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Bret Harte – Die Idylle von Red Gulch

Erzählung

Bret Harte, Die Idylle von Red Gulch Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1873, 2. Band, S. 1082ff. (Übersetzerin Sophie Verena)


Sandy war sehr betrunken. Er lag unter einem Azaleenbusch in fast derselben Stellung, in der er vor einigen Stunden dort hingesunken war. Wie lange er so gelegen, konnte er nicht sagen, es kümmerte ihn auch durchaus nicht; wie lange er noch dort liegen wurde, war etwas ganz Unbestimmtes und Unwesentliches. Eine ruhige Philosophie, aus seinem physischen Zustand hervorgegangen, erfüllte vollkommen sein moralisches Sein.

Der Anblick eines betrunkenen Mannes war, ich muß es leider bekennen, nichts so Neues in Red Gulch, um große Aufmerksamkeit zu erregen. Früher am Tage hatte ein localer Satiriker neben Sandy's Kopf einen Grabstein aufgerichtet, der die Inschrift trug: »Wirkungen von Mac Corkle's Branntwein – tödtet aus dreihundert Fuß Entfernung« und eine Hand zeigte nach Mac Corkle's Taverne. Aber dies war gleich den meisten localen Satiren rein persönlich und mehr eine Betrachtung über die schlechte Ursache, als das Unpassende der Wirkung. Außer dieses Witzboldes Dazwischenkommen, war Sandy von Niemandem gestört worden. Ein wandernder Maulesel hatte, seiner Bürde ledig, das kurze Gras neben dem liegenden Manne abgefressen und ihn dabei beschnüffelt und ein herrenloser Hund hatte mit jener tiefen Sympathie, welche diese Thiere für Betrunkene haben, Sandy's Stiefel geleckt und sich an seine Fuße geschmiegt und lag nun, mit einem seiner Augen in der Sonne blinzelnd, in einem Zustand anscheinender Erschöpfung, der ein sinniges und wohlgemeintes Compliment für den bewußtlosen Mann an seiner Seite war.

Indessen hatte sich der Schatten der Fichten langsam zur andern Seite gewandt, bis er die große Straße überdeckte und die Stämme der Bäume begrenzten die offene Wiese wie gigantische Pfeiler von Schwarz und Gelb. Kleine Wolken von röthlichem Staub, durch die Hufe des vorüberziehenden Zugviehes verursacht, fielen auf die liegende Gestalt. Die Sonne sank tiefer und tiefer und noch regte sich Sandy nicht. Doch jetzt wurde die Ruhe dieses Philosophen gestört, wie andere Philosophen gestört worden sind durch das Eindringen eines unphilosophischen Geschlechtes.

Fräulein Marie, wie sie unter der Kinderschaar bekannt war, die sie eben aus dem Blockschulhause hinter den Fichten entlassen, machte ihren Nachmittagsspaziergang. Da sie einen besonders schönen Blumenbüschel an dem gegenüberliegenden Azaleenbusch bemerkte, überschritt sie die Chaussée, um ihn zu pflücken – nicht ohne einige kleine Schauer von Abscheu und verschiedene schlangengleiche Windungen sich ihren Weg durch den rothen Staub suchend. Und plötzlich stand sie vor Sandy!

Natürlich stieß sie den kleinen Staccato-Schrei ihres Geschlechtes aus. Aber nachdem sie ihrer physischen Schwäche diesen Tribut gezollt, wurde sie tollkühn und stand einen Moment still – wenigstens sechs Fuß von diesem ausgestreckten Ungeheuer entfernt – ihre weißen Röcke in der Hand zusammengefaßt, zur Flucht bereit. Aber weder ein Laub, noch die leiseste Bewegung kamen aus dem Gebüsch. Mit einem ihrer kleinen Füße warf sie die Tafel mit der satirischen Bemerkung zu Sandy's Häupten um und flüsterte: »Ungethüme«, eine Bezeichnung, die wahrscheinlich in diesem Augenblick die ganze männliche Bevölkerung von Red Gulch umfaßte. Denn Fräulein Marie, die einige sehr strenge Begriffe und Grundsätze ihr eigen nannte, hatte wahrscheinlich die demonstrative Galanterie, für welche der Californier unter seinen Mitbrüdern so gerechter Weise berühmt ist, nicht gehörig gewürdigt und war vielleicht als eine Neuangekommene als »sehr unnahbar« bekannt.

Während sie so stand, bemerkte sie, daß die schrägfallenden, glühenden Sonnenstrahlen Sandy's Kopf zu einer ihr ungesund erscheinenden Temperatur erhitzten und daß sein Hut neben ihm lag. Diesen aufzulangen und ihn auf sein Gesicht zu legen, war eine That, die Muth erheischte, um so mehr, da die Augen des Mannes geöffnet waren. Aber sie führte dieselbe aus und machte auch einen glücklichen Rückzug; als sie sich noch einmal umblickte, war sie erschreckt, zu sehen, daß der Hut wieder abgeworfen war und Sandy aufrecht saß und etwas sagte.

Die Wahrheit zu gestehen, war Sandy in der ruhigen Tiefe seines Gemüthes vollkommen überzeugt, daß die Strahlen der Sonne heilsam und gesund seien, daß er von Kindheit an sich dagegen aufgelehnt hatte, mit einem Hute zu liegen, daß Niemand als unvernünftige Narren, keiner Heilung mehr fähig, Hüte trügen und es sein unbestreitbares Recht sei, wenn er wollte, ohne Kopfbedeckung zu bleiben.

Dies war der Zustand seines innern Bewußtseins. Leider war der äußere Ausdruck desselben sehr unbestimmt und beschränkte sich auf die Wiederholung einzelner Worte: »Sonne schon recht. Warum fort, eh? Warum Sonnenschein fort?«

Fräulein Marie blieb stehen und aus der Entfernung frischen Muth schöpfend, fragte sie ihn, ob er etwas brauche.

»Warum fort? Will mehr – Sonnenschein gut«, wiederholte Sandy mit erhöhter Stimme.

»Steht auf, schrecklicher Mensch«, sagte Fräulein Marie jetzt ganz empört, »steht auf und geht nach Hause!«

Sandy erhob sich, noch schwankend. Er war sechs Fuß hoch und Fräulein Marie zitterte. Er stolperte einige Schritt weiter, dann stand er still.

»Wozu soll ich nach Hause gehen?« fragte er plötzlich mit großem Ernst

»Geht und nehmt ein Bad!« erwiederte Fräulein Marie, indem sie sein bestaubtes Aeußere mit ersichtlichem Mißfallen betrachtete.

Zu ihrem Schrecken warf Sandy plötzlich Rock und Weste ab, zog die Stiefel aus und blitzschnell vorwärtsstürzend den Hügel hinab, verschwand er in der Gegend des Flusses.

»Guter Gott! – der Mann wird ertrinken!« rief Fräulein Marie und dann lief sie mit echt weiblicher Inconsequenz nach dem Schulhause und schloß sich ein.

Am Abend dieses Tages, als die junge Lehrerin mit ihrer Wirthin, der Frau des Hufschmiedes, beim Thee saß, fragte sie dieselbe ganz ruhig, ob ihr Mann jemals betrunken sei.

»Abner«, erwiederte Frau Stidger nachdenklich, »laßt sehen, Abner ist seit der letzten Wahlversammlung nicht ganz nüchtern gewesen.«

Fräulein Marie hätte am liebsten gefragt, ob er bei solchem Zustande es vorziehe, in der Sonne zu liegen und ob ein kaltes Bad ihm wol geschadet haben würde, aber dies hätte eine Erklärung herbeigeführt, die sie vermeiden wollte. So begnügte sie sich, ihre großen grauen Augen erstaunt aus die rothwangige Frau Stidger zu richten – ein ganz hübsches Exemplar des »südwestlichen Blumenflors«, und dann ließ sie den Gegenstand fallen.

Am nächsten Tage schrieb sie ihrer liebsten Freundin nach Boston:

»Ich glaube, ich finde den betrunkenen Theil dieser Bevölkerung hier noch am wenigsten unausstehlich. Natürlich meine ich damit die Männer, Liebste; ich wüßte nichts, was die Frauen erträglich machen könnte.«

In weniger als einer Woche hatte Fräulein Marie diese Episode vergessen, mit der einzigen Ausnahme, daß sie bei ihren Nachmittagspromenaden fast unwillkürlich eine andere Richtung einschlug. Sie bemerkte aber, daß jeden Morgen ein frischer Büschel Azaleen zwischen den Blumen auf ihrem Schreibpulte lag. Dies war weiter nicht auffallend, da ihre kleine Schaar, ihre Vorliebe für Blumen kennend, ihr täglich frische Anemonen, Lupinen und Flieder brachte; aber selbst bei näherm Erkundigen erklärten Alle, nicht zu wissen, wie die Azaleen dahin kämen. Nach einigen Tagen wurde der junge Herr Johann Stidger, dessen Pult dem Fenster am nächsten stand, plötzlich von wahren Lachkrämpfen befallen, welche die Ordnung der Classe zu zerstören drohten. Alles, was die Lehrerin aus ihm herausbringen konnte, war, es habe Jemand »in's Fenster geguckt.« Empört und ärgerlich verließ sie ihre kleine Schaar, um den Störenfried zurechtzuweisen. Als sie um die Ecke des Schulhauses bog, stand sie gerade dem einstigen Trunkenbold gegenüber, der jetzt vollkommen nüchtern war und sehr einfältig und schuldbewußt aussah.

In ihrer jetzigen Stimmung ließ es Fräulein Marie sich nicht entgehen, aus diesen Thatsachen Vortheil zu ziehen. Aber es war etwas verwirrend, gleichzeitig zu bemerken, daß »das Ungethüm«, trotz einiger leiser Zeichen seiner frühern Lebensweise, sehr gut, ja hübsch aussah, wirklich eine Art blonder Samson war, dessen strohfarbenes, reiches Haar und seidiger Bart anscheinend noch nie in Berührung mit einem Rasirmesser oder einer Delilascheere gekommen waren. Die aus Fräulein Marie's beredter Zunge schwebende scharfe Anrede erstarb auf ihren Lippen und sie begnügte sich, seine gestammelte Entschuldigung mit trotzig gesenkten Lidern und in hochmüthigem Schweigen anzuhören. Als sie in das Schulzimmer zurückkam, fiel ihr Blick auf die Azaleen, die ihr eine ganze Geschichte offenbarten. Und sie mußte lachen und die Kinder lachten mit und sie waren Alle unbewußt sehr glücklich.

Es war an einem heißen Tage, nicht lange nach jener Begegnung, daß zwei kleine Knaben an der Schwelle des Schulhauses mit einem Eimer Wasser, das sie in ihrem Amtseifer aus dem Quell geholt, verunglückten und daß Fräulein Marie mitleidsvoll das Gefäß ergriff und selbst nach dem Quell ging. Am Fuß des Berges fiel ein Schatten über ihren Weg und ein Arm befreite sie geschickt, aber sanft von ihrer Bürde. Fräulein Marie war zugleich verlegen und ärgerlich. »Wenn Sie nur mehr davon für sich selbst herbeitrügen«, sagte sie zu dem Arm im blauen Hemdsärmel, ohne aber die Augen zu seinem Eigentümer zu erheben, »es wäre besser für Sie.« In dem unterwürfigen Schweigen, welches folgte, bereute sie diesen Ausspruch und an der Thür dankte sie ihm so lieblich, daß er stolperte. Hierüber mußten die Kinder lachen und ihre junge Lehrerin lachte mit ihnen, so herzlich, daß ihre blassen Wangen sich ordentlich rosig färbten. Am nächsten Tage war eine Tonne ganz im Geheimen neben die Thür gestellt worden und jeden Morgen hatte sie sich eben so geheimnißvoll mit frischem Quellwasser gefüllt.

Uebrigens erwies man der jungen, ausgezeichneten Person, mit Namen Fräulein Marie, noch andere schweigende Aufmerksamkeiten. »Bill, der Profane«, der Kutscher des Numgullion-Postwagens, weit und breit bekannt wegen seiner »Galanterie«, indem er dem schönen Geschlecht stets den Platz neben sich auf dem Bock anbot, erlaubte sich solches doch nicht gegenüber Fräulein Marie und zwar aus dem Grunde, »weil er wußte, was sich zieme und daß er gewohnt sei, Rangunterschiede zu machen«, und so überließ er ihr den halben Wagen zur eigenen Benutzung. Jack Hamlin, ein Spieler, der einmal in tiefem Schweigen mit der jungen Lehrerin ein Stück Weges gefahren war, warf einem seiner Genossen ein Glas an den Kopf, weil dieser sich unterstanden, ihren Namen in einer Schänkstube zu nennen. Die aufgeputzte Mutter eines kleinen Schülers, dessen Vater man nicht kannte, hatte oft in der Nähe des Tempels dieser strengen Vestalin geweilt, ohne je zu wagen, die heiligen Hallen zu betreten, sich begnügend, die Priesterin von fern anzubeten.

Mit solchen kleinen Unterbrechungen ging das einförmige Leben der jungen Schullehrerin dahin, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, kurze Dämmerungen und sternenhelle Nächte zogen über Red Gulch dahin. Fräulein Marie liebte ihre Spaziergänge durch die stillen, schönen Wälder. Vielleicht glaubte sie mit Frau Stidger, daß der balsamische Duft der Nadelhölzer »ihrer Brust gut thue«, denn gewiß war's, daß ihr leichter Husten seltener kam, ihr Schritt kräftiger ward; vielleicht auch hatte sie die Lehre gelernt, welche die geduldigen Fichtenbäume nie müde werden, aufmerksam lauschenden Ohren zu wiederholen. Eines Tages hatte Fräulein Marie einen Picnic aus Buckeye Hill arrangirt und die Kinder mitgenommen. Fern zu sein von der staubigen Straße, den zerstreut liegenden Baracken, den gelben Gräben, dem Getöse der nie stillstehenden Maschinen, dem bunten, billigen Flitterstaat in den Schaufenstern, den Wirthshäusern mit all' ihrem wirren Geräusch – welch' eine unendliche Erquickung war schon dies allein! Wie der Wald seine duftigen, grünen Hallen öffnete, sie zu empfangen! Wie die Kinder sich an das Herz der gütigen Mutter Natur warfen, sie liebkosend und die Luft mit ihrem Jubel erfüllend und wie selbst Fräulein Marie, dieses Muster der Wohlanständigkeit, die stets so eigen mit ihren fleckenlosen Röcken und schneeweißen Kragen und Manschetten war, dies Alles vergaß und gleich einer Wachtel mit ihrer kleinen Schaar umherrannte, bis sie, springend, lachend, athemlos mit einer gelösten Flechte ihres braunen Haares und den runden Hut am Band um ihren Hals hängend, plötzlich und heftig inmitten des Waldes auf den unglücklichen Sandy stieß.

Die Erklärungen, Entschuldigungen und nicht allzu klugen Gespräche, welche folgten, sollen hier nicht wiederholt werden. Es schien indessen fast, als hätte Fräulein Marie schon eine Art Bekanntschaft mit diesem Ex-Trunkenbolde gemacht. Genug, daß er bald als Einer der Partie aufgenommen wurde, daß die Kinder mit jener schnellen Intelligenz, welche die Vorsehung den Hülflosen giebt, ihn als einen Freund erkannten und mit seinem blonden Haar und seidig weichen Schnurrbart spielten und sich andere Freiheiten erlaubten – wie es die Hülflosen zu thun pflegen. Und als er kunstvoll einen kleinen Scheiterhaufen aufbaute und ihn anzündete, und sie andere Geheimnisse der Waidmannskunst lehrte, kannte ihre Bewunderung keine Grenzen. Nachdem zwei glückliche Stunden in diesen fröhlichen Spielen verbracht waren und die junge Schullehrerin sich dann auf einem kleinen Hügel niedergelassen, Kränze aus Waldblumen windend, fand sich Sandy zu ihren Füßen liegend und träumerisch in ihr Antlitz blickend, fast in derselben Stellung, in der er gelegen, als sie sich zuerst begegneten.

Auch war die Ähnlichkeit keine gezwungene. Die Schwachheit einer leichtlebigen, sinnlichen Natur, welche eine Art träumerischer Aufregung im Genuß von geistigen Getränken gefunden, fand, wie zu fürchten ist, jetzt eine solche Berauschung in der Liebe.

Ich glaube, daß Sandy selbst eine Art Bewußtsein davon hatte. Ich weiß, er sehnte sich danach, etwas Großes zu thun – einen Bären zu erlegen, einen Wilden zu scalpiren, oder sich selbst in irgend einer Weise für die junge Lehrerin mit dem blassen Antlitz und den großen grauen Augen zu opfern.

Da ich Sandy sehr gern als Helden darstellen möchte, so kostet es mich Mühe, meine Hand in diesem Moment anzuhalten und nur die Ueberzeugung, daß fast nie im Leben gerade zu solcher Zeit eine derartige Episode geschieht, läßt mich von der Einführung derselben abstehen. Und ich glaube, daß meine schönste Leserin, die sich erinnert, wie in einer wirklichen Krisis stets irgend ein uninteressanter Unbekannter, oder ein Schutzmann es ist und nicht Adolphus, der zur Hülfe herbeikommt, mir das Fortlassen solcher romantischen Begebenheit verzeihen wird.

So saßen die Beiden ungestört in der stillen Waldeinsamkeit. – Die Spechte pickten und schwatzten über ihren Köpfen, die Stimmen der fernab spielenden Kinder drangen lieblich zu ihnen. Was sie sprachen, war sehr unwesentlich. – Was sie dachten – es möchte vielleicht interessanter gewesen sein – trat nicht zu Tage. Die Spechte erfuhren nur, wie Fräulein Marie eine Waise war und wie sie ihres Oheims Haus verlassen und nach Californien kam wegen ihrer Gesundheit und um unabhängig zu sein und wie Sandy auch eine Waise war und nach Californien ging, um Zerstreuung und Aufregung zu finden, wie er ein wildes Leben geführt, jetzt aber sich zu bessern bemühe und noch andere Details, welche von dem Gesichtspunkt der zuhörenden Spechte unzweifelhaft als recht einfältig und reine Zeitverschwendung erschienen. Aber mit solchen Nichtigkeiten wurde der Nachmittag hingebracht und als die zerstreuten Kinder wieder alle beisammen waren, damit der Heimweg angetreten werden konnte und Sandy am Saume des Waldes, ehe sie die Nähe der Niederlassung erreichten, mit einem Zartgefühl, welches die Schullehrerin wol verstand und würdigte, ruhig von ihnen Abschied nahm, schien es Fräulein Marie, als sei dies der kürzeste und angenehmste Tag ihres mühseligen Lebens gewesen.

Als der lange, trockene Sommer Alles bis zur Wurzel verdorrt und sein Ende erreicht hatte, war auch der Schluß der Schule für Red Gulch gekommen. Am nächsten Tage würde Fräulein Marie frei sein und wenigstens für einige Zeit würde Red Gulch sie nicht wiedersehen. Sie saß allein im Schulhause, ihre Wange ruhte auf ihrer Hand, ihre Augen waren halb geschlossen, in einem jener wachen Träume, denen sie sich – ich fürchte zum Schaden der Schuldisciplin – in letzter Zeit öfter hingab. In ihrem Schooße lagen eine Menge von Moosen, Farren und anderen Waldandenken. Sie war davon und von ihren eigenen Gedanken so in Anspruch genommen, daß sie ein leises Klopsen an der Thür überhörte, oder es verwebte sich vielleicht mit der fernen Erinnerung an das Pochen der Spechte im Walde. Als das Klopfen lauter ward, sprang sie auf, während ein warmes Erröthen ihre blassen Wangen übergoß und öffnete die Thür. Auf der Schwelle stand eine Frau, deren Selbstgefälligkeit, ja Keckheit des Anzuges mit ihrem schüchternen, unsichern Wesen einen auffallenden Gegensatz bildete.

Fräulein Marie erkannte mit einem Blick die zweifelhafte Mutter ihres kleinen, namenlosen Schülers. Vielleicht hatte sie sich in ihrer Erwartung getäuscht, vielleicht war es nur Stolz; aber als sie die Fremde kühl zum Eintritt aufforderte, zupfte sie unbewußt ihre weißen Stulpen und ihren Kragen zurecht und nahm ihr Kleid fester zusammen. Aus diesem Grunde ließ wol die verlegene Frau ihren auffallenden bunten Sonnenschirm draußen neben der Thür stehen und setzte sich aus die äußerste Kante einer langen Bank. Ihre Stimme klang verschleiert, als sie zu reden begann.

»Ich hörte, daß Sie morgen fortreisen und ich konnte Sie nicht gehen lassen, ohne Ihnen für Ihre Güte gegen meinen Tommy zu danken.«

Tommy sei ein guter Knabe und verdiene mehr Aufmerksamkeit und Belehrung, als sie ihm angedeihen lassen könne, erwiederte Fräulein Marie.

»Dank Ihnen, vielen Dank, Fräulein!« rief die Fremde unter ihrer Schminke, welche in Red Gulch ihre »Kriegsfarbe« genannt wurde, erröthend und in ihrer Verlegenheit versuchend, die lange Bank näher zu der Schullehrerin hinzuziehen. »Ich danke Ihnen, Fräulein, für den Ausspruch! und wenn ich auch seine Mutter bin, es giebt in der Welt keinen herzigern, bessern und liebern Jungen als ihn. Und ist es auch nicht viel, daß ich es sage, aber es giebt auch keine liebere, bessere, engelgleichere Lehrerin als die seinige.«

Fräulein Marie, welche kerzengerade hinter ihrem Schreibpult saß, ein Linial über ihre Schulter haltend, öffnete ihre großen grauen Augen weit bei diesen Worten, erwiederte aber nichts.

»Es paßt sich nicht für Eine wie ich, Ihnen Complimente zu machen«, fuhr sie heftig fort, »das weiß ich; eben so, daß es sich nicht für mich schickt, am hellen Tage hierher zu kommen, aber ich kam, eine Gunst zu erbitten – nicht für mich, doch für meinen Liebling.«

Ermuthigt durch einen Blick in den Augen der jungen Schullehrerin und ihre mit lila Handschuhen bedeckten Hände zwischen die Knieen legend, die Finger nach unten, fuhr die Frau mit leiser Stimme fort:

»Sehen Sie, Fräulein, es ist Niemand, an den der Knabe ein Anrecht hat, als an mich und ich bin nicht die geeignete Person, ihn zu erziehen. Schon im letzten Jahr dachte ich daran, ihn nach 'Frisco in die Schule zu thun, aber als die Rede ging, es käme eine neue Schulmadame her, wartete ich, bis Sie eintrafen und da sah ich, daß Alles recht sei und ich meinen Knaben noch etwas länger bei mir behalten könnte. Ach, Fräulein, er hat Sie so lieb und wenn Sie hörten, wie er in seiner allerliebsten Weise von Ihnen spricht, wenn er Sie jetzt um Das bitten könnte, was ich von Ihnen erflehen will, Sie würden es ihm nicht abschlagen.«

»Es ist natürlich«, fuhr sie schnell fort mit einer Stimme, in der Stolz und Demuth zugleich sich kundthaten, »es ist natürlich, daß er sich zu Ihnen hält, denn als ich seinen Vater zuerst kennen lernte, war dieser ein Gentleman – und der Knabe muß mich früher oder später doch vergessen – und deshalb will ich Ihnen darüber nichts vorweinen. Denn ich kam, Sie zu bitten, meinen Tommy an sich zu nehmen – Gott segne ihn, den besten, liebsten Jungen auf Erden! ihn – ihn – für immer an sich zu nehmen.«

Sie war aufgestanden, hatte des jungen Mädchens Hand ergriffen und war neben ihr auf die Knie niedergesunken.

»Ich habe viel Geld und es soll Alles Ihnen Beiden gehören, ihm und Ihnen. Bringen Sie ihn aus eine gute Schule, doch in Ihrer Nähe, daß Sie nach ihm sehen können und helfen Sie ihm, daß – daß – daß er seine Mutter vergißt. Thun Sie mit ihm, was Sie wollen. Das Schlimmste, was Sie ihm zufügen können, würde Güte sein gegen Das, was er hier bei mir lernen würde. Nur führen Sie ihn fort von hier, aus diesem sündigen Leben, fort von diesem schrecklichen Ort, dieser Heimat der Schande und des Kummers. Sie wollen es, ich weiß, Sie wollen es thun; nicht wahr? Sie werden, Sie können, Sie dürfen nicht Nein sagen. Machen Sie ihn so gut, so rein und sanft wie Sie selbst es sind; und wenn er erwachsen ist, nennen Sie ihm den Namen seines Vaters – den Namen, der seit Jahren nicht über meine Lippen gekommen ist – den Namen von Alexander Morton, hier Sandy genannt! Fräulein Marie! – ziehen Sie Ihre Hand nicht fort! Fräulein Marie, sprechen Sie zu mir! Sie werden meinen Knaben nehmen? Wenden Sie Ihr Antlitz nicht von mir ab! Ich weiß, es sollte wol nicht auf meines Gleichen blicken. Fräulein Marie! mein Gott, habe Erbarmen! – sie verläßt mich!«

Fräulein Marie hatte sich erhoben und in dem Zwielicht sich ihren Weg zum offenen Fenster hin getappt. Sie stand dort, sich gegen den Rahmen lehnend, ihre Augen auf die letzten rosigen Tinten gerichtet, die am westlichen Himmel erblaßten. Etwas von dem röthlichen Lichte lag noch auf ihrer jungen, reinen Stirn, ihren weißen, gefalteten Händen; aber es verschwand nach und nach. Die Bittende hatte sich auf den Knieen ihr nachgeschleppt.

»Ich weiß, Sie bedürfen Zeit zum Ueberlegen, ich will die ganze Nacht hier warten, ich kann nicht gehen, bis Sie zu mir gesprochen haben. O, schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab. Sie wollen mich erhören! – ich seh es in Ihrem lieben Antlitz – solch ein Antlitz, wie ich es in meinen Träumen erschaut. Ich lese es in Ihren Augen, Fräulein Marie! – Sie werden meinen Knaben nehmen!«

Der letzte rothe Lichtstrahl schwebte höher und erfüllte Fräulein Marie's Augen mit einem Widerschein seiner Glorie, dann leuchtete er noch einmal auf und erstarb. Die Sonne war über Red Gulch untergegangen. In dem Zwielicht und dem Schweigen erklang der jungen Lehrerin Stimme lieblich.

»Ich werde den Knaben nehmen. Schicken Sie ihn mir heute Abend her!«

Die glückliche Mutter erhob den Saum von Fräulein Marie's Kleid an ihre Lippen. Sie würde gern ihr flammendes Gesicht in die Falten des jungfräulichen Gewandes gedrückt haben, aber sie wagte es nicht. Sie stand langsam auf.

»Weiß – dieser Mann um Ihr Thun?« fragte Fräulein Marie plötzlich.

»Nein, noch kümmert er sich darum. Er hat nie das Kind gesehen, weiß gar nichts davon.«

»Gehen Sie zu ihm – noch heute – aus der Stelle! Theilen Sie ihm mit, was Sie gethan! Sagen Sie ihm, ich habe sein Kind genommen und sagen Sie ihm – er müsse nie ein Wiedersehen – niemals das Kind wieder zu sehen versuchen. Wo es auch sei, er dürfe nicht kommen, wohin ich es mit mir nehme, er dürfe uns nicht folgen! Jetzt gehen Sie, bitte – ich bin erschöpft und – habe noch viel zu thun.«

Sie gingen zusammen zur Thür, auf der Schwelle wandte sich die Frau um.

»Gute Nacht.«

Sie würde Fräulein Marie zu Füßen gesunken sein, doch im nämlichen Augenblick öffnete das junge Mädchen die Arme und zog die sündige Frau einen Moment an ihre Brust; dann schloß sie die Thür hinter ihr und verriegelte sie.

Mit einem Gefühl großer Verantwortlichkeit nahm »Bill, der Profane«, am nächsten Morgen die Zügel der Pferde der Slumgullion-Post­kutsche, denn die junge Schullehrerin befand sich ja unter seinen Passagieren. Als sie die Chaussée erreichten, hielt er, einer lieblichen Stimme aus dem »Innern des Wagens« gehorchend, plötzlich an und wartete ehrerbietig, während »Tommy« aus Fräulein Marie's Gebot heraushüpfte.

»Nicht von dem Busch, Tommy – vom nächsten.«

Tommy öffnete sein neues Taschenmesser und nachdem er einen Zweig von einem großen Azaleenbusch abgeschnitten, kehrte er damit zu Fräulein Marie zurück.

»Alles in Ordnung jetzt?«

»Alles in Ordnung.«

Und die Thür der Postkutsche schloß sich über der Idylle von Red Gulch.