ngiyaw-eBooks Home


Marianne Hainisch – Der erste Bericht des österreichischen Frauenbunds.

Bericht

International Council of Women, with an introduction by May Wright Sewall (retiring president), Reports and addresses given at the third quinquennial reunion held in Berlin 1904, Vol. II, Boston, U.S.A., 1909, S. 83ff.

Dear President and Vice-President!
Hochschätzbarer Vorstand und werte Mitarbeiterinnen!


Seit den interessanten, erhebenden Tagen des Juni 1899 in London waren Sie – die Repräsentantinnen so vieler Kulturländer – meine freundlichen Hausfrauen, die mich, die Aussenstehende, in immer gleicher Herzlichkeit in Ihrer Mitte aufnahmen und förderten. Ich danke Ihnen heute dafür im Namen der österreichischen Frauen und in meinem eigenen, heute, wo ich eine der Ihren bin, da der B. ö. F.-V. ein Glied des International Council ist. Ich danke Ihnen, denn ohne Ihre opferwillige Hilfe wäre es mir nicht gelungen, das schwere Werk zu vollbringen.

Sie haben von mir 1900 in Paris, 1902 in Kopenhagen und 1903 in Dresden Bericht über den Fortgang meiner Mission empfangen und wissen daher, welchen Hindernissen in Österreich die Organisierung der Frauenvereine zu einem österreichischen Bunde begegnete und wie schwierig die Angliederung an den International Council of Women – Frauenweltbund – war. Wir Österreicherinnen haben die Schwierigkeiten zu überwinden, welche allüberall den Bestrebungen der fortschrittlichen Frauen entgegenstehen; auch wir haben das Herkommen, die Vorurteile, die Gesetzgebung, die Standesinteressen der Männer und die Teilnahmslosigkeit, den Stumpfsinn und die Kurzsichtigkeit vieler Frauen zu überwinden. Es sind das gar grosse Schwierigkeiten, die sie alle wohl kennen, aber in Österreich tritt der mächtige Klerikalismus hinzu, der allen modernen Ideen und Einrichtungen feindlich gesinnt ist, und da er die herrschenden Kreise beherrscht, diese zu Gegnern unserer Bewegung macht. Ganz ebenso hemmend wirkt der Nationalitätenstreit. Es ist mir nicht gelungen, die ungarischen Frauenvereine zur Bildung eines österreichisch-ungarischen Bundes zu bewegen, aber endlich habe ich die Freude erlebt, Ungarinnen als willkommene Gäste an unserem Frauentage in Wien zu begrüssen, wo sie den Entschluss fassten, einen Bund ungarischer Frauenvereine zu errichten. Dieser hat auch im April dieses Jahres seine konstituierende Versammlung abgehalten. Ein slowenischer Verein, an dessen Spitze hochintellegente Frauen stehen, ist dem österreichischen Bunde beigetreten, was wir freudigst begrüssen, dagegen haben wir auf die vielfachen Einladungen und Aufforderungen an czechische Frauenvereine bis nun auch nicht eine Antwort erhalten. Das ist um so bedauerlicher, als die Czechinnen in Böhmen und Mähren sehr regsam sind, Schulen und Vereine unterhalten und, wenn auch ganz isoliert, so doch in der Frauenbewegung stehen. Trotz diesen trüben Erfahrungen hat der B. ö. F.-V. nicht aufgehört, das Prinzip zu verfolgen, auf Grund dessen ich an die Organisation desselben ging, er ist dem Grundsatz treu, dass keinerlei konfessionelle, nationale oder politische Richtung darin zum Ausdruck kommen darf. Jede höher entwickelte Frau hat selbstverständlich ihre gefestigte religiöse, nationale und politische Überzeugung, für die sie einstehen wird und einstehen soll, aber nicht im Rahmen des Int. Councils; denn dieser hat soziale Arbeit zu tun, die davon unabhängig ist. Er hat für die Entwicklung, das Gedeihen und die Rechte aller Frauen, gleichviel welcher Partei, Nation oder Klasse sie angehören, seine Arbeit einzusetzen. Leider ist diese Auffassung bei den Frauen meines Vaterlandes noch nicht durchgedrungen, obzwar die Verbände der Männer nach Berufen ein Beispiel sein könnten.

Nicht ganz so schroff wie die Czechinnen, aber auch entschieden ablehnend verhalten sich die organisierten sozialdemokratischen Arbeiterinnen. Diese beteiligen sich nicht nur an der sozialdemokratischen Agitation ihrer männlichen Genossen, sondern deren Führerinnen haben einzelne Branchen organisiert und sie unterhalten ihr eigenes Organ, die »Arbeiterinnen-Zeitung,« in welcher das Streben nach Gleichberechtigung mit dem Manne zum Ausdrucke kommt. Wie bei den nationalen Frauen das nationale Interesse, so überwiegt bei den Sozialdemokratinnen das Klasseninteresse, so dass sie sich den bürgerlichen Parteien nicht anschliessen.

Die klerikalen Frauen halten sich entschieden von uns fern. Diese leisten in der »Charitas« Nennenswertes, obzwar sie meist die überlieferte Form des Wohltuns beibehalten nahen. Eine ansehnliche Organisation ist der christlichsoziale Frauenbund; er dürfte an 20.000 Mitglieder haben. Diese Mitgliedschaft legt keine andere Verpflichtung auf, als die Zugehörigkeit zur Partei und einen Mitgliedsbeitrag von einer Krone pro Jahr, dagegen gewährt sie den Zutritt zu vielen Festlichkeiten. Der christlichsoziale Frauenbund leistet der christlichsozialen Partei Gefolgschaft und wird indirekt von den Führern derselben geleitet, sowie dessen Organ, die »Österreichische Frauenzeitung«, von einem Manne redigiert wird. Da die klerikalen und christlichsozialen Frauen wohl eine Organisation, aber keine Frauenrechtsbestrebungen haben und bei den czechischen und sozialdemokratischen Frauen die nationalen und Klasseninteressen überwiegen, ist in Österreich nur eine langsame Entwicklung des Nationalen Councils zu erwarten.

Nach dreijähriger Vorarbeit fand im Mai 1902 die konstituierende Versammlung des B. ö. F.-V. mit 19 Vereinen als Mitglieder statt. Heute gehören demselben 35 Vereine an, die für die Schule in der modernen Armenpflege, für die Erwerbstätigkeit und die soziale Entwicklung der Frau, für die Verbreitung der Friedensidee und der Mässigkeitsbestrebungen tätig sind. Die Mitglieder derselben leisten eine bedeutende Summe an Arbeit, die sich schon heute segensreich erweist, obgleich manche Frucht derselben eist der Reife entgegengeht. Der Vorstand des Bundes steht im guten Verkehre mit den Mitgliedsvereinen, da sämtliche Protokolle denselben zugeschickt und in vielen Fällen ihre Meinungsäusserung verlangt wird.

Der B. ö. F.-V der in der Zeit seines Bestandes bestrebt, war die Organisation der Frauen zu fördern, hat sich für die Erhaltung der unentgeltlichen gewerblichen Fortbildungsschulen für Mädchen sehr eifrig, aber leider vergebens bemüht; hat ferner bei der hohen Regierung, wie wir hoffen nicht aussichtslos, petitioniert, dass Frauen berechtigt sein sollen, Vormünderinnen zu werden. Gegenwärtig haben nur die ehelichen Mütter und Grossmütter bedingungsweise dieses Recht. Von dieser Tätigkeit konnten wir im Juni 1903, als wir die zweite Generalversammlung einberiefen, an die sich der erste österreichische Frauentag schloss, Mitteilung machen. Das Programm, das von der Versammlung genehmigt wurde, hat die Fortsetzung der Agitation um Fortbildungsschulen für Mädchen an der Spitze, ferner die Bestellung weiblicher Gewerbeinspectorinnen, Petitionen um strenge Durchführung der Arbeiterinnenschutzgesetze, Bahnhofmissionen und eine Dienstbotenaltersversorgung. Die Arbeiten zur Durchführung dieses Programms sind begonnen, aber selbstverständlich ist ein Abschluss derselben nicht so bald zu erwarten.

Die neue Gemeindewahlordnung für Niederösterreich, welche der Landtag annahm, und die nun dem Kaiser zur Sanktion vorliegt, veranlasste uns, zu derselben Stellung zu nehmen; durch dieselbe werden alle Intelligenzwählerinnen, alle Personaleinkommensteuer zahlenden Frauen und alle Ehefrauen, deren Gatten das Wahlrecht besitzen, des aktiven Wahlrechtes beraubt, das sie seit 1849 besitzen. Es wurde eine diesbezügliche Petition ausgearbeitet und dem Minister des Innern überreicht, obgleich die derzeitigen Verhältnisse wenig Erfolg versprechen. Wir befinden uns ja in Österreich gegenwärtig in einer für unsere Bestrebungen höchst ungünstigen Zeit, lassen uns jedoch dadurch nicht entmutigen. Die Vorbereitungen für das Quinquennial gaben Anlass, unsere propagandistische Aufgabe durch Versammlungen und die Presse zu erfüllen. Zudem flösst uns eine Begebenheit, die uns freudig bewegt. Mut ein! Der Präsident des Reichsgerichtes Exzellenz Dr. Unger hat zum 100 jährigen Geburtstage unseres Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuches, der in das Jahr 1911 fällt, die Revision desselben vorgeschlagen und der Justizminister hat, dieser Anregung folgend, eine Kommission eingesetzt, der die ausgezeichnetsten Rechtslehrer Österreichs angehören. Den veränderten Verhältnissen entsprechend, soll das für die damalige Zeit aufgeklärte und ausgezeichnete Gesetzbuch die Änderungen erfahren, die die heutigen Tage erfordern. Damit fällt dem B. ö. F.-V. für die kommenden Jahre eine grosse Aufgabe zu, der wir unsere volle Aufmerksamkeit und redliche Arbeit widmen wollen.

So hoffen wir unserem Vaterlande und unseren Landsmänninnen zum Gewinn und würdig des »International Council of Women« in dem kommenden Quinquennial unsere Schuldigkeit zu tun. Unser Ziel ist die Vervollkommnung der Frau und der Gesellschaft und die Ebenbürtigkeit des Weibes.

Faksimile: Der erste Bericht des österreichischen Frauenbunds. als pdf (Auszug aus der Vorlage)

ngiyaw-eBooks Home