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Bret Harte – Das Glück von Roaring Camp

Erzählung

Bret Harte, Das Glück von Roaring Camp Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1873, 2. Band, S. 862ff. (Übersetzerin Sophie Verena)


Es herrschte große Bewegung in Roaring Camp. Eine Schlägerei konnte es nicht gewesen sein; denn eine solche war im Jahre 1850 nicht neu genug, um die ganze Ansiedlung zusammengeführt zu haben. Nicht nur die Gruben und Schächte waren verlassen, selbst »Tuttles Gaststube« hatte seine Spieler hergesandt, die, wie es ja bekannt war, ihr Spiel ruhig fortsetzten an dem Tage, wo French Pete und Kanaka einander im Vorderzimmer über den Schanktisch todtschossen. Das ganze Lager war vor einer ärmlichen Hütte am äußersten Ende der Niederlassung versammelt. Man sprach in leisem Ton, aber der Name einer Frau wurde oft genannt. Er war gut genug bekannt im Lager, der Name von »Cherokee Sal«.

Je weniger von ihr gesagt wird, desto besser. Sie war eine gewöhnliche und, wie zu befürchten ist, eine sehr sündige Frau. Doch zur Zeit war sie die einzige Frau im Lager und befand sich gerade jetzt in einem sehr hülfsbedürftigen Zustand, in welchem ihr die Nähe und Pflege einer ihrer Mitschwestern äußerst nöthig gewesen wäre. Sündhaft, verlassen, unverbesserlich wie Cherokee Sal war, litt sie doch jetzt ein Märtyrerthum, schwer genug zu tragen, wenn sympathische Weiblichkeit ihre Schleier darum hüllt, das jetzt aber in ihrer gänzlichen Verlassenheit geradezu schrecklich war. Der erste zur Erde geschleuderte Himmelsfluch, der unsere Stammmutter getroffen, war auch über sie gekommen und zwar in jener ursprünglichen Vereinsamung, welche die Strafe für die erste Uebertretung Eva's im Paradiese so furchtbar machen mußte. Es war vielleicht ein Theil der Sühne für ihre Sünden, daß Cherokee Sal in einer Stunde, da sie so unendlich des Beistandes und der Zärtlichkeit einer Frau bedurfte, nur den halbverächtlichen Gesichtern ihrer männlichen Gefährten begegnete. Doch waren einige der Versammelten durch ihre Leiden gerührt.

Sandy Tipton meinte: »Es sei doch hart für die arme Sal« und im Nachdenken über ihre Lage erhob er sich einen Moment sogar über das Factum, daß er ein Aß und zwei Buben in der Hand hatte.

Es wird gewiß Jedem einleuchten, daß die Situation eine ganz neue für Roaring Camp war; Todesfälle waren dort durchaus nichts Ungewöhnliches, aber eine Geburt war noch nicht vorgekommen. So Mancher hatte das Lager endgiltig und ohne die Möglichkeit zur Wiederkehr verlassen, dies war aber das erste Mal, daß Jemand ab initio eingeführt werden sollte. Daher die allgemeine Aufregung.

»Geht Ihr hinein, Stumpy!« sagte einer der ersten Bürger, unter dem Namen »Kentuck« bekannt, indem er einen der Umherstehenden anredete. »Geht hinein und seht, was Ihr thun könnt! Ihr habt ja Erfahrung in dergleichen gehabt.«

Vielleicht mochte diese Wahl die passendste sein. Stumpy war in anderen Gegenden der Erde das vermeintliche Haupt zweier Familien gewesen; in der That war Roaring Camp – eine Zufluchtsstätte so mancher mit dem Gesetz in Zwiespalt Liegenden – einigen Unrichtigkeiten in diesen Formalitäten für die Gesellschaft Stumpy's verpflichtet. Die Menge billigte die Wahl und Stumpy war klug genug, sich der Mehrheit zu fügen.

Die Thür der Hütte schloß sich hinter dem extemporirten Arzt und das Lager blieb draußen, seine Pfeife rauchend und den Verlauf der Dinge erwartend.

Die Versammlung bestand ungefähr aus hundert Männern. Ein paar von ihnen waren entschieden Flüchtlinge vor der Gerechtigkeit, andere Verbrecher, alle aber sorglos und guter Dinge. In ihrer äußern Erscheinung verrieth sich weder ihr vergangenes Leben, noch ihr Charakter. Der ärgste Taugenichts unter ihnen hatte ein Raphaelantlitz mit einer Fülle blonden Haares. Oakhurst, ein Spieler, zeichnete sich durch die melancholische Miene und die geistige Insichversunkenheit eines Hamlet aus und der Kaltblütigste und Milchigste von Allen war ein kleiner Mann von kaum vier Fuß, mit sanfter Stimme und schüchternem, verlegenen Wesen. Die Benennung »Wilde« aus sie angewandt war eher eine Auszeichnung, als eine Erklärung.

In den unbedeutenderen Einzelheiten von Fingern, Zehen, Ohren etc. möchte das Lager vielleicht einige Lücken gezeigt haben, aber diese kleinen Mängel beeinträchtigten nicht seine gesammte Kraft. Der stärkste Mann hatte nur drei Finger an seiner rechten Hand und der beste Schütze besaß nur ein Auge.

So ungefähr war der physische Zustand und das Aussehen der Männer, welche sich um Sal's Hütte versammelt hatten. Das Lager befand sich in einem dreieckigen Thal, zwischen zwei Bergen und einem Flusse. Den einzigen Ausgang bildete ein steiler Fußpfad über den Gipfel eines der Berge, auf den die Hütte blickte und der jetzt vom aufgehenden Mond beleuchtet ward. Die leidende Frau hatte von ihrem harten Lager aus den schmalen Steg sehen können – sah, wie er sich gleich einem Silberstreifen dahin schlängelte, bis er sich in den Sternen verlor.

Ein Feuer von Tannenzweigen trug zu der Behaglichkeit der Versammlung bei. Nach und nach kehrte die natürliche Lebhaftigkeit des Lagers zurück. Wetten über den Ausgang des großen Ereignisses wurden veranstaltet. Drei gegen Fünf, daß Sal es überstehen und das Kind auch leben würde; Nebenwetten in Bezug auf Geschlecht und Aussehen des kommenden Fremdlings. Inmitten einer erregten Auseinandersetzung entfuhr Denen, die der Hütte am nächsten waren, ein Ausruf und das ganze Lager wurde still, um zu lauschen. Ueber das Flüstern und Rauschen der Bäume, über das Murmeln des Wassers und das Knistern der Flamme erhob sich ein scharfer, klagender Schrei – ein Schrei, wie man noch nie einen im Lager gehört. Die Bäume ließen ihr Rauschen, das Wasser hörte aus zu murmeln, die Flamme stellte ihr Knistern und Sprühen ein. Es schien, als lauschte auch die Natur rings umher.

Das Lager erhob sich wie Ein Mann. Es ward vorgeschlagen, ein Faß Schießpulver explodiren zu lassen; aber in Anbetracht des Zustandes der Mutter behielt besserer Rath die Oberhand und nur einige Revolver wurden abgefeuert; denn ob es der unausreichenden Hülfe oder irgend einer andern Ursache zuzuschreiben war: Cherokee Sal neigte sich schnell ihrem Ende zu. Nach Verlauf einer Stunde hatte sie jenen steilen Pfad erklommen, der zu den Sternen führte und Roaring Camp und seine Sünde und Schande auf immer verlassen.

Ich glaube nicht, daß diese Nachricht die Männer sehr ergriff, höchstens in Beziehung auf das Schicksal des Kindes. »Kann es nun leben bleiben?« wurde Stumpy gefragt. Die Antwort war eine zweifelhafte. Das einzige zu Sal's Geschlecht gehörende Wesen im Lager war eine Eselin, auch eine junge Mutter. Es erhoben sich Zweifel gegen die Ausführung des Experimentes, das trotzdem versucht wurde. Es war im Grunde weniger problematisch, als die ehemalige Behandlung von Romulus und Remus und anscheinend eben so erfolgreich.

Als all' diese kleinen Einrichtungen ausgeführt waren, was eine andere Stunde hinnahm, wurde die Thür geöffnet und die begierige Menge außen, die sich schon zu einer langen Reihenfolge geordnet, trat nun einzeln ein. Zur Seite des harten Lagers, aus welchem, mit einem Laken bedeckt, die Gestalt der Mutter ruhte, stand ein Tisch von Fichtenholz. Aus diesem ward eine Lichterkiste gesetzt, und in derselben, in scharlachrothen Flanell gehüllt, lag der letzte Ankömmling in Roaring Camp. Neben die Kiste war ein Hut gestellt, dessen Bestimmung bald klar wurde.

»Gentlemen!« sagte Stumpy mit einer eigenthümlichen Mischung von Autorität und ex officio Höflichkeit, »Gentlemen werden gebeten durch die vordere Thür einzutreten, um den runden Tisch herumzugehen und die Hütte durch die Hinterthür zu verlassen. Diejenigen, welche der Waise eine Unterstützung zukommen lassen wollen. finden einen Hut zur Hand.«

Der zuerst Eintretende hatte sein Haupt bedeckt, aber sich umblickend entblößte er es und gab damit unbewußt Allen ein Beispiel. In solchen Gemeinschaften ist das Gute wie das Böse ansteckend. Als die Procession vorüberzog, wurden Bemerkungen gemacht, Urtheile ausgesprochen, vielleicht mehr an Stumpy adressirt, in seinem Charakter als Schausteller.

»Ist er das?« – »Ungeheuer winziges Exemplar.« – »Hat ja kein bischen Farbe.« – »Ist ja nicht länger als ein Pistol!« Die Liebesgaben waren eben so charakteristisch.

Eine silberne Schnupftabaksdose; eine Dublone; ein Seemannsrevolver mit Silber ausgelegt; eine Goldprobe; ein sehr schönes, reich gesticktes Damentaschentuch (von Oakhurst, dem Spieler); eine Diamantbrustnadel; ein Brillantring (durch die Nadel eingegeben, und von der Bemerkung des Schenkenden begleitet: er habe die Nadel gesehen und sei zwei Diamanten höher gegangen); eine Schleuder; eine Bibel (der Geber nicht entdeckt); ein goldener Sporn; ein silberner Theelöffel (leider muß ich bekennen, daß die daraus gravirten Initialen nicht die des Gebers waren); eine Scheere aus eines Wundarztes Besteck; eine Lanzette; eine englische Banknote von fünf Pfund; und ungefähr 200 Dollars in einzelnen Gold- und Silbermünzen.

Während dieser Vorgänge beharrte Stumpy in einem Schweigen so tief wie das der Todten zu seiner Linken und zeigte einen so undurchdringlichen Ernst wie den des Kindes zu seiner Rechten. Nur ein kleiner Zwischenfall unterbrach die Einförmigkeit der wunderlichen Procession. Als Kentuck sich halb neugierig über die kleine Kiste beugte, wandte sich das Kind um und in einem Anfall von Schmerz ergriff es einen Finger des Mannes und hielt ihn einen Augenblick fest. Kentuck sah einfältig und verlegen aus.

Etwas wie ein Erröthen suchte in sein wettergebräuntes Antlitz zu steigen. »Der ver– kleine Schlingel!« sagte er, als er seinen Finger dem Kinderhändchen mit mehr Sanftmuth und Zärtlichkeit entwand, als man ihm je zugetraut. Er hielt diesen Finger, als er die Hütte verließ, etwas fern von den übrigen und betrachtete ihn aufmerksam. Diese Prüfung endete wieder in der ersten Bemerkung über das Kind; er schien wirklich erfreut, sie zu wiederholen.

»Er spielte mit meinem Finger«, sagte er zu Tipton, das bevorzugte Glied emporhaltend, »der verd– kleine Schlingel!«

Es war vier Uhr Morgens, ehe das Lager die Ruhe suchte. Ein Licht brannte in der Hütte, in welcher die Wachenden saßen, denn weder Stumpy noch Kentuck gingen diese Nacht zu Bett. Der Letztere trank tüchtig und erzählte mit großem Behagen von seiner Erfahrung immer mit seiner charakteristischen Verwünschung des kleinen Ankömmlings endend. Es schien als befreie ihn dies von irgend welchem ungerechten Verdacht der Empfindsamkeit; und Kentuck besaß die Schwächen des edlern Geschlechtes. Als jeder der Kameraden zur Ruhe gegangen, wanderte Kentuck zum Flusse hinab, nachdenklich vor sich hinpfeifend. Dann stieg er wieder den Abhang hinauf, ging an der Hütte vorüber, immer noch mit demonstrativer Sorglosigkeit pfeifend. Bei einem großen Sandelholzbaum stand er still, kehrte um und passirte noch einmal an dem Häuschen vorbei. Aus halbem Wege zum Flußbett hinab hielt er an, wandte sich rasch zurück auf den Weg, den er gekommen und klopfte an die Thür der Hütte. Sie wurde durch Stumpy geöffnet.

»Wie geht es?« fragte Kentuck über Stumpy hinweg nach der Lichterkiste blickend.

»Alles gut«, erwiederte Stumpy.

»Nichts passirt?«

»Nichts.«

Es erfolgte eine Pause – eine verlegene Pause – indessen Stumpy noch immer die Thür in der Hand hielt; da nahm Kentuck Zuflucht zu seinem Finger, den er Stumpy zeigte: »Hiermit spielte er, der ver– kleine Schlingel«, sagte er und zog sich zurück.

Am nächsten Tage wurde Cherokee Sal ein Begräbniß zu Theil, wie das Lager es zu bieten im Stande war. Nachdem man ihren Leib aus der Bergseite in die Erde gebettet, versammelte sich die ganze Ansiedlung zu einer friedlichen Berathung, was mit ihrem Kinde geschehen solle. Der Entschluß, es zu adoptiren, war allgemein und enthusiastisch. Aber eine sehr lebhafte Erörterung, ob und wie man im Stande sei für seine Erhaltung zu sorgen, entspann sich sogleich. Es war auffallend, daß die Für und Wider, welche über den Gegenstand ausgesprochen wurden, sich von allen Persönlichkeiten fern hielten, mit denen sonst die Streitfragen im Lager geführt zu werden pflegten. Tipton schlug vor, das Kind nach Red Dog – einem andern Lager vierzig Meilen entfernt – zu schicken, wo weibliche Pflege zu erlangen war. Aber dieser nicht glückliche Vorschlag erregte heftigen allgemeinen Widerspruch. Es war ersichtlich, daß kein Plan, der eine Trennung von ihrer neuen Errungenschaft bedingte, für den Augenblick Erfolg haben würde. »Außerdem«, sagte Tom Ryder, »die Burschen in Red Dog würden uns den Jungen wegschnappen und uns einen andern unterschieben« Ein Zweifel an der Redlichkeit anderer Lager herrschte in Roaring Camp so gut wie an anderen Orten.

Die Einführung einer Amme im Lager stieß auch aus Einwände. Es wurde dargethan, daß keine anständige Frau Roaring Camp als eine Heimatsstätte erwählen konnte »und« schloß der Redner, »von der andern Sorte wollten sie keine wieder haben.« Diese unfreundliche Anspielung aus die todte Mutter, so hart sie erscheinen mag, war die erste Regung der Schicklichkeit – das erste Zeichen von der Wiedergeburt des Lagers. Stumpy verhielt sich ganz schweigend. Vielleicht geschah es aus einem gewissen Zartgefühl, als komme es ihm nicht zu bei einer Wahl, die ihn möglicher Weise von seinem Platz verdrängte, mitzureden. Als er aber um seine Ansicht gefragt wurde, erklärte er fest und bestimmt, daß er und »Jinny«, das schon erwähnte Säugethier, vollkommen ausreichend seien, das Kind aufzuziehen. Es lag etwas Originelles, Unabhängiges und Heroisches in diesem Plan, das dem Lager gefiel. Stumpy verblieb also in seinem Amt. Man schickte nach Sacramento, um gewisse Einkäufe machen zu lassen.

»Hört und paßt wol aus«, sagte der Schatzmeister, als er dem Erpreßboten einen Beutel mit Goldstaub in die Hand drückte: »das Beste, was Ihr bekommen könnt – Spitzen, Ihr versteht doch, und Filigranarbeit und Tüchelchen und Halskräuschen – nach den Kosten wird nicht gefragt.«

So wunderbar es klingen mag, das Kind gedieh. Vielleicht war das herrliche Klima der Berge eine Entschädigung für manchen materiellen Mangel. Die Natur nahm den armen Findling an ihre reiche Brust. Aus dieser vortrefflichen Atmosphäre am Fuße der Sierra – dieser Luft, welche von balsamischem Hauch überströmt, wo jeder Athemzug eine erquickende und erfrischende Herzstärkung ist, mag der Knabe Speise und Nahrung gesogen haben. Stumpy neigte sich zu dem Glauben, daß die Milch ihm sehr zuträglich sei und seine Pflege das Uebrige thue.

»Ich und jene Eselin sind ihm Vater und Mutter gewesen«, pflegte er zu sagen. »Daß Du«, fügte er hinzu, das hülflose Bündel vor sich anredend, »niemals von uns gehst, das rathe ich Dir!«

Als das Kind vier Wochen alt war, dachte man an die Notwendigkeit ihm einen Namen zu geben. Bis dahin wurde er »das Lämmchen« »Stumpy's Junge«, »der kleine Trompeter« (in Anspielung aus seine vocalen Kräfte) oder auch wol mit Kentuck's Liebesausdruck »der verd– kleine Schlingel« genannt. Aber diese Benennungen waren doch zu unbestimmt und wurden zuletzt auch durch einen andern Einfluß verdrängt. Abenteurer und Spieler sind gewöhnlich abergläubisch und Oakhurst erklärte eines Tages, das Kind habe »das Glück« nach Roaring Camp gebracht. Und es war nicht zu leugnen, daß sie in letzter Zeit sehr gute Geschäfte gemacht. »Glück« ward also der erwählte Name, mit dem Zusatz Tommy zu größerer Bequemlichkeit. Auf die Mutter ward keine Anspielung gemacht und der Vater war unbekannt.

»Es ist besser«, sagte der philosophische Oakhurst, »ein frisches Spiel anzufangen. Nennt ihn Glück und stattet ihn gut aus!«

Ein Tag wurde zum feierlichen Taufact erwählt. Was unter dieser Ceremonie verstanden ward, kann der Leser sich vorstellen, welcher schon einen kleinen Begriff von der sorglosen Unehrerbietigkeit von Roaring Camp gesammelt hat. Der Ceremonienmeister war ein gewisser »Boston«, ein bekannter Spaßvogel, und diese Gelegenheit versprach des Scherzes und Witzes genug. Der geistvolle Satyriker hatte zwei Tage damit zugebracht eine Burleske, eine Travestie auf die kirchliche Handlung, und eine mit localen Anspielungen gewürzte Rede zu entwerfen. Der Chor war auch in voller Ordnung und Sandy Tipton sollte Gevatter sein und das Kind. über die Taufe halten.

Als aber die Procession mit Musik, Fahnen und Bannern nach dem Hain marschirt war und man das Kind vor einem zur Vervollständigung der Posse errichteten Altar niedergelegt hatte, trat Stumpy vor die erwartungsvolle Menge.

»Jungens, es ist gewiß nicht meine Sache, einen Scherz zu verderben«, sagte der kleine Mann, all' die Gesichter rund umher kühn anblickend, »aber es scheint mir doch, daß dies Vorhaben nicht ganz am richtigen Platze ist. Es wäre dem Kinde hier Unrecht gethan, wollte man sich einen Spaß mit ihm erlauben, den es nicht verstehen kann. Und wenn es überhaupt Gevattern geben und es Einer über die Taufe halten soll, so möchte ich Den sehen, der dazu ein größeres Recht hätte als ich.«

Schweigen folgte auf Stumpy's Rede. Aber zur Ehre aller Humoristen sei es gesagt, der Erste, welcher die Gerechtigkeit von Stumpy's Verlangen einsah, war der Satyriker, derselbe, dem sein Spaß verdorben wurde.

»Doch«, fuhr Stumpy fort, seinen Vortheil verfolgend, »wir sind zu iner Taufe hergekommen und sie soll vollzogen werden. Ich verkündige Deinen Namen und nenne Dich: Thomas Glück, nach den Gesetzen der Vereinigten Staaten und des Staates Californien; so helfe mir Gott!«

Es war das erste Mal, daß der göttliche Name anders als in Profanirung im Lager ausgesprochen wurde. Die Form der Taufe war vielleicht noch lächerlicher, als der Satyriker dieselbe beabsichtigte; aber sonderbarer Weise bemerkte es Niemand und Keiner lachte.

»Tommy« wurde mit solchem Ernst getauft, als es nur unter einem christlichen Dach geschehen sein würde und er schrie und wurde beruhigt in ebenso orthodoxer Art.

Und so begann das Werk der Wiedergeburt im Lager. Fast unmerklich kam eine Veränderung in die ganze Ansiedlung. Die Hütte, welche »Tommy Glück« oder »das Glück« wie er noch öfter genannt wurde, bewohnte, zeigte die ersten Spuren der Verbesserung. Sie wurde sorgfältig, ja peinlich sauber und schmuck gehalten; dann ward sie gedielt, verschält und tapezirt. Die Wiege von Rosenholz – die achtzig Meilen weit auf einem Maulesel hergekommen war – hatte nach Stumpy's Ausdrucksweise »die früheren Möbel und Ausstattung der Hütte geradezu todt gemacht«. Deshalb war eine neue Einrichtung nothwendig geworden. Die Männer, welche ab und zu bei Stumpy einsprachen, um zu sehen: »wie das Glück gedeihe«, schienen dem Wechsel sehr wohlgefällig zu bemerken und in reiner Selbstvertheidigung wurde das rivalisirende Haus, ,»Tuttle's Gaststube«, gezwungen, sich zu einem Teppich und zu Spiegeln aufzuschwingen. Diesen letzteren verdankte man es, daß die Bewohner des Lagers anfingen, mehr auf Sauberkeit und äußere Erscheinung zu geben. Und wieder war es Stumpy, der eine Art Quarantäne Denen auferlegte, welche nach der Ehre und Auszeichnung strebten, »das Glück« zu warten und umherzutragen. Es war eine grausame Kränkung für Kentuck – der in der Achtlosigkeit einer großen Natur und den Gewohnheiten solches ungebundenen Lebens angefangen hatte alle Kleidung als eine zweite Haut anzusehen, welche wie bei der Schlange durch den Verbrauch abfiel – (eine schwere Kränkung sage ich) als ihm die Gunst, das Kind zu tragen, aus gewissen Klugheitsrücksichten versagt wurde. Aber so gewaltig ist der Einfluß der Neuerungen, daß unser rauher Kentuck fortan jeden Nachmittag in einem reinen Hemd erschien und mit einem von Waschen und Reiben noch glänzenden Gesicht. Eben so wenig wurden aber die moralischen und socialen Gesundheitsregeln vernachlässigt. »Tommy«, der, wie man annahm, sein ganzes Leben in einem fortgesetzten Versuch zu ruhen verbrachte, durfte durch keinen Lärm gestört werden. Das Schreien, Toben und gellende Jubeln, welches dem Lager den unglücklichen Beinamen des »lärmenden« verschafft, wurde nicht in der Umgebung von Stumpy's Hütte gestattet. Dort unterhielten sich die Männer nur flüsternd oder rauchten ihre Pfeifen mit indischer Gravität. Profane Ausdrücke wurden schweigend in der geheiligten Nähe aufgegeben und im ganzen Lager wurden die beliebten Ausrufe wie: »Verd– Glück« und »Hol der T– das Glück!« als eine neue persönliche Bedeutung habend, nicht mehr gebraucht. Vocalmusik war nicht verboten, da man annahm, sie habe eine beruhigende, beschwichtigende Eigenschaft und ein Lied, gesungen vom »Kriegsschiff-Jack«, einem englischen Matrosen aus Ihrer Majestät australischen Colonien, war als Schlummerlied ganz populär geworden. Es war eine düstere Erzählung von den Heldenthaten »der Arethusa, mit 74 Kanonen«, in verschleierter Molltonart und jede Strophe endete mit einem langgedehnten »am B–o–o–r–d der Arethusa«. Es war ein schöner Anblick, Jack zu sehen, wie er Tommy Glück in seinen Armen wiegte, gerade als sei er auf einem schwankenden Schiffe und dazu dies Seemannslied sang. Entweder kam es von dem eigenthümlichen Schaukeln Jack's oder von der Länge seines Gesanges – er hatte neunzig Strophen und wurde gewissenhaft bis zum bittren Ende durchgeführt – das Schlummerlied hatte gewöhnlich den gewünschten Erfolg. Zu solchen Zeiten lagen die Männer langausgestreckt unter den Bäumen, in dem sanften Sommerzwielicht ihre Pfeifen rauchend und dem melodischen Gesang, wie des Kindes Krähen und Jauchzen mit Wonne zuhörend. Eine unbestimmte Idee, daß dies eine Art glückseligen Hirtenlebens sei, erfüllte das Lager. »Dieser Zustand ist 'immlisch«, sagte Simmons, der Londoner Stutzer, sich nachdenklich auf seinen Ellbogen lehnend. Er erinnerte ihn an Greenwich.

An den langen Sommertagen wurde »das Glück« gewöhnlich mit nach den Gruben genommen, aus denen die goldenen Schätze von Roaring Camp kamen. Hier lag Tommy auf einer Decke, die über Tannenzweige gebreitet war, während die Männer unten in den Gruben arbeiteten. In letzter Zeit wurde diese seine kleine Laube mit Blumen und süßduftenden Sträuchern umgeben und gewöhnlich brachte ihm Dieser oder Jener einen Büschel wilden Geisblattes, Azaleen oder die farbenreichen Blüthen der Las Mariposas. Diese Männer hatten ganz plötzlich die Entdeckung gemacht, daß ein Werth, eine Bedeutung in diesen Kleinigkeiten sei, die sie so lange achtlos unter die Füße getreten. Eine Lage schimmernden Glimmers, ein Stückchen vielfarbigen Quarzes, ein hell glitzerndes Steinchen aus dem Bache erschienen plötzlich den so geöffneten und geklärten Augen schön und wurden immer für »das Glück« zur Seite gelegt. Es war erstaunlich, welche Fülle von Schätzen Wald, Berg und Fluß hergaben, die »für Tommy passen würden«. Von Spielsachen umgeben, wie sie wol kaum zuvor ein Kind außer im Feenlande gehabt, ist es zu hoffen, daß Tommy zufrieden war. Er schien vollkommen glücklich zu sein, obgleich ein kindlicher Ernst über ihm lag und seine runden, grauen  Augen einen nachdenklichen, beschaulichen Blick hatten, der Stumpy zuweilen ärgern konnte. Tommy Glück war stets ruhig und lenksam; und es wird erzählt, daß einst, als er über seinen »Kraal« – eine Hecke von geflochtenen Tannenzweigen, welche seine Lagerstätte umgab – hinausgekrochen sei, er über den Damm hinunterkollerte und mit dem Kopf in der weichen Erde, die Beinchen in der Luft, ruhig und ganz ernst wenigstens volle fünf Minuten in dieser Stellung blieb. Ohne einen Klagelaut ließ er sich wieder herausziehen. Ich zögere, noch mehr Beispiele seiner ungewöhnlichen Klugheit anzuführen, die sich leider auf die Erzählungen solcher sehr von ihm eingenommener Freunde basiren. Einige davon waren nicht ohne gewissen Aberglauben in einen Betreff des Kindes.

»Ich komme soeben den Damm heraufgeklettert«, sagte Kentuck eines Tages in einem athemlosen Zustand von Aufregung »und ich will nicht Kentuck heißen, wenn Tommy nicht mit einer Elster plauderte, die auf seinem Schooße saß. Da thaten sie so bekannt und vertraut mit einander wie zwei gute Kameraden.«

Aber ob er durch die Tannenzweige kroch oder ruhig unter den Bäumen lag, nach den Blättern über ihm blinzelnd: für ihn sangen die Vögel, die Eichhörnchen jagten sich an den Bäumen auf und nieder, die Blumen hauchten ihm ihre Düfte zu. Natur war seine Pflegerin und zugleich seine Gespielin. Sie ließ zwischen den Blättern und Zweigen goldene Sonnenstrahlen niedergleiten, nach denen des Knaben Händchen haschten, sie sandte ihm kühle, erfrischende Luftströme, die ihn erquickten und kräftigten, ihm nickten die hohen, prächtigen Bäume vertraulich zu und ihr Flüstern wiegte ihn ein, die Bienen umsummten ihn und die Dohlen krächzten ganz leise die Begleitung dazu.

So war der goldene Sommer des Lagers. Es war die »Blüthezeit« – und das Glück war mit ihnen. Die Gruben hatten enorme Schätze geliefert. Das Lager war eifersüchtig auf seine Privilegien und blickte mißtrauisch auf Fremde. Zur Einwanderung wurde auch nicht die geringste Ermuthigung gegeben; und um ihre Abgeschlossenheit noch größer zu machen, hatten sie sich an dem Lande, auf beiden Seiten der Berge, die das Lager umgaben, das Vorkaufsrecht erworben. Dies und der Ruf, sie verständen vorzüglich mit dem Revolver umzugehen, hielt Jeden ab in Roaring Camp einzudringen. Der Expreßbote – ihr einziges Verbindungsglied mit der sie umgebenden Welt – erzählte zuweilen Wundergeschichten aus dem Lager.

»Sie haben eine Straße dort in »Roaring«, die jede Straße in Red Tog ausstechen würde. Um ihre Häuser haben sie Weinranken gezogen und Blumen darum gepflanzt und sie waschen sich täglich zwei Mal. Aber sie sind sehr wild und rauh gegen Fremde und sie beten ein Kind an.«

Mit dem sich hebenden Wohlstand des Lagers erwachte der Wunsch nach größeren Verbesserungen. Es wurde vorgeschlagen im nächsten Frühling ein Hotel zu erbauen und ein paar anständige Familien aufzufordern, dort ihren Wohnsitz aufzuschlagen, um »des Glückes« willen, das vielleicht durch weibliche Genossenschaft doch Nutzen haben könnte. Das Opfer, welches diese Concession an das weibliche Geschlecht diese Männer kostete, die sehr skeptisch in Beziehung auf seine allgemeine Tugend und Nützlichkeit waren, konnte nur durch ihre Liebe zu Tommy aufgewogen werden. Einige erklärten sich immer noch entschieden dagegen. Aber die Sache konnte nicht vor drei Monaten in's Werk gesetzt werden und die Minderzahl gab endlich nach, in  der Hoffnung, daß noch etwas dazwischen kommen würde. Und es kam etwas dazwischen.

Des Winters von 1851 wird noch lange in jenen Gegenden gedacht werden. Der Schnee lag hoch aus den Sierras und jeder kleine Bergbach wurde ein Strom, jeder Strom ein See. Jede Schlucht und Grube verwandelte sich in einen schäumenden Wasserfall, der die Berge herabstürzte und mächtige Bäume mit sich fortriß, ihre Ueberreste in die Ebene schleudernd. Red Dog hatte schon zwei Mal unter Wasser gestanden und Roaring Camp war gewarnt worden.

»Wasser brachte das Gold in jene Tiefen«, sagte Stumpy. »Es war schon einmal hier und wird wieder hier sein.«

Und in der folgenden Nacht trat der North Jork ganz plötzlich über seine Ufer und überschwemmte das dreieckige Thal von Roaring Camp.

In der Verwirrung heranstürzender Wasser und krachender Bäume, und der Dunkelheit, die mit dem Wasser zu kommen und das ganze Thal zu vernichten schien, konnte nur wenig geschehen, um das zerstreute Lager zu sammeln. Als der Morgen anbrach, war Stumpy's Hütte, die dem Strom am nächsten lag, fort. Höher hinauf fand man den Körper des unglücklichen Bewohners, aber der Stolz, die Hoffnung, die Freude, das Glück von Roaring Camp war verschwunden. Die Männer kehrten mit traurigen Herzen von ihrem fruchtlosen Suchen zurück, als ein Ruf vom Wasser sie zurückführte.

Es kam von einem Rettungsboot, das soeben landete. Sie hatten einen Mann und ein Kind, schon ganz erschöpft, zwei Meilen von hier aufgefischt. Kannte sie Jemand – gehörten sie hierher?

Es genügte ein Blick, um ihnen zu zeigen, daß Kentuck da liege, furchtbar zerquetscht und verwundet, aber das Glück von Roaring Camp noch in seinen Armen haltend. Als sie sich über das seltsame Paar beugten, sahen sie, daß das Kind kalt und leblos war.

»Es ist todt«, sagte Einer. Kentuck schlug die Augen auf. »Todt?« wiederholte er schwach.

»Ja, mein guter Mann und mit Euch geht es auch zu Ende.« Ein Lächeln erleuchtete die Augen des sterbenden Kentuck. »Zu Ende«, sprach er leise, »er nimmt mich mit sich – sagt's den Burschen und Kameraden, ich habe nun das Glück bei mir.« Und der starke Mann, das schwache Kind umklammernd – wie ein Ertrinkender sich an einen Strohhalm klammern soll – trieb fort in das Schattenreich des Stromes, der immer und ewig dem unbekannten Meere zufließt.