ngiyaw-eBooks Home

Peter Hamecher – Bild und Traum

Gedichte

Wegwalt-Druck Nr. 1, Wegwalt-Werkstatt, Wilhelmshagen, 1911


Otto Wächter
gewidmet



 
 

OPALE

Aus stillen Stunden tropft der Tau
schwermütiger Trauer dir hernieder
und formt sich dann zur kleinen Perle
von der Opale bleichem Glanz.

Ein Wunsch erfüllt nur deine Seele:
im goldnen Kronreif deiner Lieder
des seltnen Steines schillernd Leuchten
als edelstes Juwel zu bergen.

Aus stillen Stunden tropft der Tau
schwermütiger Trauer dir hernieder . . .



JUGEND

Wir überließen uns dem Weltenspiel,
dem weiten, uferlosen Lustverlocken;
von Gipfelhöhen riefen Sehnsuchtsglocken
und Stimmen unter unsrer Barke Kiel.

Auf fernsten Meeren waren wir daheim,
an Küsten, die ein Traumglück uns verhießen:
wir tranken, unersättlich im Genießen,
aus allen Dingen ihrer Schönheit Seim . . .



Wir hoben unsere Liebe
so hoch zum Licht empor,
daß sich die Spur der Erde
vor unserm Blick verlor.

Doch Erde läßt nicht von Erde;
sie bindet mit starker Kraft
und lockt mit dem Ruf der Tiefe,
wo Sturz und Abgrund klafft.



EROS

Ein holdes Bild von eines Meisters Hand,
der für den Schönheitsglauben seiner Seele
in deinem Wuchs und Antlitz sonder Fehle
ein Sinnbild und ein Siegel sich erfand:

So sah ich dich an einem Sommertag:
dem Bad entstiegen, liefst mit flüchtigen Füßen
den Hügel du hinan, das Licht zu grüben,
das reifesegnend auf der Landschaft lag.

Die schlanken Arme hoch emporgespannt,
standst du im Glanz; die jauchzende Gestalt
umbrandet von der Sonne vollsten Wogen.

Da war es, daß ich Bild und Ausdruck fand
für jener Schönheit göttliche Gewalt,
der ich in Traum und Sehnsucht nachgezogen.



MARIA MAGDALENA

Mit diesen Lippen, die den bittersüßen
Geschmack des Fleisches kaum vergessen hatten
und noch erzählten von der Lust Ermatten,
küßt' ich den Staub von meines Heilands Füßen.
 
Und dieses Haar, so blond und seidenfein,
wie oft lieb ich's durch meine Finger gleiten! —
ich wollt' es vor ihm her als Teppich breiten,
und all mein Gut sollt' ihm zu Diensten sein.

Treu folgt' ich ihm bis zu des Grabes Stufen,
und nicht die Einsamkeit ägyptischer Gefilde,
des Alters Asche löschte nicht die Gluten.

Aus Nacht und Wildnis höre ich verzückt sein Rufen,
und lächelnd winkt sein Antlitz mir, das milde,
wenn meine Glieder von der Geißel bluten.


MARIA

Sie war so arm und niedrig, daß der Fuß
der Gotteskinder ihre Spuren mied.
Am Heerweg bettelte ihr traurig Lied;
ein Reiter kam und bot ihr Hand und Gruß.

Noch kannt' sie nicht der Liebe strenge Haft.
Doch als sein Pferd er an die Weide band,
zerriß mit schnellem Griff sie das Gewand
und gab sich willig seiner wachen Kraft.

Sie war sein eigen, — zwischen Schlacht und Schlacht.
Dann stürmt er weiter; doch ein tiefes Glück
blieb morgendlich auf ihren hagern Wangen.

Sie trug es lächelnd in der Wälder Nacht;
und wie aus Träumen, fern, schaut sie zurück:
»Nun hat mein Herz das Licht der Welt empfangen.«


DER LIEBE ERBARMEN

Das ist ein Traum, der nie vergessen wird,
ein Glücksstrahl in dem Leben der Hetäre:
ein Bettelbub, belastet mit der Schwere
der Armut, war an ihre Tür verirrt.

Sein sanftes Bitten hat ihr Herz verwirrt;
und sie, geübt in mitleidvoller Lehre,
sann lange, welche Gunst sie ihm gewähre;
dann hat des Hauses Riegel leis geklirrt. — — —

Die ganze Nacht lag er in ihrem Arm;
den höchsten Rausch goß sie in seine Seele.
Und dann - sie lächelte in stillem Harm: —

Das ist ein Traum, der nie vergessen wird! —
daß ihm kein Tag des Glücks Erinnern stehle,
hat sich ihr Dolch in seine Brust verirrt.


PIONIERE

Wir sind von Lokis schmachzerfreßnem Stamme,
erfüllt von der Empörung rotem Hasse,
und jubelnd sehen wir, wie auf der Gasse
zur Carmagnole loht des Aufruhrs Flamme.

Wir standen einst allein auf hohem Damme,
und unten rang erschöpft die Sklavenrasse;
wir sandten Sturm: der wühlt, empor die Masse
wie Meeresflut vom Grund zum Wellenkamme.

Der Damm zerriß; Millionen drängen an;
wir wiesen ihrer Sehnsucht Ziel und Bahn
ins Land, das drüben in der Zukunft dämmert.

Wir haben auch die Axt für sie gehämmert,
die dumpfen Falls ans Tor der Burgen dröhnt,
vor deren Wällen ihre nackte Not gestöhnt.


VON LUCIFERS GESCHLECHT

Im Azur, auf den hochgetürmten Stühlen,
dort sitzen sie, die sich die Herren nennen
im weiten All; die kein Erbarmen kennen
und mitleidlos mit den Geschicken spielen.

Und auf der Erde nichts als Bücken, Kriechen,
der Unzucht Sud, des Elends schmutzige Plage,
und in der Oede die verlorne Klage
der müden Menschheit, und als Trost den Siechen,
 
daß nur das Schauspiel allzubald nicht ende,
davon die Götter wie von Weihrauch leben:
vom goldnen Alter jene grelle Lüge,

vom Reich des Friedens an der Zeiten Wende;
Trugbilder, wie sie Dichter hoffend weben,
den Blick in Fernen, leidverzerrt die Züge.



Doch wir, wir müssen in der Tiefe leben,
wo stumm des Abgrunds dunkle Schatten wallen
und Nebel sich zu Spukgestalten ballen,
die drohend ihre feuchten Schwingen heben.

Verfemter Chor von rastlosen Verfluchern,
entsenden wir zornschwere Tränenbäche
zu einem Teich, um dessen schwarze Fläche
in welker Luft nur Distelstauden wuchern.

Kein Nachen teilt den dumpfmetallnen Spiegel;
kein Hauch; nur über uns die breiten Flügel
der Schicksalsvögel, die so lautlos schweben . . .
 
Denn wir, wir müssen in der Tiefe wohnen,
Rebellen, aus des Lichtes Regionen
gestürzt, wo unsere Sitze sich erheben.



Wo schon der Blick dem Chaos angehört,
gelagert an des Weltalls fernsten Grenzen,
in einer Nacht, da keine Sterne glänzen;
Urvögel flattern, krächzend, aufgestört:

Wir lauschen auf der Erde dumpfes Stöhnen,
wie sie, ein Sklave, sich in Ketten windet,
auf spätem Lager keinen Schlummer findet. —
Und durch die Nacht die Eisenhämmer dröhnen.
 
Und Flammen loh'n empor wie Opferbrände,
und eine Sehnsucht, daß dies Schauspiel ende,
ein heißer Wunsch zur Himmelswölbung steigt:
 
»Die Sterne aus dem Aether loszuketten,
in's Nichts die müde Welt zurückzubetten,
bis einst der Urgrund eine schönre Blüte zeugt!«


STIMME IM DUNKELN

Wohin schwandest du,
mein Licht,
meine Sonne!

Zitternd und zagend
wie der Urmensch,
als das Zwielicht
zum erstenmal über ihn hereinbrach
und die Nacht ihn
zum erstenmal umschauerte,
lieg ich am Boden
und berge mein Antlitz
an der Erde.
Dunkel ist über mir,
und ich berge mein Antlitz,
damit ich die Schatten nicht sehe,
die im Dunkel huschen;
damit ich die Stimmen nicht höre,
die wie der Verstorbenen Stimmen
im Winde klagen.


Kehre wieder, meine Sonne,
daß wieder Licht werde
auf Erden!
daß ich nicht umkomme
in der Finsternis!

Kehre wieder!


DAS MÄRCHEN VOM TOD.

Es war zur Zeit, als die Menschen sich noch nicht balgten und drängten um ein armseliges Fleckchen Erde, darauf sie stehen könnten, und der Tod noch nicht als Würgengel, sondern als Freund und in sanfter Lieblichkeit wie der Traumgott sich den müde und ablebig gewordenen nahte . . .
Da zog der Tod eines Tages über die Erde, um zu sehen, was zur Sichelmahd gereift sei. Wie ein schöner freundlicher Königsknabe war er anzuschauen, wie er daherritt. Ein schwarzer Sammetmantel fiel bauschend von seinen Schultern nieder bis über das Hinterteil seines Pferdes. Um seine Stirn spannte sich ein schmaler Silberreif. Das Pferd ging langsam gemächlichen Trott; denn die Zügel ruhten lässig in der Hand des Reiters.
Das Tagwerk des Todes war getan. Sorglos blühendes Leben hatte er gesehen, das sich noch nicht nach seiner Umarmung sehnte. Und einer Allen, die schwer unter der Last ihrer Jahre keuchte, hatte er mitleidig die Bürde von dem verkrümmten Rücken genommen. Nun zog er auf seinem Rösslein sinnend des Weges.
In der Ebene, die er durchquerte, stand ein Haus, stattlich und leuchtend, mit Säulen und breiten Türbogen, ganz aus weissem Marmor erbaut. Wie Feuersbrunst spiegelte sich die sinkende Sonne in der glänzenden Fläche, die dem einsamen Reiter zugekehrt war. Als er dem Hause nahe kam, stürzte lachend und jubelnd eine Kette junger Menschen aus den Türen und verstellte ihm den Weg. Einer griff dem Pferde in die Zügel und bedeutete dem ob solcher Aufhaltung erstaunten Fremdling, dass er, gutwillig oder nicht, absteigen müsse, um im Schlosse der Jugend zu Gast zu sein. Wenn sie auch die Schönsten und Adligsten des Landes zu ihrem Kreise zählten, so hätten sie doch nie einen Jüngling von edlerer Anmut gesehen als ihn.
Kaum widerstrebend liess der Tod sich entführen, und bald sass er mit den andern epheubekränzt zur Tafel, der Schönste und Jugendlichste im Ringe erlesener jugendlicher Schönheit, die, wie alljährlich, im Schloss der Jugend das Dankfest des Frühlings feierte.
In stiller Fröhlichkeit sass der Tod bei den Menschenkindern. Da fühlte er einen Blick lange und zehrend auf sich ruhen. Eine der Jungfrauen konnte die Augen nicht von ihm lassen, so war sie gebannt von seinen schwarzen Augensternen, die ihr geheimnisvoll und anziehend dünkten wie brunnentiefe Schächte, auf deren Grunde Edelgestein funkelt. Nach einer Weile erhob sich der Tod und er befahl der Jungfrau mit seinen Blicken, dass sie ihm folgen musste zur Verschwiegenheit eines nachtrauschenden Haines. Dort hielt er sie in seinen Armen und herzte und küsste sie und raunte ihr Worte zu, Liebesworte, herrlich und dunkel wie das Leuchten seiner Augen.
 
 
In dieser Nacht stand der Tod vor dem Throne Gottes und heischte Urlaub. Er wollte zurück zu dem Menschenkind, das seine Schwarzaugen so liebte. Da lächelte Gott: »Gut! Fünf Jahre! Dein Amt mag ruhen unterdessen! Ich gebe dir diesen Urlaub. Fünf Jahre magst du dich deiner Menschenblume erfreuen. Du magst bei ihr liegen und sie herzen und küssen wie dich's gelüstet. Wenn aber die Frist verstrichen ist, sollst du selber sie mit einem letzten Kusse töten und sie in meinen Garten bringen.«
Das schien dem Tod ein preiswerter Handel.
Als der Morgen graute, stand er vor dem Lager des Mädchens, das er liebte. Er sagte ihr, er sei ein Königssohn, fern her, vom Aufgang der Sonne; und er hiess sie, sich zu ihm in den Sattel schwingen und mit ihm reiten in sein Reich. Und sie zog mit ihm, und nach manchen Tagen kamen sie in ein Land, dessen Thron verwaist war. Hier herrschte der Tod mit seiner Liebsten fünf selige Jahre lang; ihrem Glück aber deuchten die Jahre wie der Taumel einer einzigen Liebesnacht.
Als nun die Stunde nahe war, wo er am eigenen Weibe die Henkerpflicht vollziehen sollte, haderte der Tod mit Gott um die Erfüllung des Vertrages. Der Ewige aber blieb bei seinem Willen und er drohte dem Tode mit jenen Strafen, mit denen er Luzifer samt seiner hochfahrenden Schar gezüchtigt hatte. Da sah der Tod, dass jegliches Feilschen und Flehen vergeblich sei, und sein Herz tobte und raste in der Qual der bevorstehenden Abschiedsstunde. Aber er bezwang sich um seines Weibes willen.
Dann kam der letzte Tag. Der Tod nahm die geliebte Frau in den Arm und schritt noch einmal mit ihr hinaus in das lichtatmende Frühlingsland. Er sagte ihr nichts von dem, was bevorstand. Sie aber war voll Seligkeit, denn sie wusste nicht, dass der Tod es war, dem sie sich vermählt hatte. So besuchten sie noch einmal alle die Plätze, über denen Erinnerungen gemeinsamen Glückes träumten. Als sie aber an die Stätte kamen, wo sie vor Jahren zuerst den Grund ihres Reiches betraten, umarmte der Tod seine Gattin und küsste sie zum letztenmal, verschmachtend und gierig. Eine Welle seltsamer Wollust ergoss sich durch ihren Körper, während ihre brechenden Augen das Bild des geliebten Mannes, das ihr langsam zu entschwinden schien, festzuhalten suchten. Sanft liess der Tod den erstarrenden Körper niedergleiten. Dann nahm er die Seele und trug sie, aufschwebend mit starken Schwingen, die sich von seinem Gewande losfalteten, empor vor Gottes Thron.
Zur Nacht kehrte er in aller Heimlichkeit in sein Land zurück. Seine Seele war erstarrt in der Qual des ungeheuren Erlebens. Seine Züge waren fahl und verunstaltet. In seinen Augenwinkeln hockten Verzweiflung und Hass. Und sein Atem ging von ihm aus wie Gifthauch, der tötet. Er band sein schnellstes Ross, ausgreifender und flüchtiger als der Sturmwind, von der Krippe. Und aus der Rüstkammer nahm er das gehässigste und gierigste seiner Schwerter. Und ehe noch die Sterne am Morgenhimmel verloschen, stürmte er davon. In wenigen Stunden war sein Königreich nur noch eine ausgebrannte Sandwüste, so verdorrte alles Leben und zerfiel wie Zunder, wenn es der Pesthauch seines Mundes traf. Und nun raste er, vom Schmerz verzehrt zum scheußlichen Gerippe, auf seiner klapperdürren Mähre durch die Länder, und was ihm über den Weg lief, würgte seine Hand oder frass sein Schwert. Die Menschen aber zitterten, wenn sie seinen zerfetzten Mantel nur in der Ferne am Himmelsrand flattern sahen.
 
 
Damals begann das grosse Würgen auf der Erde, und Seuchen, Kriegsgreuel und Uebeltaten häuften sich.

 
 
 

DIES SAG'ICH DIR . .

Dies sag' ich Dir, dem ich dies Buch geweiht:
Ich war wie Einer, der auf morschem Boot,
das Stromes Aufruhr wirbelnd fortgerissen
und Gischt der Wogen schäumend überspeit,
hinunterschiebt ins Loos des Ungewissen.
Ein gurgelnd Schrein aus tiefer Angst und Not
wie blutiger Quell mir von der Lippe rann.
Doch plötzlich hub ich hell zu singen an,
ganz wie als Knabe in der Dämmerung,
wenn ich durch eines Liedes Schall und Schwung
zerbrechen wollt' der Zwielichtstunde Bann;
und Weisen kamen mir, wie nur der Tod
sie sehnend süß lockt aus Erinnerung.
So trieb ich hin vom Untergang bedroht,
und singend war mir, daß ich Seligkeit gewann.