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Lotte Gubalke – Das Mondlied

Novelle

aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jahrgang, Nummer 10, Wien Oktober 1912, S. 280-282



Mike stieg, ängstlich besorgt um den Kronenreiher, der ihren Turban aus Hermelin und Silberspitzen zierte, die Kellertreppe hinauf. Sie raffte ihr hellblauseidenes Kleid mit beiden Händen hoch, damit der enge Rock nicht hinderlich beim Ersteigen der steilen Stufen werde. Wie oft würde sie noch diesen schrecklichen Aufstieg machen müssen! Sie dachte an Trude Löffler, die jetzt Ruth hieß und eine Wohnung von sechs Zimmern am Annenufer hatte – da wo die reichen Leute wohnen, draußen im Freien – nahe am Wald und See –

Sie stolperte über ein Kohlblatt, das auf den Stufen liegen blieb, als ihre Mutter die Auslage wegräumte – dabei fiel ihr Blick auf das Hufeisen, das ihr Vater zum Andenken an den Braunen, der sein altes Leben beim Roßschlächter hatte lassen müssen, hier angenagelt hatte. Der Braune zog ehemals die Karre, auf der das Gemüse aus der Markthalle geholt wurde. Das tat jetzt Lord, der Ziehhund. Alike schüttelte sich vor Ekel, wenn sie an den Hund dachte, durch dessen Anwesenheit die Luft in dem dunklen Hinterzimmer noch mehr verpestet wurde.

Nun stand sie vor der Türe und schaute nach einem Auto aus. Drüben jenseits der breiten Straße lag das Schienengeleise des Fernbahnhofes. Ueber den Bretterzaun, der es begrenzte, nickten verwelkte Sonnenblumen. Ein schwerer Duft hing in der Luft, es roch nach' verwelktem Laub und feuchtem Staub. Eine violette Dämmerung lag über der großen Stadt, die elektrischen Bogenlampen hingen rund und fahl an ihren Masten. Die Menschen hasteten über die Straße, der Wind strich vorüber und trieb welke Blätter der Alleebäume vor sich her, die Glockenstimmen einer nahen Kirche kämpften erfolglos gegen den Lebenslang gegen die Huppensignale vorbeirasender Autos, die schrillen Pfiffe der Züge, die donnernd in die Bahnhofshalle einfuhren und gegen tausend andere Geräusche, die sich zu einem dumpfen Brausen vereinigten. Alike war wie erstarrt – betäubt, fast schwindelig. Dies Gefühl ergriff sie jedesmal, wenn sie aus dem Keller heraufstieg. Auf den Treppenstufen, die zu einer Destille führten, saß ein kleiner, schmächtiger Junge. Sie hatte ihn vordem nie gesehen. Er sang mit seiner , dünnen Stimme ein Lied und schaute geradeaus nach dem dunklen Abendhimmel. Es war eine schwermütige Weise, Alike hatte sie nie gehört.

Da tritt aus dunklem Wolkentor
Ein silberheller Mond hervor –
Der Mond scheint übers weite Land –
Das Land, das ruht in Gottes Hand.

Ein kleines, rothaariges Mädchen hatte seinen Rock mit beiden Händen gefaßt und drehte sich, unbekümmert um das Lied, das der Junge sang, nach der Walzermelodie, die durch das halbgeöffnete Fenster der Destille klang. Es sang mit einer hellen Stimme: »Daß mich die Männer so gerne haben – Wer kann was dafür –«

Die beiden Lieder klangen nebeneinander durch den Abend und fingen sich in Alikes Seele. Sie starrte die beiden Kinder an – sie wollte den Jungen nach seinem Namen fragen – sie hatte Kinder so gerne. Da kam ein Auto – der Kutscher hielt – er hatte Alike schon oft gefahren. Jetzt wurde das kleine Mädchen gewahr, daß Alike dastand. Mit einem Sprung war es neben ihr: »Bist du heute schön!« Es öffnete den Wagenschlag – Alike stieg ein, wie im Traum. Während sie in rascher Eile ihrem Ziele zujagte, klang ohne Unterlaß das seltsame Lied mit seiner eintönigen Weise vor ihrem Ohr: »Da tritt aus dunklem Wolkentor – ein silberheller Mond hervor –« Als Alike ausstieg, sah sie unwillkürlich suchend nach dem Himmel, an dem der Mond groß und silbern stand und sich in dem schwarzen Wasser des Kanals spiegelte. Alike sang das Lied vor sich hin – nur die drei ersten Strophen – bei der letzten stockte sie.

Eilig stieg sie hinauf in den großen Prunksaal. Und dann riß sie der Strudel der Lust mit fort. Lichterglanz, der den Mond und die Sterne, und die Sonne überflutete, Melodien, die alle Geräusche des Lebens da draußen übertönten und das kleine Lied verschlangen, umgaben sie. Ein schwüler Duft legte sich auf ihre Gedanken.

Alike vergaß den alten Braunen, der beim Roßschlächter endete, Lord den Ziehhund, das dunkle Hinterzimmer; die ganze, trübe, schmutzige Welt, in die sie hineingeboren war, versank. – Wie heiß es um und in ihr war. Sie trat an das Fenster. Da erlebte sie das kleine Lied: der Mond schwamm unter einer dunklen Wolke hervor. Es war wie ein Zauber, wieder klang unaufhörlich die Melodie an ihr Ohr. Sie sang sie leise vor sich hin.

Ein blonder junger Mann gesellte sich zu ihr. Er nahm ihren Arm, um sie zum Tanz zu führen.

»Nein – ich tanze jetzt nicht – sehen Sie doch den Mond –«

»Ja der Mond –«

Der junge Mann sah nach dem dunklen Nachthimmel und der silbernen Scheibe, die neben der Wolke schwamm. Ihm fiel ein, daß seine Mutter den Mond »Himmelswächter« nannte. Er wollte diese Gedanken an fernliegende Zeiten verscheuchen und rief: »Komm, Alike, laß den Mond, – sei meine Sonne!«

»Nein – ich tanze nicht – sehen Sie den Mond, wie er silberhell aus dem dunklen Wolkentor tritt –«

»Was sind das für Sentimentalitäten!«

»Wenn Sie den Jungen hätten singen hören, das Lied –«

»Welches Lied?«

Sie trat einen Schritt zurück und sang das Lied, wie sie es von dem Jungen gehört hatte und die letzte Strophe sang sie nur mit halber Stimme. Obgleich die Melodien der Bläser und Geiger tausendmal lauter erklangen, war die Weise des Liedes so eindringlich, daß der junge Mann alles vergaß, was ihn eben noch entzückt hatte. Er seufzte und sah nach dem Himmelswächter. Als er sich wieder zurückwendete, war Alike verschwunden.

Als er sie nirgends fand, ging er heim und trug den Spott der anderen gelassen. Die Strophen des Liedes brachte er nicht zusammen, aber vor seiner Seele zogen Bilder vorüber, die eine Zeit lang verdrängt schienen – – Alike fuhr heim. Das Auto fuhr ihr viel zu langsam. Sie wollte fort, fort, aber wohin? Dahin, wo der kleine Junge saß und sang und ihn fragen, woher er käme, von wem er das Lied habe – wie es weiter ging. Und sie wußte doch ganz genau, daß sie ihn jetzt in der Nacht nicht mehr auf der Treppe vor der Destille finden würde. Dennoch war es ihr eine traurige Enttäuschung, als sie vor dem leeren Platz stand. Dort am Himmel war ein fahler Morgenschein. Ganz still war es ringsum – für ganz, kurze Zeit schlief die große Stadt. Bald würde die Sonne aufgehen und viel Jammer sehn – –

Als Alike am andern Morgen, von Lords Gebell geweckt, erwachte – kam ihr zum Bewußtsein, daß sie bitterlich im Traum geweint hatte. Warum wohl? Allmählich fiel es ihr ein. Sie war auf einer endlos langen Straße gewandert – Jemand lief vor ihr her und sang – sie wollte den Sänger einholen, sein Gesicht sehen – es gelang ihr nicht. Sie blieb müde am Weg liegen. –

»Ich mag nicht, und ich will nicht mehr zum Tanz gehen,« dachte Alike und legte die Hände auf die brennenden Augen.

Als sie dann aufstand und auf die Straße ging, pfiff ein kalter Wind um die Ecke, der Regen schlug ihr entgegen – nicht der Knabe und nicht das kleine rothaarige Mädchen war zu sehn. Und dann ging sie doch wieder am Abend zum Tanz und ging früher heim, als jemals sonst. Die andern meinten: »Weil der Blonde nicht da ist!« Nein – weil der Mond so rund und silbern am Himmel stand und das Lied ihr keine Ruhe ließ.

»Ich will nun ganz bestimmt nicht mehr tanzen gehen,« sagte Alike am dritten Morgen. »Ich werde mir Arbeit suchen und der Junge muß und wird zu finden sein, der Rotkopf aus der Destille wird ihn doch kennen ...« Sie war früh aufgestanden. Sie staunte, wie warm an diesem Novembertag die Sonne schien. Der Himmel sah stahlblau aus, Mariengarn flog durch die Luft und wirklich, da stand das rothaarige Mädchen. Aber es sang nicht. Es starrte stumm auf einen Krankenwagen, der eben vor dem Nebeneingang der Destille Halt machte.

Alike fragte: »Kennst du einen kleinen blassen Jungen, der ein Lied vom Mond sang?« Der Rotkopf nickte und zeigte nach dem Krankenwagen: »Den holen sie jetzt, den haben sie überfahren – der kommt nicht wieder.« Alike starrte auf die Männer, die eine Bahre in den Wagen schoben – ein Tuch bedeckte den, der darauf lag, eine schmale Frau ging hinter drein – ehe Alike wußte, wie ihr geschah, fuhr der Wagen davon. Sie sah ihm nach, so lange sie konnte.

Dann lachte sie laut auf und – ging am Abend wieder tanzen. Warum? Oh – sie hatte keinen Menschen, mit dem sie über die Gefühle, die ein kleines Lied in ihr geweckt hatte, sprechen konnte. Es war ihr nicht so gut geworden, wie dem jungen Manne, der sich an eine Mutter erinnern konnte, die den Mond einen Himmelswächter nannte. Liegt die Schuld, daß Alike niemand hatte, nicht schwer auf unseren Seelen?





Lotte Gubalke – Das Mondlied

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