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Bret Harte – Hochwasser-Zeichen

Erzählung

Bret Harte, Hochwasser-Zeichen Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1873, 2. Band, S. 1326ff. (Übersetzerin Sophie Verena)


Wenn die Fluth von Dedlow Moor gewichen war, zeigte es sich in seiner ganzen Trübseligkeit. Sein niedrig liegender schwammiger Boden, seine trägen, schwärzlichen Pfützen, seine sich schlängelnden Lachen, die ihren schlammigen Weg in aalgleichen Windungen nach der offenen Bucht zu nahmen, waren schlimme, doch nicht abzuleugnende Thatsachen. Eben so die wenigen grünen Grasflecken mit ihren spärlichen Halmen, ihrem amphibischen Geruch und ihrer unangenehmen Nässe. Und wenn Ihr es liebt Eurer Phantasie freien Spielraum zu lassen – obgleich die flache Einförmigkeit dieses Sumpflandes durchaus nicht begeisternd wirkte – so konnte Euch die wellige Linie der Risse und Zerklüftungen im Erdboden ein unumstößliches Zeugniß liefern, wie zerstörend die Wasserfluthen hier gehaust hatten, und die Gewißheit der Wiederkehr der Ueberschwemmung gab Anlaß zu so düsteren Betrachtungen, daß kein Sonnenschein der Gegenwart sie zu zerstreuen die Macht hatte. Das grüne Wiesenland schien unter diesen bedrückenden Gedanken zu leiden und machte keine bedeutenden Anstrengungen zum Wachsthum und zur Fruchtbarkeit, ehe das Werk der Verbesserung nicht vollständig sein würde. In der bittern Frucht der niedrigen Preißelbeerbüsche konnte man sich einbilden, einen von Natur aus süßen Geschmack zu entdecken, der aber durch das unverständige, überreichliche Bespülen der Wurzeln durch kaltes Wasser gesäuert und zum Gerinnen gebracht worden war.

Der vocale Ausdruck der Dedlow Niederung war auch melancholisch und trübe. Der grabesähnliche Ruf der Rohrdommel, der Schrei des Regenvogels, das Kreischen vorüberziehender wilder Gänse, das zänkische Schnattern der Krückente, der schare ärgerliche Widerspruch des aus seiner Ruhe aufgeschreckten Kranichs, die deutlich ausgesprochene Klage »killdir« – »killdir« des Kiebitz spotten jeder Wiedergabe und Macht des geschriebenen Wortes. Noch wirkte der Anblick dieser gefiederten Versammlung in irgend einer Art fröhlich oder anregend. Jedenfalls war es nicht der Fall bei dem blauen Reiher, der bis zur Hälfte im Wasser stand, in seiner sorglosen Unbekümmertheit um feuchte Füße und deren Folgen; auch nicht bei dem trübseligen Regenpfeifer und dem schwermüthigen Kiebitz, oder der traurigen Schnepfe, die dasaß, als wollte sie sich ihrem Nachbar in seinen Selbstmordsgedanken zugesellen, noch bei dem unbeweglichen Königsfischer – ein ornithologischer Marius – welcher die trübe, unförmige Fläche überblickte, oder dem schwarzen Raben, der unaufhörlich über das Marschland hin und wieder flog, ohne zu einer bestimmten Ansicht kommen zu können, ob die Wasserfluthen wirklich schon ganz gefallen wären, und durch die Ueberzeugung, nach all' seinen Bemühungen doch keine entschiedene Antwort geben zu können sich sehr niedergeschlagen fühlte. Nein, einen erheiternden Eindruck machten die gefiederten Bewohner dieses Erdstriche nicht, im Gegentheil, es war leicht ersichtlich, daß das Moorland den Vögeln nachtheilig geworden und daß sie der Zeit des Wanderzuges sich entgegen sehnten, mit einem Gefühl der Erleichterung und Befriedigung die Alten und Erwachsenen, während die junge Brut die hochgespanntesten Erwartungen und Träume daran knüpfte. Aber wenn Dedlow Moor bei niedrigem Wasserstand schon trübselig aussah, da hättet Ihr es erst bei starker, hoher Fluth sehen sollen. Wenn die feuchte Luft erstarrend über die kalt schillernde Fläche dahinstrich, und den Gesichtern, welche seitwärts blickten, wie eine zweite Fluth entgegenkam, wenn ein stahlgleiches Glitzern die niedrigen Vertiefungen und die sich schlängelnden Linien der Pfützen bezeichnete, wenn die großen, mit Muscheln überzogenen Stämme gefällter Bäume sich wieder erhoben, und sich auf ihre vergebliche, zwecklose Wanderschaft begaben, hier- und dorthin schwimmend und treibend, und trotzdem bei der fallenden Fluth oder dem sinkenden Tage ihrem Ziele nicht näher gekommen, als der mit Fluch beladene Hebräer in der Legende; wenn die glänzend gefiederten Enten schweigend dahinschwammen, ohne eine Spur oder Furche auf der schimmernden Wasserstäche zurückzulassen; wenn der Nebel mit der Fluth daherkam und das Blau oberhalb verdeckte, wie er das Grün hier unten schon verwischt hatte; wenn Schiffer, in diesem dichten Nebelmeer hoffnungslos umherkreuzend, entsetzt empor fuhren, bei Gebilden, die aussahen, als streiche der Meermann mit seinen Fingern über den Kiel des Bootes, oder zurückschracken vor den sich hier und dort emporstreckenden Grasbüscheln, die genau dem schwimmenden Haar eines Ertrunkenen glichen und dann durch diese Anzeichen erkannten, daß sie sich auf dem Dedlow Moor verloren hatten und hier die Nacht zubringen mußten – und eine sehr düstere ohne Zweifel – dann konntet Ihr ein Bild von Dedlow Marschland bei Hochwasser erhalten.

Laßt mich eine Geschichte zurückrufen, die, mit diesem letzt geschilderten Anblick verwebt, mir jedesmal in's Gedächtniß kam, wenn ich mich bei meinen langen Jagdstreifereien aus Dedlow Moor befand. Obgleich der Vorfall in der Localzeitung kurz erzählt wurde, hörte ich ihn doch mit allen seinen beredten Einzelheiten aus dem Munde der eigentlichen Heldin. Ich kann nicht hoffen, die wechselnden Empfindungen, noch die eigenthümliche Färbung weiblicher Ausdrucksweise so wieder zu geben, denn die Erzählende war eine Frau; doch will ich versuchen wenigstens den Inhalt treu darzustellen.

Sie wohnte gerade in der Mitte zwischen dem Sumpf des Marschlandes und einem ganz ansehnlichen Flusse, der sich einige Meilen weiter in eine durch den Stillen Ocean gebildete Mündung ergoß, auf der langen sandigen Halbinsel, welche die südwestliche Grenze einer großartigen Bucht bildete. Ihre Heimatsstätte war ein kleines Blockhäuschen, das auf starken Grundpfeilern sich einige Fuß über das Marschland erhob und wol drei englische Meilen von den anderen Niederlassungen am Fluße entfernt lag. Ihr Ehemann war ein Holzfäller – ein einträgliches Geschäft in einem Lande, in welchem die Hauptbeschäftigung im Herrichten von Bauhölzern besteht.

Es war ganz im Beginn des Frühlings, als ihr Mann sie verließ, um bei der Ebbe der Hochfluth ein Floß von Baumstämmen nach dem untern Ende der Bucht zu führen. Als sie bei der Abfahrt der Reisenden in der Thür ihrer kleinen Hütte stand, fiel es ihr auf, daß der südöstliche Himmel einen so kalten harten Blick habe, und sie hörte ihren Mann zu seinen Gefährten sagen, sie müßten sich bemühen, ihre Reise zu beenden, ehe der Sturm, den er in Südwest brauen sehe, heraufziehe. Und in der folgenden Nacht begann es zu stürmen und zu toben, ärger als sie es jemals gehört, und einige der größten Bäume im Walde an der Flußseite stürzten krachend zu Boden und das Häuschen schwankte wie ihres Kindes Wiege.

Aber wie auch der Sturm um die kleine Hütte wüthen und tosen mochte, sie wußte, daß Einer, dem sie vertrauen konnte, das Häuschen erbaut und befestigt hatte, und daß er sie nicht verlassen haben würde, wenn Anlaß zur Besorgniß um sie gewesen. Diese Ueberzeugung und die Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten im Verein mit der Pflege ihres kränkelnden Kindes halfen ihr darüber fort, sich zu sehr mit dem Denken an das Wetter zu beschäftigen, außer natürlich, wenn sie seiner gedachte und hoffte, er würde vor dem Sturme mit seinem Floß glücklich in Utopia angelangt sein, in der traurigen Entfernung. Als sie am andern Morgen heraustrat die Hühner zu füttern und die Kuh zu besorgen, da fiel es ihr auf, daß das Wasser bis zur Umzäumung ihres kleinen Gartenstücks gestiegen sei, und das Rauschen und Rollen der Brandung in der Bucht, obgleich sie meilenweit entfernt war, konnte sie deutlich hören. Sie dachte, es würde ihr doch lieb sein, hätte sie Einen gehabt, mit ihm über die Sache zu sprechen, und wenn es nicht so stürmisch und weit gewesen, dabei der Fußpfad fast unpassirbar, so möchte sie doch ihr Kind genommen haben, um zu Ryckman's, ihren nächsten Nachbarn, hinüber zu gehen. Aber denkt Euch, wenn er nun nach Hause gekommen wäre, durchnäßt und erschöpft und hätte Niemand gesunden; es war auch kein Wetter für das Kind, das hustete und kränkelte.

Aber in dieser Nacht, sie wußte nicht weshalb, fühlte sie weder das Bedürfniß zu schlafen, noch sich niederzulegen; der Sturm hatte etwas nachgelassen, sie »saß und saß« und versuchte selbst zu lesen. Ich weiß nicht, ob es die Bibel oder irgend ein weltliches Buch war, das die arme Frau las, höchst wahrscheinlich das Letztere, denn die Worte tanzten und verschwammen alle vor ihren Augen und machten solchen Unsinn, daß sie zuletzt gezwungen war den Band fort zu legen und zu jenem liebern Buche sich zu wenden, welches vor ihr in der Wiege lag, dessen weiße Blätter noch unbefleckt und unbeschrieben waren, und zu versuchen in seine geheimnißvolle Zukunft zu blicken. Und die Wiege schaukelnd, dachte sie an Alles und an Jeden, war aber immer noch ganz wach und munter.

Es mochte ungefähr Mitternacht sein, als sie sich in ihren Kleidern auf's Bett warf. Wie lange sie geschlafen, konnte sie sich nicht erinnern, doch sie erwachte mit einem erstickenden Gefühl der Beklemmung und fand sich an allen Gliedern zitternd in der Mitte der Stube stehen, ihr Kind hatte sie an die Brust gedrückt und sie »sagte etwas«. Das Kind weinte und schluchzte, und sie ging auf und nieder, es in ihren Armen wiegend, um es zu beschwichtigen, als sie ein Kratzen an der Thür vernahm. Angsterfüllt öffnete sie und war froh Pete, ihren alten Hund, zu sehen, der von Wasser triefend in die Stube kroch.

Gern würde sie einmal herausgeblickt haben, nicht in der noch so schwachen Hoffnung, ihr Mann könne kommen, nur um sich zu überzeugen, wie es eigentlich draußen aussähe; aber der Wind rüttelte so wild an der Thür, daß sie dieselbe kaum zu halten vermochte. Hierauf setzte sie sich ein Weilchen nieder, dann ging sie ein Weilchen auf und ab und dann legte sie sich ein Weilchen auf's Bett. Da sie dicht an der Wand der Hütte lag, glaubte sie einige Male etwas dagegen streifen zu hören, wie wenn Zweige daran vorüber gezogen würden. Dann vernahm sie einen schwachen gurgelnden Ton »wie das Kind« ihn beim Schlucken machte, darauf klang es lauter und näher: »klick-klick« und »kluck-kluck«, so daß sie sich im Bett aufrichtete. Jetzt aber wurde ihr Blick gefesselt durch Etwas, das von der Hinterthür in die Mitte des Zimmers kroch. Es war kaum breiter als ihr kleiner Finger, aber schnell wuchs es an und dehnte sich über den ganzen Fußboden aus. Es war Wasser.

Sie lief nach der Vorderthür und stieß sie weit auf und sah nichts als Wasser. Sie stürzte nach der Hinterthür und riß sie auf und sah nichts als Wasser. Sie flog zum Seitenfenster und, es öffnend, erblickte sie Wasser, Wasser so weit ihr Auge reichte. Jetzt erinnerte sie sich, wie ihr Mann einmal gesagt, die Fluth sei nicht gefährlich, die fiele regelmäßig, das könnten die Menschen genau berechnen, und er würde lieber an der Bucht, als am Flusse wohnen, dessen Ufer zu jeder Zeit überschwemmt werden könnten. Aber war dies die Fluth? Sie lief nach der hintern Thür und warf ein Stück Holz hinaus. Es trieb der Bucht zu. Sie schöpfte etwas Wasser und brachte es hastig an die Lippen. Es schmeckte frisch und süß. So war es nicht die Fluth – der Fluß war ausgetreten!

Und trotzdem – O Gott, sei gepriesen für seine Güte! – sank sie nicht zu Boden, noch vergingen ihr die Sinne, und gerade jetzt – gesegnet sei der Erlöser, denn es war seine gnädige Hand, die sie berührte und stärkte in diesem fürchterlichen Augenblick! – fiel die Furcht von ihr wie ein Kleid und ihr Zittern und Bangen hörte auf. Von dem Moment an verlor sie nicht Kaltblütigkeit und Selbstbeherrschung in all' den Prüfungen dieser Schreckensnacht.

Sie zog die Bettstelle mitten in die Stube, setzte einen Tisch darauf und stellte die Wiege auf diese Erhöhung. Das Wasser am Fußboden reichte schon bis über ihre Knöchel, und einige Male schwankte das Haus so sichtlich und schien so erschüttert zu werden, daß die Thüren der Schränke aufsprangen. Dann vernahm sie wieder jenes Streifen und Rutschen gegen die Wände, und hinausblickend sah sie einen großen entwurzelten Baum, der neben dem Wege am obern Ende der Weide gelegen, dem-Hause zugeschwommen war. Glücklicher Weise zogen seine langen Wurzeln im Erdboden dahin und verhinderten ihn so schnell wie der Strom zu schwimmen, denn wenn er das Haus im vollen Laufe getroffen hätte, so würden selbst die starken Nägel und Klammern in den Pfeilern dem Stoß nicht Widerstand geleistet haben. Der Hund war auf den knorrigen Stamm des Baumes gesprungen und kauerte dort zitternd und heulend. Ein Hoffnungs- strahl durchzuckte ihren Sinn. Sie riß eine schwere warme Decke vom Bett und sie um das Kind schlagend watete sie zur Thür. Als der Baum wieder mit der Breitseite vorwärts trieb, daß die kleine Hütte schwankte und krachte, sprang sie auf seinen Stamm. Durch Gottes Güte gelang es ihr festen Fuß auf seiner glitschigen Fläche zu fassen, und einen Arm um seine Wurzeln schlagend, hielt sie mit der andern ihr klagendes Kind. Dann hörte sie ein Knarren und Krachen am Vordereingang und die ganze Front des Hauses, das sie soeben verlassen, fiel nieder – gerade so wie die Thiere auf ihr Knie fallen, ehe sie sich hinlegen – und in dem Moment machte der große Sandelholzbaum eine Schwenkung und trieb mit seiner lebenden Fracht in die schwarze Nacht hinein.

Trotz all' der Aufregung und Gefahr, trotzdem sie das weinende Kind zu beschwichtigen hatte, trotz des Stürmens und Rauschens und der Unsicherheit ihrer Lage, wandte sie sich doch um, nach der verlassenen, wasserüber- flutheten Hütte zu blicken. Sie mußte sogar daran denken – und sie wunderte sich, wie man zu solcher Zeit so dumme Gedanken haben könne – daß sie wünschte, sie hätte einen andern Anzug angelegt und das Kind in seine besten Sachen gekleidet; und sie betete, daß das Häuschen nicht ganz zu Grunde ging, damit, wenn er wiederkäme, er doch ein Obdach hätte, da würde es nicht ganz so schrecklich für ihn sein – wie aber konnte er jemals erfahren, was aus ihr und dem Kinde geworden war? Bei diesem Gedanken wurde ihr schwach und krank. Aber sie hatte noch Anderes zu thun, als sich zu grämen, denn so oft die langen Wurzeln ihrer Arche auf ein Hinderniß stießen, gerieth auch der Stamm in's Schwanken und Biegen und zwei Mal war sie schon halb in's schwarze Wasser gesenkt worden. Der Hund, der sie ganz verzweifelt gemacht durch sein unausgesetztes Auf- und Niederrennen am Baum und sein jämmerliches Heulen, fiel bei einer dieser starken Bewegungen in's Wasser. Für einige Zeit schwamm er neben ihr her und sie versuchte, dem armen Thier wieder auf den Baum heraus zu helfen, aber er »benahm sich dumm« und endlich entschwand er ihren Augen für immer. Jetzt waren sie und ihr Kind ganz allein. Das Licht, welches einige Minuten in der verlassenen Hütte gebrannt, verlöschte plötzlich. Sie konnte nun nicht sagen, wohin sie getrieben ward. Die äußeren Umrisse der weißen Dünen auf der Halbinsel zeigten sich unbestimmt über ihrem Kopf, und sie nahm daraus ab, daß der Baum sich mit dem Flusse in einer Richtung bewegte. Es mußte stillstehendes Wasser in der Nähe sein, und wahrscheinlich hatte sie den Kessel erreicht, welcher durch den Zusammenfluß der Fluth und die überschäumenden Wasser des Stromes gebildet ward. Wenn die Fluth nicht bald fiel, so war die Gefahr vorhanden, daß sie nach dem Canal getrieben und in's Meer geführt, oder von dem Wirbelsturz zerschlagen ward. Wurde diese Gefahr umgangen und sie mit der Ebbe nach der Bucht zu geführt, so durfte sie hoffen eines der waldigen Vorgebirge der Halbinsel zu erreichen und dort bis zum Tagesanbruch ruhen zu können. Zuweilen war es ihr, als vernähme sie Stimmen und Rufe von dem Flusse her und das Brüllen der Kühe, das Blöken von Schafen. Es war aber doch wol nur das Sausen und Klingen in ihren Ohren, das Schlagen ihres Herzens, das sie hörte. Sie fand sich endlich in ihrer zusammengekauerten Lage so durch- kältet und erstarrt, daß sie sich kaum mehr zu bewegen vermochte und das Kind weinte nur heftiger als sie es an ihre Brust legte, so daß sie merkte, die Milch sei ihr vergangen; und darüber war sie so entsetzt, daß sie ihr Tuch über den Kopf zog und zum ersten Mal in der ganzen Schreckensnacht bitterlich weinte.

Als sie ihr Haupt wieder erhob, war das Geräusch der Brandung hinter ihr und sie nahm daraus ab, daß ihre Arche wieder eine Wendung gemacht. Sie schöpfte etwas Wasser, um ihre trockene Kehle zu netzen und fand, daß es so salzig sei wie ihre Thränen. Das war eine Erleichterung, denn an diesem Anzeichen wußte sie, daß sie mit der Fluth treibe. Jetzt ließ der Wind nach und das gewaltige schauerliche Schweigen bedrückte sie. Es spülte kaum ein Wellchen gegen die narbigen Seiten des großen Stammes, auf dem sie ruhte, und um sie her war Alles schwarze Düsterheit und Grabesstille. Sie redete zu dem Kinde, nur um sich selbst sprechen zu hören und sich zu überzeugen, daß sie nicht die Stimme verloren habe. Dabei kam ihr der Gedanke – es war wunderlich, aber sie konnte nichts dagegen – wie schauerlich die Nacht gewesen sein mußte, als die Arche Noah's über das asiatische Vorgebirge dahinschiffte und die Töne und Zeichen der Schöpfung von der Welt verwischt wurden. Sie dachte auch an Seeleute, welche sich an Sparren und Planken hängten in der Stunde des Schiffbruches, und an arme Frauen, die von den Wellen des grausamen Meeres todtgepeitscht wurden. Sie versuchte Gott zu danken, daß ihr das erspart worden war und sie erhob ihre Augen von dem Kinde, das in einen ängstlichen Schlaf gefallen war. Plötzlich, nach dem Süden hin, drang ein helles Leuchten durch die Dunkelheit, und flackerte und strahlte immer heller. Ihr Herz schlug zuckend gegen des Kindes kaltes Gesichtchen. Es war der Leuchtthurm am Eingang der Bucht. Als sie noch in Staunen versunken war, rollte der Baum ein bischen, schleppte sich ein bischen, und lag dann ruhig und still. Sie streckte ihre Hand aus und der Strom schlug gurgelnd dagegen. Der Baum hatte Grund gefaßt und zwar, nach dem Stand des Leuchtthurms und dem Rauschen der Brandung zu urtheilen, Grund aus Dedlow Marsch.

Wäre das Kind nicht so leidend gewesen und hätte nicht die Angst, daß ihr die Nahrung versiecht war, sie so schwer bedrückt, sie würde sich jetzt sicher und gerettet gefühlt haben. Doch daher kam es wol, daß all' die Eindrücke, welche sie empfing, so düster waren. Als die Fluth schnell fiel, zog eine große Schaar wilder Gänse mit lautem Gekreisch vorüber; dann kam der Regenvogel und pfiff trübselig, als der Schwarm sich furchtlos wie eine graue Wolke auf den Baumstamm niederließ. Auch der Reiher flog über ihr hin und um sie her, schreiend und zankend und ließ zuletzt seine magern Beine nicht weit von ihr nieder. Aber seltsamer als Alles war es, daß ein hübscher weißer Vogel, größer als eine Taube – einem Pelican gleichend, und doch war es keiner – immer um sie her flatterte. Endlich setzte er sich auf einen Zweig des Baumes, gerade über ihre Schulter. Sie streichelte mit ihrer Hand sein schönes, weißes Gefieder und das Thierchen regte sich nicht. Es blieb immer an derselben Stelle sitzen, daß sie dachte, sie möchte das Kind emporheben, um dessen Aufmerksamkeit zu fesseln. Aber als sie es that, war das Kind so starr und kalt und unter den dunklen Wimpern, die es nicht erhob, lagen so tiefe bläuliche Schatten, daß sie laut ausschrie, der Vogel flog fort und sie verlor die Besinnung.

Ja, das Schlimmste geschah nun doch für sie. Die Anspannung der Kräfte war zu gewaltig gewesen, sie gaben nach. Aber als sie aus der Ohnmacht erwachte, war heller Sonnenschein und das Wasser gefallen. Ein verworrenes Geräusch tiefer Stimmen war um sie her und eine alte Indianerin saß, ein indisches Wiegenlied singend, vor einem Feuer, das auf dem Marschlande angezündet war, und vor dem sie, die gerettete Gattin und Mutter, schwach erschöpft lag. Ihre erste Sorge galt ihrem Kinde und sie wollte danach fragen, als eine junge Indianerin, die auch Gattin und Mutter sein mußte und ihre Gedanken errieth, ihr das Kind brachte, bleich, doch lebend und in eine solche kleine sonderbare Wiege eingeschnürt, gerade wie die Indianerkindchen, daß sie zugleich lachte und weinte und die Junge und die Alte zeigten ihre großen weißen Zähne und ließen ihre schwarzen Augen blitzen und sagten: »Werde nur schnell wieder gesund, schöne Weiße, Dein Mann wird auch bald kommen.« O, sie hätte in ihrer Herzensfreude die braunen Gesichter küssen können. Dann erfuhr sie, daß die beiden indischen Frauen in ihren sonderbaren Körben Beeren aus dem Marschlande gesammelt, und dabei den Rock ihres Kleides auf dem Baume unweit hatten flattern sehen, die alte Indianerin konnte nicht der Versuchung widerstehen, sich ein neues Gewand zu verschaffen, und da fand sie »die Weißen«, Mutter und Kind. – Natürlich schenkte sie, wie Ihr denken könnt, der Alten das Kleid, und als er endlich kam und auf sie zustürzte, und fast zehn Jahr älter aussah in seiner Angst und Aufregung, fühlte sie sich wieder so schwach, daß er sie in das Boot tragen mußte. Denn, seht Ihr, er hatte von der Ueberschwemmung nichts gewußt, bis er in Utopia von Indianern davon hörte, und an allen Anzeichen erkannte, die arme Frau, die so Schweres durchlebt, sei sein geliebtes Weib. Und bei der nächsten Hochfluth zog er den Baum an Seilen mit heimwärts, obgleich er eigentlich kaum der Mühe werth war; und er erbaute ein neues Haus, den alten Baum als Grundlage und zu Pfählen benutzend und nannte es nach ihr »Mary's Arche«. Aber Ihr könnt Euch wol denken, daß das nächste Haus über dem Hochwasserzeichen errichtet wurde. Und das ist Alles.

Nicht viel vielleicht, wenn man die trübselige Eigenschaft des Dedlow Moor erwägt. Aber Ihr müßt bei niedrigem Wasserstand darüber gehen oder bei hohem hindurch waten, oder einige Mal Euch im Nebel darauf verirrt haben, wie es mir geschah, um Mary's Abenteuer genügend zu verstehen oder ganz zu würdigen, welch' ein Segen ist es, zu leben über dem Hochwasserzeichen.