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Bret Harte – Die Frau.

Parodie

Bret Harte, Die Frau. Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Verlag von A. H. Payne, Leipzig, 1. Band (1880), S. 618ff.


Frei nach J. Michelets »La Femme« von Bret Harte.*)

*) Eine köstliche Parodie der Michelet'schen Schreibart aus Bret Harte's vor fünf Jahren erschienen »comprimirten Romanen«. Die Redaktion



I.

Die Frauen als Institution.

»Wäre es nicht um die Frauen, Wenige von uns würden existiren.« So lautet die Bemerkung eines vorsichtigen und discreten Schriftstellers. Er war zugleich scharfsinnig und intelligent.

Die Frau! Schau sie an und bewundere sie. Staune sie an und liebe sie. Wenn sie Dich umarmen will, gestatte es ihr. Bedenke, sie ist schwach und Du bist stark.

Doch behandle sie nicht unfreundlich. Sei vor ihren Augen nicht zärtlich gegen eine andere Frau, selbst wenn diese Deine Gattin wäre. Thu es nicht. Sei stets höflich, selbst wenn sie an einem Anderen mehr Geschmack finden sollte, als an Dir.

Wenn Deiner Mutter, mein lieber Amadis, Dein Vater nicht besser gefallen hätte als ein Anderer, so wärst Du vielleicht der Sohn dieses Anderen. Ueberlege das. Sei stets Philosoph, sogar betreffs der Frauen.

Wenige Männer verstehn die Frauen; die Franzosen vielleicht besser als irgend sonst Jemand. Ich bin ein Franzose.


II.

Das kleine Kind.

Sie ist ein Kindchen – ein winziges Ding – ein Säugling.

Sie besitzt Mutter und Vater. Laß uns, zum Exempel, annehmen, daß diese verheirathet sind. Laß uns moralisch sein, wenn wir nicht glücklich und frei sein können – sie sind verheirathet, sie lieben sich vielleicht – wer weiß?

Aber sie ist anfänglich nicht liebenswürdig. Es ist vielleicht grausam – aber sie sieht roth und entschieden häßlich aus. Sie fühlt dies tief und schreit. Sie weint. Ach, mein Gott! Wie sie weint! Ihr Schreien und Jammern ist jetzt wirklich peinlich.

Die Thränen entströmen ihr in Fluten. Sie empfindet tief und breit, wie M. Alphonse de Lamartine in seinen »Confessions«.

Wenn Du ihre Mutter bist, Madame, so wirst Du auf Würmer muthmaßen; Du wirst ihr Linnen nach Stecknadeln und was nicht noch untersuchen. Ah, Heuchlerin! Du, sogar Du mißverstehst sie.

Und doch hat sie reizende natürliche Segnungen. Sieh, wie sie die mit Grübchen gezierten Anne hin und her wirft. Sie blickt verlangend auf die Mutter. Sie hat ihre eigene Sprache. Sie sagt: »Gu–gu« und »Ga–ga«.

Sie fordert etwas, dies Kindchen!

Sie ist matt, das arme Wesen. Sie hungert. Sie verlangt nach Erquickung. Erquicke sie, Mutter!

Es ist die erste Pflicht einer Mutter, ihr Kind zu erquicken!


III.

Die Puppe.

Sie ist kaum im Stande zu gehn, da wackelt sie schon unter der Last einer Puppe.

Diese ist ein reizendes und elegantes Dingelchen. Sie hat rosige Wangen und blauschwarzes Haar. Sie zieht Brünetten vor, denn mit der raschen Intelligenz eines französischen Kindes hat sie bereits bemerkt, daß sie selbst eine Blondine ist und ihre Puppe dann nicht mit ihr rivalisiren kann. Mon Dieu, wie rührend! Glückliches Kind! Sie verbringt Stunden beim Herrichten ihrer Toilette. In den saubern Details ihres Anzuges beginnt sie ihren Geschmack zu zeigen. Sie liebt die Puppe wahnsinnig, voll Hingebung. Sie ist ihr lieber als Bonbons. Schon im Voraus genießt diese die Fülle von Liebe, welche sie später über ihren Geliebten, ihre Mutter, ihren Vater, und schließlich vielleicht über ihren Gatten ausschütten wird.

Dies ist die Zeit, wo die besorgte Mutter diese ersten Ergüsse in rechte Bahnen lenkt. Sie liest ihr Auszüge aus Michelets L'amour, Rousseaus Héloise und der Revue des deux mondes vor.


IV.

Der Kuchen aus Straßenkoth.

Heute schwamm sie in Thränen.

Sie hatte sich von ihrer Bonne fortgestohlen und befand sich in der Gesellschaft einiger Bauernkinder. Diese hatten lange Nasen und große plumpe Hände und Füße.

Sie saßen um eine Pfütze am Wege herum und formten mit ihren Händen phantastische Gebilde in dem lehmigen Boden. Ihre Augen funkelten vor Wonne, als sie zum ersten Male den plastischen Koth mit den weichen Handflächen berührte. Sie machte einen zierlichen, lieblichen Kuchen. Statt der Mandeln und Rosinen steckte sie Steinchen hinein. Sie vergaß Alles darüber. Er sollte in den Sonnenstrahlen gebacken werden – da kam Madame und nahm sie mit sich.

Sie weint. Es ist Nacht und sie weint noch immer.


V.

Ihre erste Liebe.

 

Sie zweifelt nicht mehr an ihrer Schönheit. Sie wird geliebt.

Sie hat ihn, selbst unbemerkt, gesehn. Er ist munter und lustig. Er ist berü–hmt. Er hat bereits ein Verhältniß mit Finfin, der fille de chambre , gehabt, und die arme Finfin ist untröstlich. Er ist adelig. Sie weiß, daß er der Sohn der Frau Baronin Couturière ist. Sie betet ihn an.

Sie stellt sich als beachte sie ihn nicht. Armes kleines Ding! Hippolyte ist verstört – vernichtet – trostlos – bezaubernd.

Sie bewundert seine Stiefeln, seine Cravatte, seine kleinen Handschuh – seine köstlichen Beinkleider – seinen Ruck und Stock.

Sie erbietet sich mit ihm durchzugehn. Er ist darüber entzückt, aber hochherzig. Vielleicht ist er der Sache überdrüssig. Am nächsten Tage sieht sie ihn der Tochter der Frau Gräfin Blanchisseuse Blumen anbieten.

Wieder badet sie in Thränen.

Sie liest Paul et Virginie. Sie ist insgeheim davon hingerissen. Als sie findet, wie das musterhafte junge Weib ihr Leben opferte, ehe sie vor ihrem Geliebten en déshabillé erschien, da weinte sie aufs Neue. Geschmackvoller und tugendsamer Bernardin de St. Pierre! – Frank- reichs Töchter bewundern Dich!

Diese ganze Zeit über liegt die Puppe kopflos im Schubkasten – der Lehmkuchen zerborst am Wege.


VI.

Die Gattin.

Sie hat das Lieben satt und sie verheirathet sich.

Ihre Mutter hält es, im Ganzen genommen für das Beste. Als der Tag herrannaht, findet man sie häufig in Thränen. Ihre Mutter will dem Verlobten nicht gestatten, sie so zu sehn, und dieser macht verschiedene Selbstmordversuche.

Aber es kommt etwas dazwischen. Vielleicht ist es Winter und das Wasser zu kalt. Vielleicht sind nicht Leute genug gegenwärtig, um Zeugen seines Heldenmuthes zu sein.

Auf diese Weise bleibt der zukünftige Gatte ihr erhalten. Sie will es mit dem Philosophiren versuchen. Dann will sie ihm sagen, daß sie bereits verheirathet ist.

Doch was ist das für ein neues entzückendes Licht, welches über sie hereinbricht? – Die Toilette und die Hochzeitsgewänder! Sie fühlt sich in eine neue Sphäre versetzt.

In ihrer eigenen reizenden Handschrift fertigt sie die Liste davon an. Hier ist sie. Möge jede Mutter dieselbe beachten*)

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Sie wird getraut. Tags darauf trifft sie ihren alten Liebhaber, Hippolyte. Er ist abermals hingerissen.


*) Der zartfühlende Leser wird die Auslassung gewisser Artikel zu schätzen wissen, für welche in unserer Sprache Synonyma nicht erlaubt sind.


VII.

Ihr Alter.

Eine Französin wird nie alt.