herrn Ragamuffin vom Babblingpaper zu treffen, so bedurfte es blos einiger zarten Winke, um diesen über seinen begangenen Irrthum aufzuklären. Natürlich stand er bei seinem noblen Grundsatze »die Wahrheit über Alles« nicht an, sogleich nach Hause zu eilen und noch in später Nacht diesen Artikel, den Sie soeben gelesen, vom Stapel laufen zu lassen, so daß derselbe noch glücklich in die Morgenausgabe kam, ehe diese in die Presse ging.«

»Dann habe ich am Ende diesem Ragamuffin doch Unrecht gethan,« sprach Marc, indem sich seine Wangen rötheten. »Ich hatte ihn in meinem Innern beschuldigt, den ersten Artikel als wissentliche Verläumdung gegen meinen Freund Alfred in die Welt ausposaunt zu haben, und nun muß ich erfahren, daß er dieses Vergehen nur aus Irrthum beging, weil er selbst getäuscht worden war. Sonst hätte er auch wohl seinen eigenen Artikel nicht so schnell und mit so wenig schonenden Worten widerlegt.«

Arthur Guerrier lachte, als wollte er sich ausschütten. »Gehen Sie nach Oregon, Marc,« rief er. »Sie passen nicht hierher. Eine solche Unschuld in diesem Sodom und Gomorrha! Wünschen Sie vielleicht einen noch fulminanteren Artikel zu lesen, der wieder das über den Haufen schmeißt, was Sie so eben laut vorgelesen haben? Einen Artikel, der den ersten Artikel von gestern Abend im vollkommensten Maße bestätigt und noch dreimal mehr hinzufügt, als gestern Abend gesagt wurde? Wünschen Sie dieß? Ich wette Tausend gegen Zehn, noch ehe zwölf Stunden um sind, ja noch in der heutigen Abendausgabe soll dieser Artikel erscheinen, wenn ich meinen Freund Ragamuffin dahin instruire und diese Instruction gehörig zu unterstützen verstehe. Ragamuffin und Wahrheit! Ragamuffin und noble Grundsätze! Oh Marc, gehen Sie nach Oregon, denn Sie sind die Unschuld vom Lande! Sie kennen die hiesige Welt nicht!«

»So wäre also Ragamuffin durch Geld oder Gewalt dazu gebracht worden, diesen zweiten Artikel zu schreiben?« versetzte Marc ziemlich kleinlaut. »Doch,« fuhr er fröhlicher fort, »sei dem, wie ihm wolle, jedenfalls habe ich Ihnen diesen Widerruf zu verdanken, und ich bin Ihnen nun doppelt verpflichtet, denn gestern Abend stand ohne Ihre Dazwischenkunft mein Leben auf einer Nadelspitze.«

»Pah!« entgegnete Arthur, »Sie sind mir zu Nichts verpflichtet. Und was die Herren von der Presse anbelangt, so habe ich einigen Einfluß auf sie, nicht blos auf den Ragamuffin allein. Doch jetzt müssen Sie mich entschuldigen. Ich habe ein Stelldichein für neun Uhr abgemacht und ich bin nicht gewohnt, meine Zeit nicht einzuhalten. Grüßen Sie Ihren Freund und sagen Sie ihm, das Haus, in dessen Diensten er früher gestanden, müsse ihm nicht besonders hold sein.«

»Glauben Sie, der Banquier Morris habe Theil an jenem Verläumdungsartikel im Babblingpaper?« rief Marc eifrig.

»Ich glaube gar nichts,« lachte Arthur; »aber ich liebe Ihren Freund, ohne ihn zu kennen, weil ich Sie liebe. Wenn Herr Morris zu aufdringlich würde, so flüstern Sie ihm das Wort »Neptune« ins Ohr. Geben Sie Acht; er wird manierlicher. Also, verstehen Sie mich recht wohl, nicht von Arthur Guerrier sprechen Sie ihm, sondern von Neptune, Capitän Neptune; denn dieser Letztere allein hat den Ragamuffin zur Besinnung gebracht.«

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

»Nehmen Sie die Zeitung hier mit,« sagte Guerrier zum Abschied. »Der böse Eindruck, den der gestrige Artikel gemacht hat, wird dadurch wieder verwischt werden, denn ich setze voraus, daß Sie ihren Freund heute noch treffen.«

»Ich treffe ihn in einer Viertelstunde,« erwiederte Marc mit Wärme. »Und er, wie alle seine Angehörigen, sollen erfahren, wem sie diese Genugthuung zu verdanken haben.«

So schieden sie. Marc verließ das Sanct Nicholashotel, um den Weg nach Hoboken einzuschlagen. Dort wohnte ja die Braut seines Freundes Alfred Johnson, und er wußte, daß er ihn selbst dort im Hause seiner Schwiegermutter treffen würde.

Hoboken! Welch' liebliche Erinnerungen knüpfen sich an diesen Namen! Vor dreißig Jahren noch standen hier nur wenige Fischerhütten, untermischt mit einigen Badhäusern; jetzt ist es ein Dorf, eine kleine Stadt mit Palästen! Aber trotzdem, daß es so riesenhaft schnell herangewachsen ist, welcher Unterschied zwischen Hoboken und New-York! Es liegt nur ein Fluß zwischen ihnen beiden, aber hier in Hoboken ist man auf dem Lande trotz seiner schönen Häuser, während dort in der Weltstadt New-York das Gewühl des tollsten Getriebes die Sinne betäubt! Es ist ein merkwürdiger Gegensatz; diesseits des Flusses die tiefste Stille, eine fast einsame Ruhe und Abgeschlossenheit, jenseits des Hudson das wahnsinnigste Gejage, ein Lärm und Getümmel, als ob alle Tollheit der Welt sich in einem Brennpunkt gesammelt hätten!

Hoboken liegt auf der rechten Seite des Hudson, der hier wohl seine drei Meilen oder anderthalb Stunden breit ist. Das Dorf oder Städtlein gehört einem andern Staate an, dem Staate New-Jersey, und doch ist es nur ein Vorstädtchen von New-York! Drei Dampfboot-Fähren verbinden es mit dem großen Emporium des Handels, mit der Weltstadt New-York, so daß man alle zehn Minuten (denn so lange braucht das Dampfboot von einem Ufer zum andern) dreimal hinüber- und die nächsten zehn Minuten wieder herüberfahren kann, und doch glaubt man in eine ganz andere Weltgegend versetzt zu sein, wenn man nach Hoboken kommt! Auch Brooklyn und Williamsburg, ja Jerseycity selbst, obwohl die Hauptstadt des Staates New -Jersey, sind nur Vorstädte von New-York, gerade wie Hoboken, aber jene drei sind nichts anders als New- York im Kleinen, sie sind nichts als ein schlechter Abklatsch dieser Weltstadt; Hoboken aber ist, für jetzt wenigstens noch, nur ein Dorf, ein Landstädtchen, ein Bild der ländlichen Zurückgezogenheit, eine Zufluchtsstätte für die Liebhaber des Stilllebens, deren anderweitige Verhältnisse ihnen nicht erlauben, Alzuweit von New-York entfernt sich niederzulassen! Der Hudson, jener prächtige Strom, den man nicht mit Unrecht schon so oft mit dem deutschen Rheine verglichen hat, hat auf der linken Seite seines Laufes, da wo New-York liegt, nur flache Ufer mit weiten Ebenen, während die rechte Seite, da wo Hoboken erbaut wurde, von Bergen und Wäldern begränzt ist. Diese Berge und Wälder sind die einzige Abwechslung in der sonst trostlosen Ebene um New-York herum. Es sind keine dichte Wälder; auch lang und breit sind sie nicht; aber es sind doch Haine mit Waldbäumen, die Ueberreste von dem einst allumfassenden Urwalde, der vor dreihundert Jahren noch ganz New-York und New-Jersey bedeckte. Es sind keine Berge im Schweizersinne, nicht einmal Berge, wie sie jedes europäische Land, Holland ausgenommen, aufzuweisen hat; nein es sind blos Hügel, schwache Anflüge von Bergketten, aber man hat doch eine Fernsicht von ihnen aus, weil alles andere Land eben und sumpfigt daliegt. Wen sollte es also nicht gelüsten, nach Hoboken hinüber zu wandern, um Bergesluft zu athmen, um Waldesduft einzusaugen? Und weiter noch, – das ganze rechte Hudsonufer entlang, von der Gränze von Jerseycity an, findet man keine Schiffswerften, keine Fabriken, keine Dampfkamincolosse; nein, von allem dem findet man nichts, weil die steilen Ufer nicht dazu passen; aber etwas anderes findet man, liebliche Spaziergänge, nämlich Spaziergänge dem Ufer entlang, oder über Berg und Thal und Wiesen, Spaziergänge mit Bänken, auf denen man sich niederlassen kann, um mit Wohlbehagen sich den Träumereien der Einsamkeit hinzugeben, oder auch um die Angel zu werfen und nach den in der Sonne spielenden Fischlein zu jagen.

Es ist eine köstliche Abwechslung, die Abwechslung zwischen New-York und Hoboken! Und an den Sonntagen zieht es Hunderte, ja Tausende hinüber, besonders Eingewanderte; Franzosen und Deutsche nämlich, deren Herz sich darnach sehnt, auch einmal wieder ein Stück Romantik zu genießen. Es zieht sie hinüber nach Hoboken, ohne daß sie sich vielleicht des wahren Grundes bewußt sind! Der wahre Grund aber ist die Erinnerung an die Heimath, die bei diesem ländlichen Spaziergange wach wird. – Darum sind auch gar viele der hier stehenden Häuser Wirthshäuser, sogenannte Vergnügungslocale oder Gartenwirthschaften; denn Deutsche wie Franzosen lieben es, wenn sie ihr Auge an Berg und Thal, an Wald und Flur geweidet haben, mit Weib und Kind ins Wirthshaus zu ziehen, um auch den inneren Menschen zu erquicken.

Weiß nun der Leser, warum sich solch' liebliche Erinnerungen an Hoboken knüpfen? Vielleicht, wenn noch einige wenige Decennien verflossen sind, so hat auch Hoboken seinen Charakter der Ländlichkeit eingebüßt und es gibt dann gar keinen Ort mehr in der Nähe von New-York, wo man das Weltgetriebe auf ein paar Stunden vergessen könnte. – Arme New-Yorker!

Zu der Zeit, in der unsere Erzählung spielt, war Hoboken noch bei weitem nicht zu der Größe herangewachsen, die es jetzt hat. Es gab nur drei oder vier Straßen mit einigen wenigen Wirthschaften und Gartenlocalen; alles Uebrige waren Landhäuser. Und was für Landhäuser! Niedliche Villa's im Schweizerstyle, mit großen Säulenvorplätzen, mit breiten Verandas, mit einer herrlichen Aussicht auf den Strom und über diesen hinweg auf das weltgebietende New-York. Wer hier wohnte, der mußte nothwendig von einem andern Geiste beseelt sein, als das Krämer- und Kaufmannsvolk da drüben, das mit einem Rechenexempel auf der Zunge auf die Welt kam! Wer hier wohnte, der konnte das Endziel seines Lebens nicht in das Erjagen von Dollars oder in jenen Knäuel von sinnlichen Genüssen setzen, wie sie der Menschheit in New-York geboten werden; nein, sein Endziel mußte der Friede, sein Lebenszweck die Liebe sein, die sich selbst genügend ist! Man sah es auch den Bewohnern jener Villa's an, daß sie einer ganz andern Menschengattung angehörten, als der in New-York ansäßigen und einheimischen, denn auf ihren Wangen thronte Zufriedenheit, Ruhe und Heiterkeit; ein sanftes fröhliches Lächeln umspielte ihre Lippen und ihre Stirne erschien unumwölkt von der geschäftigen Rastlosigkeit oder der satanischen Verderbtheit des Bewohners der amerikanischen Hauptstadt. Keinen Tag hätte es ein New-Yorker Weltkind in der Einsamkeit Hobokens ausgehalten, aber eine Stunde »Leben in New-York« machte einen Ansiedler von Hoboken unglücklich!

In eine dieser niedlichen Villa's versetzen wir nun den Leser. Das Landhaus lag auf einer kleinen Anhöhe oberhalb des Hudson, der aber hier mehr einem Meeresarm gleicht, als einem Strome, und war mit diesem durch eine freundliche Gartenanlage verbunden. Das ganze Anwesen, der Garten, wie das an seinem oberen Ende stehende Haus, war von einer hohen Brettermauer umgeben, so daß kein müssiger Lauscher das Familienleben der Bewohner der Villa stören konnte. So bildete diese letztere gewissermaßen eine »Welt für sich,« eine »Einsiedelei im Großen,« wenn man so sagen darf, denn es herrschte eine Ruhe, eine Stille, ein Frieden in diesem Landhause, wie man es bei einer so kurzen Entfernung (es bedurfte ja nur einer Fahrt von zehn Minuten, um nach New-York zu gelangen) von der verdorbensten Metropole und der geschäftstollsten Welthandelsstadt kaum für möglich gehalten hätte. Der Bewohner des Hauses, ob es gleich für ein Privathaus ziemlich geräumig erschien, waren es für gewöhnlich nur wenige, zwei Damen mit einem weiblichen und männlichen Diener. Seit einigen Tagen jedoch hatte sich die kleine Gesellschaft um einen Dritten vermehrt, einen jungen Mann nämlich, welcher zu den Damen offenbar in der nächsten Beziehung stehen mußte, da er fast wie ein Sohn des Hauses behandelt wurde.

Wir treffen die ganze Gesellschaft auf dem Vorplatze des Hauses, von wo aus man der herrlichsten Aussicht über den Fluß hinüber nach New-York oder den Fluß hinab nach der Bai und dem Seehafen genoß. Es war noch früh am Morgen, denn das Frühstück schien so eben erst beendigt zu sein, und – in dem Landhause, von dem wir sprechen, pflegte man dasselbe zu baldiger Morgenzeit, nicht erst um zwölf Uhr Mittags einzunehmen. Der junge Mann, dessen Anwesenheit auf dem Landhause wir oben berührt haben, saß Hand in Hand mit einer der Damen, und die zärtlichen Blicke, die sie gegenseitig austauschten, ließen vermuthen, daß sie in jenem Verhältnisse mit einander standen, welches der »ewigen Vereinigung vor dem Altare« voranzugehen pflegt. Es war ein wahrhaft zauberisch aussehendes Mädchen von der ersten Blüthe der Jugend, ein Mädchen mit jenem milden und doch strahlenden Blicke, wie er nur den unter der Südsonne New-Yorks geborenen Abkömmlingen der altenglischen Aristokratie eigen ist. In diesen Abkömmlingen vereint sich das Schmachtend-Ueppige der Creolin mit dem Fein-Vornehmen der Nordländerin, und man kann daher nicht leicht eine anmuthigere und reizendere Erscheinung sehen, als eine ächte Amerikanerin, die sich einer geraden Abstammung von englischen Eltern rühmen kann. Gewöhnlich sind ihre Haare braun, aber so fein, daß man sie fast durchsichtig nennen könnte; die Augen sind blau, aber von einem solch' dunkeln Schmelz, daß man sich von ihrem Zauber kaum mehr abwenden kann; die Körperform ist eher mager als corpulent, aber die Glieder zeigen eine solch elastische Rundung, daß die üppigste Südländerin im Vergleich den Kürzeren zieht. – Eine dieser lieblichen Gestalten haben wir vor uns, ein Mädchen von kaum siebzehn Jahren, aus dessen Auge Glück und Zufriedenheit lächelte, denn neben ihr saß ja der erkorene Bräutigam! Dem Paare gegenüber, mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt, saß eine ältere Matrone, die, obwohl sie vielleicht schon vierzig Jahre oder mehr zählte, dennoch nicht minder lieblich anzuschauen war, als das blendendschöne Kind im Schmucke der ersten Jugend. Das Gesicht der Matrone war blaß, aber doch frisch und zugleich so fein geschnitten, daß man kein adelicheres Gesicht sehen konnte; ihr Auge war blau, und vielleicht ohne Feuer, aber so rein und klar, daß man glaubte, in demselben wie in einem offenen Buche lesen zu können; ihr einfaches dunkles Seidenkleid trug sie bis zum Halse herauf geschlossen und keinerlei Art von sinnlichem Reiz sprach aus ihren Formen; aber es thronte Adel in ihrem Gesicht und die ganze Person predigte Milde und Würde, Liebe und Verstand zu gleicher Zeit! Man sah es wohl, daß die beiden Damen in einem nahen Verhältnisse zu einander standen, und in der That wir haben Mutter und Tochter vor uns. Die Aeltere ist die Wittwe des längst verstorbenen Generals Cooper, die hier auf ihrem Landhause zu Hoboken ein still zurückgezogenes Leben führt, hoch angesehen bei Allen, die sie kennen, hochverehrt von Allen, welchen die Ehre ihres näheren Umgangs zu Theil ward. Die Tochter ist Edith Cooper, die Braut Alfred Johnsons, die Perle unter ihren Gespielinnen. –

Die Dreie saßen in friedlicher Eintracht unter der offenen Halle des Landhauses und ließen ihr Auge über den Hudson hinschweifen, sich an dem prächtigen Schauspiele ergötzend, das sich ihnen darbot. Der Strom und die dahinter liegende Weltstadt erglänzten im hellen Sonnenlichte; der Himmel war so klar und rein, wie er in Sicilien nicht klarer und reiner sein kann. Eine Menge Segel zogen, wie mächtige Schwäne, den Fluß auf und ab und dazwischen hinein dampften zahllose Schornsteine zierlicher Dampfboote, den Strom nach allen Richtungen durchkreuzend. Das Getümmel der Metropole, in welcher eine Million Menschen sich hetzten und jagten, war hier auf diesem Flecke Erde in fast lautloser Stille erstorben, und doch konnte man selbst von hier aus nur zu deutlich sehen, wie die Menschen für ihr Leben und ihre Leidenschaften sich abquälten, denn alle zehn Minuten landeten drei mächtige Ferryboote nur wenige hundert Schritte von dem Landhause entfernt und spieen jedes Mal Tausende von geschäftigen Menschen aus, um eine Minute darauf mit einer eben so starken Ladung befrachtet wieder in der Richtung nach New-York hin vom Ufer zu stoßen.

»Welch' ein rastloses Treiben und Jagen!« sagte die ältere Dame mit einer klaren Silberstimme. »Es ist, als ob die Menschen dort keine Ruhe und Rast kennten; sie rennen und jagen, als ob ihr Leben an einer Minute Zeit hinge!«

Alfred war aufgestanden, denn eben hatte wieder eines der mächtigen Ferryboote gelandet, und er glaubte, unter der Masse von Menschen, die demselben entströmten, einen Bekannten, einen Freund zu erkennen. Edith hatte sich an seine Seite gestellt und ihren Arm sanft unter den seinigen geschoben.

»Du erwartest deinen Freund Marc?« sagte sie lächelnd. »Manche Braut würde über die Liebe eifersüchtig werden, die du gegen ihn hegst, denn ich glaube fast, ich bin dir für Augenblicke weniger werth, als er. Wenigstens stehe ich nicht über ihm in deiner Achtung und Liebe.«

»Könntest du einmal eifersüchtig werden, Edith?« fragte Alfred, liebevoll auf sie niederschauend. »Könntest du wirklich einmal deinem Alfred mißtrauen?«

»Nie,« erwiederte Edith eifrig, indem eine hohe Röthe ihre Wangen färbte. »Wer wahr und innig liebt, muß so von dem Werthe des Gegenstandes seiner Liebe durchdrungen sein, daß er nie und nimmer Zweifel an ihm hegen kann, und wenn die ganze Welt gegen ihn zeugte, ja und wenn die eigenen Augen das Gegentheil predigten.«

»Du bist ein Juwel, Edith,« rief Alfred und schloß das liebliche Mädchen fest an sich. »Du bist ein Edelstein, dessen ich kaum werth zu sein beinahe glauben muß. Aber wahrhaftig, da kommt Marc, ich kenne ihn unter Tausenden an seinem hohen Wuchse, seinem festen und männlichen Auftreten.«

»Da sieht man den Seemann,« lächelte die Mutter. »Er unterscheidet schon scharf, wenn Andere kaum die äußeren Umrisse erkennen. Aber in der That, es ist Marc Price. Ich möchte ihn auch unter Hunderten herausfinden, denn nicht leicht hat Gott einen Menschen erschaffen, der mit glücklicheren Gaben gesegnet wäre, als er. Es ist nicht eine deiner schlechtesten Eigenschaften, Alfred, daß er dein Freund ist. Wen Marc Price hochschätzt, der muß hochzuschätzen sein.«

Einen unendlich dankbaren Blick warf Edith ihrer Mutter zu; dann wand sie sich schnell aus dem Arm ihres Bräutigams und hüpfte dem Gartenthore zu, um es dem Freund ihres Geliebten selbst zu öffnen. Gleich hochgestellte Personen in Europa hätten vielleicht für nöthig erachtet, einen Diener herbeizurufen, um dieses Geschäft zu verrichten! Marc's sonst so klare und heitere Stirne war tief umwölkt, als er in die Gesellschaft eintrat, und obwohl er sich Mühe gab, seiner Stimme die gewohnte Munterkeit zu verleihen, so bemerkte doch die feingebildete Herrin des Hauses im Augenblicke, daß ein Kummer auf der Seele des jungen Mannes laste. Und sie liebte ihn doch so sehr, fast wie eine mütterliche Freundin!

Das Gespräch wollte nicht recht in Gang kommen; denn wenn unter innig Befreundeten nur ein Glied nicht im Einklange ist, so ist es, als ob in die ganze Musik der Töne ein Mißklang getreten sei.

»Sie sind mißstimmt, Marc,« sagte endlich die Generalin mit dem Freimuth, den eine Mutter gegen ihren Sohn hat; »und ein so fröhliches und frisches Herz, wie das Ihrige, kann nicht von einer bloßen vorüberziehenden Wolke so umdüstert sein, als Sie es sind. Hat die Mutter ihres Freundes kein Anrecht auf Ihr Vertrauen? Oder glauben Sie nicht, daß das Urtheil einer Frau von meinen Jahren in die aufbrausende Kraft des Jünglings berathend eingreifen darf?«

»Meine Mutter starb mir viel zu frühe,« erwiederte Marc, »und jetzt erst, viel zu spät, erkenne ich, welche Lücke mir durch ihren Verlust geworden ist. Welcher Hochgenuß muß es sein, seinen Schmerz, sein Zagen und Bangen in die Brust einer Mutter ausschütten zu dürfen! Und doch,« fuhr er, sich gewaltsam aufraffend, fort, »ich will das Schicksal nicht anklagen. Gott hat mir zum Ersatz zwar nicht viele, aber so treue Freunde gegeben, daß es sündhaft von mir wäre, ihm nicht für so viel Gnade dankbar zu sein oder gar noch mehr zu verlangen. Gewiß haben Sie recht gesehen, edle Frau, es ist ein tiefer Schmerz, der mich niederdrückt, und nicht blos ein einzelner, sondern ein gedoppelter; ja, es ist mir oft fast, als ob die ganze Luft verpestet sei, in der ich in New-York zu athmen gezwungen bin. Aber auf die Gefahr hin, daß Sie mich einen zaghaften und schüchternen Jungen heißen, gestehe ich Ihnen doch, daß ich nur im Stande wäre, Ihnen und Ihnen allein mein Herz auszuschütten.«

»Ich verstehe Sie, Marc,« versetzte die Generalin, »und so weit es an mir ist, so sollen Sie eine zweite Mutter an mir finden.«

Auf einen Wink der Frau Cooper erhoben sich Alfred und Edith, um Arm in Arm dem unteren Theile des Gartens zuzuschreiten, wo sie in süßem Zwiegespräche am Ufer des Hudson auf- und niedergingen, bald so sehr in ihre eigenen inneren Angelegenheiten vertieft, daß sie kein Wort von dem zu erlauschen vermochten, was Marc und die Wittwe des Generals in tiefe Aufregung versetzte.

»Nun, Marc, reden Sie offen,« begann die edle Frau. »Denken Sie, Ihre verstorbene Mutter sei es, zu der Sie sprechen.«

»Ich will egoistisch sein,« erwiederte Marc trübe, »und zuerst den Kummer enthüllen, der mich selbst und nur mich berührt. Sie kennen meinen Oheim und seine unendliche Güte gegen mich. Sie können daraus schließen, welchen Schmerz es mir bereiten muß, seine Ruhe, seinen Frieden zu stören, und sein liebevolles Herz mit einem Kummer zu erfüllen, der vielleicht sogar auf seine Gesundheit nachtheilig wirkt. Wenn ich mir den alten Herrn denke, mit seinem fröhlichen Gesicht unter den grauen Haaren, so will es mir fast wie eine Sünde bedünken, ihn aus seiner Gemüthsruhe aufzuschrecken, und doch weiß ich nicht, wie ich dieß umgehen kann, ohne frevelhaft gegen mein besseres Wissen und Denken zu handeln.«

Eine tiefe Sorge lagerte auf seinem schönen Gesichte und es bedurfte all' der freundlichen Zusprache der Generalin, um ihn zum Weitersprechen zu bewegen. So erzählte er ihr denn von seinem Leben in Oregon und wie ihn von da ein Brief der Haushälterin und Freundin seines Oheims, die ihm in dessen Namen geschrieben, nach New-York berufen habe. Er erzählte von der zuvorkommenden Aufnahme, die ihm in dem Hause seines Oheims geworden sei, und wie besonders Fräulein Caroline all' ihre Freundschaft und Liebe über ihn ergossen habe. Er erzählte von der Dankbarkeit, die sein Inneres durchdrungen, von der Zuneigung, die ihn für so viel Fürsorge erfaßt habe. Er erzählte zuletzt aber auch von dem Zwiegespräch, das er in Greenwood Cemetry erlauschte, und wie er da auf einmal die Falschheit und Niederträchtigkeit Carolinens erkannte. Er erröthete vor Scham und Zorn, als er die Gemeinheit enthüllte, in deren Schlingen er gefangen werden sollte, und hörte nicht auf, bis seine mütterliche Freundin auch den letzten Auftritt kannte, den nämlich, da er die heuchlerische Sirene in der Nacht seines Nachhausekommens entlarvte und ihr offen kund gab, wie er um all' ihre Pläne wisse, und sein Herz nur noch von Verachtung gegen sie erfüllt sei.

»Und nun,« schloß er seine lange Rede, »nun verehrte Frau, was soll ich thun? Mein alter Oheim ist so sehr von der Trefflichkeit und Hochherzigkeit seiner Freundin überzeugt, daß es ihn tief erschüttern muß, wenn er erfährt, welche Schlange er bisher an seinem Busen erwärmt hat. Und doch kann ich es nicht länger übers Herz bringen, unter Einem Dache mit der Heuchlerin zu wohnen. Es schnürt mir mein Innerstes zusammen, wenn ich sie nur ansehe; und, wenn sie es auch seit jenem Auftritte nie unterläßt, ihre Augen tief niederzuschlagen, so bald sie an mir vorübergeht, wenn sie auch seither stets nur mit wehmüthig-flehendem Antlitz mir bei Tische gegenübersitzt, so weiß ich doch, daß Alles nur Verstellung und erbärmliche Heuchelei ist, und ich kann es nicht länger mehr über mich gewinnen, stille zu schweigen und mich so zum Mitschuldigen der Betrügerin zu machen.«

»Das sollen Sie auch nicht länger, Marc,« erwiederte die edle Frau mit festem entschiedenem Tone. »Die Wahrheit allein ist es, die zum rechten Ziele führt. Ich habe lange genug gelebt, um zu wissen, daß Umwege immer auch Abwege sind. Ihr Oheim muß Alles wissen. Dem alten, freundlichen Herrn darf nicht verschwiegen werden, an welchem Abgrunde er steht; denn diese schändliche Heuchlerin hat gewiß noch ganz andere Pläne im Kopfe, als Sie zu entdecken im Stande waren.«

»So meinen Sie also, ich solle ihm Alles offenbaren? » fragte Marc mit verlegener Miene. »Ich sagte mir das selbst schon längst, aber ich wüßte wahrhaftig kaum, wie ich es anzugreifen hätte, um meinen guten Oheim nicht zu verletzen.«

»Nein,« entgegnete die Generalin ruhig und entschlossen, »nein, nicht Sie sollen ihm die Intriguen kund thun; nicht aus Ihrem Munde soll er die nöthige Aufklärung erhalten. Ich selbst, Marc, will diese Pflicht auf mich nehmen, ich, die Ihr Oheim schon lange kennt, ich, von der er weiß, daß mich keine Parteilichkeit leitet, daß mich keine Privatrücksichten bestimmen. Weibliche Lippen wissen sich zarter auszudrücken und ich werde so schonende Worte brauchen, daß dem alten Herrn gewiß kein Nachtheil für seine Gesundheit daraus erwächst. Seien Sie ohne Sorgen, Marc, ich werde dem Herrn John Price den Weg zeigen, den er in dieser Sache einzuschlagen hat, und die elende Heuchlerin wird unter einem so triftigen Vorwande entfernt werden, daß sie selbst den wahren Grund zwar vielleicht ahnt, aber doch nicht gewiß weiß. In jedem Fall aber soll es keinen Auftritt geben, sondern die Sache wird in ruhiger Stille vorübergehen, so daß jegliches Aufsehen vermieden wird. Sind Sie nun zufrieden gestellt, mein lieber junger Freund, oder haben Sie noch etwas auf dem Herzen?«

»Ja,« erwiederte dieser, frisch aufathmend; »aber dieser Schmerz betrifft nicht mich selbst, sondern nur die Erbärmlichkeit der New-Yorker Welt. Er hat mich in so fern tief berührt, weil mein Freund Alfred darein verwickelt werden sollte, aber bei dem Adel und der Hochherzigkeit Ihrer Gesinnung wird es mir leicht werden, Sie über den wahren Sachverhalt aufzuklären. Haben Sie das gestrige Babblingpaper gelesen?

Die Generalin verneinte, und schon wollte er weiter fortfahren, als ihre Unterhaltung plötzlich unterbrochen wurde. Man hörte nämlich einen Wagen an der Hauptpforte, die zum Landhaus führte, vorfahren, und gleich darauf ertönte die Glocke, welche einen Besuch ankündigte. Einen Augenblick später erschien der Diener des Hauses, um den Banquier Morris anzukündigen und dieser folgte ihm auf dem Fuße.

»Wie freue ich mich, meine theuerste Frau Cooper,« rief der Banquier wie entzückt, als er unter den Porticus getreten war, bis zu welchem ihm die Frau des Hauses entgegen ging; »wie freue ich mich, Sie in so guter Gesundheit zu sehen, strahlend von Glück und Wohlergehen, wie meine poetische Tochter sagen würde. Ach, siehe da, mein theurer junger Freund Marc hat sich auch eingefunden. Das ist ja mehr Glück auf einmal, als ich zu hoffen wagen durfte, denn Sie machen sich so selten in meinem Hause, daß ich beinahe fürchten muß, Sie haben meiner Tochter dadurch wehe gethan. Herr Marc Price,« fuhr er lächelnd gegen die Generalin gewendet fort, »ist fast allzu bescheiden, er kennt seinen unschätzbaren Werth noch gar nicht und namentlich scheint er nicht zu wissen, wie willkommen er in der Gesellschaft junger Damen ist. Das erinnert mich aber daran, welchen Mißgriff ich beging, daß ich noch nicht einmal nach meiner schönen Freundin Edith gefragt habe. Sollte sie nicht wohl sein, das theure Kleinod, weil ich sie nicht neben ihrer Mutter bemerke, von der sie sonst unzertrennlich zu sein pflegt?«

Der Banquier sprach dieß Alles in freundlicher, fast zuvorkommender Weise, und wer seinen Charakter nicht näher kannte, mußte meinen, nur die herzlichste Freundschaft und Theilnahme diktire ihm die Worte. Wie jedoch die Generalin seine letzte Frage nur durch einen stummen Wink nach dem untern Theile des Gartens hin, wo Edith mit Alfred lustwandelte, »die ganze Welt ob ihrem Glücke vergessend,« beantwortete, da schoß sein Auge einen giftigen Blitz und seinen Mund verzerrte ein häßliches Lächeln. Die Generalin bemerkte diese Veränderung, die auf dem Antlitze des Banquier vorging, nicht, denn sie wandte sich eben ab, um ihre Tochter herbeizurufen, damit sie den vornehmen Besuch begrüße; aber um so weniger entging dem jungen Marc dieser plötzliche Wechsel, obwohl der Banquier sich so in der Gewalt hatte, daß schon den Augenblick darauf die frühere Freundlichkeit wieder bei ihm vorherrschte.

»Erlauben Sie, daß ich meine Tochter herbeirufe,« sagte die Generalin, sich verbindlich vor ihrem Besuche verbeugend.

»Nicht doch, meine Theuerste,« erwiederte der Banquier. »Lassen Sie uns lieber ein wenig von alten Zeiten plaudern, und wenn wir dessen genug haben, so schlendern wir Alle an den Fluß hinab und vereinigen uns mit den jungen Leuten dort unten in der Bewunderung unseres herrlichen New-Yorks und seines noch herrlicheren Hafens. Aber, ich weiß nicht, sehe ich recht oder täuschen mich meine Augen? Ist es nicht Alfred Johnson, mit dem die theure Edith Arm in Arm geht?«

Mit diesen Worten ging abermals eine große Veränderung auf seinem Gesichte vor, aber dießmal war es nicht Zorn oder Haß, was aus seinen Zügen sprach, sondern eine tiefe Wehmuth schien sich darin zu lagern, und seine Lippen zuckten wie von einem inneren Schmerze gepeinigt.

»Was ist es, Herr Morris, das Sie plötzlich so tief bewegt?« fragte fast erschrocken die edle Dame. »Sollte Alfred ein Unglück bevorstehen, oder gar schon betroffen haben? Es muß etwas Ernstes sein, sonst würde es Sie nicht so schwer ergreifen.«

»Lassen Sie mich, meine Theuerste,« entgegnete der Banquier seufzend. »Lassen Sie mich und dringen Sie nicht weiter in mich. Alfred ist der Jugendgespiele Ediths; sie hegen beide die Freundschaft gegen einander, welche man gegen die empfindet, mit welchen man von frühester Kindheit bekannt ist. Und – und wahrhaftig, ich möchte die liebe Edith nicht betrüben, nicht um Alles in der Welt. Ich hoffe jedoch zu Gott, daß es nichts Weiteres ist, als diese Jugenderinnerung, welche die beiden jungen Leute so vertraut mit einander gemacht hat. Es wäre traurig, es wäre erschütternd, wenn ein anderes Gefühl zwischen ihnen obwaltete, denn Nichts wirkt niederschmetternder, als in dem sich getäuscht zu haben, den man bisher gewohnt war, hoch zu achten. Und – und ich fürchte fast, wir müssen alle frohen Hoffnungen, die wir bis jetzt von Alfred Johnson gehegt, zu Grabe tragen und den jungen Mann gänzlich aus unserem Herzen reißen.«

»Sie legen mich auf die Folter,« rief die Generalin erbleichend. »Welch' Schreckliches hat sich denn ereignet? Sprechen Sie gerade und offen, denn besser ist ein sicheres Unglück, welches wir kennen, als die unbestimmte Furcht vor einem solchen. Bleiben Sie, Marc,« fuhr sie sich fassend fort, als dieser sich leise entfernen wollte, um die Unterhaltung nicht zu stören, »bleiben Sie, Sie sind der beste Freund Alfreds und haben das Recht, Alles zu wissen.«

»Ja, bleiben Sie,« sagte jetzt auch der Banquier, obwohl man ihm ansah, daß er die Entfernung des jungen Mannes gerner gesehen hätte. »Zum Glücke ist nicht unsere ganze Jugend von der Verdorbenheit ergriffen, welche den größten Theil derselben vergiftet hat. Zum Glück gibt es denn doch noch einige junge Männer, auf welche das Vaterland stolz sein darf, während die Meisten dem Laster der Lust und Sinnenverderbniß so verfallen sind, daß an eine Rettung dieser Mehrzahl nicht mehr zu denken ist. Leider aber, – und wahrhaftig, ich bin schmerzlich ergriffen, daß ich dieß sagen muß, leider aber gehört Alfred Johnson unter die letztere Klasse.«

Also sprechend zog er mit feierlicher Miene eine große Zeitung aus der Tasche und überreichte dieselbe der Generalin, auf einen Artikel deutend, der mit einem dicken rothen Striche näher bezeichnet war.

»Lesen Sie, theure Frau,« fuhr er mit schmerzlichem Tone fort, »lesen Sie, aber fassen Sie sich zugleich. Noch ist es, dem Himmel sei Dank, nicht zu spät, um die giftige Schlange, welche sich an Ihrem Busen zu erwärmen im Begriffe stand, in den Staub zu treten, nachdem wir ihr die Larve der Heuchelei abgerissen haben. Noch gestern Abend spät, als ich den Artikel las, wollte ich zu Ihnen eilen, um Sie auf die vernichtende Nachricht vorzubereiten, aber ich war selbst vor Schrecken wie gelähmt, denn Sie wissen, daß Alfred Johnson auch mir einst theuer war, und daß ich, schon seines trefflichen und hochgeehrten Vaters willen, ihn in meine Dienste nahm und auch später, trotzdem dieses Verhältniß sich fast unangenehm löste, nur Gutes mit ihm vorhatte.«

Die Generalin nahm die Zeitung in die Hand und las den Artikel aufmerksam durch. Im Anfang wohl zitterte ihre Hand ein wenig, als sie die ersten Sätze überflog; auch ihre Wangen erblaßten in Folge der Aufregung, die ihr Innerstes erfaßt hatte. Aber bald wurde ihr Blick fester und fester und die Blässe ihres feingeschnittenen Gesichtes machte einer aufdämmernden Röthe Platz, die wie die Glorie der aufgehenden Sonne alle Nebel der Finsterniß und des Mißtrauens verscheuchte.

»Das ist eine schändliche, niederträchtige Verläumdung,« rief sie endlich, als sie den Artikel langsam durchgelesen hatte und die Zeitung dem Banquier zurückgab. »Wenn es sich von einer That der Uebereilung oder von einer Handlung des Zornes handeln würde, so möchte ich die Möglichkeit der Wahrheit noch zugeben, aber eine Gemeinheit? Eine gemeine Handlung aus gemeiner Gesinnung? Alfred Johnson ist nie und nimmer zu einer Gemeinheit fähig; der Artikel ist erlogen und falsch.«

»Gott segne Sie für dieses Werk, meine theuerste Frau Cooper,« jubelte Marc Price, die edle Dame an beiden Händen erfassend. »Gott segne Sie, denn Sie haben den Werth meines Freundes richtig erkannt.«

»Aber ohne Grund wirft man solche Artikel nicht in die Welt hinein,« entgegnete der Banquier mit dem Kopfe schüttelnd; »und überdieß ist das Babblingpaper das erste und größte Blatt in unserer tonangebenden Metropole. Sein Redakteur Ragamuffin wird hochgeachtet von Jedermann, selbst von seinen Feinden, und sein Wort ist Gesetz für Hunderttausende. Für mich steht der Glaube fest, daß Alfred Johnson sich schwer gegen die Sittlichkeit vergangen hat und die Schwellen meines Hauses sollen ihm von nun an nicht mehr geöffnet werden. Wir Amerikaner sind stolz darauf, das erste Volk auf Erden zu sein, welches die Moral in sein Gesetzbuch des Lebens aufgenommen hat; sollen wir diesem Grundsatz ungetreu werden?«

»Sie haben, wie es scheint, die heutige Morgenausgabe des Babblingpaper noch nicht gelesen, Herr Morris,« entgegnete nun Marc, unwillkührlich zum Lächeln gezwungen, da er den Banquier so streng für die Sittenreinheit das Wort ergreifen hörte, und zugleich der Dame des Hauses die Zeitungsnummer reichend, welche ihm vor einigen Stunden von Arthur Guerrier übergeben worden war. Auch diesen Artikel las die Generalin von Anfang bis zu Ende. Stillschweigend übergab sie dann das Blatt dem Banquier.

»Sie sehen hieraus, was von der ganzen Sache zu halten ist,« meinte Marc, »besonders aber, welchen starken Zweifel man alle Ursache hat, in die Gewissenhaftigkeit des Herrn Ragamuffin zu setzen.«

Herr Morris entfärbte sich, als er den Widerruf las. »Der Schurke,« murmelte er zwischen den Zähnen. »Der heillose doppelzüngige Schurke!« Bald aber hatte sein Gesicht den früheren Ausdruck wieder angenommen; ja er suchte sogar ein zufriedenes Lächeln darauf hervorzubringen.

»Ich sehe zu meiner großen Freude, Alfred ist gerechtfertigt,« sagte er laut, »wenn nicht etwa ein Freund desselben den Herrn Ragamuffin zum Widerrufe zu bestimmen verstanden hat. Wären Sie vielleicht dieser Freund gewesen, Herr Marc Price?« setzte er mit boshaftem Hohne hinzu.

»Nein, nicht ich,« versetzte dieser, den Banquier scharf ansehend: »aber ein Bekannter von mir, der ohne mein Zuthun das Unrecht wieder gut zu machen wußte, welches man unserem Alfred anzuthun versuchte.«

»Und darf man den Namen dieses Bekannten erfahren?« fragte der Banquier noch höhnischer. »Ohne Zweifel eine sehr achtbare Person, da sie so großen Einfluß auf die Presse besitzt!«

»Sein Name ist Capitän Neptune,« erwiederte Marc, den Banquier immer noch stark fixirend.

»Capitän Neptune?« rief der Banquier mit einem frohlockenden Hohnblick. »Wahrhaftig eine höchst achtbare Persönlichkeit! Der anerkannte Heerführer der Schläger und Raufbolde, der König einer Bande von Mördern, die unter dem Namen »Thugs« die halbe Stadt unsicher machen! Das also ist der Mann, der den guten Ruf des Herrn Johnson wieder herzustellen wußte? Bei Gott, einen bessern Gewährsmann für die Wahrhaftigkeit dieses offenbar mit Gewalt erzwungenen Widerrufs hätten Sie nicht nennen können!«

Diese höhnenden Worte verfehlten ihren Eindruck auf die Generalin offenbar nicht ganz, denn ihre Augen wurden trübe und ihre Lippen entfärbten sich. Marc Price aber erröthete vor Zorn bis über die Stirne hinauf. Er trat hart vor den Banquier hin und sah ihm fest ins Gesicht.

»Soll ich vielleicht den Capitän Neptune von den verächtlichen Worten benachrichtigen, die Sie so eben über ihn ausgesprochen haben?« fragte er ruhig, aber mit mühsam verbissenem Grimme. »Ich meine, der Capitän kennt Sie näher, als Sie sich einbilden und weiß auch, wer den ersten Artikel im Babblingpaper veranlaßt hat.«

Merkwürdig, ja außerordentlich fast war die Veränderung, die jetzt mit Herrn Morris vorging. Das so eben noch wie triumphirend blickende Auge des Banquier senkte sich zu Boden, die vor Aufregung fast glühenden Wangen wurden aschfarben, und der ganze Mann zitterte sichtlich. Er war nahe daran, umzusinken, und nur die äußerste Anstrengung erhielt ihn aufrecht.

»Ist Ihnen plötzlich unwohl geworden, Herr Morris?« fragte die Generalin, welche die plötzliche Veränderung in den Gesichtszügen des Banquier gewahrte, ohne deren Grund ahnen zu können. »Lassen Sie sich ins Haus führen, daß Sie sich dort erholen. Kommen Sie, Marc, helfen Sie mir den Herrn Banquier unterstützen.«

»Nein, nein,« rief dieser, sich gewaltsam emporraffend. »Es wird gleich vorüber sein, ich bin öfter derlei Blutwallungen unterworfen. Aber wenn Sie es erlauben, meine theuerste Frau Cooper, so möchte ich mich zurückziehen, ich habe ohnehin dringende Geschäfte abzumachen und die frische Luft auf dem Hudson wird mir gut thun. Marc, Sie begleiten mich wohl bis an meinen Wagen. Oder fahren Sie vielleicht mit mir nach New-York? Ich wäre sehr erfreut über Ihre Gesellschaft. Nicht? Nun, dann müssen Sie mir wenigstens versprechen, Ihren Besuch nicht mehr allzu lange auszusetzen, sonst wird Julie ernstlich böse, und Sie kennen sie noch nicht, das böse Mädchen. Sie ist im Stande und quält Sie zu Tode, wenn Sie sie erzürnen.«

So scherzte er sich in eine heitere Laune hinein und nahm mit einem so fröhlichen Gesichte Abschied, als gäbe es gar nichts in der Welt, das seinen Humor trüben könnte. Dann nahm er den Arm Marcs, damit dieser ihn bis an seinen Wagen begleite, der an dem großen Portale hielt.

»Sie nannten vorhin einen Namen, Marc,« sagte der Banquier, als er von den Uebrigen nicht mehr gehört werden konnte, »der einen sonderbaren Klang in New-York hat.«

»Sie meinen den Namen des Capitän Neptune,« meinte Marc trocken. »Gewiß, der Name hat einen sonderbaren Klang, denn er ist der alten Götterlehre der Griechen und Römer entnommen.«

»Ich nannte den Namen nicht aus diesem Grunde einen sonderbaren,« versetzte Herr Morris leise, »aber man sagt dem Capitän in der That so viele sonderbare Dinge nach, daß ich mich nicht genug wundern kann, wie Sie zu seiner Bekanntschaft gekommen sind. Sind Sie vielleicht ein – ein näherer Freund von ihm, und – und hat er Ihnen etwa ein Mehreres anvertraut? Wissen Sie, ich wünschte nicht, den Capitän zu beleidigen und es wäre mir daher nicht lieb, wenn die Worte, die mir vorhin in der Uebereilung entfuhren, ihm wieder zu Ohren kämen.«

»Ich bin kein Zwischenträger, Herr Morris,« sagte Marc kurzweg, »und werde mich daher auch nicht in die Beziehungen mischen, in denen Sie zu dem Capitän stehen mögen.«

Er machte dem Geldfürsten eine tiefe Verbeugung und trat in den Garten zurück, um seine frühere Gesellschaft wieder aufzusuchen. In demselben Augenblicke fuhr der Wagen des Banquiers in donnernder Eile der Ferry zu.

»Du vermuthest Etwas, mein Junge,« murmelte der Letztere vor sich hin; »aber du hast noch keinen rechten Anhaltspunkt und ich werde dafür sorgen, daß du keinen bekommst. Was aber diesen Capitän Neptune betrifft, so begreife ich nicht, wie Marc seine Bekanntschaft gemacht hat. Und noch weniger begreife ich, wie dieser Räuberhauptmann es sich beigehen lassen konnte, sich in meine Privatangelegenheiten zu mischen. Das war ein unangenehmer Morgenbesuch und das unangenehmste dabei ist, daß es auch ein vergeblicher war. Ich muß einen andern Plan erdenken, um zu meinem vorgesteckten Ziele zu gelangen.«

Unter solchen Gedanken fuhr er New-York zu. Die vier Menschen aber in dem friedlich-stillen Landhause zu Hoboken, die vor einer Stunde noch so heiter und froh gewesen waren, konnten den ganzen Morgen ihre frühere Stimmung nicht wieder gewinnen. Der Versucher hatte das abgeschiedene Haus besucht und die Sünde war auf dessen Schwelle getreten.



II. Band


1.
Die alte Brauerei.

Der Leser kennt bereits zwei Gegenden oder Stadttheile New-Yorks, welche sich durch die Verrufenheit ihrer Bewohner und durch die verpestete Luft auszeichnen, welche in ihnen weht. Das verrufenste Viertel dieser großen Stadt aber kennt er noch nicht, das Viertel nämlich, welches als das Asyl aller Schlechtigkeit und Gemeinheit, als die Sicherheitsherberge aller Schufte und Beutelschneider, aller Diebe und Mörder, aller Schamlosigkeit und Verworfenheit betrachtet werden kann. Wahr ist, in jenem Theile der Waterstreet, in welchem sich die vielberüchtigten Tanzhäuser befinden, von denen wir oben gesprochen haben, tummeln sich die verwegensten Gesellen und es herrscht daselbst ein so wüstes Treiben, daß man bei Nacht jener Gegend so viel als möglich aus dem Wege geht. Wahr ist, im Westbroadway und seinen verrufenen Nebengassen ist die Niedertracht und Gemeinheit förmlich eingebürgert und zu Hause und man kann keine zehn Schritte gehen, ohne zehn Male von Eckel ergriffen zu werden, wenn man auf die Träger solcher Niedertracht und Gemeinheit stößt. Allein in diesen beiden Vierteln wohnen wenigstens noch hie und da andere Menschen, das heißt solche, welche man unter die besseren rechnen muß; in diesen beiden Vierteln ist doch den Tag über Leben, Geschäftsleben nämlich, denn Eisenbahnen führen hindurch, Omnibusse durchkreuzen sie, Waarenkarren schleppen ihre schweren Lasten dahin und thätige Kaufleute, Commis, Handlanger und Hausknechte rennen hin und wieder. Erst wenn die Nacht ihre schwarzen Fittige ausbreitet, tritt die Eulennatur jener Stadtviertel hervor und die Fledermäuse und Raubvögel fangen an sich zu rühren. Ganz anders verhält es sich mit dem Stadtviertel, von dem wir jetzt zu dem Leser zu sprechen genöthigt sind, dem Stadtviertel der »Five Points« nämlich, zu deutsch: »dem Stadtviertel der fünf Ecken.«

Und kein kleines Stadtviertel ist es, dieses »Fünfeckenviertel,« sondern eines, in welchem drei, vier tausend und mehr menschliche Wohnungen stehen, in welchem mehr als zwanzigtausend menschliche Wesen ihre Schlafstätte haben! Fünf Straßen laufen hier zusammen und bilden an ihrem fünfseitigen Endpunkte – daher der Name five points – einen unregelmäßigen freien Platz, der jetzt, mit Gras bewachsen, der Spielplatz für Kinder ist. Welche von diesen fünf Straßen, – die Anthony-, Croß-, Orange- u. s. w. Straße – die hier theils ausmünden, theils ihren Anfang nehmen, die verrufenste ist, das kann Niemand sagen; aber ihre Verrufenheit haben sie beibehalten, trotzdem man ihren alten Titel in neuester Zeit geändert hat und sie dadurch in die Reihe der »ehrbaren« Straßen zu erheben suchte; ihre Verrufenheit haben sie beibehalten, trotzdem man eine christliche Erziehungsanstalt, ein Missionshaus für »heimische Bekehrung« in ihrer Mitte errichtet hat. Ja sogar der nun jahrelange Bestand des großen Stadtgefängnisses, »der Tombs,« hart an der Gränze der Five Points, hat keinerlei, oder nur wenigen, kaum sichtbaren Einfluß auf das innere Wesen dieses Viertels auszuüben vermocht. Noch immer werden die Worte »Five Points« nur mit Angst und Schrecken ausgesprochen; die Mütter schweigen ihre Kinder mit diesem Namen, die Frommen schlagen die Hände über dem Kopfe zusammen, wenn er genannt wird und die Vornehmen und Reichen schaudern vom Scheitel bis zur Sohle, wenn man ihnen zumuthen will, sein Bereich einmal mit ihrem aristokratischen Fuße zu berühren. Es gibt noch jetzt kein schreckenerregenderes Wort in den Vereinigten Staaten, denn alle Schrecken der Gesellschaft vereinigen sich in ihm; es ist die Personification der Sünde in allen ihren Zweigen! Es mag vielleicht Manchem sonderbar erscheinen, aber deßwegen ist es doch nicht weniger Thatsache, daß es in jeder großen Weltstadt, in Paris wie in London, und in London wie in New-York ein Viertel gibt, wohin sich alles Lumpengesindel, alle Beutelschneider und Diebe, alle Räuber und Mörder, alle Dirnen und Vagabundinnen, welche auf der letzten Stufe des Verbrechens stehen, wie in einen sichern Port zurückziehen. Wie die Reichen und Vornehmen ihre Quartiere haben, worin sie kein fremdes, für ihre Gesellschaft nicht passendes Wesen dulden, so auch die Hefe der menschlichen Gesellschaft! Und noch sonderbarer ist es, daß dieses Beutelschneiderquartier nie außerhalb der Stadt, außerhalb des Verkehrs liegt, sondern im Gegentheil stets in Mitten der belebtesten Theile, immer mitten zwischen den Hauptstraßen, den Hauptpulsadern des Verkehrs und des Lebens. Die »Five Points« liegen zwischen dem Broadway, der ersten Straße New-Yorks und vielleicht der ersten und feinsten Straße der Welt, und zwischen der Chatamstreet und ihrer Fortsetzung der Bowery, den Hauptgeschäftsstraßen des Kleinverkehrs dieser immensen Handelsstadt. Keine hundert Schritte von ihrer Gränze erhebt sich die herrliche Cityhall, das große Marmorrathhaus der New-Yorker, welches von Fremden wie Einheimischen gleich sehr bewundert wird, und worin die höchste Herrschergewalt dieser meeregebietenden Metropole thront! Keine hundert Schritte von ihrem Beginn ist der Centralpunkt einer fünfzehnhundert Mann starken Polizeimacht, die im Stande zu sein sich rühmt, für die Sicherheit der Personen und des Eigenthums von ganz New-York zu garantiren! So also, mitten im Herzen der großen Stadt, haben die ihren Sitz aufgeschlagen, welche sich um Polizei und Gesetz, um Recht und Moral kein Jota kümmern; mitten drin, zwischen dem Schaugepränge der Pracht, des Reichthums und der Eleganz, wie sie die Läden der Bowery, der Chatamstreet und des Broadway aufweisen, mitten darin, zwischen den Hauptverkehrsstraßen der feinen Welt, auf welchen allstündlich Tausende, in Seide und Sammt gekleidet, auf- und abwogen, mitten hier innen ist die Heimath, die Urwohnstätte des Elends, der Verkommenheit, des Lasters, der Sünde! Nie auf einem Fleck Erde zeigten sich die Gegensätze schroffer!

Man mag sich dem »Fünfeckenplatz« nähern, von welcher Seite man will, von der Cityhall, dem Broadway, der Canalstreet oder der Bowery, er bleibt sich immer gleich und die dahin führenden Straßen bieten alle denselben Anblick! Sie sind eng und schmutzig zumal und verbreiten einen Geruch, daß eine gute Lunge dazu gehört, in ihnen Athem holen zu können. Die Leute, die dort wohnen, führen eine gar absonderliche Lebensweise, und ihre Nahrungsmittel sind von der Art, daß keine gute Ausdünstung auch nur annähernd möglich ist. Abgänge von Salzfischen, verfaultes Obst, alte Knochen mit stinkenden Fleischtheilen liegen schichtenweise in den engen Gassen, das Pflaster oft zolldick bedeckend und im Sommer zumal in eine fauligte Gährung übergehend, welche die Luft ringsum mit einem mephitischen Pestdampfe anfüllt. Dazu kommt noch der Dunst und Qualm, der aus den Häusern dringt, weil die einzige Kochweise in »schmoren, in ranzigem Fette schmoren« besteht! Und endlich der Unflath und der Koth, mit dem die Menschen selbst, wie ihre Wohnungen überzogen sind! Man gehe einmal hin und besehe sich diese Menschen und diese Wohnungen, und man wird nicht mehr zweifeln, daß hier eine Pestbeule in Mitten von New-York Platz genommen hat, deren Eiter für Jeden, der von demselben berührt wird, todtbringend ist. Die Häuser sind meist Holzhäuser aus den »alten Zeiten,« und alte Zeiten sind in New-York »hundert« Jahre. Ist ja doch seine ganze Geschichte kaum über zweihundert Jahre alt! Sie sind zum Theil zwei-, einzelne sogar dreistockig, die meisten aber haben nur einen Stock mit einer Art Giebeldach, ganz verschieden von der neueren Bauart der Häuser in New-York, die fast sämmtlich platte Dächer haben. Manche derselben nehmen sich, von den Straßen aus betrachtet, noch ziemlich gut erhalten aus; bei einigen sind sogar in die vordere Grundmauer neue Backsteine eingeflickt; durchaus die Meisten aber sehen verfallen, baufällig, lotterbudenmäßig aus; sie haben sich auf die Seite geneigt und drohen beim nächsten Windstoße über einander zu fallen. Ein Glück, daß sie hart an einander gebaut sind; so erhält noch Eins das Andere! Wie aber die Mauern und das Aeußere überhaupt, so ist auch das Innere und die ganze Einrichtung. Die Fenster haben den Glaser seit vielen Jahren nicht gesehen; ist eine Scheibe abgängig geworden, so wird sie durch Papier oder Holz ersetzt; dasselbe gilt von den Läden, Treppen, Thüren, Fußböden, – nirgends wird reparirt und Verfallenes, Verfaultes, Vermodertes neu hergestellt; Alles bleibt Jahr aus Jahr ein beim Alten! Der Schmutz liegt in den Gängen, in den Stuben, allüberall so dick, daß man aus jedem Häuschen die größte Karrenladung wegschleppen könnte; die noch ganzen Fensterscheiben sind so von Wind und Wetter zerfressen, daß es eine Unmöglichkeit ist, durchzusehen; das Ungeziefer, besonders die Wanzen, die große Plage New-Yorks, haben sich in den Balken, in den Dielen, in den Brettern und Latten, aus denen das Haus besteht, in solchen Massen einlogirt, daß es lediglich nicht zu begreifen ist, warum diese Thierchen das ganze Haus noch nicht fortgeschleppt haben. Es sind Prachtexemplare von Häusern!

Und wie die Wohnungen, so sind die Menschen, die drin hausen. Man gehe einmal hin, am hellen, lichten Tage, wenn die Sonne scheint, wo bei jedem Menschen, auch dem verdorbensten, noch ein Rest von Schamgefühl sich regt. Da sitzen sie vor ihren Baracken, die Damen der Five Points! Die Füße bloß, die Arme nackt, Kopf, Busen und Hals unbedeckt; das Gesicht roth und aufgedunsen, das eine Auge blau, das andere blutunterlaufen; im Munde einen kurzen Pfeifenstummel, einen gräßlichen Qualm ausstoßend, um den Leib einen zerrissenen Rock, der vor Schmutz trieft! Da sitzen sie auf den Thürschwellen ihrer baufälligen Hundelöcher, die Eine eine Negerin, die Andere eine Irländerin, die Dritte eine Halbweiße, die vierte ohne bestimmte Heimath, aber Alle, so früh es auch am Tage ist, schon halb betrunken, Alle ungewaschen mit Koth an den Füßen, einen Fluch auf der Zunge und eine Gotteslästerung im Gesichte! Sieh dir sie an, diese Weiber, diese »Engel in Menschengestalt!« Sieh dir sie an und wenn du genug an ihnen hast, dann vergiß auch nicht einen Blick auf die »Judenweiber« zu werfen, die hier in den verfallenen Boutiqen feil haben, und die statt sich ihres Aufenthalts zu schämen, ihren Hundekram »Waarenlager« heißen, und mit demselben Stolze betrachten, wie der Broadwayladeninhaber sein mit Millionenwerth gefülltes Gewölbe! Sieh dir sie an, diese frechen Judengesichter, mit den vergilbten Wangen, der schmutzüberzogenen Stirne, dem unfläthigen Munde, der unzüchtigen Rede, die hier in den Five Points sich niedergelassen haben, um mit Dieben und Mördern »Geschäfte« zu machen! Sie sind nicht selbst Diebe und Mörder, oder wenigstens selten, da ihnen der Muth dazu fehlt, aber sie sind die Hehler und Helfershelfer; ja, sie sind noch schlechter, als die Diebe und Mörder, denn sie veranlassen den Diebstahl, sie veranstalten den Mord, sie geben die Gelegenheit zum Raube! Sie sind nicht Eingeborne der Five Points, wie die meisten andern dort Ansäßigen, denn in diesem Fall wären sie noch zu entschuldigen, da man dann sagen könnte, sie haben von früher Jugend nichts Anderes gesehen; nein, sie sind erbärmlicher, als die dort eingebornen Schufte, denn sie sind extra dahin übergesiedelt, um ein Anrecht zu haben, sich im Koth und der Niederträchtigkeit zu wälzen! Da sehen sie noch manierlicher und appetitlicher aus, die Grogshops oder Schnapskneipen der Irländer, die nebst besagten Juden und einigen verkommenen deutschen Schuhflickern die Einzigen in dem Fünfeckenviertel sind, welche den Gewerbe- und Kaufmannsstand vertreten! Und doch, großer Gott, wie sehen diese Schnapskneipen aus, wie sind sie von Koth und Elend, von Schmutz und Gestank überzogen, und sie sollen noch appetitlicher sein, als die Judenboutiqen? – Aber sieh dir sie an, diese Grogshops in den Fünf Points! Sieh dir sie an und ihre Insaßen, denn es ist der Mühe werth! Siehst du hier die halbnackten Nigger, die eher schwarzen Schweinen gleichen, als Menschen; siehst du die lumpenumhüllten Irländer oder die lehmigt gelblichen Mulatten mit ihren funkelnden Augen und ihren unheimlichen Gesichtern, mit ihren geballten Fäusten und ihren wüthenden Geberden, mit den halbausgeschlagenen Augen und den blutigen Striemen über dem Antlitz von der letzten nächtlichen Fehde her? Hörst du die Blasphemie in ihren Reden und die Gotteslästerung in ihren Flüchen? Siehst du die Sprache der Hölle in ihren Manieren und weißt du jetzt, wie sie aussehen, die Männer, die gestern einen Einbruch verübten und heute Nacht einen Mord begehen werden? – Und hast du sie dir lange genug angesehen, die Männer der Five Points nebst ihren »Damen,« dann wirf auch noch einen Blick auf die Sprößlinge dieser Verbindungen, auf die Niggerbuben und Judenbuben, auf die halbweiße und auf die irische Race! Siehst du sie, die Rangen, wie sie in den Gossen sich balgen, wie sie im Kothe und im Unflath sich herumzerren? Siehst du die Niggerbuben oben drauf, mit Gesichtern, wie eine Bulldogge, mit Sprüngen, wie eine junge Katze, mit Grimassen, wie ein Affe? Hörst du das Gebrüll und Gejohl der Alten über der Lust der Jungen, und siehst du, wie Hund und Katzen sich in das allgemeine Tollen mischen, und Eins über das Andere hinkollert, sich gleichsam einhüllend in den halbschuhhohen Schmutz der Straße?

Solcher Art ist das Leben der Five Points am Tage, – bei Nacht ist es natürlich noch bunter. Das ist ein Geschrei und ein Tumult, ein Brüllen und ein Wüthen, daß man glaubt, die halbe Hölle sei los. Weiber, Männer und Kinder, Alles ist auf der Straße, oder in der Schnapskneipe, sich liebkosend, sich zankend, sich prügelnd, sich zerrend, sich wälzend, sich beißend. Inzwischen aber, inmitten des Tumults, geht das »Geschäft« seinen Gang, denn die Inwohner der Five Points haben auch ihr Geschäft, – und ein einträgliches Geschäft ist's! Die Männer lauern entweder in den Durchgängen, an den Ecken, hinter verborgenen Winkeln, um »Unschuldige« zu kapern und ihres Ueberflusses zu entledigen, oder sind sie in Compagnie auf ihre »Züge« ausgezogen und kehren heim beladen mit den Früchten ihres Raubes oder Diebstahls. Ihr Gang ist aber nicht heimwärts gerichtet, sondern sie eilen den Judentrödelbuden zu, von denen wir oben gesprochen, und deren Inhaber, die Ehemänner jener frechen, schmutzigen Judenweiber, kaufen ihnen das »Erworbene« um ein Spottgeld ab, um es den andern Tag durch andere Glaubensgenossen sogleich weiter zu spediren, damit der Raub und Diebstahl unentdeckt bleibe; denn die Judenschaft daselbst ist eine große Innung und eng verbündet mit andern Innungen über alle Länder und Meere des großen amerikanischen Continentes. – Mit dem erlösten Sündengelde in der Tasche wandern die Männer der Five Points in die Schnapskneipen und ruhen nicht, bis die Zunge lallt, das Auge im Kopfe rollt und die Knie wanken und brechen. Den andern Tag ist ihr Beutel wieder so leer, als den Tag zuvor, und sie sind demnach gezwungen, am Abende von Neuem auf den Raub auszuziehen. Aber wehe dem, der sie in diesem »ihrem Geschäfte« stören wollte! Das Messer ist zur Hand, die Faust ist zum Stoße bereit, denn die Räuber der Five Points sind Männer und kennen keine Furcht; diese überlassen sie den »Halbeingebürgerten,« d. i. den Dieben und Schleichern aus andern Stadtvierteln, welche in den Five Points zwar eine Zuflucht finden, ein sicheres Asyl, die aber nicht dort zu Hause, nicht dort eingebürgert sind! – Wie aber die Männer, so die Frauen. Auch sie haben ihre »nächtlichen Geschäfte;« auch sie haben ihre »Raubzüge« zu machen, Raubzüge, die oft noch nutzbringender ausfallen, als die Züge der Männer! Zu diesem Behufe werfen sie Nachts, wenn die Gaslaternen nur ein mattes Licht verbreiten, alte seidene Fetzen um sich, welche sie von bessern Zeiten her aufbewahrten; dann färben sie sich die Wangen roth, daß man die Verzerrung ihrer Züge weniger gewahre, und wehe dem, der sich in ihren Netzen fangen läßt! Sie führen ihn in die Five Points, in einen Haus- oder Thorgang irgend einer der engen schmutzigen Straßen, und urplötzlich stürzen sich die vorher schon bestellten Genossen und Auflaurer über ihn her und schlagen ihn nieder, und reißen ihm Börse, Uhr und Kette vom Leibe und werfen ihn endlich in die Gosse, halb todtgeschlagen, ohne Geld, ohne Kleider! Der Fürwitz muß gestraft werden, und besonders der Fürwitz, bei Nacht sich in die Five Points verlocken zu lassen. Wagt sich ja doch selbst die Polizei nicht in dieses Viertel, wenn der Zeiger der Cityhalluhr auf Mitternacht zeigt! Wissen ja doch sogar sie, die Sicherheitsbeamten, daß sie Leben und Eigenthum aufs Spiel setzen, so bald sie Nachts die Schwelle dieses Verbrecherrevieres betreten!

Freilich bei Tage wagen sie sich jetzt hinein in diese verrufenen Gassen, und an jeder Ecke steht Einer, das Treiben des Gaunergeschlechtes da innen auszuspähen. Hie und da erkühnt sich die Polizei sogar, zehn oder zwölf Mann hoch einzuschreiten, und eine Verhaftung wegen Schlägerei, wegen Diebstahls, wegen Raubs oder auch wegen Mords vorzunehmen. Aber sie ist vorsichtig bei ihren Manövern, äußerst vorsichtig; denn die Bewohner der Five Points sind kluge Leute und haben ihre Augen überall, und wenn Einer von ihnen in Gefahr kommt, so treten sogleich ein Dutzend oder auch ein paar Hundert zusammen, ihm fortzuhelfen. Die Polizei wird aufgehalten und chicanirt, Hindernisse aller Art werden ihr entgegengestellt, offene und heimliche, List und Gewalt, bis der Räuber oder Mörder über verschiedene Hinter- und Nebenhäuser in eine ganz entgegengesetzte Stadtgegend entkommen ist. Die Polizei muß daher sogar bei Tage immer mit Uebermacht auftreten, wenn sie im Ernste einen Fang machen will. Doch geht es jetzt nicht mehr so schwer, als früher, das heißt, wenn es der Polizei in der That und Wahrheit Ernst ist, aber – wie oft ist es ihr Ernst? Steht sie doch in genauester Verbindung mit den dortigen Dieben und Mördern! Unterhält sie doch die intimste Bekanntschaft mit den dortigen Räubern, den männlichen, wie den weiblichen! Wie sollte sie also sich Gehorsam zu erzwingen Lust bezeugen? Uebrigens, wenn hie und da ausnahmsweise Verhaftungen vorgenommen werden, so werden sie sicher nur bei Tage vorgenommen; aber – bei Nacht? Nein, da ginge es nicht, auch wenn die Polizei wollte! Ist ja doch um diese Zeit die ganze Population der Five Points auf den Beinen und würde sich nicht scheuen, auch ein halbes Regiment von Polizeidienern zu vernichten, wenn diese Gewalt brauchen wollte! Oder wie wäre es möglich, einen Dieb oder Räuber in diese Schlupfwinkel zu verfolgen, wo von jedem Dache Ziegel herabgeschmettert werden, wo aus jedem Durchgang Hiebe fallen, wo die Beleuchtung so sparsam ist, daß man die Feinde nicht sieht, bis man von ihnen überfallen ist? Nein, bei Nacht wagt es die Polizei auch jetzt noch nicht, mit Gewalt einzuschreiten oder eine Verhaftung vorzunehmen, sondern sie begnügt sich, am Eingang der engen Straßen sich aufzustellen und von sicherer Ferne zu beobachten, was im Innern vorgeht. Darum darf man sich auch nicht wundern, wenn man tagtäglich von Schlägereien hört oder von Raub- und Mordanfällen liest, welche in der Nacht zuvor in den Five Points vorgefallen sind, und noch weniger darf man sich wundern, wenn immer der Beisatz dabei steht, daß »keinerlei Verhaftungen vorgenommen worden seien;« denn die Polizei steht entweder mit dem Gesindel im Bunde, oder wagt sie es nicht, ihre Haut zu Markte zu tragen. Das einzige Mittel, sich gegen solche Abscheulichkeiten zu sichern, ist das, – wegzubleiben!

So sieht es noch jetzt in den Five Points aus, jetzt im Jahre Ein tausend achthundert und achtundfünfzig, – und vielleicht noch nach manchem Jahrzehnt, wird sich dieser Charakter nicht verloren haben. Wie ganz anders aber sah es hier aus vor wenigen acht Jahren? Wie ganz anders in dem Zeitpunkte, in welchem unsere Geschichte spielt? Damals stand die alte Brauerei noch, »the old Brewery«, wie die New-Yorker mit einem gewissen Selbstbewußtsein sagen, weil es nur Eine alte Brauerei in der Welt gab. Damals stand sie noch, sie, die Zufluchtsstätte aller Räuber, Diebe und Mörder, das Asyl, wo jeglicher Verbrecher sichere Unterkunft fand, in deren Inneres kein Machthaber der Stadt oder des Staates je einzudringen vermochte! Die alte Brauerei, jenes geheimnißvolle Gebäude, welches, während es existirte, von keinem »Nichteingeweihten« je genau untersucht wurde, und an dessen Namen sich Sagen und Geschichten knüpften, welche Einem das Haar sich sträuben machten! Die alte Brauerei, ein sichererer Port für Alle, »so in Noth und Bedrängniß waren,« als je ein geheiligtes Kloster des Mittelalters, und ein gewisserer Untergang für alle dahin Verlockten oder Verschlagenen, als je ein Thurmverließ in einer der alten Burgen europäischer Zwingherren!

Es war dieß ein großes, weitläuftiges Gebäude mit vielen Anbauten und Anhängseln, zum Theil einstockigt, zum Theil zweistockigt, ohne besonderen Styl und ohne irgend eine Auszeichnung, als die des Moders und des Zerfalls. Von welcher Zeit dieses Gebäude herrührte, konnte Niemand mit Bestimmtheit angeben; ohne allen Zweifel aber stammte es von den Tagen her, da die Holländer die Stadt unter dem Namen »Neuamsterdam« inne hatten, denn die Giebel waren spitz und die Dächer schief. Die vielen Anbauten und baulichen Veränderungen aber, die ohne Zweifel später hinzu kamen, mochten wohl von späteren Besitzern herrühren, als Neuamsterdam längst in die Hände der Engländer gekommen war und der Titel der Stadt sich in den von »New-York« verwandelt hatte. Es stand auf demselben Platze, welchen jetzt das »Fivepointsmissionshaus« einnimmt, gerade gegenüber dem kleinen grünen Fleck Erde, auf dem nun die Kinder des Fünfeckenviertels spielen und von dem wir oben schon gesprochen haben. Sein Aussehen war nicht besonders schaudererregend, im Gegentheil, man glaubte nichts als einen halbzerfallenen alten Rumpelkasten von einem großen Gebäude vor sich zu haben. Dennoch eilte Jeder, der in seine Nähe kam, mit geflügelten Schritten weiter und suchte sich in schnellster Schnelligkeit aus seinem Bereiche zu bringen. Wußte man ja doch aus alten Erzählungen, wie aus neueren Zeitungsberichten, wie Viele darin spurlos verschwunden waren! Wußte man doch, daß seine Insaßen alle zu jener verwegenen Sorte von Menschen gehörten, die vor nichts in der Welt zurückbebten, vor keiner Rohheit, keiner Gewaltthat, keinem Verbrechen! Wußte man doch, daß der, welchen der Polypenarm der alten Brauerei erfaßt habe, unrettbar verloren sei, weil keinerlei Befehle, keinerlei Drohungen, keinerlei Versprechungen die Mitglieder der Polizei, »die beschworenen und besoldeten Wächter der Sicherheit,« bewegen konnten, die Schwellen dieses Gebäudes zu übertreten! – Wem das Gebäude gehöre, konnte Niemand mit Sicherheit angeben. Man murmelte wohl von einem vornehmen Herrn, welcher als Vorsteher einer Bibelanstalt eines fast heiligen Rufes genoß, und der es um theuren Preis an einen Engrosmiether abgegeben habe; aber mit Gewißheit wußte man nur so viel, daß alle Jahre seit langer Zeit ein alter Mann aufs Rathhaus kam und die auf dem Hause ruhende Steuer bezahlte. Der alte Mann nannte sich »Peter Shoemaker« und war unter dem Namen »Pete« in den ganzen Five Points bekannt. Er wohnte seit vielleicht sechszig Jahren in der alten Brauerei und war ohne Zweifel der Verwalter oder Pächter derselben, denn er schaltete darin mit unumschränkter Machtvollkommenheit und Niemand wagte es, mit ihm in Widerspruch zu treten. Man wollte wissen, daß der alte Pete seinem Herkommen nach ein Deutscher sei, ob er gleich die deutsche Sprache fast ganz verlernt habe; aber mit Gewißheit und Bestimmtheit konnte Niemand etwas von ihm angeben; man wußte nur, daß er der Herbergsvater der alten Brauerei sei und der Vertraute aller derer, die mit diesem Gebäude in Verbindung standen. Er vermiethete ohne Zweifel einen Theil des Gebäudes, denn die Vorderseite desselben erschien immer bewohnt; ob aber auch der Hintertheil und die vielen Nebengebäude und Anbauten vermiethet waren, und wie er es mit dem Miethzinse hielt, diese Fragen konnte Niemand beantworten. Von was der alte Pete lebe, wußte ebenfalls kein Mensch, ihn selbst ausgenommen. Offenbar war er nicht selbst Dieb oder Mörder; offenbar gehörte sein eigenes Thun und Treiben nicht der Verbrecherzunft an; aber er kannte alle Diebe, alle Räuber, alle Mörder; er war ihr Vertrauter, ihr Beherberger! Er war es nicht, der stahl oder stehlen ließ, Er war es nicht, der mordete oder morden ließ, aber bei ihm fanden die Räuber und Mörder eine Zuflucht, daß keine Seele auf Erden sie zu finden vermochte! Lebte er vielleicht von den Abgaben, die ihm die Räuber und Mörder zahlten? Niemand kann es sagen. Eben so wenig wußte Jemand von der inneren Einrichtung der alten Brauerei etwas mit Bestimmtheit zu erzählen; denn die es wußten, sagten es nicht, und – Alles, das ganze Geheimniß, wußte nur Einer, Er, der alte Pete! Wohl munkelte man von geheimen Gängen und verborgenen Kellern, wohl von trügerischen Fallthüren und unterirdischen Schlupflöchern, wohl von verschobenen Treppen und labyrinthischen Zimmern, aber noch Niemand war durch dieses Labyrinth gekommen, der im Stande oder Willens gewesen wäre, das Verständniß dazu Anderen mitzutheilen! So war und blieb man im Dunkeln, und wußte blos, daß die alte Brauerei ein sicherer Zufluchtsort für alle die sei, denen der alte Pete dort Zuflucht zu suchen erlaube; man wußte blos, daß Jeder, der dort Obdach fand, unbeanstandeter aufgehoben war, als an irgend einem andern Orte in oder außerhalb der Stadt, denn nie und nimmer war es erhört worden, daß der Arm der Gerechtigkeit bis in die alte Brauerei gereicht hätte! Erst als man vor etwa sechs Jahren, nämlich im Jahre 1852, daran ging, die alte Brauerei abzubrechen, kam man zur Enthüllung der lang vermutheten Geheimnisse; erst dann wurde der schreckensvolle Ort aufgedeckt und das Auge des Nichteingeweihten durfte die Verborgenheiten erschauen, welche das Gebäude so lange zum Gegenstand der Furcht und des Bebens gemacht hatten. Der alte Pete war damals schon fast ein Jahr lang gestorben und auch der fromme oder vielmehr scheinheilige Inhaber des Anwesens hatte längst das Zeitliche gesegnet, da gelang es endlich einer mildthätigen Gesellschaft, den Platz zu erkaufen, um auf seiner Stelle das Missionshaus zu errichten, welches die Five Points in ihren Grundfesten zu erschüttern bestimmt war. Es war dieß ein Ereigniß für die ganze Stadt New-York. In allen Zeitungen las man mit großen Buchstaben angekündigt, daß die »alte Brauerei« zum Abbruche bestimmt sei. Die ganze Welt wurde eingeladen, das merkwürdige Gebäude vorher noch einzusehen, und halb New-York, nebst vielen Tausenden von Auswärtigen, machten von dieser Einladung Gebrauch, obgleich ein Entreegeld von einem Schilling, d. i. einem Achtelsdollar oder achtzehn Kreuzern gefordert wurde. Eine starke Polizeimannschaft war aufgestellt, um das Gebäude zu bewachen, und die zu beschützen, welche gekommen waren, dasselbe »für ihr Geld« zu besichtigen. »The old Brewery« war damals die Loosung von Hunderttausenden, und vierzehn Tage lang waren die Straßen und Gassen, die dahin führten, von Neugierigen förmlich belagert. Die Insaßen der Five Points wußten nicht, wie ihnen geschah; sie fühlten sich in ihren innersten Rechten gekränkt, und wäre nicht halb New-York auf der Wallfahrt dahin begriffen gewesen, so würde es wohl zu einem Ausbruche, zu einer gewaltsamen Abwehr der Eindringlinge gekommen sein. Unter besagten Umständen aber waren die Fivepointer gezwungen, sich ins Unvermeidliche zu schicken, bis der erste Sturm vorüber war. So drang denn die unabsehbare Masse – jeden Tag an die zehn Tausende – in die große Diebsherberge ein! Alle Winkel und Winkelchen, alle Gelasse und Keller wurden von den Neugierigen untersucht, und doch fanden sie kaum die Hälfte der vorhandenen Räume! Erst, als dann einige Wochen später das ganze wurmstichige Gebäude abgerissen wurde, als Mauer um Mauer fiel, als eine Localität nach der andern sichtbar wurde, fand man die geheimen Thüren, die geheimen Gänge, die geheimen Treppen, die geheimen Falllöcher, die geheimen Zufluchtsörter, die unterirdischen Gemächer, die unterirdischen Verbindungskanäle, die ganze verborgene, früher allen Laien verschlossene Welt der Old Brewery, des großen Geheimnisses von New-York! Und tief unten in den abgelegensten Räumen, in Orten, in welche gar kein Zugang möglich schien, fanden sich Gebeine von menschlichen Körpern, Gerippe von menschlichen Wesen, die vielleicht früher dahin als Schlachtopfer geschleppt worden waren, nachdem man sie beraubt und bestohlen hatte, denn – Todte sprechen nicht! Gerippe von Menschen, die vielleicht den Spion und Verräther gemacht und deren gewaltsamer Tod nur die Strafe ihres Räubermeineids war! Gerippe von Menschen, die vielleicht auf Erden dem Gesetze verfallen, hier eine Zufluchtsstätte fanden und es bis zu ihrem natürlichen Ende nicht mehr wagten, an Gottes freie Sonne zu treten! Wer vermag es zu sagen, welche Geheimnisse hier begraben sind? Denken doch in New-York jetzt schon nur noch Wenige daran, daß hier, an demselben Platze, wo jetzt das stattliche Gebäude der innern Mission für verwahrloste Kinder der Five Points errichtet ist, einstens die gefürchtete alte Brauerei stand, von der nur noch Diebe und Räuber in dankbarer Erinnerung zu sprechen oder Geschichtsschreiber, um die Kunde davon der Nachwelt zu bewahren, – zu erzählen wissen! In New-York lebt man schnell. In einigen Jahrzehnten wird der Name »Old Brewery« ins Bereich der Ammenmährchen gehören. Die aber, die das Gebäude sahen, die, welche den Schrecken miterlebten, der einst von ihm ausging, die werden nicht vergessen, daß die alte Brauerei das einzige Stück Romantik ist, welches jene Weltstadt des neuen Continents aufzuweisen hat, und gehörte zehnmal diese Romantik ins Gebiet der Diebs- und Räuberromantik!

Es war spät in der Nacht, kaum sechs Wochen, nach dem Tage, an welchem unsere Geschichte begonnen hat. Wir befinden uns in einem abgelegenen Gemache des hinteren Theiles der alten Brauerei. Das Gemach ist nur spärlich von einem Talglichte beleuchtet, denn wenn auch das ganze übrige New-York in einem Feuergasmeere strahlt, die alte Brauerei ist tief in Finsterniß begraben. Die Einrichtung des Zimmers muß eine fast mehr als einfache genannt werden. Ein Tisch, eine Matratze auf dem bloßen Boden, ein paar Stühle, das ist Alles! Aber auf dem Tische steht kalte Küche, wenn nicht in Auswahl, doch in überflüssiger Menge und auch die für jeden eingebornen Amerikaner unentbehrliche Brändiflasche ist nicht vergessen. Es ist nur Ein Mann im Zimmer, ein hochgewachsener, kräftiger Bursche, doch etwas bleich, wie Einer, der eben vom Krankenlager ersteht. Wir kennen ihn, diesen Burschen, denn es ist kein Anderer als Nick Myers, der Sohn des würdigen Ehepaars, welches im zweiten Kapitel unserer Geschichte von uns des Näheren geschildert worden ist. Er schreitet mit großen Schritten im Zimmer auf und nieder und wir sehen es ihm an, daß er von einer großen Unruhe hin- und hergetrieben wird.

»Ob sie wohl kommen wird?« murmelte er vor sich hin. Sie, die gute fromme Seele, in die große Diebshöhle New-Yorks? Eine Amerikanerin würde sich nichts mehr um mich bekümmern; eine solche hätte sich längst von mir losgesagt und einen Andern genommen! Aber sie ist eine Deutsche, und es ist ein eigenes treues Geschlecht, das Geschlecht der Deutschen, das wir so sehr verachten! Sie würde durch's Feuer für mich gehen! Marie hat ihr Alles gesagt, sie konnte nicht anders, und doch hängt Lisy noch an mir, wie früher, da sie mich für ehrlich hielt! Aber sie soll ihre Hoffnung nicht vergebens auf mich setzen, ich werde ehrlich werden! Wir werden weit weg von hier fliehen, in eine Gegend, wo Niemand auf Meilen weit wohnt, wo der Mensch von Neuem geboren werden kann, wo es ihm möglich ist, einen neuen Menschen anzuziehen. Ich werde ehrlich sein; meine Kinder sollen ehrlich sein und meine Nachbarn sollen mich hochachten wegen meiner Ehrlichkeit. Und doch! Hat der Philosoph nicht recht? Sollte seine Geschichte nicht ein warnendes Beispiel für mich sein, daß es mir nicht glücken wird? Ja, warum suche ich diese Ehrlichkeit? Wer hat mir je Gutes gethan, die Ehrlichen oder die Unehrlichen, die wegen ihrer Frömmigkeit Angesehenen oder die als Diebe, Räuber und Mörder Verschrienen? Wer hat mich vor den Händen der Polizei gerettet, daß ich nicht an den Galgen kam, wer anders als Capitän Neptune, der Anführer der Thugs? Wer hat mich hier verpflegt und mir die Gesundheit wieder gegeben, wer anders, als der alte Pete, dessen Name so gefürchtet ist, als der Name der alten Brauerei selbst? Wer hat mein Weib in ihrer Noth unterstützt, wer ist ihr allein beigesprungen, daß sie nicht vor Hunger, Elend und Gram umkam, wer anders als Marie, die verachtete schwarze Marie von Mutter Mags verrufenem Keller? Und mit welchen Mitteln hat sie es gethan, auf wessen Antrieb hat sie es gethan? Gewiß, auch diesen großmüthigen Beistand habe ich nur dem Capitän und dem alten Pete zu verdanken. Wo ist unter den Ehrlichen Einer, der gleicher Freunde, gleicher Unterstützung sich rühmen konnte? Nicht Einer ist darunter, denn wenn je etwas von den Frommen und Angesehenen unter den Christen für einen armen Verlassenen geschieht, so geschieht es als ein Almosen, als ein Gnadengeschenk gegen einen Bettler, und demüthig wie ein Hund muß dieser die huldvoll spendende Hand für die unverdiente Gabe küssen. Man wäre oft fast versucht, ein auf solche Art gegebenes Almosen dem Wohlthäter vor die Füße zu werfen! Und dennoch, trotz allem dem, willst du ehrlich werden, Nick?« fuhr er sich mit der Faust vor die Stirne schlagend laut fort. »Ja, ich will; dennoch will ich. Nicht den Menschen zu lieb will ich's, sondern ihr zu lieb und meinen Kindern zu lieb; denn sie sollen mich achten! Und ich selbst will mich achten können; und wenn es mir noch so schlecht geht, wenn ich trotz harter Arbeit und schwerer Anstrengung kaum so viel erringe, um uns nothdürftig zu ernähren, so will ich mich Abends zur Ruhe legen mit dem Bewußtsein; es war ehrlich verdient und Gott wird weiter helfen!«

»Schöne Grundsätze, das! Sehr schöne Grundsätze, Nick!« sagte plötzlich eine tiefe, ruhige, obwohl etwas spöttisch klingende Stimme neben ihm. Sie gehörte einem trotz seinem offenbar hohen Alter noch überaus kräftig aussehenden Manne an, dessen kurze, derbe, vierschrötige Gestalt gegen den klugen Kopf und die feinen Gesichtszüge etwas sonderbar abstach. Der Mann mochte dem äußern Anblick nach vielleicht sechszig Jahre zählen, in der That aber war er mehr als siebenundsiebzig alt; in früheren Zeiten kannte derselbe wohl keinen, der sich mit ihm an Kraft gemessen hätte, denn noch jetzt trotz der hohen Jahre stand er fast athletisch da und die Füße wurzelten in den Boden, als wären sie mit demselben festgewachsen; das Haar war schneeweiß, aber bedeckte den Kopf in dichten Locken; das Merkwürdigste an ihm jedoch war sein Auge, denn obwohl die Augenlieder etwas röthlich schimmerten, wahrscheinlich in Folge des Mangels an frischer Luft seit einer langen Reihe von Jahren, so blickte dasselbe dennoch so klar und durchdringend, daß man seinen Strahl nicht lange aushalten konnte. Der Ausdruck des Gesichts war ein eben so merkwürdiger, denn wenn man ihn für gewöhnlich als einen ruhigen, fast sarkastischen bezeichnen konnte, so war er zu andern Zeiten wieder streng, fast grausam zu nennen, während er vielleicht gleich darauf, ja fast in demselben Augenblicke als gutmüthig und leutselig zu bezeichnen war. Das war der alte Pete, der Beherrscher der alten Brauerei.

»Recht hübsche Grundsätze, Nick!« sagte der alte Pete, der unbemerkt und ungehört durch eine Nebenthüre eingetreten war. »Höre derlei Reden nicht viel in der alten Brauerei, sehr selten sogar, höchstens von Einem, bei dem's zu Ende geht. Die Leute entwickeln oft merkwürdige Anlagen zur Frömmigkeit und Tugend, wenn es Matthäi am Letzten mit ihnen ist. Kenne aber auch ganz andere Bursche, Bursche, die consequent bleiben, sogar im Sterben. Liebe die Consequenz ungemein. Ist mehr Charakter darin. Doch, Nick, ich will dich nicht beleidigen. Im Gegentheil, ich nehm' Antheil an dir. Hast auch eine Art von Consequenz. Will sehen, ob du sie durchführst. Doch, wollen auf ein anderes Kapitel übergehen. s' ist da ein Mädchen draußen, und hat die Augen voll Thränen und noch ein bedeutendes Quantum in der Reserve wie's scheint. Die Mary hat's hergebracht, die Mary von Mutter Mags Salon. Bist im Stande, das Mädchen zu sehen, ohne in Ohnmacht zu fallen? Hast vor vier Wochen viel Blut verloren, schwache Nerven, viel Reizbarkeit, liebe die Scenen nicht!«

Noch hatte der alte Pete nicht ausgesprochen, so war es mit der Geduld Nick Myers längst vorbei. Er wußte ja, daß sein Weib draußen sein mußte! Hatte ja doch Marie dieselbe ihm zu bringen versprochen! Er riß die Thüre auf und stürzte seiner Lisy in die Arme, welche diese ihm sehnsuchtsvoll entgegenstreckte.

»Lisy! Lisy!« rief Nick. »Endlich, endlich hab' ich dich wieder!«

»Und hier, Nick,« schluchzte das junge Weib an seinem Halse hängend; »hier muß ich dich treffen? Hier in diesem schrecklichen Aufenthaltsorte?«

»Wo anders denn sonst?« lachte der alte Pete mit einem grellen Tone laut auf. »Etwa in den Tombs, oder in Singsing, oder am Galgen? Recht hübsche Aufenthaltsorte das, und der alten Brauerei bei weitem vorzuziehen!«

Das Weib fuhr zurück, als sie diese höhnende Stimme hörte. Sie sah sich nach dem Sprecher um, und erbebte am ganzen Leibe, als sie die kalten stechenden und doch so grimmig blickenden Augen auf sich gerichtet sah.

»O Gott, o Gott,« hauchte sie in deutscher Sprache, »was ist das für eine schreckliche Welt hier!«

Die Worte waren kaum hörbar, aber doch entgingen sie dem feinen Ohr des alten Pete nicht. Sein starrer, stechender Blick verlor sich augenblicklich und sein Gesicht nahm einen fast gutmüthigen Ausdruck an. Lange schaute er auf das Weib nieder, als wollte er sich an alten Erinnerungen weiden. Seine Lippen zuckten, aber er sprach kein Wort.

»Lisy, Lisy,« rief jetzt Nick, den Kopf seines Weibes sanft aufrichtend. »Was befällt dich plötzlich für ein Schrecken? Hat dir Marie nicht erzählt, wer uns in dieser Noth geholfen? Hat sie dir nicht erzählt, daß nur allein der alte Pete und der Capitän es waren, die dir beistanden? Hat sie dir nicht erzählt, daß ich ohne diesen Freund hier nicht mehr unter den Lebenden wäre?«

»Dieß ist der Mann?« fragte jetzt Lisy schüchtern. »Dieß ist der alte Pete, für den ich so oft in meinen Gedanken betete, weil er ein Wohlthäter von uns geworden war? O, verzeiht mir,« rief sie, auf die Knie niederfallend, »verzeiht mir, wenn ich vorhin vielleicht durch ein unbedachtes Wort Euch beleidigte. Gewiß, ich wollte es nicht thun, es lag nicht in meiner Absicht, denn ich liebe ja in Euch den Retter meines Mannes.«

»Unsinn, Schnickschnack, Dummheiten!« versetzte der alte Pete, es versuchend, sich in eine zornige Stimmung hinein zu bringen. »Habe ich dir nicht gesagt, Nick, daß mir nichts verhaßter sei, als eine Rührungsscene? Nichts als Unsinn! Steh' auf, Mädchen,« fuhr er gegen Lisy gewandt fort, »und mach' mich nicht wild. Der Retter deines Mannes? sagtest du. Vermuthlich, weil seine Wunden geheilt sind? Hat sich was mit dieser Heilung! Kaltwasser und Hungerleiden habens gethan. Heile Alles mit Kaltwasser und Hungerleiden. Kommt kein Arzt in die alte Brauerei, so wenig als ein Geistlicher oder ein Advokat. Sollte mir Einer kommen! Wollt's ihm eintränken! Lauter Betrüger, das! Die ganze Welt ist nur Ein Betrügerstall. Nennen die alte Brauerei ein Spitzbubennest; brauchen zur Abwechslung auch den Ausdruck Diebshöhle. Merkwürdig schöne Ausdrücke, das! Passen aber besser auf die Cityhall, wo die Stadtdiebe sitzen, und auf den Congreßsaal, wo die Staatsdiebe hausen! Ganz Amerika ist Ein Diebsnest! Um Geld ist Alles feil, Liebe, Ehre und Leben, Frömmigkeit, Tugend und Recht! Kein Mann, kein Weib, kein Amt, kein Stand ist dem Gelde unzugänglich, nur die alte Brauerei nicht und der alte Pete! Willst immer noch ehrlich werden, Nick?«

Der alte Pete blickte immer zorniger, je weiter er sprach, und beim Schluß seiner Rede sah sein Auge so ingrimmig drein, und auf seiner Stirne hatte sich ein solcher Hohn gelagert, daß man ordentlich vor dem alten Manne erschrack. Man sah wohl, daß diese Zerfallenheit mit der ganzen Welt sein Innerstes angefressen habe! Plötzlich jedoch veränderte sich sein ganzer Gesichtsausdruck und er lauschte aufmerksam. Deutlich vernahm man vier dumpfe Schläge, deren Schall sich unter dem Boden fortzupflanzen schien.

»Aha,« rief jetzt der alte Mann mit einem triumphirenden Lächeln. »Freund Monoculos wird ungeduldig. Wart', alter Knabe, ich komme gleich. Oho, noch zwei Schläge? Das muß ein fremdartiger Besuch sein, daß der Einäugige dieses Zeichen gibt.«

Mit diesen Worten drehte er sich rasch um und verließ mit der Eile eines Jünglings das Zimmer, Nick und seine zwei Besucherinnen sich selbst überlassend. Dabei vergaß er aber nicht, die Thüre, welche in Nicks Stube führte, von außen still und geräuschlos zu verschließen, so daß Niemand weder heraus- noch hinein konnte.

Vorsicht ist zu allen Dingen gut,« lachte der alte Mann vor sich hin. »Habe nie gerne Weibspersonen in der alten Brauerei gehabt. Sind zu neugierig und zu schwatzhaft. Kenne keine, die stillschweigen könnte, außer Eine und die hat keine Zunge. Ob die Weiber wohl im Grabe schweigen! Möcht's wahrhaftig gerne wissen! Glaub's aber kaum. Ein eigenthümlich Ding um eine Weiberzunge! Ob sie wohl giftig zum Essen sind! Muß doch einmal einen Versuch machen. Werd' einen der Buben beauftragen, mir eine gesunde Weiberzunge zu liefern.«

Er huschte leise vorwärts, denn man hörte seinen Tritt nicht. Am Ende des schmalen Gangs zog er seine Blendlaterne hervor und drückte an einen Knopf im Getäfer. Eine Thüre öffnete sich und es zeigte sich eine enge Wendeltreppe, die der alte Mann rasch hinabstieg. Gleich darauf befand er sich in einem runden Gemache, welches wir am besten dadurch bezeichnen, wenn wir es das Pförtnerszimmer nennen. Die alte Brauerei hatte nämlich sieben oder acht Eingänge, von denen jeder in eine der vielen Parterrewohnungen führte, welche den ersten Stock des Gebäudes nach dem freien Platze heraus bildeten. Diese Parterrewohnungen waren dem Anscheine nach von armen Familien, oder vielmehr armen Leuten (denn der Frauen und Kinder waren es nicht viele) bewohnt und sahen nicht besser und nicht schlechter aus, als die andern Wohnungen der Five Points auch. So konnte man der Meinung werden, als ob die Brauerei nichts anderes wäre, denn ein großes »Armenfamilienhaus,« und als solches figurirte sie auch in den Lagerbüchern der Stadt. Allein diese kleinen »Familienwohnungen« nahmen nur den schmalen Vordertheil des Hauses weg. Wollte man von diesem in den hintern Theil, der wohl sieben oder acht Mal so groß war, als der vordere, gelangen, oder wollte man gar in die untern Räume kommen, welche das mächtige Gebäude fast drei Stockwerke tief unterhöhlten, so mußte man, man mochte von einer Seite herkommen, von welcher man wollte, zuerst ein rundes Gemach betreten, in welchem stets ein Pförtner wachte und nur Eingeweihten das Weitervorgehen gestattete. Nichteingeweihte konnten sogar nicht weiter kommen; denn dem Anscheine nach war das Gemach ohne einen andern Ausgang, als den, durch den man eingetreten war, und welcher nicht ins Innere, sondern auf die Straße führte. Es zog sich nämlich in diesem runden Pförtnerszimmer ein festes Getäfer rings herum, in welchem nirgends eine Fuge zu entdecken war. Nur den beiden Pförtnern, dem alten Pete und den Vertrautesten unter den Stammgästen war das Geheimniß bekannt, wie man die verborgenen Thüren öffnen könne, welche ins Hintergebäude und in die Kellerräume führten. Der Schlüssel zum ganzen Labyrinthe aber, zu allen verborgenen Thüren und verborgenen Gängen, zu allen Geheimtreppen und Geheimfallen, dieser Schlüssel war nur das Eigenthum des alten Pete, denn er lag in seinem Kopfe, in seinem Gedächtniß, in seiner Erfahrung. Man hätte Einen können Jahre lang ungehindert in der alten Brauerei herumgehen lassen, er würde doch nicht zum zehnten Theile ihrer Geheimnisse gekommen sein; nur der alte Pete kannte sie, denn er waltete hier seit fast sechszig Jahren mit unumschränkter Vollmacht und manche der Einrichtungen des gefürchteten Locales mochten ihm und seiner erfinderischen Herrschaft ihre Entstehung verdanken, denn er war mit der alten Brauerei gleichsam wie verwachsen.

Betrachten wir nun das Pförtnerszimmer mit seinen zwei Pförtnern eines Näheren. Das Gemach selbst bietet wenig Merkwürdiges, außer daß es rund ist und keine Fenster hat. Die Wände sind von rauchigtschwarzem Holz; der Boden ist uneben und morsch; das Ameublement ist gering und wurmstichig und besteht nur aus einem Tisch und einigen alten Lehnsesseln; die Beleuchtung ist elend, denn eine von der Decke herabhängende Oellampe verbreitet mehr Dunst, als Licht, so daß die ohnehin dumpfe Atmosphäre noch qualmhafter wird und Jedem mit Erstickung droht, der nicht an die Stickluft der alten Brauerei gewöhnt ist. Bietet nun aber auch das Zimmer selbst wenig Merkwürdiges, so sind die beiden Bewohner desselben, das Pförtnerpaar nämlich, um so interessanter. Der Mann ist ein Neger, dessen früher glänzende schwarze Farbe aber, wahrscheinlich in Folge des hohen Alters, in ein schmutziges Grau übergegangen ist. Er zählt nämlich schon mehr als sechszig Jahre, und hat durch das Vertrauen, welches ihm der alte Pete schenkt, ein Anrecht auf diesen wichtigen Posten. Er füllt ihn aber auch vortrefflich aus, denn er besitzt jetzt noch in seinem hohen Alter fast eine Riesenstärke, und wehe dem, der sich den Eingang in die Brauerei erzwingen wollte, ohne die Erlaubniß des Herrn Monoculos. Diesen Namen führt er deswegen, weil er nur Ein Auge hat, denn das Andere ist ihm ausgerissen. Auch sein Fußwerk ist nicht regelmäßig, denn der eine Fuß ist stämmig und kurz, während der andere lang und mager ist, so daß er, auf dem langen Fuße stehend, einem Riesen gleicht, während er einem verwachsenen Zwerge nicht unähnlich sieht, wenn er nur den kurzen Fuß benützt. Sein Gesicht hat viele Aehnlichkeit mit dem eines Affen und besonders wenn er Einem die Zähne weist, so ist die Aehnlichkeit eine außerordentliche. Noch auffallender, aber nicht liebenswürdiger ist seine Frau gezeichnet. Dieselbe mag ebenfalls ihre sechszig Jahre zählen, denn ihre Haare sind eisgrau; dagegen gehört sie keineswegs dem Niggergeschlechte an, sondern vielmehr dem celtischen, denn sie ist von Geburt eine Irländerin. Ihr Mund geht buchstäblich von einem Ohr zum andern und ober demselben thront eine Habichtsnase von seltenem Umfang. Dieselbe drängt sich bis über die Lippen herab und ist an der Spitze rothblau gefärbt. Die Augen sind merkwürdig klein und funkeln, wie glühende Kohlen. Die Zähne mangeln gänzlich und hiedurch erscheinen die Wangen so leer, daß man zu glauben genöthigt ist, das Weib habe statt derselben zwei tiefe Löcher, welche mit einer grauen Haut überzogen seien. Die Körpergestalt ist hoch und knochig; man sieht, daß die Sehnen eine bedeutende Kraft haben. Das Merkwürdigste an derselben ist aber das, daß ihr die Zunge fehlt. Hiedurch veranlaßt sind die Kopfnerven in einer ewigen Bewegung, denn das Weib drückt nun durch sein Mienenspiel und durch Körpergesticulationen aus, was auszusprechen ihm nicht möglich ist. Der Anblick ist in der That fast grauenerregend, und Mann und Frau passen auf eine gräßliche Weise zu einander. Sie haben auch die Glieder, die ihnen fehlen, beide in einer und derselben Stunde verloren, er sein Auge, sie ihre Zunge. Es sind jetzt vielleicht dreißig Jahre her. Das würdige Ehepaar war damals schon sechs oder acht Jahre verbunden; aber jeder Tag endigte damit, daß sie sich in trunkenen Händeln über einander wälzten, wobei bald der Mann, bald die Frau die Oberhand behielt und der Sieger den Besiegten auf eine schreckliche Art mißhandelte. In einer Nacht, nach einem hartnäckigen Zweikampf, war der Mann Sieger geblieben. Beide legten sich nach beendigter Fehde anscheinend ausgesöhnt zu Bette. Wie aber der Mann schlief, erhob sich leise die Frau; sie nahm den eisernen Schürhaken des Ofens und machte ihn in dem Kochherde glühend; dann schlich sie zum schlafenden Eheherrn und stieß ihm die glühende Spitze ins Auge. Der Schmerz machte ihn fast wahnsinnig, aber er verlieh ihm auch die Kräfte eines Wahnsinnigen. Er faßte die Frau, er band sie mit Stricken fest; dann würgte er sie, bis sie die Zunge herausstreckte; diese ergriff er mit eisernem Griffe und mit der andern Hand langte er nach seinem Messer; die Frau machte verzweifelte Anstrengungen, aber die Stricke hielten fest; sie biß den Nigger in die Faust, welche die Zunge festhielt, daß das Fleisch bis an die Knochen zerrissen wurde, aber der Mann ließ nicht nach; immer weiter und weiter riß er die Zunge heraus und endlich mit einem raschen Schnitt trennte er sie vom Gaumen und warf sie dem Weib vor die Füße. Merkwürdig! Das Weib genas von der gräßlichen Wunde. An demselben Tage, da er den Verband von seinem verstümmelten Auge ablegen durfte, konnte auch sie ihr Schmerzenslager verlassen. Beide waren geheilt, er mit Einem Auge, sie statt der Zunge mit einem Stummel, der ihr nur erlaubte, unarticulirte, gräßlich tönende Laute auszustoßen, gleich einem wilden Thiere. Von nun an lebten sie in Frieden und in Eintracht, und wurden von dem alten Pete als Pförtner in der Brauerei installirt. Auch versäumte es der Letztere nicht, den beiden verunstalteten Wesen einen entsprechenden Titel beizulegen; von nun an hieß er – Monoculos, der Einäugige, und sie hieß Tonguestill, die Zungenlose. In dem ganzen großen Viertel der Five Points waren sie unter keinem anderen Namen bekannt!

Das ist das würdige Pförtnerspaar, welchem die Sicherheit der alten Brauerei anvertraut wurde! – Doch, wir kehren zu unserer Geschichte zurück.

Still und geräuschlos war der alte Pete in das Pförtnerszimmer getreten, wohin ihn die sechs dumpfen Schläge gerufen hatten; denn durch alle Böden des mächtigen Gebäudes liefen Sprachröhren, vermittelst deren man vom Pförtnerszimmer aus überallhin Signale ertheilen konnte.

»Ach, du bist's, Tonguestill,« sagte Pete auf seine gewöhnliche sarkastische Weise, als er die Pförtnerin langausgestreckt in einem der Sorgensessel ruhen sah. »Ich glaubte, Monoculos habe das Zeichen gegeben. Hm! Meinte, ich könnte eure beiden Arten, an die Glocke zu schlagen, unterscheiden. Habe mich aber doch getäuscht. Natürlich! Seid ja ein zärtliches Ehepaar! Hab' immer noch gehört, daß Eheleute, die gut mit einander leben, am Ende in ihren Gewohnheiten ganz in einander aufgehen. Merkwürdige Bestätigung dieser Hypothese! Aber,« fuhr er fort, seine stechenden Augen auf ein anderes weibliches Wesen richtend, das an der Eingangsthüre stand, die Klinke in der Hand, um, wie es schien, im Nothfalle so schnell als möglich die Flucht ergreifen zu können, »wen haben wir denn da vor uns? Ein Dämchen mit Hut und Schleier? Komm näher, mein süßes Kind, wirf den Schleier zurück und laß' mich dein zartes Lärvchen sehen? Bist wohl ein bischen erschrocken gewesen, mein Täubchen, als du meine Freundin Tonguestill sahest? Nicht wahr, ein entzückender Anblick? Was, du zitterst? Merkwürdig, was die ehrlichen Leute draußen für schwache Nerven haben! Bitte, meine Verehrteste, wollen Sie mir nicht den Gefallen thun, und ein wenig in Ohnmacht fallen? Nur ein ganz klein wenig. Hab's seit vielleicht sechszig Jahren nicht gesehen, und soll doch gegenwärtig sehr in der Mode sein! Wie, Tonguestill,« sprach er gegen diese, welche sich ihm durch Zeichen und Gesten verständlich zu machen wußte, gewandt, weiter, »wie? das Mädchen hier hat das Loosungswort? So wär's am Ende eine Geschäftsfreundin? Komm' einmal näher; bitte, noch näher; ich lieb' es ausnehmend, die Menschen ganz in der Nähe zu betrachten. Möcht' ein Auge haben, das Jedermann durch und durch sehen könnte. Würde hie und da merkwürdige Entdeckungen machen, denn es gibt Leute, die den ganzen Tag maskirt einhergehen.«

Die Fremde gehorchte dem Befehl. Sie schlug den Schleier zurück und trat ganz nahe auf den alten Pete zu. War sie aber vorhin durch den grausigen Anblick der Tonguestill vielleicht erschreckt gewesen, so hatte sie jetzt offenbar alle Gewalt über sich wieder gewonnen, denn so starr und eisig auch die Augen des alten Pete auf ihr ruhten, so hielt sie doch den Blick aus und senkte ihre Lieder nicht.

»Ich muß Sammy, den man den Lord Douglas nennt, sprechen,« sagte sie mit sanfter, ruhiger Stimme.

»Du mußt?« meinte Pete spöttisch. »Sag' lieber: »ich will.« Es liegt in deinem Gesichte viel Willenskraft, mehr als für deinen künftigen Mann gut ist. Und wie nennst du dich, meine zarte Turteltaube?«

»Thut der Name etwas zur Sache?« erwiederte die Fremde. »Ich habe Euch das Loosungswort gegeben und das ist Beweis genug, daß ich ein Recht habe, hierherzukommen.«

»Ah,« lachte Pete, »du reisest incognito. Ganz, wie die regierenden Herren im alten Lande draußen. Aber, laß' mich einmal sehen, ob meine alten Augen ihre Kraft noch nicht verloren haben. Wollte wetten, ich errathe, wer vor mir steht. Sind ganz dieselben Augen, wie die des höchstwürdigen Direktors des Blindenasylums zu Flattbusch! Sonderbar, daß die Kinder immer den Eltern gleich sehen! Muß doch was an der Erbsünde sein!«

»Ihr habt richtig gerathen,« sagte die Fremde nicht ohne in ihrem Innersten zu erschrecken. »Ich heiße Caroline Myers. Aber nun führt mich zu Sammy, denn ich habe Eile.«

»Und was macht das Blindenasylum?« fuhr der alte Pete fort, ohne sich um die Eile Carolinens zu bekümmern. »Was macht meine Urenkelin Peg? Hab' schon lange nichts mehr von ihr gehört. Wird hoffentlich wohlauf sein? Weißt auch, warum ich die arme blinde Peg deinem Vater übergeben habe? Nun, weil ich ihn kenne, und weil er weiß, daß ich ihn kenne. Und er kennt auch mich, den alten Pete! So denke ich, wird die Peg gut aufgehoben sein. Meinst du nicht auch? Doch du willst deinen Bruder Nick sehen?«

»Meinen Bruder Nick?« stammelte Caroline erbleichend.

»Natürlich,« meinte Pete, indem seine Augen wie stechende Dolche auf ihr ruhten, »der arme Junge wird sich herzlich freuen. Hast du ihm die Summe mitgebracht, um die er dich vor einigen Wochen gebeten? Er hat sich's ja in den Kopf gesetzt, ehrlich zu werden und fromme Vorsätze muß man auf alle Weise unterstützen. Wie viel war's doch gleich? Ich meine vier- oder fünfhundert Dollars. Hast's nicht bei dir? Thut nichts; kannst's morgen zum Grocer an der Ecke von Orangestreet senden. Werd' dafür sorgen, daß er's richtig erhält. Aber nun, nun geh, Mädchen, und werd' mir nicht noch bleicher, als du schon bist. Tonguestill, führe sie zu Lord Douglas; ich will einstweilen deinen Pförtnersdienst versehen.«

Noch nie war der Caroline Myers so sonderbar zu Muthe gewesen, als an diesem Abende. Sie glaubte, gegen alle Vorfälle im menschlichen Leben gewappnet zu sein, aber dem alten Pete gegenüber drohte sie all' ihr Muth und all' ihre Selbstbeherrschung zu verlassen. Erst als sie nicht mehr gezwungen war, in diese höhnenden Augen zu sehen, athmete sie wieder freier auf, und es war ihr ordentlich wohl, wie sie, dem grauenvollen Weibe folgend, Treppe auf- und Treppe abstieg, so viel Schrecken ihr auch vorhin der Anblick der »Zungenlosen« verursacht hatte. Frau Tonguestill schritt mit sicherem Schritte voran, und so oft sie auch die Richtung wechselte, so viele, jedem ungeübten Auge verborgene, Thüren sie auch aufstieß, so brauchte sie sich doch nicht eine Minute zu besinnen, um zu wissen, wohin sie zu gehen habe. Um so erstaunter aber war Caroline Myers; die vielen labyrinthischen Wege verwirrten sie, und als sie endlich vor einem Gemache, aus welchem ihnen ein wüster Lärm entgegenschallte, hielten, hätte sie um keinen Preis anzugeben gewußt, ob dieses Gemach ober- oder unterhalb der Erde liege. Und doch lag es in einer Tiefe, aus welcher auch das wirrste Geschrei nur wie ein dumpfer Laut an die Oberfläche gelangen konnte! Mit einem grinsenden Hohnlächeln stieß die Zungenlose die Thüre auf. Sie schien sich an dem Eindruck zu weiden, welchen die »Schrecken der alten Brauerei« auf eine dem Anschein und der Kleidung nach den höheren Ständen angehörende Dame nothwendig machen mußten.

Das Zimmer, in welches Caroline trat, war ziemlich geräumig, aber ziemlich schwach beleuchtet, denn auf einem Tische in der Mitte desselben brannte nur ein einziges schlechtes Talglicht. Ein dichter Tabacksqualm machte die Beleuchtung noch trüber. Um den Tisch herum saßen drei oder vier Bursche, eifrig mit Kartenspielen beschäftigt, und in den Zwischenpausen einer mächtigen Brändiflasche mit Begierde zusprechend.

»Banquier,« rief soeben einer der Spieler, »du wirst doch in deinem Leben kein Gentleman werden. Hat man je gehört, daß ein geschworner College den andern betrüge? Und doch hast du gerade das Schippenaß in deinem Aermel verschwinden lassen!«

»Du lügst, Philosoph,« schrie der Banquier, »du hast einen verborgenen Groll auf mich, weil ich kein geborner Amerikaner bin.«

»Still, Kameraden,« sagte Sammy auf den Tisch schlagend, »ihr wißt, der alte Pete leidet keinen Tumult oder Skandal. Wir müssen Burgfried halten.«

»Versteht sich,« zischte der Banquier giftig. »Aber ich kenne mich gar nicht mehr aus; seit der Capitän Neptune dich das kalte Bad hat nehmen lassen, bist du ganz degenmäßig geworden, Sammy. Ich glaube, die Todesangst sitzt dir noch in den Gliedern.«

»Willst du schweigen, Dutchman?« rief Sammy aufspringend. »Erinnere mich nicht an jene Nacht, wo ihr Alle das Hasenpanier ergrifft, wie verschüchterte Schäflein! Wäre der Philosoph nicht gewesen, mir thäte jetzt kein Finger mehr weh. Den Capitän Neptune aber laß aus dem Spiele; du weißt, wir haben Waffenstillstand geschlossen bis nach den Wahlen.«

»Gut, ich habe nichts dagegen,« entgegnete der Banquier, »aber warum sind wir denn so unthätig? Seit vollen vier Wochen ist nichts geschehen, als was Jeder auf seine Faust verrichtete. Es ist nicht der Rede werth, was wir in dieser Zeit gemacht haben, und wenn du so fortfährst, so müssen wir einen Andern zum Chairman erheben, denn meine Börse ist nächstens so leer, daß sie an der Schwindsucht drauf gehen wird.«

Caroline hatte dem Gespräch der Kartenspieler ruhig zugehört, ohne daß sie von ihnen bemerkt worden wäre, denn die Thüren in der alten Brauerei öffneten sich alle geräuschlos, Sie benützte diese Zeit, um sich zu fassen und die frühere feste Willenskraft wieder zu gewinnen. Wohl flößte ihr die Umgebung fast Eckel ein, wohl graute ihr noch, wenn sie an den kalten, fast tödtlichen Hohn des alten Pete zurück dachte, aber sie hatte ein Ziel vor Augen und dieses mußte erreicht werden, war auch der Weg mit Dornen besäet und von Abgründen durchschnitten.

»Sammy,« sagte sie rasch vortretend mit ihrer gewohnten sanften ruhigen Stimme. »Sammy, ich habe mit dir zu sprechen, mit dir allein.«

Die drei Spieler sprangen auf. Die Gegenwart eines Frauenzimmers in dieser Kleidung und an diesem Orte mochte ihnen fast mehr als überraschend sein.

»Du bist's, Carlein?« rief endlich Sammy, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Du hast es wirklich gewagt, die alte Brauerei zu betreten und der alte Pete hat dich eingelassen? Das sind zwei Ereignisse, die seit zwanzig Jahren nicht vorgekommen sind.«

»Du siehst, ich bin da, Sammy,« versetzte Caroline ruhig; »aber, ich habe dir schon gesagt, ich muß dich allein sprechen.«

»Ich räume eurer Lordschaft das Feld,« sagte der Philosoph, sich gegen Sammy verbeugend und den Banquier an der Hand mit sich ziehend. »Komm, Banquier, Lord Douglas gibt seiner Lady geheime Audienz. Und du, Tonguestill, hörst du nicht, daß dir der alte Pete das Zeichen gibt, wieder in die Pförtnersstube zurückzukehren? Für dießmal wird aus der Befriedigung deiner Neugierde nichts.«

Einen Augenblick darauf waren Sammy und Caroline allein.

»Verschließ die Thüre, Sammy,« flüsterte nun die Letztere, »denn was ich dir zu sagen habe, darf kein Dritter auch nur ahnen.«

»Es ist nicht nöthig, Carlein,« versetzte Sammy, »es wird uns Niemand stören. Und zu dem, die Thüren in der alten Brauerei können nur von Einem geschlossen werden! Auch gibt es mehr Eingänge hier, als du dir träumen kannst,« setzte er leise hinzu, den Finger auf den Mund legend. »Aber komm, Mädchen, setze dich nahe zu mir, und flüstere mir ins Ohr. Ich kann mir wohl denken, daß du etwas Wichtiges auf dem Herzen hast, sonst wärest du nicht hierher gekommen. Hat der Alte etwas von unserer Fahrt zu Doctor Melville gemerkt?«

»Nein, Sammy,« flüsterte Carlein, sich nach allen Seiten umsehend. »Aber es ist ein schrecklicher Ort hier, und der alte Pete, wie ihr ihn nennt, ist ein furchtbarer Mann,« setzte sie fast schaudernd hinzu.

»Warum hast du mich denn nicht zu dir beschieden?« fragte Sammy.

»Warum?« flüsterte Caroline, sich gewaltsam fassend und ihr Auge fest auf ihn richtend. »Weil ich mich keinem Menschen anvertrauen wollte; weil keine Seele auch nur ahnen darf, was jetzt zwischen uns verhandelt wird. Leben und Tod hängt an dem, was ich dir sage. Glaubst du, ich fürchte mich? Nein, so schaudererregend der Ort auch ist, so paßt er doch zu dem, was meine Zunge nun aussprechen muß. Weißt du, daß ich das Haus in der Amitystreet verlassen soll? Ja,« fuhr sie mit zusammengekniffenen Zähnen fort, »mit Schimpf und Schande soll ich das Haus verlassen. Marc Price hat seinem Oheim Mittheilungen machen lassen, die diesen veranlaßten, mir eine Frist von drei Tagen zu geben, während deren ich mein Bündel schnüren soll. Ha! Mein Bündel schnüren! Wie eine irische Dienstmagd entlassen!«

»Dann rauben wir vorher das Haus aus, so lange die Schlüssel dazu noch in deinen Händen sind,« rief Sammy. »Sie sollen ihre Unverschämtheit büßen.«

»Meinst du, damit wäre mir Genüge geschehen?« flüsterte Caroline weiter, verächtlich mit den Achseln zuckend. »Wenn ich ihn bestehlen, mir seine fahrende Habe, sein Baargeld und seine Juwelen aneignen wollte, so hätte ich längst Gelegenheit dazu gehabt und bessere, als jetzt. Nein, bestehlen will ich ihn nicht, aber erben will ich ihn; seine ganze Habe, all' sein liegendes Eigenthum soll mein sein; als Wittwe des reichen John Price will ich in den ersten Familien New-Yorks Zutritt erhalten; als ihres gleichen sollen sie mich behandeln; eine reiche, vornehme Frau will ich werden, und dann, wenn ich Alles dieß erhalten habe, dann will ich mir einen Gemahl nach meiner Wahl nehmen, und wer dieß ist, das weißt du schon, Lord Douglas.«

»Aber, wie willst du dieß möglich machen?« fragte Sammy, dessen Augen leuchteten.

»Erräthst du es nicht?« hauchte sie, sich an ihn schmiegend. »Was ihr Männer doch kurzsichtige, planlose Wesen seid! Ein Wort, ein einziges Wort wird dich aufklären. Aber, Sammy, wenn ich dir nun das Wort ins Ohr flüstere, wirst du nicht zurückbeben? Wird deine Seele stark genug sein, es mit kaltem Blute durchzuführen? Du hast schon manche dunkle, ja blutige That begangen, aber du begiengst sie in der Leidenschaft, in der Aufregung. Die That, die ich von dir verlange, die muß mit Ueberlegung, mit Ruhe, ganz kalt und wohlbedacht begangen werden, denn sonst führt sie nicht zum Ziele. Willst du nun das Wort hören?«

»Und wenn's mich zur Stunde das Leben kostete,« rief Sammy feurig; »für deinen Besitz wag' ich Alles. Schwöre mir, daß du mein Weib vor der Welt werden willst, wenn du das Erbe eingethan hast, und ich begehe einen Mord für dich!«

Caroline sah ihm fest ins Gesicht, als er so sprach. »Du hast das Wort genannt, Sammy,« sagte sie langsam und feierlich; »du sollst thun, was du soeben sagtest.«

Eine lange Pause trat ein. Sammy sah vor sich nieder, und Caroline wartete seines Entschlusses. Endlich erhob er sein Antlitz und ein fester Entschluß sprach sich in demselben aus.

»Hier hast du meine Hand, Carlein,« sagte er leise aber bestimmt. »Ich begehe einen Mord für dich, einen kalten, überlegten, wohldurchdachten Mord. Jetzt ist mir dein ganzer Plan klar. Wenn der alte John Price die Augen geschlossen hat, so trittst du als seine Wittwe auf und die Zeugenschaft, daß du mit ihm getraut worden bist, wird nicht zu widerlegen sein. Und John Price muß die Augen schließen, so lange du noch im Hause bist, denn sonst würde kein Mensch glauben, daß du heimlich mit ihm vermählt gewesen seiest, wenn er dich wie eine Magd fortgejagt hätte. Es handelt sich also nur darum, den alten Mann schnell aus dem Wege zu schaffen und zwar auf eine Art, daß kein Verdacht auf dich fällt.«

»Du bist klug, Sammy,« flüsterte nun wieder Caroline, »klüger, als hundert Andere. Sieh', hier habe ich Gift, ein schnell wirkendes, fast keine Spuren zurücklassendes Gift. Ich wollt' ihm zuerst dieses geben. Allein ich habe mich anders besonnen. Man würde Verdacht auf mich schöpfen, auch wenn man keine Spuren des Giftes fände. Nein, eine offene That ist das Beste. Nichts Kunstreiches, nichts Verwickeltes, eine einfache, offene That, aber auf eine solche Art begangen, daß der Verdacht auf einen Dritten fällt. Und weißt du, auf wen der Verdacht fallen soll? Auf Marc Price, den Neffen des alten Herrn, und vielleicht auf noch Einen. Marc Price muß die That begangen haben, und zwar aus keinem andern Grunde, als aus Rache, weil er erfuhr, daß sein Oheim im Stillen hinter seinem Rücken mich zu seiner Frau erhoben hat. Der Andere aber half ihm, von seinem Gelde bestochen. Die Beiden soll das Gericht fassen und ich werde schon Sorge tragen, daß die Richter nicht zu ihren Gunsten gestimmt werden. Sie sollen mich nicht unfreigebig finden. Ha! Wie glücklich traf es sich, daß der Narr von einem Menschen aus Zartgefühl oder vielmehr aus Verachtung gegen mich sich auf drei Tage von Hause entfernt hat und erst wieder bei seinem Oheim eintreffen will, wenn ich die Wohnung verlassen habe! Ja, er soll die Wohnung verlassen finden, aber nicht von mir, sondern von dem, der sie bisher als Eigenthum inne hatte. Ich, ich werde sie nicht verlassen, denn ehe drei Tage um sind, werde ich sie als mein Eigenthum in Anspruch nehmen!«

Sie war aufgesprungen vor Aufregung und ging mit langen Schritten im Zimmer auf und nieder. Bald jedoch faßte sie sich. Sie preßte die Hand gegen die pochende Brust, als wollte sie sie mit Gewalt beruhigen, dann setzte sie sich wieder neben Sammy nieder und sprach lange und angelegentlich mit ihm. Aber so leise war ihr Flüsterton, daß sie sich selbst kaum hörte. Sie fürchtete sich vor ihrem eigenen Laute!

»Gut, Carlein,« sagte Sammy, als sie ihm ihren Plan bis auf die geringste Kleinigkeit mitgetheilt hatte. »Es ist Alles fein und klug ausgedacht, und meine Hand soll nicht zittern, wenn ich die That vollbringe. Aber bestimme eine andere Nacht zur Ausführung. Die Freitagnacht ist nicht gut dazu; der Freitag ist ein Fasttag. »

»Und nach solchem Aberglauben frägst du etwas?« frug Carlein, ihr Auge voll Erstaunen auf ihn richtend.

»Ich sag' dir, bestimme eine andere Nacht,« versetzte Sammy hartnäckig. »Die Freitagnacht ist eine Unglücksnacht, wenn man sie mißbraucht.«

»Nun gut, Sammy,« erwiederte Carlein begütigend. »So nehmen wir die Samstagsnacht. Es ist sogar besser, wenn ich's recht überdenke, die letzte Nacht zu wählen, welche ich in dem Hause zuzubringen habe. Somit ist Alles fest bestimmt und beschlossen.«

Sie gaben sich die Hand und besiegelten damit ihren Bund.

»Noch eins, Sammy,« sagte sie, sich zum Gehen anschickend. »Mein Bruder Nick ist hier in der Brauerei, wie ich gehört habe. Ich hab' dem alten Pete versprechen müssen, ihm Geld zu geben, daß er damit in den Westen ziehen kann. Mir liegt daran, daß er aus dem Wege ist. Ich werde aber das Geld nicht senden, sondern ich will es ihm selbst in die Hand geben, um zugleich dafür zu sorgen, daß ihn der übermorgende Tag nicht mehr in der Stadt sieht. Und da er erfahren wird, daß ich hier gewesen bin, so sag' ihm, ich sei seinetwegen da gewesen, ganz allein seinetwegen, um ihm die Mittel zu seinem Fortkommen zu verschaffen. So wird ihm mein Besuch in der Brauerei nicht auffallen. Aber vergiß nicht, ihn zu bitten, mich gleich morgen zu besuchen, damit er übermorgen abreisen kann; ich hab' ihm noch Vieles zu sagen. Vergiß es nicht, er soll mich morgen ganz sicher besuchen, denn ich habe ihm viele Aufträge zu geben,« wiederholte sie nochmals dringend. »Aber nun begleite mich. Ich kann den Weg allein nicht finden und es wäre mir lieb, wenn ich einem Zwiegespräch mit dem alten Pete ausweichen könnte.«

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, so ertönte ein lautes höhnisches Lachen, und der alte Pete stand im Zimmer hart vor ihnen, ohne daß man eine Thüre sich hatte öffnen hören.

»Liebst den alten Pete nicht?« sagte er, seinen kalten höhnischen Blick durchbohrend auf sie richtend. »Aber ich lieb' dich. Lieb' dich ausnehmend. Wirst eine Zierde der Gesellschaft werden! Der ehrlichen, hochachtbaren Gesellschaft draußen, nicht der schlechten, verdorbenen hier in der alten Brauerei! Wäre begierig, dein Herz zu sehen; muß viel Aehnlichkeit mit dem eines Pantherthiers haben! Sehr interessantes Herz, das! Führ' sie fort, Sammy, und sei achtsam, daß sie keinen Schaden nimmt. Solch ein Wesen findet man nicht alle Tage auf der Straße.«

Er warf sich in einen Stuhl und lachte laut und grimmig. Sammy aber zog das zitternde Mädchen mit sich fort.

»Er hat Alles gehört, und Alles ist verloren,« flüsterte Carlein, zum Tode erschrocken.

»Er kann nicht Alles gehört haben,« erwiederte Sammy eben so leise, »obgleich jede Wand in der alten Brauerei Ohren hat; aber wir flüsterten zu leise, als daß er unser Geheimniß erlauscht haben könnte. Ueberdieß, wenn er auch Alles wüßte, so dürfte es dich nicht kümmern. Er kennt fast alle Geheimnisse der Stadt, aber keines kommt je über seine Lippen. Sein Haß gegen die Menschheit ist zu groß, als daß er es je versuchen würde, Etwas, was die Welt Verbrechen nennt, zu verhindern. Ja, wenn die ganze Einwohnerschaft dieser großen Stadt sich zerfleischend und vernichtend bekämpfte, und wenn ein Wort von ihm es verhindern könnte, er würde dieses Wort nicht aussprechen.«

Mit raschen Schritten eilten sie aus der Brauerei und tiefauf seufzte Carlein, als sie dieselbe verlassen hatten. Es war ihr, als ob eine Centnerlast von ihrem Herzen gefallen wäre.

»Ich habe noch nie einen Mann gefürchtet,« gestand sie sich leise. »Aber diesen Pete fürchte ich.«


2.
To let! Zu vermiethen!

In dem kleinen Zimmerchen in der Walkerstreet nahe der Churchstreet saß Frau Bodin mit ihrem Töchterlein in eifriger Arbeit begriffen. Das Zimmerchen war immer noch dasselbe, eben so klein, eben so arm, eben so reinlich, eben so sauber, wie wir es früher schon gesehen haben; aber mit den Personen darinnen schien eine nicht geringe Veränderung vorgegangen zu sein. Die Mutter, welche früher so blaß und abgehärmt ausgesehen hatte, nahm sich jetzt zwar nicht blühend, aber frisch und gesund aus. Ihr Auge, sonst so trübe und niedergeschlagen, blickte hell, ja fast munter auf ihre Arbeit nieder. Noch auffallender erschien die Veränderung, die mit Rosa vorgegangen war, denn das junge Mädchen hatte sich in dem Zeitraum von wenigen Wochen, seit wir sie zum ersten Male gesehen, aus einem Kinde in eine Jungfrau verwandelt. Ein sanftes Lächeln spielte um ihren Mund, als ob sie in süßer Erinnerung schwelgte; ihr Auge blickte sinnig, fast schwärmerisch; ihre Figur erschien voller, runder, weiblicher; es war, als ob die Rosenknospe sich erschließen wollte. Beide Frauen nähten emsig. Von Zeit zu Zeit konnte sich es aber die Jüngere nicht versagen, einen freundlichen Blick auf die Aeltere zu werfen, gleichsam um sich zur weiteren Arbeit zu stärken.

»Mutter,« sagte jetzt Rosa, »du siehst heute wohler und gesunder aus, als seit vielen Jahren. Gieb Acht, wenn's so fortgeht, so blühst du in ein paar Monaten, wie eine Rose.«

»Oder wie meine kleine Rosa hier,« lächelte die Mutter. »Aber in der That, ich fühle mich besser und gesunder, denn je. Wir können Gott für seine große Güte nie genug danken.«

»Und ihm, den Gott zu unserer Hülfe gesandt hat,« setzte Rosa eifrig hinzu. »O Mutter, was wäre aus uns geworden, wenn Er nicht gewesen wäre! Wie glücklich, wie froh bin ich, hier neben dir sitzen zu können und mit frischem Muthe in die Zukunft zu sehen! Tausendmal habe ich mir dieß als das höchste Ziel vorgesteckt, das ich zu erreichen für fast unmöglich hielt, und nun haben uns wenige Wochen so weit gebracht. Gott segne die Stunde, wo ich ihn zum ersten Male sah!«

»Du hast Recht, Rosa,« meinte die Mutter nach einer kleinen Pause, einen Blick voll Zärtlichkeit und doch auch voll Bekümmerniß auf ihre Tochter richtend, »auch ich sage, Gott segne die Stunde, wo wir Ihn zum ersten Male sahen! Aber, mein Kind, glaubst du nicht, daß deine Gedanken zu viel mit ihm beschäftigt sind? Stellst du ihn, das Werkzeug Gottes, nicht fast höher, als Den, welcher ihn zu unserem Erretter aus der Noth bestellte? Ist es nicht Abgötterei, wenn du Ihn und nur Ihn zum Gegenstand deines Gebets und deiner Andacht machst?«

»Mutter,« rief das Mädchen aufspringend und ihre glühenden Wangen an der Brust ihrer einzigen Freundin verbergend. »Mutter, schilt mich nicht, denn ich kann nicht anders. Ich werde von einer höheren Macht getrieben, die mich zwingt, immer und immer an ihn zu denken und für ihn zu beten. Gewiß kann es nicht Sünde sein, solches zu thun, sonst hätte Gott dieses Gefühl nicht in mich gelegt.«

Beide Frauen hielten sich fest umschlungen. Sie vergaßen die ganze Welt außer sich in dieser seligen Umarmung; darum hörten sie auch nicht, wie sich leise die Thüre öffnete und eine kleine Gesellschaft über die Schwelle derselben schritt, um stillschweigend Zeuge dieses heiligen Auftrittes zu sein. Ein Geräusch hinter der Wand, wahrscheinlich in einer der anstoßenden kleinen Wohnungen, brachte Frau Bodin zu sich selbst; sie sah sich um und wie erstaunte sie, ihr kleines Stübchen ganz voll von Besuchern zu sehen! Diese waren keine andern, als Frau Cooper mit ihrer Tochter nebst Alfred und seinem Freunde Marc.

»Wir müssen uns schämen,« sagte Frau Bodin, auf's Tiefste verwirrt.

»Im Gegentheil,« erwiederte Frau Cooper lächelnd. »Ich freue mich herzlich, Alles das bestätigt zu finden, was mir unser Freund Marc von seinen Schutzbefohlenen gesagt hat. Und das ist also die kleine Rosa, von der wir uns schon so oft unterhalten haben? Sie ist doch nicht so sehr Kind, Marc, als ich mir sie nach Ihrer Beschreibung gedacht hätte.«

Rosa stand wie mit Gluth übergossen. Sie hielt die Arme über der Brust gekreuzt und senkte ihren Blick demüthig zur Erde. Um keine Welt hätte sie in diesem Augenblicke aufzusehen vermocht.

»Ei, Mutter,« versetzte Edith gutmüthig, »du bringst das gute Mädchen ganz in Verlegenheit. Komm, Rosa, zeige mir, wie weit du mit der Arbeit gediehen bist, welche wir dir aufgegeben haben. Wie? Schon beinahe fertig? Und wie fein und zierlich Alles gearbeitet ist! Marc, Sie sagten uns doch, Rosa sei noch eine kleine Anfängerin und wir müßten ihr einiges zu Gute halten; aber hier ist Alles so gut gelungen, daß wir es nirgends schöner hätten bekommen können.«

»Wir haben uns Mühe gegeben,« erwiederte Frau Bodin, »und wir werden stolz darauf sein, wenn wir Ihre Zufriedenheit erringen. Herr Marc Price soll sein gutes Wort, das er bei Ihnen für uns sprach, nicht für Unwürdige oder Undankbare verschwendet haben.«

»Stille, stille, Frau Bodin,« rief Marc fröhlich, »sonst machen Sie mich am Ende noch hochmüthig. Aber wissen Sie auch, daß Herr Brady mir versprochen hat, in Ihrer Sache Nachforschungen anzustellen? Und Herr Brady ist ein so vollkommener Rechtsverständiger und zugleich ein so durch und durch ehrlicher Mann, daß er sich einer Sache gar nicht annimmt, die er zum Voraus für verloren betrachtet! Also hat er in Ihrer Angelegenheit wenigstens Hoffnung und das will schon viel heißen. Nur Muth, Frau Bodin, es wird noch Alles gut werden. Wahrheit, Rechtlichkeit und Tugend werden immer zuletzt obsiegen.«

»Das ist auch mein Glaube,« erwiederte die Frau sanft, und eine Thräne schimmerte in ihrem Auge. »Mag Gott es mit uns vorhaben, wie es ihm gut dünkt; wir haben nur Ursache, dankbar zu sein, denn seit Sie sich unserer angenommen haben, ist Gesundheit, Arbeit und Segen unter diesem Dache eingekehrt, und wir haben damit ein höheres Ziel erreicht, als wir je in diesem Lande zu erhalten erwarten konnten.«

Aber, Rosa, mein liebes Kind,« meinte nun Frau Cooper, »du hast ja bis jetzt kein Wort gesprochen. Bist du immer so schweigsam oder hat das Unerwartete unseres Besuchs dich eingeschüchtert? Und doch müssen wir uns näher kennen lernen! Was meinst du? Ich denke, ihr solltet mit der Arbeit bis Morgen früh fertig werden, wie wäre es, wenn du mir sie selbst überbrächtest? Nimm deine Mutter mit dir; ein Tag in unserer gesunden Landluft zugebracht, wird euch Beiden gut thun. Nun, willst du kommen?«

»Gewiß werde ich kommen, wenn Sie es befehlen,« erwiederte Rosa demüthig. »Vielleicht beehren Sie uns mit einem neuen Auftrag, den wir eben so schnell und pünktlich ausführen werden, als den ersten.«

»Wohl möglich,« lächelte Frau Cooper, Marc mit den Augen zuwinkend. »Aber nun kommt, Kinder, wir wollen Frau Bodin und ihre Tochter nicht länger vom Geschäfte abhalten. Wir haben nun schon gesehen, wie es bei ihnen aussieht; denn ehrlich gestanden, Frau Bodin, ich kam nur hierher, um mich durch eigene Anschauung zu überzeugen, ob mein junger Freund Marc sich nicht durch die Augen der Jugend hat täuschen lassen. Aber ich sehe, er hat klar und richtig geurtheilt. Geht voraus, Edith und Alfred, und Sie, Marc, geben Sie mir Ihre Hand, denn ich bin solche halsbrecherischen Stiegen noch nicht gewöhnt.«

Sie kamen aber alle glücklich auf die Straße, und nicht wenig freute sich Marc, als ihm seine mütterliche Freundin ohne Rückhalt erklärte, wie wohl ihr die fremde Frau mit ihrer Tochter gefallen habe.

»Man darf ein Weib nur in ihrem Hauswesen betrachten,« sagte sie, »so weiß man gleich, was an ihr ist. Mein Entschluß steht daher fest; die Frau Bodin und ihre Tochter bekommen das kleine Hinterhaus zur Wohnung. Es sind nur zwei Zimmer, aber es ist doch drei Mal so viel Platz da, als sie bisher hatten, und es wäre eine wahrhafte Sünde, das junge Mädchen in dieser schrecklichen Umgebung zu lassen, in der sie gegenwärtig leben. Ueberdieß werden sie uns nützlich sein; wir werden ihnen keine Wohlthat erweisen, sondern sie werden für uns arbeiten. Es gibt ja so viel zu thun, wenn man eine Aussteuer herzurichten hat. Was die Beiden morgen für ein Gesicht machen werden, wenn ich ihnen das freundliche Häuschen inmitten von Blumenbeeten als ihren künftigen Wohnsitz anweise! Ich freue mich schon jetzt auf ihre Freude. Wie sind wir doch von Gott besonders begünstigt, daß er uns in eine Lage gebracht hat, wo wir Andern Gutes thun und Bedürftigen Wohlthaten erweisen können! Wie viel Hunderte von unsern Nebenmenschen sind in derselben Lage, wie wir, ja vielleicht noch höher und besser gestellt, und wissen doch nichts von dem unendlichen Vergnügen, den das Freudemachen bereitet! Und vollends, wenn die Wohlthat auf einen guten Boden fällt, wenn die, welchen wir Freude bereiten, einschlagen und sich unserer Fürsorge werth erzeigen, welche Lust, welch' inneres Glück empfindet man da! Ach, ich bin immer noch ein wahres Kind, denn ich freue mich auf Morgen wie ein Mädchen von vierzehn Jahren.«

So sprach die gute Frau Cooper und wie sie sprach, so dachte sie. Sie gehörte noch der alten Schule der Amerikaner an und der verderbte Geist des jetzigen Amerikanerthums hatte keinen Einfluß auf sie auszuüben vermocht. Wie schmerzt es uns daher, den Leser aus dieser reinen Atmosphäre gleich wieder in den Dunstkreis des Lasters und der Verderbniß versetzen zu müssen; aber unsere Pflicht ist es, die Wirklichkeit zu schildern, die Wirklichkeit auch in ihrer scheußlichsten Gestalt!

Wir kehren also in das halbzerfallene Haus in der Walkerstreet zurück, aber wir treten dießmal nicht bei der Frau Bodin und ihrer Tochter ein, welche im vollen Glück über den so eben gehabten Besuch aufs eifrigste ihrer Arbeit obliegen, sondern das Zimmer hart neben dem ihrigen ist es, das wir zu besuchen genöthigt sind. Das Zimmer selbst bietet übrigens nichts Merkwürdiges dar, außer daß es äußerst klein und fast erbärmlich zu nennen ist. Außer einem Tisch und ein paar Stühlen befindet sich gar kein Ameublement darin. Der Besitzer dieses Gemachs hat sich, wie es scheint, noch nicht häuslich eingerichtet. Und doch hat er es schon seit einigen Tagen inne und den Miethzins, wie in New-York gebräuchlich, auf einen Monat im Voraus bezahlt. Aber er benützt es allem Anscheine nach nur zu einem gelegentlichen Absteigequartier, denn obwohl er nun seit zwei Tagen viele Stunden daselbst zugebracht hat, so war doch sein Zweck offenbar nicht der, hier zu wohnen, sondern der, hier zu beobachten. Und was waren es für Beobachtungen, die er da machte? Die Läden hatte er sorgfältig geschlossen, daß Niemand hereinschauen konnte. Trotzdem brannte kein Licht, sondern er saß ganz im Dunkeln. Dagegen hielt er sein Ohr fest an die Wand, welche sein Zimmer von dem der Frau Bodin und ihrer Tochter schied. Er wollte offenbar hören, was in letzterem Zimmer gesprochen wurde. Er wollte aber nicht blos hören, sondern auch sehen! Zu diesem Behufe hatte er sich platt auf den Boden gelegt und mit einem Bohrer sachte und leise ein Loch durch die dünne Wand eröffnet. Ja nicht blos Ein Loch hatte er gebohrt, sondern mehrere in gerader wie in schiefer Richtung, so daß er, obgleich die Löcher so fein waren, daß man kaum mit einer Stricknadel hindurchgreifen konnte, dennoch Alles übersah, was im anderen Zimmer vorging. Bei ihm war es ja dunkel, und drüben hell! Mit dieser Arbeit war er in wenigen Minuten bei stiller Nachtzeit fertig geworden und die Bewohnerinnen neben ihm hatten nicht das Geringste gemerkt, denn sie schliefen den Schlaf der Unschuldigen. Die Löcher selbst aber konnten sie den andern Tag nicht sehen, denn es waren ja nur Punkte, Punkte auf einer Wand, die ohnehin wurmstichig war! Bis jetzt hatte der heimliche Lauscher nur wenig erspäht und eben so wenig gehört, was ihm zur Förderung seiner geheimen Zwecke dienen konnte; aber heute, an dem Morgen, da Frau Cooper mit ihrer Tochter und den beiden jungen Männern den Bodins einen Besuch abstattete, heute hatte er erfahren, was er zu erfahren wünschte! Kein Laut von dem, was gesprochen worden war, war ihm entgangen! Jede der anwesenden Personen hatte er sich genau gemerkt! Er hatte ihre Gesichtszüge, ihren Charakter studirt, er hatte sich aus ihren Worten eine ganze Historie zusammengemacht und war nun mit den Verhältnissen der Familie Bodin so genau bekannt, als ob er seit Jahren ihr Vertrauter gewesen wäre! Und – wer ist dieser geheime Lauscher? Kein anderer, als der, den wir unter dem Namen Professor Reynier kennen gelernt haben. Sein scharfer Blick bedurfte nur einer Andeutung, um sogleich der ganzen Wahrheit auf die Spur zu kommen.

»Das Mädchen von hier fort und in das geheime Boudoir zu schaffen, wird mir nicht schwer werden,« calculirte er für sich hin. »Sie ist unschuldig, also leichtgläubig und vertrauensvoll. Aber die Mutter darf dann nicht hier bleiben, sonst würde ich zu viel aufs Spiel setzen. Nicht daß ich ihretwegen bange zu sein brauchte! Es ist eine Ausländerin und eine arme Ausländerin; damit ist genug gesagt. Aber dieser junge Mann, der Marc, wie sie ihn nannten, will mir nicht gefallen. Das Mädchen schwärmt für ihn und er liebt sie im Stillen, vielleicht ohne daß er es selbst weiß. Wenn ich nun das Mädchen allein entführte und die Mutter ihm kund thun würde, daß die Tochter unter diesem oder jenem Vorwand auf die Seite gebracht worden sei, so würde er Himmel und Erde in Bewegung setzen, um sie wieder zu gewinnen. Und Allem nach ist er reich und ein Eingeborner! Das geht also nicht. Im Gegentheil, die Mutter muß unter allen Umständen verhindert werden, ihm Bericht zu erstatten; sie muß also ebenfalls, wie die Tochter, verschwinden, und es muß ihm ganz unmöglich gemacht werden, zu erfahren, wohin Mutter und Tochter gerathen sind. Und nicht blos das; er muß zu der Ueberzeugung kommen, daß sie freiwillig fort sind, freiwillig, ohne ihm ihren neuen Aufenthalt anvertraut zu haben! Vielleicht faßt er dann Verdacht gegen ihren Charakter, und wenn er dieß thut, so läßt er alle Nachforschungen unter Wegen. Aber wie bring ich die Mutter fort?« calculirte er weiter. »Laß' einmal sehen. Ja so geht's und damit ist zugleich der Ort gegeben, wohin ich sie bringen lasse.«

Er erhob sich von seiner gebückten Stellung und ging ein paar Male leise in seinem Stübchen auf und ab, wie um noch einmal zu überlegen, um seinen ganzen Plan nochmals zu überdenken. Dann verließ er sein Zimmer, den Hut in der Hand, und klopfte sachte an die Thüre seiner Nachbarinnen.

»Herein!« sagte Frau Bodin.

Mit einer tiefen Verbeugung trat der kleine, magere Mann ein. Es war noch dasselbe braungelbe Gesicht mit den marmornen Zügen, das wir im ersten Band dieser Geschichte schon geschildert haben; aber die stechenden Augen sind andere geworden, denn sie sahen jetzt so demüthig und schüchtern drein, als ob der Inhaber derselben in gar bescheidenen und gedrückten Verhältnissen lebte.

»Verzeihen Sie, meine Damen,« sprach der Eintretende im reinsten Französisch, »verzeihen Sie, wenn ich Ihnen aufdringlich erscheinen sollte. Ich bin erst vor wenigen Tagen in das anstoßende Wohnzimmer gezogen und habe durch Zufall erfahren, meine Nachbarinnen seien Landsmänninen. Sie glauben nicht, welche Wonne mein Herz durchbebte, als ich dieß Wort hörte. Landsmänninen in diesem grausamen fremden Lande! Landsmänninen, die mit mir auf demselben Boden wohnen! Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mich Ihnen persönlich vorzustellen, auch auf die Gefahr hin, von Ihnen als ein Zudringlicher betrachtet zu werden.«

Er sprach dieß so sanft und bescheiden, daß Frau Bodin unwillkührlich davon ergriffen wurde. Auf Rosa jedoch machte der Ton dieser Stimme einen umgekehrten Eindruck. Es war ihr, als ob Etwas darunter lauere! Und dieses Etwas flößte ihr Schrecken ein! Sie konnte sich aber keine Rechenschaft darüber geben, und so schwieg sie stille, nicht jedoch, ohne ihren Blick lange auf dem neuen Landsmann haften zu lassen.

»Das Glück begünstigt uns heute,« erwiederte Frau Bodin freundlich. »Zuerst haben wir großmüthige Beschützer gefunden und jetzt höre ich gar noch die lieblichen Klänge meiner Heimathsprache, die ich so lange entbehren mußte. Doch Sie vergessen uns den Namen dessen zu nennen, der uns so zuvorkommend mit seiner Gegenwart beehrt.«

»Ach, ich bin nur ein wenig gekannter Sprachlehrer,« versetzte der Besuchende wie in Verlegenheit. »Mein Name ist Reynier (er sprach aber hier den Namen auf französische, nicht auf englische Art aus) und ich ernähre mich kümmerlich mit Unterricht im Französischen und Italienischen. »Emigrantenbrod ist ein hartes Brod.« Sie kennen ja das Sprüchwort. Aber, was sehe ich, meine Damen? Sie sind solche Künstlerinnen? Solch' herrliche Stickarbeit geht aus Ihren Händen hervor? Ah, obwohl ich mein Brod hier mit saurem Schweiß verdiene, so verstehe ich mich doch auf derlei Kunstarbeiten. Ich muß Sie wirklich bewundern, meine schönen Landsmänninen. Und bei solchem Talente, bei solchen Gaben wohnen Sie hier in der Walkerstreet? Sie, die Sie das erste Atelier im Broadway einnehmen könnten?«

»Ist nicht dieses Haus auch Ihre Wohnung?« meinte Rosa, unangenehm berührt.

»Meine Wohnung?« erwiederte der Professor mit Demuth. »Was hat ein armer gebrechlicher Sprachlehrer für Ansprüche zu machen? Er muß froh sein, wenn er nur sein Leben durchbringt. Aber Sie mit Ihrem Talente und zugleich mit Ihrer Anmuth! Ich besitze einige wenige Bekanntschaften und habe die Ehre im Hause der Frau Gräfin Belgiojoso Unterricht zu ertheilen. Die hohe Dame ist auch eine Landsmännin von uns. Ach wüßte sie von Ihnen! Keine Minute dürften Sie länger hier wohnen. Schon lange sucht sie ein junges gebildetes Fräulein, das in ihrem Hause die Stelle einer ersten Gesellschafterin einnähme, und zugleich die Nähterinnen und Putzmacherinnen beaufsichtige, welche für die Niecen der Frau Gräfin fast das ganze Jahr hindurch zu arbeiten haben. Welch' herrliche Stellung wäre dieß für das junge Fräulein hier! Ach und jetzt fällt mir eben ein; ich habe ja diesen Vormittag noch den jungen Gräfinnen eine Lektion im Englischen zu ertheilen. Da erlauben Sie mir wohl, der Frau Gräfin ein Wort von Fräulein Rosa zu sagen? Vielleicht hat die reiche Dame auch eine Stelle für die Mutter Rosas zu vergeben. Lassen Sie mich nur machen. Das soll heute noch ins Reine kommen. Damen, wie Sie, sollen nicht elendiglich in der Walkerstreet verkümmern.«

»Wir sind zufrieden mit unserer Lage,« erwiederte Rosa, »und ich möchte sie unter keiner Bedingung mit einer andern vertauschen, wo ich mich von meiner Mutter trennen müßte. Sagen Sie also der Frau Gräfin lieber nichts von uns.«

»Nicht doch, Rosa,« versetzte die Mutter zurechtweisend. »Wir dürfen nicht hochmüthig werden, weil das Schicksal uns in den letzten Tagen so sichtbarlich begünstigt hat. Auch ich möchte mich unter keiner Bedingung von dir trennen, mein Kind, wenn es sich irgend mit deinem Glücke verträgt; aber die vornehme Dame, von der unser Landsmann spricht, schenkt uns vielleicht die Gunst ihres Zutrauens, und beehrt uns mit Aufträgen, die wir in unserer Wohnung ausführen können. Und es ist gleich ein ganz anderes Gefühl, für eine Landsmännin zu arbeiten, als für Fremde.«

»Mutter!« sagte Rosa vorwurfsvoll.

»Ich weiß, mein Kind,« erwiederte diese, »ich weiß, ich thue Unrecht. Denn nie war Jemand gütiger gegen uns, als Herr Marc und die edle Frau Cooper. Aber ich kann meinem Gefühle nicht wehren und das sagt mir, daß Alles, was von Landsleuten kommt, vom Herzen kommt und aus Liebe gethan wird. Von den Einheimischen hier werden wir doch immer als Ausländer behandelt.«

Rosa schüttelte blos mit dem Kopfe, erwiederte jedoch keine Silbe. Der Sprachlehrer wußte aber diese augenblickliche Mißstimmung klug zu benützen.

»Ach, mein liebes junges Fräulein,« meinte er mit einschmeichelnder Stimme, »würden Sie die schöne, edle Gräfin kennen, in deren Haus ich aus- und einzugehen gewürdigt bin, sie würden gerade so urtheilen, wie Ihre Frau Mutter. Die Gräfin ist die Güte, die Liebe selbst, und der beste Beweis dafür ist die Art und Weise der Behandlung, die sie mir, dem armen Sprachlehrer, angedeihen läßt. Nie läßt sie mich meine niedrige Lage empfinden, nie zeigt sich ihre Wohlthätigkeit gegen mich als Herablassung, nie fühle ich mich durch ihre Güte gedemüthigt. Sie behandelt mich als Landsmann, als auf gleicher Stufe mit ihr stehend, oder wenigstens als gleich Berechtigten. Und das ist's, was Ihre Frau Mutter sagen wollte. Aber ich vergesse mich ganz; das Glück, Landsmänninen getroffen zu haben, läßt mich gar nicht an meine Lection denken. Erlauben Sie jetzt, daß ich mich entferne. Erlauben Sie aber auch, daß ich der edlen Gräfin von ihnen erzähle. Zwar gibt sie durchaus keine Arbeiten außer dem Hause, weil sie es vorzieht, wenn Alles unter ihren eigenen Augen geschieht; aber vielleicht kann Fräulein Rosa wenigstens einen oder zwei Tage in der Woche abkommen, und bei der Frau Gräfin arbeiten. Sie glauben nicht, wie freigebig sie alle Dienste lohnt, die man ihr leistet. Und überdieß hat sie eine außerordentlich große Bekanntschaft unter den ersten Familien des Landes. Ich darf sagen, wenn die edle Frau sich für Sie interessirt, so ist Ihre Zukunft für immer gesichert.«

Mit vielen Bücklingen und Grüßen entfernte er sich und hinterließ die zwei Frauen in einer sonderbaren Stimmung, die Mutter voll Glück und Freude über eine neue Gönnerin, für welche sie schon zum Voraus als eine Landsmännin eingenommen war; die Tochter voll Besorgniß und Bangigkeit, von deren Grund oder Ungrund sie sich selbst keine Rechenschaft ablegen konnte! Doch folgen wir dem Professor. Sonderbarer Weise wandte er sich nicht dem Wege zu, welcher ihn in die Bleekerstreet führen mußte, sondern er schlug vielmehr gerade die umgekehrte Richtung ein. Mit schnellen Schritten eilte er vorwärts, und nahm sich nicht einmal Zeit, eine der vielen Stagen oder Omnibusse zu benützen. Sein Ziel war die untere Stadt und zwar der Theil derselben, welchen wir gleich im Anfange dieses Buchs unsern Lesern geschildert haben. Bald stand er vor dem kleinen Häuschen auf Trinityplace, welches von dem würdigen Ehepaar Myers bewohnt wurde. Auf sein kräftiges Klopfen öffnete ihm Herr Myers in eigener Person und führte ihn, ohne ein Wort zu sagen, in seinen hinteren Parlor, wo Niemand sie sehen oder belauschen konnte.

»Wie geht es, Herr Myers?« sagte der Professor, sich auf einen Stuhl werfend, um von dem schnellen Gange auszuruhen. »Was macht die würdige Frau Myers? Immer noch thätig und lebendig? Wie steht's mit dem vortrefflichen Blindenasylum? Immer noch viel Kostgänger und Kostgängerinnen? Sie erwerben sich wahrhaftig eine Stufe im Himmel durch Ihre Aufopferung für die Menschheit! Man muß staunen, wie ein Mann sein ganzes Leben ohne allen Eigennutz der Frömmigkeit widmen kann! Aber ich habe Sie schon volle sechs Monate nicht mehr gesehen. Sie sind kein guter Kunde oder hat das Tränkchen, das ich Ihnen damals gab, seine Wirkung nicht gethan? Hat das Kind sich gesträubt?«

Während er so sprach, ruhten seine kleine Augen durchbohrend auf dem alten Herrn Myers. Die Demuth, welche er vorhin im Stübchen der Frau Bodin geheuchelt, hatte er längst wieder abgelegt! Herr Myers fuhr zurück, als ob ihn eine Schlange gestochen hätte; er schlug die Augen voll Entsetzen gen Himmel auf und stöhnte auf eine erbarmungswürdige Weise.

»Mensch!« rief jetzt der Professor mit tiefer Verachtung in Wort und Blick. »Du wirst doch das fromme Heucheln nicht mir gegenüber durchführen wollen? Antworte, hat das Tränkchen seine Wirkung gethan?«

»Es ist Alles in Ordnung, Herr Professor,« erwiederte nun Herr Myers, sich scheu umsehend. »Ich weiß auch wohl, ich bin immer noch Ihr Schuldner.«

»Und diese Schuld sollen Sie jetzt abtragen,« versetzte der Professor kalt, aber bestimmt. »Sie sagten mir damals, wenn ich einmal ein abgelegenes Plätzchen brauche, wo ich eine mir im Wege stehende Person auf eine oder zwei Wochen sicher aufbewahrt haben wollte, so könnten Sie mit einem solchen aufwarten, vorausgesetzt, daß die Folgen keine gefährliche seien. Erinnern Sie sich dessen?«

»Ich erinnere mich, Herr Professor,« flüsterte der alte Mann mit noch scheuerem Blicke, »ich weiß auch, daß ich in Ihrer Gewalt bin, aber – aber mit Mord mag ich nichts zu thun haben.«

»Wer spricht denn von Mord, alter Narr?« rief Reynier. »Das, was ich von Ihnen verlange, können Sie ohne die geringste Gefahr vollbringen. Keine Seele wird je darnach fragen; denn es handelt sich nur von einer älteren, schwächlichen Ausländerin, die gänzlich ohne Vermögen und ohne Einfluß ist. Diese will ich auf zehn oder zwölf Tage an einem abgelegenen Ort sicher aufgehoben wissen, daß sie nicht kreischt und keinen Lärmen macht, oder vielmehr, daß man ihr Kreischen und ihren Lärmen nicht hört; und ich will's nicht einmal umsonst, sondern für jeden Tag, den sie bei Ihnen zubringt, zahle ich ein Kostgeld von zehn Dollars. Nachher können Sie die Frau wieder springen lassen, wohin sie will, ohne daß ihr ein Haar gekrümmt worden wäre.«

»Also keinerlei Gewaltthat soll an ihr ausgeübt werden?« fragte Herr Myers aufathmend. »Blos in Kost und Logis soll ich sie auf einige Zeit nehmen? Dazu bin ich bereit, mit Vergnügen bereit, Herr Professor; denn Sie sehen wohl, ich bin kein Mann der Gewalt. Nein, ich liebe die Ruhe und den Frieden, und beschränke mich auf fromme, gütliche Mittel. Wenn Sie daher ein Mehreres verlangt hätten, so hätten Sie sich müssen an meine Frau wenden; diese schreckt vor nichts zurück.«

»Denke, ich habe für Ihre Frau auch eine kleine Rolle,« fuhr der Professor fort. »Aber jetzt, Freund, lassen Sie gefälligst das Augenverdrehen nebst den andern frommen Faxen weg und hören Sie mir aufmerksam zu, damit Sie jedes Wort behalten, das ich Ihnen mittheile. Es hängt Alles von der Klugheit ab, wie Sie die Sache angreifen; deswegen habe ich mich an Sie gewandt, trotzdem ich Ihre Furcht vor Gefahr kenne, und nicht an einen Andern, der vielleicht mit seiner Gewaltthätigkeit das ganze Spiel verderben würde.«

Der Professor setzte sich nun hart neben den frommen Direktor des Blindenasylums und sprach lange und eindringlich zu ihm. Die klugen Augen des alten Mannes sagten ihm aber bald, daß er vollkommen begriffen worden sei.

»Es wird gehen, Herr Reynier,« meinte Herr Myers, nachdem der Erstere zu Ende war. »Die Frau wird mir ohne Anstand in den Wagen folgen, das will ich schon so einzurichten wissen. Auch bin ich gerne bereit dazu, dieselbe zu entführen und in meinem Asylum sicher aufzubewahren, schon deßwegen, weil sie ein Schützling des Herrn Marc Price ist und ich in Abrechnung mit diesem stehe. Aber der Weg in mein Asylum ist weit und die Frau wird bald merken, daß ich sie ganz anderswohin führe, als wohin ich sie zu führen versprach. Sie wird schreien, der Drotschkenführer wird halten, es werden Leute hinzukommen, und das Ende vom Liede ist meine Verhaftung. Ja, wenn man ihr vorher ein Tränkchen beibringen könnte, wie der blinden Peg!« setzte er seufzend hinzu.

»Pah, Mann, du bist doch die Aengstlichkeit selbst,« erwiederte der Professor verächtlich. »Aber sei ohne Furcht, die Frau wird weder um Hülfe rufen, noch aus dem Wagen springen wollen. Siehst du hier dieses kleine Fläschchen? Es ist sorgfältig verkorkt und du mußt beim Gebrauche vorsichtig mit seinem Inhalte umgehen. So bald du die Frau im Wagen hast, und so bald die Pferde sich in Bewegung gesetzt haben, klagst du über Uebelbefinden. Du ziehst dieß Fläschchen aus der Tasche, öffnest es, bringst drei Tropfen, nicht mehr, noch minder, auf dein Taschentuch und hältst dieses nicht dir, sondern der Frau an den Mund. Die Wirkung wird eine augenblickliche sein und die Frau in eine tiefe Ohnmacht versinken. Vielleicht nach zehn Minuten schon, vielleicht erst später, wird die Ohnmächtige allmählig zu sich kommen. Du erneuerst dann das Experiment und sie wird sogleich wieder fortschlafen; aber nimm die Dosis nicht zu stark, sonst bringst du eine Todte ins Blindenasylum.«

Der alte Mann nahm das kleine Crystallfläschchen in die Hand und betrachtete es lange mit eben so liebkosenden, als bewundernden Blicken.

»Wenn die Wirkung die ist, welche Sie sagen,« sprach er dann leise, »so ist es eine Erfindung, die nicht mit Geld zu bezahlen ist. Eine förmliche Ohnmacht ist die Folge, sagen Sie, eine Ohnmacht, in der man zu keiner Handlung fähig ist? Und alles dieß mit drei Tropfen von dieser unscheinbaren Flüssigkeit?«

»Beim stärksten Manne sind nicht mehr als sechs Tropfen nöthig,« entgegnete der Professor nicht ohne Stolz. »Ueberdieß ist die Ohnmacht gänzlich schmerzlos, und ohne Nachtheil für die Gesundheit. Sie sehen, die Erfindung hat einigen Werth, und man wird künftig mit meinem Mittel große Zwecke erreichen, größere, als früher mit Gewalt oder List. Aber seien Sie behutsam in der Anwendung. Nicht mehr, als drei Tropfen bei einer schwächlichen Frau, beim stärksten Mann nicht mehr, als sechs! Doch genug hievon! Mit dem Schlage drei Uhr müssen Sie vor dem bewußten Hause halten, und zehn Minuten darauf muß Ihre Gattin mit dem Carman kommen und das Mobiliar fortschaffen, damit man glaubt, die Frau sei ausgezogen. Sie haben doch einen Karrenführer, auf den Sie sich verlassen können?«

»Ich denke so,« versicherte Herr Myers halb grinsend, halb fromm aufseufzend. »Der Haushalt, den wir wegführen sollen, wird zwar keinen großen Werth haben, aber ich will doch meinen Privatcarman dazu benützen, damit nicht etwa bei einer möglichen Nachfrage der Ort herauskommt, wohin der Karrenführer die Mobilien gebracht hat. Sie wissen ja, meine Frau hat ein kleines Versatzgeschäft und da braucht man am liebsten zum Hin- und Herführen der Waaren einen Menschen, der ein wenig verschwiegen ist.«

»Gut! Abgemacht also,« sagte nun der Professor aufstehend. »Hier sind hundert Dollars auf zehn Tage abschläglich. Erhalten Sie keine weitere Nachricht, so lassen Sie die Frau am eilften Tage laufen. Am besten ist's, Sie schläfern sie dann mit meinem Geheimmittel ein wenig ein, führen Sie in der Nacht eine Strecke weit von Ihrem Asylum weg und setzen Sie an einem beliebigen Orte ab. Dann weiß die Frau gar nicht, wo sie nur überhaupt die Zeit über gewesen ist, und nie und nimmer kann uns irgend eine Verantwortung treffen. Nur vergessen Sie den Glockenschlag drei Uhr nicht.«

Das Geschäft war abgemacht und der Professor eilte weiter. Sein Ziel war jetzt der Apothekersladen in der Carminestreet, wo er einen Trank bereitete, der für das Opfer bestimmt war, das er in das geheime Boudoir zu führen gedachte. Erst als er hiemit fertig geworden, verfügte er sich auf dem geheimen Wege zu der Gräfin Belgiojoso, um diese ihrerseits auf die Rolle vorzubereiten, welche sie in diesem Drama zu spielen hatte. –

Mit dem Schlage drei Uhr fuhren zwei Wägen in die Walkerstreet ein, der eine war ein eleganter Salonwagen mit zwei prächtigen Pferden bespannt und einem adelichen Wappen auf dem Kutschenschlage; der andere unterschied sich in nichts von den gewöhnlichen Drotschken, die in New-York gebräuchlich sind. Beide hielten fast in derselben Minute vor dem gebrechlichen Hause, in dessen zweitem Stocke Frau Bodin mit ihrer Tochter eine so bescheidene Wohnung inne hatte; doch kam der Salonwagen der Drotschke um einen Augenblick zuvor. Wer sich die Mühe gab, in denselben zu sehen, gewahrte eine elegant gekleidete Dame, welche den Vordersitz einnahm. Ein einfach gekleideter und demüthig aussehender Herr hatte den Rücksitz eingenommen und stieg, als der Bediente den Schlag geöffnet hatte, schnell die halsbrecherische Stiege zu Frau Bodins Zimmerchen hinan. Es war der Herr, der sich als Sprachlehrer bei ihr eingeführt hatte.

»Ach, verehrteste Frau Bodin,« rief der Sprachlehrer, »wie glücklich schätze ich mich, der Ueberbringer einer so guten Nachricht zu sein. Die Frau Gräfin Belgiojoso war ganz gerührt, als ich ihr von Ihnen erzählte. Und zu guter Stunde kam ich, denn die edle Frau ist eben in der Lage, die geschickte Hand Ihrer Tochter in Anspruch nehmen zu können. Denken Sie sich, wie froh ich war! Die Frau Gräfin setzte aber ihrer Güte die Krone auf und hält mit ihrem Wagen hier unten, um Fräulein Rosa gleich mitzunehmen. Sie sollen mit ihr in einige Verkaufslokale fahren, um ihr bei der Auswahl behülflich zu sein, und dann will sie Ihnen in ihrem Hause Alles zeigen, wessen sie für die nächste Zeit benöthigt ist. So setzen Sie nur schnell Ihren Hut auf, meine Theuerste, und lassen Sie die Frau Gräfin nicht lange warten. In einer Stunde können Sie wieder zurück sein.«

»Ich soll mit der Frau Gräfin fahren?« erwiederte Rosa fast erschrocken. »Wo denken Sie hin? Die Frau Gräfin würde bald finden, daß ich in fast Allem nur noch ein Kind bin und keineswegs so verständig und kunstvoll, als Sie mich ihr, wie es scheint, geschildert haben. Weit besser nehmen Sie meine Mutter mit, und ich mache dann einstweilen unsere Arbeit hier vollends allein fertig.«

»Wie?« rief der Sprachlehrer sichtlich erstaunt. »Sie weigern sich, des hohen Glücks theilhaftig zu werden, das ich Ihnen bestimmte? Aber nein, mein Kind, ich habe Sie wohl falsch verstanden. Gewiß wird Ihre Mutter verständiger sein, und mir beistehen, Sie zu einem andern Entschlusse zu bestimmen.«

Frau Bodin war im Begriffe, zu antworten; aber in diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und ein Fremder erschien auf der Schwelle. Es war ein ältlicher Mann mit sorgfältig umgebundenem weißem Halstuche, ganz in schwarz gekleidet und mit jenem soliden, rechtlich strengen Anstrich, wie ihn die vertrauten Diener von Geistlichen oder sonstigen hohen Würdenträgern zur Schau tragen.

»Wohnt hier eine gewisse Frau Bodin?« fragte der Mann in der weißen Cravatte. »Die Nummer des Hauses ist die richtige, aber ob ich mich nicht in der Zimmernummer irrte, darauf könnte ich wahrhaftig nicht schwören.«

»Ich heiße Frau Bodin,« erwiederte die Mutter Rosas nicht ohne einige Verwunderung über den neuen Besuch.

»Vermögen Sie dieß zu beweisen?« versetzte nun der Weißbecravattete. »Mein Herr, der berühmte Anwalt Brady, ist ein gar gestrenger Herr und hält außerordentlich viel auf Ordnung. Er würde mich schön empfangen, wenn ich meine Botschaft an eine falsche Adresse gelangen ließe.«

»Herr Brady schickt Sie?« fragte Frau Bodin mit erregter Stimme. »Herr Brady, der Rechtsanwalt des Herrn Marc Price und der Frau Cooper? Er, der versprochen hat, in meinem traurigen Falle Nachforschungen anzustellen? Sagen Sie mir schnell, was der geehrte Herr von mir will.«

Sie nennen Namen, die mich nicht mehr im Zweifel lassen, daß Sie die richtige Frau Bodin sind,« versetzte nun der Fremde mit Gravität. »Mein Herr schickt mich aber nicht, um Ihnen seine Neuigkeiten mündlich ausrichten zu lassen. Nicht einmal brieflich thut er dieß. Dazu ist Herr Brady viel zu klug, denn in dieser verdorbenen Welt kann man nicht vorsichtig genug sein. Wie leicht könnte der Gegner eine solche Neuigkeit erfahren? Wie leicht könnte die andere Partie den Ueberbringer des Briefs bestechen, daß er denselben in unrechte Hände ablieferte? Nein, mein Herr macht Alles mit seinen Clienten persönlich ab, persönlich unter vier Augen, wie er zu sagen pflegt. So hat er auch mit Ihnen Etwas abzumachen, und da er verhindert ist, selbst hierher zu kommen, so hat er mich gesandt, Sie zu ihm zu bringen. »Geh, Richard,« sagte er zu mir, »suche die Frau, deren Adresse ich dir hier gebe, auf; aber irre dich nicht in der Person, und sage ihr, daß ich sie unumgänglich nothwendig sogleich sprechen muß; denn es hat sich etwas ereignet, was von großem Werthe für sie ist. Hier hast du Geld. Nimm eine Drotschke und führe die brave Frau zu mir.« So sprach mein Herr, der erste Advokat New-Yorks zu mir, und hier bin ich, um Ihnen seine Botschaft auszurichten und mir Ihre Antwort zu erbitten.«

»Meine Antwort?« rief Frau Bodin in höchster Aufregung. »Meine Antwort ist die, daß ich sogleich bereit bin, mit Ihnen zu fahren. Nicht eine Minute möchte ich den vortrefflichen Herrn aufhalten, der sich meiner so gütig annimmt. Also verhält es sich doch so, wie Herr Marc Price heute Morgen andeutete! Ach, wie begierig bin ich!«

Sie eilte nach Hut und Schleier.

»Aber, Mutter,« flüsterte Rosa, ihr ängstlich zur Seite springend. »Du kennst ja den Herrn gar nicht, der dir diese Botschaft bringt?«

»Ah, meine liebe Rosa, ich hatte dich ganz vergessen,« rief Frau Bodin, allem Anschein nach ohne die Worte, welche die Tochter sprach, gehört zu haben. »Du siehst, ich kann jetzt nicht mit der Frau Gräfin Belgiojoso gehen; so sträube dich nicht länger und wirf das Glück nicht von dir. Der heutige Tag ist ein wunderbar gesegneter. Komm, Kind, laß uns gehen. In zwei Stunden sehen wir uns wieder hier, aber wer weiß, welche Aussichten uns bis dahin eröffnet sind.«

Rosa erwiederte kein Wort weiter, sondern ging mit ihrer Mutter die Treppe hinab. Ihnen folgten die beiden Männer, der Sprachlehrer und der Diener des Herrn Brady. Ein Blick, welchen der Erstere dem Letzteren zuwarf, bestätigte diesem, daß er seine Sache vortrefflich gemacht habe. Rosa stieg in den Salonwagen zu der eleganten Dame, welche sie darin erwartete. Frau Bodin wurde von dem Weißbecravatteten ehrfurchtsvollst in die Drotschke gehoben. Nach einer Minute waren beide Gefährte verschwunden. Aber weder Rosa, noch ihre Mutter kehrten an diesem Abende in ihre Wohnung zurück. Auch den nächsten und die nächstfolgenden Tage kamen sie nicht. Dagegen erschien nur wenige Minuten, nachdem die beiden Gefährte weggerollt waren, ein Carman, der von einer langen, magern, einäugigen Frau begleitet war. Beide begaben sich in den zweiten Stock in das Zimmer, welches die Bodins bisher bewohnt hatten, und welches die Frau, nachdem sie einige Schlüssel probirt hatte, richtig zu öffnen verstand. In New-York hat man ja lauter Fabrikschlösser und mit sechs verschiedenen Schlüsseln kann man alle Schlösser der ganzen Stadt öffnen! Der Carman und die Frau luden die wenigen Möbeln auf, welche in dem Zimmerchen standen. Es war bald geschehen! Dann fuhren sie ruhig im Schritte der unteren Stadt zu. Die Thüre der Wohnung ließen sie weit aufstehen. Es war ja nichts mehr zum Mitnehmen darin!

Am nämlichen Tag noch kam der Eigenthümer des Hauses, ein reicher Mann, der in einem ganz anderen Viertel wohnte, zufällig in die Walkerstreet, um eine andere leere Wohnung in demselben Hause einem Miethsmann anzuweisen. Zufällig sah er das Zimmer, das bisher Frau Bodin bewohnt hatte offen stehen. Er trat hinein. Es war leer. »Aha, die Leute sind ausgezogen,« sagte der reiche Mann, und ging in seine Office, um eine Vermiethungsanzeige zu schreiben und an das Haus zu kleben.

Den andern Morgen las man mit großen Buchstaben am Hause neben der Hausthüre: »To let a room and bedroom. Apply M.street Nro. . . » d. i. zu vermiethen ein Zimmer und Schlafkabinet, zu erfahren da und da.«

Das war Alles! Kein Mensch fragte darnach, warum die Leute fortgezogen seien, kein Mensch, wohin sie gezogen seien! Weder Polizei, noch Nachbarn, noch Hauseigenthümer bekümmerten sich darum. Es war dieß für Jedermann eine höchst gleichgültige Sache!

Und doch nicht für Jedermann! Ein Mensch kam den andern Tag, um zu sehen, was aus den beiden Frauen geworden sei; er kam in Unruhe, weil Rosa Bodin nicht nach Hoboken zur Frau Cooper gekommen war, wie sie doch thun zu wollen versprochen gehabt hatte. Dieser Eine war Marc Price. Erstaunt las er den Vermiethungszettel, erstaunt sah er die Wohnung von allen Möbeln geräumt. Er ging zum Hauseigenthümer, um zu hören, ob dieser sie vielleicht an die Luft gesetzt habe, weil der Miethzins etwa nicht bezahlt gewesen war. Der Hauseigenthümer aber erklärte, daß Alles in Ordnung gewesen und die Leute freiwillig gezogen seien. Marc ging zu den übrigen Bewohnern des Hauses und sogar zu einigen Nachbarn gegenüber. Die meisten antworteten ihm gar nicht, oder wenn sie antworteten, so bestand ihre ganze Antwort in den drei Worten: »ich weiß nicht.« Nur einige Frauen meinten: die Leute seien in einem Gefährte weggefahren, während ein paar Männer erklärten, ein Karrenführer habe sie mit ihren Mobilien weggebracht. Schon dieser Widerspruch zeigte, daß sich kein Mensch um die beiden Frauen bekümmert hatte. Am allerwenigsten wußte die Polizei etwas von ihnen. »Sie habe andere Dinge zu thun, als nach dem Ein- und Auszug der Miethsleute zu sehen,« meinten die Officianten, denen die Bewachung der Straße oblag. Einer derselben gab sogar die höhnische Antwort: »Herr Price möge nur die Häuser der nahen Churchstreet besuchen, so werde er das Mädchen wohl finden. Dasselbe sei ja früher Orangenverkäuferin gewesen.«

Den ganzen Tag verwandte Marc Price dazu, Nachforschungen anzustellen. Er konnte es nicht glauben, daß die beiden Frauen »freiwillig« ausgezogen seien! Er konnte es nicht glauben, daß Rosa die Straße verlassen habe, in der Absicht, ihn darüber, wohin sie gegangen sei, im Dunkeln zu lassen. Hier mußte ein Geheimniß obwalten! Aber wo den Schlüssel dazu finden? Oder – sollte er sich so sehr in dem Charakter dieses Mädchens, in dem Charakter ihrer Mutter getäuscht haben?


3.
Eine Feuersbrunst in New-York.

Die Beckmannsstreet ist eine der älteren Straßen New-Yorks; wer sie aber seit zehn Jahren nicht gesehen hat, der vermag sie kaum mehr zu erkennen. Nicht, daß ihre Richtung verändert worden wäre, o nein, sie hat immer noch ihren schiefen Lauf vom Broadway bis zum Eastriver; auch nicht, daß sie breiter oder länger gemacht worden wäre, o nein, sie ist sich auch hierin gleich geblieben, und kann in weniger als fünf Minuten von einem Ende zum andern begangen werden; aber die Häuser darin haben sich verändert und das Leben darin hat sich verändert, so daß sie sich gar nicht mehr gleich sieht. Der Großhandel ist in New-York, wie wir schon mehrmal angedeutet haben, auf die untere Stadt beschränkt, auf den Theil der Manhattaninsel, der sich zwischen den beiden Flüssen gegen die Battery hin zuspitzt. Dieser untere Theil dehnt sich aber von Jahr zu Jahr mehr aus. Je großartiger der Großhandel wird, je mehr Großhandlungshäuser entstehen, um so mehr Straßen müssen zur »untern Stadt« geschlagen werden. Diese Straßen werden der »mittleren Stadt« entzogen, d. h. dem Theil derselben, wo der Kleinhandel florirt und wo die Detailhändler wohnen. Dadurch wird die mittlere Stadt immer weiter nördlich gegen die große Vorstadt hinausgeschoben, und ebenfalls in Folge dessen dehnt sich die Vorstadt immer weiter gegen Harlem zu aus und wird in einigen Jahrzehnten die ganze große Insel in Beschlag genommen haben.

Vor zwölf Jahren noch gehörte die ganze Beckmannsstreet der mittleren Stadt an, und der Großhandel hatte in der Fultonstreet seinen Endpunkt. Damals waren alle Häuser der Beckmannsstreet noch Wohnhäuser. Das Parterre war zwar meistens zu einem Laden, einem Detailverkaufslocal, oder einem Wirthshaussalon hergerichtet, aber in den obern Stockwerken wohnten die Leute, welche das Parterre inne hatten, und noch überdem eine Menge von Miethsleuten, denen die Straße wegen der Nähe der Haupthandels- und Fabriklocale gar sehr gelegen war. Besonders gab es (aus demselben Grunde) viele Boardinghäuser in der Beckmannsstreet, d. h. Wirthschaften, in welchen man gegen ein bestimmtes Wochengeld Kost und Logis haben konnte. Der Zudrang zu diesen Boardinghäusern war ein außerordentlich starker, denn jeder ledige Arbeiter und Commis fand es überaus bequem, in einer Gegend zu speisen und zu wohnen, von wo aus er in wenigen Minuten in seine Werkstätte oder in sein Arbeitsmagazin gelangen konnte. Allerdings war der Zustand dieser Boardinghäuser kein besonders einladender; es waren meist alte Holzhäuser, die, morsch und baufällig, des Verbrennens kaum werth schienen. Dessen ungeachtet gab man sich gerne zufrieden, wenn man nur Aufnahme fand, ganz allein der Lage wegen; ja man zahlte sogar lieber ein größeres Kostgeld, als in schöneren, aber entlegeneren Stadttheilen gefordert wurde. Natürlich fanden dabei die Inhaber der Boardinghäuser ihren Vortheil und schlossen mit den Hausbesitzern Miethverträge auf viele Jahre hinein ab, sogenannte »Leasen,« welche sie vor Aufkündigung schützten, so daß hiedurch die Hausbesitzer, als der Drang der Umstände es später nothwendig machte, die Beckmannsstreet in eine Großhandelsstraße umzuwandeln, oft und viel verhindert waren, ihre alte Barracken abzureißen und mächtige Steinbauten dafür hinzustellen. Daher kam es, daß noch vor sechs Jahren gar viele elende Holzhäuser in der Beckmannsstreet standen, welche sich sonderbar genug gegen die Paläste ausnahmen, die inzwischen an einigen Stellen der Straße errichtet worden waren. Jetzt freilich sind diese Holzhäuser gänzlich verschwunden und man sieht nur noch fünf- und sechsstockige Prachtbauten, welche von oben bis unten mit Waaren angefüllt sind; damals aber konnte man der halbzerfallenen Barracken von einem oder zwei Stockwerken noch Dutzende zählen, und oft standen fünf oder sechs in Einer Reihe hart neben einander, sich gleichsam selbst verwundernd, daß sie noch fortexistirten, während doch ihr innerer Werth gleich Null war! Um so größer aber war der Werth des Grund und Bodens, auf dem sie standen, denn auf diesem konnten Paläste errichtet werden, die jährlich eben so viel Tausende abwarfen, als die Holzhäuschen jetzt Hunderte!

Zu letzterer Gattung von Häusern gehörten auch die sechs Barracken, welche der Jude Ephraim erworben hatte und welche vor wenigen Tagen auf den hochwürdigen Doctor Beecher übergeschrieben worden waren, als wären sie in dessen Eigenthum übergegangen; – die nämlichen sechs Barracken, welche sodann der Banquier Morris durch Ephraims Vermittlung von Doctor Beecher gemiethet, welche er dem Anschein nach mit Waaren aller Art von unten bis oben angefüllt und zuletzt um theures Geld – bei verschiedenen Assecuranzen versichert hatte! Hart an diese sechs Barracken, denn einen andern Namen verdienten sie nicht, stieß ein mächtiges Großhandelshaus, das erst vor wenigen Monaten fertig geworden war. Dasselbe zählte fünf Stockwerke und jedes Stockwerk enthielt mehrere Säle; denn das Haus war außergewöhnlich tief und stieß hinten auf einen freien Hof, durch welchen es mit der Cliffstreet verbunden war. Es war fest von Stein gebaut und auf alle mögliche Art gegen Feuersgefahr gesichert, denn nicht blos die Treppen waren von unten bis oben aus massivem Eisen gefertigt, sondern sogar die Fensterläden bestanden aus demselben Material. Auch gegen Diebe und Einbrecher hatte man die strengsten Vorsichtsmaßregeln ergriffen, denn nicht blos wurden nächtlich die sämmtlichen Thüren und Fenster gegen die Straße, sondern auch die gegen den Hof aufs sorgfältigste mittelst eisernen Stangen oder Querbalken, welche man zwar innen leicht ein- und ausheben, aber von außen nicht eindrücken konnte, fest verrammelt, nicht blos war das Hofthor gegen die Cliffstreet ein schwer eichenes und dick mit Eisen beschlagen, sondern zur äußersten Vorsorge hatte man auch noch einen Privatnachtwächter angestellt, welcher allnächtlich vor dem Hause und um dasselbe herum die Runde zu machen bestimmt und dafür gut bezahlt war. Man hatte übrigens auch Grund zur Vorsicht, denn der Werth der Waaren, die in den verschiedenen Sälen des großen Gebäudes aufbewahrt wurden, war ein mehr als gewöhnlicher. Unten im Parterre befand sich ein großer Tuchladen und alle Räumlichkeiten dieses Stockwerks sowohl als auch des darunter befindlichen Souterrains (auf amerikanisch: Basement) waren mit hunderten von Ballen importirter Wollenzeuge angefüllt. Im zweiten Stock hatte sich ein Goldwaarenfabrik-Inhaber, der vielleicht fünfzig oder mehr Arbeiter beschäftigte, etablirt. Das dritte Stockwerk benützte ein Galanteriewaarenfabrikant, bei welchem einige Dutzend Buchbinder und ebenso viele Gehülfinnen arbeiteten. Der vierte und fünfte Stock war die große Werkstätte einer Cigarrenfabrik, die jährlich mehr als hunderttausend Thaler in Tabak verbrauchte. Eigenthümer des Hauses war der Inhaber des Tuchwaarenlagers, und von ihm oder vielmehr von seinen Leuten wurde allnächtlich dafür gesorgt, daß alle Thüren und Läden nach hinten und nach vornen sorgfältig verschlossen wurden. Auch mußte sich der Privatnachtwächter jeden Abend in seiner Office, d. i. in dem Stübchen, wo die Buchhalter mit dem Principale schrieben, einfinden, damit man sich für überzeugt halten konnte, er habe seinen Posten zu pünktlicher Zeit angetreten. Dieß Letztere mußte regelmäßig Sommer wie Winter um sechs Uhr geschehen und schon eine halbe Stunde vor dieser Zeit kam er in die Office, um etwaige Befehle des Principals entgegenzunehmen. Nach sechs Uhr war das ganze große Gebäude, in welchem täglich Hunderte von Menschen ihr Brod verdienten, und welches von vielleicht noch Mehreren in Geschäftsangelegenheiten besucht wurde, so still und verlassen, wie ein Kirchhof! Und wie dieses, so gibt es noch tausend und aber tausend ähnliche Prachtbauten in New-York; des Tags über gleichen sie Ameisenhaufen, die Nacht durch herrscht in ihnen die Stille eines Grabgewölbes!

Es war Abends nach fünf Uhr. Noch war Alles in größter Thätigkeit. Treppe auf, Treppe ab gings von Besuchern, Bestellern, Käufern, Arbeitern, Arbeitsuchenden. Kein Mensch bekümmerte sich um den Andern, kein Mensch fragte den Andern, Jeder ging in das Stockwerk, wohin ihn sein Beruf führte. Unter den Hunderten war auch ein armer, alter blinder Bettler, den ein verwachsener Knabe führte. Der Mann ging tief gebückt an einem Stabe und die Augen sahen so glasig und todt, als wäre der Lichtfunken darin schon Jahrelang erloschen! Niemand konnte den gebrechlichen, fast todesmatt einherwankenden Greis ansehen, ohne von tiefem Mitleid gerührt zu werden. Der Alte öffnete die Thüre zur Office im ersten Stock und hielt den Hut in den Händen.

»Help an old blind man!« »Hülfe für einen alten blinden Mann!« sprach er mit fast zitternder Stimme.

»Hier habt Ihr einen Sixpense, Alter,« erwiederte der Eigenthümer des Locals, ihm die besagte Münze (etwa 9 kr. an Werth) reichend; »aber ich erinnere mich, Ihr seid gestern auch hier gewesen. Uebertreibt Euren Besuch nicht, sonst verscherzt Ihr das Mitleiden, das Euer Aussehen erregt.«

Der Blinde wollte etwas zur Entschuldigung vorbringen, aber in diesem Augenblicke trat ein anderer Mann in die Office. Es war dieß ein kräftiger Vierziger mit einem verständigen, aber gutmüthigen Gesichte und von dem anständigen Aeußern eines Handwerkers.

»Boss here?« fragte der neue Ankömmling, sich im Kreise umsehend. Die Frage klang weder unterwürfig, noch frech, sondern sie hielt die richtige Mitte, wie sie sich für einen Untergeordneten, der in Geschäftssachen kommt, geziemt.

»Was wünschen Sie, Herr?« erwiederte der Herr des Hauses, einen Schritt vortretend. Es war derselbe, der vorhin dem Bettler den Sixpense geschenkt hatte.

»Herr Turner schickt mich,« fuhr der Andere fort, seinen Hut lüpfend. »Er wünscht heute Abend das Sink reinigen zu lassen, da der Sommer immer näher heranrückt, und die heiße Zeit bald eintreten dürfte.«

»Es ist gut,« erwiederte der Boß, »aber warum kommt Herr Turner nicht selbst? Er hat noch nie einen Gehülfen gesandt, um die Reinigung anzusagen.«

»Sie wissen nicht, daß er vor zwei Tagen das Unglück hatte, überfahren zu werden?« versetzte der Fremde. »Ich bin übrigens schon lange als Buchhalter in seinen Diensten. Sie dürfen versichert sein, daß unter meiner Leitung Alles aufs prompteste und sicherste geschehen wird.«

»Habe kein Wort von dem Unfall Herrn Turners gehört,« meinte der Boß ziemlich gleichgültig. »Muß nicht in den Zeitungen gestanden haben. Aber warten Sie ein wenig, bis der Privatwächter kommt. Er muß jeden Augenblick da sein. Ihm werde ich die Schlüssel zum Hofthore übergeben und er wird natürlich präsent sein, so lange die Arbeit andauert, und nachher die Schlüssel wieder zur Hand nehmen.«

Gleich darauf trat der Privatwächter ein, um gewohnter Maßen seinen Rapport abzustatten und etwaige Befehle in Empfang zu nehmen. Der Boß übergab ihm die Schlüssel zum hinteren Eingang des Hauses und schärfte ihm Vorsicht im Wiederverschließen ein. Der Gehülfe des Herrn Turner entfernte sich jetzt mit der Bemerkung, daß er mit seinen Leuten und Wägen gleich nach eilf Uhr in der Nacht sich einfinden werde. Sein ganzes Benehmen hatte nichts Auffallendes, im Gegentheil, er trat so sicher und ruhig auf, als wäre er in der That der Mann, für den er sich ausgegeben hatte. Kaum war er jedoch aus dem Hause, so wandte er sich rechts in die Goldstreet und verschwand gleich darauf in dem hintern Eingang zu dem Junkshop des Juden Ephraim. Dort nahm sein Gesicht einen ganz anderen Ausdruck an und erinnerte lebhaft an die Physiognomie des »Philosophen,« der uns aus Mutter Mags Biersalon im Westbroadway her bekannt ist.

Doch wir kehren in das große Handlungshaus in der Beckmannstreet zurück, und folgen dem alten blinden Bettler, der sich von seinem verwachsenen Jungen die Treppen hinauf geleiten läßt, um auch in den Officen der andern Stockwerke seine Gabe zu erflehen. Ueberall wird er beschenkt und reichlich beschenkt, denn so sehr auch der Amerikaner den Bettler verachtet, der körperlich als zur Arbeit fähig erscheint, so streng er einen solchen abweist und statt mit einer Gabe mit einem Scheltworte belohnt, eben so mildthätig ist er gegen Gebrechliche, gegen körperlich Untüchtige, gegen Blinde und Lahme. Am freigebigsten ist er, wenn er weiß, daß er beobachtet wird, wie er sein Almosen gibt, denn der Eingeborne Nordamerikas will vor der Welt als großmüthig angesehen sein, er will gefühlvoll erscheinen und immer um so mehr, je weniger sein Inneres etwas von einem Gefühle verspürt. Dieß schien der alte blinde Mann auch zu wissen, denn er öffnete ohne Bedenken jede Thüre, als wenn er ein Recht dazu hätte, und zitterte sein Stichwort: »Helft einem alten blinden Mann« hinein. Man bekümmerte sich übrigens wenig um ihn, sondern warf ihm die Gabe meist zu, wie einem Ueberlästigen. Nahte ja doch die Zeit, wo die Arbeitssäle geschlossen wurden! Schlug es ja doch bald sechs Uhr, wo das ganze Haus von oben bis unten geleert werden mußte! Somit hatte man genug zu thun, die fertigen Arbeiten in Empfang zu nehmen und zu verwahren, das Waarenlager zu ordnen und das Geschäft vom heutigen Tage abzuschließen. Diese fast verächtliche Abfertigung schien jedoch den Bettler nicht im geringsten zu geniren, denn unverdrossen und mit immer gleich bedächtigen Schritten ging er von Stockwerk zu Stockwerk, die Thüren öffnend und »help an old blind man« rufend.

»Macht, daß Ihr fortkommt,« sagte man zu ihm im obersten Stockwerke, »es ist gleich sechs Uhr und mit dem Schlage wird das Haus geschlossen.«

Dessenungeachtet stieg er gleich langsam und bedächtig, wie er hinaufgestiegen war, die Treppen wieder herab, und es schien fast, als thue ihm jeder Schritt wehe, so mühsam und mühselig kam er vorwärts. Besonders lange verweilte er sich auf der Flur des dritten Stockwerks, da, wo die Galanteriewaaren-Arbeitssäle sich befanden. Hier stand nämlich eine große mächtige Kiste, fast ganz angefüllt mit Papierspänen, und dem sonstigen Abfalle der Galanterie- und Buchbinderarbeiten, welcher die ganze Woche durch gesammelt wird, um am Samstag dem Lumpenhändler übergeben zu werden. Hart an dieser Kiste hielt der alte gebrechliche Mann einen Augenblick still. Er horchte aufmerksam. Niemand war um den Weg. Alle Arbeiter waren in den Sälen beschäftigt, die letzte Hand an ihr Tagwerk zu legen und die fremden Geschäftsleute hatten das Local längst verlassen, weil sie wußten, daß es nun geschlossen wurde.

»Hurtig, Manasse,« flüsterte jetzt der alte, blinde, gebrechliche Bettler. »Jetzt ist der rechte Augenblick gekommen.«

Der Junge, welcher ihn führte, ließ sich nicht zweimal mahnen, sondern kletterte wie eine Katze an der Kiste hinauf und versenkte sich in ihren Inhalt. Der Bettler half ihm hiebei mit einer seltenen Gewandtheit und breitete dann sorgfältig eine Menge Papierschnitzel über ihn aus, so daß man weder eine Spur von ihm entdecken, noch überhaupt »eine Veränderung in der »Rags-« oder »Lumpenkiste,« wie man diesen Verschlag nannte, bemerken konnte. Kaum war dieß geschehen, so zog der Bettler seinen alten zerrissenen Rock aus, wickelte ihn zu einem Bündel, das er unter den Arm nahm, zusammen, und stand nun als ein ganz anderer Mensch da; denn unter dem Bettlerrocke trug er noch einen andern, der anständig genug aussah, daß man seinen Träger für einen Arbeiter halten konnte. Zu gleicher Zeit setzte er den Hut auf die eine Seite, verbarg den Stock, der ihm bisher als Krücke gedient hatte, in die Papierschnitzelkiste, schob die grauhaarigte Perrücke, welche seiner Person ein so altes Aussehen verliehen, in die Tasche und schritt nun mit schnellen Schritten die Treppen hinab, als wäre er einer der Cigarrenmacher, welche in den obersten zwei Stockwerken arbeiteten. Alles dieß war das Werk einer Minute gewesen, und viel mehr hätte er auch nicht Zeit gehabt, wenn er nicht entdeckt werden wollte; denn gleich darauf schlug es sechs Uhr und die Säle entluden sich ihrer vielen Bewohner, die alle im Eilschritt davongingen, um ihre Heimath desto bälder zu erreichen. Nicht so machte es der, den wir als Bettler verkleidet gesehen haben. Im Gegentheil, derselbe ging ruhig über die Straße hinüber und stellte sich an das Schaufenster des dortigen Ladens, als ob es da für ihn etwas Wichtiges zu erschauen gegeben hätte. In der That aber wartete er nur, bis alle Läden und Thüren des großen Hauses, in welchem er gebettelt, fest verschlossen waren, und der »Boß« sich mit den Schlüsseln in der Tasche entfernt hatte. Nun eilte auch er vorwärts und merkwürdiger Weise war das Ziel seiner Schritte derselbe Junkshop, welchem vorhin der Gehülfe des Herrn Turner zugeeilt war. – Ephraim selbst stand am Hinterpförtchen, um ihm zu öffnen.

»Endlich kommst du, Isaak,« flüsterte Ephraim, das Thürchen in der Aufregung seines Herzens fast zu schließen vergessend. »Endlich! Und ich bin doch gestanden, wie auf Nadeln und mein Herz hat mir gepocht, wie ein Schmiedhammer! Ist es gelungen, Isaak? Werden wir kommen zum Ziele, das uns machen soll mit Einem Schlage zu reichen Leuten?«

»Gelungen, Ephraim!« erwiederte der rothe Jude mit höhnischem Grinsen. »Der Herr hat die Gojim in unsere Hände gegeben, denn der kleine Manasse wird uns heute Nacht einen Laden öffnen, durch den wir ungestört einsteigen können. Aber wo ist der Philosoph? Ist er eben so glücklich gewesen? Werden wir mit den Fässern in das Hofthor einfahren können? Was hülfe uns Alles, wenn wir nicht Zeit hätten, die Waaren fortzuschaffen und unbeschrieen fortzuschaffen!«

»Er ist ein kluger Mann, der Philosoph,« schmunzelte Ephraim; »ein sehr kluger Mann! Er hat alles ausgerichtet aufs trefflichste. Aber er braucht nicht zu wissen, wie viel der Werth ist von dem, was wir heute Nacht zu erobern gedenken. Er kann zufrieden sein mit dem Theil, den wir ihm zukommen lassen. Darum sei klug, Isaak, sei klug, wie die Schlange. Laß ihn dir nicht in die Karten sehen, wenn du das Lager des Goldhändlers einpackst. Thu' sie bei Seite, die Schmucksachen und die Juwelen und die Diamanten. Warum sollen wir theilen die ganze Beute, wo doch wir mit unserem Verstande den Gedanken erfunden und den Plan entworfen haben?«

»Glaubst du, ich wäre so dumm?« erwiederte Isaak, den breiten Mund verziehend. »Nicht ein Stückchen vom Gold bekommen die Andern zu sehen! Sie müssen zufrieden sein mit dem, was wir ihnen ablassen. Aber wo sind sie? Oder ist der Philosoph erst allein auf dem Platze?«

»Sie sind innen, alle drei,« flüsterte der Junkshopinhaber, »der Philosoph, der Einäugige und der Banquier. Und was thun sie? Essen und trinken. Hab' ihnen müssen kommen lassen Schinken und Brändi; damit sie sich stärken auf die nächtliche Arbeit, sagen sie. Es sind lauter Schlemmer und Trinker, die Gojim; drum bringen sie's zu nichts, und wir wollen sorgen, daß sie's auch dießmal nicht weiter bringen, als uns ansteht. Aber so wie die Nacht einbricht, müßt ihr hinüber nach Williamsburg in meine dortige Behausung. Die Wägen sind fertig und die Pferde stehen parat. Sie haben viel Geld gekostet, Isaak, mehr Geld, als ich drauf verwenden wollte; aber ich hoffe, sie sollen ihre Zinsen tragen; ich hoffe, das Unternehmen soll glücklich ablaufen. Wenn nur die Feuerlöschmannschaft sich nicht erweist zu diensteifrig! Könnte mir viel Schaden bringen, der Diensteifer! Aber beim Gott meiner Väter, ich wollte, wir könnten beginnen mit dem Feuerchen.«

Er mußte jedoch noch lange warten, noch volle vier Stunden. Die Ungeduld verzehrte ihn fast. Die Einsamkeit seiner Wohnung lag doppelt schwer auf ihm, denn es fehlte ihm sogar Manasse, und die vier Männer, welchen die Besorgung des »Geschäfts« von heute Nacht oblag, waren ohnehin schon lange nach Williamsburg aufgebrochen, um die Wägen und Pferde zu holen. Endlich schlugs eilf Uhr. Er eilte hinaus zum Hinterpförtchen. Trotz der Wärme hatte er den Hut tief in die Stirne gezogen und den untern Theil des Gesichts mit einem Schlinghalstuche bedeckt. Er liebte es nicht, von den Leuten gekannt zu werden. Unter dem Vorsprung einer Hausthüre, der ihm Schatten gewährte, stellte er sich auf, um Alles genau zu beobachten. Handelnd, selbst eingreifend aufzutreten, war nicht seine Sache. Er hatte ja seine Leute, die er bezahlte!

Die untere Stadt, d. i. der Geschäftstheil New-Yorks, steht bei Nacht in einem merkwürdigen Gegensatz zu seiner Erscheinung bei Tage. Bei Tage verkehren hier Hunderttausende von Menschen. In den Morgen-, Mittags- und Abendstunden sind es die Arbeiter, welche die Straßen füllen, die Arbeiter, welche ans Geschäft gehen oder vom Geschäft kommen. In den Zwischenpausen rennen die Banquiers, die Kaufleute, die Clercs, die Agenten, die Besteller, die Notare, die Porters oder Hausknechte hin und her, denn nicht Einer ist der »ginge;« Alles rennt, als ob von einer Minute Zeitersparniß ein Menschenleben abhinge. Die breiten Trottoirs sind daher fast den ganzen Tag so blocquirt, daß oft und viel eine Aalnatur dazu gehört, um sich durchzuwinden. Noch voller, noch blocquirter sind die Straßen, die sich zwischen den beiden Trottoirs hinziehen. Tausende von Karren, sämmtlich mit Waaren beladen, Hunderte von Omnibussen, sämmtlich mit Menschen überfüllt, bewegen sich zu gleicher Zeit hin und her. Dazu kommt noch eine unendliche Menge von andern Fuhrwerken, welche alle vorwärts eilen, als ob es hinter ihnen brennte. Natürlich entsteht dadurch oft eine Stockung, die eine Viertelstunde, eine halbe Stunde lang währt, bis der Knäuel sich entwirrt und die Gefährte, die in verschiedenen Richtungen fahren, weiter können. Es ist eine immerwährende Fluctuation, wie von Ebbe und Fluth, und ein Getöse dabei, daß man mit einem Begleiter nicht sprechen kann, ohne, wenn man verstanden sein will, laut zu schreien. Das ist das Leben in der unteren Stadt den Tag über. Wie ganz anders aber bei Nacht! Eine tiefe Stille herrscht, fast wie auf einem Kirchhofe. Man sieht keinen Wagen, keinen Karren, keinen Omnibus. Nicht einmal Menschen sieht man, nicht Einen, die Polizeileute und die Privatnachtwächter ausgenommen, welchen ihr Beruf wach zu sein gebietet. Sonst hat bei Nacht Niemand etwas in der untern Stadt zu thun, denn es wohnt ja Niemand da; alle Häuser, die dort stehen, sind ja blos Waarenhäuser, blos Fabriken, blos Arbeitslocale! Das Gas brennt hell in allen Straßen; es ist fast so licht, wie am Tage; aber man sieht Niemanden und hört nichts, als den abgemessenen Tritt der Watchleute, welche die Banken und Kaufmannslocale bewachen. Die Häuser selbst liegen in tiefer Dunkelheit, denn kein Licht brennt in ihrem Innern, da keine lebende Seele darin wohnt; sie scheinen in der Nacht bis an den Himmel zu reichen, und nehmen sich fast wie stumme Riesen aus, wie finstere Colosse, die einer andern Welt, der Welt der Todten angehören! Nur einige wenige sind beleuchtet, von unten bis oben beleuchtet. Das sind die Druckereien, in welchen die großen Zeitungen gesetzt und gedruckt werden, die Morgens früh die Neuigkeiten vom Tag vorher verkünden. Auch einige wenige Kellerlocale sind beleuchtet. Das sind Kaffeesalons und Schnapskneipen, welche den Zeitungsjungen, den Setzern und Druckern, den Polizeileuten und besonders den Privatwächtern Labung gewähren, wenn sie Hunger und Durst fühlen. Das ist das Leben »bei Nacht« in der untern Stadt, und nur solche Straßen machen eine Ausnahme, welche an einer der Dampffähren ausmünden, die über den Eastriver oder Nordriver in die Vorstädte New-Yorks hinüberführen. Hier sieht man Menschen auch zur späten Mitternachtszeit, aber meist nur still dahineilende Menschen, die sich bestreben, so schnell als möglich unter ein Obdach zu kommen, oder ihre eigene Wohnung zu erreichen.

So war es auch in der Nacht, von der wir sprechen; nur gab es damals in der Beckmannsstreet noch mehr Wirthshäuser als jetzt, und von diesen hielten nicht wenige ihre Locale bis lange nach Mitternacht offen. Der Nachtwächter, der vor dem großen oben beschriebenen Hause in jener Straße patrouillirte, ging langsam auf dem Trottoir hin und her. Das Menschengewühl hatte längst aufgehört, kein Wagen ließ sich mehr hören, und nur hie und da sah man einige eilende Fußgänger, die, von der Fultonferry heraufkommend, dem Broadway zueilten. Jetzt vernahm er den festen Tritt eines Mannes, der sich von der Goldstreet, also von der obern Stadt her näherte. Gleich darauf rasselte ein schwerer Wagen von der Fultonferry herauf.

»Das werden sie sein,« murmelte der Nachtwächter. »Richtig, ich erkenne ihn schon, den Buchhalter des Herrn Turner und da ist auch der Sinkwagen. Guten Abend, Herr,« setzte er laut hinzu. »Sie sind pünktlich, wie ich sehe. Haben da einen ganz neuen Wagen, wie mir scheint, oder doch ein ganz neues Faß darauf.«

»Wird bald nicht mehr neu aussehen,« erwiederte der Andere lachend. »Bei diesem Geschäft wird weiß bald schwarz.«

Der Nachtwächter zog nun seine Schlüssel heraus, um das große Thor zu öffnen, und der Karren mit dem Fasse fuhr hinein. Es war in der That ein noch ganz neues Faß, das allem Anscheine nach noch gar nicht benützt worden war. Die zwei Männer dagegen, welche den Wagen begleiteten, sahen schmutzig genug aus, wie es ihr Geschäft nicht anders mit sich brachte. Sie machten sich sogleich daran, das Sinkloch zu öffnen.

»Ich dächte, Herr,« meinte nun der Gehülfe des Herrn Turner, »wir könnten einstweilen, bis meine Bursche das Faß füllen, einen Schluck nehmen. Ich habe da drüben ein Licht in einem Keller gesehen und ich weiß aus Erfahrung, daß man dort guten Brändi führt. Mein Magen ist verdammt schwach, denn ich habe seit Mittag nichts mehr zu mir genommen und, was Sie betrifft, wenn man so die ganze Nacht wachen muß, so kann eine kleine Magenstärkung auch nichts schaden.«

»Können Sie sich auf Ihre Leute verlassen?« versetzte der Watchmann.

»Wie auf mich selbst,« erwiederte der Clerk.

»Nun gut, so hab' ich nichts dagegen, vorausgesetzt, daß wir in zehn Minuten wieder hier sind.«

Der Vorsicht halber ging der Nachtwächter bis an die Thüre, welche vom Hofe aus in das große Haus führte und visitirte nach. Sie war fest verschlossen; ebenso auch der eiserne Fensterladen daneben.

»Alles in Ordnung,« sagte er, sich mit dem Clerk auf den Weg machend.

Bald verschwanden sie in einer der nahen Kellerwirthschaften, um sich mit einem Glase gütlich zu thun. Es waren nur wenige Personen anwesend, denn in derlei Nachtwirthschaften beginnt das eigentliche Leben erst nach Mitternacht. Unter den Anwesenden aber befanden sich drei oder vier Policisten, welche den Privatnachtwächter freundlich grüßten.

»Meine Herrn,« sagte der Gehülfe des Herrn Turner, »ich denke, Sie trinken eins mit uns. Ich hoffe nicht, daß Sie mir's abschlagen.«

Von Abschlagen war natürlich keine Rede, denn ein New-Yorker Policist fühlt sich zu nichts geneigter, als ein Glas Brändi oder Gin umsonst zu trinken. In diesem Augenblick stieg auch der Sergeant der für dieses Revier bestimmten Polizeiabtheilung in den Keller herab. Es war dieß seine gewöhnliche Zeit, in der er jede Nacht hier einzukehren pflegte, da er um zwölf Uhr bei seinen Leuten die Runde zu machen hatte. Ein zufriedenes Lächeln glitt über das Gesicht des Gehülfen des Herrn Turner, als er des Sergeanten gewahr wurde.

»Freut mich, Sie zu sehen, Herr Sergeant,« rief der Privatwatchmann, der soeben sein erstes Glas ausgetrunken hatte. »Kann Ihnen gleich anzeigen, daß wir heute Nacht das Sink reinigen lassen. Brauchen sich also nicht aufzuhalten, wenn Sie in unserer Yard Licht sehen. Ist Alles in Ordnung. Da ist der Gehülfe des Herrn Turner, der die Aufsicht darüber führt.«

»Darf ich mir wohl die Ehre ausbitten, daß Sie ein Glas mittrinken?« fragte dieser, den Sergeanten höflich zu einem Trunke einladend.

Der Sergeant konnte natürlich die Einladung nicht ausschlagen und so war die Gesellschaft bald cordial mit einander. Der Gehülfe des Herrn Turner hatte bereits zwei Male für die ganze Gesellschaft bezahlt.

»Nun ist es an mir,« sagte der Privatwatchmann. »Meine Herren, was nehmen Sie? Brändi, Whiskey oder Gin? Ich für meinen Theil ziehe Brändi vor. Es ist ächter importirter, wie ich denke; denn ich verstehe mich auf derlei Artikel.«

Natürlich wurde auch diese Einladung nicht abgeschlagen und jeder füllte sich sein Glas von Neuem, um es nach einem gegenseitigen Zuwinken auf Einen Zug zu leeren. Jetzt war es an dem Sergeanten. Er konnte sich doch nicht schlecht finden lassen, da ein Polizei-Oberfeldwebel immer eine nicht unbedeutende Person ist und in den Augen der hier Versammelten sogar doppelt bedeutsam erschien.

»Meine Herren, noch ein Glas auf meine Rechnung,« sagte der Sergeant. »Es ist gerade noch Zeit dazu, ehe wir die Runde zu machen haben.«

Auch das vierte Glas wurde gefüllt, und auf das Wohl des Sergeanten geleert; die Augen der Trinker blickten immer fröhlicher. Jetzt erhob sich ganz im Stillen einer der übrigen Anwesenden, ein ganz unscheinbarer Bursche, der sich nur dadurch auszeichnete, daß er blos Ein Auge hatte. Mit dem andern Auge schien er aber um so besser zu sehen, denn er wechselte einen schnellen Blick mit dem Gehülfen des Herrn Turner. Dann trank er seine Tasse Kaffee aus, verschluckte den letzten Bissen von dem Cake oder Butterkuchen, der vor ihm lag und schritt langsam und unbemerkt die Treppe hinauf, die von dem Keller auf die Straße führte. Einen Augenblick darauf klirrten die Fensterscheiben und ein mächtiger Ziegelstein fiel in den Keller, nachdem er fünf oder sechs Scheiben zertrümmert hatte. Es entstand ein allgemeiner Aufruhr. Die Polizisten griffen nach ihren Stöcken und den Sergeanten voran stürmten sie auf die Straße hinauf.

»Wo ist er hin?« schrieen sie wüthend. »Horch! Da hört man ihn die Cliffstreet hinabrennen. Auf, der Plattstreet zu! Dort in dem Eckkeller ist so eine Auflage von Lumpengesindel. Dem wird er ohne Zweifel angehören.«

Fort rannten sie, mit den Stöcken auf das Pflaster stoßend, daß immer mehr und mehr Polizisten, dem Rufe gehorchend, zusammenkamen, alle in derselben Richtung fortrennend.

»Nehmen wir noch einen?« sagte der Gehülfe des Herrn Turner mit ziemlichem Phlegma, als die Polizisten alle im Nu verschwunden waren.

»Nein,« erwiederte der Privatwächter. »Ich denke, wir sehen nun nach Ihren Leuten. Sie werden jetzt mit der ersten Ladung zu Ende sein.«

»Oh, dazu hat's noch lange Zeit,« lachte der Clerk. »Noch zwei Gläser; wir kommen so bald nicht wieder zusammen.«

Der Privatwächter ließ sich leicht überreden und füllte sich sein Glas bis an den Rand; der Clerk aber war vorsichtiger und nahm kaum den dritten Theil, wie er auch den ganzen Abend gethan hatte. – Das fünfte Glas war geleert und nun ließ sich der Wächter nicht mehr länger halten. Sie brachen auf.

»Merkwürdige Stille!« sagte der Mann, als sie der Cliffstreet zuschritten. »Kein Mensch mehr auf der Straße, und es ist doch kaum zehn Minuten, daß wir von dort fortgegangen sind.«

»Merkwürdig!« erwiederte der Andere, den wankenden Wächter unter dem Arme fassend. Es waren jedoch seit ihrem Abgang von dem Hofthor des Großhandlungshauses mehr als anderthalb Stunden vergangen! Die Stille war übrigens in der That wunderbar, denn man sah sogar keinen Polizeidiener. Sie waren alle der Plattstreet zugesprungen. Sie näherten sich dem Großhandlungshause immer mehr. Man sah jedoch kein Licht in dem Hofe; dieser war verschlossen.

»Höll' und Teufel!« schrie der Wächter, aus seinem Taumel halb erwachend. »Was soll das sein? Wo sind denn die Bursche hingekommen?«

»Wollen's bald sehen,« meinte der Gehülfe des Herrn Turner und pfiff auf eine eigenthümliche Weise.

Sogleich öffnete sich das Thor, aber in demselben Augenblicke auch umfaßte der Gehülfe des Herrn Turner den Schutzwächter und schleuderte ihn mit einem kräftigen Rucke zu Boden. Ein Anderer kniete auf ihn nieder und stoppte ihm ein Nastuch in den Mund, daß er keinen Laut von sich geben konnte. Ein Dritter band ihm Hände und Füße, wodurch es ihm unmöglich wurde, sich zu wehren oder irgend eine Bewegung zu machen. Der Mann, eine kräftige Persönlichkeit, wäre wohl nicht so leicht unschädlich gemacht worden, wenn er nicht im Vertrauen auf seinen neuen Freund sich im Genuß der Brändiflasche mehr erlaubt hätte, als einem Nachtschutzmann zuträglich ist!

»Sollen wir ihn in das Sink werfen?« fragte eine giftige Stimme.

»Du bist doch ein wahrer Teufel, Banquier,« erwiederte der Gehülfe des Herrn Turner, oder vielmehr der Philosoph, unter welchem Namen er uns bekannter ist. »Warum denn den Mann elendiglich ersticken, wo ich doch noch so eben friedlich mit ihm getrunken habe? Ich bitte dich, Watchmann,« wandte er sich nun freundlich an diesen, »sei ruhig und geduldig. Du siehst, es läßt sich einmal nicht anders machen, überdieß hast du einen Knebel im Maul und kannst dich nicht rühren. Ergib dich also in dein Schicksal, sonst kann ich dich am Ende kaum davor bewahren, daß dir nicht Einer von meinen Kameraden den Schädel einschlägt. Aber nun, Kinder, sagt mir, wie weit sind wir? Denn wir haben wahrhaftig keine Zeit zu verlieren. Der Spaß in der Plattstreet muß in kurzer Zeit sein Ende erreicht haben, obgleich der Einäugige denselben klug genug ausgeführt hat, und dann haben wir einen Besuch von der hohen Polizei zu befürchten. Also, was geschehen soll, das geschehe bald. In einer halben Stunde darf uns kein Mensch mehr hier treffen.«

Es war bald erzählt, wie weit sie waren. Manasse, der in dem Papierschnitzelkorbe Versteckte, hatte im obern Stocke glücklich einen Laden eröffnet, nachdem ihm das Zeichen gegeben worden war. An eine von ihm herabgelassene Schnur hatte der rothe Isaak eine Strickleiter gebunden und sich ins Innere des Hauses begeben. Er und Manasse waren beschäftigt, die Waaren zusammenzupacken und dem außen harrenden Banquier zuzuwerfen, der sie in das große Faß barg. Jetzt konnte das Geschäft mit verdoppelter Schnelligkeit abgemacht werden, denn der Einäugige, nachdem er die Polizisten glücklich in die Plattstreet, weitab vom Schauplatz des Raubes, gelockt, war ebenfalls angekommen. Bald war das große Faß mit Waaren aller Art voll. Aber die Hauptbeute wollte ihnen nicht werden. Der Juwelenhändler hatte nämlich alle seine Waaren und Preciosen in seine Save, d. i. in seinen feuerfesten Schrank verschlossen und diesen Schrank, der wohl seine zwanzig Centner wog, von der Stelle zu bringen, war ihnen unmöglich. Noch unmöglicher war es ihnen, ihn zu öffnen, denn das wunderbar gearbeitete Schloß widerstand allen ihren Bemühungen. Indem hörten sie ein dreimaliges Bellen. Es war wie das Bellen eines Hundes.

»Es ist Ephraim, der das Zeichen gibt,« sagte der Philosoph. »Es ist Zeit, sich zurückzuziehen. Begnügen wir uns mit dem, was wir haben. Ich hab's gleich gesagt, wenn Sammy nicht dabei ist, so ist kein Glück in einem Unternehmen. Ihm wäre die Save nicht widerstanden. Aber nun vorwärts, rother Isaak, mach ihnen ein tüchtig Feuerchen an. Vergiß keines der sechs Häuser daneben. Du hast ja die Schlüssel und kannst vom ersten übers Dach in alle andern gelangen. Manasse wird dich unterstützen; denn er kann klettern, wie eine Katze, und einstweilen bringen wir dann den Wagen mit den Waarenballen in Sicherheit.«

Fünf Minuten darauf setzte sich der schwer beladene Wagen in Bewegung. Zwei der Männer gingen ihm mit brennenden Laternen zur Seite und die Patrouille, die ihnen im nächsten Augenblicke begegnete, grüßte gar höflich und freundlich. War doch der Sergeant, von dem wir so eben gesprochen haben, ihr Commandeur! Die Waaren kamen alle an ihren Bergungsort, ohne daß irgend eine Seele den Wagen, in welchem sie gleichsam offen fortgeführt wurden, aufzuhalten versucht hätte! Wer wird denn einen Sinkwagen anhalten?

Einstweilen waren der rothe Isaak und Manasse nicht müßig gewesen. Sie häuften Brennmaterialien über Brennmaterialien neben dem großen Papierschnitzelkasten auf und als sie den Wagen durchs Hofthor rasseln hörten, warf Manasse den Feuerbrand in die Kiste. Hellauf loderte die Flamme, aber ehe sie noch auf der Straße sichtbar wurde, waren Isaak und Manasse schon die Strickleiter hinabgerutscht und von hinten in die Reihe Holzhäuser eingestiegen, welche dem Untergang bestimmt waren. An Brennmaterial fehlte es auch hier nicht; und überdieß war jedes dieser alten Gebäude wurmstichig vom Fundamente bis zum Dache. Bald schlug die Flamme im ersten hell auf, bald im zweiten, bald im dritten. In zehn Minuten stand die ganze Häuserreihe in lichten Flammen; aber, ehe die zehn Minuten um waren, hatten sich die beiden Brandstifter bereits in Sicherheit zu bringen gewußt.

Plötzlich erscholl der schauerliche Ruf: »Feuer, Feuer!« In demselben Augenblicke fingen die Glocken an zu schlagen. Voran die große Glocke auf Cityhall.

»Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben! Es brennt im siebenten Distrikte!« So erscholl der Ruf von Haus zu Haus, von Straße zu Straße. Alle Glocken der ganzen Stadt schlugen zusammen. »Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs, Sieben!« Nur nach »Sieben« ward eine längere Pause gemacht, damit die Einwohner New-Yorks wüßten, wo die Feuersbrunst zu suchen wäre. Es klang schauerlich durch die stille Nacht! Aber jetzt ertönte ein mächtiges, ein furchtbares, ein markdurchdringendes Geschrei. Die Feuerspritzen rollten heran, und mit ihnen die Feuermänner, die freiwillige Löschmannschaft der großen Stadt New-York! Man glaubte, zehntausend Teufel seien los, als diese schreckliche Mannschaft, ihre Feuer- und Hakenspritzen selbst ziehend, heranbrauste! Wer im Wege stand, wurde niedergerennt, und die Luft wiederhallte von dem gräßlichen Gebrüll; das ganze Revier war wie in Kriegszustand erklärt, denn die Feuermänner rückten heran!

Es war früher ein herrliches Institut, das Institut der freiwilligen Feuerwehr, ein uneigennütziges, sich selbst aufopferndes, todesmuthiges Institut! Aber, was ist es jetzt geworden? Ein Institut von diebischen, räuberischen, gewaltthätigen Banden, wie sie nirgends sonst in der Welt getroffen werden! Früher stritten sich die Edelsten und Besten unter der amerikanischen Jugend um die Ehre, sich für das Wohl, für die Sicherheit ihrer Mitmenschen aufzuopfern. Die Feuerwehrcompagnien waren eine Art Elitencorps, in welchem nur die Muthigsten und zugleich die Ehrenwerthesten Aufnahme fanden. Die Löschmannschaften zeigten eine Geistesgegenwart, eine Entschlossenheit, die oft an den Heroismus der alten Griechen und Römer erinnerten. Sie kämpften mit dem Elemente, als wäre das Leben ein Kinderspiel; sie stürzten sich in die Gefahr, als müßte der Tod vor ihnen fliehen! Und wofür? Für Lohn und Bezahlung? O nein, sie nahmen keine Bezahlung an; sie thaten es für Ruhm und Ehre! Ihr Beweggrund war Patriotismus und ihre Haupteigenschaft: Aufopferung! Es war das nobelste und zugleich uneigennützigste Corps von der Welt! Jetzt aber? Was ist aus ihnen geworden? Gewiß, sie sind jetzt noch nicht bezahlt, sie erhalten jetzt noch keinen Sold; aber sie machen sich selbst bezahlt und jedes einzelne Mitglied ist nach einer Feuersbrunst reich an Geld und Gut jeder Art! Jeder New-Yorker weiß, wie dieß zugeht und der Leser wird es aus dem Verlauf dieser Geschichte mit Leichtigkeit erkennen können. Sie sind jetzt noch ein Elitencorps, stolz auf ihren Muth und ihre Schlagfertigkeit; jetzt noch feiern sie ihren Stiftungstag, den 14. Juni, als das erste Fest des Jahres; jetzt noch ziehen sie an diesem Tage in großer Procession in der Stadt herum, mit wallenden Bannern, mit Dutzenden von Musikchören an der Spitze, angestaunt von der ganzen Straßenjugend, begrüßt von Deputationen des Magistrats, beglückt von dem Lächeln der gesammten Frauenwelt! Aber worin bestehen ihre Tugenden? Wie zeigen sie ihren Muth und ihre Schlagfertigkeit? Nicht im Kampfe mit dem Feuer, sondern im Kampfe mit ihren Mitmenschen. Zu Anführern oder Obmännern wählen sie die renommirtesten Straßen- oder Faustkämpfer; zu Mitgliedern haben sie Loafer und Rowdies, d. i. Pflastertreter und Müssiggänger, Raufbolde und Schnapphähne; und als Anhängsel, als Knappen und Aspiranten, wenn man so sagen darf, rennt ein Haufe Buben mit ihnen, die trotz ihrer Jugend in der Diebswelt und unter den Spitzbuben bereits einen Namen haben. Die meisten der Feuerwehrmänner leben vom »Nichtsthun,« d. i. von den Bränden, an denen es bekanntlich in der Stadt New-York nicht mangelt. Das »Brennen« allein gibt ihnen ihre Subsistenzmittel, und wenn es nicht von selbst brennen will, so gibt es immer welche, die dem Entstehen einer Feuersbrunst künstlich unter die Arme zu greifen wissen. Nicht selten weiß man es daher schon Tage lang zuvor, daß demnächst da oder dort ein Brand ausbrechen werde und die »Helden von der freiwilligen Feuerwehr« sprechen dieß selbst unverholen aus. So vergeht kein Tag, wo es nicht zwei oder dreimal brennte, am Sonntage aber darf man darauf schwören, daß es wenigstens zehn oder zwölf Male brennt. An diesem Tage sind ja die Theater und sonstigen Belustigungsorte geschlossen und man muß doch auch ein »Sonntagsvergnügen« haben! Was könnte aber ein besseres Vergnügen gewähren, als eine Feuersbrunst, wobei man Gelegenheit hat, sich zu holen, wessen man zum Leben und zur Nothdurft bedarf, und wo man zugleich sein Müthchen gegen den Feind kühlen kann, mit dem man schon lange in Hader lebte? – Das versteht sich nämlich doch wahrhaftig von selbst, daß jede Feuercompagnie in Amerika einer bestimmten politischen Richtung angehört und daher in Fehde steht mit den andern, welche zu der entgegengesetzten Partei halten. Ebenso natürlich ist aber auch, daß solche Compagnien, da sie aus lauter Rowdies und Klopffechtern zusammengesetzt sind, sich, so bald sie sich nur sehen, in Kampf miteinander einlassen und zur Abwechslung, statt das Feuer zu löschen, sich mit Revolvers bekämpfen. Es vergeht daher nicht Eine Woche, wo man nicht von einem solchen politischen Straßenparteikampfe hören könnte, und die Rowdiesschlachten der Feuerwehrmänner sind etwas so Alltägliches, daß es einem Amerikaner der Jetztzeit auffallen würde, wenn sie nicht existirten. – So ist die jetzige Feuerwehr New-Yorks beschaffen, und erinnert deßhalb in manchen Zügen an die bewaffneten Banden des siebzehnten Jahrhunderts, wo der Landsknecht eine Hauptrolle in Europa spielte. Doch wir kehren zu unserer Geschichte zurück.

Das Feuer loderte hell auf und stieg in einer mächtigen Flammensäule gen Himmel. Die Häuser, welche brannten, waren ja sämmtlich – das Eine ausgenommen – von Fachwerk und Brettern zusammengesetzt! Im Augenblicke sammelte sich eine unendliche Menschenmenge. Sie kam wie aus der Erde gestiegen. Männer, Weiber, Kinder, Alles bunt durcheinander; denn nichts ist für die New-Yorker anziehender, als eine Feuersbrunst. Sie rennen darnach auf eine Viertelstunde weit; sie erheben sich vom sanftesten Lager, nur um einem Brande beizuwohnen; sie verlassen die fröhlichste Gesellschaft, das nutzbringendste Geschäft, nur um das Feuer nicht zu versäumen! Mit jeder Minute mehrte sich die Menge, schon waren ganze Straßen angefüllt; aber Alle standen als müssige Gaffer, nicht Einer regte eine Hand, um hülfreich einzuschreiten. Sie hatten ja kein Recht hiezu, da alles Löschen der Feuerwehr vorbehalten ist. Aber – man braucht nicht lange zu warten; so schnell die gaffende Menschenmenge da ist, so schnell ist auch die Feuerwehr auf dem Platze. Bereits stürmen sie heran, die Männer der rothen Jacken! Schon hört man ihr Gebrüll, den Donner ihrer Spritzen und Schlauchwägen! Da sind sie. Eine Compagnie kommt von der Fultonstreet hergerannt, die andern von der Williamsstreet. Allen voran er Obmann oder Anführer mit einem mächtigen Horne, dem er gräßliche Töne entlockt; in der Mitte die Mitglieder der Compagnie, um die Spritze oder die Pumpe geschaart, als wären sie deren Leibwache; hinten drein der Troß, der unendliche Troß, die Leibknappen und Leibdienerschaft vorstellend. Wie sie glänzen in ihren feurigen Wämsern, in ihren helmartigen lackirten Hüten! Wie sie rennen, als gälte es Leben und Ehre! Wie sie toben und brüllen und ihr jubelndes Hurrah rufen, als wäre es eine Festlichkeit sonder Gleichen! Zurück, ihr Leute, oder ihr werdet zertreten, zerfahren, zerstampft! Eine Gasse gemacht, eine breite, tiefe Gasse, daß die Feuermänner Raum haben! Herunter mit dem Schlauch, in einer Sekunde muß er an einer der Wasserröhren angeschraubt sein! Herbei zu der Pumpe, in einer Minute muß der mächtige Strahl einschlagen! Heran an die Spritzen, ihr Jungen, hinein in die Häuser, ihr Hakenleute, hinauf auf die Dächer, mitten in den Brand hinein, gelöscht, unter Wasser gesetzt, eingerissen!

Weithin schallte das Commando der Anführer der beiden Compagnien. Die Menge stand gaffend weit zurückgedrängt auf der dem Feuer entgegengesetzten Seite. Die Spritzen fingen an zu arbeiten und prasselnd und zischend fielen die gewaltigen Strahlen in die helle Lohe, einen Gischt erzeugend, als wenn ein Fluß in eine Esse geleitet würde. Die Feuermänner stürzten sich in die Häuser, die Dächer zu erglimmen und bald erschienen sie auf denselben, Dämonen gleich zwischen Rauch und Flammen, Wasserschläuche nach sich ziehend und das nasse Element in Strömen auf die gefährlichsten Stellen sich ergießen lassend. Man sah wohl, daß sie in wenigen Viertelstunden Herr über das Feuer werden mußten, wenn sie in diesem Ernste fortfuhren, denn in New-York kann man ganze Straßen mit allen ihren Häusern unter Wasser setzen, wenn man will, so mächtig sind die Röhren, die jede Straße durchziehen und mit Wasser versehen.

»Gott meiner Väter,« jammerte Ephraim, der von seinem ziemlich weit entfernten Standpunkte aus dem Feuer zusah, »Gott meiner Väter, sie werden löschen das Feuer, ehe Alles verbrannt ist. Wie verschwenderisch sie doch umgehen mit dem Wasser, als obs nichts kostete und nichts werth wäre! Wo doch der Isaak bleibt, der schändliche, nachlässige Isaak! Und der Manasse, der spitzbübische, betrügerische Manasse! Ach, was gäbe ich darum, wenn ich sie jetzt hier hätte! Oder soll ich's selber wagen und unter die Feuermänner gehen? Es muß etwas geschehen, oder Alles ist verloren, wenn sie entdecken, daß die Kisten und Ballen in den brennenden Häusern leer sind oder mit Heu vollgestopft! Ha, da ist endlich Manasse! Gelobt sei der Gott meiner Väter, dem Feuer wird bald kein Einhalt mehr gethan werden! Hier, Manasse, schnell, thu' was ich dich geheißen habe; da ist das Päckchen; lauf' was du laufen kannst!«

Manasse empfing das Päckchen und eilte damit dem Brandplatze zu. Es war nur ein kleines, schmales, dünnes Päckchen, aber es war ziemlich schwer und fühlte sich an, als ob Goldstücke darin wären. Der verwachsene Bube schlüpfte zwischen den Feuerleuten hin, als wäre er eine Schlange. Jeden Augenblick stand er in Gefahr, zerdrückt, zertreten zu werden, aber in der nächsten Secunde tauchte er an einem andern Platze wieder auf. Jetzt hatte er den Obmann einer der Compagnien erreicht, und zupfte ihn am Arme. Der Obmann schien ihn zu kennen, denn er neigte sein Ohr herab, um die Botschaft Manasse's bei dem gräßlichen Tumulte vernehmen zu können.

»Von Ephraim,« flüsterte Manasse, dem Anführer der Feuerleute das schwere Päckchen in die Hand drückend. »Die Framehäuser sollen alle sechs bis auf den Grund ausbrennen. Er will nichts gerettet haben.«

Kaum hatte er dieß gesagt, so schlüpfte er wieder davon. Der Obmann schob das Päckchen in seine Brusttasche und stieß gleich darauf mit gewaltigen Tönen in sein Horn. Lauthin tönte seine Commandostimme und alle seine Leute richteten ihre Blicke erstaunt nach ihm. Aber ein Wink und sie verstanden ihn. Die Spritzen erhielten plötzlich eine andere Richtung und die Flammen, die schon nachzulassen anfingen, schlugen bald mit erneuter Macht aus den Holzhäusern empor. Die neue Ordre war, daß von nun an die Spritzen nur dazu verwandt werden sollten, die angränzenden Häuser zu beschützen, damit das Feuer nicht weiter um sich greife. Natürlich merkte die Masse der Zuschauer nur wenig von dem, was vorging; als jedoch einige tadelnde Stimmen sich in lauten Zurufen hören ließen, ließ man einige Wasserstrahlen über die Köpfe der Menge hinsausen, daß Tausende bespritzt und durchweicht wurden. Dieß kühlte die Hitzköpfe ab und brachte die Lacher auf die Seite der Feuermänner, welche von nun an das Feuer ganz ungestört fortwüthen ließen.

Während nun die Eine der Feuerspritzen auf diese Art thätig war, hatte die Mannschaft der Andern ihr Hauptaugenmerk auf das große Handlungshaus gerichtet, das zwar ebenfalls in vollen Flammen stand, aber wegen seiner soliden Bauart dem Feuer weit mehr Widerstand entgegensetzte. Allein auch hier wurde auf den Eifer des Obmanns oder Anführers der Compagnie einzuwirken gesucht, aber auf eine ganz entgegengesetzte Weise.

»Fünfhundert Thaler Belohnung, wenn Ihr das Haus rettet,« rief Einer, der sich mit Hast durch die Masse durchdrängte.

»Wer seid Ihr?« entgegnete der Obmann der Feuermannschaft.

Es war der Agent der Feuerversicherungsgesellschaft, in welcher das Haus hoch eingeschrieben stand, und die Feuermannschaft strengte von nun an alle Kräfte an, des Feuers Herr zu werden. Dieß gelang ihr auch in Bälde, und so wie es vor Rauch und Flammen möglich war, stürzten sich Hunderte zumal in das Haus, um von dem reichen Inhalt so viel als möglich, wenn nicht zu retten, doch zu bergen. Allerdings ist es Gesetz, daß nur solche, die zur Feuerwehr eingereiht sind, nur wirkliche Mitglieder derselben in brennende Häuser eindringen und zur Rettung der Waaren schreiten sollen, aber wer kümmert sich um das Gesetz? Von den Hunderten, die in das große Waarenhaus eindrangen, gehörten vielleicht nur der fünfte Theil zur eigentlichen Feuermannschaft, die Uebrigen waren Anhängsel, Troß, Knappenschaft; aber – damit es dem Publikum nicht auffiel, trugen sie ebenfalls Feuerwehrhüte, das ist jene glänzend lackirten, helmartigen Hüte, die nur der New-Yorker Feuerwehr eigen sind. Ohne Zweifel schlüpfte auch Mancher mit hinein, der sich nicht einmal rühmen konnte, zum Troß zu gehören, sondern vielmehr zur wohlbekannten Diebs- und Langfingerzunft; aber man konnte es bei einem solchen Durcheinander nicht so genau nehmen, und – Einer mehr oder weniger, was konnte dieß schaden? Im Allgemeinen hielt die Feuermannschaft streng auf ihre Vorrechte und ließ Niemanden durch den Cordon, den sie um das brennende Haus gebildet hatte, nein Niemanden, als – Freunde und Genossen, die nachher mit ihnen theilten. Jeder Andere wurde abgewiesen, und wer sich solchem Befehl nicht fügen wollte, durfte sicher sein, auf eine Art behandelt zu werden, daß er sich später gerne fügte!

Schon schien es, das Feuer sei in diesem Hause gedämpft, obgleich erst vielleicht zehn Minuten vergangen waren, seit der Agent sein Versprechen mit den fünfhundert Thalern gemacht hatte, als plötzlich ein lauter donnerähnlicher Schuß in dem Gebäude losging. Es war, als ob eine Petarde gesprungen wäre!

»Es ist Pulver im Hause,« schrieen jetzt plötzlich ein Dutzend Stimmen. »Das ganze Gebäude wird in wenig Augenblicken in die Luft fliegen.«

Die Wirkung, welche diese Worte hervorbrachten, war eine magische. Nicht blos zog sich die Feuermannschaft augenblicklich auf eine respektable Entfernung zurück, daß die Trümmer der etwa einstürzenden Mauern ihr keinen Schaden mehr thun konnten, sondern die Hunderte, die vorhin ins Haus eingedrungen waren, stürzten mit Allgewalt heraus, Einer den Andern überflügelnd. Doch kamen sie nicht mit leeren Händen. So kurze Zeit sie auch zur »Haussuchung« gehabt hatten, so trug doch der Eine dieß, der Andere das. Die Meisten hatten sich mit Cigarrenkisten oder mit einem Stücke Tuch befrachtet, und retirirten ganz ungehindert mit ihrer Beute, die später als »Gemeingut der Feuercompagnie« behandelt wurde. Doch hatte diese schnelle Retirade wenigstens Ein Gutes, denn Einer der Fliehenden stolperte in der Schnelligkeit über einen Gegenstand, der in der Yard ihm im Wege lag, und wie er sich unwillkührlich umsah, war es ein geknebelter Mann, der regungslos auf dem Boden lag. Natürlich durchschnitt er die Bande desselben und zog ihm den Knebel aus dem Munde. Es war der unglückliche Privatschutzwächter, der hier die ganze Zeit regungslos hatte liegen müssen!

Doch in demselben Augenblicke wurde die Aufmerksamkeit der Masse urplötzlich auf einen andern Gegenstand gelenkt. Vom Broadway herab ertönte nämlich ein mächtiges Gebrüll und das Gebrüll war von einem donnerähnlichen Getöse begleitet.

»Die Lafayetter kommen! Die Lafayetter kommen!« schrie die in der Beckmannstreet versammelte Masse.

Die »Lafayetter« waren aber Niemand anders, als eine andere Feuercompagnie, welche so hieß, weil die Mitglieder derselben ihrer Feuerspritze den Namen Lafayette gegeben hatten. Mit einem jauchzenden Hurrah rückten sie an, als ginge es zu einem festlichen Schmause, oder als zögen sie triumphirend in eine eroberte Stadt ein. Aber die anwesenden Compagnien des siebten Districts nahmen die Sache anders auf. Sie rissen alsbald ihre Spritzen herum und machten Front gegen die neuen Ankömmlinge; offenbar betrachteten sie dieselben als Eindringlinge.

»Was wollt Ihr hier im siebten District?« schrie Einer. »Bleibt uns vom Leibe; wir sind Manns genug, unser Feuer selbst zu löschen und brauchen die Achter nicht dazu.«

Die Lafayette-Compagnie gehörte nämlich dem achten Districte an.

»Zündet euch ein eigenes Feuer an, wenn Ihr partout löschen wollt,« schrie eine andere Stimme und brachte dadurch die Lacher auf die Seite der »Siebener,« d. i. die Compagnien des siebten Districts.

Inzwischen hatten aber die Lafayetter ihren Schlauch an der Wasserröhre bereits festgeschraubt, so daß ihre Pumpe Wasser zog. Sie ließen nun ihre Spritze lustig spielen, aber nicht gegen die brennenden Häuser, sondern über die Zuschauer hin und gegen die zwei Compagnien, die zuerst auf dem Platze gewesen waren. Natürlich erwiederten diese die nasse Begrüßung und die Wasserstrahlen ergossen sich nun mit gewaltiger Kraft über die Anwesenden, Jeden, den sie trafen, von oben bis unten bis auf die Haut durchnässend. Dieß hatte jedoch keineswegs die Folge, daß das Publikum erbost worden wäre. Im Gegentheile, ein allgemeines Gelächter ertönte, so oft wieder ein Wasserstrahl auf die Menge niederfiel. Auch dachte kein Mensch daran, nach Hause zu eilen, und sich dem nassen Elemente zu entziehen, sondern alle Welt hielt wacker Stand, da man wohl wußte, daß diese Feuerspritzen-Dechargen blos das Vorspiel, so zu sagen die Einleitung seien und der eigentliche Tanz, d. h. der Kampf zwischen den eifersüchtigen Compagnien bald losgehen werde. Was konnte es aber prächtigeres geben, als solch einen nächtlichen Straßenkampf, als eine Feldschlacht zwischen Feuerwehrcompagnien, und wem wäre es also bei solchen Aussichten eingefallen, nach Hause zu eilen, um aus den nassen Kleidern zu kommen?

Und siehe da, jetzt zeigte sichs, daß die bereits außerordentliche Aufregung, welche sich der gaffenden Menge bemächtigt hatte, sich noch steigern sollte; denn eine vierte Feuercompagnie kam angerennt. Es war eine starke, gut besetzte und von einem unendlichen Troß begleitete Compagnie.

»Hurrah! Hurrah!« schrieen deren Mitglieder schon von weitem.

»Henry Clay! Henry Clay!« schrieen die Siebener voller Freude; denn die Neuanrückenden, welche ihre Spritze Henry Clay (nach dem berühmten Staatsmanne) getauft hatten, waren ihre geschworenen Freunde, während die Lafayetter Todfeinde der Henry Clay-Leute waren. Hiedurch kamen natürlich die Achter in bedeutenden Nachtheil, und ihre Minderzahl war nun eine so auffallende, daß sogar Flucht keine Schande gewesen wäre. Doch hielten sie dessen ungeachtet festen Stand, obgleich die Henry Clay-Leute keinen Augenblick Anstand nahmen, ihre Spritze ebenfalls gegen die in der Minderzahl Befindlichen zu richten. In Amerika schämen sich Achte nicht, über einen Einzelnen herzufallen!

»Dießmal haben wir sie; dießmal wollen wir's ihnen geben!« schrie der Obmann der Henry-Clayspritzencompagnie. »Drauf und dran, Jungen, und die Revolvers heraus!«

Die Lafayetter ließen sich aber immer noch nicht einschüchtern, trotz der furchtbar überlegenen Zahl ihrer Feinde. Sie schaarten sich um ihre Spritze, um diese zu schützen und zogen ebenfalls ihre Revolver.

»Kommt heran, ihr verdammten Nichtswisser,« schrie Bob Macquire, einer der Lafayetter, und schoß der Erste seinen Revolver los.

Nun begann das Feuer von allen Seiten. Es war ein Pistolengeknatter, wie in einer förmlichen Schlacht, und die Kugeln flogen in der Luft herum, wie die Schwärmer bei einem Lustfeuerwerke. Zum Glück trifft man mit Revolvern nicht sicher, auch auf eine große Nähe nicht, sonst hätten nicht blos Dutzende, sondern Hunderte fallen müssen. So aber ging es wenigstens ohne Todte ab, obgleich der Verwundeten nicht wenige waren. Sogar unter den Zuschauern gab es solche, denn diese waren so erpicht auf das Schauspiel, daß sie sich trotz der auf glatter Hand liegenden Gefahr nicht von dem Schauplatz des Gefechts entfernten, sondern sich höchstens etwas mehr an die Häuser drückten. Allein, obgleich die Lafayetter sich muthig und tapfer zur Wehre setzten, so schienen sie doch unrettbar verloren, denn die drei feindlichen Compagnien stellten ihre drei Spritzen in eine Schlachtreihe und dechargirten ihre Schläuche zumal auf Ein Tempo. Die hiedurch verursachte Ueberschwemmung und Sündfluth, die sich über die Lafayetter ergoß, brachte natürlich die größte Verwirrung unter ihnen hervor, und dieselbe benützend, stürzten die Henry Clay-Leute nebst ihren Genossen, den Siebenern, mit einem furchtbaren Geschrei auf das kleine Häuflein ihrer Gegner, die frisch geladenen Revolver auf Ein Commando losschießend. Die Lafayetter wankten, sie mußten erdrückt werden! Plötzlich aber, als die Noth am höchsten und die Niederlage unausbleiblich schien, ertönte ein schriller, gellender Pfiff, der trotz des furchtbaren Lärms bis in die weiteste Ferne gehört wurde.

»Die Thugs! die Thugs!« schrie die Menge.

»Wir sind gerettet!« schrie Bob Macquire.

Die Thugs waren nun zwar keine Spritzenleute und auch keine Feuerwehrmänner; aber sie gehörten der demokratischen Partei an und waren eine gut organisirte und als besonders tapfer anerkannte Bande, so daß die Siebener nebst den Henry Clay-Leuten großen Respect bekamen, als dieser Zuwachs von den Lafayettern mit Jubel empfangen wurde. In der That war jetzt auch der Kampf bald entschieden, sowie diese neue Mannschaft auf dem Platze erschien. Die Angegriffenen verwandelten sich urplötzlich in Angreifer und im Sturmmarsch gings auf die Henry Clay-Leute los. Da half kein Widerstreben, da half kein Plänkeln mit den Revolvern!

»Gebt's ihnen mit den Fäusten,« schrie Arthur Guerrier, der seinen Thugs mit gutem Beispiel voranging. Schlagt ihnen die Revolvers aus den Händen! Auf die Spritzen! Voran! voran! voran!«

Und »Voran« gings. Die Spritze der Henry Clay-Leute war in wenigen Minuten total zertrümmert, so daß nur noch Splitter davon herumlagen. Dasselbe Schicksal schien auch den Spritzen der beiden andern Compagnien vorbehalten zu sein. Allein diese mochten wohl so Etwas ahnen, denn urplötzlich wie auf Ein Commando nahmen sie Reißaus und überließen den Kampfplatz den eingedrungenen Achtern nebst ihren Verbündeten, den Thugs, jener tapfern Bande, deren Mitglieder zwar für nichts Besseres gelten konnten, als für Mörder und Mordbrenner, die aber deßwegen doch als Gentlemen galten, da man es in Amerika mit dem »Erwerbszweig« nicht so scrupulös nimmt.

»Drei Hurrahs für die Thugs und ihren Anführer Arthur Guerrier!« schrie Bob Macquire, seinen Hut schwenkend.

Die drei Hurrahs wurden pflichtschuldigst und mit großem Enthusiasmus ausgebracht und dann folgten die Thugs der Einladung der Lafayetter, welche die schnelle Hülfe in der Noth nicht anders zu vergelten wußten, als durch ein großes Trink-Gelage in ihrer Hauptkneipe im achten Bezirke. Mit Siegesjubel zogen sie ab und die durch das Schauspiel des Kampfes enthusiasmirte Menge folgte ihnen schreiend, krakehlend, hallohend. Seit einer ganzen halben Stunde hatte sich kein Mensch um das Feuer bekümmert. Nicht ein Tropfen Wasser wurde mehr gegen dasselbe geschleudert. Ja sogar die Zuschauer nahmen sich gar nicht mehr die Mühe, sich darnach umzusehen, denn die Schlacht zwischen den Feuerleuten gewährte ihnen natürlich weit mehr Unterhaltung. So brannten die Holzhäuser natürlich total ab und auch von dem großen, prächtigen Waarenhause blieb nichts stehen, als das Mauerwerk. Die nackten vier Wände sahen gleich schwarzen Riesen zum Himmel empor!

Alles ist vorüber. Der Brand ist nicht gelöscht, er ist blos in sich zusammengeschrumpft, weil er keine neue Nahrung fand. Die Feuerleute sind abgezogen, nicht weil es nichts mehr zu thun gibt, sondern weil sie sich mit den Thugs gütlich thun wollen. Die Menschenmenge hat sich verlaufen, es gibt ja nichts mehr zu sehen und zu hören! Nur einige wenige Nachzügler sind zurückgeblieben, solche, die bis auf den letzten Mann ausharren und meinen, es werde, wenn der letzte Act vorüber ist, der Vorhang doch noch einmal aufgehen. Und in der That, er ging auch noch einmal auf, denn nun erschien die Polizei auf dem Platze.

In Europa würde man es nicht glauben, in New-York findet man es natürlich: »wenn Alles vorüber ist, kommt die Polizei.« In jener Straße wird Einer todtgeschlagen, in dieser verübt ein Anderer einen Einbruch; hier wird eine Wirthschaft demolirt, dort brennt ein Haus ab; die Polizei kommt, wenn Alles vorüber ist! Daran ist man in New-York so gewöhnt, daß man sich wundern, nein, damit ist zu wenig gesagt, – daß man es unerhört finden würde, wenn einmal der umgekehrte Fall einträte. – Die Polizei war also da und nahm das Terrain in Besitz. Der ganze Brandplatz wurde umzingelt und nachgesehen, ob richtig Alles verbrannt sei. Auch nach etwaigen Verunglückten sah man, und mit Verwunderung fand man, daß keine vorhanden seien. Doch – Einer war vorhanden. Als man nämlich genau nachsuchte und die ausgebrannte Schwelle des noch rauchenden Waarenhauses übertrat, fand man einen Menschen bewußtlos daliegen. Man hob ihn auf und untersuchte ihn. Er war über und über mit Gold beladen. Alle seine Taschen waren voll solcher Waaren, um den Leib hatte er einen Gürtel gebunden, der durchaus mit Kleinodien aller Art gefüllt war, und überdieß lag noch ein großer mit Schmucksachen und Juwelen gefüllter Sack zu seinen Füßen, den er ohne Zweifel nur hatte fallen lassen, weil er selbst niedergesunken war. Hart daneben lag ein Feuermannshelm, dessen Inneres ebenfalls mit Goldwaaren ausgefüllt war. So schien es also, man habe einen verunglückten Feuermann vor sich. Das Erste nun, was die Polizei that, war, daß sie die Goldwaaren an sich brachte, versteht sich unter dem Vorwande, um sie dem rechtmäßigen Eigenthümer seiner Zeit zurückzustellen, wenn dieselben sich nach erledigter Untersuchung der Sache etwa noch vorfinden sollten, wozu übrigens, wie natürlich, keine Aussicht war. Das Zweite, was geschah, war, daß man den Verunglückten auf das Stationshaus brachte, wo es sich bald zeigte, daß er keineswegs todt, sondern nur betäubt und durch einen Fall am Fuße lädirt war. Er kam bald wieder zu sich und verlangte zu dem Junkshopinhaber Ephraim gebracht zu werden. Zum Unglück für ihn erschien aber der Privatschutzwächter, der, wie wir gesehen haben, seine Pflicht so gröblich vernachlässigt hatte, ebenfalls auf dem Stationshause, um sich den Mann anzusehen, und erkannte ihn sogleich.

»Das ist der Mann, der mich in das Sink werfen lassen wollte,« erklärte er fest und bestimmt. »Ich kann mich in seinem Judengesichte nicht täuschen. Er war einer von den Einbrechern und ohne Zweifel auch einer von den Brandstiftern.«

Kein Mensch zweifelte nämlich daran, daß das Feuer eingelegt gewesen sei. Im Gegentheil, man setzte dieß, wie in den meisten Fällen, so auch hier als eine unbestrittene Thatsache voraus. So ward der Verunglückte in Haft genommen und in die Tombs gesandt, wo es sich auch in der That herausstellte, daß es der Jude Isaak sei, den man vor sich habe, und keineswegs ein verunglückter Feuerwehrmann.

Der Mann durfte von Glück sagen, daß er mit dem Leben davon gekommen war. Nachdem nämlich der Brand in voller Glorie ausgebrochen, hatte er sich mit vielen Andern, wie wir oben schon berichteten, in das große Waarenhaus gestürzt, wohin er sich dadurch einzuschmuggeln wußte, daß er einen Helm, wie ein Feuermann, aufgesetzt und ein rothes Oberhemd angezogen hatte. Wenn aber die Uebrigen, so mit ihm eingedrungen waren, nach den Cigarrenkisten und andern leicht greifbaren Werthsachen sprangen, so hatte er einen ganz andern Zweck. Sein Trachten ging nach der schweren Save, worin der Juwelenhändler alle seine Preciosen und Goldwaaren verschlossen hatte. Zeit war keine zu verlieren. Das Feuer wüthete in den obern Stockwerken. Hatte es einmal dort durchgebrannt, so wurde es natürlich gefährlich, in den unteren Stockwerken zu verweilen. So besann er sich nicht lange, sondern zog eine schwere Pistole, die er zu dem Zweck bei sich führte, hervor und feuerte diese ins Schloß des eisernen Schrankes ab. Dieser Schuß war es, welcher den panischen Schrecken verursacht hatte, als ob Pulver in dem Hause aufbewahrt werde. Für Isaak aber war es ein glücklicher Schuß, denn die Kiste sprang auf und zeigte dem gierigen Juden eine Masse der werthvollsten Schätze. Er belud sich damit bis zum Uebermaße, und erst wie er so viel gesammelt und eingesackt, daß er unter der Last fast zusammenbrach, machte er sich auf den Rückweg. Schon war er an der untersten Stufe der Treppe angelangt, schon hatte er sichere Hoffnung, mit seiner Beute zu entkommen, denn die ganze Menschheit, so sich um den Brand herum gesammelt hatte, war so in den Kampf der beiden Feuerwehrparteien vertieft, daß keine Seele auf ihn Acht haben konnte; schon wollte er die Schwelle überschreiten, da brach mit einem furchtbaren Gekrach der oberste Stock zusammen und schlug im Innern alles durch; die schwere eiserne Save stürzte nach und riß das ganze Balkenwerk mit sich; einer dieser Balken streifte den schwer Beladenen, der durch diese Last zu unbeholfen wurde, um sich durch einen Sprung zu retten; so wurde er niedergeschlagen und blieb betäubt liegen, bis ihn die Polizei fand. Aber ein Glück für ihn, daß er unter der Hausschwelle lag, denn nur dieser Umstand rettete sein Leben. War er nur Einen Schritt weiter zurück, so mußte er unter einem Haufen Schutt begraben werden!

Ephraim, der Junkshopinhaber, hatte seinen Zweck erreicht. Wenige Tage nach dem Brande zahlten ihm die verschiedenen Feuerversicherungsgesellschaften die stipulirten Summen aus. Er hätte keinen Cent bekommen, wenn die Versicherungen nicht auf den reichen Banquier Morris und den hochwürdigen Doctor Beecher gelautet hätten!


4.
Ein Stück New-Yorker Leben.

Es war am Vorabende derselben Nacht, in welcher der große Brand in der Beckmannsstreet stattfand. Marc Price hatte sich müde gelaufen im Aufsuchen einer Spur von Rosa Bodin und ihrer Mutter. Er hatte die Polizei in Requisition gesetzt, er hatte die Nachbarschaft ausgeforscht, er hatte eine Annonce in die Abendblätter gesetzt, aber Alles vergebens. Sein Kopf wirbelte ihm, aber – warum bekümmerte er sich so sehr um das Schicksal dieses Mädchens, das ihm vor vier Wochen noch völlig fremd gewesen war? Dieses Mädchens, das eine geborene Ausländerin in allen Beziehungen des Lebens so tief unter im stand? Er wußte es selbst nicht, oder vielmehr, er gab sich gar nicht die Mühe, darüber nachzudenken. Sie war ja sein Schützling! Was brauchte er andere Gründe, um seine große Kümmerniß um sie vor sich selbst und vor Andern zu rechtfertigen? – Am Abend kehrte er nach Hoboken in das freundliche Landhaus der Frau Cooper zurück, wo er über die Zeit, welche der Caroline Myers zu ihrem Abzug aus dem Hause seines Oheims vergönnt worden war, seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte.

»Sie bringen schlimme Nachrichten,« rief ihm Edith Cooper entgegen. »Ich sehe es Ihrem Gesichte an. Das arme, arme Mädchen!«

»Ich bringe gar keine Nachrichten,« erwiederte Marc, »weder schlimme noch gute. Das Mädchen ist mit ihrer Mutter spurlos verschwunden. Das Einzige, was ich erfuhr, ist das, daß am Morgen zwei Gefährte vor dem Hause hielten, und daß ein Nachbar zu sehen vermeinte, die beiden Frauen seien nicht mit einander abgefahren, sondern jede für sich besonders. Hiedurch wird aber das Verschwinden derselben nur um so geheimnißvoller.«

»Es ist ein merkwürdiges Treiben, das jetzige Treiben in New-York,« versetzte Frau Cooper mit großem Ernste. »Als ich noch jung war, kam in einem ganzen Jahre nicht so viel Außergewöhnliches vor, als nunmehr an jedem Tage. Und, worin besteht dieses Außergewöhnliche? In der Regel aus Mord, Entführung, Brandstiftung, Einbruch, oder sonst einem ähnlichen Verbrechen. New-York ist eine große Stadt geworden, aber sie hat die schlimmen Eigenschaften einer solchen im dreifachen Maßstabe angenommen. Doch ich vergesse, Ihnen einen Brief einzuhändigen, der an Sie gekommen ist, und eine Botschaft auszurichten, die für Sie hinterlassen wurde. Hier ist zuerst der Brief.«

Der Brief war in ein grobes schmutziges Couvert gehüllt und die Adresse allem Anscheine nach von einer rauhen, des Schreibens ungewohnten Hand gefertigt.

»Ich kenne die Handschrift nicht,« sagte Marc, den Brief öffnend.

Kaum hatte er jedoch seinen Inhalt gelesen, so sah er erstaunt auf und übergab dann den Brief der Frau Cooper, die ihn mit nicht minderem Erstaunen durchlas.

»Ich habe mir das Haus angesehen,« war der Inhalt des Briefes, »und die Gelegenheit genau vermerkt. Von hinten wird sich's machen lassen und der Alte soll seine Thorheit büßen. Werd' ihn ohne Muksen abthun, wenn Sie das Geld an den bewußten Ort bringen. Die andre Hälft' wie abgemacht, wenn Alles vorüber. Das Weibsstück ist mir verhaßter als der Tod; wissen schon warum. Hat mich um mein Erb' betrogen und wollt' auch Sie drum bringen. Aber ich will's ihr eintränken. Muß auch dran glauben. Die zweit' Hälft' des Gelds, wenn Sie hören, daß die That vollbracht ist, müssen gleich an den bewußten Ort hinterlegen, denn ich mach' mich auf und davon nach Kansas oder Nebraska, bis Alles verraucht ist. Ich halt' mein Wort. Bin kein Neuling. N. M.«

»Was soll das sein?« rief Frau Cooper, unwillkührlich erbleichend.

»Der Brief kommt von einem Wahnsinnigen oder ist er an die falsche Adresse gerathen,« sagte Edith, sich die Ueberschrift noch einmal besehend.

Er war aber richtig an »Mister Price aus Californien« überschrieben. »Abzugeben bei Frau Cooper in Hoboken.«

»Es muß doch ein Irrthum in der Adresse sein,« erklärte Marc mit ruhiger Entschiedenheit; »aber ich werde den Brief der Oberpolizeibehörde übergeben. Offenbar ist auf irgend eine Unthat angespielt, die demnächst begangen werden soll, die aber zum Glück unterbleiben wird, wenn der ausbedungene Sündenlohn nicht eintrifft.«

Er nahm den Brief und schob ihn in die Tasche.

»Die Botschaft, die ich Ihnen auszurichten habe,« fuhr nun Frau Cooper fort, »ist eine nicht viel minder merkwürdige, oder vielmehr eine noch auffallendere. Man verlangt nämlich von Ihnen, Sie sollen sich heute Nacht in einem gewissen Hause in der Carminestreet bewaffnet einfinden. Der Mann, der die Botschaft überbrachte, war sogar zwei Male da und machte seinen Auftrag äußerst dringend. Sein Name ist Colter, und er ist, wie er sagt, ein genauer Bekannter von Ihnen von Californien her, ein älterer, streng aussehender Mann, mit einem von Leidenschaften durchfurchten Gesichte. Hier ist seine Karte, auf die er mit Bleistift ein Paar Worte in einer fremden Sprache geschrieben hat.«

»Herr Colter?« rief Marc aufspringend. »Und er war selbst da? Dann muß es etwas Wichtiges sein. Aber was hat er denn hier in spanischer Sprache auf seine Karte geschrieben? »Bring' deinen Revolver und dein Bowiemesser mit, Junge, denn wir werden etwas zu thun bekommen.« »Ha, da muß ich gleich aufbrechen. Oder hat er eine Zeit genannt, bis wann ich bei ihm eintreffen soll?«

»Marc,« sagte nun Frau Cooper, dem jungen Mann einen ernsten Blick zuwerfend, »ich kenne den Herrn Colter nicht, aber seinen herben Gesichtszügen nach ist er entweder ein Unglücklicher oder ein Verbrecher. Wollten Sie wirklich bis an die Zähne bewaffnet ihm bei irgend einer ungesetzlichen That beistehen? Denn eine solche beabsichtigt er sicherlich.«

»Verehrte Frau,« erwiederte Marc, »Sie kennen diesen Mann nicht und beurtheilen ihn gewiß nicht von der rechten Seite. Ich weiß zwar ebenfalls wenig von seiner Lebensgeschichte, obwohl er mir versprochen hat, mich mit derselben bekannt zu machen; aber so viel weiß ich von ihm, daß, wenn je ein Mann durch bittere Erfahrungen vielleicht, vielleicht auch aus innerem Trieb zu dem Grundsatze gekommen ist, nur das Rechte zu wollen, und alles Unrechte mit allen ihm zu Gebot stehenden Kräften zu unterdrücken, so ist es dieser Herr Colter. Ich habe manche That von ihm in Californien gesehen und manches Wort von ihm auf der Reise hierher gehört, aber Alles bewies mir, daß er mit dem Unrecht und der Sünde einen Kampf auf Leben und Tod kämpft, und darum will ich ihm beistehen, und hab's ihm auch zugeschworen, und wenn gleich Revolver und Bowiemesser dazu benöthigt wären. Seit meiner Landung hier habe ich ihn nicht mehr gesehen, obwohl ich ihm das Versprechen abgenommen hatte, in allen Fällen meine Hülfe in Anspruch zu nehmen. Aber ich weiß, er thut dieß nur in der höchsten Noth. Himmel!« schrie er plötzlich laut auf, indem er zufällig die Karte Colters noch einmal betrachtete. »Himmel und Erde, was sehe ich? Hier, hier verehrteste Frau! Steht da nicht unter den spanischen Worten deutlich der Name Rosa Bodin? So wahr ich lebe, es heißt Rosa Bodin. »Bring' deinen Revolver und dein Bowiemesser mit, Junge, denn wir werden etwas zu thun bekommen für Rosa Bodin.« So schreibt er, und Marc Price steht noch hier, statt schon längst zu ihm geflogen zu sein. Herr Gott, ich lobe dich, ich werde erfahren, was aus Rosa Bodin geworden ist.«

Mit einem Sprunge war er zur Thüre hinaus und eine Treppe höher in seinem Zimmer, um seine Waffen zu holen. Das Bowiemesser konnte er nicht finden, so eifrig er auch darnach suchte. Wahrscheinlich, so dachte er, hatte er es im Hause seines Oheims in New-York gelassen. Den Revolver dagegen steckte er zu sich, nachdem er die Ladung der sechs Läufe vorher genau untersucht hatte. Dann stürmte er wieder die Treppe herab.

»Gehen Sie mit Gott, Marc,« sagte Frau Cooper, ihm die Hand reichend. »Handeln Sie, wie es Ihnen Ihr Inneres vorschreibt. Ich werde dem Diener befehlen, wach zu bleiben, damit Sie eingelassen werden können, zu welcher Nachtzeit Sie auch von New-York zurückkehren mögen.«

»Nein, Mutter,« rief Edith, »wir werden selbst wach bleiben, denn die arme gute Rosa ist gewiß in schlechte Hände gefallen, aus denen sie Marc jetzt befreien muß. Ich wollte, Alfred wäre hier, statt daß ihn seine Geschäfte mit Herrn Brady über Land geführt haben. Er wäre der Dritte im Bunde gegen die Schlechtigkeit und Verdorbenheit New-Yorks. Eilen Sie, Marc, bringen Sie uns das herrliche Kind, die Rosa, hierher, meine Mutter wird sie mit Freuden aufnehmen und ich will sie wie eine Schwester behandeln.«

Die Mutter nickte ihr beistimmend zu; die Tochter hatte ihr aus der Seele gesprochen!

Es war längst dunkle Nacht, als Marc Price New-York erreichte, aber da er die Canalstreetfähre benützt hatte, so brachte ihn ein Gang von wenigen Minuten in die Carminestreet. An einer Gaslaterne sah er noch einmal genau nach der Wohnung und Hausnummer, welche ihm Colter auf seiner Karte bezeichnet hatte.

»Das ist die Hausnummer,« sagte er zu sich selbst, vor dem bezeichneten Hause stille stehend. »Eine Treppe hoch soll er wohnen, aber es ist kein Licht zu sehen. Sollte er nicht anwesend sein? Und welche Eigenthümlichkeit, hier in dieser Gegend der Stadt seine Wohnung aufzuschlagen?«

Er ging zur Hausthüre, sie war nur angelehnt. Er suchte im Finstern die Treppe und stieg hinauf.

»Hierher, Marc,« rief eine Stimme von oben. »Ich kenne Sie am Tritte. Nur gerade aus; Sie können nicht fehlen. So, da sind Sie, und nun setzen Sie sich. Ich wußte es wohl, daß Sie kommen werden, denn Sie gehören nicht unter die Generation von Schuften, mit denen jetzt unsere Großstädte bevölkert sind.«

»Gewiß, Colter, Sie durften nicht zweifeln,« versetzte Marc, »aber . . . .«

»Sie wundern sich, daß ich Sie ohne Licht empfange?« unterbrach ihn Colter. »Sie werden sich bald nicht mehr wundern. Wer beobachten will, muß sehen, daß er selbst unbeachtet bleibe. Kommen Sie einmal näher ans Fenster, was sehen Sie?«

»Hier gerade gegenüber?« entgegnete Marc. »Ich denke, einen hell beleuchteten Apothekersladen. Aber, Colter, in der That, ich kann meine Ungeduld nicht mehr bemeistern, was wissen Sie von Rosa Bodin? Wo ist sie? Warum hat sie ihre Wohnung in der Walkerstreet verlassen? Wie befindet sie sich jetzt? Ist ihr ein Unheil zugestoßen?«

»Ein hellerleuchteter Apothekersladen?« sagte Colter mit herbem, bitterm Tone, die Fragen seines jungen Freundes, wie es schien, ganz überhörend. »Ja wohl, ein unschuldiger Apothekersladen! Und hinter dem Laden das schändlichste aller Häuser, ein Spielhaus! Und hinter dem Spielhaus ein noch niederträchtigeres Local, ein Local, dessen Namen nur auszusprechen schon ein Fluch ist!«

»Aber Rosa Bodin?« rief Marc, dessen Ungeduld alle Gränzen überschritt.

»Rosa Bodin befindet sich in dem Locale, das ich zuletzt benannte,« war die kalte, schneidende Antwort des Californiers.

Eine tiefe Pause trat ein. Man hätte den Athemzug der beiden Männer hören können; so lautlos still saßen sie einander gegenüber.

»Das Local mag sein, welches es wolle,« sagte endlich Marc Price mit fester, entschlossener Stimme, »Rosa Bodin befindet sich nicht freiwillig dort. Colter, Sie bestellten mich mit Bowiemesser und Revolver, wie es in Californien, wo man gezwungen ist, sich selbst Recht zu verschaffen, Brauch und Sitte ist. Ich habe meinen Revolver bei mir. Kommen Sie, wir wollen Rosa Bodin holen. Auf, Mann, und bringen Sie mich nicht zum Wahnsinn!«

»Marc Price,« erwiederte der Andere, und seine Stimme klang fast noch herber und strenger, als zuvor; »ich kannte dich bis jetzt nur als Einen, der Ehre und Ehrenhaftigkeit höher hielt, denn sein Leben. Was soll dir Rosa Bodin sein, wenn wir sie holen?«

»Rosa Bodin?« rief Marc. »Sie soll mir sein, was die Schwester dem Bruder ist; nein, was die Braut dem Bräutigam. Ich liebe sie; jetzt erst weiß ich's, da ich sie verloren habe; ich liebe sie, und sie soll die Meinige werden. Aber Gott behüte meinen Verstand, wenn du mich noch länger auf die Folter spannst.«

Der junge Mann war aufgesprungen und ging mit heftigen Schritten auf und nieder. Auch Colter erhob sich, aber nur um Marc seine Hand zu geben.

»Es ist gut, Marc,« sagte er, »ich kenne Sie und weiß, daß ich mich auf Ihr Wort verlassen kann. Rosa Bodin wird einen Beschützer in Ihnen finden und keinen Verderber. Aber Sie müssen Geduld haben. Es ist jetzt kaum zehn Uhr vorüber und vor zwölf Uhr können wir unser Unternehmen nicht ausführen.«

»Aber um Gott, Mann,« rief Marc, der Verzweiflung nahe, »so sagen Sie mir doch wenigstens, was Sie von Rosa wissen? Sagen Sie mir, wie Sie Kenntniß davon haben, daß sie in jenem Locale dort über der Straße aufbewahrt wird? Sagen Sie mir, wie es uns möglich sein wird, sie dort herauszuholen?«

»Ich kenne Rosa Bodin nicht,« erwiederte Colter mit fast zitternder Stimme. »Ich habe sie meines Wissens nie gesehen. Aber ich weiß, daß sie in unendlichem Vertrauen an Ihnen hängt, in einem Vertrauen, wie es nur die innigste Liebe eingeben kann. Ich weiß auch, daß sie dort üben festgehalten wird, mit Gewalt festgehalten wird. Ein Zufall, nein der Rathschluß Gottes war es, der mich in dieses Geheimniß einweihte. Ein Anderer wäre vielleicht mit Gleichgültigkeit darüber hinweggegangen, aber ich dachte an meine Tochter, an meine Annie. Wird nicht sie vielleicht, ja ohne Zweifel, der Hülfe eben so sehr bedürfen, als diese Rosa, dachte ich? Wird Einer da sein, der sich der Verlassenen, der Verwaisten annimmt? Marc Price, Rosa Bodin erwartet von Ihnen Hülfe, und wir beide werden sie erretten. Wird auch meine Annie einen Erretter gefunden haben?«

Der alte Mann schwieg erschüttert. Seine Stimme bebte. Marc Price sah nicht, wie er weinte, aber er fühlte es.

»Sie haben schweres Unglück erduldet,« sagte der junge Mann mit leiser Stimme. Er fürchtete sich, bei solchem Jammer laut zu sprechen.

»Das habe ich,« erwiederte der alte Mann, sich zur Festigkeit zwingend. »Schweres Leiden habe ich erduldet, aber es war selbstverschuldetes Leiden. Nach dem Maße, nach dem du missest, wird dir gemessen werden, steht in der heiligen Schrift, und nach diesem Maße ist mir gemessen worden. Ich habe Ihnen versprochen, Ihnen meine Geschichte zu erzählen, wollen Sie mich anhören? Ich gebe Ihnen mein Wort, daß es unmöglich ist, vor zwei Stunden für Rosa Bodin handelnd einzuschreiten, und Sie wissen, daß mein Wort mir heiliger ist, als ein Eidschwur. Kommen Sie, Marc,« fuhr er schwer aufseufzend fort, »setzen wir uns ans Fenster. Kein Mensch kann uns da sehen, aber wir sehen um so deutlicher, wer dort üben in den Apothekersladen aus- und eingeht. Richten Sie Ihr Augenmerk dahin, es wird Sie bald mehr interessiren, als Sie sich jetzt denken können.«

»Es ist nur eine kurze Geschichte, die ich Ihnen erzählen werde,« fuhr der gebeugte Mann fort, »eine Geschichte, wie sie Tausenden in diesem früher so gesegneten Lande begegnet; aber doch ist ihr Inhalt der Art, daß man ganze Bände mit füllen könnte. Sie sehen mich für einen älteren Mann an, für Einen, der seine fünfzig und mehr passirt hat. Ich bin kaum vierzig; aber Kummer, Elend, Entbehrungen aller Art, besonders jedoch Selbstvorwürfe haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Vor zehn Jahren war ich noch ein glücklicher Ehemann, beneidet von Vielen, glücklich geschätzt von den meisten meiner Bekannten. Ich hatte ein schönes Weib, ein liebliches Kind und ein Geschäft, das mir jährlich seine paar Tausende abwarf. Wir konnten leben wie im Paradiese und wir lebten auch so. Sechs lange und doch so kurze Jahre lebten wir so, denn jetzt vor zehn Jahren war meine Annie fünf Jahre alt und sie war zehn Monate nach unserer Verehelichung geboren worden. Kein Mensch hätte geglaubt, daß unser Glücksstern je erbleichen könnte. Ich selbst glaubte es nicht. Und doch sollte es so kommen, und zwar in einem Zeitraume von weniger als sechs Monaten. Mein Weib war schön, wie ich schon gesagt; aber sie war nicht blos schön, sondern auch tugendhaft und mit allen Eigenschaften einer gebildeten Hausfrau gesegnet. Nur einen Fehler hatte sie, sie liebte den Prunk zu sehr. Sie liebte ihn nicht sowohl für sich, als für ihr Kind, das sie vergötterte. Für die kleine Annie wurde mehr Geld ausgegeben, als mit unsern Verhältnissen übereinstimmte. Dieß gab den ersten Anlaß zu Streitigkeiten, und diese Streitigkeiten waren die ersten seit unserer Ehe. Eines Abends, nach einem solchen Zerwürfnisse, war ich im Unmuthe ausgegangen. Der Teufel muß mich damals geführt haben, denn auf einmal befand ich mich im Broadway in der Nähe von Cityhallplace. Dieser Platz war aber damals noch nicht, was er jetzt ist. Auf der rechten Seite stand noch das alte College und die Straße war noch nicht durchbrochen. Ich lehnte an einem Eckhause und betrachtete mir das Getriebe in der Nähe des Parks. Ein Freund trat zu mir. Es war einer von denen Freunden, wie man sie zu Dutzenden in der Jugend hat. Seit meiner Verheirathung hatte ich ihn nur wenig gesehen, denn derartige Freunde passen nicht für verheirathete Männer. Jetzt freute es mich, daß ich ihn traf, da meine Seele durch den häuslichen Zank verbittert war.

»Was ist dir, Richard?« sagte er zu mir. »Du siehst ja in die Welt, wie ein Isegrimm aus unseren Kindermährchen!«

»Ich weiß nicht, was ich ihm antwortete; aber so viel weiß ich, daß er mich mit sich zog in eine der Restaurationen, deren es dort damals eine Menge gab. Mein Herz war voll bis zum Ueberströmen. Er wurde mein Vertrauter. Wir tranken mehr, als ich wenigstens gewohnt war. Wann wir das Local verließen, weiß ich heute nicht mehr. Ich wußte es nicht einmal den andern Tag. Aber das ist mir noch im Gedächtnisse, als wäre es eben erst geschehen, daß wir auf einmal vor einem großen Hause hinter Cityhallplace standen, welches in tiefe Nacht gehüllt schien. Mein Freund klopfte und als ein Thürsteher von innen öffnete, flüsterte er ihm leise einige Worte zu. Wir durften passiren. Der Gang war nur spärlich erleuchtet, so daß man von außen gar nicht hatte bemerken können, daß überhaupt ein Licht darin brannte. Wir stiegen eine Treppe hinan und wanden uns durch einige Gänge fort. Plötzlich strömte uns eine grelle Beleuchtung entgegen. Wir stiegen immer höher. Mein Freund kannte den Weg. Nun kamen wir in ein Zimmer, das gegen hinten hinaus liegen mußte, denn es brannten eine Menge Lichter darin, von denen ich vorhin, als wir vor dem Hause standen, nichts hatte bemerken können. Es war prachtvoll eingerichtet. An den Wänden hingen reiche Spiegel, der Boden war mit weichen Teppichen belegt, ringsum reihte sich ein Divan an den andern, die Tische waren mit Eßwaaren und Crystallflaschen überfüllt, und einige blendend schöne Damen machten die Honneurs. Die Gesellschaft, die wir trafen, war zahlreich, lauter Herren aus den höheren Ständen, viele darunter Bekannte von mir. Ich wurde mit Freuden, ja fast mit Frohlocken begrüßt. Man schmeichelte mir von allen Seiten. Niemand fragte, woher ich komme, Niemand, was ich hier wolle. Man betrachtete meine Anwesenheit als eine sich von selbst verstehende und behandelte mich wie einen langjährigen Freund, den man gewohnt ist, alle Tage bei sich zu sehen! Die schönen Frauen des Hauses benahmen sich, wie wenn sie mich seit Jahren gekannt hätten: sie waren nicht zudringlich, aber sie waren zuvorkommend; sie schmeichelten nicht, aber sie betrugen sich, wie Freundinnen. Man aß und trank, man scherzte und lachte, man war zu Hause. Plötzlich öffneten sich die Flügelthüren und ehe ich mich's versah, hatte mich eine der Damen am Arme und wir gingen mit den Andern in den hell erleuchteten Salon, in dessen Mitte ein langer grüner Tisch stand. Man setzte sich um den Tisch. Einer der Herren hatte ein Spiel Karten vor sich und daneben einen Haufen von Gold und Banknoten. Jetzt wußte ich, wo ich war, ich befand mich in einem Spielhause. Mein erster Impuls war, aufzuspringen und davon zu gehen, denn ich war so erzogen, daß mir das Spiel, das Hazardspiel wenigstens, einen Schrecken einflößte. »Aber das schöne Weib, das neben mir saß, blickte mich so sanft, so zärtlich und zugleich so harmlos an, daß ich mich schämte, Aufsehen zu erregen. Zugleich benahmen sich die Uebrigen so ruhig und anständig, daß ich wirklich befürchten mußte, mich lächerlich zu machen, wollte ich plötzlich aufbrechen und so die Unterhaltung stören. »Du kannst ja spielen oder nicht spielen,« dachte ich, »und wenn du je des Anstands halber ein paar Dollars setzst, so wird dich dieß nicht ruiniren.« In der That redete mir kein Mensch zu, zu pointiren. Man überließ mich ruhig mir selbst. Bald sah ich aber mit gesteigerter Begierde über das grüne Feld hin. Meine Nachbarn und Nachbarinnen warfen die Goldstücke auf den Tisch, als wären es Rechenpfennige. Sie verloren und gewannen mit gleich lächelnder Miene. Es verdroß mich eigentlich, daß mich Niemand einlud, auch mein Glück zu probiren Endlich nahm ich mein Herz in beide Hände und setzte ebenfalls ein Goldstück. Ich gewann. Ich setzte wieder und gewann wieder. Meine Nachbarin lächelte mir so verführerisch zu, daß ich bald immer größere Summen riskirte. Aber das Glück war mir hold, und ich gewann fast auf jeden Zug. Nach wenigen Stunden konnte ich gegen vierhundert Dollars mein eigen nennen. Das war mehr, als die Summe betrug, wegen der ich heute Mittag mit meinem Weibe Verdruß angefangen hatte. Nun aber wurde ich nüchtern. Der Gedanke an mein Weib, der mir in diesem Augenblicke in den Kopf kam, verscheuchte auf einmal alle Einflüsse des Weins und der Sinnlichkeit, welche mich seither fast betäubt hatten. Ich begehrte zu gehen. Und merkwürdiger Weise, kein Mensch legte mir ein Hinderniß in den Weg. Ich hatte eine ziemliche Summe Goldes gewonnen und doch war in der ganzen Gesellschaft nicht Eine Person, die mir nicht freundlich gute Nacht gewünscht hätte! Nicht einmal Revanche zu geben wurde ich aufgefordert, ja nicht einmal eingeladen wurde ich, wieder zu kommen! Mein Freund geleitete mich bis zur Hausthüre und von da fand ich den Weg allein nach Hause. Ich war halb beschämt über meinen Leichtsinn, aber doch wieder erfreut über das unerwartete Glück, das mich nun befähigte, den Wünschen meines Weibes nachzukommen, ohne daß ich eine zu große Summe aus meinem Betriebscapitale ziehen mußte. Mein langes Ausbleiben in der Nacht wußte ich mit irgend einer Ausrede zu entschuldigen.«

Hier hielt er einen Augenblick inne, um tief Athem zu holen.

»Das war die Lockente, Marc Price,« fuhr er nach einer Weile fort. »Die gewonnenen vierhundert Thaler waren der Vogelleim, an dem sie mich zu fangen gedachten und auch wirklich gefangen haben. Es dauerte vielleicht vier Wochen, ehe ich wieder ans Spielen dachte. Ich fühlte gar keine Lust dazu; im Gegentheile, ich hatte mir fest vorgenommen, mich nie mehr verführen zu lassen und nur wie bisher meinen Pflichten als Hausvater und Geschäftsmann zu leben; denn ich wußte ja aus der Lectüre, welch' unberechenbaren Nachtheil die Leidenschaft des Spiels auf das Leben eines Menschen hat, und – nicht ohne tiefen Grund haben unsere Gesetzgeber eine so strenge Strafe auf alle Hazardspiele jeder Art gesetzt! Vier volle Wochen also dauerte es, bis ich wieder ans Spielen dachte. Da gab es aber einen neuen Auftritt in unserem Hause. Meine Frau hatte wieder ein Bedürfniß wegen der kleinen Annie oder verlangte sie aus irgend einem andern Grunde Geld, – denn die vierhundert Thaler waren natürlich längst aufgebraucht – ich weiß es nicht mehr, aber das weiß ich, daß es einen Auftritt wegen des Geldes gab. Der Unmuth trieb mich abermals aus dem Hause, und nun war ich es selbst, welcher das Spielhaus aufsuchte. Ich dachte an mein früheres Glück und wollte wieder gewinnen, oder wenigstens mich zerstreuen. Mein Herz pochte aber doch ein wenig, als ich an der Thüre klopfte. Man öffnete mir, aber da ich das Stichwort nicht kannte, ließ man mich nicht ein. So mußte ich unverrichteter Dinge nach Hause kehren; allein dieser Umstand, statt mich zur Besinnung zu bringen, reizte mich nur noch mehr auf und den andern Tag hatte ich keine Ruhe, bis ich meinen Freund von dazumal auffand, um mir Eintritt zu verschaffen. Von nun an war ich ein täglicher Besucher des Spielhauses und von dieser Zeit datirt sich der Ruin, der über mich und meine Familie hereingebrochen ist. Anfangs gewann ich nicht unbeträchtliche Summen und ich schwamm im Glücke; aber bald wandte sich das Glücksrad, und nicht blos das, was ich gewonnen hatte, sondern noch ein beträchtlicher Theil meines eigenen Vermögens wurde auf dem grünen Tische geopfert. Dieser Verlust war aber noch das Geringste. Der Hauptverlust war, daß mein ganzes Geschäft ruinirt wurde und daß mein ganzes eheliches Glück in Trümmer zerfiel. Natürlich zwangen mich die langen Nachtwachen am Spieltische, den verlornen Schlaf bei Tage nachzuholen; so konnte ich meinen Pflichten als Gewerbsmann nicht nachkommen, und ich büßte nach und nach meine ganze Kundschaft ein. Es lag mir auch gar nichts mehr an solch' einer Kleinlichkeitskrämerei, wie ich jetzt meinen Handel nannte, denn ich sah ja allnächtlich größere Summen gewinnen und verlieren, als ich sonst in meinem Detailgeschäft in einem ganzen Halbjahre umsetzte! Meine Frau merkte bald an meinem veränderten Aussehen und den tief eingefallenen Zügen, welche Leidenschaft mich erfaßt habe, und bat mich fußfällig, davon abzulassen, da es der Todesstoß für unser Familienglück sei. Sie wies auf unser einziges Töchterlein hin und beschwor mich bei Allem, was mir heilig sei, von meinem unseligen Beginnen abzulassen. Ich versprach es auch. Wo wäre Einer gewesen, der solchem Andrängen hätte widerstehen können? Ich versprach es jedoch nicht blos, sondern ich faßte auch den festen Vorsatz, meinem Versprechen nachzukommen. Aber zwischen Versprechen und Halten ist ein großer Unterschied,« setzte er bitter hinzu.

»Einige Wochen lang schien es, als ob Alles wieder ins rechte Geleise kommen sollte,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort. Ich warf mich eifriger als je auf die Arbeit; ich hatte auch viel einzuholen! Leider aber machte ich die Erfahrung, daß ich einen großen Theil des bisherigen Zutrauens beim Publikum verloren hatte. Nicht etwa, weil meine Spielerlaufbahn bekannt geworden wäre, sondern einfach, weil durch meine seitherige Nachlässigkeit die Leute anderswohin, in andere Läden, in andere Verkaufslocale zu gehen gewöhnt worden waren. Ich hatte also doppelt, ja dreifach große Mühe, mein Geschäft wieder emporzubringen, besonders da im Spiel auch ein ziemlicher Theil meines Vermögens zu Grunde gegangen war, der mir nun schwer abging. Meine Frau sah die Anstrengungen, die ich machte, mich wieder empor zu arbeiten; sie sah auch die Drangsale, mit denen ich zu kämpfen hatte. Sie hielt daher mit den Ansprüchen, die sie ans Leben machte, so viel möglich zurück; aber ich sah es aus ihrem verdrossenen Gesichte, daß sie es nur mit großer Selbstüberwindung that, und es schnitt mir ins innerste Herz, wenn sie stillschweigend auf andere Kinder deutete, die mit größerer Pracht, mit größerem Luxus ausgestattet waren, als unsere Annie. Sie zog es daher vor, gar nicht mehr auszugehen; ich sah ihr's an, warum sie es that, sie schämte sich, nicht mehr wie früher alle Moden, allen Toilettenprunk, alle Theater, alle Conzerte, mitmachen zu können. Und wer war Schuld hieran? Niemand, als ich. So fing sie bald an – ich glaubte es wenigstens, – sich auch meiner zu schämen und ich fühlte, daß sie mich verachtete.«

Abermals hielt er inne und holte tief und schwer Athem. »Marc Price,« fuhr er dann mühsam sich fassend fort, »es ist ein schweres Wort, das ich so eben gesagt habe; es gibt kein schwereres im Ehestande, als wenn ein Gatte vom andern weiß, daß er ihn verachtet. Aber ich war selbst Schuld daran, und mußte es ertragen. Da wurde ich eines Tags von einem guten Geschäfte unterrichtet, das mir ziemlichen Vortheil bringen mußte, wenn ich es bekommen konnte. Es gehörte eine verhältnißmäßig nicht allzugroße Summe dazu; aber – ich besaß sie nicht. Früher, vor sechs Wochen noch wäre es mir ein leichtes gewesen, sie aufzubringen. Jetzt? Ich glaube, man sah mir's an, daß ich mein Selbstvertrauen verloren hatte, denn wo ich anklopfte, wies man mich ab. Es war mir unmöglich, so sehr ich mich auch anstrengte, auch nur die Hälfte der nöthigen Summe zusammen zu bringen. An demselben Tage hatte auch meine Frau ein Bedürfniß. »Sie habe mich lange nicht belästigt,« sagte sie kalt, »aber nunmehr könne sie nicht mehr anders und wenn sie nicht glauben müsse, von mir als wenig mehr denn ein Dienstmädchen angesehen und behandelt zu sein, so dürfe ich sie mit ihrem Begehren nicht abweisen.« Dennoch wies ich sie ab, ich mußte es thun. Sie erwiederte keine Silbe, aber der Blick, den sie mir zuwarf, der höhnisch-verachtende Blick und die höhnisch-verzogenen Lippen sagten mir mehr, als Worte hätten thun können. Voll Verzweiflung ging ich aus dem Hause. Ich bekümmerte mich nichts um die Richtung, die meine Füße einschlugen, ich sah weder rechts noch links, weder nach vornen noch nach hinten. Lange, sehr lange muß ich so in den Straßen herumgewandelt sein, denn es war dunkle Nacht, als ich endlich zu mir selbst kam. Ich befand mich vor dem Spielhause hinter Cityhallplace! »Das ist ein Wink von oben,« dachte ich. »Gewiß ist dir ein glücklicher Zug beschieden und dann hat alle deine Verlegenheit, ja all' dein Jammer und häuslicher Verdruß ein Ende.« So flüsterte eine Stimme in mir. Wohl wußte ich, daß es die Stimme des Verführers sei, aber dennoch hörte ich auf sie. Wohl sagte mir mein laut pochendes Herz, daß ich auf dem Wege sei, vollends ganz ins Verderben zu rennen, aber immer und ewig flüsterte jene Stimme. »Versuchs noch einmal, es wird dir glücken, dann blühen dir wieder glückliche Tage.« – Ich konnte dieser Stimme nicht länger widerstehen und wenn es mein Leben gekostet hätte! So pochte ich denn an, nannte das Paßwort und stieg die Treppen hinan. Wie freudig sie mich empfingen! Welch' zärtliche Vorwürfe sie mir für mein langes Ausbleiben machten! Es war, als ob ein lang entbehrter Freund wieder nach der Heimath zurückgekehrt wäre!«

Abermals trat eine Pause ein. »Gib mir die Flasche dort neben dir auf dem Gesimse,« flüsterte der Erzähler nach einer Weile mit heiserer Stimme. »Ich komme nun an den herbsten Theil meiner Geschichte.«

Er that einen tiefen Zug, wie um sich zu stärken, damit er nicht in der Erinnerung an die ausgestandenen Qualen unterliege.

»Wir setzten uns zum Spiele,« erzählte er nun weiter. »Es war das gewöhnliche Pharo, wie es hier und in Californien überall gebräuchlich ist. Der Einsatz war nach Belieben. Ich spielte im Anfang vorsichtig, denn ich hatte mir fest vorgenommen, kalt zu bleiben, da der Ruhige und Gemessene immer am Ende Sieger bleibt. Die Summe, die ich bei mir hatte, war nicht klein, wenigstens nicht für mich; denn sie bestand aus dem Gelde, das ich zur Erwerbung und Durchführung jenes Geschäfts, von dem ich oben gesprochen, mit Mühe beinahe zur Hälfte zusammengebracht hatte. Verdoppelte ich diese Summe, so war mir geholfen. Auch hatte ich fest beschlossen, augenblicklich aufzuhören, so bald ich diesen Zweck erreicht habe. Das Glück war mir im Anfang nicht ungünstig; im Gegentheil fast jedes Spiel fiel zu meinen Gunsten aus; so wurde ich in meinen Wagnissen immer kühner und verdoppelte meine Einsätze, so daß ich nahe daran war, die ganze Summe, deren ich bedurfte, gewonnen zu haben. Ich jubelte in meinem Innern, aber ich jubelte zu früh. Unter den Besuchern jenes Spielhauses, worunter Männer von allen Classen und allen Erwerbszweigen, Männer fast jeden Alters und jeden Standes gehörten, obgleich natürlich die Reichen und Vornehmen die Mehrzahl bildeten, unter diesen Besuchern zeichnete sich ein noch ziemlich junger Geistlicher aus, der als Redner glänzte und bei der Frauenwelt besonders anfing einen Ruf zu erlangen, der aber im Stillen und insgeheim allen Lastern fröhnte, die nur immer in New-York zu befriedigen sind. Er konnte unsre Gesellschaft ungescheut und ungenirt besuchen, denn eine Entdeckung war kaum zu befürchten, außer wenn Einer von den Eingeweihten selbst den Verräther gemacht hätte. Diese aber hatten sich mit Wort und Handschlag, ja fast mit einem Eide verpflichtet, unter allen und jeden Umständen das tiefste Stillschweigen zu beobachten. Auch kannte man kein Beispiel, daß dieser Eid gebrochen worden wäre, darum wurde auch in New-York ein »Spielhaus für die höheren Classen« fast noch nie ausgehoben. Der junge Geistliche nun, ob er gleich von seinen Schafen als ein Hirte sonder gleichen geachtet war, kam fast regelmäßig und zeichnete sich nicht blos durch sein hohes und gewagtes Spiel aus, sondern auch durch die Neuerungen, die er aus fremden Ländern, besonders Frankreich und Deutschland, worin er lange gereist war, mitgebracht hatte. Er gefiel sich darin, uns neue Glücksspiele zu zeigen, die wir noch nicht kannten, und die daher nothwendig das größte Interesse erregen mußten, eben weil sie neu waren. In der Nacht, von der ich spreche, hatte er sich noch nicht eingefunden, aber er hatte versprochen, zu kommen und für die Gesellschaft eine Würfelbank nach deutscher Weise und Sitte aufzulegen. In der That kam er, wie ich eben im höchsten Glücke saß, und die übrigen Spieler, von denen der größte Theil verloren hatte, ergriffen diese Gelegenheit mit Lust, das Pharo aufzugeben, um sich in dem neuen Spiel des jungen Geistlichen wo möglich zu revanchiren. Dieses Spiel war sehr einfach. Es bestand in drei Würfeln, die man in einem ledernen Becher schüttelte; zeigten zwei der Würfel die gleiche Zahl, so hieß man dieß einen Pasch, und der, welcher die Bank gab, zog alle Einsätze ein, sobald der Pasch mehr als eilf zählte. Zählte er weniger, so mußte er alle Einsätze ausbezahlen und die Bank an seinen Nebensitzer abgeben. Natürlich begann man mit diesem neuen Spiele alsobald und der Geistliche war, wie sich von selbst versteht, der erste Bankgeber, bis wir die Sache verstanden. Es dauerte aber nicht lange, so kannte sich jeder aus, und das Bankgeben kam nach und nach an Alle. Das Glück wechselte bei diesem »Paschen« fast noch regelmäßiger, als beim Pharo, nur mich begünstigte es auffallend, denn ich warf neunmal hintereinander über eilf und gewann somit neunmal alle Einsätze, welche die Andern gegen mich gewagt hatten. Ich war also entschieden im Vortheil und in Folge dessen mehr aufgeregt als je. Als ich daher endlich beim zehnten Pasche fehlte, und die Bank wieder an den jungen Reverend überging, riß mich meine Ungeduld, noch mehr zu gewinnen, zu den gewagtesten Einsätzen hin; aber die Strafe blieb nicht aus. War ich nämlich vorhin im Werfen guter Pasche auffallend glücklich gewesen, so war es jetzt dieser junge Geistliche noch mehr. Eilfmal schon hatte derselbe hinter einander gewonnen und natürlich immer alle Einsätze gezogen. Ich für meine Person hatte jedesmal meinen Einsatz verdoppelt. Einmal muß er doch fehlen, dachte ich, einmal muß er doch weniger als eilf werfen! Als er somit sich zum zwölften Wurfe anschickte, und die Umsitzenden vorher wie üblich zum Setzen aufforderte, verdoppelte ich den letzt gemachten Einsatz abermals. Meine Hände zitterten, meine Pulse flogen, die Augen versagten mir fast den Dienst! »Einmal muß er doch verlieren,« rief ich laut. – Der junge Mann erwiederte nichts, sondern lachte blos höhnisch. Er warf das zwölfte Mal. Dreizehn lagen auf dem Tische! Ich hatte abermals verloren! – Ein solches Glück war unerhört. Die Uebrigen hatten längst aufgehört zu setzen, und sahen nur meinem hohen Spiele zu. Bereits hatte ich nicht blos alles bisher Gewonnene verloren, sondern auch einen großen Theil des Mitgebrachten. Nun aber nach diesem letzten Wurfe kannte ich keine Ueberlegung mehr. Ich war wie in einem Rausche. Das ganze Zimmer drehte sich mit mir. Mein Gegner gegenüber aber saß kalt und fixirte mich mit einem herausfordernden Blicke. Ich nahm all mein Geld, das ich noch hatte und legte es auf einen Haufen. »Ungezählt,« rief ich; »Alles, was daliegt, auf Einen Wurf.« »Es gilt,« erwiederte er und schüttelte die Würfel im Becher. Die Spannung war eine furchtbare, und nicht blos bei mir, sondern auch bei allen Andern. Die Würfel fielen. »Achtzehn!« rief eine Stimme, die wie der Donner des Weltuntergangs in meine Ohren schallte. Er hatte achtzehn geworfen! Meine Sinne drohten mir zu vergehen; ich war einem Schlagflusse nahe. »Versetze dein Geschäft und Waarenlager,« flüsterte mir Einer zu. »Das Glück muß sich wenden. Beim vierzehnten Wurfe kann er nicht gewinnen.« »Wie viel gibst du mir dafür?« flüsterte ich zurück. »Viertausend Dollars,« erwiederte er. Es war achttausend und mehr werth! Aber ich kannte in diesem Augenblicke nichts, als meine Leidenschaft. Schnell Dinte, Feder und Papier! Es war Alles im Momente zur Hand und in weniger als fünf Minuten hatte er den Verkaufsbrief geschrieben und ich denselben unterzeichnet. Viertausend Dollars lagen vor mir! Es war Alles, was ich besaß. Verlor ich dieses, so war ich mit Weib und Kind ein Bettler, ja mehr als ein Bettler, denn ich besaß noch Schulden, die nicht bezahlt waren. Aber was galt mir Weib, was galt mir Kind in diesem Augenblicke? Die Spielwuth beherrschte mich. Ich war kein Mensch mehr; ich war ein Besessener! »Viertausend Dollars!« rief ich. »Auf Einen Wurf?« fragte mein Gegner. »Auf Einen Wurf!« erwiederte ich. Die Würfel rasselten im Becher. Sie fielen. »Sechzehn!« Er hatte vierzehnmal hintereinander gewonnen! – Was weiter mit mir vorging, wie ich auf die Straße kam, wo ich den Rest der Nacht zubrachte, ich weiß es nicht mehr; ich wußte es auch nicht am andern Morgen, denn ich war von Sinnen. Es mochte acht Uhr an diesem Morgen sein, da stand ich vor meinem bisherigen Geschäftslocale, das zugleich meine Privatwohnung gewesen war. Von diesem Zeitpunkte an habe ich wieder eine Erinnerung. Ich mochte aber wohl einen entsetzlichen Anblick gewähren, denn die Leute, die dort standen, betrachteten mich mit gar sonderbaren Blicken und wichen auf beiden Seiten zurück, um mir Platz zu machen. Ich ging in das Haus. Es stand offen. Der, dem ich mein Alles um viertausend Thaler verkauft hatte, kam auf mich zu: Er hatte bereits Besitz davon ergriffen! »Wo ist mein Weib und mein Kind?« keuchte ich hervor. Statt der Antwort überreichte er mir ein Briefchen. Es war nur ein kleines Briefchen und nur wenige Worte standen darin. Ich weiß sie heute noch auswendig. »Du bist ein Nichtswürdiger, » schrieb meine Frau. »Ich weiß Alles. Mich und Annie wirst du nie mehr sehen.« – Das war Alles!«

Erschöpft schwieg der Mann. Auch Marc wagte kein Wort zu sprechen. Die Erzählung hatte ihn zu tief erschüttert. – So saßen sie lange schweigend.

»Sehen Sie die halbvermummten Gestalten,« begann jetzt wieder der Californier, »die von Zeit zu Zeit in den Apothekersladen schlüpfen? Es sind wohl Leute, die dort ärztliche Hülfe begehren? Nicht wahr, so denken Sie? Aber Sie werden bald die Wahrheit erkennen; nur noch eine kleine Stunde und unsere Zeit wird gekommen sein. Lassen Sie mich meine Erzählung beenden, denn es drängt mich, mein Herz endlich einmal, zum ersten Male seit dem Beginn meines Elendes, auszuschütten! Meine Frau war fort, mit meinem Kinde spurlos verschwunden. Ich kannte sie zu gut, als daß ich hoffen konnte, ihren Versteck ausfindig zu machen. Wer vermag es, einen Menschen in New-York zu finden, der dort unerkannt bleiben will? Und daß sie mich nicht mehr sehen wollte, das wußte ich, denn sie verachtete mich! Damals kamen die ersten Nachrichten von den Goldminen Californiens. Ein Theil der Menschheit zweifelte noch daran, der andere Theil wurde verrückt durch das Goldfieber. Ich schloß mich einer Carawane an, welche es unternahm, mitten durch die Prärien durch das bis jetzt unerforschte Gebiet des Indianers über die Felsengebirge hinüber den Weg ins Goldland zu suchen. Natürlich! Ich konnte nicht anders, denn ich hatte kein Geld, um die Seereise zu bezahlen. Die Landreise kostete mich nichts, da ich die Funktion eines Maulthiertreibers übernahm. Mein Endzweck war, wieder ein Mann zu werden, der Achtung verdiente, und hiedurch meine Frau mit mir zu versöhnen. Lassen Sie mich schweigen über die Gefahren und Entbehrungen der Reise, lassen Sie mich schweigen über das Leben in den Minen Californiens, denn Sie kennen es ja selbst! Tausendmal war ich dem Tode verfallen, und tausendmal kam ich ungefährdet davon! Fünfmal war ich ein vermöglicher Mann, und fünfmal fast den Tag darauf wieder ein Bettler, der von vorn anfangen mußte! Mit Mord und Diebstahl, mit Treubruch und Niederträchtigkeit kämpfte ich fast alle Tage, und volle zehn Jahre lang führte ich dieses Leben! Ich sah das Elend und die Schamlosigkeit, den Reichthum und die Verschwendung in allen Formen und Nüancen; aber ich stählte meinen Willen zu einem ehernen Schilde und überwand alle Versuchungen, sie mochten sich in einem Gewande zeigen, in welchem sie wollten. Endlich hatte ich mein Ziel erreicht. Ich hatte nicht blos Reichthum erworben, nein, ich hatte mehr erworben, denn ich hatte mich selbst wieder gefunden, ich war wieder ein Mann geworden, ein Mann, den Andere achteten, und der ein Recht hatte, sich selbst zu achten. So beschloß ich zurückzukehren und mein Weib und Kind aufzusuchen. Verschiedene Male hatte ich schon früher versucht, ihnen Geld zukommen zu lassen und deßhalb Anweisungen an ein hiesiges Haus gesandt; aber immer hatte man mir geschrieben, daß man die Adresse nicht ausfindig machen könne. Ich hatte dann einen Freund beauftragt, bei den Verwandten meiner Frau unter der Hand nach dieser zu forschen; aber auch dieses Mittel schlug fehl; man erklärte meinem Freunde, nichts von meiner Frau zu wissen. Natürlich dachte ich, dieß Alles sei nur eine Vorspiegelung und man wolle mir den Aufenthalt meines Weibes blos verheimlichen, weil diese ihren festen Entschluß erklärt hatte, mich nie mehr sehen zu wollen. In diesem Gedanken kam ich hierher. Ich hielt es für leicht, das Geheimniß aufzuklären; ich glaubte nunmehr ein Recht zu haben, Versöhnung und Vergebung zu fordern, denn ich hatte genug gebüßt. Aber – die Verwandten meiner Frau hatten keinen Vorwand gebraucht, als sie meinen Freund mit Nichtwissen abspeisten; sie wußten in der That nichts von ihr; denn als mein Weib sich nach ihrer Trennung von mir an sie gewandt hatte, um Hülfe bei ihnen zu suchen, da hatten sie ihr die Thüre gewiesen, als einer Bettlerin! Jetzt freilich, da sie wußten, daß ich Reichthümer von Californien mitgebracht habe, jetzt war die Bettlerin wieder eine liebe Verwandte geworden, jetzt boten sie Alles auf, um dieselbe ausfindig zu machen! Daß ich dasselbe, daß ich Alles that, was in meinen Kräften stand, um eine Spur der Verschwundenen zu finden, können Sie sich denken. Ich setzte die Polizei in Bewegung, ich ließ Aufforderungen in alle Zeitungen der Union rücken, ich nahm eigene Leute in Dienst, die zu Spionen der Verbrecher verwandt werden; aber Alles vergebens, bis jetzt wenigstens. Lebt sie oder ist sie gestorben? Ist sie dem Elend oder gar dem Laster anheimgefallen? Ich weiß es nicht. – Ich drang in alle verrufenen Häuser, ob sich nicht eine Spur finden ließe. Aber weder ihr Familiennamen, noch der Namen Annie – und Mutter und Tochter heißen Annie – war irgend zu finden. Endlich führte mich eine Spur in dieses Viertel. Aber ich erfuhr nicht mehr, als daß eine arme, kranke, herabgekommene Frau hier gewohnt und ein bildhübsches Töchterchen bei sich gehabt hatte. Ob sie aber noch lebt oder gestorben ist, wie einige Andere wissen wollten und in Pottersfield begraben wurde, und was dann aus dem Mädchen geworden ist, darüber konnte ich auch keine, nicht einmal eine andeutende Spur finden. In New-York kann man sterben und begraben werden und man frägt nicht einmal nach dem Namen! Aber doch war mein Aufenthalt hier kein vergeblicher. Die Spur meiner Frau und meiner Tochter fand ich nicht, aber etwas Anderes fand ich, die Spur eines tief angelegten Verbrechens, das wir beide hindern werden. Und noch etwas fand ich, die Spur dessen, der mich in jener Nacht dem Verderben überlieferte, und heute Nacht soll er seinen Lohn dafür empfangen.«

Die herbe Strenge seines Gesichtes, als er diese Worte sprach, konnte Marc nicht sehen, denn sie saßen im Dunkeln, aber fühlen und hören konnte er dieselbe. Es war eine Herbe und Strenge, die Einem das Herz im Leibe erbeben machte.

»Heute Nacht soll er seinen Lohn empfangen!« fuhr Herr Colter langsam fort. »Ich werde ihn nicht den Gesetzen übergeben, denn in diesem Lande richtet man nicht nach Recht und Gerechtigkeit und es wäre ihm ohne Zweifel ein Leichtes, sich von aller und jeder Schuld lossprechen zu lassen; aber entlarven werde ich ihn, als Betrüger werde ich ihn hinstellen und seine eigenen Genossen sollen ihn verachten, wenn ich ihm wie einem Hunde ins Gesicht gespieen habe. Das soll seine Strafe sein. Sie erinnern sich, daß ich mein letztes Hab und Gut im Würfelspiel gegen einen jungen Geistlichen verlor. Ich glaubte damals, es sei Alles ehrlich zugegangen und nur das gränzenlose Glück des scheinheiligen Menschen habe mein Unglück herbeigeführt. Aber in Californien wurde ich eines Besseren belehrt. Einer von denen, die sich damals mit mir in jenem Spielhause befanden, kam nicht lange hernach ebenfalls in die Minen und erlag dort nach kurzer Zeit den Entbehrungen. Vor seinem Tode erleichterte er sein Herz und machte mir das Geständniß, daß Alles ein wohlangelegtes Complott gegen mich gewesen sei. Man hatte mich scheinbar nicht zum Spiele gedrängt, weil man wohl wußte, daß ich von selbst wieder kommen würde, denn wo wäre Einer, der, wenn ihn diese Leidenschaft einmal erfaßt hatte, nicht den Kelch solchen Giftes bis zur Hefe geleert hätte? Man ließ mich absichtlich einige Male gewinnen, um mich desto mehr anzufeuern. Aber, als man sah, daß die Frucht reif sei, beschloß man sie zu pflücken, und in jener Nacht ward sie gepflückt, denn der Hochwürdige hatte bei seinem letzten Bankgeben falsche Würfel mit den ächten vertauscht. Er mußte immer über eilf werfen, er konnte nicht fehlen! So bald sie mich ausgezogen hatten, theilten sie den Raub. Es war also nicht Unglück, das mich betroffen hatte, nein, ich war im Complotte beraubt worden und der Hochwürdige war der Anführer der Räuber. Diesen selben Hochwürdigen sah ich nun vor Kurzem in dem hellen Laden da drüben verschwinden. Ich erkannte ihn in der Minute wieder, trotzdem nun fast ein Dutzend Jahre dazwischen liegen und die Leidenschaften sein Gesicht und seinen Körper hart mitgenommen haben. Was hatte Er in dem Apothekersladen zu thun? Was hatte er so lange dort zu thun, denn ich sah ihn nicht wieder herauskommen, obwohl ich stundenlang auf der Lauer lag? Ich erkundigte mich nach ihm. Er war, hieß es, einer der angesehensten, hochgeachtetsten, fast für heilig gehaltenen Prediger in dem kirchengesegneten Brooklyn. Ich erkundigte mich nun nach dem Apotheker, und man sagte mir, daß dieser ein Ausländer sei und einer Religionssekte angehöre, die den Eingebornen sonst ein Dorn im Auge ist. Es war klar, hier mußte ein geheimer Anziehungspunkt vorhanden sein. Ich machte mich mit dem Apotheker bekannt. Einige wenige Einkäufe, wo ich das Geld nicht sparte, halfen mir schnell dazu. Ich ließ ihn merken, daß ich des Goldes mehr besitze, als ich benöthigt sei. Seine Aufmerksamkeit gegen mich steigerte sich daher von Tag zu Tag. Ich stellte mich, als ob der Endzweck meines Lebens nichts sei, als Genuß; ich beklagte mich bei ihm, daß New-York in einer Woche nicht das biete, was man in San Francesco alle Tage zur Genüge haben könne; gebe es ja doch nicht einmal ein ordentliches Spielhaus! Ich schilderte ihm die Spielhäuser Californiens, wo in einer Nacht Millionen ihren Besitzer wechseln. Seine Augen funkelten, als er diese Schilderungen hörte, und er wurde von Stunde zu Stunde vertrauter. Er glaubte, einen Menschen vor sich zu haben, der mit Leichtigkeit in die Falle gehen werde! So bestellte er mich auf heute Vormittag in das Hinterstübchen seines Ladens. Er wolle mir ein Geheimnis anvertrauen, sagte er, und ich würde darüber sehr erfreut sein. Ich wußte bereits, was er mir anvertrauen würde, denn ich ersah aus Allem, daß der anscheinende Apothekersladen nichts sei, als der Eingang in eine jener vornehmen Spielhöllen, von denen New-York viele Dutzende besitzt; aber ich stellte mich neugierig und erschien zur bestimmten Stunde. Das Hinterstübchen liegt ziemlich dunkel und ist so recht geeignet zu vertraulichen Mittheilungen. Kaum jedoch saßen wir darin, so wurde er abgerufen. Es war ein Kunde im Laden, den er abfertigen mußte. Vom Hinterstübchen führt eine Thüre auf die Hausflur und in die Hintergebäude. Ich saß dieser Thüre mit dem Rücken zugewandt, und zufällig bin ich auch in Gestalt und Größe von dem Apotheker nicht viel verschieden. Kaum war nun der Apotheker in den Laden hinausgegangen, so hörte ich die Thüre, die hinten hinausführt, sich öffnen. Schon wollte ich mich umwenden, um zu sehen, wer es sei, da sprach eine Stimme auf italienisch zu mir. Die Stimme gehörte dem alten Diener des Apothekers an, den ich früher schon mehrmals gesehen hatte. Offenbar hielt er mich in der Dunkelheit für seinen Herrn und ich hütete mich natürlich wohl, ihm seinen Irrthum zu benehmen. »Sie ist aufgewacht, Signore,« sagte der alte, finster blickende Bursche, so unheimlich kichernd, daß es mir durch Mark und Bein ging. »Sie ist aufgewacht und weint und betet. Ich setzte ihr das reichliche Frühstück vor, aber sie warf die Tassen und Geschirre um. Wahrscheinlich wollte sie mir dadurch zeigen, daß sie nichts genießen werde, denn ihre Worte verstand ich nicht, da ich die barbarische Sprache dieses Landes nicht erlernen kann. Dann fiel sie mir zu Füßen und richtete eine inständige, flehentliche und mit viel Thränen unterstützte Bitte an mich. Es war wirklich rührend! Nur Schade, daß ich nichts verstand, als Papier und Feder und Tinte. Diese Worte habe ich nun wirklich oft genug gehört, um sie behalten zu können, denn Alle, die in dem Boudoir waren, haben nach Papier und Feder und Tinte verlangt. Natürlich brachte ich ihr das Verlangte im Augenblicke, da Sie es ja so befohlen haben, und sie schrieb nun mit Blitzeseile und mit pochendem Busen. Nachdem sie den Brief gefaltet, gabs wieder eine Fußfallscene, als sie mir denselben übergab. Wahrscheinlich beschwor sie mich, denselben richtig zur Post zu expediren. Auch unterstützte sie diese Bitte mit einem Ringe, den sie vom Finger zog. Nun, den Ring werde ich wohl behalten können, der Brief aber, der ist hier. Ich hoffe, Sie werden mit mir zufrieden sein.«

Mit diesen Worten überreichte er mir den Brief, aber in diesem Augenblicke erkannte er auch seinen Irrthum. Er wollte laut aufschreien, da er einen Fremden in dem Armstuhle seines Signore sitzend fand, aber ich hielt ihm schnell den Mund zu, daß der Schrei in den Schlund hinein verloren ging. Zum Glück hatte mich mein Aufenthalt in Californien, wo alle Sprachen der Welt eine Heimath haben, auch mit dem Italienischen vertraut gemacht. So verstand ich ihn nicht nur, sondern konnte mich ihm auch verständlich machen. Ich sagte ihm daher, daß, da ich das Geheimniß einmal kenne, nichts mehr daran zu repariren sei. Im Uebrigen wolle ich seinem Herrn keine Mittheilung von seiner Unachtsamkeit machen, und wenn er daher selbst stillschweige, so bleibe die ganze Sache unter uns. Im Anfang war er so erschrocken, daß er beinahe auf die Knie niedertaumelte. Wie er aber sah, daß ich die Sache so leicht und obenhin behandle, und gar kein großes Gewicht darauf lege, erholte er sich wieder, und wie ich dann das Briefchen, welches er mir übergeben und das ich fest in meiner Faust geschlossen hielt, ruhig in meine Tasche steckte und ihm dafür ein Zehndollarsstück in die Hand drückte, so zog er sich stillschweigend zurück, mir nur noch mit den Augen einen Blick des Einverständnisses zuwerfend.«

»Das Briefchen ist von Rosa?« rief Marc mit Heftigkeit, auf den Erzähler zustürzend. »Geben Sie mir es; ich beschwöre Sie bei Himmel und Erde oder Sie machen mich toll.«

»Es ist Rosa Bodin unterschrieben,« versetzte Colter mit seinem gewöhnlichen herben Tone, »und das Mädchen ist dort drüben eine Gefangene. Sie sollen das Briefchen lesen; aber lassen Sie mich vorher meine Erzählung beendigen. Es ist mit ein paar Worten geschehen. Kaum war das italienische Banditengesicht verschwunden, so trat sein Herr, der hier die Rolle eines Apothekers spielt, in das Hinterstübchen, und eröffnete mir, nach einem langen Eingange und nachdem ich ihm zugeschworen, die Sache nicht zu verrathen, daß ich bei ihm oder vielmehr bei einer Gräfin Belgiojoso den Genuß finden könne, den ich seit meiner Abreise von Californien entbehrt habe, den Genuß eines Spielhauses nämlich. Zugleich lud er mich auf heute Nacht ein, das Local zu besuchen, indem er mir das Stichwort nannte.«

»Und Rosa?« Rosa Bodin werden wir heute Nacht befreien,« erwiederte Colter ernst. »Kommen Sie in mein hinteres Zimmer, dort können Sie das Briefchen lesen.«

Das Briefchen war mit zitternder Hand geschrieben und trug die Ueberschrift: »An Marc Price in Hoboken im Hause der Frau Cooper.« Der Inhalt war nur kurz und abgebrochen; denn die Schreiberin befand sich offenbar in großer geistiger Aufregung. »Retten Sie mich,« schrieb das Mädchen. »Ich bin eine Gefangene. Was man mit mir vor hat, weiß ich nicht, aber sie betäubten mich mit einem Schlaftrunke. Ich werde nichts mehr über den Mund nehmen, damit sie mich nicht noch einmal in ihre Gewalt bekommen. Die Frau, die mich von meiner Mutter weglockte, nannte sich Gräfin Belgiojoso. Gott sei mir gnädig und sende Ihnen diesen Brief, denn ich habe Niemanden, als Sie.«

Rosa Bodin.«

»Dein Vertrauen soll dich nicht getäuscht haben, Rosa,« rief Marc, seine Hand wie zum Schwure gen Himmel erhebend. »Ich werde dich retten, und Leib und Leben dran setzen. Kommen Sie, Colter. Nehmen Sie Ihre Waffen. Jede Minute Verzug betrachte ich als ein Verbrechen.«

»Ruhig und kalt, mein junger Freund,« sprach Colter ernst. »Sie kennen die New-Yorker Spielhäuser nicht. Wenn wir nicht mit größter Besonnenheit zu Werke gehen, so sind nicht nur wir verloren, sondern Rosa Bodin ist es nicht minder. Kommen Sie in das Vorderzimmer zurück und lassen Sie uns beobachten. Ich werde Ihnen meinen Plan mittheilen.«

»Aber warum eilen wir nicht aufs nächste Stationshaus,« rief Marc, »und requiriren eine tüchtige Mannschaft Polizei, um das ganze Nest auf einmal auszunehmen?«

»Polizei?« entgegnete Colter und sein Gesicht sprach tiefe Verachtung aus. »Mit Polizeimannschaft wollen Sie ein New-Yorker Spielhaus der höheren Gattung überfallen? Wo fänden Sie einen Polizeilieutenant, der Ihnen zu diesem Zwecke auch nur einen Mann zur Disposition stellte! Und wenn er es thäte, ja wenn er selbst mitginge und eine ganze Compagnie im Gefolge hätte, was wäre die Folge? Er würde den andern Tag seines Amtes entsetzt, ohne daß den Spielern ein Haar gekrümmt würde. In derartigen Spielhäusern verkehren nicht blos die reichsten, sondern auch die mächtigsten und angesehensten Personen des Staates. Hier treffen Sie eben so gut die Senatoren und Abgeordneten der Legislatur, als die Gemeinderäthe und Beamten von New-York. Ja, selbst die Richter der Stadt, vielleicht sogar den Mayor können Sie daselbst treffen. Marc Price, Marc Price, Sie kennen die tiefe Verdorbenheit dieser Metropole nicht; aber ich kenne sie und sehe den Zeitpunkt herannahen, wo entweder das Volk sich ermannt und Recht und Gerechtigkeit in die Hand nimmt, oder wo ein Mächtiger sich erhebt, und die ganze jetzige Gesetzgebung über den Haufen werfend sich zum Alleinherrn aufschwingt. Kommen Sie in das Vorderzimmer zurück und lassen Sie uns beobachten. Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, denn noch ist es erst halb nach eilf Uhr, und vor zwölf Uhr in der Nacht beginnt ein feineres New-Yorker Spielhaus nicht aufzuleben. Ich werde Ihnen dort meinen Plan mittheilen, und Gott wird es zugeben, daß es zwei Männern von Muth und Kraft, zwei Männern, die in Californien gelernt haben, ihr Leben in die Schanze zu schlagen, daß es diesen gelingt, ein Werk zu vollbringen, welches die Engel im Himmel loben müssen.«

Sie kehrten wieder ins Vorderzimmer zurück und sahen, selbst in der Finsterniß sitzend, zu dem hell erleuchteten Apothekersladen hinüber. Kein Mensch entgieng ihnen, der in jenen Laden trat, und sie überzeugten sich bald, wie gar mancher dieser Besucher nicht mehr zurückkam, während Andere offenbar in Geschäftsangelegenheiten den Laden besucht hatten und nach wenigen Minuten denselben wieder verließen. Lange und angelegentlich sprach nun der ältere Freund zu dem jüngeren. Aufmerksam und begierig lauschte der Jüngere dem Aelteren.

»Ha,« rief plötzlich Colter, trotz seiner Ruhe auffahrend. »Sehen Sie diese hohe Gestalt hier, die so eben tief in den Mantel gehüllt in den Laden schlüpft? Das ist der nichtswürdige Heuchler, der mich fast in Tod und Verzweiflung gejagt hätte; das ist der berühmte Prediger Doctor Beecher aus Brooklyn!«

»Doctor Beecher?« flüsterte Marc Price erbleichend. »Aber ich ahnte es, ob Sie gleich vorhin seinen Namen nicht nannten.«

»Sie kennen ihn?«

»Ich kenne ihn, aber ich glaube nicht, daß er mich kennt. Er ist der Stiefvater meines innigsten Freundes.«

»Es macht nichts, wenn Sie ihm auch sonst bekannt sind,« erwiederte Herr Colter mit seiner gewöhnlichen Ruhe; »heute Nacht soll er Sie dessenungeachtet sicher nicht erkennen. Dagegen habe ich Vorsorge getroffen; denn wir werden Männer finden, welche die höchste Stellung in der Gesellschaft einnehmen und denen Ihre Person deßhalb unmöglich ganz unbekannt sein kann. Hier, Marc, nehmen Sie diese Perrücke und diesen falschen Backenbart. In dieser Verkleidung werden Sie für Jedermann unkenntlich sein, besonders wenn Sie in meiner Gesellschaft auftreten. Glauben sie ja doch von mir, ich sei so eben erst von Californien gekommen und zum ersten Mal in New-York! Hier, nehmen Sie diese Blendlaterne. Wir werden sie ohne Zweifel brauchen. Haben Sie Ihr Messer und ihren Revolver? Kein Messer? Hier nehmen Sie dieses. Machen Sie keinen Gebrauch davon, bis es die höchste Noth erfordert; aber dann zugestoßen, rechts und links, denn es gilt unser Leben.«

»Und die Ehre Rosa Bodins,« setzte Marc begeistert hinzu.

Es schlug zwölf Uhr auf der nächsten Kirche. Sie standen auf, um zu gehen. Es war die von Richard Colter schon vorher fest bestimmte Zeit.


5.
Die Spielnacht.

Hell und klar leuchteten die Gasflammen in dem Apothekersladen in der Carminestreet. Sie warfen ihren Schein bis fast auf die Mitte der Straße. Dennoch blieben Richard Colter und Marc Price unbemerkt, als sie aus dem kleinen Hause gegenüber traten, denn sie hielten sich hart an der Seite der entgegengesetzten Häuser und schritten ruhig der Bleekerstreet zu.

»Sehen Sie hier dieß Haus?« sagte Colter, als sie in die Bleekerstreet eingetreten waren. »Es ist still und todt. Nicht ein Licht brennt; man meint, es sei ausgestorben. Aber hinter diesem Hause befindet sich die Spielhölle, in die wir uns nun begeben werden, und durch dieses Haus werden wir unsern Rückzug nehmen, wenn uns der andere Weg durch die Carminestreet abgeschnitten wird. Es ist möglich, daß wir heute Nacht gewaltsam getrennt werden, deßwegen merken Sie sich die Localität genau. Das Stelldichein, das wir abgemacht haben, kennen Sie.«

Sie bogen nun wieder um, aber dießmal kehrten sie auf der andern Seite der Straße in die Carminestreet zurück. Vor dem Apothekersladen angelangt, öffnete Colter keck die Thüre und zog seinen Freund nach sich. Der Apotheker war nicht innen, sondern befand sich in dem kleinen Hinterzimmerchen. Sie schritten darauf zu, als ob sie hier zu Hause wären.

»Italien und Amerika,« sagte Herr Colter lächelnd, als Ihnen Professor Reynier entgegentrat.

»Genuß und Geld,« erwiederte der Professor, Herrn Colter freundlich zunickend. »Aber wen haben Sie hier?« flüsterte er gleich darauf an Colters Seite tretend. »Dieß ist gegen unsere Verabredung.«

»Pst! Leise!« erwiederte Colter mit gleich flüsternder Stimme. »Das ist mein bester Freund. Ist erst heute mit dem Dampfer Isabella von Sacramento hier angekommen. Herr Marco, ein Halbmerikaner, ein sonderbarer Kautz, steinreich, der erste Glücksjäger Californiens. Spielt wahnsinnig hoch, liebt aber die Ungenirtheit über alle Maßen. Beleidigen Sie ihn nicht mit Fragen, sonst kehrt er auf der Stelle um. Sie müssen der Gesellschaft andeuten, daß man ihn durchaus gewähren lassen muß; denn er lebt nur seiner Laune. Mit gewöhnlichem Spiel befaßt er sich gar nicht, aber wenn einmal Zehntausende stehen, dann ist er der Mann auf dem Platze. Ich sah ihn einmal hunderttausend Dollars verlieren und er veränderte nicht einmal die Miene.«

»Hat er Ihnen den Eid geleistet?« fragte der Professor, die neue Beute mit funkelnden Augen betrachtend.

»Ich stehe für seine Verschwiegenheit,« erklärte Colter mit entschiedenem Tone.

Professor Reynier sagte kein Wort weiter, sondern schritt zur Ladenthüre und schloß diese fest zu, jedoch ohne das Gas zu löschen.

»Es ist meine gewöhnliche Zeit,« sagte er, Herrn Colter zuwinkend. »Wir haben jetzt ein Viertel nach zwölf Uhr; »und wer noch kommt, mag die Glocke ziehen. Es finden sich aber nur selten Nachzügler ein, da man meine Zeit kennt.«

»Aber können Sie die Glocke hören, wenn Sie sich in dem andern Hause befinden?« meinte Colter mit gleichgültiger Stimme.

»Man hört diese Glocke durchs ganze Haus,« erwiederte der Professor. »Die Drähte laufen alle in einander.« Sie schritten durchs Hinterzimmer in einen Gang, welcher mit dem Hofe in Verbindung stand. Der Gang war mit einer schweren Thüre verschlossen. Der Professor klopfte dreimal mit dem Finger und alsbald öffnete sich diese Thüre; hinter derselben aber stand ein Mann, der offenbar hier Wache hielt. Es war derselbe, welcher heute Morgen das Briefchen Rosas in falsche Hände übergeben hatte.

»Das Losungswort ist Italien und Amerika für heute Nacht,« sagte der Professor auf italienisch zu dem Diener, welcher die Thüre geöffnet hatte. »Du wirst Niemanden ein- oder auslassen, der diese Losung nicht kennt.«

Von dem Gange aus kamen sie in eine Halle, welche dem Anscheine nach keinen Ausgang hatte. Dieselbe war nur schwach durch eine Oellampe beleuchtet.

»Verstehen Sie italienisch?« fragte der Professor, anscheinend ohne alle Nebenabsicht.

»Ich bin ein Amerikaner,« erwiederte Colter hochmüthig. »Wer mit mir sprechen will, muß sich in meiner Muttersprache ausdrücken können.«

Am Ende der Halle befand sich eine Versenkung. Der Professor stellte sich auf dieselbe und es zeigte sich eine Treppe, welche etwa zehn Stufen abwärts führte. Sie stiegen hinab und die Fallthüre schloß sich wieder von selbst über ihnen.

»Nicht übel,« meinte Herr Colter. »Eine hübsche Vorsichtsmaßregel! Aber wenn nun die Polizei von vorn ins Haus dringt, und die Gäste durch den Gang ihren Rückzug nehmen müssen, wie will man gleich die Fallthüre öffnen?«

»Einfach, wenn man an diesem Nagel drückt,« erwiederte der Professor, auf einen messingenen Knopf hinweisend. »Alle unsere Stammgäste sind mit dieser Einrichtung bekannt.«

Sie schritten nun durch einen schmalen unterirdischen Gang, an dessen Ende sich abermals eine Thüre befand, die sich ebenfalls leicht durch einen Druck öffnete. Wie sie jedoch durch dieselbe eingetreten waren, verschloß sie der Professor von innen mit einem schweren eisernen Riegel.

»Ich verschließe diese Thüre immer, wenn ich den Laden verlassen habe,« meinte der Professor, »und wir sind hiedurch so gesichert, daß ein unvorhergesehener Ueberfall zu den Unmöglichkeiten gehört.«

»Vollkommen richtig,« entgegnete Colter, »so bald die Vorsichtsmaßregeln von der vorderen Seite her eben so gut getroffen sind, als die auf der Seite der Carminestreet.«

»Davon können Sie sich sogleich überzeugen, wenn Sie mir noch zwanzig Schritte folgen wollen,« war die Gegenantwort. »Sehen Sie, dieß ist der Ausgang in die Bleekerstreet. Er ist durch eine große Querstange verschlossen, und ein schneller Eintritt, ja selbst ein gewaltsamer Einbruch von irgend einer feindlichen Seite ist somit förmlich undenkbar, wenn nicht der Balken von innen vorher weggezogen wird. Der Feind mag von hinten oder von vornen kommen, immer trifft er so viele Schwierigkeiten, daß wir den einen Ausgang längst gefunden haben, bis er den andern nur erbrochen hat. Ueberdieß, von der Bleekerstreet her haben wir nie einen Ueberfall zu befürchten, da außer den Eingeweihten kein Mensch weiß, daß dieses Haus mit dem in der Carminestreet in Verbindung steht. Oh,« setzte er mit grinsendem Gesichte hinzu, »wir haben hier unsere Vorsichtsmaßregeln so gut, als in Californien und überdieß ist die Polizei auf unserer Seite.«

Sie schritten nun einer Treppe zu, welche aufwärts führte.

»Zu welchem Zwecke ist dieses Kästchen hier?« fragte Colter, auf einen kleinen Verschlag deutend, der in die Wand eingelassen war.

»Dieß ist ein Gashemmer,« erwiederte der Professor. »Der Gasometer oder die Gasuhr befindet sich in meinem Laden. Dieser Gashemmer ist nur dazu da, das Weiterströmen des Gases plötzlich zu unterbrechen. Ein Griff, und alle Gasflammen im Spielsaale, wie im ganzen Hause, den Apothekersladen ausgenommen, sind gelöscht. Dann mag sich die Polizei, wenn je welche käme, zurecht finden! Bis sie oben ist, sind alle Merkmale des Spiels entfernt und die Spieler haben sich in sichere Verstecke zurückgezogen, oder werden sie für Hausangehörige ausgegeben, so daß auch der geringste Beweis der Schuld fehlt. Aber, wie gesagt, ein solcher Fall ist fast eine Sache der Unmöglichkeit, außer wenn Einer der Unsrigen selbst zum Verräther würde, eine Sache, die sich, wie Sie mir wohl zugeben werden, gar nicht denken läßt!«

»Und diese ganze sinnreiche Einrichtung rührt wohl von Ihnen her?« fragte Colter, wie es schien voller Bewunderung.

»Ich bin der Erfinder derselben,« erwiederte der Italiener nicht ohne Stolz.

Sie stiegen nun die Treppe hinan; nachdem sie jedoch die erste Etage erreicht hatten, wandten sie sich wieder links und kamen von der breiten Hausflur ab in einen schmalen Gang, der nach hinten zu führte, in derselben Richtung, in welcher sie hergekommen waren. Plötzlich endigte der Gang und eine Mauer verhinderte jedes weitere Vorschreiten. Nur allein auf der rechten Seite befand sich eine Thüre und als sie diese öffneten, traten sie in ein Zimmer, das zu einem Schlafgemach eingerichtet war.

»Könnten Sie sich nun allein und ohne Führer weitet zurechtfinden?« fragte der Professor, sich mit einem triumphirenden Blicke gegen seine Begleiter umwendend. »Sie sehen, daß wir uns sicher genug gestellt haben, als wir dieses Haus einrichteten. Ja, noch mehr, können Sie etwas hören? Gewiß nicht. Es ist hier so stille, als ob wir die einzigen Menschen im Hause wären. Noch weniger kann man natürlich auf der Straße etwas vernehmen, wenn der Lärm nicht gar zu arg wird, und Sie wissen wohl, daß sich kleine Unannehmlichkeiten in einem Spielhause nicht immer vermeiden lassen,« setzte er mit einem satanischen Lächeln hinzu.

»Sie meinen Pistolen- und Revolverschüsse,« versetzte der Californier kalt. »Nein, sicherlich, solche kleine Unannehmlichkeiten lassen sich in einem Spielhause nie vermeiden. In San Franzesko wenigstens vergeht keine Nacht, wo nicht des Spiels wegen Einer den Andern todtschöße.«

»Und was thut man dann mit dem Erschossenen?« fragte der Professor mit einem neugierigen Blicke.

»Man bringt ihn, wenn er noch etwas Leben zeigt oder vielmehr so lange er noch warm ist, vor die Wohnung eines Doctors, klopft diesen heraus und legt ein Zwanzigdollarstück neben den Halbtodten. Natürlich entfernen sich die Träger, ehe noch der Doctor seine Hausthüre geöffnet hat, und überlassen es diesem, wie er sich zurechtfinden mag. Gewöhnlich heißt es dann den andern Morgen in den Zeitungen: »Unbekannte brachten heute Nacht einen Schwerverwundeten vor die Wohnung des Doctors N. N., der alle Mittel der Kunst anwandte, den mit dem Tode Ringenden zu erhalten, aber leider vergebens. Derselbe starb schon eine Stunde darauf.« Damit ist dann die Geschichte abgemacht. Doch, wie haben Sie es eingerichtet, daß kein Laut von dem Spielzimmer bis zu uns dringen kann?«

»Sehr einfach,« meinte der Professor. »Das Spiellocal befindet sich in einem Hintergebäude, das nur durch den Gang, welchen wir so eben verlassen haben, mit dem Vordergebäude zusammenhängt. Dieses Hintergebäude ist unter meiner Leitung errichtet worden und ich ließ durchaus doppelte Mauern aufführen, deren Zwischenräume mit Eisenspänen ausgefüllt sind. Nicht wahr, so weit ist man doch in Californien nicht? Doch wir werden jetzt in den Spielsalon treten und ich mache Sie daher noch vorher darauf aufmerksam, daß es bei uns nicht gestattet ist, eine Indiskretion zu begehen. Keiner kennt den Andern anders, als bei seinem Taufnamen, und sogar wenn er mit ihm befreundet oder sonst in nahen Verhältnissen zu ihm stehen sollte, so ist es doch verpönt, einen Familiennamen zu nennen oder gar Einen bei seinem Titel, seinem Rang, seiner Stellung zu bezeichnen. Sie, Herr Colter, werde ich daher der Dame des Hauses unter dem Namen Richard vorstellen. Doch, wie ist Ihr verehrter Name, mein Herr?«

»Ich heiße Marco,« erwiederte Marc Price, das Englische auf eine fremdländische Art aussprechend. Es war zum ersten Male, daß er den Mund aufthat.

Es waren zwei Betten in dem Schlafgemache. Zwischen denselben befand sich ein großer Wandschrank. Der Professor öffnete die Thüre des letzteren und es zeigte sich eine schmale Treppe, welche aufwärts führte. Sie stiegen hinan, nachdem der Professor die Thüre des Wandschrankes durch einen Querbalken von innen verschlossen hatte. Am Ende der Treppe befand sich wieder eine Thüre, welche jedoch nur angelehnt sein mochte, denn der Professor stieß sie mit dem Fuße auf und sie traten in eine Gallerie, die von Dutzenden von Gasflammen erleuchtet war, so daß sie von dem grellen Lichte fast geblendet wurden. Die Gallerie war breit und zog sich in einem großen Bogen um eine rondelartig geformte Localität herum, die fast wie ein massiver runder Thurm aussah. Breite, für jetzt noch geschlossene Flügelthüren führten in das Rondel, das außerdem noch mit einer Menge von Fenstern versehen war. Die Wände der Gallerie dagegen hatten keine Fenster. Der Boden derselben war mit dicken Teppichen belegt, so daß man keinen Fußtritt hörte; ringsum hingen eine Menge in schwere Goldrahmen gefaßte Gemälde, von Zeit zu Zeit von nicht minder kostbaren Spiegeln unterbrochen; auf beiden Seiten reihte sich Divan an Divan mit weichen üppigen Polstern; zwischen den Divans standen kleine Tischchen, auf denen langhalsige, mit feinen Weinen und Liqueuren gefüllte Karaffen glänzten; auch kalte Küche fand sich vor, untermischt mit Tellern, die mit dem gaumenreizendsten Confecte überfüllt waren. Die Gesellschaft war eine sehr zahlreiche, doch bestand sie mit Ausnahme von drei Damen aus lauter Herren. Die letzteren gingen theils plaudernd in der Gallerie auf und nieder, theils hatten sie sich in den Divans niedergelassen, und sprachen den Speisen und Getränken, die vor ihnen standen, gelegentlich zu. Offenbar gehörten sie sämmtlich, wenigstens was die Kleidung zeigte, den höheren Ständen an, und Marc erkannte auch auf der Stelle einige derselben, die unter die angesehensten und ehrenwerthesten Einwohner New-Yorks gerechnet wurden. Der meiste Andrang war um den Divan, auf welchem die Herrin des Hauses, die Gräfin Belgiojoso mit ihren beiden Nichten Platz genommen hatte. Man konnte aber auch keine herrlichere Gruppe erblicken, als diese drei Grazien, von denen die mittlere, obwohl die ältere, durch ihre Ueppigkeit, durch die Pracht ihrer Glieder, durch das Feuer ihrer Augen und besonders auch durch die vollendete Eleganz ihrer Kleidung, die Anziehungskraft der jüngeren noch überstrahlte.

»Endlich!« riefen ein Paar Herren, als der Professor mit seinen beiden Begleitern eintrat. »Endlich! Nun werden doch hoffentlich die Flügelthüren zum Salon nicht länger verschlossen bleiben.«

»Sie sind ungeduldig geworden?« erwiederte der Professor. »Aber es ist noch keine halbe Stunde nach zwölf Uhr und Sie wissen, man muß pünktlich sein.«

Er schritt vorwärts bis zum Divan, auf dem die Gräfin saß. Die zwei Neueingeführten folgten ihm.

»Herr Richard, Herr Marco,« sagte er, die Letzteren der Gräfin vorstellend. »Frau Gräfin Belgiojoso und ihre Nichten,« setzte er dann gegen die beiden Herrn gewandt hinzu.

Die Frau Gräfin erhob sich halb von ihrem Sitze und verschwendete ihr graziösestes Lächeln an die Neuangekommenen. Sie hoffte, die Herren würden sich bald bei ihr wie zu Hause fühlen. »Ist Alles in Ordnung?« wandte sie sich dann an den Professor. »Sind Alle Thüren geschlossen und die Wachen ausgestellt?«

Der Professor nickte bejahend.

»Gut,« fuhr sie fort, »so öffnen Sie die Thüren zum Salon. »Meine Herrn,« setzte sie gegen die ganze Gesellschaft gewandt hinzu, indem sie sich leicht verbeugte. »Das Spiel kann beginnen.«

Sie erhob sich und gab einem der Zunächststehenden den Arm. Stolz wie eine Fürstin rauschte sie dahin. Fast die ganze Gesellschaft folgte ihr nach, und nur einige Wenige fuhren fort, in der Gallerie auf- und abzugehen und sich an den Speisen und Getränken zu erlaben. Wahrscheinlich gehörten sie zu jener faulen Classe von Spielern, die nur hie und da pointirten, oder noch wahrscheinlicher waren es »Hausfreunde,« welche nicht des Spielens halber, sondern zum Schutze der Saloninhaberin sich hier aufhielten. Denn bei den »kleinen Unannehmlichkeiten,« die manchmal in den Spielsalons vorkommen, ist es nicht mehr als natürlich, daß der Hausherr oder die Hausherrin sich »vorsieht,« um gegen die Ruhestörer energisch auftreten zu können.

»Sehen Sie, Marc,« flüsterte Colter seinem jungen Freunde zu, als sie der Gräfin und den Andern in den Spielsalon folgten. »Sehen Sie den hohen magern Mann dort links mit den tiefeingegrabenen Gesichtszügen? Das ist er, das ist der nichtswürdige Betrüger, von dem ich Ihnen gesprochen.«

»Ich erkenne ihn trotz der rothen Perrücke, die er sich aufgesetzt,« flüsterte Marc heftig, fast laut zurück. »Es ist der Doctor Beecher von Brooklyn. Aber sehen Sie, wie derselbe dem Professor zuwinkt? Kommen Sie schnell, die Beiden haben sich irgend etwas heimlich mitzutheilen und wir müssen erfahren, was es ist. Am Ende betrifft es Rosa Bodin.«

»Sie sind zu hitzig, Marc,« versetzte Colter, ihn festhaltend. »Wir müssen bedächtig und mit vollkommen gleichgültiger Miene zu Werke gehen, damit Niemand Verdacht auf uns schöpft. Sie kennen unsern Plan und bei diesem müssen wir bleiben. Zuerst lassen Sie mich meine Rolle gegen den geistlichen Schuft zu Ende bringen, dann im Tumulte, der darüber entsteht und im schnellen Aufbruch der Spieler, welcher dem Tumulte folgen wird, verbergen wir uns im Hinterstübchen des Apothekers. Haben Alle das Haus verlassen, so wird der Professor, der dann wie immer mit seinem alten Diener allein ist, unsern eindringlichen Bitten nicht widerstehen, uns Rosa auszuliefern.«

Er legte einen besondern Nachdruck auf das Wort »eindringlich« und spielte dabei wie zufällig mit seinem breiten Bowiemesser, das er unter dem Rocke im Gürtel stecken hatte. Marc verstand ihn und schwieg stille. Er sah ein, daß jetzt, wo das Haus mit Freunden der Gräfin und des Professors vollgefüllt war, eine gewaltsame Befreiung Rosas zu den Unmöglichkeiten gehöre. Er mußte sich also gedulden, bis das Spiel aus und die Spieler fort waren!

Sie traten in den Salon ein. Es war ein großes rundes Gemach, das den ganzen Raum des Rondels einnahm, von dem wir oben gesprochen haben. War aber die Gallerie, welche rund um den Salon herumlief, reich und fast überladen ausgeschmückt, so war das Rondel um so einfacher, fast allzu einfach möblirt. In der Mitte stand ein großer langer Tisch, der mit grünem Tuche überzogen war. Ueber dem Tische hing ein Kronleuchter, dessen Flammen durch matt geschliffene Gläser gedämpft wurden, daß sie nicht zu grell auffielen. Um den Tisch herum standen auf drei Seiten einfache Stühle, die vierte Seite nahm ein breiter Lehnstuhl ein, der für die Inhaberin des Salons als der Leiterin des Spieles bestimmt schien. Das war die ganze Ausschmückung des Spielsalons, wenn man nicht etwa das als besonderen Schmuck aufzählen will, daß der Boden durchaus mit dicken Teppichen belegt und die Wände ringsum mit schweren faltenreichen seidenen Draperien behangen waren, welche die Stelle der Tapeten vertreten sollten. Die Beleuchtung war übrigens so schwach – der Kronleuchter hing hart über dem Spieltische und die Gasflammen concentrirten sich daher auf diesem, – daß man von der Mitte des Salons aus nicht einmal die Farben der Draperie erkennen konnte, wenn man nicht nahe hinzu trat.

Die Gräfin Belgiojoso setzte sich in ihren Lehnsessel und der Professor legte außer einigen Spielen neuer Karten eine Menge Gold- und Silbermünzen, so wie ganze Bündel Papiergelds vor sie hin. Die beiden Niecen hatten ihren Sitz an den beiden Endpunkten des Tisches und rechts und links von ihnen drängten sich die Herren, sich um die Ehre streitend, wer der Nächste an ihrer Seite sein dürfe. Jedes dieser Mädchen hielt eine Art von Krückenstock in der Hand, wie dieselben bei den Croupiers in den Spielsälen von Baden-Baden und Homburg gebräuchlich sind. Der lange hagere Herr, auf den Colter gedeutet hatte, als er in den Spielsaal trat, setzte sich unweit der Gräfin, welche ihn nur kurzweg »Mister Eduard« nannte. Ihm gerade gegenüber nahm Richard Colter Platz. Wohl die Hälfte der Anwesenden stand hinter den Stühlen derer, die sich »zum Spiele« niedergelassen hatten, oder ging um den Tisch herum, neugierig bald diesen, bald jenen beobachtend. Andere spazierten auf und nieder, das eine Mal im Salon, das andere Mal in der Gallerie, welche durch die weitaufstehenden Flügelthüren mit dem ersteren so zu sagen verschmolzen war. Marc Price stand hinter Herrn Colter, anscheinend nur mit diesem beschäftigt, in Wahrheit aber den Professor sowohl als den Doctor Beecher nicht aus dem Auge lassend.

Die Gräfin Belgiojoso mischte die Karten. Das Spiel begann. Aber wie es gewöhnlich geht, der erste Anfang war ein geringer. Die Einsätze flossen nur sparsam. Man wollte gleichsam nur sondiren, ob das Glück auf Seiten der Bank oder auf Seiten der gegen dieselbe Operirenden sei. Das Hauptspiel kommt immer erst, wenn die Leidenschaften erregt sind. Mister Eduard warf ein paar Goldthaler auf den Tisch, die er verlor, und stand dann auf, anscheinend gleichgültig auf- und niedergehend. Dann verschwand er hinter der Draperie auf der rechten Seite. Marc hatte ihn genau beobachtet und gesehen, wie er dem Professor mit den Augen einen Wink gab. So wie nun dieser nach einiger Zeit ebenfalls unbemerkt hinter die Draperie schlüpfte, konnte er sich nicht mehr halten, sondern verließ seinen Standpunkt hinter dem Stuhle Colters und stellte sich, als ob er der Gallerie zuschlenderte. Kaum hatte er jedoch die Flügelthüre passirt, so kehrte er wieder um und stahl sich hinter die seidene Gardine, wo er die Andern hatte verschwinden sehen. Er trat so leise auf, daß man seinen Tritt auf dem kostbaren Teppich nicht hörte. Er lauschte so aufmerksam, daß ihm auch kein Laut entgehen konnte; aber er hörte nichts, als die leisen Worte und abgebrochenen Ausrufungen der Spielenden im Saale neben an. Von dem Professor und dem Mister Eduard fand sich keine Spur, obgleich er gewiß wußte, daß dieselben an dieser Stelle hinter den Vorhängen verschwunden seien. Endlich gewöhnte sich sein Auge an die Dunkelheit, welche hinter den Gardinen herrschte. Er befand sich in einer Art schmalen Ganges, der von einer Flügelthüre zur andern ging und einerseits durch die an die Gallerie stoßende Wand, andererseits durch die Seidendraperie gebildet wurde. Außer ihm selbst befand sich aber kein Mensch in dem dunklen Gängchen. Er konnte es nicht begreifen, denn er hatte die beiden Männer ganz deutlich hier hereintreten sehen und so sehr er sich auch abmühte, so fand er doch keinen andern Ausgang, als den in den Spielsalon, von welchem er nur durch eine schwere Seidentapete getrennt war. Er beschloß zu warten. Das Räthsel mußte sich ja lösen! Lange stand er unbeweglich, einer Statue gleich. Endlich hörte er eine gedämpfte Stimme. Sie schien aus der Wand hinter ihm zu kommen.

»Nein, Reynier,« sagte die Stimme, »Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, ich muß sie heute noch besitzen. Sie ist zu schön in ihrer Verzweiflung!«

»Sie wird den Trank nicht nehmen; denn sie ist von gestern Nacht bis jetzt allen Lockungen widerstanden,« erwiederte eine andere Stimme, in welcher Marc augenblicklich die des Professors erkannte. »Warten Sie bis Morgen, wo sie, von Hunger und Durst erschöpft, dem Drange der Natur nicht wird widerstehen können und in der Meinung ein Glas Limonade zu trinken, meine köstlich wirkende Mixtur genommen haben wird.«

»Ich will nicht, Reynier,« sprach wieder die erste Stimme. »Sie haben Ihr Geld und Sie müssen mir zu Diensten sein. Wie Sie ihr den berauschenden Trank beibringen, ist Ihre Sache. So ein schwaches Geschöpf von sechzehn Jahren können Sie doch nicht fürchten?«

»Annie war auch nicht älter,« entgegnete der Andere. »Und doch büßte ihr Verführer mit dem Leben. Was wäre damals aus uns geworden, wenn wir uns nicht der richterlichen Verfolgung zu entziehen gewußt hätten?«

»Annie hatte einen Dolch, dieß Mädchen aber ist, wie Sie selbst sagen, gänzlich waffenlos. Also kein Wort weiter. Um fünf Uhr, wenn das Spiel zu Ende ist, geben Sie mir den Schlüssel zum Boudoir.«

»Gut! die Folgen haben Sie selbst zu tragen.«

Marc hörte nun, wie leise ein Schlüssel in einem Schlosse umgedreht wurde. Es mußte also eine geheime Thüre in der Wand sein, welche das Rondel von der Gallerie trennte. Und dick genug war diese Wand! Diese Bemerkung hatte er sich von Anfang an gemacht. Schon wollte er leise hinter der Gardine hervorschlüpfen, um nicht als Lauscher überrascht zu werden, da hörte er abermals die Stimme des Geistlichen.

»Halt, Reynier,« sagte derselbe. »Schließen Sie noch nicht auf. Noch ein Wort, ehe wir in den Salon treten. Wie heißt dieser Californier, den Sie heute eingeführt haben? Sein Gesicht kommt mir bekannt vor.«

»Das muß eine Täuschung sein,« versicherte der Professor, »denn ich habe ihn seit vierzehn Tagen beobachtet und weiß von ihm selbst, daß er früher noch nie hier war. Was könnte er für einen Grund haben, mich hierin hinters Licht zu führen? Er wußte ja bis gestern gar nicht, daß dieses Haus ein Spielhaus ist!«

»Und glauben Sie wirklich, daß etwas mit ihm zu machen sein wird?«

»Er hat Gold und Banknoten im Ueberfluß, und wirft dieselben mit vollen Händen zum Fenster hinaus.«

»Nun denn, so sei's gewagt! Es bleibt bei unserer Verabredung, wir theilen die Beute, wenn das Huhn gerupft ist.«

Jetzt drehte sich der Schlüssel wirklich im Schlosse und eine schmale Thüre öffnete sich. Marc hatte keine Zeit mehr zu verlieren, um hinter den Gardinen hervor und in die breite Gallerie hinauszuschlüpfen, wo er langsam auf- und niederging, als ob ihn das Treiben in diesem Hause tödtlich langweile.

Das Spiel hatte indessen seinen ungestörten Gang fortgenommen, ohne daß jedoch große Summen verloren oder gewonnen worden wären. Nunmehr aber fing es an belebter zu werden, als sich der lange Herr mit den tief eingegrabenen Zügen, den die Dame des Hauses Mister Eduard nannte, wieder an den Spieltisch setzte. Auch der Professor trug hiezu bei, denn er ließ sich hart neben der Gräfin nieder, und ohne selbst mitzuspielen, da er vielmehr die Kartengeberin nur unterstützte, munterte er doch die Herren zu größeren Einsätzen auf.

»Ihr Freund Marco scheint kein so großer Freund vom Spiele zu sein,« bemerkte er spöttisch gegen Colter hinüber, »als ich nach Ihrer Aussage glauben mußte; denn er geht, wie ich sehe, in der Gallerie auf und nieder, ohne sich um den grünen Tisch hier auch nur nagelsgroß zu bekümmern.«

In diesem Augenblicke trat Marc wieder in das Spielzimmer und stellte sich wie früher hinter den Stuhl seines Freundes. Er hatte gehört, was der Professor gesagt hatte.

»Pah!« erwiederte er in gebrochenem Englisch. »Solch' niedriges Spiel!«

»Wir sind in Californien ganz andere Einsätze gewöhnt,« bemerkte Herr Richard. »Der Preis, um den hier gespielt wird, ist gut für Knaben, aber nicht für Männer.«

»Fünfhundert Dollars auf Coeurdame,« rief jetzt Mister Eduard, und zählte die Banknoten auf den Tisch.

»Tausend Dollars auf Piquedame,« entgegnete Herr Richard gelassen und beugte die Summe in Zwanzigdollarstücken vor sich auf.

Das Signal zu höherem Spiel war gegeben und die beiden Einsätze fanden bald eine ziemliche Anzahl von Nachfolgern.

Die Gräfin mischte die Karten, sie übersah die Einsätze, ein freundliches Lächeln überstrahlte ihr Gesicht. »Le jeu est fait,« flötete sie mit ihrer weichen Stimme und fing an die Karten umzuschlagen. Die rothe Dame hatte verloren, die schwarze gewonnen!

Mister Eduard verdoppelte seinen Einsatz; Herr Richard ließ den seinen, der nun durch den Gewinn ebenfalls verdoppelt war, stehen.

»Tausend Dollars auf Coeurdame,« rief der Erstere.

»Zweitausend Dollars auf Piquedame,« entgegnete der Zweite.

Die übrigen Spieler theilten sich alsbald in zwei Parthien, indem die Einen, welche mehr Vertrauen auf das größere Glück des Herrn Eduard setzten, es mit »Roth« hielten, während die Andern, denen Herr Richard eine gewinnbringendere Hand zu haben schien, »Schwarz« zu ihrer Leibfarbe machten. Abermals mischte die schöne Frau die Karten, abermals flüsterte sie: »le jeu est fait,« und abermals hatte »Schwarz« gewonnen.

Nunmehr veränderte Herr Eduard seine Taktik und setzte auf Schwarz; doch begann er mit einer bei weitem kleineren Summe, als er die beiden letzten Male gesetzt hatte. Alsobald ahmte ihm Herr Richard nach und setzte auf Roth, auch dießmal wieder gerade den doppelten Betrag des gegnerischen Einsatzes auf den Tisch werfend. Das Glück wechselte jetzt auf eine Zeitlang, aber bald neigte es sich wieder entschieden auf die Seite Herrn Richards. Die meisten Spieler hielten es nun mit dem Letzteren, und die Bank kam in ziemlichen Nachtheil.

Jetzt flüsterte der Professor seiner Nebensitzerin, der Gräfin Belgiojoso, ein Paar Worte ins Ohr.

»Meine Herrn,« sagte diese, indem sie sich mit zauberischem Lächeln erhob, »wir wollen uns eine kleine Erholung gönnen und das Spiel auf eine halbe Stunde aussetzen.«

Die Gesellschaft begab sich in die Gallerie, um sich auf den Feldzug der nächsten Paar Stunden zu stärken. Diejenigen, die gewonnen hatten, zeigten ein frohlockendes Gesicht; die, welche im Verlust waren, suchten ihren Unmuth so gut als möglich zu verbergen. Nur wenige zeigten jene Verzweiflung, welche bei schwachen Seelen, sobald sie ein Unglück trifft, in den Gesichtszügen zu lesen ist. Der Professor verließ den Spielsaal, um durch den einzigen Zugang zu der Gallerie, der von unten heraufführte, zu verschwinden. Marc Price war ihm bis dahin gefolgt und überzeugte sich, daß er diesen Weg und keinen andern genommen habe. »Er wird den Trank holen für sein Schlachtopfer und die Würfel für den scheinheiligen Priester,« sagte er für sich hin. »Die Sache nähert sich ihrer Entscheidung.« Er fühlte nach seinem Revolver und seinem Bowiemesser.

Mister Eduard und Herr Richard, die bisherigen Gegner hatten sich zusammen an einem der kleinen Tischchen in der Gallerie niedergelassen. Jeder beobachtete den Andern, und Jeder hütete sich wohl, von den aufgestellten Getränken mehr zu genießen, als er für seine Besonnenheit zuträglich erachten mochte. Marc Price stand hinter Richard Colter, seine Augen fest auf die Thüre gerichtet, durch welche der Professor wieder erscheinen mußte.

»Welches ist Ihr Lieblingsspiel, Herr Richard?« fragte Mister Eduard. »Ich habe gehört, daß in Californien große Summen auf Einen Wurf gesetzt werden. Sind es Würfel, die dort im Brauche sind?«

»Außer dem Pharo und der Roulette, die in allen Spielhäusern San Franziskos eingeführt sind, gibt es noch zwei Spiele, die besonders im Brauche sind,« erwiederte der Californier. »Das Eine ist das »Monte« der Mexicaner, das aber von den Deutschen umgewandelt wurde und jetzt »Häufeln« heißt; das Andere ist das Spiel mit sechs Würfeln, und das Letztere ist das Beliebteste.«

»Das Letztere kenne ich; denn es wird auch hier von hohen Spielern in Anwendung gebracht;« sagte Mister Eduard, sich zur Kaltblütigkeit zwingend. »Wollen wir unser Glück gegen einander probiren? Zuerst spielen wir »Häufeln,« und dann mögen die sechs Würfel den Entscheid geben.«

»Ich bin's zufrieden,« entgegnete der Californier. »Sind wir Moitié, Marco?«

»Wir sind es,« versetzte dieser ruhig, den Blick nicht von der Thüre wendend.

Das Tischchen, an dem die beiden Gegner saßen, wurde abgeräumt und ein neues Spiel Karten herbeigebracht. Bald sammelte sich eine Gruppe Neugieriger um die Spieler und selbst die Gräfin Belgiojoso konnte dem Drange nicht widerstehen, den Zweikampf, der hier sein Ende nehmen sollte, mit anzusehen. Am Ende war die ganze Gesellschaft um das kleine Tischchen versammelt.

Der Californier mischte die Karten. »Heben Sie ab,« sagte er.

Mister Eduard hob ab.

»Ich mache sechs Häufchen,« fuhr Herr Richard fort. »Niemand kann wissen, welches die unterste Karte von jedem der sechs Häufchen ist. Eins dieser Häufchen stoßen Sie aus. Die unterste Karte dieses Häufchens gehört mein. Auf die andern fünf Häufchen können Sie nach Belieben setzen, auf jedes, so viel als Sie wollen. Ist die unterste Karte meines Häufchens ein Bube, so verliert jedes Ihrer Häufchen, dessen unterste Karte ein Bube oder weniger ist. Ist meine Karte ein König, so verliert jedes Häufchen, dessen unterste Karte ein König oder weniger ist. Umgekehrt gewinnt aber jedes Häufchen, dessen unterste Karte eine höhere Nummer trägt, als meine unterste Karte. Verstehen Sie mich?«

»Ich verstehe; aber der Bankhalter ist in ungeheurem Vortheil.«

»Das ist er; deßwegen wollen wir sechs Spiele machen. Bei dreien sind Sie Bankhalter, bei dreien ich. Betrug ist bei diesem Spiele unmöglich. Beginnen Sie mit dem Bankhalten.«

Mister Eduard mischte die Karten und legte sechs Häufchen aus.

»Welches soll mein Häufchen sein?«

»Dieses,« erwiederte Richard Colter mit außerordentlicher Ruhe, eins der Häufchen ausstoßend. »Auf jedes der Andern setze ich tausend Dollars.«

Mister Eduard drehte sein Häufchen um. Die unterste Karte war eine Dame. Dann wurden die fünf Häufchen des Gegners umgedeckt und die unterste Karte des ersten zeigte einen Zehner, die zweite einen Siebener, die dritte einen König, die vierte ein Aß und die fünfte eine Dame.

»Sie haben dreitausend Thaler gewonnen und zweitausend verloren,« sagte Herr Richard mit großer Ruhe. »Gehen wir an das zweite Spiel.«

Auch bei diesem war das Resultat ein ähnliches. Beim dritten Spiele gewann Mister Eduard sogar vier Einsätze und verlor blos einen einzigen. Seine Augen leuchteten.

»Sie haben bei Ihrer Bank fünftausend Thaler gewonnen,« sagte Herr Richard mit eisiger Kälte. »Nunmehr ist die Bank an mir.«

Er mischte die Karten und legte sechs Häufchen. Mister Eduard stieß eines derselben aus und setzte auf jedes der Andern tausend Thaler, gerade wie es vorhin Herr Colter gethan hatte. Er wollte sich in der Höhe des Einsatzes nicht übertreffen lassen.

»Sie haben Unglück im Ausstoßen,« sagte der Californier, ohne die Züge zu verändern, indem er sein Häufchen umdrehte und die zu unterst liegende Karte zeigte. »Es ist ein Aß und Ihr ganzer Einsatz ist verloren.«

Die zweite Taille neigte sich wieder zu Gunsten des Herrn Eduard. Er gewann einen Einsatz über den Californier. Aber das dritte Spiel entschied wieder gegen ihn, denn er verlor drei Einsätze.

»Das Glück im Häufeln ist für Sie,« sagte er mit ingrimmigem Lächeln. »Aber hier kommt der Professor und bringt den Becher mit den sechs Würfeln. Wir wollen nun sehen, wer hier Sieger bleibt.«

»Ich kann mir's denken, daß Sie hierin Ihre besondere Stärke haben,« versetzte Herr Richard herb und streng. »Machen wir unsere Bedingungen.«

Herr Eduard hörte jedoch nicht auf ihn, sondern flüsterte leise einige Worte mit dem Professor. Gleich darauf verließ dieser die Gallerie und begab sich in das Rondel, wo der große lange Spieltisch stand, obgleich die ganze Gesellschaft um das Spieltischchen versammelt war. Marc Price hatte jede seiner Bewegungen beobachtet und folgte ihm sogleich, sowie jener sich entfernte; aber er that es nicht hastig und auf in die Augen fallende Weise, sondern ruhig, gemessen, mit gleichgültiger Miene. Auch achtete in der That kein Mensch darauf, denn Jeder der Anwesenden war Auge und Ohr bei dem außerordentlichen Wagspiele, das hier zu Ende gebracht wurde.

»Also hier ist der Becher mit den sechs Würfeln,« wiederholte Mister Eduard, und seine Gesichtszüge konnten den Triumph nicht verläugnen, der sich seiner Seele bemeistert hatte. »Jeder von uns Beiden hat das Recht sechs Mal zu werfen und von den sechs Würfen einen zu wählen. Wer nun von uns den höchsten Wurf thut, der soll den ganzen Einsatz gewinnen.«

»Gut!« erwiederte Herr Richard. »Es versteht sich aber von selbst, daß Einer, wenn er sich einen Wurf gewählt hat, nicht weiter werfen darf. Haben Sie z. B. im dritten Wurfe »fünfunddreißig« und wollen mit dieser Zahl zufrieden sein, so ist der vierte, fünfte und sechste Wurf für Sie verloren.«

»Einverstanden,« rief Mister Eduard, der den Zeitpunkt der Entscheidung kaum abwarten zu können schien. »Das ist die Regel, gerade wie es Regel ist, daß der Wurf: »eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs« als der höchste gilt, der nicht überboten werden kann.«

»Abgemacht. Wie hoch soll der Einsatz sein?«

»Ich habe heute Nacht dreißigtausend Dollars baar mitgebracht, und davon zehntausend Dollars verloren. Ich setze den Rest mit zwanzigtausend Dollars. Hier sind sie. Will Einer der Herren nachzählen?«

»Nicht nöthig,« rief jetzt Richard Colter, seinen kalten, herben Blick fest auf seinen Gegner richtend. »Wir sind hier lauter Ehrenmänner. Ein Betrüger würde von uns Allen mit Fußtritten aus dem Saale gejagt. Hier sind meine zwanzigtausend Dollars,« setzte er ruhig hinzu, indem er sein Taschenbuch hervorzog und zwanzig Tausenddollarnoten vor sich hinlegte.

»Wer soll zuerst werfen?«

»Wir ziehen das Loos.« Das Loos traf Herrn Richard. Er mußte zuerst unter sechs Würfen einen wählen! Die Aufregung aller Anwesenden stieg auf den höchsten Punkt. Sie drängten sich in einen Knäuel zusammen, um sich nichts entgehen zu lassen. Eine Bombe hätte neben ihnen platzen können, Keiner wäre nur einen Zoll breit gewichen.

Richard Colter nahm den Becher. Er schüttelte die Würfel. Dann kam ihm ein Gedanke. Er nahm die Würfel heraus und wog sie in der Hand, nachdem er einen prüfenden Blick auf sie geworfen.

»Gute, vollwichtige, regelmäßige Würfel,« sagte er, dieselben in den Becher zurückwerfend. »Wir wollen sehen, wen sie am meisten begünstigen.«

Er warf zum ersten Male.

»Fünfzehn! Diesen Wurf behalte ich nicht.«

Er nahm die Würfel wieder in den Becher und schüttelte abermals. Er warf zum zweiten Male.

»Siebenundzwanzig! Der Wurf ist nicht schlecht, aber ich behalte ihn doch nicht. Ich habe noch vier Würfe.«

Der dritte Wurf war wiederum ein niedriger.

»Nur noch drei Würfe! Ich muß mich zusammennehmen,« sagte Herr Richard dem Mister Eduard einen durchdringenden Blick zuwerfend.

Dießmal ging er langsam und bedächtig zu Werke, und langsam und bedächtig rollten die Würfel über die glatte Fläche hin. Ein allgemeiner Ausruf erfolgte, als das Resultat sichtbar war. Fünf Sechser und ein Fünfer lagen auf dem Tische!

»Fünfunddreißig!« rief Colter. »Die zwanzigtausend Dollars sind mein.«

»Fünfunddreißig!« flüsterte jeder der Anwesenden, vor Erstaunen über einen solch' hohen Wurf fast sprachlos.

Herr Eduard ward bleich wie die Wand, aber bald faßte er sich wieder. Ein eigenthümlicher Zug aus Hohn-, Angst- und Triumphgefühl gemischt, flog über sein Gesicht.

»Noch habe ich nicht verloren,« versetzte er. »Es sind zwei Würfe im Becher, die den Ihren übertreffen. Ich kann alle Sechse oder eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs werfen, und dann sind die zwanzigtausend Dollars mein. Sie verzichten also auf Ihren fünften und sechsten Wurf? Sie begnügen sich mit Ihren Fünfunddreißig?« setzte er höhnisch hinzu.

Es schien, als ob der Mann sein Selbstvertrauen durch den hohen Wurf des Herrn Richard durchaus nicht verloren hätte. Die Umstehenden theilten aber dasselbe offenbar nicht, denn sie warfen sich gar sonderbare Blicke zu, als er die Ueberzeugung aussprach, selbst gegen einen solch' hohen Wurf noch aufzukommen.

»Er hat verloren,« flüsterte Einer dem Andern zu. »Unter Tausend Malen kommt es kaum einmal vor, daß Einer mehr wirft.«

Mister Eduard fühlte, was die Andern sprachen, wenn er es auch nicht hörte; aber er warf einen herausfordernden Blick im Kreise herum, als er den Würfelbecher ergriff. Er vertraute seiner Sache noch immer.

Die Würfel fielen.

»Achtzehn zum ersten Male!« sagte er, bleich wie der Tod, aber mit blitzenden Augen. »Ein schlechter Wurf! Doch es wird besser kommen.«

Die Würfel fielen zum zweiten Male.

»Dreißig! Die Glücksgöttin wird mir schon günstiger. Wer will auf mich wetten?« rief er mit heiserer Stimme, seine Augen noch herausfordernder herumlaufen lassend.

In diesem Augenblicke streifte er die Würfel zusammen, um sie wieder in den Becher zu werfen, war aber dabei so ungeschickt, daß er diesen zu Boden fallen ließ. Ein Dutzend bückten sich zumal, die Würfel wieder aufzuheben; er kam aber Allen zuvor. Doch wie er sich wieder aufrichtete, war sein Gesicht noch geisterbleicher und seine Augen blitzten noch unheimlicher.

»Ein böses Omen, sagt man gewöhnlich, die Würfel vor dem Wurfe fallen zu lassen!« lachte er mit verzerrten Zügen. »Aber ich trotze dem Geschicke. Fortuna muß mir unterthan sein.«

Er schüttelte lang und heftete sein Auge starr auf den Becher. Endlich warf er. Seine geisterhafte Blässe mich urplötzlich einer fieberhaften Röthe!

»Eins, Zwei, Drei, Vier, Fünf, Sechs! Der höchste Wurf, der geworfen werden kann!«

Ein Schrei des Erstaunens ertönte aus Aller Mund. Das Unmögliche war Wirklichkeit geworden. Er hatte eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs geworfen!

»Ich habe gewonnen,« schrie Mister Eduard mit einer so schrillen Stimme, daß es weniger wie ein Triumphgeschrei, denn wie das Brüllen eines Wahnsinnigen tönte. »Ich habe gewonnen. Die zwanzigtausend Dollars sind mein!«

Er langte nach den zwanzig Tausendthalernoten, die sein Gegner vor sich liegen hatte; aber wie er die Hand darnach ausstreckte, erhielt er einen so gewaltigen Stoß vor die Brust, daß er niedergestürzt wäre, wenn ihn die Uebrigen nicht gehalten hätten.

»Halt, Mann!« donnerte Richard Colter dem Zurücktaumelnden zu. »Halt, Mann, du hast nicht gewonnen, denn du bist ein Betrüger!«

In demselben Augenblicke zog er sein breites Bowiemesser und spaltete mit Einem Hiebe einen der Würfel, die noch auf dem Tische lagen. Der Würfel war mit Blei gefüllt! Er spaltete den zweiten, den dritten, den vierten, – alle Sechse waren mit Blei gefüllt, und so künstlich gefüllt, daß derjenige, welcher sie zu handhaben wußte, immer den höchsten Wurf »eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs« damit werfen mußte.

Natürlich entstand eine furchtbare Aufregung und Alles schrie wild durcheinander. Aber die gewaltige Stimme Richard Colters übertönte sie Alle.

»Er hat die ächten Würfel mit falschen verwechselt,« rief er; »wie er sich bückte, um den herabgefallenen Becher aufzuheben, vollzog er die Fälschung. Durchsucht ihn; man wird die ächten Würfel in seinen Taschen finden.«

Der Schrecken und die Ueberraschung hatte den Gegner Richards ganz betäubt, so daß er im ersten Augenblicke kein Wort entgegnen konnte. Dagegen fand er Freunde, die sich seiner annahmen. Auf einen Wink der Gräfin Belgiojoso, die an dergleichen Auftritte gewöhnt sein mochte, da sie weder in Ohnmacht fiel, noch auch nur die Fassung verlor, drängten sich sechs oder acht der Anwesenden, meist jüngere Herren, vorwärts, um den so hart Angegriffenen in Schutz zu nehmen. Es waren dieß die Hausfreunde der Gräfin, die engagirten und bezahlten Beschirmer des Spielsalons, welche für den Bankhalter und seine Freunde einzustehen hatten, diese mochten im Rechte oder im Unrechte sein. Doch schien es, als ob sie nicht die sonst gewohnte Energie entwickelten, denn es war augenscheinlich, daß sie Einen vermißten, der ihnen sonst mit gutem Beispiele voranging. Auch die Gräfin vermißte diesen Einen, und getraute sich daher nicht, mit strengen Befehlen aufzutreten. Dieser Eine war der Professor Reynier, der beim Beginne des Würfelspiels den Saal verlassen hatte. Die andern Anwesenden, die des Spiels wegen Gekommenen, verhielten sich für den ersten Augenblick unparteiisch. Man sah ihnen jedoch ihre Unentschlossenheit an, denn auf der einen Seite schien der versuchte Betrug, wie aus den mit Blei gefüllten Würfeln zu ersehen, evident und auf der platten Hand zu liegen, auf der andern Seite war aber der ihnen unter dem Namen »Mister Richard« Vorgestellte ein »Frischer,« ein ihnen Unbekannter, während Mister Eduard, schon seit Jahren den Meisten befreundet, seit der Eröffnung des Bleekerstreetspielhauses in demselben verkehrt hatte. Richard Colter sah wohl, daß er allein auf seinen eigenen Muth angewiesen war, denn wie der Professor Reynier, so ließ sich auch Marc Price nicht sehen. Er besann sich jedoch keinen Augenblick. In der einen Hand hielt er sein breites Bowiemesser, in der andern seinen achtläufigen Revolver.

»Zurück, Ihr Herren, » rief er den sechs oder acht Männern entgegen, welche Miene machten, auf ihn einzudringen. »Zurück, sage ich, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Ihr andern Herren aber, die Sie nicht zu wissen scheinen, zu wem Sie zu halten haben, wollen Sie einen offenkundigen Betrüger unterstützen?«

Diese Worte waren von augenscheinlicher Wirkung; doch jetzt hatte sich Herr Eduard von seiner Bestürzung erholt. Die kalte Besinnung kehrte ihm zurück und mit frecher Stirne rief er: »Er selbst ist der Betrüger und ein Polizeispion dazu. Faßt ihn. Er darf nicht lebendig von der Stelle.« Mit diesen Worten richtete er sich hoch auf und streckte die Rechte drohend aus. Aber merkwürdig! So wie er den Arm erhob, um auf seinen Feind zu deuten, fielen ein halb Dutzend Würfel aus dem Aermel, in welchen er sie vorhin verborgen hatte. Es waren die gesuchten ächten Würfel und der wahre Thatbestand konnte nun von Niemanden mehr angefochten werden. Die Wirkung, welche dieser Zufall zur Folge hatte, war ein außerordentlicher. Die »Hausfreunde« blickten auf die Gräfin Belgiojoso und suchten sich von dort Rath und Hülfe, während diese selbst sich nicht klar war, was geschehen solle. Die sämmtlichen Spieler aber, sogar die unter ihnen, welche bis jetzt mit Argwohn auf Richard Colter gesehen hatten, zogen sich alle wie durch einen Machtspruch von ihrem nunmehr überwiesenen Mitgenossen zurück. Im Augenblicke stand er allein, verlassen, ein Pestkranker!

»Herr Richard,« sagte Einer von ihnen, vortretend. »Sie sind ein Fremder in unserer Stadt, denn Sie kamen erst, wie Sie uns sagten, vor wenigen Wochen von Californien hier an. Sie könnten glauben, auch wir seien an diesem schmachvollen Betruge mitbetheiligt. Darum sprechen wir es offen aus, wir verachten den, der ihn begangen. Der Spieler steht im Widerspruch mit den bestehenden Gesetzen, der Betrüger im Spiele aber ist aller Ehre, alles Anspruches auf eine Existenz in der Gesellschaft baar. Mister Eduard,« wandte er sich dann voll tiefer Verachtung gegen diesen, »von nun an haben wir nichts mehr mit einander gemein. Wir kennen Sie nicht mehr, Sie sind uns von nun an und für immer ein Fremder. Herr Richard,« sprach er nach einer Pause weiter, indem er gegen das kleine Tischchen, auf welchem die vierzig tausend Thaler in Banknoten noch immer unberührt lagen, vorschritt. »Herr Richard, hier ist die Summe Geldes, um welche gespielt wurde. Sie gehört von Rechtswegen Ihnen. Und nun noch ein Wort zu ihnen, Frau Gräfin Belgiojoso. Ihr Mitgenosse, der Professor, hat die Würfel gebracht. Er ist also ein Mitbetheiligter. Wir empfehlen uns Ihnen und Ihrem Wohlwollen; aber Ihr Haus werden wir von nun an nicht mehr betreten, denn unsere Ehre würde Noth leiden, wenn wir mit falschen Spielern zu thun hätten.«

Es war ein Mann mit markirten Gesichtszügen und mit ein paar scharfen dunklen Augen, der so sprach, und wir werden ihn später noch näher kennen lernen. Man sah ihm an, daß er vor nichts zurückschreckte, und daß die Wahl der Mittel, um zum Zwecke zu kommen, ihm keine besonderen Skrupel machten; aber – Betrug im Spiele, das war mehr, als er ertragen konnte! Hohn und Verachtung lag in seinem Gesichte, als er sich tief vor der Gräfin verbeugte und dann der Thüre zuschritt, welche von der Gallerie in das Schlafkabinet hinabführte. Ihm folgten etwa fünfzehn oder zwanzig der Anwesenden. Die Uebrigen blieben zurück; aber nicht Einer versuchte es, dem Abgange der Andern ein Hinderniß in den Weg zu legen.

»Hast du es gehört, Mann?« rief jetzt Richard Colter, und eine grimmige Freude flog über seine herben Gesichtszüge. »Hast du es gehört, mit welchen Worten du gebrandmarkt worden bist? Sieh, hier sind die vierzig tausend Thaler, welche du so eben in deine Tasche schieben wolltest! Die zwanzig Tausend, welche ich setzte, sind ehrlich und im Schweiße meines Antlitzes erworben; diese werde ich behalten. Die andern zwanzig tausend aber, die du zuschossest, – durch welchen Betrug, durch welches Verbrechen hast du sie dir angeeignet? Glaubst du, ich könnte dieses Geld in meiner Tasche tragen? Es würde mich brennen, wie den Mörder das Kainszeichen. Siehst du hier, was ich damit beginne?« fuhr er mit grimmigem Lachen fort, indem er die Banknoten in der Hand zusammenballte und dann an der Gasflamme über ihm in Brand setzte. »Zurück, Ihr Leute,« fuhr er mit wildem Schrei fort, seinen Revolver in Paratschaft setzend, als Einige Miene machten, ihm das Papiergeld aus der Hand zu reißen. »Zurück, wenn Ihr einen Werth auf Euer Leben legt. Du aber, Eduard Beecher, siehst du, wie sie brennen, deine zwanzig tausend Dollars? Fühlst du, wie dein Reichthum in Rauch und Asche aufgeht? Eduard Beecher, niederträchtigster aller Heuchler, erkennst du mich nun? Ich bin nicht Richard Colter, für den ich mich fälschlich ausgegeben; mein Name ist Henry Waldon! Ha, wie du zitterst bei diesem Namen! Ich bin Henry Waldon, den du durch deinen Betrug vor zehn Jahren auf immer elend gemacht hast. Aber ich habe geschworen, dich dieselben Qualen erdulden zu lassen, die ich damals erduldete und ich habe meinen Schwur gehalten. Henry Waldon ist als Richard Colter wieder geehrt und geachtet; du jedoch, du, der hochwürdige Doctor Eduard Beecher, du, der beinahe heilig gehaltene Priester, du bist selbst unter Gesetzesübertretern ein Elender; du bist unter Spielern ein Auswürfling, der nicht mehr werth ist, als daß man ihn mit einem Fußtritte bei Seite wirft!«

Es lag ein furchtbarer, ein gräßlicher Hohn in seinen Worten; weiter aber konnte er nicht sprechen, denn die Wuth des Gehöhnten und Verachteten kannte nun keine Gränzen mehr und machte sich in einem tobenden Geschrei Luft. Und er stand nicht allein, der Doctor Eduard Beecher! Die Freunde des Hauses hielten zu ihm, so wie auch nicht minder die zurückgebliebenen Spieler, welche in seiner Person ihre eigene angegriffen fühlten! War er doch seit Jahren einer der Ihrigen! Waren sie doch zu derselben That, die er so eben begangen, nicht blos fähig, sondern auch bereit, so bald sich ihnen eine geschickte Gelegenheit bot! So schrieen sie denn Alle wild durch einander und suchten auf Richard Colter oder wie er sich jetzt nannte, Henry Waldon, einzudringen. Dieser aber lehnte sich mit dem Rücken an die Wand hart neben der Thüre, welche aus der Gallerie auf die Treppe hinabführte, und hielt das breite Messer in der Linken, während die Rechte den Drücker des Revolvers gefaßt hatte. So wollte keiner der erste sein, der ihm auf den Leib rücke, weil jeder als erstes Opfer zu fallen befürchtete; und es wäre dem kühnen Manne ein Leichtes gewesen, seinen Rückzug durch die Thüre zu nehmen, wenn er seinen so räthselhaft verschwundenen Freund Marc Price hätte zurücklassen wollen. Er setzte daher ein kleines Pfeifchen an den Mund und stieß damit einen weithin schrillenden Ton heraus. In demselben Augenblicke antwortete ihm auch die Stimme Marcs; dieselbe wurde jedoch durch Pistolenschüsse übertönt, welche zu gleicher Zeit losknallten und die Gallerie mit Pulverdampf erfüllten.

Um dieß zu erklären, müssen wir auf einige Minuten in der Zeit zurückgehen, und Marc Price begleiten, wie er dem Professor Reynier folgte.

Der Professor war hinter die seidenen Gardinen des Spielsalons geschlüpft, nachdem er sich vorher genau umgesehen, ob Niemand ihm folge. Aber er sah Niemanden, denn Marc blieb ruhig an seinem Platze, bis die hagere Gestalt des Halbpolen verschwunden war. Dann aber schritt er ruhig dem Spielzimmer zu und öffnete die Gardine an demselben Platze, an welchem sich, wie er wußte, die geheime Thüre befand. Es war ihm nicht schwer, sie zu finden, obgleich ein Uneingeweihter nie einen Eingang hier vermuthet hätte; er suchte nach dem Schlosse, aber der Schlüssel war abgedreht und die Thüre verschlossen! Er zog das breite, starke Messer, welches ihm Richard Colter gegeben hatte, und steckte es in den Spalt zwischen der Thüre und der Wand. Die Thüre schien nachzugeben, sie bog sich! Er strengte alle seine Kräfte an; das Thürschloß sprang auf! Es geschah dieß zwar nicht so still und leise, daß alles Geräusch vermieden worden wäre; aber die Anwesenden waren sämmtlich so mit dem Hazardspiel in der Gallerie beschäftigt, daß sie auf das Knarren in dem Salon nicht hörten.

Marc zog die Thüre wieder hinter sich zu, doch ohne sie zu verschließen und schritt leise weiter. Eine Treppe empfing ihn, eine schmale, enge Treppe, die abwärts führte. Er fühlte sich mit den Händen zurecht und stieg leise hinab. Er wagte es nicht, die Blendlaterne, welche er bei sich führte, anzuzünden, denn er konnte sich auf diese Art allzuleicht verrathen. Von Zeit zu Zeit hielt er still, um zu lauschen, aber er vernahm nichts; nicht einmal von oben herab tönte ein Laut zu ihm! Immer tiefer stieg er, die schmale, im Bogen laufende Treppe schien gar kein Ende zu nehmen. Endlich sah er einen Lichtschimmer und zu gleicher Zeit hörte er den Angstschrei eines weiblichen Wesens. Ohne sich länger zu besinnen, stürzte er vorwärts; aber zu seinem Glück war die Treppe mit dicken Teppichen belegt, so daß seine Schritte nicht hörbar waren, sonst hätte er sich ohne Zweifel verrathen. Am Fuße der Treppe angekommen, sah er sich einer Thüre gegenüber, in welche ein rundes, mit einem Glase verwahrtes Loch eingebohrt war. Durch dieses kleine Fensterchen drang der Lichtschimmer, welchen er oben gesehen hatte. Hier heraus war auch der Angstschrei gedrungen, welchen er so eben gehört!

Der junge Mann sah sich um, wo er sich befand; denn so dunkel auch sein bisheriger Weg gewesen war, so verbreitete doch das durch jene runde Scheibe dringende Licht Helle genug, um Alles genau zu erkennen. Die Localität schien ihm fast dieselbe zu sein, wie die, welche er so eben verlassen hatte: eine breite Gallerie, welche um ein Rondel herum lief. Er umging die Gallerie und besah sich das Rondel. Dasselbe hatte keinen andern Ausgang, als jene Thüre, welcher er gleich im Anfang gegenüber gestanden war. Offenbar war dieß der untere Sockel des Gebäudes, welches den Spielsalon enthielt, und wenn man dieß und den geheimnißvollen Eingang in Betracht zog, so konnte man nicht leicht eine abgelegenere und von jeder Neugierde verschlossenere Localität finden. Kein Laut drang von hier aus in die Außenwelt, kein noch so verzweifelter Schrei konnte auf der Straße oder in den nächsten Häusern gehört werden; wer hier eingeschlossen war, mußte sich der Gewalt auf Gnade und Ungnade ergeben!

Diese Gedanken schossen ihm blitzschnell durch den Kopf, als er sich der Thüre mit dem Guckloche abermals näherte. Er untersuchte seine Waffen und fand Alles in Ordnung. Dann untersuchte er die Thüre; sie war nur angelehnt und der Schlüssel stack im Schlosse. Jetzt drangen Stimmen aus dem Innern des Rondels und ohne länger zu zögern, auf die Gefahr hin, entdeckt zu werden, sah er durch das Fensterchen ins Innere desselben hinein. Es war ein großes rundes Gemach, wie er in seinem Leben noch keines gesehen hatte. Die Wände ringsum sahen aus, als wären sie aus einem einzigen Crystallspiegel gefertigt; der Boden schien mit Seide gepolstert, und die Lehnsessel waren mit einem weißschimmernden Stoffe überzogen, der wie Silber glänzte. Das Licht kam von einer großen Lampe, die eine Decke von mattgeschliffenem Glase hatte. Die Lampe stand in der Mitte eines ovalen Tisches, der außer einer Wasserkaraffe nichts enthielt, als einen Teller mit Backwerk. Das Merkwürdigste im ganzen Locale war das Bett; denn es war keineswegs ein Bett, wie wir uns ein solches vorzustellen gewohnt sind, sondern vielmehr ein Viereck, das aus einer Masse von seidenen Polstern gebildet war, eingefaßt von schweren damastenen Vorhängen und überwölbt von einem Thron, der fast bis an die Decke reichte. Das Bett lehnte mit einer Seite an der Wand, aber man konnte die Wand nicht sehen, sondern an ihrer Stelle prangte ein großes Oelgemälde, eine schlafende Venus vorstellend. – Der Leser weiß nun, wo Marc Price sich befand, denn dieß Gemach war jenes merkwürdige Zimmer, welches den Eingeweihten unter dem Namen »das geheime Boudoir des Kaisers Heliogabalus« bekannt war.

In der Mitte des Boudoirs, an dem Tische, auf welchem die Lampe brannte, stand der Professor; er kehrte das Gesicht dem Bette zu und hielt ein Wasserglas in der Hand, in welches er so eben einige Tropfen von einer Flüssigkeit gemischt hatte, die er in einem kleinen Fläschchen bei sich trug. Nachdem er die Mischung vollbracht, drehte er sich um und schritt der entgegengesetzten Seite zu. Hier kniete, hart an die Wand gedrückt, ein Mädchen auf dem Boden, die Hände über der Brust gefaltet. Das Gesicht war bleich bis zum Tode, aber die Augen blitzten in überirdischem Feuer.

»Rosa Bodin!« flüsterte Marc Price vor sich hin, als er sie erblickte und sein Herz pochte laut vor Entzücken. Nun war ihm Gelegenheit gegeben, sie, wenn auch mit Aufopferung seines eigenen Lebens, zu retten!

»Sie sind im Fieber, Rosa,« sagte der Professor, sich der Knieenden immer mehr nähernd, »nehmen Sie diesen Trank, er wird Sie kühlen.«

»Ich bin nicht krank,« erwiederte Rosa, wo möglich noch mehr erbleichend, aber trotzdem mit fester Stimme. »Ich werde nicht trinken.«

»Sie haben seit sechsunddreißig Stunden nichts zu sich genommen und seit sechsunddreißig Stunden nicht geschlafen,« fuhr der Professor mit ruhiger, fast einschmeichelnder Stimme fort. »Diese furchtbare Nervenaufregung muß Sie tödten. Nehmen Sie diesen Kühltrank und gedenken Sie, wie schmerzlich es Ihrer Mutter sein müßte, von Ihrer Erkrankung oder gar von Ihrem Tode zu hören.«

»Meine Mutter, o meine theure Mutter!« rief das Mädchen mit bebenden Lippen. »Wenn Sie ein menschlich Gefühl in sich tragen, Herr, so geben Sie mich meiner Mutter zurück!«

Sie hob die Hände flehend empor! Der Ton ihrer Stimme drang Marc bis ins Innerste! Der Professor aber blieb völlig unbewegt.

»Ich werde mehr für Sie thun, Rosa« sagte der Letztere, »ich werde Sie glücklich machen. Ein reicher, hochgestellter Mann liebt Sie, und Sie werden eine Stellung einnehmen, von der Sie sich bisher nicht träumen ließen. Ihre Armuth soll aufhören und Sie werden im Ueberfluß schwelgen. Auch Ihre Mutter soll Ihr Glück theilen; darum folgen Sie mir und vertrauen Sie mir.«

Er näherte sich ihr noch mehr. Aber jetzt sprang Rosa auf und schaute ihm voll und gerade ins Gesicht. »Wer sind Sie, Herr? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, über mich zu bestimmen? Sie führten sich als Landsmann, als Sprachlehrer, der so arm sei, als wir selbst, bei uns ein. Dann brachten Sie eine vornehme Frau zu uns, die mich einlud, mit ihr zu gehen, um mich durch Arbeit zu beschäftigen. Ich fuhr mit ihr bis in ihren Palast in der Bleekerstreet, wo wir ausstiegen, um von Ihnen empfangen zu werden. Dann hielten Sie mir unversehens eine scharfe Essenz an den Mund und ich wurde bewußtlos. Als ich wieder erwachte, befand ich mich in diesem Zimmer hier. Ich war eingeschlossen, eine Gefangene; ich rief, ich schrie; kein Mensch hörte mich. Später kam ein Diener, er brachte mir Speise und Trank; auch Sie kamen und wollten mich überreden, von dem Gebrachten zu genießen. Ich habe es ausgeschüttet, zu Boden geworfen; ich werde auch später dasselbe thun, und Gott wird mich in meinem Vorsatze stärken, daß ich nicht unterliege.«

»Und warum thust du dieß, Mädchen,« rief der Professor, kaum im Stande, seine Stimme zur Ruhe zu zwingen. »Glaubst du, wir wollen dich vergiften? Wenn wir dir ans Leben wollten, so wäre es uns ja ein Leichtes, denn du befindest dich an einem Orte, der so von der Außenwelt abgeschlossen ist, daß kein Mensch eine Spur von dir fände und wenn er den Palast der Gräfin Belgiojoso von oben bis unten durchsuchte. Glaube mir, wir meinen es gut mit dir, darum vertraue mir, und nimm als ersten Beweis diesen Labetrank, damit deine Gesundheit nicht Noth leide.«

»Ich weiß nicht, wo ich bin,« versetzte Rosa mit fester Stimme. »Es ist auch möglich, daß kein Mensch in diesen Schlupfwinkel dringen kann, aber Gott ist bei mir und auf ihn vertraue ich. Er hat mir gesagt, daß ich Ihnen mißtrauen soll, denn Sie sind ein Heuchler, Sie sind ein Betrüger.«

»Hüte dich, Mädchen, mich zum Zorne zu reizen,« sprach der Professor, die Zähne übereinanderbeißend.

»Hüten Sie sich selbst, Herr,« rief Rosa, ihre feurigen Augen fest auf ihn richtend. »Glauben Sie, weil ich ein armes, fremdes Mädchen bin, so sei ich von Gott und der Welt verlassen? Hüten Sie sich selbst, sage ich Ihnen, denn es lebt Einer in New-York, der meiner nicht vergessen wird, und wenn die ganze Welt gleichgültig über mein Schicksal bliebe. Hüten Sie sich, seinem Auge zu begegnen, denn so er Sie träfe, so wäre es besser für Sie, Sie lägen im tiefsten Abgrunde des Meeres.«

»Du willst mir drohen? Du?« schrie jetzt der Professor voll Wuth. »Ich frage dich zum letzten Male, willst du den Trank nehmen oder nicht?«

»Nimmermehr,« rief Rosa mit flammenden Augen.

»Nun, bei der Hölle, wenn du's nicht freiwillig thust, so will ich dir zeigen, daß du's thun mußt.«

Er sprang auf sie zu, um sie gewaltsam zu umschlingen, aber in demselben Augenblicke erhielt er einen so furchtbaren Schlag auf den Kopf, daß er wie ein Betrunkener zu Boden stürzte und regungslos liegen blieb. Der Schlag rührte von Marc Price her, der die Thüre eingedrückt und den Elenden mit Einem Sprunge erreicht hatte.

Das Mädchen schrie laut auf, als sie die fremde Gestalt mit dem dichten Barte und der schwarzen Perrücke erblickte. Als sie aber die Stimme des Verkleideten hörte, da jauchzte ihr Herz in unnennbarem Entzücken.

»Gelobt sei Gott in der Höhe!« schrie sie und sank vor Marc in die Knie, seine Füße mit ihren Armen umschlingend.