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Lotte Gubalke – Jungfrau Orthmann

Novelle

Aus: Die Zukunft, Herausgegeben von Maximilian Harden, Vierzigster Band, Verlag der Zukunft, Berlin, 1902, S. 156 ff.



Da stand nun David Degenhardt, der Pfarrer von Mosbach, auf der kleinen Anhöhe vor dem Dorf, holte tief Athem und wischte sich den Schweiß mit seinem rothseidenen Taschentuch ab. Die schwarzseidene Mütze mit dem großen Schild hielt er in der Hand: ach ja, – die Frühlingsluft hatte ihn müde gemacht. Sie war zu stark. All der Duft von den blühenden Baumen am Wegrand und den wilden blauen Hyazinthen im Chausseegraben, dazu dieses Flöten und Locken in den Zweigen und die langgezogenen Töne, die die Staare erklingen ließen . . . Wahrhaftig: der Fink sang schon seinen Bräutigamsschlag und das Dindeldeichen, das bunte Gesellchen, war auch schon da, – ach ja!

Da drüben am Horizont, fern und doch so scharf in der hellen Frühlingsluft abgezeichnet, die schöngeschwungene Gebirgslinie. Das von der Lenzgestalt der Natur kam ihm in den Sinn, die »wundervoll« ist, wie der alte Johann Peter Hebel meinte, und er nickte dazu und schob seine kurze Pfeife in den Mundwinkel. Dann ging er weiter mit kleinen, emsigen Schritten. Mit einem Mal blieb er stehen, denn der Fußweg war mit einer Reihe von blauen Basaltsteinen verlegt. Das hatten die Wegwarte gethan, damit die Fuhrleute mitten auf dem Weg fahren sollten, da, wo der Steinschlag ausgeschüttet war. Er lächelte ein Wenig. Ob sich wohl die Fuhrknechte, die Luders, daran kehren? Die nicht! Nicht, wenn sie nüchtern sind, und betrunken erst gar nicht. Dann nimmt der Gaul die Führung; und der weicht dem Steinschlag allemal aus. Wer kehrt sich denn überhaupt an Schranken und Gesetze? Ja, wer?

Er, David Degenhardt, hatte es gethan! Er reckte seine alte, eingesunkene Gestalt, so gut es ging, in die Höhe. Aber gleich mußte er husten. Das war ein ganz unbarmherziger Krampfhusten, der rüttelte und schüttelte ihn so, daß er sich an einen Kirschbaum anlehnen mußte. »Ach . . . die alte Brust!«

Ja, er war ganz schwach auf der Brust. Schwach vor lauter Stärke. So ein moralisches Leben macht müde, so ein Leben voll Entsagung, wie ers geführt hatte. Aber was hülfe es dem Menschen, wenn er . . . ja, und nähme Schaden an seiner Seele.

Nun war der Hustenanfall vorbei. Er schnaubte sich umständlich und ging weiter. Die kurze Pfeife steckte jetzt in der Seitentasche seines Rockes; die Lust am Rauchen war ihm vergangen.

Was war er denn nur für ein Schwachmatikus mit seinen zweiundsechzig Jahren! Der Niederdörfer war ein ganz anderer Kerl. Mit Sechsundfünfzig hatte er die dritte Frau genommen. Und was für eine! Blonde Seitenlocken hatte sie, ganz nach der neusten Mode. Und der Niederdörfer hatte ihm gesagt: »Herr Bruder, eben darum, weil die beiden verblichenen Eheliebsten mich so beglückten, nahm ich die dritte; und ich versichere: jede brachte mir ein neues, ungekanntes Glück!« Er seufzte. So ein Glück! Hatte er es nicht auch einmal so gut haben wollen wie andere Leute? Ach ja, gewollt hatte ers, aber es war ihm schlecht bekommen.

Als er vor dem Dorfeingang angelangt war, blieb er einen Augenblick stehen und schaute zurück. Die Landstraße, auf der er gegangen war, sah aus wie ein schnurgerader blauer Strich. An ihrem Ende lag wie in einem grünen Rahmen die Kirche seines Dorfes. Seine Kirche. Er legte die Hand noch vor den Mützenschild, um besser sehen zu können. Ein glückliches Lächeln flog über sein altes Gesicht. Denn er sah mit seiner Seele durch die grauen Mauern hindurch. Heute lag, die violette Decke auf dem Altar, die mit den Silberfransen, und am Donnerstag, am Himmelfahrtstag, da würde er die rothe mit den goldenen Borten herausgeben . . . Himmelfahrt . . . Der alte Pfarrer hatte jedesmal Mühe, an diesem Tag die gehörige Fröhlichkeit herauszubringen: es haftete ihm immer eine stille Wehmuth an. Das hatte seinen Grund.

Allgemach war er am Ziel seiner Wanderung angelangt. Er stand auf der Hofreite eines stattlichen Bauernhofes und begrüßte Frau Hulda Schwerdt, die gerade mit den Futtereimern in der Hand aus dem Kuhstall kam, die Röcke hoch aufgeschürzt.

»Jesses, da sind Se ja! Ich sagte zur Jungfer Friederike, he kommt nich, he hat gerade jetzt zu ville Arweed. Nu wird se vergniegd sinn, – nee, so was!« Und flink, mit sichtbarer Freude stellte sie die Eimer am Brunnentrog nieder und nöthigte den Alten in die Stube. Auf dem Sofa mußte er Platz nehmen und sie schüttete die weichen Federkissen noch extra auf, schob den Tisch, der mitten im Zimmer stand, heran, rumorte dann in der Ofenröhre herum, wo immer ein Topf mit Kaffee stand, nahm die Goldtassen aus dem Schrank, holte Zucker, den sie umständlich mit einer Zange zerkleinerte, und gab immer wieder ihrer Freude Ausdruck, daß er da sei.

»Herr Parre,« sagte sie dann – sie hatte sich ihm gegenüber gesetzt und stemmte die Ellbogen auf den weißgescheuerten Tisch –, »Herr Parre, ehe Se newmer zehn, geben Se mir einen Rathschlag.«

David Degenhardt sagte: »Gern.« Mein Gott: er hatte nun bald vierzig lange Jahre den Leuten gute Rathschläge geben müssen, vierzig Jahre lang, denn er stand in dem Geruch besonderer Heiligkeit und besonderer Weisheit.

»Soll ich wedder friggen?«

»So bald schon?« David schüttelte mißbilligend den Kopf und dachte an den Niederdörfer, der den Leuten ein so schlechtes Beispiel gab. »Wie lange ist denn der Willem tot?«

»Schonst eindreiviertel Jahr«, sagte Frau Hulda und wischte gewohnheitmäßig mit dem Schürzenzipfel über die Augen.

»Wer ists denn?«

»Berthold, der Großknecht.«

Eine Pause trat ein. David schaute in seine Kaffeetasse und Frau Hulda in den Spiegel über dem Sofa. Und je mehr sie hineinsah, desto röther wurde sie; denn es kam ihr zum Bewußtsein, daß sie eine sehr dumme Frage gestellt hatte und daß David Degenhardt mit einem Mal Alles klar durchschaute, – Alles! Warum fragte sie auch gerade Den, den unheimlich klugen Mann! Der sah ja durch Wände. Sicherlich sah er es, wie Berthold letzte Nacht . . .

Warum schwieg denn der Alte so lange?

Jetzt hob er den Kopf und seine grauen, erregten Augen ruhten fest auf ihrem Gesicht.

»Hulda Schwerdt, Ihr könnt ja gar nicht mehr zurück; warum fragt Ihr denn?«

Da stand Frau Hulda auf und trat ans Fenster. Sie kehrte dem Alten den Rücken und hatte nicht den Muth, ihn anzusehen.

Auf dem Hof war es ganz still. Nur die Hühner scharrten emsig im Mist und die Tauben rucksten und glucksten auf dem Dachfirst. Und ganz unheimlich still wars in der Stube; nur der alte Zeiger an der Wand tickte einförmig und unaufhaltsam ein mahnendes Lied von dem rastlosen Schreiten der Zeit.

»Nun meldet mich bei Jungfrau Friederike.« Da kam Frau Hulda auf den Alten zu. Sie stützte die Hand auf die Kante des Sosas und sagte: »Herr Parre, daß ich Sie anführen wollt', war nich scheene; das Andere, Herr Parre: der Berthold meinte, wenn er übern Kirchthurm hätt' klettern sollen, auf einer Seit ruffer un uff der annern runner, he wär bie mich kommen. Herr, so väle Lieb . . . Nee, der Minsch alleine is nischt!«

Dann ging sie hinaus.

David wischte sich wieder den Schweiß ab. Immer das Selbe auf dieser Welt, immer das Selbe. Und konnte denn Keiner entsagen! Nur er allein hatte es gekonnt. Hm . . Hatte es ihm was eingebracht? Heil und Segen? O ja, Lob und Ehre und den Ruhm der Tugend und Weisheit! Er war noch keines Weibes Mann gewesen, keusch und züchtig würde er ins Himmelreich eingehen. Fast wär' er einmal gestrauchelt; beinahe. Einmal hatte er auch vor einer Thür gestanden. Gott sei Dank: er hatte der Versuchung widerstanden. Und heute warf er sich doppelt froh in die Brust, Die, um die er fast gestrauchelt war, wollte heute mit ihm beten. Beten, denn sie fühlte ihr Ende nah. Sie wollte sterben. »Kommt rewwer, Herr Parre, se is in Bereitschaft,« sagte Frau Hulda, als sie wieder ins Zimmer trat.

Nun überschritt er die Schwelle zu Friederikens Zimmer. Vor dreißig Jahren halte er sie zuletzt gesehen. Damals war sie ein schönes Mädchen im weißen Kleid; blaue Bänder zierten es, ein Kranz von blauen Blumen lag in ihrem lockigen Haar und ihre Augen strahlten in froher Lust. Und heute? Eine muffige, verbrauchte Luft schlug ihm entgegen; es war ein widriges Gemisch von Baldrian, Melissenthee und ungelüfteten Betten. In dem großen Himmelbett lag eine alte, häßliche Frau: er schauderte, als er näher trat. Das war Friederike Orthmann? Mit matter Stimme fragte sie: »David, bist Du gekommen? Nicht nur vor Gott sind tausend Jahre wie ein Tag, auch vor mir ists nun, als wäre das Damals ein Gestern und heute die frohe Erfüllung aller Erwartung!«

»Se redet manchesmoh irre, Herr Parre«, sagte Hulda leise.

Friederike wollte sich aufrichten, doch schmerzhast verzog sich ihr altes Gesicht und sie sank in die Kissen zurück. Tastend griffen ihre mageren Hände in die Luft.

David Degenhardt stand Sekunden lang starr und sprachlos da. Das also war aus dem schönen, lebenslustigen Mädchen geworden. Das war Friederike Orthmann, die Pfarrerstochter von Frohnhausen! Diese halb erloschenen Augen hatten einst wie Lichter gefunkelt und dies graue Haar, das in spärlichen Strähnen aus der häßlichen Mütze hervorquoll, hatte sich in goldenen Locken um ein niedliches Gesicht geschmiegt, das ihm »wundervoll« erschienen war wie die Lenzgestalt der Natur, wenn der Schlehdorn blüht und die Amsel schlägt.

Draußen rief eine kraftvolle, frische Stimme: »Frau Hulda! Wo is se denn?« Und Frau Hulda ging; die Stimme hörte sie gern.

Da waren sie nun allein, die Beiden, die die Gründe der Moral höher gestellt hatten als die der Natur.

David Degenhardt mußte all sein Christenthum zusammennehmen, als er sich auf den Stuhl neben das Bett setzte und sein kleines Neues Testament aus der Tasche zog, um einen Psalm mit Friederike Orthmann zu lesen; denn dazu war er hergekommen.

Es war ganz still in der kleinen Stube; nur die Blätter des Psalmbuches knisterten beim Umschlagen. Es dauerte auch so lange, bis er den rechten Psalm fand; und am Fußende des Bettes schnurrte und blinzelte die große schwarze Katze und Friederike Orthmann röchelte und raschelte, wenn sie athmete. Sie fingerte ungeduldig und ängstlich auf der Bettdecke umher und suchte mit ihren halbblinden Augen nach dem Freund ihrer Jugend, der, wie von einem bannenden Grauen gehalten, dasaß und auf sein kleines, zerlesenes Testament sah.

»Rieke«, begann er, »Friederike, wir wollen beten: Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzet und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibet . . .«

Da richtete sich Rieke Orthmann mit einem Ruck auf. Sie riß die Nachtmütze ab, fuhr sich angstvoll durch das wirre, graue Haar und rief laut: »Hör' auf, David, ich will nicht den Trost in Sterbensgefahr, ich will ihn nicht, hörst Du! Was soll Das? Ich saß niemals im Leben unter dem Schirm des Höchsten, auch nicht in seinem Schatten!«

»Rieke, Rieke«, sagte David besänftigend und faßte nach ihrer Hand; »sei doch still zu Gott und höre auf sein Wort: Meine Zuversicht und mein Hort, mein Gott, aus den ich hoffe . . .«

Ein irres Lächeln flog über die Züge der Alten; sie schüttelte den Kopf, aber David fuhr fort, mit eindringlicher, weicher Stimme: »Er wird Dich mit Fittigen decken und Deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, daß Du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen . . .«

Da schlug sie ihm das Buch aus der Hand mit ihren dürren Fingern und klammerte sich an ihn. »Hör auf!« schrie sie laut, »hör auf! Das Alles ist Heuchelei: Ich wollte nicht mit Dir beten! Ich wollte Dich noch einmal sehen und Dir sagen, daß das Grauen meiner Nächte und das Elend meiner Tage grenzenlos war und daß ich schlechte Gedanken hatte jahraus, jahrein. Ich bin voll Neid, voll Mißgunst an jedem Glück vorbeigegangen! So viel ungenossene Lust gab es für mich; und soll doch so lustlich sein, das Leben! Und weißt Du«, flüsterte sie leise, »warum Du damals nicht kamst, weißt Du, warum? Du warst feig, Du redetest Dir ein, es dürfe nicht sein, wir müßten das Opfer bringen, weil Dein Vater meine Mutter, die das Weib eines Anderen war, mit sündhafter Liebe angesehen hatte. Hats nun was genützt? Meinst Du, Du bekommst nun einen Extraplatz im Himmel? Aber ich? Ich, Jungfrau Orthmann, – oh, was bin ich so elend, so arm gewesen, Keinem ein Segen; und fluchen will ich Dir, dem Feigling, der nicht muthvoll mich nahm, mich mit Seel' und Leib!«

Nun sank sie müde in die Kissen, glanzlos starrte sie auf die Katze, die mit grünlich funkelnden Augen den Mann anglotzte, der so fremd da am Bett saß, so fremd, und nichts empfand als Gram, Reue und Ekel. Und die Katze machte einen Buckel, sprang vom Bett und legte sich aufs Fensterbrett in die Frühlingssonne und blinzelte behaglich.

David wollte noch einmal zu trösten versuchen. Er griff nach Riekes Händen und begann: »Fluche nicht; es konnte ja nicht sein!«

»Warum?« stieß sie hervor, »warum?« Und dann flüsterte sie leise, kaum verständlich vor sich hin:


»Ach Buhle, liebster Buhle mein,
Wie ließ ich Dich so gerne ein
In meine stille Kammer.
Das Mondlicht leuchtet, komm herein,
Geschwind, es merkts wohl Keiner!«


David faltete die Hände. Ein Grauen kam ihn an; er saß da, starr und still, und fühlte, wie die Arbeit eines langen Lebens zusammenfiel in nichts und wie Alles, was er an Werken der Liebe und Barmherzigkeit gethan, zerkrümelte und zermürbte unter dieser furchtbaren Schuldlast, die unbarmherzig vor ihm aufstieg, riesengroß . . . Die Schuld an dieser Jungfrau. Dieses verwilderte Brachfeld da, dieser Acker, der nicht Frucht trug, dieses Leben ohne Sonne, dieses Halbe, dies Verdorrte . . . Und er bog sich über die Alte, Welke und küßte in überwallender Verzweiflung den zuckenden, verschmachtenden Mund, Da ging ein krampfhaftes Zittern durch ihre mageren alten Glieder, der Kopf fiel zurück; sie war tot.

Und David dachte daran, daß wir Kinder des Zornes sind, und machte das Zeichen des Kreuzes. Er bückte sich nach seinem Testament: da lag es auf der Diele. Nach alter Gewohnheit schlug er es auf, aber die Buchstaben flimmerten vor seinen Augen, in denen Thränen standen, – Thränen um ein verwüstetes Leben.

Frau Hulda öffnete leise die Thür. Er stand noch immer am Bett, ohne sich zu rühren. Mit hochrothem Kopf trat sie heran, entsetzt schrie sie auf: »Se is all tot!« Sie riß die Thür auf. Berthold kam herein. Er nahm seine Mütze ab. Hulda faßte ihn ängstlich am Arm.

Da sah der Alte auf aus seinen zerflatterten Gedanken und sagte, was er immer sagte, wenn er von einem Toten schied, dem er die letzte Wegzehrung gegeben:

»Der Herr segne ihre unsterbliche Seele!«

Berthold aber, der alle Gebräuche kannte und wußte, was man thut, wenn Einer starb, drückte der Alten die Augen zu und band ihr ein Tuch um die zahnlosen Kiefern. Dann traten die Drei hinaus auf die Diele.

David Degenhardt wollte nicht noch einmal in die andere Stube eintreten: er ging heim. Er mußte eine Himmelfahrtpredigt machen und die rothe Altardecke mit den goldenen Fransen und dem goldenen Kreuz aufdecken lassen.





Lotte Gubalke – Jungfrau Orthmann

Lotte Gubalke – Jungfrau Orthmann

Lotte Gubalke – Jungfrau Orthmann

Lotte Gubalke – Jungfrau Orthmann

Lotte Gubalke – Jungfrau Orthmann