ngiyaw-eBooks Home



Bret Harte – Die Ausgestoßenen von Poker Flat

Erzählung

Bret Harte, Die Ausgestoßenen von Poker Flat Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1873, 2. Band, S. 945ff. (Übersetzerin Sophie Verena)


Als Herr John Oakhurst, ein Spieler von Profession, am Morgen des 23. November 1850 die Hauptstraße von Poker Flat betrat, bemerkte er, daß seit dem vorigen Abend ein Wechsel in ihrer moralischen Atmosphäre eingetreten sei. Einige Männer, die in ernsthaftem Gespräch zusammen standen, schwiegen bei seiner Annäherung und wechselten bedeutungsvolle Blicke. Es lag eine Art Sabbathstille in der Luft, die in einer Ansiedlung, welche keinen Sabbatheinfluß kannte, etwas Ominöses hatte.

Herrn Oakhurst's schönes, ruhiges Antlitz verrieth wenig Antheil an diesen Kennzeichen. Ob er sich irgend eines Anlasses dazu bewußt war, ist eine andere Frage.

»Mir scheint, sie sind hinter Jemandem her«, sagte er überlegend zu sich; »möglich, daß ich es bin.« Er steckte das Tuch, mit dem er den rothen Staub von Poker Flat von seinen zierlichen Stiefeln abgewischt, wieder in seine Tasche und verbannte jedes weitere Nachdenken über die Sache aus seinem Sinn.

Aber Poker Flat war wirklich »hinter Jemandem her«. Es hatte in letzter Zeit den Verlust verschiedner tausend Dollars, zweier werthvoller Pferde und eines seiner hervorragendsten Bürger erlitten und plötzlich that sich in der Ansiedelung eine Regung von tugendhafter Reaction kund, die gerade so gesetzwidrig und ungeregelt war, als einer der Acte, welche sie hervorgerufen. Ein geheimes Comité hatte beschlossen, die Stadt von allen anstößigen Personen zu befreien. Dies war mit zwei Männern, die in der Nähe der Gräben an den Zweigen eines Baumes hingen, für ewig geschehen, während noch einige andere zweideutige Charaktere wenigstens zeitweise verbannt werden sollten. Ich bedaure, sagen zu müssen, daß sich auch einige Damen unter ihnen befanden.

Herr Oakhurst hatte richtig vermuthet, daß es auf ihn abgesehen war. Einige Mitglieder des Comités hatten vorgeschlagen, ihn aufzuhängen als warnendes Beispiel und zugleich als eine sichere Methode, seinen Taschen wieder das Gold zu entnehmen, welches er von ihnen gewonnen.

»Es ist gegen alle Gerechtigkeit«, sagte Yim Wheeler, »daß dieser junge Mann aus Roaring Camp – ein gänzlich Fremder – uns unser Geld abnimmt.«

Aber ein gewisses Gefühl für Billigkeit in der Brust Derer, welche glücklich genug gewesen, von Herrn Oakhurst zu gewinnen, überstimmte diese einseitige, locale Meinung.

Herr Oakhurst hörte den Urteilsspruch mit philosophischer Ruhe an, vielleicht noch kaltblütiger, weil er das Zögern seiner Richter bemerkte. Er war zu sehr Spieler, um sich nicht der Gunst oder Ungunst des Schicksals zu fügen. Für ihn war das Leben im besten Falle ein ungewisses Spiel und er erkannte den gewöhnlichen Vortheil des Kartengebers an.

Ein Corps bewaffneter Männer begleitete die ausgewiesene Sündhaftigkeit von Poker Flat bis an die Grenze der Niederlassung. Außer John Oakhurst, der als ein sehr kaltblütig verwegener Mann gefürchtet war, und zu dessen Einschüchterung die Escorte bestimmt worden, bestand die kleine Gesellschaft der Verbannten aus einer jungen Frau, wohl bekannt unter dem Namen »die Herzogin«, aus einer ältern, die sich den Titel: »Mutter Shipton« erworben, und aus »Onkel Billy«, einem Manne, der in Verdacht stand, ein Dieb zu sein, und ganz entschieden ein Trunkenbold war. Erst als man die Gräben erreicht hatte, welche die äußerste Grenze von Poker Flat umgeben, sprach der Anführer des Zuges kurz und bündig. Den Ausgewiesenen wurde bei Todesstrafe verboten, je wieder nach Poker Flat zurückzukehren.

Nachdem die Escorte verschwunden war, machten sich die zurückgedrängten Gefühle der Verbannten Luft, bei der Herzogin in einigen hysterischen Thränen, bei Mutter Shipton in Schimpfworten, während Onkel Billy eine Fluth Parthischer Kraftausdrücke den Dienern der Tugendhaftigkeit nachschleuderte. Der philosophische Oakhurst allein verhielt sich still. Er lauschte ruhig aus Mutter Shipton's Wunsch, Jemand das Herz auszureißen, auf der Herzogin wiederholte Versicherungen, daß sie auf dem Wege sterben würde, und auf die fürchterlichen Flüche Onkel Billy's, welche er fortwährend ausstieß. Mit der seiner Classe charakteristischen leichtherzigen guten Laune bestand John Oakhurst darauf, sein eigenes Reitpferd gegen den elenden Maulesel der Herzogin zu vertauschen; aber selbst dieser Act der Gutmüthigkeit brachte die kleine Gesellschaft nicht näher zusammen. Die junge Frau versuchte ihre etwas derangirte Toilette mit matter Coketterie wieder herzustellen, Mutter Shipton betrachtete den Besitzer des Rosses mit übelwollenden Blicken und Onkel Billy schloß die ganze Partie in eines seiner langgedehnten Anatheme ein.

Der Weg nach Sandy Bar – einem Lager, welches noch nicht den Einfluß der Wiedergeburt wie Poker Flat erfahren und aus dem Grunde den Emigranten Aufnahme zu verheißen schien – führte über eine steile Bergkette. Es war eine gute Tagereise entfernt. Da die Jahreszeit schon vorgerückt, so war die Luft, nachdem die Ausläufer die Berge verlassen und das Gebirge erreicht worden, hart, kalt und rauh. Der Weg war schmal und beschwerlich. Um Mittag glitt die Herzogin vom Sattel herab und erklärte, nicht weiter zu können; und so hielt man an.

Die Stelle war eigenthümlich wild und romantisch. Ein waldiges Amphitheater, von drei Seiten von hohen, zackigen, jäh absteigenden Granitfelsen umgeben, ging wellenförmig nach dem Kamm eines andern felsigen Abhanges zu, welcher das Thal überblickte. Es war hier ohne Zweifel ein sehr geeigneter Platz für ein Lager, wenn ein Verweilen rathsam gewesen. Aber Herr Oakhurst wußte, daß sie kaum die Hälfte des Weges nach Sandy Bar zurückgelegt hatten, und daß die Gesellschaft weder so ausreichend mit Kleidern noch Nahrungsmitteln versehen war, um sich einen Aufenthalt zu gestatten. Auf diesen Umstand machte er seine Gefährten kurz und bündig aufmerksam, eine philosophische Bemerkung hinzufügend über die Thorheit, »ihre Hände in den Schooß zu legen, ehe das Spiel ausgespielt sei«. Aber sie hatten Branntwein bei sich, der ihnen in diesem Nothfall Speise, Wärme, Ruhe und alles Vorhersehen ersetzte. Trotz seiner Gegenrede befanden sich die Anderen bald mehr oder minder unter dem Einfluß des genannten Getränkes. Onkel Billy ging schnell von dem Zustand kriegerischen Muthes zu dem der Betäubung über, die Herzogin wurde weinerlich und Mutter Shipton begann zu schnarchen. Herr Oakhurst allein stand aufrecht an einen Felsen gelehnt und beobachtete seine Gefährten.

Herr Oakhurst trank nicht. Es würde seiner Profession, die Besonnenheit, Ruhe und Geistesgegenwart erforderte, hinderlich gewesen sein und, mit seinen eigenen Worten, er »konnte es sich nicht gestatten«. Als er auf seine vor ihm liegenden Gefährten blickte, ergriff ihn ein beklemmendes Empfinden, die Vereinsamung, welche seinem Pariagewerbe anhaftete, seine ganze Lebensweise, seine Laster, Alles bedrückte ihn zum ersten Male wirklich und schwer. Er entriß sich diesem Sinnen, indem er sich aufraffte, seinen schwarzen Anzug abstäubte, sich Gesicht und Hände wusch und sich so frisch und sauber machte, wie es seine charakteristische Art sich zu tragen war; und für den Augenblick vergaß er darüber, was ihm peinlich und unangehm gewesen. Der Gedanke, seine hülfloseren und mehr zu beklagenden Schicksalsgenossen zu verlassen, kam ihm wol gar nicht in den Sinn. Dennoch konnte er nicht umhin, den Mangel jener ihm zur Gewohnheit gewordenen Aufregung zu fühlen, welche so sehr zu der ruhigen Gleichmäßigkeit seines Wesens, für die er bekannt war, im Gegensatze stand. Er blickte auf die düsteren Felswände, die wol tausend Fuß über die ihn umgebenden Fichten emporragten, nach dem Himmel, der bedenklich bewölkt war, in das Thal unten, in das schon die Schatten sich lagerten. Und bei dieser Umschau hörte er sich plötzlich beim Namen gerufen.

Ein Reiter ritt langsam den Steg herunter. In dem frischen, offenen Antlitz des Ankommenden erkannte John Oakhurst Tom Simson, mit dem Beinamen »der Unschuldige«, aus Sandy Bar. Er war mit ihm vor einigen Monaten bei einem »kleinen Spiele« zusammengetroffen und hatte mit ruhiger Gleichgiltigkeit das ganze Vermögen – das sich auf ungefähr vierzig Dollars belief – des arglosen jungen Mannes gewonnen. Nachdem das Spiel beendet, zog John Oakhurst den jungen Speculanten hinter eine Thür und redete ihn folgendermaßen an:

»Tommy, Du bist ein guter, kleiner Mensch, aber Dein Spiel ist keinen Cent werth. Versuch' es nicht noch einmal damit!«

Hierauf gab er ihm sein Geld wieder, schob ihn sanft aus dem Spielzimmer und machte sich Tom Simson zu seinem ergebenen Sklaven.

Eine Erinnerung daran durchzitterte dessen freudigen, ja enthusiastischen Willkommensgruß, den er an Herrn Oakhurst richtete. Er habe sich aufgemacht, sagte er, um nach Poker Flat zu ziehen, dort sein Glück zu suchen. »Allein?« – Nein, nicht ganz allein, er sei (ein Kichern folgte), er sei mit Piney Woods fortgelaufen. Erinnerte sich Herr Oakhurst nicht an Piney, an sie, die bei Tische in dem Mäßigkeits-Hotel aufwartete? Sie wären eine lange Zeit verlobt gewesen, aber der alte Jake Woods habe es nicht zugeben wollen, deshalb wären sie fortgelaufen, um in Poker Flat sich zu verheirathen; das hätte sie hierher gebracht. Und sie wären sehr ermüdet, deshalb sei es ein Glück, daß sie eine Lagerstelle und Gesellschaft fänden. Dies Alles sprach der Unschuldige schnell heraus, während Piney, ein großes, stattliches, hübsches Dämchen von fünfzehn Jahren hinter einem der Bäume auftauchte, wo sie ungesehen ihr tiefes Erröthen verborgen und zu ihrem Verlobten heranritt.

Herr Oakhurst kümmerte sich nie viel um Empfindsamkeit und Schicklichkeitsrücksichten, dennoch beschlich ihn ein Gefühl, daß die beiden Flüchtlinge in keine gute Lage gerathen waren. Er behielt trotzdem genug Gegenwart des Geistes, um Onkel Billy, der im Begriff war etwas zu sagen, anzustoßen, und Onkel Billy war klug genug, in diesem Stoß eine überlegene Macht zu erkennen, die nicht mit sich spaßen lassen würde. Aber vergebens bemühte sich John Oakhurst, Tom Simson von weiterem Aufenthalt abzubringen. Er machte ihn auf­merksam, daß man keine Vorräthe, noch die Mittel besitze, ein Lager aufzuschlagen; leider trat der Unschuldige diesem Einwand mit der Versicherung entgegen, er habe noch einen Maulesel bei sich, ganz mit Lebensmitteln beladen, und er habe auch eine Art halbfertigen Blockhauses dicht am Saumpfade entdeckt.

»Dort kann Piney mit Frau Oakhurst übernachten«, sagte der Unschuldige, auf die Herzogin deutend, »ich werde schon so durchkommen.«

Nichts als ein erneuter Stoß von John's Fuß rettete Onkel Billy davor, in ein schallendes Gelächter auszubrechen. Ja, er war gezwungen, sich nach dem Abhange zurückzuziehen, um seine Ernsthaftigkeit wieder zu gewinnen. Dort vertraute er den köstlichen Witz den Tannenbäumen an, mit verschiedenen Schlägen auf seine Beine, Verzerrungen seines Gesichtes und der gewohnten Ruchlosigkeit. Als er aber zur Gesellschaft zurückkehrte, fand er sie bei einem Feuer sitzend – denn die Luft war auffallend kalt geworden und der Himmel hatte sich ganz bedeckt – in anscheinend sehr freundschaftlichem Gespräch. Piney redete in eindringlicher mädchenhafter Weise zu der Herzogin, welche mit einem Interesse und einer Angeregtheit lauschte, die sie seit vielen Tagen nicht mehr gezeigt. Der Unschuldige unterhielt John Oakhurst und Mutter Shipton mit anscheinend gleicher Wirkung, welche sogar die ältere Frau zu einer gewissen Liebenswürdigkeit erwärmte. »Dies ist ja ein verd– lustiges Picnic«, sagte Onkel Billy mit innerlichem Groll, indem er die ländlich friedliche Gruppe, das helle Feuer und die angekoppelten Thiere betrachtete. Plötzlich brach sich durch die Umnebelung, welche der Branntwein über seine Sinne gelegt, eine Idee in ihm Bahn; sie mußte sehr spaßhafter Natur sein, denn er tractirte seine Beine wieder mit verschiedenen Schlägen und steckte seine Fäuste in den Mund.

Als die Schatten des Abends langsam zu den Bergen heraufstiegen, ging ein leiser Wind durch die Wipfel der Fichten und klagte in ihren langen, düsteren Hallen. Die halb verfallene Hütte, deren Lücken und Risse mit Baumzweigen bedeckt und ausgestopft waren, sollte den Damen als Nachtlager dienen. Als die jungen Liebenden sich trennten, gaben sie sich zwanglos einen so ehrlichen, herzhaften Kuß, daß man ihn über das Säuseln der Bäume hätte hören können. Die zarte Herzogin und die übelwollende Mutter Shipton waren wol zu verwundert, um eine Bemerkung über dieses letzte Zeichen der Einfalt zu machen, und wandten sich wortlos der Hütte zu. Das Feuer war mit gehörigem Material versehen und knisterte lustig; die Männer legten sich vor die Thür und waren in einigen Minuten in tiefem Schlafe.

John Oakhurst hatte einen leichten Schlaf.

Gegen Morgen erwachte er, kalt und erstarrt. Als er das verlöschende Feuer anschürte, trieb der jetzt stark wehende Wind ihm etwas in's Antlitz, was alles Blut daraus entweichen machte – Schnee.

Er sprang empor, mit der Absicht die Schläfer zu wecken, denn es war keine Zeit zu verlieren; aber indem er sich nach der Stelle wandte, wo Onkel Billy gelegen, sah er ihn nicht mehr dort. Ein Verdacht sprang in seine Seele und ein Fluch auf seine Lippen. Er lief nach dem Ort, an den man die Maulesel und sein Pferd angebunden, sie waren fort. Die Spuren ihrer Hufe verschwanden schon rasch in dem fallenden Schnee.

Der momentanen Ausregung folgte bald wieder die gewohnte Ruhe, und als John Oakhurst zum Feuer zurückkam, hatte er seine Kaltblütigkeit wiedergewonnen. Er weckte die Schlafenden nicht. Der Unschuldige schlummerte friedlich mit einem Lächeln auf seinem gutmüthigen, sommersprossigen Gesicht; die Jungfrau Piney schlief neben ihren schwächeren Schwestern so süß, als ob Gottes Engel sie bewachten; und Herr Oakhurst, die Decke über seine Schultern ziehend, strich seinen Schnurrbart und wartete auf den Anbruch des Tages. Er kam langsam mit einem Wirbel von Schneeflocken, welche das Auge blendeten und verwirrten. Was von der Landschaft zu sehen war, erschien wie durch Magie verwandelt. Er schaute über das Thal und faßte Gegenwart und Zukunft in dem einen Worte zusammen – »eingeschneit!«

Eine sorgfältige Prüfung der Lebensmittel, welche zum Glück für die Gesellschaft in der Hütte untergebracht worden und so Onkel Billy's Diebshänden entgangen waren, machte es ersichtlich, daß wenn man mit Klugheit und Sorgfalt verfahre, sie vielleicht zehn Tage vorhalten würden.

»Das heißt«, sagte Herr Oakhurst leise zu dem Unschuldigen, »wenn Ihr gesonnen seid, uns in Kost zu nehmen. Wenn nicht – und Ihr thätet vielleicht besser daran – könnt Ihr warten, bis Onkel Billy mit neuen Vorrathen zurückkehrt.«

Aus irgend einem verborgenen Grunde konnte John Oakhurst es nicht über sich bringen Onkel Billy's Schurkenstreich zu enthüllen, und stellte deshalb die Hypothese auf, er habe das Lager zu dem Zweck verlassen und die Thiere nur durch Zufall mitgenommen. Er ließ auch der Herzogin und Mutter Shipton, die natürlich ihres Gefährten Thun im rechten Lichte sahen, heimlich eine Warnung zukommen. »Sie werden die Wahrheit über uns Alle herausfinden, wenn sie gegen Einen Verdacht schöpfen, und ich sehe keinen Nutzen darin, sie jetzt zu erschrecken und zu ängstigen«, sagte er ihnen.

Tom Simson stellte nicht nur seinem Wohlthäter, wie er ihn nannte, seine ganzen Vorräthe und Besitztümer zur Verfügung, sondern er schien sogar sich ihrer gezwungenen Abgeschiedenheit zu freuen. »Acht Tage werden wir ein ganz gutes Lagerleben führen, dann schmilzt der Schnee und wir kehren Alle zusammen zurück«, sagte er zuversichtlich. Die frische Heiterkeit des jungen Mannes und Herrn Oakhurst's Ruhe theilten sich auch den Anderen mit. Mit Hülfe von Fichtenzweigen machte der Unschuldige ein Dach über die Hütte, und die Herzogin leitete Piney bei der innern Einrichtung mit einem Tact und Geschmack, welche die blauen Augen des jungen Dorfmädchens so weit öffnete, als nur irgend möglich. »Mir scheint, Sie sind in Poker Flat an ein sehr feines Leben gewöhnt«, sagte Piney. Die Herzogin wandte sich schnell ab, um die Röthe zu verbergen, die über die Schminke und ihr Antlitz stieg, und Mutter Shipton ersuchte Piney, »keinen Unsinn zu schwatzen«. Als aber John Oakhurst von einem vergeblichen ermüdenden Suchen nach dem Wege zurückkehrte, hörte er den Schall fröhlichen Lachens von den Felsen wiederhallen. Er stand etwas erschrocken still, sein erster Gedanke war an den Whisky, den er doch nach seiner Ansicht so sorgfältig versteckt. »Und überdies klingt es auch gar nicht nach Whisky«, sagte der Spieler. Erst nachdem er durch den Schneewirbel den Anblick des hellen Feuers und der es umgebenden Gruppe gewann, kam er zu der Ueberzeugung: »Es sei reiner unschuldiger Spaß.«

Ob Herr Oakhurst mit dem Whisky auch seine Karten an einen sichern Ort gebracht, kann ich nicht sagen; aber nach Mutter Shipton's Bemerkung »gebrauchte er das Wort Karten nicht ein einziges Mal« während des Abends. Die Zeit wurde Allen angenehm vertrieben durch eine Harmonika, welche Tom Simson mit einigem Selbstgefühl aus seinem Gepäck hervorholte. Obgleich Piney Woods einige Schwierigkeiten in dem Gebrauch des Instrumentes zu überwinden hatte, gelang es ihr doch, seinen Tasten verschiedene widerstrebende Melodien zu entlocken, die der Unschuldige mit ein paar Castagnetten begleitete. Aber die Krone der Festlichkeit war doch eine Art Lagerhymne, welche die Liebenden mit gefalteten Händen und großem Ernst und bedeutender Kraftanstrengung sangen. Ich fürchte, daß ein gewisser trotziger Ton und ein starker Covenants-Beigeschmack in seinem Chor, viel mehr als sein frommer Inhalt, die Anderen so schnell mit ansteckte, daß sie zuletzt in den Schlußvers einstimmten:


»Mit Stolz im Dienste des Herrn ich steh',
Bin verpflichtet zu sterben in seiner Armee.«


Die Fichten rauschten, der Sturm wirbelte um die elende, verlassene Gruppe der Verbannten und die Flammen ihres Altares stiegen himmelwärts, als ein Zeichen ihres Gelübdes.

Um Mitternacht ließ der Sturm nach, die schweren, dahinjagenden Wolken theilten sich und die Sterne leuchteten glitzernd über das schlafende Lager. Herr Oakhurst, dessen professionelle Gewohnheiten ihn befähigten mit sehr wenig Schlaf auszukommen, nahm, indem er sich in die Wache mit Tom Simson zu theilen schien, doch den bei Weitem größern Theil dieser Pflicht auf sich. Er entschuldigte sich gegen den Unschuldigen mit dem Ausspruch, daß er oft eine ganze Woche ohne Schlaf gelebt. »Was thatet Ihr da?« fragte Tom. »Spielen«, erwiederte Oakhurst; »wenn ein Mensch einmal eine gute Laune des Glückes erfaßt hat – Negerglück – so ermüdet er nicht und läßt es nicht los. Das Glück wendet sich zuerst von ihm. Glück«, fuhr der Spieler fort, »ist ein gewaltig seltsam Ding. Alles, was Ihr darüber wißt, ist wol, daß es sehr oft wechselt. Aber herauszufinden, wenn dieser Wechsel eintreten will, das ist es, was uns hebt oder sinken läßt. Wir haben einen schlechten Wurf gethan, seit wir Poker Flat verlassen, das Glück hat uns den Rücken gewandt. Ihr kommt des Weges und seht! – Ihr gerathet auch in das Unglück hinein. Wenn Ihr Eure Karten fest und richtig halten könnt, dann ist es gut für Euch und nichts verloren. Denn«, fuhr der Spieler in fröhlicher Sorglosigkeit fort.


»Mit Stolz im Dienste des Herrn ich steh',
Bin verpflichtet zu sterben in seiner Armee.«


Der dritte Tag kam und die Sonne, durch das mit weißen Schleiern umhüllte Thal blickend, sah die Verbannten aus ihren langsam abnehmenden Vorräthen das Morgenmahl vertheilen. Es war eine Eigentümlichkeit dieses Bergklimas, daß die Sonnenstrahlen einen warmen Hauch über die Winterlandschaft breiteten, wie in mitleidigem Bedauern mit Dem, was geschehen war. Aber sie zeigten auch Massen und Wälle von Schnee um die Hütte aufgethürmt – und ein weißes Meer, ohne eine Spur von Pfad oder Ausweg lag unter dem felsigen Ufer, auf dem die armen Ausgestoßenen sich noch aushielten. Durch die wunderbar klare Luft sah man den Rauch des ländlichen Ortes Poker Flat, der doch meilenweit fern lag. Mutter Shipton bemerkte die rosigen sich kräuselnden Rauchwölkchen und von einer abseitsliegenden Felsspitze schleuderte sie nach jener Richtung eine endgiltige Verwünschung. Es war ihr letzter Zornesausbruch und vielleicht haftete ihm aus diesem Grunde eine Art Erhabenheit an. Es hatte ihr wohl gethan, versicherte sie im Vertrauen die Herzogin. »Geht Ihr Beide einmal hinaus und seht Euch um!« sagte sie. Dann machte sie es sich zur Aufgabe, »das Kind«, wie sie und die Herzogin Piney nannten, zu amüsiren. Piney war durchaus kein Lämmchen mehr, aber weil sie nicht fluchte und so echt jungfräulich in ihrem ganzen Thun und Wesen war, erschien sie den Beiden wie ein unschuldiges Kind.

Als die Nacht wieder herniedersank, hörte man die Klänge der Harmonika beim Schein des Feuers ertönen, bald in langgezogenen, halb klagenden Accorden, bald in rascherm Tempo. Doch die Musik wollte heute nicht die Macht ausüben, nicht ganz das Unbehagen bannen, welches durch die nicht ausreichende Speise hervorgebracht war, und ein neues Mittel zur Zerstreuung ward von Piney vorgeschlagen – Geschichten zu erzählen. Da weder Herr Oakhurst noch seine Gefährtinnen besonders geneigt waren, ihre persönlichen Erfahrungen zum Besten zu geben, so hätte dieser Plan scheitern müssen, wäre der Unschuldige nicht gewesen. Vor einigen Monaten hatte er durch Zufall ein Exemplar von Pope's Uebersetzung der Iliade in die Hände bekommen und er schlug vor, die Hauptvorgänge dieses Gedichtes – der Inhalt war ihm ganz gegenwärtig, die Worte hatte er vollkommen vergessen – in der in Sandy Bar geläufigen Sprache zu erzählen. So wandelten in dieser Nacht die homerischen Halbgötter wieder aus Erden. Troja und das prahlerische und listige Griechenland kämpften in den Winden miteinander und die starken, hohen Fichten auf dem Plateau schienen sich vor dem Zorn des Sohnes von Peleus zu beugen. Herr Oakhurst hörte mit ruhiger Befriedigung zu. Besonders interessirte ihn das Schicksal des Asch-hils, wie der Unschuldige beharrlich den »schnellfüßigen Achilles« nannte.

So, mit wenig Nahrung und viel Homer und Harmonika, zog eine Woche über den Häuptern der Ausgestoßenen dahin. Die Sonne verließ sie wieder und aus schwer bewölktem Himmel schwebten die dichten Schneeflocken über das Land herab. Tag für Tag zog sich der Schneekreis enger um sie zusammen, bis sie zuletzt aus ihrem Gefängniß auf angehängte Wälle von blendender Weiße blickten, die sich zwanzig Fuß hoch über ihre Köpfe erhoben. Es wurde immer schwerer, das Feuer zu nähren denn selbst die umher liegenden Bäume waren fast ganz im Schnee begraben. Und dennoch klagte Niemand. Die beiden jungen Liebenden wandten sich von der traurigen Aussicht ab, blickten einander in die Augen und waren glücklich. Herr Oakhurst bereitete sich ruhig darauf vor, daß das Spiel verloren sei. Die Herzogin, heiterer als sie sonst gewesen, übernahm es für Piney zärtlich zu sorgen. Nur Mutter Shipton – einst die stärkste der kleinen Gesellschaft – kränkelte und schien zu erliegen. Um Mitternacht – es war am zehnten Tage – rief sie Oakhurst zu sich heran.

»Ich gehe«, sagte sie mit matter, klagender Stimme. »Doch sprecht nicht davon! Weckt nicht die Kinder! Nehmt das Päckchen unter meinem Haupt und öffnet es!« Es enthielt Mutter Shipton's Ration der letzten Woche unangerührt. »Gebt es dem Kinde!« flüsterte sie, auf die schlafende Piney deutend. »Ihr habt Euch Hungers sterben lassen«, sagte der Spieler. »So nennen sie es«, erwiederte die Frau kläglich; legte sich wieder nieder, kehrte ihr Antlitz der Wand zu und schied ruhig dahin.

Die Harmonika ertönte an dem Tage nicht, auch Homer war vergessen. Nachdem sie Mutter Shipton in den Schnee gebettet, nahm Herr Oakhurst den Unschuldigen auf die Seite und zeigte ihm ein Paar Schneeschuhe, welche er auf dem alten Packsattel zurechtgemacht.

»Es ist noch eine schwache Aussicht, wie Eins zu Hundert, sie zu retten«, sagte er auf Piney deutend, »aber nur von dort kann die Möglichkeit kommen«, und er zeigte nach Poker Flat. »Könnt Ihr in zwei Tagen dahin gelangen, ist sie gerettet.«

»Und Ihr?« fragte Tom Simson.

»Ich bleibe hier«, klang die kurze Antwort.

Die Liebenden schieden mit einer langen, innigen Umarmung.

»Sie gehen doch nicht auch?« sagte die Herzogin, als sie Herrn Oakhurst anscheinend bereit sah, Tom zu begleiten.

»Nein, nur bis zum nächsten Abhang«, erwiederte er. Dann wandte er sich plötzlich um, küßte die Herzogin und verließ sie, ihre bleichen Wangen roth vor Gluth und ihre zitternden Glieder starr vor Erstaunen.

Die Nacht kam, doch nicht Herr Oakhurst. Der Sturm wurde wieder wach und der Schnee wirbelte herab. Als die Herzogin das Feuer schürte und versorgte, fand sie, daß Jemand neben der Hütte ganz im Stillen genug Holz herbeigeschleppt, um einige Tage länger vorzuhalten. Thränen stiegen in ihre Augen, doch verbarg sie dieselben vor Piney.

Die beiden Frauen schliefen sehr wenig in dieser Nacht. Als sie am Morgen einander in's Gesicht blickten, lasen sie daraus ihr Schicksal. Keine sprach; doch Piney nahm das Amt der Kräftigeren an und näher rückend legte sie ihren Arm um die Herzogin. In dieser Stellung verharrten sie den ganzen Tag. In der folgenden Nacht erreichte der Sturm seine höchste Wuth, er riß das Zweiggeflecht vom Dach und durchsauste die Hütte mit wilden Stößen.

Gegen Morgen waren sie nicht mehr im Stande, das Feuer zu unterhalten, das langsam verlöschte. Als die Kohlen schwärzer wurden, schmiegte die Herzogin sich dichter an Piney und unterbrach die Stille vieler Stunden mit der Frage: »Piney, kannst Du beten?« – »Nein, Liebe«, antwortete das junge Mädchen einfach. Die Herzogin, ohne eigentlich zu wissen warum, fühlte sich erleichtert, und ihren Kopf auf Piney's Schulter legend, sprach sie nicht mehr. Und so aneinander gelehnt, die jüngere und reinere das Haupt ihrer befleckten Mitschwester an ihrer jungfräulichen Brust bergend, sanken sie in Schlaf.

Der Wind ließ nach in seinem Wüthen, als fürchte er sich, sie zu stören. Federartige Schneeschauer, von den langen Zweigen der Fichtenbäume niedergeschüttelt, flogen gleich weißgeschwingten Vögeln in die Hütte und glitten sanft auf die Schlafenden herab. Der Mond blickte durch die Wolkenklüfte auf die Stätte, welche einst das Lager gebildet. Aber alle menschliche Fehle, alle Spuren irdischer Arbeit waren unter dem weißen, fleckenlosen Mantel verborgen, den der Himmel gnädig darüber gebreitet hatte.

Sie schliefen den ganzen Tag und den nächsten erwachten sie auch nicht, als Stimmen und Schritte die Stille des Lagers unterbrachen. Und als mitleidige Hände den Schnee von ihren bleichen Gesichtern fortwischten, da hätte man kaum – denn gleicher Frieden lag aus Beiden – haben sagen können, welche die war, die gesündigt. Selbst das Gesetz von Poker Flat erkannte das, wandte sich ab und ließ sie ruhen, einander fest in den Armen haltend.

Aus einem der Abhänge, an einem der größten Fichtenbäume fanden sie die Treff Zwei mit einem Jagdmesser in die Rinde befestigt. Die Karte trug die folgende Inschrift mit fester Hand in Bleistift geschrieben:


                  †

Unter diesem Baume
Ruht
John Oakhurst
Von dem das Glück sich wandte
Am 23. November 1850
Und
Der seine Rechnung abschloß
Am 7. December 1850.

                  †


Und erstarrt und kalt mit einem Revolver an seiner Seite und einer Kugel im Herzen, obwol noch ruhig wie stets im Leben, lag er unter dem Schnee, er, welcher zugleich der stärkste und doch der schwächste war der Ausgestoßenen von Poker Flat.