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Bret Harte – Brown von Calaveras

Erzählung

Bret Harte, Brown von Calaveras Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1873, 2. Band, S. 1182ff. (Übersetzerin Sophie Verena)


Ein gedämpfter Ton in der Unterhaltung, die Abwesenheit von Tabakswolken an den Fenstern der Postkutsche von Wingdam, machten es ersichtlich, daß sich eine Dame unter den Reisenden befand. Die Hinneigung der vor den Stationen herumstehenden Neugierigen, sich an die Fenster des Wagens zu drängen und ihren Kragen, Röcken und Hüten einige Aufmerksamkeit zu schenken, bewies ferner, daß die Dame jung und hübsch sein mußte. Alle diese Beobachtungen und Schlüsse machte Jack Hamlin von seinem Platz auf dem Bock aus mit einem Lächeln cynischer Philosophie. Nicht daß er das weibliche Geschlecht verachtete; aber er erkannte in demselben ein betrügerisches Element, dessen Nähe und Umgang die Männer zuweilen von den eben so unberechenbaren Gunstbezeugungen des Spieles abzog, dem Jack Hamlin sich unwiderruflich professionsmäßig ergeben hatte.

Als er seinen schmalen Stiefel auf das Rad des Wagens setzte, um sich von seinem hohen Sitz hinunter zu schwingen, warf er nicht einmal einen Blick in das Fenster des Wagens, aus dem ein grüner Schleier flatterte, sondern er schlenderte mit jener seiner Classe eigenen achtlosen und zugleich ernsten Gleichgiltigkeit auf und ab, welche vielleicht der guten Lebensart am nächsten kommt. Seine ganze Erscheinung bis auf den fest zugeknöpften Rock, und seine vollkommen ruhige Miene bot einen auffallenden Gegensatz zu der fieberhaften Unruhe und der geräuschvollen Beweglichkeit der anderen Passagiere, und selbst die am besten aussehenden staunten dem einsamen Philosophen mit seinem blassen griechischen Antlitz und seinem homerischen Ernste sehr nach.

Als der Kutscher den Ruf zum Einsteigen erschallen ließ, kehrte Jack Hamlin zum Wagen zurück. Sein Fuß stand auf dem Rade und sein Gesicht war mit den offenen Fenster der Postkutsche in gleicher Höhe, als in demselben Moment die schönsten Augen, die Jack je gesehen, den seinigen begegneten. Er stieg ruhig wieder herunter, sprach einige Worte mit einem der im Wagen sitzenden Passagiere, nach welchen dieser ihm seinen Platz im Innern der Kutsche überließ. Jack Hamlin erlaubte niemals seiner Philosophie sich in seine impulsive und entschiedene Handlungsweise hindernd einzumischen.

Ich fürchte, daß dieses Sicheindrängen von Jack den übrigen Reisenden eine Art Zwang auferlegte – besonders denen, welche bemüht waren, sich der Dame sehr angenehm zu machen. Einer derselben neigte sich zu ihr und schien ihr eine Bemerkung über Jack Hamlin's Profession zuzuflüstern und zwar in einem einzigen vielsagenden Wort. Ob Jack es hörte, ob er in dem Redenden einen berühmten Juristen erkannte, dem er erst vor wenigen Abenden einige tausend Dollar abgewonnen, vermag ich nicht zu sagen. Sein farbloses Gesicht verrieth nichts davon, seine schwarzen Augen blickten gleichgiltig über den Herrn fort und hafteten auf dem unendlich mehr anziehenden seiner Nachbarin. Ein indianischer Stoicismus – man sagte, es sei ein Erbtheil von mütterlicher Seite – leistete Jack Hamlin gute Dienste, bis die Räder des Wagens über den Kiesweg am Flusse entlang bei Scott's Ferry rollten und vor dem Internationalen Hotel hielten, in dem das Mittagsmahl eingenommen werden sollte. Der Jurist und ein Mitglied des Congresses sprangen eilig hinaus, um der Göttin beim Aussteigen behülflich zu sein, während Oberst Starbottle aus Siskiyou ihren Sonnenschirm und Shwal in seine Obhut nahm. In dieser Fülle von Aufmerksamkeiten entstand eine momentane Verwirrung und Verzögerung. Jack Hamlin öffnete ruhig die entgegengesetzte Thür des Wagens, erfaßte die Hand der Dame – mit jener Sicherheit und Bestimmtheit, welche ein oft zögerndes und unentschiedenes Geschlecht so sehr bewundert – und half ihr eben so schnell als geschickt aus dem Wagen heraus und auf die Plattform hinauf. Ein hörbares Lachen vom Bock kam von dem andern Cyniker, »Yuba Bill«, dem Kutscher. »Sehen Sie nur gut nach dem Gepäck, Oberst!« sagte der Conducteur mit angenommenem Ernst, während er Oberst Starbottle nachblickte, der, mit allen Sachen seiner Gottheit beladen, ziemlich mürrisch dem Triumphzuge nach dem Wartezimmer folgte.

Jack Hamlin blieb nicht zum Mittagessen. Sein Pferd stand schon gesattelt, seiner harrend. Er sprengte über die Furth, den Hügel hinan, der staubigen Straße nach Wingdam zu, wie Einer, der eine unangenehme Empfindung zurücklassen will. Die Einwohner der am Wege stehenden Hütten beschatteten ihre Augen mit der Hand und blickten dem tollkühnen Reiter nach, ihn an seinem Pferde erkennend und fragten sich, was wol der »wilde Jack« wieder haben möchte. Aber ihr Interesse für das schöne Pferd, das er so »abhetzte«, war doch noch größer.

Die mit Schweiß bedeckten Weichen seines Grauschimmels brachten Jack endlich zur Besinnung zurück. Er zügelte seinen Lauf und sich einem Seitenpfade zuwendend, der als der kürzere Weg galt, trabte er langsam und gemächlich dahin, die Zügel achtlos in seiner Hand haltend.

Während er weiterritt änderte sich der Charakter der Gegend und wurde ländlicher, Lichtungen in dem Dickicht von Fichten und Platanen zeigten einige rauhe Versuche von Cultur – blühender Wein war um die Vorhalle einer Hütte gerankt, und eine junge Frau wiegte ihr Kind unter den Rosen einer andern. Etwas weiter hin traf Jack Hamlin einige nacktbeinige Kinder, welche in einem mit Weiden umstandenen kleinen Bache wateten; und einer seiner ihm eigenthümlichen Scherze gewann die Gunst der Kleinen so, daß sie sich erkühnten zu ihm auf's Pferd hinaufzuklettern und immer stürmischer und zudringlicher wurden, bis er sich mit einigen Küssen und etwas kleiner Münze von ihnen loskaufte.

Als er immer tiefer in die stillen Wälder drang, wo alle Spuren von Bewohntheit aufhörten, fing er an zu singen – mit einem unbeschreiblich süßen Tenor, in dem ein so zarter rührender Pathos lag, daß die Rothkehlchen und Hänflinge erstaunt darauf lauschten. Jack Hamlin's Stimme war nicht geschult und ausgebildet, aber es bebte darin eine Fülle des Klanges, eine Innigkeit des Ausdruckes, welche geradezu herzergreifend wirkten. Sein Lied war ein sehr gefühlvolles, den Negersängern entlehntes. Es bot wirklich einen wunderbaren Anblick diesen sentimentalen Taugenichts zu sehen, mit einem Spiel Karten in seiner Tasche und einem Revolver auf dem Rücken, der so süß und schwermüthig durch die Wälder die Klage an »seiner Nelly Grab« dahinsang, in einer Weise, welche die Augen der Lauscher mit Thränen füllte. Ein Finkenfalk, der soeben sein sechstes Opfer gefordert, erkannte vielleicht in Jack Hamlin einen verwandten Geist und starrte ihn verwundert an, die Ueberlegenheit des Menschen halb gezwungen zugestehend. Mit einer überwiegenden räuberischen Fähigkeit begabt, konnte er doch nicht singen.

Endlich befand sich Jack wieder auf der Landstraße und ritt von Neuem eilig dahin. Gräben und Aushöhlungen, Aufschüttungen von Kies, halbabgetragene Hügel, gefällte Baumstämme nahmen die Stelle des Waldlandes und der Bergwasser ein, und verkündeten die Nähe der Civilisation. Dann erschien ein Kirchthurm am Horizonte, und jetzt wußte Jack, daß er zu Hause sei. In wenigen Minuten sprengte er funkensprühend durch die einzige enge Straße, die sich in einem Chaos von Gräben, Aufschüttungen und Biegungen am Fuße des Hügels verlor. Vor dem »Magnolia Salon« stieg Jack Hamlin ab. Durch die lange Schänkstube gehend, stieß er eine grüne Friesthür auf, trat in einen dunklen Corridor, öffnete mit einem Hauptschlüssel eine zweite Thür und befand sich in einem matt erleuchteten Zimmer. Obgleich die Ausstattung für diese Localität elegant, ja kostbar war, trug sie doch Zeichen von Abgenutztheit. Der eingelegte Tisch in der Mitte des Zimmers war mit Zeichen und Einschnitten bedeckt, die seiner Schönheit Abbruch thaten. Die gestickten Armstühle waren verblaßt und die grüne Sammetottomane, auf welche sich Jack Hamlin warf, zeigte am Fußende Spuren der rothen Erde von Wingdam.

Hier in seinem Käfig sang Jack nicht. Er lag ganz still und blickte auf ein in grellen Farben gemaltes Bild, welches ein junges mit verschwenderischen Reizen ausgestattetes, weibliches Wesen darstellte. Zum ersten Mal fiel es ihm auf, daß er niemals eine derartige Frau gesehen, und daß, wenn er ihr wirklich begegnen sollte, er sich höchst wahrscheinlich nicht in sie verlieben würde. Vielleicht dachte er an einen andern Stil der Schönheit. In dem Augenblick wurde an die Thür geklopft. Ohne sich zu erheben, zog der Liegende an einer Schnur, welche wohl einen Riegel zurückschieben mußte, denn die Thür öffnete sich und ein Mann trat ein.

Der Neukommende war breitschulterig und kräftig von Gestalt – doch zeigte sich diese Kraft nicht in seinem Gesicht, das, obgleich hübsch von Zügen in seiner Schlaffheit und Blässe deutliche Spuren von Ausschweifung trug. Er schien sich auch jetzt in einem Zustande leichten Rausches zu befinden, denn er zuckte zusammen, als er Jack Hamlin sah und in großer Verlegenheit stammelte er:

»Ich glaubte Käthe sei hier.«

Jack lächelte jenes ihm eigenthümliche Lächeln, das schon in der Wingdam Postkutsche auf seinem Gesicht gelegen; er richtete sich auf, vollkommen erfrischt und zum Geschäft bereit.

»Du kamst nicht mit dem Wagen?« fuhr der Andere fort, »oder doch?«

»Nein, ich verließ ihn bei Scott's Ferry. Er wird erst in einer halben Stunde hier sein. Aber wie steht es mit Deinem Glück, Brown?«

»Verwünscht schlecht«, erwiederte Brown, wobei sein Gesicht einen Ausdruck jämmerlicher Verzweiflung annahm. »Ich bin wieder ausgeplündert – ganz fertig Jack«, fuhr er in kläglichem Tone fort, der einen bemitleidenswerthen Gegensatz zu seiner mächtigen Gestalt bildete, »kannst Du mir nicht bis morgen einige Hundert borgen? Du weißt, ich muß meiner Alten Geld nach Hause schicken, und – Du hast schon zwanzig Mal so viel von mir gewonnen.«

Der Schluß war vielleicht nicht ganz logisch; doch Jack übersah das, und händigte seinem Besuche die gewünschte Summe aus.

»Die Geschichte mit Deiner Alten ist nun bald abgenutzt, Brown«, bemerkte er beiläufig; »weshalb sagst Du nicht, daß Du wieder spielen willst? Du weißt, Du bist nicht verheirathet.«

»Doch mein Herr«, antwortete Brown mit plötzlichem Ernst; als ob schon die Berührung des Goldes mit seinen Fingerspitzen ihm einige Würde verliehe. »Ich habe eine Frau und zwar eine verd– gute, wie ich selbst bekennen muß, dort in den Staaten. Es sind drei Jahre vergangen, seit ich sie gesehen, und zwölf Monate habe ich ihr nicht geschrieben. Wenn die Dinge hier endlich in Schwung kommen und wir die Goldmine finden, werde ich sie herholen lassen.«

»Und Käthe?« fragte Jack Hamlin mit seinem frühern Lächeln.

Brown von Calaveras versuchte kühn auszusehen, um seine Verwirrung zu verbergen, was ihm aber mit seinen schlaffen Zügen und seinen nicht ganz klaren Sinnen schlecht gelang und er erwiederte:

»Verwünscht; aber Jack, ein Mann muß doch auch etwas Freiheit haben. Doch komm, wie wär' es mit einem Spielchen? Gieb uns die Möglichkeit, die geliehene Summe zu verdoppeln!«

Jack Hamlin sah seinen einfältigen Freund mit einem seltsamen Blick an. Vielleicht wußte er, daß der Mann prädestinirt war, das Geld zu verlieren, und er zog es vor, daß es in seine Tasche zurückfließen solle, statt die eines Andern zu füllen. Er nickte zustimmend und zog seinen Stuhl zum Tisch heran. In diesem Augenblick wurde an die Thür geklopft.

»Es ist Käthe«, sagte Brown.

Jack Hamlin zog an der Schnur und die Thür flog auf. Aber zum ersten Male in seinem Leben schwankte er auf seinen Füßen, ganz erschreckt und beschämt; zum ersten Male in seinem Leben schoß das warme Blut ihm in sein blasses Antlitz, daß es bis zur Stirn sich färbte. Denn vor ihm stand die Dame, der er aus der Postkutsche geholfen, die Dame, welche Brown – die Karten fallen lassend – mit krampfhaftem Lachen in dem Ausrufe begrüßte:

»Meine Alte, Kreuzelement! meine Alte!«

Man erzählte sich, Frau Brown sei in Thränen und Vorwürfe gegen ihren Gatten ausgebrochen. Ich sah sie im Jahre 1857 in Marysville und glaube nicht an die Geschichte. Im Wochenblatt von Wingdam las man bald darauf mit der Ueberschrift: »Rührende Wiedervereinigung« Folgendes: »Einer der schönsten, erhebendsten Vorfälle, dem californischen Leben eigen, trug sich in der verflossenen Woche in unserer Stadt zu. Die Gattin eines der bedeutendsten Pionniere von Wingdam, die der verbrauchten Civilisation des Ostens und seines ungastlichen Klimas müde war, beschloß ihren edlen Gatten an diesem goldigen Strande auszusuchen. Ohne ihn von ihrer Absicht in Kenntniß zu setzen, unternahm sie die lange Reise und langte in der vorigen Woche hier an. Die Freude ihres Mannes kann besser gedacht als beschrieben werden. Die Begegnung soll unendlich rührend, ja herzerschütternd gewesen sein. Wir hoffen und wünschen, das Beispiel möge Nachahmung finden.«



Ob es dem Einfluß seiner Frau oder irgend einer andern glücklichen Speculation zuzuschreiben war, Browns financielle Lage besserte sich von dem Tage an sichtlich und stetig. Er zahlte seinem Partner dessen Antheil an dem Schacht »Glück auf« aus, mit Geld, das, wie Einige versicherten, nach seines Weibes Ankunft im Spielen gewonnen sei, während Andere – nach Frau Brown's Aussage: »ihr Mann hätte das Spielen verschworen« – einfach erklärten, Jack Hamlin habe die Summen hergegeben. Brown baute und richtete das »Wingdam Haus« ein, das durch der hübschen Frau Brown große Beliebtheit immer von Gästen überfüllt war. Er wurde zum Gemeindevorstand erwählt und gab der Kirche reiche Spenden, ja man bekam sogar eine Straße in Wingdam mit seinem Namen.

Dennoch fiel es allgemein auf, daß in dem Maße, wie er reich und angesehen wurde, er blaß, mager und unruhig ward. Als seiner Gattin Popularität noch mehr zunahm, zeigte er sich launenhaft und verdrießlich. Als ein seiner Frau nur zu ergebener Ehemann wurde er abgeschmackt eifersüchtig. Wenn er nicht die sociale Freiheit seiner Frau beschränkte, so geschah es, wie das boshafte Gerede ging, weil sein erster und einziger derartiger Versuch einen solchen Sturm des Zorns von ihrer Seite hervorgerufen, daß sie ihn zum Schweigen eingeschüchtert. Viel solchen Geschwätzes kam von ihren Mitschwestern, welche die reizende Frau in den ritterlichen Aufmerksamkeiten der Männerwelt von Wingdam ausgestochen, die, wie die meiste populäre Ritterlichkeit, einer Bewunderung der Macht dargebracht wurde, ob diese aus männlicher Kraft oder weiblicher Schönheit hervorging. Es sei auch noch zu ihrer Beschönigung gesagt, daß sie seit ihrer Ankunft die unbewußte Priesterin einer mythologischen Anbetung geworden, die vielleicht für ihre Weiblichkeit nicht veredelnder war, als die, welche eine ältere griechische Demokratie auszeichnete. Ich glaube, daß Brown sich alles Dessen dunkel bewußt sein mochte. Aber sein einziger Vertrauter war Jack Hamlin, dessen unglücklicher Ruf natürlich eine offene Intimität mit der Familie ausschloß und dessen Besuche sehr selten vorkamen. –

Es war eine Mondnacht im Hochsommer, und Frau Brown, hübsch, rosig, mit strahlenden Augen wie immer, saß auf der Veranda, den frischen süßen Weihrauch der Bergluft einathmend und, wie zu fürchten stand, noch einen andern Weihrauch, der weniger frisch noch ganz so unschuldig sein mochte. Neben ihr saßen der Oberst Starbottle und der Richter Boompointer, und ein neuer Zuwachs ihres Hofstaates, in Gestalt eines fremden Touristen. Frau Brown war in der besten Laune.

»Was sehen Sie dort auf der Chaussee?« fragte der galante Oberst, der bemerkt hatte, wie die Aufmerksamkeit der anmuthigen Frau sich in den letzten Minuten von ihnen gewandt.

»Staub«, erwiederte Frau Brown mit einem Seufzer. »Nur Schwester Emma's Schafheerde.«

Der Oberst, dessen literarische Erinnerungen sich nicht weiter erstreckten als bis zur Zeitung der letzten Woche, hatte eine praktischere Ansicht von der Sache.

»Es sind nicht Schafe«, sagte er, »es ist ein Reiter. Ist das nicht Jack Hamlin's Grauschimmel, Richter?«

Aber der Gefragte wußte es nicht; und da Frau Brown bemerkte, die Luft werde zu kalt, um länger draußen zu weilen, zogen sie sich in's Zimmer zurück. –

Der Besitzer des Hauses, Brown von Calaveras, befand sich im Pferdestall, wohin er sich meist nach dem Mittagessen zurückzog. Vielleicht wollte er damit seine Verachtung der Genossen seiner Frau zeigen, vielleicht fand er gleich anderen schwachen Naturen Vergnügen in der Ausübung der Macht über unvernünftige Thiere. Es war ihm eine Art Genugthuung eine kastanienbraune Stute zu dressiren, die er schlagen oder liebkosen konnte wie es ihm einfiel, was er natürlich seiner Frau nicht bieten durfte. Hier bemerkte er ein gewisses graues Pferd, welches soeben in den Stall gezogen worden war, und nicht weit davon stand der Reiter. Brown's Begrüßung war herzlich und freundschaftlich, die Jack Hamlin's etwas gezwungen. Aber aus Brown's dringende Bitte folgte er diesem die Hintertreppe hinauf, durch einen schmalen Corridor nach einem kleinen Zimmer, das auf den Stallhof hinausging. Es war sehr einfach ausgestattet mit einem Bett, einem Tisch, einigen Stühlen und einem Ständer zu Waffen und Peitschen.

»Dies hier ist meine Heimat, Jack« sagte Brown, indem er sich auf's Bett warf und seinem Gefährten einen Stuhl herschob. »Ihre Zimmer liegen am andern Ende der Halle. Seit mehr als sechs Monaten führen wir ein ganz getrenntes Leben, treffen uns nur bei den Mahlzeiten. Es ist schön für den Herrn des Hauses, hier zu wohnen, nicht?« sagte er mit gezwungenem Lachen. »Aber ich bin froh, Dich zu sehen, Jack, verd– froh!« und er erfaßte von Neuem die fast widerstrebende Hand des jungen Mannes und drückte sie herzlich. »Ich führte Dich hier herauf, um nicht dort im Stall mit Dir zu reden, obgleich es ja doch die ganze Stadt weiß. Zünde kein Licht an, wir können hier im Mondschein plaudern. Stelle Deine Füße auf jenen Schemel und rücke her zu mir – mach Dir's bequem, mein Junge! Dort im Krug ist Whisky.«

Jack Hamlin nahm keine Notiz von der Bemerkung. Brown von Calaveras drehte sein Gesicht der Wand zu und fuhr fort:

»Wenn ich diese Frau nicht liebte, Jack, würde es mich nicht viel kümmern. Aber sie zu lieben und zuzusehen, wie sie Tag für Tag ihren eigenen Weg geht, ohne daß Jemand ihr Einhalt thut, das wurmt mich! Doch ich bin so froh Dich hier zu haben, Jack, verd– froh!«

Er tastete im Dunkel umher, bis er seines Gefährten Hand gefunden, und gedrückt; er würde sie in der seinen behalten haben, doch Jack zog sie fort und steckte sie in seine Brusttasche, indem er achtlos sagte:

»Seit wie lange ist es so zwischen Euch?«

»Seit dem Tage ihrer Ankunft, seitdem sie den ersten Schritt in die »Magnolia« setzte. Ich war damals ein Narr. Jack, ich bin es noch, aber ich wußte früher nicht, wie sehr ich sie liebte. Und sie ist seitdem nicht dieselbe Frau wie sonst.

»Das ist aber nicht Alles, Jack, o, ich sehnte mich so mit Dir darüber zu sprechen, deshalb bin ich so erfreut, daß Du gekommen bist. Es ist nicht, daß sie mich nicht mehr liebt, nicht daß sie jedem Mann, der in ihre Nähe kommt, den Kopf verdreht, denn vielleicht habe ich ihre Liebe auf's Spiel gesetzt und verloren, wie ich ja alles Andere in der Magnolia verlor, und

Kokettiren ist mancher Frau zweite Natur und es kommt weiter nichts Böses dabei heraus, als für die armen Narren, die sich die Flügel versengen. Aber Jack, – ich glaube – ich glaube, sie liebt einen Andern. Rücke nicht fort von mir, Jack, rücke nicht fort; wenn Deine Pistole Dich genirt, lege sie fort!

»Es sind mehr als sechs Monate jetzt, daß sie sich unglücklich und verlassen zu fühlen scheint und nervös und angegriffen, trotz alles Lachens und Scherzens. Und zuweilen bemerke ich, wie sie ganz verstohlen mit einer Art Scheu und Mitleid nach mir blickt. Sie schreibt auch an Jemand. Und die letzten Wochen hat sie viel in ihren eigenen Sachen gekramt, und Kleinodien und Putz zusammengepackt – und Jack, ich fürchte, sie will mich verlassen. Ich könnte Alles ertragen, nur das nicht. Wenn sie sich wie ein Dieb von mir fortstehlen wollte . . . .«

Er drückte sein Gesicht tief in die Kissen und einige Minuten hörte man keinen andern Laut als das Ticken der Uhr auf dem Kaminsims. Jack Hamlin zündete sich eine Cigarre an und trat zum offenen Fenster. Der Mond schien nicht mehr in das Zimmer herein und das Bett und die darauf ruhende Gestalt befanden sich im Schatten.

»Was soll ich thun, Jack?« fragte die Stimme aus dem Dunkel.

Die Antwort kam schnell und klar vom Fenster her.

»Fordere den Mann und tödte ihn auf der Stelle!«

»Aber, Jack!« –

»Er hat die Folgen seines Handelns zu tragen.«

»Doch wird das sie mir zurückgewinnen?«

Jack antwortete nicht, doch ging er vom Fenster zur Thür.

»Geh noch nicht fort, mein Junge; zünde das Licht an und setze Dich an den Tisch. Es ist schon ein Trost, Dich nur zu sehen.«

Jack zögerte, dann willfahrte er. Er zog ein Packet Karten aus der Tasche, nach dem Bett hinblickend und mischte sie. Aber Brown's Gesicht war der Wand zugekehrt. Nachdem Jack Hamlin die Karten gemischt, nahm er ab und legte eine Karte auf die entgegengesetzte Seite des Tisches dem Bett zu und eine vor sich hin. Die erste war eine Zwei, die seinige ein König. Er mischte und nahm wieder ab. Diesmal hatte der »Strohmann« eine Dame und er eine Vier. Jack blickte gespannt auf das dritte Geben. Es brachte seinem Gegner eine Zwei und ihm wieder einen König. »Zwei Mal von dreien« sagte der junge Mann halblaut.

»Was meinst Du. Jack?« fragte Brown.

»Nichts.«

Jetzt versuchte er es mit dem Würfelspiel, aber er selbst warf immer hohe Zahlen, meist Sechsen, während sein imaginärer Gegner ganz niedrige Würfe that. Die Macht der Gewohnheit ist oft verwirrend.

Indessen hatte irgend ein magnetischer Einfluß, Jack's Nähe entströmend, oder der Genuß des Branntweins, vielleicht Beides zusammen, eine Linderung des Schmerzes gebracht und Brown war eingeschlafen. Jack Hamlin zog seinen Stuhl zum Fenster und blickte auf die Stadt Wingdam, über welche die Ruhe der Nacht lag – die harten, unschönen Umrisse sahen weich aus, ihre grellen Farben waren gedämpft durch das Mondlicht, das Alles mit magnetischem Schein umfloß. In der tiefen Stille ringsumher konnte er das Murmeln des Wassers in den Gräben hören und das leise Rauschen der Bäume jenseits des Hügels. Er blickte zum Firmamente empor und in dem Augenblick schoß eine leuchtende Sternschnuppe aus den glänzenden Gefilden zur Erde herab. Gleich darauf noch eine und wieder eine. Dies Phänomen sollte Jack als eine neue Vorbedeutung dienen. Wenn in der nächsten Viertelstunde wieder eine Sternschnuppe fiel. – Er saß mit der Uhr in der Hand wol zwei Mal so lange, doch das Phänomen wiederholte sich nicht.

Die Uhr schlug Zwei, und Brown schlief noch immer. Jack Hamlin trat zum Tische und nahm aus seiner Tasche einen Brief, den er beim flackernden Lichtscheine las. Es war nur eine Zeile, mit Bleistift von einer Frauenhand geschrieben:

»Sei um drei Uhr an dem Gehäge mit dem Einspänner.«

Der Schlafende bewegte sich unruhig und erwachte.

»Bist Du da, Jack?«

»Ja.«

»Geh noch nicht fort! Ich träumte so süß – träumte von alten Zeiten. Es war, als sollten Susann und ich wieder verheirathet werden und wer, denkst Du, daß der Pfarrer war? – Du, Jack.«

Der Spieler lachte und setzte sich auf das Bett – das Papier noch in der Hand haltend.

»Es ist ein gutes Zeichen, meinst Du nicht?« fragte Brown.

»Es scheint mir so. Aber, mein Alter, wär' es nicht besser, Du ständest auf?«

Der Alte, dem man so freundlich zusprach, erhob sich mit Hülfe von Jack's dargebotner Hand.

»Rauchen?«

Brown nahm mechanisch die dargebotene Cigarre.

»Feuer?«

Jack hatte den Brief spiralförmig zusammengerollt, angezündet und hielt ihn seinem Gefährten hin, der seine Cigarre daran in Brand steckte. Jack Hamlin behielt ihn so lange in der Hand bis die Flammen ihn verzehrt, und warf dann die Ueberbleibsel – einen feurigen Stern – aus dem offenen Fenster. Er blickte den Funken nach wie sie zur Erde fielen, dann kehrte er zu seinem Freunde zurück.

»Lieber Alter« sagte er, seine Hände aus Brown's Schulter legend, »in zehn Minuten werde ich unterwegs sein, entschwunden wie jener Funken. Wir Beide werden einander nicht wieder sehen; doch ehe ich scheide, höre und befolge eines Thoren Rath. Verkaufe Alles, was Du hier Dein nennst, nimm Dein Weib mit Dir und verlaß dieses Land. Es ist kein Ort für Dich, noch für sie. Sage ihr, sie muß gehen, zwinge sie dazu, wenn sie nicht will. Jammere nicht, weil Du kein Heiliger sein kannst, und sie kein Engel ist. Sei ein Mann – und behandle sie wie eine Frau. Sei nicht wieder ein verd– Narr! Lebe wohl!«

Er riß sich aus Brown's festem Umfassen los und flog wie ein Hirsch die Stufen hinab. An der Stallthür ergriff er den halbwachen Hausknecht beim Kragen und schüttelte ihn mit kräftigem Arme wach.

»Sattle mein Pferd in zwei Minuten, oder Dich soll –«, das Fehlende war erschreckend ausdrucksvoll.

»Die Herrin sagte, Sie würden den Einspänner nehmen«, stammelte der Mann.

»Ver– sei der Einspänner!«

Das Pferd wurde so schnell gesattelt, als die zitternden Hände des erschreckten Hausknechtes ihr Geschäft verrichten konnten.

»Ist etwas geschehen, Herr Hamlin?« fragte der Mann, der, wie Alle seiner Classe. den élan seines kühnen Patrons bewunderte, und wirklich für seine Wohlfahrt besorgt war.

»Aus dem Wege!«

Der Hausknecht sprang zurück. Mit einem Fluche, einem Satze, daß die Funken stoben, war Jack schon draußen auf der Straße.

Im nächsten Moment war er in des Schlaftrunkenen Augen nur noch eine fliehende Staubwolke in der Ferne, nach der ein Stern, der sich von seinen Brüdern losgelöst hatte, einen Feuerstrahl schoß. –

In der Morgenfrühe hörten die Bewohner der Hütten an der Wingdam-Chaussee, die meilenweit entfernt von der Stadt lagen, eine Stimme rein und hell wie eine Lerche auf dem Felde singen. Die, welche noch schliefen, drehten sich auf ihrem harten Lager um, von Jugend und Liebe und alten süßen Zeiten zu träumen. Männer mit trotzigen Zügen, und ängstlich forschende Goldsucher, die schon bei ihrem Tagewerk waren, hielten in der Arbeit inne und lehnten sich auf ihr Schaufeln und Hacken, um einem romantischen Vagabonden zuzuhören, der dem rosigen Sonnenaufgang entgegenritt.