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Natalie Guth - Verwandte Seelen

Novelle

Natalie Guth, Verwandte Seelen, Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Verlag von A. H. Payne, Leipzig, 2. Band (1890), S. 241ff.


Blanche Oehlert war das einzige Töchterchen, das einzige Kind eines reichen Kauf- und Handelsherrn, der Sproß eines alten Patriziergeschlechts. Sie war ein echtes, verzogenes Lieblingskind, aber ihre etwas verkehrte Erziehung war nicht imstande gewesen, die guten Keime zu zerstören, die ihr Charakter barg. Dieser Charakter war durchaus edel veranlagt. Blanche war kleiner, zierlicher Gestalt, hatte ein reizendes Puppengesichtchen von rosigem Teint und besaß langes, weißblondes, fast farbloses Haar, das ihr offen, nur im Nacken von einem mattblauen Bande zusammengehalten, den Rücken hinabflatterte, und vorn in krause Löckchen gebrannt, bis fast in die großen, stahlgrauen Augen hinein hing, die träumerisch unter diesem Haargekräusel hervorsahen. Etwas eigensinnig konnte sie sein, etwas launenhaft, sonst war sie eine kleine, schwärmerische Person, die mit förmlichem Heißhunger Geibelsche Gedichte las und sich das Leben so vorstellte, wie es sein könnte, aber nicht ist. Sie lebte immer in Illusionen und stand vor ihrer Zukunft, wie das Kind vor einem Märchenbuche, neugierig, was diese Zukunft ihr wohl an phantastischen, romantischen, ungewöhnlichen Ereignissen bringen werde. Eine kleine Idealistin war sie, ein wenig auch sentimental. Die nüchterne Wirklichkeit stieß sie ab. Ihr praktischer Vater pflegte zu sagen: »Wenn ich einmal in die Lage komme, einen Schwiegersohn zu wählen, dann wird mir angst und bange, denn wenn ich der Geschmacksrichtung meines Mondscheinprinzeßchens gerecht werden will, dann muß es eine Idealgestalt von der Bühne sein! Eine Art Lohengrin oder Troubadour, oder ein Geiger mit langer Löwenmähne, der seinem Instrumente schmelzende Melodien entlockt, oder gar eine Art Dichterling in Goldschnitt- Prachteinband und Miniaturausgaben.« Imgrunde scherzte der würdige Herr mit solcher Rede, denn im Ernst hielt er doch auch sein elegisches Töchterchen für zu vernünftig, als daß sie ihn je in die Lage bringen könne, einem solchen unerwünschten Schwiegersohne einen Korb flechten zu müssen. Trotzdem sah er, mit einiger Sorge für die Zukunft, der Kleinen nach, wenn sie unter den Fenstern seines Comptoirs auf ihrem milchweißen Pferdchen dahin sprengte . . . . So praktisch und vernünftig, wie er, würde sie wohl kaum wählen, und er sah mit einigem Zagen den möglichen Differenzen entgegen. Er war ein sehr schwacher Vater, und jedes entschiedene Entgegentreten Blanche gegenüber war ihm in den Tod zuwider.

Mit ihrem zierlichen Pferdchen war Blanche wie zusammengewachsen, und wenn sie es in Galopp setzte, flatterte seine lange, weiße Mähne mit ihrem offenen, farblosen Haar um die Wette. Ging es aber im Schritt, dann nahm es etwas von einem Cirkuspferdchen an. Es hob die feinen Beine genau so kokett wie ein solches, den Kopf in den Nacken geworfen und doch gesenkt. Es schien auf dieses kleine, milchweiße Pferdchen etwas von der Grazie übergegangen zu sein, die in jedem einzelnen Gliede des zierlichen Körpers seiner Herrin steckte.

Was aber den Schwiegersohn anlangte, so hatte der noch sehr stattliche Herr Papa bereits einen solchen ausgesucht. Es war das der Sohn eines Geschäftsfreundes in Ofen in Ungarn. Der junge Mann hatte einen deutschen Vater und eine ungarische Mutter und trug, wohl infolge dieses Umstandes, einen ungarischen Vor- und einen deutschen Vatersnamen, er hieß: Csipkés Bleesburg. Sein Vater, Bleesburg der ältere, lieferte für das große Kolonialwaaren- und Weingeschäft von Franz Wilhelm Oehlert Comp. die ungarischen Feuerweine und pflegte gelegentlich von seinem Sohne zu schreiben, er sei ein gefühlsseliger Deutscher und ein leidenschaftlicher Ungar zugleich, dazu ein etwas unpraktischer Geschäftsmann, weil immer mit zwei Tropfen Poesie und einem Tropfen Tinte in der Feder, was doch bei der kaufmännischen Buchführung nicht gut lohne. Ein Glück, daß er sonst fast nichts verbrauche, und er, der Alte, so viel vor sich gebracht habe, daß es der Junge schlechterdings, auch wenn er nichts dazu verdiene, nicht »alle« machen könne. Mit dem Dazuverdienen werde es wohl gute Wege haben.

Als Blanche achtzehn Jahre alt war, kamen die beiden Väter überein, daß es doch wohl angezeigt sei, die beiden für einander be- stimmten jungen Leute mit einander bekannt zu machen, damit ihre noch unberührten Herzen nicht andere Eindrücke empfingen und die Pläne dann scheiterten, die man seit Jahren gesponnen und gern gesponnen. Man kam zu dem Endresultat, daß zu der Zeit, in welcher im Norden Deutschlands die Veilchen blühen, der Sohn des Südens seine Brautfahrt antreten solle, und es war Herbst, als man dieses Programm aufstellte. Beide sonst so klugen und mit jeder Möglichkeit rechnenden Kaufleute zogen dabei die Thatsache nicht in Betracht, daß zwischen Herbst und Frühling der Winter liegt. –

Nachdem dann der Heiratsplan vollständig ausgearbeitet war, wurde er der kleinen Blanche und dem jungen Csipkés vorgelegt. Blanche machte große Augen, zog die rothe Oberlippe ein wenig in die Höhe und erklärte sehr entschieden, so schnell gehe das nicht. Sie habe doch auch ein Wort mit drein zu reden und sei sozusagen die Hauptperson in der ganzen Geschichte. Jetzt entscheide sie sich nicht! Auf keinen Fall und unter keinerlei Umständen! Sie werde ja da verhandelt wie eine Waare! Das ganze Prosaische, Nüchterne bei diesem Plane sei ihr ein Gräuel. Ohne Liebe thue sie es nun einmal nicht, wenn auch unsere prosaische Zeit zu derlei idealen Ansichten die Achseln zucke. Sie sehe das Heil ihrer Zukunft im inneren Glücke des Herzens und nicht im äußeren Ueberflusse. Von dem letzteren besitze sie mehr als genug, habe nicht nöthig, noch mehr dazu zu heiraten, damit sie noch mehr »zu viel« habe. Und als der bestürzte Handelsmann bei dieser entschiedenen Erklärung seines Lieblings die Brille hoch nach der Stirn hinaufschob und sein alterirtes Töchterlein verblüfft anschaute, wandte sie sich auf dem spitzen Absatz ihres winzigen Schuhes kurz ab und schloß achselzuckend: »Kommen kann er meinetwegen und ansehen will ich ihn mir auch aufs Heiraten, aber ich weiß schon im voraus, daß das ganze Projekt an meinen idealen Grundsätzen scheitert. Wären wir beide verwandte Seelen , dann würde er sich eben so sehr gegen Eure Pläne auflehnen, wie ich, und sich nicht wie eine Weinkiste hierher verschicken lassen, um ein wildfremdes Mädel zu heiraten!« Damit ging sie.

Von dieser Erklärung erfuhren natürlich weder Csipkés noch Wilhelm Bleesburg auch nur ein Sterbenswörtchen.

Dann kam der Winter mit seinen geistigen Genüssen, seinen Vergnügungen, Bällen und Konzerten, Opern- und Schauspiel-Novitäten, und er brachte außer dem bereits Bekannten etwas neues in die Residenz: eine ungarische Instrumentalkonzert-Kapelle, der ein ganz bedeutender Ruf vorausging. Diese Kapelle unternahm eine Konzert-Tournée durch ganz Deutschland. Nachdem sie ihr erstes Konzert gegeben hatte, waren kaum noch Billette zu bekommen. So oft sie aber konzertirten, mußte der Markthelfer der Firma Franz Wilhelm Oehlert & Comp. drei Billette besorgen, mochten sie kosten, was sie wollten. Blanche befahl es so, und sie saß dann in Begleitung ihrer Eltern im Parkett des Konzerthauses, in unmittelbarer Nähe des Orchesters, und starrte mit ihren hellen Augen in ein interessantes, krankhaft-bleiches, durchgeistigtes Männergesicht, folgte jeder Bewegung einer wunderbar schönen, feinen, aristokratischen Männerhand, die den Bogen, der zu einer kleinen Geige gehörte, meisterhaft zu führen verstand. Dieser Mann, der mit seinem Violinspiel das kleine, warme Herzchen der reizenden Patrizierstochter stürmisch klopfen machte, war der Sologeiger jener ungarischen Kapelle, und er trat sehr häufig in die unmittelbare Nähe seines Dirigenten, um seine Czárdás und frohen oder melancholischen, ungarischen und polnischen Nationalmelodien, die bisweilen wie wilde Schmerzensschreie, dann wieder wie laut aufjauchzende Jubelrufe klangen, in dem todtenstillen Raume erklingen zu lassen, in dem man eine Nadel fallen hören konnte, wenn Otrahotsi Komaroni seine Geige spielte. Er war, wie alle seine bei der Kapelle mitwirkenden Landsleute, von schmächtiger Gestalt, nicht über Mittelgröße, das durchsichtig bleiche, von blauschwarzem, glänzendem, kurz- geschnittenem Haar umgebene Gesicht war mager, und um die Augen lagen tiefe Schatten, aber wenn auch seine Erscheinung keinen Anspruch auf Schönheit erheben konnte, sondern mehr interessant und eigenartig zu nennen war, seine Augen machten alles gut. Was hatte doch dieser Ungar für ein Paar Augen im Kopfe! Unnatürlich groß, von ganz ungewöhnlichem Glanze und dunkel wie die Nacht waren diese Augen, und während er den zitternden Bogen über die Geige gleiten ließ und dem kleinen Instrument süße, bestrickende Herzenstöne entlockte, hingen diese Augen unverwandt an dem blonden Kinde des Nordens. Sie hatten ja nicht nöthig, das Notenblatt zu beachten; Otrahotsi Komaroni spielte alle seine Melodien und Czárdás aus dem Kopfe. Bald mit schwermüthigem, melancholischem Ausdrucke ruhten diese unergründlichen Augen auf der lichten Gestalt Blanches, bald hingen sie im wilden Feuer verzehrender Leidenschaft an ihrem zarten Blumengesichtchen. Es schien dann förmlich in der Tiefe, auf dem Grunde dieser Augen zu glühen, und der brennende Blick hatte geradezu etwas fascinirendes für das harmlose Kind, das mit seinen achtzehn Jahren einer so unverhohlen zur Schau getragenen Vergötterung noch nicht gegenüber gestanden hatte. Spielte der Magyare nicht mehr, dann stand er im Hintergrunde der Bühne, an eine Säule gelehnt, den dunklen Kopf an diese Säule zurückgebogen, und seine Blicke ruhten auch dann unverwandt auf der andächtigsten seiner Zuhörerinnen. Eine ganze Welt voller Melancholie lag dann in diesen wunderbaren Männeraugen. Und wenn sie dann auseinander gegangen waren, dann sann der Geiger auf neue Melodien und seine kleine Göttin auf eine neue, raffinirte Toilette, und während er sie dann beim nächsten Zusammentreffen mit dem Tönen und Klingen seines Instrumentes um Sinnen und Verstand brachte, versteckte sich das heißklopfende Herz des armen Teufels in der Schönheit der blonden Elfengestalt, die in ihren lichten, gleißenden, von matten Blumen durchrankten Gewändern wie ein deutsches Märchen vor ihm saß.

Ja, es war etwas eigenartiges um diese wilde, leidenschaftliche Musik und um die eigenartige Weise, in welcher sie vorgetragen wurde. Diese bleichen, schlanken Gestalten mit ihren brennenden, schwarzen Augen und dem fahlen, gelblichen Teint folgten mit ihren geschmeidigen Bewegungen jedem Tone ihrer Instrumente, beugten sich verzückt nach rückwärts, neigten sich lauschend zur Seite – tief zur Erde, und jede dieser geschmeidigen Bewegungen war von vollendeter Anmuth.

Ein der Familie Oehler bekannter Kapellmeister von der großen Oper brachte eines Abends, nach Schluß des Konzerts, den Dirigenten jener ungarischen Kapelle und seinen Konzertmeister mit an den Tisch, an welchem Blanche mit ihren Eltern in Gesellschaft mehrerer junger Offiziere und einiger Herren in Civil saß, und er stellte die Künstler vor. Timon Csokonayo, der Dirigent, war dann auch bald im Gespräch mitten drinn. Seine schwarzen Augen blitzten mit seinen weißen Zähnen um die Wette, und die umsitzenden Frauen hingen förmlich an seinem Munde. Man fragte ihn, wie es ihm im fremden Lande gefalle und wie ihm die Norddeutschen zusagten, und er meinte mit einigem Zögern: »Ah – sehr gut! Nur finde ich die norddeutschen Männer wohl etwas phlegmatisch, etwas kühl! Besonders im Punkte der Galanterie und Ritterlichkeit!«

Natürlich verwehrten sich gegen dieses Urtheil alle anwesenden Herren, und die Damen lachten. Aber der Ungar ließ sich nicht ein- schüchtern.

»Ah. bitte! bitte!« wehrte er den Sturm der Entrüstung ab. »Ich kann mit Belegen aufwarten! So gehe ich zum Beispiel gestern durch die Margarethenstraße und begegne dabei einem Fuhrwerk, mit Hunden bespannt. Die Hunde ziehen keuchend dieses Fuhrwerk, und eine Frau schiebt hinten; drinnen aber im kleinen Fuhrwerk sitzt der Mann, ein großer, dicker Lump, gemächlich seine Pfeife paffend, und läßt sich von Frau und Hunden ziehen! Ist das ritterlich? Nimmermehr! Und so der Sohn meiner Wirthin! Er war mit mir zugleich zu einem feinen Familienballe eingeladen. Dort sahen wir ein wunderschönes, blondes Weib. Ich zitterte schon beim bloßen Anblick vor Leidenschaft am ganzen Leibe, mein Herz stand in hellen Flammen. Der Sohn meiner Wirthin tanzte nicht! Und er war der Vetter des schönen Weibes, und sie kam und bat ihn um einen Tanz! Ah! Am andern Morgen fragte ihn sein Vater, wer auf jenem Balle die Schönste gewesen sei, und er entgegnete gähnend: ›Ich weiß es nicht!‹ Und als dieser selbe Vater weiter fortfuhr: ›Doch wohl Kamilla?‹ da entgegnete der Sohn: ›Doch wohl!‹ – Ist das etwa nicht phlegmatisch?! Nein, das verstehe ich nicht! Ich bin imstande, mitten auf einer Konzert-Tournee, auf einer kleinen Station auszusteigen, wenn ich auf dem Perron ein schönes Weib erblicke, und die meisten meiner Leute und Landsleute empfinden wie ich. Wenn wir ein Bankett feiern, und schöne Frauen geben uns die Ehre, unser Fest durch ihre Gegenwart zu verherrlichen, dann tauchen wir die Rosen, die sie an ihrer Brust getragen haben, in den Sekt und schlürfen ihn aus den Kelchen dieser Blumen, oder wir trinken das Wohl der Dame unseres Herzens aus deren kleinem Tanzschuh! Und wenn ein großer, bedeutender Mann unter uns weilt und uns in Begeisterung versetzt, dann heben wir ihn auf unsere Schultern und tragen ihn durch die Straßen der Stadt! Wir sind so feurig wie unser Wein! Hier bleiben die Menschen bei allem so kühl, so kühl! Das, was sie Begeisterung und Liebe nennen, hat kein Feuer und keine Leidenschaft! Man zeigt es nicht, weil man sich vorher vorsichtig fragt, ob sich's auch schickt! Die Frauen sind wenigstens einigermaßen noch zu erwärmen! Bisher – ich rede nicht von den hiesigen Frauen –« schaltete er vorsichtig mit einem listigen Augenzwinkern ein, »bisher wenigstens hatte unser Otrahotsi Komaroni viel Glück bei den sittigen deutschen Frauen! Er spielt seine Czárdás und die feurigen Melodien seiner sonnigen Heimat und sieht die Damen dabei an – nix sonst! Weg sind sie! – hin! – verloren! Ach!« Und der Ungar lachte wieder und seine Zähne und Augen machten einander abermals Konkurrenz. Otrahotsi Komaroni aber erhob, unangenehm berührt von diesem Bericht über seine Gefährlichkeit, abwehrend seine wunderschöne Hand, und in sein bleiches Gesicht stieg langsam eine feine Röthe. »Kérek!« (ich bitte!) sagte er in seiner Muttersprache mit seiner tiefen, glockenartigen Stimme und fügte dann schnell in deutscher Sprache hinzu: »Er erzählt Märchen!«

Er war überhaupt sehr schweigsam und sprach in seinem gebrochenen, mit ungarischen Wörtern fortwährend untermischten Deutsch nur dann und wann mit seiner nächsten Nachbarin, der kleinen Blanche. Er empfand sicher mehr, als er in seiner Unterhaltung aussprach, aber was nicht in seinen Worten lag, das konnte man von seinen Augen ablesen. Und Blanche verstand die Sprache dieser Augen, die so sehnsüchtig und mit melancholischem Ausdruck auf ihr ruhten, nur zu gut.

Er wohnte ihr gerade gegenüber, in dem vornehmsten Hôtel der Residenz; jeden Morgen trat er ans Fenster, und sein brennender Blick suchte mit dem Ausdruck sehnenden Verlangens die kleine, zarte Mädchenblume da drüben, die ihm das Herz aus der Brust genommen hatte, und seiner wartend, stand sie dann schon lange hinter der Gardine, ließ ihn erst eine kleine Weile schmachten und nahm dann unter sittigem Erröthen seinen Morgengruß entgegen. Welche Fülle von Seligkeit doch in der nüchternen und einfachen Thatsache lag, daß sie beide zu einer bestimmten Zeit des Morgens ans Fenster traten und einander begrüßten! – Blanche fand, daß das Leben doch recht schön sei, und der blasse, ungarische Musikant war überzeugt, daß es schon hier auf Erden eine Seligkeit gebe . . . . Blieb er einmal etwas länger aus, als gewöhnlich, dann wurde das reizende Kind unruhig und war übellaunig beim Frisiren und Ankleiden. Das hübsche, schlaue Zöfchen konnte dann nichts recht machen; es sah dann bei seinem Geschäft ebenso ungeduldig nach den hohen Fenstern des Hôtels, wie seine Herrin, und wünschte mit aller Inbrunst des Herzens, daß der Ungar dort erscheinen möge. Wußte sie doch, daß sich dann mit einem Schlage der Horizont entwölkte. Und sah sie dann den dunklen Männerkopf im Rahmen der Spitzengardinen auftauchen, dann legte sie voll Verständniß für die Situation den Kamm beiseite und bat auf einen Augenblick um Entschuldigung, vorher natürlich das entfesselte Haar so ordnend, daß die Besitzerin darin präsentabel war. »Gott sei Dank!« murmelte sie dann nach einem prüfenden Blicke auf ihr Werk. »Otrahotsi Komaroni! die Sonne geht auf!«

Der stattliche Papa Oehlert aber kaufte mit ganz besonderer Befriedigung die Billette zu den Konzerten der Ungarn. Er meinte, dieses sichtliche Interesse an der wilden, leidenschaftlichen Musik und dem ganzen Habitus der – »Musikanten«, wie er im tiefsten Herzen die Künstler respektwidrig nannte, hänge bei Blanche mit dem Bewußtsein zusammen, daß jene Fremdlinge aus dem Lande stammten, in dem der ihr bestimmte Mann weile. Der gute, harmlose Handelsherr nahm an, sein Töchterlein studire die Welt und Menschen und suche sich von dem unbekannten Zukünftigen ein Bild zurecht zu machen, wenn es so beharrlich den seufzenden Flöten und Geigen lausche und die Landsleute Csepkés Bleesburgs dabei kritisch einer Musterung unterziehe. Daß sich ein persönliches Interesse an einem dieser armen Teufel damit verbinden könne, lag dem klugen Herrn weltenfern. Auch wenn die Kleine schwärmte und phantasirte von der wild-leidenschaftlichen Musik und der Fremdartigkeit des ganzen Gebahrens der ausübenden Künstler, wenn sie ehrlich bekannte, daß ihr das alles unendlich sympathisch und anziehend sei, freute sich der liebe Mann.

»Nun, siehst Du!« pflegte er zu sagen, »das ist ja sehr erfreulich zu hören, daß Deine zukünftigen Landsleute einen so guten Eindruck auf Dich machen! Der Ungar ist ja überhaupt ein edler Charakter. Ein rascher, feuriger Sinn, hoher Nationalstolz, Geradheit, Großmuth, Biederkeit, Festhalten an dem, was er als das Rechte erkannt hat, Muth und Freiheitsliebe sind seine Vorzüge.«

Dann lächelte Blanche befriedigt und dachte an einen dunkeln Männerkopf und an zwei brennende, leidenschaftliche Augen, die so beharrlich die ihren suchten.

Eines Tages fuhr sie unten im Garten auf dem kleinen Schwanenteiche Schlittschuh. Friedliche Stille herrschte rings um sie herum. Nur gedämpft drang das Geräusch der Straße an ihr Ohr. Die beschneiten Aeste der rings um das Wasser stehenden Erlen und Birken glitzerten im Sonnenlichte des prächtigen Wintertages, und die Bahn auf dem kleinen Teiche war spiegelglatt. Das Haus, welches Blanche mit ihren Eltern bewohnte, lag zwar an einer der Hauptstraßen, aber tief im Hintergrunde des großen, gleichfalls nach der Straße liegen- den Gartens, der jetzt verschneit und verweht war, und der kleine Teich zwischen Haus und Gartengitter war sogar zur Winterszeit durch dichtes Gestrüpp geschützt und verborgen.

Blanche war eben damit beschäftigt, eine etwas schwierige Figur auf dem Eise zu laufen, als ihr scharfes Ohr plötzlich einen schnellen, knirschenden Schritt im Schnee vernahm. Gleich mit den Schlittschuhen an den Füßen lief sie ans Ufer und bog das Gestrüpp auseinander, wähnend, daß einer der Diener ihr Besuch anmelde und gekommen sei, sie abzurufen. Aber da stand der blasse Ungar am Ufer und streckte ihr beide Hände entgegen, in die sie die ihren ohne Besinnen hinein legte.

»Kérek!« sagte er leise, und, sich besinnend, setzte er in deutscher Sprache hinzu: »Ich komme, um zu scheiden!« Wie das so traurig klang aus seinem Munde, und wie es dabei zuckte in dem bleichen Gesicht! Sie wurde todtenblaß und sah ihn geängstigt an; da brach ein Strahl namenlosen Glückes aus seinen Augen.

»Virag!« (meine Blume!) rief er in leidenschaftlichem Jubel mit seiner Glockenstimme und zog das zitternde Kind an seine stürmisch- klopfende Brust.

Was er sonst noch gesprochen – was sie bisweilen errathen mußte, wenn seine Kenntniß der deutschen Sprache nicht ausreichte, und in Worte zu kleiden, was er empfand – was sie dann geantwortet – Blanche wußte es nicht genau anzugeben. Nur das Eine war ihr klar, daß er sie gefragt hatte, ob sie ihm folgen wolle in seine schöne, sonnige Heimat und dann wieder hinaus in die Welt, als seine Muse, sein Ideal, der Schutzengel seines Lebens. Und keinen Moment hatte sie sich besonnen. Ein lautes, freudiges »Ja« war die Antwort gewesen.

»Aber ich bin ein armer, unstäter Wanderer, ein Zugvogel, und imgrunde habe ich keine Heimat – nicht einmal in meinem Vaterlande! Wirst Du auch nie bereuen, Dich mir zu eigen gegeben zu haben, mein kleines, süßes Vögelchen?« fragte er angstvoll. »Wirst Du nie traurig sein, und werde ich von Deinen lieben, hellen Augen nie mit unsäglichem Schmerze ablesen, was mir vielleicht Dein Mund schonend verschweigt, daß Du Dich hinwegsehnst von mir, zurück in das sonnige Glück Deines reichen Vaterhauses?«

Aber mit dem Vertrauen der Liebe und Jugend schüttelte sie zuversichtlich das Köpfchen, und er küßte ihr die Antwort von dem rothen Munde: »Lieber unglücklich mit Dir, als glücklich ohne Dich!«

Wie dieser Kuß auf ihren Lippen brannte!

Am andern Morgen kam er dann, um den kleinen Goldfisch anzuhalten. Ein armer Musikant um die reiche Tochter des alten Patriziergeschlechts – ja, das war denn doch eine heillose Ueberraschung für den verblüfften Vater! Immer größer wurden seine Augen während der Auseinandersetzung des Ungarn, den er anfangs sehr freundlich empfangen hatte. Endlich drückte er die Hände gegen die Ohren und lief im Zimmer auf und ab, fast komisch in seiner Hilflosigkeit und Verlegenheit.

»Himmel!« rief er entsetzt, »das geht über mein Begriffsvermögen. Diese tolle, wilde Musik, die Sie uns brachten, habe ich wochenlang mit Ergebung angehört, ebenso die Begeisterung geduldig ertragen, die sie in meiner unmittelbaren Nähe zeitigte; ich habe mir redlich Mühe gegeben, mich in die gleiche Stimmung hineinzuarbeiten, und mir zuletzt allen Ernstes eingeredet, auch ich schwärme für die leidenschaftlichen Genüsse – ich war fast so weit, es beinahe zu glauben! Aber mehr kann bei Gott kein billig denkender Mensch von einem gänzlich unmusikalischen Vertreter des ehrsamen Handelsstandes erwarten! Den Musiker habe ich nicht mit auf meine Begeisterungsliste gesetzt, junger Mann! Wie können Sie einen vernünftigen Vater so unverantwortlich alteriren, und – was machen Sie sich wohl für eine Vorstellung von meiner Tochter!? Sie würde einfach zugrunde gehen, wenn man sie herausreißen wollte aus unseren geordneten, bürgerlichen Verhältnissen. Blanche ist nicht geboren für ein unstätes Nomadenleben, wie Sie es führen! Wenn ich in thörichter Verblendung zugeben wollte, daß sie Ihnen in eine ungewisse Zukunft folgt, sie, das verwöhnte und verweichlichte Kind des Reichthums und Ueber- flusses, dann unterschriebe ich ihr Todesurtheil.«

»Aber ich spreche im Namen und Einverständniß mit Ihrem Fräulein Tochter!« sagte der Ungar, und ein eigenthümlicher Blick seiner brennenden Augen traf den praktischen Handelsherrn.

Da wurde Blanche gerufen, aber sie bestätigte nur, was der – Zigeuner (so nannte der erregte Vater im tiefsten Grunde seines Herzens den ungestümen Bewerber) bereits berichtet hatte.

»Ja!« erklärte sie sehr entschieden und ergriff die Hand des Magyaren, die sich mit herzlichem Drucke um ihre kleinen, rosigen Finger schloß. »Ich gehe mit ihm, wohin er mich führt – bis ans Ende der Welt, wenn es sein muß! Und wenn ich dadurch zugrunde gehe, wie Du sagst, Papa – nun gut – besser, ein kurzes, seliges Glück und dann sterben, als ein langes, freudloses Leben ohne das Glück der Liebe: bin ich doch dann eine Weile glücklich gewesen!«

»Ein Augenblick, gelebt im Paradiese, wird nicht zu theuer mit dem Tode gebüßt!« rezitirte mit offenbarem Hohne der nüchterne Vater einer schwärmerischen Tochter; als er dann aber weiter fortfahren wollte und spöttisch begann: »Es giebt nun leider –«, da wurde er von dem Ungarn mitten in seiner überzeugungstreuen Rede unterbrochen. Der junge Mann erhob abwehrend seine Hand –. »Kérek!« sagte er weich, während ein sonniges Lächeln um seinen Mund erschien, das seinen ernsten, melancholischen Gesichtszügen einen unaussprechlichen Reiz verlieh: »Ich bin Csepkés Bleesburg!«

Der Chef der Firma Franz Wilhelm Oehlert griff sich mit den Spitzen seiner Finger an die Schläfen, um sich zu überzeugen, daß er noch bei vollem Verstande sei, und der – Zigeuner fuhr fort: »Sie werden in diesem Augenblick der unerschütterlichen Ueberzeugung sein, daß Sie einen überspannten Narren zum Schwiegersohne bekommen, aber der Junge ist nicht so schlimm, wie er aussieht! Er ist eben der Sohn zweier Nationalitäten. Der feurige Magyar hat den gefühlsseligen Deutschen in ihm nicht umbringen können! Er wollte nicht um sein Geld geheiratet sein und warb deßhalb inkognito um seine Braut. Er wünschte sich viel Glück zur – Enttäuschung! Er meinte, es sei doch gar zu sehr gegen die Richtung unserer praktischen Zeit, daß eine reiche Patrizierstochter einem fahrenden Musikanten in eine ungewisse Zukunft folge! Er traute sich die Bravour nicht zu, ein solches Kunststück fertig zu bringen. Aber versuchen wollte er's. Er spielte die Violine meisterhaft – war er doch vier Jahre lang Schüler des Konservatoriums zu Budapest gewesen. Seine Freundschaft mit einem andern Schüler des Konservatoriums, der die Musik zum Lebensberuf erwählt hatte und zur Zeit Dirigent einer Instrumental-Kapelle von Ruf war, verhalf ihm zur Durchführung seines Planes, und – er sah mit namenlosem Entzücken, daß er und die ihm bestimmte Braut verwandte Seelen waren!«

»Unter solchen Umständen – hm – mein lieber Herr Bleesburg – ja, wie konnte ich aber auch ahnen –«, entgegnete der fassungslose Oehlert in tödtlichster Verlegenheit und setzte endlich energisch hinzu: »Mich soll der Teufel stückweise holen, wenn ich noch einen Augenblick an Gespenstern zweifle! Sie gestatten wohl, daß ich die mir gütigst oktroyirte Rolle des betrogenen Komödiantenvaters würdig zu Ende spiele und Ihnen meinen Segen gebe!«