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Bret Harte – Tennessee's Partner

Erzählung

Bret Harte, Tennessee's Partner Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1873, 2. Band, S. 1454ff. (Übersetzerin Sophie Verena)


Ich glaube nicht, daß wir jemals seinen richtigen Namen wußten; aber unsere Unkenntniß desselben that durchaus nichts zur Sache, denn in Sandy Bar wurden 1854 die meisten Menschen von Neuem getauft. Zuweilen gab irgend eine Auffälligkeit im Anzuge den Anlaß zu dem Beinamen, wie bei »Cattun-Jack«, oder eine eigenthümliche Angewohnheit wie bei dem »Salz-Bill«, so genannt von der außerordentlichen Masse dieses Stoffes, den er in seine tägliche Kost that; oder ein unglückliches Versehen, durch das sich der »eiserne Pirat«, ein sanfter, harmloser Bursche, in Folge des unrichtigen Aussprechens eines Wortes, diesen unheilvollen Namen zugezogen. Dies mag vielleicht der Anfang einer rauhen Genealogie gewesen sein; dennoch glaube ich, es kam daher, daß eines Menschen wirklicher Name in jenen Tagen von seiner eigenen, unverbürgten Aussage abhing. »Ihr nennt Euch Clifford, Ihr?« sagte Boston, einen schüchternen, neuen Ankömmling mit unendlicher Verachtung anredend; »von solchen Clifford's ist die Hölle voll.« Hierauf führte er den armen Menschen, dessen Name wirklich Clifford war, als »Habicht-Charley« ein und der im Moment übler Laune erdachte Name hing dem Manne für immer an.

Aber zurück zu Tennessee's Partner, den wir nie unter einer andern, als dieser relativen Benennung kannten; daß er jemals als eine bestimmte, allein für sich dastehende Individualität existirt hatte, erfuhren wir erst später. Es scheint, daß er 1853 Poker Flat verlassen hatte, um nach San Francisco zu gehen, vorgeblich, um sich eine Frau zu suchen. Er kam nicht weiter als nach Stockton. Hier fesselte ihn eine junge Person, welche in dem Gasthause, in dem er speiste, aufwartete. Eines Morgens sagte er ihr etwas, zu dem sie nicht unfreundlich lächelte, wobei sie mit einer gewissen koketten Verwirrung einen Teller mit gerösteten Butterschnitten fallen ließ und während des Mannes schlichtes, ernstes Gesicht gespannt zu ihr aufblickte, sich schnell in die Küche flüchtete. Er folgte ihr und kam nach einigen Minuten, zwar mit einigen Fettflecken, doch als Sieger zurück.

Nach acht Tagen wurden sie durch einen Friedensrichter verheirathet und kehrten nach Poker Flat zurück. Ich weiß wol, daß aus dieser Episode etwas mehr gemacht werden könnte, doch ziehe ich vor, sie zu erzählen wie sie in Sandy Bar – in den Gruben und Schänkstuben – im Umlaufe war; dort, wo alles Gefühlvolle durch einen starken Beigeschmack des Humors gemildert ward.

Von dem ehelichen Glück des jungen Paares ist wenig bekannt, vielleicht aus dem Grunde, weil Tennessee, der damals mit seinem Partner lebte, eines Tages die Gelegenheit wahrnahm, der jungen Frau für seine eigene Rechnung etwas zu sagen, worauf sie, wie es hieß, nicht unfreundlich lächelte und sich züchtig flüchtete – diesmal etwas weit, nach Marysville, wohin Tennessee ihr folgte und wo sie zusammen einen Hausstand begannen, diesmal ohne die Hülfe eines Friedensrichters. Tennessee's Partner nahm den Verlust seines Weibes einfach und ernst auf, wie seine Art war. Aber als Tennessee eines Tages von Marysville ohne seines Partners Frau zurückkehrte – da sie gelächelt und sich mit einem Andern geflüchtet – war Tennessee's Partner zu Jedermanns Staunen der Erste, der Jenem die Hand schüttelte und ihn mit Herzlichkeit begrüßte. Die Burschen, welche sich auf dem Bergabhang versammelt hatten, um dem Zweikampfe beizuwohnen, waren natürlich empört. Ihre Entrüstung hätte sich vielleicht in sarkastischen Bemerkungen Luft gemacht, wenn sie nicht im Auge von Tennessee's Partner einen gewissen Blick bemerkt, der deutlich einen Mangel an humoristischer Auffassung bekundete.

Er war in der That ein ernster Mann, mit einem beharrlichen Festhalten an practischen Einzelheiten, das in einer schwierigen Lage sehr störend werden konnte.

Indessen hatte eine allgemeine Mißstimmung gegen Tennessee um sich gegriffen. Er war als Spieler bekannt und man vermuthete sogar, daß er ein Dieb sei. In diese Verdächtigung wurde Tennessee's Partner mit hineingezogen: seine fortdauernde treue Verbindung mit Jenem, selbst nach der vorhin erwähnten Geschichte, konnte nur durch die Annahme erklärt werden, daß sie auch bei ihren verbrecherischen Handlungen gemeinsame Sache machten. Endlich wurde Tennessee's Schuld unleugbar. Eines Tages überholte er einen Fremden auf dem Wege nach Red Dog. Der Fremde berichtete später, Tennessee habe ihm die Zeit durch das Erzählen interessanter Anecdoten und Erlebnisse vertrieben, dann aber ihr Zusammensein sehr unlogisch mit den Worten beschlossen: »Und nun, junger Mann, bitte ich mir Ihr Messer, Ihre Pistolen und Ihr Geld aus. Ihre Waffen könnten Sie in Red Dog noch in Verlegenheit verwickeln und Ihr Geld ist nur eine Verführung zum Bösen. Mir ist, als nannten Sie Ihren Bestimmungsort San Francisco; ich will mich bemühen, Ihnen dort einen Besuch abzustatten.« Es mag hier erwähnt werden, daß Tennessee einen frischen Hauch von Humor in sich hatte, den keine geschäftlichen Sorgen und Verlegenheiten ganz unterdrücken konnten.

Diese Heldenthat war seine letzte. Red Dog und Sandy Bar verbanden sich zu gemeinschaftlicher Sache gegen den Straßenräuber. Man machte Jagd auf ihn; als er fast ganz in die Enge getrieben war, brach er mit verzweifelter Anstrengung noch einmal durch, seinen Revolver auf die Menge vor den Arkaden abfeuernd und stürzte dem Bergabhang zu, aber an der äußersten Grenze wurde er durch einen kleinen Mann auf einem grauen Pferde angehalten. Die Männer blickten sich einen Moment schweigend an. Beide waren unerschrocken, kaltblütig und furchtlos. Beide Typen einer Civilisation, die man im siebzehnten Jahrhundert heroisch genannt haben würde und jetzt nur schlichtweg als »sorglos« bezeichnete.

»Was habt Ihr dort bei Euch?« fragte Tennessee ruhig. – »Zwei Buben und ein Aß«, entgegnete der Fremde eben so ruhig. »Das schlägt mich, da verliere ich die Partie«, erwiederte Tennessee und mit diesem Spielerausspruch warf er sein nutzloses Pistol weg und ritt mit seinem Häscher zurück.

Es war eine warme Nacht. Der kühle Lufthauch, der gewöhnlich mit dem Niedersinken der Sonne hinter dem mit Eichengehölz gekrönten Waldgebirge sich erhob, blieb an diesem Abend Sandy Bar fern. Das kleine Bergplateau war bis zum Ersticken mit harzigem Duft erfüllt und das am Ufer des Flusses liegende vermodernde Treibgehölz fügte seinen ungesunden Hauch hinzu.

Die fieberhafte Aufgeregtheit des Tages und seine ungestümen Leidenschaften herrschten noch im Lager. Lichter bewegten sich ruhelos am Flusse entlang, ohne in seiner getrübten, braungelben Fluth einen Widerschein zu erwecken. Gegen die Schwärze der Fichtenbäume stachen die erhellten Fenster im obern Geschoß des Expreßcomptoir blendend ab; und durch ihre von Vorhängen nicht verhüllten Scheiben konnten die draußen Herumstehenden die Gestalten Jener sehen, welche eben jetzt Tennessee's Schicksal entschieden. Und über diesem Allen gegen das dunkle Firmament sich abzeichnend, erhob sich die Sierra, fern und unbewegt und gekrönt mit noch ferneren unbewegten Sternen.

Das Verhör von Tennessee wurde so streng gerecht geführt, wie es sich mit einem Richter und einer Jury vertrug, die sich doch gewissermaßen verpflichtet fühlten, in ihrem Verdict die früheren Unregelmäßigkeiten der Gefangennahme und Anklage zu rechtfertigen. Das Gesetz von Sandy Bar war unerbittlich, doch nicht rachsüchtig. Die Aufregung und die persönlichen Gefühle bei der Nachstellung hatten sich gesänftigt; da Tennessee sich sicher in ihren Händen befand, waren sie geneigt, jeder Verteidigung ruhig zu lauschen, obwol sie schon wußten, daß sie nutzlos sein würde. Da sie in ihrem Herzen keinen Zweifel bargen, gewährten sie dem Gefangenen den Segen, irgend einen Umstand zu seinen Gunsten hervorzurufen. Vollkommen sicher in der Annahme, daß er nach allgemeinem Begriff und Recht gehängt werden mußte, erlaubten sie ihm mehr Freiheit zu seiner Vertheidigung, als seine sorglose Unerschrockenheit zu verlangen schien. Der Richter war anscheinend ängstlicher als der Gefangene, der seinerseits sich ganz unbekümmert, ja unbetheiligt zeigte und nur viel Vergnügen an der Verantwortlichkeit und Aufregung, die er hervorgerufen, bekundete. »Ich mische mich nicht in dieses Spiel«, das war seine stete, doch gutgelaunte Antwort auf alle an ihn gerichteten Fragen. Der Richter, welcher auch Derjenige gewesen, der ihn gefangen nahm, bedauerte einen Moment, daß er ihn nicht an jenem Morgen auf der Stelle erschossen, doch verbannte er schnell diese menschliche Schwäche, als einer Gerichtsperson nicht würdig.

Plötzlich vernahm man ein Klopfen an die Thür, und als gemeldet wurde, Tennessee's Partner sei wegen des Angeklagten gekommen, ward er ohne Frage eingelassen. Vielleicht erhofften die jüngeren Mitglieder der Jury, denen die Sache schon langweilig wurde, Abwechslung und Scherz durch ihn.

Es war auch wirklich keine imposante Figur, die eintrat. Kurz und stark von Gestalt, mit einem eckigen Gesicht, welches die Sonne zu hoher Röthe verbrannt hatte, in eine lose, dicke »Joppe« gekleidet und Beinkleidern, welche mit rothem Thon bespritzt waren, würde der Anblick des Mannes stets wunderlich gewesen sein und hatte jetzt unter den obwaltenden Umständen sogar etwas Lächerliches. Sobald er eine schwere Reisetasche auf den Boden niedergesetzt, trat er mit sehr ernsthafter Miene vor und nachdem er jedem der Anwesenden freundschaftlich die Hand geschüttelt, wischte er sein ernstes, bestürztes Antlitz mit einem rothen Taschentuch ab, das einen Schimmer heller als seine Gesichtsfarbe war, legte seine mächtige Hand auf den Tisch, wie um sich zu kräftigen und redete den Richter also an:

»Ging gerade vorüber«, begann er wie entschuldigend, »und dachte, ich könnte mal einsprechen, zu sehen, wie es mit Tennessee – meinem Partner – stände. Ist eine heiße Nacht. Kann mich nie solchen Wetters in Sandy Bar entsinnen.«

Er machte eine Pause, da aber Niemand weiter sich in Wettererinnerungen erging, griff er wieder zu seinem Tuche und rieb sich einige Momente fleißig das Gesicht.

»Haben Sie etwas in Betreff des Gefangenen zu sagen?« fragte der Richter endlich.

»Das ist's gerade«, erwiederte Tennessee's Partner erleichtert. »Ich komme hierher als Tennessee's Partner, kenne ihn seit vier Jahren durch und durch, inwendig und auswendig, in guten und schlimmen Zeiten. Seine Wege sind nicht immer die meinigen, aber es gibt in dem jungen Manne keinen Punkt, keine Neigung, keinen Vorfall in seinem Leben, die mir nicht bekannt wären. Und Sie sagen zu mir, sagen Sie – im Vertrauen wie Mann zu Mann – sagen Sie: Wißt Ihr etwas in Betreff seiner? Und ich erwiedre – im Vertrauen wie Mann zu Mann – sage ich: Was sollte ein Mann von seinem Partner wissen?«

»Ist das Alles, was Sie zu sagen haben?« erwiederte der Richter ungeduldig, wol fühlend, daß eine gefährliche Sympathie für den Humor anfing, den Gerichtshof menschlicher zu stimmen.

»So ist es«, fuhr Tennessee's Partner fort. »Es steht mir doch wahrlich nicht zu, etwas gegen ihn zu sagen! Und nun, um was handelt es sich? Tennessee braucht Geld, braucht es dringend nöthig und will seinen alten Partner nicht darum ansprechen. Nun, was thut Tennessee? Er lauert einem Fremden auf und fängt ihn ein. Und Sie lauern ihm auf und fangen ihn ein; die Ehre war leicht zu verdienen. Und ich stelle es Ihnen vor, der Sie ein kluger Mann sind und Ihnen Alle, Gentlemen, als scharfsichtige Männer, ob es nicht so ist?«

»Gefangener«, sagte der Richter, »habt Ihr diesem Mann irgend eine Frage zu thun?«

»Nein, nein!« fuhr Tennessee's Partner heftig fort; »ich spiele auf meine eigne Hand. Um zu dem Kern zu kommen, es ist dies: Tennessee dort hat einem Fremden ziemlich hart und kostbar mitgespielt und auch diesem Lager. Und was muß nun zur Entschädigung gethan werden? Einige würden sagen mehr. Andere weniger. Hier sind siebzehnhundert Dollar in rohem Gold und eine Uhr – es ist meine ganze Habe.« Und ehe eine Hand sich erheben konnte, ihn daran zu verhindern, hatte er den Inhalt der Tasche auf den Tisch geleert.

Für einen Augenblick war sein Leben in Gefahr. Einige der Männer sprangen empört auf, verschiedene Hände suchten nach versteckten Waffen und der Vorschlag, »ihn aus dem Fenster zu werfen«, wurde nur durch eine gebietende Bewegung des Richters bekämpft. Tennessee lachte. Sein Partner schien die Aufregung gar nicht zu bemerken und rieb sein Gesicht mit seinem Taschentuch ab.

Als die Ordnung wieder hergestellt war und sie dem Manne durch eindringliche Reden und Auseinandersetzungen bewiesen hatten, Tennessee's Vergehen könne nicht durch Geld gesühnt werden, wurde das Gesicht seines Partners noch ernster und röther und die ihm zunächst Stehenden bemerkten, wie seine auf dem Tisch liegende rauhe Hand leicht zitterte. Er zögerte einen Augenblick, ehe er das Gold wieder in den Sack steckte, als ob er noch nicht ganz den erhabenen Gerechtigkeitssinn, welcher dies Tribunal beseelte, gefaßt und als ängstige ihn der Gedanke, er hätte wol nicht genug geboten. Dann wandte er sich an den Richter und sagte: »Dies Spiel spielte ich auf meine eigene Hand, ohne meinen Partner«, verbeugte sich vor der Jury und wollte gehen, als der Richter ihn zurückrief.

»Wenn Sie Tennessee etwas zu sagen haben, so thun Sie es lieber jetzt.«

Zum ersten Mal an diesem Abend begegneten sich die Augen des Angeklagten und seines sonderbaren Advocaten. Tennessee lächelte, seine weißen blitzenden Zähne zeigend und seine Rechte ausstreckend, rief er: »Capital! mein Alter!« Tennessee's Partner nahm die dargebotene Hand und sagte:

»Kam nur im Vorbeigehen herein, zu sehen, wie die Sachen standen«; und, die Hand fallen lassend, fügte er hinzu, »es sei eine schwüle Nacht«, trocknete wieder sein Antlitz und ging ohne ein weiteres Wort von dannen.

Die beiden Männer sahen sich lebend nicht wieder. Die noch nie dagewesene Beleidigung einer dargebotenen Bestechung der Lynchjustiz – die, ob sie auch schwach, vorurtheilsvoll und engherzig sein mochte, doch unbestechlich war – bestimmte die noch schwankende Entscheidung von Tennessee's Schicksal und bei Tagesanbruch führte man ihn unter gehöriger Bedeckung nach dem Gipfel des Marleyhügels, es dort zu erfüllen.

Wie er es trug, wie kaltblütig er sich benahm, wie er verweigerte, das Geringste auszusagen, wie vollkommen die Anordnungen des Comités waren, das wurde Alles der Zeitung von Red Dog berichtet, mit einer hinzugefügten moralischen Warnung für alle Uebelthäter und der Ermahnung, den traurigen Vorgang als abschreckendes Beispiel wirken zu lassen. Der Redacteur des Blattes war bei der Execution zugegen gewesen und ich verweise jeden, der sich dafür interessirt auf seinen in den stärksten, mächtigsten Ausdrücken abgefaßten Bericht. Aber von der Schönheit des Sommermorgens, von dem tiefen Frieden, welcher über der Erde lag, wie hell und strahlend der Himmel sich darüber wölbte; wie in den Wäldern und Thälern das Leben neu erwachte mit leisem Regen und süßer Verheißung und wie eine stille, selige Heiterkeit Alles umwob, davon ward nichts berichtet, als nicht zu der moralischen und socialen Lehre gehörend. Und doch, als die schwache und thörichte That geschehen und ein Leben mit all' seinen Möglichkeiten durchschnitten worden war, sangen die Vögel, die Blumen blühten, die Sonne schien eben so goldig wie zuvor; und vielleicht hatte der Berichterstatter Recht.

Tennessee's Partner befand sich nicht in der Gruppe, welche den ominösen Baum umstand. Aber als die Leute sich umwandten, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen mit einem Esel bespannten Wagen, der ganz regungslos am Wege stand, gefesselt. Indem sie sich ihm nahten, erkannten sie sogleich die ehrwürdige »Jenny« und den zweirädrigen Karren, das Eigenthum von Tennessee's Partner, der dies Gefährt benutzte, um von seinem Grund und Boden Moder und Geröll fortzufahren. Einige Schritte entfernt unter einem Baume saß der Besitzer der Equipage, sich den Schweiß von seinem dunkelroth glühenden Gesicht trocknend. Als Antwort auf eine Frage erwiederte er, daß er gekommen sei, den Körper des »Verstorbenen« zu holen, wenn das Comité nichts dagegen habe. Er wünsche nicht, »etwas zu übereilen«, er könne »warten«. Er arbeite an diesem Tage nicht und sobald die Herren mit dem »Verstorbenen« fertig wären, würde er ihn in Empfang nehmen. »Wenn Jemand hier ist««, fuhr er in seiner schlichten, ernsten Weise fort, »der an dem Begräbniß theilnehmen will, kann er mitkommen.«

Vielleicht kam es aus einem humoristischen Gefühl, das, wie ich schon früher angedeutet, ein Zug von Sandy Bar war – vielleicht entsprang es einer bessern Quelle, aber Dreiviertel der Versammelten nahmen die Einladung sogleich an.

Es war Mittag, als der Körper von Tennessee seinem Partner ausgeliefert wurde. Indem der Karren zu dem Unglücksbaum hinauffuhr, bemerkten wir, daß eine rohe längliche Kiste darauf stand, anscheinend aus einem Theil einer Mühlenschleuße zusammengefügt, und halb mit Borke und Fichtennadeln gefüllt. Der Wagen war ferner mit Weidenzweigen und duftenden Blüthenbüschen geschmückt. Nachdem der Körper in die Kiste gelegt war, breitete Tennessee's Partner ein Stück Segeltuch darüber und indem er mit tiefem Ernst seinen Platz vorn auf dem schmalen Sitz einnahm, trieb er den kleinen Esel zum Fortfahren an. Die Equipage bewegte sich langsam dahin, in jenem gesetzten Schritt, der »Jenny« auch unter weniger feierlichen Verhältnissen zur Gewohnheit geworden.

Die Männer – halb neugierig, halb scherzend, doch Alle in guter Laune – begleiteten den Wagen; Einige gingen vor, Andere hinter dem einfachen Katafalk einher. Aber ob es von der Schmalheit des Weges kam, ob von einem Gefühl der Wohlanständigkeit: nach und nach ordnete sich die Gesellschaft zu Paaren, Schritt haltend und äußerlich die Manieren eines regelrechten Gefolges zeigend. Jack Folinsbee, der Anfangs einen Trauermarsch auf einer imaginären Trombone spielte, gab dies auf, weil er keine Aufmunterung und Anerkennung fand und wol noch nicht die Gabe der echten Humoristen besaß, die sich an der Freude über ihre eigenen Scherze genügen lassen

Der Weg führte durch Grizzly Canon, das jetzt schon in tiefe Schatten, gleichsam wie in Trauerkleider gehüllt war. Die Sandelholzbäume, ihre Wurzeln im rothen Erdboden bergend, standen in Reih und Glied zu beiden Seiten des schmalen Pfades und neigten ihre hängenden Zweige, wie zu einem segenspendenden Gruß über die vorüberziehende Todtenbahre. Ein Hase, zu hülfloser Unthätigkeit überrascht, saß hoch aufgerichtet und mit schlagenden Pulsen in den hohen Farrenkräutern am Wege, während der Leichenzug vorüberkam, Eichhörnchen erkletterten hastig höhere Zweige, um einen bessern Ueberblick zu gewinnen und die blauen Häher, ihre Flügel ausbreitend, flogen voran gleich Vorreitern, bis die äußere Grenze von Sandy Bar und die dort einsam liegende Hütte von Tennessee's Partner erreicht war.

Selbst unter vortheilhafteren Verhältnissen gesehen, würde diese Hütte keine freundliche gewesen sein. Die unmalerische Lage, die rauhe und unangenehme Nachbarschaft, all' die unschönen Einzelheiten, welche den »Nestbau« des californischen Goldgräbers umgaben, wurden hier noch durch den düstern Anblick des Verfalles vermehrt. Einige Fuß von der Hütte entfernt, befand sich ein rohes Gehege, das in den kurzen Tagen des ehelichen Glücks von Tennessee's Partner als Garten benutzt worden war, jetzt aber wüst mit Farren bewachsen dalag. Indem wir uns dem Platze nahten, bemerkten wir, daß Das, was wir für einen Versuch zur Cultivirung angesehen, die Ausgrabung einer Gruft war.

Der Karren hielt vor dem Gehege und jeden Beistand ablehnend, mit derselben Miene einfachen Selbstvertrauens, die ihn während des ganzen Vorganges nicht verlassen, nahm Tennessee's Partner den rohen Sarg auf seine Schultern und setzte ihn ohne Hülfe in die Gruft. Dann nagelte er das Bret, welches als Deckel diente, fest, und indem er den, kleinen Erdhügel zur Seite erstieg, trocknete er sein Gesicht mit dem Taschentuch ab. Das war, wie die Menge fühlte, der Eingang zu einer Rede und sie ließen sich demgemäß auf Baumstämmen und Steinen nieder und saßen erwartungsvoll da.

»Wenn ein Mensch«, begann Tennessee's Partner langsam, »den ganzen Tag frei umhergelaufen ist, was ist das Natürlichste für ihn zu thun? Was? heimzukehren. Und wenn er nicht in dem Zustand ist, allein nach Hause zu kommen, was kann sein bester Freund für ihn thun? Nun, ihn nach Hause bringen! Hier ist Tennessee, der frei und unstät umhergelaufen ist, und wir bringen ihn heim von seinen Wanderungen.« Der Sprechende hielt inne, nahm ein Stückchen Quarz auf, rieb es nachdenklich an seinem Aermel und fuhr dann fort: »Es ist nicht das erste Mal, daß ich ihn auf meinen Schultern getragen habe, wie Sie es jetzt gesehen; nicht das erste Mal, daß ich ihn nach jener Hütte brachte, wenn er sich nicht selbst helfen konnte, nicht das erste Mal, daß »Jenny« und ich ihn auf jenem Hügel dort erwarteten und ihn aufluden, ihn heimzubringen, wenn er nicht im Stande war, zu sprechen und mich nicht kannte. Jetzt aber ist es das letzte Mal gewesen und das« – er hielt inne und rieb das Stückchen Quarz sanft auf seinem Aermel – »das ist doch etwas schwer für seinen Partner, das spielt ihm hart mit. Und nun, Ihr Herren«, fügte er kurz hinzu, seine langstielige Schaufel aufnehmend, »ist das Begräbniß vorüber und meinen Dank und Tennessee's Dank für Ihre Bemühung!«

Jede Hülfe zurückweisend, begann er die Gruft mit Erde zu füllen, wobei er der Menge, die sich nach einigem Zögern entfernte, den Rücken zudrehte.

Als sie die kleine Anhöhe überschritten, welche Sandy Bar dem Blick entzog, schauten sie sich noch einmal um und glaubten Tennessee's Partner zu sehen, der, nachdem sein Werk gethan war, auf dem Grabe saß, den Spaten zwischen den Knieen und sein Antlitz in dem rothen Taschentuch bergend. Andere aber behaupteten, in solcher Entfernung wäre sein Gesicht nicht von dem dunkelrothen Tuche zu unterscheiden und dieser Punkt blieb unaufgeklärt.




In der Reaction, welche der fieberhaften Aufregung jenes Tages folgte, wurde Tennessee's Partner nicht vergessen. Eine geheime Untersuchung hatte ihn von jeder Gemeinschaft bei Tennessee's Schuld gereinigt und nur einen leisen Zweifel über seinen geistigen Zustand hinterlassen, man hegte den Verdacht, es sei nicht »ganz richtig« in seinem Kopfe. Sandy Bar machte es sich zur Pflicht, sich seiner anzunehmen, öfter nach ihm zu sehen, ihm manche wohlgemeinte Freundlichkeit anzubieten.

Aber von dem schicksalsschweren Tage an schien seine feste Gesundheit und seine mächtige Kraft sichtlich abzunehmen; und als die Regenzeit gekommen war und die kleinen jungen Grashälmchen auf dem steinigen Erdhügel auf Tennessee's Grab frisch und grün emporsproßten, konnte Tennessee's Partner sein Bett nicht mehr verlassen.

In einer Nacht, als die Fichten neben der Hütte im Sturme ächzten, und rauschten und ihre Zweige das Dach streiften und das Brausen und Toben des stürzenden, angeschwollenen Flusses von unten herauftönte, erhob Tennessee's Partner sein Haupt vom Kissen und sagte:

»Es ist Zeit, Tennessee zu holen, ich muß »Jenny« in den Wagen spannen!« und ohne den Widerstand seines Pflegers würde er das Bett verlassen haben. Sich immer noch wehrend, fuhr er in seinen seltsamen Phantasien fort: »Nun vorwärts, aber achtsam, Jenny, vorsichtig, altes Mädchen! Wie dunkel es ist! Hab' Acht auf die Wurzeln – und hab' Acht auch auf ihn, Du altes, treues Thier. Zuweilen, wenn er ganz betrunken ist, weißt Du ja, daß er gerade im Wege niedersinkt. Nach jener Fichte dort auf dem Hügel müssen wir zufahren. Da – ich sagte es Dir ja! – Da ist er – diesen Weg entlang kommend – und ganz allein, ganz nüchtern und wie sein Antlitz leuchtet. Tennessee! Mein Partner!«

Und so fanden sie sich wieder.