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Ella Haag – Die physische und sittliche Entartung des modernen Mannes

Essay

Ella Haag, Die physische und sittliche Entartung des Modernen Mannes, Hugo Steinitz Verlag, Berlin, 1893


Die wahrhaft haarsträubenden Familienverhältnisse und unglücklichen Ehen, deren verderblicher Einfluß nach und nach die ganze neue Generation in Mitleidenschaft zieht, machte schon längst den Wunsch in mir rege, die Wurzel alles Übels zu durchforschen, ohne daß ich den Mut fand meine ganz unparteiischen Anschauungen zu veröffentlichen. Wenn ich es dennoch jetzt, getrieben von empörtem Gerechtigkeitsgefühl, nicht mehr unterlassen kann, liegt die Schuld an dem bekannten Tropfen, welchen das übervolle Gefäß überlaufen ließ.

Dieser Tropfen tritt diesmal in einem Buche auf, welches ein sonst ganz geistvoller Schriftsteller, soweit er nicht in seine paradoxe Ansicht verrannt ist, unter dem Titel in die Welt sendet: »Die physische und sittliche Entartung des modernen Weibes«.

Allerdings muß ich nach eingehender Prüfung des Buches zugeben, daß, so schlimm es ist, der Titel das Schlimmste daran ist! –

Der Herr Verfasser hat zwar die lobenswerte Absicht uns aus der Tiefe unserer Sünden emporzuheben, indem er die Gleichstellung der Frau im geistigen Sinne im Auge hat. Er hätte sein Ziel auf anderem und gerechterem Wege als durch Verläumdung unseres ganzen Geschlechtes erreichen können. »Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube« möchte ich ausrufen, nachdem Beleidigung und Unrecht sich brüderlich vereint, um das Weib all' seiner Tugenden und Reize zu entkleiden, um es nackt und bloß der skandal-lüsternen, darum in diesem Punkte geschlechtslosen Menge preiszugeben! –

Denn Lästerzungen stechen immer, ob bei Bier oder Kaffee: Es kommt nur darauf an festzustellen, wo sie verderblicher wirken; da aber der Mann die öffentliche Meinung repräsentiert, so ist ein Werk, das seine Zunge entfesselt, eine Macht, gegen die wir Frauen mit allen Waffen ankämpfen müssen, die uns zu Gebote stehen.

Vor der Sonne, welche aus den Wolken tritt, verschwinden alle Schatten, soweit sie ihre Strahlen erreichen; die Wahrheit gleicht dem segenspendenden Himmelskörper, und diese ist es, welche ich aussprechen will. Da, was mir Recht ist, auch den andern billig sein muß, wird es mir niemand verübeln, vergelte ich Gleiches mit Gleichem und ein Büchlein in die Welt sende unter dem Titel: »Die physische und sittliche Entartung des modernen Mannes«.

Ich bin keine gebildete Frau, d. h. das weiß ich erst, seitdem ich das Buch von Max Wolf gelesen: bis jetzt meinte ich diesen Titel mit vollem Rechte beanspruchen zu können. Ja ich muß zu meiner Schande gestehen, daß – trotzdem ich die Broschüre gelesen und nicht die darin als notwendiges Äquivalent weiblicher Bildung empfohlenen Werke – ich mir immer noch einbilde, ein gebildeter Mensch zu sein, der meiner Ansicht nach in idealem Sinne auch geschlechtslos dasteht; denn würde man uns die Möglichkeit geben uns auszubilden gleich den Männern, an unseren Fähigkeiten würde es nicht mangeln. Aber es wäre meiner Empfindung nach nur Ballast, den wir über kurz oder lang doch über Bord würfen, da er unser Lebensschiff, wie es einmal ist, nicht forttreiben, höchstens in den Wellen der Alltäglichkeit, an der Klippe der dadurch mit unserem Lose erzeugten Unzufriedenheit, scheitern ließe. –

Ich glaube, daß nicht nur die Frauen, sondern alle billig und gerecht denkenden Männer, die ihre Bräute, Gattinnen und Schwestern achten und lieben, mit mir der Ansicht sein werden, daß es ganz unverantwortlich ist, ein Buch zu schreiben, in dem die Frau als Urheberin, ja unbedingte Ursache unzähliger sozialer Schäden hingestellt wird! Daß der Einfluß der Frau bereits im Altertume ein mächtiger war, wer wollte es bezweifeln? Doch war es immer nur der krasse Egoismus des Mannes, der sogar auf die blendenden Schultern der Schönen Helena die Last eines ganzen Krieges häufte. »Où est la femme« ist geflügeltes Wort geworden, das uns zu dem erhebt, was wir längst sind, – ein gleichberechtigter Teil fühlender und denkender Menschen!


»Ehret die Frauen, sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben.«


Diese Worte unseres großen Dichters klingen wie Blasphemie gegen das Zerrbild der Frau, das uns Max Wolf in seiner Broschüre schildert.

Ist denn Schiller auch aus der Mode gekommen, oder ist es die moderne Frau von damals?

Allerdings Zartheit, Poesie, Glaube, Liebe, all' diese, das profane Leben verschönernden Dinge sind ziemlich antiquiert geworden, nichts ist uns ungeschmälert geblieben als die Hoffnung auf bessere glücklichere Zeiten!

Daß nun, da ein Schriftsteller auftritt, der der Frau alles abspricht was sie sonst besessen, sie herabstürzt von dem Piedestal, die Priesterin der Sitte, Anmut und Häuslichkeit zu sein, sie herabwürdigt zur genußsüchtigen Modedame, auf eine Stufe mit jener stellt, die allerdings den Titel Weib nicht mehr verdient und die, so zu sagen, mehr eine Zwitterstellung, eine Gattung für sich, unter den Geschlechtern einnimmt, welche der Egoismus des Mannes, seine Entartung, geboren.

Mir fällt es nicht ein, rücksichtslos alle zu verdammen, der ganzen Männerwelt den Fehdehandschuh zuzuwerfen; die Spreu nicht von dem Weizen zu sondern, dazu bin ich selbst eine zu warme Bewunderin des edlen, charaktervollen Mannes, wie er sein soll, aber in allen Rangklassen nur in seltenen Fällen ist!

Wenn Herr Max Wolf es notwendig findet in die Posaune der Presse zu stoßen, um gegen das entartete Weib die Männer zum Kampfe aufzurufen (als wenn sich diese lieben Männer nicht allein helfen könnten), um wie viel mehr ist in solch ungleichem Kampfe das Weib zur Verteidigung gezwungen! Einigkeit macht selbst den Schwachen stark, und ich glaube, einig sind wir alle in dem Bewußtsein, daß uns Herr Max Wolf ganz unerhört beleidigt, ja beschimpft hat! –

Die Geduld und Nachsicht, die wir bis jetzt den Fehlern des Mannes entgegengebracht haben, hat durch diese ungerechte Brandmarkung des weiblichen Charakters, worin einzelne entartete Ausnahmen als alltäglich auftretend hingestellt werden, die Grenze überschritten! Ich nehme das Wort im Namen aller Frauen; denn ich weiß, daß das was ich sagen werde, in tausend unglücklichen Frauenherzen freudigen Widerhall finden wird.

Noch einmal bemerke ich, daß ich nur die Männer meine, die sich von meinen Worten getroffen fühlen, – ich wünsche von Herzen, daß es nicht die Mehrzahl sei! –

Ich schildere den Mann, wie er nicht sein soll, ein Auswuchs moderner Genußsucht, die ihre verderbenbringenden Kreise durch böses Beispiel immer weiter ausdehnt, von Geschlecht, zu Geschlecht!

Kaum der Kindheit entwachsen, bemüht er sich vor Allem Gott und die Religion, als seiner Männlichkeit unwürdig, wie ein abgethanes Kinderspiel bei Seite zu werfen. Der Mutter wird Trotz und ein Selbstbewußtsein entgegengebracht, die mit seinen Jahren und Erfahrungen in fast lächerlichem Widerspruche stehen. Mit Vorliebe sucht er jene Kreise auf, die mit Recht als schmachvolle bezeichnet werden, aber nichtsdestoweniger vom Staate geduldet sind; und dennoch, würde man sich Mühe geben, den Lebenslauf einer jeden einzelnen dieser Töchter der Sünde vom Anfang bis Ende zu verfolgen, so würde man unter tausend Fällen neunhundertneunundneunzig finden, die das, was sie sind, durch den Mann geworden! Verführt, verlassen, um einer Minute willen hingeopfert, erbarmungslos hinabgeschleudert in die leere, gleichgiltige Welt! Das Losungswort heißt dann »Arbeit«; wie schwer, wie spärlich nährt sie das Mädchen, besonders das gefallene, von einem gewissenlosen Manne betrogene.

Warum sind Kindesmorde alltäglich? Warum schweigt Max Wolf von dieser fürchterlichen Entartung? Weil auch da, wie überall, der Mann hinter den Coulissen steht. Er hat es möglich gemacht, aus dem verratenen, durch seine Ehrlosigkeit fast sinnlosen Geschöpfe, eine Mörderin zu machen. Er, der Mann, hat es fertig gebracht das heiligste Gefühl des weiblichen Herzens, die erhabene Reinheit der Mutterliebe, welche selbst dem Raubtiere zarte Empfindungen in die Brust gießt, zur erbarmungslosen Feindin des kaum geborenen Säuglings zu machen!

Wahrlich eine Verläugnung der Natur ist hier das Werk des Mannes, – eine Entartung, für die er allein, mit allen trostlosen Folgen, verantwortlich gemacht werden sollte! – Doch eben weil das der Richter weiß und seinem eigenen Geschlechte Konzessionen macht, so fällt er, d. h. die Geschworenen, stets einen milden Urteilsspruch, dadurch die Sünde nicht ausrottend, sondern sozusagen als notwendiges Übel sanktionierend.

Nachdem nun dem Manne, eingeweiht in alle Mysterien, kein schlüpfriges Buch, kein frivoles Bild, kein Laster, soweit es sich auf das weibliche Geschlecht bezieht, unbekannt geblieben ist; nachdem Körper und Seele von den raffiniertesten Ausschweifungen verdorben und erschlafft sind; nachdem er roh und gedankenlos um die abschüssige Bahn, in die er so manches schwache Mädchen gestoßen, Schwüre geleistet und gebrochen hat, Verhältnisse geknüpft, deren Schatten noch auf Jahre hinaus verdunkelnd auf sein und seiner Angehörigen Loos fallen, – heiratet er ein reines, und vor allem, – der moderne Mann ist praktisch, – reiches Mädchen. Ein unschuldiges, vertrauendes Mädchen bringt diesem Manne errötend den unentweihten Myrtenkranz entgegen; denn was Max Wolf von physisch entarteten Mädchen schreibt, ist mir ein Buch mit sieben Siegeln, und ich hoffe, ja bin überzeugt, daß alle Frauen des gebildeten Standes gleich mir fühlen werden. Wie aber faßt der Mann die Ehe im allgemeinen auf? Liebt er die Frau? – Nein, er liebt nur sich selbst!

Ich bin überzeugt, daß diese Worte bei mancher schwärmerischen Flitterwochen-Ehe den lebhaftesten Protest, nicht nur des Mannes, ja mehr noch den der Frau finden werden; denn es schmeichelt ja so süß der lieben Eitelkeit, wenn man sich geliebt glaubt! Denkt man aber ein wenig über die Liebe des Mannes nach, dann wird man bald erkennen, daß ein Egoist nicht lieben kann, und Egoisten sind meist alle Männer, mögen sie uns mit Liebkosungen umstricken oder mit Worten beleidigen. Alles entspringt der gleichen Quelle, dem Egoismus! –

Himmelweit ist der Unterschied in der Liebe des Mannes von der des Weibes. Sie opfert sich lächelnd, ihr ganzes Denken und Fühlen hat nur den einen Brennpunkt, wie mache ich es ihm behaglich, wie erfreue, beglücke ich ihn? Auch der Mann, vorausgesetzt daß er zu den besseren und edleren gehört, wird sich bemühen der Frau das Leben angenehm zu machen, aber nur um in ihrer Zufriedenheit die seine wiederzufinden. Ich könnte unzählige Beispiele anführen, die diese meine Ansicht beweisen, aber es würde zu weit führen, ich fände vor lauter Beispielen den Weg nicht mehr zurück zu meinem eigentlichen Thema. Die himmelhohen Wogen der Flitterwochen ebnen sich zu den festen Wellen der Alltäglichkeit, die sich wieder erst langsam zu kräuseln beginnen, wenn die erste Gardinenpredigt von Stapel läuft!

Man spottet über diese Waffe der verlassenen, einsamen Frau und sie entspringt doch meist einem gequälten Herzen, dennoch sollte sie jede vernünftige Frau zu vermeiden suchen; denn es ist ein Pfeil, der meistens nur wieder in das eigene Herz dringt. Eine kluge Frau sollte ihren Gatten niemals mit Vorwürfen überhäufen, wenn er spät nach Hause kommt; ein paar ruhige Worte am andern Tage, wo der Mann sich so wie so in einer gewissen Charfreitagsstimmung befindet, die ihn willig zu Kreuze kriechen läßt, richten mehr aus, als die längste, thränenreichste Gardinenpredigt. Hat er sich gut amüsirt, und das ist immer der Fall, so wirkt der Empfang der Gattin wie ein kaltes Sturzbad; sein unreines Gewissen macht ihm so ein wenig Vorwürfe, und da die egoistische Ader in ihm jedes Unbehagen flieht, wird er den nächsten Tag – zu Hause bleiben? Gott bewahre, nur noch länger ausbleiben! Mir wurde von einem Muster-Ehemanne erzählt, der, wenn ihn seine Frau mit Thränen und Vorwürfen empfing, diese in die Arme nahm und auf den Tisch stellte. Dann verbeugte er sich gravitätisch, nahm seinen Hut und verließ mit folgenden Worten von neuem das Haus: »So, Verehrte, jetzt predigen Sie weiter!«

Doch die wenigsten Gardinenpredigten haben einen so tragi-komischen Schluß: gewöhnlich ist der durch manchen Trunk erregte Mann zu nicht gerade zärtlichen Entgegnungen bereit. Grauenvolle Scenen, wo die Entartung des Mannes, sei es bei dem gebildeten in Worten, bei dem Proletarier in Handgreiflichkeiten seinen Höhepunkt erreicht, sind nichts seltenes, ja, schon häufig war Totschlag das Ende – einer Gardinenpredigt! Und das alles um ein Vergnügen, das keins ist, d. h. nach unseren Begriffen, Er, für den im Hause der bequemste Sorgenstuhl in gemütlich elegantem Zimmer, mit allem sonstigen Comfort bereit steht, er zieht es vor, seine Abende auf dem harten Stuhle des Gasthauses zuzubringen, in einem schlecht ventilierten Raume, angefüllt mit den Gerüchen der verschiedensten, ihm oft widerstehenden Speisen, durchrauscht von dem schwirren Gesumme mißtönender Stimmen. Dabei genießt er noch den Vorteil, daß er Überzieher und Hut vertauscht erhalten kann und anstatt des neuen seidenen einen alten baumwollenen Schirm mit nach Hause bringt; auch kommen Fälle vor, daß der Gigerl-Anzug bedenkliche Bekanntschaft mit saurer Sauce gemacht hat. Kurz, der Preis ist des Einsatzes nicht wert, denkt man daran, daß sich zu Hause eine junge liebenswürdige Frau Abend für Abend allein langweilt.

Jetzt bin ich an dem Punkte angelangt, wo die moderne Modedame, die Kokette in das Leben tritt, die Max Wolf als Wurzel alles Übels bezeichnet und die er wie einen Globus hinstellt, der die ganze Welt der Sünde auf sich trägt.

Es gehört Heroismus dazu, den unmöglich jede Frau besitzen kann, sich bei so rücksichtslosem Gebahren des Mannes einfach in ihre vier Wände zu verschließen. Entsagen ist ein bitteres Wort; und ist es nicht höchste Entsagung, wenn von einer Frau, trotzdem sie allen Pflichten nachkommt, die treueste Gattin, und musterhafteste Mutter ist, verlangt wird, daß sie sich ihrem Manne gegenüber nur damit begnügen soll, ihm leibliche Nahrung und eine Schlafstätte zu bieten, wo ihn stets die offenen Arme des liebenden Weibes erwarten? Max Wolf spricht von den Anforderungen, welche die Großstadt an die Männer stellt. Inwiefern stellt sie diese Anforderungen? möchte ich da fragen. Wo liegt der Grund, daß der Mann, der den Tag über geistig gearbeitet hat, sich in Folge dessen seiner Familie gar nicht widmen könnte, sich dann abends und nachts außer dem Hause amüsieren muß? Und dieses wird ihm von Max Wolf noch als eine Leistung angerechnet, zu welcher er volle Berechtigung hat, während er im entgegengesetzten Falle die Frau verdammt, die ein Kaffeekränzchen besucht, oder sich sonst im Theater oder Konzert von der Kleinlichkeit des Hauses und seinen scheinbar kleinen und doch so großen Widerwärtigkeiten erholt.

Man spricht so viel von der geistigen Arbeit des Mannes, seiner Mühe und seinem Streben, das liebe Brot für die Seinen zu erringen. Zu was heiratet ein Mann, wenn seine Stellung eine so fragwürdige ist, daß er eine Familie nicht ernähren kann? Der Hauptgrund der Heirat ist allerdings ein höchst schmeichelhafter für unser ganzes Geschlecht; doch sollte selbst dieser die Ehe zu einer Zuchtanstalt herabsetzende Grund (Max Wolf charakterisiert ihn uns ja als kostbarstes Zuchtmaterial des Mannes) nicht maßgebend sein, wenn es heißt, sich und andere zu dem gräßlichsten Kampfe zu zwingen, den Kampf mit den täglich neuen Sorgen des Lebens, den Kampf um das Dasein! Im übrigen ist der Mann mit keinem Gedanken bei der neuen Generation, sonst würde es nicht vorkommen, daß ein Mann, der kaum den Lebensbedarf für zwei Menschen aufbringt, zwölf und mehr Kinder ins Leben ruft und sie dadurch zu Elend und Not verurteilt.

Er ist der Urheber der langen Kette von Leiden, zu welchen er diese Unschuldigen verdammt; doch er denkt nicht daran: er denkt nur an sich selbst, sein Ich ist sein Gott, sein Egoismus der Punkt, um den sich sein ganzes Leben dreht.

Ich kann einmal dem Kampfe, das tägliche Brot für die Familie zu erringen, keine bewundernden Konzessionen machen, – ein Narr, der sich eine Last aufbürdet, die er nicht tragen kann, – ein um so größerer Narr, wenn er diese Bürde noch vergrößert, indem er in den kostspieligen nächtlichen Freuden der Großstadt mehr als die gleiche Summe verschwendet, die den täglichen Bedarf seiner ganzen Familie ausmacht.

Hat aber ein Mann etwas Tüchtiges gelernt, – mag seine Lebenssphäre irgend welche sein, mag er zu den oberen Zehntausend oder zu dem Mittelstande gehören, – ist er in der Lage, sorgenlos eine Familie zu erhalten, dann ist seine geistige Arbeit immerhin keine so überaus anstrengende, da er von Kindheit an zu seinem Berufe vorbereitet wird, ihm sich ohne Zersplitterung ganz widmen kann, so daß er nicht noch Zeit fände, täglich im Kreise heiterer Freunde sein Frühstück oft bis über das Mittagessen auszudehnen und auch zur Vesperzeit sich wieder bei Bier und Wein zu erholen. Daß zu Hause, wenn das Essen fertig ist, die Kinder in die Schule müssen, nach Tisch verschiedene Arbeiten, die der Erledigung harren, durch sein Nichterscheinen zu bestimmter Zeit verschoben werden müssen, darnach frägt er nicht, dafür ist er der Herr!

Was aber tritt alles an die Frau des Mittelstandes, d. h. des Standes heran, in dem der Mann derselben ein knappes Haushaltungsgeld zuweist, mit dem sie auskommen muß und doch nicht auskommen kann! Sie ist in der nicht glücklich zu nennenden Lage, ihre Kinder bis zum Harlequin verflickt und barfuß in die Schule senden zu können; sie muß die Ehre des Standes wahren, dem sie angehört, und ist oft schlechter daran, als die Frau des Arbeiters, der von allen Seiten unterstützt wird, und an deren Haushalt und öffentlichem Auftreten sich nicht die entferntesten Ansprüche knüpfen.

Es sind arme Leute, sie nähren sich von Kaffee und Kartoffeln. Allerdings findet Max Wolf diese von der Frau des Arbeiters adoptierte Ernährung höchst dumm und unrichtig, ohne aber dem armen Weibe die Mittel anzugeben, wie es zu machen wäre, mit wenigem Gelde eine andere, kräftigere Kost einzuführen.

Die Frau des geistigen Proletariers kann das nicht; sie muß standesgemäß leben, äußerlich wenigstens; und diese Frau, die in unzähligen Exemplaren die Welt bevölkert, deren Kopf Sorge, deren Hände Arbeit, deren Seele Schmerzen sind, von deren Existenz schweigt Max Wolf, indem er das ganze Geschlecht ein entartetes nennt!

Daß er vor wahrer Weiblichkeit das Knie beugt, klingt nach all' der Schmach viel zu paradox, als daß wir es ihm glauben könnten; wir haben auch keine Lust mehr nach dieser Huldigung, die gleich Zucker auf Pfeffergurken gestreut ist.

Er gibt Ratschläge, wie viel eine Frau durch Ausbessern der Wäsche ersparen kann, als ob uns diese Sisyphusarbeit – so muß man es in vielen Fällen nennen – unbekannt wäre! Oder glaubt er, daß wir uns alle sechs bis zehn Jahr neu ausstatten? – Oder daß wir und unsere Kinder, der Herr Gemahl mit eingeschlossen, in Lumpen gehen? –

So und so viele sollen ernährt, gekleidet werden; eine plumpe Magd, oft ein kaum der Kindheit entwachsenes Mädchen, das an Stelle des besten Willens den besten Appetit mitbringt, ist die einzige Stütze im Haushalt und oft nicht einmal diese. Aus abgelegten Kleidern des Oberhauptes der Familie entstehen unter den nimmermüden Händen der sorgenden Hausfrau neue Anzüge für die Knaben und welche Berge schadhafter Wäsche, machen sie, wie durch Zauberei, wieder zu brauchbarem Ganzen. Dabei wacht Auge und Ohr der Mutter unermüdlich über das Wohl der Kinder, hier die Aufgaben prüfend, dort einen kleinen Streit schlichtend; sei es. indem sie leise anfängt ein Märchen zu erzählen; denn wenn die sanfte, etwas umschleierte Stimme mit »Es war einmal« anhebt, hängen alle Augen an ihren Lippen, der Knabe legt Säbel und Federhut zur Seite, das Mädchen drückt die Puppe noch inniger an das kleine Herz und das Baby in der Wiege steckt das Fäustchen ins Rosenmündchen und schlummert zufrieden ein. Alles fühlt sich behaglich am häuslichen Herde, nur in den Schläfen der armen Mutter hämmert die Sorge um das tägliche Brot; dabei erzählt sie von den Sieben Raben und dem vielen, vielen Golde, das in ihrem Häuschen versteckt war.

Endlich ist der Tag zu Ende und Alles im Hause schläft längst; nur die arme Mutter sitzt noch spät auf, einsam beim Lampenlicht an einer feinen Stickerei arbeitend, die sie verstohlen für ein Geschäft um weniges Geld fertigt und rechnet und sorgt dabei in Gedanken. Ach, es giebt bei allem Sparen ein ewiges Defizit, trotzdem sie sich selbst kaum gönnt, das Leben zu fristen. Der Tag bringt so viele Ausgaben, hier Bücher für die Schule, dort die teure Doktor- und Medizinrechnung, da ein zerbrochenes Stück, das wieder angeschafft werden muß. die Kinder brauchen Schuhe oder dergleichen und für sich selbst – schaffte sie seit Jahren kein neues Kleid an!

Inzwischen sitzt der Herr des Hauses seelenvergnügt in seinem Bierstübchen, kneifst die Kellnerin, die ihm soeben das achte Glas Bier gebracht hat in die, (nur wegen des Druckes), errötende Wange und raucht die so und so vielte feine Cigarre. Der Braten, den er verspeist hat, war delicat, aber er schmeckt nach mehr! Die Louise weiß Rat, besorgt Caviar oder Krebse, »Hm« schmunzelt er schon im Vorgenuß und für den famosen Gedanken gleitet ein Trinkgeld in des Mädchens klappernde Tasche, das die einsame Frau manch' kleiner Sorge für das Hauswesen enthoben hätte.

So sieht in unzähligen Variationen, alle nach dem gleichen trübseligen Muster, das häusliche Glück der modernen Frau aus! Dennoch, ich muß es leider zugeben, drängen sich die Mädchen nach diesem Ziele. Welch ein Stolz wenn es gelungen ist, die viel begehrte Ware »Mann«, zu erringen! Man ist bescheiden, weder körperliche noch geistige Fehler hindern, daß man den Erwählten ganz unbeschreiblich liebt. Welch ein Fleiß wird bei der Aussteuer entwickelt; kein Mädchen denkt daran, daß, wo mit Freuden gesät ist, oft mit Schmerzen geerntet wird, daß die Sachen und Sächelchen, die jetzt alle so verlockend die Sprache des Glückes reden, einmal, wenn sie alt und unbrauchbar geworden und das Geld fehlt, sie neu anzuschaffen, ihr die bittersten Schmerzen bereiten werden.

Warum aber wird die Heirat so ersehnt? Einesteils weil das Mädchen im unklaren ist über das, was sie erwartet und anderenteils, weil die Versorgung die Hauptsache ist. Trauriges Loos unserer sozialen Stellung, doch die Illusionen des Mädchens täuschen und beglücken zu gleicher Zeit, es ist sich des Zwanges nicht bewußt, gleich der Schwalbe welche ihr Nest baut, wenn die Zeit dazu gekommen! In dem Zauberspiegel der Liebe scheint alles rosig, der starrste Egoist verwandelt sich als Bräutigam in den zartesten, rücksichtsvollsten Menschen der, je nach dem Charakter des Mädchens, um zu gefallen, Liebe zu erringen und zu erhalten, nur seine guten Eigenschaften zeigt.

Es ist eine Reminiscenz an die Zeit unserer Vor^ fahren, da der Ritter auch die Farbe seiner Dame trug. Das übermäßige Verhimmeln unserer Person verwöhnt uns und mit tiefen Schmerz sehen wir als Frau Blatt um Blatt seliger Illusionen schwinden, der Egoist nimmt langsam wieder seine frühere Gestalt an, wir stehen dem uns fremden Alltagsmenschen beklommen gegenüber, in dessen Launen und oft abstoßenden Gewohnheiten wir uns nur mit Selbstüberwindung fügen können.

Doch er ist einmal der Mann, unser Mann, unser unbestrittenes Eigentum! Ist er das wirklich? Ha, wie sie lächeln die allerliebsten Schwerenöter, ich erzähle wohl Ammenmärchen aus altersgrauer Zeit, da der Großvater die Großmutter nahm? Wohl thun sie so, als wenn und als ob, sind höchst diskret ihren – Freundinnen gegenüber und schwören, daß sie nur uns allein und ewig lieben! Was gilt dem Manne oft das seiner Frau gegenüber, ihm, der nur ein Gesetz kennt: Ich bin der Herr!

So schleicht die Sünde des Mannes oft jahrelang um das heilige Feuer des Hauses, ohne daß die Frau eine Ahnung davon hat! Die Spatzen pfeifen sie auf den Dächern, die Mägde kichern sie sich beim Brunnen in die Ohren, stolz auf ihre Reize überbietet die eine die andere in Erzählungen pikanter Details, wie der Herr des Hauses ihnen nachstellt in Wort und Blick.

Dabei fühlt sich das doch etwas belastete Gewissen des Hausherrn dadurch erleichtert, daß er den Gegenstand, der ihm, wenn auch unbewußt, die Pein innerer Vorwürfe auferlegt, noch mehr als sonst quält; so daß die unglückliche Frau, die schon längst kein rosiges Dasein mehr hat, in ewigen Vorwürfen und endlosen Nörgeleien, schließlich in der Ehe die Hölle findet.

Braucht sie noch so wenig, ihm braucht sie immer zu viel, da seine sich häufenden Ausgaben auch noch durch die Sparsamkeit der Frau aufgebracht werden sollen. Dringende Anschaffungen im Haushalte wagt die Frau, oft wochenlang, nicht zur Sprache zu bringen, sie quält sich von heute auf morgen mit dem Verschieben der peinlichen Angelegenheit und muß es endlich sein, welch eine Scene, – keiner Sünderin geht es wie der armen Mutter, die »in rasender Verschwendung« ein Paar Schuhe für eins der Kinder verlangt! –

Trotzdem geht der Herr des Hauses, Abend für Abend, seinen Vergnügungen nach, unbekümmert, daß die Frau für notwendige Dinge die Pfennige zählt, während er überflüssige und ungezählte Mark hinauswirft.

Und diesem Geschlechte, das Tag für Tag in der gleichen Tretmühle der Entsagung arbeitet, wirft Max Wolfs vor, entartet im Haschen nach Genuß und. weil zu ungebildet, nicht im Stande die geistige Helferin und Gefährtin des Mannes zu sein! Als wenn der Mann nach einem geistigen Verkehre mit seiner Frau verlangen würde; für die Welt der Glanz seiner Persönlichkeit und die bezauberndste Liebenswürdigkeit, zu Hause gelangweilt, verdrießlich, nur körperlich anwesend, während sein Geist und seine Gedanken Gott weiß wo in der Welt herumflattern. »Les extrêmes se tou­chent«, leider bewahrheitet sich dieser Spruch in den meisten Ehen. Der Gelehrte, der tiefe Denker, nimmt ein taufrisches Wiesenblümchen in seine einsame Studierstube und wenn das zarte Pflänzchen zu welken beginnt, wird es ihm langweilig, denn die Poesie, der Geist fehlt! –

So erobert oft ein schöner Mann, dessen Inneres gänzlich hohl ist, das edelste geistvollste Mädchen. In der Ehe bemüht er sich, da ihm sonst absolut alle Eigenschaften, um seiner Stellung als Oberhaupt des Hauses nachkommen zu können, mangeln, durch Roheit und Rücksichtslosigkeit zu imponieren. Leider erreicht diese Art der Behandlung immer ihren Zweck, denn der Roheit gegenüber, ist die gebildeteste, geistig noch so hoch stehende Frau waffenlos!

Amor ist eben ein Schalk und trägt, wenn er den Pfeil abschießt, eine Binde; so entstehen meistens durch rein äußerliche Eindrücke unglückliche Ehen, oder was fast noch schlimmer und entwürdigender ist, ein liebeleeres Nebeneinandergehen. Aber abgesehen von diesen, doch gewissermaßen von beiden Teilen selbst verschuldeten Consequenzen, liegt hier noch ein anderer Punkt, die meiner Ansicht nach traurigste und schmachvollste Entartung des Mannes, die Untreue; doch nicht die im Allgemeinen, für die giebt es verzeihliche Möglichkeiten, sondern speziell die an dem häuslichen Herd, im Rahmen der Familie!

Jede Köchin, die in das Haus kommt, ist für den Mann ein Gegenstand des Interesses, den er mit begehrlichen Augen betrachtet. Aus dem Schlafzimmer der Frau tritt er oft in die Mägdekammer; die Arme, die eben noch die Mutter seiner Kinder umfangen hielten, schließen sich um die unreine, spekulative Magd, die in den meisten Fällen nur einen sucht, der zahlen kann, denn auch sie ist meist wieder das Opfer eines Mannes, von dem ^sie, außer seiner fragwürdigen Zärtlichkeit nichts besitzt, als das, was sie um jeden Preis verbergen möchte und doch nicht) verbergen kann, das mit dem ersten Schrei des Lebens meist Hunger mitbringt, den Hunger, der so oder so. die Welt beherrscht und den die Tafel des Lebens nicht mehr bewältigen kann!

Solche Verhältnisse, die sich tagtäglich in den sogenannten besseren Familien abspielen, verlangen auch pekuniäre Opfer; das, was kaum reicht, die legitimen Kinder standesgemäß zu ernähren, muß dann oft hingegeben werden! O, wer schreibt sie auf, all' die Tragödien des häuslichen Herdes und das jammervollste daran ist, die Frau kann in den meisten Fällen, wenn ihr irgend eine boshafte oder barmherzige Seele die Augen öffnet, nicht einmal von dem Rechte der Scheidung Gebrauch machen! Sie muß mit ihren Kindern leben und ist kein fixes Einkommen da, d. h. ist der Mann nicht staatlich angestellt, was hilft ihr dann der hohe Gerichtshof und sein Urteil?

Die Kinder werden täglich Zeugen der unerquicklichsten Scenen, man geht in solchem Hause, wie auf einem Vulkan und das alles um ein Geschöpf niedrigster Gattung, das eigentlich als Individuum garnicht zählt; denn ob diese oder jene, das gilt dem Manne gleich, er sucht nur das Geschlecht, heute Grete, morgen Liese! Das ist es eben, was das Vergehen des Mannes so furchtbar niedrig stellt, denn wenn ein Weib den Titel entartet verdient, dann ist es der moderne Dienstbote! Ich will von den bekannten Eigenschaften, dem Schmutze und der Faulheit absehen, dieselben lassen sich allenfalls abgewöhnen, unausrottbar aber ist Klatschsucht und Lüge. Diese beiden Eigenschaften sind so tief eingewurzelt, daß sie nichts selbst bei liebevollster Behandlung, entfernen kann; in den seltensten Fällen ist das Dienstmädchen etwas anderes, als ein hämischer Spion, der unser Thun beobachtet, um unsere intimsten Angelegenheiten zum Gegenstande seiner verläumderischen Unterhaltung zu machen. Leider finden sich immer willige Ohren; denn so gern ich bereit bin, das weibliche Geschlecht zu verteidigen, wo es ungerecht angegriffen wird, so muß ich doch die Kleinlichkeit tadeln mit der, auch Frauen des besten Standes sich in die Mysterien des Haushaltes anderer, durch die spitze, flinke Zunge einer Dienstmagd einweihen lassen.

Meiner Ansicht nach sollten einer zartfühlenden Frau fremde Dienstboten nicht weiter nahe treten dürfen, als durch schuldigen Gruß, würde doch dadurch wenigstens ein Teil der Canäle gestopft, durch die so viel unsauberes Wasser in die Welt sickert; es bliebe dann wenigstens dort, wo es hingehört, in der Gosse! In dieser Ansicht pflichte ich Max Wolf bei. Doch nicht genug, daß das moderne Dienstmädchen ihre Herrschaft in jeder Weise ausnützt; tölpelhaft, um sich interessant zu machen, alle Vorkomnisse noch mehr aufbauscht; ist es auch in den meisten Fällen unehrlich, betrügt, wenn es einkaufen geht und stiehlt nur das nicht, was es nicht erwischen kann! Also es richtet uns, so weit seine Kräfte gehen, physisch und moralisch zu Grunde und solch ein Geschöpf ist es, mit dem wir oft die Zärtlichkeiten unseres Mannes teilen. Wo verbirgt sich da der ehrenvolle Charakter des Mannes, auf dem er in anderer Hinsicht kein unlauteres Pünktchen duldet? Giebt es eine entwürdigendere, niedrigere Handlungsweise, als die des Mannes, die das Heiligtum des Hauses, den Tempel, in dem die arme Frau als Priesterin waltet, zu einer Stätte der Unzucht verwandelt?

Mag der Mann in dieser schmachvollen Hinsicht ein oder mehreremal gefehlt haben, sobald es die Frau weiß, ist der Friede des Hauses vernichtet; denn zur Ehre unseres Geschlechtes hoffe ich, daß diese ehrloseste aller männlichen Eigenschaften, solche Untreue, von keiner Frau verziehen oder vergessen werden kann. Äußerlich mag alles geebnet erscheinen, innerlich aber ist ein Riß durch die Ehe gegangen, der nie mehr heilen kann! Jede andere Untreue, so schmerzlich sie dem getäuschten Herzen der Frau auch werden kann, läßt sich, je nach Umständen noch entschuldigen; diese niemals, denn sie entehrt den Mann, das Haus, die Familie! Hat man aber dem Menschen die Ehre genommen, dann ist er nur noch ein steuerloses Boot, ein Spielball blinder Leidenschaften, dazu kommen noch Temperamentsünden durch Zorn und Haß genährt. Dann entwickelt sich in dem Gemüte der Frau tiefste Bitterkeit. Er hat ihr die Heimat verhaßt gemacht und dennoch muß sie darin ausharren, Sorgen und Lasten weiter tragen und die heranwachsende Generation Pflegen und erziehen. Die Kinder bilden sich nach den Eltern. Ist eine Frau unter solchen Verhältnissen noch im Stande sich dem kindlichen Herzen anzuschmiegen? Sie ist es noch in den meisten Fällen, der Mann aber, trotzdem er selbst die Ursache des zerstörten Friedens ist, geht wie ein wütender Löwe umher. Je tiefer er sich im Herzen beschämt fühlt, um so rücksichtsloser wird er sich gegen die Frau geberden, die nur noch automatenhast ihren Pflichten nachkommt. Die armen Kinder solch einer beklagenswerten, aber leider sehr modernen Ehe, sind natürlich noch nicht reif genug, zu beurteilen, was in dem Benehmen der beiden Eltern verwerflich, was nachahmenswert ist, sie sehen die entsetzliche Wirkung, ohne sich der Ursache bewußt zu sein. So schießt der giftige Same als Schierlingskraut in die arme Seele des Kindes und dann tritt die Entartung in irgend einer Weise zu Tage. Wer trägt die Schuld dann, doch nicht die Frau?

Es ist ein großer Unterschied, ob man eine Pflicht freudig mit gesundem, glücklichem Herzen übt, oder ob mau die Pflicht nur als Pflicht auffaßt!

Kann aber eine Frau in solchem Gemütszustande, zu dem sich noch in den meisten Fällen nagende Sorgen gesellen, die Riesenaufgabe der Erziehung, denn zu einer solchen wird sie in diesem Falle, auch wirklich mit Erfolg durchführen?

Ich bemerkte schon früher, sie kann es dennoch, aber nur mit dem ganzen Aufgebote ihrer moralischen Kraft, indem sie sich mit allen Gemütsfasern an die Ausübung der Pflicht klammert. Die armen kleinen Menschenblumen aber, deren emporblühendes Dasein in solchem Boden wurzelt, frieren, denn sie entbehren den köstlichen Sonnenschein des Glücks und wenn sie die Mutter mit hingebender Liebe an ihr Herz nimmt, fühlen sie die Treue der Mutter und wissen, daß ihr Lächeln selbst nur verhaltene Thränen sind.

Das sind heroische, ihr Selbst vollständig verläugnende Naturen, aber so können nicht alle sein und es ist nicht zu verwundern, wenn andere, dem Beispiele des Mannes folgend, unter solchen Verhältnissen ihre Erholung immer mehr und mehr außer dem Hause suchen!

Ich habe jetzt natürlich nur die Dame im Auge, die zu Gunsten der äußeren Welt ihre Häuslichkeit vernachlässigt, denn zu so einer Entartung kann nur diejenige kommen, die der Mann auf die eine oder andere Weise durch sein Benehmen selbst dazu drängt.

So entwickelt sich allmälich die Modedame, die ja nach ihrem Vermögen Vergnügungen außer dem Hause sucht und findet, auch sie ist nur ein Produkt des Mannes, denn so wie uns die Bibel erzählt, daß aus Adams Rippe Eva entstanden, entwickeln sich alle Laster des Weibes aus denen des Mannes. Ausnahmen gebe ich zu, die sind überall zu finden, aber nach Max Wolf ist die Entartung die Regel, die edle häusliche Frau aber die Ausnahme!

Im Übrigen, sind denn die Vergnügungen der Großstadt nur für Männer? Theater, Bälle, Konzerte, sind sie nicht der Sammelpunkt der Geselligkeit, die gerade für den Mann erst die rechte Würze durch das Weib findet?

Doch Max Wolf geht weiter, er tadelt sogar die Frau, die sich modern trägt!

Würde er, vorausgesetzt, daß er nicht selbst ein alter halbverschimmelter Perrückenstock ist, (was ich entschieden bezweifle), mit einer Dame über die Straße gehen, welche die Auswüchse der Mode, ich gebe gern zu, daß es solche giebt, vollständig ignoriert? Die z. B. zu Zeiten der Krinoline mit lose um die Glieder hängenden Kleidern umhergeht oder den verpönten Cul de Paris nicht trägt, wenn ihn die Mode vorschreibt und durch die Plattheit ihrer Gestalt eine lächerliche Ausnahme bildet, oder hohe Ärmel, hohe Frisuren, enge Kleider verwirft.

Daß die Zeitungen Gummibüste annoncieren, dieselben in den Schaufenstern prangen, das ärgert Herrn Max Wolf, allerdings von Gummi kann einen so etwas ärgern! – Der Federbusch auf dem Kopfe, der der Zuludame entlehnt ist, steht einem hübschen Gesichtchen allerliebst und was das bischen Puder und Schminke anbetrifft, nun häßlicher wird entschieden keine dadurch, vorausgesetzt, daß man diskret damit umzugehen versteht. Die Stirnlöckchen und Simpelfranzen geben dem Gesichte einen so seltsam pikanten Reiz, daß heutzutage eine Dame mit kahler Stirn streng und nüchtern erscheint, Kneifer und Lorgnon sind auch nicht alltäglich und wer schlechte Augen hat, muß sich ihrer bedienen, sie mögen wohl auch aus Affektation getragen werden, aber ich kenne verschiedene Herren, deren Zwicker Fensterglas sind. Zu was mögen wohl diese nützen? –

Max Wolf schreibt: »Die Damen fin de siècle spekulieren auf die niedrigsten Instinkte der Männer, sie wollen die Blicke und Begierden der Männer auf sich lenken.«

Der empörende Schimpf dieses Ausspruchs fällt auf den Mann zurück, der es gar nicht nötig hätte den männlichen Charakter im Allgemeinen so bloszustellen, denn wir kennen die Männer und wissen, daß alle ihre Empfindungen uns gegenüber nur aus der unlauteren Quelle der Sinnlichkeit fließen.

Wenn sie das Gefallenwollen des Weibes, der Dame, mit dem Gefallenwollen der Courtisane auf eine Stufe stellen, wenn der Mann so entartet denkt und fühlt, daß sich eine dazu hergiebt den Dolmetsch solcher Anschauungen zu machen, dann muß man sagen, der Mann im Allgemeinen ist tief gesunken! Doch wir wollen annehmen, daß es nur die individuelle Ansicht eines Einzelnen ist und die macht uns lachen, darüber sind wir vollständig erhaben, jeder sieht natürlich nur mit seinen Augen. Voilà tont!

Um aber wieder auf die Mode zu kommen, wie müßte eine Dame angezogen sein, wenn nicht modern, um sich nicht grade dem Spotte preiszugeben, denn nichts wirkt lächerlicher, als unmoderne Kleidung!

Wenn Herr Max Wolf, der doch alles an uns tadelt, uns nur mit ein bischen Rat an die Hand gehen würde, vielleicht ein Modejournal seines Geschmackes skizzierte! Oder würde man vielleicht seinen Wünschen entgegenkommen, wenn die Mode die griechische Tracht adoptierte, (Gummibüste wären da eine Unmöglichkeit), da aber die Herren unmöglich als schwarze Raben oder moderne Leichenbitter daneben gehen könnten, so müßten sich auch diese zur Tunika bequemen.

Wie stünde es aber dann um die Reckengestalten unserer modernen Männerwelt? Mancher Löwe der Gesellschaft würde sich dann zu einem spindeldürren Männchen entpuppen, denn in Wattierungen leistet das männliche Geschlecht entschieden mehr als das unsere. Jeder Schneider, ganz speziell jeder Militärschneider, dürste darüber die genaueste Auskunft geben können. Die mächtige Brust, die breiten Schultern stecken meistens nur im Rocke, – »wie klein und unbedeutend«, muß sich so ein ausgeschältes Männchen vorkommen! Denn die kleinen Hilfsmittel, die ich durchaus nicht mißbillige, aber kaum vieler Beachtung wert finde, sind bei dem Mädchen, welches nicht nur gefallen will, sondern, Dank unserer socialen Stellung, gefallen muß, will sie eine sie beschützende Position im Leben finden, d. h. einen Mann gewinnen, verzeihlich, während sie beim Manne nur der Ausfluß lächerlicher, zweckloser Eitelkeit sind! Oder sollte auch er es nötig finden, uns gefallen zu wollen? –

Die Mühe könnten sich die Herren sparen, denn uns fesselt ein gemütvolles Auge mehr, als gekräuselte Locken und zierlich gebrannte Schnurrbartspitzen, uns imponiert auch der Brillantring nicht im Geringsten, den die Männer mit viel mehr Ostentation zur Schau tragen, als die, wegen ihrer Freude am Schmuck, geschmähten Frauen.

Wir sind trotz aller uns vorgeworfenen Kleinlichkeit doch nicht so klein, daß wir uns bei der Wahl des Gatten nur um das Äußere kümmern, während das stolze, überkluge Männergeschlecht sich von einem hübschen Zieräffchen, Max Wolf nennt dieselben galant »niedliche Zierpuppen«, um den Finger wickeln läßt! –

Endlich, wo liegt das Recht, die Dame für die Mode, der sie huldigt, verantwortlich zu machen? – Erfindet sie dieselbe? –

Nein, wieder ist der Mann der schuldige Teil, wer erfindet all diese Toiletten, wer giebt sie an, diese, Alles und alle bestimmenden Gesetze der Mode? Ich brauche nur Namen wie Worth, Gerson etc. zu nennen und die Schuld liegt wieder an dem Teile, der so gerne alle Sünde, alle Schmerzen und Bitterkeiten der Welt auf die zarten Schultern des Weibes häufen möchte!

Die Herren Männer sollen sich übrigens an ihre eigene Nase fassen, in Österreich hat man den treffenden Namen »Gigerl« für das männliche Modejournal, das breitspurig die Promenaden bevölkert! Was hat die männliche Mode schon alles geleistet! Von den engen Höschen, worin manch' dünne Beinchen kaum noch lebens- und tragfähig für die Fülle von Watte des Oberkörpers erscheinen, machte sie den tollen Sprung zu weiten Pantalons, welche die gesammte Männerwelt zu Elephanten stempelte!

Die modernen Überzieher sind im Schnitt dem Kaftan des polnischen Juden entlehnt, wären sie es nur in der Farbe, dann könnte man sich diese Reminiscenz, die in unserem modernen Kulturleben leider vollste Berechtigung hat, auch noch gefallen lassen, aber wie apart ist das Losungswort, wahrhaft unmögliche Farben in den grellsten Tönen werden mit Vorliebe getragen und dazu ein steifes winziges Hütchen, das verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Gemüsetigel aufweist. Als Henkel können ganz gut die Ohren gelten, die je nach ihrer Qualität, lang oder breit, (ich will damit durchaus nicht die Qualität ihres Besitzers feststellen), von dem wie mit Simpelfranzen garnierten Kopfe etwas polizeiwidrig abstehen, da die übrigen Haare, soweit solche vorhanden, als sogenannte »Sechsen« fest an den Schläfen kleben.

Das Hütchen, welches, wie das regelrechte Tipferl auf dem i, auf dem, wenigstens für dieses, viel zu großen Kopfe sitzt, hat eine unternehmende, etwas schiefe Neigung, doch vollständig und vollberechtigt erscheint das Modegigerl erst, wenn seine strohgelb verhüllten Hände einen Stock tragen, der in Derbheit den Knotenstock des Bauen: noch übertrifft. Natürlich darf das ins Auge geklemmte Fensterglas in Monoclefaçon, die Rose im Knopfloch, der fast handbreite Stehkragen, der den Hals wie eine Klammer umspannt, nicht fehlen, ebenso die rot und gelb karierte Kravatte und die obligaten gelben Spitzschuhe. Einige Tropfen Jokeyklub, welche dem purpurroten seidenen Taschentuche entströmen, dessen drei Spitzen aus der Brusttasche heraussehen, machen die männliche Zierpuppe fix und fertig.

Doch abgesehen von dem Modefex, gibt es kein häßlicheres Unding, als einen Cylinder, dem Wurstkessel und Ofenrohr Gevatter standen!

Oder der schwalbenschwanz-ähnliche Frack, der noch immer als höchstes Staatskleid gilt, trotzdem die profanierende Wirkung, daß jeder Kellner tagtäglich damit serviert, nicht geleugnet werden kann, endlich die hochmoderne gelbe Domestikenweste, sind das nicht alles Auswüchse der Mode, die denen der Damenmode gleichkommen, die aber trotzdem jeder mitmacht!

Doch weiter, da ich, wie schon früher erwähnt, keine gebildete Frau im Sinne Max Wolfs bin, so fehlten bei meiner Erziehung so ziemlich, die von demselben als gut empfohlenen Bücher, aber nicht nur diese, sondern auch die, von denen er schreibt: »Sie vergiften die Phantasie und werden doch von einem Teile der Presse als Meisterwerke naturalistischer Schule ausposaunt.

Ich habe diesen Mangel, der vielleicht keiner ist, offen eingestanden, da ich aber in diesem Punkte mit Max Wolf vollkommen übereinstimme, nämlich in seinem Ausspruche »Bildung ist kein ruhender Besitz«, so werde ich mir, um auch darüber ein Urteil zu gewinnen, die guten wie die sogenannten schlechten zu verschaffen suchen. Einen der modernen Naturalisten kenne ich aber fast vollständig und da auch von dem veralteten Paul de Kock die Rede ist, finde ich, daß man diese beiden unmöglich in einem Atem nennen kann; denn Paul de Kock ist einfach frivol, während Zola seine Charaktere mit dem tiefen Verständnis des gründlichen Denkers und Menschenkenners erfaßt. Seine Werke sind nach unseren Begriffen unmoralisch und dabei ist er doch der größte Moralist, den unsere moderne Litteratur aufweisen kann. Noch einmal, ich muß es wiederholen, wie kann man den seichten, schlüpfrigen Paul de Kock mit Emil Zola zusammen nennen, diese beiden in eine Kategorie stellen?

Zola ist wahr, das häßliche, niedrige Laster ist es, das er uns schonungslos enthüllt, da aber gerade die fürchterliche Entartung der Sinne, die schamlos entfesselten Leidenschaften zu dem Abgrunde führen, in den manch' junges verführte Leben ahnungslos hinunterstürzt, wer darf da den Mund tadeln, der uns in freien Worten das Bild des Lebens aufrollt, wie es ist! Es graut uns davor, wir empfinden Ekel, Abscheu, aber ist das die Schuld des Schriftstellers, daß es so ist? Die Literatur soll doch den Boden der Wirklichkeit berühren, kann das einen zerstörenden Einfluß üben, was als Laster und nur als Laster hingestellt wird. Daß Zola selbstverständlich keine Lectüre für ein junges Mädchen aus höheren Kreisen ist, bedarf wohl erst keiner Erwähnung, aber für einen jungen Mann ebenso wie für die Tochter des Volkes können Bücher wie »Der Totschläger«, »Therese Raquin« nur als wirksames, warnendes Beispiel gelten, denn alle Schuld rächt sich auf Erden. Wer illustriert diesen Satz treffender, als der vornehme frivol ausgeschrieene Zola, der es doch meisterhaft versteht, der Sünde stets die Sühne folgen zu lassen, mag letztere als vollendete Tatsache oder nur als quälender Gedanke auftreten.

Auch Zola, der rücksichtslose, oft rohe Naturalist, zeigt in seinem »Totschläger«, daß die Entartung des Mannes das Weib herabzieht. Was ich am meisten an ihm bewundere, ist die klare, haarscharfe Charakteristik, die langsame und sichere Entwicklung, dort wo eine Handlung die andere bedingt; schade, daß er sich mit Vorliebe im Schlamme wälzt. – Die verworfensten Figuren des Volkes, so lebensfähig sie auch sein mögen, sind doch immer nur abstoßend.

Übrigens ist Zola nur die Glocke unserer Zeit, wie Tolstoi und die anderen, von Max Wolf in den Bann erklärten Vertreter der naturalistischen Richtung. Ich verwahre mich zwar ganz entschieden gegen den Verdacht, Gefallen an frivolen Büchern zu finden, ich verteidige nur die Ansicht, daß Zola frivol ist und halte es als Frau entschieden für ganz richtig, die geistige Bekanntschaft dieses genialen Schriftstellers zu machen.

Darum kann man sich doch von ganzer Seele an Storms »Immensee« erfreuen, Quidas »Strathwore« mit Entzücken lesen, Ohnets »Doctor Rameau« als ein Meisterwerk betrachten und Ebers »Der Kaiser« jungen Mädchen zur Lectüre empfehlen, kurz ein warmes, weites Herz für alles Schöne haben.

Die ganze barbarische Entschiedenheit, mit der Max Wolf gegen kokette Frauen vorgeht, macht mich lächeln. Meiner Ansicht nach ist das Weib, vorausgesetzt, daß es jung und hübsch ist, grenzenlos langweilig, wenn es nicht ein ganz klein wenig kokett ist! Was wäre der Verkehr zwischen beiden Geschlechten auf Bällen, Gesellschaften u. s. w., wenn die kleinen pikanten Geister der Koketterie nicht ihr neckisches Spiel treiben dürften. Endlich ist in tausend Fällen die feine Koketterie der hübschen Frau nichts weiter, als das sichtbare Zeichen ihrer Grazie und Anmut; natürlich, ein grillenfängerischer Hypochonder gleicht in Gesellschaft einem luchsäugigen Polizeispitzel, der überall Verbrechen wittert und dabei das größte an sich selbst begeht, indem er vor lauter wittern und vermuten, die Freude am Schönen unwiederbringlich verliert.

»Die Frau soll sinnliche Begierden nicht zu erwecken trachten«, – schreibt Max Wolf, ich aber frage aus vollster, heiligster Überzeugung: »wo existieren solche Frauen, die diese Schmach anstreben?« Weiter schreibt er: »Sie soll endlich auch ein weiblicher Mensch werden, ein edles und zartes Geschöpf, welches mit uns fühle und denke, sie soll aufhören sich als unsere Spielpuppe zu geberden!« – –

Ja hat denn dieser Herr unter Damen der Halbwelt seine Studien gemacht, um dann eine Broschüre gegen das moderne Weib herauszugeben? – –

Fast könnte man es denken, denn so wie er uns hinstellt, mag die Dirne fühlen, die ihren Körper als Aushängeschild benützt, um durch verborgene Reize möglichst viele Käufer zu finden. Oder sieht er nur durch die Brille des Mannes, dessen eigene Empfindung sich ihm in der unseren wiederzuspiegeln scheint, denn bei dem modernen Manne, wo auf fünf Dutzend Fabrikware immer drei Extraausgaben fallen, schmeichelt sich vor der Ehe die Liebe durch die Sinne in das Herz und fristet in demselben ihr Scheinleben durch – den Magen weiter. Auch höchst materiell und naturalistisch gedacht, aber nur bei Extraausgaben von Männern nicht zutreffend.

Nicht wir geberden uns als Spielpuppen, ach, selbst die unter uns, welche geistig nichts leisten können, wie bemühen sie sich, wenigstens eine Falte von dem Mantel zu erhaschen, in den sich der Herr des Hauses so unnahbar verhüllt, allein es ist vergebens, wenn sich auch alles in uns empört, der größte Reiz der dummen wie der geistvollen Fran liegt für den Mann nur – in unserem Geschlecht!

Weiter sagt Max Wolf: »Die Frau, welche Putz, Gefallsucht und Koketterie für ein harmloses Vergnügen hält, ist von dem Ideal der Weiblichkeit weit entfernt.«

Ein Ausspruch, den schon unsere Dichter widerlegen und den unser Geschlecht absolut widerlegt; die Frau, die nicht gefallen will, nicht Freude am Putze findet, nicht eine gewisse, wenn auch unbewußte Koketterie übt, ist eine reizlose, uninteressante Pedantin, eine Hausunke, die, anstatt anzuziehen, nur abstößt! Einer solchen Frau mangelt dann auch das gewissermaßen undefinierbare Etwas, das wie ein Hauch über der ganzen Häuslichkeit schwebt, das dort eine Schleife, hier eine Blume scheinbar so ganz absichtslos und doch so überaus anmutig anbringt. Der Sinn für das Schöne muß einer Frau angeboren sein und selbstverständlich ist es, daß sie bei sich selbst den Anfang macht und von ihr, dem Mittelpunkte des Hauses, strahlt dann warmes Licht in alle Ecken und Eckchen des heimlichen Raumes.

»Was ist es nur, daß es bei Ihnen alles immer so behaglich aussieht, jeder Gegenstand steht da, als müsse er gerade so und nicht anders stehen, während bei mir zu Hause die Möbel aussehen, als gähnten sie vor Langeweile!«

Diese Worte sagte einmal jemand zu einer Dame meiner Bekanntschaft und diese erwiderte: »Vielleicht weil mein Morgenhäubchen, ich mag es aufsetzen wie ich will, immer kokett aussieht!«

Wenn aber schon hübsche, elegante Damen, von denen man doch unmöglich mit Recht verlangen kann, daß sie dem Ausspruch ihres Spiegels gegenüber blind und taub sein sollen, dem überfeinen Moralgefühl des Herrn Max Wolf, der überall Sünden findet, wo nur Lebenslust vorhanden ist, schon so überaus peinlich sind, wie erst muß dasselbe unter dem brutalen Gebühren leiden, das sich unsere lieben, leider so wenig moralisch denkenden Männer erlauben.

Da Herr Max Wolf so scharfe Augen hat, daß er aus dem freundlichen Lächeln einer hübschen Frau die ganze Scala der Verderbnis herausliest, wie muß ihn das berühren, wenn die charaktervollen Ehemänner in öffentlichen Lokalen, den Arm um die Taille der Kellnerin geschlungen, dasitzen, oder zu Hause, wenn die Frau das Zimmer verläßt, das Kindermädchen anstatt des Babys küssen.

Er giebt es ja selbst zu, wenn auch ganz vorübergehend, daß solche Verhältnisse bestehen, für deren Gemeinheit, ich kann kein anderes Wort dafür finden, mir als Frau außer der grenzenlosesten Empörung, jeder Begriff fehlt! Muß der Mann denn durchaus untreu sein, trotzdem er in der Ehe genau die gleiche Pflicht der Treue schwört und Gott sei Dank auch gelehrte Männer der Ansicht sind, daß das Wesen der Ehe gleiche Treue von beiden Seiten verlangt, so halte er wenigstens das Haus rein und stelle die Frau nicht mit der auf Kündigung engagierten Dienstmagd auf eine Stufe. Kann es denn eine größere Schmach als diese geben? Es giebt ja leider genug feile Dirnen in der Welt, warum die heilige Stätte, wo die Kinder in voller Unschuld erblühen sollen, verpesten mit dem ekelhaften Hauch niederer Sünde. Man weiß ja niemals, wann sich ein Eckchen des Schleiers lüftet und den erschreckten Kinderaugen Dinge zeigt, die eine schaudervolle Erinnerung für das ganze Leben bilden.

Ich selbst war Zeuge davon, wie ein Kind mit glühenden Wangen mit dem hastigen Ruf zur Mutter kam: »Mama, soeben hat Papa unsere Marie geküßt!«

Da allerdings muß die schwergeprüfte Frau zu einer Lüge ihre Zuflucht nehmen und dem Kinde das ausreden, was es klar und deutlich gesehen hat. Das-Kind schweigt endlich, bleibt aber seiner Überzeugung treu und ein Gifttropfen wuchert in seinem unschuldigen Blute.

Zu aller Schuld, welche Max Wolf dem Weibe aufbürdet, kommt noch die folgende: »Die Mutter kann die Bildung der Tochter nicht überwachen, da sie selbst – keine besitzt!« Nachdem dieser liebenswürdige Herr in 113 Druckseiten klar gelegt hat, daß die moderne Mädchenbildung keine ist, behauptet er dennoch, daß der Mutter selbst das Verständnis für dieses »Nichts« mangelt.

Selbstverständlich ist die Hausfrau und Mutter kein Pädagoge und keine mit Note 1 absolvierte Gouvernante; endlich, wenn sie zu all' den Pflichten, mit denen sie der Tag überbürdet, auch noch Lehrstunden an ihre verschiedenen Töchter erteilen sollte, dann möchte ich die Zeiteinteilung kennen, die so etwas möglich macht, ganz abgesehen von geistigem Können und Wollen!

»Dann versteht sie den Säugling nicht zu pflegen, er stirbt in ihren Armen, er wird durch verkehrte Behandlung ein nutzloses kränkliches Glied der Gesellschaft.«

Der Herr Verfasser ist natürlich zu solide, als daß er des Nachts durch die Straßen geht, da sitzt er gewiß in der stillen Studierstube und brütet die geistigen Eier aus, aus denen dann so giftgeschwollene Küchlein schlüpfen, wie das Buch »Die Entartung des modernen Weibes«. Daher auch weiß sein von blindem Haß verknöchertes Herz nichts von den schlaflosen Nächten, die die Mutter bis zur äußersten Erschöpfung am Bette des kranken Lieblings zubringt, wie sie mit grenzenloser Selbstverleugnung mit dem Tode ringt und wie unzählige Male es nur der aufopfernden Pflege zu danken ist, wenn das Kind gesund wird.

O pfui, pfui! möchte man da ausrufen, welch ein Zerrbild wird da seitenlang physisch und moralisch seziert, nicht aber die Frau, gerade die moderne Frau, die, frei von dem lächerlichen Aberglauben finsterer Vorzeiten, mit starker und doch zarter Hand, das Leben des Kindes beschützt, dem der Vater in: großen Ganzen nicht viel mehr als das Leben gibt, das die Frau erst mit fürchterlichen Schmerzen zur Welt bringen muß.

Oft bekommen die Kinder den Vater den ganzen Tag nicht zu Gesicht, des Morgens ist er noch in seinem Schlafzimmer, wenn die kleine Schar zur Schule gerüstet an dem Kaffetisch sitzt, des Mittags hat er seinen Frühschoppen noch nicht beendet und des Abends fesseln ihn die Pflichten des Clubs, Kegeln, Schießübungen, Tarock, gute Freunde und »sonst noch was«, wie es im Couplet heißt! Die Frau ist die Hüterin der heranwachsenden Generation, ja in den meisten Fällen versieht sie dieses schwere Amt ganz allein, denn der Mann findet sich in dem schweren Berufe seiner Selbstsucht nicht dazu angetrieben, viel an der Erziehung der Kinder teilzunehmen! Er tritt meistens nur als zürnender Gott auf, der bei den geringsten Vergehen der Kinder, die Mutter zur Rechenschaft zieht!

Ja, eine schwere Aufgabe ist der Frau geworden; wie aber kann man dieselbe als gedankenlose Modepuppe hinstellen, die keinen anderen Kultus kennt, als den ihrer Person allen Männern gegenüber, ausgenommen den eigenen.

Im Gegenteil, der Hang zur Häuslichkeit ist bei der deutschen Frau meiner Ansicht nach ein übertriebener Kultus, wenn ich auch ihre Aufopferung bewundere. Leider wird diese Aufopferung, die Sucht nach Verrichtung niederer, häuslicher Arbeiten als das Urbild einer guten Hausfrau zu gelten, dadurch beeinträchtigt, daß sich schließlich Gemüt und Geist so vollständig dem täglichen Berufe accomodiert, daß die Frau sich eben durch diese Häuslichkeit, immer mehr von dem entfernt, das das Ideal einer richtigen Ehe sein muß, Miteinanderleben, denken, fühlen!

Große Wäsche ist ein Ereignis; daß sich die Frau in irgend einer Weise daran beteiligen muß, gilt als selbstverständlich! Kochen, waschen, flicken, die Generalsäuberungen jeder Woche, all' das sind Dinge, welche so vollständig in Anspruch nehmen, daß der Mann wenn er nach Hause kommt eine überarbeitete, durch allerlei häusliche Vorkomnisse eingenommene, mit vom Küchenfeuer aufgedunsenen Gesichtszügen, groben Händen, der Magd ähnliche Frau vorfindet, die in keiner Weise mehr im Stande ist, ihm geistig Gesellschaft zu leisten. Als Mädchen hat sie das Leben von der schönen, als Frau von der nützlichen Seite kennen gelernt, sie ist weder körperlich noch geistig diesem Berufe gewachsen, sie wird übellaunig, aufgeregt, nervös und in diesem Zustande soll sie die Kinder überwachen, ihre Aufgaben beaufsichtigen, mit einem Worte, die heranwachsende Generation heranbilden an Geist und Gemüt!

Dazu kommt noch die nagende Sorge um das tägliche Brot, tausend Kleinlichkeiten, die wie Nadelstiche das Leben der Frau, Gattin und Mutter verbittern. Allerdings kann man einwenden, warum läßt die deutsche Mutter ihre Tochter die Zeit mit dem Schönen vertändeln, warum ließ sie die junge Seele mit anderen schönen Künsten, nach Max Wolf, sich dem Klavierteufel verschreiben? Warum? Wieder liegt hier die Antwort in dem selbstverläugnenden Charakter des Weibes, die Herzensgüte der Frau will dem jungen Leben auch eine Handvoll Rosen gönnen, sie, die sorgende Mutter weiß es, wie bald die Dornen kommen. Endlich, wenn sich ein junges Mädchen in dem Sinne der deutschen Frau an dem Haushalt beteiligen würde, würden die feinen Fingerchen hart werden und nicht mehr im Stande sein, die wunderschönen, köstlichen Handarbeiten, die, wenn sie auch Max Wolf verdammt, doch ein ganz bedeutender Facktor der häuslichen Gemütlichkeit sind, anzufertigen. Ein Zimmer aber, in dem weibliche Handarbeiten fehlen, macht mir genau den schaalen Eindruck, wie wenn man Wasser aus einer Kaffetasse trinken würde.

Der Klavierteufel, ein köstlicher, in vielen Fällen passender Ausdruck, für die erfunden, welche seine Opfer sind, nämlich die Mitbewohner des gleichen Hauses u. s. w. Es ist gewiß kein Fehler, daß die jungen Mädchen so viel Klavier spielen, aber es ist ein Fehler, daß sie – so schlecht Klavier spielen! Haben sie kein Talent, denn sollen sie sich lieber einer anderen Kunst zuwenden, haben sie aber Talent und Lust, warum üben sie nicht aufmerksamer?

Das Instrument kann wirklich zum Klavierteufel werden, wenn man täglich mit der gleichen fehlerhaften Produktion gemartert wird.

»Himmlischer Vater«, seufzt die arme Seele im ersten oder zweiten Stock, »jetzt kommt die Stelle wo sie regelmäßig Fiß, anstatt F greift!«

»So etwas sollte nicht vorkommen, meine jungen Damen, üben sie gewissenhafter und der Klavierteufel wird sich zum guten Genius des Hauses verwandeln«. Nicht jeder hat die Mittel, Konzerte u. s. w. zu besuchen, aber jeder hat zehn Finger und damit das Recht, sich selbst Musik zu machen, sich und andere damit zu erfreuen! Es gibt Lagen im menschlichen Leben, wo die Musik der einzige Trost einer verzweifelnden Menschenseele wird; man soll sich nie die Möglichkeit dieses Trostes nehmen. Musik fördert den Sinn für Häuslichkeit, erhebt das Gemüt und macht uns unsere vier Wände zum Dolmetsch aller Compositionen, die draußen in der Welt die Menschen veredeln und begeistern.

Das Haus aber, wo die Kunst keine heimische Stätte findet, ist ein armes Haus und wäre sein Besitzer auch Millionär!

Besonders die junge Menschenseele, die noch in dem glücklichen Stadium der Illusionen steht, bedarf vor allem der goldschimmernden Flügel, um damit hinauszuflattern in die schöne, glückbringende Welt! Wohin sonst mit den heißen, übervollen Herzen? Wenn eine nur praktische, kaltherzige Erziehung das Reich der Phantasie, mit all' seinen holden Kindern, die schönen, leichtbeschwingten Künste von dem jungen Mädchen absperrt, dann, ja dann – verirrt es sich auf Abwege.

Die Liebe läßt sich weder mit doppelten Riegeln abschließen, noch sonst verbergen, sie wird nicht gelehrt und doch kennt sie ein Jeder!

Die übervolle Mädchenknospe, die weder edle Musik, noch läuternde Lectüre in ruhige Lehren geleitet, fällt dem ersten besten Gecken in die Arme, der es fertig bringt aus ihrer Schwärmerei, sich reinen Glorienschein um die etwas bedenklich langen Ohren zu schlingen.

Sie ist ganz Liebe und er, – betrachtet sie wie ein Paar Handschuhe, die er, wenn abgenützt, abstreift und in die Ecke wirft.

Oder er heiratet sie und sie wird eine Frau wie tausend andere, die zu spät einsieht, daß der Herr Gemahl unter andern vortrefflichen Eigenschaften auch die besitzt, ein ganz anderer, als er vorher gewesen, zu sein.

Es gibt Männer, die sich oft andern Frauen gegenüber beklagen, daß ihnen ihre Frau keine geistige Anregung bietet, daß dieselbe gleich einem guten Hefenteig in der Häuslichkeit aufgehe!

Diese Herren bedenken aber nicht, daß sie die Frau zu dem machen, was sie an ihr tadeln, daß es ihnen im Grunde bei diesem Tadel überhaupt mehr um das Relief andern Frauen gegenüber, zu thun ist, als unbefriedigter Ehemann zu gelten; sie selbst drücken die Frau hinab, denn ist irgend etwas im Hause nicht richtig, oder bildet es sich der despotische Herrscher nur ein, dann redet er gleich im Plural »Ihr seid faul, Ihr thut nichts«. Damit schmiedet sein Zorn Iran und Magd gleich einem Paar siamesischer Zwillinge zusammen; wahrlich eine Art die Frau herabzuwürdigen, die sie bald den letzten Respekt der sich allerdings geschmeichelt fühlenden Dienstmagd kosten wird.

Max Wolf sagt: »Der Mann verehrt im Weibe Anmut und Tugend, vielleicht die seltene Ausnahmen von Männern, die Dutzendware aber sucht in dem Weibe nur Liebe, sie ist sein Anfang, sein Ende, sein Ziel, sein – Amen!

Anerkennenswert ist es immerhin, wenn Max Wolff schreibt: »Das Beispiel einer guten charaktervollen Mutter macht das Beispiel eines gewissenlosen Familienoberhauptes einigermaßen unschädlich!«

Einigermaßen, sage auch ich, niemals aber ganz. Der Ton hallt zurück und bleibt, wenn auch unbewußt und kaum merklich, als Echo in der jungen Brust, das sich mit den Jahren stärker fühlbar macht und nur auf Kosten der ganzen kindlichen Piätät dem Vater gegenüber, gebrochen werden kann.

Die Frau muß zu einem trostlosen Mittel greifen, sie muß jedem Kinde sagen: »Du darfst nicht sein, wie Dein Vater, Du darfst diese und jene Worte nicht wiederholen, diese und jene Handlungen nicht nachahmen«.

Wahrlich ein fürchterliches Mittel, aber meiner Ansicht nach das einzige, das Kind dem verderblichen Beispiele eines rohen, verdorbenen Gemütes zu entziehen.

Noch eins will ich dem häuslichen Wirken der deutschen Frau gegenüber bemerken: sie ist in einem kleinen Hauswesen, vorausgesetzt, daß sie ein solches leitet, manchmal wirklich gezwungen sich zur Magd herabzuwürdigen, (obgleich sie es noch mehr aus Passion thut). weil die deutschen Dienstboten durchaus nicht dem entsprechen, was man billig fordern kann! Ein Mädchen für Alles ist in den meisten Fällen eher »ein Mädchen für Nichts«. Dennoch wäre es der Fran und ihrer, doch nicht in der Sphäre der Magd stehenden Bildungsstufe angemessener, wenn sie unter ihren Augen das Mädchen arbeiten ließe, als daß sie – unter den Augen des Mädchens arbeitet! –

Ich schmeichle mir keine schlechte Hausfrau zu sein und Alles in bester Ordnung zu halten; Max Wolf würde es schwer werden, sein kostbares Autograph in Gestalt eines Monogramms, auf irgend ein, sich in meiner Wohnung befindliches Möbelstück schreiben zu können, ich verrichte jedoch niemals selbst eine andere häusliche Arbeit.

Allerdings dieses Abstauben der Möbel und Nippes besorge ich allein, ein Paar abgelegte Handschuhe des Familienoberhauptes genügen, um die Hände trotz dieser Beschäftigung weich und zart zu erhalten.

Man erspart dadurch zwei Dinge: sich über leichtfertige Arbeit ärgern zu müssen und fast alle Tage einen zerbrochenen Gegenstand mehr zu haben. Aber selbst andere anstrengende Arbeiten zu verrichten, wie täglich kochen, bügeln, ja damit ist es bei der echten deutschen Hausfrau noch gar nicht abgethan, dafür aber kommen Riesenrechnungen von Schneiderund Putzmacherin.

Der Tropfen wird gespart und der Eimer ausgegossen! Wäre es nicht richtiger, die Frau würde selbst diese feineren Arbeiten verrichten und die groben dem Dienstmädchen überlassen, das auf diese Weise nie eine Selbständigkeit gewinnt und niemals das wird, was sie sich so pompös nennt: »das Mädchen für Alles«!

Vielleicht liegt diese Ansicht in meiner Nationalität; ich bin Österreicherin und wir haben die Ansicht, daß Frauen besserer Stände »Damen« und nicht Gehilfinnen der Mägde sind; Damen in dem Sinne, unser Haus mit Würde, als das was wir sind, zu verwalten und dabei doch nicht ganz den schönen Künsten untreu zu werden, die tausende von deutschen Mädchen mit dem größten Zeit- und Kostenaufwand nur lernen, um sie in der Ehe sofort wieder zu vergessen!

Wir finden trotz Max Wolf auch nicht das geringste Lächerliche dabei, mit dem Kochlöffel in der Hand, ein gutes Buch in der Tasche zu haben, denn ganz ohne Kochlöffel geht es auch bei unseren Begriffen der Häuslichkeit nicht ab, wenn wir ihn auch nicht als tägliches Atribut schwingen. Denn die selbstthätige Wirksamkeit der deutschen Frau findet man so ziemlich in allen Kreisen, auch wenn eine genügende Anzahl Dienstboten vorhanden ist.

Wenn ich diese Wirksamkeit auch nicht treibe, so muß ich diese doch speziell dem Wolf'schen Buche gegenüber wahrheitsgemäß bemerken, weil gerade dadurch das Fundament seines ganzen Baues locker wird, auf welches er das moderne Weib hingestellt hat.

Daß eine jede Frau eine schwache Constitution mit in die Welt bringt, ist mir auch neu; allerdings eine schwächere, als der Mann, das gebe ich unbedingt zu.

Herr Max Wolf spricht sogar von Krankheiten des Weibes, die geerbt sind.

Von wem geerbt? – Von den, doch in der Mehrzahl ehrbaren Müttern, oder von den in der Mehrzahl nicht sehr sittenstrengen Vätern? –

Ich stelle diesen Satz nur als einfache Frage auf, weil Max Wolf auch dieses traurige Erbe vom Weibe ausgehend hinstellt!

Bei dem Manne werden Ausschweifungen oft sehr trauriger Art gewissermaßen, als sein ihm von der Natur zugewiesenes Recht betrachtet, während der mit den Jahren der Ehe, allerdings bei der Frau, eintretende schwächliche oder krankhafte Zustand einfach in der Sünde, mit Schmerzen einer neuen Generation das Leben zu geben, besteht!

Max Wolf spricht auch von Fehlern der Ernährung, welche die Frau begeht, wo sie im vollsten Sinne des Wortes ein Doppelleben führt!

Ich glaube, jede Frau würde es vorziehen, sich in dieser Zeit zu Pflegen, bestens zu nähren, häufig zu ruhen, mit kurzen Worten so zu leben, wie es die Natur selbst, bei Schwäche und Mattigkeit verlangt.

Wer kann es aber; die reiche Dame der alles zu Gebote steht, nicht aber die Frau des Mittelstandes, noch weniger die des Volkes! Die Frau des Mittelstandes muß in dieser Zeit, die allerhand neue Ausgaben bedingt, womöglich noch mehr sparen als sonst. Die Frau des Volkes muß arbeiten, um nicht zu verhungern, denn gerade in diesen Kreisen, wo man von der Hand in den Mund lebt, ist in unzähligen Fällen der Mann so entartet, daß er seinen Wochenlohn vertrinkt oder nichts verdienen will, und die Frau muß ihr ganzes Können einsetzen, um die hungernde Familie zu ernähren.

Wo liegt die Möglichkeit einer speziellen Pflege der, ihren Mutterpflichten entgegensehenden Frau; die Schneiderin tritt die Maschine, die Bäuerin arbeitet auf dem Felde und die Waschfrau mit doppelter Last gebückt, bis zur letzten Stunde am Waschfaß.

Oder ist es vielleicht nicht so, giebt es nicht Legionen schlechter entarteter Männer, welche der Frau ein gut Teil von dem überlassen, was sie selbst herbeischaffen sollen; sind nicht die stets vollen Wirtshäuser, die ekelhaften Schnapsbuden, die gedrängten Weinstübchen, die nächtlichen Kaffeehäusern etc., ein trauriges Zeichen von Entartung des männlichen Geschlechts. All' diese Unternehmungen finden ein reichliches Auskommen, sonst würde man nicht bemüht sein, fast jeden Neubau in seinen unteren Lokalitäten zu einer Restauration zu verwenden und nicht alle zwei Häuser weit eine Wirtschaft sein, die einladend durstigen Lippen winkt.

Ich sage gewiß nicht zu viel, wenn ich ausspreche, daß unser Mittelstand viel besser für das Fortkommen seiner Familie, die Bildung seiner Kinder sorgen könnte, wenn nicht bald die Hälfte des Einkommens durch die Kehle rinnen und in nutzlosem Rauch aufgehen würde!

Besonders in den unteren Volksklassen; wie oft vertrinkt der Mann seinen Wochenlohn, wie unzählige Männer giebt es, die das letzte Stück versetzen, nur für Bier und Cigarren. Wie viele Männer, die auch nicht gerade mit Reichtum gesegnet sind, unterhalten außer ihren eigenen Haushalte, noch den einer sogenannten »Dams soustenat!«

»Die Frau kennt nicht den Wert des Geldes, verthut was der Mann mühsam erwirbt«, so ähnlich schreibt Max Wolf; wie kommt es aber dann, daß all' die Stellen, welche bis jetzt Frauen offen stehen, von Bewerberinnen bestürmt werden. Unsere modernen Sapphos, die dem Manne längst ebenbürtig zur Seite stehen, auch sie treibt der Drang nach dem Erwerbe auf den Markt des Lebens! –

Und dieses Geschlecht tritt die Broschüre Max Wolfs vollständig in den Staub, trotzdem seine Lasten schon von Natur so riesengroß find, daß der starke Mann ihnen unterliegen würde, der schon über ein bischen Kopfweh aufgeregt ist und das ganze Haus, wegen des geringsten körperlichen Schmerzes, mit der Sorge um sein liebes Ich in Atem hält!

Eine jener Frauen, welche bei gewissen, oft vorkommenden häuslichen Ereignissen, die Kindergeschrei immer im Gefolge haben, zu Rate gezogen werden, meinte ganz richtig: »Wenn der liebe Klapperstorch den Männern die kleinen Schreihälse brächte, es würde jedesmal eine von uns umgebracht werden!«

Darin wieder stimme ich vollständig mit Max Wolf überein, jede Mutter, alle Eltern sollten bemüht sein ihren Töchtern eine Erziehung zu geben, die sie befähigt, nötigenfalls sich selbst ernähren zu können, aber nicht im Sinne Max Wolfs, der das zuerst, als erniedrigende Sklavenarbeit, hingestellte Maschinenähen dennoch als einzig passenden Erwerb hinstellt!

Allerdings sollte jedes Mädchen seinen Stolz daran setzen, Kleider und Hüte selbst anfertigen zu können; wie viel Ärger und Geld würden unsere jungen Damen dadurch ersparen. Wer kennt nicht die Qualen, die die wortbrüchige Schneiderin unserem Geschlecht macht? Welche Freude, wenn wir selbst so ein Meisterstück fertig gebracht haben. Bei dieser Arbeit leiden weder der Teint, noch die Hände, man mutet dem zarten Körper keine Anstrengung zu, der er nicht gewachsen, kleine Nadelwunden allerdings sind nicht zu umgehen, doch können wir diese mit Stolz als Zeichen unseres Fleißes tragen; mit mehr Berechtigung, als die Herren Studenten die oft aus purem Übermut geschlagenen Wunden und Narben, auf die sie sich so viel einbilden, trotzdem sie vernünftig denkenden Menschen in vielen Fällen nur mitleidiges Lächeln entlocken können. So sehr ich der Ansicht bin, daß ein Mädchen sich ihre Garderobe selbst arbeiten soll, so wenig finde ich es eines gebildeten Mädchens würdig, diese Arbeit zum Beruf zu erwählen, umsomehr, als sie dadurch den Töchtern des Volkes einen lukrativen Erwerb entzieht, auf den diese oft angewiesen sind.

Wie kann überhaupt ein gebildeter Mann wie Max Wolf einer jungen Dame zumuten, ihre Zukunft als Schneiderin, von Haus zu Haus, zu suchen; anders kann man wohl die Worte von der Wahl des Berufes nicht auffassen, da Max Wolf schreibt: »Man darf das Mädchen nicht in Berufszweige einführen, welche zum Hauswesen in gar keiner Beziehung stehen, sondern sie muß etwas wählen, das sie wieder im Hause verwenden kann, dazu gehört vor allem die gesamte Bekleidungs-Industrie, die Putz- und Handarbeit!«

Wenn die Eltern ihren Töchtern kein anderes Mittel als dieses trostlose, an die Hand geben, dann haben sie schlecht für dieselben gesorgt; weit entfernt, die lächerliche FrauenEmanzipation, die vollständige Gleichstellung mit dem Manne für uns anstreben zu wollen. Es giebt vor allen anderen einen Beruf, der von dem Mädchen ergriffen werden sollte und zwar mit ernstem, festem Willen. Es dürfte keine Stadt geben, in der nicht wenigstens eine Dame den ärztlichen Beruf ausüben sollte, in der nicht ein Frauenarzt wäre. Leider ist die Fran durch den Mangel richtiger Pflege, durch den Zwang pekuniärer Verhältnisse manchen Leiden ausgesetzt. Es giebt wenige, die, wenn sie einigen Kindern das Leben geschenkt haben, nicht einen Teil ihrer Gesundheit eingebüßt hätten! Tausenden davon wäre vielleicht geholfen, wenn sie nicht vor dem Manne, dem Arzte, zurückschrecken würden, denn einer Frau schenkte sie gewiß gern ihr Vertrauen! Doch ich will das Thema des Frauenberufs nicht weiter verfolgen, da durch denselben dem Manne eine Konkurrenz erwächst, der ja dazu bestimmt ist, die Familie zu erhalten.

Im Übrigen sind die Frauen, trotzdem sie Max Wolf als entartete, gedankenlose, oberflächliche Wesen hinstellt, bereits mit Erfolg in das öffentliche Leben getreten, als Telegraphisten, Postbeamte, Buchhalter, Redakteure, Lehrer, Künstler, Schriftsteller, auch als Ärzte, wenn auch noch vereinzelt. Die unzähligen anderen Berufsarten eingerechnet, die von Damen und Mädchen versehen werden, zeigen, daß die Frau unmöglich die gedankenlose Modepuppe sein kann, wie sie Max Wolf schildert. Noch ein Beruf ist es, dem Niemand seine wärmste Verehrung versagen wird; es ist der der Krankenpflegerin! Wo lebt der Mann, dessen Beruf diesem edlen, aufopferungsvollen, hingebenden Wirkungskreise gleichkommt? – Wie Engel umschweben sie das Schmerzenslager des Kranken, durch nichts anderes geleitet, als durch die wärmste Menschenliebe. Der Spötter kann zwar einwenden, auch sie suchen ihr tägliches Brot; gewiß, aber wer es auf diese Weise findet, ist ein reiner, entsagungsvoller Charakter, ein – »Engel in Menschengestalt«.

Max Wolf spricht von skandalösen Vorgängen, die in großen Städten das Tagesgespräch gebildet haben und bringt auch dieses als Beweis der Entartung des Weibes. Allerdings sträubt sich das Gefühl der feinfühlenden Frau, das für möglich zu halten, was thatsächlich vorgekommen ist, wenn aber Mädchen aus anständigen Familien so tief gesunken sind, wer hat sie dahin gebracht? Sie sich selbst gewiß nicht, immer wieder ist es der Mann, von dem die Schuld des Weibes ausgeht, dessen ausschweifende Phantasie so faul geworden ist, daß er zu den unlautersten Mitteln greift, um in seiner Blasiertheit noch Vergnügen zu finden! Sät man giftigen Samen, so geht ein Giftbaum auf! Immerhin stehen derartige trostlose Entartungen vereinzelt da und man darf dieses dem weiblichen Geschlechte ebensowenig anrechnen, wie man es den Mannen: anrechnet, daß unter ihnen so und so viel Wüstlinge sind!

Das Alles sind Ausnahmen und werden es, Gott sei Dank, immer bleiben.

So gehört auch die »gefällige ältere Frau« zu den Ausnahmen und der Herr Verfasser hätte nicht Unrecht gethan, wenn er wenigstens die Matrone mit grauen Locken aus seiner zersetzenden, alle Empfindung und Tugend herabwürdigenden Schrift, fortgelassen hätte; es wäre pietätvoller gegen diejenige gewesen^ die jeder Mann von etwas Gefühl, Allen anderen voran, achtet und hochhält – seine Mutter!

Man soll nur die Augen aufmachen in der Welt, Defraudationen, Diebstähle, Fälschungen sind an der Tagesordnung! Sind das vielleicht auch Verbrechen der Frau?

Max Wolf würde sie entschieden auf die Verschwendung, und den Luxus der Frau zurückleiten; die Gerichtsverhandlungen aber entrollen andere Bilder.

Gerade in der letzten Zeit hatte man Gelegenheit die fürchterliche Ausschweifung mancher Männer kennen zu lernen, die nicht nur eine, nein, mehrere Maitressen unterhalten, ein Vermögen an diese verschwenden, ja sogar so verächtlich handeln, das Vermögen der Frau zu diesem ehrlosen Zwecke zu verwenden!

Max Wolf sagt, »die teuren Badereisen der Frau ruiniren den Mann!«

Ich glaube kaum, daß es viele Frauen gibt, die, wenn sie wissen, daß ihnen der Mann eine solche nicht bieten kann, dieselbe doch von ihm verlangen! Doch gesetzt, sie sind so kindisch, so leichtsinnig, dann ist es eine lächerliche Dummheit des Mannes, diesen Wunsch zu erfüllen. Aber die Herren Ehemänner sind in diesem Punkte oft von großer Schwachheit, die das vertrauende Frauenherz so beglückt, daß dem Manne als Opfer angerechnet wird, was Egoismus ist! Jetzt könnte ich eine Reihe pikanter Episoden zum Besten geben, aber ich bemerke besser nur die Thatsache, daß die Zeit der ungebundenen Freiheit den Herren Ehemännern äußerst angenehm ist!

Wer nicht in der Lage ist, sich eine kostspielige Freundin anzuschaffen, der kann dann nach Herzensluft ausbleiben oder mit der zurückgebliebenen Köchin in dem Schlafzimmer der nichtsahnenden Gattin seine Orgien feiern?

Oder male ich zu schwarz, meine Herren Ehemänner? Wenn nicht Sie, dann Dieser oder Jener Ihrer Bekanntschaft! Sie sind nicht allzu selten, diese modernen Ehemänner, die sich bei Badereise und Landaufenthalt von Frau und Kindern als Opfer, das sie den Ihren bringen, hinstellten, während es doch umgekehrt der Fall ist.

Es klingt freilich sehr grob und unangenehm, was ich da sage, es sind ja mich Gott sei Dank nicht alle so, aber viele, Hand aufs Herz – viele! –

Woher ich das Alles weiß, nun ich kann ein wenig beobachten; manchmal sah ich ihrem Treiben im Weinstübchen zu, wo die Herren Ehemänner seelenvergnügt beisammen sitzen, – denn dort schlägt ihnen keine Stunde.

Da habe ich dies Alles gehört und noch viel, viel mehr, das ich zu diskret bin, auszuplaudern! –

Die sehnsüchtige und sentimentale Stimmung, welche dem Jungfrauenalter in vielen Fällen eigen ist, führt Max Wolf auf niedrige sinnliche Empfindungen zurück. Gerade in dieser Zeit erscheint dem jungen Mädchen der kräftige Gatte als ein Ideal, die Ehe als der Gipfelpunkt irdischer Glückseligkeit, von allen profanen Gedanken frei.

Sie sieht in jedem Manne, der körperlich ihrem Geschmacke entspricht, den ihr vom Schicksal Bestimmten; sie ist wie weiches Wachs, dem die bildende Hand des Mannes erst die richtige Form geben muß. Max Wolf spricht von Mesalliancen, Fehltritten, die im Konflikt mit den Satzungen der Sitte stehen und oft einen düsteren Abschluß finden. Wo liegt denn der Grund für diese Verderben bringenden Tragödien, als in der Nimmersatten Gier des Mannes!

Was fragt er danach ob die Blume, deren Duft ihn vorübergehend erfrischt hat, gebrochen am Boden liegen bleibt, bis ein Vorübergehender sie wieder aufhebt und sorglos an den Hut steckt, um immer tiefer, immer mehr sinkend, dann endlich mit einem Fluche auf den bleichen Lippen gegen den rohen Verführer zu sterben!

Was kümmern ihn die Consequenzen, geraubte Ehre, gestohlenes Glück?

Faust wenigstens hat noch Gemüt, es zieht ihn zu der Verlassenen zurück, doch der Dichter hat den Mann eben idealisiert, der moderne Faust läßt sein Gretchen sitzen, aber er kehrt nicht zurück, – er sucht sich ein anderes! –

Wo mag Max Wolf alle die Geheimnisse emporblühender Jungfrauen beobachtet haben, am Ende hat er sie gleich mir erlauscht, aber im Grunde hätte ich das garnicht nötig gehabt, denn die Männer sind nicht diskret genug, daß man nicht verschiedene Geheimnisse von ihnen erführe, ihre eigenen natürlich ausgeschlossen! Aber Max Wolf will von den armen jungen Mädchen Dinge wissen, die, wenn sie wirklich existieren, doch ganz gewiß Niemanden und am wenigsten einem Manne, anvertraut werden.

Man ist entsetzlich ungerecht und parteiisch in der Welt, dem Manne räumt man willig schrankenlose Freiheiten ein, die Frau aber, die sich im Punkte der Treue etwas zu Schulden kommen läßt, wird als Gefallene verachtet! Dennoch sind die Ursachen, die eine Frau vom Wege abführen, oft, ja wohl immer, viel zwingender, als die, welche den Mann antreiben, schon deshalb, weil die Frau die Verführte, der Mann aber stets der Verführer ist, also von ihm der Impuls ausgeht!

Ich will ein Beispiel aus dem Leben anführen, dasselbe ist allerdings nicht alltäglich in seinem tragischen Konflikte, denn gewöhnlich, besonders bei Protestanten endet solche trübe Angelegenheit nicht mit dem Tode, sondern mit dem Beginn eines neuen Lebens, in Folge der Scheidung mit zweiter Ehe!

Sie liebte ihn von ganzem Herzen. Er fühlte sich, nachdem ihm der Rausch der Sinne alltäglich geworden, wieder seinen früheren Kreisen zugethan. Sie weint, schmollt, bittet, zürnt. Alles umsonst, er verläßt täglich sein elegantes Heim, um dorthin zu gehen, wo so manches Frauenglück zerschellt, Abend für Abend, in das – Wirtshaus. Täglich ist es Morgen, wenn er nach Hanse kommt! Sie hat wenig Freude, sie ist eine mehr in sich abgeschlossene Natur.

Anonyme Briefe säen Mißtrauen in ihr Herz, trotzdem verjagt sie den quälenden Verdacht; ihr Gatte ist ihr treu und nur die Freunde sind es, die ihn ihr entfremden!

Da, ein jäher Schreck; durch einen Brief, der zufällig in ihre Hände gelangt, erkennt sie, daß zwischen ihrem Mann und der Schreiberin, einem von ihrer Hände Arbeit lebenden Geschöpfe, inniges Einvernehmen besteht! Sie sucht in grenzenloser Verzweiflung die Adressatin auf, dieselbe tritt ihr mit einer Eleganz entgegen, die sie noch schmerzlicher berührt, gedenkt sie der vielen, ihr versagt gebliebenen Wünsche; schamlos leugnet die geriebene Person und wenn die Unglückliche auch alle Lüge durchschaut, was bleibt ihr übrig, um sich nicht noch selbst beleidigen zu lassen, sie muß schweigen, und entschuldigend von dannen gehn, wenn auch mit dem Tode im Herzen. – Plötzlich, als hätte es nur des belebenden Hauches bedurft, schwüren allerhand Gerüchte, die sich nur zu leicht als Thatsachen beweisen lassen, an ihr Ohr, sie sieht daß sie jahrelang betrogen wurde, daß sie das Opfer eines gewissenlosen Wüstlings geworden ist. Sie erfährt, daß er seine Nächte in Gesellschaft zweideutiger Dirnen verbracht hat, daß er seine Ausgaben überschritten, eine Menge Schulden gemacht und das Vermögen seiner Gattin, das sie ihm vertrauensvoll überließ, vergeudet hat!

Nicht genügend, daß er sie in ihren heiligsten Empfindungen betrogen, er hat sie auch noch darben lassen, Pfennig um Pfennig mußte sie mühsam von ihm erbetteln. Jedes nützliche Stück, das sie anschaffen mußte, erhielt sie erst nach sinnlosen Vorwürfen unter schmerzlichsten Thränen!

Da faßt die junge Frau einen verzweifelten Entschluß. Sie ist ihm gleichgiltig, weil sie ihm sicher zu wenig pikant war! Sie beginnt eine gefährliche Kur, um das Herz des noch immer geliebten Gatten wiederzufinden. Sie kokettiert mit einem Bekannten, der sie schon lange mit teilnehmendem Interesse verfolgt. Umsonst, er bleibt gleichgültig, ja er treibt es in einer Gesellschaft, welche er mit seiner Frau besucht, so weit, sich einer andern jungen Dame vollständig zu widmen und den Hof zu machen, die eigene Frau ganz ignorierend.

Da faßt sie Verzweiflung. »Gut, er liebt mich nicht mehr, er macht mich zur Zielscheibe des Spottes, so will ich zeigen, daß auch ich die Antwort finde, wenn ich nur will!«

Die harmlose Koketterie wird ernster, das Spiel wird zur Wahrheit, sie hat in Schmerz und Eifersucht, in wildem Trotz, in dem heißen Verlangen ihren Gatten dadurch zu reizen, und wiederzugewinnen, das Steuer verloren; der gute Freund der ja auch ein Mann ist, versteht es meisterhaft, die leidenschaftliche Seele der Beklagenswerten dorthin zu leiten, wohin ihn selbst sein Sinn treibt. Was sie gewollt, wird erreicht, wenn auch um den Preis ihrer Ehre, der Gatte findet sie in den Armen des Freundes, in wilder Wut will er denselben niederschießen, aber der feige Galan entflieht und die Frau sinkt getroffen zu Boden.

Ihr letzter Blick ist Liebe und Verzeihung für den stolzen Rächer, dessen Schuld doch viel größer ist, als die ihre. »Dank« stammelt sie, »nun weiß ich's, Du hast mich doch geliebt!«

Sie stirbt versöhnt und glücklich, wenn auch – in einem großen Irrtume! Nicht Liebe hat ihm die Waffe in die Hand gedrückt, nur der Egoismus bäumte sich in ihm darüber auf, daß ein Mensch es wagt, ihm sein Eigentum rauben zu wollen!

Aus solchen Motiven entartet die Frau in unzähligen Fällen. Um sich die Liebe des Gatten zu erhalten, dem oft begehrenswert erscheint, was andere begehren, wird manche Frau ein mehr oder wenig kokett als sie es sein dürfte, denn wie schon früher erwähnt, ist ein bischen Koketterie jeder hübschen Frau angeboren.

Die Anschauungen, welche Max Wolf diesem, oft so harmlosen Gefallenwollen gibt, sind genau so übertrieben, wie die, die er der verheirateten Frau, die doch die Myrrhe mit der Orangenblüte vertauscht hat, als schamloses Verbrechen anrechnet, wenn sie über eine lustige, etwas zweideutige Anekdote, die ihr der Gatte oder Bruder erzählt, lacht und was komisch ist, auch wirklich komisch findet!

Ich glaube auch nicht, daß es einer Dame etwas von ihrer Reinheit nimmt, wenn sie einmal in Begleitung des Gatten, einen etwas unruhigen Maskenball besucht. Was wirklich unpassend ist, spielt sich ja auch hier, wie überall bei geschlossenen Thüren, nicht vor der Öffentlichkeit ab und das, was offen im Saale vorgeht, erweckt vielleicht nur deshalb Neugierde und Interesse bei der Lebenslustigen, weil es eine verborgene, neue Welt ist, die sie da betritt, und endlich, wenn sie nicht selbst den Spaß mitmacht, thut es der Mann allein. Ob er nicht dann ein Chambre separée vorzieht, lasse ich dahingestellt!

Eine Frau ist doch auch lebenslustig, oft ausgelassen und übermütig, sie ist doch – keine Heilige!

Ein modernes Schauspiel sollen wir nicht mit Interesse ansehen, weil die Bühnenliteratur sich jetzt als Spiegel der Zeit, gern mit etwas pikanten Details und Ehebruchsdramen abgibt! Sind diese Stücke vielleicht nicht wahr, nicht aus unserem Herzen heraus geschrieben? Warum soll gerade die Frau blöde ihr Auge vor Dingen verschließen, wie sie auf der Bühne dargestellt werden, die sie in ihrer Familie oder in bekannten Kreisen, nur noch in schärferen Nuancen selbst erlebt!

Endlich, wer schreibt solche Stücke? Vielleicht Frau Birch-Pfeiffer? – Gerade diese gemütvolle Schriftstellerin ist längst fade und unmodern geworden; die Frau kann überhaupt nicht mehr mit großem Erfolge für die Bühne schreiben, denn das Theater verlangt heutzutage prickelnde, pikante Stoffe, die dem Genius der Frau widerstreben. Also wieder sind wir bei der Entartung des Mannes angekommen, er ist es, der diese Art Bühnenliteratur eingeführt hat, auf ihn fällt die Schuld, wenn sich der Geschmack der Frau endlich auch dem Zeitgeiste unterordnet und sie sich angewöhnen muß Dinge ohne Erröten zu sehen und zu hören, die, weil sie eben Mode sind, auch sanktioniert werden. Endlich, nichts ist lächerlicher als Prüderei in dem übertriebenen Sinne, wie sie Max Wolf verlangt. Seiner Ansicht nach sollte die Frau von allem ausgeschlossen werden, sie müßte immer errötende Wangen, niedergeschlagene Augen und vor Verlegenheit bebende Worte auf den Lippen haben. Sie hat es auch da, wo es wirklich Not thut; weibliche Reinheit und echte Tugend sind Gott sei Dank in den Herzen der Menschheit festgewurzelt, besonders im Herzen des gemütvollen Weibes. Es ist sehr lobenswert, daß Herr Max Wolf so sehr von dem Geiste der Ordnung beherrscht ist, daß ihn ein schief hängendes Bild u. v. a. geniert.

Leider sind die meisten Männer, oder wir wollen sagen viele, nicht von dem gleichen Geiste, der wirklich als großer Segen des Hauses gilt, beseelt.

Nach jedem Umkleiden des Mannes, diese Procedur wird bei vielen zwei bis dreimal im Tage vorgenommen, gleicht das Schlafzimmer einem Kampfplatze; alle Gegenstände der Toilette liegen herum, denn Bürste, Schlafrock, Seife, Hemdkragen, oft ein halbes Dutzend, bis der richtige gefunden ist, liegen in trostlosem Durcheinander auf Stühlen und Erdboden umher. Cigarrenasche, Cigarrenstümpschen bevölkern die elegantesten Gegenstände und nicht genug daran, der Herr des Hauses spuckt, trotz der vielen hygienischen Spucknäpfe überall auf den Boden, gleichviel wo er sich gerade befindet, er schließt keine Thür, keinen Schrank und die ordnungsliebende Frau hat von früh bis Abends, wie ein Lämmlein dem Leithammel, zu folgen, um die Spuren der häuslichen Thätigkeit des Mannes, welche sich auch je nach der Größe des Fußes auf dem er lebt und schreitet, auf Parquetboden und Teppichen abzeichnen, zu vertilgen.

Ja, es soll sogar vorkommen, daß auf dem Sopha Abdrücke von Stiefelabsätzen zu finden sind! Verleumde ich? Oder bin ich nur ausrichtig; im Vertrauen, ich bin auch jetzt noch sehr diskret!

Allerdings giebt es zu diesem Manne noch ein Pendant, den sogenannten »Topfgucker«, doch ich will diskret sein und schweigen.

»Wir befinden uns auf abschüssiger Bahn«, allerdings spricht hier Max Wolf ein wahres Wort aus. Der Mann ist es, der Einhalt thun muß in seinem entarteten Treiben, das der besser gesinnte gewiß genau so verwirft, wie die dadurch geschädigte Frau. Der Mann, der das Haupt der Familie ist, der allen, als gutes Beispiel vorangehen soll!

Das demoralisierende Wirtshausleben, das sich vom häuslichen Herde vollständig entfernt, das den Haushalt entzweispaltet, sollte aufhören! Der Mann muß seine Erholung nicht im Tabaksqualme der Kneipe suchen, sondern dort, wo ihm das teuerste emporwächst: – seine Kinder!

Edle Lektüre, Musik, belehrender Austausch der Gedanken, der Besuch von guten Konzerten und Theatern, sei die Erholung des Gatten, der, für die Seinen besorgt, mit starker Hand die schwächere Frau in der Erziehung unterstützt. Keine vernünftig denkende Fran wird es dem Mann verdenken, wenn er zwei-, ja dreimal die Woche, je nachdem es sich gerade fügt, das ihr unsympathische Wirtshaus aufsucht, um sich im Kreise befreundeter Männer zu unterhalten; manches Interessante wird er von dort zu Hause erzählen können, wenn er sich gern mit vollem Gemüte dem häuslichen Rahmen einfügt. Erhebt die Frau, deren ganzes Wesen ein hingebendes ist, damit sie dem richtigen, edlen Gatten gegenüber, alle Tugenden ihres Geschlechts zur Ausübung bringe. Das Gemüt einer Frau ist ja so dankbar, ein Körnchen Liebe und zarte Rücksicht, vom Manne gesäet, bringt ein reiches Feld übervoller Ähren als Ernte! Wie blühen unter dem Schutze beglückender Eintracht die Kinder empor, wie werden sie das, was sie täglich vor Augen sehen, brave, pflichtgetreue Menschen!

Es gibt glückliche, beneidenswerte Ehen; doch nur in dem Hause, in dem der Mann nicht nur die leibliche Nahrung spendet, sondern auch die geistige Stütze seiner Familie ist, wird sich jeder wohl fühlen. Unsichtbar umschweben holde Grazien solch einen Herd, das Mädchen wächst empor in Sitte und holder Anmut und der Knabe hängt an den Lippen des Vaters, wenn er ihm die Geschichte seines Lebens erzählt. Jeder kleine Zug wird zu farbenprächtigem Bilde, der ja dem geliebtesten, verehrtest«! Gegenstand gilt, den ein Kinderherz kennt, seinen Eltern, die eins sind in Liebe, Eintracht und in Erfüllung ihrer Pflicht.

Warum ist dieses Bild so selten, warum reißen sich die Männer selbst den reinen Trunk von den Lippen, um sich an der Kloake satt zu trinken, warum, ach warum? – Warum verstummt plötzlich in einer andern Familie, wo kein frohes Einvernehmen zwischen den Gatten herrscht, die eben noch so laute Unterhaltung, wenn der Vater in das Zimmer tritt; warum hängen die Augen der Kinder ängstlich an seinen Lippen, warum springen sie nicht ungestüm auf, ihn jubelnd zu umschlingen, warum näht die Hausfrau noch emsiger als sonst, warum?

Der Herr des Hauses heißt es brummend, »Geheimnißkrämerei, Komplotte«, welche hinter seinem Rücken gesponnen werden! Nichts von alledem, aber jedes heitere Wort wird vorlaut, unartig gefunden, jeder frohe Scherz wird von dem stets nörgelnden Sinne des Familienoberhauptes als ein Vergehen verurteilt, die Kinder sollen dasitzen wie die Malven an ihren Stengeln, sie bekommen Schläge und wissen nicht warum. Wenn sie diese wirklich verdienen und die Mutter selbst ihre Bestrafung verlangt, dann unterbleiben sie aus Opposition gegen die, der etwas zu Willen zu thun ihm sein Selbstbewußtsein, daß er zu schmälern fürchtet, verbietet! Man darf in Folge dessen dies und jenes nicht vor dem Vater sagen, die Hausfrau selbst wird durch diese Sucht nach ewigem Tadel gezwungen, den krummen Weg der Heimlichkeit einzuschlagen, sie gleitet dahin, wie ein steuerloses Wrack, immer fürchtend, daß die nächste Sturzwelle sie verschlingen kann! Man atmet ordentlich auf, wenn der Herr des Hauses die Thür von außen schließt.

Irgend eine neue Anschaffung für Haushalt oder Garderobe muß in das Haus geschmuggelt werden, um nicht Stürme zu entfesseln, denn ohne Sinn und Vernunft wird einfach alles verworfen, alles als überflüssig betrachtet, alles getadelt! Die Sehnsucht nach der im Anfange der Ehe so heiß ersehnten Gegenwart des Gatten hat sich in einen Alp verwandelt, der auf den Gemütern lastet, so lange seine ohnehin stets schnell vorübergehende Anwesenheit bei den Angehörigen dauert!

Noch eins ist es, das ich vorübergehend schon erwähnt habe, das namenloses Unglück bringt, besonders der Frau des Volkes, die Trunksucht.

Magen und Gurgel verschlingen bei manchem Menschen ein Vermögen, und dies ist die niedrigste, erbärmlichste Art des Genusses, weil sie den Mann auf die tiefste Stufe der Entartung stellt.

Das so weit verbreitete Laster des Trunkes, das bei dem Cavalier mit dem Champagner anfängt und beim Arbeiter, der schnapstrunken in der Gosse liegt, aufhört, ist vorwiegend Eigentum des Mannes, denn die wenigen Ausnahmen so entarteter Frauen können, wenigstens in Deutschland, kaum in Betracht kommen. Welche Opfer aber hat die Trunksucht schon gefordert!

Seht es an, das Weib des Volkes, wie seine Glieder zerschlagen, sein in Momenten der Leidenschaft liebkoster Körper von den Fäusten des Trunkenboldes zerschlagen ist. Seht die dicken Schwielen des unglücklichen Weibes, von denen jammernde und wehrlose Kinder erzählen, und wieder ist ein Kapitel der furchtbaren Entartung des Mannes entrollt!

Doch das erhitzte Blut fordert noch mehr Opfer als Weib und Kind, bis zu Mord und Totschlag treibt ihn der Dämon des Trunkes und oft liegt der Zusammensturz des ganzen Glückes einer armen Familie in den freundlich blinkenden Tropfen des schimmernden Glases.

Noch eins ist es, das dem häuslichen Glücke der Frau vernichtend werden kann: alle Männer sind vor der Hochzeit Comödianten, spielen ihre Comödie vielleicht unbewußt, aber mit einem dann um so bewundernswerteren Talente.

Was der Erwählten gefällt, findet in seinem zärtlichen Herzen das treueste Echo, er dichtet, schwärmt, liest ihre Lieblingsdichter, bewundert Sterne und Blumen, kurz giebt sich genau so, wie die holde Braut veranlagt ist, das dauert so die Flitterwochen durch, aber dann, wenn das Vöglein unbestreitbar als Eigentum auf der Leimrute festsitzt, dann kommt langsam mit Schlafrock und Pantoffeln der wahre Jakob zum Vorschein!

Nachdem ich nun wohl alle Laster und Schwächen des modernen Mannes, seine physische und sittliche Entartung, soweit es mein Zartgefühl als Frau gestattet, geschildert habe, will ich noch ,eine dem männlichen Geschlecht eigene Unsitte erwähnen, die tief einschneidend das Leben der Gattin, Mutter und Schwester berührt. Es ist der erlaubte Mord, das Verbrechen, dem man das Mäntelchen der Ehre umhängt, mit einem Worte – das Duell! –

Wohl kann eine Mutter dadurch zurückschrecken, ihren Söhnen die Bildung geben zu lassen, die sie oft am meisten zu einer genügenden Lebensstellung befähigt, denn wo blüt diese Unsitte mehr, als auf der höchsten Bildungsanstalt »der Universität«!

Der Begriff Ehre, den Sudermann mit verblüffender Genialität in seinem Schauspiele gleichen Namens wahrhaft gezeichnet hat, wird als pompöser Aufputz zu einer Art Sport ausgebeutet, die zu tragischeren Zielen führt, als sie die unbedeutenden Ursachen in den meisten Fällen bei jungen, kaum dem Knabenalter entwachsenen Leuten bedingen! Dem blühenden jungen Mann, der der Stolz der Mutter, wird sein frisches, heiteres Gesicht zerrissen, mit abscheulichen Schmissen, deren Narben ihn für die Lebenszeit entstellen, bedeckt, meistens aus purem und sündigem Übermute. Liegt aber wirklich eine ernste Beleidigung vor, ist es dann nicht das größte, wahnsinnigste Unding, wenn der Beleidigte zu dem erhaltenen Schimpf sich noch der Möglichkeit aussetzt, von dem ersten besten gewissenlosen Lumpen gleich dem willenlosen Tiere grausam niedergeschossen zu werden!

Diese schreckliche Ehre steht auch als drohendes Gespenst vor der Gattin des Offiziers, denn in diesen Kreisen wird dieser lichtscheue Schatten »Ehre« genannt und fordert unzählige Opfer.

Auch hier feiert der blinde Egoismus des Mannes frevelhafte Orgien! Was gilt ihm die Thräne der Mutter, das vernichtete Glück von Weib und Kind! Der Mord auf dem Schlachtfelde findet seine Berechtigung noch in dem idealen Gefühle der Vaterlandsliebe, der Mord im Duell aber ist ein Schlag in das strenge Antlitz der Gerechtigkeit. Er mahnt uns an die finsteren Zeiten der Gottesurteile, da ungezählt unschuldiges Blut floß und auch heute ist es ein Lieblingsfehlgriff des zürnenden Schicksals, dem Beleidigten das letzte zu nehmen, – das Leben! Und wieder fällt der Schatten von des Mannes Handeln auf den Lebensweg der unschuldigen Frau, sie hat nicht einmal den Trost, ausrufen zu können, er starb den Heldentod für's Vaterland, schluchzend muß sie wimmern: »er starb für einen Begriff, für ein Phantom!«

Wann wird der Tag kommen, an dem man endlich einsehen wird, daß in jedem Stande die Beleidigung nur Sühne finden kann, die, die der Richter gibt! Die Selbsthilfe haben unsere Gesetze schon längst ausgeschlossen, warum ist man in diesem Falle so gefällig, die Augen zu schließen; zwar wird das Duell ja bestraft, aber ungefähr so, wie der Vater seinen Knaben züchtigt, der sich einer gefährlichen, mutigen Unart schuldig gemacht; er schilt ihn, kann aber doch seinen Stolz über den schneidigen Jungen nicht unterdrücken! Warum? Ja mit diesem Wörtchen würde man niemals fertig, wollte man das ganze menschliche Leben mit seinen vielen Irrtümern und Verkehrtheiten durchforschen. Das kleine Wörtchen »warum« bringt mich wieder auf einen Vorwurf zurück, den Max Wolf unserem Geschlecht macht. »Wir sind blinde Mannesanbeter und bilden uns ein, einen reichen Menschen immer gut und edel zu halten«. Das, verehrter Herr, ist einfach Unsinn, es gibt ein sehr gutes, wenn auch schon veraltetes Theaterstück: »Der geadelte Kaufmann«. –

Die prächtige aus dem Leben geschnittene Figur des modernen Emporkömmlings, denn dieser Menschenschlag bevölkert immer im gleichen Grundtone die Welt, ist zu alltäglich, als daß wir sie nicht erkennen und belächeln sollten.

Handelt es sich aber um langererbten Reichtum, fällt die Lächerlichkeit des sich brüstenden Emporkömmlings fort, wie einfältig müßte n wir geradezu sein, wollten wir einen Menschen seines Reichtumes wegen unbedingt als edlen Charakter anerkennen! Daß ein reicher Mensch eine glänzende Position in der Gesellschaft einnimmt und daß man sich im Allgemeinen von diesem Relief angezogen fühlt, kommt wohl vor, aber das gilt dann in gleichem Maße von Mann und Weib und ist rein äußerlicher Natur, ohne im Geringsten das Auge gegen grobe Fehler, wenn solche vorhanden sind, unempfindlich zu machen!

Auch in hygienischer Hinsicht sündigen wir entschieden weniger wie die Männer, die sich z. B. schwerer mit der Ansicht befreunden können, daß das Schlafen bei offenen Fenstern eine wahre Wohlthat ist! –

Auch den Vorwurf, daß wir Frauen lieber das beste Zimmer als Salon, das schlechteste als Schlaf- und Kinderzimmer nehmen, weise ich als veraltet zurück. Das sind Vorurteile, mit denen wir modernen Frauen längst gebrochen haben; überhaupt fängt der überflüssige Salon besonders in großen Städten an, wo man bei bescheidenen Ansprüchen große Staatsvisiten nicht mehr macht, ziemlich zu verschwinden, ist er aber vorhanden, dann beschränkt er sich vernünftig als Luxuszimmer auf den kleinsten Raum wo er als lauschiges Boudoir viel mehr anheimelt, als früher, da es in ihm frostig, langweilig und ungemütlich war!

Zum Schluß weise ich als größte Ungerechtigkeit noch Max Wolf's Ausspruch zurück, die Frau nimmt kritiklos den Geist in sich auf!

Die beste Widerlegung wird diesen Worten in meiner ganzen Arbeit gebracht, mit der gewiß alle Frauen einverstanden sind, denn wären wir blinde Nachbeter des Zeitgeistes, wir würden Mar Wolf's Broschüre als ausgezeichnet erklären, denn auch diese ist ein Kind unserer alles zersetzenden, idealvernichtenden Zeit und wir würden vor Allem, dem Zeitgeist Rechnung tragend, die Entartung des Weibes wortlos hinnehmen! –

Noch einen Beweis erbringe ich zur Bekräftigung alles bereits Besprochenen, wir denken und fühlen, richten und verdammen, darum meine Bitte an alle Frauen, alle warm fühlenden, weiblichen Herzen. Zeigen wir uns in diesem Punkte einverstanden, dann ist etwas überwunden, das mit vollem Recht als gedanken- und herzlos unserem Geschlecht vorgeworfen werden kann, das aber vielleicht eben darum, von Max Wolf unbeachtet blieb.

Es handelt sich um einen Gegenstand der Mode; der Schleppe ans der Straße wegen will ich nicht mehr viel Worte verlieren, denn ich hoffe, daß unsere Damen von selbst zu der Erkenntnis kommen werden oder auch schon gekommen sind, daß dieses allerdings elegante und gefällige Kleidungsstück, nur bei einer Gesellschaftstoilette getragen werden darf und ihren weniger zartfühlenden Schneidern und Schneiderinnen mit entschiedener Oposition entgegentreten, wenn dieselben uns zumuten wollen, die Straßenabfälle an Stelle der Gassenkehrer mit unseren Kleidern aufzufegen. Auf die Straße gehören nur absolut fußfreie Kleider, wir wollen doch trotz Max Wolf in allen anmutig und reizend sein, dazu aber gehört in erster Linie absoluteste Reinlichkeit, der Schönheit bedarf es nicht, um die beiden ersten Prädikate doch vollständig zu verdienen. Also fort mit der Schleppe, sie ist unrein auf der Straße und wir wollen rein sein an Körper und Seele. Dies nur vorübergehend, die Mode aber, gegen die wir ankämpfen müssen und sollen, da sich die Polizei des Gegenstandes nicht annimmt und ihn einfach untersagt, ausgestopfte Vogelbälger auf unseren Hüten zu tragen, ist es. Es ist wahr, an den unschuldigen, dem Menschen wehrlos preisgegebenen Tieren wird im allgemeinen viel gesündigt, aber wenigstens gilt der Vorwurf dieser Grausamkeit nicht speziell uns, es gilt der Mode, die meist von den Männern erfunden wird. Denn wo schlägt das Menschenherz, das dieser lieblichen, harmlosen Zierde der Schöpfung nicht Sympathie entgegenbringt. Die Natur würde des größten Reizes entbehren, sänge und zwitscherte es nicht aus Baum und Strauch. Wie glücklich bauen sie ihre Nester, welch ein herziges Bild besorgter Elternliebe bietet die kleine Familie, welche da dicht an einander gedrängt in dem winzigen Raum wohnt. Sie belästigen uns nicht, sie verursachen uns keine Kosten, sie gewähren uns nur Freude und dennoch töte n wir sie, um mit starren Glasaugen und stummer Kehle, sie als grausamsten Popanz der Mode auf unserem Kopfe herumzutragen. Rührt uns denn nicht ihre wehrlose Unschuld, die bewundernswerte Klugheit, mit der z. B. die herzigen Schwalben ihre Vorbereitungen zu großen Reisen in die wärmeren Länder treffen, wie sie geradezu Zusammenkünfte verabreden, um dann in großen Scharen hinauszuziehen in die Welt, wie sie das Ziel finden und wieder zurückkehren in das alte Nest, wenn die Natur bei uns die Augen aufschlägt und es heißt:


»Die linden Lüfte sind erwacht
Sie weben und säuseln die ganze Nacht!«


Muß uns dann nicht das Herz bluten, wenn wir sie so fröhlich von bannen ziehen sehen und daran denken, daß die raffinierte Grausamkeit des Menschen unzählige Fallen erfunden, die das mattgeflogene Vöglein an seinem Zielpunkt erwarten, um es zu Tausenden unter bitteren Schmerzen zu erreichen, warum? – Damit wir, die Vertreterinnen der zarten Gefühle im Menschenherzen, einen Hut mit einem ausgestopften Vogel haben!

Doch nicht nur unsere heimischen Lieblinge, mehr noch die Millionen farbenprächtiger Vögelchen aus fernen Zonen werden zu demselben Zwecke getötet, ja sogar lebendig abgebalgt, um den Glanz des Gefieders zu behalten!

Wenn einst die Stunde kommt und sie wird kommen, da der gebildete Mensch den ganzen Erdenrund beherrschen, der Segen der Civilisation sich über alle Weltteile erstrecken wird, dann wird er wohl von einer Anzahl ihn peinigender Insekten umschwirrt werden, aber die flatternden bunten Tierchen, ebenso unsere heimischen Singvögelchen und zierlichen Schwalben, deren Mehrzahl man die spitzen Schnäbelchen so grausam vernichtet hat, werden ausgestorben sein. Durch die Schuld der Mode, eigentlich durch die Schuld der Frau, die in gedankenloser Eitelkeit dieser Mode gehuldigt hat.

Die Einzelne sagt: »was helfe ich, wenn ich kein Vögelchen trage, so und so viele tragen sie doch!«

So darf man aber nicht denken, ein Tropfen höhlt den Stein, wenn jede einzelne von uns anders denken würde, es als Schmach empfinden würde diese Mode mitzumachen, dann müßte sie endlich wegen Mangel an Absatz aufhören.

Also meine lieben Schwestern, ich habe mich bemüht so weit als möglich unser geschmähtes Geschlecht zu rehabilitieren, geben Sie mir alle die Hände dafür, mit dem festen Versprechen, kein gemordetes, unseretwegen gemordetes Vögelchen mehr zu tragen! Die nimmer rastende Industrie soll etwas Neues bringen, einen Schmuck der keinen neuen Vorwurf im Gefolge hat und wir wollen uns gern und willig der kommenden Mode fügen.

Die besser denkenden Ehemänner aber, denen diese Mode, diese Morde könnte man sagen, schon längst ein Dorn im Auge war, werden uns in der Entsagung unterstützen, indem sie uns den schönsten Hut ohne einen Vogel auf den Weihnachtstisch stellen. Wir aber schieben ihnen dieses Büchlein unter die gestickte Hausmütze oder die Pantoffeln, damit sie daraus etwas über diesen oder jenen Bekannten herauslesen können, denn die Anwesenden gehören selbstredend immer zu den Ausnahmen.

Ihr meine lieben Schwestern aber, deren Loos an der Seite des Gatten ein froh beglücktes geworden, die Ihr die Extraausgabe des edlen, liebevollen Mannes errungen, haltet es fest, das selten schöne Band, das es sich fester knüpfe von Jahr zu Jahr, Eines des Anderen Schwächen schonend, sich gegenseitig läuternd und erhebend, daß Ihr, einmal alt und grau, noch so lebensfroh wie in den Tagen der goldenen Jugend seid und keinen höheren Wunsch kennt, als den: »daß Ihr zufrieden beisammen seid!«

Denn wo erblüt das Weib am schönsten, als in der zärtlichen Sorgfalt des echten, braven Mannes! – Er bleibt der idealste Schutz und Hort des Weibes, zu dem sie flüchten kann in aller Erdennot, der sorgende Vater der emporblühenden Kinder, mit einem Worte der Mann zu dem das Weib aus vollem Herzen sagen kann: »Er soll Dein Herr sein!« – »Und Ihr anderen – bessert Euch!«