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Richard von Hartwig – Am Meeresstrand

Novelle

Richard von Hartwig - Am Meeresstrand Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1884, 2. Band, S. 190ff.


Erhabenes Meer! Unendlichkeit rauscht in deinen Wogen und Ewigkeit spiegelt sich in Deinen Wassern! Seit Jahrtausenden kühlt die Sonne ihr Antlitz in deinen Fluten, wehen die Winde über dich her von Nord und Süd, von Ost und West, aufthürmend deine Wellen wie in gewaltigem Zorn, himmelaufspritzend den Gischt der weißen schäumenden Wogen. Ehe ein Mensch war dich zu vernehmen, ehe ein Auge war, dich zu schauen, da schleudertest du empor deiner Wellen Schaum, zeigtest du den Welten ihr Bild im ruhigen Spiegel deiner Wasser.

Ewiges Meer! weltenspiegelndes, weltenumfassendes! Du bist wie die Seele des Menschen, die ruhig wie du nicht ahnt die bösen Mächte, die ihres Spiegels Klarheit gefährden, nicht ahnt wie Du, von wannen der Sturm hereinbricht, der Leidenschaften Sturm, nicht ahnend wie Du das kleine weiße Wölkchen, fern schimmernd am Horizont, leise näher kommend, leise, leise, bis daß es anschwillt zu jenem entfesselten Ungeheuer, wild daher brausend: ein Orkan, aufthürmend die Wogen bis an den wolkenschwangeren Himmel.

Erhabenes Meer! Unendlichkeit rauscht in deinen Wogen, und Ewigkeit spiegelt sich in deinen Wassern! ewiges Meer, wie gleichst du der Seele des Menschen!

Ahnt der Mensch diese Verwandtschaft, und liebt er darum das Meer?

Liebst auch du dasselbe einsam schönes Kind?

Wie die Nixe dem Meer entstiegen, um einsam ihren Schmerz zu vertrauern, sitzest du da am kühlen Strand; das große blaue Auge blickt sinnend in die Weite, es rauschen im Winde der Bäume Kronen über deinem Haupte und leise flüstern und murmeln die Wellen zu deinen Füßen.

Verstehst du ihre Sprache? Hörst Du, was sie dir sagen?

Was soll die einsame Thräne, die über die Wange dir schleicht?

Der Mund ist stumm, er plaudert nicht aus die Leiden des Herzens, nur der Stab in der Hand gleitet langsam dahin auf den Sand und zeichnet deutlich den Namen »Karl«. Doch die plätschernden Wellen fahren darüber hin, rauschend und murmelnd, und spülen die Züge hinfort, als wollten sie auslöschen die Erinnerung im Herzen, schweigt, ihr bösen Wellen! zerrinnt auch der Name im Sande, Erinnerungen löscht ihr im Herzen nicht aus!

Gedenkt ihr doch selbst noch des Mägdleins und des Knaben, die an eurem Ufer gespielt und eurer Sprache gelauscht, und ihr erzähltet alsdann, was ihr gehört, am weiten, fernen Strand, von den Menschen die dort wohnen, von ihrem Leben und Treiben; wißt, wie es den Knaben dann oft mit wildem Sehnen erfaßte, hinauszuziehen in die Welt, auf das weite, wogende Meer, ihr hörtet des Mägdleins zagende Stimme: »O, zieh' nicht hinaus, dort lauert Kampf und Gefahr, nicht hinaus in die weite Welt, wo die Menschen so bös, so herzenskalt.« Und er erwiderte dann: »Ella, ich bin Dir so gut! von mir soll man niemals sagen, daß ich kalten Herzens bin:« und zärtlich sich an ihn schmiegend, sprach sie: »Karl, ich glaube Dir.«

So schwand der Jugend frohe Zeit dahin. Der kleine Knabe wuchs heran und reifte zum Mann, zur lieblichen Jungfrau erblühte das Mägdlein. Und wie die junge Knospe langsam emporblühend dem warmen Frühlingssonnenstrahle sich plötzlich erschließt, so blühte auch hier die knabenhaft kindliche Empfindung ihrer Herzen empor, sich plötzlich voll und ganz erschließend zu jener wunderhold duftberauschenden Blüte, – die Menschen nennen sie »Liebe«.

Hier an dieser Stelle war es gewesen, hier wo die plätschernden Wellen am Strande verrinnend die alten, knorrigen Wurzeln der mächtigen Eichen und Fichten umspülen, deren breite, blätterreiche Kronen rauschend im Winde sich wiegten, hier war es gewesen, an einem frühlingswonnigen Tage, wo er zuerst das Wort zugesprochen, das plötzlich wie Sonnenschein in ihre Seele drang, wo sie austauschten die seligsten Schwüre ihres Herzens, von ewiger Liebe und ewiger Treue.

Ellas Vater, der alte Pfarrer, der schon seit Jahren die schöne Pfarre Alt-Fährs innehatte, wo er mit seiner Tochter still und zurückgezogen lebte, denn die Mutter war vom Tode dahingerafft, als sie Ella das Leben gab, der alte Pfarrer, wie gesagt, wollte zwar anfangs nicht viel davon wissen, sein Kind einem Manne zu verbinden, dessen unstätes Leben durch seinen Beruf als Seemann ein still umfriedetes häusliches Glück kaum zu gewähren vermochte. Doch der leidenschaftlichen Liebe beider konnte er nicht lange widerstehen, und so gab er denn seine Einwilligung, indem er meinte, daß die Herzen, die Gott zusammengefügt, der Mensch nicht trennen solle. Nur eine Bedingung hatte er an seine Zustimmung geknüpft, nicht eher sollte Karl Ella als sein Weib heimführen, bis er die erste große Reise als Kapitän zurückgelegt haben würde.

Karl, der von seinem Vater, einem alten Seemann, der nach Seemannsart auch in den Wellen sein Grab gefunden, zum Seemann bestimmt war, hatte bereits auf dem Schiffe eines diesem früher befreundet gewesenen Handelsherrn die Dienstzeit als Matrose überstanden und schon seit Jahresfrist nach abgelegter Prüfung die Stelle eines Steuermannes inne. Nun war er plötzlich, unerwartet früh zum Kapitän der »Atalanta« ernannt, um in kürzester Frist als solcher die erste große, überseeische Reise anzutreten.

Wer mag den Jubel seines Herzens ermessen, als er Ella die Kunde von ihrem so nahen Glück brachte: aber auch ein Tropfen Wermuth mischte sich in die Seligkeit, ein Tropfen Wermuth, das war die lange Trennung, die ihnen nun bevorstand.

Die Sonne senkte sich in voller Pracht ins Meer und roth erglühten Himmel und Erde im feurigen Flammenkuß.

Schweigsam und gedankenvoll wandelten Ella und Karl neben einander am Strande des Meeres.

»Sieh' Ella«, sagte Karl, plötzlich stehen bleibend und auf die untergehende Sonne deutend, »sieh' Ella, die Sonne nimmt Abschied vom Tage, auch ich werde Dir bald Lebewohl sagen; dort, wo die Sonne sich ins Meer taucht, wo der Himmel die Erde berührt, dort, weit von hier, segelt morgen die »Atalanta« nach jenen fremden Landen, von denen die Wellen uns leise erzählt, als wir, noch Kinder, am Strande ihrem heimlichen Murmeln gelauscht.«

»Und wenn Du nun nicht wiederkehrst?«

»Sei nicht so zaghaft, süßes Kind! Kennst Du den wilden Knaben denn nicht mehr, der so oft hinausgerudert auf das Meer, wenn die Wogen vom Sturm gepeitscht das kleine Boot zu verschlingen drohten? Dann schien mir das Leben wie ein Traum, die Zukunft tauchte auf vor meinem Blick, von fernen Landen träumte ich, die nie mein Auge geschaut, von fremden Menschen, von Noth und Gefahr, von Kampf und Graus – und dann wieder sah ich ein Antlitz, so strahlend wie der Sonne Schein, und mild wie des Mondes weich« Licht, es waren Deine Züge, Ella! Da schwur ich mit: Du mußt errungen sein! und sieh', die Träume der Jugend nahen sich ihrer Erfüllung, sollt' ich da zaghaft sein? Läuft die »Atalanta« hier wieder in den Hafen ein, dann weißt Du, ich bin Deiner Werth, und dann, dann bist Du mein, mein für ewig!«

»Und wirst Du auch in fremden Landen nicht Deine Ella hier vergessen?«

»Ella! Du zweifelst noch? Die Winde haben meine Licbesschwüre vernommen, die Wogen haben den Küssen gelauscht, die unsere Liebe besiegelt; sollt' ich je Dein vergessen, so mögen die Winde mich verwehen, so mögen die Fluten mich verschlingen! Dein bin ich, treu in Ewigkeit! Nichts soll uns trennen als der Tod!«

Und hinsinkend an seine Brust hauchte sie leise: »Nichts als der Tod.«

Und als die Sonne wiederum hinabtauchte in die kühle Flut, da fielen die letzten Strahlen auf die einsame Ella, die stillen Thränen beleuchtend, die heimlich die Wangen hinabrollten, sich zu vereinen mit des Meeres murmelnden, plätschernden Wellen. Wollt ihr des Schmerzes Thau hinübertragen zu jenem weißen Segel, das ferne schimmernd am Horizont dem Auge zu entschwinden droht? Wollt ihr die Trauer Ellas künden dem Mann, der, dort am Mast gelehnt, starr rückwärts seinen Blick gewendet hält? Ihr murmelt leis und traurig, ihr kennt ja beider Schmerz, und deutlich wie Worte tönt es im Herzen der Liebenden wieder:


Ach, wie ist das Herz beklommen,
Wenn man Abschied hat genommen
Sich zum letzten Mal geküßt!
Reißt uns fort des Stromes Welle?
Ach! Das Glück verrinnt so schnelle,
Nur der Schmerz unendlich ist! –


Still und ruhig war es seitdem geworden im kleinen Pfarrhäuschen zu Alt-Fährs, das dem Hafenstädtchen S. gegenüber am andern Ufer des Flüßchens lag, mit seinen vereinzelten Häusern und Villen, von denen die meisten nur im Sommer bewohnt wurden. Dicht am Pfarrhaus vorbei zog sich der aus mächtigen Eichen und Fichten bestehende Wald, das Flußufer in einiger Entfernung begleitend, bis an den Meeresstrand hin. Hier zwischen Wald und Fluß stand auch, all' die mächtigen Bäume noch weit überragend, der Leuchtthurm, unmittelbar hinter den Mohlen, die ihre rettenden Arme weit hinaus in das Meer streckten, die vom Sturm gefährdeten Schiffe in den sicheren Hafen aufzunehmen. Ein geschäftiges Leben zeigte sich hier, seit des Winters Eis gebrochen, das alle die alten, geprüften Weltumsegler zu völliger Unthätigkeit verdammt hatte. Bunt flatterten der Schiffe Wimpel und Flaggen, das war ein reges, geschäftiges Treiben hin und her, ein Kommen von Schiffen und Gehen, und die »Atalanta« war eins der ersten Schiffe gewesen, das stolz mit schwellenden Segeln den Hafen verlassen, seit der Frühling Einzug gehalten hatte in die Lande. Ja Einzug hatte er gehalten in Stadt und Land mit seinem lustigen Sängerchor, die Lerchen jubelten über der blühenden Au, der Fink im Wald ließ sein lustig Lied erschallen, und wieder wiegten sich, zwitschernd im Aetherblau, die Schwalben in ewig anmuthvollem Spiel. Vom Pfarrhaus gleich abbiegend, führte ein schmaler Pfad den Wald hindurch bis an den Strand. Schon von fernher vernahm man das Rauschen des Meeres, das sich mit dem Säuseln des Windes in den Wipfeln der Bäume vermälte. Lustig zwitscherten die Vögel in den Zweigen, haschte das Eichhorn in munterem Spiel auf und nieder und durch die Aeste, dann wieder plötzlich innehaltend und aufhorchend, wie erstaunt über die Schritte des einsamen Wanderers, der es wagte, in des Waldes friedliche Stille einzudringen.

Wohl täglich ging Ella diesen Pfad entlang bis hin an den Meeresstrand, auf jener Moosbank zu sitzen, die an den Stamm eines mächtigen Eichbaums gelehnt, fast berührt wurde von den plätschernden, auf dem Strand verrinnenden Wogen. Hier war es ja gewesen, wo sie sich ewige Liebe geschworen, wo sie Abschied genommen von Karl, hier weilte sie oft und gern, einsam träumend hinausblickend in die weite, wallende Flut, die Tage zählend und die Stunden, die er von ihr entfernt, und sehnend dem Augenblick entgegenharrend, der ihn wieder zurückführen würde zu ihr, um sich ganz anzugehören für ewig.

So schwanden Wochen und Monde dahin, schon hatten die Schnitter das Korn auf dem Felde gemäht und die schweren goldnen Garben in die Scheunen gebracht, und auf den kahlen Stoppeln weidete nun der Schäfer seine Herde. Die Zeit der jungen Rosen war dahin, kürzer und immer kürzer wurden schon die Tage, in immer kleineren Bogen zog die Sonne ihre Bahn am Himmelszelt, der Sommer ging zur Rüste, es nahte des Herbstes trüb-melancholische Zeit. Schon färbte sich der an den Fenstern des Pfarrhäuschens emporrankende Wein mit jenem herbstlichen Purpurroth, trieb der Wind die losgerissenen gelben, welken Blätter wirbelnd umher in der Luft, indeß die Schwalben sich, in großen Schaaren sammelnd, rüsteten zur weiten Reise nach dem fernen Süden. Auch die Fremden, die den Sommer über die Villen Alt-Fährs bewohnten, waren einer nach dem andern heimgekehrt, und so wurde es stiller und einsamer daselbst denn zuvor. Auch Ella schien dies jetzt mehr zu empfinden als sonst, wenn sie auch mit den Fremden in wenig, eigentlich keine Berührung gekommen war. Der Einzigste, der häufiger im Pfarrhause verkehrte, war ein Brudersohn des Pfarrers, ein junger Geistlicher, der kürzlich erst durch Fürsprache seines Oheims die seit einigen Wochen erledigte Pfarre des benachbarten Stranddörfchens erhalten hatte. Erich hieß derselbe. Eine hohe, freie Stirn und dunkle fast schwärmerisch blickende Augen verliehen der ganzen, edelschlanken Erscheinung etwas ideal durchgeistigtes, das unwillkürlich sympathisch berührte. Wie anders Karl! die männlich kräftige Gestalt, mit dem blonden Haargelock, dem wettergebräunten Gesicht und dem treuherzig offenen Blick der hellen blauen Augen. Ella hatte sich einer solchen Betrachtung wohl noch nicht hingegeben, vor allem heute hatte sie an Erich gewiß noch gar nicht gedacht, denn ihre Gedanken weilten in weiter Ferne, einzig und allein bei Karl, sie saß am Fenster, das aufgeschlagene Buch, in dem sie gelesen, im Schoß und blickte hinaus in die Dämmerung. Dichte Wolken jagten sturmgepeitscht dahin und schwere Tropfen schlugen gegen die Scheiben. In den Baumkronen des Waldes wühlte der Sturm, daß die mächtigen Stämme sich ächzend beugten unter seiner Wucht und das dumpfe Brausen des Meeres tönte von fern her unheimlich herüber.

Wo weilte wohl Karl jetzt und seine »Atalanta«? Im sichern Hafen oder auf sturmgepeitschtem Meer?

Zweimal schon hatte sie Nachricht erhalten, daß er alle Fährnisse glücklich überwunden, und schon nahte die Trennungszeit ihrem Ende.

Doch wie! Wenn das Schicksal es anders bestimmte? Wer kann wissen, was es über uns verhängt. Was ist des Menschen Macht gegenüber der Wuth der Elemente? Kann er es hindern, wenn der Sturm die Segel zerfetzt, den Mast zerbricht, daß das wogengepeitschte Schiff, dem Steuer nicht mehr folgend, am Fels zerschellt? Und die Hand aufs Herz gedrückt, die Stirn an die kühlen Scheiben gepreßt, blickte sie hinaus in das Toben der Elemente.

Es war, als sei ein Alp von ihrer Brust genommen, als sei sie von bösem Traum erwacht, als es plötzlich an der Thüre pochte und Erich, vom Regen durchnäßt, in das Zimmer trat.

»Das ist ja ein förmliches Unwetter«, sagte er, den alten Pfarrer, welcher an seinem Schreibtisch arbeitete, und Ella herzlich begrüßend, »ich komme vom Städtchen und dachte noch rechtzeitig heimzukommen, doch muß ich nun hier Schutz suchen.«

»Da wirst Du hier übernachten müssen, denn das Unwetter scheint sich sobald nicht legen zu wollen«, erwiderte der Pfarrer, ihm freundlich die Hand reichend. »Mach's Dir nur bequem und gönne mir noch einige Augenblicke Zeit, ich bin sogleich mit der Arbeit zu Ende; Ella wird den Thee besorgen.«

Und indeß Ella sich anschickte, dies auszuführen, und der Pfarrer die letzte Hand an seine morgige Sonntagspredigt legte, nahm Erich am Tische Platz, sich in die mitgebrachte neue Zeitung vertiefend. Bald trat auch Ella, die die häuslichen Geschäfte erledigt hatte, denn schon brodelte es lustig im Theekessel, an den Tisch heran, und, um den Vater nicht zu stören, nahm sie eins der Zeitungsblätter, um darin, wie sie dies ja oftmals that, die Nachrichten über den Kurs der Schiffe nachzusehen. Hatte sie doch schon einige Mal daraus erfahren, wann die »Atalanta« in diesen oder jenen Hafen eingelaufen war. Raschen Blicks überflog sie das Blatt« da – plötzlich – was war das? – wie von Entsetzen gepackt starrt sie auf das Blatt in ihren zitternden Händen, ihr Antlitz entfärbt sich, und mit gellem Aufschrei sinkt sie bewußtlos zusammen. Erschreckt fuhren der Vater und Erich von ihren Sitzen empor.

»Gott im Himmel! was kann das sein?« sagte der Pfarrer, indem er mit Erichs Hilfe die bewußtlose Ella aufs Sopha bettete.

Während sich der Vater bemühte die Bewußtlose durch Kühlen der Stirn mit Wasser ins Leben zurückzurufen, hatte Erich das den Händen Ellas entfallene Blatt aufgenommen und las: »Der am 3. Oktober herrschende große Orkan hat leider wieder ein Opfer gefordert. Angesichts des Hafens von St. Vincent versank das deutsche Kauffahrtheischiff »Atalanta«, Kapitän Karl X. Ein Theil der Mannschaft wurde gerettet, der größere Theil darunter der Kapitän, der bis zum letzten Augenblick auf seinem Posten aushielt, fand in den Fluten sein Grab.« Er schwieg tief ergriffen, und Thränen im Auge blickte der alte Vater auf die noch immer bewußtlose Ella.

»Ich gehe den Arzt holen«, sagte Erich, »und ich bin bald wieder hier.«

»Gott wird Dir's lohnen«, erwiderte der Pfarrer, und als Erich in der Thür entschwunden, kniete er nieder an seines Kindes Seite, inbrünstig betend: »Herr Gott sei Du uns gnädig und gieb uns Kraft im Unglück!«

Es war eine trübselige, traurige Zeit, die über das Pfarrhäuschen gekommen war. Ein Nervenfieber hatte Ella darniedergeworfen, wochenlang rang im bittersten Kampf der Tod mit der Jugend, in liebevollster, aufopferndster Pflege verharrte der alte Vater am Lager seines Kindes, bis dieses endlich dem Tode abgerungen, die Jugend den Sieg davongetragen. Aber nicht die lebensfrohe Ella war es, die da wieder erstanden war, erstorben war des Herzens Fröhlichkeit und wie ein dunkler Schatten lag es auf ihrer Seele.

Dankbar erkannte sie wohl des Vaters liebevolle Zärtlichkeit, sowie Erichs aufmerksames zuvorkommendes Wesen, aber konnte es ihr das ersetzen, was das Schicksal ihr entrissen? Tod und öde lag das Dasein vor ihr, den winterlichen Gefilden gleich, wo die Gräser verdorrt und die Bäume und Sträucher ihre kahlen, abgestorbenen Aeste starr in den wolkenverhangenen Himmel emporstreckten. Langsam nur schritt die Genesung vor. Es schwanden darüber die langen Wintermonate dahin und wieder war es Frühling geworden. In immer höheren Bogen zog die Sonne ihre Bahn und schon seit einiger Zeit fallen die Strahlen der untergehenden Sonne wie verklärend auf die Fenster des Pfarrhäuschens, die sie während des ganzen Winters niemals erreicht hatten. Der Epheu, der sich todt und leblos an der kalten Mauer angeklammert, hat frische Blätter bekommen und rankt sich lustig empor, neue junge Arme ausstreckend. Der Lindenbaum vor der Thür, mit seinem jungen, frischen Grün, steht in voller Blütenpracht, ebenso der Flieder und Jasmin des kleinen Vorgärtchens, die Luft mit ihrem lieblichen Duft erfüllend und von dem nahen Wald herüber schallt wieder des Finken lustiger Sang. Es war ein wonnig schöner Frühlingstag. Die Fenster sind weit geöffnet und Ella athmet in vollen Zügen die balsamische Luft, sinnend blickt sie hinaus in die Ferne, aber sie sieht es wohl nicht, wie die sonnendurchglühte Luft in der Richtung nach dem Leuchtthurm hin über der grünenden Saat wellenförmig erzittert; schweift ihr Blick auch in die Weite, es ist der nach Innen gerichtete Blick, der, der Gegenwart entflohen, in der Vergangenheit weilt. Ja, war es nicht ein Tag gewesen wie heute? so lenzeswonnig schön, wo alles knospet, keimt und blüht, wo alle Welt hofft und liebt, wo auch in ihrer Seele einst der Liebe süßes Glück emporblühte? Leise tönt es herüber das Rauschen des Meeres von jener wohlbekannten Stätte, wie ein Gruß aus der Vergangenheit. Wie von unsichtbarer Macht getrieben, zog es sie dorthin, und wie sie hinaustretend so den altbekannten Pfad durch den Wald zum Meeresstrand daherschritt, wieder zum ersten Mal seit jener unseligen Zeit, da war es ihr, als sei, was sie erlebt, ein banger, böser Traum, der vor des Lenzes froher Wirklichkeit dahinschwand; oder war es ein Traum, der sie jetzt umfing, daß es ihr schien, als sei alles um sie her unverändert wie ehedem? Wieder zwitscherten des Waldes befiederte Sänger in den Zweigen, trieb das Eichhorn sein lustig Spiel, nickten buntduftende Waldblumen zur Seite des Weges ihr entgegen, alles unverändert ganz wie sonst, auch das Moosbänkchen stand noch da wie ehedem am Fuß des mächtigen Eichbaums. Der azurblaue Himmel spiegelte sich im Meer, leichte Wellen rannen murmelnd über den weißen Strand und benetzten die alten knorrigen Wurzeln der Bäume, deren Kronen leise rauschend im Winde sich wiegten. Lange, lange war sie nun schon hier nicht gewesen, welche trübe traurige Zeit war verflossen, eine Zeit, die wie ein unüberbrückbarer Abgrund sich aufthat zwischen einst und jetzt. Versunken war im Meer, woran ihr Herz gehangen, und mit ihm aller Frohsinn, alle Herzensfröhlichkeit, alles Lieben und Hoffen. Was konnte ihr das Leben denn noch bieten? konnte es ihr zurückgeben, was das Meer ihr geraubt? Oede lag hinter ihr die Vergangenheit, hoffnungslos vor ihr die Zukunft, und ach!


Ein Leben, dem die Hoffnung fehlt,
Ist wie die Blum', die ohne Duft,
Dem Tode heimlich anvermält,
Nur scheinbar athmet Licht und Luft.


Hoffnungslos! und doch! war es nicht wieder Frühling geworden? Keimte und blühte es nicht wieder ringsum sie her so hoffnungs­grün? War nicht alles wie neu beseelt, athmete nicht alles neues Leben? Wer könnte sich dem frühlingsmächtigen Zauber wohl entziehen, der wiedergebärend dieses ganze All durchdringt? Was war es, das Ellas Brust so sehnsüchtig bang erfüllte, so wohl und weh, daß sie auf die Moosbank hinsinkend, ihr Antlitz in den Händen barg und lange und bitterlich weinte?

 

Ach, ein wunderthät'ger Balsam
Sind die Thränen, laßt sie rinnen!
Aller Schmerz in eurer Brust
Fließt mit ihnen leis' von hinnen,
Thränen sind wie milder Thau,
Der, das Herz vom Bann erlösend,
Niederfällt aus trüber Wolke
Auf die sonnverbrannte Au'. –

 

Als sie das Haupt wieder erhob, blieb ihr Blick wie überwältigt haften am westlichen Horizont, wo die Sonne in wunderbarer Farbenpracht in die Flut niedertauchte, Himmel und Meer mit ihrem Purpur übergießend.

»Ein zauberischer Anblick! wie schön!« sagte plötzlich eine Stimme neben ihr, daß sie erschreckt emporfuhr. »Verzeih' liebe Ella, wenn ich Dich erschreckt«, sagte Erich in sanftem Tone, »aber es war nicht meine Absicht, Du warst so vertieft in diesen Anblick, daß Du meine Schritte nicht gehört.«

»Die Schönheit nahm mich ganz gefangen«, erwiderte Ella leicht erröthend. »und Du mußt meine Zerstreutheit entschuldigen.«

»O ich verstehe das, ich verstehe«, entgegnete Erich, sich neben Ella niederlassend, »wie oft habe ich mich gesehnt nach einem solchen Anblick, nach der freien Natur, während ich Jahre lang in der Residenz zu leben gezwungen war. Ach wie wenig weiß der Mensch daselbst doch von der Schönheit und Erhabenheit der freien Natur, wofür er sich oftmals nur mühsam die Begeisterung aus Büchern zusammengelesen. Eingemauert in seine vier Wände, inmitten des Qualms der großen Fabriken, wo die Natur zusammengeschrumpft ist in das Stückchen blauen Himmel, den man über sich erblickt, wird der Blick stumpf und erstickt das Gefühl für das Schöne und Erhabene.«

»Ich glaubte immer«, warf Ella ein, »es würde Dir hier zu still und einsam sein auf Deiner kleinen Landpfarre, Du würdest Dich zurücksehnen nach dem regeren Leben und Treiben der Residenz.«

»O, wie sollte ich wohl!« entgegnete Erich, »mich dorthin sehnen, wo die Menschen lebendigen Maschinen gleich ihr Tagewerk vollbringen, wo ihnen die Sucht des Erwerbs ihr Kainszeichen auf die Stirn gedrückt hat, wo stets das Losungswort lautet: Geld! und wieder Geld! Ahnt solch' ein Mensch wohl etwas von dem heiligen Schauer, der die Seele ergreift, wenn sie den Odem Gottes spürt im Rauschen der Wasser, im Wehen der Winde hier unter dem Grün der Bäume, den Blick auf das Meer gerichtet? Ach! wer es ahnt, der kennt auch das sehnende Gefühl, das so oft das Herz beschleicht, der weiß, was dem gefangenen Vogel gleich die Brust so ängstlich beklommen zusammenpreßt, sobald des Lenzes erste milde Lüfte wehen, daß es uns erfaßt wie mit wilder Sehnsucht, hinauszueilen in die freie Gottesnatur. Sieh' nur der Bäume grüne, blätterreiche Pracht über unserm Haupt, wie sie sich wölbt zur riesigen Kuppel, wie die mächtigen Stämme emporstreben, Pfeilern gleich. Das ist der große Dom, den Gott sich selbst errichtet hat, die Vögel jauchzen darin ihr Loblied dem Herrn, und die Blumen strömen ihren Duft zum Himmel empor im stummen Gebet; dazu klingt es wie das Brausen der Orgel, anschwellend zu gewaltigen Akkorden, dann wieder verklingend, wie leise flehende Seufzer, das ist das Rauschen des Meeres, der großen Orgel, der Gott selbst so wunderbare Töne entlockt die des Menschen Brust erfüllen mit heiliger Bewunderung und grausigem Entzücken, daß er hinsink auf die Kniee und seine bebende Lippe stammelt: »Herr, ich erkenne Deine Größe!« Erich schwieg und sah auf Ella, die sinnend hinausblickte auf die weite Flut. Die Sonne war bereits versunken, aber noch flammte am Himmel das Abendroth, sich wiederspiegelnd im Meer und die leicht bewegten Wasser rosig überhauchend. »Laß uns heim gehen, Ella«, sagte Erich, das Schweigen brechend, »die Abendluft könnte Dir schaden.«

»Du bist besorgt um mich« erwiderte Ella, mit freundlichem Blick ihm die Hand reichend, »ich danke Dir.«

»Und hast Du jemals daran gezweifelt?« entgegnete Erich halb vorwurfsvollen Tones.

Ella erwiderte nichts, aber eine leichte Röthe überflog ihr Antlitz, indem sie den von Erich ihr gebotenen Arm annahm, um gemeinsam den Weg nach dem Pfarrhause einzuschlagen.

Wie in früherer Zeit verging wohl kaum ein Tag, an dem Ella nicht an jenem Plätzchen am Meer verweilte. Häufiger traf sie seitdem auch mit Erich dort zusammen, wußte er es doch meist so einzurichten, daß er seinen Spaziergang von seinem benachbarten Stranddörfchen aus, den Strand entlang bis zu jenem Plätzchen, auf die Zeit verlegte, wo er Ella dort zu finden gedachte. Auch den Abend brachte er jetzt häufiger im Pfarrhäuschen zu, und dem alten Pfarrer war er ein lieber Gast. Es war demselben auch wohl nicht entgangen, daß es etwas mehr war, als das rein verwandtschaftliche Interesse, das Erich zu Ella hinzog, doch schwieg er still, wenn auch wohl innerlich wünschend, daß an der Seite dieses Mannes eine frohe Zukunft die trüben Schatten verwischen möchte, die die Vergangenheit im Gemüth Ellas zurückgelassen hatte.

Wohl war einmal im Städtchen das unbestimmte Gerücht aufgetaucht, daß auch der Kapitän der »Atalanta« mit zu den Geretteten zähle, doch war dasselbe ohne jede weitere Bestätigung geblieben. Der alte Pfarrer hatte darum Ella auch nichts von diesem Gerücht mitgetheilt, an das er selbst nicht glaubte, wollte er doch in ihrem Herzen nicht Hoffnungen erwecken, deren Erfüllung ihm von vornherein als ausgeschlossen erschien.

Ueber Erichs Empfindungen Ella gegenüber war diese selbst sich wohl kaum klar geworden, wenngleich es auch ihr wohl oft erscheinen mußte, daß das rein verwandtschaftliche Verhältniß nicht eine genügende Erklärung abgab für die unwandelbare fast zärtliche Aufmerksamkeit, die derselbe ihr gegenüber beobachtete. Sie hörte ihm gern zu, wenn er am Meer mit ihr allein sitzend, von den Schönheiten der Natur, von Gott und Welt sprach, wie er das Menschenherz zu ergründen versuchte, mit all' seinen wechselnden Regungen und Empfindungen, sie lauschte gern seinen Worten und blickte zu ihm auf mit Gefühlen voll kindlicher Ehrfurcht und herzlicher Zuneigung.

So war der Mai hingegangen und die Gluten der Junisonne lagen auf der Erde. Es war ein schwüler Tag, kein Lüftchen regte sich, glühende Strahlen sendete die Nachmittagssonne vom azurblauen Himmel hernieder, und in der Ferne am Horizont sammelte sich eine Wolkenwand von jener eigenthümlichen Beleuchtung, die ein heranziehendes Gewitter verkündet. Auch am Hafenplatz des Städtchens, wo es sonst oft laut und lärmend zuging, schien die drückende Schwüle jeden Laut unterdrückt zu haben, dumpf und still ging jeder seiner Arbeit nach.

Im »Goldenen Anker«, dem Wirthshaus am Landungsplatz der Schiffe, ging es nicht lebhafter zu. In dem durch die kleinen Fenster nur matt erhellten Räume saß in der hintersten Ecke des Gastzimmers ein Mann, wie es schien ganz in Gedanken versunken, wenigstens stand das verlangte Getränk, welches der Wirth vor ihn auf den Tisch gesetzt hatte, noch unberührt da. Seine markige Erscheinung, sein wettergebräuntes von dunklem Vollbart eingerahmtes Gesicht, wie seine Kleidung ließen ihn auf den ersten Blick als Seemann erkennen. Erst unlängst mit dem kleinen niederländischen Kauffahrer, der dem Wirthshaus gegenüber vor Anker lag, angelangt, hatte er das Schiff gleich darauf verlassen, um in jener Einsamkeit seinen Gedanken nachzuhängen. Es war, als ob ein ganz besonderes Vorhaben seine Seele beschäftigte. Plötzlich stand er auf, die Zeche bezahlend, und ging den Hafen entlang bis zu der Fähre, wo er an das andere Ufer überzusetzen verlangte. Es war doch keine so ungewohnte Forderung für den alten Fährmann, der in seinem Charondienst grau geworden war – was mochte er wohl haben, daß er, den Fremden mit so scheuem Blick von der Seite betrachtend, ängstlich das Zeichen des Kreuzes machte, daß er ihm kopfschüttelnd nachsah, als derselbe am andern Ufer ausgestiegen den Weg auf das Pfarrhäuschen einschlug, und dann wieder abstoßend vom Ufer, nochmals sich bekreuzend halblaut in den Bart murmelte: »Die Todten stehen doch nicht auf?«

Der Fremde indeß ging ruhig dem Pfarrhäuschen zu, dann aber plötzlich, wie sich besinnend hielt er inne und wandte sich dem Walde entgegen, den Pfad einschlagend, der an den Meeresstrand führte. An jener Moosbank hielt er inne, sein Blick spähte umher als suchte er längst Bekanntes.

»Hier ist die Stelle, wo ich sie zuletzt gesehen, wo sie mir ewige Treue schwur«, murmelte er leise vor sich hin, »alles unverändert, ob ich auch sie so unverändert wiederfinde?« und dann herab sich beugend, als suchte er im Moos nach einer Spur, »ob hier ihr Fuß geruht? ob sie hier meiner geharrt?«

Da nahten Schritte seinem Ohr; auffahrend und mehr einem unbestimmten Gefühl folgend, als bewußter Absicht, barg er sich hinter dem mächtigen Baumstamm vor den Ankommenden. Ella war es, die mit Erich zusammen den Strand entlang kam, und die nun beide bei dem Moosbänkchen stehen blieben, ohne den Fremden zu bemerken.

Das Unwetter, das schon so lange gedroht, nahte sich rasch, schon hoben sich die Wogen schaumgekrönt aus der Flut empor und rollten brausend weithin über den weißen Strand bis dicht zu ihren Füßen, immer näher tönte das Rollen des Donners und folgte in immer kürzeren Pausen den aus dunklen Wolken über die Flut dahinzuckenden Blitzen.

»Wir müssen heimkehren«, sagte Ella, »der Sturm bricht los.«

»Ja der Sturm bricht los«, erwiderte Erich und seine Stimme erzitterte wie in innerer Erregung. »Sieh nur, wie schön das Meer, wenn die sturmgepeitschten Wogen dahinrollen, wie schön die Natur im Kampf der entfesselten Elemente! Ja, ist es nicht wie die Seele, die vom Sturm der Leidenschaft erfaßt, die Wogen der Empfindung höher treibt, daß sie die Brust zu zersprengen drohen? Ja, Ella, hier im Kampf der freien Natur, hier am brausend wogenden Meer finde ich die Kraft, des Schweigens Fessel endlich zu sprengen, die meine Brust bedrückt, fühle ich den Muth, es endlich auszusprechen, was längst schon meine Seele bewegt, Dir zu sagen, Ella, daß ich Dich liebe! daß ich Dich liebe mit jener Allgewalt, wie sie eines Menschen Seele nur zu erfassen vermag, ja, Ella, ich liebe Dich! willst Du mein Weib sein?«

Eine dunkle Röthe hatte Ellas Antlitz überflutet, und die Augen zu Boden gerichtet streckte sie halb wie abwehrend die Hand gegen den vor ihr knieenden Erich aus. Beide bemerkten den Fremden nicht, der halb hinter dem Baum hervorgetreten war, mit allen Zeichen fieberhafter Erregung.

»O Ella, Ella!« begann Erich wieder, »sag' nicht nein! ich fordere ja nicht von Dir jene allgewaltige Liebe, die alles giebt, nur daß Du meine Liebe duldest, vielleicht daß dann dereinst, wenn Du siehst, wie treu ich Dich gehegt, wie ich auf meinen Händen durchs Leben Dich getragen, in Deinem Innern die Stimme der Liebe erwacht. Mein Heil, mein Unheil hängt an Deinem Munde, o sprich ein Wort, das mich zum seligsten der Menschen macht! sprich, Ella, ich frage nochmals: willst Du mein Weib sein?«

»Ja, ich will es!« sagte Ella, ihm die Hand reichend, leise doch, bestimmt.

Aber noch ehe Erich in überseligem Entzücken aufgesprungen, Ella in seine Arme zu schließen, zuckte es fahl vom Himmel hernieder und ein flammender Blitz beleuchtete grell die wild dämonische Erscheinung des Fremden, der hinter dem Baum hervorgetreten, in der erhobenen Hand krampfhaft den Griff einer blitzenden Klinge umfaßt hielt. Wild heulte das sturmgepeitschte Meer, ein furchtbarer Donnerschlag ließ Himmel und Erde erbeben, aber das Toben des Sturms, den brüllenden Donner übertönte ein Fluch, ein grausiger Fluch: »Du willst! Du willst! fahr denn zur Hölle! Glaub' an Lieb' und Treu! und Du mit ihm!« und nieder fuhr der Stahl in die Brust des lautlos zusammensinkenden Erich.

»Karl!« rang es sich wie ein wilder Verzweiflungsschrei von Ellas Lippen; dann fühlte sie, wie zwei kräftige Anne sie fest umschlangen, wie sich zwei Lippen wild auf die ihren preßten – und dunkle Nacht senkte sich auf ihre Sinne.

Sanft ließ er sie niedergleiten auf das schwellende Moos und die dämonische Wildheit schien plötzlich von ihm gewichen, und alle Liebe drängte sich zusammen in den Blick, mit dem er das bleiche Antlitz Ellas betrachtete.

»Ella, Ella! ist das die Treue, die Du mir gelobt? Treu bis zum Tod? so sprachst Du hier an dieser Stelle. Das ist derselbe keusche, reine Mund, dasselbe holde Engelsangesicht! und nun ist alles, alles: Lüge! Lüge! Hörst Du das Meer, wie es grollend tobt? den heulenden Sturm? sie waren Zeugen Deines Schwures! Und doch! wenn dieses Engelsantlitz Lüge, was ist dann Wahrheit noch auf dieser Welt? – Armes Kind, hattest Du kein anderes Wort für mich, der ich Dich so heiß geliebt, daß ich freudig mein Herzblut hingegeben hätte für Dich? Kein ander Wort? Hat das Meer nur darum wieder mich ausgespieen, um der Mörder Deines Glücks zu sein?« Und wie eine Thräne glänzte es in seinem Aug', als er sich niederbeugte und seine Lippen den bleichen Mund Ellas berührten.

Da fiel sein Blick auf den Todten zu ihren Füßen. Rasch sprang er auf, es zuckte um seinen Mund wie Hohn, und wieder sprühte dämonische Wildheit aus seinem Blick: »Hah! fahr zur Hölle, und glaub' an Lieb' und Treue! Des Schicksals Fluch hat mich von Dir getrennt, leb' Ella wohl, leb' wohl!«

Bald darauf sah man ein Boot hinausrudern in die wogende See, emporgehoben von schäumenden Wellen, dann wieder hinabgestürzt in die bodenlose Tiefe, immer weiter, weiter hinaus, bis es dem Auge am Ufer entschwand. Wer mochte der Tollkühne sein, der sein Leben so leichtsinnig aufs Spiel setzte, oder hatte er nichts mehr zu verlieren, nichts mehr, was ihn band an das Leben, an diese Welt? War es nicht Lachen, was die Winde herübertrugen, ein gelles Lachen, wie aus der Brust eines zum Wahnsinn Gequälten? oder war es der Schrei der Möven, der Beute spähenden Todtenvögel, die wildflatternd, ahnungsvoll das Boot umkreisten? – –

Still und ruhig war es geworden, still und ruhig lag das Meer, ein glatter Spiegel, und tändelnd spielte der Sonnenstrahl auf den klaren Wassern.

Es ist etwas hoch Erhabenes um die Ruhe des Meeres nach dem Sturm. Hochklopfenden Herzens steht der Beschauer, ergriffen von einem tiefheiligen Gefühl. Es ist, als stände er am Sarge eines Todten, der ausgekämpft hat den Sturm in seiner Brust, dessen Seele der irdischen Hülle entflohen, hinübergegangen ist in das Jenseit, die Ruhe zu suchen, die diese Welt nicht gewährte. Ob sie sie finden wird?

Glauben wir es mit dem Priester, der die Hände flehend zum Himmel hebt, Gott anzurufen, um den Segen für die Seelen der beiden Verblichenen, der eine dahingestreckt von mörderischer Hand, der andere ein Opfer der brandenden Flut, aufgefunden am Strande, umspült von leise plätschernden Wellen.

Der Segen war gesprochen, still murmelte jeder sein Gebet und sandte hinab in die Gruft als letzten Gruß drei Hände Erde: dann wurde es leer um das frische Grab. Einer nach dem andern ging gesenkten Hauptes, trüben nachdenklichen Blickes zurück von der Stätte des Todes, nur zwei große blaue Augen starrten unverwandt noch immer hinab in die frische Gruft, die jetzt die Todten vereinte. Nicht Thränen hatten den Blick getrübt, kein Weinen das Auge geröthet, doch bleich war die Wange, bleich wie der Tod, und um die blassen Lippen schwebte es wie ein unendlicher Schmerz. Lange stand Ella so still und einsam, dann ging sie langsam hinab, den schmalen bekannten Weg hinab an das Meer und blickte lange hinaus auf die dunkle blaue Flut.

Die Sonne senkte sich hernieder und tauchte hinab in das Meer, langsam kreisten Möven über der ruhigen Flut, nur leise am kühlen Strand plätscherten und rauschten die Wellen, sich hebend und wieder verrinnend auf den weißen Sand.

Ob sie noch oft so gesessen? noch oft dem Rauschen der Wellen gelauscht? Fragt das Meer, das ewige Meer!

Leise und traurig flüstern die Wogen, wie  Schmerzensgestöhn tönt es herauf, wie ein Klagelied klingt es empor; die Sterne verhüllen ihr Antlitz und trüber Nebel entsteigt den Wassern. klagt ihr um Ella? theilt ihr deren Schmerz?