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Lafcadio Hearn – Kimiko - Die Geschichte einer Geisha

Essay.

aus: Lafcadio Hearn, Kokoro, Übertragen von Berta Franzos, Literarische Anstalt Rütten & Loening, Frankfurt am Main, 1907, S. 266ff.

Ihr Name steht auf einer Papierlaterne beim Eingang eines Hauses in der Geishastraße. Bei Nacht gesehen, ist diese Straße eine der seltsamsten in der Welt. Sie ist eng wie ein schmaler Gang, und das dunkelglänzende Holzwerk der fest verschlossenen Hausfassaden, die alle kleine ver­schiebbare Türen haben mit Papierscheiben, die wie gepreßtes Glas aussehen, erinnern an Schiffskabinen erster Klasse. Obwohl die Gebäude mehrere Stockwerke haben, wird man sie zuerst gar nicht gewahr, insbesondere wenn der Mond nicht scheint; denn nur die Erdgeschoßwohnungen sind bis hinauf zu den ausgespannten Markisen erleuchtet, alles übrige ist dunkel, das Licht strahlt aus Lampen hinter den Papierscheiben der schmalen Türen und aus Laternen, die an der Außenseite des Hauses hängen, eine an jeder Tür. Man blickt die Straße entlang zwischen zwei Reihen solcher Laternen, die in weiter Ferne zu einer unbeweglichen gelben Lichtmasse zusammenlaufen. Einige der Laternen sind eiförmig, einige zylindrisch, andere wieder vier- oder sechs­eckig, und alle sind sie mit japanischen Inschriften in schönen Ideogrammen geschmückt.

Die Straße ist sehr still, — still wie eine Ausstellung nach Schluß der Besuchsstunde. Der Grund dieser Stille ist die Abwesenheit der Hausinsassen, die meistenteils bei Banketten und anderen Fest­vorstellungen beschäftigt sind, denn ihr Leben ist ausschließlich ein Nachtleben.

Die Inschrift auf der ersten Laterne links, wenn man in südlicher Richtung geht, ist: »Kinoya: uchj O — Kata«; und es bedeutet das goldene Haus, wo Okata wohnt. Die Laterne zur Rechten erzählt vom Hause Nishimuras, einem Mädchen Myutsuru, welcher Name »Der prächtige Storch« bedeutet. Das nächste Haus links ist das Haus der Kajita, und da wohnen Kohana, die Blumenknospe, und Hinako, deren Antlitz so hübsch ist, wie das einer Puppe. Gegenüber liegt das Haus Nagaye, wo Kimika und Kimiko wohnen ... Und diese doppelte Lichterzeile von Namensbezeichnungen erstreckt sich über eine halbe Meile weit.

Die Inschrift auf dem letztgenannten Hause verkündet den Zusammenhang zwischen Kimika und Kimiko, aber sie verkündet uns noch etwas an­deres, — denn Kimiko wird Ni-dai-me genannt, ein unübersetzbarer Titel, der besagt, daß sie nur Kimiko No. 2 ist. Die eigentliche Herrin und Meiste­rin ist Kimika, die zwei Geishas erzogen hat, denen sie beiden denselben Namen Kimiko gegeben hat. Und diese zweimalige Anwendung desselben Na­mens ist der Beweis, daß die erste Kimiko, Ichi-dai-me, sehr gefeiert gewesen sein mußte. Der Name, den eine unberühmt gebliebene Geisha trägt, geht nie auf ihre Nachfolgerin über.

Solltest du jemals einen guten und zureichenden Grund haben, in das Haus zu kommen, so würdest du nach dem Zurückschieben der Eingangstüre, die beim Öffnen einen Gong in Bewegung setzt, um den Besucher anzukündigen, Gelegenheit haben, Ki­mika zu sehen — vorausgesetzt, daß ihre kleine Truppe nicht für diesen Abend irgendwo engagiert ist. Du würdest in ihr eine sehr intelligente Person kennen lernen, mit der zu sprechen es wohl der Mühe lohnt. Sie kann, falls es ihr beliebt, die merk­würdigsten Geschichten erzählen — Geschichten aus dem wirklichen Leben, wahre Erzählungen von der menschlichen Natur. Denn die Geishastraße ist voll von Traditionen, tragischen, komischen, melodra­matischen. Jedes Haus hat seine besonderen Erinne­rungen. Und Kimika kennt sie alle. Einige sind sehr, sehr schrecklich, und einige würden dich zum Lachen reizen, und wieder andere würden dich nachdenk­lich stimmen. Die Geschichte der ersten Kimiko ge­hört zu der letzteren Art Sie gehört nicht zu den ungewöhnlichen, aber ist eine von denen, die dem abendländischen Verständnis am ehesten zugäng­lich ist.


* * *


Es gibt keine lchi-dai-me Kimiko mehr: sie ist nur eine Erinnerung. Kimika war noch ganz jung, als sie Kimiko ihre Berufsgenossin nannte.

»Ein außerordentliches Mädchen«, sagt Kimika von Kimiko.

Um sich in ihrem Fache einen Namen zu machen, muß eine Geisha entweder hübsch oder klug sein — und die berühmten sind gewöhnlich bei­des, da sie schon in zartester Jugend unter Berück­sichtigung dieser Vorzüge von ihren Erziehern aus­gewählt werden. Selbst von der untergeordnetsten Klasse dieser Berufssängerinnen verlangt man, daß sie in ihren jungen Jahren irgend einen Charme besitzen, — sei's auch nur jene beauté du diable, welche das japanische Sprichwort inspirierte, daß selbst der Teufel mit achtzehn Jahren schön sei (oder wie eine andere Version lautet: »Ein Drache mit zwanzig«). Aber Kimiko war mehr als hübsch, sie entsprach vollkommen dem japanischen Schönheits­ideal, und dieser Anforderung genügt unter Hundert­tausenden von Frauen kaum eine.

Sie war auch mehr als klug — sie war talent­voll Sie dichtete zierliche Verse, verstand mit dem auserlesensten Geschmack Blumen zu ordnen, die Teezeremonien tadellos auszuführen, hatte großes Geschick im Sticken und der Seidenmosaikarbeit: mit einem Worte sie war vollkommen.

Ihr erstes öffentliches Auftreten machte in der Welt von Kyōto, »où l’on s'amuse« Sensation. Es war offenbar, sie konnte jede ihr beliebige Eroberung machen und an ihrem Glücke war nicht zu zweifeln. Aber niemand konnte auch in Abrede stellen, daß sie für ihren Beruf vollkommen vorgebildet worden war. Man hatte sie gelehrt, sich bei jeder nur er­denklichen Gelegenheit entsprechend zu benehmen, und was sich ihrem Wissen noch entzog, darüber wußte Kimika genau Bescheid: Die Macht der Schön­heit, und die Schwäche der Leidenschaft; den Wert der Verheißung und die Qual der Gleichgül­tigkeit; und all die Torheit und Schlechtigkeit in dem Herzen der Männer. Demnach machte Kimiko wenig Mißgriffe und vergoß wenig Tränen. Nach und nach wurde sie, — wie Kimika gewünscht hatte, — ein wenig gefährlich. Ungefähr so wie eine Lampe für Nachtschmetterlinge, nicht mehr: sonst würden sie wohl manche auslöschen. Die Aufgabe der Lampe ist, angenehme Dinge sichtbar zu machen: sie will niemandem etwas zuleide tun. Auch Kimiko wollte niemandem etwas zuleide tun, sie war nicht zu gefährlich. Besorgte Eltern kamen zu der Einsicht, daß sie es gar nicht darauf anlegte, sich in respektable Familien einzudrängen, ja sie wollte sich nicht einmal in romantische Abenteuer einlassen. Aber sie war nicht allzu nachsichtig gegen jene Klasse von Jünglingen, die Dokumente mit ihrem eigenen Blut unterzeichnen und einer Tänzerin das Ansinnen stellen, die Spitze ihres kleinen Fingers als Pfand ewiger Treue abzuschneiden ... ihnen spielte sie übermütig genug mit, um sie von ihren Tor­heiten zu heilen. Gegen einige reiche Anbeter, die ihr um den Preis ihres Besitzes Ländereien und Häuser anboten, war sie weniger mitleidsvoll. Einer unter ihnen war großmütig genug, ihre Freiheit be­dingungslos mit einer Summe erkaufen zu wollen, die Kimika zu einer reichen Frau gemacht hätte. Kimiko war ihm sehr dankbar, aber sie blieb eine Geisha. Doch sie motivierte ihre Ablehnung mit so viel Takt, daß sie nicht verletzend wirkte und ver­stand die Kunst, in den meisten Fällen die Ver­zweiflung zu heilen. Natürlich gab es auch Aus­nahmen. Ein bejahrter Herr, dem das Dasein nicht lebenswert schien, wenn er Kimiko nicht ganz allein besaß, lud sie eines Tages zu einem Bankette ein und forderte sie auf, Wein mit ihm zu trinken. Aber Kimika, gewohnt in den Gesichtszügen zu lesen, schmuggelte behende Tee (der dieselbe Farbe hat) in Kimikos Becher und rettete so das kostbare Leben des Mädchens. Denn einige Minuten später war der Geist des liebeskranken alten Narren allein und wahrscheinlich sehr enttäuscht auf dem Weg nach dem Meido.1

Seit diesem Abend wachte Kimika über Kimiko wie eine Wildkatze über ihr Kätzchen.

Das »Kätzchen« wurde eine fashionable Manie, das Gespräch des Tages, eine lokale Berühmtheit Es gibt einen ausländischen Prinzen, der sich noch heute ihres Namens erinnert: er sandte ihr Dia­manten, die sie nie anlegte. Kostbare Geschenke in Mengen wurden ihr von Leuten zugeschickt, die sich den Luxus gönnen konnten, ihr eine Freude zu machen, denn auch nur einen Tag in ihrer Gunst zu stehen, war der Ehrgeiz der »goldenen Jugend«. Aber sie gestattete niemandem, sich als ausgesprochenen Günstling zu betrachten und wollte von Schwüren ewiger Treue nichts wissen. Auf alle Be­teuerungen dieser Art entgegnete sie, daß sie wisse, was ihr zukomme. Selbst respektable Frauen spra­chen mild über sie, weil ihr Name nie in irgend einer Familientragödie figuriert hatte. Sie kannte wirklich ihre Stellung. Die Jahre schienen ihr nichts anzuhaben, sie vielmehr noch reizender zu machen. Andere Geishas wurden berühmt, aber keine wurde ihr gleichgestellt. Ein Fabrikant erwarb das allei­nige Recht, ihre Photographie als Warenetikette gebrauchen zu dürfen, und diese Etikette trug ihm ein Vermögen ein.

Aber eines Tages verbreitete sich das sensa tionelle Gerücht, Kimikos sprödes Herz habe sich endlich erweichen lassen. Sie hatte tatsächlich Kimika Lebewohl gesagt und war mit jemandem fortgegangen, der, wie man behauptete, imstande war, ihr die hübschesten Kleider, die sie nur wünschen konnte, zu geben, jemandem, der es sich ange­legen sein ließ, ihr eine soziale Stellung zu schaffen und die üble Nachrede über ihre Vergangenheit zum Schweigen zu bringen; jemandem, der bereit war, tausend Tode für sie zu sterben und schon jetzt aus Liebe zu ihr halbtot war. Kimika berichtete, ein Tor habe aus Liebe zu Kimiko einen Selbst­mordversuch gemacht, Kimiko habe sich seiner er­barmt und ihn wieder gesund gepflegt, wobei aber auch seine Torheit zu neuem Leben erwachte. Taiko Hideyoshi hat gesagt, es gebe nur zwei Dinge, die er hienieden fürchte: einen Toren und eine fin­stere Nacht. Kimika hatte immer Furcht vor Toren gehabt, und ein Tor hatte ihr Kimiko entführt. Und mit Tränen, die nicht ganz selbstlos waren, fügte sie hinzu, Kimiko würde nie mehr zurückkehren, denn dies sei ein Fall von gegenseitiger Liebe auf die Dauer von mehreren Leben.

Aber dessenungeachtet behielt Kimika nicht ganz recht. Denn trotz ihres Scharfsinns war sie doch unfähig, Kimikos heimlichste Seele zu erkennen. Hätte sie einen Blick hineintun können, sie würde vor Erstaunen aufgeschrien haben.


* * *


Kimiko unterschied sich von anderen Tänzerinnen auch dadurch, daß sie von edler Geburt war. Ehe sie ihren berufsnamen annahm, hatte sie Ai geheißen, was mit geewöhnlcihen Buchstaben geschrieben »Liebe« bedeutet; mit anderen Schriftzeichen ge­schrieben, bedeutet dasselbe Wort »Leid«. Ais Ge­schichte ist eine Geschichte von Liebe und Leid zugleich. Sie hatte eine gute Erziehung genossen. Man schickte sie in eine Privatschule, der ein alter Samurai vorstand. Dort hockten die kleinen Mädchen auf ihren Kniekissen vor Schreibpulten, die zwölf Zoll hoch waren, und der Unterricht war unentgelt­lich. (Heutzutage, wo Lehrer größere Gehälter be­ziehen, als andere Beamte, ist der Unterricht nicht so anregend und gediegen wie in früheren Tagen.) Eine Dienerin begleitete das Kind immer aus und in die Schule und trug ihre Bücher, ihr Kniekissen, ihre Schreibhefte und ihr Tischchen.

Dann kam Kimiko in eine öffentliche Elementarschule. Die ersten »modernen Lehrbücher« waren eben erschienen. Sie enthielten japanische Über­setzungen englischer, französischer und deutscher Geschichten über Ehre, Pflicht und Heroismus — eine ausgezeichnete Auswahl, illustriert mit kleinen naiven Abbildungen abendländischer Menschen in Kostümen, die man in dieser Welt nie getragen oder gesehen hatte. Diese kleinen rührenden Kostüm­bücher sind jetzt Kuriosa geworden, und nun schon lange durch prätentiösere und weniger liebevoll kom­ponierte ersetzt.

Ai lernte mit großer Leichtigkeit. Einmal jähr­lich, zur Zeit der Prüfungen, kam ein hoher Staatsbeamter in die Schule und sprach mit den Mädchen, als wären sie alle seine eigenen Kinder und fuhr liebevoll über die seideweichen Köpfchen der Kleinen, wenn er die Preise verteilte. Nun ist er ein großer Staatsmann, der sich vom öffentlichen Leben zurückgezogen und Ai wohl ver­gessen hat. In der Schule unserer Tage geht man nicht so zart mit kleinen Schulmädchen um, und er­freut ihr kleines Herz nicht mit Preisen.

Dann kamen jene umwälzenden Reformen, die Familien von Rang ihrer Stellung beraubten und sie in Armut stürzten. Nun mußte Ai die Schule ver­lassen. Mancherlei anderer Kummer folgte, und schließlich blieb sie allein und verlassen mit ihrer Mutter und einer jüngeren Schwester hilflos zurück. Die Mutter und Ai konnten nicht viel anderes tun, als weben, und mit dieser Arbeit war es nicht mög­lich, so viel zu verdienen, um damit ihr Leben zu fristen. Alles, was sie besaßen, Haus und Land­besitz zuerst, dann Stück um Stück, alles übrige, was zur Notdurft des Lebens nicht unbedingt erforderlich war, wie Hausgerät, Schmucksachen, kostbare Klei­der, schön gravierte Lackwaren, gingen weit unter dem wirklichen Wert in die Hände derjenigen über, die aus dem Elend der Unglücklichen Vorteil ziehen, und deren Reichtum im Volksmunde Namida-Nokane, — »Das Geld der Tränen«, genannt wird. Die Unterstützung von den Lebenden floß nur spärlich, denn die meisten verwandten Samuraifamilien waren in der gleichen traurigen Lage. Als nun alles er­schöpft war und es nichts mehr zu verkaufen gab, — nicht einmal Ais kleine Schulbücher, — suchte man Hilfe bei den Toten.

Man besann sich, daß der Vater von Ais Vater mit seinem kostbaren Schwerte, einem Geschenk eines Daimyo, begraben worden war, und daß die Beschläge der Waffe aus schwerem Gold waren. Man öffnete das Grab, und der große Griff von er­lesener Arbeit wurde durch einen ganz gewöhnlichen ersetzt, und die Ornamente der lackierten Scheide wurden abgelöst. Die Klinge aber ließ man an Ort und Stelle, weil der Krieger ihrer bedürfen konnte. Ai sah seine aufgerichtete Gestalt in der Urne aus roter Tonerde, die bei Begräbnissen nach altem Brauch für Samurais von hohem Range als Sarg dient. Nach all den langen Jahren, die er im Grabe gelegen hatte, waren seine Züge noch erkennbar; und als man ihm sein Schwert wieder zurückgab, schien es ihr, als ob er durch ein grimmiges Lächeln seine Zustimmung zu dem Vorgang gäbe.

Aber der Tag kam, an dem Ais Mutter zu schwach wurde, um weiter am Webstuhl zu arbei­ten, und das Gold des Toten war erschöpft. Ai sagte: »Mutter, ich weiß, jetzt gibt es nur mehr einen Aus­weg; ich muß mich als Tänzerin verkaufen.« Die Mutter weinte und gab keine Antwort. Ais Augen blieben trocken, — sie ging allein aus dem Hause.

Sie erinnerte sich, daß, als in ihres Vaters Hause Bankette stattfanden, bei denen Geishas Wein kre­denzten, eine freie Geisha, die man Kimika nannte, sie immer geliebkost hatte ... nun ging sie geradeswegs in das Haus Kimikas.

»Ich möchte, daß du mich kaufst,« sagte Ai beim Eintreten, »und ich möchte eine Menge Geld haben ...« Kimika lächelte über das Kind, streichelte ihre Wange, gab ihr zu essen und ließ sich ihre Geschichte erzählen, die Ai tapfer und ohne eine Träne zu vergießen vortrug.

»Mein Kind,« sagte Kimika, »ich kann dir nicht viel Geld geben, denn ich habe selbst nur sehr we­nig. Aber was ich tun kann, ist, dir zu versprechen, deine Mutter zu versorgen, — dies wird besser sein, als ihr eine große Summe für dich einzuhändigen. Denn deine Mutter, mein Kind, war eine große Dame, und weiß deshalb nicht mit Geld umzugehen. Bitte deine Mutter, den Vertrag zu unterzeichnen, der die Bedingung enthält, daß du bis zu deinem vierundzwanzigsten Jahre bei mir bleiben mußt, oder bis zu der Zeit, wo du mir alles zurückzuzahlen im­stande sein wirst. Und was ich an Geld augen­blicklich entbehren kann, nimm mit nach Hause als freie Gabe.«

So wurde Ai eine Geisha, und Kimika nannte sie Kimiko und hielt ihr Versprechen, die Mutter und die kleine Schwester in allem zu versorgen. Die Mutter starb, ehe Kimiko berühmt wurde; die kleine Schwester wurde in einer Schule untergebracht, — dann trugen sich die schon erwähnten Dinge zu.

Der junge Mann, der aus Liebe zu einer Geisha in den Tod gehen wollte, war eines besseren Loses würdig. Er war der einzige Sohn wohlhabender und angesehener Leute, die bereit waren, jedes Opfer für ihn zu bringen, selbst das, eine Geisha als Schwie­gertochter anzuerkennen. Ja, Kimiko war ihnen so­gar wegen ihrer Liebe zu ihrem Sohn nicht un­willkommen.

Bevor Kimiko Kimika verließ, wohnte sie noch der Hochzeit ihrer jungen Schwester, Umè, bei. die eben mit der Schule fertig geworden war. Kimiko hatte ihr den Gatten gewählt, wobei ihre große Menschenkenntnis ihr zu statten kam. Ihre Wahl fiel auf einen sehr geraden, ehrlichen altmodischen Kauf­mann, einen Mann, dem es nicht möglich gewesen wäre, schlecht zu sein, selbst wenn er sich bemüht hätte. Umè zweifelte nicht an der klugen Wahl ihrer Schwester, und in der Tat wurde die Ehe auch wirk­lich eine sehr glückliche.


* * *


Es war im vierten Monat des Jahres, als Kimiko in das für sie bestimmte neue Heim geführt wurde. Dies war ein Haus ganz danach angetan, alle trüben Dinge des Lebens aus der Erinnerung zu löschen, eine Art Feenpalast in der verzauberten Stille gro­ßer schattiger umhegter Gärten. Dort konnte sie das Gefühl eines Wesens haben, das um seiner guten Taten willen, in Horais Reich2 aufgenommen worden ist. Doch der Frühling entschwand, und der Sommer kam — und Kimiko blieb immer noch Kimiko. Dreimal hatte sie, aus unbekannten Gründen, den Hochzeitstag hinausgeschoben.

Und wieder verstrichen einige Monate. Da umdüsterte sich die Stimmung Kimikos, und eines Ta­ges teilte sie ihre Gründe sanftmütig, aber ent­schlossen mit: »Es ist nun Zeit, daß ich sage, was ich so lange gezögert habe, zu offenbaren. Um der Mutter willen, der ich das Leben danke, und um mei­ner kleinen Schwester willen, habe ich in der Hölle gelebt. All dies ist ja vorüber; aber das Brandmal ist auf mir — keine Macht der Welt kann mich davon befreien. Eine, wie ich bin, kann nicht in eine ehrenwerte Familie eintreten, kann nicht die Mutter Eures Sohnes werden, kann Euch kein Heim schaffen. Gestattet mir zu sprechen; denn in der Erkenntnis des Bösen bin ich weit, weit bewanderter als Ihr. Nie will ich Eure Frau werden zu Eurer Schmach. Ich bin nur Eure Gespielin, Eure Ka­meradin, Euer flüchtiger Gast — und dies nicht um irgendwelchen Lohn. Wenn ich nicht mehr bei Euch sein werde, — ja, dieser Tag wird gewiß ein­mal kommen! — werdet Ihr klarer sehen. Ich werde Euch noch teuer sein, aber nicht in derselben Weise wie jetzt, die nur Betörung ist. Ihr werdet Euch dieser meiner Worte aus meinem tiefen Herzens­grunde erinnern. Man wird Euch irgend eine rei­zende vornehme Dame erwählen, die die Mutter Eurer Kinder werden wird — ich werde sie vielleicht sehen, aber ich werde niemals Eure Gattin werden, und die Freude einer Mutter bleibt mir ewig verschlossen. Ich war nur deine Torheit, mein Geliebter, eine Illusion, ein Traum, ein Schatten, der über dein Leben huschte.

In späteren Tagen wird es mir vielleicht gegönnt sein, mehr für dich zu sein, aber deine Gattin nun und nimmer. Dringe nicht in mich, — sonst müßte ich dich gleich verlassen ...«

Als der sechste Monat des Jahres anbrach, verschwand eines Tages Kimiko unerwartet und spurlos.


* * *


Niemand wußte, wann und wohin sie gegangen war. Selbst die Bewohner des Nachbarhauses hatten ihr Fortgehen nicht bemerkt. Zuerst gab man sich der Hoffnung hin, sie werde bald zurückkehren, denn von all Ihren kostbaren und schönen Sachen, ihren Kleidern, ihrem Schmuck, selbst ihren Ge­schenken, die an sich ein Vermögen repräsentierten, hatte sie nicht das Geringste mitgenommen. Aber Wochen verstrichen, ohne irgend eine Spur eines Lebenszeichens von ihr zu bringen; und man befürchtete, ihr sei irgend etwas Schreckliches zuge­stoßen. Man leitete Flüsse ab, durchsuchte Brunnen nach ihrer Spur. Brieflich und telegraphisch wurde ihr nachgeforscht. Vertrauenswürdige Diener wur­den ausgesandt, sie zu suchen. Prämien wurden auf ihre Entdeckung ausgesetzt, und insbesondere versprach man Kimika goldene Berge, obwohl sie dem Mädchen ohnehin so zugetan war, daß sie nur zu froh gewesen wäre, sie auch ohne jegliche Aussicht auf Gewinn zu finden ... Aber das Geheimnis blieb Geheimnis. Sich an die Behörden zu wenden, wäre vergebens gewesen, — die Flüchtige hatte ja nichts Unrechtes begangen, hatte kein Ge­setz verletzt; und der große Polizeiapparat durfte nicht um der leidenschaftlichen Laune eines Jüng­lings willen in Bewegung gesetzt werden. Monate wurden zu Jahren, aber weder Kimika noch die junge Schwester in Kyoto, noch sonst irgend jemand von den Tausenden, die die schöne Tänzerin gekannt und bewundert hatten, sahen sie jemals wieder.

Aber was Kimiko vorhergesagt hatte, bewahrheitete sich: denn die Zeit trocknet alle Tränen und heilt alle Wunden, und selbst in Japan versucht man nicht zum zweitenmal um desselben Herzeleids willen in den Tod zu gehen. Kimikos Freund beruhigte sich, er wurde gelassener, man wählte ihm ein sehr liebliches Wesen als Gattin, die ihm einen Sohn schenkte.

Und wieder vergingen Jahre, und Glück und Zufriedenheit herrschte in dem Feenpalaste, wo einst Kimiko geweilt hatte.

Eines Tages kam eine wandernde Nonne, wie almosenheischend, vor das Haus. Als das Kind ihren buddhistischen Ruf »Ha-ï, Ha-ï« vernahm, lief es an das Tor. Eine Dienerin, die mit der üblichen Reisspende nachfolgte, sah mit Erstaunen, wie die Nonne das Kind liebkoste und sich flüsternd mit ihm unterhielt. Beim Anblick der Dienerin rief der Kleine eifrig: »Laß mich ihr geben.« Und die Stimme der Nonne hinter dem bergenden Schleier, der von ihrem großen Strohhut herabhing, sagte: »Bitte, lasset das Kind gewähren.«

Das Kind schüttete den Reis in die Schüssel der Nonne, und sie dankte ihm und sagte: »Willst du nun wiederholen, was ich dir vorgesagt habe?« Und das Kind sagte leise: »Vater, eine die du nie in dieser Welt wiedersehen wirst, sagt, daß ihr Herz froh ist, weil sie deinen Sohn gesehen hat.«

Die Nonne lächelte milde, liebkoste dann den Knaben noch einmal und schritt eilends von dannen.

Während die Dienerin sich vor Erstaunen nicht fassen konnte, lief das Kind zu seinem Vater, um ihm die Botschaft zu bringen.

Aber des Vaters Augen gingen über, als er die Botschaft hörte, und er weinte über dem Haupte seines Kindes. Denn er und nur er allein wußte, wer an dem Tore gewesen war. Und er er­kannte den verborgenen Sinn des Opfergedankens, der ihr ganzes Leben beherrscht hatte.

Seither sieht man ihn oft in Sinnen versunken, aber niemand erfährt seine Gedanken. Er weiß, daß der Raum zwischen Sonne und Sonne geringer ist als zwischen ihm und der Frau, die ihn liebte.

Er weiß, es wäre vergebens, danach zu forschen, in welcher fernen Stadt, in welchem fantasti­schen namenlosen Straßengewirr, in welchem welt­fremden dunklen, nur den Ärmsten der Armen be­kannten Tempel sie der Dunkelheit harrt, die dem Anbruch des unermeßlichen Lichtes vorangeht, wo das Antlitz des Meisters ihr zulächeln wird, wo die Stimme des Meisters in Tönen, die süßer sind als je die eines irdischen Geliebten, zu ihr die Worte spricht: »O, meine Tochter, du bist den rech­ten Weg gewandelt, du hast die tiefste Wahr­heit geglaubt und verstanden — deshalb heiße ich dich willkommen und nehme dich hier auf.«


* * *


Endnoten:


1 Totenreich

2 Elysium


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