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Bret Harte – Miggles

Erzählung

Bret Harte, Miggles Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Aus den Erzählungen der Argonauten. 1873, 1. Band, S. 667ff. (Übersetzerin Sophie Verena)


Wir waren acht Personen mit dem Kutscher. Während der letzten Meilen, seitdem das Rasseln und Stoßen des schweren Wagens aus holprigen Wegen das letzte poetische Citat des Richters unterbrochen, hatten wir nicht mehr gesprochen. Der große Mann neben dem Richter schlief, er hatte seinen Arm durch den an seiner Seite hängenden Halter geschoben und seinen Kopf darauf gelegt, und bot den Anblick eines ganz hülslosen, zusammengesunkenen Körpers, als habe er sich erhängt und sei zu spät abgeschnitten. Die Französin aus dem Rücksitz schlief auch, doch mit einer halb bewußten Wohlanständigkeit und Anmuth der Stellung, die sich selbst in der Art aussprach, wie sie ihr Taschentuch gegen die Stirn gedrückt, das dabei ihr Gesicht halb verschleierte. Die Dame aus der Stadt Virginia, welche mit ihrem Manne reiste, hatte in einem bunten und wilden Chaos von Bändern, Pelzen, Shawls und Schleiern schon lange jede Individualität verloren.

Es war kein anderer Laut hörbar, als das Rollen der Räder und das Klappern des Regens auf dem Verdeck des Wagens. Plötzlich hielten wir an und ein Geräusch von Stimmen traf unser Ohr; der Kutscher war in einem sehr eifrigen Zwiegespräch mit Jemandem auf dem Wege und einzelne Worte, wie »Brücke abgerissen« – »zwanzig Fuß hohes Wasser« – »könnt nicht weiter« – machten sich über den Sturm hin vernehmbar. Dann trat Stille ein und die geheimnißvolle Stimme rief noch im Scheiden dem Kutscher den guten Rath zu:

»Versucht es bei Miggles!«

Wir sahen beim Umwenden des Wagens einen schwachen Schimmer von unserm Kutscher Yuba Bill und von einem Reiter, der im Regen verschwand, und befanden uns höchst wahrscheinlich aus dem Wege zu Miggles.

Wo und wer war Miggles? Der Richter, unsere Autorität, konnte sich des Namens nicht erinnern, und er kannte doch die ganze Gegend genau. Der Washoe Reisende meinte, Miggles sei gewiß ein Gasthausbesitzer. Wir wußten nur, daß wir durch Hochwasser auf allen Seiten am Vorwärtskommen verhindert wurden und Miggles unser Fels der Zuflucht war. Nachdem wir zehn Minuten aus einem sich windenden schmalen Seitenweg, kaum breit genug für den Wagen, durch Wasserlachen dahingefahren, hielten wir vor einer geschlossenen Pforte an, die in einer vielleicht acht Fuß hohen Steinmauer angebracht war. Offenbar befanden wir uns bei Miggles, und offenbar hatte Miggles kein Gasthaus.

Der Kutscher stieg ab und rüttelte an der Pforte, die aber nicht zu öffnen war.

»Miggles! O, Miggles!«

Keine Antwort.

»Migg–ells! Ihr, Miggles!« rief er von Neuem mit aufsteigendem Aerger.

»Migglesy!« mischte sich der Conducteur recht überredend hinein. »O, Miggy! Migg!«

Aber keine Antwort kam von dem anscheinend gefühllosen, unverständigen Miggles. Der Richter, welcher endlich das Fenster herabgelassen, steckte seinen Kopf hinaus und that eine Reihenfolge von Fragen, die, wenn sie kategorisch beantwortet wären, das ganze Geheimniß aufgeklärt haben würden, die aber der Kutscher kurz abschnitt mit der Erwiederung: wenn wir nicht Lust hätten, die ganze Nacht im Wagen zu sitzen, thäten wir besser auszusteigen und mit ihm nach Miggles zu rufen.

Demzufolge verließen wir den Wagen und vereinigten uns im Chorgesang nach Miggles, den wir dann wieder einzelnstimmig anriefen. Als wir fertig waren, ließ ein Irländer, ein Mitreisender vom Verdeck der Kutsche, seine Stimme nach: »Maygells!« erschallen, worauf ein allgemeines Gelächter folgte. Während wir noch lachten, rief der Kutscher: »Still!«

Wir lauschten. Zu unserm größten Staunen wurde der Chorus von Miggles selbst mit dem letzten und ergänzenden: »Maygells!« auf der andern Seite der Mauer wiederholt.

»Außerordentliches Echo!« bemerkte der Richter.

»Außerordentlich verd– Dickfell da innen!« schrie der Kutscher verächtlich. »Kommt doch heraus, Miggles, und laßt Euch sehen! Miggles, seid ein Mann! Verbergt Euch nicht im Dunkel; ich thät' es nicht an Eurer Stelle, Miggles!« fuhr Yuba Bill fort, jetzt in einem Anfall von Wuth umherstürmend oder die Pforte mit seinen Fäusten bearbeitend.

»Miggles!« wiederholte die Stimme. »O, Miggles!«

»Mein guter Mann! Herr Myghail!« sagte der Richter, die Schärfe des Namens so sehr als möglich sänftigend. »Bedenken Sie, wie unfreundlich es ist, in einem solchen Wetter Reisenden, unter denen sich Damen befinden, die Gastfreundschaft zu verweigern. Wirklich, mein lieber Herr« –

Aber eine neue Sturmpetition nach »Miggles!« in einem schallenden Gelächter endend, unterbrach des Richters wohlgesetzte Rede und übertönte seine Stimme.

Yuba Bill's Geduld war zu Ende. Mit einem großen Stein, den er vom Wege nahm, sprengte er das Schloß der Pforte und trat in Begleitung des Conducteurs in die Umfriedigung ein. Wir folgten. Niemand war zu sehen. Alles, was wir in der Dunkelheit unterscheiden konnten, war, daß wir uns in einem Garten befanden – die süßduftenden Rosensträuche warfen uns bei jedem Schritt von ihren Blättern einen feinen Sprühregen zu – und vor einem langen, hölzernen Gebäude standen.

»Kennt Ihr diesen Miggles?« fragte der Richter Yuba Bill.

»Nein, es verlangt mich auch gar nicht danach«, entgegnete Bill kurz, denn er fühlte die Pionier-Postwagen-Gesellschaft in seiner Person durch diesen halsstarrigen Miggles beleidigt.

»Aber, mein lieber Freund« – warf der Richter ein, an die verschlossene Pforte denkend.

»Mein Herr«, entgegnete Bill mit seiner Ironie, »wollen Sie nicht lieber wieder in den Wagen steigen und darin sitzen bleiben, bis Sie diesem Miggles vorgestellt sind? Ich gehe hinein«, und er stieß die Thür des Gebäudes auf.

Ein langer Raum, nur durch die verglimmenden Kohlen eines aus einem großen Herde verlöschenden Feuers erleuchtet, die Wände in wundersamer Weise tapeziert, wie ein hin und wieder aufflammender Lichtschein zeigte, und Jemand in einem großen Armstuhle beim Kamine sitzend – das war der Anblick, der sich uns bot, als wir hinter dem Kutscher und dem Conducteur in das Zimmer traten.

»Holla! seid Ihr Miggles?« fragte Yuba Bill den einsamen Bewohner.

Die Gestalt sprach weder noch bewegte sie sich. Yuba Bill schritt ärgerlich auf sie zu und ließ das volle Licht seiner Wagenlaterne auf sie fallen. Wir sahen ein Männerantlitz, vorzeitig gealtert und voller Runzeln, mit sehr großen Augen, in denen ein Ausdruck unendlicher Feierlichkeit lag, wie ich ihn zuweilen in den Augen der Eulen bemerkt. Die großen Augen wandten sich von Bill's Gesicht auf die Laterne und blieben auf diesem leuchtenden Gegenstand ohne ein weiteres Erkennungszeichen haften.

Bill hielt nur mit großer Anstrengung einen Zornesausbruch zurück.

»Miggles! Seid Ihr taub? Stumm seid Ihr hoffentlich nicht«, und Yuba Bill schüttelte die unbewegliche Gestalt bei der Schulter. Zu unserm Schrecken fiel, als Bill seine Hand fortzog, der ehrwürdige Fremde zusammen, sank aus die Hälfte herab, zu einem nicht zu unterscheidenden Bündel von Kleidern.

»Na, das geht doch zu weit!« sagte Bill, hülfesuchend nach uns blickend, indem er den Kampf als hoffnungslos aufgab.

Der Richter trat hinzu und wir brachten die geheimnißvolle, wirbellose Gestalt wieder in die vorige Lage zurück. Bill wurde mit seiner Laterne hinausgeschickt aus Recognoscirung, denn es war doch klar, daß bei der gänzlichen Hülslosigkeit dieses Mannes Menschen zu seinem Beistand in der Nähe sein mußten. Wir Anderen gruppirten uns um das Feuer. Der Richter, welcher seine Autorität wiedergewonnen und seine unterhaltende Liebenswürdigkeit gar nicht verloren hatte, redete uns – sich mit dem Rücken gegen den Herd stellend – als eine imaginäre Jury folgendermaßen an:

»Es ist ersichtlich, daß unser außergewöhnlicher Freund hier entweder den Zustand erreicht hat, welchen Shakespeare als »das dürre gelbe Blatt« bezeichnet, oder an irgend einer frühzeitigen Abnahme seiner geistigen und körperlichen Kräfte leidet. Ob er wirklich der Miggles –«

Hier wurde der Redner unterbrochen durch »Miggles! O Miggles! Migglesy! Mig!« in der That durch die ganze Reihenfolge in demselben Tone, wie wir sie schon vernommen.

Einen Moment blickte Einer den Andern erschrocken an, besonders der Richter änderte seine Stellung schnell, da die Stimme direct über seiner Schulter erklang. Die Urheberin derselben wurde bald in einer großen Elster entdeckt, die auf einem Bret über dem Kamin zusammengekauert saß und augenblicklich in ein grabähnliches Schweigen zurückfiel, welches gegen ihre frühere Redegeläufigkeit seltsam abstach. Es war ohne Zweifel diese Stimme gewesen, welche wir draußen auf der Straße gehört, und unser Freund im Armstuhl hatte sich nicht der Unhöflichkeit schuldig gemacht. Yuba Bill, der nach einem erfolglosen Suchen und Spähen draußen in das Zimmer zurückkehrte, war noch nicht so recht geneigt, diese Erklärung als vollgiltig anzunehmen, und betrachtete den hülslosen Mann noch immer mit einer gewissen Argwohn. Bill hatte einen Schuppen gefunden, in dem er seine Pferde untergebracht, er selbst kam regentriefend und übler Laune zurück und brummte: »Meilen in der Runde ist kein Mensch zu erspähen und dieser saubere Patron dort weiß es.«

Aber die Mehrzahl theilte nicht diesen Glauben. Bill hatte kaum mit seinem Grollen aufgehört, als ein schneller, leichter Schritt in der Halle vernehmbar erschallte, die Thür aufgerissen ward und eine junge Frau mit einem gänzlichen Mangel an Ceremoniell oder Mißtrauen eintrat, die Thür schloß und sich athemlos dagegen lehnend, endlich sagte:

»Ich, wenn's gefällig ist, bin Miggles!«

Wie die dunklen Augen leuchteten, die weißen Zähne zwischen den rothen Lippen blitzten! Dies also war Miggles! diese klaräugige, hübsche, junge Frau, deren nasses Kleid von grobem, blauem Stoff die Schönheit der weiblichen Formen, welche es umhüllte, nicht verbergen konnte; von dem zu einer Krone aufgesteckten, kastanienbraunem Haar, das ein Matrosenhut von Wachstuch bedeckte, bis zu den kleinen, in Knabenhalbstiefeln steckenden Füßen war Alles Anmuth und Grazie an ihr – dies war Miggles, uns in der freimüthigsten, sorglosesten, zutraulichsten Weise anlächelnd.

»Bedenkt, Ihr Leute«, sagte sie ganz athemlos, wobei sie eine ihrer kleinen Hände gegen ihre Seite drückte, ohne weiter unsere sprachlose Verwirrung zu beachten, noch die vollständige Niederlage Yuba Bill's, dessen Gesicht trotzdem einen Ausdruck grenzenloser, einfältiger Fröhlichkeit trug – »bedenkt, Ihr Leute, ich war fast zwei Meilen von hier entfernt, als Ihr unten auf der Straße dahin fuhret, und ich dachte mir, Ihr könntet vielleicht hier anhalten, so rannte ich den ganzen Weg zurück, da doch Niemand als Jim hier war – und – und – das hat mich außer Athem gebracht.«

Jetzt nahm Miggles ihren triefenden Hut ab und mit einer muthwilligen Schwenkung spritzte sie einen Schauer von Regentropfen über uns hin, dann versuchte sie eine gelöste Flechte ihres reichen Haares aufzustecken, ließ bei dem Bemühen zwei Haarnadeln fallen, lachte und setzte sich neben Yuba Bill, ihre gefalteten Hände in den Schooß legend.

Der Richter fand zuerst seine Fassung wieder und versuchte ihr ein sehr überschwängliches Compliment zu machen.

»Ich bitte, mir jene Haarnadel dort aufzuheben« sagte Miggles ernst. Ein halbes Dutzend Hände streckten sich dienstfertig aus, die fehlende Nadel wurde der schönen Eigenthümerin zugestellt und die Flechte aufgesteckt. Dann durchschritt Miggles das Zimmer, blieb bei dem Kranken stehen und blickte prüfend in sein Gesicht. Die feierlichen Augen schauten sie mit einem Ausdruck an, den wir vorher nicht darin wahrgenommen. Leben und Geist schienen sich zu bemühen, in das verwüstete Antlitz zurückzukehren. Miggles lachte wieder – es war ein eigenthümlich beredtes Lachen – und wandte ihre schwarzen Augen und weißen Zähne uns wieder zu.

»Dieser arme Leidende ist?« fragte der Richter zögernd. »Jim«, erwiederte Miggles. »Ihr Vater?« »Nein.« »Bruder?« »Nein.« »Gatte?«

Miggles warf einen schnellen, halb trotzigen Blick auf die beiden Damen unserer Gesellschaft, die, wie ich bemerkte, die allgemeine Bewunderung der Männer für die reizende junge Frau nicht theilten, und sagte ernst:

»Nein, es ist Jim.«

Eine beklemmende Pause folgte. Die Damen rückten näher zusammen; der Gatte der einen starrte unverwandt in das Kaminfeuer; der große Mann schien seinen Blick nach innen zu richten, als werde er dort die Kraft finden, ihn einem so sonderbaren Ereigniß gegenüber aufrecht zu erhalten. Aber Miggles' Lachen, das etwas sehr Ansteckendes hatte, unterbrach das peinliche Schweigen.

»Kommt«, sagte sie kurz. »Ihr müßt hungrig sein. Wer will mir helfen Thee zu bereiten?«

Es fehlte ihr nicht an Freiwilligen. Nach einigen Minuten trug Yuba Bill, gleich Caliban, Holz für diese Miranda herbei. Der Conducteur mahlte draußen aus der Veranda Kaffee. Mir selbst war das wichtige Amt zugefallen, Schinken zu schneiden, und der Richter ging von Einem zum Andern, ihm in seiner launigen, redseligen Weise guten Rath ertheilend. Nachdem Miggles mit Hülfe des Richters und unseres Irländers »vom Verdeck« die Tafel hergerichtet, waren wir Alle in eine sehr heitere Stimmung gekommen, trotz des gegen die Fenster schlagenden Regens, des im Kamin tobenden Sturmes und des bedeutungsvolle­n Geflü­sters der beiden Damen, in deren Unterhaltung die Elster ab und zu eine ergänzende sarkastische Bemerkung von ihrem hohen Standpunkt hineinwarf. Bei dem jetzt hell auflodernden Feuer sahen wir, daß die Wände des Zimmers mit Blättern aus Zeitungen und illustrirten Journalen tapezirt waren, aber mit weiblichem Geschmack und Geschick arrangirt. Die Möbels waren extemporirt, aus Kasten und Gepäckkisten hergestellt und mit hellem bunten Kattun oder irgend einem Thierfell bedeckt. Der Armstuhl des gelähmten Jim war ein Kunstwerk aus einer großen Mehltruhe hergerichtet. Es herrschte überall Sauberkeit, ja sogar ein pittoresker Geschmack in der Ausstattung des langen Gemaches.

Die Mahlzeit war nicht nur ein culinarischer Erfolg, mehr als das, ein socialer Triumph ausschließlich, wie es mir schien, Dank dem außerordentlichen Tact von Miggles, welche die Unterhaltung führte, indem sie allein alle Fragen that, und doch einen so vollkommenen Freimuth zeigte, der den Gedanken, als wolle sie ihrerseits etwas verbergen, gar nicht auftauchen ließ; so daß wir von uns selbst, unseren Vorhaben, Aussichten, von der Reise und dem Wetter sprachen, von Allem und Jedem – außer von unserem Wirth und unserer Wir­thin. Es muß eingeräumt werden, daß Miggles' Redeweise weder elegant, noch immer grammatikalisch war, und daß sie sich zuweilen Ausdrücke bediente, welche man gewöhnlich den Männern überläßt. Aber wenn sie dieselben gebrauchte, leuchteten die schönen Augen dabei so hell, die kleinen Zähne blitzten zwischen den rothen Lippen hervor und jenes ihr eigenthümliche Lachen folgte, das so frisch, freimüthig und ehrlich war, daß es die moralische Atmosphäre zu klären schien.

Während unserer Mahlzeit hörten wir plötzlich ein Geräusch, wie das Reiben eines schweren Körpers gegen die Wände des Hauses; ihm folgte sehr bald ein Kratzen und Schnaufen an der Thür. »Das ist Joaquin«, sagte Miggles als Antwort aus unsere fragenden Blicke, »möchtet Ihr ihn sehen?« Ehe wir antworten konnten, hatte sie die Thür geöffnet und einen halb ausgewachsenen Bären eingelassen, der sich sogleich auf seine Hinterbeine setzte und die Vordertatzen in der populären Weise hängen ließ, welche als die bittende Stellung bezeichnet wird, wobei er Miggles voll Bewunderung anblickte, in seinem ganzen Wesen eine eigenthümliche Ähnlichkeit mit Yuba Bill zeigend. »Das ist mein wachsamer Hofhund«, erklärte Miggles. »O, er beißt nicht«, fügte sie hinzu, als die beiden Damen sich in eine entfernte Ecke flüchteten. »Nicht wahr, Du beißt nicht, mein alter Toddy, das thust Du nicht, wenn Deine Herrin dabei ist.« Der kluge, weiße Bär schaute sie verständnißvoll an. »Aber das muß ich sagen, Ihr Leute«, fuhr Miggles fort, nachdem sie Ursa minor gefüttert und fortgeschickt, »Ihr habt Glück gehabt, daß Joaquin nicht in der Nähe war, als Ihr heute Abend hier einfielet.« »Wo war er denn?« fragte der Richter. »Bei mir. Mein Himmel, er begleitet mich stets im Dunkel auf meinen Wegen.«

Wir schwiegen und lauschten auf das Aechzen des Windes. Vielleicht schwebte uns Allen dasselbe Bild vor – Miggles durch die Wälder wandelnd mit ihrem wilden Beschützer an ihrer Seite. Der Richter sagte etwas von Una und ihrem Löwen, aber Miggles nahm es wie jede ihr gespendete Artigkeit mit ruhigem Ernst hin. Ob sie der allgemeinen Bewunderung, die sie erregte, ganz unbewußt war – kaum konnte ihr Yuba Bill's Anbetung entgehen – das weiß ich nicht; aber ihr unendlicher Freimuth, ihre große Unbefangenheit schien eine vollkommene Gleichheit der Geschlechter anzunehmen, die für die jüngeren Glieder unserer Gesellschaft demüthigend war.

Der Zwischenfall mit dem Bären hatte die Damen in ihrer Meinung über Miggles nicht günstiger gestimmt. Als die Mahlzeit vorüber war, ging von den beiden weiblichen Reisenden eine Kälte aus, welche durch keine Tannenzapfen und Holzstöße, die Yuba Bill als Opfergabe auf dem Herde anhäufte, ganz verscheucht werden konnte. Miggles fühlte den eisigen Hauch sich über die erst so fröhliche Stimmung lagern, und indem sie plötzlich erklärte, es sei Zeit für uns Alle, die Ruhe zu suchen, bot sie den beiden Damen an, sie nach ihrer Lagerstatt in den anstoßenden Raum zu führen,

»Ihr, meine guten Burschen, müßt schon hier so gut es geht beim Feuer campiren, denn wir haben nur das eine Zimmer.«

Unser Geschlecht – unter welchem ich natürlich, lieber Herr, die stärkere Hälfte der Menschheit verstehe – wird gewöhnlich nicht der Neugier oder des Hanges zum Schwatzen beschuldigt; dennoch sehe ich mich genöthigt zu bekennen, daß sich kaum die Thür hinter Miggles geschlossen, als wir zusammenrückten und flüsternd, kichernd, lächelnd unsere Ansichten, Bemerkungen, Voraussetzungen, Ueberzeugungen und Gedanken über unsere reizende Wirthin und ihren seltsamen Gefährten austauschten. Ich fürchte, daß wir selbst den stumpfsinnigen Gelähmten nicht verschonten, der gleich einem stimmlosen Memnon in unserer Mitte saß, mit der heitern Gleichgiltigkeit der Vergangenheit in seinen leidenschaftslosen Augen auf unsere gesprächige Berathung blickend. Inmitten einer aufregenden Erörterung öffnete sich die Thür wieder und Miggles erschien.

Aber allem Anschein nach nicht dieselbe Miggles, welche vor einigen Stunden uns wie ein heller freundlicher Strahl entgegengeleuchtet. Ihre Augen waren gesenkt und als sie einen Moment, mit einer Decke über dem Arm, zögernd auf der Schwelle stand, schien sie all' die freimüthige Unerschrockenheit, welche uns vorhin so entzückt, zurückgelassen zu haben. Sie trat langsam in's Zimmer, zog einen niedrigen Schemel zum Armstuhle des Kranken, warf die Decke um ihre Schulter und sagte: »Es kann Euch ja gleichgiltig sein, Kinder, da das Haus etwas voll ist, werde ich diese Nacht hier bleiben.« Sie nahm des Leidenden welke Hand in ihre Rechte und starrte in das Kaminfeuer. Ein instinctives Gefühl, daß dies nur die Eröffnung zu weiteren vertraulichen Mittheilungen sein werde und wir uns vielleicht später unserer frühern Neugier zu schämen haben würden, ließ uns in Schweigen beharren. Der Regen schlug noch auf das Dach nieder, einzelne daherziehende Windstöße machten die Flamme auf dem Herde ab und zu in hellerm Leuchten aufflackern. Bei einer im Aufruhr der Elemente eingetretenen Stille erhob Miggles das Haupt, warf ihr Haar zurück und, uns ihr Gesicht zuwendend, fragte sie plötzlich: »Ist Einer unter Euch, der mich kennt?« Es erfolgte keine Antwort. »Besinnt Euch. Ich lebte im Jahre 53 in Marysville. Jeder kannte mich dort und Jeder hatte ein Recht dazu. Ich war die Besitzerin des Polkasaales, bis ich ihn aufgab, um mit Jim zu leben. Das ist sechs Jahre her; vielleicht habe ich mich seitdem etwas verändert.«

Daß Niemand von uns sie kannte, schien Miggles etwas zu verwirren. Sie wandte wieder ihr Gesicht dem Feuer zu und es vergingen einige Secunden, ehe sie von Neuem und jetzt viel schneller sprach.

»Nun, ich dachte es müßte irgend Einer von Euch mich gekannt haben. Aber es thut nichts. Was ich sagen wollte, war dies: Jim hier« – sie nahm während sie sprach, seine Hand in ihre beiden Hände – »kannte mich und gab eine Menge Geld für mich aus; ich glaube, Alles, was er besaß. Und eines Tages – es werden sechs Jahre in diesem Winter – trat Jim in mein Hinterzimmer, setzte sich auf's Sopha und wurde, wie er da sitzt, so daß er sich nicht wieder ohne Hülfe bewegen konnte. Er war vom Schlage getroffen und schien gar nicht zu wissen, was ihm geschehen, noch was ihm fehle. Die Aerzte kamen und erklärten, es sei eine Folge seines Lebenswandels – denn Jim war stets mächtig wild und lustig und unvorsichtig gewesen – und er könne nie wieder besser werden, er würde es auch nicht mehr lange machen. Sie riethen mir, ihn nach Frisco in's Hospital zu schicken, er vermöchte fortan Niemand mehr zu nützen, sei ein hülsloses Baby für sein noch übriges Leben. Vielleicht lag etwas in Jim's Augen, vielleicht kam es, weil ich nie ein Baby gehabt, ich sagte »Nein«. Ich war damals reich, denn ich war sehr populär; Gentlemen wie Sie, Herr, kamen in mein Haus; und ich verkaufte mein Geschäft, kaufte dafür diesen ganz abgelegenen Platz und brachte mein Baby her.«

Mit dem einer echten Frau innewohnenden Tact und der ihr eigenen Poesie hatte Miggles, während sie sprach, langsam ihre Stellung verändert, und während sie selbst sich in den Schatten zurückzog, die regungslose Gestalt des Leidenden zwischen sich und ihre Zuhörer gebracht, als ob sie dieselbe als eine schweigende Entschuldigung für ihre Handlungsweise hinstelle. Stumm und ausdruckslos, wie Jim war, er sprach trotzdem für sie, hülflos und vom göttlichen Blitzstrahl getroffen, legte der Unglückliche doch noch, wenn auch unsichtbar, seinen schützenden Arm um sie.

Im Dunkel verborgen, aber seine Hand noch immer haltend, fuhr sie fort: »Es dauerte lange, ehe ich in der Umgebung und den Verhältnissen hier heimisch zu werden vermochte, denn ich war an Gesellschaft und Zerstreuung gewöhnt. Eine Frau zu meiner Unterstützung konnte ich nicht bekommen und einem Manne traute ich nicht; aber da die Indianer hier herum mir ab und zu die grobe Arbeit thun und gern eine hülfreiche Hand leihen, und mir außerdem alle Lebensbedürfnisse von North Fork geschickt werden, haben Jim und ich uns doch so leidlich durchgeholfen bis jetzt. Der Doctor aus Sacramento kommt ab und zu mit vor, um nach »Miggles' Baby« zu sehen, wie er Jim nennt, und als er fortging, sagte er einmal: »Miggles, Ihr seid ein Prachtkerl – Gott segne Euch!« Von da an schien es mir hier nicht mehr so einsam zu sein. Aber das letzte Mal, als er hier war, sagte er in der Thür: »Wißt Ihr, Miggles, Euer Baby wird bald wieder ein Mann werden und seiner Mutter Ehre machen; doch nicht hier, Miggles, nicht hier!« Und mir schien als gehe er betrübt von dannen – und – und –« Miggles Stimme erstarb, ihr Haupt verlor sich ganz im Dunkel.

»Die Menschen sind hier recht gütig«, fuhr Miggles nach einer Pause fort und kam etwas mehr zum Licht zurück. »Die Männer aus North Fort machten sich Anfangs stets hier herum etwas zu schaffen, bis sie einsahen, sie wurden nicht gebraucht, und die Frauen sind gütig – sie kommen nicht. Ich war recht allein, bis ich eines Tages Joaquin im Walde fand, als er nicht größer war als so, und ihn mitnahm und lehrte um sein Mittagessen zu bitten; und dann habe ich Polly – die Elster – die hat so viel lose Streiche im Kopf und macht es Abends mit ihrem Plaudern ganz gemüthlich hier, oft ist's, als hätte ich Gesellschaft bei mir und so fühle ich mich nicht mehr so vereinsamt und als sei ich das einzige lebende Wesen auf dem Gehöft. Und Jim hier« – sagte Miggles mit ihrem alten herzigen Lachen, indem sie wieder zum Lichte kam – »Jim, ich versichere Euch, Ihr Burschen, Ihr würdet Euch wundern zu sehen, was er Alles weiß und versteht für einen Menschen in seiner Lage. Zuweilen bringe ich ihm Blumen und er blickt sie so natürlich an, als kennte er sie gut und freue sich; und wenn wir Abends allein beim Kaminfeuer sitzen, lese ich ihm die Geschichten da von den Wänden vor. Mein Himmel!« rief Miggles lachend, »diesen Winter habe ich ihm diese ganze Seite des Hauses vorgetragen. Es giebt gar keinen Mann so für's Lesen, wie Jim.« – »Weshalb«, fragte der Richter, »heirathen sie nicht den Mann, dem Sie Ihr jugendliches Leben weihen?«

»Nein, es schien mir nicht recht, wollte ich aus Jim's Hülslosigkeit Nutzen ziehen«, entgegnete Miggles. »Und dann, wenn wir Mann und Frau waren, wüßten wir Beide, daß ich gebunden wäre zu thun, was ich jetzt freiwillig thue.«

»Aber Sie sind jung und anziehend –«

»Es ist spät«, sagte Miggles ernst, »und Ihr thut Alle wohl daran, zu schlafen. Gute Nacht, Kinder!« Sie schlug ihre Decke um sich und legte sich neben Jim's Armstuhl nieder, ihr Haupt auf den niedrigen Schemel lehnend, auf dem seine Füße ruhten. Das Feuer erstarb langsam auf dem Herde, wir Alle wickelten uns schweigend in unsere Decken und bald hörte man keinen andern Laut in dem Zimmer, als das Klappern des Regens auf dem Dache und die schweren Athemzüge der Schläfer.

Es war fast Morgen, als ich aus einem wirren Traum erwachte. Der Sturm hatte sich gelegt, die Sterne leuchteten vom Himmel und über die hohen feierlichen Fichten draußen blickte der Vollmond durch die unverhüllten Fenster in's Zimmer. Er berührte die arme eingesunkene Gestalt im Armstuhl mit sanftem, mitleidsvollem Strahle und wob einen Glorienschein um das gesenkte Haupt der Frau, deren Haar, wie in der alten lieblichen Geschichte die Füße des Mannes, den sie liebte, umfloß. Ja, selbst Yuba Bill's rauhe Erscheinung wurde durch den Mondschein mit einem Hauch der Poesie bekleidet, Yuba Bill, der, sich auf seinen Ellenbogen stützend, zwischen unseren Wir­then und seinen Passagieren lag und mit seltsam geduldigem Ausdruck in seinen wilden Augen Wache hielt. Dann schlief ich wieder ein und erwachte erst bei hellem Tageslicht, als Yuba Bill mir zurief, »daß Alle auf wären!«

Der Kaffee wartete unser aus dem Tisch, aber Miggles war verschwunden. Wir durchsuchten das Haus nach ihr und zögerten immer noch mit der Abfahrt, als die Pferde längst angespannt waren, doch sie kehrte nicht zurück. Es schien uns klar, daß sie ein formelles Abschiednehmen vermeiden wollte, daß wir gehen sollten, wie wir gekommen waren. Nachdem wir den Damen in den Wagen geholfen, traten wir noch einmal in das Haus und nahmen feierlich Abschied von Jim, ihn nach jedem Handschütteln wieder eben so feierlich aufrichtend. Dann blickten wir uns noch einmal in dem langen, niedrigen Zimmer um, unsere Augen weilten auf dem Stuhl, auf welchem Miggles gesessen – und dann nahmen wir langsam unsere Plätze in dem auf uns harrenden Wagen ein. Die Peitsche knallte, fort ging es.

Als wir aber die große Straße erreichten, zügelte Bill's geschickte Hand die sechs Pferde mit einem schnellen Griff, daß der Wagen im Moment still hielt, denn auf einer kleinen Anhöhe am Wege stand Miggles, ihr Haar flog im Winde, ihre Augen leuchteten, ihre weißen Zähne blitzten, ihr weißes Tuch wehte uns ein letztes »Lebewohl« zu. Wir schwenkten unsere Hüte als Erwiederung. Und darin, als ob Yuba Bill fürchtete, dem Zauber dieses reizenden Weibes noch mehr zu verfallen, hieb er wie wahnsinnig aus seine Pferde los, daß wir alle auf unsere Plätze zurückfielen und der schwere Wagen nur so dahin flog. Wir sprachen nicht eine Silbe bis wir North Fork erreichten und vor dem Wirthshause hielten. Dann traten wir Alle, geführt von dem Richter, in die Gaststube und setzten uns ernst um den Schanktisch. »Sind Ihre Gläser gefüllt, meine Herren?« fragte der Richter, indem er feierlich seinen Hut abnahm. Sie waren es. »So, dies Glas zu Ehren von Miggles! Gott segne sie!«

Vielleicht hat Er sie gesegnet. Wer weiß es?