ngiyaw-eBooks Home


J. M. Hägele – Die europäische Läusekrankheit

Essay

J. M. Hägele, Die europäische Läusekrankheit, (Werkstimmen für das katholische Volk, I. Jahrgang, 7. Heft), Verlag von Carl Sartori, Wien, Gran & Pest, 1870



Vorwort.

Wir »da draußen im Reich« bedürfen keiner »Weckstimmen«, denn wer unablässig geprügelt wird, kann nicht wohl einschlafen. Trotzdem scheinen die »Weckstimmen« auch bei uns Eingang und Verbreitung zu finden. Welch' heilsamen Aerger sie nebenbei erregen, hat das gewaltige Hundegekläff und Schakalgeheul verrathen, welches erst jüngst im neuheidnischen Lager wieder einmal gegen unfern unübertroffenen Alban Stolz laut geworden. Derlei wirkt besser als die günstigsten Beurteilungen und wärmsten Empfehlungen von Seite der katholischen Presse.

Die Grundgedanken des vorliegenden Schriftchens habe ich schon früher und anderwärts erörtert. Ergötzte mich der Aufschrei der Neuheiden, die um meiner Unverbesserlichkeit willen schon längst zum »Schweigen der Verachtung« sich hätten entschließen können, so hatte ich auch wider manches sauersüße Lächeln und Aufziehen der Augenbrauen und Achselzucken im eigenen Lager gar wenig einzuwenden. »Die Wahrheit beißt!« lautet ein altgriechisches Sprichwort. Heutzutage beißt dieselbe ärger als je und sie beißt auch in katholischen Kreisen, zumal auch in diesen die lieben Engelein keineswegs die Majorität ausmachen. Mag sie beißen! Als neu und ehrlich erworben darf ich mit bestem Wissen und Gewissen meinen Begriff des Wortes Revolution bezeichnen und Neues genug, wenn auch nicht immer Gutes, fände in Vorliegendem der Leser, der Früheres kennt und vergleicht.

Geschrieben in Freiburg, der ehemaligen Hauptstadt Vorderösterreichs, am Charfreitag 1870.

Der Verfasser.



Die europäische Läusekrankheit.

Fürwahr, unsere Zeit hat ihre glänzende und gute Seite; der ärgste Heulmaier muß ihr lassen, sie habe durch Leistungen im Gebiete des sinnlich Wahrnehmbaren und Erdhaften alle Jahrhunderte überflügelt. Die Schnelligkeit des Sonnenlaufes wird vom elektrischen Telegraphen beschämt. In Paris, Wien oder Berlin wird eine Thronrede gehalten; kaum ist das letzte Wort verklungen, so bietet man dieselbe in allen Straßen feil und wenige Stunden später liest der Amerikaner sie wortgetreu aus seinem Leibblatt heraus. Dampfer und Eisenbahnen tragen die Schätze, Güter und Menschen aller Länder im Fluge über den Erdball. Man kommt heutzutage früher und ungleich bequemer von Wien nach Newyork, als oft noch zu unserer Väter Zeit von Wien nach Salzburg. Und immer unternehmender und kühner geberdet sich der Sohn des 19. Jahrhunderts. Die Menschheit rückt gleichsam näher auf einen Haufen zusammen, als erwarte sie Tag und Stunde einer allen Völkern gleich interessanten Begebenheit und gemeinsamen Eröffnung. Und erst die Weltstädte mit ihren Prachtbauten und dem unsäglichen Gewusel und Gewimmel von Menschen, die jahraus jahrein im Sonntagsstaat zu sein scheinen. Ich habe Leute genug gesprochen, welche heimgekehrt waren von den Weltausstellungen in London und Paris. Gerade deshalb, weil sie so entsetzlich Vieles, Neues, Unerhörtes, schier Wunderbares gesehen, wußten sie fast nichts zu erzählen. Die zahllosen Meisterwerke der Kunst und Industrie hatten ihren Blick und ihre Fassungskraft weniger gefesselt als verschlungen. Wird es doch dem schlichten Landmanne, der zum ersten Male eine größere Stadt durchmustert, beim Anblick der riesigen Paläste, der Schaufenster, Erquickungssalons und Kasernen leicht dippelig vor Staunen und Verwunderung. Und wer erst eine Gegend durchwandert, in welcher recht viele Fabriksschlote qualmen, Räder sausen und Spindeln schnurren; wer das Innere der nächsten besten Fabrik sich besieht, er muß gewaltigen Respekt bekommen vor der modernen Industrie.

Fürwahr, der Sohn des 19. Jahrhunderts ist groß, ist ein Erdengott – im Kothe.

Die Natur und deren geheimnißvolle Kräfte und Mächte hat er gewonnen und vielfach sich dienstbar gemacht – auf Unkosten seiner höheren Interessen, seines wahren Erdenglückes wie seiner armen Seele.

Die Herrlichkeit der Gegenwart hat aber auch ihre Kehrseiten.

Der Telegraph dient blos dem, der sein Telegramm prompt zu zahlen vermag. Alle Schraubendampfer und Eisenbahnen haben nicht verhindert, daß erst 1868 mitten im Christenland, in Finnland und Ostpreußen, die Menschen haufenweise verrebelten in Elend und Hunger. Ohne Geld kein Dampfboot, kein Eisenbahnwaggon, kein Getreide, kurz ohne Geld nichts. In großen Städten insbesondere zeigt es sich; die einzige Todsünde, welcher von den Nutznießern der modernen Kultur praktische Bedeutung beigelegt werde, bestehe darin: wenig oder kein Geld zu besitzen. Im Bankgebäude der Stadt London liegt eine solche Unmasse Goldes aufgespeichert, daß dasselbe gar nicht mehr gezählt, sondern blos gewogen wird. In der Nähe dieses Geldhaufens aber sterben Menschen fast jede Woche den gräßlichen Hungertod. Und all die unübersehbaren Herrlichkeiten, welche die Großindustrie in Millionen Artikeln auf den Markt wirft, sie gehören abermals blos dem, der Geld besitzt. Allerdings, sie erzeugt neben vielen, brauchbaren eine Unmasse mehr oder minder überflüssiger Artikel und gibt dieselben Stück für Stück für wenige Kreuzer oder Sechser ab, – auch der rothe Kreuzer des Armen ist dem Weltwucher angenehm. Dieselbe Industrie verfälscht aber auch die nothwendigsten Lebensmittel und Getränke. Sie besteuert damit auf die gewissenloseste Weise das Geldbeutelchen wie die Gesundheit auch des Aermsten. Jeder größere Geschäftsmann kennt ein Geschäftsgeheimniß, vor welchem ehrlichen und gewissenhaften Menschen und darunter manchem Geschäftsmann selber graut. Das Geschäftsgeheimniß aber besteht in der Thatsache, daß es heutzutage für Jeden, der nicht über schöne Kapitalien gebietet, sehr schwer, ja unmöglich sei, ohne Uebervortheilung, Wucher und Betrug noch auf einen grünen Zweig zu kommen.

Aller sogenannte Nationalreichthum, das heißt alles in den Händen weniger Geldbarone sich aufhäufende Geld und Gut hindert nicht, sondern fördert vielmehr den finanziellen Bankerott nicht blos der Volksmehrheit, sondern auch der Staaten.

Derjenige muß schließlich Bankrotteur werden, der jährlich mehr ausgibt als er einnimmt. Nun ist dies der Fall, mit beinahe allen größern Staaten des europäischen Festlandes. Die meisten derselben sind verschuldet bis über die Ohren.

Beim allerniedersten Anschlage drückt auf die europäischen Groß- und Mittelstaaten eine Schuldenlast in dem fabelhaft klingenden Betrage von 32.995 Millionen Gulden. Diese unermeßliche Schuld wird vor dem jüngsten Tage ganz sicher und gewiß nicht getilgt und dann – erst recht nicht. Allein verzinst muß sie werden, verzinst Jahr für Jahr mit wenigstens 1279 Millionen, und verzinst hauptsächlich vom kleinen Mann. Dazu kommen Kriegsheere, von denen kein Darius und Xerxes und kein erster Napoleon sich haben träumen lassen. Die »eigenste Idee« des Königs von Preußen, die ganze Blüte des Volkes in Kasernen einzupferchen und für den unbedingten Gehorsam der Kaserne heranzudressiren, büßen die Völler Europas nunmehr jährlich mit 1338, sage netto eintausend dreihundert dreißig und acht Millionen Gulden. Wie lange kann und wird das Schuldenmachen und das unnöthige Soldatenspiel noch dauern?

Europa mit seinem Welthandel und seiner Weltindustrie, mit all seinem äußern Glanze ist doch nur ein ungeheures übertünchtes Grab.

Wie steht es nämlich mit der Bildung, Gesittung und Wohlfahrt der Völker?

Mit der Bildung? Famos, wenn man den Trompetern und Maultrommlern des zeitgemäßen Fortschrittes Glauben schenkt, famos insbesondere in Deutschland. Die Zahl der Lehranstalten und Schulmeister aller Art heißt ja Legion. Von je 100 Deutschen hat eine größere Zahl die Künste des Lesens und Schreibens inne, als von je 100 Engländern und Franzosen. Und in jeder Dorfkneipe trifft man diesen und jenen, wäre es auch nur ein verstickter Student, der sich geberdet, als wüßte und verstände er total Alles, was über, auf und unter der Erde gewesen ist, war und sein wird und noch etwas mehr.

Freilich, ältere und denkende Menschen meinen anders. Je mehr solche Schulen und Schulmeister, desto ärger die Verkehrung und Verwirrung der einfachsten Begriffe, desto auffallender der Mangel an gesundem Menschenverstand und an Logik. Das Lesen und Schreiben und das gelehrte Handwerk überhaupt macht noch lange keinen gescheidten oder wirklich gebildeten Menschen aus: wären ja sonst die studirten und graduirten Hohlköpfe unmöglich vorhanden, die doch regimenterweis in der Welt krakehlen. Sokrates, ein dermaßen gescheidter Heide, daß die Neuheiden ihn neben Christus stellen und daß die Freimaurer denselben unter ihre Heiligen versetzt haben, erklärte: sein Wissen bestände wesentlich in der Einsicht, daß er nichts wisse. Von diesem Sokrates könnten und sollten nicht blos die beschnittenen und unbeschnittenen Krakehler der Tagespresse etwas Bescheidenheit lernen, sondern die aufgedunsenen Vertreter der sogenannten »Wissenschaft« überhaupt. Plato, der große Philosoph, hat schon einige Jahrhunderte vor Christus erklärt: es sei besser gar nichts zu wissen, als etwas nur halb zu wissen. Anno 1870 nach Christus verspürt man die Wahrheit des Ausspruches in allen fortschrittlichen Zeitungen und Gesellschaften: die Halbwisser, die Viertels­wisser, die Garnichtswisser und die mit frechem Maule und dummer Rede den Inhalt der neuesten Nummer ihres Leibblattes wiederkäuen, sind eine wahre egyptische Landplage. »Nichts ist so ungereimt und abgeschmackt, was nicht von irgend einem Schulmeister ausgeheckt wurde!« hat vor Christi Geburt der große Heide Cicero geklagt. Was aber gibt es 1870 Ungereimtes und Abgeschmacktes, was von neuheidnischen Professoren, Literaten und Zeitungsschreibern und Museums-Lazza­roni nicht auf's Tapet gebracht würde? Jedenfalls ist ohne Religion kein rechter Sinn für Wahrheit und kein ernstes Streben nach Tugend, deßhalb aber auch keine echte Wissenschaft und keine wahre Bildung. Darum ist die »zeitgemäße« Wissenschaft im Ganzen wesentlich im Solde der Lüge stehende Schwindelmaierei und Geldmacherei, die gerühmte »Bildung« der Neuheiden aber äußere Dressur, überfirnißte Selbstsucht und Barbarei.

Barbarei? Ist denn das 19. Jahrhundert nicht arg erpicht auf »sittlichen Ernst«, auf »gesunde Sinnlichkeit« und Humanität? Daß Gott erbarm'!

Es gibt Wahrheiten an und für sich so einleuchtend, daß man kaum begreift, wie ein halbwegs verständiger Mensch dieselbe verkennen und wegläugnen kann. Alle Welt ist voll von Klagen über einreißende Verwilderung der Jugend, über die wachsende Unbotmäßigkeit und Unzuverlässigkeit aller dienenden Klassen, über den Mangel an Treue und Glauben wie über den Ueberfluß an Betrug, Lug und Charakterlosigkeit, über die erschreckende Zunahme aller möglichen Arten von Vergehen und Verbrechen. Auch bringt jeder Tag Belege, alle »Macht der Bildung« schütze nicht gegen die gräulichen Unthaten. Der Grund ist sonnenklar. Wer eben an keine Vergeltung im Jenseits glaubt, nicht an Himmel, Hölle und Fegfeuer, der hat und kennt keine andern Schranken seines Thuns als die Wahrung des Scheines vor den Menschen, den Polizeistock und das Strafgesetz.

Und die Volkswohlfahrt?

Ganz Europa befindet sich in einem Zustande faulender Gährung und wilder Bewegung, voll tiefgehender Unzufriedenheit und zielloser Sehnsucht. Den ganzen Erdtheil ängstigt die dumpfe Schwüle vor dem Weltsturm.



II.

Licht, Licht! schreien und schreiben unablässig die Herren vom »zeitgemäßen« Fortschritt. Zum Erweise aber, daß ihr »Licht« wesentlich aus Nebel, Dämmerung und Finsterniß zusammengewoben sei, dient ihre Scheu vor klaren bündigen Begriffen. Zweideutig, vieldeutig, unklar ist der Sinn all der zahlreichen Schlagwörter und Redensarten, die aus der Wörterfabrik der »geheimen« und der tonangebenden Presse hervorgehen. Das Verführerische und Gefährliche der Sprachverfälschung, welche den Sinn ehrlicher deutscher Wörter oft ganz in das Gegentheil verkehrt und die deutsche Sprache mit Vorliebe durch neu aufgebrachte Fremdwörter verhunzt, liegt darin, daß Jeder unter dem Schlagwort und der Redensart des Tages sich denkt was ihm beliebt, sowie daß in der Regel ein Körnlein Wahrheit mit einer Masse von Widerspruch und Lug vermengt erscheint. Aufklärung, Mündigkeit, Intelligenz, Fortschritt, Humanität, Freiheit, Toleranz, nationaler Gedanke – was um des Himmels willen kann man nicht Alles in diese und ähnliche Ausdrücke bequem hineinstecken?

Das Gesagte gilt auch vom Worte »Revolu­tion«. Dieses Fremdwort bedeutet ganz vag und unbestimmt »Umwälzung«. Bis heute hat man auch im christlichen Lager noch nicht versucht, einen runden netten Begriff des dehnbaren Wortes festzustellen. Es lohnt sich aber sehr der Mühe dies zu versuchen, zumal mit ebenso großer Vorliebe als mit Recht unsere Zeit das revolutionäre Zeitalter genannt wird.

Bezeichnet Revolution den Sturz eines Thrones oder eines Regentenhauses? Den gewaltsamen Umsturz einer Staatsverfassung oder den massenhaften Versuch hiezu? Sind wildbewegte Volksversammlungen, Barrikaden, Straßenkämpfe und blutige Gräuel der Aufständischen nothwendige Attribute der Revolution? Können nicht Leute Revolutionäre sein, die keine Pistole abzufeuern sich getrauen und die recht ordentliche Haushämmel sind, sobald sie ihrem Hörsaal, dem Redaktionslokal oder Klub, ihrem Sitzungssaal oder der Kanzlei den Rücken gekehrt? Beschränkt die Revolution sich auf das politische und soziale Gebiet? Meine Antwort lautet kurz also:

Im verschrieenen Mittelalter gab es in der Christenheit einen obersten Schiedsrichter zwischen gottlosen Fürsten und miserablen Regierungen einerseits, den gepeinigten Unterthanen andererseits – den Papst. In demselben vorgeblich so »unfreiheitlichen« Mittelalter blühten Verfassungen, deren strikter Wortlaut von der treuen Pflichterfüllung der Regierenden den Gehorsam der Regierten abhängig erklärte und letztere je nach Umständen zum Widerstande selbst mit gewaffneter Hand berechtigte und sogar verpflichtete.

Der Protestantismus erst hat die servile Lehre vom unbedingten Gehorsam der Unterthanen gegenüber auch der schlechtesten Regierung erfunden. Und derselbe Protestantismus hat sich selber auch in diesem Punkte Lügen gestraft, indem in seinem widerspruchsvollen Schpße das Ungethüm entstand, was mit Recht Revolution genannt wird.

Die Spanier haben 1808–1811 die napoleonische Zwingherrschaft mit Heldenmuth gebrochen – sie übten Nothwehr. Die Tiroler haben 1809 das Freimaurerregiment des Aufklärungsvogtes Montgelas aus ihren Bergen hinausgeworfen – sie übten Nothwehr. Die vielbesprochene französische Revolution war wirklich eine Revolution. Allein sie war doch nicht Revolution blos um der Hinrichtung Ludwig XVI., Marie Antoinetten's, zahlreicher Geistlicher, Adeliger und zahlloser honetter Personen willen, sondern wegen der Grundsätze, welche sie leitete, sowie wegen der Ziele, welche sie anstrebte. Die Revolution ist keine einzelne Thatsache oder eine Reihe von Thatsachen, sondern ein Prinzip, wesentlich das antichristliche und antikirchliche, gerade deshalb aber auch durch und durch antisoziale Prinzip, und als solches die Mutter geschichtlicher Thatsachen. Die erste französische Revolution ist die gräuelvolle Bluthochzeit dieses Prinzipes mit Frankreich gewesen. Dieses selbst aber ist nach wie vor dem Sturz der Schreckensmänner lebendig und wirksam geblieben, leise und allmälig herrschend geworden und führt nunmehr das große Wort so ziemlich in ganz Europa.

Revolution ist der bewußte, gewollte und grundsätzliche Abfall des öffentlichen Lebens von Gott und der von Gott gesetzten Autorität, die Verneinung und Bekämpfung der göttlichen und kirchlichen Lehren und Gebote in Wissenschaft und Kunst, im politischen und bürgerlichen Leben, insbesondere auch im Erwerbsleben.

Dieser Begriff des Wortes Revolution dient als Leuchte, vermittelst welcher Klarheit wird hinsichtlich der Uebel, Abgründe und Untiefen des Welttreibens.

Ein englisches Parlamentsmitglied hat behauptet, die »Juden seien die Läusekrankheit Oesterreichs«. Ich bin weit entfernt, die beschnittenen Schmarotzer irgendwie in Schutz zu nehmen. Im Gegentheil. Die Judenschaft hat so erstaunlich gute Geschäfte gemacht, daß die Emanzipationsfrage des Christenvolkes von der jüdischen Zwangsherrschaft in nicht ferner Zeit zur Sprache kommen muß. Allein ich meine, daß die Juden genau in demselben Grade aufkamen und mächtig wurden, als die revolutionären Ideen und Bestrebungen beim Christenvolke Eingang fanden und Erfolg hatten. Durch die Geheimbündler und Freimaurer, durch die Auchkatholiken und Evangelischen ohne Evangelium, sind die Juden, insbesondere in katholischen Ländern, zu förmlichen Magnaten des Christenvolkes geworden. Besonders die Schweinefleischjuden sind vom Hause aus Revolutionsmenschen. Sie sind jedoch nicht die Läusekrankheit selber, sondern Nutznießer, Pfleger und Handlanger der europäischen Läusekrankheit, nämlich der Revolu­tion.

Was die qualvoll und langsam abtödtende Läusekrankheit für den Leib, was verzehrende Leidenschaft und Laster für die Seele, das ist die Revolution für die moderne Gesellschaft.

Die Säugamme der Revolution war die sogenannte Reformation des 16. Jahrhunderts. Die Revolution begann mit der Erklärung der sogenannten Menschenrechte ihre Reise um die Welt, sie wird ein Ende nehmen mit der Erklärung der Rechte Gottes.

Zunächst wenige Bemerkungen zum oben angegebenen Begriffe des Wortes Revolution.

a) Ein altes Sprichwort lautet: es gebe nichts Neues unter der Sonne. Nun ist zwar die Revolution kein heuriges Häslein, aber neu und unerhört sind ihre Bestrebungen und Erfolge. Die Weisen aller Zeiten, von Aristoteles bis Washington, waren einig in der Ueberzeugung, ohne Religion und Gottesfurcht vermöge in der Länge kein Staat und überhaupt keine Genossenschaft zu bestehen. Die Geschichte bestätigt diese Ueberzeugung durch den Sturz von Weltreichen und den Untergang großer Völker. Unsere revolutionäre Zeit aber will – um mit Bischof Saiter zu reden – »ohne Gott weise und glücklich sein.« Das ist die erste Thorheit. Sie will ohne Selbstverleugnung sittlich sein: Das ist die zweite Thorheit, Sie will ohne Gerechtigkeit groß werden: Das ist die dritte Thorheit. Endlich will sie Weisheit und Seligkeit, Tugend und Größe ohne den milden Einfluß des Christenthums wirklich machen. Und das ist die letzte, die Thorheit aller Thorheiten. Die Revolution erstrebt eine neue Ordnung der Gesellschaft ohne religiös sittliche Grundlagen, denn weder ihr Glaube noch ihre Moral hat Wurzel, Halt und Ziel im Jenseits. Sie will den Staat ohne Gott und ohne Kirche. Das ist in der That neu und unerhört.

b) Der revolutionäre Geist ist dermaßen in das Fleisch und Blut der Völker eingedrungen, daß Irrthümer und Trugschlüsse vielfach auch im christlichen Lager heimisch geworden sind. Ein Beispiel. Nahezu herrschend ist die Meinung geworden, die zehn Gebote Gottes und das christliche Sittengesetz seien kein Maßstab, womit die öffentlichen Verhältnisse und Zustände bemessen werden dürften, das politische, bürgerliche und sociale Leben hätten ihre eigenen Entwicklungsgesetze, die christliche Moral sei eine bloße Privatmoral. Diese Meinung erscheint mir nicht entfernt als christlich und vernünftig. Gott kann als unendliches Wesen von vornherein keine andere als allgemein giltige Gesetze geben. Der Donnerer vom Sinai hat seine Gebote laut und feierlich dem ganzen israelitischen Volke verkündiget. Allerdings haben Christus der Herr und die Apostel zunächst an die Einzelnen sich gewendet; allein thaten dies ohne Unterschied des Ranges und Standes und man hat niemals erfahren, es seien von ihnen Dispensen an irgend eine hohe Herrschaft ertheilt worden. Die zehn Gebote Gottes wie die der Gottesliebe und Nächstenliebe wurden Hoch und Nieder, Reich und Arm, allen gleichmäßig auferlegt, damit aber auch der Gesammtheit, weil letztere ja nur aus lauter einzelnen Individuen zusammengesetzt ist.

Freilich erscheint unser ganzes öffentliches Sein und Leben in einem äußerst fatalen Lichte, sobald man dasselbe vom christlichen Standpunkte aus betrachtet. Bis zum Halse stecken wir im Sumpfe der Revolution. Vom Staate, von der Gemeinde und jeder anderen Genossenschaft gilt was vom einzelnen Christen: entweder bestrebt man sich den Anforderungen des Christenthumes gerecht zu werden, und in diesem Falle macht sich alles so gut, als es in diesem Thale des Jammers und der Zähren eben möglich ist. Oder man überläßt sich der Lauheit, Gleichgiltigkeit, dem Kirchenhasse und dem Christushasse. In diesem Falle wird ein Gesetz immer mehr sich geltend machen, alle Lebensadern immer gründlicher durchsäuern und vergiften und allmälig die Oberherrschaft erringen, dessen letztes Ziel Untergang und Tod heißt. Es ist dies das Naturgesetz der starren Selbstsucht. Auf dieses unheilvolle Gesetz lassen sich alle die anderen Gesetze der historischen Entwicklung zurückführen, von denen die Wißmeister des Tages den Finger an der Nase so Erstaunliches fabeln und orakeln. Die Selbstsucht ist die Mutter und Seele der Revolution. Schaut in das Alltagsleben hinein und sagt euch selbst ob dieses Naturgesetz in seinen hauptsächlichsten Erscheinungsformen als Habgier, Herrschsucht, Fleischeslust, Schein und Widerspruch, Lüge und Heuchelei blos im Privatleben sich breit mache? Nein, dasselbe ist übermächtig und vorherrschend geworden in der hohen wie niederen Politik, in der Gesetzgebung und in der ganzen Verwaltung, in der Literatur, wie in den Schulen, in der Tagespresse, wie auf dem Theater, an der Börse, wie im Komptoir.

Das Prinzip der Revolution hat mitten im Christenland der christlichen Gesittung und Zucht eine sogenannte moderne, in das Blaue fortschreitende Kultur entgegengesetzt, der christlichen Kirche ein neues Heidenthum, ein Heidenthum ohne überirdische Gewalten, ohne Priester und ohne Sacramente, ohne Demuth und freiwilliges Entsagen, ohne Rast und ohne Ruhe, ohne Heil und Segen.

Politische und sociale Parteien und Parteibezeichnungen tauchen auf und verschwinden, entsprechend den Ereignissen und Bestrebungen des Tages. Genau besehen gibt es in Europa aber schon heute blos zwei große Parteien: die christgläubige und die neuheidnische, die christliche Volkspartei und die radikale Revolutionspartei. Mehr hüben oder drüben, heute aus purer Heidenangst für den Geldsäckel oder vielleicht auch vor dem Teufel nach der Kirche schielend, morgen kokettirend mit den Wortführern der wilden Revolution – das ist Sache der Kautschukmännlein des Liberalismus und der Nationalliberalen, der Revolutionäre in Schlafrock und Pantoffeln.

c) Die Meinung, zur Revolution seien wilde Aufregung der Volksmassen, Massentumulte und Barrikaden, Waffengeklirr, Mord und Todtschlag, Proklamationsregen und die Guillotine wesentlich gehörige Erscheinungen, ist so oberflächlich als möglich. Explosionen des revolutionären Geistes sind Explosionen, keineswegs die Revolution selbst.

Mitten im tiefsten Frieden, mittelst scheinfreiheitlichen Verfassungen, in Cabineten und Gesetzfabriken hat die Revolution die besten Geschäfte gemacht. Der unaufhörliche Parteizwist, die vielen Wahlkämpfe, die zahllosen Enttäuschungen, die mit jeder Budgetperiode steigenden Lasten, das babylonische Schulmeistergeschrei der Kammermatadoren und ihrer Preßhusaren, die zur offenen Fehde sich steigernde Abneigung der Ritter der modernen Kultur wider alles Geistliche und Katholische – dies alles hat den Gemeingeist, den Rechtssinn und die Vaterlands- und Freiheitsliebe abgestumpft und ertödtet; es hat die Leute ermüdet, erbittert, verwirrt, entsittlicht und entnervt. Das ist die Haupterrungenschaft des Verfassungslebens nach der Mode. Und dadurch allein vermochte die Partei der grundsätzlichen Religion zu Ansehung, Geltung, Macht und Herrschaft zu gelangen, an die Stelle des weiland christlichen Europa ein liberales und radikales, kurz ein revolutionäres Europa zu treten.



III.

Viele Broschüren ja Folianten ließen sich füllen mit Erläuterung des Begriffes: Revolution. Ich beschränke mich darauf, das Verhältniß der europäischen Läusekrankheit zur Kirche, zur politischen Freiheit und zu den arbeitenden Klassen in großen oder auch groben Zügen anzudeuten.



A. Die Revolution und die Kirche.

Wenn heutzutage liberale und radikale oder afterdemokratische Knoblauchzeitungen den Leuten vorphantasiren von »ultramontanen Uebergriffen«, von »klerikalen Herrschergelüsten« und »pfäffischer Intoleranz«, so liegt darin eine unsägliche Verlogenheit und Heuchelei. Fast überall steht der geistliche Stand der antichristlichen Presse vogelfrei gegenüber; wollte man die Mitglieder jedweden anderen Standes auch nur annäherungsweise ebenso auf das Korn nehmen, ganz erstaunlich viele Herren Beamteten, Herren Offiziere und Herren Zeitungsschreiber und Herren Juden könnten sich nicht mehr auf der Straße blicken lassen. Doch nicht blos die Geistlichkeit vom heiligen Vater bis herab zum letzten Vikar und zur letzten armen Nonne ist die Zielscheibe der gesammten Revolutionspresse. Alles Hohe und Heilige, alles Christliche und Katholische wird systematisch im Kothe der Gemeinheit und Gesinnungslosigkeit herumgezerrt. Systematisch, sage ich, denn das gehört zum Programm der Revolution.

Bezüglich dieses Programmes will ich etwas hersetzen, was man in Oesterreich vorzugsweise sich merken könnte und sollte. Der zeitgemäße Fortschritt hat die Leute dickhäutig gemacht, so daß schon ein ungeheures Verbrechen, ein furchtbares Ereigniß dazu gehört, um die Aufmerksamkeit eine Weile zu fesseln. Ein solches Ereigniß war die Ermordung des Kaisers Max von Mexico auf Befehl des scheußlichen Bluthundes und alten Freimaurerhäuptlings Juarez. In die allgemeine Aufregung hinein schleuderte damals aber (im Sommer 1867) das Leibblatt aller Musterreiter Südwestdeutschlands, nämlich das »Frankfurter Journal«, eine Vertheidigung des Kaisermörders, welche aus dem leisetretenden Freimaurerdeutsch in ehrliches Deutsch und zugleich in die Praxis der »neuen Aera« übersetzt folgendermaßen lautet: Juarez mit seinen Spießgesellen dictirte für das katholische Mexico das Privilegium der Glaubenslosigkeit und Vollberechtigung für alle sittlichreligiös verirrten und verkommenen Subjecte. Er mit seinen Kreaturen trennte sich als Staat von der Kirche, d. h. er entzog der Kirche alle Begünstigungen und Vortheile, welche die weltlichen Gewalthaber derselben im Interesse der Gesellschaft bisher hatten zukommen lassen. Er that noch mehr: er verjagte wehrlose Mönche und Nonnen und ließ deren wohlerworbenes Gut in seiner und seiner Helfershelfer Schurkentaschen verschwinden. Hatte Christus der Herr dereinst gemahnt: »lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich!« so befiehlt Juarez ferner: Nein, unsere Staatsbüttel haben die Jugend in sogenannte konfessionslose Zwangsschulen zu treiben, auf daß sie herandressirt werden für nichtswissende Vielwisserei, für die erdfreudige Religion der Freimaurer. Soll die liberale Herrschaft nicht stets gefährdet sein, so müssen wir weiter der katholischen Kirche als Antikirche gegenübertreten. Wir müssen demgemäß darnach trachten, durch Gesetze, Verordnungen und durch alle Mittel den Einfluß und die Wirksamkeit des »Pfaffenthums« auf das Volk möglichst zu brechen. Leider geht es nicht an, die Ultramontanen mit Einem großen Schlage aufzuklären oder aufzuhenken. Wir müssen um unserer eigenen Hälse willen den Erwachsenen gegenüber gelinde Saiten aufziehen, auf Schleichwegen wandeln und den Schein der Gesetzlichkeit, Duldsamkeit und Freisinnigkeit nach Kräften wahren. Daher zwingen wir jedes Brautpaar, die Eheeinsegnung zunächst beim Bürgermeister oder Amtmann einzuholen, lassen demselben zwar den nachträglichen Gang in die Kirche frei, loben und preisen aber laut und unaufhörlich Jene, welche mit der weltlichen Eheschließung sich begnügen. Die Standesbuchführung war freilich bisher wohlfeil und geordnet, allein sie führte die Leute viel zu viel in das Pfarrhaus und deshalb verordnen wir weltliche Standesbuchführung. Jedes neugeschaffene Aemtlein mehrt zugleich unsern Anhang! – Wenn Börsenjuden und Fabrikbarone große Güterkomplexe kaufen und arrondiren, so sind das keine »Güter in todter Hand«, denn diese Herren sind durchgängig liberal, doch fortan soll kein katholischer Verein und keine katholische Gemeinde noch ein Aeckerchen erwerben dürfen. Nichts beleidigt bekanntermaßen das Auge eines Liberalen mehr, als katholische Aufzüge und Prozessionen. Daher müssen die »Pfaffen« in der glücklichen Republik Mexiko in weltlicher Tracht einhergehen; die Feiertage werden zu Werktagen degradirt, Bittgänge, Prozessionen und dergleichen dürfen außerhalb der Kirchen sich nicht blicken lassen. In gesinnungstüchtigen Gemeinden wird man mit solchem Firlefanz überhaupt aufräumen, denn das Kirchengebäude nebst Glocken u. s. f. sei fortan Eigenthum des hochmögenden Bürgermeisters und wohlweisen Rathes. Nicht minder die Kirchhöfe. Diese bedürfen keiner kirchlichen Einsegnung, weil auch ohne solche neben Bruder Jud, Bruder Protestant, Bruder Neuheid und Jungtürk die ultramontanen Finsterlinge gemächlich verfaulen. Der Eid, vor allem der politische, ist für uns längst nur eine Handhabe gewesen, um mißliebige und schädliche Leute im Zaume zu halten und zu kuranzen. Behalten wir dieses Regierungsmittel bei, doch der weltliche Beamte soll künftig allein Eidesbelehrung und Eidesabnahme vornehmen. Auch die Abschaffung des Paßwesens ist ein zeitgemäßer Fortschritt, nützlich für unsere Anhänger, unter denen gar viele polizeiwidrige, für jedes Zuchthaus und an jeden Galgen reife »Ehrenmänner« sich herumtummeln.

Also Juarez, der republikanische Volksfreund. Seine gepriesenen bisherigen Leistungen zielen direkt auf die Entchristlichung des Volkes, auf Ausrottung des katholischen Glaubens. Allerdings vermag Menschenmacht Keinem den Glauben zu entreißen, den er hat. Dagegen die Ausübung des Glaubens läßt durch gelinde wie grobe Gewaltmittel sich beschränken und verbieten, ebenso die Erziehung der Jugend für den Glauben ihrer Väter.

Keineswegs merkwürdig oder auch nur auffallend aber ist die Thatsache, wie einig und einstimmig das ganze neuheidnische Europa ist im Lob und Preis des Juarez und ganz besonders im Lob und Preis seiner antichristlichen Leistungen ebenso wie im Hasse wider die katholische Kirche.

Jede Bekämpfung des positiven Christenthums gilt daher als Fortschritt, jeder Fußtritt für die katholische Kirche als Akt der Humanität und zeitgemäßen Toleranz, Vernichtung dieser Kirche heißt das gemeinsame Ziel aller Parteien des Neuheidenthums, mögen dieselben im Uebrigen noch so grimmig sich herunterreißen und verfolgen.

Hie Christus, hie Belial! – so lautet die Losung der Gegenwart.



B. Die Revolution und die politische Freiheit.

Freiheit, persönliche Freiheit, politische Freiheit, Volksfreiheit sind viel mißbrauchte und vieldeutige Wörter. Wir wollen persönliche Freiheit das Recht des Menschen nennen, nicht der Sklave eines Andern zu sein, von Andern nicht willkürlich an Leib und Leben, Hab und Gut geschädiget zu werden. Die politische Freiheit besteht in der durch fach- und vernunftgemäße Grenzen beschränkten Theil­nahme der Staats- und Gemeindebürger an der Leitung und Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten. Wenn ich nun sage, im sogenannten modernen Staate von heute, im Staate der Revolution in Schlafrock und Pantoffeln sei die persönliche Freiheit ein sehr verkümmertes Pflänzlein und die politische Freiheit nicht einmal in ordentlicher Fassung auf dem Papier, geschweige im praktischen Leben, so könnte man Beweise für solche Behauptung fordern. Solche sind eigentlich sehr überflüssig.

Allein zum Ueberflusse will ich meine schmarzdemokratische Behauptung beweisen und zitire dafür einen Gewährsmann, der höchstens von einem kompleten Narren als »ultramontan« oder »jesuitisch« verzollt werden könnte. Es ist dieser der Geheimrath Kaspar Bluntschli, ein bekannter Staatsrechtslehrer, nebenbei Stuhlmeister der Freimaurer in Heidelberg. Dieser Gelehrte hat in seinem Staatsrechte rund und nett auseinandergesetzt, was man heutzutage unter dem Worte Volk zu verstehen habe. Was versteht nun Herr Stuhlmeister Bluntschli unter Volk? Etwa die Gesammtheit der zurechnungsfähigen Bewohner eines Staates? Gott bewahre. Oder mindestens die Mehrzahl der Steuer- und Soldatenlieferanten? Keineswegs. Unter Volk versteht er blos eine Volksklasse, nämlich den sogenannten höhern Mittelstand, die sogenannte Bourgeoisie mit Schweif (ich übersetze das wälsche Wort unzart aber desto zutreffender mit Mastbürgerthum). Herr Bluntschli zählt die Mitglieder dieses höheren Mittelstandes, dieses auserwählten Völkleins der Gegenwart auf. Etwas perfid stellt er die Börsianer, Fabrikbarone und Großhändler nicht voran, wohin sie gehören, weil sie ja bekanntermaßen recht eigentlich die erste Violine spielen. Er beobachtet vielmehr folgende Reihenfolge: a) die höheren Beamten und Offiziere, b) die Geistlichen und Lehrer »in der Regel«, d. h. solche Geistliche, die hübsch nach der Staatspfeife tanzen, sowie die Herren Professoren, zu denen er selbst gehört, c) Notare, Advokaten, Aerzte, Apotheker, Privatgelehrte und Schriftsteller, hierauf d) die Künstler, Ingenieurs und höhere Techniker. Jetzt erst e) die Großhändler und Fabrikanten, sowie f) die höheren künstlerischen Handwerker, zum Schlusse g) die Kapitalisten und h) solche Großgrundbesitzer, die noch nicht zu Rittern geschlagen worden sind.

Ritterschlag und Adel haben im heutigen Mastbürgerstaate etwa so viel Bedeutung, als das leibhaftige Volk selbst, folglich eine sehr geringe. Von den aufgezählten Mitgliedern des dritten Standes erklärt unser Stuhlmeister erstaunlich offen und ehrlich: sie allein seien tauglich für Deputirtensitze, weil sie allein Kopf und freie Zeit besäßen. Jedenfalls gebühre in Nationalversammlungen und gesetzgebenden Körpern dem höheren Mittelstande »das entscheidende Uebergewicht«, d. h. die Stimmenmehrheit, denn »die öffentliche Meinung ist regelmäßig die Meinung dieses Standes«.

Nicht wahr, ein hübsches Kompliment für das arme Volk und nicht minder für die hungerigen, schweifwedelnden Lohnschreiber des Mastbürgerthums? Es kommt noch besser. Wer dem höheren Mittelstande nicht angehört, gehört eben zum vierten Stande. Wer immer so unglücklich ist, ein gewöhnlicher Kaufmann oder Landkrämer zu sein; – jeder Meister, der sich so weit herabgibt, daß er neben seinen Gesellen selbst Hand mitanlegt; – der Gastwirth, der kein palastähnliches Hotel besitzt: – der gesammte Bauernstand mit Ausnahme der Großgrundbesitzer ohne Adelsbrief – alle niederen Staatsdiener und Angestellten, alle Volksschullehrer, sowie das Militär vom Oberfeldwebel abwärts – diese Menschensorten werden als der eigentliche vierte Stand zusammengeworfen. Sie taugen höchstens als Wahlmänner und Stimmvieh, um neue Zertreter aus dem privilegirten Mastbürgervölklein in das Ständehaus oder auf das Rathhaus zu schicken.

Am schlimmsten behandelt das liberale und bis zum Geldbeutel radikale Freimaurerthum den vierten Stand »im engeren Sinne«, nämlich das Heer der Handwerksgesellen, Taglöhner und Fabriksarbeiter. Unser Stuhlmeister steht nicht an, das Proletariat als Kehricht und Auswurf der menschlichen Gesellschaft zu bezeichnen, »lediglich aus den Abfällen der übrigen Stände« entstanden. Es ist eigentlich gar kein Stand und wird dem vierten als Beiwagen zugetheilt, damit die verarmten Massen ja nicht auf die Idee gerathen, etwa als besonderer fünfter Stand sich aufzuthun. Niemals (erklärt unser Heidelberger Humanitätsritter) könne es Aufgabe eines Staatsmannes sein, das Proletariat zu organisiren. Ein Staatsmann habe vielmehr die Aufgabe, dafür zu sorgen, dasselbe in den übrigen Ständen unterzubringen und damit sein besonderes Wachsthum zu hemmen.

Der soeben entwickelte Begriff vom Volke widerstreitet offenbar der christlichen Lehre von der Ebenbildlichkeit Gottes, der christlichen Lehre von der Gleichheit der Menschen vor Gott, dem Gebote der Nächstenliebe und Gerechtigkeit. Doch dafür entspricht der Begriff vollkommen allen gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen, wie solche gewachsen und geworden, seitdem der Abfall von Gott und der Kirche in Zug gerathen.

Allen Verfassungen auf geduldigem Papier zum Trotze ist das Classeninteresse des protestantisch-freimaurerischen Mastbürgerthums maßgebend für das ganze Leben und Weben im modernen Staate. Heutzutage ist derselbe in religiös-kirchlicher Beziehung beim Programme des hellen Ehrenmannes Juarez angekommen; ganz folgerichtig wollen die privilegirten Inhaber der stramm und immer strammer organisirten und zentralisirten Staatsgewalt von positivem und konfessionellem Christen- und Kirchenthum nichts mehr wissen. Die Lüge vom konfessionslosen, in Wahrheit und Wirklichkeit gottlosen und kirchenlosen Staate hat ihre Rundreise begonnen. In gewissen Musterstaaten mit vorwiegend katholischer Bevölkerung und zahlreichen Maurerbuden ist der Fortschritt dahin gediehen, daß der geschickteste bravste Mann blos ein gläubiger Christ zu sein braucht, um im Staatsdienste nicht vorwärts zu kommen, und bei der ersten Gelegenheit gemaßregelt zu werden.

In politischer Hinsicht ist da vom Recht und der Freiheit Aller keine Rede und kann auch keine Rede sein. Alles wird mehr und mehr zum Privilegium des auserwählten Völkleins des »höheren Mittelstandes«.

Eine wahre und wirkliche Volksvertretung, eine der gesammten Bürgerschaft holde Gemeindeordnung, ein vernünftiges Preßgesetz, Schwurgerichte, worin auch Nichtmastbürger Sitz und Stimme erhalten, ein gerechtes und unparteiisch gehandhabtes Vereinsrecht und Versammlungsrecht, klare und deutliche Gesetze und mehr als papierene Gleichheit vor dem Gesetze, ernsthaft gemeinte und ernst zu handhabende Verantwortlichkeit der Minister und aller Beamteten, ein gerechtes und billiges, deshalb den indirekten Steuern feindseliges Steuersystem, ein möglichst kleines Beamtenheer, eine volksthümliche und möglichst wohlfeile Wehrverfassung – das alles sind Forderungen, auf welche die mit der Bureau­kratie Ein Herz und Eine Seele gewordene Mastbürgerpartei ernstlich oder gar freiwillig niemals sich einlassen wird. Mit bereitwilliger Hand spendet sie Gewerbefreiheit, Handelsfreiheit, Freizügigkeit, Wucherfreiheit, kurz solche sogenannte Freiheiten, die ihr selbst am meisten eintragen. Ihre Mitglieder wollen herrschen, herrschen bis in die kleinste Angelegenheit hinein; sie selber wollen so wenig als nur immer möglich zu den Staatslasten und Gemeindelasten beitragen; sie wollen feist und reich werden, feister und immer reicher auf Unkosten des Staatssäckels und des Gemeindevermögens, durch Aussaugung, Uebervortheilung und Beschwindelungen des vierten Standes.



C. Die Revolution und die arbeitenden Klassen.

Die Habgier hat zu allen Zeiten ihre Rolle gespielt und Wucherseelen hat es stets gegeben. Blos die Furcht vor den Strafen im Jenseits, die christliche Volksmeinung und Sitte, sowie gesetzliche Schranken waren vermögend, auch diese Hyder zu bändigen. Im protestantischen England hat am frühesten das glaubens- und kirchenlose Neuheidenthum als Aufklärung sich breit gemacht und gab dem ganzen Sein und Treiben des englischen Volkes jene Richtung auf das Praktische und Nützliche, d. h. auf das Erdhafte, die den froschkalten Engländer noch heute auszeichnet.

Durch Natur und Geschichte Seemacht und Handelsstaat, und auf dem Wege, die in allen Erdtheilen um sich greifende Weltmacht zu werden, ist England im vorigen Jahrhundert auch zum ersten Industriestaate geworden. Der geräuschlose und erbarmungslose Krieg Aller wider Alle um das Mein und Dein, stand schon tief im vorigen Jahrhundert im üppigen Flore.

Das nur auf reellen Gewinn erpichte, durchtriebene und herzlose Treiben der englischen Geldmenschen und Krämerseelen fand aber einen scharfen Beobachter an dem Schotten Adam Smith (geb. 1723, 1778 Kommissär der schottischen Zölle, gest. 1790 als steinreicher Kauz). Dieser scharfsinnige Geist, ursprünglich Theologe, dann einer jener sogenannten Moralphilosophen, welche von der christlichen Moral nichts wissen mochten, hat aber jenes Treiben nicht blos beobachtet und studirt, sondern für gut und richtig befunden, und der Welt empfohlen. Er ist der Vater der modernen Nationalökonomie, wie diese bis heute auf unseren Hochschulen fast unbeschränkt gelehrt wird. Die Bestimmung des Menschen für das Jenseits, das jenseitige Gericht, die Ebenbildlichkeit auch des ärmsten Menschen mit Gott, die christliche Nächstenliebe, wie die Schranken der Selbstliebe, die Wohlthätigkeit, die Gerechtigkeit und Billigkeit – das alles sind Sachen, von denen die herrschende sogenannte Volkswirthschaft keine Notiz nimmt.

Herzlose Selbstsucht, die nur das Ich kennt und vergöttert, ist ihre Seele, Glaubens- und Kirchenlosigkeit ihr Charakter. »In Geldangelegenheiten hört alle Gemüthlichkeit auf.«

Die Geschichte erzählt vom Glanze und Reichthume, den der Großhandel und die Großindustrie zunächst den Engländern gebracht, nicht minder aber von den Schattenseiten, welche sie in ihrem Gefolge hatte. Nirgends ist der sogenannte Nationalreichthum in den Händen Weniger größer, nirgends die Kluft zwischen steinreich und blutigarm weiter, nirgends aber auch das Massenelend grausiger und die soziale Frage brennender, als gerade in England. Dann kommen die Staaten des Festlandes, welche des Wetteifers mit England am meisten sich befleißigt haben: Frankreich, Belgien, Preußen.

In sozialer Hinsicht ist Oesterreich ungleich besser daran, als die genannten Industriestaaten. Oesterreich hat in sozialer Hinsicht Bürgschaften der Zukunft, wie kaum eine andere Macht: es ist vorherrschend Ackerbaustaat, das ehrsame Handwerk wird noch lange seinen goldenen Boden bewahren; die einzelnen Länder sind nicht übervölkert, eigentliche Großstädte mit Ausnahme Wiens gar nicht vorhanden, die Bewohner kräftige Naturmenschen.

Oesterreich birgt unermeßliche Naturschätze in sich, die eine halbwegs verständige Verwaltung flüssig machen und im Interesse des Volkes verwerthen könnte.

Oesterreich geht jedenfalls nicht an der sozialen Revolution zu Grunde.

Erst in dem soeben verflossenen Jahrzehnt hat der geniale Gelehrte und Agitator Lassalle dem großen Publikum den Abgrund unseres Erwerbslebens bloßgelegt, den der Liberalismus mit seinen Heuchlerphrasen nur zu lange scheinbar harmlos und ruhig bedeckt hatte. Tausende von einfachen Arbeitern kennen heute die ganze Bedeutung der Worte: Allmacht des Kapitals, Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Lassalle hat in Preußen die Arbeiterwelt aus ihrem dumpfen Schlafe wachgerufen und organisirt für Nothwehr und Abwehr.

Man mag die Mittel und Wege, durch welche er den arbeitenden Klassen aufzuhelfen gedachte, für unzulässig und revolutionär halten. Allein richtig ist sein Grundgedanke, daß nur eine Radikalkur zum Bessern führe, und unwiderlegbar, weil durch alle Thatsachen bestätigt, ist seine Kritik.

Die Hauptvorwürfe, welche von ihm dem Großgeschäft und der Großfabrik gemacht werden, sind kurz folgende: a) Die moderne Großindustrie behandelt den Menschen nicht einmal als gleichberechtigten Abkömmling eines Uraffen, geschweige als Ebenbild Gottes, sondern als Maschine, als Theilchen einer Maschine, als Sache! Sie treibt die Theilung der Arbeit in das Endlose und in das Unmenschliche, b) Sie befördert das Aufkommen von Großstädten; Großstädte sind aber noch zu keiner Zeit ein Glück für die Menschheit gewesen, weit eher eiternde Geschwüre, welche alles frische und gesunde Leben im weitesten Umkreise verderben und verpesten, c) Die Großindustrie ist Mehlthau für die Volksfreiheit und Kompost für den Absolutismus des »Besitzes« und der »Intelligenz«, weil Großkapitalisten und Großgeschäftler alle von ihnen abhängige Leute bei Wahlen als »Stimmvieh« mißbrauchen. Der Großkapitalist und Großgeschäftler ist in dieser Hinsicht kein einfacher Staatsbürger mit nur einer Stimme, sondern ein Kollektivstaatsbürger, der seine persönliche Meinung allen von ihm Abhängigen aufdringen darf und so 100, 1000, ja 10,000 Stimmen in seiner Person vereinigt, d) Die Allmacht des Kapitals hat es dahin gebracht, daß heutzutage Geschicklichkeit und Fleiß blos noch denjenigen Werth besitzen, welchen jenes ihnen zuerkennt. Das Kapital ruinirt den kleinen Mann, degradirt ihn zum Opfer des fabriksmäßigen Betriebes und hat der Arbeit ihren reellen Gewinnst wie ihren sittlichen Werth entzogen. e) Die Großindustrie hat zu einem weißen Menschenmarkt geführt, auf welchem Angebot und Nachfrage entscheiden und die Verkäufer ihrer Arbeitskraft unter allen Umständen mit dem kärgsten Lohne abgefunden werden. Der Grund ist ein zweifacher: einerseits muß selbst der christliche Fabrikant als kalter Egoist einkaufen, denn er muß stets mehr Waare und stets billigere Waare auf den Markt bringen, wenn er nicht durch seine Konkurrenten überflügelt und ruinirt werden will. Andererseits ist die Arbeitermenge unerschöpflich. Sie ist dies, weil immer mehr Maschinen mit der menschlichen Arbeitskraft in Konkurrenz treten dürfen; weil die Kleinhandwerker und Kleinbauern als Opfer der Kapitalwirthschaft immer zahlreicher der Fabrik zulaufen; weil endlich die sogenannte »Freiheit der Arbeit« dahin gediehen ist, daß nicht blos Frauen und Mädchen, sondern Kinder auf dem weißen Menschenmarkt erscheinen dürfen. Zu solchem Fortschritte ist selbst das alte Heidenthum in seinen schlimmsten Zeiten nicht herabgesunken, er war unserem glorreichen Jahrhundert vorbehalten. f) Während die Großindustrie ihr »Arbeitsmaterial« regelmäßig mit einem Taglohne abspeist, zu wenig, um menschenwürdig zu leben, und zu viel zum Sterben, spekulirt sie gleichzeitig auf die Lebesucht und den Luxus der Unbemittelten und Aermsten. Unaufhörlich schafft sie neue Bedürfnisse und wirft eine Unzahl von Artikeln und Artikelchen auf den Markt, die an und für sich unnütz und werthlos sind, aber Absatz finden, weil eben die Mode sie empfiehlt, weil sie billig abgegeben werden und weil auch der Aermste die Mode mitmacht. Wer einen kurzen Inbegriff von der Gleichheitswuth und Lebelust, wie zugleich von der Haltlosigkeit, Unnatur und Geschmacklosigkeit bekommen will, die in der heutigen Generation steckt, der setze sich eine Viertelstunde an das Fenster und mustere die Vorübergehenden. Man muß an eine immerwährende Fastnacht glauben, denn diese stelzt und trippelt, fährt und reitet an uns vorüber. Man könnte an eine gewisse Gleichheit glauben und an einen befriedigenden Grad von Wohlhäbigkeit, denn herrenmäßig ist Alles zugestutzt und damenmäßig Jede aufgedonnert. Doch die Stoffe des Aufputzes beweisen die Fortdauer, und Steigerung der Ungleichheit. Die zahllosen Scheinherren haben wenig oder kein Geld im Beutel, die Scheindamen verschwinden in Wohnungslöchern, in denen Alles zu finden ist, blos keine Spur von Wohlhäbigkeit oder gar von Comfort. Gewisse Beamte vermögen in Zahlen nachzuweisen, daß die Zahl der Steuerfähigen wie der Fleischverbrauch von Jahr zu Jahr abnimmt, wie die Reichen immer reicher, die Armen dagegen immer ärmer und zahlreicher werden.

Was soll werden?

Mindestens in entwickelten Industriestaaten weiß oder fühlt doch bald Jeder, in der bisherigen Weise könne nicht mehr lange fortgewirthschaftet werden, man müsse der wachsenden Massenverarmung und dem immer trostloser und vielgestaltiger werdenden Massenelend starke Dämme entgegensetzen. Aber welche Dämme?

Da tritt der »Arbeiterkönig« Schulze-Delitzsch auf und empfiehlt Vorschuß-, Rohstoff- und Konsumvereine, aber alle diese Vereine haben für die Masse der Besitzlosen von vornherein gar keinen Werth. Sie sind für die Heilung der sozialen Leiden überhaupt werthlos aus dem einfachen Grunde, weil sie an demselben Tage ihre Wirksamkeit total verlören, an welchem sehr viele Leute Mitglieder würden. Ihr ganzer Erfolg besteht darin, den durch die Allmacht des Kapitals unabwendbar gewordenen Untergang des Kleingeschäftes und Kleinhandwerkes hinauszuschieben, und diesen oder jenen Viertelsmastbürger zu einem halben zu erheben, aber auch letzteres nur auf Unkosten der Nichtmitglieder wie der verarmenden und gänzlich kreditlos werdenden Mitglieder.

Von der in Gott zufriedenen Armuth, von freiwilligem Entsagen und rechtzeitigem Sparen steht im zeitgemäßen Katechismus der modernen Kultur nichts. Gründlich verfahren die Sozialdemokraten, das muß ihnen selbst der Neid lassen. Schon mehr als einmal wurde Schreiber dieses als schwarzer Sozialdemokrat und Kommunist denunzirt und als solcher von Preßhußaren weidlich versäbelt. Gerne gestehe ich, daß ich allem beistimme, was die Sozialdemokraten wider die Kapitalmacht und herrschende Produktionsweise vorbringen. Ja noch mehr: ich für meine Person kann es nur als parteiisch und ungerecht bezeichnen, wenn den Großhansen des Tages von Staats- und Kammermehrheitswegen alle möglichen Begünstigungen und Vortheile, und namentlich jede Sorte von Staatshilfe bereitwilligst zuerkannt, dagegen aber Zeter und Mordio geschrieen wird, falls arme Teufel auch einmal Staatshilfe beanspruchen. Die Opfer des heutigen Großgeschäftes können unmöglich am eigenen Zopf aus ihrem Elend sich herausziehen, wie weiland Münchhausen aus dem Sumpfe. Sie müssen einen Mächtigen und Starken haben, der ihnen beispringt. Von Gott und der Kirche will jedoch die sozialdemokratische Weisheit nichts hören.

Ich denke aber, was die Kirche von Anbeginn, von Jahrhundert zu Jahrhundert bis heute für die Armen und Notleidenden gethan hat und noch weit energischer leisten würde, wenn sie von der Revolution nicht systematisch ausgeplündert und geknechtet worden wäre – das vermag blos ein in Unwissenheit, Bosheit und Christushaß ersoffenes Subjekt zu verkleinern, oder gar wegzuleugnen. Achtungswürdiger als der ausgezeichnetste sozialdemokratische Agitator erscheint mir die nächste beste barmherzige Schwester. Und daß, wenn auch nicht der protestantische, so doch der katholische »Pfaffe« in allen Schlupfwinkeln und an allen Stätten des Unglückes und der Leiden zu finden ist, daß er weder das Miasma der Seuchen und Spitäler, noch den Donner der Schlacht scheut, um Trost und Hilfe auch dem Elendesten zu bringen, – diese Thatsachen werden alle Neuheiden der Sozialdemokratie jedenfalls dem katholischen Arbeiter, der nicht ganz verlottert und verrottet ist, nicht aus dem Gedächtnisse hinausschwatzen. Kommt die dritte Partei, die christlich-soziale. Dieselbe ist erst im Werden und Wachsen und bereits in der schwierigsten Stellung. Die vom starren Naturgesetze der Selbstsucht eingegebenen Grundsätze des modernen Erwerbslebens regieren und grassiren eben auch im katholischen Deutschland. In ihrem unheilvollen Zauberkreis sind auch strengkatholische Kapitalisten, Großfabrikanten und Großhändler gebannt. Ihre Menschenfreundlichkeit und ihr Wohlthätigkeitssinn mag Manches lindern, bessern, aber – ein wirklich christlicher Geschäftsbetrieb bedeutet materielle Nachtheile bis zum Ruin. Das ist so wahr als ein Gott im hohen Himmel lebt und federleicht nachweisbar. Die Herren wissen's selbst recht gut, aber von jeher ist es eine mißliche Sache gewesen, im Hause des Gehenkten vom Stricke zu sprechen. Aus diesem Grunde will ich mich sehr kurz fassen. So wenig die soziale Roth erheblich gelindert, oder gar die soziale Frage durch die von Schulze-Delitzsch aufgewärmten Konsum-, Vorschuß- und Rohstoffvereine nebst Arbeiterwohnungen, Krankenkassen, Invalidenkassen u. dgl. m. gelöst wird, ebensowenig geschieht dies durch alle derartigen Vereine und Unternehmungen, denen man eine christliche und katholische Tünche verleiht. Auch auf Produktiv-Assoziationen der Arbeiter halte ich wenig. Man hat solche in England und Frankreich längst errichtet und manche bestehen noch, aber im Großen und Ganzen sind dieselben fast wirkungslos geblieben.

Nimmermehr kann bei Fortdauer der heutigen Wirtschaft das Kleinkapital Meister werden über das Großkapital, nimmermehr die Assoziation der Zwerge Meister über die der Riesen. Man spricht ferner von freiwilligem Entsagen, Aufopferung, Mäßigkeit. Allerdings fallen diese Tugenden schwer in die Wagschale der Lösung der sozialen Frage. Doch nicht blos den Armen müssen dieselben zu Gemüthe geführt werden, sondern ebensogut und noch eindringlicher den Reichen und Vermöglichen. Ohne großartige reelle Opfer, ohne Christen, die um Christi willen ihren Reichthum der Armuth widmen, ohne das Wiederaufleben der Tugenden der Erstchristen werden die bestgemeinten Versuche die Arbeiterfrage zu lösen, ungefähr denselben Erfolg haben, wie einige Tropfen Wassers aus einen heißen Stein geschüttet.


* * *


Die Massenverarmung und das Massenelend sind allmälig aufgekommen und gewachsen, immer allseitiger und gefahrdrohender geworden. Und sie sind dies ferner geworden im engsten Zusammenhange mit all' den ungeheuren Veränderungen, welche die europäische Gesellschaft in all' ihren Zuständen und Verhältnissen seit Menschenaltern erfahren hat. Massenverarmung und Massenelend werden nicht rasch beseitiget und niemals gründlich beseitigt werden, wenn nicht alle übrigen Zustände und Verhältnisse eine ganz andere und bessere Gestalt gewinnen. Soll nicht blos die Arbeiterfrage gelöst werden, sondern sollen, wenn nicht mehr die Jetztlebenden, so doch die Nachkommen über das Zeitalter hinausgelangen, in welchem Alles in Frage gestellt wird, so sehe ich hiefür nur Ein Mittel: Der Hyder der Revolution müssen die Köpfe schonungslos und gründlich abgeschlagen, das von dieser Läusekrankheit erbarmungslos gepeinigte und mit dem Tode bedrohte Europa muß wiederum ein christliches Europa werden. Einzig und allein die Rückkehr der Gesellschaft im Großen und Ganzen zu Gott und zur Kirche bringt Linderung, Besserung. Rettung. Also Rückschritt, Reaktion!

Allerdings Rückschritt, denn die Fortschritte auf den bisherigen Bahnen haben im Ganzen doch blos Elend, Sünde und Schmach über die Völker gebracht! Allerdings Reaktion, gründliche, allseitige Reaktion, insofern Neuheiden und Jungjuden die Lehre des Weltheilandes für eine reaktionäre Lehre auszugeben sich erfrechen. Allein ich meine den Rückschritt zu besseren und gedeihlichen öffentlichen Zuständen, folglich den einzigrichtigen Fortschritt, die heilsamste aller Reaktionen. Der Christushaß muß gebändigt und das religiös-kirchliche Programm à la Juarez muß in die Rumpelkammer geworfen, religiöse Duldsamkeit auch der katholischen Kirche und ihren Anhängern gegenüber werden. Verstummen soll jenes Schulmeister- und Schreiberheer, welches vorgeblich die Wahrheit erst sucht, während der Christ sie längst besitzt, in Wirklichkeit aber Frohndienste leistet dem Christushaß und Kirchenhaß. Wir brauchen auch keine zu Schulen des Unglaubens und der Sittenlosigkeit entarteten Komödienhäuser, ebensowenig sogenannte Künstler im Dienste des Neuheidenthums und der Unzucht. Wird die Buben- und Schandpresse des Tages moralisch unmöglich und durch eine solche ersetzt, welcher Wahrheit, Recht, Freiheit und Volkswohlfahrt mehr sind als leere Worte, so ist damit eine Hauptquelle der moralischen Vergiftung und geistigen Verdummung des Volkes verstopft. Fort ferner mit den alten Staatsschulden. Um keine neuen mehr machen zu müssen, muß die Frage über Krieg und Frieden einem europäischen Areopag anvertraut, müssen die stehenden Heere auf einen Bruchtheil ihres jetzigen Bestandes gebracht, die Heere der aktiven und pensionirten Beamten so sehr als nur immer thunlich verringert werden. An die Stelle des mastbürgerlichen Parteistaates muß der christliche Volks- und Rechtsstaat gesetzt werden, worin Recht und Freiheit Aller eine Stätte finden. Dem Weltwucher, dem Börsenspiel, dem Bankschwindel und Aktienschwindel muß das Handwerk gelegt, dem Verbrechen und Laster überhaupt die gebührende öffentliche Strafe, der fabriksmäßige Großbetrieb nach Möglichkeit zur Rückkehr, zum handwerksmäßigen Kleinbetrieb gezwungen werden.

Freilich, derartige Reformen setzen eine großartige Wendung in der moralischen Anschauung voraus und solche liegt vor Allem in der Macht dessen, der Völkerherzen gleich Wasserbächen lenkt. Sollte aber auf den langen Charfreitag des christlichen Europa kein Ostertag mehr folgen?