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Lafcadio Hearn – Rote Hochzeit.

Essay.

aus: Lafcadio Hearn, Kyushu, Träume und Studien aus dem neuen Japan, Übertragen von Berta Franzos, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main, 1908, S. 204ff.

Liebe auf den ersten Blick kommt in Japan weniger häufig vor als im Abendlande, – teils wegen der be­sonderen Beschaffenheit des orientali­schen Gesellschaftsgefüges, teils, weil so manchem Liebeskummer durch frühe von den Eltern herbeigeführte Heiraten vorgebeugt wird. Andererseits kommen aber Liebesselbstmorde häufig vor, aber es sind fast immer Doppelselbstmorde. Überdies müssen sie in den meisten Fällen als Folgen illegitimer Beziehungen angesehen werden. Es gibt aber auch Ausnahmen, und solche Fälle pflegen gemeiniglich in ländlichen Distrikten vorzukommen. In diesen Tragödien mag sich die Liebe vielleicht aus der unschuldigsten, natürlichsten Knaben- und Mädchenfreundschaft entwickelt haben, und ihre Geschichte reicht bis in die früheste Kind­heit der Opfer zurück. Aber selbst dann besteht ein seltsamer Unterschied zwischen einem abend­ländischen Doppelselbstmord aus Liebe und einem japanischen Jōshi. Der orientalische Selbstmord ist nicht die Folge eines jähen, blinden Verzweiflungs­ausbruches, er ist nicht nur kühl und bedacht, er ist sogar sakramental. Es ist eine Liebesvereinigung im Tode. Die Beiden geloben sich angesichts der Götter einander an, schreiben ihre Abschiedsbriefe und gehen zusammen in den Tod. Kein Band könnte heiliger sein. Geschieht es aber, daß durch fremdes Dazwischentreten oder ärztliche Geschick­lichkeit einer der Liebenden dem Tode entrissen wird, ist der Überlebende durch die heiligste Ver­pflichtung der Liebe gebunden, bei der ersten Gelegenheit sein Leben von sich zu werfen. Glückt es, beide zu retten, dann kann natürlich noch alles gut ablaufen. Aber weit besser wäre es, irgend eine Missetat zu begehen, auf die fünfzig Jahre Gefängnis steht, als daß es von jemand bekannt würde, er hätte, nachdem er einem Mädchen gelobt, mit ihr zu sterben, sie die Fahrt zum Meido allein machen lassen. Die Frau, die ihrem Eide untreu geworden, mag Nachsicht finden, aber der Mann, der ein verhindertes Jōshi überlebt und, weil sein Vorsatz einmal vereitelt wurde, weiterlebt, würde all sein Lebenlang als ein Meineidiger, Mörder, Nichtswürdiger, Feigling, als eine Schmach für die menschliche Natur angesehen werden. Mir ist ein solcher Fall bekannt, ich will aber jetzt lieber ver­suchen, eine schlichte Liebesgeschichte zu erzählen, die sich in einem Dorfe einer der östlichen Pro­vinzen zutrug.


* * *


Das Dorf liegt am Ufer eines breiten, aber sehr seichten Flusses, dessen steiniges Bett nur während der Regenzeit ganz von Wasser bedeckt ist. Der Fluß durchquert eine ungeheure Ebene von Reisfeldern, die sich gegen Norden und Süden zum Horizont hinstrecken, im Westen von einer blauen Gipfelkette und im Osten von einer Reihe bewaldeter, niedriger Hügel abgeschlossen wird. Von diesen Hügeln ist das Dorf selbst nur durch eine halbe Meile von Reisfeldern getrennt, und sein Hauptfriedhof, der zu einem der Kwannon der elf Gesichter geweihten buddhistischen Tempel gehört, liegt auf einer benachbarten Anhöhe. Als Knotenpunkt ist das Dorf nicht unwichtig. Außer einigen hundert binsengedeckten Heimstätten in dem gewöhnlichen ländlichen Stil hat es eine ganze Straße zweistöckiger Ziegelhäuser mit schmucken Geschäftsläden und Gasthöfen. Auch einen sehr malerischen, der Sonnengöttin geweihten Ujigami oder Shintō-Gemeindetempel besitzt es und ein der Göttin der Seidenwürmer geweihtes schönes Heilig­tum in einem Hain von Maulbeerbäumen.

In diesem Dorfe wurde im siebenten Jahre der Meiji-Periode in dem Hause Uchidas, eines Färbers, ein Knabe geboren, der den Namen Tarō erhielt. Sein Geburtstag fiel zufällig auf einen Aku-nichi oder Unglückstag, im siebenten oder achten Monat nach der alten Mondrechnung. Und da seine Eltern einfache Leute vom alten Schlag waren, grämten und bekümmerten sie sich sehr darüber. Aber teilnehmende Freunde und Nachbarn versicherten ihnen, daß alles in Ordnung sei, da doch auf Befehl des Kaisers der Kalender abgeändert worden, und der Tag jetzt ein Kitsu-nichi oder Glückstag sei. Diese Vorstel­lungen beschwichtigten die Besorgnis der Eltern einigermaßen, aber als sie den Säugling in den Ujigami trugen, brachten sie den Göttern eine große Papierlaterne dar und flehten inbrünstig, alles Un­gemach von ihrem Kinde abzuwenden. Der Kan-nushi (Priester) wiederholte die altehrwürdigen For­meln, schwang die heiligen Gohei über dem Köpf­chen des Kleinen und bereitete ein kleines Amulett, das ihm um den Hals gehängt werden sollte. Dann begaben sich die Eltern in den Tempel der Kwannon auf dem Hügel, wo sie ebenfalls Gaben darbrachten und zu allen Buddhas um Schutz für ihren Erstgeborenen flehten.

Als Tarō sechs Jahre alt war, beschlossen seine Eltern, ihn in die neue Elementarschule zu schicken, die sich unweit vom Dorfe befand. Tarōs Groß­vater kaufte ihm einen Schreibpinsel, Papier, ein Buch und eine Tafel und führte ihn eines Morgens früh in die Schule. Tarō war sehr froh, weil ihm die Tafel und die anderen Dinge so viel Spaß machten, als wären es lauter neue Spielsachen, und weil ihm jeder gesagt hatte, die Schule wäre ein gar vergnüglicher Ort, wo er viel Zeit zum Spielen haben würde. Überdies hatte ihm seine Mutter versprochen, daß er bei seiner Heimkehr vielen guten Kuchen vorfinden würde.

Als sie zur Schule kamen – einem mächtigen, zweistöckigen Gebäude mit Glasfenstern – wies sie ein Diener in ein großes, leeres Gemach, wo ein ernstblickender Mann vor einem Pulte saß. Tarōs Großvater neigte sich tief vor dem ernsten Mann, sprach ihn als einen Sensei an und bat ihn demütig, den kleinen Knaben freundlich zu unterrichten. Der Sensei erhob sich, verneigte sich eben­falls und sprach höflich mit dem alten Mann. Er legte auch seine Hand auf Tarōs Kopf und sagte ihm freundliche Dinge. Aber Tarō ward plötzlich ganz verschüchtert. Als der Großvater ihm Lebe­wohl gesagt hatte, überkam ihn große Furcht, und er wäre am liebsten gleich wieder heimgelaufen. Aber der Lehrer führte ihn in ein großes, hohes, weißes Zimmer, das ganz mit Bänken angefüllt war, auf denen Knaben und Mädchen saßen. Und auf einer der Bänke wies er ihm einen Platz an. Alle Knaben und Mädchen drehten den Kopf nach Tarō, wisperten miteinander und lachten. Tarō dachte, sie lachten ihn aus, und ihm wurde ganz elend zumute. Eine große Glocke ertönte. Der Lehrer, der sich im Hintergrunde auf einer Estrade niedergelassen hatte, befahl Schweigen mit einer weithin dröhnenden Stimme, die Tarō sehr erschreckte. Alles wurde mäuschenstill, und der Lehrer begann zu sprechen. Tarō schien es, daß er furchtbar spreche. Er sagte nicht, daß die Schule ein angenehmer Ort sei, nein, er bedeutete den Schülern sehr nachdrücklich, daß es kein Ort zum Spielen sei, sondern ein Ort zu ernster Arbeit. Er sagte, das Lernen wäre eine gar mühevolle Arbeit, aber sie müßten trotz aller Schwierigkeiten und Anstrengung fleißig sein. Er erzählte ihnen von den Schulregeln, denen sie gehorchen müßten und von den Strafen für Ungehorsam und Unachtsamkeit. Als sie alle eingeschüchtert und still dasaßen, schlug er plötzlich einen andern Ton an und begann zu ihnen zu reden wie ein gütiger Vater, indem er ihnen versprach, sie zu lieben wie seine eigenen Kleinen. Dann erzählte er ihnen, wie die Schule auf den erhabenen Befehl Seiner Majestät des Kaisers erbaut worden sei, damit die Knaben und Mädchen kluge Männer und gute Frauen würden, und wie innig sie ihren Herrn und Kaiser lieben müßten und sich glücklich preisen, für ihn gegebenenfalls ihr Leben hinzugeben. Er sagte ihnen auch, wie sie ihre Eltern lieben müßten und wie hart es ihren Eltern ankomme, die Mittel aufzubringen, um sie in die Schule zu schicken, und wie sündhaft und un­dankbar es wäre, in den Schulstunden zu faulenzen. Dann begann er, jeden einzelnen beim Namen auf­zurufen und befragte sie über das, was er gesagt hatte. Tarō hatte nur einen Teil der Rede des Lehrers gehört. Sein kleines Hirn war fast ganz von der Tatsache beherrscht, daß alle Knaben und Mädchen ihn bei seinem Eintritt in das Schulzimmer angestarrt und ausgelacht hatten. Und all das Geheimnisvolle machte ihn so bange, daß er an sonst nichts denken konnte. Er war deshalb ganz un­vorbereitet, als der Lehrer seinen Namen aufrief und sagte:

»Uchida Tarō, was ist dir das Liebste auf der Welt?«

Tarō schreckte auf, erhob sich und antwortete aufrichtig: »Kuchen.«

Alle Knaben und Mädchen sahen ihn wieder an und kicherten, und der Lehrer sagte vorwurfs­voll:

»Uchida Tarō, hast du Kuchen lieber als deine Eltern? Hast du Kuchen lieber als deine Pflicht gegen Seine Majestät den Kaiser?«

Da wußte Tarō, daß er etwas sehr Arges begangen hatte; er wurde feuerrot. Alle Kinder lachten, und er brach in Tränen aus. Aber dies entfesselte noch mehr ihre Heiterkeit, und sie hörten nicht auf zu lachen, bis der Lehrer Ruhe gebot und an den nächsten Schüler eine ähnliche Frage richtete.

Tarō vergrub den Kopf in seinen Ärmel und schluchzte.

Die Glocke ertönte. Der Lehrer sagte den Kindern, in der nächsten Stunde würde ein anderer Lehrer mit ihnen den Schreibunterricht beginnen. Vorher sollten sie sich aber in den Hof begeben, um zu spielen. Dann verließ er das Zimmer, und die Knaben und Mädchen strömten hinaus in den Schulhof und nahmen von Tarō nicht die geringste Notiz. Das Kind wunderte sich mehr noch darüber, so übersehen zu werden, als es sich früher ver­wundert hatte, ein Gegenstand der allgemeinen Auf­merksamkeit zu sein. Bisher hatte niemand als der Lehrer ein einziges Wort an ihn gerichtet, und nun schien auch der Lehrer ihn vergessen zu haben. Er setzte sich wieder auf seine kleine Bank und weinte, bemühte sich aber, kein Geräusch zu machen, aus Furcht, die Kinder könnten wieder zurück­kommen und ihn auslachen.

Plötzlich fühlte er, wie sich eine Hand auf seine Schulter legte, ein süßes Stimmchen sprach zu ihm, und als er den Kopf wendete, blickte er in ein Paar so zärtliche Augen, wie er sie noch nie gesehen hatte, – die Augen eines kleinen Mädchens, das kaum ein Jahr älter sein mochte als er selbst.

»Was hast du?« fragte sie zärtlich.

Einige Augenblicke lang schluchzte und schnaubte Tarō hilflos, ehe er antworten konnte:

»Ich bin so bange hier, – ich möchte heim.«

»Warum?« fragte das Mädchen, ihn umschlingend.

»Sie können mich hier alle nicht leiden, nie­mand will mit mir sprechen oder spielen.«

»O nein, was fällt dir ein! Es ist ja nur, weil du noch fremd bist. Bei mir war es gerade so, als ich im vorigen Jahre zum erstenmal in die Schule kam, du darfst dir das nicht zu Herzen nehmen.«

»Aber alle anderen spielen, nur ich muß hier allein sitzen,« entgegnete Tarō.

»Nein, das mußt du nicht. Du sollst kommen und mit mir spielen. Ich will dein Spielkamerad sein. Komm.«

Da brach Tarō plötzlich in lautes Weinen aus. Selbstmitleid, Dankbarkeit und Freude über die un­verhofft gefundene Sympathie ließ sein kleines Herz überströmen, so daß er nicht anders konnte. Es tat so wohl, sich hätscheln zu lassen. Aber das Mädchen lachte bloß und zog ihn schnell aus dem Zimmer, weil sie mit ihrer kleinen mütterlichen Seele die Lage schnell erraten hatte.

»Natürlich kannst du weinen, wenn du willst, aber du mußt auch spielen.« Und o, wie herrlich spielten sie miteinander!

Aber als die Schule aus war und Tarōs Großvater kam, um ihn heimzuführen, fing Tarō wieder zu weinen an, weil er jetzt von seiner Spielge­fährtin Abschied nehmen mußte. Doch der Groß­vater lachte und rief:

»Ah, das ist ja die kleine Yoshi – Miyahara O-Yoshi! Sie kann ja mit uns kommen und eine Weile bei uns bleiben. Auf ihrem Heimweg muß sie ja ohnedies an unserem Haus vorbei.«

Daheim angelangt, verspeisten die neuen Spielgefährten zusammen den versprochenen Kuchen, und O-Yoshi, den Ernst des Lehrers schalkhaft nachahmend fragte:

»Uchida Tarō, hast du Kuchen lieber als mich


* * *


O-Yoshis Vater besaß einige benachbarte Reisfelder und hatte auch im Dorfe einen Laden inne. Ihre Mutter, eine Samurai, die zur Zeit der Abschaffung der Militärkaste in die Miya-hara-Familie adoptiert worden war, hatte mehrere Kinder geboren, von denen bloß O-Yoshi am Leben geblieben war. Im zarten Kindesalter verlor O-Yoshi ihre Mutter. Ihr Vater, obgleich schon alt, nahm eine andere Frau, die Tochter eines seiner eigenen Pächter, ein junges Mädchen mit Namen Ito O-Tama. Obgleich braun wie neues Kupfer, war O-Tama ein ungewöhnlich schönes Bauernmädchen, groß, stark und lebhaft doch die Wahl erregte Verwunderung, denn O-Tama konnte weder lesen noch schreiben. Die Verwunderung verwandelte sich in Spott, als man bemerkte, daß von dem Augenblick ihres Eintritts in das Haus ihres Gatten O-Tama darin unumschränkte Herr­schaft ausübte und behielt. Aber die Nachbarn hörten auf, über des Mannes Fügsamkeit zu lachen, als sie O-Tamas Art näher kennen lernten. Sie verstand sich auf ihres Mannes Vorteil besser als er selbst, nahm sich aller seiner Angelegenheiten an und führte alle seine Geschäfte mit solcher Umsicht, daß sein Einkommen sich in weniger als zwei Jahren fast verdoppelte. Offenbar hatte Miyahara eine Frau bekommen, die ihn reich machen würde. Als Stiefmutter benahm sie sich selbst nach der Geburt ihres ersten Knaben freundlich. O-Yoshi wurde gut behandelt und regelmäßig in die Schule geschickt.

Während die Kinder noch in die Schule gingen, fand ein langerwartetes bedeutungsvolles Ereignis statt. Seltsame große Männer – Fremde aus dem Westen mit rotem Haar und Bart – kamen mit einer großen Schar japanischer Arbeiter hinab in das Tal und legten eine Eisenbahn an. Sie wurde längs des Fußes der niedrigen Hügelreihe geführt über die Reisfelder an den Maulbeerbaumhainen vorbei bis zum Eingang des Dorfes, und fast im Winkel, wo sie die alte, zum Tempel der Kwannon führende Straße überschritt, wurde ein kleines Sta­tionsgebäude errichtet. Der Name des Dorfes stand in chinesischen Schriftzeichen auf einer Tafel ge­malt. Dann pflanzte man parallel mit den Schienen Telegraphenstangen auf, und dann kamen Züge, pfiffen und blieben stehen und sausten fort und rüttelten fast die alten Buddhas auf dem Friedhof von ihren Steinen und Lotosblumen herunter.

Die Kinder staunten über die seltsamen, aschebestreuten Geleise, die sich nordwärts und südwärts geheimnisvoll hindehnten, und sie waren schreckens­starr über die Züge, die keuchend und qualmend daherkamen wie sturmschnaubehde Drachen und den Boden erzittern ließen. Aber die Furcht wurde von einem seltsamen Interesse abgelöst, einem Interesse, das sich durch die Erklärungen eines ihrer Lehrer erhöhte, der ihnen auf der Tafel mit Kreide demonstrierte, wie eine Lokomotive gemacht werde, ihnen die noch wunderbarere Einrichtung des Tele­graphen auseinandersetzte und ihnen erzählte, wie die neue östliche Hauptstadt mit der heiligen Hauptstadt Kyōto durch Schienen und Draht ver­bunden werden sollte, so daß die Reise von einer Hauptstadt zur andern weniger als zwei Tage dauern und man eine Botschaft von einer zur an­deren in wenigen Sekunden senden würde.

Tarō und O-Yoshi wurden sehr gute Freunde. Sie lernten zusammen, spielten zusammen und besuchten einander. Aber in ihrem elften Jahre wurde O-Yoshi aus der Schule genommen, um ihrer Stief­mutter im Haushalte beizustehen, und fortan sah Tarō sie nur selten. Tarōs eigene Schulzeit endete mit seinem vierzehnten Jahre, dann trat er in das Geschäft seines Vaters als Lehrling ein. Kümmer­nisse kamen. Seine Mutter starb, nachdem sie einem kleinen Brüderchen das Leben gegeben, und in demselben Jahre folgte ihr der alte gütige Groß­vater, der ihn das erstemal zur Schule gebracht hatte, – und darnach erschien ihm die Welt lange nicht mehr so hell wie zuvor. Nun trat keine Ver­änderung in seinem Leben ein, bis er sein sieben­zehntes Jahr erreichte. Ab und zu pflegte er das Haus der Miyahara aufzusuchen, um mit O-Yoshi zu sprechen. Sie war nun zu einem schlanken schönen Mädchen herangewachsen, aber für ihn war sie nur die heitere Spielkameradin früherer, glücklicherer Tage.

An einem schönen Frühlingstage fühlte sich Tarō sehr einsam und er dachte, wie hübsch es wäre, O-Yoshi zu sehen. Wahrscheinlich haftete in seiner Erinnerung ein unbewußter Zusammenhang zwischen dem Gefühl der Einsamkeit im allgemeinen und der besonderen Erfahrung seines ersten Schul­tages. Wie dem auch sei, etwas in ihm, vielleicht etwas, was die Liebe einer toten Mutter gewirkt hatte, oder vielleicht etwas, was von anderen Toten herrührte, verlangte nach ein wenig Zärtlichkeit. Und er war gewiß, diese Zärtlichkeit von O-Yoshi zu empfangen. Er schlug also den Weg zu dem kleinen Laden ein. Als er sich ihm näherte, hörte er sie lachen, und es klang wunderbar süß. Dann sah er, wie sie einen alten Bauer bediente, der sehr vergnügt zu sein schien und mit ihr geschwätzig plauderte. Tarō mußte warten und war enttäuscht, daß er O-Yoshis Gesellschaft nicht ganz für sich haben konnte. Aber es machte ihn schon ein wenig froh, in ihrer Nähe zu sein. Er verwendete kein Auge von ihr, und plötzlich begann er sich zu wundern, warum er nie früher daran gedacht hatte, wie hübsch O-Yoshi sei. Ja, sie war wirklich hübsch, hübscher als irgend ein Mädchen im Dorfe. Und wie er so staunend in ihren Anblick verloren dastand, schien sie immer schöner und schöner zu werden. Es war sehr seltsam, – er konnte es nicht fassen, aber O-Yoshi schien zum erstenmal unter diesen ernsten Blicken verlegen zu werden und errötete bis in ihre kleinen Ohrläppchen. Da stand es bei Tarō fest, daß sie schöner und besser und lieblicher sei als irgend jemand in der ganzen weiten Welt. Und er sehnte sich darnach, es ihr zu sagen. Und plötzlich grollte er dem alten Bauer, weil er so viel zu O-Yoshi sprach, als wäre sie nur ein ganz ge­wöhnliches Wesen. In wenigen Minuten hatte sich die Welt für Tarō ganz verwandelt, und er wußte es nicht. Nur das wußte er, daß, seitdem er O-Yoshi zum letztenmal gesehen, sie göttlich geworden war. Sobald die Gelegenheit sich fügte, eröffnete er ihr sein ganzes törichtes Herz und sie ihm das ihre, und sie wunderten sich, daß ihre Gedanken sich so glichen, – und dies war der Beginn von großem Ungemach.


* * *


Der alte Bauer, den Tarō damals mit O-Yoshi sprechen sah, war nicht bloß als Kunde in den Laden gekommen. Neben seiner eigentlichen Be­schäftigung war er ein professioneller Nakōdo, Hei­ratsvermittler, und jetzt eben bemühte er sich im Interesse eines reichen Reishändlers Okazaki Yaïchirō. Dieser hatte O-Yoshi gesehen, sie hatte sein Wohl­gefallen erregt, und er hatte den Nakōdo beauf­tragt, alles über sie und ihre Verhältnisse in Er­fahrung zu bringen.

Okazaki Yaïchirō war bei den Bauern des Dorfes, ja selbst bei seinen allernächsten Nach­barn sehr verhaßt. Er stand in vorgerückten Jahren, hatte grobe, knöcherne Gesichtszüge, eine barsche Art und galt als böswillig. Man wußte, daß er eine Hungersnot zu erfolgreichen Reisspekulationen für seinen eigenen Vorteil ausgebeutet hatte, was bei den Bauern als ein unverzeihliches Verbrechen gilt. Er war kein Eingeborener des Ken, noch in irgend einer Weise mit seinen Insassen verwandt, sondern vor achtzehn Jahren mit seiner Gattin und seinem einzigen Kinde aus irgend einem westlichen Distrikt eingewandert. Seine Frau war vor zwei Jahren gestorben und sein einziger Sohn, den er grausam behandelt hatte, verließ plötzlich das väterliche Haus und blieb verschollen.

Noch andere schlimme Dinge sagte man ihm nach, – so daß in seiner westlichen Heimat ein wütender Volkshaufe sein Haus und seine Magazine eingeäschert hatte und er nur durch die Flucht sein Leben hatte retten können, und daß er an seinem Hochzeitsabend gezwungen worden war, dem Gotte Jizō ein Bankett zu geben. In manchen Provinzen ist es noch heute üblich, bei Hochzeiten sehr unbeliebter Personen dem Bräutigam ein Jizōfestessen abzuzwingen. Eine Schar stämmiger junger Männer, die sich von irgend einer Straßen­ecke oder einem benachbarten Friedhof eines stei­nernen Jizōbildes bemächtigt haben, dringen mit dem Bilde der Gottheit gewaltsam ins Haus, ge­folgt von einer großen Menschenmenge. Sie stellen die Statue in dem Gastzimmer auf und verlangen, daß ihr alsogleich reichliche Gaben an Speise und Saké dargebracht werden. Dies bedeutet natürlich ein reiches Festmahl für sie selbst, und es ist mehr als gefährlich, ihnen nicht zu willfahren. All den ungebetenen Gästen muß aufgetischt werden, bis sie nicht mehr essen und trinken können. Der Zwang, ein solches Fest geben zu müssen bedeutet nicht nur eine öffentliche Mißbilligung, sondern auch eine dauernde Schmach.

In seinem vorgerückten Alter wollte sich Okazaki den Luxus einer jungen Frau gönnen, mußte aber ungesäumt erkennen, daß dies trotz seiner Wohlhabenheit schwerer zu erreichen war, als er sich vorgestellt hatte. Verschiedene Familien waren seiner Bewerbung durch unmögliche Bedingungen ausgewichen. Der Dorfvorsteher hatte weniger höflich geantwortet, daß er seine Tochter eher einem Oni (Dämon) geben würde, als dem Reishändler, und dieser wäre wohl gezwungen gewesen, sich in einer anderen Provinz nach einer Gattin umzu­sehen, wäre nach diesen Abweisungen nicht zufällig sein Auge auf O-Yoshi gefallen. Das Mädchen erregte sein lebhaftes Wohlgefallen, und er glaubte sie durch bestimmte Anerbietungen an ihre Familie, die er für arm hielt, erlangen zu können. Er ver­suchte deshalb, durch den Nakōdo Verhandlungen mit der Miyahara-Familie anzuknüpfen.

O-Yoshis Stiefmutter, obgleich ganz ungebildet, war nichts weniger als eine einfältige Frau. Sie hatte ihre Stieftochter nie geliebt, war aber viel zu klug, um ohne Grund grausam gegen sie zu sein. Überdies stand ihr ja O-Yoshi nicht im Wege. Sie war eine fleißige Arbeiterin, im Hause gut ver­wendbar, gehorsam und gutmütig. Aber derselbe kühle Scharfblick, der O-Yoshis Vorzüge richtig er­kannte, wußte auch ihren Wert auf dem Heirats­markt gut abzuschätzen. Okazaki ließ sich nicht träumen, daß er es mit einem Partner zu tun haben würde, der ihm an Schlauheit weit überlegen war.

O-Tama wußte viel von seiner Lebensgeschichte, sie kannte den Umfang seines Reichtums, hatte von seinen vergeblichen Bewerbungen bei den verschie­denen Familien inner- und außerhalb des Dorfes gehört. Sie glaubte, O-Yoshis Schönheit könnte eine wirkliche Leidenschaft entfesselt haben, und wußte sehr wohl, daß in den meisten Fällen aus der Leidenschaft eines alten Mannes Vorteil gezogen werden könne. O-Yoshi war, wenn auch keine ausgesprochene Schönheit, wirklich ein sehr hüb­sches und anmutiges Mädchen von sehr gewin­nendem Wesen, und nach einer solchen Frau hätte Okazaki weit und breit suchen müssen. Weigerte er sich, den verlangten Preis zu zahlen, so wußte O-Tama klügere und jüngere Männer, die bereit sein würden, es zu tun. Okazaki sollte O-Yoshi nicht so leichten Kaufes haben. Nach der ersten Ab­weisung würde ihn sein Benehmen schon verraten. Zeigte er ernste Verliebtheit, so konnte man ihm mehr abringen, als andere Einheimische zu leisten imstande waren. Es handelte sich deshalb darum, den Grad seiner Neigung zu erproben und in­zwischen die ganze Angelegenheit vor O-Yoshi ge­heim zu halten. Da der Ruf des Nakōdo auf seiner Verschwiegenheit basiert, brauchte man nicht zu fürchten, daß er das Geheimnis verraten würde.

Der Verhaltungsplan der Miyaharafamilie wurde in einer Beratung zwischen O-Yoshis Vater und ihrer Stiefmutter festgesetzt Der alte Miyahara hätte in keinem Falle gewagt, sich den Absichten seiner Frau zu widersetzen, aber sie war so vorsichtig, ihn von vorneherein zu überzeugen, daß eine solche Heirat im eigensten Interesse seiner Tochter sei. Sie besprach mit ihm die möglichen finanziellen Vorteile der Verbindung. Allerdings waren allerlei ungünstige Möglichkeiten nicht ausgeschlossen, aber man konnte ihnen vorbeugen, indem man Okazaki dazu bestimmte, im vorhinein Schenkungen zu machen. Dann lernte sie ihrem Gatten seine Rolle ein. Während der schwebenden Verhandlungen sollten Tarōs Besuche ermutigt werden. Die Liebe der beiden sei ein bloßes Spinngewebe von Ge­fühlen, das man im gegebenen Moment fortblasen könnte, und inzwischen ließe sich Vorteil daraus ziehen. Erführe Okazaki von dem jungen Rivalen, würde ihn dies sicherlich zu wünschenswerten Konzessionen bestimmen. Als demnach Tarōs Vater im Namen seines Sohnes zum ersten Male um O-Yoshi anhielt, wurde die Bewerbung weder angenommen noch abgewiesen. Der einzige Einwand, den man geltend machte, war, daß O-Yoshi um ein Jahr älter sei als Tarō, und daß eine solche Heirat gegen das Herkommen verstoße, was sich wirklich so ver­hielt. Aber dieser Einwand war kein stichhaltiger, vielmehr hatte man ihn eben wegen seiner offensichtlichen Belanglosigkeit gewählt.

Gleichzeitig wurden Okazakis Eröffnungen in einer Weise entgegengenommen, die den Eindruck machen sollte, daß ihre Aufrichtigkeit bezweifelt werde. Die Miyaharas wollten den Nakōdo gar nicht verstehen, seine deutlichsten Versicherungen begegneten tauben Ohren, bis Okazaki es für ge­raten ansah, einen, wie er meinte, lockenden Vor­schlag zu machen. Nun sagte der alte Miyahara, daß er die ganze Angelegenheit der Entscheidung seiner Frau anheimgebe.

O-Tama beschloß, den Antrag kurzerhand mit allen Zeichen verächtlichen Erstaunens abzuweisen. Sie sagte unangenehme Dinge – da sei einmal ein Mann gewesen, der eine schöne Frau billig erstehen wollte. Endlich fand er eine solche, die behauptete, täglich nur zwei Körner Reis zu essen. Er heiratete sie also, und alltäglich nahm sie nur zwei Körner Reis in den Mund, und er pries sich glücklich. Aber eines Abends, als er von einer Reise heimkehrte, beobachtete er sie insgeheim durch ein Loch im Dach und sah zu seinem Er­staunen, wie sie ganze Berge von Reis und Fisch verschlang, indem sie alle Speisen in ein Loch, das sich auf der Spitze ihres Kopfes unter dem Haar befand, verschwinden ließ. Da erkannte er, daß er die Yama-omba geheiratet hatte.

Einen Monat lang wartete O-Tama auf das Resultat ihrer Abweisung, wartete sehr zuversichtlich, wohl wissend, wie der eingebildete Wert einer gewünschten Sache durch die Schwierigkeit, sie zu erlangen, gesteigert wird. Und wie sie kal­kuliert hatte, erschien der Nakōdo richtig wieder. Dieses Mal behandelte er die Sache weniger oben­hin, fügte seinen ersten Anerbietungen andere hinzu, ja verstieg sich sogar zu verlockenden Verheißungen. Da wußte sie, daß sie Okazakis sicher sei. Ihr Kriegsplan war nicht kompliziert, aber er fußte auf einer tiefen Kenntnis der häßlichen Seiten der menschlichen Natur, und sie war ihres Erfolges gewiß. Versprechungen wären für Toren, gesetzliche Kontrakte mit Vorbehalten Fußfallen für Gimpel, – Okazaki müßte sich dazu verstehen, einen beträchtlichen Teil seines Vermögens zu verschreiben, ehe er O-Yoshi bekommen sollte.


* * *


Tarōs Vater, der die Verbindung O-Yoshis mit seinem Sohne ernstlich wünschte, hatte versucht, die Sache in der üblichen Weise zustande zu bringen. Er war erstaunt, von der Miyaharafamilie keinen bestimmten Bescheid erlangen zu können. Er war ein argloser, schlichter Mann, besaß aber die Intuition feinfühliger Naturen, und die ungewöhnlich einschmeichelnde Art O-Tamas, die ihm immer zu­wider gewesen war, ließ ihn ahnen, daß er nichts zu hoffen habe. Es schien ihm das Beste, Tarō seinen Verdacht mitzuteilen, was zur Folge hatte, daß der arme Junge vor Aufregung in ein Fieber verfiel. Aber O-Yoshis Stiefmutter war es nicht darum zu tun, Tarō in einem so frühen Stadium ihres An­schlages verzweifeln zu lassen. Sie schickte während seiner Krankheit mehrere freundlich abgefaßte Bot­schaften in sein Haus, auch einen Brief O-Yoshis, der seine Hoffnungen wieder neu belebte. Nach seiner Wiederherstellung wurde er von den Miyaharas liebenswürdig empfangen, man gestattete ihm, mit O-Yoshi im Laden zu sprechen, – aber über seines Vaters Besuch schwieg man.

Die Liebenden hatten auch öfters Gelegenheit, in dem Hof des Ujigami zusammenzutreffen, wohin O-Yoshi häufig das jüngste Kindchen ihrer Stiefmutter hinauszutragen pflegte. Dort konnten sie in dem Gedränge der Kindermädchen, Kinder und jungen Matter ein paar Worte miteinander wechseln, ohne sich unliebsamer Nachrede auszusetzen. Einen Monat lang hatten sie sich so ihren Hoffnungen hingegeben, als O-Tama in einschmeichelnder Weise Tarōs Vater ein ganz unmögliches, pekuniäres Ab­kommen vorschlug. Sie hatte einen Zipfel ihrer Maske gelüftet, weil Okazaki in dem Netze, das sie über ihn ausgespannt, hilflos zappelte, und sie aus der Heftigkeit seiner Bewegungen schloß, daß das Ende nicht fern sein könne. Noch wußte O-Yoshi nicht, was vorging, aber sie hatte Grund, zu fürchten, daß man sie Tarō nie zur Gattin geben würde, – und sie wurde bleicher und bleicher.

Eines Morgens nahm Tarō sein kleines Brüderchen mit in den Tempelhof, in der Hoffnung, Ge­legenheit zu finden, mit O-Yoshi zu plaudern. Sie trafen sich auch wirklich, und er erzählte ihr, wie bange ihm sei. Er hatte entdeckt, daß ein kleines hölzernes Amulett, das ihm seine Mutter, als er ein Kind war, um den Hals gelegt hatte, in seiner Seidenhülle gebrochen sei.

»Das ist kein böses Omen,« sagte O-Yoshi, »das ist nur ein Beweis, daß die erhabenen Götter dich verschont haben. In dem Dorfe hat Krankheit gewütet, auch du warst dem Fieber verfallen, hast es aber überstanden. Der heilige Zauber hat dich behütet – deshalb ist er zerbrochen. Sage es heut dem Kannushi, er wird dir einen anderen geben.«

Weil sie sehr unglücklich waren und nie jemand etwas zuleide getan hatten, begannen sie über die Gerechtigkeit der Welt zu grübeln.

Tarō sagte:

»Vielleicht haben wir uns in einem früheren Leben gehaßt. Vielleicht war ich gegen dich lieblos, oder du gegen mich, und dies ist unsere Strafe, – so sagen die Priester.«

Mit einem leisen Anflug ihrer früheren Schel­merei antwortete O-Yoshi:

»Damals war ich ein Mann und du eine Frau. Ich habe dich sehr geliebt, aber du warst sehr grausam gegen mich, – ich erinnere mich sehr wohl daran.«

»Du bist kein Bosatsu,« sagte Tarō trotz seines Kummers lächelnd. »Du kannst dich also an nichts erinnern. Erst in dem zehnten Stadium des Bosatsu fangen wir an, uns zu erinnern.«

»Woher weißt du denn, daß ich kein Bosatsu bin?«

»Du bist ein Weib. Ein Weib kann kein Bo­satsu sein.«

»Aber ist nicht Kwan-ze-on Bosatsu ein Weib?« »Ja, das ist wahr, aber ein Bosatsu kann nichts lieben außer dem Kyō (den heiligen Büchern).« »Hatte nicht Shaka eine Frau und einen Sohn? – Liebte er sie nicht?«

»Ja, aber du weißt, daß er sie verlassen mußte.«

»Das war sehr schlecht, wenn es auch Shaka tat. Aber ich glaube alle diese Geschichten nicht. Und würdest du von mir gehen, wenn du mich be­kommen könntest?«

So sprachen und plauderten sie, ja, lachten bisweilen. Es war so schön, beisammen zu sein, – aber plötzlich wurde das Mädchen wieder ernst und sagte:

»Höre! Vergangene Nacht hatte ich einen Traum. Ich sah einen seltsamen Fluß und das Meer. Ich stand an dem Fluß, ganz nahe der Stelle, wo er sich ins Meer ergoß. Und ich war so ängstlich, – so ängstlich, und wußte nicht warum. Da blickte ich auf und sah, daß in dem Fluß kein Wasser war, kein Wasser in dem Meere, nur Knochen der Buddhas. Aber sie wogten alle wie Wasser.

Dann schien es mir wieder, ich sei daheim, und du gabst mir einen wunderschönen Seidenstoff zu einem Kimono, und man hatte ihn angefertigt. Und ich legte ihn an und war ganz verwundert, weil er zuerst in vielen Farben geschillert hatte, aber nun ganz weiß schien, – und ich hatte ihn törichter­weise nach links umgeschlagen, wie die Toten­gewänder gerafft werden. Dann begab ich mich in die Häuser aller meiner Verwandten, ihnen Lebe­wohl zu sagen, und ich sagte ihnen, ich ginge zum Meido, und sie fragten mich alle, warum, und ich konnte nicht antworten.«

»Das ist gut,« sagte Tarō, »es bedeutet Glück, von den Toten zu träumen. Vielleicht ist es ein Omen, daß wir bald Mann und Frau werden.«

Diesmal blieb das Mädchen stumm und lächelte nicht. Tarō schwieg einen Augenblick, dann fügte er hinzu:

»Wenn du aber glaubst, daß es kein guter Traum ist, O-Yoshi, dann flüstere ihn dem Nantenbaum im Garten zu, und er wird sich nicht bewahrheiten.«

Aber am Abend desselben Tages erhielt Taros Vater die Nachricht, daß O-Yoshi die Frau Okazakis werden solle.


* * *


O-Tama war wirklich eine sehr kluge Frau und hatte sich selten verrechnet. Sie gehörte zu jenen ausgezeichnet organisierten Wesen, die durch die vollkommene Selbstverständlichkeit, mit der sie untergeordnete Naturen zu ihrem Vorteil ausnützen, im Leben Erfolg haben. In ihrem ungebildeten Hirn war die ganze Erfahrung ihrer bäuerlichen Ahnen an Geduld, Schlauheit, praktischer Perzeption, schnellem Vorausblick, strenger Ökonomie zu einem vollkommenen Mechanismus konzentriert. Dieser Mechanismus funktionierte tadellos in der Umgebung, aus der er hervorgegangen, und ange­wandt auf das besondere Menschenmaterial – die Bauernnatur – dessen Behandlung er sich ange­paßt hatte. Aber hier handelte es sich um eine andere Natur, die O-Tama weit weniger begriff, weil in ihrer anzestralen Erfahrung kein Schlüssel dafür vorhanden war. Die feinen Distinktionen zwischen Samurai und Heimin fanden bei ihr weder Glauben noch Verständnis. In ihren Augen hatte es zwischen der militärischen und der ackerbautrei­benden Klasse niemals Unterschiede gegeben, es sei denn solche Rangunterschiede, wie sie Gesetze und Sitten herbeigeführt hatten; und diese waren schlecht. Gesetz und Sitten, dachte sie, hatten dazu geführt, die frühere Samuraiklasse mehr oder weniger hilflos und töricht zu machen, und insgeheim verachtete sie alle Shizoku. Sie hatte ge­sehen, wie sie durch ihre Unfähigkeit zu harter Arbeit und ihren absoluten Mangel an praktischem Geschäftssinn von Reichtum in Not und Elend gerieten, hatte gesehen, wie ihnen die von der Regierung gewährten Pensionen durch schlaue Spe­kulanten der niedersten Klasse entrissen wurden. Sie verachtete Schwäche, verachtete Unfähigkeit, und ihr dünkte ein herumziehender Gemüseverkäufer einem Shizoku weit überlegen, der in seinem Greisenalter Hilfe bei jenen erbitten mußte, die vormals bei seinem Anblick ihre Fußbekleidung ab­legten und sich tief zur Erde neigten. In ihren Augen war es kein Vorteil für O-Yoshi, eine Samurai zur Mutter gehabt zu haben. Sie führte des Mädchens Zartheit auf diese Abstammung zurück, die sie als Unglück ansah. Soweit dies für jemand möglich war, der nicht selbst durch Geburt den obern Ständen angehörte, hatte sie in dem Charakter O-Yoshis klar gelesen; so hatte sie erkannt, daß dem Kinde durch nutzlose Härte nichts abzu­ringen sei – und diese Eigenschaft war ihr nicht unsympathisch. Aber O-Yoshi hatte noch andere Charakterzüge, über die sich ihre Stiefmutter nie klar geworden war – eine tiefe, aber gut beherrschte Sensibilität gegen moralisches Unrecht, eine uner­schütterliche Selbstachtung und eine latente Willens­kraft, die über jeden physischen Schmerz siegen konnte. Und so kam es, daß die Art und Weise, wie O-Yoshi die Mitteilung, daß sie die Gattin Okazakis werden sollte, entgegennahm, ihre Stiefmutter irre­führte, die darauf gefaßt war, bei ihr auf offenen Widerstand zu stoßen.

Sie irrte sich. Zuerst wurde das Mädchen bleich wie der Tod. Aber im nächsten Augenblick schon errötete sie, lächelte, verneigte sich und enttäuschte O-Tama aufs angenehmste, indem sie in der förm­lichen Sprache der kindlichen Pietät ihre Bereit­willigkeit ausdruckte, sich in allen Dingen dem Willen ihrer Eltern zu fügen. Ihr ferneres Benehmen verriet keinerlei Zeichen auch nur einer geheimen Kränkung, und O-Tama war so froh, daß sie sie ins Vertrauen zog, ihr einiges aus der Komödie der Ver­handlungen enthüllte, und das ganze Ausmaß der Opfer, zu denen Okazaki gezwungen worden war. An die abgedroschenen Trostesworte, wie man sie einem jungen Mädchen bietet, das ohne seine Zu­stimmung einem alten Manne angetraut wird, schloß O-Tama einige wirklich unschätzbare Ratschläge über das künftige Verhalten ihrer Stieftochter gegen Okazaki, – Tarōs Name wurde kein einziges Mal erwähnt. Für den Rat dankte O-Yoshi ihrer Stiefmutter pflichtschuldigst mit anmutiger Verneigung. Es waren wirklich ausgezeichnete Ratschläge, und sicherlich hätte fast jedes Bauernmädchen, von einem Lehrmeister wie O-Tama unterwiesen, das Dasein mit Okazaki ertragen können. Aber O-Yoshi war nur halb ein Bauernmädchen. Ihre Todes­blässe bei der Eröffnung ihres Schicksals und das darauffolgende Erglühen wurden von zwei Empfin­dungen hervorgerufen, von denen O-Tama weit entfernt war, sich eine Vorstellung machen zu können. Beide repräsentierten einen weit komplizierteren und rascheren Denkprozeß, als er sich in O-Tamas be­rechnendem Hirn jemals vollzogen hatte. Zuerst ein lähmendes Entsetzen bei der Erkenntnis der vollkommenen moralischen Fühllosigkeit ihrer Mutter, der absoluten Hoffnungslosigkeit einer Auflehnung, des tatsächlichen Verkaufes ihrer Person an jenen verhaßten Greis, aus dem einzigen Grunde un­nützen Gewinns, der Grausamkeit und Schmach dieses Handels. Aber fast ebenso schnell durch­blitzte sie das Bewußtsein der Notwendigkeit des Mutes und der Kraft, dem Äußersten zu begegnen, und der Verstellung, um die Arglist irrezuführen. Da lächelte sie, und während sie lächelte, wurde ihr junger Wille zu Stahl, von der Art, die Eisen spaltet, ohne sich zu biegen. Plötzlich stand es klar vor ihr, was sie zu tun hatte, – ihr Samuraiblut sagte es ihr, und sie besann sich nur, um Zeit und Gelegenheit zu finden. Schon fühlte sie sich ihres Triumphes so sicher, daß sie sich sehr zusammennehmen mußte, um nicht laut aufzu­lachen. Der Glanz in ihren Augen führte O-Tama nur irre, O-Tama, die darin nur einen Ausdruck der Befriedigung sah, hervorgerufen durch die Er­kenntnis, welche Vorteile eine so reiche Heirat ihr bringen würde.

Es war der fünfzehnte Tag des neunten Monats und die Hochzeit sollte am sechsten des zehnten Monats gefeiert werden. Aber drei Tage später fand O-Tama, als sie beim Morgengrauen aufstand, daß ihre Stieftochter sich während der Nacht geflüchtet haben mußte. Tarō Uchida war von seinem Vater seit dem vorhergehenden Nachmittag nicht gesehen worden. Doch einige Stunden später kamen Briefe von beiden Vermißten.


* * *


Der Frühzug von Kyōto war eingefahren; in der kleinen Station herrschte hastiges Treiben und Lärmen, – Getageklapper, Stimmengewirr und langgezogene Rufe der Dorfknaben, die Kuchen und Erfrischungen feilboten. Nur wenige Minuten, ein scharfer Pfiff, – und das Getageklapper, das Zuschlagen der Coupétüren und die Rufe der Knaben verstummen. Der Zug setzt sich pfauchend, in Bewegung, rasselt dampfend und schnau­bend langsam nordwärts, und die kleine Station ist wieder still. Der beim Eingang postierte dienst­habende Schutzmann schließt die Gittertüre und be­ginnt auf dem kiesbestreuten Bahnsteig auf und ab zu schreiten und läßt seine wachsamen Augen über die lautlosen Reisfelder schweifen.

Der Herbst war gekommen, – die Zeit des großen Lichts. Der Sonnenglanz war plötzlich weißer geworden, die Schatten schärfer, und alle Umrißlinien klar wie die Ränder zersplitterter Glas­scherben. Auf allen kahlen Stellen des schwarzen vulkanischen Bodens hatten sich die vom Sonnen­brand ausgedörrten Moosflecke wieder in Streifen und Bändern leuchtenden weichen Grüns erneuert. Von jeder Föhrengruppe vibrierte der schrille Ruf der Tsuku-tsuku-bōshi. Und über all den kleinen Gräben und Rinnen huschten und spielten schillernde Zickzackblitze von Perlmutter, Rosenrot und Stahl­blau, – hin- und herflirrende Libellen.

Vielleicht war es die ungewöhnliche Klarheit der Morgenluft, die den Schutzmann weit draußen nordwärts am Schienengeleise etwas wahrnehmen ließ, das ihn befremdete. Er beschattete die Augen mit der Hand und sah auf die Uhr. Man kann im allgemeinen sagen, daß dem scharfen Auge eines japanischen Schutzmannes ebenso wie dem Auge der in der Luft regungslos hängenden Gabelweihe selten etwas Ungewöhnliches entgeht, das sich in seiner Sehweite abspielt. Ich erinnere mich, daß ich einmal in dem weltfernen Oki, um einen Straßenmaskentanz ungesehen beobachten zu können, ein kleines Loch in mein Shōji bohrte und auf das Schauspiel hinunterlugte. Die Straße hinab trabte ein Schutz­mann in schneeiger Uniform und Mantel, denn es war Mittsommer. Wie er sich so fortbewegte, ohne auch nur den Kopf nach rechts oder links zu wenden, schien er kaum die Tänzer oder die Menge zu sehen, an der er vorbeikam. Aber plötzlich machte er vor dem Hause Halt und heftete seinen Blick gerade auf das Loch in meinem Shōji, – denn an diesem Loch hatte er ein Auge erspäht, das er nach seiner Form als ein fremdes Auge erkannte. Er trat in das Gasthaus und erkundigte sich nach meinem Paß, der schon revidiert worden war.

Was der Schutzmann bei der Dorfstation beobachtet hatte und worüber er später berichtete, war, daß etwa eine halbe Meile nördlich von der Station zwei Personen durch Überschreitung der Reisfelder an das Bahngeleise gelangt waren, offenbar, nachdem sie einen Bauernhof im Nord­westen des Dorfes verlassen hatten. Eine von ihnen, eine Frau, mußte nach der Farbe ihres Kleides und Gürtels sehr jung sein. Der Frühzug von Tōkyō sollte in wenigen Minuten einlaufen, und sein nahender Rauch konnte schon von der Bahnhofshalle wahrgenommen werden. Die beiden Personen be­gannen den Schienen entlang, auf denen der Zug kommen sollte, zu laufen. Sie verschwanden um eine Biegung.

Jene zwei Personen waren Tarō und O-Yoshi. Sie liefen pfeilschnell, teils um der Aufmerksamkeit des Schutzmannes zu entgehen, teils, um dem kommenden Zug so weit als möglich von der Station entfernt zu begegnen. Aber nachdem sie die Biegung passiert hatten, hielten sie in ihrem Laufe inne und schritten langsamer weiter. Denn nun sahen sie den Rauch schon herankommen. So­bald sie den Zug selbst unterscheiden konnten, traten sie von den Schienen zurück, um den Maschi­nisten nicht zu alarmieren, und warteten Hand in Hand. In der nächsten Minute schlug das dumpfe Getöse an ihr Ohr, und sie wußten, daß nun der Moment gekommen war. Sie betraten das Geleise und legten sich, Wange an Wange geschmiegt, sehr schnell gerade zwischen die Schienen, die unter dem heran­nahenden Druck schon wie ein Amboß vibrierten.

Der Jüngling lächelte, das Mädchen, ihre Arme um ihn schlingend, flüsterte ihm zu:

»Für die Zeit von zwei und drei Leben bin ich deine Gattin, bist du mein Gatte, Tarō-Sama.«

Tarō schwieg, weil trotz der ungeheuersten Bemühung, den Zug ohne Vakuumbremse auf eine Distanz von kaum mehr als hundert Ellen zum Stillstand zu bringen, die Räder fast in demselben Augenblick über die beiden wegsausten, sie wie mit einer ungeheuren Schere durchschneidend.


* * *

Die Landleute stellen jetzt blumengefüllte Bambusvasen auf den Grabstein, unter dem das ver­einigte Liebespaar ruht, verbrennen Weihrauch und sprechen Gebete. Dies ist gar nicht orthodox, denn der Buddhismus verbietet das Jōshi, und dies ist ein buddhistischer Friedhof; aber es liegt Religion darin, und zwar eine Religion, die tiefe Achtung verdient. Du fragst, warum und wie die Menschen zu diesen Toten beten. Nicht alle beten zu ihnen, aber Liebende tun es, insbesondere unglücklich Liebende. Die anderen schmücken nur die Grabstätte und sprechen fromme Texte. Aber Liebende flehen dort um himmlische Teilnahme und Hilfe. Auch ich mußte nach dem Grunde fragen und erhielt die schlichte Antwort: »Weil die Toten so viel leiden mußten.«

So daß die Idee, die solche Gebete inspiriert, weit älter und zugleich weit moderner zu sein scheint als der Buddhismus, – die Idee der ewigen Religion des Leidens.

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