ngiyaw-eBooks Home

[Peter Hamecher] – Gedichte eines Toten

Gedichte

verm. Max Spohr Verlag, Leipzig um 1906


A jeder Mensch hat halt ' ne Sehnsucht.

G. Hauptmann.

 


 

 

 

 

– – – – –

Faß Mut, mein Herz, wenn auch Alle gehn

Ein Mensch hat einst für Alle geblutet. – –

– – – – –

Sein Wort erstarb im Windeswehn,

der Sturm nur hat ihm die Stirne geküßt,

stets fand er der Menschen Wohnung verschlossen:

die Nacht war sein Leintuch, sein Kissen ein Stein,

Der Tau seine Nahrung, das Wasser sein Wein.

Sie schlugen ihn an das schwarze Gerüst,

für die er in Liebe übergeflossen.

 

Hamecher:

»Zwischen den Geschlechtern«.

 


Vorbemerkung.

Das hier zum ersten Male veröffentlichte Gedicht eines unbekannten Autors wurde mir auf vergilbtem Papier vor kurzem aus Köln übersandt. Es stammt aus dem Jahre 1860; der Verfasser schickte es kurz vor seinem Tode an einen Freund, welcher, nun auch schon hochbejahrt, es vor einiger Zeit hervorsuchte, um es mir zu übermitteln. Vor vierzig Jahren wäre die Veröffentlichung dieses Manuskriptes wohl ein Ding der Unmöglichkeit gewesen; heute, wo die Lösung des homosexuellen Problems in immer weiteren Kreisen als eine nicht mehr zu umgehende »sittliche Forderung« empfunden wird, wirkt es im höchsten Maße aktuell. Als Kunstwerk an die mehr als drei Jahrzehnte später verfaßte Ballade Oscar Wildes aus dem Zuchthause zu Reading erinnernd, steht es als markerschütternder Aufschrei, als flammende Anklage eines gequälten Menschenherzens dieser Dichtung kaum nach. Mich, der ich fast seit zehn Jahren die Lebenstragödien so vieler Homosexueller verfolge, haben diese in ihrer Schlichtheit so wuchtigen Verse aufs tiefste erschüttert, ich hoffe und wünsche, daß sie noch  so manchem anderen Leser »Mitleid und Schrecken« einflößen mögen und viele, welche durch die große Fachliteratur, die Bände der Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen und andere wissenschaftliche Werke nicht bekehrt werden konnten, eindringlich überzeugen, daß es endlich an der Zeit ist, einem Unrecht ein Ende zu bereiten, das mit jedem Tage seines Bestandes an Größe und Grauenhaftigkeit zunimmt.

 

Dr. Magnus Hirschfeld.




Die Trennung.

Pudet haec opprobria dicere nobis?


Wir seh'n uns wieder. – Laß das Weinen!
Leb wohl! – Die Scheidestunde schlägt.
Was schaust Du mich mit feuchten Blicken
So traurig an und so bewegt?
 
Die Tränen, die Dir jetzt entfließen,
Weil Dir ein Freund von hinnen zieht,
Die trocknen schnell. Bald ist die Trennung
Dir ein verklungenes Schmerzenslied.
 
Doch andre Tränen werden kommen,
Die Furchen Dir ins Antlitz ziehn.
Und Schmerzen, die ins Ohr Dir flüstern
Des Wahnsinns grause Melodien.
 
Noch kränzt das Lockenhaar, das dunkle,
Ein heitres, sorgenloses Haupt, –
Doch, armer Freund, es kommt die Stunde,
Wo man Dir Scherz und Frohsinn raubt.
 

Du trägst wie ich den Kains-Stempel.
Auch Dir hat die Natur geschrieben
Den Fluch ins Herz: Schuldlos zu leiden,
Im Aug' der Welt, – Schuldvoll zu lieben!
 
Und wenn dereinst mit blut'gen Zähren
Ein Mutterherz sich von Dir reißt,
Wirst du den Schmerzensbecher leeren,
Wirst lernen was er dulden heißt.
 
Wenn Dir ein Vater flucht: »Geschändet
Hast meines Hauses Ehre Du;
Von meiner Schwelle sei verstoßen!
Zieh' hin – und find' nicht Rast noch Ruh! –«
 
Wenn selbst der Schönheit lichte Gabe
Dein Brandmal wird, der Welt zum Spott,
Dann wirst Du Dich, dem Wahnsinn nahe,
Verzweifelt fragen: Lebt ein Gott?!
 
Und wieder wird Dein Geist sich sammeln
Und sprechen: Wohl, ein Gott ist da.
Er schuf die Menschen, – doch sie schufen
Den Priester und den Paria.
 

Zwar leuchtet seine Sonne jedem;
Doch Menschen-Hochmut, blöd, gemein,
Hat uns verdammt, in Gottes Eden
Der Menschheit Paria zu sein.
 
Ihr Weisen dünkt Euch so erhaben,
Ihr wollt des Weltalls Bau erspähn,
Und könnt, so nah vor Euerm Auge,
Den kranken Nächsten nicht verstehn.
 
Er, der den Menschen rief zum Leben,
Der ihm den Geist gab und die Triebe,
Er gab auch uns das Recht zu fühlen;
Er schuf auch unsre Art der Liebe.
 
Man höhnt den Lahmen nicht, den Blinden,
Der sichtbar sein Gebrechen trägt.
Wie kommts, daß unser Seelenleiden
Man stets ans Kreuz der Schande schlägt?
 
Ist's nicht genug, daß wir im Alter
Einst einsam dastehn und allein?
Daß nie aus hellen Kinderaugen
Uns lacht des Glückes Sonnenschein?
 

Wenns wahr ist, was die Priester sagen,
Es sei die Liebe Gottes Hauch,
Dann ist es die in unserm Herzen
So gut wie Eure Liebe auch – –.
 
Doch du, mein Freund, dem noch ihr Odem
Den Busen freudetrunken schwellt,
Ich lasse Dich zurück so einsam,
Ein schwankes Rohr im Sturm der Welt.
 
Wenn Dir der Schönheit Rosenkränze
Zur Dornenkrone werden einst,
Könnt ich dann nah dir sein, – Dich trösten
Und helfen, wenn Du einsam weinst!
 
Mit meinem Herzblut wollt ich waschen
Die Flecken Deines Rufes rein. –
Doch ich bin fern und trag im Herzen
Dein Bild nur – wie im Totenschrein.
 
Vor deinem Gotte will ich knieen,
Zu Deinem Heiligen will ich flehn:
O schützet diesen armen Jüngling,
Laßt mich ihn lächelnd wiedersehn!
 

Nach Jahren.

Einst kommt der Tag, wo all unser Blut kommt
über Edom, denn Gott ist ein rächender Gott.




Und als ich endlich kam zurück,
Und wieder nach Dir fragte,
»Herr, tot ist lange, den ihr sucht!«
Man mir als Antwort sagte.
 
»Das war ein Träumer. Er ging scheu
Und einsam durch das Leben,
Bis er – kein Mensch erfuhr: warum –
Sich selbst den Tod gegeben.«
 
Ein trüber Abend war's als ich
Zu Deinem Grab gegangen;
Der Himmel schwarz und sterneleer,
Mit Wolken überhangen.
 
Ein dunkles Wetter zog herauf,
Die fernen Blitze lohten, –
Ein feierliches Leichenamt
Für Dich, den lieben Toten.
 

Ich weinte still an Deiner Gruft,
Und wandte mich zum Gehen.
Beim ewigen Gott! Da sah ich Dich
Leibhaftig vor mir stehen.
 
So schön wie Du im Leben warst,
Nur ernster, finst'rer, bleicher.
Es ruhte still Dein Blick auf mir,
Dein dunkler, schmerzensreicher.
 
Du zeigtest stumm auf Deine Brust,
Wo rot die Wunde brannte.
Bewußtlos sank ich in den Staub, –
Und als ich mich ermannte,
 
Da warst Du fort; – der Sturmwind schrie,
Zur Erde Blitze fuhren.
Ich aber habe Gott geflucht
Und seinen Kreaturen.
 
Die ihr der Menschheit Satzung schreibt,
Ihr klugen, weisen Denker, –
Sein Blut – sein Blut komm über Euch!
Denn Ihr seid seine Henker!
 

Für jede bitt're Träne, die
Genetzt hat seine Wangen,
Will ich da droben Rechenschaft
Vor Gottes Thron verlangen.
 
Ahnt Ihr denn nicht, daß Ihr in uns
Natur und Schöpfer kränket,
Wenn Ihr verdammt, verhöhnt, verflucht,
Was Gott in uns gesenket?!
 
Es ist von Gott, es kommt von Gott, –
Gott hat es uns gegeben.
Er gab im Leib des Mannes uns
Des Weibes Seelenleben.
 
Wir würden wahrlich lieber auch
Auf Eure Weise lieben,
Als lebenslang verachtet stehn
Bei Mördern und bei Dieben.
 
Wie Ihr die Rosen blühen seht
Auf üppigen Frühlingsauen,
So sehen wir begierdelos
Den schönen Wuchs der Frauen.
 

Und wenn Ihr fragt, ob wir denn nicht
Der Sinne Reiz empfinden,
So ist's, als ob Ihr lachend sprecht
Von Farbenpracht dem Blinden.
 
Uns widerstrebt, was Euch entflammt.
Es schaudern unsre Sinne;
Gefühllos wenden wir uns ab
Beim Kusse Eurer Minne.
 
Die Liebe aber, die Ihr schmäht
Mit eklen Lästerreden,
Ist rein uns wie des Himmels Licht,
Wie Frühlingsluft aus Eden.
 
Und wenn Ihr redet: Unnatur!
Welch lügnerisch Geschwätz!
Es ist Natur – uns ist's Natur!
Uns ist's Naturgesetz!
 
Doch ob wir schwören tausendmal,
Daß man uns so geboren,
Und daß sich keiner ändern kann,
Wir schwören tauben Ohren.
 

Was gilt des Nächsten Jammer Euch! –
Sinds doch nicht Eure Schmerzen!
Euch ist es gleich, ob Ihr zerbrecht
Millionen wunder Herzen.
 
Ihr dürft den Becher wilder Lust
Bis auf die Hefe leeren,
Und laßt in ewigem Höllendurst
Und Dualen uns verzehren.
 
Doch wenn der Trieb uns übermannt,
Wir kaum die Lippe netzen,
Zeigt Ihr den Kerker uns und sprecht:
»So stehts in den Gesetzen!«
 
Fluch! darum – Fluch! dem Strafgesetz; –
Fluch denen, die's geschrieben!
Ihr habt in Wahnsinn, Raserei,
Zum Selbstmord uns getrieben.
 
Ihr könnt Gerechtigkeit uns wohl
Verweigern hier auf Erden, –
Doch einst kommt der Vergeltung Tag,
Wo Recht auch uns muß werden.
 

Wo wir im gramentstellten Chor
Vor Gottes Antlitz treten
Und sprechen: »Diese sind's, die uns
Entwürdigt und getreten;
 
Die uns für vogelfrei erklärt,
Gelästert und gepeinigt,
Die unser Lebensglück zerstört.
Die lachend uns gesteinigt.«
 
Dann will ich Dich, mein toter Freund,
Vor Gottes Antlitz tragen
Und sagen: »Herr, dies war Dein Knecht; –
Die sind's, die ihn erschlagen!«
 
Und mit mir werden Tausend nahn
Mit Leichen, blutgerötet,
Und mit mir werden Tausend schrein:
Die sind's, die ihn getötet!
 
Und in des Richters Hand wird nicht
Die ewige Wage schwanken.
Er weiß es wohl, was wahr und echt,
Sieht Herzen und Gedanken.
 

Er sieht in Leib und Seele uns,
Erkennt die Wundenmale,
Und schwer von unsern Tränen sinkt, –
Sinkt nieder Eure Schale.


 

 

In Ionien und überhaupt in Gegenden, die unter der Oberherrschaft von Barbaren stehen, gilt die Sitte für schmählich; Liebe unter Jünglingen teilt den bösen Ruf, welchen Philosophie und Gymnastik genießen, weil sie der Tyrannei gefährlich sind; denn das Interesse der Herrscher verlangt, daß ihre Untertanen arm an Geist sind und kein starkes Band der Freundschaft oder Geselligkeit unter ihnen bestehe.

Xenophon.

 

Der Verbrecher, der den ganzen Fluß der Umstände kennt, findet seine Tat nicht so außer der Ordnung und Begreiflichkeit wie seine Richter und Tadler; seine Strafe aber wird ihm gerade nach dem Grade von Erstaunen zugemessen, welches jene beim Anblick der Tat als einer Unbegreiflichkeit befällt.

 

Nietzsche.