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Arnold Hagenauer – Die Perlen der Chloë

Novellen und Skizzen

Arnold Hagenauer, Die Perlen der Chloë, Österreichische Verlagsanstalt, Linz, Wien, Leipzig, [1901]


Die Perlen der Chloë

Man hatte in der Thebaïs ein Grab geöffnet. Als die Araber die letzten, mächtigen Steinplatten von dem Eingange hinweggeschafft hatten, erkannte man, daß es eigentlich eine Höhle gewesen war, wie sie den christlichen Anachoreten zur Zeit des Pachomius als Wohn­stätte diente, und wo sie oft nach ihrem Tode bestattet wurden, indem man einfach den Eingang vermauerte oder Felsblöcke vor denselben hinwälzte. In dem Grabe lag das gut erhaltene Skelet eines Mannes, der mit einer braunen Kutte bekleidet gewesen sein mochte, denn man fand Reste eines groben Stoffes. Es war jedenfalls ein Anachoret, der hier gelebt hatte und starb. Das Merkwürdige an der Leiche war, daß man um den Hals eine dreifache Perlenschnur fand, eine Art Gehänge, das bis zur Brust herunterreichte und sehr kostbar gewesen sein mußte. Die Perlen waren gebräunt, hatten aber trotzdem noch einen matten Schimmer. Bei der ersten Berührung rollten sie auseinander und zerfielen zu Staub.

Als sie noch sanft strahlten, waren sie der Stolz der Chloë, die in Memphis als Hetäre lebte und den Schmuck von einem assyrischen Kaufherrn erhalten hatte, einem jungen, eitlen und salbenduftenden Fant, der so lange in Memphis blieb, bis er alle seine Goldstücke verschwendet hatte, und ihm die kleine Griechin die Thüre vor der Nase zuschloß. Den Perlen aber hielt sie die Treue, sie spielte mit ihnen und ließ ihren milchigen Schimmer bald auf purpurrothem Gewebe sanft leuchten, bald in das meerfarbene Grün duftiger Schleier tauchen, sie liebkosete sie und tändelte mit ihnen, sie machte artige Verse auf sie im Stile des Anakreon oder der Bilitis, sie badete sie in lauer Eselsmilch und salbte sie mit Nardenöl. Dazu bediente sie sich feiner, grauer Taubenfedern, welche sie in einem Kästchen aus Citrus aufbewahrte. Sie liebte ihre weitberühmten Perlen und mochte sich um keinen Preis von ihnen trennen. Daher nahm sie dieselben auch mit, als sie mit ihren Freundinnen ein Gelübde erfüllen wollte und zu einer kleinen Oase wallfahrtete, welche mitten in der Wüste von Theben lag und unter ihren hohen Dattelpalmen einen marmorbleichen Tempel der Venus barg, in welchem vor dem elfenbeinernen Standbild der Göttin aus erzenen Schalen brennende Harze empordufteten und auf dem mit Mosaiken geschmückten Estrich ihre Priesterinnen mit glühenden Augen und geschmeidigen Gliedern die heiligen Tänze aufführten und braune Nubierinnen die silbernen Harfen schlugen, wenn der Mond die Wüste in zauberhafte Nebel einhüllte, und die unendliche Stille jeden Laut wohltönender, jeden wollüstigen Seufzer begehrender machte. Sie opferten der meerentstiegenen Göttin Rosen und schneeweiße Tauben, und Chloë tanzte nackt, mit ihren unschätzbaren Perlen geschmückt, vor ihrer Herrin und bat sie um Jugend und Liebreiz und dankte ihr für ihre große Gunst. Nachdem sie die Priesterinnen reichlich beschenkt hatte, trat sie den Heimweg an.

Es war am Abend des zweiten Tages. Die Sonne stand schon tief im Westen, der Himmel war brandroth und von einem breiten, gelben Bande eingesäumt. Da rastete die Karawane, mit der sie nach Memphis zurückkehrten, und die schwarzen Sclaven rüsteten sich, die Zelte zur Nachtruhe aufzuschlagen, breiteten weiche Teppiche aus und machten ein Feuer an, um ihr Abendbrot zu kochen und sich in der kühlen Nacht daran zu erwärmen. Chloë aber wollte noch ein wenig in dem Sand und in den schieferigen Brüchen, wie sie hie und da emporragten, nach Muscheln suchen, die dort oft in buntem Sandstein eingesprengt sind. Sie rief ihre Freundinnen, nahm einen Schirm, band die Sandalen um die zarten Knöchel und stapfte lachend, scherzend und singend durch den feinen, rieselnden, warmen Sand.

Zur selben Stunde versuchte der Satan den Einsiedler Machaon zum letztenmale. Er nahm die Gestalt eines Weibes an, das, in ein carmoisinrothes Gewand gekleidet, von üppiger Fülle war, und bot ihm einen Teller voll köstlicher Früchte und tiefdunklen Wein in goldenen Schalen an. Aber Machaon war ein alter Mann und dem Teufel schon längst hinter seine Schliche und Streiche gekommen. Er wand seinen härenen Strick zu einer Geißel und jagte den Versucher schimpflich von dannen. Dann setzte er sich zufrieden vor seine Höhle, ließ seine morschen Knochen von der Sonne erwärmen und nickte ein. Und da er ein alter Streiter gewesen war, so sandte ihm Gott einen schönen Traum. Er sah die Englein, wie sie auf Flöten und Geigen und anderen Instrumentlein gar süße Weisen spielten, und einer, ein lockenköpfiger, pausbackiger Bub schwang sich gar auf seine Knie und zupfte ihn an seinem langen, grauen, verwilderten Bart. Da verspürte er im Herzen einen Stich und in allen Gliedern einen heftigen Schmerz und meinte, er werde jetzt aufwachen. Und gerade in diesem Augenblicke nahm ihn der Herr zu sich. Und eh er's recht wußte, war er todt.

So saß er nun ein wenig zusammengekauert da, das Blut stockte in seinen schlaffen Adern, er wurde kalt und starr.

Chloë kam mit ihren Begleiterinnen hinter einem kleinen Sandhügel hervor. Deidameia und Aglaë bemerkten zuerst die verhutzelte Gestalt des Einsiedlers, der unbeweglich vor seiner Höhle hockte, und dessen graubrauner, verfilzter Bart bis zu seinen Knien reichte. Sie fürchteten sich ein wenig und hielten einander bei den Händen gefaßt. Als aber Chloë vorsichtig näher trat, folgten sie ihr alle.

»Ein Faun«, rief plötzlich Astynome.

»Er schläft!«

»Er ist alt!«

»Was für einen langen Bart er hat und wie zottelig er aussieht!«

»Er rührt sich nicht!«

»Fürchtest Du Dich nicht, Themisto?«

»Doch, ein wenig, fürchtest Du Dich nicht auch, Chloë?«

»Keine Spur, Faune sind uns günstig, sie lieben die Frauen.«

»Geh nicht so nah, er könnte Dich erschrecken.«

»Er wird mich nicht beißen!«

»Genug, wenn Dich der alte Zottelbart umfängt.«

»Faunchen, schläfst Du fest?«

Sie wurden immer kühner. Aglaë warf mit kleinen Steinchen nach ihm, die andern bliesen ihn an, die kecke Hekamede streckte ihm ihre Zunge heraus, und Iphis zupfte ihn am Arm. Endlich berührte Chloë seine Hand. Sie fuhr erschrocken zurück.

»Er ist ganz kalt, er ist todt!«

»Oh!«

»Armes Faunchen!«

Nun kamen sie alle ganz nahe. Plötzlich sagte Hekamede:

»Was hat er da?«

Sie zog an einer Schnur, die er um den Hals trug, ein kleines Kreuz hervor, das aus vier spitzen Dornen gefertigt war, die mit Bast zusammengehalten wurden.

»Was ist das?«

»Das? Ein Kreuz, das Zeichen, dessen sich die Nazarener bei ihren geheimen Verhandlungen bedienen, jene schändlichen Leute, die das Blut kleiner Kinder trinken.«

»Er ist ein Mensch!«

»Natürlich. Kann ein Faun überhaupt sterben?«

»Ich glaube wohl. Mein Freund Agasippus hat ein Gedicht in Hexametern gemacht: »Auf den Tod eines jungen Faun«.

»Wie kommt ein so alter Mensch hieher!«

»Es gehen viele her und leben Jahrzehnte in einer Höhle.«

»Es ist nicht möglich, wie könnte man solches ertragen?«

»Schweigt Schwätzerinnen«, rief Chloë und legte ihren Arm leicht auf die Schulter der Iphis, die ihre beste Freundin war.

»Also ein Anachoret ist dies, Iphis«, sagte sie, »so sehen sie also aus, die uns stets schmähen und die Jünglinge warnen, unsere Häuser zu besuchen. Pfui, wie schmutzig er ist! Er muß sich während einiger Dekaden nicht gewaschen haben. Wie verfilzt sein Bart ist! Ich wette, er hat Läuse. Und diese Schmutzhammel rennen in den Straßen von Alexandria und Memphis umher und verführen die Jugend. Ein Solcher hat meinen goldlockigen Antilochus überredet, daß er mich verließ und in die Wüste gieng, wo er ein härenes Gewand trägt und Spinnen und Heuschrecken ißt mit demselben Munde, der einst meinen geküßt hat. O Pfui, Pfui.«

Sie griff mit ihren zierlichen Fingern auf ihren Nacken und löste die Spange ihres Perlengeschmeides, streckte ihre Arme vor und breitete das Gehänge aus, dessen Schnüre wie ein Fall milchiger Tropfen sich entwirrten und nun gerade und zitternd niederhiengen.

Mit einem bösen Lächeln wandte sie sich zu dem Todten.

»Da – da, Du Freudenverächter, ich will Dich schmücken wie einen Venusdiener, wie einen Buhler, der mit seiner Dirne zecht. Trage statt des Kreuzes das Geschmeide einer Hetäre, schmutziger Eiferer!«

Damit riß sie das heilige Zeichen von seinem Halse und hängte ihm ihre Perlen um. Verächtlich stieß sie mit dem Fuße nach ihm. Das vertrug der Körper des todten Greises nicht, er verlor das Gleichgewicht, breitete im Fallen seine Arme aus, als wollte er die Freche fassen und fiel auf sein Antlitz in den Sand.

Da schwand der Muth der Dirne, und laut kreischend rannte sie von sinnloser Angst gepeitscht davon. Die andern folgten ihr keuchend und so rasch, daß sie ihre Sandalen verloren und den Saum ihrer Gewänder an den Dornen der Wüstengewächse zerrissen, bis sie athemlos mit blutenden Füßen im Lager anlangten. Die Perlen ließen sie zurück.

Tags darauf fanden andere Einsiedler ihren verstorbenen Mitbruder. Sie sahen mit Erstaunen das Geschmeide um seinen Hals und meinten, ein Engel habe ihn im Tode damit geschmückt, um ihnen so recht ein glänzendes Beispiel darzustellen. So hielten sie die Perlenschließe einer Hetäre für ein gar heiliges und kostbares Ding und wagten nicht, sie zu berühren. Sie trugen den Todten unter frommen Gesängen in seine Höhle, wälzten einen schweren Stein davor, meiselten in denselben ein Kreuz, ein Lamm und einen Fisch und zerstreuten sich dann wieder in der Wüste.

Die Zeit verrann. Wo früher Pachomius und seine Mönche beteten, streiften die Reiter der Kalifen. Nur die Wüste blieb sich gleich. Der Sand thürmte sich vor der stillen Grabstätte Machaons zu hohen Hügeln und zerrieselte und verrann wieder allgemach. Der glühende Samum fuhr dahin und peitschte den Staub, der ewig bewegliche Sand fraß große Löcher in die dicken, fleischigen Blätter eines Wüstencactus, der neben der vermauerten Höhle emporwuchs. Und drinnen in dem kühlen, stockdunklen Raum moderte die Leiche des Anachoreten, und langsam zermürbten die Perlen der Chloë auf seiner Knochenbrust.



Hephron.

Der Abend kam. Die Feigenbäume zeichneten auf den weiß und gelb getünchten Mauern die Schatten ihrer handförmigen Blätter und ihrer kleinen, rundlichen Früchte ab. Noch flutete grelles Licht über das aus runden Steinen gelegte Pflaster, noch war es heiß, und die Luft schwamm, aber vom Todten Meer herauf kam ein kühlender Hauch, und die Sonne schwand immer mehr gegen Tyrus hin, wo sie ins Meer taucht. Auf den flachen Dächern von Sodom erholten sich Männer, Frauen und Kinder von der erschlaffenden Hitze, die seit Tagesbeginn geherrscht hatte. Dazu war die Luft schon seit einigen Wochen von einer bleiernen Unbeweglichkeit, einer eigenthümlichen Dichtigkeit, so daß die Stadt von ferne, von den Anhöhen aus gesehen, welche die nach Norden führende Straße überwinden mußte, bevor man sie zu Gesichte bekam, wie in einen grauen Dunstkreis eingehüllt dalag.

Auf dem geräumigen Marktplatz, auf welchem die Karawanen zu halten pflegten, und auf dem stets eine Anzahl müder Kameele lag, stand ein ziemlich weitläufiges Gebäude aus gelbem Stein, das nach vorne in den Platz vorsprang und mit einer Reihe roher Säulen geziert war, deren Capitäle von phönizischen Bildhauern gemeißelt waren. Zu diesem Säulengang führten einige Stufen empor. Auf der obersten stand ein junger Mann in reicher Gewandung, so mit Schmuck überladen, daß er bei der leisesten Bewegung klirrte. Außer dicken Arm- und Fußringen trug er einen breiten, edelsteinbesetzten Gürtel, eine mehrfache Reihe von Goldketten über der Brust, große Ohrgehänge und mehrere Ringe an jedem Finger und an jeder Zehe. Er sah müde und abgespannt aus, seine Augen, von tiefen, bläulichen Schatten umgeben, blickten glanzlos und ohne alle Theilnahme über die Dächer der umliegenden Gebäude. Ihm gegenüber trug man auf einer breiten Sänfte eine ungeheuer dicke Frau auf das Dach. Sie war ganz aufgedunsen und völlig unförmlich, wie ein riesiger Klumpen geronnenen Fettes. Es war Nephta, eine Witwe und eine der reichsten Bürgerinnen Sodoms. Ihre Haut war glänzend und ganz weiß vor Aussatz, ihre Haare starrten wie dünne Drahtbüschel nach allen Seiten, und die kleinen, röthlichen Augen verschwanden unter den beiden bis zum Halse herabhängenden Fettsäcken, welche ihre Wangen bildeten. In der Hand hielt sie einen elfenbeinernen Hautkratzer. Eine Menge brauner, indischer Sclavinnen aus Palibothra folgten ihr, denn Nephta verachtete die Männer und hielt sich einen ganzen Harem von Hetären, die von Jugend auf zu solchen Diensten herangezogen und ausgebildet waren. Ihre Lieblingssclavin lag auf der Seite neben ihr und stützte sich auf den linken Ellenbogen, während sie mit der rechten Hand mit einem riesigen Fächer der in ihren Fettwülsten schier Erstickenden frische Luft zuwehte. Diese sah gleichgiltig auf den jungen Mann nieder, der jetzt wie zerbrochen die Stufen hinabstieg, obschon es ihr einziger Sohn war, und er aus einem Hause kam, in dem man sich um einige Goldringe den schönsten lybischen Jüngling für eine Nacht kaufen konnte.

»Hephron«, rief ein junger Mann, den vier Sclaven auf einem Ruhebett einhertrugen. Er war wie ein Weib in ein durchsichtiges Gewand aus carmoisinrothem Gewebe gekleidet, trug lange, mit großer Kunst gedrehte Locken und duftete weithin nach Narden und köstlichen, babylonischen Salben. Die Sclaven wollten vorübereilen, doch er erhob sich und schlug mit einer riesigen Kraft den beiden vorderen Trägern mit einer vergoldeten Ruthe über die Schultern. Diese standen so plötzlich still, daß die beiden Männer am hinteren Ende der Sänfte fast niedergefallen wären.

»Hephron«, näselte er, »kommst Du heut' Abend zu mir?«

Der Angesprochene, welcher die Stimme erkannt hatte, hob nicht einmal den Kopf und deutete stumm mit seiner juwelenbedeckten Hand auf das gelbe Haus.

»Nein? Dann muß ich auch damit vorlieb nehmen. Tragt mich hinein!«

Hephron schritt zum südlichen Thore der Stadt hinaus, an den Gärten der reichen Sodomiter vorüber, zum Todten Meer hinunter. Dieses war nur ein mäßig großer See, mit schilfbewachsenen Ufern, von üppigen Wiesen umgeben. Dort warf er sich, ohne seines kostbaren Schmuckes zu achten, in das hohe Gras und starrte in den Himmel, welchen die rasch zunehmende Dämmerung immer mehr und mehr vertiefte. Ein durchsichtiges, intensives Blau, tief, unergründlich, stand in starrer Unbeweglichkeit über ihm. Aus der Ruhe dieser stillen Flut tauchte ein Stern nach dem andern auf, reihte sich ein milder, schwacher Lichtpunkt an den andern, bis sich schließlich in der Mitte des Gewölbes, wie ein feines, tausendfältig durchbrochenes Netz aus zartestem Silberstoff die Milchstraße in einem Bogen darüber spannte. Es herrschte die tiefe, durch keinen Laut unterbrochene Stille der lauen Nächte des Südens.

Um ihn und in ihm war eine große Leere. Er wußte kaum mehr, daß er lebte. Alles war ihm zu einer Nothwendigkeit geworden, deren Befehle er einfach wie ein Automat ausübte. Nichts hatte mehr für ihn die Bedeutung eines Genusses, auch nicht das Laster. Die Wollust, in welcher er auferzogen, die Entartung, mit der er gleichsam genährt worden war, spürte und kannte er als solche längst nicht mehr. Damit hatten sie aber auch allen Reiz für ihn verloren, denn sie waren ihm stets als etwas erschienen, das zum Leben gehört wie Essen, Trinken und Schlafen. Niemand hatte ihn die Scham gelehrt, und so entbehrte er alles Verlangen, so kannte er keinen Kampf, weil er mit sich selbst keinen zu bestehen hatte, außer den mit Unlust und Unvermögen, und weil ihm niemand einen Widerstand entgegensetzte, denn was man in Sodom nicht aus freien Stücken bekam, konnte man kaufen, und Hephron war reich. So begann er, sich unglücklich zu fühlen, obwohl er nie gewußt hatte, was das Glück sei. Vielleicht hatte er auch nie seinen Namen aussprechen gehört, denn in Sodom sprach man nur von der Wollust, nie vom Glück. Er wußte also nicht recht, was ihm fehle, er war anders wie früher und nicht so wie seine Altersgenossen, und gerade diese Ungewißheit, die aus dieser Leere entsprang, begann ihn zu peinigen. Er wußte nicht, was der nächste Tag bringen werde, was er auch nur bringen könnte, oder, wenn er es ahnte, so ahnte er, daß er derselbe sein würde, wie gestern und ehegestern und alle die Tage vorher, seit er denken konnte. Dann bemächtigte sich seiner ein anderes Gefühl, für welches die Sodomiter ebenfalls keinen Namen hatten, der Ekel, und dieser konnte so groß werden, daß er sich bis zum physischen Schmerz steigerte. Dann dünkte er sich krank, aber er scheute sich, den Arzt zu befragen, denn er fühlte, daß ihm dessen Latwergen nichts helfen würden.

So lag er da und starrte in das Firmament, das jetzt einem Gewebe dünner, schichtenweise aufeinandergelegter Gazeschleier glich, mit den verschiedensten Abstufungen vom wässerigsten Blau, das, gleichsam ins Farblose verschwindend, in langen Schleiern bis an den See herunterhieng, bis ins Dunkelste, fast Schwarze, das unbeweglich in endloser Ferne starrte und selbst das Licht der Sterne verlöschte.

So lag er lange.

Es begann ihn zu frösteln. Vom See herauf wallten die Nebel. Da wollte er aufstehen. Fast wäre er erstaunt, aber auch das Erstaunen war ihm schon fremd geworden. Er war nicht allein. Vor ihm stand ein Mädchen von ungefähr fünfzehn Jahren, das ein Ziegenfell um die Lenden geschlungen und ein gelbes Tuch über ihren Busen geknüpft hatte. Sie war sehr braun, trug langes, aufgelöstes, schwarzes Haar und eine schwanke Gerte in der rechten Hand. Mit ihren großen, dunklen Augen sah sie ihn neugierig an. Schon war wieder alle Theilnahme, welche er einen Augenblick für die unerwartete Begegnung gefaßt hatte, verschwunden. Das Mädchen sprach mit einer tiefen, wohllautenden Stimme zu ihm:

»Herr, es ist kühl.«

»Ja, es ist kühl. Ich gehe darum zur Stadt.«

Wieder erfaßte ihn eine seltsame Regung, wie Neugier:

»Wer bist Du?«

»Ich hüte hier einen Theil der Gänse, welche der reichen Witwe Nephta gehören. Das ist alles, was ich von mir weiß. Du siehst, es ist wenig.«

»Wie kamst Du in Nephtas Haus?«

»Ich bin das Kind einer indischen Sclavin. Den Vater kenne ich nicht.«

»Und Deine Mutter?«

»Ich bin das Kind einer Sclavin. Du hast es wohl gehört?«

»Nicht doch, ich meine, was macht Deine Mutter? Sie ist jetzt wohl schon eine von den Schaffnerinnen.«

»Meine Mutter verbrannte auf einem Kornspeicher, damals, als in Nephtas Hause Feuer ausbrach. Ich war kaum ein Jahr alt zu jener Zeit.«

Hephron kam es vor, als habe man auf einem Instrumente mit einem feinen Strich einen leisen Laut geweckt, der wie aus der Ferne bald klagend, bald jubelnd lockte und zarte, wie aus farbiger Luft und feinen, körperlosen Strahlen gewobene Bilder vor seine Seele stellte. Er sah sich in jener Nacht als sechsjähriges Bübchen in seinem dünnen Byssushemdchen auf der Treppe, die in den Hof hinunterführte, stehen und mit seinen großen, erschrockenen Augen in die vielgestaltigen, thurmhohen Flammen starren, die prasselnd in die dunkle Nacht emporstiegen, während über die benachbarten Dächer der Rauch dick und träg dahinkroch. Millionen hellglänzender Funken fielen wie ein dichter Regen ringsum hernieder. Einige davon versengten ihm die Wimpern. Ueber das Pflaster des Hofes flohen mit aufgelösten Haaren und entblößten Brüsten die Mägde, kreischend, in ihrer Verwirrung und Bestürzung sich in die Flammen werfend. Seine Mutter trug man in eiliger Flucht vorbei, sie sah wie blöde darein vor Entsetzen und hatte den Mund weit offen. Da fieng er zu weinen an. Ein starker, sidonischer Sclave nahm ihn auf den Arm und trug ihn in des Nachbars Haus.

Ihm war es, als ob in seinem Innern etwas zerrisse. Er fühlte sich mit einemmale von tausend hemmenden Schranken befreit. Er wußte, daß er doch einmal gelebt habe, anders als jetzt, wenn auch in einer fernen Vergangenheit, wenn auch nur als Kind mit dem beschränkten Auffassungsvermögen eines Kindes. Es wurde ihm mit einem Schlage klar, daß er bis jetzt nur deshalb so weiter zu leben imstande war, weil er weniger geworden als ein Kind. Er begann sich unglücklich zu fühlen, unsagbar unglücklich, da er zu begreifen anfieng, was das Glück sei. Und nun sehnte er sich auch darnach. Er sehnte sich nach einem Wort, das ihn seine Umgebung, sein Leben seit sieben Jahren, diese Stadt in seinem Rücken, welche ihm nun so häßlich vorkam, für immer vergessen ließ. Er bat das Mädchen, sich zu ihm zu setzen.

Die Hirtin ließ sich einige Schritte von ihm entfernt nieder und peitschte mit ihrer Gerte die Distelköpfe, welche über das Gras ragten.

»Wie heißest Du?«

»Sie rufen mich, wie meine Mutter dies immer that, Tschandra. Ich hatte einen viel längeren Namen, aber ich weiß ihn nicht mehr.«

»Tschandra, kennst Du mich?«

»Du bist Hephron, unserer Herrin Sohn.«

»Hast Du mich oft geseh'n?«

»Nicht oft, ab und zu, wenn ich in Nephtas Haus kam, um den Schaffnerinnen meine Gänse abzuliefern.«

»Und wo bleibst Du des Nachts?«

»Hier, im Freien, es sind so laue Nächte. Auch steht unten am See eine Rohrhütte.«

»Und fürchtest Du Dich nicht?«

»Nein Herr, wer thäte mir Böses? Ich besitze keine Ringe, keine Ketten und Spangen. Mein Fell wird niemand begehren, und Gerten kann sich jeder schneiden, so viel er will. Mehr aber besitze ich nicht.«

»Aber es ist hier so einsam und still. Wird Dir nicht bange in den langen, lauen Nächten?«

»Nein, höchstens, daß die Zeit so langsam verstreicht. Dann spiel ich mir eins auf der Rohrflöte, welche mir ein Hirte geschnitzt hat, der zwischen Sodom und Gomorrha die Schafe Deiner Mutter hütet.«

»Du spielst Flöte? O, spiele mir ein Lied. Hier, jetzt, in dieser stillen, schweigsamen Nacht.«

Tschandra nahm eine Rohrflöte aus ihrem Busen und blies ein einfaches, trauriges Lied. Die Töne lösten sich langsam und voll von ihrem Munde und klangen erst wie Wehmuth und Entsagen, wie kindliches Träumen, wie eine tiefe, große Sehnsucht nach dem Unbekannten, das weit, weit von hier lag, über den See, hinter den verschwindenden, bläulichen Kämmen der Gebirgsrücken, weit, weit fort, vielleicht an den lotosumdufteten Ufern des Ganges, vielleicht gar nicht in dieser Welt. Dann ward die Sehnsucht zum schneidenden Weh, und die Töne klangen schrill und schreiend, bis sie wieder sanfter und sanfter wurden und in einer leisen Klage erstarben.

Als sie geendigt hatte, stand Hephron auf. Er hatte geweint. Es war ihm, als sänge seine verlorene Jugend sich selbst ihr Todtenlied und starre ihm dabei traurig und vorwurfsvoll ins Gesicht. Aber der Schmerz zeigte ihm das Erwachen eines neuen Lebens an, die Geburtsstunde eines neuen Ichs.

»Tschandra, wenn ich wiederkomme, willst Du mir dann auch ein Lied auf Deiner Flöte blasen?«

»Herr, wenn Du befiehlst. Ich bin nur die Magd Deiner Mutter.«

»Ich werde Dich bitten. Leb' wohl, Tschandra!«

»Leb' wohl, Herr!«

Beim Südthor brannte ein großes, loderndes Wachtfeuer. Söldner in blinkenden Rüstungen saßen um dasselbe. Ein hoher Thonkrug kreiste unter ihnen. Sie ließen Hephron, der ihnen einen silbernen Ring zuwarf, die in Sodom gangbare Münze, ruhig vorbei und beim Stadtthor hinein. Ein heißer Luftzug schlug ihm entgegen. Leise, gedämpfte Laute klangen an sein Ohr, und ein Duft, ein betäubender Duft von Liebe und Wollust drang auf ihn ein. Er reizte ihn nicht, er beengte und bedrückte ihn. Zum erstenmale sehnte er sich nach Frische und Reinheit und zog den Vorhang vor der Bogenöffnung seines Schlafgemaches weg. Da stand er noch lange und blickte nach Süden gegen das Todte Meer hinab.

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 Schon seit einigen Tagen flogen die Wasservögel in dichten Scharen stromaufwärts, und an den Ufern des Jordan flohen Gazellen und Rehe in weiten Sätzen und mit scheuen Augen dahin.

Vor dem kleinen Hügel, auf dessen plattem Rücken die Königsburg stand, ein weitläufiges, mit Terrassen versehenes und von Gärten umgebenes Gebäude, drängte sich eine gewaltige Menge, denn Hyxis, der König der Sodomiter, gab abends ein großes Fest.

Als Hephron, wie er dies seit jener Begegnung alle Tage that, die Stadt verlassen und an den See hinuntergehen wollte, sah er sich plötzlich in eine schreiende und heftig gesticulierende Menge eingekeilt.

»Kauft Granatäpfel, Granatäpfel, reif und süß wie Honig vom Libanon«, schrie ein Mann mit vornübergebeugtem Rücken, kahl geschorenem Haupt und grauem Bart. Ein feistes, dralles Bauernweib stieß ihn beiseite. Sie trug einen großen, aus Schilf geflochtenen Korb, der mit einem ebensolchen Deckel versehen war.

»Was trägst Du da?« rief sie einer aus der Menge an und riß ihr den Deckel ab. In dem Korbe saßen einige Hühner, die auf eine ganz sonderbare Weise gemästet waren. Ihr Hinterleib war unmäßig fett, groß und aufgedunsen, und alle Federn waren aus demselben ausgerupft worden.

»Seht, seht, was für Hühner! Nie in meinem Leben habe ich solche Hühner gesehen«, sagte ein Kaufmann.

»Für wen gehören sie?« fragte ein anderer.

»Für Malambo, des Königs Bruder, er nennt sie seine kleinen Frauen«, entgegnete die Bäuerin verschmitzt.

Ein dickes Weib, das neben ihr stand, stemmte die Fäuste in ihre Hüften und lachte unmäßig. Einige bis zur Unkenntlichkeit geschminkte Hetären kreischten mit schlecht gespieltem Entsetzen.

»Nette Dinger, das«, meinte der Kaufmann.

»Wie Nephta, die dicke, reiche Witwe in der unteren Stadt sehen sie aus. Betrachtet einmal diesen Bauch und diese Beine«, rief eine Hetäre, die nur mit einem durchsichtigen Schleier bedeckt war.

Hephron gab der Dicken, welche neben ihr stand, einen Stoß mit dem linken Ellenbogen und drängte sich rücksichtslos durch die Menge. Ein Gefühl des Ekels bemächtigte sich seiner und stieg wie ein Knäuel bis zu seiner Kehle empor, daß es ihn würgte.

Er befand sich in einem heftigen Fieber der Entwicklung, wie wenn er nur noch wenige Tage zu leben gehabt hätte und doch alle Gefühle und Empfindungen kennen lernen sollte. Ein Gefühlsreichthum sondergleichen bemächtigte sich seiner. Alles ward für ihn Empfindung, alles gewann Leben und Gestalt. Täglich sah er neue Dinge, an denen er tausendmal achtungslos, ohne sie zu bemerken, vorübergegangen war. Alle diese neuen Eindrücke flossen wie große, wasserreiche Ströme in seine Seele und machten sie tief und weit, wie ein unergründliches Meer.

Tschandra stand am Ufer des Sees und harrte auf ihren Freund. Als Hephron sie sah, wie sie ihn erwartete, mit allen Muskeln und Nerven ihres Leibes, da ward plötzlich in ihm die große Leidenschaft geboren, die mit einem Ruck die letzten Fetzen der Hülle wegriß, welche seine Seele seit seiner frühesten Jugend erstickt hatte. Ruhig trat er auf sie zu, und ein milder Glanz strahlte aus seinen Augen, als er ihr die Hand zum Gruße reichte. Lange tauchten ihre Blicke ineinander, lange ruhte seine Hand in ihrer kleinen, aber nervigen, braunen Rechten. Stumm ließen sie sich in das hohe Gras nieder. Ein ihm unbekanntes, weltverlorenes Entzücken erfaßte ihn, wenn sie in der großen Stille, in dem fast andächtigen Schweigen sein Haupt mit ihrem Athem streifte oder sich an seine Schulter lehnte. Er suchte nach einem Wort, in das er seine ganze Zärtlichkeit hätte legen können, seine arme Sprache schenkte ihm keines. Da schlang er seine Arme um ihren Leib und suchte ihre begehrenden und doch abgewandten Lippen. Er sog sich an ihnen fest, heftig und heiß, sich an ihrem Glück berauschend, das aus ihren dunkelbraunen Augen strahlte, an ihrem blühenden Munde hieng, in allen ihren Fibern und Muskeln zuckte, aus dem feinen Duft aufstieg, welcher ihrem Nacken und Busen entströmte. Er empfand, was er nie gedacht und empfunden hatte, die große, reine Sinnenfreude der Schöpfung. Das, was aus diesem einfachen Hirtenmädchen ein Kuß von ihm machte, war sein Werk. Sie war sein, ganz sein, gehörte ihm allein, ihm, von dem sie alles hoffte, alles leiden, dem sie nichts, nichts verweigern würde. In diesem Augenblicke fand er das Wort, welches er nicht kannte, welches er vielleicht nie in seinem Leben gehört hatte. Er umschlang sie inniger, fester, und in einem Taumel der höchsten Freude flüsterte er ihr zu:

»Tschandra, Tschandra, ich liebe Dich!«

Ihre Lippen fanden sich in einem langen, versengenden Kusse, als sollte dieser Kuß alles wegbrennen, was Hephron je Häßliches in seinem Leben gesehen und gethan hatte. Sie vergaßen alles um sie her und alles in ihnen.

Die drückend heiße Luft war von einer unbeweglichen Schwere und Dichtigkeit, wie ein Nebel, grau in grau abgetönt. Sie fühlten nichts. Sie sahen nicht, wie die Sonne im Westen am Horizont stand, bleich und glanzlos, aber ins Riesige vergrößert, von einem weißlichen Hofe umgeben. Der ganze Himmel war schwefelgelb, ein schreiendes, unheimliches Gelb. Es herrschte eine grenzenlose Stille, ein übernatürliches Schweigen. Die Erde begann leise zu erzittern. In die todte, regungslose Ruhe brachen Klänge und Töne ein. Zuerst ein fast feierliches Rauschen. Der See gerieth in wilde Bewegung und warf seine Wellen mit Ungestüm an den kiesigen Strand. Die Kämme der Wogen bedeckten sich mit grünlichem Schaum. Unruhig, ängstlich schossen die Fische an der Oberfläche des Wassers durcheinander. Die Sonne versank. Ein röthlicher Dunst lag jetzt über der Landschaft, wie ferner Feuerschein.

Tschandra hob das Haupt von der Brust ihres Freundes. Mit unruhigen, großen, fast verschüchterten Augen sah sie über den bewegten See nach dem anderen Ufer, das in bläuliche Schatten eingehüllt dalag.

»Sieh, o sieh, Herr, was ist das da drüben auf dem Hügel? Nie stand das Ding früher dort. Es sieht aus wie eine große Nadel.«

»Nicht doch, es sieht aus wie eine Säule.«

»O Herr, mir graut. Sieh genauer hin, es hat die Umrisse eines Weibes, welches im eiligen Dahinschreiten nach rückwärts schaut.« 

Du hast Recht. Nie sah ich früher dergleichen. Aber laß, warum blickst Du so ängstlich. Küsse mich, Geliebte!«

Die röthliche Dämmerung wurde immer stärker. Die Schwüle der Luft artete in Hitze aus. Einzelne lange, feurige Streifen schlängelten am Horizont dahin. Ein großes Meteor schoß über ihren Häuptern weg. Dann klang wie aus unendlicher Ferne ein langgedehnter, banger Klageruf, schaurig, wie die Todesklage eines verlassenen, qualvoll Sterbenden durch die Einsamkeit.

Sie hörten nichts.

Eine ganze Flut von Tönen durchtobte die große Stille mit einemmale. Prasseln und das Krachen und Poltern einstürzender Gebäude. Es heulte, wie wenn der Sturm über einen brennenden Wald hinbraust. Dazwischen erscholl, alles übertönend, ein tausendfacher Schrei der Verzweiflung, des Schmerzes und der Qual, der Verwirrung und der marternden Angst.

Sie hörten ihn nicht.

Die röthliche Dämmerung wich einer flammenden Helle. Das Schilf an den Ufern des Sees brannte lichterloh. Die frischen Blätter an den Bäumen versengten, krümmten sich und fielen schwarz und halbverkohlt auf die arme, zerrissene, verbrannte Erde. Jeder Athemzug war eine Flamme voll verzehrenden, brennenden Giftes.

Hephron und Tschandra lagen einander in den Armen und fühlten nichts. Sie sahen nicht die brennende Stadt in ihrem Rücken, nicht die Vernichtung um sich herum, nicht den Tod, der ihnen von allen Seiten mit flammenden Armen nahte, denn in dieser Stunde war Beiden das Leben geboren worden, und die Zeit war zu kurz, als daß sie sein Ende begreifen konnten. 



Der heilige Seleukus.

Der Priester Seleukus hatte sich gegen das sechste Gebot vergangen und war im Stande der Ungnade gestorben. Dafür sollte er nun in der Hölle büßen. Er stand bis auf die Hüften im brodelnden Pech. Dies war eine Begünstigung, denn die anderen, welche sein Schicksal theilten, mußten bis an die Schultern oder gar bis zum Hals in der heißen, zähen Suhle waten. Aber Seleukus hatte die Weihen.

Rings in der Höhle war's dunkel von Rauch, nur über dem Eingang lohte ein gelbes, unheimliches Licht. Als sich seine Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, sah er sich um und erkannte viele, die ihm einst im Leben begegnet waren, oder gar nahe gestanden hatten. Neben ihm schwamm eine reichgekleidete Frau in der dunklen Brühe, welche ihre Brüste verklebte. Es war Maria, das Weib des reichen Kaufmannes Athanasius aus Ephesus, die täglich vier Stunden im Gebete zubrachte und jedem Almosen gab, der vor ihre Thüre kam und arm und bedürftig erschien. Deswegen hatte sie auch Seleukus vor der ganzen Gemeinde beim heiligen Abendmahle belobt und als nachahmenswertes Muster hingestellt. Nur einmal wies sie ein junges, hungerndes und erschöpftes Weib von ihrer Thüre, weil dieses in Ephesus wegen ihres leichten Lebenswandels berüchtigt gewesen war. Und während ihr Gatte nach Cypern reiste, wo seine Geschäftsfreunde in Famagusta wohnten, ließ sie des Nachts den römischen Centurio Publius Saturninus in ihr Schlafgemach. Hinter ihm ragte das feiste, zum Zerspringen geröthete Gesicht des Erzpriesters an der Basilika aus dem Peche, der in der Beichte die fleischlichen Sünden nie verzeihen wollte und mit den schwersten Höllenstrafen drohte. Er hatte aber vor der Stadt eine hübsche, lauschige Villa, deren weiße Säulen friedlich aus Lorbeerbäumen und Jasminbüschen hervorleuchteten. Darinnen wohnte Militta, die schöne Syrerin, welche die Harfe spielte und in duftigen Gewändern aus Kos tanzte, woran der alte Herr so großen Gefallen fand, daß er jeden Abend vors Thor gieng und erst am frühen Morgen im leichten Korbwagen mit seinen beiden Schimmeln wieder zur Stadt fuhr, um die Messe zu lesen. Da waren noch zur rechten und zur linken Seite der Bischof Hilarion von Kokossus und der Präfect Macro, der Klausner Pantaleon und die Diaconissin Elisabeth, und viele, die er in seinem Leben gekannt und täglich gesehen hatte, und noch mehr, die ihm völlig fremd waren. Seine Ohren gewöhnten sich an das tausendstimmige Klagegeheul, an alle Flüche und Verwünschungen, an alle tollen, irren Rufe der Angst und der sich bis ins Ungemessene steigernden Verzweiflung. Er blieb ganz stumm und hob nur manchmal seine beiden Arme hoch. Aber er betete nicht. Was nützte auch das Gebet dem ewig Verdammten? Ihm entschwand der Sinn für die Zeit. Er hätte nicht angeben können, ob er ein Jahrtausend oder nur eine Stunde hier gewesen sei. Und immer kamen neue Scharen, schweigsam und trotzig in ihr unbeugsames Schicksal ergeben, oder laut jammernd und schreiend, zitternd an allen Gliedern und mit den Zähnen klappernd vor Angst.

Seleukus starrte unentwegt in das Dunkel über seinem Haupte, nur manchmal, wenn ihm sein Nacken schon ganz steif geworden war, wandte er seinen Kopf dem Eingang zu und bohrte seine Augen in die gelbe Helle, welche vor demselben brütete. Da hörte er einmal jammerndes Geschrei und sah, wie zwei Teufel an dem Rande des Pechsees auf den erhitzten, spitzigen Steinen ein vor Angst und Bestürzung wahnsinniges Weib an den Haaren herbeizogen und unter rohem Gelächter in das brodelnde Pech stießen. Er hatte sie gleich erkannt. Es war die Ephesierin Harmonissa, die schönste, aber auch die leichtfertigste Buhlerin der reichen Handelsstadt. Das unglückliche Weib tauchte sogleich wieder empor mit verklebten Haaren und schlug mit ihren Händen um sich. Sie klammerte sich an die reiche Maria an, aber diese schlug nach ihr und kreischte mit schriller Stimme:

»Hebe Dich weg von mir, stinkende Dirne, Du leidest verdienterweise diese Schmach, Du, die jeder um etliche Minen zum Weibe für eine Nacht haben konnte. Tauche nur unter, Hündin, tauche nur unter bis über die Augen, damit die ausgebrannten Höhlen niemand mehr verlocken können.

Alle schlugen oder stießen nach ihr, manche spien ihr ins Antlitz. Sie fand keinen Halt und sank immer tiefer in die brodelnde, blasenziehende Flut.

Seleukus wurde von tiefem Mitleid ergriffen. Er streckte ihr die Hand entgegen.

»Steige auf meine Lenden«, gebot er ihr, »da hast Du einen festeren Stand und leidest nur bis an die Waden die heiße Pein.« 

Harmonissa klammerte sich in ihrer Angst an die breite Brust ihres Beschützers, aber es wollte ihr nicht gelingen, sich zu erheben. Das zähe Pech hielt sie fest zurück, und ihr kleiner, verbrannter Fuß rutschte immer wieder aus.

Seleukus sah ihrem kläglichen Beginnen milde zu. Dann tauchte er bis an den Hals in das siedende Pech.

Zuvor zog er den Athem tief ein und blies die Backen auf.

»Knie Dich auf meine Schulter«, gebot er, »und halte Dich mit Deinen Händen an meinem Haupte fest.«

Harmonissa gehorchte. Mit ihren Fingern verbrannte sie ihm die Augenlider und die Stirne.

»Hab Dank, Du guter Mann«, sagte sie unter Thränen.

Da schmolz der stumme, eiserne Trotz des verdammten Priesters, und er neigte sein Antlitz tief und tiefer, wie er es täglich vor dem Hochaltar in seiner Kirche zu Ephesus gethan hatte und tauchte sein Gesicht in die glühenden Wogen.

Die Diaconissin Elisabeth war voll Neugier herangekommen und prallte erschreckt zurück. Um das Haupt des Seleukus zitterte ein lichter, goldiger Schein. Am Ufer stand ein großer, ernster Engel und berührte mit seinem dunklen Schwert leicht das Haupt des Priesters. 

Seleukus fuhr empor.

»Seleukus«, gebot der Engel, »stoße das Weib von Deiner Schulter und steige heraus. Der Herr vergibt Dir Deine Sünden.«

Der Priester entgegnete: »Geh Du nur immer zurück, besser es leiden zwei, die einander zu helfen bereit sind, als nur einer allein die trostlose Pein.«

Es schien, als verblasse einen Augenblick der Schimmer um des Seleukus Haupt. Dann aber strahlte er umso stärker und umfloß auch die zitternde, in ihrer Angst ihn zu verlieren, ihren Beschützer fest umklammernde Harmonissa.

Der Engel winkte beiden zum Ufer und reichte dem Erlösten die Hand, um ihm herauszuhelfen. Dann schüttelte er seine dunklen Locken und sprach zu der Sünderin:

»Des Herren Gnade hat auch Raum für zwei. Folge dem Seleukus!«

Langsam schritten sie dem Eingange zu und verschwanden wie Schatten. Nur hinter der hohen Gestalt des Priesters zog sich ein leuchtender Streifen hin, wie wenn die Sonne ein Nebelband beleuchtet hätte. 



Asraël.

In der Basilika von Aureliopolis predigte der Archidiacon von Gottes weiser Fürsorge, ohne die kein Sperling vom Dache fällt, von seiner Allmacht und Allbarmherzigkeit. Zur selben Stunde starb des Präfecten Sohn, Diomedes. Er zerschmetterte sich in der Rennbahn sein schönes Haupt, welches das Entzücken aller Frauen von Aureliopolis und Athen gewesen war, und die scheuen Rosse schleiften seine herrlichen, weißen Glieder durch den Staub und über die Steine. Die jungen, vornehmen Griechen und Römer klagten, die weißbusige Chrysis zerraufte ihr Haar, riß die kostbaren Perlschnüre von ihrem Halse und lag nackt vor der Büste der Venus und flehte zur Göttin, um den Tod, denn sie war noch eine Heidin und doch Diomedes Freundin gewesen, dessen Vater eine neue Kirche in der Stadt hatte aufführen lassen, darin sein Sohn vom Bischof getauft worden war. Aber Diomedes war reich, jung und schön wie die Sünde, deshalb liebte er zu sündigen und goß purpurnen Wein aus goldenen Schalen im Hause der Chrysis auf den Altar der cyprischen Göttin. Wenn die weiten Gärten der weißen, steinernen Stadt in dem weichen Lichte der lauen Mondnächte schwammen, dann küßte er das schöne Weib, bis sie ermattend ihn um Frieden bat, und er, stolz auf seine unversiegbare Kraft, sie noch wilder in seine Arme schloß, diese Arme, die den Discus weiter warfen wie die aller seiner Freunde, die den Bogen straffer spannten, wie ein Skyte, die acht Rosse spielend im Zaum hielten, wenn er auf der Rennbahn den Sieg errang.

Und nun war der schöne Diomedes todt, und da er ein Heide im Herzen gewesen war, so verdammte ihn der Richterspruch des allmächtigen Gottes in die Hölle. Mit ausgespannten Armen ward er an einen mächtigen Felsblock geschmiedet, und ein böser Dämon schöpfte mit einem glühenden, porphyrenen Löffel aus seinem zerrissenen Herzen das Blut, das einst so wild und brausend durch seine Adern strömte und seinen Muskeln die gewaltige Stärke und seinen Nerven die ungeheuere Spannkraft verliehen hatte. Je größer seine Leiden wurden, desto stummer wurde sein Trotz. Er biß die Lippen zusammen, schloß die Augen und ließ die Zeit an sich vorüberziehen.

Dem Felsen gegenüber, an welchem er angefesselt war, stand ein ungeheurer Thron aus schwarzem Syenit. Darauf saß Asraël, der Fürst der Hölle, starr und unbeweglich. Er stützte sein Haupt leicht in die rechte Hand und blickte zu dem Verdammten hinüber. Wenn er seine blitzenden Augen auf diesen richtete, so schauderte der böse Dämon, und Diomedes fühlte den Blick durch die geschlossenen Lider. Aber er blieb trotzig und stumm. Asraël aber sann und träumte und saß auf dem schwarzen Felsenthrone wie eine erzene Statue voll schwermüthiger, geheimnisvoller und furchtbarer Schönheit. Vor seinem Geiste zog die Ewigkeit einher, die nie begonnen hatte und die nie enden konnte, deren Schrecknisse er aber begriff, weil er ein Gott war und selbst der Ewigkeit entstammte. Er sah das glühende Chaos sich im Wirbel drehen. Tausend funkelnde und flirrende Flammenbänder schossen in das dunkle, unendliche Weltall und erloschen. Er aber träumte auf einem fernen Stern von Schöpferfreude und von dem allmächtigen Wort, welches diese Feuermasse gestalten und beleben sollte. Und immer brennender wurden seine Wünsche, und immer ungebändigter und toller wurde seine Kraft, die brachliegen mußte und sich selber verzehrte. Was half es ihm, wenn er Planeten wie steinerne Kugeln in den Weltraum schleuderte, wenn er ganze Sonnensysteme mit seinem Athem zerstäubte, wenn er nur zerstören, sinnlos durcheinanderwerfen durfte, nicht erschaffen. Denn das große Wort hatte sich der Einzige und Unendliche vorbehalten, und kein Engel hatte Theil daran. Er aber wollte an allem Theil haben, und so füllte sich seine Brust mit aufrührerischen Gedanken, und er sah zum erstenmale eine Gestalt an sich vorübergleiten, die hatte ein blutrothes Gewand an, und wenn sie ihre schwarzen Locken schüttelte, klang es wie das Klirren von tausend Streitwagen. Ein blauer Panzer wölbte sich über ihrer Brust, die Rechte hielt den Knauf eines bluttriefenden Schwertes umklammert, ihr Antlitz war verdüstert. Ihm war, als habe dieser Schemen überall Augen, als blitzten sie zwischen den Schuppen des Panzers hervor und aus den Steinen der Ringe an seinen Fingern. Das war der Haß. Das Phantom wies ihn an einen Punkt in der Unendlichkeit. Da schauderte Asraël. Denn von dort gieng ein Strom aus und ein Meer nach allen Seiten, und Strom und Meer waren Licht und Ton, die Farben des Regenbogens und alle Wohlgerüche zugleich. Denn dort saß der Ewige auf einem Thron von Chrysopras und Sarder und ließ die Zeit über seine Wimpern streichen, die Jahre, die Jahrhunderte, die Jahrtausende. Und sie waren nur wie das Fallen der Blätter im Herbst. 

Und weiter sann und träumte Asraël. Sein Traum führte ihn zurück bis auf jene Stunde, wo er seinen leuchtenden Wagen bestieg und die sechs Rosse durch das Weltall peitschte. Die waren groß und stark, in ihren Adern strömte Feuer anstatt Blut, aus ihren Nüstern quoll Rauch, und ihr Wiehern glich einem starken Donner. Sie waren rasch wie der Gedanke, und niemand konnte sie zügeln außer ihm. So fuhr er dort hin, wo der Ewige den Zaum der Zeiten in der Hand hielt. Um seinen Thron standen vierundzwanzig Aelteste, die hielten goldene Rauchfässer in den Händen. Sie waren mit weißen Kleidern angethan und trugen güldene Kronen auf ihren Häuptern. Asraël aber forderte kühn, mit ihm auf einen Thron zu sitzen und mit ihm das große Wort der Schöpfung zu sprechen. Der Ewige aber wies ihn von sich, denn ihm allein sei das Reich und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Die Vierundzwanzig aber schütterten ihre Rauchfässer, und wirbelnder Rauch stieg daraus hervor und umhüllte den Allmächtigen wie eine Wolke. Da erzitterten alle Himmel, denn Asraël stieg den Thron hinan und griff mit kühner Hand nach dem goldenen Zaum, den der Unnahbare seit Ewigkeit in der Hand hielt. Und von allen Seiten giengen Stimmen aus, gleich wie Posaunen, und es geschahen Donner und Blitze, und eine große Finsternis erfüllte das All. Dann aber glitt Asraël aus und stürzte in großem Bogen wie ein verlöschender Stern in die Tiefe. Die vierundzwanzig Aeltesten aber fielen auf ihr Antlitz, und der Ewige schrie in seinem Zorn das Schöpferwort durch den Raum. Und alle Cherubim und Seraphim warfen ihre Kronen in den Staub und beteten:

»Herr, Du allein bist würdig, zu nehmen Preis und Ehre und Kraft, denn Du hast alle Dinge geschaffen, und durch Deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen.«

Asraël aber stürzte noch immer durch unermeßliche Räume.

Er fuhr auf. Müde blickte er in die Dämmerung, die alles erfüllte. Als er den Dämon und Diomedes sah, gab ihm sein unversöhnbarer Groll einen Gedanken ein, über den er aufjauchzte. Hier in seinem Bereich wollte er seinen ewigen, unversöhnlichen Gegner hintergehen und demüthigen, hier wollte er dem müde Gepeinigten ein Wort der Reue entlocken, hier sollte das Opfer vor ihm um Gnade betteln, und jener mußte dann vergeben, denn er war ja der Allgütige, mußte verzeihen wider seinen Willen, sein ewiges Gesetz vor der List eines bösen Dämons beugen und brechen. 

Er veränderte seine Gestalt, ein helles Kleid umfloß seinen Leib, braune Locken fielen bis auf seine Schultern, er hatte eine Dornenkrone auf und Blut tropfte aus seiner Stirn. Er breitete seine Hände aus, die hatten rothe Male, von denen ein Schein ausgieng wie Feuer. Seine Stimme hatte den Klang einer Glocke und brach sich an den Felswänden, als er zu Diomedes sprach:

»Siehe, meine Güte ist wie ein unendliches Meer, ich habe durch mein Blut die Welt erlöst, und alle haben Antheil an dieser Erlösung. Falle nieder und bete mich an. Sprich ein Wort der Reue und Deine Sünden sind Dir vergeben.«

Diomedes schloß seine Augen und antwortete mit müder Stimme:

»Was willst Du von mir, Nazarener? Du forderst Reue? Ich kann nichts bereuen. Mein Leben war schön. Hast Du es mir gegeben, will ich Dir dafür danken, aber bereuen kann ich es nicht. Du bist ja eins mit dem Vater und allwissend, so mußtest Du auch um meine Sünden wissen und um meine Verdammnis, und da Du allgütig bist, so hättest Du mich erretten müssen, denn Gott ist ja kein Ding unmöglich. So aber ließest Du zu, daß ich mir in der Rennbahn das Haupt zerschmetterte, während Du den Aristarchus, der dreißig Jahre in unserer Stadt lebte wie ich und die anderen, in die Wüste Thebaïs sandtest, wo er ein Heiliger wurde. Mir stünde die Harfe in der Hand schlecht, und schlüge ich sie zu Deinem Preise, ihr Klang wäre heiser und voll Mißton. Ich kann Evoë rufen, aber nicht Hossiannah, und Du hast Scharen von Heiligen und Bekennern in Deinen sieben Himmeln, also brauchst Du mich nicht. Den Olymp hast Du zertrümmert, denn Du duldest keine Götter neben Dir, lasse mich hier!«

Der Versucher nahm seine wahre Gestalt an. Der Dämon schauderte und bohrte sein Marterwerkzeug tief in dieses qualvoll zuckende, zerrissene Herz. Asraël aber schrie auf vor Wuth, entriß seinem Knecht den glühenden Löffel und zerschmetterte ihn am Boden. Die Felsen erzitterten, als seine Stimme den weiten Raum donnernd erfüllte:

»Hör' auf, denn ich schäme mich, ich schäme mich, ich schäme mich!«

Die Ketten des Diomedes zerrissen. Er stand frei vor dem Rasenden, der mit einem Faustschlag den Felsen zersplitterte, über dessen Kanten er ausgespannt gelegen war. Asraël reichte ihm schweigend die Hand, und sie blickten sich tief in ihre Augen, wie sich Freunde in die Augen sehen, stumm und trotzig. 

Zur selben Zeit aber predigte Archidiacon von Aureliopolis in der Basilika wieder von Gottes weiser Fürsorge, ohne die kein Sperling vom Dache fällt, von seiner Allmacht und von seiner Allbarmherzigkeit.



Der heilige Trudbert.

Im Breisgau am waldigen Fuße des Blauen lebte einsam, die Welt und ihr Treiben verachtend und nur Gott zugewandt ein frommer Mönch, Trudbert genannt. Seine ganze Habe bestand in einer zerrissenen, vielfach geflickten Kutte, die er beständig, Sommer und Winter am Leibe trug, einem Strick um seine Lenden, einer Geißel und einem thönernen Wasserkrug. Als Kopfkissen diente ihm ein Stein, der, halb in die Erde vergraben, in seiner muffigen, feuchten Höhle lag, deren Wände mit einem weißgrauen Schimmelüberzug bedeckt waren.

Tag und Nacht lag er mit nackten Knien vor einem rohen, aus zwei übereinandergenagelten Latten hergestelltem Kreuz und flehte zu Gott, die Welt von der Sünde und der Hoffahrt zu erlösen. Weit und breit waren sein heiliger Lebenswandel und seine übergroße Demuth bekannt, und Scharen von frommen Pilgern zogen zu seiner Höhle, um den Saum seiner Lumpen zu küssen. Er aber wälzte mit Gottes Hilfe vor deren Eingang einen schweren Stein, den kaum vier Pferde mit der größten Anstrengung vom Platze gebracht hätten, damit er nicht von der Eitelkeit in Versuchung geführt würde und wandte seine Augen von dem schlichten Kreuz nicht eher weg, bis die kühle Nacht seine Bewunderer verscheuchte.

Eines Tages jedoch flehte ihn eine alte Waschfrau, die den weiten Weg von Köln, das doch so viele Heilige besitzt, mit ihrer blinden Enkelin nicht gescheut hatte, so inständig und rührend an, daß der Heilige sich erweichen ließ und aus seiner Höhle hinaustrat. Er kniete neben dem blinden Kinde in einer Pfütze nieder, hob seine verschrumpelten Arme zum Himmel empor und verweilte lange Zeit im Gebet. Dann legte er seine rechte Hand auf den Scheitel der Kleinen. Und urplötzlich sah das Mädchen den grünen Wald, die bunten Blumen, die Sonne, welche durch das Blätterdach hindurchbrach und lichte Ringe auf den braunen Boden hinmalte und auch den alten Mann mit den brennenden Augen, dem wirren Bart und den verdorrten Armen, die wie knorrige Eichenäste aussahen. Da erschrak sie schier und fieng zu weinen an. Die Großmutter aber überhäufte Trudbert mit Lob und Dank und zog froh und glücklich mit ihrem Enkelkinde von dannen, heimwärts, an den Rhein, nach dem hundertthürmigen Köln.

Seit diesem Tage war in der demüthigen Brust des frommen Einsiedlers eine merkwürdige Veränderung vor sich gegangen. Er bildete sich ein, heiliger und frömmer zu sein, als alle Mönche, Einsiedler und Priester der ganzen Welt und den Gipfel der Vollkommenheit erreicht zu haben. Sonst verschloß er sein Ohr allen denen, welche ihm die Lobsprüche seiner Zeitgenossen überbringen wollten, denn sie waren seinem Herzen ein Gräuel. Als aber jetzt ein Mann aus Constanz kam und ihm erzählte, der Bischof selbst habe im Dome von der Kanzel herunter ihn für einen großen Bekenner und einen Heiligen des Himmels erklärt, huschte es wie Freude über sein welkes Antlitz. Er betete nur mehr aus Stolz über seine Frömmigkeit und aus Furcht, sein hohes Ansehen vor Gott zu verlieren.

Eines Tages brannte die Sonne mit schier unerträglicher Hitze auf den freien Platz vor seiner Höhle nieder. Trudbert wurde von einem heftigen, quälenden Durste heimgesucht. Er erhob sich, nahm sein irdenes Krüglein und wanderte zu dem frischen, erquickenden Waldquell, der unter einem von wilden Rosen und Hagedorn umwucherten Felsen hervorsprudelte. Zu Hause setzte er es auf die flache Erde und wartete geduldig, bis das Wasser sich etwas erwärmt hätte. Als er endlich nach dem Gefäße langen wollte, begann dasselbe zu wanken, neigte sich zur Seite und kippte um. Das klare, reine, köstliche Naß floß auf dem schmutzigen Boden nach allen Seiten auseinander. Der Einsiedler trug den Krug abermals zur Quelle, schöpfte ihn voll, schleppte ihn in seine Klause zurück und stellte ihn diesmal gar behutsam nieder, ja er legte sogar ein Scherblein unter, damit er ja nicht umfalle. Als er aber seinen brennenden Durst löschen wollte, fiel der Krug wieder ganz von selbst um.

Der Durstige gerieth in Zorn, er schritt eilends zum Brunnen. Als er das Gefäß vollgefüllt hatte, setzte er es einen Augenblick in das hohe Gras, denn er war in heftigen Schweiß gerathen.

Er wartete nicht lange, seine Zunge klebte beinahe an dem halbverdorrten Gaumen fest. Hastig langte er nach der ersehnten Labe. Dasselbe Schauspiel. Der Krug neigte sich rasch zur Erde, so daß das Wasser herausfloß, und fiel um. Trudbert hatte seit vielen Jahren alle Leidenschaften und alle regeren Gefühle gewaltsam unterdrückt, alles sorgfältig vermieden, was seine Seelenruhe hätte stören können, denn er hielt dies für Anfechtungen des bösen Geistes. Er konnte sich daher auch das Gefühl gar nicht erklären, das sich seiner bemächtigte. Er wurde puterroth im Gesichte, seine Brust schnürte sich zusammen und beengte ihn, er konnte nicht frei aufathmen, seine Hände zitterten und ballten sich krampfhaft zusammen, er hätte am liebsten etwas zerschlagen.

Er bezwang sich, hob das Gefäß auf und fieng den Wasserstrahl von neuem, aber als er es an die begehrenden Lippen setzen wollte, entglitt es seinen Händen und fiel zu seinen Füßen nieder. Da konnte er nicht länger an sich halten, sein Zorn brach gewaltsam hervor, er bückte sich, erfaßte den Krug, schwang ihn mit hocherhobenen Armen mehrmals ums Haupt und schleuderte ihn dann mit solcher Wucht gegen die Erde, daß er klirrend in tausend Scherben zersprang.

Kaum hatte Trudbert seinen Krug zerschlagen, so war auch schon sein ganzer Zorn vergangen. Es kam über ihn wie eine Erleuchtung. Er fühlte sich ganz klein, ganz nichtig und sehr sündhaft. Hatte er nicht soeben seine menschliche Unvollkommenheit verrathen? Er, der jahrelang die strengsten Bußen, ohne zu murren, auf sich genommen hatte, der sich den größten Heiligen im Himmel gleich dünkte, war in einen unheiligen Zorn gerathen, weil sein Wasserkrug einigemale umgefallen war. Er kniete in das welke, gleich ihm verdurstende Gras nieder und betete mit zum Himmel emporgehobenen Armen. Und sein Gebet war wieder rein und volltönend vor Gott, weil er die selbstvergessende Demuth wieder besaß, durch die er einst dem blinden Mädchen die Welt des Lichtes und der Farben geschenkt hatte, und die von jeher die Quelle aller Wunder gewesen war. 



Der Beichtgang.

In der kleinen Stube eines einsamen Pfarrhauses im Gebirge betete der Kaplan Anselm vor dem Christusbilde: »Herr, gib mir den Glauben wieder«.

Er faltete seine langen, dünnen, wachsbleichen Hände, kniete auf den Betschemel hin und ließ sein Haupt darauf sinken. Er war noch jung und sehr schlank, hielt sich aber schlecht. Sein Oberkörper war stets vornübergebeugt, seine Brust war schmal. Er war kurzsichtig und linkisch, seine Stirne hoch, sein blondes Haar schütter und gelockt.

Der Priester kniete bewegungslos und lange, aber er betete nicht mehr. Er ließ im Geiste sein Leben vorüberzieh'n, wie er es alle Tage that, wenn er versuchte, zu beten. Das besänftigte und schlummerte seine Zweifel ein und machte ihn ruhig, wie ein milder, sich bis in den Morgen fortspinnender Traum.

Er war in einer kleinen Stadt geboren, sein Vater war Kaufmann, seine Mutter eine fromme, stille Frau, die wie ein Schatten im Hause herumgieng, selten sprach, und deren Liebkosungen etwas Körperloses hatten, wie wir manchmal wähnen, die Abgeschiedenen umgäben uns, und ihre schattenhaften Hände streichelten über unsere Stirnen. Sein Vater starb bald, und er blieb nun allein mit seiner Mutter, die ihn nach ihrer sanften Weise erzog, die ihn beten lehrte und ihn stets fein still und sittsam sein hieß. Er gerieth ihr in vielen Dingen nach. Da er oft kränklich und ein zarter Knabe war, betheiligte er sich nur selten an den Spielen seiner Altersgenossen, sondern blieb gern zuhause und las eifrig in frommen Büchern, die ihm seine Mutter gab, die Legenden der Heiligen und die Geschichten vom Schutzengel, alte Sagen und Märchen. Sie wohnten in einem Hause, das noch aus vergangenen Jahrhunderten stammte, und besonders liebte er ein Zimmer, das einen weiten Erker besaß, zu dem man auf einer Treppe hinaufsteigen mußte. Dort arbeitete seine Mutter an einem Tischchen und verfertigte feine Stickereien für die Kirchen und für die Gewänder der Priester, und er spielte auf der Treppe mit kleinen Figürchen aus Holz, die bunt bemalt waren, und Hirten und Schafe, einen Ochsen und einen Esel darstellten. Auch hatte er eine Puppe, einen Engel mit goldenen Flügeln und einem blauseidenen Kleide, ein kleines Christkind aus Wachs mit einem goldenen Schein um das Köpfchen und die heiligen drei Könige, die mitsammt dem Kameel auf einem Brett knieten, auf dem grünes Moos aufgepappt war, und darüber war ein Stern an einem feinen Draht, der im Moose irgendwo verborgen befestigt war und der zitterte und um die Köpfe der Könige zu kreisen schien. Damit stellte er nun die Geburt des Heilandes in Bethlehem zusammen, und seine Mutter nickte ihm zu und lächelte. Aber sie sprach so selten.

Als er größer wurde, lernte er sehr tüchtig und bestand die Reifeprüfung mit Auszeichnung. Er hätte gerne Philosophie studiert und die alten Classiker, aber seiner Mutter Herzenswunsch war es gewesen, er solle ein Priester werden und ganz dem Herrn angehören und dienen. Da er nun alles that, was er seiner Mutter an den Augen absah, so erfüllte er ihr Begehren und gieng ins Seminar, zog das lange, schwarze Kleid an und war vier Jahre fern von ihr. Nur in den großen Ferien konnte er nach Hause kommen und sie und seine Freunde wiedersehen. Dann erschien der Tag, wo er in seiner Vaterstadt seine erste heilige Messe feiern durfte. Seine Mutter hatte ihm dazu mit ihren weißen, feinen Händen ein köstliches Kleid gestickt, die Freunde schmückten die Sacristei mit Blumen, und die Burgi aus des Nachbars Haus, welche mit ihm zur Volksschule gegangen war, hatte noch zum Schluß, als ihm der Meßner das Chorhemd überwarf, einen blühenden Fuchsienstock gebracht. Er war so ergriffen von der Heiligkeit der bevorstehenden Handlung, daß er sie kaum beachtete. Er sah nur, wie sie ihre Schürze vor die Augen drückte und langsam hinausgieng. Beim Weihwasserbecken blieb sie stehen, tauchte die Hand ein und bekreuzte sich. Es war alles sehr feierlich, die Vereine des Städtchens waren mit ihren Fahnen gekommen, am Chore sangen die Studenten des Gymnasiums, und sein ehemaliger Religionslehrer, ein alter, weißhaariger Priester, ministrierte ihm. Als er nach der Wandlung seiner Mutter, die in einem schwarzen Seidenkleide bei der Communionbank kniete, den Leib des Herrn reichte, mußte er seine Rührung und seine Thränen mit Gewalt zurückhalten. Nie konnte er ihr Antlitz vergessen. Es leuchtete vor Freude und Andacht, und sie schien wie eine Heilige. Er fühlte sich unwürdig und klein, beugte sich tief nieder und hauchte die mystischen Worte, als er ihr die Oblate auf die Zunge legte. 

Im Anfange seiner priesterlichen Laufbahn wurde er zur Aushilfe bald hierhin, bald dorthin gesandt, und erst nach zwei Jahren kam er ins Gebirge zu einem alten Pfarrer, der schon bresthaft und schwach wurde, als Kaplan. Seine Mutter zog ihm nach, mietete ein kleines Häuschen nahe an der Kirche, und es war nun wie in früheren Zeiten, da er noch ein Kind war und zu ihren Füßen spielte. Er brachte seine freien Stunden, welche ihm sein Beruf übrig ließ, bei ihr zu, gieng mit ihr längs der Felder spazieren, las ihr abends die Zeitung vor oder aus einem Buche, denn ihre Augen wurden schon matt und schmerzten beim Licht der Lampe.

Seine Mutter besuchte gerne ein kleines Wallfahrtskirchlein, das der lieben Frau geweiht war und auf einem niederen Bühel unter alten Tannen versteckt lag, nahe bei einem Brünnlein, dessen Wasser nach dem Glauben der Leute heilsam für sieche Augen sein sollte. Sie gieng gerne um die vierte Nachmittagsstunde hin, betete vor dem Altare, zündete ein geweihtes Licht an und kehrte des Abends zurück. Eines Tages im Spätherbst kam sie bis in die sinkende Nacht nicht heim. Der Priester und einige Dorfbewohner machten sich auf den Weg, um sie zu suchen, und fanden sie an einer Wegkreuzung bei einem Bildstöcklein, das dem heiligen Sebastian geweiht war, mit zerspaltenem Haupte auf. Sie war ermordet und eines kleinen Geldbetrages, sowie einiger wenigen Habseligkeiten, die sie bei sich hatte, beraubt worden. Der Unhold, welcher die That begangen hatte, wurde nicht entdeckt. Anselm segnete selbst seine Mutter ein, setzte ihr einen schönen Stein auf das Grab und pflanzte einen Rosenbusch darauf.

Seit diesem schrecklichen Begebnis wurde er immer lauer in seinem Geiste, verschlossen und grüblerisch. Wo er sonst mild und freundlich gewesen war, erschien er hart und rauh, er dankte jedem Gruß mürrisch und schnitt jede Rede kurz ab. Und ohne daß er sich vermessen hätte, zu hadern mit Gott und der Vorsehung, verlor er sein kindliches Gemüth und seinen Glauben. Er rang mit sich selbst, um sich dieses köstliche Gut zu bewahren, aber es entschlüpfte unmerklich seinen Händen, und zum Schlusse blieb nichts übrig, als eine große Leere in seinem Innern und die dumpfe Erinnerung an einen ungeheuren Schmerz, den er nie überwinden konnte, der aber ihn besiegt und zu Boden geschmettert hatte. Er lebte wie in einer Betäubung und war hohl und leer wie ein Saatkorn, das der Rost innerlich zerfressen hat und das nie mehr zu Keim und Frucht taugt.

Es war Nacht geworden. Noch immer lag der Kaplan auf den Knien vor dem Bildnisse des gekreuzigten Heilandes und träumte ein Scheinleben, das schon lange nichts mehr anderes war, als ein unfaßbarer Schatten, eine Kette von Erinnerungen und Gedanken, wesenlos und unerreichbar, für alle Zeiten verloren. Er kam zu dem Punkte, wo alles zu Ende war, und er zum Bewußtsein zurückkehrte. Er wollte beten.

Er erhob sich und zündete ein Licht an, in einem blauen Glase, das an dem Kreuze unter den durchbohrten Füßen Christi hieng. Die dürren, entlaubten Zweige eines Kirschbaumes klopften im Herbstwinde an die Fenster. Der Wind klagte leise vom Walde herüber, in einem Gehöfte schlugen die Hunde an, und im Thurmhelme der Kirche winselten die Käuzchen. Dann flog eins um das andere zur Lucke hinaus, verschwand im Dunkel und kreiste mit großen Augen, unhörbar mit den Flügeln schlagend, um das Pfarrhaus.

Die Magd brachte den Abendtisch. Eine Suppe mit Brotschnitten, ein Stück kalten Braten und ein Glas Wein. Der kranke Pfarrherr gieng zu Bette. Anselm hörte ihn über seinem Gemache husten und schwerfällig durch das Zimmer schreiten. Er genoß nur wenig von den Speisen, schlug sein Brevier auf und begann in demselben die vorgeschriebene Lesung. Als er zu Ende war, hörte er, wie vernehmlich an die Thüre gepocht wurde. Es rührte sich niemand im Hause. Die Magd, eine ältliche Person, schlief vermuthlich bereits. Das Pochen wiederholte sich. Der Kaplan zündete ein Laternchen mit Scheiben aus Marienglas an, bedeckte sich und schritt durch den Gang zur Hausthüre, um zu öffnen. Der Mond schien über die Felder, aber es war neblig, und man konnte kaum den Thurm der Kirche sehen. Vor dem Hause stand niemand. Anselm meinte, er habe sich getäuscht, und wollte gerade das Thor wieder schließen, als hart an ihm eine Gestalt wie die eines zehnjährigen Knaben vorbeihuschte. Die Gestalt rief ihm zu, er möge zu dem Gruber Hansen im Kohlgraben kommen, er liege im Sterben. Dann verschwand sie im Nebel, ohne sich nur einen Augenblick aufzuhalten. Der Priester bereitete sich sofort zu dem Versehgange vor. Er weckte den Meßner, der hart an der Kirche in einem kleinen Häuschen wohnte und zugleich das Amt eines Todtengräbers versah. Dann begab er sich in das Gotteshaus, holte aus dem goldenen Kelch, der stets im Tabernakel verwahrt wurde, eine Hostie und that sie in eine goldene Kapsel, entnahm den heiligen Gefäßen geweihtes Oel und machte sich auf den Weg. Sein Begleiter schritt zu seiner Linken mit einer umfangreichen, ledernen Tasche und läutete mit jenen bebenden, verzagten Tönen, deren Bedeutung unser Ohr sofort erfaßt, wie das Anschlagen der Feuerglocke und das rasche Bimmeln des Zügenglöckleins. Er schritt durch das Dorf und segnete mit dem Allerheiligsten in die erleuchteten Fenster hinein, hinter denen die Leute bei den zitternden Klängen ein Vaterunser für eine glückliche Sterbestunde beteten. Er hatte einen Weg von gut anderthalb Stunden vor sich und eilte daher so rasch, daß ihm der Meßner, ein tostiger, untersetzter Mann mit dickem Hals und rothem Gesicht, nur schwerathmend folgen konnte. Der Mond schien nun etwas heller, und die Föhren warfen lange, tiefschwarze Schatten auf den Weg. Einige Krähen waren noch wach und stelzten mit weiten Schritten über die umgestürzten Felder, um nach Saatkörnern zu suchen, die noch nicht aufgegangen waren, oder ein schwaches Herbsthäslein im Schlummer zu überraschen. Er kam an dem Kreuzweg vorüber, wo das Bildstöcklein des heiligen Sebastian aufgerichtet war, wie er nackt an eine Säule gebunden und von Pfeilen durchbohrt ist, und wandte sich zu der Stätte, wo er den herbsten Schmerz seines Lebens erfahren hatte. Er segnete mit dem corpuos Domini die Stelle und eilte noch mehr. Der Pfad führte aufwärts an Buschwerk und gerodeten Hängen vorbei. Das ewige Läuten des Meßners störte ein Reh auf, das mit weiten Sätzen über den Weg sprang und die Halde bergan floh. Die rothen Hagebutten und die Ebereschenbeeren bestäubte schon der Nachtreif, und in den Furchen, welche die Ochsenwagen gezogen hatten, starrte das Pfützenwasser in kleinen Täfelchen, wie zerbrochenes Glas.

Endlich kamen sie im Kohlgraben an. Das Haus, zu dem sie gelangen wollten, stand etwas abseits von dem schmalen und holperigen Fußpfade, den sie jetzt giengen, hatte Mauern aus unbehauenen Steinen und ein geflicktes Schindeldach. Die Fenster waren nieder und vergittert, hinter einigen schimmerte ein trübes, rauchiges Licht. Der Priester mußte sich bücken, als er durch die Thüre eintrat. In dem großen Raum mit dem gestampften Lehmboden befand sich keinerlei Geräth, die halbe Hinterwand nahm ein riesiger offener Herd mit rußigem Rauchmantel ein, auf dem ein großer Reisighaufen flammte. Sonst brannte weder eine Lampe noch ein Kienspan in dem Flur. Vor dem Herd stand ein schmutziges Weib mit einer groben Schürze und rührte in einem irdenen Topfe, aus dem ein süßlich-klebriger Geruch von allerhand gekochten Kräutern aufstieg. Neben ihr hockte auf einem wackligen Schemel eine alte Frau mit einem Gesicht wie ein Wurzelmännchen und schlohweißem Haar, das in dicken Strähnen auf ihre Schultern fiel. Sie hatte einen Haselstecken in der Hand und fuhr mit demselben rasch vorwärts und dann wieder langsam zurück. Dabei murmelte sie seltsame, unverständliche Worte. Am Rande des Herdes, knapp neben dem Feuer, saß ein ungefähr zehnjähriger Knabe und ließ die nackten Füße frei in der Luft baumeln. Die Frau legte den Löffel weg, wischte ihre Hände in der Schürze ab und grüßte den Priester mit einer erstaunten Miene, sagte aber sonst nichts und öffnete einen mit Kalk übertünchten Bretterverschlag, indem sie von außen einen Riegel zurückschob. In dieser dumpfen Kammer lag auf einem Bett ein starker Mann mit verfilztem Bart und verwildertem Haupthaar. Auf einem Stuhl stand ein Thonkrug mit Wasser, und außerdem war nur noch ein wackliger, hölzerner Tisch vorhanden. Es war gar nichts vorbereitet. Der Meßner öffnete die Tasche, breitete ein weißes Tuch über die Tischplatte, stellte ein Cruzifix aus Porzellan und zwei messingene Leuchter darauf, steckte zwei Kerzen in die metallenen Düten und zündete dieselben an. Dann zog er dem Kaplan, der inzwischen seinen Winterrock abgelegt hatte, das Chorhemd an und hängte ihm die Stola um. Anselm wandte sich zu dem Kranken, der schwer athmete und öfters schmerzlich stöhnte, und bedeutete seinem Begleiter, sich zu entfernen, da er die Beichte beginnen wollte. Er setzte den Krug auf den Boden und nahm auf dem einzigen Stuhl Platz. Der Sterbende war sehr unruhig, seine Augen glänzten im heftigsten Fieber, seine abgemagerten, rauhen Hände irrten auf der Wolldecke herum und zupften an den feinen Fäden, dann strich er wieder die Falten glatt oder zog wie im Frost seine Hülle bis ans Kinn.

»Bekennen Sie mir Ihre Sünden und Vergehen gegen die Gebote Gottes, mein Kind!«

»Mir hat neamd was auftrag'n. I hab neamd z' frag'n g'habt. I hab Enk nöt kemma lass'n. Was sads denn kemma? Oes sads der Schwarze.«

»Ich bin der Kaplan von Ihrer Pfarre, und Sie sollen mir beichten. Sagen Sie mir vertrauensvoll alles, was Ihr Gewissen belastet. Ich bin auch nur ein Mensch wie Sie und wie Sie voll Fehler und Gebrechen.«

»I brauch kan Pfaffen, i nöt, i wir scho' a so ah ferti, mir könnt' ah kaner mehr helfen, ka Herrgott neama.«

»Freveln Sie nicht, gehen Sie lieber in sich.«

»I hab m'r ausg'standen gnua, i will an Ruah, an Ruah will i. Allerweil gengan schwarze Manner durchs Zimmer und scheppern so laut wia mit Kett'n, und all's is voll Rauk'n, daß mer mant, man kann dö Luft nöt derschnaufen.«

»Besinnen Sie sich, sagen Sie kurz, daß Sie bereuen aus vollem Herzen, Gott, das allerhöchste Gut beleidigt zu haben, und es ist genug.«

Der Kranke hustete so stark, daß ihn der Priester mit der Hand unterm Polster emporheben wollte, um ihm Erleichterung und mehr Luft zu verschaffen. Aber er wehrte heftig ab. Plötzlich ergriff er Anselm und preßte seine Finger mit einer solchen Kraft zusammen, daß dieser bis in die Schulter einen stechenden Schmerz verspürte.

»Helfen S' mir, helfen S' mir. I bring den Gedanken nimmer los. I bin sunst immer a starker Mann g'wes'n, aber das hat mi niederg'worf'n, ganz niederg'worf'n. I waß nöt, aber mi muaß dazumal der höllische Feind versuacht hab'n, daß i dös arme, alte Weib am Kreuzweg z'weg'n a paar Guld'n d'rschlag'n hab, i – i –.« 

Anselm fühlte, wie ihm das Blut in die Füße schoß, daß sie schwer wurden, wie steinerne Klötze. Er stützte sich mit der linken Hand so fest auf den Stuhl, daß er krachte, als ob er zusammenbrechen wolle, und stand langsam auf. In dem Maße, als er sich erhob, wuchs sein Schatten an der gegenüberliegenden Wand, an welcher das Bett stand, aber ins Gigantische vergrößert, so daß er sich am Gesimse umbog und über die Decke kroch, als wolle er von dort herablangen und den verzweifelnden Mörder fassen. Die wie ein Gerippe ausgemergelte Gestalt riß mit zuckenden Bewegungen das rupfene Linnen des Lagers in Stücke. Der Sterbende heulte wie ein geschlagener Hund.

»Iatzt hat er mi, iatzt is er da, er faßt mi, aus is, g'schehg'n is, hilf m'r, hilf m'r, er holt mi, heilige Mutter Gottes, der Teufel – laß mi aus, erbarm' di – aus is –«

Er wurde schwarz im Antlitz, das sich zu einer unmenschlichen Fratze verzerrte. Der Geistliche griff rasch in seine Brust, entnahm ihr die goldene Kapsel, öffnete sie und schob die Hostie zwischen die bläulichen Lippen des Unglücklichen, indem er rasch die Absolution murmelte. Dieser machte krampfhafte Schluckbewegungen, riß die Augen weit auf, krallte mit den Fingern in die Luft und zog zitternd seinen Leib wie einen Knäuel zusammen. Dann streckte ihn ein Krampf lang aus, er schrie noch einmal in einem angsterfüllten, kurzen Ton leise und heiser auf und war todt.

Anselm rief den Meßner und hieß ihn die Sachen einpacken. Die Frau, welche mit dem Kirchendiener gleichzeitig eingetreten war, deckte gleichmüthig ein Tuch über den Todten. Als der Priester wieder im Flur stand, sagte er zu dem Weibe, das, als ob eine Katze verendet wäre, schon wieder an einem Kübel scheuerte:

»War der Verstorbene Euer Mann?«

»Ja, Hochwürden.«

»Er hatte geistlichen Zuspruch noth. Ihr thatet gut daran, mich holen zu lassen.«

»Es hat niemand nach Euch, noch in den Pfarrhof g'schickt, es war überhaupt niemand nach Mittag vom Haus weg, außer der Bub, den ich in den Wald g'schickt hab', um dürres Laub zur Streu für die Gaisen. Er kam spat nach Haus, und ich hab' ihn deshalb tüchtig ausg'scholten. Aber er war am Hansberg und nicht im Dorf.«

»So war er doch im Pfarrhaus. Mir hat ein Knabe, gerade wie der da, als ich nach dem Nachtessen das Thor öffnete, weil zweimal daran geklopft worden war, zugerufen, ich möge zum Gruber Hannes im Kohlgraben kommen, er liege im Sterben.«

Die Frau lachte.

»Der da? Der wird's wohl nöt g'wes'n sein. Der hat nia noch a Wort g'sproch'n, seit er da is. Der is stumm von Geburt an.«

Anselm schauderte. Er verließ die Hütte und trat den Heimweg an. Der Wind sauste in den Nadeln der Bäume, lange Wolkenstreifen zogen über die Mondscheibe. Die Föhren warfen große, seltsam ausgezackte Schatten auf den Weg, und bei dem Bildstöcklein des heiligen Sebastian saß die irrsinnige Kathrine, die nachts öfters aus dem Armenhause entwich und sang mit gellender Stimme. Endlich erreichten sie den Pfarrhof. Der Kaplan war müde. In seinem Zimmer suchte er das Antlitz des Heilandes, zu dessen Füßen das Licht brannte. Aber dieser blickte mit leeren Augen in das Dämmern, wie ein gequälter Mensch, der sein Ende herbeiwünscht und doch nicht sterben kann. In den Mauern rieselte es, der kupferne Wetterhahn am Dache der Kirche drehte sich knarrend im Winde, und zwei Käuze mit großen Augen flogen in den Pfarrgarten, setzten sich auf einen Ast und starrten ernst und unverwandt in Anselms Zelle. 



Im Weizen.

Der blühende Weizen strömte einen eigenartigen Geruch aus, wie von noch warmem, frischgebackenem Brot. Die Halme nickten und berührten sich mit den Spitzen, als ob sie sich küssen wollten. Mitten durch die Felder lief ein Weg, so breit, daß zwei nebeneinander ihn beschreiten konnten. Dann streiften die Aehren gerade ihre Brust, und ihr Duft legte sich wie ein feiner Staub aufs Antlitz, dieser trockene, reife, fruchtbare Duft. Er mußte an diesen Weg denken und an die blühenden Weizenfelder, denn der Zug brauste so nahe an den Aeckern vorbei, daß er die schwarzen Köpfe in dem rothen Blätterkelch der Mohnblumen deutlich wahrnahm. Wie weit das alles hinter ihm lag. Jener sonnenheiße Tag, als er mit seinem Vater um die Besitzung herumschritt. Sein Vater war ein vierschrötiger, starker Mann, mit einem glatt rasierten, runden und rothen Gesicht und einem Stiernacken, der, da er keinen Halskragen trug, im Sommer stets von der Sonne aufgebrannt war und wie eine entzündete Wunde aussah. Er athmete tief und schwer, und aus seiner keuchenden Brust drang ein fettes Röcheln. Vor ihnen lief schweifwedelnd Diana, der Hühnerhund, die Nase schnuppernd am Boden, manchmal den feinen, klugen Kopf nach seinem Herrn wendend. Sie sprachen kein Wort miteinander, jeder fühlte, daß dies die letzte Auseinandersetzung sei. Der Vater sah ihn von der Seite an mit einem schiefen Blick, der etwas von Haß und Furcht vereinte. Seit die Mutter todt war, hatte er alle Sicherheit seinem Sohne gegenüber eingebüßt, empfand er seine Schwäche ihm gegenüber wie eine drückende Last. Dieser Ungerathene hatte sich eigentlich ohnehin bereits völlig losgesagt, lebte fern von seiner Heimat, frei in seinen Entschließungen, unabhängig von ihm. Was hatte es ihm nur für Mühe gekostet, ihn hierher zu bringen, und wie hatte er das Haus, in dem er geboren wurde, nach so vielen Jahren wieder betreten. Als ein Fremdling, ein Losgelöster von seiner Heimatscholle. Endlich entschloß sich der Alte zu sprechen, in kurzen, abgerissenen Sätzen mit einem kläglichen Tone in der Stimme, wie ein oft abgewiesener Bittsteller, der immer wieder von neuem mit seinem Anliegen daherkommt. 

»Ich würde mich schämen, Hans, Deinen alten Vater um etwas bitten zu lassen, das Dir nur Gewinn bringen kann. Sieh, ich übergebe Dir die ganze schöne Wirtschaft mit allen Activen und Passiven gegen einen geringen Preis. Nur so viel, daß ich dürftig davon leben kann, und im Grunde genommen, doch ganz umsonst, denn nach meinem Tode fällt das Capital, welches Du mir aufzahlst, doch wieder ungeschmälert an Dich –.«

»Wenn Du es nicht vorziehst, es durch Deine Geliebte auf die Seite schaffen zu lassen. Doch darüber zu sprechen, habe ich schließlich kein Recht. Du kannst mit dem Rest des Kaufschillings, der Dir bleibt, machen, was Du willst. Aber ich will nichts von einem solchen Handel wissen. Ich tauge nicht zum Landwirt, suche Dir einen anderen Käufer. Mir ist das Erbtheil meiner Mutter zu heilig, um es Dir vor die Füße zu schleudern.«

Er erinnerte sich, wie sein Vater nach Luft rang, und eine purpurne Glut seine Wangen schwellte. Das von röthlichen Aederchen marmorierte Weiß seiner Augen quoll über die verdickten Lider, und seine stets weinschwere Zunge lallte ein unverständliches Schimpfwort. Gewiß, er hatte ihn in heftigen Zorn versetzt. Wie er ihn einst fürchtete, diesen rohen, bäuerischen Zorn, der seine erste Kindesliebe erstickt hatte, der ihm in seinem Erzeuger nur den Feind erblicken ließ, von dem er nichts als harte Worte erwarten durfte, denen dann die Prügel folgten. Sein eigener Vater, der jetzt seine Sohnesliebe anrief, hatte ihn einmal wegen eines unbedeutenden Vergehens, wegen einer kindischen Unbesonnenheit derart geschlagen, daß er bewußtlos in sein Bett gebracht wurde und aus mehreren Wunden blutete. Seine Mutter war schluchzend am Rande des Bettes gesessen, und hatte dann, von Schmerz und Wuth geschüttelt, ausgerufen: »Er darf es nicht mehr thun, mein Liebling, er darf es nicht mehr thun, er hat kein Recht dazu, er nicht.« Er hatte sie damals nicht verstanden, aber er mischte seine kindische und umso maßlosere Erbitterung in die Verwünschungen und Anklagen, welche die weinende Frau gegen ihren rohen Gatten ausstieß.

Der Zug brauste an einer Gruppe von Bäumen vorüber, die den Schatten ihrer Zweige und Blätter über den Boden und die Wandpolsterung des Coupés streuten. Diese tanzenden und flirrenden Schatten riefen ihm das erste Bild wieder vor Augen. Am Ende des Weges standen um eine hölzerne Bank etliche Obstbäume. Der aufgeregte Mann setzte sich auf die Latten, aus denen sie zusammengezimmert war, die linke Hand auf die Hirschhornkrücke seines derben Stockes gestützt, während er sich mit der Rechten den Schweiß von der Stirne wischte. Er drohte zu ersticken und riß ungestüm die Weste aus grünem Tuch auf, die sich über seinen fetten Leib spannte. Von Zeit zu Zeit spuckte er durch die Zähne in den Sand, heftig und in weitem Bogen, mit verzerrtem Mund, als werfe er Galle aus. Sie waren hier nur einen Büchsenschuß von dem Gehöft entfernt, das im Sonnenbrand mit seinen weißen Mauern wie ein riesiger Kalkofen dastand. Tausend Mücken schwirrten in der hitzegetränkten Luft. Es war erdrückend ruhig, jene schwüle Sommerruhe, in der das Leben und Reifen so prächtig gedeiht, und die in ihrer stummen, schlummersüchtigen Bewegungslosigkeit an die Starrheit des Todes mahnt. Diana stöberte im Getreide den Spuren der Wachteln nach, ganz ferne bewegte sich die steile Bergstraße im Osten ein winziger Wanderer hinan, wie ein Insect, das einen Sandhügel erklimmt. Hans sah diesen Mann an seiner Seite wieder vor sich, wie er im Pferdestalle fluchte und mit den Knechten schalt, während seine Frau im Sterben lag. Und er sah sich neben dem Himmelbette knien und sah die unendliche Angst dieses bleichen Schattens, der unter den weißen Decken und Pölstern noch blässer, noch wesenloser erschien. Er erlebte die namenlose Qual dieser Stunde noch einmal, aber mit feineren, nicht durch vorhergegangene Nachtwachen und tagelange Leiden abgestumpften Sinnen. Diese gefalteten, wie um Vergebung flehenden Hände, die ihn, so lange er lebte, nur liebkost und gestreichelt hatten, griffen ihm wie mit spitzen Zangen an sein Herz und schufen ihm eine unbeschreibliche Pein. Und jedes ihrer Worte grub sich in sein Gehirn ein, und alle diese Worte stopften es so voll, daß er meinte, es müsse sein Haupt zerspringen, und er preßte seine Hände an die fiebernden, hämmernden Schläfen. Und als er antworten wollte, traf ihn ein so flehender Blick aus diesen erlöschenden Augen, daß er verstummte und nur mehr ihre bleichen Hände mit wahnsinnigen, heißen Küssen bedeckte, bis der letzte Athemzug aus dem geliebten Leib geflohen war, der ihn getragen hatte und nun so elend und gebrechlich sich das Leben entschlüpfen ließ. Und er hätte ihr so gerne gedankt dafür, daß er nun seinen Haß nicht mehr als Schuld und widernatürliches Unrecht empfand, daß er diesen Menschen nicht mehr Vater nennen mußte. Und noch einmal vergegenwärtigte er sich alles Ungemach, alle Leiden, welche die geliebte Todte hatte erdulden müssen, wie sie dieser habgierige, thierisch-rohe Gatte mißhandelte, wie er sie mit jeder Dirne hintergieng, und wie er sie mit brutaler Gewalt in seine Arme zwingen wollte, wenn er betrunken nach Hause kam, und sie voll Ekel vor ihm sich flüchtete. Und von neuem schwollen sein Haß und seine Verachtung. Warum nannte er ihn noch Vater? Warum setzte er jahrelang diese unwürdige Lüge fort, die ihn selbst erniedrigte und befleckte? Warum ließ er ihm einen Schein von Recht, das jener nie besitzen durfte? Eine neue, ihm unbekannte Thatkraft dehnte seine Brust, ließ alle Adern und Muskeln seines Leibes anschwellen. Nein, dieser Verhaßte sollte keinen Schwächling als Gegner finden, er sollte nicht triumphieren, nicht länger eine Macht mißbrauchen, die ihm nicht zustand.

Der Alte stützte sich auf seinen Stock und erhob sich schwerfällig und wuchtig in seiner ganzen plumpen Massigkeit. Ein heiserer Pfiff rief den Hund, der, die Schnauze voll Erde, schweifwedelnd und in weiten Sätzen auf seinen Herrn zusprang. Die beiden Männer schritten über eine gemähte Wiese, auf der die Heuschober einen feucht-warmen Dunst ausschwitzten, dem Gehöfte zu. Als sie knapp vor den Stufen, die in den Flur führten, angelangt waren, blieb der eine stehen und wandte sich jäh um. 

»Ich erwarte noch einmal Antwort von Dir, Hans«, sagte er mit lauerndem Groll in der Stimme, »willst Du die Wirtschaft übernehmen, willst Du mir die Summe, die ich dafür fordere, bar ausbezahlen, diese lächerlich kleine Summe, oder willst Du Deinen alten Vater sich weiter rackern lassen, bis man ihm Haus und Hof unter den Hammer bringt? Sprich!«

»Ich will mit dieser Sache nichts zu thun haben. Bringe Deine Angelegenheiten auf andere Weise in Ordnung. Aber mich laß aus dem Spiele. Hörst Du?«

»Ist das Dein letztes Wort?«

»Mein letztes.«

Er ergoß sich in einer Flut von Anklagen und Beschimpfungen über den mißrathenen Sohn. Je größer sein Zorn wurde, desto mehr wuchs die Erbitterung gegen die Todte, die ihm noch übers Grab hinaus das Anrecht auf diesen Jüngling streitig machen wollte. Ein Strom bitterer Worte floß über seine Lippen.

»Was habe ich gethan, daß mich Gott so an meinem Kinde straft? Habe ich nicht genug Geld für Dich geopfert, habe ich Dich nicht studieren lassen, habe ich mich nicht stets um Dich gesorgt und gekümmert? Aber ich weiß, wer an all dem die Schuld trägt.« 

Es wies mit seiner aufgedunsenen Hand, auf der die Adern wie gefüllte Schläuche hervorstrotzten, auf eine niedere Mauer, die im Westen am Ende des Dorfes die Kornfelder entzwei schnitt. Ein großer, vergoldeter Christus, der in der Mitte des Geviertes, das durch sie eingeschlossen wurde, seine Arme ausbreitete, als wollte er diesen ganzen Raum erfassen und zu sich emporziehen, schimmerte in der Sonne, als hienge dort ein brennender Mensch zwischen Himmel und Erde.

»Ich weiß, wer die Schuld an Deiner Widerspenstigkeit trägt. Dort, Deine Mutter, die Dich mir von jeher entfremdet hat, die den Haß gegen mich in Deine Seele pflanzen wollte, jenes schreckliche Weib –«

»Schweig', Du bist nicht wert, ihren Namen im Munde zu führen.«

»Gut – gut, Du sagst Dich also los von mir, gut, Du sagst Dich los von der heimatlichen Scholle, die Dich ausgespien hat, wie einen Aussätzigen. So sei verflucht! Jawohl, sei verflucht, Du und jene in ihrem Grabe noch –«

Hans stand im Augenblick auf der obersten Stufe der Treppe, dem Wüthenden gegenüber, der ihm, bebend vor Ingrimm, zurief: 

»Willst Du Deinen Vater noch etwa schlagen? Ich verstoße Dich, ich jage Dich wie einen räudigen Hund von dieser Schwelle. Huß, Diana, huß. Ich verbiete Dir, mich Vater zu nennen –«

»Woher weißt Du, daß Du mein Vater bist? Wofür hundert andere Söhne ihre Mütter verdammen würden, dafür will ich ihr auf den Knien danken, dafür segne ich sie.« Er zischte ihm einige Worte ins Ohr und schrie dem Wankenden, der nach Luft rang und eine Stütze suchte, um sich anzuklammern, mit aller Kraft und allem Hohn entgegen:

»So, nun jage mich von Deiner Schwelle, der Du meintest, andere zu betrügen und zu hintergehen, Du selbst hinters Licht geführter Thor, betrogener Narr!«

Die Röthe im Gesicht des Taumelnden glich einer unreinen, qualmenden Flamme und gieng in ein schwärzliches Dunkel über. Sein schwerer Körper neigte sich nach vorn und mit einem dumpfen Anprall sank er auf die steinernen Stufen. Eine Magd, die unter dem Thore erschien, ließ mit einem Aufschrei ihre blecherne Kanne zu Boden fallen. Hans gieng ins Haus, um Leute zu rufen, er war sich nicht klar über seinen Zustand, er handelte wie ein Fremder, den sein Weg zufällig zu einer Stätte geführt hat, wo ein Unglück geschehen ist. 

Zwei Tage später stand er am Fenster und starrte in die glühende Luft mit heißen, trockenen Augen. Seine fiebernden Hände klammerten sich an das Rahmenwerk, seine Füße zitterten. Durch die reifenden Weizenfelder bewegte sich der Leichenzug. Das Crucifix, das ein Knabe im rothen Chorrock vorantrug, funkelte in dem fließenden, wogenden Licht. Er sah alle diese Menschen und den braunen Sarg immer kleiner werden, bis sich in der Ferne um einen dunklen Fleck weiße Punkte bewegten, denen ein Schwarm schwarzer, krabbelnder Ameisen zu folgen schien. Als er am nächsten Morgen in seinem Bette erwachte, hatte er nur eine verworrene Erinnerung an alles, was vorgefallen war, die sich erst später wieder klärte.

Der Zug hielt an. Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Ueberall reifende Felder. Ganz in der Ferne bewegte sich eine Procession einem Kirchlein zu, dessen rothes Dach mit dem kupfernen Wetterhahn über das grüne Saatenmeer emporragte. Die Chorröcke der Priester nahm er als weiße Punkte deutlich wahr und hinter ihnen den langen, wimmelnden, schwarzen Zug, alle diese Menschen, die hier von der Ferne aussahen, wie ein Schwarm Insecten, die einen Raubzug auf einen fremden Bau ausführen wollen. 

Ein Ruck – der Zug fuhr weiter, immer zwischen Feldern hindurch, durch ein Meer von blühendem Weizen, der mit einem seimigen Geruch, wie von noch warmem, frischen Brote die heiße Sommerluft erfüllte. 



Todte Liebe.

Es war ein großer, viereckiger Hof, der von hohen Mauern eingefaßt wurde und in der Mitte einen rothangestrichenen Schranken besaß, welcher ihn in zwei Theile zerschnitt. Der Boden war mit kleinen Kokesstückchen bestreut. Täglich giengen eine Stunde nach dem Mittagessen rechts von diesem Schranken die Männer, links die Weiber des Strafhauses spazieren, aus hygienischen Rücksichten, wie die Hausordnung vorschrieb. Voran schritt bei den Männern der brummige, weißhaarige Gefangenenaufseher, bei den Frauen eine alte, barmherzige Schwester vom heiligen Kreuz, hinter ihnen marschierten je zwei schnurrbärtige Gensdarmen mit aufgepflanzten Gewehren. Die Männer schlurrten in ihren schweren Holzschuhen mit gleichmäßigen Schritten einher, es lag etwas wie von militärischem Drill darin. Nur selten blickte einer auf oder gar zu den Weibern hinüber. Miteinander zu sprechen war ihnen bei schwerer Strafe verboten. Es kam auch selten vor. Die Meisten hatten schon viele Jahre hinter sich in diesen grauen Mauern, viele wußten, daß sie nie mehr herauskommen würden. Das lange Kerkerleben, die ewige Gleichmäßigkeit in ihrem Thun und Verrichten machte aus diesen Menschen schließlich organisierte Maschinen, und selbst der Renitenteste wurde endlich zum willenlosen Automaten. Nur mitunter gieng es wie eine Bewegung durch die dahintrottende Truppe, wenn einer den Stummel einer Cigarre erblickte, welchen der Gefangenenaufseher oder gar ein hoher Gerichtsrath, der sich einmal über den Hof verirrte, weggeworfen hatte. Dann bückte man sich rasch, um seinem Nebenmann zuvorzukommen; dann gab es wohl gar eine versteckte Balgerei. Ein Puff, ein böses, durch die Zähne gemurmeltes Wort, ein neidiger, stechender, rachsüchtiger Blick, aber alles nur ein Moment, dann stapfte diese willenlose Herde weiter, der eine selig an seinem schmutzigen, stinkenden Stummel saugend, der andere über sein Pech fluchend. Am schwersten entbehrten sie ja doch alle den Tabak, am bittersten ward es ihnen, daß sie nie einen Zug aus der geliebten Pfeife machen konnten, und der Gerichtssoldat, der während ihrer Spaziergänge im Hintergrunde des Hofes auf einer rohgezimmerten Bank saß und aus einer umfangreichen Pfeife mit einem Holzdeckel seinen Commißtabak rauchte, war für sie ein Gegenstand des blassen Neides. Gierig schnupperten sie den beißenden Duft ein, welchen ein gütiger Windstoß zu ihnen herübertrug, mit zitternden Nasenflügeln, auch hier jeder dem andern um einen Athemzug neidig.

So beiläufig in der Mitte des Zuges gieng neben einem alten Mann mit kahlem Kopf und vornübergebeugtem Rücken ein junger Bursche, so zwischen vierundzwanzig und fünfundzwanzig Jahren. Seine Gesichtsfarbe war ganz bleich, mit einem Stich ins Gelbliche, er war anscheinend noch nicht an die Kerkerluft gewöhnt. Sein Gang war aufrecht, aber schwer, seine Gestalt groß und vierschrötig. Er hatte etwas Scheues in den grauen, lauernden Augen, die von tiefen, blauen Ringen eingefaßt wurden. Sein Kopf war unschön, fast viereckig. Diese Formation des kurzgeschorenen, blonden, borstigen Schädels, die abstehenden Ohren, der breite Mund mit den wulstigen Lippen, das vorspringende Kinn, hatten etwas von einer ursprünglichen, sinnlichen Kraft an sich, die, einmal gereizt und hervorgebrochen, fürchterlich und unbezähmbar werden konnte. Er war kaum ein Jahr hier, wegen eines schweren Verbrechens, und hatte noch vier lange Jahre vor sich. Auf eine vorzeitige Begnadigung konnte er nicht hoffen. Sein ehemaliger ex offo-Vertreter hatte von allem Anfange an die Sache als etwas Unvermeidliches angesehen, das ihm zugeschanzt worden war, hatte die Proceßacten nicht einmal ordentlich durchstudiert, und jetzt kümmerte er sich selbstverständlich gar nicht mehr um ihn, wußte nicht, wo er war, ja nicht einmal mehr, wie er geheißen hatte oder ob er überhaupt noch lebe. Er selbst hatte auch gar keine Hoffnung. Er faßte diese fünf Jahre als etwas Unabänderliches auf, als ein Schicksal, welches man hinnehmen müsse, ohne viel zu fragen, warum, und ohne zu murren, wollte man es nicht noch schlechter haben. Daher hielt ihn auch der Gefangenenwärter für ruhig und vernünftig und behandelte ihn darnach. Dennoch litt er anfangs fürchterlich. Er war Feldarbeiter gewesen, gewöhnt, den ganzen Tag in frischer Luft auf dem Acker oder auf einer hochgelegenen Bergwiese zuzubringen, und jetzt pferchte man ihn ein, wie ein Vieh in den Stall, jetzt kam er nur diese eine Stunde in die Luft, in eine dicke, rauchige Großstadtluft, die wie ein schwerer, trüber Bodensatz in einem Glase zwischen diesen kahlen vier Mauern stockte. Und dabei sah er keinen Baum, keinen Strauch, nur diese vier grauen Käfigmauern, und wenn er zu Boden blickte, keinen Halm, nur von schwarzen Kokesstückchen bedeckte Granitwürfel. Dabei quälte ihn seine fast thierische Sinnlichkeit, welche ihn hieher gebracht hatte, und die er nun gänzlich unbefriedigt lassen mußte, oft bis zum Wahnsinn. Die Weiber an der anderen Seite des Schrankens sah er gar nicht an, sonst gab's schlaflose Nächte, nach denen er sich überaus matt, wie nach einer schweren Krankheit fühlte. Eben machte der ganze Zug wieder Kehrt, als er einmal gegen seine Gewohnheit, völlig von ungefähr einen Blick auf die Weiberabtheilung warf. Sie kamen ihnen eben entgegen und mußten knapp an den Männern, nur durch den rothen Schranken von ihnen getrennt, vorüber. Er kannte ganz genau ihre Zahl, es waren sechzehn Paare, und zum Schlusse gieng eine alte Gewohnheitsdiebin neben der Mutter Philomena, der ältesten von den Schwestern vom heiligen Kreuz, die Jahr aus, Jahr ein, Tag für Tag denselben Dienst um die gleiche Zeit versah. Diesmal gieng die alte Nonne allein hinter dem Zug. Neben der Diebin schritt ein junges, blondes Ding mit trotzigem Gesichtsausdruck, stark in den Hüften, mit wohlgebildeter Brust. Sie mochte ungefähr zwanzig Jahre alt sein. Als sie sich sahen, lachte sie, ganz eigenthümlich, ein höhnisches, schadenfrohes Lachen, wie wenn sie sagen wollte: »Also auch Du mußt hier Deine Jugend einsargen, wie ich. Recht so, recht. Warum nur ich allein?« Es lag etwas Böses in diesem Lachen. Ihm war zu jener Zeit das Lachen bereits gründlich vergangen, er hielt sie daher für frech.

Am andern Tag erzählte ihm im Arbeitssaale Numero 5, dem er zugetheilt war, sein Mitarbeiter beim Säckenähen, daß die Neuangekommene eine Kindesmörderin sei, welche zu lebenslänglicher Kerkerstrafe begnadigt worden war. Begnadigt! Seit er schon ein Jahr lang hier saß, hielt er nicht mehr viel von dieser Art der Gnade. Es wollte ihm anfänglich nicht recht in den Kopf gehen, daß man so was überhaupt aushalten könne, ohne wahnsinnig zu werden. Lebenslänglich! Er, der doch nur fünf Jahre abzusitzen hatte, beinahe die kürzeste Strafzeit unter allen diesen schweren Verbrechern, zählte die Tage der Wochen, die Monate an den Fingern ab und glaubte oft, diese ganze Zeit könne kein Ende nehmen. Aber es lag doch ein Trost in dem Bewußtsein, einmal müsse alles aus sein, und dann könne man ein neues Dasein von vorne beginnen. Täglich sah er auf den großen Blockkalender, der im Arbeitssaale hieng, und freute sich, wenn dessen Bauch immer dünner ward. Wenn der Aufseher den letzten Fetzen würde weggerissen haben, dann war ein Jahr um, und dann begann die ganze Geschichte, das ganze, abwechslungslose, maschinelle Leben von neuem, viermal noch von neuem. Da sank ihm wieder der Muth, wenn er in diese lange Zeit starrte, wie ein Todmüder, der mitten in sandiger Heide steht und nirgends, meilenweit kein Obdach sieht, so sehr er auch sucht und späht. Aber jetzt, wenn man schon in den ersten Monaten diese Eintönigkeit satt bekommen hatte, wenn man sah, wie sich täglich die Stunden mehr und mehr in die Länge ziehen, die Nächte endlos werden, und der Schlaf ein immer seltenerer Gast, jetzt sich noch sagen müssen, daß das daure, so lange man leben werde, das war zum Verzweifeln. Konnte man doch noch verflucht lange leben. Denn die Gesellschaft, welche sich hier zusammen findet, ist meistens Obdachlosigkeit, Frost und Hunger und oft noch Schlimmeres gewöhnt, und schließlich wird man im Strafhause zwar weder gut noch reichlich, aber doch hinlangend und regelmäßig abgefüttert wie ein Thier, und erkrankt einer, so kommt der Arzt. Da konnte es unter Umständen noch verdammt lange dauern, bis einer ans Crepieren kam, wenn's ihm auch noch so erwünscht gewesen wäre. Das war also eigentlich ein Ding mit zwei ganz besonderen Seiten diese Gnade, wenn man's so recht besah. Es kam so etwas wie Mitleid mit der blonden Dirne über ihn, ein Gefühl, welches bei ihm gewiß nicht sehr deutlich ausgeprägt war.

Nach und nach begann er sich mit ihr mehr zu beschäftigen. Er dachte an sie während der monotonen, ungewohnten Arbeit des Säckenähens, die er zu verrichten hatte, wenn er so zusammengekauert dasaß, er, der gewohnt war, hinter dem Pflug oder im Walde beim Bäumefällen alle Muskeln seines Leibes in freier Kraftentfaltung spielen zu lassen. Diese geistige Beschäftigung that ihm wohl und ließ ihn auf Stunden den Arbeitssaal, den Gefangenenaufseher und seine ganze Abhängigkeit und Unfreiheit vergessen. Mit der Zeit fand er an den Nachmittagsspaziergängen auf den schwarzen Kokesstückchen zwischen den vier grauen, fensterlosen Mauern eine gewisse Freude, an diesen Promenaden, welche er sonst als etwas Unvermeidliches hingenommen hatte, ebenso wie das Säckenähen und die häufigen Disciplinarstrafen, die wegen der geringsten Kleinigkeit dictiert wurden, sehr streng und empfindsam waren, und wegen deren die Strafanstalt nicht nur unter Verbrechern berüchtigt war. Es gelang ihm auch die Aufmerksamkeit der Gefangenen zu erwecken, er erfuhr, daß sie Anna hieß, und es glückte ihm, ihr mitzutheilen, daß er Paul genannt werde. Sie fanden bald hunderte von Wegen und Mittelchen, wodurch sie einander über ihr Befinden und über die geringsten Vorkommnisse des Tages verständigen konnten. Im Laufe der Zeit wurde ihre Geschicklichkeit und ihre Wachsamkeit so groß, ihre Schlauheit so geschärft, daß sie die alte Nonne und den brummigen Kerkermeister spielend hintergiengen, ohne auch die geringste Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Nur miteinander zu sprechen, wagten sie nicht, höchstens ein oder das andere Flüsterwort. Die Mutter Philomena hatte zu feine Ohren. Aber sie winkten sich mit den Augen zu, es gelang ihnen, sich flüchtig, für einen kaum secundenlangen Moment die Hand zu drücken oder einen kleinen Zettel zuzustecken. Er empfand ein eigenthümliches Gefühl, wenn er ihren Rock oder ihr Handgelenk streifte, nicht jene rauschartige Erregung, deren Folgen er hier verbüßte, sondern eine angenehme Beruhigung seiner Sinne. So verstrichen die Tage. Für ihn verloren sie nach und nach alles Schreckliche, und, ohne daß er es merkte, war es das letzte Jahr seiner Strafzeit. Da fieng er an, so oft er den Blick auf den großen Wandkalender im Arbeitssaale warf, sonderbar nervös zu werden. Das war doch eigenthümlich, anfangs wollten diese fürchterlichen Tage nie endigen, und jetzt entschwanden sie mit schier unheimlicher Raschheit. Jetzt konnte er die Tage, welche ihn noch von der einst so ersehnten Freiheit trennten, wirklich zählen. Sehnte er sie aber auch noch so heiß herbei? Es kam ihm vor, als fürchtete er sich fast vor dem Tage, an welchem man ihm die Pforte öffnen würde, welche ihn wieder hinausführen sollte ins Leben. Ins Leben? Was würde ihm das Leben noch Besonderes bieten können? Eigentlich hatte es ihm nie etwas anderes gebracht als schwere Arbeit um kargen Lohn und den steten Kampf mit einer dämonischen Sinnlichkeit, einen qualvollen, aussichtslosen Kampf, der mit dieser fünfjährigen Etappe endete. Was konnte er auch noch viel anfangen? Er würde nach Abbüßung seiner Strafhaft wahrscheinlich polizeilich seiner Heimatsgemeinde überstellt. Arbeit würde er vielleicht zur Noth noch finden, denn er war stark und sehnig, griff fest zu und forderte nur geringen Lohn. So irgend ein Gebirgsbauer würde ihn schon dingen. Da hoch oben hätte er auch Ruhe vor dem spöttischen Gezischel und Getuschel im Dorf. Da sah er niemanden und ihn niemand als Bauer und Bäuerin das ganze Jahr. Höchstens am Sonntag vor dem Kirchenplatz – aber dahin brauchte man ja nicht zu gehen. Trotzdem wird er der Dorfausgestoßene sein und bleiben, nachhängen wird ihm die Geschichte, bis er als alter, zitternder Mann in die Ausnahme gehen wird und damit von einem Haus zum andern betteln. Wenn er dann mit seinem Topfe kommt, dann sagt's wohl so ein junger Knecht, oder eine Magd ruft vom Hofe zur Bäuerin in die Küche hinein: »Der Zuchthäusler-Pauli is da um sei' Supp'n«. Da wär's ja fast besser, man bliebe hier. Das hatte er auch schon gedacht, aber es gieng nicht, wenn seine Zeit um war, mußte er gehen und würde wohl gar mit Gewalt weggeschafft, wenn er nicht gutwillig gieng. Und dabei war's ihm, als lasse er so viel Liebgewordenes, Altgewohntes hier, was er draußen nie und nimmer mehr finden würde. Es kam ihm vor, als würde er diesen scheuen, beengten Verkehr, welcher so viel List herausforderte, nie vermissen können, als würde er ihre schlanke, volle, jugendfrische Gestalt außerhalb dieser stummen und stumpfen Mauern an keinem Weibe der Welt, seiner engen, beschränkten Welt, mehr finden können. Er trug ihr Bild noch immer so mit sich herum, wie er sie am ersten Tage erblickt hatte, groß, mit einem trotzigen Gesicht, einem kampfbereiten Hohn um die frischen, rothen Lippen, üppiger Brust, den breiten, starken Hüften, dem selbstbewußten, festen Schritt. Die Veränderungen, welche sich Tag für Tag anfangs fast unmerklich, aber gebieterisch vollzogen, hatte er nicht bemerkt. Jetzt war sie alt zu nennen. Ihre volle, wogende Büste war verschwunden, ihr aufrechter, stolzer Gang. Sie hatte den Rücken etwas aufgezogen, der Kopf steckte tiefer in den Schultern und beugte sich wie der ganze Oberleib zur Erde. Sie gieng nachlässig in ihren Holzschuhen, schlurrend, gleich wie alle anderen. Auch das Antlitz hatte sich stark verändert. Die blühende Farbe, das trotzige Lächeln um die einst so frischen Lippen waren geschwunden, statt dessen zogen sich herbe, tiefe Falten um ihre Mundwinkel, und der Glanz der großen, stahlgrauen Augen war noch härter geworden. Aber für Paul war sie dieselbe geblieben, wie vor vier Jahren, an dem Tage, an welchem sie die Menschen hieher geschickt hatten für ihr ganzes Leben, weil sie glaubten, daß dieses Wesen seine Berechtigung, frei zu sein, für immer verloren habe.

Im Winter, während der langen Abende, bei dem ewigen Einerlei der groben, weiten Stiche in die Leinwand der Säcke kam ihm einmal ein verrückter Gedanke. Er hatte sich schon ein hübsches Stück Geld durch die Strafhausarbeit verdient, denn er war leidlich geschickt und sehr fleißig. Da wollte er ihr eine kleine Freude bereiten und ihr ein Geschenk darum kaufen oder kaufen lassen, etwa ein wollenes, graues, warmes Tuch. Er trug das lange mit sich herum, aber einmal faßte er sich ein Herz und brachte seinen Wunsch stotternd dem Gefängnisdirector vor, als der gefürchtete Mann, im Grunde genommen nur ein pflichttreuer Beamter, der sich etwas allzusehr an die Paragraphe der Hausordnung hielt, sonst aber ein herzensguter Mensch war, die Zellen inspicierte. Er bekam einen Fasttag, das heißt, er wurde einen Tag lang auf Wasser und Brot gesetzt, denn die Handvoll gesottener Linsen, die er an Wochentagen neben der üblichen Wassersuppe erhielt, mästeten ihn keineswegs. Er war nicht sehr darüber erstaunt, eigentlich hatte er sich von allem Anfange an gedacht, daß so etwas kommen werde.

Am Weihnachtsabend war feierlicher Gottesdienst. Die Sträflinge saßen in den einfachen Bänken des kahlen Gotteshauses. Die Frauen sangen am Chor. Er kannte ihre Stimme. Wenn es auch nur wenige Flüsterworte gewesen waren, die sie miteinander gewechselt hatten, es war seit vier Jahren die einzige weibliche Stimme, welche er vernommen hatte, und diese hatte einen so markanten Ton, etwas so unbeschreiblich Merkwürdiges, Einziges in der Klangfarbe, daß man sie aus hundert anderen heraushören mußte. Er vernahm den tiefen Alt mit dem metallischen Timbre, welcher laut das geist- und andachtslose Summen der anderen überscholl.

»Christ ist geboren! Hallelujah!«

Der Laut brach sich an dem Tonnengewölbe der Kirche. Er betete nicht, aber als der Priester die Monstranz mit dem Allerheiligsten erhob, kniete er nieder, schlug sich an die Brust und wagte es gar nicht aufzusehen. Erst als ihn der Aufseher, diesmal ganz freundlich, auf die Schulter klopfte, stand er auf. Tiefe Dämmerung herrschte in dem weiten, grauen Raum. Die sparsame Verwaltung hatte am Altare bereits alle Lichter bis auf zwei herabgebrannte Wachskerzen auslöschen lassen. Um den goldenen Tabernakel, welcher noch vor kurzem in hellstem Schimmer funkelte, war's dunkel geworden. Von dort wehte es wie Andacht zu ihm her. Er bekreuzte sich.

Als der Mai kam, trennte ihn nur noch eine Woche von der einst so ersehnten Freiheit. Jetzt vergieng die Zeit noch rascher. Am vorletzten Tage sah er Anna nicht. Es war das erstemal, daß sie fehlte. Wie einst gieng Mutter Philomena neben der alten Gewohnheitsdiebin, welche an progressiver Gehirnparalyse zu leiden anfieng, immerfort lachte und ununterbrochen wie ein Mühlrad, laut und aufdringlich allerhand ungereimtes Zeug schwatzte. Man ließ sie gewähren. Niemand kümmerte sich um sie. Er gieng wieder hinauf in den Arbeitssaal und nähte an seinen Säcken, obwohl ihm schon seit einigen Tagen freigestellt war, Briefe zu schreiben, seine spärliche Habe im Inquisitendepot in Ordnung zu bringen und sich auf die Freiheit allgemach vorzubereiten. Er befand sich in einem fürchterlichen Seelenzustande. Er mußte also vielleicht fort, ohne sie noch einmal gesehen zu haben, ohne zu wissen, was aus ihr geworden war. Vielleicht war sie krank, vielleicht war sie gar schon todt? Und doch erkannte er sofort, daß ein Egoismus sondergleichen in dieser Angst vor dem Tode lag, welcher ihr doch nur als willkommener Erlöser erscheinen konnte. Die folgende Nacht war eine der schrecklichsten, die er in diesem Hause verlebt hatte, eine endlose Nacht. Ohne daß er es recht wußte, bekam er instinctiv einen Begriff von der Ewigkeit, der hoffnungs- und trostlosen Ewigkeit der Verdammten. Endlich kam der Morgen. Paul war so zerbrochen, daß er sich kaum auf den Füßen halten konnte, und daß der Inspector ihn dem Arzte vorführen wollte, als dieser seine vorgeschriebene Runde machte. Der Sträfling sträubte sich heftig dagegen. Eine schlaflose Nacht, weiter nichts. Er wäre ganz wohl. Man verabreichte ihm zum Frühstück statt der Wassersuppe mit den aufgeweichten, schwammigen Brotbrocken einen Topf Milchkaffee und eine Mundsemmel. Er verzehrte kaum die Hälfte davon. Es kam ihm vor, als seien Jahre verstrichen, als endlich die Mittagsglocke ertönte, und er zum letztenmale mit seiner Schale um seine Suppe und mit einem irdenen Topfe um das Gemüse zum Küchenschalter herantrat. Jetzt würde er in einer Stunde Gewißheit erlangen. Wenn sie heute abermals fehlte, war sie krank, bestimmt und ernsthaft krank. Freilich, was half ihm diese Gewißheit?

Diesmal kamen die Männer früher in den Hof. Auch das noch. Noch warten, wo ihn die Ungeduld wie lebendiges Feuer verzehrte. Endlich kamen die Weiber, Paar für Paar. Sie war wieder da. Sie sah sehr schlecht aus und gieng mit kleinen, müden Schritten neben ihrer lachenden und schwatzenden Genossin. Sofort suchte sie ihn und grüßte stumm mit ihren großen Augen hinüber. Einmal streifte er, als sie aneinander vorbeischritten, ihr Kleid, einmal drückte er leise einen unbeschreiblich kurzen Augenblick ihre Fingerspitzen.

Der Spaziergang nahte seinem Ende. Er sah, wie sie ihren Blick plötzlich auf eine bestimmte Stelle des Bodens heftete, und es wie ein Schimmer von Freude über ihr Antlitz huschte. Sie bückte sich rasch, als ob sie etwas abpflücken wollte. Als sie zum letztenmale aneinander vorüberkamen, fühlte er ihre Rechte, wie sie dieselbe rasch wieder zurückzog, und daß er etwas in der Hand hielt. Er schloß sie sofort fest zusammen. Erst als er wieder oben war und sich unbeobachtet glaubte, öffnete er die geballte Faust. Er nahm sorgfältig das kleine, verkümmerte Gänseblümchen, welches da unten im Frühlingsdrang der schaffenden Natur zwischen den schwarzen, zertretenen Kokesstückchen hervorgesprossen war, in seine derben Finger. Das erste Bißchen Frühling, welches er seit fünf langen Jahren sah, der erste Gruß der Freiheit, die er morgen schon in vollen Zügen wieder einathmen durfte. Er verbarg die Blume sorgsam in ein Stück groben, grauen, rissigen Papieres. Das war also alles, alles, was er zum Andenken an diese fünf Jahre und an sie mitnahm, an sie, die er nun nie mehr wiedersehen sollte. Am andern Morgen hielt der Gefängnisdirector eine salbungsvolle Ansprache an ihn, übergab ihm seinen ganz namhaften Verdienst, rühmte seinen Fleiß und seine gute Aufführung und wünschte ihm Glück auf seinen ferneren Lebensweg. Darnach wurde er entlassen. Den ganzen Vormittag schlich er um das graue, viereckige, völlig schmucklose Gebäude herum; ohne Plan, ohne Ziel, ohne Zweck. Er konnte hingehen, wohin er wollte. Die zwangsweise Ueberstellung in seine Heimatsgemeinde war ihm erlassen worden.

Was sie wohl thun, wie sie sich jetzt da drinnen wohl zurechtfinden mochte, ohne ihn? Alle diese Fragen, welche er sich vorlegte und nicht beantworten konnte, quälten ihn. Endlich, als der Abend kam, verließ er die Stadt und wanderte planlos ins flache Land hinaus. Er wollte irgendwo bei einem Bauern oder auf einem größeren Gute in den Dienst treten. Die Zeit der ersten Heumahd kam heran, und dann würde die Ernte folgen, Leute werde man also gewiß brauchen. Auch hatte er Geld, viel Geld für seine Begriffe, und brauchte daher nicht den ersten, besten Dienst anzunehmen, wenn ihm etwas nicht taugte.

Im darauffolgenden Jahre war der Mai stürmisch und kalt. Noch war des Winters Macht nicht gebrochen, an den Bäumen zeigte sich noch kein frisches, grünes Blatt. Dafür lag auf den gelben Rasenflächen schmutziger Schnee. Wo der Boden eingesunken war und kleine Mulden bildete, starrten kalte, mit bröckligem Eis überzogene Tümpel. Regen und Schnee, miteinander vermischt, peitschten durch die Straßen, und im Aufnahmezimmer des großen Strafhauses brannte in einem gußeisernen Füllofen ein flackerndes, lustiges Feuer. Der Raum war überhitzt. Sowohl dem kleinen, untersetzten Herrn in der blauen Uniform der Justizbeamten mit der kahlen Stirn und den goldenen Brillen auf der Stumpfnase, als auch dem großen, vierschrötigen Mann mit dem Wollshal um den Hals, welcher vor ihm stand, tropfte der Schweiß über das Antlitz. Der Zuchthäusler hatte einen unregelmäßigen, eckigen, borstigen Kopf, einen breiten Mund, wulstige Lippen, struppigen, röthlichen Bart und ein sommersprossiges Gesicht. Der Paul! Also der war wieder da. Diesmal für immer. Er hatte auf dem Gute, auf welchem er seit seiner Enthaftung bedienstet gewesen war, einen Mord begangen. Eines Tages fand man eine junge Magd erwürgt auf dem Heuboden. Paul aber zeigte sich selbst an und war daher anstatt zum Tode im Wege der kaiserlichen Gnade zu lebenslänglichem, schweren, am Tage der That mit Fasten und Dunkelarrest verschärften Kerker verurtheilt worden.

Eine Stunde später saß er mit fast kahlgeschorenem Kopf und glattrasiertem Gesicht, mit einem Zwilchkittel angethan, wieder in dem großen Arbeitssaal Numero 5 beim Säckenähen neben seinem früheren Kameraden, der, immer rückfällig, einige Monate in der Freiheit und doppelt so viele Jahre im Zuchthaus verbrachte. Sie waren jahrelange, gute Bekannte. Der Neuangekommene fragte ihn auch sogleich flüsternd, ob er nichts von der großen, blonden Genossin wisse, die hier lebenslänglich eingesperrt war. Sie war ja jetzt schon gute fünf Jahre da. Natürlich müsse er sie kennen. Sie hatte ihr vier Monate altes Kind zerstückelt und in den Fluß geworfen. Er selbst habe ihm ja das alles einst erzählt.

Natürlich kenne er sie, habe er sie gekannt, eigentlich. Die hatte es, ein so robustes Weibsbild sie zu sein schien, gar nicht lang ausgehalten. Da waren sie andere Kerle. Sie wurden da herinnen ordentlich fett, und das Frauenzimmer schwand dahin wie ein Schatten. Nachdem er fortgegangen wäre, sei sie nur mehr einigemale in großen Zwischenräumen in den Hof gekommen, dann war sie acht Monate im Inquisitenspitale gelegen und vor drei Tagen war sie gestorben, an Entkräftung sagten die Herren Doctori. Der alte, kleine Mann schwieg still und war stolz, daß er so viel wußte, trotz der Abgeschlossenheit von allen Vorgängen der Außenwelt, in welcher zu leben er gezwungen war.

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 Im Monate August wurde der alte, brummige Gefangenenaufseher, nachdem er eine fürchterliche Nase erhalten hatte, strafweise pensioniert, weil ein Sträfling, den sie Paul nannten, einer der schwersten und gefährlichsten Verbrecher, sich vor seinen Augen, nach der Mittagsstunde, als jener eben seine Herde in den Hof trieb, auf ein Gangfenster geschwungen hatte und vom dritten Stocke hinuntergesprungen war.

Er war mit zerschmetterter Hirnschale liegen geblieben und sofort todt gewesen. 



Der verfehlte Jäger.

Im Tagblatt der Provinzhauptstadt stand im schauerlichsten Journalistenstil unter den »Kronlandsnachrichten«: »Dienstag den 12. d. M. hat sich auf der Straße zwischen Mühllacken und Feldkirchen um etwa 7 Uhr abends der 24 Jahre alte, ledige Wirtssohn Anton Jungwirt von Mühllacken mittels eines Anschraubgewehres erschossen. Der Unglückliche hatte sich direct in das Herz geschossen, weshalb auch sofort der Tod eingetreten war. Die Ursache des Selbstmordes ist nicht näher bekannt, doch dürfte Arbeitsunlust mit ein Beweggrund zu dieser That gewesen sein. Bis zum 14. Lebensjahre war Anton Jungwirt ein ganz ordentlicher, aber äußerst lustiger und lebhafter Schüler. Ein Knabe, der in der unmittelbaren Nähe des Thatortes beschäftigt war, hörte die Worte: »Amen, helf' Gott«, dann folgte der tödtliche Schuß ins Herz. Die sofort auf den Schuß herbeigeeilten Leute fanden nur mehr den entseelten Körper des Unglücklichen, und neben sich hatte er die Photographie seiner verstorbenen Mutter liegen, welches Bild mit frischen Rosenknospen geschmückt war. Die Leiche wurde sodann ins Leichenhaus nach Feldkirchen überführt.«

Die alte Lenl aus dem Pfründnerhaus keuchte die Leiten hinauf, die zum Niedermaierbauern führt.

»Jessas, Maria und Josef«, rief sie, »Bäurin, hast schon g'hört, der Jungwirt Toni hat si d'rschossen.«

»Was sagst?« schrie ihr die etwas schwerhörige Bäuerin entgegen.

»Der Jungwirt Toni hat si mit an G'wehr d'rschossen. Jessas! Jessas!«

»Jessas! Gott gnad' seiner armen Söl'!«

»Da kummt die Austragerin, die Wab'n, die wird's epper noh nöt wissen.«

»Grüaß Gott, Wab'n, hast dö Schaffeln aus Linz 'bracht?«

»Freili, Bäurin, freili.«

»Hast g'hört, der Toni vom Jungwirt hat si mit an Anschraubg'wehr d'rschossen.«

»Was D' nöt sagst! Aber i hab m'r's all'wei denkt, den Buam hat gar koa Arbat nöt g'freit.«

Sie steckten alle drei die Köpfe zusammen und tuschelten. In Feldkirchen läutete inzwischen der mitleidige Meßner, welcher den Toni schon als kleines Kind gekannt hatte und der bei seiner Taufe dabei gewesen war, die Todtenglocke für ihn, obwohl er wußte, daß ihn der Pfarrer dafür ordentlich ins Gebet nehmen werde.

Die Sonne war noch nicht ganz hinter den waldigen Hügeln versunken, sie schüttete ihr mattleuchtendes Gold über die grünen Wiesen und über die silbernen Wipfel der jungen Föhren. Hie und da tönte ein Vogelruf aus dem Jungholz, die Grillen stimmten ihre Instrumentlein zur Abendserenade, und ein junger, kecker Buchfink mit schwarzen, funkelnden Aeuglein hüpfte auf das Fenster der Todtenkammer, bog das Köpflein zuerst nach links, dann nach rechts und sah dem Todten, der auf ein paar ungehobelten Eichenbrettern lag, ins Gesicht. Dann flog er über die Gräber hin in den Obstgarten des Schullehrers und lockte und rief sein Weibchen. In dem feuchten Graben hinter dem Pfarrhofe quakte eine Unke tief und seltsam traurig. Es klang wie eine Todtenklage. Im Dorfe schlief fast alles, und niemand dachte an den Todten.

Der Toni war ein kluges und lustiges Kind gewesen, das den ganzen Tag umhertollte und immer ein lachendes Gesicht zeigte, als könne er nie anders sein. Sein Vater kümmerte sich nicht viel um ihn. Er war den ganzen Tag bei der Wirtschaft und abends saß er bei den Gästen. Seine Mutter hingegen, freilich, die fragte ihn jedesmal, ob er in der Schule brav gewesen sei, und wenn er laut lachend ja sagte, hob sie ihn in die Höhe und küßte ihn auf den Mund. Sie schob ihm immer etwas in die Taschen, einmal einen süßen Apfel, dann wieder eine Handvoll Birnen oder Nüsse. Wenn er nach Hause kam, hatte er sein Tischchen weiß gedeckt, und es war schon für ihn angerichtet, wie für einen richtigen Herrn. Abends aber saß sie an seinem Bette und erzählte ihm Geschichten, bis ihm die Augen zufielen. Dann faltete sie seine Hände, strich sorgsam über die Decken, machte ihm auf Stirn, Mund und Brust das heilige Kreuzzeichen und sah ihm noch recht lange liebevoll ins Gesichtchen, das der erste Schlaf zu röthen begann und von dem auch im Schlummer das heitere, sorglose Lächeln niemals wich.

Als der Toni aus der Schule kam, war er schon ein großer, hübscher, schlankgewachsener Bursch und wollte ein Jäger werden. Aber der Vater litt es nicht. Er nahm ihn in die Wirtschaft und entließ dafür einen Knecht. Der Toni machte zwar das, was man ihm anschaffte, aber viel kümmerte er sich nicht um Haus und Hof. Er saß lieber im Garten und schnitzte Peitschenstöcke aus Haselgerten oder gieng in den Wald, wo er sich dann in irgend einem Schlag auf den Rücken legte und dem Summen der Fliegen lauschte.

Am liebsten machte er sich noch im Stalle zu schaffen, er streichelte die Pferde und lachte, wenn sie die Ohren spitzten und ihren schlanken Kopf auf seine Schultern neigten. Er gab jeder Kuh einen Namen, ließ sie das Salz aus seiner Hand lecken und half ihnen, die Fliegen vertreiben. Oder er balgte sich mit Tyras, dem jungen Hofhund, stützte die Hände, bückte sich, ließ das große Thier über seinen Rücken springen und lachte: »Gal, Tyrasl, das is halt soviel lusti. Bist mei brav's Hunderl«. Und Tyras sperrte das Maul auf, als lache er auch, wedelte mit dem Schweif und sprang in großen Sätzen um ihn herum. Dann gieng er oft zu seiner Mutter in die Küche oder in die Wäschekammer:

»Kann i Dir helfen, Muatterl?«

»Geh zua, was könnt'st mir denn Du helfen? Davon verstehst Du um und um nix. Geh, Toni, kümmer' Di ums Feld und um r'n Stall, Du woaßt, der Vater wird sonst z'wida.«

»Ja, ja, aber laß mi a Wengel bei Dir. Sixt, wann i a Jager wor'n war, war i den ganzen Tag bei Dir. Zeitli in der Fruah standert i auf und gegen Mittag kummert i z' Haus, und dann war i bis auf d' Nacht bei Dir.«

»Aber, Toni, Du stellst Dir's Jager sei' ah anders vor, als 's in Wirklichkeit is. Der Jager hat mehr z'thuan, als Du, wann er ah nöt im Wald is, so sitzt er in der Kanzlei und muaß an Bericht um den andern schreib'n und muaß akkrat sei', wann er's zu was bringa will. Na, Toni, und Du bist halt nöt so g'nau. Geh, schau, an iadn is dös halt nöt so geb'n, i mach' Dir ja g'wiß koan Vorwurf damit.«

Der Toni schlich in den Garten hinaus und schnitt ein schiefes Gesicht, aber nicht lange, dann gieng er auf seine Kammer, nahm das alte Anschraubgewehr von der Wand, prüfte den Lauf, rieb mit einem ledernen Lappen daran herum und zielte schließlich vom Fenster aus nach einer alten Saatkrähe, die ahnungslos am Zaune saß und ihre Federn auskämmte. Er fehlte, und sie flog mit großem Gekreisch laut schimpfend davon. Abends lehnte er in der Gaststube in irgend einer Ecke und rauchte schon tapfer. Wenn die Jägerburschen kamen, dann setzte er sich zu ihnen und horchte mit leuchtenden Augen zu, wenn sie von einer Wildspur sprachen oder ein Abenteuer erzählten. Es waren junge Leute, die oft bis in den hellen Morgen zechten, dann ihr Gewehr über den Rücken warfen und vom Wirtshaus weg auf den Anstand giengen. Der Toni aber reckte schlaftrunken die Arme, wischte sich die Augen, schickte die alte Kellnerin schlafen, räumte selbst die Stube auf und gieng dann in den Stall. Dort warf er sich ins Stroh neben das Pferd des Doctors, der bei seinem Vater eingestellt hatte, und begann zu grübeln. Dabei wurde er ganz merkwürdig ernst, und ein herber Zug, wie von einem nicht heftigen, aber andauernden, tiefen Schmerz verzog seinen Mund und ließ ihn schmal erscheinen, während er sonst frische Lippen hatte, die stets lachten und eine starke, gesunde Sinnlichkeit ausprägten. In solchen Augenblicken jedoch sahen sie fast blutleer und wie die eines kranken Jünglings aus. Abends war er wieder froh und schenkte den Jägern ein, mit denen er sich duzte, und die ihn nun auf die Jagd mitnahmen, denn man hörte nach und nach auf, ihn als einen der Schule entwachsenen Buben zu behandeln. Er bekam schon einen ganz feschen Schnurrbart, und übers Jahr sollte er zum Militär. Er hatte sich selbst gestellt, war sofort tauglich befunden und zu den Tiroler Kaiserjägern assentiert worden.

Seine Mutter weinte. Dem Toni aber ward so leicht ums Herz, daß er lachend zu der traurigen Frau sagte: 

»Aber Muatterl, was woanst denn? Es muaß ja o jeder dazua, der seine g'raden Glieder und g'sunde Aug'n hat. Warum hätten s' denn g'rad bei mir a Ausnahm machen soll'n? Und dann, alle Jahr kriag i zwoamal Urlaub, da kumm i zu Dir, und glei 's erstemal kumm i mit an Stern. Du, da wirst schau'n! Geh, woan nöt, Muatterl, woan nöt, Du verdirbst mir dö ganz' Freud'.

» Sie wischte ihre Thränen mit der Schürze ab und versuchte zu lächeln. Da sah der Toni erst, wie alt sie geworden war, wie viele Falten und Runzeln sie um Augen und Mund hatte, wie die Wangen bleich waren und wie unendlich trüb und glanzlos ihre sonst so freundlich lachenden Augen. Aber das Letztere war wohl nur, weil sie eben soviel und so bitterlich geweint hatte.

Der Sommer kam, er war sehr warm, reifte die Frucht an den Geländen und füllte die Scheuern und Kornkammern. Es gab viel zu thun, aber der Toni hatte sich nie so wenig ums Feld gekümmert wie in diesem Jahre. Er lag den ganzen Tag im Wald und abends sang und zechte er mit den Jägerburschen und ließ sich von ihnen von ihrer Militärzeit erzählen. Der Vater ließ ihn gewähren, es gab zu viel einzuschaffen, als daß er sich die Zeit genommen hätte, ihm Vorstellungen zu machen. Uebrigens mußte er ja so wie so im October einrücken, da hörte sich dann das Pürschen und das Herumstreichen im Walde von selbst auf. Aber zur Mutter gieng er noch so oft wie eh und zuvor und plauderte mit ihr und war so lustig wie möglich, um sie aufzuheitern, denn ihre Augen blickten oft so seltsam, als könne sie in ihrem Leben nicht mehr froh werden. Als der Altweibersommer seine Fäden über den Stoppelfeldern spann und die Tage immer kürzer wurden, als sich die höheren Hügel kleine, abgestutzte Nebelkappen aufsetzten, und es in den Tannenwäldern feucht und glitschrig wurde, gieng der Toni zu seiner Mutter und herzte und küßte sie, daß schier beiden der Athem vergieng, und dann heulte er laut wie ein gescholtener Schulknabe in dem Winkel neben der großen Stehuhr, wo die Mutter einst eine schlanke Haselruthe verborgen hatte, die sie aber dem Toni nur von weitem zeigte. Geschlagen hatte sie ihn ja nie. Die Frau, welche jetzt schon überall graue Haare auf ihrem Haupte bekam, schluchzte nur still in sich hinein und sah noch trauriger und trostloser vor sich hin. Endlich gieng der Toni hinaus, er gieng in den Stall, gab noch jeder Kuh ein Stück schwarzes Brot mit Salz, tätschelte den Pferden die schlanken Hälse und hielt ihnen weiße Würfel von Zucker hin, den sie mit leisem Prusten, bedächtig mit den Lippen prüfend, aus seiner hohlen Hand nahmen, er gieng in den Hof, bückte sich, stützte die Hände auf die Oberschenkel und rief dem Hofhund: »Na, hopp noch einmal, Tyrasl, hopperl!«

Aber das Thier gieng zuerst nur schweifwedelnd und ganz langsam um ihn herum, und endlich wand es sich zu seinen Füßen und wimmerte leise. Aber es sprang nicht. Als der Toni es noch einmal streichelte und sich dann zum Gehen wandte, bemerkte er, daß die Hinterbeine des Hundes anfiengen, steif zu werden.

»Bist ah scho' a alt's Hunderl«, sagte er und muß­te wieder mit seinen Thränen kämpfen, bis ihm am Haus­thore der Vater mit ein paar kargen Worten die Hand reichte. Die Mutter sah durch ein Fenster, und als er sich umdrehte und ihr noch einmal winkte, wandte sie sich ab. Es war zu schmerzlich für sie, und sie meinte, es nicht zu ertragen. Ein Jäger, der auch bei den Kaiserjägern gedient hatte, erwartete ihn an der Wegscheide und begleitete ihn bis Aschach, während er ihm gute Rathschläge für seine Dienstzeit gab. 

In Aschach stieg Toni aufs Schiff und fuhr nach Linz, wo er sich tags darauf in der Wasserkaserne meldete, gleich eingetheilt wurde und den Auftrag erhielt, sich im Depot seine Montur zu holen. Er war ganz gern beim Militär, that ruhig seine Pflicht, und seine Kameraden mochten ihn gerne leiden, denn er war der lustigste Bursch im Bataillon. Die Schützenschnur hatte er bald, und er war nicht wenig stolz darauf. Jede Woche schrieb er an seine Mutter, die ihn schon einmal in Linz aufgesucht hatte und ihn mit allem Nöthigen, auch mit Geld, reichlich versah. Zu Ostern kam er das erstemal auf zwei Tage nach Hause. Er gieng nicht in den Wald, er saß die ganze Zeit bei seiner Mutter und gewöhnte sich in wenigen Stunden wieder so an sie, an ihre Stimme und an ihr ganzes Gehaben, daß ihm der Abschied fast ebenso schwer wurde wie im Herbst, da er seinem Einberufungsbefehle hatte Folge leisten müssen. Auch die Mutter weinte wieder viele und bittere Thränen. Er kam aber nicht jedes Jahr einigemale nach Hause, wie er anfangs gedacht hatte, sondern nur noch einmal nach den Herbstmanövern, als er schon einen Stern auf den grünen Aufschlägen hatte, dann wurde sein Bataillon zu den »Wällischen« nach Roveredo versetzt und blieb in Südtirol liegen, bis er seine Zeit abgedient hatte.

An einem nebeligen Octobertage stieg er in Aschach aus und wanderte landeinwärts gegen Mühllacken. Sein schwarzes Holzköfferchen hatte er in Linz dem Boten übergeben, damit er es an seinen Bestimmungsort bringe. Er hatte dieselben Kleider an, mit denen er vor drei Jahren fortgegangen war, sie waren ihm um die Brust etwas zu enge. Am Kopfe trug er die hechtgraue Mütze der Kaiserjäger. Er hatte als Urlauber einen Eichenbruch daran gesteckt. Verändert hatte er sich nicht. Nur sein Schnurrbart war dichter geworden, und sein Antlitz war gebräunt. Er hatte nicht nach Hause geschrieben, denn er wollte seine Mutter überraschen und schritt nun tüchtig aus. Es war, als triebe ihn etwas vorwärts, so daß er schließlich ins Laufen kam und erhitzt und schwitzend vor dem Gasthause anlangte. Er stürmte sofort ins Zimmer seiner Mutter und stieß einen hellen Juchzer aus, dann war er aber ganz still, das Zimmer war leer, die Mutter nicht hier. An ihrem Arbeitstischchen in der Fensternische lag ein Männerhemd, an dem sie ausgebessert hatte. Er schlich ganz still hinaus, es war ihm, als sei die ganze Freude von ihm genommen. In der Einfahrt fragte er die Kathi, die alte Köchin, was es mit der Mutter sei. Die Frau, hieß es, sei krank und liege der größeren Ruhe halber im ersten Stock auf Nummer 4. Als der junge Mann die Treppe hinanstieg, war es ihm, als habe er Blei in den Füßen. Er öffnete leise die Thür, um die Kranke nicht zu erschrecken. Es war nur mehr Zwielicht in dem ziemlich großen Zimmer. Vor dem Bette stand ein grüner Schirm, auf dem Schubladkasten daneben brannte vor einer Muttergottes mit dem Jesuskinde ein Lichtlein. Die Fenster schienen grau, so strömte jetzt der Regen an ihnen hernieder und klatschte auf das Sims, das längs der Front des Hauses dahinlief. Er gieng auf den Fußspitzen gegen das Bett hin, dort saß auf einem Stuhle die Kogler Marie und wartete die Kranke. »Was das für ein schönes Mädel geworden ist«, dachte sich der Toni, sah sie einen Augenblick scharf an, schritt dann vor und kniete am Bette der Mutter nieder. Sogleich begannen seine Thränen leise in die Linnen zu fließen, als er den schwachen Aufschrei hörte und ihre liebe, so leise Stimme, und ihre Hand über sein Haar streichen fühlte.

Die Frau Jungwirt stand im October noch einigemale auf, gieng mühsam im Hause umher, dann legte sie sich ganz, und als Mitte November der erste Schnee fiel, starb sie. Der Toni war gerade 23 Jahre alt geworden. Er erbte von seiner Mutter einige hundert Gulden und wußte nun nicht, was er anfangen sollte. Sein Vater hatte ihm, bald nachdem er Witwer geworden war, eröffnet, daß er wieder heiraten müsse, er brauche eine Frau zur Wirtschaft, und zwar eine Frau mit Geld, denn er habe Schulden auf dem Hause und könne kaum mehr die Zinsen zahlen. Der Toni gieng nach Wien, um sich einen Posten zu suchen, kehrte aber bald zurück. Ein Jahr darnach heiratete der Vater eine Bäckerswitwe aus dem oberen Mühlviertel, die aber selbst vier Kinder hatte. Deshalb drang sie darauf, daß ihr die Wirtschaft notariell übertragen werde. So wurde der Toni ganz aus dem Vaterhause gedrängt. Der alte Jungwirt kümmerte sich jetzt gar nicht mehr um ihn, die Stiefmutter behandelte ihn nicht schlecht, sie ließ ihn im Hause, aber sie blieb ihm fremd und versuchte auch nicht, ihm näher zu kommen.

Der Toni hatte eine heftige Liebe zur Kogler Marie gefaßt, und das schöne Mädchen schien sie zu erwidern. So vergieng der Winter. Er war jetzt 24 Jahre vorbei und wußte noch immer nicht, was aus ihm einmal werden würde. Er war in Feldkirchen ein guter Schüler gewesen, aber gelernt hatte er doch nichts Rechtes. Vorläufig war er also noch immer zu Hause, aber nach und nach fieng er selbst an, sich Gedanken darüber zu machen, zumal er mit der Marie bald ins Reine kommen mußte, denn die Leute in Feldkirchen steckten schon die Köpfe zusammen, wenn sie zur Kirche kam, und er in seinem schönsten Anzug am Thore stand, ein Rosmarinsträußlein am Hut, und sie anlachte und freundlich grüßte. Schließlich hetzten die jungen Mädchen die Marie auf. Sie redeten ihr dergleichen, daß ihr Bräutigam nichts sei und nichts habe, sie nannten ihn einen Lungerer, der das Brot seiner Stiefmutter umsonst esse und die Marie nur in Schande bringen wolle. Er denke ja gar nicht aus Heiraten, denn thäte er das, so wäre wohl sein erstes, sich darum zu kümmern, wie er sie einst ernähren könnte.

Anfangs schenkte das Mädchen diesen Redereien wenig Gehör, aber bald wurde es stutzig. Es war ja alles so richtig, was die Leute sagten, warum sorgte sich denn ihr Geliebter nicht um ihre Zukunft, warum lebte er denn so in den Tag hinein, wo er doch nichts besaß und auch nichts zu erwarten hatte. Sie fühlte sich anfangs gekränkt, dann aber immer mehr und mehr abgestoßen, und schließlich ließ sie ihm ihre Erbitterung von Tag zu Tag deutlicher merken. Auch die Stiefmutter schien die Geduld langsam zu verlieren. Sie ließ anfangs seltener, später aber häufig bei Tische oder wenn sie nach dem Abendbrot noch eine Weile beisammen saßen, verschiedene Reden fallen von jungen Burschen, die vor Kraft strotzten, aber dennoch nicht die Arme rühren wollten und sich lieber von arbeitenden Leuten erhalten ließen. Den jungen Mann begann dies alles sehr zu verdrießen. Er war ja gar nicht faul, er war nur in eine falsche Laufbahn gerathen, er taugte nicht zum Wirt, und hatte zuviel gelernt und war zu gut gehalten worden, um ein Bauernknecht werden zu können. Nachdem er sich einmal wieder mit der Marie gezankt hatte, gieng er auf einen einsamen Schlag, wo sich schon die Erdbeeren rötheten und aus den Gräsern und Kräutern und dem Gestrüppe der wilden Eriken hin und wieder Wachholdersträuche, der verkrüppelte Stamm einer Birke oder junge Tannenbäumchen hervorlugten. Dort warf er sich auf die röthliche Erde, horchte auf das Summen der Fliegen und das Brummen der Hummeln und verlegte den emsigen Ameisen mit langen Föhrennadeln ihren Weg, auf dem sie kleine Spähnchen oder Körner oder sonst allerlei Dinge, die ihnen nützlich sind, in ihren Bau schleppten. Aber auf einmal fielen ihm alle Vorgänge der letzteren Zeit so schwer aufs Herz, und es wurde ihm so elend und trostlos zumuthe, daß er schier verzweifeln wollte und am liebsten gleich todt gewesen wäre.

Als der sonnengesättigte Schimmer der Luft immer blasser wurde und die Tannenwälder auf den fernen Hügeln, die gegen Böhmen und zur rechten Hand gegen das Waldviertel hinunterstreichen, sich in bläulichen Dunst hüllten, als ein kühler und feuchter Hauch aus dem Hochwald über das Mais strich, stand er auf und wanderte langsam gegen Mühllacken zu. An der Gabelung des Waldweges stand eine alte Tanne, an deren Stamm ein Marienbild mit dem Jesuskinde angebracht war, vor dem jemand einen Strauß halb entblätterter Heckenrosen befestigt hatte. Er nahm seinen grünen Lodenhut ab, faltete die Hände und betete, wie es ihn seine Mutter gelehrt hatte. Dann bekreuzte er sich, setzte den Hut wieder auf und schritt langsam gegen das Dorf. Es war ihm auf einmal ganz leicht ums Herz, und als im Jungholz ein Reh schrie, gab es ihm einen Ruck. Er blieb stehen, rührte sich nicht und hielt den Athem an. Jetzt fand er es ungeschickt von sich, daß er nicht sofort auf diesen Gedanken verfallen war. War er doch lange noch nicht zu alt, um etwas Neues beginnen zu können. Der Huber Franz war erst mit zweiunddreißig Jahren nach Amerika gegangen und jetzt ein gemachter Mann, der seiner verkrüppelten Schwester soviel Geld schickte, daß sie in Linz leben und sich den Arzt holen lassen konnte, so oft sie wollte. Auch ins Bad nach Hall hatte er sie schon geschickt.

Gott sei dank, er war noch jung, er konnte noch was werden. Er wußte auch schon, wie er es anstellen wollte, um endlich von hier fort und aus dieser Unthätigkeit hinauszukommen. Der Fürst, dem alle diese weiten Wälder bis an die böhmische Grenze hin gehörten, dem die Schlösser Wildberg, Eschelberg, Haus und Schaumburg und noch viele andere eigneten, war ein leutseliger Herr und brauchte viele Jägerburschen für seine weiten Forste und für die Pflege des Wildstandes und seiner Jagden, auf die er große Stücke hielt. Er wußte, daß jeder Mensch aus den Gegenden, wo der Fürst seine Güter hatte, ohne weitere Umstände und ohne von der Dienerschaft ausgefragt zu werden, an gewissen Tagen bei ihm vorgelassen wurde, wenn er ein Anliegen vorzubringen hatte. Zu dem Fürsten wollte er gehen und wollte ihn bitten, daß er ihn unter sein Forstpersonal aufnehme und ihm für den Anfang eine kleine Stelle zuweise, er wollte ihm versprechen, sich brav aufzuführen und seine volle Zufriedenheit zu erwerben. Der hohe Herr werde ihn gewiß gnädig anhören, er kannte ihn ja schon als ganz kleines Bübel, er hatte öfter in dem Gasthause seines Vaters zugesprochen und ihn auf dem Schoß gehalten, wie wenn er ein vornehmes Kind gewesen wäre. Sogar aus seinem Glase hatte er ihn Bier trinken lassen, nur daß er mit dem Lancaster-Gewehre spiele, duldete er nicht, denn es war immer scharf geladen.

Als er zu Hause angekommen war, arbeitete er noch ein wenig an seinen Gewehren herum und schlief bald gänzlich beruhigt ein. Einige Tage später zog er seine schönsten Kleider an und gieng auf das Schloß, wo er den Fürsten zu treffen hoffte. Aber es hieß, Seine Durchlaucht habe eine große Reise nach den südlichen Ländern angetreten und werde wohl ein Jahr oder noch länger fern bleiben. Nun gieng der Toni zum Forstmeister. Als er vor dem Schreibtische des Beamten stand, seinen Plüschhut etwas verlegen in den Händen bald nach rechts und bald nach links drehte und sein Anliegen ein wenig stotternd und häufig stockend vorbrachte, war es ihm, als verliere er plötzlich wieder allen Muth, und als sei er rein zum Unglücke und Unfrieden geboren und könne nun nie in seinem Leben mehr etwas erreichen. Der Forstmeister war recht freundlich, er bedauerte, ihm fürs erste nicht dienen zu können, es seien alle Stellen auf Jahre hinaus besetzt, und er dürfe kein überzähliges Forstpersonal aufnehmen, das habe sich der Fürst vorbehalten. Er solle sich also gedulden, bis derselbe zurückgekehrt sein werde, und dann sein Anliegen noch einmal vorbringen, er zweifle nicht, daß es ihm gelingen werde, eine Anstellung zu erreichen, aber gegenwärtig sei nichts zu machen. Dann bot er dem jungen Manne eine Cigarre an, begleitete ihn bis zur Thüre, wie wenn er, weiß Gott wer und nicht ein Bittsteller gewesen wäre, und drückte ihm zum Abschied die Hand.

Am selben Abende theilte ihm die Marie mit, daß ein Kaufmann um ihre Hand angehalten habe, der im Steirischen in einem kleinen Marktflecken ein hübsches Haus und ein gut gehendes Geschäft besitze, und daß sie jetzt mit ihm nichts mehr zu thun haben könne, denn im Herbste werde sie heiraten und eine geachtete Geschäftsfrau werden, sie dünke sich zu gut, um sich an einen Lumpen zu hängen. Der Toni sagte nichts, er pfiff ihr nur ins Gesicht. Beim Abendbrot fragte seine Stiefmutter höhnisch, ob er sich in dieser Gegend um eine neue Braut umthuen wolle. Sie wußte schon alles. Der Vater war stumm wie immer. Er hatte auch nicht mehr viel zu reden.

Der Toni legte den Löffel nieder, aß keinen Bissen mehr und gieng in den Forst. Von dort kam er erst nach Hause, als sich die Gipfel der Waldberge mit einem lichten Schimmer überkleideten, und die Vögel von nah und fern durch das Tannicht und durch die Büsche lockten und riefen. Ein kühler Wind wehte von Osten, wie er vor heißen Tagen den Aufgang der Sonne gerne verkündet. Er warf sich aufs Bett und schlief bis gegen Mittag. Dann stand er auf, aß nur wenige Bissen, gieng in den Stall und rief Tyras. Der Hund schleppte sich mühselig nach, setzte sich im Hofe auf die warmen Steine und blinzelte mit den Augen. Der Toni gieng auf sein Zimmer, nahm ein Gewehr von der Wand, warf es über den Rücken und schritt die Lehne hinter dem Hause hinauf gegen den Wald zu. Er pfiff und lockte den alten Hund, der sich nur mühselig, an den Boden hingeduckt, nachschleppte. Als sie am Saume des Gehölzes bei den Haselbüschen angelangt waren, tätschelte er Tyras auf den Kopf und sagte leise zu ihm: 

»Setz di schön, setz di schön, Tyrasl, mei alt's Hunderl.«

Das Thier gehorchte, der junge Mann trat einige Schritte zurück, legte an, zielte und drückte los. Ein schwaches Aufheulen, ein Zucken, der treue Hund war verendet.

Der Toni stieg den Abhang hinunter und sagte im Hofe zu Mathias, dem neuaufgenommenen Knecht:

»Hiasl, i hah 'n Tyras erschossen. Ober der Leit'n, wo der Wald anfangt, liegt er bei dö Haselstauden. Bringts 'n aba und grabts 'n hint' wo im Garten ein, damit 'n nöt dö Rab'n fressen. Dös arme Viech war zwölf Jahr im Haus.«

Er drückte dem Burschen eine Krone in die Hand und gieng wieder auf seine Stube. Dort warf er sich der Länge nach aufs Bett, mit dem Gesicht zur Wand gekehrt, und schluchzte heftig, bis er einschlief.

Als es in Feldkirchen um fünf Uhr zum Segen läutete, erwachte er, stand rasch auf, öffnete die Fensterläden und ließ Licht und frische Luft herein. Dann kramte er in der obersten Lade seines Schubkastens unter allerlei Dingen herum, nahm endlich aus einer Umhüllung von gelbem Seidenpapier eine schon etwas verblaßte Photographie in einem schwarzen Holzrähmchen heraus und steckte sie zu sich. Von der Wand langte er sein altes Anschraubgewehr herunter und warf es über den Rücken. Dann gieng er in den Garten, durch die Gemüsebeete hindurch bis dorthin, wo die Rosenstöcke standen, welche seine Mutter gerne begossen und gepflegt hatte. Mit seinem Knicker schnitt er einige pralle Knospen ab, achtete darauf, daß die Stengeln lang genug blieben und flocht sie dann durch das Schnitzwerk des Rahmens, so daß sie das Bild wie ein schmales Kränzchen umwanden. Als er seitwärts durch ein Holzgatter auf die Straße hinausschritt, welche nach Feldkirchen führt, sah er den Mathias am Ende des Gartens unter einem hohen Nußbaume eine Grube schaufeln. Der Knecht stützte sich mit der Linken auf das Grabscheit und wischte sich mit dem Rücken der rechten Hand den Schweiß von der Stirne. Der Toni nickte ihm freundlich zu und trat auf die Straße hinaus. Langsam schritt er gegen Feldkirchen. An einem Birnbaum setzte er sich nieder, nahm das Bild aus der Tasche, sah es lange an, bis ihm die Thränen in die Augen traten und küßte es einigemale. Seine Flinte hatte er abgenommen und an den Stamm des Baumes gelehnt. Er stand auf, sah die Straße hinauf und hinunter, es bewegte sich nichts, kein Fuhrwerk, kein Wanderer war zu sehen. Nur links am Wege graste ein Knabe mit einer Sichel Viehfutter ab, das er auf einer ausgebreiteten Sackleinwand zu einem kleinen Schober aufthürmte. Noch einmal blickte er das Bild an, welches er mit den frischen Rosenknospen geschmückt hatte, aber nur kurze Zeit, er wollte einmal in seinem Leben rasch und entschlossen handeln, es mußte ja so kommen, wie es eben gekommen war, und zu ändern gab es nichts mehr. Er betete ein Vaterunser, stemmte sich mit dem linken Fuß gegen den Baum, legte den Schaft des Gewehres auf seine Knie, setzte den Lauf an die linke Brustseite an, rief mit lauter, kräftiger Stimme: »Amen, helf' Gott!« und drückte los.

Der Knabe hörte den Schuß, eilte herbei und erblickte den Toni, der vornüber ins Gras gesunken war, neben dem Birnbaum, hart an dem kleinen Graben, der die Straße von den Feldern schneidet. Als der kleine Mann das Unglück sah, lief er laut heulend gegen Feldkirchen, bis ihm Leute begegneten, denen er in aller Hast die Begebenheit mittheilte. 



Das Kind.

Der Jurist des letzten Jahrganges, Ambros Kellner, schlug mit der Faust wüthend auf seinen Studiertisch. Es war aber auch zu dumm, früher hatte ihn die ganze Geschichte nicht im mindesten geniert und jetzt konnte er keine drei Seiten studieren, keinen vernünftigen Gedanken fassen, immer mußte er sich daran erinnern. Was war denn auch so Besonderes dabei? Er hatte vor mehr als drei Jahren, als er auf die Universität kam, die Bude gemietet. Sie war im dritten Stocke gelegen, mit eigenem Eingang, licht, leidlich ruhig, rein und nicht theuer. Das Letztere war die Hauptsache. Seine Wirtin war stets zuvorkommend gewesen, freilich hatte er sie auch pünktlich bezahlt. Die Frau war eine Witwe, ihr Mann war Schreinergehilfe gewesen, und sie brachte sich mit ihrer damals sechzehnjährigen, bleichsüchtigen Tochter schlecht und recht durch, indem sie sich von einer Volkssängertruppe als Garderobiere engagieren ließ. Ihre Tochter Anna half ihr dabei, und sie kamen meistens spät nach Mitternacht nach Hause. Er übrigens auch. Manchmal kam die Alte, der das Nachtwachen schon sauer wurde, früher. Dann blieb Anna bis zum Schlusse der Vorstellung. Sie begegneten sich so mitunter allein vor dem Hausthore oder auf der Treppe. Da passierte denn einmal die Geschichte. Uebrigens dauerte das Verhältnis nur kurze Zeit, aber es hatte Folgen . Als Anna ihren Zustand nicht mehr verbergen konnte, dachte er einen Augenblick daran, die Bude zu kündigen und sich in einem entgegengesetzten Bezirk einzuquartieren. Aber das hätte doch wie Feigheit ausgesehen. Gerade daraus konnten vielleicht unangenehme Dinge entwachsen. Er beschloß, lieber zu bleiben und den Verlauf der Geschichte abzuwarten. Doch er wartete umsonst. Die alte Frau verzog keine Miene, wenn sie ihm am Morgen die Stiefel vors Bett und den Kaffeetopf auf das Nachtkästchen stellte. Sie seufzte nicht einmal, sie sah ihn nicht einmal mit einem ungewöhnlichen, fragenden Blick an. Es gieng alles im alten Geleise fort. Als er nach den Osterferien wieder von zu Hause kam, war der Racker da. Ein strammer Junge, der Paul hieß. Warum gerade Paul? So viel Zartgefühl, so viel Takt hatte er den beiden gar nicht zugetraut. Das war wirklich schön von ihnen, ihn sogar nicht an das Peinliche des Vorfalles erinnern zu wollen. Dann spürte er so etwas wie Vaterstolz in sich. Donnerwetter, mit einundzwanzig und ein halb Jahren schon Vater. Jetzt hatte er die dummen Jungen-Schuhe wohl ausgetreten.

Als er einst von der Kneipe nach Hause kam, fand er die Thüre, welche sein Zimmer von dem der beiden Frauen trennte, nur angelehnt. Anna hatte wohl einen Krug frischen Wassers auf den Waschtisch gestellt. Er hörte die Mutter halblaut reden.

»Nein, Kind, die Geschichte ist nun einmal geschehen. Das hättest Du wohl nicht thun sollen, aber daran ist nun nichts mehr zu ändern. Das hätte gar keinen Sinn, jetzt ein Wesens davon zu machen. Wenn ich ihm was sage, so zieht er uns weg. Die Bude steht mir dann zwei oder drei Monate, sicher während der Ferien leer, im schlimmsten Falle noch länger. Er hat immer pünktlich bezahlt, sogar während der Ferialmonate. Wenn er fertig ist und weggeht, werde ich mit ihm reden. Er wird vielleicht monatlich 10-15 Gulden abgeben können für den Kleinen, wenn er einmal eine Anstellung hat. Das thut er auch. Und es ist besser, das in Frieden zu erlangen, als etwas mehr mit Verdruß. Glaub mir's.« 

Dann war's still. Er wunderte sich über diese vernünftige Frau und ärgerte sich über Anna, aber auch nicht zu sehr. Er konnte ihr nicht so Unrecht geben. Mein Gott, sie brachten sich ja hart genug durch, und sie dachte an ihr Kind. Im übrigen beschloß er, erst recht zu bleiben. Es gieng alles seinen gewohnten Gang. Im nächsten Wintersemester wurde er bei seiner Burschenschaft inactiv und begann, sich tüchtig auf die Hosen zu setzen, um zu studieren. Abends trug er sich kalten Aufschnitt nach Hause und ochste ganz gewaltig. Die beiden Frauen giengen um 7 Uhr fort und kamen fast täglich erst um Mitternacht wieder heim. Ruhe hatte er anfangs genug. Aber seit einiger Zeit begann das Kind regelmäßig um 11 Uhr erst zu wimmern, dann zu weinen und schließlich heulte der Balg in allen Tonarten, als ob er zerspringen wollte. Anfangs war Kellner darüber wüthend, denn er haßte Kindergeschrei, aber nicht mehr und nicht weniger, als wenn sich des Schusters Rangen im zweiten Stock unter ihm balgten. Nach und nach aber irritierte es ihn, daß es sein Kind war, das so gottserbärmlich greinte.

Es war zu toll, man konnte keinen gescheidten Gedanken fassen, nicht eine Zeile gieng einem ordentlich in den ohnehin des Studierens entwöhnten Kopf hinein.

»Aeh – äh – äh«, tönte es wieder zu ihm herein. Es war aber auch zu rücksichtslos, fortzulaufen und ein kleines Kind des Nachts allein zu lassen, ein kleines Kind, das sich nicht helfen und nicht rühren konnte. Eines von den beiden Frauenzimmern hätte doch zu Hause bleiben können. Anna zeigte sich wirklich als eine gute Mutter, das mußte man sagen.

Und er? Er war unzweifelhaft der Vater, und nun saß er da und kümmerte sich einen blauen Dunst darum, ob sein Kind da drinnen erstickte oder nicht. Aber er nahm sich steif und fest vor, das Geschrei auszuhalten, koste es, was es wolle. Wenn er nur einen Fuß über die Schwelle gesetzt hätte, welche sein Zimmer von dem seiner Quartiersleute trennte, so wäre ihm das wie eine stillschweigende Legitimation vorgekommen. Und den Gedanken hatte er von allen Anfang an weit von sich gewiesen. Nein, dieser Balg durfte ihm nie lästig oder gar hinderlich werden, er sollte seinen ferneren Lebensweg nicht kreuzen. Das war eine Jugendeselei gewesen, und alle Folgen davon wollte er sich wohlweislich vom Halse halten. 

Jetzt quäkte der Range mit einer so schneidenden, dünnen Stimme, daß es dem jungen Manne durch Mark und Bein schnitt. Das mußte aufhören, jetzt, sogleich, auf der Stelle. Was war auch dabei, wenn er einen Augenblick nach dem Kinde sah, vielleicht war es nur von seinen Kissen heruntergerutscht, er brauchte nur seinen Kopf höher zu betten und hatte Ruhe. Nein – die beiden Weiber konnten zufällig nach Hause kommen und ihn sehen. Das wäre dann der richtige Moment – da konnten sie ihn packen. Vielleicht warteten sie schon, weiß Gott wie lang, auf diesen Augenblick, auf diese Gelegenheit. Er that einen Blick auf die Uhr. Es war kaum elf. Vor Ablauf einer Stunde kamen sie sicher nicht heim. Er hatte noch so viel schöne Zeit vor sich und sollte die jetzt auf so dumme Weise verlieren. Und das Examen stand in bedrohlicher Nähe. Diese Anna hatte er sich doch nicht so rücksichtslos vorgestellt. Ihm so die kostbare Zeit zu stehlen.

Jetzt hockte er wieder, den Kopf in beide Hände gestützt, vor diesen schauderhaften Pandekten und büffelte mit wahrer Selbstverachtung darauf los. Wie flott es aber nun auch schon gieng. Er war ein ganzer Kerl, das mußte man ihm zugestehen. Er wird das Examen mit Glanz zwingen. 

»Aeh – äh – äh«, machte es nebenan wieder Musik.

Kellner lehnte sich in seinem Stuhle zurück, schloß die Augen, steckte beide Hände in die Hosentaschen und pfiff sehr leise vor sich hin. Er wollte warten.

Er wartete vergebens. Der Junge schrie unermüdlich. Plötzlich faßte er den Entschluß, nein – eigentlich keinen Entschluß, er handelte wie unter einem Befehl, wie unter einem fremden Willen. Er stand auf und gieng geradewegs auf das Nebenzimmer los.

Neben den beiden dürftigen Betten stand eine braunangestrichene Wiege. Es war so eigenthümlich. Dieser kleine, hölzerne Sarg war von einem weichen, dämmernden Licht umflossen, während tiefe Schatten das übrige Zimmer ausfüllten. Auf dem alten Kleiderkasten, der an der Wand stand und mit den beiden Betten eine enge Gasse für die Wiege bildete, brannte in einem kirschrothen Glase ein Licht vor dem Bilde der Maria. Eine Maria mit einem steifen, lächelnden Kopf und einem Leib, das ein regelrechtes Trapezoid bildete. Auch ihr Jesuskindlein war so unanatomisch gebaut.

Das Kind weinte jetzt leiser. Der Student gieng auf den Zehenspitzen an die Wiege heran. 

So ein kleines Kind ist eigentlich etwas recht Häßliches. Dieses runzlige Greisenangesicht in Miniatur, der zahnlose Mund, die kleinen Finger, welche sich einzogen und wieder streckten, das Ganze sah so hilflos, so kläglich aus. So ein Geschöpf muß wohl weinen, das ist ja sein Lebensberuf, so lange es eben in diesem Zustande lebt, in diesem Zustande der höchsten, der erbärmlichsten Schwäche. Etwas wie Mitleid kam über Kellner. Er sah seinen Sprößling ernsthaft an, dann strich er ihm die blonden, dünnen und nassen Härchen aus der Stirne. »Das Haar hat er von mir«, dachte er dabei, »das blonde, dünne Haar, denn Annas Haar ist grob und braun«. Dann tippte er mit dem Zeigefinger der rechten Hand dem Paul mitten auf die Stirne, zwischen die beiden, schütteren Augenbrauen. Der Kleine machte große, verwunderte Gucker und griff mit seinen ausgestreckten, dünnen Aermchen nach dem Finger seines Vaters. Das Spiel schien ihm zu gefallen. Er verzog seinen Mund, als ob er lächeln wollte. Plötzlich fieng er aber ganz unvermittelt wieder zu weinen an.

Ambros versuchte ihn zu beruhigen, er tätschelte seine Wangen, spielte vor den Augen des Kindes mit seiner glänzenden, silbernen Uhrkette und setzte die Wiege mit seinem Fuße in sanfte Schwingungen. Paul schrie immer lauter. Der Jurist ward förmlich verzagt, aber er dachte nicht mehr an seine eigene Ruhe, er wünschte, daß das kleine, verlassene Wesen einschlafen möge, damit es kräftiger und größer, stärker und somit weniger hilflos würde. Es fiel ihm ein, wie die alte Nanni daheim, die auch ihn aufgezogen hatte, seine jüngere Schwester, wenn sie halbe Nächte hindurch weinte, auf den Arm nahm und mit ihr in einem leichten, wiegenden Gang, leise summend durchs Zimmer schritt.

Er nahm vorsichtig, aber ungeschickt sein Kind aus der Wiege und fieng an, mit demselben im Polkaschritt hin und herzugehen. Dabei summte er Studentenlieder vor sich hin. Er hatte auch thatsächlich nach einem passenden Liede gesucht, und es fiel ihm, er wußte selbst nicht warum, als erstes die filia hospitalis, dann aber, wie das einem so oft vorkommt, gar keines mehr ein. Er fieng also ganz leise an:


Als crasses Füchslein kam ich her
Und spähte in den Gassen
Wo wohl ein Bett, ein Zimmer wär',
Den langen Leib zu fassen.


So sang er das ganze Lied mehrmals. Paul schrie zuerst unbekümmert weiter, dann weinte er nur mehr, zuerst laut, dann immer leiser und leiser, bis er ganz still wurde. Kellner erschrak, plötzlich vernahm er das Kind nicht mehr. Er blieb stehen, hörte zu singen auf und sah ihm ins Gesicht. Es schlief. Da gieng er wieder, den Oberkörper in den Hüften wiegend, langsam auf und ab und summte die filia hospitalis, diesmal wohl für sich, denn es war so still in dem Zimmer, das ihm mit einemmale so groß vorkam, mit seinen dunklen, unbeweglichen Schatten und dem weichen Licht, das aus dem kirschrothen Glase von dem alten Kasten über die Wiege bis zu den Betten der beiden Frauen niederströmte. Er dachte gar nicht mehr daran, heute noch etwas zu studieren, er hörte auch gar nicht die beiden Frauen die Treppe heraufkommen und bemerkte sie erst, als die Alte mit einer brennenden Küchenlampe hinter Anna in die Stube trat.

»Jetzt haben sie dich«, war sein erster Gedanke. Er erschrak nicht einmal. Die alte Frau setzte die Lampe auf einen Stuhl. Anna schien etwas verlegen zu sein und machte sich, nachdem sie ihren alten Mantel und ihr Kopftuch abgelegt hatte, bei der Waschschüssel zu schaffen. Ihre Mutter trat auf den jungen Mann zu und sagte ganz ruhig:

»Ich bitte Sie, Herr Kellner, geben Sie mir doch Pauli her. War er denn so unruhig?« 

»Nicht doch – ja – ein wenig – ich dachte mir –«

»Ich muß Sie recht sehr um Entschuldigung bitten, Herr Kellner, es wird gewiß nicht mehr vorkommen. Wissen Sie, von der nächsten Woche an geht nur mehr die Anna abends weg, und ich bleib' dann bei dem Racker da. Mir wird es ohnehin schon zu stark. Mein Gott, wenn man nicht mehr weit von den Siebzigern ist. Na – geben Sie nur den Paul her. Nicht wahr, er ist ein ganz wohlgenährter, fescher Bub? Nun, so Gott will, bleibt er uns gesund. Und nun seien Sie nur nicht bös', es wird ganz gewiß nicht mehr vorkommen.«

»Nein, nein, sicher nicht, wo denken Sie hin! Gute Nacht, Frau Wohanka. Gut' Nacht, Fräul'n Anna!«

»Gute Nacht, Herr Kellner, schlafen Sie gut, und lassen Sie sich's nur ja nicht verdrießen.«

Der Student zog die Thüre ganz sachte hinter sich zu, als fürchte er, den kleinen Jungen aufzuwecken. Dann begann er, sich langsam auszukleiden. Mit dem Studieren war es heute ohnehin nichts mehr. Er warf sich aufs Bett, blies die Lampe aus und versuchte einzuschlafen. Eine Weile hörte er noch die beiden Frauen herumhantieren, dann ward's ganz still. Paul rührte sich nicht mehr. 

Kellner fand keinen Schlaf. Er war in einer ganz eigenen Gemüthsverfassung. Nun hatte er eigentlich das Kind als das seine anerkannt, es war doch so etwas wie eine stillschweigende Legitimation. Und früher, mehr als ein Vierteljahrlang, hatte er Thür an Thür mit seinem Kinde gewohnt, ohne das leiseste Verlangen, den Buben auch nur einen Augenblick zu sehen. Wie er sich so von einem Gefühl plötzlichen Unbehagens beherrschen und überrumpeln lassen konnte! Jetzt werde er so bald nicht mehr loskommen, das wußte er. Er hatte die Ueberzeugung des Gefangenseins, er fühlte sich dem kleinen Wesen unterthan. Das gewann von Minute zu Minute immer mehr Macht über ihn. Nie mehr würde er in seinem Leben frei sein, immer würde ihn der Gedanke an dieses Kind, das er gleichsam auf der Treppe in die Welt gesetzt hatte, wie eine Fessel drücken. Er war Vater, er fühlte sich zu diesem Wesen gehörig, er, der sich geschworen hatte, daß ihm diese unüberlegte Stunde nie ein Hindernis in den Weg legen sollte. Er begann Paul zu hassen, diesen Ballast, welchen er sich aufgehalst hatte. Und warum? Ja, warum, das wollte er wissen. Wenn er doch stürbe! Aber er wird nicht sterben, er wird stark und gesund und kräftig werden, wird ihm ähnlich sehen – und ihm überall hinderlich sein. Hinderlich, nicht weil er einmal da war, mein Gott, da konnte man sich ja späterhin, wenn man in andere Verhältnisse kommen wurde, leicht loskaufen. Nein, aber hinderlich, weil er sich nun als zu ihm gehörig fühlte, weil er jetzt erst sein Vater geworden war. Diese psychische Kette ließ sich nicht durch ein paar Hundertguldennoten sprengen. Daher hatte er also stets instinctiv davor zurückgescheut, den Kleinen auch nur einen Moment zu sehen. Und heute war er mehr als eine Stunde mit ihm allein gewesen, hatte mit ihm gespielt, trug ihn auf seinen Armen, ja er hatte ihn sogar geküßt. Da gewann er über ihn die Macht. Das hätte er nicht thun sollen. Und jetzt nützte es ihm wohl auch nichts mehr, wenn er die Bude kündigte und fortzog. Da würde er sich schön lächerlich machen. Er würde doch alle Tage wiederkommen, wie ein Verbrecher, der zu dem Orte zurückkehrt, wo er sein Opfer erschlagen hat. Er verfiel nun langsam in Schlaf, ein Object nach dem andern ward aus der Sphäre seines Denkens gerückt, zuerst seine Zukunft, dann Paul und alles, was er mit ihm und für ihn zu thun gedachte, dann die beiden Frauen da drinnen, und es blieb ihm nur mehr die Erinnerung an den Augenblick, da er in das dunkle Zimmer trat und das weiche, dämmrige Licht aus dem kirschrothen Glase vor dem Bilde der Madonna über die Wiege strömen sah, und wie er dann auf dieselbe zuschritt, und daß das ein unüberlegter Schritt war. Und als er ganz nahe am Entschlummern und auch dieses Bild im Entweichen war, murmelte er noch halb unbewußt:

»Nein, das hätte ich nicht thun sollen! Nein, das hätte ich nicht thun sollen!« 



Aus meinem Skizzenbuch



Studienkopf.

Wirres, graues Haar, das ungepflegt auf eine wuchtige Stirn herabfällt über dunkle, stechende Augen. Da ein Strich, das ist Kummer und Noth, das sind schlaflose, in Sorgen durchwachte Nächte, hier ein Schatten um den schmalen Mund, das ist Kränkung und Bitterkeit, und diese Falte, die so scharf wie mit einem Messer geschnitten ist, das ist der niedergekämpfte, gebrochene Trotz, und diese herbe Linie –  Enttäuschung, und dieser Strich – Verzweiflung an der eigenen Schaffenskraft, und jener – Selbst- und Weltverachtung, und die feine Schattierung, die vielen, nuancierten Striche eine unendliche Verlassenheit, eine unaussprechliche Müdigkeit, ein dumpfes und stumpfes Sehnen nach Ruhe. Es ist nur ein flüchtig skizziertes Bild, ein Studienkopf. 



Morgendämmerung.

Und als sie zu sterben kam, sagte sie kein Wort mehr. Sie legte nur ihre Hand auf seinen Scheitel, und ihre abgemagerten Finger wühlten in seinem dichten Haar. Die Nachtlampe warf einen bläulichen Schein auf die weißen Kissen wie frühlingssattes Mondlicht. Nur ihre Augen lebten noch und blickten unverwandt zu dem kleinen Bronze-Christus über dem Bette. Kein Laut. Dann ein tiefer Seufzer, dann das Ende. Er lag noch lange so, bis er sich endlich erhob und die feuchten Haare aus der Stirne strich. Er war nicht mehr in dieser Welt. Er fühlte keinen Schmerz, nur Stille und Leere. Er war weit fort, dort unten im Süden, wo das blaue Meer Tang und Korallen an das Gestade wirft, und seltsame Fische ihre Köpfe über die Wellen stecken. Und tausend Sterne sanken wie Schnee in die lazurne, funkelnde Flut. Die Palmen rauschten, und der Pisang stand starr und steif in der versteinten, ruhigen Luft. 

Ein schriller Klang. Er fuhr sich über die Augen. Das wird die Milchfrau sein, dachte er. Die brauchte er doch nicht mehr. Er trank ja des Morgens stets einen Cognac, und ihre Lippen waren schon ganz kalt und blau geworden. 



Die alte Marquise.

Ich wohne einem alten Hause gegenüber, das gar nicht mehr in unsere Zeit paßt und mit seinen hohen Giebelfenstern wie mit verwunderten Augen in die ihm fremde Welt hinaussieht. Im ersten Stockwerk wohnt ein altes Fräulein, eine Marquise, mit dem schlanken Halse der Maria Antoinette und den zierlichsten, grauen Löckchen an den faltenreichen Schläfen. Sie trägt stets eine Haube von weißem Musselin und hat schmale, stolze Hände. Sie sitzt vor einem Tischchen und legt sich stundenlang mit zierlichen Bewegungen Patiencen. Sie muß wohl sehr alt sein. Ich stelle mir vor, daß sie in der Restaurationszeit geboren wurde. Manchmal aber glaube ich, sie sei ein Gespenst. Und das glaube ich immer am hellen Tage, wenn die Sonne durch das Giebelfenster eindringt und sich an dem kirschrothen Vorhang vorbei wie ein lichtrother Ring um ihren Hals schmeichelt. Dann sehe ich die alte Marquise, wie sie festen Schrittes, Stolz und Verachtung in ihren Mienen, auf die Guillotine losschreitet, von einem johlenden, betrunkenen Pöbelhaufen umringt. Und dann zuckt es in dem Sonnenlichte an dem rothen Vorhang nieder und blinkt wie ein Beil. Die alte Marquise lächelt und mischt mit ihrer feinen Hand die goldumränderten Karten. Am Fensterbrett stehen sechs Tulpen in altmodischen Blumentöpfen aus Meißner Porzellan, sechs steife, aristokratische, stilisierte Tulpen. 



Der Vicekönig.

Der Vicekönig von Neapel gieng am Tage Mariä Himmelfahrt auf die Galeeren seines Herrn, des Königs von Spanien, um sein Recht auszuüben, einen Sclaven, der dort seine harte Strafe verbüßte, dieselbe zu erlassen und ihn in Freiheit zu setzen. Er befragte einige derselben, die ihm zunächst standen und mit schweren Kugelketten an den Füßen belastet waren, warum und wie lange sie schon hier seien. Sie bemühten sich alle, ihn von ihrer Unschuld zu überzeugen. Ein fast schon ergrauter Kerl mit einem verwüsteten Gesicht und einer spitzen Hakennase weinte sogar, daß ihm dicke Thränen die Backen herunterliefen und rief die Madonna und den heiligen Isidoro, seinen Schutzpatron, zum Zeugen seiner Unschuld an. Nein, gewiß, er hatte nie jemanden auf der Landstraße um Geld erschlagen und beraubt. Nur einer, ein noch junger Mann mit düsteren, traurigen Augen, ein Sorrentiner, der sein Weib erdolcht hatte, weil die schöne Carmela, die allen Männern von Sorrent den Kopf verdreht hatte, ihm, der allein nachts nicht vor ihre Thüre kam, ins Ohr flüsterte, seine Giuseppina nehme von dem alten, reichen Kaufherrn aus Amalfi Ringe und Korallen und lasse ihn dafür ihren weißen Nacken küssen – nur dieser eine leugnete nicht. Der Vicekönig fragte ihn, ob ihn seine Unthat reue. Der Verbrecher schüttelte den Kopf, nein, und wenn sie wieder aufstände, würde er seine braunen, sehnigen Hände wieder um ihren schneeigen, schlanken Hals legen und ihn zusammenpressen wie – wie – nun wie damals: er athmete etwas schwer, und seine Zunge lallte wie die eines Betrunkenen. Aber sonst sah er dem hohen Herrn ruhig mit seinen stechenden, schwarzen Augen ins Gesicht.

Der Grande wandte sich an den Galeerenhauptmann: »Schicken Sie diesen Menschen fort, Sennor«, sagte er mit feinem Lächeln, »er verdirbt mir sonst alle diese ehrlichen Leute«. Dann strich er mit seiner Hand über den wohlgepflegten, spitzen Bart und spielte mit der goldenen Venetianer-Kette auf seiner Brust, an der ein Medaillon hieng, das ihm sein König einst in einer gütigen Stunde geschenkt hatte. 



Drei alte Frauen.

Als ich unlängst abends am Flußufer spazieren gieng zwischen dem graugrünen Röhricht und den steifen, braunen Schilfkolben und dem Ruf des Kiebitzes lauschte, kam ich an ein niederes Haus mit einem schiefen, moosbewachsenen Dach und kleinen, erblindeten Fenstern. Die hölzerne, eingesunkene Thür stand offen. Ich konnte ungehindert in das Innere blicken, in einen niederen Raum, dessen Hinterwand ein offener Feuerherd mit einem großen, rußigen Rauchmantel fast vollständig einnahm. An der Thürschwelle saß vor einem Spinnrocken eine alte Frau mit weißen Haaren und einem, von unzähligen Runzeln durchfurchten Gesicht. Das Rad schnurrte leise, es klang wie der Ruf einer jungen Rohrdommel aus weiter Ferne. Der Mond schien der Alten ins Gesicht, er hüllte mit seinem fließenden Licht das ganze Röhricht ein und spann einen milden Glanz über die sanft ansteigenden Wiesen bis zu den Schlehdornbüschen hinauf, in denen der Abendwind seufzte. Es war sonst ganz still. Im Mondlicht schimmerten die Fäden wie geschmolzenes Silber. Unter den knöchernen Fingern der Alten floß das Schicksal der Menschen dahin, verflocht und verstrickte sich. Unerschöpflich entquoll der Faden ihrer Hand. Jetzt betrachtete ich sie genauer, sie war vom Kopf bis zum Fuß in einen weiten, braunen Mantel gehüllt. Ueber dem Dache der Hütte rauschte eine Esche, und vom Flusse herauf kamen zwei andere Frauen ganz wie sie in weite, braune Mäntel gehüllt. Schweigsam mit stummen Gruß traten sie in die Hütte. Aus dem Schnurren ihrer Räder, hörte ich uralte Runensprüche, hörte ich die Schicksale der Asen und Menschen. Der Sturm kam von Jötunland und brauste in dem Gipfel der Esche Yggdrasil, silbern floß der heilige Brunnen der Urdh, ferne im unbestimmten Mondlicht schimmerten durch die langen Wolkenzüge die Zinnen von Asgard, und schweigsam spannen Urdh, Verdandi und Skuld die Lose der Götter und Menschen. Aber es waren doch nur zwei ganz gewöhnliche, alte Weiber und die Käthnerin, der die morsche Hütte eignet. Ich kenne sie ganz genau, die eine ist die Frau des Dorfhirten, die andere die Witwe eines Fischers, der vor sechs Jahren im Flusse ertrank, und der alten Liese habe ich schon vielemale ein Glas Ziegenmilch abgekauft. Aber die Nacht ist so silbern und so still, in der alten Esche braust der Nordwind, der Brunnen raunt und murmelt, und im Mondlicht spinnen drei alte Frauen in weiten, braunen Mänteln und mit schlohweißem Haar um das faltige Greisengesicht. 



Das blinde Kind.

Im Kies des Parkweges spielt ein blindes Kind. Seine Augen sind trübe und erloschen, glanzlos, wie das Lächeln seines Mundes.

Das Kind thürmt kleine Häufchen aus bunten Steinen auf und zerstört sie dann wieder mit tastender Hand. Tiefdunkel starrt der Himmel im sattesten Azur, wie eine Riesenkuppel aus einem einzigen, köstlichen Edelstein. Ein goldener Regen in lauen, großen Tropfen rieselt die Sonne über den stillen Park. Die Marmorstufen der Treppe, die zu einer kleinen Balustrade hinaufführen, schimmern wie mattes Silber, unbeschreiblich fein und seltsam. Die dunklen Blätter der Cypressen erscheinen wie geglättetes Ebenholz, und die dichten Kronen der Steineichen saugen das Licht auf und werfen helle Kringel auf den dunkeln Boden. Süß duftet die Topira.

Das Meer sendet eine kleine Bucht bis in den stillen Park. Dort ruht es unbeweglich wie ein kostbarer Spiegel aus geschliffenem Malachit. An den sanft ansteigenden Ufern wachsen unzählige Fliederbüsche. Sie stehen in voller Blüte. Die schweren Zweige neigen sich in einer Färbung von irisierendem Violett über das Wasser. Dazwischen schwanken im Winde die leichten, gelben, biegsamen Ranken des Goldregens. Die Gipfel der Fliederbüsche, steif und starr von Blütenbüscheln, schwimmen bläulichgrau in der Atmosphäre. Wie ein Reflex von erikafarbenem Sammet fließt darüber die warme Luft.

Schwalben durchschneiden pfeilschnell den Aether, laute Schreie ausstoßend, bald hoch in die glashelle Lichtflut aufsteigend, bald mit ihren glänzenden Schwingen die Gipfel der Fliederbüsche streifend.

Im Westen versinkt die Sonne hinter Orangen- und Lorbeerbäumen. Der Himmel erscheint wie ein sehr heller, feuchter Schiefer. Durchsichtige Wolken gleiten langsam von Westen nach Osten, feingeformt, wie weiße und hellblaue Blumen, die zu duftigen Hügeln aufgeschüttet wurden. In der Ferne, über den Anhöhen mit den in bläulichem Dunst verschwimmenden Kuppen gewinnt das Schiefergrau die durchsichtige Bläue des Ametyst. Feine Nebelstreifen ziehen sich durch die silbernen Schirme der Pinien. Licht und Farbe werden eins, ein betäubender Rausch, ein sinnenfreudiges Opferfest für das Leben. 

Im Kies des Parkweges spielt noch immer das blinde Kind mit den todten Augen und baut kleine Hügel aus bunten Steinchen, die es dann mit tastender Hand wieder verwischt. 



Die Madonna in der Nische.

Am Ende der Straße steht ein altes Haus mit einer halbkreisförmigen Nische neben dem Thorbogen. Aus dieser Oeffnung blickt eine blonde Madonna in silbergesticktem Kleide in die stille Gasse. Von Ferne tönt ein dumpfes Brausen, das Lärmen der großen Stadt, das wirre, unausgesetzte Lärmen. Aber die Heilige hört es nicht oder sie kümmert sich nicht darum. Zu ihren Füßen brennt in einem blauen Glase ein Lämpchen, und in porzellanenen Vasen zerfallen alte Blumen zu Staub, die schon rascheldürr und ganz braun geworden sind. Ich kenne sie gut, und ich liebe sie, diese stille, bescheidene Frau. Wir grüßen uns. Ich ziehe meinen Hut, wenn ich an ihr vorüberkomme, und sie lächelt, kalt und etwas geistlos, wie eben Holzbilder lächeln können.

Täglich kommt ein junges Mädchen, abends, wenn schon die Schatten der gegenüberliegenden Häuser die Nische in ein trauriges und geheimnisvolles Dunkel hüllen, und kniet auf den hölzernen Betschemel nieder. Sie ist schlank und sehr mager, ihre aschblonden Haare legen sich in einer einzigen Linie um ihr bleiches Gesicht. Ueber der schmalen Brust, dieser Brust eines schwindsüchtigen Jünglings, trägt sie ein dunkles, wollenes Tuch.

Sie betet lange. Dann gewinnen ihre Augen einen verschwimmenden, ekstatischen Glanz, und ihre Haare winden sich wie ein matter Lichtstreif um das zur Erde gebeugte Haupt. Dann und wann zerschneidet ein trockener Husten ihre Kehle und läßt ihren mageren Leib erzittern. Wenn sie aufsteht und fortgeht, erscheint sie oft wie ein Schatten, der an den Mauern der Häuser hingleitet und langsam verschwindet.

Es war an einem klaren Maiabend. Die stille Straße schien in ein Licht getaucht, wie wenn sie durch ein Prisma aus einem riesigen, hellen Topas beleuchtet würde. Zarte Farben irisierten in den Scheiben der Fenster, tönten sich in hunderterlei Abstufungen auf den gelben Facaden der Häuser und den grauen Steinen des Pflasters ab und schimmerten wie winzige Edelsteine in dem silbernen Kleide der heiligen Frau. 

Da kam das junge Mädchen mitten in der Straße langsam dahergegangen mit ihrem zagen Schritt, dem leicht zur Seite geneigten Kopf und der so süßen, müden Traurigkeit in dem bleichen Gesicht. Sie trug einen Strauß weißer Blumen zwischen den blutlosen, schmalen Händen. Als sie bei der Nische angekommen war, kniete sie wie immer nieder und ließ ihren Kopf auf ihre Hände niedersinken, deren Rücken flach auf dem braunen, wurmstichigen Holz des Betschemels lagen. Dann hob sie langsam den dünnen, blutlosen Hals bis in den Nacken zurück, daß das immer feiner werdende Licht das schmale Gesicht über und über mit einem leuchtenden Glanz bedeckte, mit einem Colorit, das ganz aus Milch, Licht und weißen Rosen gemischt schien. Sie streckte ihre anämischen Hände, diese Hände einer sterbenden, heiligen Königin, mit einer unendlich weihevollen Gebärde aus und legte die weißen Blumen zu Füßen der heiligen Frau nieder.

Der Frühling drang mit seiner Wärme bis in die stille Gasse und erfüllte die Luft mit einem unsäglichen Wohlbehagen. Es war, als sögen sogar die grauen Steine der alten Mauern diesen Hauch und Duft ein, als erfülle auch sie eine Sehnsucht nach dem Leben, die alte, die ewige, große Sehnsucht. Die weißen Blumen leuchteten. Ein krampfhafter, trockener Husten schnürte die schmale Brust des Mädchens zusammen, ihr mühsames Athemholen klang wie ein unterdrücktes Schluchzen, wie ein unermeßlich wehes Abschiednehmen. Ein rothes Licht mischte sich mit dem blauen, das aus dem kleinen Glase zu Füßen der Maria kam, zu einer mystischen Atmosphäre, in der das Silber auf dem Kleide der Madonna hart und spröde erschien, ihre Gesichtszüge wie aus Stein, sie selbst fast grausam mit ihrem ewig gleichen Lächeln über Freude und Schmerz, Dank und Bitte.

Das Mädchen stand auf und gieng langsam denselben Weg wie nun schon alle Tage mehr als ein Jahr.

Am anderen Tage aber kam sie nicht wieder. 



Der Zeisig.

In einem ganz kleinen Vogelbauer aus braunen Rohrstäben sitzt ein kranker Zeisig. Ich habe ihn im Frühjahr meiner kleinen Schwester gekauft, als sie selbst krank war und tagelang still in ihrem Bettchen liegen mußte. Damals sang er den ganzen Tag und hüpfte munter auf den Sprossen umher. Im Sommer nahm er täglich sein Bad in dem kleinen Glashäuschen, welches wir vor die Thüre seines Gefängnisses gehängt hatten. Jetzt aber macht er einen Pelz, steckt sein Köpfchen unter die Flügel und nascht nicht einmal von dem süßen Apfel, den ich in sein Freßnäpfchen gelegt habe. Singen will er schon lange nicht mehr, nur manchmal bringt er ein klägliches Piep hervor. Armer Matz! Komm, ich will Dir die Freiheit schenken. Die müde Herbstsonne wärmt die Astern und Georginen im Garten, es ist so still, kein Laut, kein Vogelruf. Flieg hinaus, kleiner Gesell, ich schenke Dir die Freiheit, die ich Dir im Frühling nahm und im Sommer. Geh, das Fenster ist offen. Er hüpft von seiner Stange und hockt nun unter der Thüre des Bauers, aber der dürftige Sonnenschein verführt ihn nicht. Seine kleinen, schwarzen Augen blicken mich sanft und klug an, und zutraulich setzt er sich auf meine Hand. Aber er will nicht fort, wenn ich ihn auch zum Fenster hinaushalte und ihm noch so freundlich zurede. Piep! Es klingt wie ein Vorwurf, dieses dünne, sieche Stimmchen.

Und Du hast Recht, mein armer, kranker Freund. Was nützt Dir die Freiheit im Herbst, wenn der Winter vor der Thüre steht, und Du Deines Lebens sonnigste Tage für Fremde vertrauern mußtest, für Fremde, die sich an Deinem heißen Schmerz eine Stunde wärmten. Du hast Recht, mein Freund, den, welcher den Tod im Herzen hat, lockt auch die Freiheit vergebens. 



Zwei alte Leute.

Ich kenne zwei uralte Leute, die gar nicht mehr in unsere Zeit passen. Er trägt stets einen alten, schwarzen Schlußrock und einen Cylinder von anno 1830, ist glattrasiert und geht am Sonntage mit einem Gebetbuche in der Hand in die Kirche. Seine Frau trägt Schmachtlocken und Zwirnhandschuhe, und beide haben so unendlich vergrämte Gesichter und so tiefe Falten und so viele Runzeln um die glanzlosen, erloschenen Augen. Sie wohnen schon mehr als ein halbes Jahrhundert in dem kleinen Städtchen und kennen doch nur zwei Wege, den zur Kirche und den zum Friedhof, der oben am Berge liegt, wo im Frühjahr die gelben Butterblumen auf den Gräbern wachsen. Aber um diese Zeit gehen sie nicht hin. Wenn jedoch die Immortellenkränze auf den schwarzen Kreuzen im Winde rascheln und die Wege naß und glitschrig sind, dann steigen sie alle Tage die kleine, enge Gasse hinauf und gehen langsam neben den alten Häusern hin, die auf sie gleichgiltig niederschauen, denn sie sind ja noch viel älter, und so alte Häuser bilden sich darauf eine Menge ein. Am Allerseelentag tragen sie eine Lampe mit rothen Glasscheiben hinauf und zünden darin ein Wachslicht an, dort ganz hinten in der Ecke, wo der wilde Rosenbusch auf dem kleinen Kindergrabe schon so groß geworden ist, daß er über die Kirchhofsmauer guckt. Von da ab kommen sie jeden Tag in der Abenddämmerung zu dem kleinen, eingesunkenen Hügel. In der Adventzeit legen sie leise, wie verstohlen einen Streifen Flittergold oder ein Stück Backwerk auf die schwarze, schmutzige Grabeserde. Und wenn am heiligen Abend die alten Häuser schier freundlich aussehen, und in jedem Stockwerk ein Tannenbäumchen mit unzähligen Lichtern die Fenster erhellt, dann schreiten sie mühselig, langsam und still den Berg hinauf. Niemand stört sie. Wer geht an diesem Tage unter die Todten? Dann schimmert ein kleines Bäumchen mit rothen, blauen und grünen Kerzchen unter dem entlaubten Rosenbusch, und auf einem blütenweißen Tuche liegen altmodische Kinderkleider und allerlei Krimskrams aus längst vergessener Zeit. Die beiden uralten Leute singen mit leiser Stimme und heiserem Ton ein altes Weihnachtslied, das niemand mehr im Städtchen kennt. Dabei laufen dicke, heiße Tropfen über ihre verschrumpften Wangen, wie kleine Regenbäche über ein gepflügtes Ackerfeld. Feiner Schnee umrieselt sie sachte, ganz sachte. Und ihre matten Augen glänzen, wie eben nur die Augen unvernünftiger Kinder und kindischer Greise glänzen.

Ja, es sind zwei uralte Leute, die gar nicht mehr in unsere Zeit taugen mögen. 



Die Andere.

Er hatte eine andere geheiratet, eine kleine, unbedeutende Blondine. Sie hatten ihm alle eingeredet, es wäre besser so.

»Was thust Du auch mit der andern«, hatten sie gesagt, »Du brauchst eine Frau fürs Haus, die zum Rechten sieht. Im übrigen heiratest Du ja zum zweitenmale, nicht Deinethalben, sondern Deiner Kinder wegen.«

So nahm er also die Unbedeutende.

Sie führte ihm die Wirtschaft, ordnete seine Kleider, besserte seine Hemden aus. Auch die Kinder waren stets nett angezogen, wenn sie zur Schule giengen, und zu Hause gossen sie keine Tinte mehr über den Teppich und keine Suppe übers Tischtuch. Kurz, es waren wohlerzogene Kinder, die vor Tisch beteten, nach Tisch vor Papa einen Knicks machten und bis zum Abendbrot über ihren Schulheften saßen. Fritz, der Aelteste, trug sogar schon eine Brille und gieng in die erste Lateinclasse. Am Sonntag hatten sie schwarze Sammthosen an, ebensolche Röcke und blanke Schuhe. Dann gieng Papa allein mit ihnen im Park spazieren um den großen Teich, auf dem stets bunte Enten und weiße Schwäne schwammen und nach den Brotkrusten schnappten, die ihnen der Papa zuwarf.

Die warme Maiensonne spielte in dem Geäst der Zitterpappeln und warf große, leuchtende Ringe auf den weißen Kies des Parkweges. Da kam die andere dahergegangen, die Bedeutende, die Künstlerin, von der sie sagten, sie habe ihre Weiblichkeit verloren und könnte keine Mutter mehr sein.

Die Kinder kannten sie gleich und stürmten auf sie zu. Und sie war lieb und freundlich mit ihnen wie in früheren Tagen, als Papa ihr noch die langen, schönen Hände küßte, und sie Mama zu ihr sagen durften. Sie nahm sie bei der Hand und erzählte ihnen Geschichten, keine unvernünftigen Weihnachtsmärchen mehr von den Heinzelmännchen und vom Knecht Ruprecht oder von der Frau Holle, die ihr Bett ausrüttelt, denn dazu waren sie jetzt zu groß geworden. Aber sie kannte so viele Länder, wo die Sonne das ganze Jahr gleich warm scheint, und die Palmen, welche sie zu Hause in irdenen Töpfen hatten, und die sehr klein waren, groß wie hier die Pappeln um einen Teich standen, der unendlich viel größer war als dieser künstliche. Sie nannte ihn das Meer. Davon hatten sie in der Schule gelernt. Wie rasch ihnen die Zeit vergieng. Papa drängte zum Aufbruch, Mutter warte mit dem Abendbrot.

Er gab ihr die Hand.

»Leb wohl, Margerite, sieh zu, daß es Dir immer gut gehe und verdiene viel Geld, das ist so nöthig zum Leben.«

Sie sah ihn verständnislos an. Nein, wie er sich verändert hatte, so hatte sie sich einstens täuschen können!

»Adieu, Paul, grüße mir Deine Frau.«

Sie küßte die Kinder und verschwand langsam hinter den blühenden Hecken.

Als Paul mit den Knaben beim Parkthor war, drehte sie sich um und sah ihnen lange nach. Jetzt that ihr nur mehr um die Kinder leid. Zu Hause bekamen die Jungens Schelte, denn sie hatten Flecken in den Hosen und wollten nicht schweigend essen, wie es sich schickt, sondern erzählten einander von den fremden Ländern, von denen sie nachmittags so viel gehört hatten.

»Nein, das wäre keine Frau für mich gewesen«, dachte er, »bei ihr wären die Kinder verwildert.« 

Die beiden Knaben mußten noch zwei Seiten in ihrem Schreibheft ausfüllen und wurden dann ins Bett geschickt.

Er las seine Zeitung, rauchte eine Cigarre und trank sein Bier. Seine Frau redete gar nichts. Sie zählte die Maschen an den Strümpfen, die sie fürsorglich für Pauls Kinder strickte. 



Der Abendstern.

Friedlich mit sanftem, silbernen Licht leuchtete ein Abendstern beim Anbruche der Nacht auf eine ferne Erde. Dort hatten die winzigen Menschlein ein großes Fest zu feiern. Sie zündeten tausend Lichter an, rothe, grüne und blaue, sie beleuchteten die Dächer ihrer Häuser und die Brunnen und Brücken, am meisten aber thaten sie sich auf einem großen Thurm zugute, den sie in eine wirkliche Flammensäule verwandelt hatten. Und gerade über diesem Thurm stand der Abendstern als ein gar bescheidenes Lichtlein. Die Menschen sahen ihn anfangs nicht, ihren treuen Freund, der ihnen schon so lange jede beginnende Nacht aus unendlicher Ferne einen freundlichen Gruß sandte. Aber endlich entdeckte ihn doch einer, und nun verhöhnten und verspotteten sie den Stern, nannten ihn ein Talglicht, warfen mit Kieseln nach ihm und fragten ihn, ob man nicht etwas Oel, etwa für einen Groschen, auf seine Lampe schütten solle, sie thäten es gerne. Ein winziger Knirps stellte sich gar auf die Fußspitzen, blähte seine Backen auf und that so, als ob er ihn auspusten wolle. Das verdroß den Abendstern, denn er war eigentlich eine gar gewaltige Sonne, tausendmal größer als diese kleine Erde da unten irgendwo in einem Winkel zwischen Sirius und Milchstraße. Und er gab sich einen tüchtigen Ruck und sauste auf den frechen Planeten los. Er hatte doch ein tüchtiges Stück zu laufen, so daß ihm ganz warm wurde, und das will bei einem Stern, der eigentlich eine Sonne ist, was heißen. Als er endlich angelangt war, war's aber ganz still und finster, und die kleine Erde war gar nicht mehr da. Sie war schon vor zehn Jahren, als der Stern noch eine geraume Weile zu laufen hatte, durch seine Hitze verbrannt. Ganz verduzt sah sich der Abendstern um. Das war unbesonnen von ihm gewesen, wem sollte er nun beim Anbruch der Nacht leuchten? Aber da entdeckte er tief unter sich eine neue, kleine Erde und fieng gleich an, sich pflichtbewußt wie ein richtiger Stern wieder um seine eigene Achse zu drehen. 



Blütenabende.

Der kühle Nachthauch drang vom Flusse herauf. In den Anlagen, die sich längs desselben hinziehen, träumt schon der Frühling in allen Knospen und den frischaufgebrochenen Blüten. Im Hintergrund starren im massigen Schwarz die Häuser der großen Stadt, die schon zur Ruhe gegangen ist. Lange Lichterreihen markieren breite Straßen, die sich in der Form immer mehr verengen und endlich in einem lichten Punkt zu endigen scheinen. In einem mit Kies bestreuten Rondeau, das von mannshohen Büschen eingefaßt wird, stehen zwei Menschen. Er trägt einen langen braunen Havelock, einen weichen Filzhut, schwarz mit grauem Band, graue Reithandschuhe an den Händen. Sie ist in ein dunkles Blau gekleidet, kleiner wie er, mit vollem Haar, das wie gelbe Rosen schimmert. Er streichelt diese weiche, ruhige Flut, kost mit dem Finger an ihren Ohrläppchen, beugt sich über sie und küßt sie zärtlich. Ich setze mich auf eine Bank, ihnen gegenüber, aber im Schatten, so daß sie mich nicht bemerken. 

Sie reden ganz leise miteinander. Plötzlich höre ich, wie sie weint, ganz still und in sich hinein. Dann spricht er immer eindringlicher auf sie ein, mit einer scharfen, herben Leidenschaft um den Mund, und seine weißen Zähne blitzen. Dann sprechen sie immer lauter, in jenem gedämpften, raschen Flüstern, das man so gut versteht, wenn sonst alles still ist. »Du verlangst Unmögliches. Du kannst mich gar nicht lieben, Fredi, sonst hättest Du nie so häßliche Dinge zu mir geredet.«

»Maud«, bettelt er, »laß mich nicht so leiden, was habe ich denn Häßliches verlangt, als ich Dich bat, ein Stündchen zu mir zu kommen. Sieh, wenn Du mit Deinen lieben, kleinen Händen ein wenig meine Stube ordnen würdest, so wird alles einen neuen Glanz bekommen. Alles wird mir dann so heimisch vorkommen, jedes kleine, unbedeutende Ding, das Du berührt hast, wird an Wert und Ansehen bei mir gewinnen. Mit einer Stunde machst Du mich reich.«

Sie schluchzt noch immer. Er wird dringender. »Sieh, so jung ich bin, so wenig kenne ich doch die Freude. Ich bin immer so allein. Bei mir zu Haus kann ich nie das an die Brust drücken, was mir das Liebste ist. Immer muß ich wie ein Verbrecher irgend einen verborgenen Platz mit Dir aufsuchen, irgend einen Winkel abends in den verlassenen Straßen oder in den dunkeln Anlagen, nur um mit Dir flüstern zu können. Das kommt mir wie ein Raub vor, ein Raub an uns selbst, an unserm Glücke. Sei gut, sei lieb, komm mit mir, nur auf eine Stunde, nur auf einen Augenblick, einen kurzen, kleinen, winzigen Augenblick.« –

»Nein, Fredi, nein, das kann ich nicht, das würde uns beide unglücklich machen. – Verlange das nicht.«

Der Goldregen, welcher in voller Blüte steht, nickt, und die frischen, grünen Blätter der Büsche rauschen. Ein leichter Windstoß fährt dahin und streut unzählige, weiße Sternchen auf meinen Hut und meine Schultern.

»Du thust mir weh«, höre ich sie sagen. Sie ist schon ganz wankend geworden. »Du zerquetschest mir die Finger. Laß los, bitte, laß los.« Jetzt spricht er mit einer unendlichen Weichheit in seiner Stimme und streichelt dabei zärtlich ihre Wangen. »Maud«, bittet er einfach, »Maud, Du weißt, daß ich mich so leer und verlassen fühle, seit ich meine Mutter verloren habe. Du allein könntest mir eine Stunde ausfüllen, in der ich mich zu Hause wähne, wie einst, wenn sorgsame Hände sich mit Liebe um mich bemühten. Einmal möchte ich wieder den warmen Schimmer eines eigenen Heims um mich fühlen, einmal wissen, daß ich nicht ganz allein unter Fremden bin. Statt dessen setzest Du mir Mißtrauen entgegen und bringst mich um ein Glück, das ich seit Jahren nicht mehr kenne. Das ist grausam. Du beleidigst mich, fürchtest Dich vor mir, wie wenn ich ein fremder Mensch wäre, der Dich auf der Straße angesprochen und eingeladen hat, mit ihm zu kommen.« –

»Fredi!« – »Täusche Dich nicht, wenn Du mich lieb hast, so wirst Du mir diese unschuldige Bitte erfüllen. Wir werden eine Stunde selig sein. Wenn Du mit Deiner altklugen Geschäftigkeit mir eine Tasse Thee kochst, sitze ich am Divan, rauche eine Cigarette und erzähle Geschichten. Dann kommst Du neben mich, wir nehmen das große Album auf den Schoß, und Du fragst bei jedem Bild, wer ist das und wer ist die, und lachst, wenn ich Dir von ihnen erzähle. Ja, nicht wahr, ja mein Herz, und gleich heute noch, jetzt? Bitte, bitte.« –

»N–ein.« – »Also nicht einmal den Gefallen willst Du mir erweisen? Aber morgen wirst Du mir wieder zehntausendmal betheuern und schwören, daß Du mich über alles lieb hast, daß Du ohne mich nicht leben kannst, daß ich Dein Theuerstes bin auf dieser Welt. Und nicht einmal ein wenig Sonnenschein willst Du mir ins Zimmer tragen. Es ist Dir ein zu großes Opfer, mich auf eine Stunde vergessen zu machen, daß ich niemanden, gar niemanden mehr habe, der mich liebt. Du könntest mit einemmale alles für mich werden, mir die Stunden wiederschenken, die ich seit dem Tode meiner Mutter mit blutendem Herzen vermisse. Du aber meinst, ich würde damit Mißbrauch treiben, mir selbst das Schöne dieser Augenblicke vernichten. Du hast eine nette Meinung von mir. Nicht einmal den Gefallen willst Du mir thun. Also nicht einmal diesen kleinen Gefallen?«

»Ja, ja, Fredi verzeih, es war recht albern von mir. Ich will Dir ja gerne Freude machen, wo ich kann. Vergib mir.«

Er küßt sie auf die Augen, sanft, zärtlich, und sie gehen, ohne mich zu bemerken, flüsternd an mir vorbei, dicht aneinander geschmiegt. Im Scheine einer Laterne tummeln sich zwei Falter, trunken von Liebe und Lust, entgegen. Der Goldregen nickt, von den Böschungen am Flußufer dringt der schwere, gesättigte, bräutliche Duft des Flieders durch die laue Nacht. Und es ist so still, so still. 



Am Kamin.

»Denkst Du noch daran?

Wir waren so jung, fast noch Kinder, und Du wolltest ins Kloster gehen und Nonne werden, und ich schwärmte fürs Militär.

Wie wir dazumal wohl den Frühling gesehen haben, unseren dürftigen, kalten Frühling in der weiten, stillen, nordischen Heide. Mit was für verschiedenen Augen!

Du sahst wohl nur den stillen, ersten Sonnenglast und die tausend kleinen, weißen und gelben Blüten, die Kätzchen an den Weiden, den ersten Falter und den geheimnisvollen Glanz in der glashellen Luft. Du hörtest nur die feinen, verschwiegenen Laute, die sich stumm der großen Stille vermählen, welche unser Heidedorf Jahr aus, Jahr ein umgibt, unsere erste Jugend wie Prinzessin Dornröschen umspann, mit einem so dichten, duftenden Schleier, daß wir sie heute wie ein Märchen empfinden. Ein Märchen, das uns Mütterlein erzählte, die nun in der sandigen Erde schläft, unter den fragenden Kinderaugen der Primeln und Aurikeln, unter den wilden Heckenrosen, die ihr schlichtes Kreuz über und über bedecken mit entblätterten, welken Blüten und neuen, prallen, frischen Knospen.

O, du verschollenes Märchen unserer ersten Jugend?

Denkst Du noch daran?

Wie ist alles so ganz anders geworden!

Wie hast Du Dich verändert, meine blasse Freundin, mit den gefalteten, frommen Händen und dem klaren, stillen, bittenden Blick. Du bist eine große Dame geworden und trägst Dein ruhiges, stolzes Haupt hoch über all dem Schwall, der Dich umbrandet.

Ja, Du bist eine »Dame von Welt«, und in der schwülen Atmosphäre Deiner Theater und Wintergärten, in all dem Duft der Tuberosen, des schmachtenden Jasmin und der künstlich überzüchteten Rosen erinnerst Du Dich wohl nicht mehr an den bescheidenen Blütenhauch der wilden, sturmentblätterten Heckenrose. Aber an warmen Sommerabenden, da athmet das rothe Heidekraut seine heiße Seele über die schweigende Ebene, und am Rande des Himmels stirbt das Licht und blutet schwere, große Tropfen. Der Abendwind hascht die bleichen Nebelfrauen, die ihn umschweben und ihn locken, bis sie ihn mit den Zipfeln ihrer Gewänder umwinden und nimmer loslassen. Da seufzt und wimmert er nun wie ein Kind, und der Mond, der alte Gauner, lacht dazu mit seinem vollen, breiten Gesicht.

Denkst Du daran? Weißt Du, was aus dem jungen, wilden Reiterofficier geworden ist? Was für ein stiller Mann?

Wie ich diese hellen, lauschenden Nächte liebe mit ihrem Frieden und ihrer kühlen Ruhe. Und wie ich alle Wege kenne auf meiner stillen, nordischen Heide, besonders den einen, der zum schmiedeeisernen Gitter des Kirchhofes führt. Dort, gleich rechts um die Ecke schläft Mutting unter Primeln und Aurikeln. Doch nein, jetzt blühen schon Astern und die violetten Herbstzeitlosen auf dem kleinen Hügel. Wie gleichförmig fließt doch mein Leben dahin, nur das Warten macht mir manchmal Pein, das Harren auf meinen bescheidenen Raum, sechs Schuh im Geviert, da wo in der Ecke, wo der Epheu so üppig wuchert, und am Morgen alle Heidevögel singen, Thau in den Kehlen, Perlen in den trillernden Tönen.

Und bin doch vor Dir gestanden mit irren Händen und mit dem tollsten Weh in der Brust. 

Und versprach Dir eine Welt des Glückes und der Seligkeit und einen nie endenden Rausch des Verlangens und der Begierde, und vergeudete doch einst alle Schätze der Welt mit einem Wort und kann heute nicht einmal das Wort mehr finden.

Denkst Du daran?

Aber damals schien wohl die Sonne wärmer, brannten die Blumen rother im Korn, und schwüler stieg des Abends der Duft aus den fetten Ackerkrumen, aus den blühenden Weizenähren, aus den schneienden, bienenumsummten Linden.

Die Sonne geht zur Rüste, aber als sie zu unseren Häuptern stand, flammte der hellste, heißeste Tag.

Denkst Du daran?